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Erster Teil

Erstes Kapitel

Ein Licht, das gleich im Anfang der Erzählung verlischt

 

In demselben Augenblick, als die Mutter zur Thür hinausging, erlosch das Licht. Sie war es nicht, die es gelöscht hatte, sondern ein Stoß des heftigen Nachtwinds draußen, der durch die nicht allzudicht schließenden Fenster hastig durch das Schlafzimmer fuhr, als die Thür geöffnet und hinter der Fortgehenden wieder geschlossen wurde. Der hatte das Licht ausgelöscht – es war nur eine kleine Flamme gewesen, ein ganz kleines Stückchen schwimmenden Dochts in einem Glas, aber sein Erlöschen war doch eine schreckliche Begebenheit für den kleinen Jungen, der nun allein in der Dunkelheit in der großen Schlafstube lag.

Hinter den niedergelassenen Rouleaux schlugen die Blätter des Nußbaums gegen das Fenster. Mutter! rief er ängstlich und halblaut, darauf mit einem Schrei: Mutter! – aber da erschrak er vor seiner eignen Stimme, und zum drittenmal flüsterte er es nur mit angstvoller Innigkeit: Mutter! Aber sie konnte ihn jetzt unmöglich hören. – Und dann dachte er daran, daß er ja nun ein großer Junge von sechs Jahren sei; er verbiß sich die Angst und beschloß mutig, den Schrecken der Dunkelheit zu trotzen. Von drunten her, aus dem Zimmer, konnte er die Stimmen der Eltern hören; das war ein großer Trost – nein, die Mutter konnte er doch nicht hören, aber der Vater sprach laut und mit sonorer Stimme, wie es seine Gewohnheit war, und dazwischen erklang immer eine klare, frische Mädchenstimme, das war Friederike, sie neckte gewiß Karoline, das konnte er am Ton hören, Karolinens Antwort klang nur wie ein undeutliches Murmeln. Es war auch ein Trost zu wissen, daß die Schwestern bald herauf kommen mußten – sie schliefen in ihrem Zimmerchen nebenan –, und schließlich würden ja auch Vater und Mutter kommen und finden, daß ihr kleiner Tym ganz allein in dem großen dunkeln Schlafzimmer schlief, und dann würden sie sich darüber verwundern, daß die Nachtlampe ausgegangen sei, und inniges Mitleid fühlen – und Tym weinte ein wenig aus Rührung über sich selbst. – Einförmig schlug der große Nußbaum mit seinen schweren Blättern noch immer an die Scheiben, einförmig heimelich, behaglich, er kannte ihn ja so gut, den alten Baum, der wollte ihm nichts zuleide thun – schließlich lauschte er ganz vergnügt, zählte die Schläge gegen die Scheiben, wollte sehen, ob er bis auf tausend käme – viel sollte es sein –, aber er kam nur auf acht, da schlief er.

Aber eine halbe Stunde später fuhr er mit einem unbestimmten Angstgefühl auf, er mußte bös geträumt haben. Die Schwestern waren nun nebenan, er konnte es hören. Friederike! schrie er. Die Thür wurde geöffnet, ein schwacher Lichtschimmer fiel herein, und Friederike kam in ihrem langen weißen Nachthemd herein. Wie schön, wie süß! Und er fiel der drei Jahre ältern Lieblingsschwester schluchzend um den Hals. Sie tröstete und beruhigte ihn. Geh nicht fort, Frie! Aber sie lachte ihn nur aus: Du großer Junge, schäme dich was! Dann ging sie, und der Lichtschein verschwand.

Wieder des Baumes einförmiges, einförmiges Klopfen, und mit dem Gedanken, was für ein süßes Mädchen Friederike doch sei, schlief Tym nun im Ernst sanft ein.

Und süß erwachte er am Morgen, zum Sonnenschein, zum Spielzeug, zum Hof und Garten – es war allerdings nur ein kleiner Landstädtchengarten, aber es war doch Platz genug da zu einem wilden Galoppritt auf dem Rücken das Steckenpferds um die Rasenfläche herum, auch war ein Bretterzaun da, auf den man hinaufklettern konnte, und der Brunnen und der große Nußbaum, wo Friederike ein Stück weit hinaufklettern konnte, oder zu einem kleinen Spaziergang mit der Mutter die sonnenhelle Straße hinunter – sie ging jetzt selten in den Garten, denn es war da oft etwas feucht –, oder vielleicht ganz bis zum Pfarrwäldchen, wo es einem so eigentümlich zu Mute wurde – unter den hohen, rauschenden Eschen, die so groß, so still waren, daß es einem fast den Atem nahm, besonders wenn die Mutter ihn bat, etwas ruhig und langsam zu gehn – ja, denn die Mutter war jetzt immer so schwach und langsam, und dann konnte sie ihn mit so sonderbaren, betrübten Augen ansehen, daß er ganz verzagt wurde – aber das ging schnell vorüber –, oder zu ein paar Geschichten von Tante Gine, die er allerdings nicht recht verstand, denn sie sprach jütländisch, aber es war doch viel unterhaltender, als wenn Fräulein Asmussen, die Lehrerin der Schwestern, mit ihren Geschichten anfing, die doch dem kindlichen Auffassungsvermögen ganz besonders angepaßt waren – ja, süß erwachte Tym zu der schönen Welt mit all ihrer Freude und Herrlichkeit, so wie sie von der lieben Himmelssonne einem kleinen Jungen vergoldet wird, der in einem guten Heim auf der Sonnenseite des Lebens wohnt. – O Tym, was hättest du nicht später in deinem Leben dafür gegeben, wenn du noch einmal so zu dem gesegneten Tage hättest erwachen können!

*

Dann kamen Zeiten, wo der Arzt, Doktor Meinke, auf einmal ein häufiger Gast im Hause wurde; häufiger und immer häufiger, manchmal zweimal am Tage, und schließlich kamen auch ein Paar wildfremde Ärzte mit der Eisenbahn von Kopenhagen. Tyms Bett wurde zuerst zu den Schwestern hineingestellt und dann hinunter in Tante Gines Zimmer. Tante Erika kam von Kopenhagen und sollte bei ihnen bleiben. Die große Schlafstube droben hatte nun immer niedergelassene Rouleaux; dort lag die Mutter, und Tym mußte unbegreiflich still sein, wenn er manchmal hinaufkam, um sie zu küssen. Die stürmischen Galoppaden um den Rasenplatz hörten auf, die Geschichten hörten auf, und zugleich hörten auch die Stachel- und Johannisbeeren auf – alles schien aufzuhören –, und die Blätter des Nußbaums fielen auf die nassen Gartenwege.

Da geschah es eines Tags, als er mit den Schwestern einen Augenblick allein unten in der Wohnstube saß – die Erwachsenen waren alle droben –, daß es wie ein Tumult droben von der Schlafstube her ertönte, und Schwester Friederike sich erhob; sie war ganz weiß im Gesicht: Ich gehe hinauf, sagte sie. – Wir dürfen ja nicht, erwiderte Karoline. – Ich gehe aber doch, antwortete Friederike trotzig und eilte davon. Bruder und Schwester – er sechs Jahre, sie acht – waren aufgestanden, sie hielten sich an der Hand und lauschten, sodaß sie kaum zu atmen wagten. Das Geräusch oben verstärkte sich, dann wurde es ganz still; gleich daraus wurde die Thür geöffnet, und Friederike – das Gesicht war wie erstarrt, die Stimme so hart, so hart – Friederike sagte zur Thür herein:

Mutter ist tot.

Tot – Tym erfaßte die Bedeutung des Wortes nicht recht, aber wohl, daß es etwas Schreckliches sein mußte; es schnitt ihm ins Herz, gerade so kalt und hart, wie es gelautet hatte, er stieß einen lauten Schrei aus, mehrere Personen kamen dazu, er hörte, daß Friederike Vorwürfe gemacht wurden, er sah Schwester Karolinens Gesicht, es sah ganz verstört aus, aber alles andre drehte sich im Kreise um ihn.

Und nun war für Tym ein Licht erloschen; es war erloschen und wurde niemals wieder angezündet.

Zweites Kapitel

Handelt von verschiednen alten Familienbeziehungen und anderm mehr

 

Damals, als Frau Amalie Lemvig ein halbes Menschenalter vor dem Beginn dieser Erzählung noch Fräulein Amalie Güllich hieß, und ihre Verlobung mit dem cand. theol. Mathias Lemvig an dem festlichen Tisch im Hause ihrer Eltern veröffentlicht wurde, da war unter den vielen Gästen, deren frohe Gesichter und gefüllte Champagnergläser sich in den schweren silbernen Kandelabern und dem andern altmodischen ererbten Silberschatze des Hauses spiegelten, nicht einer, der nicht im stillen gedacht hätte, daß dies für den jungen Kandidaten eine ganz außerordentlich gute Partie wäre.

Denn wohl wurde Mathias Lemvig unter die hoffnungsvollen jungen Theologen gerechnet, jedenfalls unter den Mitgliedern der »Theologischen Gesellschaft,« bei deren Verhandlungen er ein ständiger und eifriger Teilnehmer war, und wohl war er ein ungewöhnlich hübscher Mensch, voll Leben und Geist, und dazu – nun – von guten Manieren und einem netten Wesen, aber sein Vater war ein echter und gerechter Bauer aus dem mittlern Jütland, und er selbst jedes irdischen Gutes vollständig bar – da mußte es doch wirklich eine glänzende Partie genannt werden, in dieser alten vermöglichen Kopenhagner Beamtenfamilie Schwiegersohn zu werden. Seit fünf Generationen hatte kein Güllich geringer als als Kammerherr oder Konferenzrat geendet. Die jetzige Konferenzrätin war eine geborne Sehested; rund herum im Eßzimmer hingen Ahnenbilder von lauter ansehnlichen Geschlechtern.

Der Konferenzrat, Departementchef Güllich, liberal und gastfrei wie er war, pflegte nicht nur Notabilitäten von Geburt und Geist um seinen breiten Tisch zu versammeln, sondern auch junge Leute von geringerer Stellung, wenn sie nur auf irgend eine Weise nach oben zu streben suchten; und so war es gekommen, daß sich die zweitälteste Tochter des Hauses, Fräulein Amalie, mit dem Kandidaten Lemvig verlobt hatte. Von seiten der beiden jungen Leute war es eine reine Neigungsheirat, und die Familie fand sich in das fait accompli ohne den geringsten Unwillen. Wenigstens dem Anschein nach, denn sogar die Konferenzrätin sagte: Na ja! und küßte ihre Tochter.

Nach der Verlobung sah sich der Kandidat Lemvig veranlaßt – wohl um dem so großen materiellen Wohlstand gegenüber, der ihm aus dieser Verbindung zufließen mußte, auch seinerseits etwas zu leisten –, die Erwerbung des Licentiatengrades bei der theologischen Fakultät zu erreichen; aber das glückte ihm nicht: ein mündlicher, freier »inspirierter« Vortrag lag ihm immer besser als eine schriftliche Ausarbeitung, besonders wenn diese mit Untersuchungen und kritischen Auseinandersetzungen verbunden war. Es wurde nicht weiter über dieses Mißgeschick gesprochen: die Güllichische Familie ließ dem Schwiegersohn alle freundliche Aufmunterung, jetzt eher noch in höherm Grade, zu teil werden, und einige Jahre später zog das junge Paar auf eine kleine Pfarrstelle in Jütland, die es nach ziemlich kurzer Zeit mit der ansehnlichen Stadtpfarrstelle von Lundbyvester, nur vier Meilen von der Hauptstadt, vertauschte.

Obgleich nun aus Anlaß dieser Beförderung viel über Familieneinfluß beim Ministerium und so weiter getuschelt wurde, so zeigte es sich doch bald, daß Pastor Lemvig dem Amte, in das er gesetzt worden war, in jeder Beziehung vollkommen gewachsen sei. Seine stattliche Gestalt, die kräftigen jütländischen Gesichtszüge, die das Gepräge solider und wohlwollender Derbheit trugen, dazu eine stimmungsvolle und fließende, wenn auch oft etwas unklare Beredsamkeit – all das machte die Kirche am Sonntag voll und lockte Zuhörer aus den benachbarten Orten, ja sogar aus der nahen Hauptstadt an. Und obgleich die praktischen weltlichen Pflichten eines Pfarrers nicht gerade seine Liebhaberei zu sein schienen, er sich auch nicht viel mit der eigentlichen sogenannten »Seelsorge« abgab – im persönlichen Umgang war er zurückhaltend und wohl sogar ein wenig verlegen –, so wußte er doch durch sein ganzes Benehmen die Achtung aller und die Hingebung vieler zu gewinnen.

Das Heim trug im Anfang ganz das Gepräge der Überlieferungen und des Geschmacks der Güllichschen Familie. Die ruhige Zucht und Ordnung des täglichen Lebens, das maßhaltende, ästhetische und materielle Wohlbefinden, die gedämpfte anspruchslose Eleganz und die beherrschten Gefühlsausdrücke, an die Frau Amalie von ihrer Heimat her gewöhnt war, wurden auch zum Charakter des Pfarrhofs. Ohne besonders starken Eigenwillen, und wohl auch unbewußt von der soliden Mitgift und anderm mehr unterstützt, das in Aussicht war, machte sie ihrem aus dem Bauernstande stammenden Manne gegenüber die Güllichsche Überlegenheit mit Leichtigkeit geltend. Ihre Erscheinung war ruhig und anspruchslos, hatte das Gepräge des Geschmacks und des Schönheitssinns, ihr Verstand war gesund, der Charakter edel. Aber ihre Gesundheit war nicht kräftig.

Erst nachdem sie einige Jahre verheiratet gewesen waren, wurde ihr erstes Kind geboren. Es hieß Friederike nach der Großmutter Güllich, und auch Karoline, die im nächsten Jahre kam, wurde nach einer Güllichischen Verwandten so genannt.

Mit der Zeit hatte sich aber bei dem Pfarrer – zwar langsam aber stetig zunehmend – eine gewisse Veränderung in der Rede, in den Ansichten und fast auch in der Lebensweise entwickelt.

Schon seit dem Tage in der Verlobungszeit, wo er den Gedanken an den Licentiatengrad hatte aufgeben müssen, begann bei ihm eine gewisse Mißstimmung gegen das, was er »totes Schriftwerk« im Gegensatz zu der »lebendigen Geistesvermittlung« nannte, und der Widerwille verbreitete sich langsam von dem theologischen gelehrten Studium auf alle Büchergelehrsamkeit überhaupt aus. Er fing auch an, aus die Universität und die Universitätsmenschen und alles, was danach schmeckte, zu sticheln; in diese Abneigung schloß er allmählich auch die ästhetischen und politischen Anschauungen mit ein, die seiner Ansicht nach in irgend eine Verbindung damit gebracht werden konnten. Bei dieser Schwenkung folgte ihm seine Frau keineswegs, und wenn er in ihrer Gegenwart über die Geistesaristokraten, die Intelligenz, die Nationalliberalen und den Beamtenstand loszog, versuchte sie es wohl, ihm auf ihre passive und stille Weise zu verstehn zu geben, wie verletzt sie sich fühlte, aber ihre Art war zu fein für sein Verständnis; weil sie es nicht über sich gewann, starke und persönliche Ausdrücke zu gebrauchen, verstand er ihre Gefühle gar nicht und fuhr deshalb fort, sie sich, wenn auch unabsichtlich, immer mehr zu entfremden.

Kurz nach Karolinens Geburt geschah es, daß einer seiner gleichaltrigen Studiengenossen – ein früherer Gegner auf der Rednerbühne in der »Theologischen Gesellschaft,« aber sonst einer seiner guten Freunde – nicht nur den theologischen Doktorgrad erwarb, sondern auch eine glänzende litterarische Laufbahn begann – und dieser Mann war früher als ganz mittelmäßig begabt betrachtet worden und ganz besonders von jenen Diskussionen in der Gesellschaft her als weit unter Lemvig stehend. Und nun begann Pastor Lemvig, ohne sich selbst Rechenschaft darüber zu geben, wie diese Triebkraft, die sein Betragen so mächtig beeinflußte, mit ihrem rechten Namen hieß, nun begann er ganz im Ernst, seinen oppositionellen Anschauungen in Wort und That Luft zu machen. Damals fing es an, daß man seine schöne hohe Gestalt bei politischen Zusammenkünften in Mittelseeland herum auf den Tribünen sah, während sich zu gleicher Zeit die befreundeten Familien der Umgegend – die Beamten der Stadt und die Gutsbesitzer des Sprengels – zuerst vom Pfarrhaus und dann von der Kirche zurückzogen, und dafür an beiden Orten lauter Bauern eintraten. Damals begannen auch neue Zeitungen sich zwischen die alten büreaukratischen auf dem Tisch in der Wohnstube einzudrängen, und der Pfarrer fing an, sich mit seinen Dienstboten in familiärem Ton zu unterhalten – es klang recht gezwungen bei ihm – und den Kindern Freiheiten zu erlauben, die seine Frau mißbilligte, ja er sprach sich offen dahin aus, daß man die Kindernatur ganz für sich selbst sorgen lassen sollte, dann würde sie am besten gedeihen, gerade so wie in der Freiheit ausgewachsene Pflanzen.

Dies letzte war für ihre wohlgeschulte Natur doch zu viel; sie machte Einwendungen, wurde aber mit leeren Phrasen und theoretischen Auseinandersetzungen, die sie nicht bestreiten konnte, abgespeist, und so wurde der Pfarrer nur noch darin bestärkt, daß er Recht habe.

Als ihrem letzten Kind, einem Sohn, der etwa ein Jahr nach Karoline auf die Welt kam, ein Name gegeben werden sollte, entschied der Pfarrer nach seinem eignen Kopf: er sollte Tymme heißen, ja, das sollte er, und dazu »Styrbjörn« und »Frode,« alles zum Zeichen der altnordischen Kraft und des Freiheitssinns, aber als Tymme Styrbjörn Frode Lemvig über die Taufe gehalten wurde, da weinte die Mutter, und zwar nicht nur rein aus religiöser Ergriffenheit. Sie weinte auch noch nach der Feier, sodaß dem Pfarrer selbst etwas bänglich zu Mute wurde über seinen Sieg; da erst ging ihm ein Verständnis darüber auf, wie tief er sie gekränkt hatte, aber nun konnte es eben nicht mehr ungeschehen gemacht werden.

Bei der Tauffeierlichkeit war die Familie Güllich nicht vertreten gewesen, außer mit kostbaren Taufgeschenken, dagegen war aus einer Gegend ganz tief drin in Jütland eine entfernte Verwandte des Pfarrers gekommen, eine Frau aus dem Volke. Diese blieb von da an ganz bei ihnen, man nannte sie im Anfang Jungfer Lemvig, später meistens »Tante Gine« oder nur Gine; der Pfarrer wollte es durchsetzen, daß sie »Muhme Gine« genannt würde, was aber daran scheiterte, daß die Kinder diese Silbenverbindung nicht aussprechen konnten; zwei Jahre lang übte es der Pfarrer mit ihnen, aber Friederike wurde widerspenstig und sagte schließlich immer: Will nicht! wenn der Pfarrer es mit ihr versuchte, und dabei blieb es.

Tante Gine war damals eine bewegliche, eifrige kleine Person um die Dreißiger herum; die Absicht war, daß sie der Hausfrau als Stütze dienen sollte, und eine solche konnte sie auch recht gut brauchen, da Frau Amalie immer schwächer wurde. Die beiden konnten einander zwar nicht so recht vertragen, aber Tante Gine machte sich bald so nützlich und war so tüchtig im Hause, daß nicht mehr die Rede davon sein konnte, sie zu entbehren oder durch jemand anders zu ersetzen.

Als Frau Amalie schließlich aus diesem Leben geschieden war – es war kurz nach dem Tode ihres Vaters, des alten Konferenzrats –, wurde es nicht als eine große Veränderung im Leben und in den Gewohnheiten des Pfarrhauses empfunden; diesem war längst von einem andern Geist, der dem Güllichischen gerade entgegengesetzt war, ein Stempel aufgedrückt worden.

An der Bahre der Gattin sprach der Pfarrer in der gedrängt vollen Kirche unverhohlen:

»War meine geliebte Gattin auch keine Frau aus dem Volke in des Wortes eigentlichster Bedeutung, war auch von ihrer frühesten Entwicklung an in volkstümlicher wie in kirchlicher Beziehung gleichsam ein Schleier, eine hemmende Decke über ihre Seele gezogen, so war sie doch – Gott sei gelobt, daß ich das bezeugen kann! –, so war sie doch auf ihre Weise, nach ihrem Vermögen und auf ihren Wegen sowohl eine dänische als auch eine kirchliche Frau, wenn es auch hieß, wie der Dichter singt:

Dem Auge verborgen,
Doch im Herzen geborgen.

So sei denn der Himmel gelobt, daß sie nun dorthin, ja dorthin gekommen ist, wo alle Schleier weggezogen sind, wo jede hemmende Hülle zerreißt, und wo das herrscht, was hier nicht zur Herrschaft gelangt: volle Geistesfreiheit, volle Herzensfreiheit und volle Lebensfreiheit.«

Die Glieder der Familie Güllich fuhren gleich nach der Beerdigung, nach einem äußerst kurzen und formellen Aufenthalt im Pfarrhaus wieder weg; der Bischof von Seeland, der als ein Angehöriger der Familie in dem Wagen der Frau Konferenzrat mit dieser und Fräulein Erika zusammen fuhr, äußerte trocken: Ich war wahrhaftig nicht von der Sorge frei, nein, ich war es wahrhaftig nicht, daß unser guter Lemvig seinen Freiheiten im Reiche Gottes noch hinzufügen würde: Auch volle Glaubensfreiheit. Hm.

Hauptmann Leonhard Güllich und Gutsbesitzer Johannes Güllich, die von der Insel Fünen herübergekommen waren, fuhren mit der Eisenbahn heim, aber ihre Mutter, die Frau Konferenzrätin, hatte ein aristokratisches Vorurteil gegen diese Einrichtung und benutzte immer ihre eigne Equipage.

*

Tym ist wieder in die große Schlafstube hinaufgezogen; da schlafen auch Jungfer Lemvig und Schwester Karoline; Friederike schläft allein in dem Stübchen nebenan, so hat sie es gewollt.

Tym fährt aus dem Schlaf auf, wie das manchmal vorkommt: Mutter! ruft er. Ach, wie unmöglich ist es, daß sie ihren kleinen Tym hören könnte! Tante Gine hört ihn und deckt ihn zu. – Der alte Nußbaum klopft wie gewöhnlich an die Scheiben, aber doch anders als früher: die Blätter sind fort, es ist der nackte Winter. Dann denkt Tym an seine Mutter; ihr Gesicht ist ganz undeutlich – ob er wohl ansängt, sie zu vergessen? Dann würde es ja doch so kommen, wie Doktor Meinke neulich gesagt hatte, daß er sie einmal vergessen werde. Nein, das darf nicht sein! Und der kleine Tym starrt in die Dunkelheit hinein, nach dem Gesicht seiner Mutter: er sieht viele Gesichter vor sich, die kommen und gehn, aber wo ist das von Mutter? – Wie sah doch Mutter eigentlich aus?

Kurz nachher flüstert er: Tante Gine! jetzt kam sie – Tante Gine thut, als ob sie schliefe, und antwortet nicht. Nach einer kleinen Weile richtet sie sich doch auf im Bett und sieht nach, wie es mit dem Jungen stehe. Ja, er schläft nun ganz ruhig und fest; eine Thräne hängt an seinen Wimpern.

Drittes Kapitel

Goldne Erinnerungen

 

In unsrer Kindheit gab es einmal eine grüne Wiese; es hat niemals wieder eine so grüne Wiese gegeben. Und jeden Morgen, das könnt ihr euch denken, wenn wir Kinder aus den Zimmern hinunter kamen, um auf dieser Wiese zu spielen – denn wir hatten Sommerferien –, fanden wir sie mit Gänseblümchen und blauen Glockenblumen bedeckt, auch Mohnblumen gab es und viele andre Arten von Blumen, und sie lächelten und nickten – niemals sind die Blümlein später wieder so vergnügt gewesen. Und an der Hecke des Gartens lang lugten die wilden Hagerosen, die schwachduftenden, blaßroten Hagerosen hinter dem kleinblättrigen Laub hervor und verwunderten sich darüber, wie blau der Himmel in dieser gesegneten Morgenstunde sei; und wenn ein sanftes sommerliches Rauschen aus den Kronen der Eschenallee auf die Rosenhecke herabwehte und neckisch ihre Ranken schüttelte, da rieselten die blaßroten Blätter hinunter auf die gelben Ranunkeln und die Winden zu ihren Füßen und wurden vom Tau festgehalten – niemals hat es ein anmutigeres Spiel gegeben.

Es war auch ein kleines Gehölz da, und wenn ich ein wenig hineinging und mich zum Beispiel auf die Brücke über dem Bach stellte, so hatte das Murmeln des Wassers unten einen deutlichen Sinn, ich glaube, es sang:

Es sind Sommerferien, mein Junge, Sommerferien! Und es legte eine solche Freude und so viel Glückseligkeit in diese Worte, die sie später niemals wieder gehabt haben, wie man sie auch immer aussprechen mochte. Dort erinnere ich mich auch eines Waldvogels, der sich irgendwo droben in den Baumwipfeln versteckt hatte. Wenn alles schwieg, mit Ausnahme des Bachs, dann konnte er mit seinem: dü dü, dü dü, dü dü, di-i-i dareinschmettern, und der letzte Ton, der höher als die andern und langgezogen war, der weckte unter dem gewölbten Laubdache des Waldes förmlich ein Echo. Wenn dann der Widerhall verstummt war, kam meistens eine Antwort von einem gefiederten Kameraden von einer andern Stelle tiefer im Walde drin: dü dü, dü dü, dü dü, di-i-i, in der Ferne verklingend, aber eben so klar. Des Tons erinnere ich mich, aber den Sinn habe ich vergessen, er handelte gewiß auch von Sommerferien und Glückseligkeit; damals verstand ich ihn.

Das ist nun sicher: seit wir erwachsen und vernünftig geworden sind und gelernt haben, die teuer erkauften Dinge dieser Welt zu schätzen, seitdem begannen die Wiesen weniger grün und der Himmel minder blau zu werden, die Heckenrosen verwelkten, und mit ihnen die andern Blumen. Damals war es auch, daß wir allmählich vergaßen, was das Lied des Bachs zwischen den Steinen bedeuten sollte, und was das leichte Gezwitscher im Gehölz uns doch so eindringlich erzählt hatte. Wir lernten viele gute Dinge – aber das vergaßen wir. Vergaßen es – fast. Denn mancher ältliche Knabe geht noch immer, und am liebsten wenn ihn niemand sieht, hinaus auf die Wiese der Kindheit und späht nach jenen Blumen, hinaus in den Hain und lauscht auf jene Töne, lauscht mit schmerzlicher Wehmut, ob er nicht wenigstens noch ein wenig davon kennen, ein wenig davon verstehn könnte; und wenn einige dieser alten Kinder es wirklich zu können meinen, dann erzählen sie das Neuerlebte andern, weil sie es in ihrer Freude nicht lassen können; aber weil sie etwas erzählen, das anzuhören nur gar wenige Zeit haben – es sind ja auch ganz unnütze Dinge –, werden sie von den meisten ausgelacht: solche alten Kinder werden Lyriker genannt und passen nicht recht in unsre Zeit.

Aber in unsrer Jugend waren wir alle Lyriker.

Unter all den Wundern, die später verschwunden sind, gab es damals eine geweihte Stätte, eine geheiligte Stätte – auch hier auf Erden! –, wo ewiger Sommer und ewiges Glück herrschte. Das war gerade die Stätte, wo wir unsre Sommerferien zubrachten; vielleicht ein Herrenhof oder ein Pfarrhaus oder irgend ein andrer Ort auf dem Lande – weit, weit draußen auf dem Lande. Dort wohnte der Onkel und die Tante, oder wer es nun gerade war, in ewiger sommerlicher Herrlichkeit. Kummer und Vergänglichkeit kannte man dort nicht, alles und alle waren froh vom Morgen bis zum Abend. Und warum sollten sie es auch nicht sein? Hörten jemals die Stachelbeeren oder die roten und die schwarzen Johannisbeeren im Garten auf? Waren nicht immer die Kirschbäume schwer von rot-, gelb- oder schwarzreifenden Früchten? – Dort erwachten wir am Morgen bei dem frohen Gackern der Hühner und bei dem Gurren der Tauben; vielleicht gab es zu Hause auch Tauben und Hühner, aber sie waren nicht so vergnügt wie die hier, ebensowenig wie die Pferde und die Kühe oder der Kutscher und die Mägde oder sonst etwas, das zu dem Orte gehörte. Und die Sonne hörte nicht auf, auf die grüne Wiese draußen zu scheinen und auf die Heckenrosen, die das ganze Heiligtum umschlossen. Und in dem Walde, der dazu gehörte, hörten die Himbeeren auf den nackten trocknen Plätzen, die nur wir selbst und die Basen und die Vettern kannten, nicht auf zu reifen, und der liebe See glitzerte zwischen den Baumstämmen durch; da lag das Boot, und wir kannten das Geheimnis, wie man es losmachen konnte, ohne um den Schlüssel zu bitten – wir ruderten weit hinaus, und der große Vetter Rudolf sprang zuerst aus dem Boot ins Wasser und sagte, daß wir leicht auf den Grund kämen – und wenn wir dann nach Hause kamen, so gab es das Mittagessen und fröhliche Gesichter und Lustigkeit – und dann die rote Grütze, die niemand so wie Tante herstellen konnte!

Gerade so einen Ort hatte auch Tymme – weit, weit draußen auf dem Lande, ganz drüben auf Fünen: zuerst fuhr man auf der Eisenbahn durch ganz Seeland – und mit welch seligem Gefühl lehnte sich Tymme in die Ecke des Coupees, um ein wenig zu schlafen, mit dem Bewußtsein, daß er, wenn er die Augen wieder aufschlug, den heiligen Stätten um viele Meilen näher gerückt sein würde. – Hast du ein wenig geschlafen, mein Junge? – Ich weiß nicht recht; wie weit sind wir? – Neige dich vor, dann siehst du den Großen Belt. – Den Großen Belt, Hurra! – Und hurra, da ist die Dampffähre! – Hinuntergehn in die Kajüte und dort niedersitzen? Nein, nein! Sieh doch, Friederike, wie das Wasser hier hinten, wo die Schraube sich dreht, weiß und schäumend wird, es kommt von unten herauf, es sieht wie Schlagsahne aus, gerade wie die Sahne, die auf Tante Elines rote Grütze kommt, meinst du nicht auch, Friederike? – Und die Möwen, die dicht an die Reling heranflattern und Brotkrumen in der Luft auffangen, und die Wogen, die langen, grünen, hurtigen Wogen, ach, Friederike! es ist gerade, als ob sie sich auch auf die Sommerferien freuten! – Sieh, sieh! da ist die Kirche von Nyborg! – Dort, dort steht ja Jens, das ist Onkels Wagen, das ist der Wagen von Rosgaard; ach hurra! Jens, sag mir, Jens, sind die Kirschen schon reif? – Jawohl, Tym! – Auch die spanischen in der Ecke im Küchengarten? – Jawohl.

Jawohl, natürlich, denn alles ist reif und wundervoll auf Rosgaard, eine ewige Sommerferienzeit.

Es war aber keine lange Reihe von Sommerferien, daß Tymme zu Onkel Johannes Güllich und Tante Eline nach Rosgaard kam. Die Besuche waren von seiner ersten Kindheit an regelmäßig gewesen, als die Mutter und alle Kinder vom Lundbyvester Pfarrhof einen ganzen Monat lang mit andern Verwandten, großen und kleinen, zusammen einen ganzen Monat lang dort zu verbringen pflegten, aber nach dem Tode der Mutter, und nachdem sich die Beziehungen des Pastors Lemvig zu der Familie seiner Frau gelockert hatten, wurden die Besuche seltner. Aber es waren gerade die aus dieser Zeit, an die sich Tym am besten erinnerte. Sein letzter Besuch geschah, als er elf Jahre alt war; es war gegen den Wunsch des Vaters und der Tante Gine geschehen und nur auf eindringliche Bitten der Tante Erika, die so lange wie möglich die Beziehungen zwischen den Lemvigischen Kindern und der Güllichschen Familie aufrecht zu erhalten suchte.

Tymme bewahrte die Erinnerung an die Sommerferien seiner Kindheit wie eine verschwundne Herrlichkeit der Vorzeit. Onkel und Tante und Kusine Ingeborg und Kusine Margrete und alle Dienstboten und alle Gäste auf Fünen – sie wurden zu verklärten Gestalten, die einer andern und bessern Welt angehörten.

Viertes Kapitel

Freiheit!

 

Lauter neue Zeitungen liegen auf dem Wohnzimmertisch im Lundbyvester Pfarrhaus; die alten beamtenmäßigen sind ganz verschwunden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit machen sich breit: der Pfarrer steht auf du mit Jungfer Lemvig, diese wieder mit den Dienstboten. Diese gehn in den Zimmern ungeniert aus und ein. Die Bauern der Umgegend – der Gemeindebezirk erstreckte sich weit über den Bereich der unbedeutenden Landstadt hinaus – sind fast die einzigen Gäste am Tische des Pfarrers; alles wird darauf angelegt, recht volkstümlich zu sein, bis zu den Kleidern der Kinder, die wie die der flachsköpfigen Jugend draußen auf dem Lande sind. Den lieben langen Tag tollen und klettern sie in Hof und Garten herum, oder sie spielen mit den Straßenkindern; sie haben zwar eine Lehrerin, aber der Ferientage sind viele, denn wenn sie sich, besonders Friederike, »heute nicht zum Lernen aufgelegt fühlen,« dann giebt ihnen der Vater gewöhnlich frei: »Der Geist soll nicht gezwungen werden,« sagt er.

Bei all dieser Anarchie wurde das eigentliche Hauswesen doch mit musterhafter Tüchtigkeit von Tante Gine geführt, die zum guten Glück von eben so despotischem und befehlshaberischem Charakter war, wie sie freisinnig im Prinzip war; sonst wäre es niemals gegangen.

Diese Frau war, wie schon erzählt worden ist, eine entfernte Verwandte des Pfarrers und stammte aus derselben mitteljütländischen Gegend. Sie hatte ihre Jugend in verschiednen jütländischen Volkshochschulen zugebracht, zuerst als Schülerin, später eine Reihe Jahre als eine Art Hausmutter. Von jener Zeit her hatte sie etwas Volksbildung und noch mehr Reminiszenzen der Vortragsweise dieser Schulen, zugleich aber auch ihre große Tüchtigkeit im praktischen Hauswesen – und dann ihre ganze Lebensanschauung. Diese war außerordentlich fest und einfach: neben einer strikten kirchlichen Religiosität konnte sie zusammengefaßt werden in einen innerlichen Widerwillen gegen alles, was nicht »volkstümlich« in des Wortes nüchternster Bedeutung war. Von Person war sie klein und eckig, aber still und anspruchslos, reinlich und fast geschniegelt in ihrer übrigens äußerst einfachen Kleidung; sie behielt ihre jütländische Mundart bei, die besonders hartnäckig war, wenn sie in Eifer geriet. Sie beherrschte nun den Pfarrer und den Pfarrhof, und sie war schuld daran, daß dort trotz der allgemeinen Anerkennung der Freiheits- und Gleichheitsprinzipien doch Ordnung herrschte, wenigstens in der Küche, in der Garderobe und der innern Wirtschaft. Allein Friederike konnte sie nicht zwingen, diese bot ihr frühzeitig die Spitze, wie auch allen andern, die ihren Launen in den Weg traten; aber Karoline und Tymme beugten sich wie ein Rohr unter Tante Gines Kommando.

Vor allem keinen Zwang, wiederholt der Pfarrer der neuen Lehrerin – und es giebt ziemlich oft eine neue Lehrerin. – Die Lust ist es, die das Werk treiben soll, sagt er und lauscht hoffnungsvoll dem Gesang, der schon in der ersten Stunde unter der neuen Lehrerin aus dem Schulzimmer tönt; denn Tante Gine hat endlich eine herbeigeschafft, die die rechte Art und Weise hat: durch Gesang und herzige kleine Lieder und ohne weitere Aufgaben den Kindern »gleichsam spielend« sowohl Geschichte und Geographie als auch Rechnen und dänischen Aufsatz und die Sprachen beizubringen. Tante Gine, die zu allem möglichen Zeit hat, wohnt diesen Stunden, die nach Übereinkunft zu unbestimmten Zeiten gegeben werden, öfters mit großem Vergnügen bei.

Der Pfarrer steht am offnen Fenster in seinem Studierzimmer; der sonnenwarme Morgenwind streicht herein und mischt sich mit dem Tabaksrauch aus seiner lieben Pfeife. Eine stattliche, würdige Erscheinung; Friede und ruhiges Glück scheinen auf seiner Stirn und in seinem Auge zu wohnen. Er überdenkt »den Gang« seiner Sonntagspredigt für morgen. Er braucht nicht erst etwas aufzuschreiben, er weiß, daß die Stimmung über ihn kommen wird, wenn er morgen früh von der Kanzel aus den ihm freundlich gestimmten zahlreichen Zuhörerkreis überschauen wird; mit der Stimmung kommt auch der rechte Ausdruck, und er freut sich, den Widerhall seiner klangvollen Stimme unter der Wölbung zu vernehmen, und den ehrfurchtsvollen, anhänglichen Augen in den Kirchenstühlen unten zu begegnen.

Unter seinem Fenster sieht er Friederike und Tymme, die sich in dem kleinen Garten herumtummeln; gesund, kräftig, fröhlich. Friederike führt einen gewagten Sprung aus von der Planke herab; es ist allerdings verboten, aber – ach was; Tymme macht es ihr nach – potztausend, das ging gut! – horch, wie sie jubeln und lärmen!

Von der Küchenregion her hört er die emsige treue Gine hantieren; für ihn und für die Kinder lebt und schafft sie.

Und er stößt einen Seufzer aus, der gute, ehrliche Mann; einen Seufzer des Glücks und der Dankbarkeit, einen Seufzer – das fühlt er –, der ein förmliches Morgengebet aufwiegt. Der muß denn auch an dessen Stelle treten.

Gesang klingt aus dem Schulzimmer; dort ist also »Stunde.« Das sind die Lehrerin und Karoline, er erkennt die Stimmen: wenn es auch nicht gerade schön klingt, so –

Aber wie kommt es denn da, daß Friederike und Tym im Garten spielen?

Der Pfarrer denkt ein wenig nach, dann ruft er Tante Gine.

Fräulein Klausen giebt Unterricht, wie ich höre; wie kommt es denn da, daß Friederike und Tym …?

Tante Gines Gesicht wird herb. Will der Herr Pfarrer nicht lieber selbst mit Friederike sprechen?

Er überlegt ein wenig und ruft dann zum Fenster hinaus. Nach geraumer Zeit schlendert Friederike herein: das große vierzehnjährige Mädchen ist nachlässig in Wesen und Kleidung, aber kräftig und gesund – sie verspricht geradezu eine Schönheit zu werden. Jetzt steht Trotz auf ihrem Gesicht geschrieben.

Liebes Kind, warum bist du nicht in der Stunde?

Ja, das sage ich auch, ganz präzis so, sehr oft; warum bist du nicht in der Stunde? wiederholt Tante Gine.

Friederike würdigt Tante Gine keiner Antwort; dem Vater sieht sie gerade in die Augen. Dieser wiederholt seine Frage: Warum bist du nicht in der Stunde bei dem guten Fräulein Klausen?

Pah, versetzt Friederike mit unverstelltem Hohn.

Was meinst du, mein Kind? fragt der Pfarrer.

Sie sagt, ja wohl, fällt Tante Gine erbittert ein, daß es lauter Unsinn sei, was sie da in der Schule lehre – du böses Kind!

Friederike kräuselt die schönen Lippen: Ja, das sage ich, denn es ist das dümmste Zeug, und ich will nicht hin, wenn ich keine Lust dazu habe.

Aber Friederike!

Aber Vater!

Der Vater sieht Friederike ratlos an und dann ebenso ratlos Tante Gine.

Meine liebe Friederike, bedenke doch …

Nein, ich will nicht – du sagst ja selbst immer, Vater, daß man nicht gezwungen werden soll …

Ja, aber diese Lehrerin, das gute Fräulein Klausen; das ist doch etwas andres …

Ja, darin hast du allerdings Recht, denn die vorige, die wollte uns doch etwas lehren, aber diese, o je, das ist der ärgste Unsinn und das dümmste Geschwätz; es ist mir ganz ekelhaft und zuwider, ich gehe nie wieder hin, niemals, hört ihr, und sie stampft mit dem Fuß, trotzig – und niedlich.

Der Vater betrachtet sie noch ratloser als vorher.

So, nun kannst du vorläufig gehn.

Darauf sieht er Tante Gine an. Diese sagt: Ja, das ist nun geradezu Aristokratie, das sitzt in ihr, dagegen läßt sich nicht viel thun.

Der Pfarrer fährt mit der Hand über die Stirn. Er schaut hinaus in das freie frohe Sonnenlicht, da klärt sich sein Gesicht auf – es hatte einen vorübergehenden Ausdruck von Kummer angenommen –, und er sagt mit Nachdruck:

Mit Gottes Hilfe, Gine – das Mittel ist Freiheit. Und mit Geduld, das wollen wir uns merken.

Tante Gine steht etwas unsicher da, dann bekommt die Phrase ihre alte Macht über sie. Sie nickt und sagt: Ja Freiheit mit Geduld, das muß es wohl sein.

Der Pfarrer bleibt allein und denkt darüber nach. Ja ja, das ist das Güllichische Blut. Ja, das ist es.

*

Aber Friederike ist des Spiels überdrüssig geworden. Nun sitzt sie in der Gesindestube und liest. Da ist Ruhe und Frieden; Tante Gine ist anderweitig beschäftigt.

Tymme steht dabei und fragt, was sie lese.

Ach! sagt sie und liest weiter. Sie verschlingt das Buch; es ist ein Roman aus der Leihbibliothek des Buchhändlers im Ort; von ihm bekommt sie heimlich eine Masse Bücher; sie verschlingt sie alle und versteht die Hälfte. Ihr Interesse ist zwischen solcher Lektüre und wilden Leibesübungen gleichmäßig geteilt.

Fünftes Kapitel

Kriegführende Mächte

 

Die Konferenzrätin Güllich ist drei Tage zu Besuch auf dem Pfarrhof gewesen. Sie, die seit dem Tode der Tochter keinen Fuß mehr dorthin gesetzt hatte, kam plötzlich wie ein Sturmwind über die da draußen.

Drei Tage bleibe ich bei Ihnen, bester Schwiegersohn, nicht mehr und nicht weniger, sagte die alte Dame zu dem erstaunten Pfarrer, als er ihr und ihrer Jungfer Jutta aus dem Landauer half.

Von einem der Fenster aus war Tante Gine Zeuge des Aussteigens. Sie band ihre Küchenschürze fester um und murmelte:

Das wird eine Zeit des Kampfes.

Der Pfarrer rief in den Garten hinein: Kinder, Kinder, kommt, und ihr werdet sehen, wer da ist! Seine Stimme war durchaus nicht so fröhlich, wie sie klingen sollte; das merkten die Kinder gut. Übrigens hatten sie den Wagen schon draußen auf der Landstraße gesehen – sie kannten ihn wohl von den paarmal her, wo sie einen flüchtigen Besuch in Kopenhagen gemacht hatten –, waren aber absichtlich davon gelaufen.

Kommt, Kinder, kommt! Nun mußten sie also hinauf; Friederike schlenderte hinterdrein. Auf der Treppe wurden sie von Gine angehalten, die immer überall war. Herrjemine, Kinder, wie seht ihr aus! Hinauf mit euch, und zieht reine Kleider an. Die beiden jüngern gehorchten, aber Friederike sah nur an ihrem nachlässig sitzenden Kleide hinunter, verzog die Lippen zu einem kleinen spöttischen Lächeln und trat dann zur Großmutter hinein. Später fand Karoline sich ein, verlegen und linkisch; zuletzt kam Tymme, auch linkisch, er hatte am meisten Ähnlichkeit mit einem hübschen Bauernjungen; die Mütze hatte er aufbehalten; der Vater nahm sie ihm sanft ab.

Ja, sie wurden eine Zeit des Kampfes, diese drei Tage! Still und ohne äußeres Getöse raste er unaufhörlich, so zu sagen, von Stube zu Stube. Es war ein Kampf zwischen entgegengesetzten Prinzipien, sich kreuzenden Berechtigungen, rasseverschiednen Persönlichkeiten. Die kriegführenden Mächte waren Großmutter Güllich und Tante Gine, der Gegenstand des Kampfes war die Herrschaft über das Haus und insbesondre über die Kinder.

Großmutter Güllich war gekommen, um mit eignen Augen zu sehen, wie weit die Zügellosigkeit in diesem Haus um sich gegriffen hätte, fest entschlossen, was sie konnte, in entgegengesetzter Richtung zu wirken, besonders in Hinsicht auf die Kinder und deren Zukunft. Und sie hatte Machtmittel im Hintergrund; das ganze Güllichische Vermögen war in ihrem ungeteilten Besitz geblieben. Der Pfarrer, der die Defensive hätte führen sollen, zog sich gleich anfangs aus dem Kampf, aber Tante Gine, nicht minder willensstark als die Konferenzrätin, bot ihr keck die Spitze, als Vorkämpferin der Freiheit und der Volkstümlichkeit; auf ihrer Seite hatte sie die durch Zeit und Gewohnheit festgegründete Herrschaft über das Haus und des Pfarrers Willen. – Der Großmutter Angriffsmethode war im Anfang die der schweigenden Kritik; sie sagte nicht viel, hütete sich vor allem vor befehlenden Übergriffen in der Hausordnung, aber man sah, daß sie musterte und kritisierte. Einer solchen Kriegführung gegenüber, die den Pfarrer in Verwirrung brachte, das Gesinde in Angst versetzte und den Kindern Respekt einflößte, hatte Tante Gine ihre ganze jütländische Zähigkeit nötig.

Wie der Kampf hin und her wogte, konnte an vielen kleinen Zügen erkannt werden. Zum Beispiel:

Beim Mittagessen am ersten Tag, Punkt zwölf, stellten sich wie gewöhnlich der Knecht und die eine der Mägde ein – die andre hatte ihre Woche in der Küche – und setzten sich unten an den Tisch. Die Konferenzrätin rümpfte kaum merkbar die Nase, nahm aber ihren Ehrenplatz oben am Tisch ein und that, als ob nichts geschehen wäre, natürlich. Tante Gine, die an ihrem gewöhnlichen grauen Werktagskleide, das immer rein und tadellos war, auch nicht das geringste geändert hatte, setzte sich mit einer eignen siegreichen Miene neben die Kinder. Der Pfarrer hatte vorher Tante Gine etwas verlegen vorgeschlagen, das Gesinde in diesen Tagen vom Tische wegbleiben zu lassen, war aber von ihr wieder ins Gleichgewicht gebracht worden. – Aber am nächsten Tage, vor dem Essen, kamen der Knecht und die Magd, an der die Reihe war, und weigerten sich geradezu, hereinzukommen. An diesem Tage saß Tante Gine bei Tisch und zitterte fast vor Erbittrung, während der Großmutter nichts anzumerken war. Tymme begann mit einem: Ja, warum …? wurde aber durch einen nachdrücklichen Puff in die Seite von Tante Gines harten Knöcheln augenblicklich zum Schweigen gebracht. – Tante Gine setzte aber den Dienstboten an demselben Nachmittag noch so zu, daß sie sich am dritten Tage wieder pünktlich einfanden. Die Sache des Volkes, die der bürgerlichen Gleichheit, hatte wieder gesiegt, und Tante Gine sah die Großmutter unverwandt fest an, als sich der Knecht und die Magd mit einem unglücklichen Kratzfuß am Tischende niederließen.

Auf dem Wohnstubentisch pflegten zwischen den andern Zeitungen ein paar von besonders »roter« Farbe zu liegen. Die Großmutter hatte sie sofort durchgemustert, und am Nachmittag waren sie wie weggeblasen. Der Pfarrer hatte sie weggethan. Aber am darauffolgenden Tage lagen sie wieder da, und zwar zu alleroberst; und nun blieben sie liegen, darüber wachte Tante Gine. Die Freiheit hatte wieder einen schönen Sieg gewonnen.

An demselben Tage, es war am zweiten, sprach die Großmutter unter vier Augen mit der Lehrerin, Fräulein Klausen. Sie war ein junges Ding, sehr freisinnig und nach Tante Gines Herzen, sicher über »Ziel und Mittel,« sie verlangte nur die Erlaubnis, auch wirklich alle Stunden geben zu dürfen. Nach dieser Unterredung hatte die Großmutter sehr ernst ausgesehen, aber nichts gesagt. Darauf hatte sie alle Kinder mit ihren Büchern vor sich kommen lassen, und das ganze Haus wußte, daß sie in den Lehrfächern geprüft werden sollten – Gott mag wissen, wie die alte Dame sich dabei anstellte, denn in ihrer Jugend war nicht viel Gewicht auf die sogenannte Schulbildung gelegt worden. Indessen hatte sie es doch wohl verstanden, zu examinieren, ohne sich selbst zu verraten, denn als die Kinder, jedes mit seinen Büchern in der Hand, wieder herauskamen, hatte Friederike einen ganz roten Kopf, Karoline weinte, lind Tymme war verwirrt. – Nach diesem Examen merkte man zum erstenmal einen Mangel an Selbstbeherrschung bei der alten Dame; ihre Hände zitterten, und ihre Augen funkelten hinter den Brillengläsern. Sie griff nach der Thür zu des Schwiegersohns Studierzimmer, bedachte sich aber und verschob die Zusammenkunft auf den letzten Tag, gleich nach dem Mittagessen.

Da vollzog sich dann die Hauptschlacht, gegen die alles andre nur als Vorpostengefechte betrachtet werden konnte. Tante Gine nahm keinen Teil daran, ging aber vor der Studierzimmerthür auf und ab und sagte zu den Kindern:

Nun will sie, die alte Güllichen, euch Kinder alle mitnehmen und euch zu Aristokraten und Volksfeinden machen und euch mit den toten Buchstaben erfüllen, die töten, und will euch in die schwarze Schule schicken, die gegen den Volksgeist ist, während ihr auf eine Volkshochschule solltet – ach, Herrjemine!

Sie war ganz außer sich, auch darüber, daß sie vom Kampfe und der Entscheidung ferngehalten wurde, und in ihrem Kummer begann sie eins der Lieder aus ihrer Volkshochschulzeit vor sich hin zu summen – ihre Stimme war eigentlich nicht dazu geschaffen –, ein Lied von Holger Danske, wie um den bösen Geist, der da drinnen in der Studierstube hauste, zu bannen. Aber dann verstummte sie auf einmal; sie vernahm die laute Stimme des Pfarrers drinnen:

Ich weiß dies recht wohl … aber das größere Übel, liebe Schwiegermutter, das größere Übel … was ich den Verderb des kindlichen Herzens nennen möchte, des – des – des Herzenslebens – der Geistesfreiheit … ja, liebe Schwiegermutter, für diese Gefahr haben Sie mit Ihrer Erziehung und Ihren Vorurteilen vielleicht weniger Verständnis …

Das waren schöne Worte, sagte Tante Gine erfreut, so soll es sein, gieb nicht nach, Mathis Lemvig.

Man hörte die Großmutter etwas erwidern, aber man konnte es außen nicht verstehn.

Der Pfarrer kurz nachher: Etwas werden – nichts werden? Hm, hm. – Zum ersten betrachten wir beide wohl mit ganz verschiednen Augen das, was »etwas werden« überhaupt bedeutet …

Er wurde von einer kurzen, unverständlichen Bemerkung der Gegenpartei unterbrochen. Aber von jetzt an konnte man an dem Ton ihrer Antwort merken, wie bitter im Grunde der Streit war, obgleich der Anstand aufrecht erhalten wurde.

Liebe Schwiegermutter, Sie haben zu wiederholten malen – sich erlaubt – mich an unsre verstorbne unvergeßliche Amalie zu erinnern – und das in einer Weise, als ob Sie – auf eine Weise – gleichsam ihre Rechte hier verträten … ich muß sagen …

Er hielt an, und es war einen Augenblick ganz still im Studierzimmer.

Friederike sagte: Pfui, wir horchen; wir wollen gehn; aber Tante Gine hielt sie am Handgelenk fest und horchte gespannt auf die Großmutter, die nun wieder zu sprechen angefangen hatte. Dann streckte Tante Gine auf einmal die Hände empor, die grauen Augen funkelten vor Zorn; sie mußte etwas sehr Schlimmes gehört haben.

Zugleich trat die Großmutter heraus. Die beiden Frauen maßen sich einen Augenblick mit den Augen; die Großmutter sagte: Ah, Jungfer Lemvig, so, Sie haben ge … aber sie faßte sich schnell, zuckte die Achseln ein wenig und ging mit einem kalten, steifen Lächeln durch die Flur in ihr Zimmer, wo ihre Jungfer Jutta das Einpacken für die Heimreise besorgte.

*

Die drei Tage des Kampfs sind vorüber. Stille ist eingetreten, die Schlacht ist zu Ende. – Auf der blutigen Walstatt, die kürzlich vom Schlachtgetümmel widerhallte …

Tante Gine fühlt, daß die Hauptschlacht verloren ist, aber sie weiß noch nicht, in welchem Umfang. Sie fragt den Pfarrer, aber dieser antwortet ihr ausweichend und schiebt die Erklärung hinaus wie ein geschlagner Armeeführer, der dem Oberbefehlshaber gegenüber nur ungern mit der Verlustliste herausrückt.

So geht es mehrere Tage lang fort, aber zuletzt nimmt ihn Tante Gine ernsthaft vor die Klinge.

Es nützt nichts, es länger zu verbergen, ist es so, daß Tym weg soll?

Der Pfarrer nickt. Ja, wenn die Zeit gekommen ist. Er wagt es nicht, sie anzusehen.

In die Schule? In die schwarze Schule? Ist es so?

Nach einer Weile kommt die Antwort: Ja, es zeigte sich, daß es notwendig war, dieses Opfer zu bringen.

Ist es das Geld, warum es sein muß?

Der Pfarrer giebt keine Antwort.

Dann hast du die Sache der Freiheit um des schändlichen Mammons willen verraten, und das Kind ist ihnen verfallen.

Es war notwendig – um seiner Zukunft willen – und mit Gottes Beistand – ich will dir etwas sagen, Gine, gerade aus der Lateinschule sind viele Freiheitsmänner hervorgegangen.

Und er soll wohnen –?

Ja, er soll. Bei der Großmutter, ja. Der Pfarrer seufzt. Er fährt fort:

Und außerdem habe ich versprechen müssen, daß die Mädchen vor Tyms Abreise ihre Großmutter in der Hauptstadt besuchen sollen, für kurze Zeit, nur für kurze Zeit.

Und zu all diesem hast du ja gesagt, Mathis Lemvig?

Es war notwendig.

Sechstes Kapitel

Tymme kommt in seine feine Familie in Kopenhagen

 

Gott verdamm mich, da ist der Kerl!

Bei diesem plötzlichen kräftigen Ausbruch richteten sich Tymmes Augen unwillkürlich auf einen im mittlern Alter stehenden ziemlich großen und schlanken Herrn mit einem langen blonden militärischen Schnurrbart und einer Menge kleine Runzeln um Mund und Augen; er stand neben Großmutters Stuhl und betrachtete Tymme durch ein Monocle; das war der Mann, der so schrecklich gebrüllt hatte.

Ach Leonhard, sagte die Großmutter nervös.

Um Vergebung, Mama, antwortete der Herr, aber da ist wahrhaftig keine Spur von Familienähnlichkeit, der ist, Gott verzeih mir, dem Vater wie aus den Augen geschnitten.

Aber Leonhard, sagte Tante Erika, die Tym die Thür geöffnet und ihn gleich so freundlich geküßt hatte.

Das ist dein Onkel Leonhard, sagte dieselbe Dame und drehte Tymme sanft zu dem Herrn hin.

Das war also der Onkel, den Friederike so gut hatte leiden können, als die Schwestern kürzlich in Kopenhagen gewesen waren. Er selbst hatte ihn noch nie gesehen, das wußte er bestimmt, denn die paarmal, wo er als ganz kleiner Junge in der Stadt zu Besuch gewesen war, hatte es sich so getroffen, daß der Onkel nicht da war.

Tymme fühlte, daß etwas von ihm erwartet wurde; er wollte zu dem Herrn hingehn, aber dann kam es ihm vor, als ob das dumm wäre. Darauf machte er ein paar Schritte in der Richtung zu dem Stuhl der Großmutter hin, aber seine Schritte auf dem weichen Bodenteppich klangen so merkwürdig, daß er auf halbem Wege stehn blieb; ratlos betrachtete er den großen Bücherschrank, den Kronleuchter an der Zimmerdecke, darauf drehte er den Kopf ein wenig auf die Seite – und brach in Thränen aus.

Das war gerade nicht verwunderlich; das Weinen war ihm nahe gewesen von dem Augenblick an, wo Tante Gine ihn verlassen hatte, nachdem sie an der Korridorthür geklingelt hatte. Hierauf war sie, sobald sie gemerkt hatte, daß aufgeschlossen würde, die Treppe wieder hinabgeeilt; aber sie hatte ihm doch einen Abschiedsblick gesandt, ach, es war gerade so gewesen, als ob sie auch weinen wollte, da hatte es angefangen, ihm von der Brust heraufzusteigen, als ob er schluchzen müßte, und in die Nase und in die Augen – aber in demselben Augenblick war aufgeschlossen worden, und der Diener war herausgekommen. Er hatte Tymme und seinen Reisesack, der neben ihm lag, angesehen, hatte darauf die Treppe hinuntergerufen: Ach Sie – Sie da! – Aber Tante Gine hatte keine Antwort gegeben. Dann war der Diener hineingegangen, und gleich darauf war Tante Erika herausgekommen und hatte ihn in die Stube genommen.

Nun stand er da und weinte, und bei dem Gedanken, wie greulich dumm das von einem elfjährigen Jungen wäre, weinte er noch mehr.

Und während der kurzen Zeit, wo er mitten in der großen fremden Stube die Thränen hinter den an die Augen gedrückten Händen vergoß – er wußte, daß die Hände von der Reise schwarz waren, und daß die Thränen auch schwarz werden würden, was sein Weinen noch ärger machte –, in dieser kurzen Zeit sah er in Gedanken alle zu Hause, die er nun verlassen hatte, und sein Herz schnürte sich zusammen. Aber doch war er sich bewußt, daß das schrecklich dumm sei, und daß die Großmutter und all die andern fremden Leute ihn auslachten, oder daß sie sogar sehr böse über ihn sein müßten.

Aber als er aufsah, ja, da war das merkwürdige, daß der fremde Mann, der mit dem schrecklichen Geschrei, der, von dem Tym geglaubt hatte, daß er ungeheuer ärgerlich sein würde, daß der im Gegenteil dastand und ihn sanft und freundlich ansah. Und Tante Erika hatte sogar seinen Kopf an sich gedrückt und streichelte sein Haar. Ja, sogar die Großmutter hörte er sagen:

Gieb ihm das große Bilderbuch, Erika, aber zuerst hinauf mit ihm, daß er sich wäscht, und das gründlich.

*

Ach, liebes Kind, hör doch auf dein Butterbrot in den Thee zu tauchen, sagte die Großmutter. Es war beim Thee am nächsten Morgen. Tymme hielt sein Weißbrot auf halbem Wege von der Tasse zum Munde an und sah erschrocken zur Großmutter hinüber, aber nun löste sich die Hälfte des Brots und fiel in die Tasse. Daraus folgte eine Reihe mißglückter Rettungsversuche, und während der ganzen Zeit betrachtete ihn die Großmutter unverwandt. Kurz nachher sagte sie:

Erika, es wird also am besten sein, du nimmst ihn gleich zu – zu – wie heißt er nur?

Ja, Mama.

Tymme fuhr sich in seiner Verlegenheit durch die Haare, und er fühlte, daß die Großmutter nun das scharf beobachtete; deshalb zog er die Hand zurück, und die langen blonden Locken fielen ihm über die Stirn und kitzelten ihn schrecklich unter der Nase, aber er wagte es nicht, die Hand dorthin zu führen.

Nein, sagte die Großmutter, wir müssen ihm zu allererst die Haare schneiden lassen, wie ich sehe. Anders soll mit gehn und gleich wieder zurückkommen.

Ja, Mama, sagte Tante Erika und klingelte dem Diener.

Siebentes Kapitel

Mehr von der feinen Sorte

 

Der Diener Anders ging mit der Jungfer Jutta, die auch Besorgungen in der Stadt zu machen hatte, die Straße hinunter; sie hatten Tymme zwischen sich.

Diese Straße heißt die Amalienstraße, sagte Anders zu Tymmes Belehrung; es ist faktisch die feinste Straße in der Stadt, müssen Sie wissen.

So, sagte Tymme und trabte weiter.

Wir gehn nun zu unserm ersten Friseur in der Stadt, sein Name ist Petit; Petit, merken Sie sich das, junger Herr.

Ja, sagte Tymme. – Aber wollen Sie nicht lieber du zu mir sagen – und Sie auch, fuhr er fort, indem er sich an Jutta wandte.

Gott segne Sie, gerne, antwortete diese. Ein hübscher Junge, flüsterte sie zu Anders hinüber. Tymme konnte nicht umhin, es zu hören; er wurde rot.

Mon Dieu, antwortete Anders, sagen Sie so etwas nicht zu dem jungen Herrn, er könnte leicht eingebildet werden; sagen Sie es zu mir, wenn Sie Lust dazu haben, ich bin daran gewöhnt, es zu hören. Und er zwirbelte an seinem Schnurrbart.

Es kam Tymme so vor, als ob Anders dem Onkel Leonhard ein wenig gliche, sowohl im Schnurrbart als auch in seiner Rede und in seinen Manieren, doch meinte er nicht, daß es ihm gut stehe.

Ist Onkel Leonhard gut? fragte er plötzlich.

Ach, du lieber Gott, sagte Jutta, es ist der beste Herr, den es auf der Welt giebt.

Yes, fügte Anders hinzu, ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, das ist er, Gott straf mich! Apropos, haben Sie gehört, hast du von dem galanten Jugendabenteuer des Hauptmanns in Viborg reden hören – doch das hast du wohl kaum?

Herr Gott, Anders, wie können Sie nur darauf kommen, von so etwas zu dem Kinde zu sprechen? sagte Jutta.

Ach, Pardon! – Das Herz ist nur einmal jung, wie wir zu meiner Zeit sagten, Gott strafe mich. – Sie, Fräulein Jutta! die war so schön wie Sie, und kurz gesagt, er soll mir ähnlich gesehen haben.

Ach, Sie sind ein Affe, sagte Jutta.

Wirklich? antwortete Anders unsäglich selbstzufrieden und strich sich den Schnurrbart.

Hören Sie, sagte Tymme kurz nachher – er hatte indessen über sein Mißgeschick beim Thee nachgegrübelt –, sagen Sie mir, ich habe heute morgen mein Weißbrot in den Thee getaucht; war das sehr entsetzlich?

Greulich, antwortete Anders ernsthaft. Aber das ist nur ein Scherz. Du kannst etwas so Schreckliches doch nicht gethan haben.

Doch, ich habe es wirklich gethan, sagte der Knabe mit ungeheuer beklommnem Herzen.

Anders blieb stehn und schlug die Hände zusammen: Mon Dieu, was höre ich! – Eintauchen? – Ent–setz–lich!

Kümmre dich nicht um ihn, er ist nun einmal ein Spaßvogel, sagte Jutta. Ja, hübsch ist es allerdings nicht, aber –

Ja, weil Tante Gine es immer thut.

Tante Gine, wiederholte Jutta mit einer etwas sonderbaren Betonung; durch die Seele des Knaben zog ein leiser Schmerz.

*

Nun also wir beide, sagte Tante Erika; sie war zum Ausgehn angekleidet, als Tymme in geschornem Zustand zurückkam.

Wo gehn wir nun hin, Tante Erika?

Du sollst einen neuen Anzug bekommen.

Tante Gine sagte, daß der ganz gut sei, den ich anhabe.

Tante Erika unterdrückte ihre Lust, eine Bemerkung zu machen. Sie sagte nur: Das ist er schon, aber – aber – nun sollst du ja heute angemeldet werden, und da will Großmama, daß du recht fein bist.

Angemeldet? Heute? in der Schule? Tymmes Herz klopfte.

Ja, vom Schneider gehn wir zu Onkel Leonhard.

Hat er eine Schule?

Tante Erika lachte. Nein, aber er soll dich anmelden.

Sie gingen stillschweigend nebeneinander her.

Diese Straße heißt die Amalienstraße, sagte Tymme, und sie ist die feinste Straße in Kopenhagen, und Petit heißt der feinste Friseur, sagte Anders.

Er sagte auch, fuhr Tymme nach einer kleinen Weile fort, daß Onkel Leonhard so ein Abenteuer wüßte.

Ein Abenteuer?

Ja, es sei ein galantes Abenteuer, sagte Anders – galant bedeutet wohl unterhaltend? –, und es sei aus der Zeit, wo er in Viborg gewesen wäre, aber Jutta sagte freilich, das sei nichts, was man mir erzählen könnte.

Lieber Gott, sagte Tante Erika und begann langsamer zu gehn; Tymme kam es so vor, als ob ihre Hand zitterte, und es wurde ihm ganz sonderbar zu Mute.

Jutta meinte wohl, ich sei zu groß für Märchen; aber das denke ich gar nicht, ich glaube, ich will Onkel Leonhard fragen, ob er mir das Märchen nicht erzählen möchte.

Aber Tante Erika beugte sich in unbegreiflicher Erregung zu ihm nieder und nahm ihm das feierliche Versprechen ab, daß er niemals, niemals, niemals mit Onkel Leonhard darüber reden, auch nicht einmal sagen wolle, daß jemand das mit Viborg berührt habe, er könne es nicht ertragen.

So schwieg Tymme, ganz verblüfft darüber, daß ein Abenteuer etwas so Schreckliches sein könne.

Droben im Schneidergeschäft – Tymme hatte noch nie etwas so Großartiges gesehen! – war eine sehr feine und freundliche Dame; sie und Tante Erika probierten ihm die Anzüge an.

Der kleine Herr ist wohl ein Bruder der hübschen jungen Dame, mit der Fräulein Güllich bei uns waren wegen eines neuen Kleides?

Der Bruder von beiden, sagte Tante Erika lächelnd.

Ach ja, natürlich, aber die Ähnlichkeit mit der einen ist besonders auffallend. – Waren Sie und die gnädige Frau Konferenzrätin zufrieden?

Ja, wir waren recht zufrieden, sagte Erika; der Ton war etwas kurz, denn sie erinnerte sich an die Reibungen, die es aus diesem Anlaß zwischen ihrer Mutter und Friederike gegeben hatte, und überhaupt an die Auftritte, zu denen dieses widerspenstige Kind während des kurzen Besuchs der Schwestern Anlaß gegeben hatte.

Jetzt war Tymme fertig: ein flotter blauer Anzug mit goldnen Knöpfen, eine Matrosenmütze mit goldnen Buchstaben und flatternden Bändern. Doch betrachtete er seinen alten Anzug, den Tante Gine selbst genäht hatte, und der nun in ein Bündel zusammengeschnürt auf dem Ladentisch lag, mit Wehmut. Es war, als hätte man den eigentlichen alten Tymme da zusammengepackt.

Er hatte nie leiden können, wenn etwas weggethan wurde, deshalb wurde es ihm wehmütig ums Herz.

Nun war die Heimat in seinen Gedanken aufgestiegen; er sagte:

Denkst du nicht auch, daß Frie ein prächtiges Mädchen ist, ich meine Friederike, nicht?

Sie war nicht recht artig gegen Großmutter, antwortete Tante Erika zögernd.

Tymme dachte darüber nach, wer wohl von den beiden Recht gehabt hätte, Frie oder die Großmutter.

Als sie nach Hause kam, sagte Friederike, sie fürchte sich nicht vor Großmutter. Sie sagte, Großmutter sei zänkisch.

Das war auch nicht sehr artig gesagt – wenn man es mild ausdrücken will.

Ja, aber ist denn Großmutter nicht wirklich ein wenig zänkisch? Das sagte auch Anders heute morgen.

Du solltest nicht so viel mit den Dienstboten reden.

Nicht? Aber Tante Gine sagt doch immer, das sei das allerbeste für einen, denn dann werde man so recht volkstümlich.

Na ja, aber hier mußt du thun, was Großmutter sagt.

Ja, und was du sagst, das kann ich schon verstehn. Über dich hat Frie übrigens auch etwas gesagt.

Nun, was hat sie denn über mich gesagt? fragte Tante mit angenommner Gleichgiltigkeit.

Tymme zögerte ein wenig mit der Antwort. Es ist gewiß auch nicht ganz artig; ich weiß es nicht recht.

Dann solltest du es freilich lieber nicht sagen. – Nun, was war es denn?

Denn es war so wunderlich. Sie sagte, daß du ein gutes liebes Ding seist, gut und dumm – nein, sie sagte nicht dumm, beeilte sich Tymme, entsetzt über das, wozu ihn seine Wahrheitsliebe verleitet hatte – sie sagte wirklich nicht dumm, denn das bist du ja gar nicht, das wissen wir wohl – er klammerte sich zärtlich an sie an und drückte ihre Hand.

Sie war feuerrot geworden und sagte, mehr zu sich selbst:

Nein, ein Licht bin ich freilich nicht, aber ich bin eine – eine – Dame, das kann ich wohl sagen, und es giebt andre, die nicht versprechen, es zu werden – leider.

Tymme fiel es auf, daß das Wort »Dame« in ihrem Munde zu einem Ehrentitel wurde, während Tante Gine es immer als einen Ausdruck des Spotts gebraucht hatte.

Es fiel ihm auch auf, daß Tante Erika Onkel Leonhard recht ähnlich war, als sie sagte: Ich bin eine Dame.

Achtes Kapitel

Tymme wird in Professor Löwes Schule angemeldet

 

Nicht ohne Angst stieg Tymme die Treppe zu Onkel Leonhard hinauf, zu dem Manne, der gestern so schrecklich gebrüllt hatte, und der eine Geschichte wußte, die so grausig war, daß er sie selbst nicht einmal hören konnte. – Es ging viele Stufen hinauf, und Tante Erika mußte einmal enthalten, um Atem zu schöpfen.

Ah, schon! – Ja, ich bin gleich bereit, liebe Schwester. – Nein, so ein verdammt hübscher Kerl – das heißt, nicht eigentlich hübsch, fuhr Onkel Leonhard fort, der seinen pädagogischen Fehlgriff einsah, aber gut; ein guter lieber Junge, nicht wahr, du Kerl?

Wie ritterlich und gewandt war er doch in seinem Auftreten der Schwester gegenüber; Tymme hatte so etwas noch nie gesehen. Auf der andern Seite aber fiel es ihm auf, wie einfach die Wohnung und die Möbel waren.

Als Tante Erika gegangen war, kleidete sich Onkel Leonhard in einem Nebenzimmer um und zeigte sich dann als das, was er war: Hauptmann in der dänischen Infanterie, in einem stramm und gut sitzenden, mit Tressen besetzten Rock. Hierauf gingen sie miteinander fort.

Der Hauptmann, der wohl merkte, wie beklommen es dem kleinen Burschen bei dem, was bevorstand, zu Mute war, suchte ihn durch lebhaftes Sprechen und häufige Einschaltungen von: Nur guten Mut, mein Junge! und dergleichen zu zerstreuen. Tymme war noch keine Straße weit mit ihm gegangen, als er ihn schon lieb gewonnen hatte.

Um dem Onkel für seine Freundlichkeit einen kleinen Gegendienst zu leisten, sagte er:

Friederike sagte, als sie nach Hause kam, daß sie dich sehr lieb habe, Onkel Leonhard. – Das stimmte auch mit der Wahrheit überein, denn Friederike hatte sogar gesagt, daß Onkel Leonhard der einzige sei, aus dem sie sich in Kopenhagen etwas mache.

Mon Dieu, antwortete der warmherzige Onkel, so sage deiner Schwester wieder, sie könne sicher sein, daß ich ihr ein ergebner Verwandter sei – ebensowohl als dir und der armen Karoline; das gefällt mir; und er drückte Tymmes Hand so kräftig, daß es weh that.

Warum sagst du: »Arme Karoline«? fragte Tymme.

Sagte ich das? – ach, ich weiß es eigentlich selbst nicht, antwortete der Hauptmann, der sich auch wirklich keine Rechenschaft darüber geben konnte.

Sie kamen an einer Konditorei vorüber, Tymme merkte, daß der Onkel nach ihm und nach dem Laden hinüberschielte, ja er machte sogar eine kleine Schwenkung, als ob er hinein wollte; aber sie gingen doch vorüber. Tymme warf ihm einen verstohlnen Blick zu; er sah ein wenig unruhig und wie unzufrieden aus.

Über diesen kleinen Vorfall grübelte Tymme nun im Weitergehn stillschweigend nach – es war wirklich nicht um der Kuchen willen –; er fand heraus, daß der Onkel wohl nicht Geld genug gehabt habe, und wenn man dies in Verbindung mit der Einfachheit seiner Wohnung brachte, so kam man zu dem traurigen Ergebnis, daß er gewiß arm war. Da kam es Tymme vor, als müsse er, trotz seines eignen Kummers, den Onkel trösten, und er sagte darum – nachdem eine gemeßne Zeit vergangen war – mit großer Freundlichkeit:

Onkel Leonhard, bist du sehr arm?

Diese plötzliche Frage mußte auf merkwürdige Weise mit des Hauptmanns eignen Gedanken zusammen getroffen sein. Mit einem Ruck hielt er an, betrachtete Tymme und sagte:

Erstaunlich. Vollständig verblüffend. – Hierauf ergriff er ihn am Arm, wandte schroff um und zog ihn beinahe, trotz aller Einwendungen, in die Konditorei hinein.

Tymme verspeiste leckere Kuchen, aber sie schmeckten ihm nicht recht.

*

Sie gingen durch verschiedne lange Gänge mit Thüren auf beiden Seiten; es waren Zahlen an den Thüren, einige davon standen offen, sodaß Tymme die langen schwarzen schrägen Tische, die Bänke mit oder ohne Rücklehnen, die Landkarten und Bilder an den Wänden und die riesigen schwarzen Tafeln sehen konnte; er sah auch die Katheder und schauderte. Einige Scheuerfrauen hantierten da drinnen herum, sonst war alles leer und öde, es waren ja noch Sommerferien, aber übermorgen begann die Schule. – Sie kamen an einen Gang, der sich vor den andern durch einen Linoleumbelag auszeichnete; das war der »Professorengang.« Onkel Leonhard klopfte an eine Thür; die Angst und die Kuchen saßen Tymme im Hals.

Professor Löwes Schule war wegen ihrer strengen Ordnung und guten Zucht bekannt; es war eine der ersten und ältesten in Kopenhagen. Der Professor selbst war ein guter Bekannter des Hauptmanns Güllich; er war ein ansehnlicher älterer Mann mit einem breiten und verständigen Gesicht, in dessen Ausdruck die Gewohnheit eine permanente Strenge gelegt hatte, die aber doch jeden Augenblick von angeborner guter Laune und von gutmütigem Spott durchbrochen wurde.

Das ist einmal ein langgestreckter Bursche, sagte der Professor und betrachtete Tymme. – Na, wir wollen einmal sehen. – Wie heißt er denn?

Tymme schwieg; der Hauptmann auch; es war, als wolle keiner mit der Sprache heraus. – Ja, aber irgendwie mußt du doch heißen?

Tymme Styrbjörn Frode.

Na, das ist doch gar nicht so übel. Dann bist du also kein Güllich, darauf will ich wetten.

Der Hauptmann erklärte ihm die Verwandtschaft.

Na, nun wollen wir also sehen, Lemvig. Du siehst mir so aus, als ob du elf Jahre alt sein könntest, ja sogar gut, obgleich – eh – ja, ich dachte es doch. – Wo bist du in die Schule gegangen?

Droben im grünen Zimmer – daheim bei dem Vater, beeilte sich Tymme errötend hinzuzufügen.

So, im grünen Zimmer – ja, das kann ich verstehn. Hauslehrer und andre solche guten Leute. Was ist gut für ein Wort, was?

Tymme sah den Professor verwirrt an, auch der Hauptmann schien ein wenig unruhig zu sein.

Gutes Essen, gute Butter, gute Knaben? – nun? Welche Wortklasse?

Tymmes Verwirrung stieg ins hoffnungslose; der Hauptmann zog sich in eine Ecke des Zimmers zurück und betrachtete von da aus seinen Neffen mit tiefem Mitgefühl.

Na ja – dann wollen wir einander etwas vorlesen. Der Professor nahm ein Buch und winkte Tymme an den Tisch heran. Tymme las vor.

Halt. – Dann analysierten sie ein wenig, aber der Professor schloß plötzlich das Buch und sah zu dem Hauptmann hinüber. Dieser hatte einen roten Kopf bekommen.

Dann kam ein wenig Geographie und etwas Weltgeschichte. Nach der Prüfung sah der Professor wieder zu dem Hauptmann hinüber, der stumm wie eine Maus und so rot wie ein gekochter Krebs dasaß.

Hierauf bekam Tymme ein Stück Papier. Gieb nun acht, Lemvig. Es war einmal ein Bauer, der in den Wald fuhr. Da kamen Räuber, die banden den armen Mann auf dem Boden seines eignen Wagens fest. – Da ist kein Grund zum Weinen, mein kleiner Freund; er wurde wieder frei. – Da ist eine Feder; schreib jetzt nur, was ich sage:

Der Bauer lag gebunden auf dem Boden des Wagens.

Tymme schrieb, das Papier war naß von seinen Thränen. Der Professor las es; er schob die Unterlippe ein wenig vor und überreichte das Geschriebne dann zögernd dem Hauptmann.

Alsdann erhob sich dieser, faßte den Professor beim Knopfloch und sprach eine Weile flüsternd mit ihm. Der Professor nickte: Ja, ich verstehe; ja ja; ja, ich kenne das. Währenddem aber stand Tymme am Fenster und schaute betrübt auf den Spielplatz der Schule hinunter. Da stand ein großer Baum, der rauschte sommerlich im Augustwinde; Tymme schien es, als seufze der Baum nach seinen fernen freien Brüdern draußen im Walde, und seine Gedanken schwebten hinaus über Felder und Seen, weit hinaus aufs Land und über den Großen Belt, weiter und weiter – geradeswegs nach Rosgaard –

Er wurde in seinen Träumen dadurch unterbrochen, daß er eine freundliche Hand auf seinem Kopf fühlte und des Professors Blick teilnehmend auf sich ruhen sah. Darauf sprach der Professor lange und freundlich mit ihm, fragte ihn nach vielerlei aus, nach seinen Erlebnissen, auch nach den goldnen Sommererinnerungen und dergleichen mehr, das schamhaft verborgen in dem Allerheiligsten seiner Seele lag.

Ein merkwürdig träumerischer Junge – wir wollen sehen, was wir aus ihm machen können – setzen ihn nun unter die Kleinen in der vierten Klasse, sollte in der sechsten sein. – Das waren die letzten Worte, die Tymme den Professor zum Onkel sagen hörte.

Als er nachher mit diesem heim ging, der nun eben so stumm und niedergeschlagen war, wie er vorher lebhaft gewesen war, fühlte er wohl, daß ihm eine Schande widerfahren war, und nicht nur ihm, sondern auch der Familie, und mit einem neuen Schmerz kam es über ihn, ob es nicht etwas des Vaters Schuld sei, seines eignen Vaters!

Vor dem Thor der Großmutter in der Amalienstraße öffnete Onkel Leonhard zum erstenmal den Mund –

Nun, Kerl, frischen Mut! – Mon Dieu, man muß mit blindem Mut vorwärts gehn, dann macht man schließlich seiner Familie Ehre!

Neuntes Kapitel

Die Mittwochabende in der Amalienstraße

 

An einem L'hombretisch war Hauptmann Güllich ein ganz andrer Mensch als im alltäglichen Leben. Sonst lag oft etwas wenn auch nicht gerade Gedrücktes, so doch Wehmütiges und Unfrohes über ihm. Aber seht ihn zum Beispiel an den Mittwochabenden am L'hombretisch daheim bei seiner Mutter, in Gesellschaft mit seinem Freund und Altersgenossen dem Obergerichtsprokurator Borrig, mit seiner lebhaften alten Tante Fräulein Sehested und mit der Witwe Frau Schölten; vollends wenn sein herzgeliebter Bruder Johannes einmal von Rosgaard auf Besuch da ist! – seht ihn auch bei einer zahmern Partie: der Mutter, der Schwester und Sr. Hochwürden, dem Bischof von Seeland, da ist er unbefangen und kann beinahe lustig werden, ja er gebraucht zuweilen Ausdrücke, die an einem weniger feinen Tisch entschieden Flüche genannt werden müßten.

Die Sache war, daß er unter die ersten L'hombrespieler Kopenhagens gerechnet wurde: er gewann immer. Nicht nur Mittwochs bei seiner Mutter, sondern auch Montags bei Scholtens, Dienstags und Donnerstags bei andern Bekannten und am Sonnabend bei Borrig. Den Freitag hielt er sich frei, denn er könne es nicht leiden, in seinem eignen Heim zu gewinnen, sagte er. Diese Gewinste machten, hieß es, einen sehr fühlbaren Teil seiner Einnahmen aus; denn es war bekannt, daß es ziemlich knapp bei ihm herging. Es war da etwas aus frühern Tagen, etwas mit einem Frauenzimmer in Viborg, von der Zeit her, wo er dort in Garnison gestanden hatte: sie schröpfte ihn immer noch schrecklich, viel mehr, als er sich eigentlich gefallen zu lassen brauchte – so redeten die Leute, und Borrig, der am besten darüber Bescheid wußte, nannte es ein »sehr übertriebnes Ehrgefühl, ein verwerfliches Ehrgefühl, gerade heraus gesagt.« Die Sache wurde natürlich in Güllichs Gegenwart niemals berührt, auch nicht in der der Familie; denn sie hatte vielerlei Unannehmlichkeiten im Gefolge gehabt, und hatte einen dauernden Schatten auf das ganze Leben eines honetten und im Grunde fröhlich angelegten Menschen geworfen.

Die Gesellschaften der Großmutter Güllich sind immer am Mittag. Diese prinzipienfeste alte Dame mißbilligt Abendgesellschaften und betrachtet es als ordinär, am Abend etwas andres zu ihrem Thee zu genießen als ein Butterbrot. Die Mittwochsgesellschaften beginnen Punkt vier Uhr, und obgleich sie ein alltägliches Gepräge haben – Suppe, Braten, Dessert, niemals etwas andres –, kommen die Herren im Frack, und es wird auch immer zu Tisch »geführt«. Es wird nur eine Sorte Wein aufgestellt, Rotwein, und wenn sich der Erbprinz von Sachsen-Koburg-Gotha selbst plötzlich zum Mittag anmelden würde, so würde doch darin keine Änderung vorgenommen werden: Seine Durchlaucht würde sich das Essen und den Wein gut schmecken lassen und denken, daß er sich in guter Gesellschaft befinde – und warum? Weil sich am Tisch der Großmutter Güllich alle ruhig und natürlich fühlen, und sicher, daß sie zu der guten Gesellschaft gehören; niemand sucht sich auf forcierte Weise geltend zu machen, keines zeigt eine unruhige Sorge, übersehen zu werden; und zeigt sich auch vielleicht keine außerordentliche Geistreichheit, so giebt es auch keine Gemeinheit und keine Plattheit. Dazu kommen die wohldressierte Bedienung des Dieners Anders, das sehr schwere Familiensilber auf dem Tisch, die eigentümlichen alten Rotweingläser und dann die alten Ahnenbilder rings an den Wänden. Ja, gewiß ist es ein feines altes Haus, das Güllichsche!

Nach Tisch wird den Herren in dem geräumigen Zimmer des alten Konferenzrats eine Cigarre bewilligt; hierauf wird Karte gespielt, Herren und Damen gemischt an ein paar Tischen im Wohnzimmer oder im »Saal«, und wenn der bemeldete Erbprinz im Vertrauen auf seinen Rang es sich einfallen ließe, seine Cigarre vom Rauchzimmer mit hereinzunehmen, dann würde Seine Durchlaucht ganz einfach nicht wieder in dieses Haus eingeladen werden. Aber das kann vorkommen, daß ein paar der Herren, die gerade nicht am Spiel sind, sich eine Freiviertelstunden-Cigarre in dem Zimmer erlauben, das von den alten Tagen her, wo der Hauptmann noch ein Knabe war, noch heute »Leonhards Zimmer« genannt wird, aber dann geschieht es immer mit dem Anstrich der alten halben Heimlichkeit jener Tage, während Großmutter Güllich thut, als merkte sie nichts davon – eine äußerst komische Manier für so alte Jungen wie Jägermeister Güllich (der von Fünen), Hauptmann Güllich und Obergerichtsprokurator Borrig.

Es ist ein altes Haus, wo die Traditionen in Ehren gehalten werden. Die sechs Generationen der Konferenzräte und Kammerherren wachen von ihren mattvergoldeten Rahmen aus darüber, daß alles so geht, wie es soll.

Punkt halb neun wird der Thee herumgegeben, mit kleinen gerösteten Brötchen und Weihnachtsstollen, aber Anders winkt mit schlauer Miene den Herren in »Leonhards Zimmer«; dort steht Bier für die Herren, die solches zu trinken wünschen – den Blicken der Großmutter und der Ahnen entzogen.

Nachher wird nicht mehr gespielt. Aber die alte und gute Violine, die des alten Konferenzrats Freude war, wird hervorgeholt, und der Flügel geöffnet, der Flügel, der zu Zeiten der armen Amalie neu gewesen war. Onkel Leonhard spielt die Violine; er hat einen weichen und zarten, etwas sentimentalen Strich, so wie der Vater ihn auch gehabt hatte. Tante Erika begleitet leise und korrekt, aber etwas trocken. Tymme hört mit behaglichem Wohlbefinden zu, so lange er aufbleiben darf. Was ist das, was ihr spielt, Kinder? fragt Großmutter. Haydn, antwortet eins. Ach ja ja; aber nun wollen wir aufhören; es ist doch nicht mehr wie in den alten Tagen.

Dann weiß man, daß Großmutter schläfrig ist; man lächelt einander ein wenig an, und nach einer kleinen Weile sagt man Adieu und Gute Nacht!

*

Es war an einem solchen Mittwoch Abend. Tymme stand neben Onkel Leonhard am Spieltisch und beobachtete bewundernd dessen weiße Hände mit den langen sorgsam gepflegten Nägeln, wie graziös diese mit den Karten spielen konnten – da sagt Onkel Leonhard, während er die Karten weglegt und seine Spielmarken zählt:

Nun, Kerl, wie geht es denn in der Schule? – er vermied es gern, die Benennung Tym oder Tymme zu gebrauchen. – Was, Kerl?

Sollte er nun das sagen, was ihn seit ein paar Wochen gebrannt hatte, es in Gegenwart der fremden Leute sagen?

Er schaute auf, und eine Thräne funkelte in jedem Auge. Durch die Thronen hindurch sah er nur die guten, freundlichen Züge des Onkels; die andern verschwanden vor ihm, und er sagte:

Alle Jungen spotten über mich, weil ich »Tymme« heiße, und dann haben sie auch entdeckt, daß ich »Styrbjörn« und »Frode« heiße, und sie lachen mich aus.

So hau sie durch, hols der Teufel! haue sie durch!

Das thu ich auch jeden Tag, aber sie lachen doch über mich. Und dann nennen sie mich Saul.

Saul? Warum denn? fragte Se. Hochwürden der Bischof von Seeland. Tymme wandte sich an den Fragesteller; die Thränen in den Augen wurden dicker, er konnte ihn kaum sehen.

Ach, der Professor ist selbst Schuld daran, denn er kam in die Klasse und sah mich an und sagte: Saul, eines Hauptes länger als alles Volk. Und seither heißen sie mich Saul … und … dafür kann ich doch nichts, daß ich zu spät in die Schule gekommen bin … da ist Vater ganz allein Schuld daran … Die Leidenschaft überwältigte ihn; er weinte bitterlich.

Die Erwachsnen sahen einander an und schwiegen. Schließlich rief Onkel Leonhard:

Es war auch verdammt, daß ich … Nun, Kerl oder Junge, oder wie du nun heißt, da giebt es kein andres Mittel dafür – für das mit – ihm – diesem – Saul, als daß du fleißig und gehorsam bist und deinen Stil und deine Aufgaben und alles das lernst, und zwar aufs Tüpfelchen, verstehst du, dann werden sie zuletzt aufhören mit ihrem – Saul.

Tante Erika fragte freundlich: Aber was sagen denn die Lehrer von dir?

Ach, die Lehrer, antwortete Tymme mit bedeutend größerer Gleichgiltigkeit, sie sagen, ich könne gar nichts.

Au! rief Prokurator Borrig.

Onkel Leonhard rieb sich die Nase mit der Coeur-Dame, sah die neuausgegebnen Karten an, schielte zu Tymme hin, wie wenn er etwas sagen wollte, gab es aber auf und rief statt dessen:

Hochwürden, Sie spielen aus!

Aber später, als das Spiel ausgehoben war, nahm er Tym bei der Schulter und sprach mit ihm von allen unbemerkt:

So darf man nicht von seinem Vater sprechen. Was einem seinen Vater anbelangt, was deinen Vater anbelangt – so schiebe die Schuld nie auf ihn, er hat keine Schuld, keine weitere Schuld an dem, was du vorhin sagtest; es ist eben so gekommen; das ist nun eben ein – ein – ein Naturgesetz. Hast du mich verstanden?

Tymme verstand ihn außerordentlich gut, trotz des »Naturgesetzes«, und war ihm von Herzen dankbar dafür.

Dagegen steht das unerschütterlich fest, was ich vorhin vom Durchhauen gesagt habe. Das mußt du wissen: eines Menschen Namen, das ist sein – sein – nun. Mon Dieu, wenn dich jemand verspottet, weil du nun einmal Tymme getauft bist oder sogar Styrbjörn und – na – die andern Namen dazu, so bist du bei deiner Ehre verpflichtet, ihn augenblicklich auf den Boden zu werfen und ihn nachdrücklich durchzuhauen. Die Taufe, mein Junge, die Taufe ist nämlich ein großes Heiligtum, sie darf nicht verspottet werden. Hast du mich verstanden, Kerl?

Ja, auch das verstand Tymme sehr gut. Er hätte für den Onkel durchs Feuer gehn können!

Zehntes Kapitel

Tymme wird ein Dichter

 

Tante Erika pflegte Tymmes wöchentliches Zeugnisheft zu unterschreiben, und sie that es immer mit einem Seufzer, denn die Zeugnisse waren schlecht, besonders im dänischen Stil. Er war nicht ans Arbeiten gewöhnt, verstand gar nicht, was es hieß, eine Aufgabe zu lernen. In den Stunden paßte er wohl auf, und zwar ziemlich gut; es kam ja viel vor, was ihm Vergnügen machte, aber mit den Hausaufgaben kam er nicht recht zu stande. Die Grundlage mangelte ihm in jedem Fach, und wenn er herumging »eines Hauptes länger als alles Volk,« so war das nur in körperlicher Hinsicht, in geistiger Beziehung war eher das Gegenteil der Fall. Trotzdem war er der anerkannte Anführer der Klasse bei allen Leibesübungen und ihr Vorkämpfer gegen Gewaltthäter aus den höhern Klassen.

Und dann war er der Dichter der Klasse geworden.

Denn dieser Stümperfritz im dänischen Stil, der im Diktat kein nur ein wenig schwieriges Wort buchstabieren, noch die Wortklassen ordentlich voneinander unterscheiden konnte, er war im Gefühl und in der Einbildungskraft nicht allein seiner Klasse, sondern auch seinem eignen Alter ein Stück voraus. Von dem Mißgeschick des äußern Lebens, von den Strafpredigten und den schlechten Zeugnissen flüchtete er in sein Inneres und schaffte sich da ein träumerisches Stimmungsleben aus lieben Erinnerungen und Eindrücken. Unter dem Einfluß von dem, was er las, zum Beispiel Ingemann oder Öhlenschläger, erwachte der Drang, diese Eindrücke in einen Rhythmus zu setzen und womöglich in Reime, aber das war schwer, und so versank er wieder in passives Träumen.

Nur wenn ein äußerer Sporn dazukam, zum Beispiel die Eitelkeit, dann war er beharrlicher. So verfaßte er in der Eigenschaft des offiziellen Dichters der Klasse die berühmte Reihe Schlachtgesänge, die – in Verbindung mit seiner starken Faust – in dem erinnerungswürdigen monatelangen Krieg, der im Schulhof zwischen der vierten und der fünften Klasse geführt wurde, seiner Klasse den Sieg verschaffte. Die Verse verfaßte er zu Hause, wenn Großmutter und die andern glaubten, er lerne seine Aufgaben.

Auf, Söhne des Kampfs, greift zu dem Schwert,
Zeigt eure Kraft, ihr Helden wert!
Dem Feinde den Tod,
Wenn die Kriegsfackel loht!
Ha!

Christiansen der Fant mit dem greinenden Mund,
Ihm sei es geschworen, er falle zur Stund!
Der fünften Klasse den Tod,
Wenn die Kriegsfackel loht!
Ha!

Vor der langen Freiviertelstunde machte das Gedicht unter dem Tische die Runde; Tymme schielte dann nach den Gesichtern der Kameraden und las seine Ehre in jedem einzelnen. – Die Gedichte wären aber doch nicht auf einen solchen Grad der Vollkommenheit gebracht worden, wenn Tymme nicht einen kritischen Freund und Ratgeber an einem Jungen, der Mollerup hieß, dem Primus der sechsten Klasse gehabt hätte, der die Verse immer morgens vorher durchsah und einige grammatikalische Schnitzer verbesserte. – Zwischen diesem Mollerup und Tymme, der wegen seines Alters und seiner Größe ziemlich viel mit den Schülern der sechsten Klasse verkehrte, hatte sich eine Freundschaft entwickelt.

Ein kurzdauernder Bruch zwischen den zwei gleichaltrigen Freunden fand allerdings statt, und zwar aus folgendem Grunde.

Lange Zeit hatte Tymme nicht gedichtet. Aber eines Tags, in der ersten Freiviertelstunde, zog er Mollerup auf die Seite und vertraute ihm unter dem Siegel unverbrüchlichen Schweigens an, daß er jetzt daran sei, eine richtige Tragödie zu dichten.

Nein, wirklich! sagte Mollerup lebhaft interessiert. Aber wenn du nur dann auch –

Nun, du verstehst, daß ich diese Tragödie nur zu meinem Vergnügen mache, wenigstens vorläufig. Sie soll damit beginnen, daß in der Luft ein Kampf zwischen den bösen und den guten Geistern ausgefochten wird, und wer, glaubst du, wird siegen?

Die guten wohl?

O nein, antwortete Tymme entzückt über seine Originalität, die bösen siegen, jedenfalls vorläufig; das ist viel spannender. – Ich habe schon ein wenig an der Mitte gearbeitet, willst du das Konzept sehen? – horch, da läutet es – lies es in der Stunde und gieb mirs dann in der nächsten Freiviertelstunde zurück. Es ist da, wo er von den Feinden geschlagen ist, und alles ist verloren …

Was steht ihr da und habt noch zu schwatzen, wollt ihr wohl hinauf! rief der Direktor.

Während der Stunde las Mollerup:

Valfred: So ists vorbei, still sein Haupt sich neicht.

(Das ist wahrhaftig schön, dachte Mollerup und korrigierte das ch in g.)

Das Dunkel der Nacht ihn schrecklich umhüllet,
O Valfred, dein Leben den Früchten gleicht,
Die vom Wurme mit Gift sind ganz erfüllet.

(Das ist der helle Unsinn, dachte Mollerup, nachdem er dies zweimal gelesen hatte. Und auf die Weise stimmen auch die Reime nicht.)

In der Freiviertelstunde sagte er Tymme seine Ansicht, aber dieser wurde ärgerlich und sagte, Mollerup fehle es an Gefühl. Und darauf trutzten sie ein paar Wochen lang miteinander.

Nach Verfluß dieser Zeit kam Tymme wieder zu Mollerup; sein Gesicht war sehr ernst und würdig:

Nun, ich will dir bloß zeigen, daß ich doch Verse schreiben kann – willst du dies hier lesen –

Und Mollerup las, das Papier in der hohlen Hand halb versteckt wegen der Neugierde der andern Jungen:

O Dänmark, sieh, dein Ufer ist nur flach,
Doch äst auf deiner Flur der Hirsch gemach.

O Schweden, sieh, wie herrlich ist dein Sohn,
Im Waldesdickicht grünt der Birke Kron'.

Norwegen! hör die Wasserfälle brausen.
Die Dampfer, die auf deinen Fjorden sausen.

Norweger, Schweden, Dänen reicht vereint
Euch treu die Hand und bleibt euch ewig Freund.

Ja, das ist ausgezeichnet, sagte Mollerup.

Das ist da, wo er die Feinde gefällt hat …

Wer hat sie gefällt?

Valfred natürlich.

So der. Der aus der Tragödie?

Ja, und als er die Feinde gefällt und damit allein die drei nordischen Königreiche befreit hat, da singt er dies. Wie gefällt es dir?

Es ist ganz ausgezeichnet – aber die beiden letzten Reime …

Ja, das weiß ich wohl, aber »Freund« und »vereint,« das geht doch; es reimt sich ganz gut.

Na ja, vielleicht – Aber die »Dampfschiffe.« Sie konnten doch damals noch keine Dampfschiffe gehabt haben.

Au, das ist schlimm. – Was sollen wir nun thun … laß mich einmal sehen. O nun hab ich es: Die Mühlen, die an deinen Fjorden sausen; ich meine natürlich Wassermühlen.

Aber es giebt doch keine Wassermühlen an den Fjorden.

Doch, wenn eine Strömung da ist, so ist das doch gerade so gut wie ein Bach oder ein Fluß.

Aber dann könntest du doch sagen: An den Bächen sausen.

Ja, da hast du Recht. Die Mühlen, die an deinen Bächen sausen. Schreibt man Mühle mit oder ohne h?

Mit h. – Ja, nun ist es ganz ausgezeichnet.

Und damit war das gute Verhältnis zwischen den Freunden wieder hergestellt.

Elftes Kapitel

Handelt unter anderm davon, wir es zuging, daß
Tym nicht ins Tivoli kam

 

Zwei Jahre hatten unter andern Veränderungen auch bewirkt, daß Hauptmann Güllich Oberst, und daß Tymme dreizehn Jahre alt geworden war; er ging jetzt in die sechste Klasse.

An einem Mittwoch Abend, als Oberst Güllich gerade noch feiner als gewöhnlich Karten gespielt hatte, sagte er plötzlich zu seinem Neffen:

Du Kerl, ich höre mit Vergnügen, daß du in der dänischen Sprache tüchtige Fortschritte machst. Deine Tante sagt mir, daß du zwei »recht gut« in der letzten Woche bekommen hast.

Potztausend! sagte der Prokurator Borrig. Zwei ganze »recht gut«?

Mon Dieu, am Freitag darfst du mit mir ins Tivoli, und … und … – er rechnete offenbar die Ausgaben in seinem Kopfe aus – und du kannst dir einen der andern Jungen einladen, welchen du willst; hast du mich verstanden?

Darf ich Mollerup mitnehmen, aus der zweiten Klasse?

Gern, mein Junge – Wart ein wenig – Mullerup? Müllerup? Von welcher Familie?

Ich weiß es nicht – sein Vater ist Uhrmacher in der Regnestraße, aber es sei nicht sein richtiger Vater, sagen die andern, und auch nicht seine Mutter. Die Lehrer sagen, wir dürften ihn nicht fragen, denn das wäre ein Unrecht gegen ihn, und er könne nichts dafür, aber ich verstehe das Ganze nicht recht. – Er ist sehr nett und immer der Erste in seiner Klasse.

Der Oberst ließ die Karten ruhen und sah geistesabwesend auf Tymme.

Die Eltern sind wahrscheinlich tot, sagte der Bischof von Seeland, der eine behutsame Abwicklung der Geschichte wünschte.

Nein, das ist gerade das Merkwürdige. Die Jungen sagen, er sei »unecht,« aber ich habe nie herausbringen können, was das eigentlich …

Hm. – Ja natürlich nimmst du den armen Jungen mit – deshalb kann er ja doch ein Gentleman sein. Gerade deshalb nimm ihn mit. Hm.

Sag mir, Onkel, du sagst so oft: »Gentleman«; ist das einer, der flott und fein ist und schöne Kleider hat und dergleichen? Denn ich habe Anders einmal gefragt, und es war sicher so etwas, was er sagte.

Großmutter Güllich: Nicht flott, aber wohl fein und mit guten Manieren. – Die Finger von der Nase, liebes Kind. Steh nun ruhig, es ist unerträglich, wie du wackelst.

Tante Erika: Ein Gentleman ist honett. Und er urteilt mild und ist rücksichtsvoll.

Der Bischof von Seeland: Das, was einen zum Gentleman macht, ist die äußere Manifestation des edeln und reinen Willens, das in allen Lebensverhältnissen reine und tadellose Auftreten, insofern es …

Onkel Leonhard: Das ist zu gelehrt für mich. Junge, paß auf, dann werde ich dir meine Ansicht über einen Gentleman sagen. Zum Beispiel der Bischof hier, das ist ein Gentleman auf seine Weise, das leugne ich nicht, der Prokurator dort desgleichen, obgleich etwas an seinem Beruf ist, wobei ich nicht mitthun kann; Gott verdamme mich, die gute Gesellschaft ist voller Gentlemen … ja sogar ich, der – leider – der – der Erklärung Sr. Hochwürden nicht ganz entspricht – Er hielt einen Augenblick inne und schien mit einer innern Bewegung zu kämpfen – Doch, ich fühle mich als ein Gentleman, trotz allem; ich … ich bin ein Gentleman – Leonhard Güllich kein Gentleman? Doch, Gottes Tod – Spielen Sie aus, Hochwürden!

Tymme betrachtete den Onkel, und da war in dessen Augen ein schmerzlicher, wehmütiger Ausdruck, der den Knaben in wunderlicher Weise rührte.

Und auf einmal stieg in Tymme eine Frage auf, die sich auf keinen der Anwesenden oder jemand aus seiner Umgebung bezog. Die Frage lag ihm auf der Zunge, die Frage, ob sein Vater zu Hause auf dem Pfarrhof ein Gentleman sei. Aber hier, diesen Leuten gegenüber, in dieser Gesellschaft wagte er nicht, damit hervorzukommen, und das gehörte zu dem Peinlichsten, das er je erlebt hatte, daß er es nicht wagte.

Aber nun geschah es, daß Leonhard Güllich – der wirklich ein Gentleman war, »trotz allem« – gerade dasselbe fühlte oder dachte, was der Junge auf dem Herzen hatte; denn er sagte ganz herzlich:

Tymme – es war selten, daß er diesen Namen gebrauchte – Tymme, auch dein Vater ist ein Gentleman, zum Teufel, auf seine Weise, aber ein Gentleman ist er. Verlaß dich darauf, Bursche.

Ja, sofort hätte Tymme für diesen Onkel durchs Feuer gehn können!

*

Am Freitag war Tymme nicht so vergnügt, als man von einem dreizehnjährigen Jungen hätte erwarten sollen, der mit einem lieben Onkel und einem lieben Schulkameraden ins Tivoli gehn durfte. Er hatte keinen Appetit beim Mittagessen, und gleich nachher kam er zu Tante Erika.

Tante Erika, du und die Großmutter, ihr dürft nicht böse werden, aber ich kann nicht ins Tivoli gehn, darf ich zu Onkel Leonhard gehn und ihm sagen, daß er nicht auf mich wartet? Ich – ich – bin nicht ganz wohl.

Was ist denn nur? Ich dachte doch, du sähest ein wenig schlecht aus; da ist es am besten, du gehst zu Bett und bekommst einen Senfteig unter die Füße.

Nein, Tante Erika, ich bin ganz wohl. Aber – darf ich trotzdem jetzt gleich zu Onkel Leonhard gehn, dann sage ich es dir nachher, das verspreche ich dir. – Es ist etwas Böses, das ich gethan habe, und ich kann nicht ins Tivoli gehn; Mollerup auch nicht.

Solltest du es nicht der Großmutter sagen? fragte Tante Erika ernst.

Lieber dir, aber zuerst Onkel Leonhard.

Ja, aber Mollerup, der eingeladen ist?

Das thut nichts, denn ich habe es ihm heute in der Schule gesagt, und er hält es mit mir und will auch nicht ins Tivoli.

– Onkel Leonhard, bitte, sei nicht böse, aber ich verdiene es nicht, ins Tivoli zu gehn. Darf ich nicht wegbleiben?

Was soll das heißen?

Tymme stand mit niedergeschlagnen Augen da. Er atmete schwer.

Ich habe nämlich betrogen. Er erhob die Augen zu denen des Onkels, senkte sie aber schnell wieder.

Betrogen? fragte der Onkel. Der Knabe senkte die Augen noch tiefer.

Betrogen? wiederholte der Onkel mit laut erhabner Stimme. Betrogen?

Ich habe meinen dänischen Stil nicht selbst geschrieben, Mollerup hat mir geholfen, deshalb bekam ich die »recht gut.«

Betrogen also. – Du? ein Güllich? – Nein, Gott sei Dank, ein Lemvig. – Aber: betrogen! Des Obersten Stimme war zornig, seine Stirn rötete sich. Der Knabe stand stumm da.

Der Oberst begann im Zimmer auf und ab zu gehn. Er sprach mit sich selbst; der Vorfall schien ihm sehr nahe zu gehn. Eine Weile darauf sagte er:

Aber er hat es doch selbst gemeldet. – Und darauf:

Im Grunde genommen ist es viel von so einem Burschen, es selbst zu melden. – Hättest du es zu deiner Zeit selbst gemeldet, Leonhard Güllich?

Und plötzlich wandte er sich mit merklich aufgeklärtem Gesicht zu Tymme und sagte:

Bist du aus eignem Antrieb gekommen, Junge, was?

Ja, Onkel.

Gut. Das war nett von dir, das heißt, es war zum Henker nicht nett, sondern es war weiter nichts als deine verdammte Schuldigkeit. Nun enfin. Gieb deinem Onkel einen Kuß und versprich mir … Junge, Junge, du weißt nicht, du hast keine Ahnung davon, wie häßlich das alles ist, was einer Betrügerei ähnlich sieht. Alles darfst du thun, das heißt, zum Kuckuck nicht alles – aber Betrügerei! Mon Dieu, pfui Teufel! – So, nun reden wir nicht mehr davon, sondern gehn ins Tivoli.

Nein, Onkel, ich meine lieber nicht.

Hm. – Du hast Recht. Das macht dir Ehre. Aber er, der Mullerup, was thun wir mit ihm?

Er hält es mit mir und will lieber auch nicht ins Tivoli.

Hm. Netter Junge, wie es scheint, obgleich sein – nun, geh jetzt.

Zwölftes Kapitel

Baldur, eine Verbindung zur Aufrechterhaltung der Ehrlichkeit

 

Am darauffolgenden Tage wurde in der sechsten Klasse ein Verein gegründet, dessen Titel war:

Baldur,

eine Verbindung zur Aufrechterhaltung der Ehrlichkeit in der sechsten Klasse.

Die Stifter waren Tymme Lemvig und einer der Klassenkameraden, aber Christian Mollerup in der zweiten Lateinklasse hatte es ordentlich in Paragraphen aufgesetzt, nachdem er als rechtskundiger Ratgeber hinzugezogen worden war.

§ 1. Alle Mitglieder versprechen einander, ehrlich zu sein und nie zu lügen, sondern im Gegenteil immer die Wahrheit zu sagen.

§ 2. Alle Betrügerei ist streng untersagt.

§ 3. Man darf nicht betrügen, indem man aus dem Buche abliest, wenn man hersagen muß. Wenn hergesagt wird, darf man nicht einblasen.

§ 4. Man darf das Buch nicht unter dem Tisch aufgeschlagen haben und nicht nachlesen, was nachher kommt.

§ 5. Wenn der Lehrer fragt, wer es gethan hat, muß man die Wahrheit sagen, aber man hat auch das Recht, zu schweigen und seinen Kameraden nicht zu verraten.

§ 6. In betreff des Aufsatzes. Wenn man seinen Aufsatz nicht geschrieben hat, darf man nicht sagen, daß man krank gewesen wäre. In Zukunft darf keiner den Aufsatz für einen andern schreiben, noch ihm viel helfen, sodaß man ein besseres Zeugnis erhält, als man eigentlich verdient hätte.

§ 7. Man darf unter dem Tisch nichts die Runde machen lassen, ausgenommen das Papier, worauf dieses Gesetz geschrieben steht; dies soll das letzte sein. Jeder, der diese Gesetze bricht, wird unweigerlich aus der Verbindung ausgeschlossen.

Diese Maßregeln zur »Aufrechterhaltung der Ehrlichkeit in der sechsten Klasse« zirkulierten unter den Tischen während der Schreibstunde. Alle unterschrieben, ausgenommen Klausen, der sich mit allem einverstanden erklärte, ausgenommen mit § 6, denn »mit diesem würde ihm nicht gedient sein,« und Olsen und Madsen, die bei den §§ 3 und 4 Schwierigkeiten machten. Rasmussen und Petersen hatten zwar unterschrieben, aber sie erklärten, daß sie sich damit nur an die beiden ersten Paragraphen zu binden wünschten; diese hätten ihren vollen Beifall, die andern aber fänden sie zu speziell und nicht zu strenger Aufrechterhaltung geeignet. Diese beiden Mitglieder wurden denn auch gleich ausgeschlossen.

Die Verbindung trat augenblicklich in Kraft. Eine abwärtsgehende Bewegung in den Zeugnissen aller Mitglieder der Verbindung wurde noch an demselben Tage konstatiert, wogegen die außerhalb stehenden ihre Zeugnisnummern beibehielten. Sie bekamen in der letzten Freiviertelstunde ihre Prügel von sämtlichen Verbindungsmitgliedern, aber das verhinderte nicht, daß sich am nächsten Tage vier aus der Verbindung abmeldeten – diese vier hatten mit großem Eifer an der Durchprügelung der Nichtmitglieder teil genommen. Am dritten Tage kamen die Mitglieder in die Minderheit in der Klasse; die Mehrzahl sagte, daß man recht gut ehrlich sein könne, ohne in einer Verbindung zu sein, und daß außerdem das Ganze nur dummes Zeug sei. Jeder Tag hatte neue Abfälle zu verzeichnen, und zuletzt waren nur noch die beiden Stifter übrig. Diese beiden hielten denn eine Generalversammlung und beschlossen einstimmig die Aufhebung der Verbindung.

So endete die kurze Geschichte der Verbindung »Baldur.«

Dreizehntes Kapitel

Von dem Knaben Mollerup und seiner Familie

 

Uhrmacher Mollerup saß in seinem kleinen Laden in der Regnestraße am Fenster und arbeitete. Sein Rücken war über das Fensterbrett gebeugt, und das Gesicht war fast in die kleinen Gegenstände seiner Hantierung vergraben; er kämpfte mit der schnell hereinbrechenden Dämmerung. Neben ihm saß ein junges Mädchen, die Tochter, ebenso über eine Arbeit gebeugt.

Ich möchte gern mit Mollerup sprechen, sagt Tymme, der mit einem gewissen Angstgefühl zum erstenmal das Heim seines bewunderten Kameraden betritt. Zum erstenmal, obgleich sie nun schon seit drei Jahren Freunde sind. Aber Christian Mollerup lud nie einen Kameraden zu sich ein und verbarg sein Heim scheu vor ihnen, ob es nun geschah, weil er arm war, oder wegen des andern, des sonderbaren, das mit dem »unechten Kind,« was eine Schande für ihn war, obgleich er nichts dafür konnte. – Aber jetzt mußte Tymme zu ihm, er hatte ein Schulbuch von ihm geborgt, und Mollerup mußte es an demselben Abend noch haben; außerdem wollte er ihn etwas fragen, deshalb mußte er ihn selbst sprechen. Tymme hatte ein wenig Angst vor dem Besuch, aber er war doch auch wieder neugierig.

Ich möchte gern mit Mollerup sprechen, sagt er.

Das bin ich, antwortet der Uhrmacher, ohne das Gesicht oder den Rücken aufzurichten.

Nein, ich meine Christian aus der dritten Oberklasse, meinen Schulkameraden; ich gehe in die erste.

Christian? sagt der Uhrmacher. Nun hebt er langsam das Gesicht, die Lupe sitzt noch im Auge. Die Gesichtszüge sind alt, der Ausdruck müde; die unablässige Beschäftigung mit kleinen Dingen und in kleinen Verhältnissen haben ihm ihr Gepräge aufgedrückt; aber rechtschaffen sieht er aus. Auch die Tochter hat rasch einen Blick auf Tymme geworfen, arbeitet aber gleich weiter. Es ist keine Jugend, keine Freude in dem Blick, nur Arbeit. Tymme fühlt sich ganz beklommen.

Christian hat gewiß keine Zeit, fügt Herr Mollerup hinzu und betrachtet Tymme mit seinem müden Blick.

Tymme steht da und dreht das Buch in seiner Hand. Es ist wegen dieses Buchs … sagt er.

Ein Buch? – also für die Schule … ja, wollen Sie dann hineingehn und meine Frau fragen? – Er deutet auf die Thür im Hintergrund des Ladens.

Tymme kommt in eine kleine Wohnstube oder Eßstube, deren ärmliche Einrichtung ihm auffällt. Eine ältere Dame – oder Frau – erhebt sich von einer Arbeit am Fenster; es ist derselbe Ausdruck, dasselbe Wesen wie bei dem Manne, nur ein wenig strenger.

Christian hat jetzt keine Zeit, sagt sie und sieht auf die Thür, die in ein andres Zimmer führt. Bist du vielleicht einer seiner Schulkameraden?

Aber da öffnet sich die Thür, und Christian Mollerup tritt heraus. Er sieht Tymme erstaunt an, dann flüstert er der Frau ein Wort zu und zieht den Schulkameraden zu sich hinein.

In Christians Zimmer sieht es ein wenig feiner aus als in den andern Stuben; es sind nicht nur die vielen Bücher, die es ausmachen, oder die schöne Lampe, oder die andern kleinen Gegenstände, die alle auf die eine oder die andre Weise mit der Schule oder mit dem Lernen zu thun haben, aber es liegt etwas über dem Ganzen –

Christian spricht gedämpft; sein Benehmen ist etwas nervös und ganz verschieden von seiner gewöhnlichen sichern Ruhe und Überlegenheit; Tymme merkt, daß er nicht recht willkommen ist, und spricht es aus.

Christian errötet und gesteht, daß seine Eltern es nicht gern haben, daß er im Lernen gestört wird; weißt du, sie möchten, daß ich ein ausgezeichnetes Examen mache.

Ja, dann ist es wohl am besten, wenn ich wieder gehe.

Auch Christian erhebt sich. Weißt du, meine Eltern haben mich sehr lieb … und … und du darfst nicht böse sein.

Nein, wie kannst du das denken? Also deshalb sagst du immer nein, wenn dich jemand einladet?

Ja, deshalb, aber du darfst es niemand sagen.

Nein, natürlich nicht. – Hör, ich kam übrigens auch, um mit dir über etwas andres zu sprechen, nur wir zwei, ich …

Wir können morgen einen Spaziergang miteinander machen, wir bekommen morgen um elf frei –

Ja, das ist ausgezeichnet – wir gehn dann über die Lange Linie – aber du hast ja keine Zeit.

Doch, das macht nicht viel aus; es ist mehr hier zu Hause, weißt du, Mutter meint …

Aber in demselben Augenblick wurde die Thür einen Spalt weit aufgemacht, und Madame Mollerup sagte herein:

Christian, die Aufgaben!

Frau Mollerup begleitete Tymme hinaus. Ja, Christian darf nicht gestört werden, denn – eh – hier haben wir es nicht so, siehst du – und sie wies mit einer Bewegung des linken Arms rund in dem Wohnzimmer herum. Wir müssen arbeiten.

Ach, sagte Tymme mit einer Höflichkeit, die ihm selbst wohlgelungen vorkam; ach, hier sieht es doch ganz hübsch aus.

Draußen im Laden sagte Tymme den Rücken der beiden Arbeitenden adieu. Die Hausthür öffnete und schloß sich mit einer kleinen Doppelklingel, sie klang kläglich und zersprungen.

*

Damals, wo die Familie Mollerup vor etwa zehn Jahren in der Borgerstraße gewohnt hatte, hatte sie als Gegenüber auf demselben Treppenabsatz eine jüngere Dame – Frau Rudolphine Günther nannte sie sich – gehabt, deren Hausstand aus einem schlampigen Dienstmädchen und einem schönen vierjährigen Jungen bestand. Sie sei aus einer guten Familie aus Jütland, sagte sie, und ihr Mann habe sie und ihr kleines Kind auf schmähliche Weise verlassen. Sie selbst war schön und flott und schien Geld genug zu haben. Es war öfters Herrenbesuch bei ihr, und dann ging es sehr lustig her; noch öfter aber wurde sie von Herren zu Spaziergängen und Ausfahrten abgeholt. Den anständigen Mollerups gefiel diese Nachbarschaft gar nicht.

Großes Mitleid hatten sie mit dem hübschen kleinen Jungen, der immer sich selbst überlassen war, und als er einmal die Treppe hinuntergefallen war, während die Mutter aus war, und das Mädchen schlief, hatte Madame Mollerup sich erlaubt, Frau Günther einen Besuch zu machen, dessen Ergebnis war, daß diese Madame Mollerup das Eigentumsrecht über den kleinen Christian nebst einer kleinen Summe Geldes ein für allemal überließ. Von der Mollerupschen Seite war es halb aus Mitleid, halb um des Geldes willen geschehen, denn es ging sehr knapp bei ihnen zu. – Frau Günther hatte weinend eingestanden, daß das Kind unehelich, und der Vater ein sehr feiner Herr aber ein Schurke sei; zu nennen wage sie ihn nicht, denn dann verliere sie viel Geld – ach, es sei eine lange und verwickelte Geschichte, und »die Welt sei eben schrecklich schlecht.« Dann küßte sie ihr süßes Kind zum Abschied, während ihr die Thränen in Strömen flossen, und eine Woche nachher war sie mit einem herumziehenden Kunstreiter verschwunden. Seither hatten Mollerups nichts wieder von ihr gehört noch gesehen.

Von dem Gelde hatten sie sich den kleinen hübschen Laden, den sie noch in der Regnestraße hatten, einrichten können, und nun galt es, Christian so weit zu bringen, daß er sich selbst forthelfen könnte. Zuerst hatten sie ihn in eine Volksschule gethan – eine bezahlte, keine Freischule –, aber da war eines Tages einer der Lehrer gekommen und hatte gesagt, daß der Junge studieren müsse. Mehrere Leute hatten dazu geholfen, und so war er in Professor Löwes Schule gekommen, wo er bald eine Freistelle erhielt und seinen Pflegeeltern viel Freude machte. Nun galt es, rasch fertig zu werden, denn sie hatten ja viel mehr an ihn gerückt, als sie bekommen hatten. Ihn zu adoptieren, daran hatten sie eigentlich nicht gedacht, sie wußten nicht, wie man das machte, und hatten niemand, den sie hätten fragen können, und außerdem wäre das gewiß auch ein Unrecht gegen Martha gewesen, Martha war ja doch ihr eignes Fleisch und Blut.

Vierzehntes Kapitel

Onkel Leonhard bekommt Schelte von seiner Mutter

 

Tymme ging durch den »Saal« und wollte in die Wohnstube, blieb aber hinter der halbzugezognen Portiere stehn, ganz erstaunt darüber, was er hörte und sah.

Onkel Leonhard stand in demütiger und wie reuiger Stellung vor Großmutter und bekam offenbar Schelte. Großmutter saß in ihrem Stuhl und fuchtelte mit ihrem Krückstock in der Luft herum. In der letzten Zeit hatte sie angefangen, sich eines solchen beim Gehn zu bedienen.

Sich zu denken, daß du noch immer sentimental werden kannst um dieser – dieser – Person willen! – Nein, Leonhard, das ist zu toll – und nun, wo du dem Himmel auf deinen bloßen Knieen danken solltest!

Großmutter sprach mit großer Energie, nicht laut oder klangvoll, aber mit einem Nachdruck, daß man Angst vor ihr bekam.

Mama, erwiderte Onkel Leonhard – seine Stimme war sanft –, Mama, du mußt nichts Unmögliches verlangen – ich bin wirklich froh, natürlich, aber – aber – die lange Zeit, Mama, und – und – die Erinnerung – und alles das …

Ja, ist es nun nicht gerade so, als hörte ich deinen Vater? – Das ist dein Unglück, daß du die Güllichsche Sentimentalität geerbt hast und zu wenig von unserm praktischen Sinn – die Erinnerung? – Ha ha ha – ihr Lachen war kalt und scharf – die Erinnerung! – sie deutete spöttisch mit ihrem Stock auf ihn – Schöne Erinnerungen, die ihr miteinander habt, du und sie.

Schone uns, Mama. Schone jedenfalls sie; sie ist tot.

Ja, dem Himmel sei ewig gedankt – und mit einem plötzlichen Ruck gegen ihn: Hast du denn gar kein Ehrgefühl, Leonhard?

Er richtete sich einen Augenblick stolz auf, nahm aber sogleich seine ehrerbietige Sohneshaltung wieder an.

Aber was habe ich denn eigentlich gethan, Mama?

Ach was! Gethan? gethan? Dein gegenwärtiges Benehmen ist es, was mich ärgert. Diese Person, das abscheuliche Frauenzimmer, das – das – das uns allen das Leben verbittert hat, es ist nun – ja fünfzehn Jahre lang – und sie beweinst du in der Gegenwart deiner Mutter – pfui!

Ich weine nicht.

Ach was – sich zu denken, daß du deine ganze Stellung um einer solchen gemeinen – du ein Sehe – ein Güllich!

Ich denke, ich hätte dafür gebüßt.

Sie schwieg einen Augenblick. Als sie weiter sprach, konnte man merken, daß es die Erbitterung war, die sie sprachlos gemacht hatte.

Ja, das war es, was ich erwartet hatte. Da verrätst du den Grundfehler deiner bornierten Lebensauffassung, da sehen wir dein ganzes verschrobnes Ehrgefühl. Habe ich dir nicht tausendmal gepredigt und gepredigt: Nicht das ist es, daß du das Mädchen verführt hast – oder daß du dich hast verführen lassen – du Schlafmütze, die du bist –, das kann vorkommen; das sieht man in den besten Familien, daß ein junger Mann ausschlägt, das mag nun sein, wie es will, aber man verheiratet sich nicht mit ihr, man – – Schweig, Leonhard, willst du schweigen – ich denke, ich weiß es recht gut: aber wem haben wir es zu danken, daß es verhindert wurde? Borrig, nächst dem Himmel nur Borrig; wäre es nach dir gegangen, so – ha ha ha – Das Lachen verwandelte sich in einen heftigen Hustenanfall.

Es entstand eine kleine Pause, dann begann sie mit neuer Kraft:

War es vielleicht nicht toll genug, daß du dir die Haut hast abziehn lassen, daß du dich von dieser Vagabundin Jahr für Jahr hast ruinieren lassen, ihr deine halbe Gage verschrieben hast, in unanständiger Armut gelebt hast, deinem Namen und deiner Stellung Schande gemacht hast …

Mama, du regst dich zu sehr auf …

Die ganze Welt wird mir Recht geben, Borrig auch. Habe ich nicht gesagt, hat Borrig nicht gesagt, daß du immer ein Dummkopf gewesen bist, daß du dich mit Ehren aus der Patsche hättest ziehn können, aber du warst widerspenstig und starrköpfig – ach! – Der Husten stellte sich wieder ein.

Rege dich nicht so auf, Mama, das kannst du nicht ertragen – und nun ist es ja vorbei.

Vorbei? Ja das fehlte bloß noch, daß es nicht vorbei sein sollte – ach, dem Himmel sei Dank – jetzt geh nur, Leonhard; ich bin müde und matt.

– Tymme schlich sich eilig davon; jetzt erst dachte er daran, daß er gehorcht hatte.

Aber draußen im Korridor wurde er noch von einem andern Auftritt Zeuge. Tante Erika war leise zu dem Bruder hinausgeschlichen, während er seinen Überrock anzog; sie legte die Arme um seinen Hals, und er erwiderte innig ihre Umarmung.

Gott sei Dank, daß ich dich habe, liebe Schwester! – ach die alten Tage – ich habe sie doch einmal lieb gehabt – sie war ein schönes Mädchen, ich glaubte, sie sei gut – ach die alten Tage –

Du guter, hochherziger Bruder – aber Gott sei Dank, daß es vorbei ist!

Dank, Erika, Dank! Gott verdamm mich, da ist der Junge! – Hallo, Kerl, was ist denn los mit dir? Tymme sah aber recht wohl, daß es Onkel Leonhard war, mit dem etwas los war.

Der Junge schlich scheu fort und dachte über das nach, was er erlebt hatte; einige der Ausdrücke, die Großmutter gebraucht hatte, summten unaufhörlich in seinen Ohren, er fühlte sich aufs tiefste erschüttert – erschüttert in seinem Glauben an Onkel Leonhard, an alle Menschen, an das ganze Leben.

*

An demselben Tage begab es sich, daß drüben in Viborg ein sehr aufsehenerregendes Begräbnis stattfand. Frau Rudolphine Schultz, sehr wohl bekannt unter dem Namen »die flotte Phine,« in späterer Zeit auch manchmal »die Obristin« genannt nach ihren eignen verblümten Andeutungen, in den letzten Jahren mit einem anrüchigen »Musiker« Schultz verheiratet gewesen, der früher bei der Militärkapelle angestellt gewesen war, und im Verein mit ihm Besitzerin einer Konditorei, des »Café Schultz« – diese Dame wurde zu Grabe getragen.

Es war kein großes Leichengefolge – aber die Leute standen doch an den Fenstern. Sie sprachen davon, daß die Konditorei nun gewiß eingehn werde, desgleichen von den pompösen Hüten der »Obristin« sowie von ihrem hochfahrenden Wesen und ihren vergeblichen Anstrengungen, zu der »Gesellschaft« in Viborg gerechnet zu werden. Und die guten Leute ergötzten sich damit, die alten Gerüchte über das frühere herumziehende Leben und die verschiednen Liebschaften der Jungfer Rudolphine Petersen aufzufrischen; als sie in den Dreißigern angekommen war, hatte sie sich in Viborg zur Ruhe gesetzt – das war ja ihr Geburtsort, und sie hatte noch viele Verwandte da –, hatte sich verheiratet, hatte das Schultzische Café regiert und von da aus ihre Sturmläufe auf die Gesellschaft gerichtet, schön und flott und herausfordernd bis zuletzt. Das Schicksal schien schließlich ihre Anstrengungen krönen zu wollen, denn in ihrem neununddreißigsten Jahre wurde sie von der Influenza, dieser so vornehmen Krankheit, befallen und starb so in ihrem Bett, über alle ihre Feinde triumphierend.

Unter den Kränzen fiel ein besonders schöner auf, der von Kopenhagen gekommen war. Es war ein Namenszug darauf; in weißen Margueriten las man: »von L. G.«

Fünfzehntes Kapitel

Ein wenig Philosophie, und dann wie die Ahnenbilder von den Wänden herab die Großmutter anstarrten

 

Der Diener Anders: Ja, Herr Tymme, nun habe ich Ihnen die verlangte Übersicht über die ganze Sache gegeben, so wie sie sich in der Realität verhält, ganz von vorn, wo das Verhältnis in Viborg seinen Anfang nahm, und Sie können daraus ersehen, daß der Herr Oberst, Ihr Onkel, sich in allem als der vollendetste Gentleman benommen hat.

Tymme: Ja aber Anders, es ist doch eine große Sünde, die er begangen hat.

Anders: Sünde? (zuckt die Schultern). Selbstverständlich, aber –

T.: Ja aber –

A.: Ich gehöre natürlich nicht zu der Dienerschaft, deren Prinzipien das sind, was Fräulein Güllich mit einem deutschen Ausdruck lax nennen würde. Ich frequentiere, wie Sie wissen, öfters die Schloßkirche und höre Pastor Friedrichsen mit großem Gewinn, viel Gewinn, wie ich auch einigemal in der Saison in das Königliche Theater gehe; weniger in die Theater zweiten Rangs. Moralische Gesichtspunkte sind mir also nicht fremd, wenn meine Stellung vielleicht auch nur untergeordnet erscheinen mag. Aber meine Philosophie ist die: Die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft ist die, die sie sein soll. Und ich schmeichle mir mit …

T.: Ja aber alles, was Sie da sagen, Anders …

A. (ohne auf die Unterbrechung acht zu geben): Sie können mich scherzen hören, Sie können mich Ausdrücke brauchen hören, die sich in der freien und ungezwungnen Konversation daheim einstellen, das können Sie, aber Sie werden mich schwerlich einen – eh – den obengenannten Ausdruck anwenden hören. Nehmen Sie zum Beispiel Fräulein Jutta (ich sage natürlich immer Fräulein Jutta außerhalb des Dienstes; auch das muß Ihnen aufgefallen sein), nehmen Sie also Fräulein Jutta: nun wohl, ich bin noch in meinem besten Alter, darf sagen, daß mein Äußeres nicht abstoßend ist – enfin, Fräulein Jutta ist noch jünger – haben Sie jemals einen äquivoken Ausdruck, eine undelikate Annäherung oder bloß eine nonchalante Äußerung vernommen, wozu mein Verhältnis als Mitbediensteter doch so viel Anlaß gegeben hätte, haben Sie das jemals, Herr Tymme?

T.: Nein, aber –

A.: Da sehen Sie. Aus demselben Grunde habe ich alle Details in meinem Bericht vermieden. Der Herr Tymme ist noch jung, er muß selbst gewisse Erfahrungen machen; vor dieser Zeit ist mein Mund in Beziehung auf alle Details verschlossen. So dachte ich; das sind nun eben meine Prinzipien. Ja.

T.: Ich bin aber doch betrübt über das, was ich über den Onkel erfahren habe.

A.: Das ist ein großer Fehler von Ihnen, Herr Tymme. Mon Dieu, sehen Sie mich an: ich betrachte die Dinge ohne Vorurteil; ich kenne die Welt, weil ich darin lebe und mich darin bewege. Die Moral ist eins, das Leben etwas andres. In zehn Jahren werden Sie selbst so denken wie ich und sagen: Der Diener meiner Großmutter war nur ein Diener, aber er betrachtete die Dinge mit einem gesunden Blick und weihte mich in die Mysterien des Lebens ein, ohne die Moral zu verleugnen. – Ja, Herr Tymme, Sie verwundern sich vielleicht darüber, Philosophie von mir zu hören, aber warum sollte einem Diener jede philosophische Ausbildung abgehn? – Es bleibt mir jetzt nur noch übrig, von Ihrem Onkel zu konstatieren, daß er sich von Anfang bis zu Ende zu meiner Bewundrung aufgeführt hat, und daß es mich freuen würde, wenn Sie zu derselben Überzeugung kämen.

T.: Ich denke auch, daß es hübsch von ihm war, daß er ihr so viel Geld gab, aber das von Anfang an … hören Sie, Anders, Großmutter ist gerade über das, was Sie bewundern, sehr böse, das mit dem Geld.

A. (mit veränderter Stimme, formell und zurückhaltend): Ihre verehrte Großmutter, die Frau Konferenzrätin – wenn die Rede von ihr ist, so enthalte ich mich jeder Äußerung in jeder Hinsicht.

Kurze Pause.

A. wieder: Es bleibt mir nur noch übrig, hinzuzufügen, daß der selige Herr Konferenzrat sich in jeder Beziehung meinen moralischen Prinzipien näherte. Über die Frau Konferenzrätin werde ich mich nicht näher aussprechen, aus naheliegenden Gründen.

T.: Hören Sie, Anders, Sie mögen die Großmutter gewiß nicht.

A.: Darauf will ich nur bemerken, daß Fräulein Güllich in meinen Gedanken die kulanteste Dame ist, mit der man in ein dienstliches Verhältnis treten kann. Im übrigen werde ich mich als dienende Stellung jeder Bemerkung enthalten.

T. (nach kurzer Pause): So ist also Onkel Leonhard jetzt wohlhabender als früher?

A. (mit der frühern Vertraulichkeit): Ihr Onkel, der Herr Oberst Güllich, ist nun in der Stellung eines Obersten der Infanterie, weiter nichts. – Wenn die Frau Konferenzrätin die Sache früher schon mit meinen Augen betrachtet hätte, wäre er schon früher … aber wie gesagt, ich enthalte mich. Übrigens hat der Herr Oberst viel zu erwarten; die Frau Konferenzrätin ist eine sehr reiche Dame.

T.: Glauben Sie, Anders, daß Großmutter sehr krank ist?

A.: Mit allem Vorbehalt – die Frau Konferenzrätin kann es nicht mehr lange treiben; das letzte freudige Ereignis ist zu viel für die Konstitution der Frau Konferenzrätin gewesen.

T.: Freudige Ereignis? – Da war sie doch so böse, so böse …

A.: Erlauben Sie, Herr Tymme; ich habe die Ehre gehabt, in diesem Hause von meinem zwanzigsten Jahre an zu dienen, und ich habe bei Ihrer Großmutter die Erfahrung gemacht, daß jede freudige Begebenheit sie in Zorn versetzt hat.

T.: Das ist doch sonderbar.

A.: Sehr sonderbar. – Aber erlauben Sie, daß wir die Unterhaltung abbrechen. Apropos. – Ich möchte Sie bitten, mir zum Dank für meine Rückhaltlosigkeit bei dem verlangten Bescheid zu sagen, ob Sie glauben, daß Ihre Fräulein Tante mich auch ferner in ihrem Dienste behalten wird, wenn der Frau Konferenzrätin etwas Unvorhergesehenes zustoßen sollte?

*

Es war ganz so, wie Anders gesagt hatte, daß jede Freude, die der Großmutter begegnete – wie jede stärkere Aufregung –, sich augenscheinlich in Erbittrung Luft machte, wenn sie mit ihrer alltäglichen Umgebung zusammen war, und es war für diese sehr schwierig, bei solchen Gelegenheiten mit der alten Dame zusammen zu sein. Es war auch wahr, daß die letzte Geschichte zu viel für sie gewesen war.

Nach dieser Gelegenheit sank sie zusammen.

Seltner und immer seltner sah man sie mit ihrem Stock in der Luft herumfuchteln. Nur die wachsamen Augen unter den buschigen Brauen wachten vom Lehnstuhl aus beständig darüber, daß alles nach ihrem Willen ging.

Auch die Augen auf den alten Ahnenbildern den Wänden entlang wachten; die Sehesteder über dem Büffett sperrten ihre Augen weit auf und betrachteten ihre Enkelin, wenn sie von Jutta in den Speisesaal hineingerollt wurde, als wollten sie sagen: Das ist eine von den unsern.

Dieselben wachsamen Augen sahen nach den Ärzten, wenn sie kamen und gingen, sie sahen nach dem Prokurator Borrig, der mit der alten Dame jeden Tag unter vier Augen sprach.

Und wie starrten sie nach der Thür, als sie eines Tages in Ohnmacht fiel und in ihr Schlafzimmer getragen werden mußte.

Und an dem Tage, der so bald nach diesem kam – als der Sarg den entgegengesetzten Weg durch den Saal getragen wurde, da traten ihre Augen fast aus der Leinwand heraus: Wieder eins von den unsern!

*

Als die Großmutter begraben wurde, entfaltete sich ein weit größerer Pomp als bei dem Begräbnis in Viborg. Die Kirche war gedrückt voll; es gab eine überwältigende Masse von Kränzen und Blumen. Tymme bekam jetzt erst einen handgreiflichen Beweis davon, zu einem wie ansehnlichen Geschlecht er von der Mutter Seite gehörte. – Der Bischof von Seeland hielt die Hauptrede.

Bei dieser Gelegenheit sah Tymme auch seinen Vater; sonst hatte er ihn nur in den Ferien gesehen, denn Pastor Lemvig kam nie nach Kopenhagen. Er hatte etwas davon geäußert, daß er ein paar Worte in der Kirche sprechen wolle, es wurde ihm aber behutsam und ohne Anstoß zu erregen verwehrt.

Die Wahrheit aber war, daß Großmutter kurz vor ihrem Tod mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit gesagt hatte – es gehörte zu dem letzten, was sie geäußert hatte –, daß sie unter gar keiner Bedingung haben wolle, daß »Lemvig an ihrem Grabe stehe und etwas über sie fasle.«

Sechzehntes Kapitel

Tante Gine zeigt sich in der Küche

 

Professor Löwe pflegte nach jeder Monatsversetzung in den Klassen herumzugehn und da, wo er glaubte, daß es etwas nützen könnte, eine kleine Ansprache zu halten. Hinter dem ernsthaften Auftreten und der tiefen Stimme lag meist recht viel Humor verborgen.

– – – Nun du, Lemvig, steh auf. Ich höre, daß du wieder zu dichten angefangen hast, Lemvig. – Ich will dir sagen, daß wir dich nicht ohne Bedenken in die zweite Klasse haben kommen lassen, so groß und so lang du bist. Aber nun sehe ich zu meinem Bedauern, daß du wieder angefangen hast, zu dichten. Die Folge davon ist ja bekannt, daß du nun mit einem ziemlich gut im Dänischen dastehst, das ist ja der reine Skandal, jawohl. In der Naturgeschichte geht es so so, in der Mathematik siehst du es ja selbst, in der Weltgeschichte nun ja, und so weiter. Ich hatte doch geglaubt, die ernsten Ereignisse der letzten Zeit bei dir zu Hause hätten dir einen Widerwillen gegen die Dichtkunst eingeflößt. Noch nie habe ich einen Jungen gekannt, der in der Schule gedichtet hätte, und aus dem nachher etwas geworden wäre. Nun laß uns jetzt einmal sehen: sehr gut im Lateinischen, nun ja, das könnte schlimmer sein; in der Gymnastik sehr gut, nun ja. Alles in allem bist du ja ein ziemlich normaler Junge geworden, und wenn du einmal einen dänischen Aufsatz ohne grammatische Schnitzer vorweisen kannst, dann darfst du auch dichten, vorher nicht, nein. Du bist zwar kein Licht, aber du kannst schon mitkommen – sehr gut im Betragen, du warst aber neulich zornig, kannst du denn den dummen Zorn, der dich so oft überfällt, nicht lassen und zu Hause mehr lernen und deine Pflicht thun und in der Schule aufpassen? – Nun, wir wollen sehen. Nun du, Klausen, steh auf. Du bist ein Laban, gut im Betragen, ja. Und dann versuchst du es, Einfluß über deine Mitschüler zu gewinnen, besonders über den netten Lemvig – willst du deinen Mund halten, Klausen! –, der gerade wie Wachs in den Händen andrer ist. Hätte er nicht seinen Mollerup von der vierten Klasse, so würde er auch so ein Laban wie du …

Seitdem gehörte »Wachs« zu Tymmes Spitznamen unter den Jungen.

Die vier Jahre, die Tymme in diese Schule gegangen und unter der milden Zucht des Güllichschen Hauses gewesen war, hatten ihn allmählich zu dem gemacht, was Professor Löwe »einen ziemlich normalen Jungen« nannte – nicht daß seine seelischen Eigentümlichkeiten, besonders sein starkes poetisches Gefühlsleben ausgelöscht oder getötet worden wären, aber doch, daß er durch Gewohnheit, Pflicht und gutes Beispiel und Arbeit immer mehr in ein Geleise hineingekommen war, in das die Jungen hineinmüssen, wenn sie im Leben vorwärts kommen sollen, wie unsre sozialen Gewohnheiten und Einrichtungen nun einmal sind. Alles wies darauf hin, daß er, wenn auch ein wenig spät, ein ordentlicher Student werden würde und ein präsentables brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Abgesehen davon, was aus seinen poetischen Anlagen werden mochte.

Was die Lehrfächer anbelangte, so fehlte es in denen hauptsächlich da, wo der Grund zu Hanse hätte gelegt werden sollen, besonders im dänischen Aufsatz und in der Grammatik. In allem neuen, besonders in dem großen Fache von der ersten Klasse an, im Lateinischen, war er gar nicht so schlecht, und seine Lehrer hofften, daß die grammatikalischen Übungen in diesem Fach mit der Zeit auch das Dänische in Ordnung bringen würden. Eine andre Seite seiner Erziehung, »Schliff« und gute Manieren und was dazu gehört, wurde ihm in dem Güllichschen Hause ganz von selbst beigebracht.

Doch machte sich auch ein Gegeneinfluß geltend. Wenn er in den Ferien daheim in Lundbyvester war, brachte er immer eine Menge Unarten von dort mit, im Benehmen und in den Ansichten, die dann allmählich wieder abgethan werden mußten. Es war, nach dem Urteil der Güllichschen, hauptsächlich Jungfer Lemvig, die den Ton da draußen angab.

Sie sahen sie ab und zu einmal, regelmäßig aber am Ersten des Monats, wenn sie mit dem Schulgeld in Professor Löwes Studierzimmer kam. Dann hatte sie immer Briefe und andre Sachen für Tym bei sich. In dem Haus in der Amalienstraße pflegte sie die Hintertreppe hinaufzusteigen, wollte nie in die Zimmer kommen und machte alle ihre Aufträge an Tymme in der Küche ab, was Großmutter und Tante Erika sehr mißfiel. Sie war dann immer in ihrem gewöhnlichen Alltagsgewand wie eine bessere Dienerin gekleidet und schien es in ihrem Wesen absichtlich darauf anzulegen, gegen alles, was sie in dem Güllichschen Hause sah, Opposition zu machen. Was sie mit Tymme verhandelte, erfuhr niemand, denn der Junge schwieg immer darüber, und man betrachtete es unter seiner Würde, ihn auszuholen. Aber es herrschte kein Zweifel darüber, daß es auf Opposition abgesehen war.

So lange die Großmutter noch über der Erde war, beugte sich übrigens Tymme immer unter den Geist und die Lebensauffassung, die in der Amalienstraße herrschten, und alle Sturmläufe von Lundbyvester aus verliefen ohne Erfolg. Wahrscheinlich hatte auch der entschloßne alte Festungskommandant es oft verstanden, Tante Gine ihren Aufenthalt in der Küche ziemlich unbehaglich zu machen.

Aber nun war die Großmutter tot, und Tante Erika führte das Kommando. Die alte Konferenzrätin hatte nämlich jedem ihrer Kinder so viel Vermögen hinterlassen, daß Tante Erika auch ferner die große väterliche Wohnung in der Amalienstraße beibehalten konnte. Alle Traditionen des Hauses wurden aufrecht erhalten, aber die Kriegszucht erschlaffte.

Und Tante Gine zeigte sich in der Küche häufiger und jedesmal länger.

Siebzehntes Kapitel

Handelt von der Notwendigkeit der Disziplin

 

Der Lehrer in der dänischen Sprache war der Dr. phil. Nielsen, ein ziemlich junger Lehrer, aber jeder Zoll an ihm war Eifer und Ehrgeiz. Jeden Tag kam er sozusagen mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel in die Klasse und begann mit solcher Begeisterung, daß seine Stunden die allerspannendsten waren und fast alle Jungen Interesse bekamen. Dagegen hatte er den Fehler, daß er keine Mittelbegriffe respektierte: durch eine gute Antwort konnte er zu den stärksten Lobeserhebungen hingerissen werden; eine falsche – besonders eine dumme – konnte ihn in Wut versetzen, und »sehr gut« ja »ausgezeichnet« saßen sehr lose bei ihm, aber auch »mäßig« und darunter. Ohne Rücksicht auf den Monatsplatz des Einzelnen richtete er für seine Stunden »Ehrenbänke,« »Fleißbänke,« »Faulbänke« und »Idiotenbänke« ein, und ein Schüler, der im Anfang der Stunde wegen einer unerwartet guten Antwort unter öffentlicher Lobpreisung auf die Ehrenbank gerückt war, konnte am Schluß nach dem entgegengesetzten Ende der Klasse versetzt worden sein, mit Schande bedeckt und als ein Beispiel des krassesten Idiotismus hingestellt – oder umgekehrt. Einmal kam der Professor in die Klasse, als gerade Herr Nielsen wie gewöhnlich in seiner Klasse herumging wie der Hirt unter seiner Herde, eifrig die Böcke von den Schafen sondernd. Der alte Schulmann sagte mit einem humoristischen Lächeln: Nun, Sie haben es hier ja gerade wie bei dem Kyklopen, und dann zitierte er aus dem Homer: »Auch Lämmer und Zicklein waren gedrängt in den Ställen; und jegliche Gattung besonders eingesperrt« – nun, oder wie es heißt, Herr Nielsen: »Dann in die räumige Kluft trieb er sein weibliches Mastvieh, alle so viel er melkt; und die männlichen ließ er draußen, Widder und Böcke gesamt, in dem hochumhegeten Vorhof.« – Hochumhegeten Vorhof, ja. – Von dem Tage an bekam Herr Nielsen den Spitznamen: der Kyklop.

Herr Nielsen wurde von dem einen Teil der Klasse geliebt, von dem andern gehaßt, aber im ganzen kam die Klasse unter ihm brillant vorwärts, denn in seinen Stunden schlief keiner.

Keiner in der Klasse hatte sowohl die Idiotenbank als die Ehrenbank häufiger frequentiert als Tymme, obgleich sein gewöhnlicher Fundort, sozusagen sein Domizil allerdings die Faulbank war. Der Herr erbarme sich gnädig über uns! sagte Herr Nielsen, wenn Tymme eines seiner »Löcher« enthüllte, einen der Abgründe fundamentaler Unwissenheit; geh und setz dich neben Olsen. Du weißt absolut nichts, viel weniger als nichts, dein ganzer Geist ist ein riesiges Minuszeichen. – Oder wenn Tymme wieder mit einer Antwort von seiner ungewöhnlichen und tiefen Auffassung einer poetischen Stimmung Zeugnis abgelegt hatte: Das freut mich, Lemvig, sehr – sehr. Diese Antwort erhebt dich bedeutend über die Menge; hier treffe ich endlich auf einen Knaben, der fühlen kann; du hast den Mittelpunkt in dem kleinen Gedicht von Kaalund getroffen. Hinauf mit dir auf die Ehrenbank!

Wenn die Aufsätze – Herr Nielsen ließ die Knaben zwei in der Woche schreiben, und bisweilen, das muß zugegeben werden, gab er ziemlich schwere Aufgaben für ihr Alter –, wenn die Aufsätze korrigiert von Herrn Nielsen zurückkamen, fand Lemvig oft folgende oder ähnlich lautende Bemerkungen darunter mit roter Tinte geschrieben:

Inhalt ausgezeichnet, sogar in besonderm Grad. } zusammen ziemlich gut.
Orthographie u.s.w. schrecklich, hoffnungslos gräßlich.

Als sich dann die Klasse förmlich in zwei Parteien teilte, in »Kyklopen« und »Antikyklopen,« kam Tymme in große Verlegenheit, weil sozusagen der eine Teil von ihm, der mit dem »Inhalt,« Herrn Nielsen ebenso sehr liebte, wie der andre, der orthographische, ihn haßte.

Herr Nielsen hatte folgendes Aufsatzthema gegeben:

»Über die Notwendigkeit der Disziplin besonders in der Schule.«

Die Aufgabe war allerdings zu schwer für die zweite Klasse, aber sie war von dem Lehrer in der Schule gut durchgegangen worden. Die Jungen sprachen untereinander über die Schwierigkeit der Aufgabe; die Antikyklopen schlugen vor, bei dem Professor zu klagen; Tymme, dessen orthographische Seele an diesem Tage die Oberhand hatte, hielt es hauptsächlich mit den Antikyklopen, wollte aber bei der Demonstration doch nicht dabei sein; darum zerfiel der Plan, und Tymme kam bei beiden Parteien in Ungnade.

Als er an diesem Tage von der Schule heimkam, fand er Jungfer Lemvig in der Küche, wo sie auf ihn wartete. Nachdem Tymme lange mit ihr über seine Angelegenheiten geplaudert hatte, kam er zufälligerweise auch mit Klagen über die dänischen Aufsätze im allgemeinen und über »die Notwendigkeit der Disziplin« im besondern.

Jungfer Lemvig schärfte oder spitzte gleichsam ihr Gesicht; sie witterte etwas gegen die Volkstümlichkeit.

Läßt er euch denn solchen Unsinn schreiben?

Ja, Tante Gine, das haben wir für übermorgen auf.

Wenn ich es wäre, so würde ich keinen solchen Unsinn schreiben, und du solltest es auch nicht thun.

Das geht nicht, Tante Gine.

Das ist gemein, sag ich. Das ist eitel Sklavengeist, der euch nur zur Furcht erzieht.

Am nächsten Tag in der Schule ließ Tymme, der in einer etwas queren und widerborstigen Stimmung war, seinen Kameraden gegenüber ein Wort darüber fallen, daß er »keine Lust habe,« seinen Aufsatz zu machen. Er meinte nichts weiter damit, und ebensowenig nahmen es die andern ernsthaft.

Gerade in diesen Tagen standen sich die beiden Parteien der Klasse besonders schroff gegenüber, und ein Bürgerkrieg war am Ausbrechen. Tymme hatte sich mit gutem Gewissen weder ganz an die Antikyklopen noch an die Kyklopen anschließen können, und in der langen Freiviertelstunde, als die Schlacht gerade beginnen sollte, stand er deshalb allein auf der Seite, sehr wenig befriedigt und von beiden Parteien scheel angesehen. Einer rief ihm zu, er sei feig, und gleich darauf schrieen alle miteinander: Feiger Lemvig! Feiger Tymme! Tymme – Styrbjörn – Frode! Wachs! Saul! Saul! Wachs!

Mit der Wut, die ihn manchmal überfallen konnte, wenn ihm etwas zu dumm wurde, stürzte er auf sie los, wurde aber natürlich sofort übermannt und stand nun unter den festen Griffen von sechs bis sieben Kameraden Luft schnappend da. Da kam der Junge Mollerup, der Primus der vierten Klasse, gerade vorübergeschlendert.

Hilf mir! rief Tymme seinem Freunde zu.

Was giebt es hier? fragte Mollerup; und so groß war der Einfluß dieses geachteten Knaben, daß die Gefangnenwächter, wenn auch etwas zögernd, Tymme losließen, doch bildete sich sogleich ein dichter Kreis um ihn.

Was giebt es hier? wiederholte Mollerup.

Ja, er ist feig gewesen!

Das ist gelogen! brüllte Tymme.

Das ist gewiß nicht wahr, sagte Mollerup, der in jedem Falle volle Gerechtigkeit auf beiden Seiten wünschte.

Doch, er wird ja rot; da kannst du selbst sehen, daß er rot wird!

Es war zwar kein Wunder, daß Tymme dunkelrot im Gesicht war, aber bei Schuljungen gilt das »Rotwerden« als ein untrügliches Indicium der Schuld.

Während Mollerup deshalb noch zögerte einzuschreiten, erhob der Anführer der Antikyklopen, der erfindungsreiche Olsen seine Stimme:

Das können wir so prüfen. Lemvig sagte vorhin, er wolle seinen dänischen Aufsatz, den über die Disziplin, nicht machen. Lemvig, hast du nun den Mut dazu, wagst du eine Null zu kriegen und hinunter zum Professor zu gehn und alles, was dazu gehört, und deinen Aufsatz doch nicht zu schreiben? Wagst du das?

Ja, antwortete Tymme.

Sie blieben doch alle stehn und warteten auf Mollerups Sanktion. Dieser rümpfte die Nase; es war etwas an dem Vorschlag, das ihm nicht gefiel, aber er war eben auch ein Schuljunge und sagte schließlich zu Tymme:

Wagst du es?

Ja.

Nun, dann thu es eben. – Damit war Tymme frei, und Mollerup entfernte sich, nachdem er aber doch vorher noch einem von Tymmes Gefangnenwächtern, der ihm zufällig in die Hände fiel, ein paar Ohrfeigen versetzt hatte – alles in der würdigsten und majestätischsten Weise.

Aber während der noch übrigen Zeit der Freiviertelstunde stand die zweite Klasse in Gruppen beisammen und sprach von dem nächsten Tage, dem der Ablieferung des Aufsatzes.

Achtzehntes Kapitel

Professor Löwe kommt in ein Dilemma

 

Der nächste Tag kam – die Aufsatzhefte lagen auf dem Katheder. Der Primus stand steif daneben. Der Kyklop trat herein; die Spannung war groß.

Was haben wir heute? Na, Aufsatzablieferung, sagte Herr Nielsen; er war in seinem gewöhnlichen Eifer, rieb sich die Hände und sehnte sich danach, anzufangen. Sind sie alle da? – die Aufsätze nämlich.

Lemvig seiner fehlt, sagte der Primus.

Was? – Fehlt er, hat er eine Entschuldigung, hat er einen Zettel?

Der Primus schwieg und sah auf Lemvig.

Steh auf, Lemvig, antworte, mach schnell!

Tymme stand mitten in der Klasse, er war ziemlich bleich, schließlich brachte er stammelnd die Antwort heraus, die er ja lange im voraus bedacht hatte:

Ich konnte nicht damit fertig werden, es war so schwer.

Damit fertig werden, schwer, was soll das heißen?

Herunter vom Katheder fuhr er und stellte sich vor Lemvig hin, mit seinem jähzornigen Gesicht dicht vor dem Tymmes. Zu schwer? Nicht damit fertig werden? Was meinst du denn damit? Bist du verrückt?

Hätte nun Herr Nielsen sich hinreißen lassen, zuzuschlagen, dann wäre Tymme trotzig geworden, und das wäre eine Erleichterung gewesen; das fühlte er. Aber Herr Nielsen hielt nichts vom Schlagen, außerdem sah er in den Augen des Knaben etwas, das durchaus nicht gewöhnlichem Trotz glich. Er sagte mit milderer Stimme: Sag mir lieber, was schuld daran ist, lüg nicht, du bist ja ein ehrlicher Junge.

Tymme fühlte jetzt, daß er den Kyklopen lieb habe; es wurde ihm schwer, die Thronen zurückzuhalten.

Der Lehrer wartete ein wenig, als aber der Junge nicht antwortete, wandte er sich kurz ab und sagte kalt, während er das Katheder bestieg:

Ja, du bekommst eben eine Null und eine Bemerkung, und dann machst du bis morgen einen Strafaufsatz, laß mich sehen: »Ein fröhlicher Ausflug ins Grüne,« und dann lieferst du mir natürlich trotzdem am nächsten Aufsatztag den Nutzen der Disziplin ab, außer dem gewöhnlichen Aufsatz. – Das war das Bündel Donnerkeile, das in diesem Augenblick zu seiner Verfügung stand.

Tymme lieferte sowohl die Strafarbeit »ein fröhlicher Ausflug« – er war nicht sehr fröhlich – und am nächsten Termin den gewöhnlichen neuen Aufsatz, aber nicht den über die Disziplin. Herr Nielsen wußte nicht, was er anders thun sollte, als wieder eine Null, eine Bemerkung, eine Strafarbeit und dann die Faulbank zu geben. Er schien aber merkwürdigerweise nicht so böse zu sein, als man hätte glauben sollen, eher wie verwundert. Aber Lemvig mußte gezwungen werden, das war nun eine Autoritätssache für den Lehrer.

Am nächsten Ablieferungstag dieselbe Geschichte. Mit den andern Aufsätzen gab sich Tymme doppelte Mühe, wie auch mit allen andern Aufgaben, nur dieser unbegreifliche Trotz mit der »Disziplin.« – Als die Monatsabrechnung kam, wurde Tymme der letzte in der Klasse, wegen der Nullen und der schweren Bemerkungsabzüge.

Tante Erika war sehr unangenehm berührt; Onkel Leonhard schalt ihn aus, aber draußen in der Küche stand Jungfer Lemvig – sie kam in dieser Zeit fast jeden andern Tag –, sie nickte und sagte:

Nun halten wir noch ein Weilchen aus, dann siegt das Recht wohl zum Schluß.

*

Es mußte aber doch erst ein harter Strauß ausgefochten werden, ehe das Recht siegte. Gerade zehn Tage nach dem ersten Aufsatzablieferungstag stand Tymme in dem Zimmer des Professors.

Ja, soweit war es gekommen. Noch niemals war ihm das widerfahren, daß er mit einem spanischen Rohr Schläge bekommen sollte. Nun sollte es doch geschehn.

Es wäre dies schon viel früher geschehn, wenn nicht Herr Nielsen selbst – aber das wußte Tymme nicht – es hinausgezogen und für ihn gebeten hätte. Aber nun stand das spanische Rohr da – es war mit Spinnweben bedeckt, denn es wurde nur selten gebraucht –, und der Professor stand da, ein milder Mann, aber ein fester Mann und gewiß ein schrecklich starker Mann. Und was das allerschlimmste war, Tymme stand da, Tymme selbst; er würde darauf geschworen haben, daß das nie vorkommen könnte.

Und er war fünfzehn Jahre alt.

Nun, du hast also eine Züchtigung verdient, Lemvig, und zwar von der schärfsten Art, so endete der Professor eine kleine Ansprache. Siehst du das ein?

Ja, murmelte Tymme. Er bebte vor Furcht, aber vor der Schande, nicht vor dem Schmerz.

Sonderbarer Junge, sagte der Professor, indem er das schon erhobne spanische Rohr wieder sinken ließ, und du willst also fortgesetzt nicht schreiben? Oder sagen warum?

Ach wie oft hatten sie ihn nicht gefragt, warum? Aber es zu sagen, das hieße ja die Kameraden verraten, deshalb sagte er:

Nein.

Das Gesicht des Professors verdüsterte sich. Ein starkes Sausen, ein Schlag, ein Stöhnen; das spanische Rohr ist wieder erhoben … die Thür öffnet sich, zwei Jungen stehn davor. Der Professor hatte ihr Klopfen und ihr Kommen nicht gehört, es waren der Primus der zweiten Klasse und Mollerup von der vierten.

Herr Professor! Herr Professor!

Hinaus mit euch, und macht die Thür zu! donnerte der Professor, sobald er sie gewahrte.

Aber nein. Mollerup ging gerade auf ihn zu und sagte:

Entschuldigen Sie, Herr Professor, wollen Sie ihn nicht freilassen, wir andern waren es, ich war es, der Lemvig dazu brachte.

Und ihr kommt nun, um – um –? sagte der Professor.

… um die Prügel zu kriegen, antwortete Mollerup, und es war nichts Freches, nichts Selbstbewußtes in seiner Stimme oder in seinem Ausdruck, nur natürliches Ehrgefühl und Redlichkeit.

Der Professor war in einem Dilemma, aber er war ein alter Pädagoge von dem Schlage, dem der Verstand nicht bloß im Kopf, sondern auch im Herzen sitzt, und so brachte er die Sache zu einem guten Ende. Und als das spanische Rohr wieder in seine Ecke gestellt wurde, hatte es nichts von seinen Spinnweben eingebüßt, als das kleine bischen, das hinten aus Tymmes Jacke hing.

Neunzehntes Kapitel

Enthält unter andern wichtigen Begebenheiten die, wie Oberst Güllich beinahe eine Krone los geworden wäre

 

Nun, Professor, sagte Oberst Güllich zwei Tage später – es war in des Professors Zimmer –, jetzt ist die unbedeutende Geschichte ja in Ordnung. Der Kerl hat den Aufsatz nun gemacht. Er hat ein Paar Hiebe bekommen, zum Teufel, dafür sollen Sie bedankt sein. Mon Dieu, die Disziplin geht über alles andre.

Der Professor räusperte sich nur. Er stand mit einem offnen Brief in der Hand da.

Dieser – Mullerup – ein honetter Junge, gerade herausgesagt … fuhr Oberst Güllich fort.

Der Professor räusperte sich wieder, und das so bedeutungsvoll, daß der Oberst inne hielt.

Hm, mein Lieber – hm. Da ist dieser Brief – ein sehr sprechendes Dokument, das ich soeben erhalten habe von – Ihrem geehrten Schwager, hm, dem Vater des mehr erwähnten Knaben. Ja … Vielleicht hätten Sie Lust, es zu lesen? Sein Sie so gut.

Der Oberst las:

Herr Schulmeister Löwe! – »Schulmeister,« wiederholte der Oberst und schielte mit komischer Miene nach dem Professor.

»Aus zuverlässiger Quelle habe ich soeben erfahren, daß Sie es für gut befunden haben, meinem Sohne eine körperliche Züchtigung mit einem Stock zu erteilen; infolge dieser Kränkung der Menschenwürde und besonders der Kindernatur melde ich hiermit meinen Sohn aus Ihrer Schule ab.«

Der Oberst ließ den Brief sinken und sah den Professor mit offnem Munde an, dann schlug er erbittert mit der Fläche seiner linken Hand auf den Brief und rief:

Das ist sie, die Person –

Wie meinen Sie? fragte der Professor.

Er wird ruiniert, ich meine, der Junge! rief der Oberst außer sich vor Entrüstung, vollständig ruiniert.

Ja, antwortete der Professor bedächtig; das ist in der That auch meine Meinung.

Ja aber ich werde – nein, Erika soll – nein – ach, wenn nur Mutter noch lebte … Die letzte Bemerkung entfuhr ihm gegen seinen Willen, und das Gesicht des Professors, das während des ganzen Auftritts sehr ernst fast niedergeschlagen gewesen war, nahm sogleich einen etwas satirischen Ausdruck an.

Der Oberst begann im Zimmer auf und ab zu gehn, plötzlich klärten sich seine bekümmerten Züge auf, und er sagte:

Nun hab ich es. Kümmern Sie sich nicht um ihn, er ist verrückt, ich meine, mein Schwager, das heißt, nicht eigentlich verrückt, aber – ach, dieses Frauenzimmer – hören Sie, Professor, behalten Sie ihn. Mon Dieu, thun Sie, als ob nichts geschehen wäre, und behalten Sie ihn.

Der Professor schwieg noch eine Weile, den letzten Vorschlag ganz überhörend. Hierauf räusperte er sich und begann:

Hm. Ich hätte nicht das geringste dagegen, ja, ich sähe es sogar gern, wenn Sie und Ihre Schwester es versuchten, Ihren beiderseitigen Einfluß auf Ihren Schwager aufzuwenden, um ihn womöglich zur Vernunft zu bringen, wie ich es nennen würde. Aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich glaube, es wird mißlingen, nein. In parenthesi gesagt, den armen Jungen selbst betrachte ich als vollständig schuldlos daran, und die Sache ist ganz und gar nicht nach seinem Wunsche entschieden worden, sie ist vielmehr schon lange im voraus bestimmt gewesen.

Glauben Sie? fragte der Oberst, um doch etwas zu sagen.

Ja, schon seit dem Tode seiner Großmutter, der Frau Konferenzrätin – hier zeigte sich wieder der satirische Zug in des Professors Miene. – Ich will Ihnen nämlich anvertrauen, daß sich von dieser Zeit an eine Reihe von Schreiben Ihres geehrten Schwagers, von derselben Art wie dieser Brief hier, datieren, wenn auch nicht so peremptorisch. Diese körperliche Züchtigung ist nur die Veranlassung, die Abmeldung wäre doch geschehen.

Glauben Sie?

Ja. Und ich habe ihn seit ziemlich langer Zeit nur um seiner selbst willen zurückgehalten – und um Ihretwillen, ja. Er war ein guter Junge, gerade kein Licht, aber er wäre gewiß mitgekommen, und ich hoffte beständig, es würde vorübergehn, wie man sagt. Dieses schlägt indessen meine Hoffnung nieder, ich kann Ihnen ja nur guten Erfolg wünschen mit einem etwaigen Versuch, aber – wie gesagt –

*

Oberst Güllich marschierte in düstrer Stimmung die Treppe hinunter. So barsch war seine Miene, daß ein Paar Jungen, die zufällig in dem langen Gang bei ihm vorbeikamen, stehn blieben und ihm nachsahen. Du, Mollerup, sagte der eine, das war Lemvigs Onkel. Der Oberst hörte es und hielt plötzlich inne; sein Gesicht wurde von einem freundlichen Lächeln erhellt. Er wandte sich an den einen der Jungen.

Heißt du Mullerup?

Ja, antwortete dieser, indem er sich aufrichtete und die Mütze abnahm. Es war ein großer, hübscher Bursche mit einem bestimmten Ausdruck, dichtem dunkelm lockigem Haar und lebhaften braunen Augen. Er sieht jemand ähnlich, den ich kenne, dachte der Oberst.

Hm. Du wolltest also – ich darf doch wohl du sagen – du wolltest die Schläge haben?

Der Junge errötete – und das stand ihm ausgezeichnet.

Mullerup! Ich – ich – zum Teufel, nimm diese Krone hier, und der Oberst griff in die Tasche und machte sein Portemonnaie auf.

Entschuldigen Sie, ich kann nicht wohl Geld annehmen, denn ich weiß wirklich nicht – es war nichts andres als meine – nein, ich kann wirklich nicht –

Der Oberst betrachtete ihn, steckte das Portemonnaie wieder in die Tasche und errötete noch tiefer als der Junge.

Zum Teufel, du hast Recht, und ich habe Unrecht; ich bitte dich um Entschuldigung.

Er wollte gehn, aber als ob ihn etwas fesselte, blieb er wieder stehn und fuhr fort:

Mullerup, sagte er mit altmodischer edelmännischer Würde, Mullerup, ich weiß nicht, ob du das bist, was man – eh – von Familie sein heißt, aber deine Aufführung – sowohl bei der frühern Gelegenheit wie jetzt – ist die eines Kavaliers. Meine Hochachtung! Und er nahm galant den Hut ab vor dem fünfzehnjährigen Jungen.

Mollerup sah ihm verblüfft nach, während er die Treppe hinunterging. Das vorherrschende Gefühl bei ihm war, um die Wahrheit zu sagen, eine ärgerliche Wehmut über die so leichtsinnig verscherzte Krone, denn der Junge Mollerup hatte äußerst wenig Taschengeld. Aber dann, als ihm die Worte: Ich weiß nicht, ob du von Familie bist, klar wurden, überzog sich seine Wange mit neuer Röte, und bittre Thränen brannten in seinen Augen.

Hätte sich der gute Oberst zufälligerweise daran erinnert, was Tymme vor ein paar Jahren von den Familienverhältnissen seines Kameraden erzählt hatte, da wäre er beinahe ebenso unglücklich über seine Worte gewesen wie Mollerup, als dieser nun allein in einer dunkeln Ecke des Ganges die heftig hervorbrechenden Thränen zu hemmen versuchte, ehe er wieder in die Klasse trat.

Zwanzigstes Kapitel

Tante Erika muß sich zu Tante Gine in die Küche bequemen

 

Bei Großmutter Güllichs Tode hatte Tante Gine Hoffnung gefaßt, Tymme der verderblichen Umarmung der schwarzen Schule zu entreißen und ihn auf eine Volkshochschule zu bringen. Dann würde er volkstümlich werden, das war das wichtigste. Was er dann weiter werden sollte, das mußte in Gottes Hand liegen. Geld gab es nun ja genug in der Familie. Aber diese Bestrebungen scheiterten an dem Pfarrer, der daran fest hielt, daß Tymme Student werden sollte; und hier zeigte Pastor Lemvig eine unerwartete Festigkeit. Tante Gine versuchte es nun, ihn jedenfalls einmal in eine andre Lateinschule zu bringen, wenn sich eine fand, deren Geist und Ton mehr nach ihrem Sinn war, als die des Professors Löwe. Damit verband sie einen noch weitgehendern Plan, nämlich den Jungen aus dem aristokratischen Heim in der Amalienstraße weg und ihn anderswo unterzubringen. Zu diesem Zweck war sie häufig in Kopenhagen und erkundigte sich nach allen Seiten; sie hatte von ihrer Zeit auf der Volkshochschule her einige gleichgesinnte Freunde, die nun in Kopenhagen waren; diese dienten ihr als Ratgeber. Mittlerweile versäumte sie keine Gelegenheit, Professor Löwes Schule und Tante Erikas Haus schlecht zu machen. Der Pfarrer hörte ihr zu, und als sie endlich meinte, für beide einen Ersatz gefunden zu haben, war die Sache reif. Es hielt aber doch noch ziemlich schwer, den unentschloßnen Mann zu dem entscheidenden Schritt zu bewegen, aber dann kam die Aufsatzgeschichte und schließlich die »körperliche Züchtigung«; diese war der mangelnde Tropfen, und Tante Gine stand daneben, als der Pfarrer seinen kurzen Brief an Professor Löwe schrieb: »die Hand war Esaus Hand, aber die Stimme Jakobs Stimme.«

Noch an demselben Tag war das unternehmende Weib in Kopenhagen und traf die letzten Verabredungen mit der neuen Schule und dem neuen Heim, und am nächsten Tag, ungefähr zu derselben Zeit, wo der Professor die Abmeldung erhielt, trug sich folgendes zu.

Tante Erika saß in dem kleinen Wohnzimmer und häkelte.

Dabei dachte sie an die armen Kinder draußen in Lundbyvester. Wie schrecklich deren Erziehung war. Daß sie niemals mit jungen Mädchen ihres eignen Standes verkehrten. Auch nicht mit andern ordentlichen Menschen. Sie waren gewiß nie »in Gesellschaft« gewesen, seit sie erwachsen waren, ja beinahe nicht seit dem Tode ihrer Mutter. Gott mochte wissen, ob sie tanzen konnten. Und wie wohl ihre Manieren sein mochten, und wie sie gekleidet sein mochten. – Und sie dachte an alle ihre vielen vergeblichen Versuche, sie ein wenig nach Kopenhagen zu bekommen, und wäre es auch nur auf ein paar Tage gewesen. Dann dachte sie mit der ganzen Entrüstung, deren ihr sanftes Gemüt fähig war, an sie, die Person, »Gine,« und sie wunderte sich darüber, warum diese in der letzten Zeit so oft in der Stadt gewesen sein möchte, mehreremale in der Woche.

In diesem Augenblick kam Jutta und meldete:

Jungfer Lemvig ist in der Küche. Sie möchte gern mit dem gnädigen Fräulein sprechen. – Ihre Stimme verriet ihr Erstaunen, denn es war fast noch nie vorgekommen, daß Jungfer Lemvig mit jemand anders als mit Tymme hatte reden wollen.

Dann bitten Sie die Jungfer Lemvig, hereinzukommen, sagte Tante Erika widerstrebend und verwundert.

Das habe ich natürlich gethan, gnädiges Fräulein, aber sie sagt, sie wolle lieber da bleiben, wo sie sei.

Ach so. Ja wollen Sie dann der Jungfer Lemvig melden, daß ich das auch wolle, sagte Tante Erika – denn die Tauben haben auch Galle.

Als Jutta das Zimmer verlassen hatte, zitterte die feine Hand Tante Erikas, die die Häkelnadel führte, ein wenig. Jutta kam zurück, offenbar etwas beunruhigt. Es handelt sich gewiß um Tymme, gnädiges Fräulein. Sie will durchaus nicht hereinkommen.

Tante Erika wurde auch unruhig. Sie lehnte sich einen Augenblick in ihren Stuhl zurück, seufzte, legte die Häkelarbeit weg, erhob sich dann und ging in die Küche, nachdem sie Jutta bedeutet hatte, ihr nicht dahin zu folgen.

Die beiden Tanten standen einander gegenüber, so grundverschieden in allem, wie man sich nur denken konnte. Die Bauernfrau steif mit einem so geringen Gruße wie möglich – sie betrachtete es als herabwürdigend, einer aristokratischen Person gegenüber Höflichkeit zu zeigen –; die Dame dagegen neigte das Haupt, eine unfreiwillige Äußerung guter Erziehung.

Ich möchte dem Fräulein Güllichen melden, daß Tymme nun von seinem Vater abgemeldet worden ist.

Abgemeldet? Sie sah Jungfer Lemvig fragend an, begegnete aber keiner andern Antwort, als einem sichern Blick aus den grauen Augen.

Eine unheimliche Ahnung der Wahrheit ergriff sie. Meinen Sie, daß der Junge aus seiner Schule abgemeldet worden sei, aus Professor Löwes Schule?

Jawohl, von seinem Vater.

Tante Erika konnte kaum sprechen. Aber da weiß ich ja gar nichts davon. Das ist ja ganz verrückt. Das ist ja wahnsinnig.

Ich weiß nicht, ob das verrückt ist. Mir scheint es, als ob das eben so verrückt ist, ein freies Menschenkind Gottes mit einem Stock zu schlagen.

Fräulein Güllich ließ sich nicht herab, über diesen Punkt zu streiten. Daß Tymme Recht geschehen sei, darüber war sie sich mit Onkel Leonhard vollständig einig. Auch Tymme hatte es im Anfang anerkannt, aber dann hatte er plötzlich darüber gemurrt. Darin hatte Tante Erika Jungfer Lemvigs heimlichen Einfluß von der Küche her zu erkennen gemeint, und als sie diese nun ansah, wurde sie von dem geradezu siegesstolzen Ausdruck in den grauen Augen betroffen, und sie sagte mit größerer Leidenschaft, als sie sonst an den Tag zu legen pflegte:

Das ist Ihr Werk, Jungfer Lemvig.

Das habe ich nicht gesagt. Der Pfarrer verfügt selbst über seinen Sohn.

Aber um Gottes willen, was ist denn dann beschlossen?

Das wird der Pfarrer dem Fräulein Güllichen wohl selbst sagen, wenn es ihm gut dünkt. – Ich denke auch, daß er weg kommt, Tymme. Aber das wird der Pfarrer schon selbst dem Fräulein Güllichen sagen, wenn es soweit ist. – Ihre Augen leuchteten noch stärker als vorher, sie sah das Fräulein fortgesetzt scharf an.

Ich verstehe Sie nicht recht, wollen Sie es mir wiederholen? – Weg kommen? – Soll Tymme weg kommen?

Von hier, antwortete Tante Gine. Ihr Triumph war unverkennbar.

Von hier? – Gott erbarme sich – kommt er von hier weg? Und wohin? Heim?

Darauf habe ich nicht nötig zu antworten. Fragen Sie seinen Vater, er weiß Bescheid – leben Sie wohl.

*

Alles, was Jungfer Lemvig dem gnädigen Fräulein mitgeteilt hatte, wurde bald von dem Pfarrer selbst offiziell bestätigt. Ein ziemlich langer Brief kam von ihm; er enthielt Danksagungen an die Schwägerin für die Zeit und so weiter, eine scharfe Begründung dafür, warum der Junge aus Löwes Schule genommen werde, samt einer schonendem, warum auch das Güllichsche Haus nicht mehr passend sei. Tymme sei in einer andern Schule angemeldet worden, »wo eine freiere Lebensanschauung herrsche,« und wo der besondern Individualität des einzelnen Schülers Rechnung getragen werde. Und er solle in einem Pensionat wohnen, dessen Inhaber diese Grundanschauung teile. Jungfer Lemvig, deren Thätigkeit in seinem Hause und für seine Kinder nicht hoch genug geschätzt werden könne, habe schon alles geordnet. Noch einmal Dank für alles und so weiter.

Also sehr freundschaftlich alles miteinander: fortiter in re, suaviter in modo.

Tante Erika lächelte erbittert: der Schwager hatte offenbar nicht den Mut gehabt, persönlich mit ihr zu verhandeln, nicht ihr Auge in Auge gegenüber zu stehn. Hierauf erwog sie Tante Gines Rolle in dieser Sache; sie war überzeugt, daß hinter der Handlungsweise dieser Frau ein persönliches Interesse stecken müsse, und schließlich kam sie zu der Erkenntnis, daß hier weitaussehende Pläne verfolgt würden – ach, wenn es so weit kommen sollte! Er ist einfältig, und sie ist intrigant; und – das Alter! – o das wäre eine Schmach für die Familie –

Und doch, dachte sie weiter, was geht dies im Grunde die Familie an? Wir stehn ja diesem Frauenzimmer machtlos gegenüber. Mag sie ihren Weg gehn. – Aber dann fielen ihr die drei Kinder ein, die Kinder ihrer Schwester, und sie seufzte bekümmert.

Sie that aber doch der Jungfer Lemvig Unrecht. Diese war eine Idealistin, und ihr Handeln und Streben ging nicht auf eignen Vorteil aus. Aber sie glaubte die Lebensaufgabe zu haben, überall und zu allen Zeiten, in allen Verhältnissen zu dem Siege der Volkstümlichkeit und zur Niederlage des nicht Volkstümlichen beizutragen. Dies hatte sie sich gelobt, als sie als junges Mädchen auf der Volkshochschule mit ihren Altersgenossinnen zusammen tagtäglich in Zorn über die Unterdrückung des gemeinen Volks entbrannt war. Das hatte ihr ganzes Leben lang für sie festgestanden, und nun, wo sie endlich als eine fünfundvierzigjährige Frau in die Verhältnisse gekommen war, wo sie für die gute Sache eine Schlacht schlagen konnte – war das nicht Gottes Ruf für sie?

Einundzwanzigstes Kapitel

Leb wohl!

 

Der letzte Tag in der Schule!

Die letzte Freiviertelstunde in der Schule!

Die letzte Stunde in der Schule – das letzte mal die Treppen hinunter! – das letzte mal durch das Thor hinaus!

Ach, wie sonderbar den ganzen Tag der große Lindenbaum auf dem Spielplatz gerauscht hat; er ist verwundert darüber, daß Tymme Lemvig fort soll. Leb wohl, du guter Baum, du wirst nun andre Spiele, andre Kämpfe beschatten, wo Tymme Lemvig nicht dabei ist. – Lebt wohl, ihr Klassen mit den alten wohlbekannten Tischen; andre Jungen werden nun da sitzen, wo Tymme Lemvig seinen Namen hineingeschnitten hat, und fragen: Wer war er? – Lebt wohl, ihr Landkarten und Bilder an den Wänden, die ehrfurchtsvollen Blicke andrer Knaben werden euch treffen, aber nie wieder die Tymme Lemvigs. – Du früher so lärmende Schar der Klassenkameraden, die nun am Thor aufmarschiert stumm dasteht, lebt wohl; werdet ihr den Tymme Lemvig vergessen? – Und Professor Löwe hat in seinem Arbeitszimmer von ihm Abschied genommen. Vergiß nun nicht alles, was du hier gelernt hast, sagte er und klopfte Tymme auf Haar und Wangen. – Und Tymme ist bei allen Lehrern herumgegangen und hat jedem einzelnen die Hand gegeben, er hat in ihren Augen gelesen, daß sie erstaunt sind, und daß es ihnen nicht lieb ist, daß er weggeht. Herr Nielsen, der Kyklop, den er beleidigt hatte, war der allerfreundlichste gewesen; er war ganz gerührt. – Und Mollerup!

Die Bücher sind gepackt, er hat den Hut auf, obgleich die Schulzeit noch nicht vorbei ist. Es ist sonderbar, mitten in der Schulzeit drunten auf der Straße zu stehn und von außen an dem hohen grauen Haus hinaufzusehen. Leb wohl, alte Schule; ist dir Tymme Lemvig denn schon fremd geworden? Vor einer Minute noch Schuljunge da drinnen, und nun schon wie jeder andre fremde Junge, der vorüber geht? – Zum letzten mal, leb wohl! – nein, noch einmal zurück und einen Blick zum Thor hinein. – Alles ist still: es hat schon zur Stunde geläutet. Noch einmal ganz hinein auf den Spielplatz; leb wohl zum aller allerletztenmal!

Vier Jahre und ein paar Monate. Nur vier Jahre und etwas darüber.

Ja, aber vier Jahre in der Kinderzeit sind mehr als zehn Jahre für den Erwachsenen.

Und der Tag vergeht wie ein Hauch, wie ein Schatten; der letzte Tag in dem alten Heim in der Amalienstraße. Auch das ist vorbei.

Am Morgen wird gemeldet, daß Tante Gine schon in der Küche stehe.

Leb wohl, Anders, leb wohl, Jutta, und schönen Dank für alles – leb wohl, Tante Erika – –

Willst du mich nicht doch ab und zu besuchen? fragt Tante Erika.

Ja, antwortet Tymme, und wenn es sein Leben gekostet hätte, er hätte keine Silbe mehr hervorbringen können.

Und deinen Onkel Leonhard auch?

Tymme nickt.

Aber draußen in der Küche steht Tante Gine und wartet.

Ach, Tante Gine, ist es nicht schade, warum muß ich eigentlich von alldem weg, von der Schule und von Tante Erika?

Es ist zu deinem eignen Besten, Kind!


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