Charlotte Brontë
Jane Eyre, die Waise von Lowood.
Charlotte Brontë

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Siebenzehntes Kapitel.

Eine Woche verging, und von Mr. Rochester kam keine Nachricht. Zehn Tage; und immer kam er noch nicht. Mrs. Fairfax sagte, daß sie durchaus nicht erstaunt sein würde, wenn er von Leas direkt nach London und von dort nach dem Kontinent gehen würde, ohne vor Ablauf eines ganzen Jahres den Fuß wieder nach Thornfield-Hall zu setzen. Schon oft habe er das alte Haus ebenso unerwartet und jäh verlassen. Als ich dies hörte, kam eine ohnmächtige Schwäche über mich, mein Herz stand fast still. Ich erlaubte mir in der That, ein betäubendes, niederschmetterndes Gefühl der Enttäuschung zu verspüren; aber all meinen Verstand zusammenraffend und mich meiner erst kürzlich gefaßten Grundsätze erinnernd, rief ich mit aller Gewalt meine Vernunft wieder zur Ordnung, und es war wunderbar, wie ich meine temporäre Tölpelei wieder gut machte; wie ich mir selbst erklärte, daß es ein grober Irrtum sei, wenn ich vermeinte, daß Mr. Rochesters Thun und Lassen ein bedeutendes Interesse für mich habe. Nicht daß ich mich mit einer sklavischen Idee von Niedrigkeit gedemütigt hatte – im Gegenteil, ich sagte nur:

»Du hast weiter nichts mit dem Besitzer von Thornfield zu thun, als das Gehalt von ihm anzunehmen, das er dir dafür zahlt, daß du seinen Schützling unterrichtest; weiter hast du ihm dankbar zu sein für die achtungsvolle und gütige Behandlung, die du von ihm zu erwarten hast, wenn du deine Pflicht gewissenhaft erfüllst. Sei fest überzeugt davon, das ist das einzige Band zwischen euch, das er in Wahrheit anerkennen wird. Mache ihn also nicht zum Gegenstande deiner zärtlichen Gefühle, deines Entzückens, deiner Qualen u. s. w. u. s. w. Er ist nicht von deiner Art, bleib bei deines Gleichen, und hege zu viel Achtung vor dir selbst, um die Liebe deines ganzen Herzens, deiner Seele und all deine Kräfte da zu verschwenden, wo eine solche Gabe nicht verlangt wird und nur verschmäht werden würde.«

Ruhig verrichtete ich die Geschäfte des Tages; aber dann und wann drängten sich meinem Hirn Gründe auf, die mir als Vorwand dienen könnten, um Thornfield-Hall zu verlassen; und unwillkürlich setzte ich Annoncen auf und stellte Betrachtungen über neue Stellungen an; diese Gedanken zu unterdrücken hielt ich nicht für nötig, Sie sollten nur keimen und Früchte tragen, wenn es möglich war.

Mr. Rochester war ungefähr vierzehn Tage abwesend gewesen, als die Post einen Brief für Mrs. Fairfax brachte.

»Er ist von unserem Herrn,« sagte sie, als sie die Adresse las. »Vermutlich werden wir jetzt erfahren, ob wir ihn bald zurückerwarten dürfen oder nicht.«

Und während sie das Siegel brach und den Inhalt langsam durchlas, fuhr ich fort, meinen Kaffee zu trinken, (wir saßen nämlich beim Frühstück), er war sehr heiß, und diesem Umstände schrieb ich es zu, daß eine feurige Glut plötzlich mein Gesicht überzog. Weshalb meine Hand zitterte, und ich unwillkürlich die Hälfte des Inhalts meiner Tasse in die Unterschale vergoß – darüber wollte ich nicht weiter nachdenken.

»Nun, manchmal ist mir's, als lebten wir hier zu einsam; aber jetzt werden wir für eine kurze Weile vielleicht genug zu thun bekommen,« sagte Mrs. Fairfax, während sie noch immer den Brief vor ihre Brillengläser hielt.

Bevor ich mir noch erlaubte, um eine Erklärung zu bitten, band ich Adelens Schürzenbänder, die lose herabhingen, zusammen. Nachdem ich ihr noch einen Kuchen gegeben und ihren Becher wiederum mit Milch gefüllt hatte, sagte ich ganz nachlässig: »Vermutlich kehrt Mr. Rochester noch fürs Erste nicht zurück?«

»In der That kehrt er zurück – in drei Tagen schon, wie er sagt. Das würde also am nächsten Donnerstag sein, und zwar kommt er nicht allein. Ich weiß nicht, wie viele von den feinen Leuten von Leas mit ihm kommen, er schickt mir nur die Weisung, daß all die besten Fremdenzimmer in Stand gesetzt werden, und die Bibliothek und die Salons sollen gereinigt werden; und aus dem Wirtshause zum ,heiligen Georg' in Millcote soll ich mir Hilfspersonal für die Küche holen lassen, oder wenn nicht von dort, so von irgend einem andern Orte. Die Damen werden ihre Kammerjungfern und die Herren ihre Kammerdiener mitbringen; wir werden also ein volles Haus haben,« Und Mrs. Fairfax verschlang schnell ihr Frühstück und eilte von dannen, um mit den Operationen zu beginnen.

Wie sie es vorausgesagt, brachten die drei Tage Beschäftigung genug. Ich hatte immer geglaubt, daß all die Zimmer in Thornfield-Hall aufs schönste gereinigt und arrangiert gewesen seien. Aber es scheint, daß ich mich geirrt hatte. Drei Frauen wurden geholt, um Hilfsdienste zu leisten, und niemals habe ich vorher und nachher ein solches Scheuern, solches Bürsten, solches Waschen von Wänden, solches Ausklopfen von Teppichen, solches Herabnehmen und Aufhängen von Bildern, solches Polieren von Spiegeln und Kronleuchtern, solch ein Anzünden von Kaminfeuern in Schlafzimmern, solch ein Lüften von Betttüchern und Federbetten auf Küchenherden u. s. w. u. s. w. gesehen. Adele rannte inmitten all dieser Vorgänge wie wild umher. Die Vorbereitungen für die Besucher und die Aussicht auf ihre Ankunft schienen sie förmlich in Extase zu versetzen. Sie wollte, daß Sophie all ihre »Toiletten«, wie sie ihre Kleider nannte, genau durchsehen solle; jene, welche »passées« seien, seien wieder aufzufrischen und die neuen zu nähen und aufzuputzen. Was sie selbst anbetraf, that sie nichts, als in den Vorderzimmern umherzulaufen, auf die Bettstellen hinauf und wieder herab zu springen und sich vor den enormen Feuern, welche in den Kaminen emporloderten, auf den aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen und Federpolstern umherzuwälzen. Von allen Schulpflichten war sie dispensiert; Mrs. Fairfax hatte mich gezwungen, ihr Dienste zu leisten, und ich war während des ganzen Tages in den Vorratskammern, ihr und der Köchin helfend oder auch sie in ihrer Arbeit hindernd; ich lernte Käsekuchen und französische Confituren und Eierrahm machen, Dessertschüsseln garnieren und Wildbraten spicken.

Die Gesellschaft wurde am Donnerstag Nachmittag erwartet, früh genug, um das Diner um sechs Uhr einnehmen zu können. In der dazwischenliegenden Zeit hatte ich nicht Muße, meinen Chimären nachzuhängen, und ich glaube, daß ich ebenso fröhlich und thätig war wie alle anderen – mit Ausnahme Adelens. Aber dann und wann wurde meine Fröhlichkeit doch gedämpft, und gegen meinen Willen verfiel ich wieder in die Region der Zweifel und Möglichkeiten und dunklen Vermuthungen. Dies geschah immer nur, wenn mein Auge zufällig auf die Treppenthür des dritten Stockwerks fiel, und diese, die in der jüngsten Zeit immer verschlossen gewesen, sich langsam öffnete und Grace Pooles Gestalt mit sauberer Mütze, weißer Schürze und Halstuch heraustrat. Oft sah ich sie die Galerie hinuntergleiten, ihr leiser Tritt noch durch dicke Filzschuhe gedämpft; dann pflegte sie wohl in eins der Schlafzimmer zu treten, in denen alles drunter und drüber ging, und den Arbeitsfrauen Anweisungen zu geben, wie man ein Kamingitter am besten polieren oder ein Kaminsims reinigen oder Flecke von den Tapeten entfernen könne. Dann ging sie weiter. So stieg sie einmal am Tage in die Küche hinunter, aß ihr Mittagsmahl, rauchte eine kleine Pfeife in der Ofenecke und ging dann zurück, ihren Topf mit Porter zu ihrem Privat-Trost in ihren eigenen, düsteren, oberen Schlupfwinkel mit sich nehmend. Nur eine einzige Stunde von vierundzwanzig brachte sie mit den übrigen Dienstboten unten in der Küche zu, ihre übrige Zeit ging in einem niedrigen, mit Eichenholz verkleideten Gemache des zweiten Stockwerks hin. Dort saß sie und nähte – vielleicht lachte sie auch in ihrer unheimlichen Weise vor sich hin – so einsam, so verlassen, wie ein Verbrecher in seiner Gefängniszelle.

Das Sonderbarste bei all diesem war, daß außer mir keine Seele im ganzen Hause ihre Gewohnheiten zu bemerken oder sich über dieselben zu wundern schien. Niemand sprach über ihre Stellung oder ihre Beschäftigung; niemand bemitleidete sie wegen ihrer Vereinsamung. In der That hörte ich einmal einen Teil des Gesprächs zwischen Leah und einer der Arbeiterinnen, dessen Gegenstand Grace bildete. Leah hatte etwas gesagt, das ich nicht vernommen, und die Arbeitsfrau bemerkte:

»Vermutlich bekommt sie hohen Lohn?«

»Ja,« sagte Leah, »ich wollte der meine wäre so hoch; nicht, daß ich mich zu beklagen hätte – in Thornsteld-Hall giebt es keinen Geiz; aber er beträgt doch nicht ein Fünftel von der Summe, welche Mrs. Poole bekommt. Und sie legt viel auf die Seite. Zu jedem Quartal geht sie in die Bank von Millcote. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie schon genug hätte, um unabhängig leben zu können, wenn es ihr einmal einfallen sollte, aus dem Dienst zu gehen. Aber ich glaube, sie hat sich nun einmal schon an den Ort gewöhnt; und sie ist ja auch noch nicht vierzig Jahre alt, und stark und kräftig und zu aller Arbeit verwendbar. Es ist doch noch zu früh für sie, um sich zur Ruhe zu setzen.«

»Sie ist eine gute Arbeiterin, wie ich mir denken kann,« sagte die Scheuerfrau.

»Ah! sie versteht ihre Arbeit, sie weiß was sie zu thun hat – keiner versteht es besser,« fiel Leah mit einer eigentümlichen Betonung ein, »und nicht jedermann wäre imstande, ihren Platz auszufüllen; nicht einmal für all den Lohn, den sie bekommt.«

»Da haben Sie recht!« lautete die Antwort. »Ich möchte doch wissen, ob der Herr – –«

Die Tagelöhnerin wollte noch weiter sprechen, aber hier wandte Leah sich um und ward meiner ansichtig. Augenblicklich gab sie ihrer Gefährtin einen Rippenstoß.

»Weiß sie es nicht?« hörte ich die Frau flüstern.

Leah schüttelte den Kopf, und hier nahm die Unterhaltung ein Ende. Alles, was ich daraus entnommen, war folgendes: es mußte ein Geheimnis in Thornfield geben; und ich war mit Absicht von der Mitwissenschaft dieses Geheimnisses ausgeschlossen.

Der Donnerstag kam; am Abend zuvor waren wir mit aller Arbeit fertig geworden; die Teppiche waren ausgespannt, die Bettvorhänge aufgesteckt, glänzend weiße Bettdecken ausgebreitet, Toilette-Tische arrangiert, die Möbeln poliert, Blumen in Vasen gesteckt. Auch die große Halle war gereinigt, die Stufen und Geländer der Treppe so wie die alte geschnitzte Stehuhr waren so blank gerieben wie Glas; im Speisezimmer funkelte das Silberzeug auf der Kredenz; im Boudoir und Salon begegneten dem Auge überall Vasen mit exotischen Blumen.

Der Nachmittag kam. Mrs. Fairfax legte ihr bestes, schwarzes Atlaskleid, ihre Handschuhe, ihre goldene Uhr mit Kette an, denn es lag ihr ob, die Gesellschaft zu empfangen – die Damen in ihre Zimmer zu führen, u. s. w. – Auch Adele wollte angezogen sein, obgleich ich der Ansicht war, daß sie nur wenig Aussicht habe, an diesem Tage wenigstens noch in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Indessen, um ihr eine Freude zu machen, gestattete ich Sophie, ihr eins ihrer reichen, vollen, weißen Musselinkleider anzuziehen. Was mich anbetraf, so hatte ich nicht nötig, irgend eine Änderung an meiner Toilette vorzunehmen; von mir würde ja niemand verlangen, das Sanktuarium meines Schulzimmers zu verlassen – denn ein Sanktuarium war es jetzt für mich geworden – »eine herrliche Zufluchtsstätte in Zeiten der Not und des Kummers.«

Es war ein klarer, milder Frühlingstag gewesen, einer jener Tage, die sich gegen Ende März oder Anfang April strahlend über die Erde emporheben wie die Herolde des Sommers. Jetzt ging er zu Ende; aber auch der Abend war warm und ich saß mit meiner Arbeit an dem geöffneten Fenster des Schulzimmers.

»Es wird spät,« bemerkte Mrs. Fairfax, die in ihrem rauschenden Staat eintrat. »Ich bin nur froh, daß ich das Mittagessen eine Stunde später als zu der von Mr. Rochester angegebenen Zeit bestellt habe; es ist jetzt sechs Uhr vorüber. Ich habe John hinunter an die Parkpforten geschickt, um zu sehen, ob auf der Landstraße schon irgend etwas sichtbar ist. Von dort kann man in der Richtung nach Millcote sehr weit sehen,« Sie trat ans Fenster. Da kommt er schon. »Nun, John,« rief sie sich hinauslehnend, »was giebt es? Irgend etwas zu sehen?«

»Sie kommen, Madam,« lautete die Antwort. »In zehn Minuten werden sie hier sein.«

Adele flog ans Fenster. Ich folgte ihr, mich behutsam auf der Seite haltend, damit ich vom Vorhang geschützt sehen konnte, ohne gesehen zu werden.

Die zehn Minuten, welche John prophezeit, schienen sehr lang; aber endlich hörten wir das Rollen der Räder; vier Reiter sprengten den Weg hinauf und ihnen folgten zwei offene Wagen. Wehende Schleier und wogende Federn füllten die Equipagen; zwei der Kavaliere waren junge, elegante Herren; der dritte war Mr. Rochester auf seinem schwarzen Pferde Messour; Pilot sprang in großen Sätzen vor ihm her; ihm zur Seite ritt eine Dame, und sie und er waren die ersten der Gesellschaft, Ihr dunkelrotes Reitkleid berührte beinahe den Boden, ihr langer Schleier flatterte im Winde; reiche, rabenschwarze Locken schienen durch seine durchsichtigen Falten.

»Miß Ingram!« rief Mrs. Fairfax aus und in der größten Eile begab sie sich auf ihren Posten unten in der Halle.

Die Kavalkade folgte den Biegungen des Fahrweges, der um die Ecke des Hauses bog, und ich verlor sie aus den Augen. Jetzt bat Adele hinuntergehen zu dürfen, aber ich nahm sie auf meinen Schoß und machte ihr begreiflich, daß sie unter keiner Bedingung daran denken dürfe, sich vor das Angesicht der Damen zu wagen, weder heute noch zu irgend einer andern Zeit, wenn man sie nicht ausdrücklich dazu auffordern lasse, daß Mr. Rochester sehr ärgerlich sein würde, u. s. w. Als ich ihr dies sagte, vergoß sie einige natürliche Thränen; da ich aber eine sehr ernste Miene machte, willigte sie endlich ein, diese wieder zu trocknen.

Jetzt tönte ein fröhliches Lärmen aus der Halle herauf; die tiefen Stimmen der Herren und die silbernen Stimmen der Damen mischten sich harmonisch, und vor allen hörbar war die sonore Stimme des Gebieters von Thornfield-Hall, der seine schönen und liebenswürdigen Gäste unter seinem Dache willkommen hieß. Dann kamen leichte Tritte die Treppe herauf, und aus der Galerie vernahm man ein Trippeln und leises, fröhliches Lachen, ein Öffnen und Schließen von Thüren und dann war für eine Weile alles still.

»Elles changent de toilettes,« sagte Adele, welche aufmerksam horchte, jeder Bewegung folgend; sie seufzte tief auf.

»Chez maman,« sagte sie, »quand il y avait du monde, je le suivais partout, au salon et à leur chambres; souvent je regardais les femmes de chambre coiffer et habiller les dames, et c'était si amusant: comme cela on apprend,«Wenn Mama Besuch hatte, folgte ich überall hin, in den Salon, in ihre Zimmer; oft sah ich zu, wie die Kammerjungfern die Damen frisierten und ankleideten, es war so amusant. So lernt man.

»Bist du nicht hungrig, Adele?«

Mai oui, Mademoiselle: voilà cinq ou six heures que nous n'avons pas mangé.«Aber ja, Fräulein, seit fünf oder sechs Stunden haben wir nichts gegessen.

»Gut dann; während die Damen in ihren Zimmern sind, will ich mich hinunterwagen und dir etwas zu essen holen.«

Und mit größter Vorsicht aus meinem Asyl hervortretend, suchte ich eine Hintertreppe, welche direkt in die Küche führte. In jener Region war alles Feuer und Hitze und Bewegung; die Suppe und der Fisch waren im letzten Stadium des Werdens, und die Köchin stand über ihren Schmelztiegeln in einem Zustande der Seele und des Körpers, welcher eine augenblickliche Verbrennung befürchten ließ. In der Halle der Dienstboten standen und saßen zwei Kutscher und mehrere Kammerdiener um das Feuer; die Abigails waren vermutlich oben bei ihren Gebieterinnen; die neuen Dienstboten, welche aus Millcote gemietet waren, liefen und arbeiteten überall umher. Mich durch dieses Chaos durchwindend, erreichte ich endlich die Speisekammer; dort nahm ich Besitz von einem kalten Huhn, einem Weißbrot, einigen kleinen Torten, zwei Tellern und einigen Messern und Gabeln, Mit dieser Beute trat ich eilig den Rückzug an. Ich hatte die Galerie schon wieder erreicht und schloß gerade die Hinterthür, als ein zunehmendes Stimmengemurmel mir verkündete, daß die Damen im Begriffe waren, ihre Zimmer zu verlassen. Ich konnte nicht in das Schulzimmer gelangen, ohne an einigen ihrer Thüren vorüberzugehen und somit entdeckt zu werden, wie ich mein Cargo von Lebensmitteln beiseite schaffte; so blieb ich denn an diesem Ende des Ganges stehen, der keine Fenster hatte und folglich dunkel war; um diese Zeit schon vollständig dunkel, denn die Sonne war bereits untergegangen und die Dämmerung sank herab.

In diesem Augenblick traten die schönen Bewohnerinnen eine nach der anderen aus ihren Zimmern; jede einzelne kam fröhlich und lustig heraus in einer Toilette, die hell durch die Dunkelheit leuchtete. Während eines Augenblicks standen sie in einer Gruppe zusammen am äußersten Ende der Galerie und sprachen in Tönen süßer und unterdrückter Lebhaftigkeit; dann schwebten sie geräuschlos die Treppe hinunter wie helle Nebel den Berg hinunterrollen, Ihre Gesamterscheinung hatte mir den Eindruck der vornehmsten Eleganz gemacht; einen Eindruck, den ich nie zuvor empfangen.

Ich fand Adele, wie sie durch die Thür des Schulzimmers, die sie halb geöffnet hielt, blickte. »Welche schönen Damen!« rief sie auf englisch. »Ach, ich wollte, ich könnte zu ihnen gehen! Glauben Sie, daß Mr. Rochester uns nach dem Mittagessen holen lassen wird?«

»Nein, das glaube ich in der That nicht. Mr. Rochester hat an andere Dinge zu denken. Kümmere dich heute Abend nicht mehr um die Damen; vielleicht wirst du sie morgen sehen; hier ist dein Mittagessen.«

Sie war wirklich hungrig, daher dienten das Hühnchen und die Torten dazu, ihre Aufmerksamkeit für eine Weile abzulenken. Es war ein Glück, daß ich diesen Vorrat in Sicherheit gebracht hatte; sonst hätten sie, ich und Sophie, welcher ich einen Teil unserer Mahlzeit gebracht hatte, aller Wahrscheinlichkeit nach gar kein Mittagessen bekommen. Unten waren alle zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um an uns denken zu können. Das Dessert wurde erst nach neun Uhr hineingetragen, und um zehn Uhr liefen die Diener noch hin und her mit Speisebrettern und Kaffeetassen. Ich erlaubte Adele viel länger als gewöhnlich aufzubleiben; denn sie erklärte, daß sie unmöglich einschlafen könne, wenn die Leute so hin- und herliefen, und die Thüren fortwährend geöffnet und geschlossen würden. Außerdem, fügte sie hinzu, könne Mr. Rochester sie möglicherweise doch noch holen lassen, und alors quel dommage! (wie schade alsdann) wenn sie schon ausgezogen wäre!

So lange sie mir zuhören wollte, erzählte ich ihr Geschichten, und dann führte ich sie der Abwechselung wegen in die Galerie hinaus. Jetzt war die Lampe in der Vorhalle angezündet, und es amüsierte sie, über die Balustrade hinab die Diener hin- und herlaufen zu sehen. Sehr spät am Abend ertönte Musik aus dem Salon, in welchen das Piano gestellt worden war. Adele und ich setzten uns auf die oberen Stufen der Treppe, um zu horchen. Plötzlich mischte sich der Klang einer vollen Stimme mit den Tönen des Klaviers; es war eine Dame, die sang und ihre Stimme war süß und weich. Als das Solo zu Ende war, folgte ein Duett, und dann ein Scherzgesang; ein fröhliches Summen der Unterhaltung füllte die Zwischenpausen aus. Lange horchte ich. Plötzlich entdeckte ich dann, daß mein Ohr sich anstrengte, um die verschiedenen Töne zu analysieren, aus dem Gewirr der Stimmen diejenige Mr. Rochesters herauszuhören; als ihm dies gar bald gelungen, machte es sich wieder an die Aufgabe, die Laute, welche durch die Entfernung undeutlich wurden, in Worte zu setzen.

Es schlug elf Uhr. Ich blickte auf Adele, die ihren Kopf an meine Schultern gelehnt hatte; ihre Augenlider wurden schwer, deshalb nahm ich sie in meine Arme und trug sie ins Bett. Es war fast ein Uhr, als die Herren und Damen sich in ihre Zimmer begaben.

Der folgende Tag war ebenso schön wie sein Vorgänger, Der größte Teil der Gesellschaft benutzte ihn dazu, um eine prächtige Aussicht in der Nachbarschaft aufzusuchen. Früh am Vormittag machten sie sich auf den Weg, einige zu Pferd, die meisten zu Wagen. Ich sah sowohl die Abfahrt wie die Wiederkehr. Wie Tags zuvor war Miß Ingram wieder die einzige Reiterin, und wie Tags zuvor ritt Mr. Rochester wieder an ihrer Seite, Beide hatten sich von den übrigen getrennt. Ich machte Mrs. Fairfax, welche ebenfalls am Fenster stand, auf diesen Umstand aufmerksam.

»Sie sagten, es sei nicht wahrscheinlich, daß diese beiden an eine Heirat denken würden,« sagte ich, »aber wie Sie sehen, zieht er sie augenscheinlich allen anderen Damen vor.«

»Das ist wohl möglich. Ohne Zweifel bewundert er sie.«

»Und sie ihn,« fügte ich hinzu; »sehen Sie nur, wie sie ihren Kopf zu ihm neigt, als wenn sie vertraulich mit ihm spräche. Ich möchte ihr Gesicht so gern sehen; bis jetzt ist es mir nicht gelungen, einen Schimmer von ihr zu erhaschen.«

»Sie werden sie heute Abend sehen,« antwortete Mrs. Fairfax. »Zufällig bemerkte ich Mr. Rochester gegenüber, wie sehr Adele wünscht, den Damen vorgestellt zu werden, und da sagte er: »O! lassen Sie sie nach dem Mittagessen in den Salon kommen, und bitten Sie Miß Eyre sie zu begleiten.«

»Ja – er sagte das nur so aus Höflichkeit: gewiß, ich brauche nicht zu gehen,« antwortete ich.

»Nun – ich bemerkte ihm, daß ich kaum glaube, es sei Ihnen angenehm, vor einer so lustigen Gesellschaft zu erscheinen – noch dazu lauter Fremde – weil Sie so wenig daran gewöhnt seien, unter Menschen zu gehen. Da antwortete er mir in seiner raschen Weise: »Unsinn! Wenn sie Einwendungen macht, so sagen Sie ihr, daß es mein ganz besonderer Wunsch ist; und wenn sie dann noch widerspricht, so sagen Sie nur, daß ich kommen werde, sie im Falle des Ausbleibens zu holen.«

»Die Mühe werde ich ihm nicht machen,« entgegnete ich. »Wenn es nicht anders geht, so werde ich erscheinen; aber es macht mir durchaus keine Freude. Werden Sie auch dort sein, Mrs. Fairfax?«

»Nein, ich entschuldigte mich, und er nahm meine Entschuldigung an. Ich werde Ihnen sagen, wie Sie es anzufangen haben, um ein förmliches Eintreten zu vermeiden, denn das ist das Unangenehmste bei der ganzen Sache. Sie müssen in den Salon gehen, während er leer ist und die Damen die Tafel noch nicht verlassen haben. Wählen Sie Ihren Platz in irgend einem stillen Winkel, der Ihnen gefällt, und wenn es Ihnen nicht angenehm ist, brauchen Sie ja nicht mehr lange zu bleiben, nachdem die Herren hineinkommen. Wenn Mr. Rochester nur gesehen hat, daß Sie da sind, können Sie ja gleich fortschleichen – niemand wird Sie bemerken.«

»Glauben Sie, daß diese Leute lange hier bleiben?«

»Vielleicht zwei oder drei Wochen; gewiß nicht länger. Nach den Osterferien muß Sir George Lynn, der vor kurzem als Parlamentsmitglied für Millcote gewählt worden ist, nach London gehen, um seinen Sitz einzunehmen. Es wundert mich, daß er seinen Aufenthalt in Thornfield-Hall schon so lang ausgedehnt hat. Vermutlich wird Mr. Rochester ihn hinaufbegleiten.«

Mit einigem Zittern und Zagen sah ich die Stunde sich nahen, in welcher ich mich mit meiner Pflegebefohlenen in den Salon hinunter begeben sollte. Adele war während des ganzen Tages in einem Zustande der größten Erregung gewesen, nachdem sie gehört hatte, daß sie am Abend den Damen vorgestellt werden sollte; und erst als Sophie mit der Operation des Anziehens anfing, begann sie, sich ein wenig zu beruhigen. Dann nahm die Wichtigkeit des Prozesses sie bald gänzlich in Anspruch, und als sie dann endlich ihr Haar in glänzenden, tief herabwallenden Locken geordnet sah, ihr rosa Atlaskleid angelegt hatte, ihre lange Schärpe geknüpft und die zarten Spitzenhandschuhe angezogen hatte, sah sie so ernst aus wie ein Richter. Es bedurfte nicht der Ermahnung, ihre Toilette nicht in Unordnung zu bringen; als sie angekleidet war, setzte sie sich ernst und behutsam auf ihren kleinen Stuhl, vorher nahm sie aber sorgfältig ihr Atlasröckchen auf aus Furcht, es zu zerdrücken, und dann versicherte sie mich, daß sie sich nicht rühren werde, bevor ich bereit sei. Das war ich allerdings schnell: mein bestes Kleid – das silbergraue, das ich für Miß Temples Hochzeit gekauft und seitdem niemals wieder getragen hatte – war bald angelegt; mein Haar zu ordnen nahm wenig Zeit in Anspruch, dann nahm ich noch den einzigen Schmuckgegenstand, welchen ich besaß, die Perlenbrosche. Und nun gingen wir hinunter.

Glücklicherweise gab es noch einen anderen Eingang in den Salon als jenen durch den Speisesaal, in welchem alle Gäste beim Diner saßen. Wir fanden das Gemach leer; in dem Marmorkamin brannte ein großes Feuer, zwischen den seltenen, duftenden Blumen, mit welchen die Tische geschmückt waren, leuchteten Wachskerzen in fröhlicher Einsamkeit. Der feuerrote Vorhang wallte vor dem hohen Thürbogen herab; wie leicht auch die Draperie sein mochte, die uns von der Gesellschaft im anstoßenden Saale trennte, so drang von ihrer Konversation doch nichts zu uns heraus als ein ruhiges, halblautes Murmeln.

Adele, die noch unter dem Einflusse eines feierlichen Eindrucks zu stehen schien, setzte sich ohne zu sprechen auf den Fußschemel, den ich ihr bezeichnete. Ich zog mich in eine Fenstervertiefung zurück, nahm ein Buch vom nächsten Tische und bemühte mich zu lesen. Adele brachte ihren Schemel und setzte sich mir zu Füßen; nach kurzer Weile berührte sie mein Knie,

»Was willst du, Adele?«

»Est-ce-que je ne puis pas prendre une seule de ces fleurs magnifiques, Mademoiselle? Seulement pour compléter ma toilette?Kann ich nicht eine einzige dieser schönen Blumen nehmen, Fräulein? Nur um meine Toilette zu vervollständigen?

»Du denkst viel zu viel an deine Toilette, Adele! aber ich will dir trotzdem eine Blume geben.« Und ich nahm eine Rose aus einer der Vasen und steckte sie in ihre Schärpe. Sie stieß einen Seufzer unendlicher Befriedigung aus, als wenn der Becher ihres Glückes jetzt voll wäre. Ich wandte das Gesicht ab, um ein Lächeln zu verbergen, das ich nicht unterdrücken konnte. Es lag etwas komisches und doch wiederum trauriges in dem Ernst und der wirklichen Hingebung, mit welcher die kleine Pariserin die Angelegenheit ihrer Toilette behandelte.

Jetzt vernahm man das Geräusch des Zurückschiebens der Stühle; der Vorhang vor dem Thürbogen wurde zurückgezogen; das Innere des Speisesaals wurde sichtbar; der Kronleuchter sandte sein Licht auf eine Tafel herab, auf welcher schweres, prächtiges Silber- und funkelndes Glasservice in malerischer Unordnung durcheinander standen; unter der Wölbung des Bogens stand eine Gesellschaft von Damen; sie traten ein, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen.

Es waren ihrer nur acht; als sie jedoch ins Zimmer rauschten, schien es, als wären sie in weit größerer Anzahl. Einige von ihnen waren sehr groß, viele von ihnen trugen weiße Toiletten, und alle waren von einem Faltenreichtum umgeben, der ihre Gestalten zu vergrößern schien, wie ein Nebelhof den Mond vergrößert. Ich erhob mich und verneigte mich vor ihnen; eine oder zwei nickten als Erwiderung mit dem Kopfe; die andern starrten mich nur an.

Sie zerstreuten sich im Zimmer; in der Leichtigkeit und Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen erinnerten sie mich an einen großen Schwarm weißer Vögel. Einige warfen sich in halbliegender Stellung auf die Sofas und Ottomanen; einige beugten sich über die Tische und besahen die Blumen und Bücher; die übrigen sammelten sich