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VI.

Nach dem kurzen Besuche, welchen Vitrac seinem Freunde Jonville abgestattet hatte, war er sehr spät nach Hause gekommen. Er hatte in seinem Club gespeist, was bei ihm nur in den allerseltensten Fällen geschah, und sich dann an den Spieltisch gesetzt, nur um sich zu betäuben, denn ihm war weder an Gewinn, noch an Verlust gelegen. Zufällig traf es sich, daß er gewann.

Damit man ihn aber nicht beschuldigen könne, daß er sich mit dem gewonnenen Gelde aus dem Staube mache, blieb er, bis das Spiel aus Mangel an Spielern eingestellt werden mußte, und so verließ er zu sehr vorgerückter Stunde den Club, wo er eine Menge Fragen, die von zudringlichen neugierigen Leuten in Bezug auf die Ereignisse in seinem Atelier an ihn gestellt wurden, hatte beantworten müssen.

Er sagte, das Ganze sei ein abgeschmackter Scherz gewesen, und die Mehrzahl der Anwesenden schien ihm Glauben zu schenken. Einer derselben, der in der Morgue gewesen, berichtete, daß der Kopf nicht mehr ausgestellt sei, woraus er den Schluß zog, daß die Behörden keine weiteren Nachforschungen zu pflegen gedenken.

Hieran zweifelte Vitrac allerdings; doch hütete er sich, Anlaß zu einem Meinungsaustausche zu geben, zumal er an diesem Orte und von diesen Herren keinerlei Mittheilungen gewärtigen konnte, die einige Klarheit in die Sache gebracht hätten. Er wollte statt dessen möglichst bald beim Grafen Borodino vorsprechen, da er hier rascher sein Ziel zu erreichen hoffte.

Seinen Besuch beim Grafen hatte er für die Mittagsstunde des nächsten Tages angesetzt, und er fand sich pünktlich ein. Er hatte weder mit Dangelas, der zweimal in seine Wohnung gekommen war, ohne ihn anzutreffen, noch mit Wanda gesprochen, die sich nicht blicken ließ.

Am Montag Morgen hatte er alle erforderlichen Malerutensilien nach der Wohnung des Grafen schaffen lassen; er selbst war pünktlich zur Mittagsstunde erschienen, und eine Stunde später befand er sich in dem am Ende des Gartens gelegenen Pavillon in bester Arbeit.

Borodino hatte ihn wie einen alten Freund empfangen und ihn nach den herkömmlichen Begrüßungen und Formalitäten zu seiner Nichte geführt, die den Maler bereits erwartete.

Sie war, um gemalt zu werden, als Griechin aus Smyrna gekleidet, und diese Tracht kleidete sie vorzüglich. Der kokett auf ihrem blonden Haar sitzende nationale »Taktikos« verlieh ihrer Schönheit den Charakter der Originalität, der Vitrac für den Moment ein wenig außer Fassung brachte.

Er hatte sie zum erstenmale aus einer ziemlichen Entfernung gesehen; nun er sie aber ganz in der Nähe sah, konnte er die große Ähnlichkeit, die ihn derart überrascht hatte, noch mehr würdigen, und thatsächlich erschien sie ihm noch erstaunlicher als im ersten Augenblicke.

Die Maler besitzen die Fähigkeit, den Gesammteindruck und zugleich die Einzelheiten eines Gesichtes auf einen Blick zu erfassen. Die junge Dame, die Vitrac saß, erinnerte ihn immer mehr an die Todte; aber nicht bloß durch die Züge, sondern noch mehr durch den Ausdruck des Gesichtes. War dies ein Zufall, ein Naturspiel? – Oder ward die Lebende durch die Bande einer nahen Verwandtschaft mit der Todten verknüpft, gleichwie es beispielsweise bei zwei Zwillingsschwestern der Fall ist? Auf diese Frage vermochte Vitrac keine Antwort zu finden.

Irene, an der er mit heißer Liebe gehangen, hatte mit ihm nie über ihre Familienverhältnisse gesprochen; er wußte ja nicht einmal, ob sie verheiratet gewesen. Dies hatte er auch seinem Freunde Jonville gesagt und damit die Wahrheit gesprochen, so unwahrscheinlich das auch klingen mochte. Er konnte daher nichts anderes thun, als diesen Russen, der wie aus den Wolken herabgefallen war, und das räthselhafte junge Mädchen, dessen Porträt er anfertigen sollte, aufmerksam zu beobachten.

Um das Bild zu vollenden, mußte mehr als eine Sitzung stattfinden, und im Laufe derselben würde es ihm zweifellos gelingen, sich über das Vorleben des Onkels und der Nichte, sowie über ihr beiderseitiges Verhältniß Klarheit zu verschaffen.

Der Graf hatte den Maler seiner Nichte vorgestellt, die denselben noch nicht kannte, da sie im Wagen unten geblieben war, während sich ihr Onkel bei Vitrac befand. Es war das eine ganz eigenartige Vorstellung, die in einer Sprache erfolgte, welche Vitrac nicht verstand, und bei einer Dame stattfand, welche ein eigenartiges Begebniß der Sprache beraubt hatte. Gleich darauf hatte Helene die Stellung eingenommen, welche der Maler für wünschenswerth hielt, der sich dann sofort an die Arbeit begab.

Der Graf, der halb ausgestreckt auf einem breiten Divan lag, rauchte eine türkische Pfeife und verhielt sich dabei schweigend, offenbar um den großen Künstler nicht zu stören, dessen Augen unablässig von seinem Modelle zu seiner Leinwand und wieder zurück wanderten.

Die Nichte saß, als wäre dies ihr Beruf gewesen, ohne eine Bewegung zu machen und ohne den Blick von Vitrac zu verwenden, dem diese Beharrlichkeit ein wenig lästig war.

Je länger er sie betrachtete, je höher stieg sein Staunen über ihre Aehnlichkeit mit der Anderen. Mitunter schien es ihm sogar, als wäre es Irene selbst, deren Züge er auf die Leinwand bannte und die er zu ihren Lebzeiten so gern gemalt hätte, von der er aber nicht einmal eine kleine Skizze hatte entwerfen können, da sie niemals in sein Atelier gekommen war. Im Uebrigen waren ihre Zusammenkünfte sehr flüchtige gewesen und sie hatten sich stets nur so kurze Zeit gesehen, daß er die spärlichen Momente nicht dazu verwenden wollte, ihr Bildniß zu entwerfen.

Das Porträt des lebenden Ebenbildes der Todten zu malen, erfüllte ihn mit einer schmerzlichen Freude, welcher sich eine unbestimmte Unruhe zugesellte. Er dachte schon halb und halb daran, daß Irene möglicherweise das Opfer einer Familientragödie geworden, wie sie bei den alten Griechen beliebt gewesen, die ihre Töchter und Schwestern opferten, wenn sich dieselben gegen ihre ehelichen Pflichten vergaßen. Etwas spät kam ihm der Gedanke, daß der Onkel Helenen's der Gatte Irenen's gewesen sein könne. Auch Jonville war auf diese Vermuthung gerathen, hatte dieselbe aber alsbald wieder aufgegeben.

Wie konnte angenommen werden, daß der Gatte, nachdem er seine Gattin bestraft hatte, den Freund derselben aufsuchen und bitten werde, in seiner, des Gatten Wohnung das Porträt seiner Nichte zu malen, die der Todten in geradezu erschreckender Weise ähnlich sah? Der unerbittlich strafende Gatte würde nach vollbrachtem Morde jedenfalls nur daran denken, Paris den Rücken zu wenden, und statt dessen hatte es den Anschein, als suchte er die Personen, die den schauerlichen Auftritt im Atelier Vitrac mitangesehen, in seine Nähe zu locken.

So wenig wie sein Freund Jonville konnte Vitrac an ein derartiges Uebermaß von Kühnheit glauben; er gab es also gänzlich auf, für den Moment die geheimnißvollen Punkte der Sachlage zu klären, und gab sich der Hoffnung hin, daß die Wahrheit eines Tages offenbar werden wird. Er hätte sich gewiß nicht derart getröstet, wenn er gewußt hätte, was sich tagsvorher in diesem Hause zugetragen hatte; da er aber mit Dangelas nicht zusammengetroffen, so besaß er keine Ahnung von all den Dingen. Seine Phantasie aber ruhte trotzdem keinen Augenblick, und er begann allmählich zu der Einsicht zu gelangen, daß Wanda seit jener schrecklichen Ballnacht ein ganz eigenartiges Verhalten an den Tag lege. Er erinnerte sich, daß Jonville einen gewissen Verdacht gegen die junge Dame geäußert habe, und so nahm er sich denn vor, sie aufmerksam zu beobachten, ja sogar gewisse Fragen an sie zu stellen.

Borodino rauchte inzwischen schweigend seine Pfeife, mit einer Ruhe und Gelassenheit, um die ihn ein türkischer Pascha hätte beneiden können. Es hatte sogar den Anschein, als schliefe er; doch war er vollkommen wach, und ließ weder Vitrac, noch seine Nichte einen Moment aus den Augen.

Kein Geräusch der Außenwelt drang in das improvisirte Atelier, wo der Künstler mit fieberhaftem Eifer arbeitete, in diesen Pavillon, der am äußersten Ende des Gartens lag und vom Quai zu weit entfernt war, als daß man das Rollen der Wagen hätte vernehmen können. Die Dienerschaft hielt sich gewöhnlich auf der der Rue Berton zugewendeten Seite, in den Hofräumlichkeiten auf und hatte bei der Ankunft des Malers den Befehl erhalten, ihren Gebieter unter keinen Umständen zu stören. Hätte sich einer der Diener erkühnt, diesem Befehle zuwiderzuhandeln, so wäre das dem Grafen sofort aufgefallen, denn er hatte ein sehr scharfes Gehör und eines der Pavillonfenster stand offen.

Vitrac hatte die erste Skizze auf der Leinwand beendet und wollte sich gerade erheben, um den Eindruck derselben zu beurtheilen, als sich der Graf auf dem Divan, auf welchem er lag, emporrichtete, seine Pfeife niederstellte und die Augenbrauen runzelte. Ueberrascht durch diese plötzliche Veränderung suchte Vitrac die Ursache derselben zu errathen, als ihn ein durchdringend scharfer Ton zusammenzucken ließ. Von der Terrasse aus war ein Pfiff ertönt, ein kurzer, gellender Pfiff, als wäre es ein Signal gewesen.

Vitrac fuhr bei dem unerwarteten Tone in die Höhe. Er war nicht daran gewöhnt, daß jemand pfeife statt zu rufen, in einer Weise pfeife wie es der Ueberlieferung nach einst die Räuber gethan, die den Wald von Bondy unsicher machten. Seine Freunde Jonville und Cavaroc, ja sogar sein Lieblingsschüler Dangelas wären weit weniger erstaunt gewesen, denn diese hatten bereits Gelegenheit gehabt zu hören, daß sich Borodino einer Pfeife bediene, um seiner Dienerschaft Befehle zu ertheilen.

Auch seine Nichte mochte daran gewöhnt sein, denn sie zuckte mit keiner Wimper, und ihr liebliches Gesicht verrieth weder Unruhe noch Überraschung; auch war sie nicht einmal zusammengefahren, wie man das sonst bei einem ungewohnten und unerwarteten Geräusche thut. Vitrac zog daraus den Schluß, daß diese Art Meldung zu erstatten in Rußland gebräuchlich sei.

Der Graf war dagegen hastig aufgestanden und an das Fenster getreten, um zu sehen, wer es gewagt habe, dieses gebieterische Signal zu geben. Denn daß er seinen Dienern pfiff, konnte angenommen werden; doch daß einer derselben ihm pfiff, war zumindest sonderbar zu nennen.

Es blieb ihm indessen keine Zeit, den Schuldigen ausfindig zu machen, denn noch bevor er das Fenster erreicht hatte, wurde die Thür des kleinen Salons, welcher Vitrac augenblicklich als Atelier diente, weit geöffnet und ein Herr erschien auf der Schwelle, dem einer der gräflichen Bediensteten dicht auf den Fersen folgte, ein schwarz gekleideter Herr, der vor allem seinen Hut höflich lüftete. Vitrac, der sich ihm gerade gegenüber befand, verbeugte sich, um den Collectivgruß zu erwidern, da er den Unbekannten für einen Freund des Grafen hielt. Helene kehrte der Thür dagegen den Rücken zu und hielt es offenbar nicht für notwendig, sich nach dem Besucher umzuwenden, der, wie man zu sagen pflegt, mit der Thür ins Haus fiel, ohne sich anmelden zu lassen.

Der Onkel schritt auf den Eindringling zu und sprach hochmüthigen Tones:

»Was ist es? – Was giebt es? – Habe ich nicht streng jegliche Störung untersagt?«

Diese Worte galten dem Diener, der zum nicht geringen Erstaunen Vitrac's seinem Gebieter allerlei Zeichen zu machen wagte; die Antwort rührte aber von dem schwarzgekleideten Herrn her.

»Mein Herr,« hub er ruhigen, gelassenen Tones zu sprechen an; »ich habe im Namen des Herrn Staatsanwaltes eine Requisition vorzunehmen, und bitte ich, derselben keine Schwierigkeiten in den Weg zu stellen.«

»Ich bin Ausländer, mein Herr,« erwiderte der Graf vollkommen ruhig; »und habe mit den französischen Behörden nichts zu schaffen. Offenbar liegt hier ein Irrthum vor.«

»Ich denke nicht. Sie sind Graf Borodino, russischer Unterthan?«

»Ja wohl.«

»Dann habe ich mit Ihnen zu thun.«

»So folgen Sie mir, bitte, in das anstoßende Gemach; Sie sehen ja, daß ich nicht allein bin.«

Der Besucher machte indessen keine Miene, dieser Aufforderung Folge zu leisten; er hatte Vitrac vor seiner Staffelei erblickt und betrachtete ihn jetzt mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Der Herr arbeitet an dem Porträt meiner Nichte,« fuhr der Graf ungeduldig fort; »er braucht also nicht zu hören, was Sie mir zu sagen haben.«

»Herr Paul Vitrac, glaube ich?« fragte der Abgesandte des Staatsanwaltes, und als der Künstler, der sehr überrascht war, daß ihn dieser Mann kannte, den er sich nicht erinnerte, jemals gesehen zu haben, bejahend mit dem Kopfe nickte, fügte der Schwarzgekleidete hinzu: »Die Gegenwart dieses Herrn stört mich nicht.«

Er trat bei diesen Worten zur Thür und schloß dieselbe vor der Nase des Bedienten, der ihm gefolgt war. Jetzt erbleichte der Graf vor Zorn und er trat auf den kecken Eindringling zu, der ihm kalten Tones sagte:

»Wenn Sie wünschen, daß ich meinen Besuch abkürze, so müssen Sie mir ohne Zögern Rede und Antwort stehen. Es handelt sich in kurzen Worten um Folgendes: Beim Gerichtshofe wurde heute Morgens die Anklage wegen gewaltsamer Beraubung der Freiheit einer minderjährigen Person gegen Sie erhoben.«

Ein verächtliches Lächeln glitt über die Züge des Grafen, der achselzuckend erwiderte:

»Sehr wohl, mein Herr; ich weiß, wovon Sie sprechen. Ich habe selbst bereits mit dem Kläger verhandeln müssen, denn er war schon gestern in Begleitung eines recht verdächtig aussehenden Individuums bei mir. Wie konnte aber der Gerichtshof die Denunciation eines Wahnsinnigen ernst nehmen?«

»Sie irren sich; Pierre Cordouan ist nicht wahnsinnig. Er diente als Quartiermeister in der Kriegsmarine, erfreute sich stets des besten Leumundes, und ist Besitzer des Verdienstkreuzes –«

»Und kam zu mir, um mich für das Verschwinden seiner Enkelin, einer Putzmacherin, verantwortlich zu machen, da man, wie er sagte, dieselbe in mein Haus treten, aber nicht wieder herauskommen sah! Der alte Seemann mag ja eine recht ehrenwerthe Persönlichkeit sein; doch hat ihn der Kummer offenbar ein wenig wirr im Kopfe gemacht!«

»Sie stellen es also in Abrede, daß das junge Mädchen zu Ihnen gekommen sei, um einen durch eine Dame bestellten Hut abzugeben?«

»Ja, das stelle ich ganz entschieden in Abrede.«

»Die Thatsache wird indessen durch einen Zeugen bestätigt, der den Kläger gestern hierher begleitete und heute Morgens einvernommen wurde.«

»Offenbar der Mann, dessen ich vorhin erwähnte. Derselbe behauptet in der That, er habe die Putzmacherin bis zum Thore meines Hauses begleitet, hat dies sogar in meiner Gegenwart aufrecht erhalten. Wäre er allein gewesen, so hätte ich ihn aus dem Hause gewiesen – doch nahm ich Rücksicht auf den alten Großvater. Ich hatte Erbarmen mit dem Schmerze desselben, ließ die beiden Männer eintreten und trieb die Zuvorkommenheit so weit, daß ich sie durch sämmtliche Räume des Hauses und durch den Garten geleitete. Selbstverständlich fanden sie die gesuchte Person nicht, und als ich die Beiden entließ, rieth ich ihnen selbst, die Hilfe der Behörden anzurufen. Aus diesem Grunde bin ich auch nicht erstaunt über Ihren Besuch, seitdem ich die Veranlassung desselben kenne.«

»Sagte Ihnen der jüngere der beiden Männer nicht, wer er sei?«

»Nein, und ich dachte nicht einmal daran, ihn danach zu fragen. Ich kann Ihnen nichts weiter über denselben sagen, als daß er mir nicht jenen Kreisen anzugehören schien, die man in Frankreich die herrschenden nennt.«

»Er ist der beste Schüler des hier anwesenden Herrn Vitrac und heißt Jean Dangelas.«

Der Graf schien erstaunt zu sein, Vitrac aber war so überrascht, daß er seinen Pinsel fallen ließ, den er aufzuheben vergaß. Da er mit Dangelas nicht mehr gesprochen, seitdem er in seiner Begleitung den Untersuchungsrichter verlassen, konnte er auch nicht wissen, was der junge Maler in der Zwischenzeit gethan. Dagegen begann es ihm klar zu werden, woher der Abgesandte des Gerichtshofes ihn, Vitrac, kannte. Und nun lieferte der Mann selbst die erforderliche Erklärung, indem er sagte:

»Ich habe die Herren am jüngsten Freitag im Gerichtsgebäude gesehen; Sie, Herr Vitrac, erinnern sich meiner nicht, Ihr Schüler hat mich aber heute Morgens sofort erkannt.«

Jetzt erinnerte sich Paul daran, daß während des Verhöres, welches er beim Untersuchungsrichter zu bestehen hatte, der Chef oder zumindest ein höherer Agent der Sicherheitspolizei zweimal in das Zimmer getreten war, um die vom untersuchenden Richter geforderten Acten herbeizubringen. Der Mann war mit dem Agenten identisch, den er jetzt bei Borodino sah, und der ein besonderes Gewicht darauf zu legen schien, seinem Erinnerungsvermögen zu Hilfe zu kommen, denn er fügte hinzu:

»Als wir, Herr Vitrac und ich, uns zum erstenmale sahen, handelte es sich um eine viel wichtigere Angelegenheit als die heutige – die aber auf eine eigenthümliche Weise mit jener anderen in Verbindung stehen kann. – Herr Vitrac weiß, was ich meine, und Sie, Herr Graf, werden gewiß in den Zeitungen gelesen haben, was sich in seinem Atelier zugetragen.«

»Ich habe in der That davon gelesen,« erwiderte Borodino ruhig, »und auch ich theile die allgemein verbreitete Ansicht, daß das Ganze ein unglaublich geschmackloser Scherz gewesen. Ich glaube aber auch zu verstehen, auf welche Eigenthümlichkeit Sie angespielt haben. Dieser Herr Dangelas, der gestern hier gewesen, hat meine Nichte auf der Terrasse gesehen und war geradezu überwältigt von ihrer Aehnlichkeit mit der Frau, der man den Kopf abgeschnitten haben soll.«

»Ich bin hierher entsendet worden, um mich davon zu überzeugen.«

»Ich dachte, Sie seien gekommen, um nach der verschwundenen Modistin zu forschen.

»Meine Mission hat einen doppelten Zweck.«

»Sehr wohl, mein Herr. Es steht Ihnen frei, mein Haus vom Giebel bis zum Keller zu untersuchen und alle Schränke aufzusperren, wenn es Ihnen beliebt,« sagte der Graf mit kaum verhehlter Ironie. »Was meine Nichte anbelangt, so ist sie hier. Wie Sie sehen, sitzt sie gegenwärtig Herrn Vitrac, den ich gebeten habe, ihr Porträt zu malen, was er mir willig zugesagt hat – trotz dieser Ähnlichkeit, die den Behörden Ihres Landes so viel Kopfzerbrechens verursacht und die auch ihn überraschte.«

»Wie?« fragte der Agent; »diese Dame –«

»Ist die Tochter meines Bruders. Sie wendet Ihnen den Rücken und hat sich seit Ihrem Eintritte nicht einmal gerührt; doch nicht, um ihr Gesicht vor Ihnen zu verbergen, wie Sie sich sofort überzeugen werden.« Und die Stimme erhebend rief der Graf: »Helene!«

Das junge Mädchen hob den Kopf empor und wendete sein Gesicht dem Agenten zu, der vor Überraschung zurückwich. Offenbar war er auf ein derartiges Wunder nicht vorbereitet gewesen; eine Todte und eine Lebende, die einander wie zwei mit demselben Bildnisse geschmückte Medaillen gleichen. Er enthielt sich indessen einer jeden Bemerkung über diese Naturerscheinung und sagte kalt:

»Herr Dangelas hat nichts übertrieben; man könnte die Beiden miteinander verwechseln.«

»Da ich die Andere niemals gesehen habe, so kann ich hierüber kein Urtheil abgeben,« meinte Borodino mit einem kurzen Auflachen; »und ich beschränke mich auf Grundlage Ihrer eigenen Aussage nur auf die Constatirung der Thatsache, daß ein Irrthum sehr wohl stattfinden konnte. Die Natur gefällt sich mitunter in allerlei Absonderlichkeiten, die ich nicht zu erklären vermag.«

»Ich auch nicht, zumal ich auch gar nicht die Absicht habe, an diesem Orte den Schleier des Geheimnisses zu lüften, der über die beiden Angelegenheiten gebreitet ist, welche die Behörden zu untersuchen begonnen haben.«

»Welche zwei Angelegenheiten meinen Sie?«

»Ich meine den Tod der Frau, deren Kopf in das Atelier des Herrn Vitrac geschmuggelt wurde, sodann aber das Verschwinden der Putzmacherin Auguste Bernier.«

»Was die Letztere betrifft, so kann ich die Sache unmöglich ernst nehmen, und selbst wenn dieselbe den Schein für sich hätte, so vermag ich mir nicht zu erklären, in welchem Zusammenhange sie mit der Ersteren stehen könnte. Wie dem aber auch sein mag, bitte ich Sie vor allem mir zu sagen, was Sie von mir wünschen.«

»Ich bin gekommen, um Sie zu ersuchen, mich zum Untersuchungsrichter, Herrn Francastel, zu begleiten.«

»Wie! Soll das bedeuten, daß Sie mich verhaften?«

»Nein, Herr Graf. Sie werden bloß mit mir und Ihrer Fräulein Nichte in den Wagen steigen, welcher uns vor Ihrem Thore erwartet und in welchem wir nach dem Gerichtsgebäude fahren werden.«

»Wozu meine Nichte? Doch nicht um sie zu verhören? Das arme Kind ist ja stumm.«

»Das weiß ich; Herr Dangelas erwähnte diesen Umstand, doch wünscht der Untersuchungsrichter sie zu sehen.«

»Sie kann uns in diesem griechischen Costüm, welches sie anlegte, um Herrn Vitrac zu sitzen, nicht begleiten.«

»Es genügt, wenn das Fräulein einen Mantel mit einer Kapuze anlegt. Wir werden die Fahrt in einem geschlossenen Wagen zurücklegen und uns auf einer Nebentreppe, wo wir niemandem begegnen werden, zum Untersuchungsrichter begeben. Ich bitte Sie, keine Zeit zu vergeuden; wir werden erwartet und meine Weisungen sind sehr gemessen.«

Vitrac, der dem ganzen Auftritte schweigend beiwohnen mußte, machte ein sonderbares Gesicht. Er hatte seine Palette, die er beim Kommen des Agenten zu präpariren begonnen, aus der Hand gelegt und stand jetzt regungslos am Fenster, voll unruhiger Erwartung dem Abschlusse der Scene entgegensehend. Bis hierher war seiner nur nebenbei gedacht worden; doch war es fraglich, ob seine Person nicht auch in Mitleidenschaft gezogen werden würde.

Helene blickte ihren Onkel an und ihre Augen waren mit fragendem Ausdrucke auf ihn gerichtet, da sie ihn auf andere Weise nicht befragen konnte. Die Unterhaltung war bislang in französischer Sprache geführt worden und sie hatte kein Wort von derselben verstanden. Graf Borodino verrieth mit keiner Miene Angst oder Unruhe. Sein Gesicht zeigte den ruhig selbstbewußten Ausdruck eines Mannes, der unschuldig verdächtigt wird und der es unter seiner Würde hält, sich einem untergeordneten Organe gegenüber zu rechtfertigen.

»Gut,« sprach er nach einer Weile; »ich willige ein, Ihnen mit meiner Nichte zu folgen, doch nur, weil ich glaube, daß Sie in der Lage sind, mich zu zwingen.«

»Ich bin nicht allein,« gab der Agent kurz zur Antwort.

»Ich weiche also der Gewalt, indem ich mir vorbehalte, bei meiner Botschaft Klage über das unerhörte Vorgehen zu führen, welches man in Paris einem Ausländer gegenüber einzuschlagen für geboten erachtet, der der Gast Frankreichs ist und einer derartigen Behandlung nicht gewärtig sein konnte.«

»Ich kann Ihnen nur wiederholen, Herr Graf, daß es niemandem zusteht, sich einer behördlichen Maßregel zu widersetzen – hier so wenig wie in anderen Ländern. In Ihrer Heimat würde man hierbei offenbar mit weit weniger Rücksicht verfahren. Zudem sind Sie hoffentlich von jeder Schuld frei, und dies ist bloß ein Grund mehr, um der Aufforderung des Gerichtes nachzukommen, welches die Wahrheit zu erforschen sucht.«

»Ich weiß genug, mein Herr,« fiel der Graf dem Sprecher mit vieler Würde ins Wort, worauf er in russischer oder griechischer Sprache etwas seiner Nichte sagte, die sich erhob, in das anstoßende Gemach ging und gleich darauf in einen langen Mantel aus dunkelfarbener Seide gehüllt zurückkehrte.

Diese Art passiven Gehorsams überraschte Vitrac und den Agenten vielleicht auch.

Die Befehle, die der türkische Sultan in seinem Harem ertheilt, werden auch nicht rascher ausgeführt, und um den Vergleich vollständiger zu machen, wird der Sultan von stummen Dienern umgeben und Helene war auch stumm. Wohl sollte sie das nicht bleiben, wie ihr Onkel sagte, während der Großtürke dem Vernehmen nach den Unglücklichen, die er mit der seidenen Schnur zu den in Ungnade gefallenen Würdenträgern schickt, die Zunge ausreißen läßt.

Bis Helene aber wieder in den Stand gesetzt wurde, sich ihrer Sprache zu bedienen, konnte sie nichts anderes thun, als sich schweigend den Weisungen des Grafen Borodino zu fügen, ein Umstand, der dem Agenten zu denken gab und ihn zu der Schlußfolgerung veranlaßte, daß das wirkliche oder auch nur simulirte Gebrechen der Nichte dem Onkel sehr zu Statten kam.

Die Leute, die der Polizei aus Beruf angehören, zweifeln eben an allem, und unser Agent schien entschlossen zu sein, den Behauptungen und Angaben des vornehmen Ausländers keinen Glauben zu schenken; er bereitete sogar im Gedanken schon die Fallen vor, die er dem Grafen legen wollte, um sich zu überzeugen, ob er im Einverständnisse mit Helene log oder nicht.

Vitrac wußte jedenfalls mehr als er über die Ermordete, und wenn er alles gesagt hätte, was ihm selbst bekannt war, so wäre die Sache gewiß bedeutend erleichtert worden. Um der Untersuchung eine neue Wendung zu geben, hätte er bloß erzählen müssen, in welchen Beziehungen er zu der räthselhaften Irene gestanden; er aber beobachtete aus übertriebener Rücksicht für die Verstorbene ein hartnäckiges Stillschweigen. In Bezug auf Helene war er übrigens nicht besser unterrichtet als die Uebrigen, Jonville und Dangelas mitinbegriffen, und er rechnete darauf, daß ihn der Untersuchungsrichter neuerdings vor sich bescheiden würde.

»Wir sind bereit,« sprach der Graf, »und können aufbrechen, sofern Sie nicht erst eine Hausdurchsuchung bei mir vornehmen wollen; in diesem Falle würde ich meinen Leuten Befehl ertheilen, sämmtliche Thüren vor Ihnen zu öffnen.«

»Das ist unnöthig,« erklärte der Agent ruhig. »Der Untersuchungsrichter wird erst nach Ihrem Verhöre darüber entscheiden, ob eine Hausdurchsuchung bei Ihnen vorgenommen werden soll oder nicht; in erster Reihe wünscht er Sie aber zu verhören.« Und zu Vitrac gewendet, fügte der Mann hinzu: »Was Sie betrifft, mein Herr, so hatte ich nicht gehofft, Sie hier anzutreffen, und der Untersuchungsrichter hatte auch nicht darauf gerechnet. Hieraus folgt, daß ich in Bezug auf Sie keinerlei Weisungen erhielt, und somit können Sie sich unbehindert entfernen. Es scheint mir aber, als thäten Sie besser daran, mich zu begleiten, denn Herr Francastel wird sicherlich mehrere Fragen an Sie zu richten haben.«

»Wie Sie meinen; ich stehe Ihnen zur Verfügung,« erwiderte Vitrac.

»Verzeihen Sie mir, lieber Herr,« sagte jetzt Borodino zu dem Letzteren, »daß ich Ihnen solche Unannehmlichkeiten zugezogen. Hätte ich hierauf gefaßt sein können, so hätte ich Sie gebeten, mit dem Porträt an einem der nächsten Tage zu beginnen; offen gestanden, liegt aber die Schuld an dem Ganzen eher an Ihrem Schüler als an mir. Das Verschwinden dieser Putzmacherin ist ihm zu Kopf gestiegen und er hat auch den alten Mann angesteckt, so daß sich derselbe zu einer Anzeige bewogen fand. Bitte, schelten Sie doch Ihren Herrn Dangelas gehörig aus, wenn Sie ihn wieder zu Gesicht bekommen.«

»Ich zürne Ihnen ja nicht, Herr Graf,« versicherte Vitrac, womit er aber seinen Gedanken keinen Ausdruck verlieh, denn er begann es bereits sehr zu bereuen, daß er hierhergekommen und einer Unterredung mit Dangelas aus dem Wege gegangen war, denn der junge Mann hätte ihn sicherlich auf die Gefahren dieses Unternehmens aufmerksam gemacht.

»Gehen wir, meine Herren,« drängte der Agent, den dieser Austausch von Höflichkeiten ganz unberührt ließ.

»Ich bin bereit,« erklärte Borodino; »doch wollen Sie mir gefälligst vorerst sagen, wer Sie sind. Sie sagten, Sie seien der Abgesandte des Staatsanwaltes, unterließen es aber, Ihren Namen und amtlichen Charakter zu nennen.«

»Ich bin der Geheimpolizist Grisaille. Und nun vorwärts! Es ist bereits höchste Zeit.«

Die Thür war geschlossen; Vitrac öffnete dieselbe und schritt hinaus, ihm folgte der Graf mit seiner Nichte, und den Beschluß machte Grisaille, wie es Leute seines Berufes stets thun. Die Polizeiagenten achten immer darauf, daß die Personen, die sie begleiten, vor ihnen einhergehen, denn nur auf diese Weise kann man dieselben fortwährend im Auge behalten.

Am Fuße der Treppe stand der Diener, der gepfiffen hatte, um seinen Gebieter zu benachrichtigen, und auf der Terrasse sah man zwei Männer, die man sofort als Polizeiagenten erkannte. Sie schienen keine Miene zu machen, von der Stelle zu weichen, und Borodino, der dies zu errathen schien, sagte lauten Tones und in französischer Sprache zu seinem Diener:

»Bewirthen Sie diese Herren, bis ich zurückkehre, und wenn dieselben eine Erfrischung wünschen, so reichen Sie ihnen das Verlangte.«

Diese Weisung lockte ein zweideutiges Lächeln auf die Lippen Grisaille's; doch sprach er kein Wort zu seinen Untergebenen, die offenbar bereits wußten, was sie zu thun hatten.

Zwei andere Männer befanden sich in dem der Rue Berton zugekehrten Hofe, und vor dem Thore standen zwei Wagen, zwei jener großen viersitzigen Fiaker, wie man sie nur mehr vor den Bahnhöfen anzutreffen pflegt. Der zunächst stehende war leer, der andere dagegen schien besetzt zu sein, denn die Fenster waren emporgezogen und die Vorhänge herabgelassen.

Borodino übersah das alles mit einem Blicke, und mit einem lauten Auflachen sagte er:

»Wir haben eine entsprechende Begleitung, wie mir scheint. Diese Vorsichtsmaßregel war ganz überflüssig, lieber Herr, denn ich habe keinerlei Absicht, Ihnen unterwegs zu entspringen; ich kann es ja kaum erwarten, all diese Verhöre und Unannehmlichkeiten bereits hinter mir zu haben. Doch wie sollen wir uns setzen? Je Zwei in einem Wagen oder alle Vier in demselben Wagen?«

»Dieser Wagen ist genügend groß für uns Vier,« erwiderte Grisaille, indem er den Wagenschlag öffnete.

»Das trifft sich gut; so wird die Sache wenigstens amüsanter sein,« behauptete Borodino mit einem ironischen Lächeln.

Und damit ließ er seine Nichte einsteigen, die weder beunruhigt, noch erregt zu sein schien; man hätte meinen sollen, sie sei auf alles gefaßt.

Der Graf nahm einen der Rücksitze ein, an der Seite der völlig theilnahmslosen Helene; ihr gegenüber ließ sich Vitrac nieder, und als Letzter stieg seinem Principe getreu der Polizeiagent ein, während einer der vor dem Portale stehenden Agenten zum Kutscher auf den Bock sprang, worauf der Wagen sofort Kehrt machte, um denselben Weg, den er beim Kommen zurückgelegt, einzuschlagen. Der zweite Wagen führte das gleiche Manöver aus, und einige Minuten später rollten beide Fuhrwerke den Quai entlang.

Die vier Insassen des ersten Wagens verhielten sich schweigend; die Stumme, weil sie dazu gezwungen war, und die drei Anderen, weil sie sich sagten, daß Schweigen unter Umständen Gold ist. Vitrac, der über die vielen unverständlichen Dinge nachdachte, die er heute mitangesehen, hatte gar kein Verlangen, seine Gedanken in Worte zu kleiden, Borodino fand es jedenfalls unter seiner Würde, neuerliche Fragen an einen Polizeiagenten zu richten, und der Letztere mochte der Ansicht sein, daß er ohnehin bereits zu viel gesprochen.

Man war nicht mehr weit vom Gerichtsgebäude, als sich der Graf endlich entschloß, nicht eine Unterhaltung mit seinen zwei Reisegefährten anzuknüpfen, sondern mit seiner Nichte zu sprechen. Dies geschah natürlich in einer Sprache, deren sie allein mächtig war.

An gewissen Wortendungen erkannte Vitrac, daß es Griechisch sei; doch waren seine classischen Studien nicht eingehend genug gewesen, um auch den Sinn des Gesprochenen zu erfassen. Höchstens, daß er hie und da ein Wort erfaßte, dessen Bedeutung er zu errathen glaubte. Er errieth auch – und das war nicht schwer – daß Borodino seiner Nichte Rathschläge ertheilte, wie sie sich vor dem Richter zu benehmen habe, der sie jetzt vor sich bescheiden ließ. Sie hörte dem Grafen mit achtungsvoller Aufmerksamkeit zu und antwortete ihm durch verschiedene Zeichen, die mitunter verneinend, zumeist aber bejahend waren.

»Sie sprechen griechisch wie ein geborener Grieche,« sagte der Agent mit Betonung.

»Ja, wir Russen sprechen sozusagen jede Sprache,« erwiderte der Onkel leichthin.

»Sie sind also ganz entschieden ein Russe?« fragte der Agent.

»Das wissen Sie selbst sehr gut,« versetzte Borodino trocken; »im Uebrigen gleicht diese Frage auf ein Haar einer Unverschämtheit, und ich denke, daß sie Ihnen gleichsam unterschoben wurde durch die Angaben dieses alten Narren, der mich beschuldigt, seine Enkelin entführt zu haben oder gefangen zu halten, was weiß ich? Schon gestern hat er mir irgend ein griechisches Wort zugerufen, und offenbar hat er auch dem Untersuchungsrichter eine phantastische Geschichte erzählt, die in seiner Phantasie entstanden sein mag. Doch werde ich dem Untersuchungsrichter diese meine Ansichten persönlich vorlegen; mit Ihnen habe ich gar nichts zu thun.«

Grisaille richtete keine weiteren Fragen an den Grafen, und wenige Minuten später war man an Ort und Stelle angelangt. Der Wagen rollte in einen weiten Hof und hielt vor einer Treppe, an deren Fuß Polizisten Wache standen. Die Agenten, die in dem zweiten Wagen fuhren, stiegen beim Eingange des Hofes aus.

Auch die vier Insassen des ersten Fiakers stiegen aus und Grisaille forderte die kleine Gesellschaft in höflichen Worten auf, die Treppe emporzuschreiten, deren Anblick kein sonderlich ermuthigender war, obschon sie bloß zu den Arbeitsräumen der Untersuchungsrichter führen. Die Stufen waren abgenützt und die altersschwache Brüstung hatte die unablässige Berührung mit den Händen der zu verhörenden Personen ihrer Glätte beraubt. Auf jedem Absatze der Treppe stand ein Polizist und erst im dritten Stockwerke angelangt, blieb der Geheimpolizist stehen.

Hier sagte er mit leiser Stimme einige Worte zu dem wachehabenden Polizisten, der Vitrac, Borodino und dessen Nichte in das für die Zeugen bestimmte Zimmer, ein mit Bänken versehener weiter Raum, führte, wo sich für den Moment niemand befand. Nachdem dies geschehen, klopfte Grisaille an eine andere Thür, die in das Zimmer des Untersuchungsrichters Francastel führte.

Dieses Glied der strafenden Gerechtigkeit gehörte noch der alten Schule an. Von Eleganz konnte bei Francastel keine Rede sein, das ganze Aeußere des Mannes zeugte von einer gewissen Geringschätzung aller auf Nettigkeit und Sauberkeit gerichteten Anforderungen, und auf den ersten Blick nahm sein Gesicht nicht zu seinen Gunsten ein. Dasselbe war glatt rasirt und er trug schon früh Morgens eine jener verschlungenen, weißen Halsbinden, die man nur mehr bei gewissen Advocaten aus der Provinz sieht.

Sein Gesichtsausdruck war streng, beinahe hart, die Züge waren wie mit dem Meißel zurechtgezimmert und die grauen Augen von dichten struppigen Brauen beschattet. Doch wenn er sprach, nahm das harte Antlitz einen ganz veränderten Ausdruck an, wurde sogar für Momente ganz sympathisch und sein Lächeln war geradezu entzückend; nur lächelte er sehr selten.

Im Uebrigen war er das Musterbild eines Untersuchungsrichters, mit allen Künsten und Kniffen seines Berufes auf das innigste vertraut und demselben mit solcher Leidenschaft ergeben, daß er sogar seine Beförderung abgelehnt hatte, nur um auch weiterhin in seinem Fache thätig zu sein. Dazu besaß er eine immer seltener werdende Kenntniß aller einschlägigen Gesetz- und Rechtsfragen, wozu sich eine hohe allgemeine Bildung gesellte, so daß man alle schwierigen Angelegenheiten mit Vorliebe ihm übertrug.

Er war gerade mit der Durchsicht der Acten beschäftigt, als Grisaille eintrat; ohne emporzublicken, fragte er:

»Nun? Was giebt's neues? Haben Sie sie mit sich gebracht?«

»Ja, Herr Untersuchungsrichter. Den Onkel, die Nichte und sogar Vitrac, den Maler von der Place Pigalle, den ich bei Borodino antraf, wo er an einem Porträt der Nichte arbeitete.«

»Sehr schön. Die übrigen Leute sind auch bereits zur Stelle, so daß ich dann alle meine Leute bei der Hand habe. Hoffentlich werden wir endlich etwas Klarheit in die Sache bringen.«

»Ich bin noch nicht so weit,« erklärte Grisaille etwas kleinlaut, »ja, ich gestehe sogar, daß sich die Sache immer mehr zu verwickeln scheint. Zuweilen neige ich der Ansicht zu, daß im Grunde genommen an dem Ganzen nichts sei, wenigstens nichts von Bedeutung, höchstens ein taktloser, derber Atelierscherz und eine Putzmacherin, die ihren Großvater im Stiche ließ, um Abenteuern nachzugehen.«

»O! o!« meinte Francastel; »daß die Sache auf einem Scherz beruhe, kann nicht angenommen werden, denn die Untersuchung hat bis heute schon den Beweis erbracht, daß in der letzten Zeit weder aus der anatomischen Lehranstalt, noch aus den Krankenhäusern ein Kopf entwendet wurde.«

»Das weiß ich; andererseits wurde aber auch keine sonstige Anzeige erstattet. Wo befindet sich denn der zu diesem Kopfe gehörige Körper? Sämmtliche Leichname, die man seither in der Seine oder an sonstigen Orten gefunden hat, waren nicht verstümmelt und wurden erkannt; der Kopf dagegen wurde während der vorgeschriebenen zweiundsiebzig Stunden, die er in der Morgue ausgestellt war, nicht erkannt.«

»Dies ist nur ein Grund mehr für die Annahme, daß hier ein Verbrechen vorliegt. Niemand außer den Thätern kannte die Ermordete, und diese hüteten sich wohlweislich, eine Anzeige zu erstatten. Außerdem haben die Aerzte in ihrem Befunde erklärt, daß der Kopf bei lebendem Leibe, und zwar mit einem einzigen Streich abgeschnitten wurde, wie es die Guillotine bei den zum Tode Verurtheilten thut. Ferner haben wir die große Aehnlichkeit, von welcher Herr Dangelas gesprochen, in Betracht zu ziehen. Besteht dieselbe thatsächlich? Sie müssen diesbezüglich bereits im Reinen sein, da Sie die Nichte dieses Grafen Borodino gesehen haben.«

»Die Aehnlichkeit besteht thatsächlich und hat mich in hohem Grade überrascht; um aber ein maßgebendes Urtheil abgeben zu können, müßte man die Todte und die Lebende zu gleicher Zeit sehen und einen Vergleich anstellen.«

»Dies wird geschehen und habe ich bereits meine diesbezüglichen Maßregeln getroffen. Was denken Sie übrigens von diesem russischen Grafen?«

»Ich denke, daß, wenn er nicht wirklich ein rechtschaffener ausländischer Edelmann ist, er der geriebenste Halunke ist, der mir bisher untergekommen! Mein Besuch hat ihn nicht im mindesten erschreckt, und in seinen Antworten, die er auf meine Fragen ertheilte, widersprach er sich auch nicht ein einzigesmal.«

»Ich habe bei der russischen Botschaft Erkundigungen über ihn einziehen lassen und erwarte die Auskünfte jeden Moment; sobald ich dieselben erhalten, beginne ich mit dem Verhöre. Ich will nach jeder Seite hin gewappnet sein, weil ich sehe, daß ich es mit einem starken Gegner zu thun haben werde. Im Uebrigen lege ich den Angaben des alten Cordouan, der da behauptet, Borodino sei ein Seeräuber gewesen, nur sehr mäßige Bedeutung bei; im gegebenen Momente werde ich die beiden Männer einander gegenüberstellen – und nun zu etwas anderem. Ist die Nichte wirklich stumm?«

»Wenn sie es nicht ist, so spielt sie ihre Rolle vorzüglich, denn sie hat nicht eine Silbe gesprochen.«

»Sie haben also keine Fragen an sie richten können?«

»Ich hätte es wohl können, denn sie ist nicht taub; doch hätte sie mich weder verstanden, noch mir Antwort gegeben; denn sie versteht nur Griechisch.«

»Griechisch?« sagte der Untersuchungsrichter und rieb sich die Hände. »Das ist gut, zu wissen. Wir haben Dolmetscher für diese und auch andere Sprachen im Hause; im schlimmsten Falle könnte ich selbst den Dolmetscher machen, obwohl ich schon ein wenig außer Uebung gekommen bin seit der Zeit, da ich im Griechischen die besten Classen hatte. Gewiß aber versteht sie nur das Neugriechische, dessen Aussprache von der des Altgriechischen bedeutend abweicht. Versuchen werde ich es aber immerhin. – Und nun sagen Sie mir, was Sie von der Geschichte mit der Putzmacherin halten? Können Sie annehmen, das Mädchen sei laut Angabe dieses Dangelas in dem Hause des Grafen verborgen und werde gewaltsam daselbst zurückgehalten?«

»Diesbezüglich kann ich noch keine Ansicht äußern. Ich kann nichts weiter sagen, als daß das Mädchen, wenn es tatsächlich daselbst gefangen gehalten wird, nicht unbemerkt und nicht ohne unser Vorwissen entlassen werden kann, da ich einige meiner Leute daselbst zurückgelassen habe, um das Haus zu bewachen. Wenn Sie eine Hausdurchsuchung für geboten halten, so werden wir das Mädchen daselbst vorfinden; ich glaube aber, daß es nicht dort ist.«

»Aber hingegangen ist es, wie mir seine Principalin selbst mittheilte. Der Hut, welchen die Kleine abgeben sollte, war in der Rue de la Paix bei Lucie Courtois von einer Dame bestellt worden, deren Personsbeschreibung mit der der Todten übereinstimmt, und die die Adresse angab: Gräfin Irene, Rue Berton Nummer acht. – Nur Gräfin Irene, nicht Borodino.«

»Die Kleine mochte ja dort gewesen sein, den Hut sammt der Schachtel einem Diener übergeben haben und dann davongeschlichen sein, um dem Maler, der ihr vielleicht nicht gefiel, eine Nase zu drehen.«

»Die Principalin befindet sich ebenfalls im Zeugenzimmer und wartet bloß darauf, daß ich sie rufen lasse. Ich bin neugierig, was sie sagen wird, wenn sie den Grafen und dessen Nichte vor sich sehen wird.«

»Hat sie den Kopf bereits gesehen?«

»Noch nicht. Es soll das eine Ueberraschung für sie – und auch für Andere werden. Ich werde den Kopf weder Dangelas, der denselben kennt, noch dem alten Cordouan zeigen, der mit dem Morde nichts zu schaffen hat; dagegen glaube ich, daß es nicht schaden würde, ihn dem Maler Vitrac zu zeigen. Sein ganzes Verhalten seit jenem Balle in seinem Atelier ist mir nicht recht klar. – Auch dürfen wir nicht an seine Verlobte, an dieses Fräulein Wanda vergessen, die nur sehr flüchtig verhört wurde und möglicherweise mehr von der Sache weiß als wir ahnen. Ich habe also – wie gesagt – alle erforderlichen Personen bei der Hand, und glaube, daß der heutige Tag entscheidend sein wird.« Darauf wendete er sich an seinen Schriftführer, einen grauhaarigen Mann, der mit seinen Papieren an einem kleinen Tische saß, und fragte: »Im kleinen Cabinette ist doch alles bereit, wie?«

»Ja, Herr Francastel,« erwiderte der Alte, ohne den Blick zu erheben. Man hätte meinen sollen, er fürchte sich, einen Blick nach dem kleinen Cabinette zu werfen, welches eigentlich mit zu dem Zimmer gehörte, in welchem sich der Untersuchungsrichter aufhielt und nur durch einen Vorhang von demselben getrennt wurde.

In diesem Augenblicke trat ein Diener ein und überreichte dem Richter ein ziemlich umfangreiches Packet.

»Aha!« sagte dieser; »da sind ja die Auskünfte, die ich erwartete.«

Und den Umschlag entfernend, vertiefte er sich in die Lectüre der amtlichen Schriftstücke, die den Inhalt desselben bildeten.

Die Prüfung der Papiere währte ziemlich lange und Grisaille wagte keine Störung, richtete auch keine Frage an den Richter, als dieser mit der Durchsicht zu Ende war.

»Es sind das recht sonderbare Acten,« sagte Francastel mit einemmale. »Im großen Ganzen lauten sie, einigen Vorbehalt ausgenommen, nicht ungünstig für den Grafen. Hauptsache ist, daß ich auf Grundlage dieser Auskünfte jetzt mit größerem Nachdrucke auftreten kann. Bitte, führen Sie den Mann jetzt herein.«

»Allein oder mit seiner Nichte?« fragte der Geheimpolizist, der an alles dachte.

»Bei einem anderen Stande der Dinge würde ich ihn vorerst allein verhören, denn es ist mein Princip, die Zeugen voneinander getrennt zu vernehmen. Da das junge Mädchen aber der französischen Sprache nicht mächtig ist, so liegt kein Grund vor, um ihren Onkel nicht in ihrer Gegenwart zu verhören, zumal mir derselbe als Dolmetscher dienen kann, wenn ich die Nichte befragen werde.«

Grisaille sagte sich zwar im Stillen, daß dies unklug sei, denn indem Borodino die Fragen des Untersuchungsrichters übersetzte, konnte er in griechischer Sprache zugleich die Antworten andeuten, die sie durch Zeichen ertheilen sollte; doch behielt er diese Bemerkung für sich und verließ das Zimmer, um den Befehl des Untersuchungsrichters auszuführen.

»Pilois,« wendete sich dieser an seinen Schriftführer, als er mit ihm allein war, »Sie müssen mich wiederholt anblicken, während ich den Herrn verhören werde, der jetzt hereinkommen wird. Es werden möglicherweise Dinge zur Sprache kommen, die nicht ins Protokoll zu kommen brauchen. Wenn Sie also sehen werden, daß ich mir das Kinn streichle, so werden Sie das, was ich spreche und was der Zeuge sagt, nicht zu Papier bringen und erst weiter schreiben, wenn Sie sehen, daß ich meine Feder ins Tintenfaß tauche.«

»Ich verstehe, Herr Francastel,« erwiderte der Schriftführer, sein Schreibzeug zurechtrückend.

Jetzt wurde die Thür geöffnet und herein trat Grisaille, hinter ihm der Graf und das junge Mädchen. Der Richter ging in seiner Höflichkeit so weit, daß er sich erhob und die Beiden zum Sitzen einlud.

Natürlich musterte er zuerst Helene, deren Schönheit ihn noch weit mehr überraschte, als ihre Aehnlichkeit mit der Todten. Freilich hatte er die Letztere niemals lebend gesehen, und Helene, strahlend in Jugend und Gesundheit, erinnerte ihn nur sehr unzureichend an den durch den Tod verunzierten Kopf, der drei Tage lang in der Morgue zur allgemeinen Besichtigung ausgestellt gewesen.

Wohl befand sich Grisaille genau in derselben Lage; doch besaß er als vielerprobter Polizeiagent einen weit besseren Ueberblick und ein verläßlicheres Gedächtniß als der ernste und gelehrte Untersuchungsrichter. Grisaille erkannte selbst nach zehn Jahren einen Verbrecher, den er bloß einmal unter den Händen hatte.

»Herr Graf,« hub der Richter an, »ich habe Sie rufen lassen, weil mich meine Pflicht dazu verhielt. Ich habe in zwei Angelegenheiten, deren eine sehr ernst ist, einige Fragen an Sie zu richten.«

»Wessen werde ich beschuldigt?« unterbrach ihn Borodino trocken.

»Beschuldigt? – Bis jetzt ist noch keine Rede davon; Sie sind ja nicht verhaftet, sondern bloß in der Eigenschaft eines Zeugen vorgeladen worden.«

»Ich danke Ihnen, Herr Untersuchungsrichter, daß Sie den Charakter der Situation klarstellen. Dieser Herr, der in Ihrem Auftrage handelte, sagte mir, ich werde beschuldigt, irgend eine verschwundene Arbeiterin gewaltsam hinter Schloß und Riegel zu halten –«

»Und Sie stellen dies natürlich in Abrede. Es ist zwar nachgewiesen worden, daß die Betreffende zu Ihnen ging, nicht aber, daß Sie auch bei Ihnen blieb. Es gilt demzufolge festzustellen, wer den Hut bestellte, den die Arbeiterin bei Ihnen abgab.«

»Meine Nichte bestellte ihn gewiß nicht, denn sie geht niemals ohne mich aus und ich habe sie in Paris noch zu keiner Putzmacherin begleitet.«

»Ich sehe in der That, daß sie sich nicht nach französischer Art kleidet, und würde ein moderner Hut in schreiendem Widerspruche zu dem Costüm stehen, welches sie trägt. Es ist wohl ein griechisches Costüm, nicht wahr?«

»Ja. Sie hat dasselbe heute Morgens angelegt, um Herrn Vitrac, dem berühmten Künstler zu sitzen, der eingewilligt hatte, sie zu malen, und Ihr Beauftragter ließ ihr keine Zeit, die Toilette zu wechseln. Sie trug diese Tracht in ihrer Heimat; doch seitdem sie den Orient verließ, ist sie stets nach abendländischer Art gekleidet. Gegenwärtig läßt sie ihre Toiletten in Wien anfertigen, wo sie noch im vorjährigen Sommer mit mir wohnte.«

»Das Fräulein ist wohl die Tochter Ihrer Schwester?« fragte Francastel mit einemmale. Er wußte in diesem Punkte zwar sehr gut Bescheid; doch konnte er es nicht unterlassen, so nebenbei Borodino eine kleine Falle zu legen, der Gefragte aber gab unbefangen zur Antwort:

»Nein, sondern die meines Bruders.«

»So führt sie denselben Namen wie Sie?«

»Ja, den Namen ihres Vaters, der in der Eigenschaft als Oberst in russischen Diensten fiel; ihre Mutter war eine Griechin.«

»Und Sie selbst sind Russe?«

»Ja. Ich besaß ausgedehnte Ländereien im Gouvernement Lambow, in der Nähe von Lipetsk.«

»Das stimmt,« bemerkte Francastel halblaut mit einem schnellen Blicke in die vor ihm liegenden Papiere.

»Wie ich sehe, haben Sie Erkundigungen über mich eingezogen,« bemerkte der Graf mit einem verächtlichen Achselzucken. »Wenn die Auskünfte, die Sie erhalten haben, von der russischen Botschaft herrühren, so kann ich auf das Ungünstigste gefaßt sein, denn ich stehe auf dem denkbar schlechtesten Fuße mit der Regierung meiner Heimat, die ich seit länger denn dreißig Jahren verlassen habe.«

»Ungünstig sind die Auskünfte gerade nicht; nur wurde mir mitgetheilt, daß Ihr Vermögen confiscirt wurde, da Sie sich in das Reich des Czars zurückzukehren weigerten.«

»Würde ich dahin zurückkehren, so würde man mich henken. Zum Glücke war es mir gelungen, mein Vermögen über die Grenze ins Ausland zu schaffen.«

»Man beschuldigt Sie ja nicht des Einverständnisses mit den Nihilisten, die zur Zeit, da Sie Ihrem Vaterlande den Rücken kehrten, noch ganz unbekannt waren, sondern der Verbindung mit gewissen hohen Würdenträgern der Türkei, die Rußland feindlich gesinnt sind.«

»Das leugne ich auch gar nicht. Ich unterhielt und unterhalte auch jetzt noch einen lebhaften Verkehr mit türkischen Unterthanen, die in ihrem Vaterlande und in Kleinasien hervorragende Stellungen einnehmen; doch handelt es sich dabei nicht im Entferntesten um Politik. Ich befasse mich ausschließlich mit geschäftlichen Unternehmungen, über deren Erfolg ich gottlob nicht klagen kann, denn mein Vermögen dürfte sich auf ungefähr sechs Millionen belaufen.«

»Dazu wünsche ich Ihnen Glück, Herr Graf. – Die mir gewordenen Auskünfte besagen, daß Sie in der That sehr reich sind, und will ich demzufolge gern zugeben, daß Sie, um Ihre Launen zu befriedigen, es nicht nöthig haben, sich durch die Beraubung der Freiheit einer minderjährigen Person der Gefahr auszusetzen, vor das Geschworenengericht zu kommen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Untersuchungsrichter, daß Sie selbst zugeben, daß ich geradezu von Sinnen sein müßte, wenn ich die mir zur Last gelegte That begangen hätte. Ich bin nicht nach Paris gekommen, um derartige Thorheiten zu begehen.«

»Seit wann sind Sie in Paris?«

»Erst seit wenigen Monaten. Ich kam bereits wiederholt nach Paris, doch niemals zu längerem Aufenthalte, und erst diesesmal gedachte ich mich hier ständig niederzulassen. In dieser Absicht kaufte ich auch eine in Passy gelegene Besitzung an. Ich gedachte daselbst meine Nichte von dem schweren Gebrechen zu heilen, welches die Folge eines schweren Unglückes war, das sie betroffen, und ihre Erziehung zu vervollständigen, die in Smyrna stark vernachlässigt worden war. Ich muß gestehen, daß sich meine Absichten seither bereits geändert haben, denn ich fühle mich durchaus nicht versucht, in einer Stadt zu bleiben, wo der Fremde Abenteuern solcher Art ausgesetzt ist – wie das meinige. Wohl läßt Ihr eigenes Verhalten nichts zu wünschen übrig; doch hätte mich der Zufall ebenso gut zu einem weniger höflichen – und weniger aufgeklärten Richter führen können. Ich werde daher lieber nach Wien zurückkehren.«

Francastel machte eine Geberde, die man mit »das wäre recht schade!« übersetzen konnte, und fragte nach einer kurzen Pause ohne jeden Uebergang:

»Sie sind unvermählt, Herr Graf?«

»Ja; ich bin auch nicht verwitwet, denn ich war niemals verheiratet – und besitze auch keine Familie, mit Ausnahme meiner Nichte, die meine einzige Verwandte ist. Sie ist mir daher in hohem Grade lieb und theuer, und wenn ich Frankreich verlasse, so bedauere ich das bloß meiner Nichte wegen, die an dem Lande großen Gefallen findet, obschon es ihr nur wenig Zerstreuung bietet.«

»Sie gehen nicht in Gesellschaft mit ihr?«

»Mit einem stummen Mädchen? Das wäre ja geradezu lächerlich. Wir besuchen niemanden, und auch uns besuchen nur die hervorragenden Aerzte, die meine Nichte behandeln.«

»Sie vergessen Herrn Vitrac!«

»Herrn Vitrac habe ich gestern zum erstenmale und heute wahrscheinlich zum letztenmale gesehen und gesprochen, denn selbst wenn ich in Paris bleiben sollte, so glaube ich kaum, daß er auch weiterhin zu mir käme. Ihr Beauftragter hat auch ihn mit sich gebracht, um keinen härteren Ausdruck zu gebrauchen, und er wartet draußen, bis Sie seiner benöthigen werden.«

»Nur um einige Fragen an ihn zu richten. Es ist nicht gerade angenehm, als Zeuge zu fungiren, aber auch nicht entehrend.«

»Zugegeben! – Und da Sie auf den Gentleman in mir Rücksicht nehmen wollen, so kann ich mir vielleicht die Bitte erlauben, mich gefälligst über die Angelegenheit aufklären zu wollen, die, wie man sagt, so überaus bedeutungsvoll ist und ihm und mir diese Unannehmlichkeiten eingetragen hat. Aus den Zeitungen habe ich erfahren, man habe auf einem Balle, den Herr Vitrac veranstaltete, einen abgeschnittenen Kopf eingeschmuggelt; in welcher Weise hängt dieses Vorkommniß mit dem zusammen, was mir widerfahren ist? – Werde ich vielleicht verdächtigt, eine Frau getödtet zu haben, die ich niemals gesehen habe? Ich darf wohl hieran die Bemerkung knüpfen, daß, wenn ich der Urheber dieses Verbrechens – oder auch nur geschmacklosen Scherzes wäre, ich mich jedenfalls gehütet hätte, Herrn Vitrac in seiner Wohnung aufzusuchen.«

»Dieser Einwurf ist sehr gerechtfertigt und rührt alles Uebel nur von der großen Aehnlichkeit her.«

»Ach ja! Es scheint, die Todte habe meiner Nichte Helene ähnlich gesehen. – Und zum Ueberflusse kam noch die Geschichte mit dem angeblich bestellten Hute hinzu. Wurde derselbe von jener Frau bestellt? Das kann ich natürlich nicht wissen; daß die Bestellung aber von meiner Nichte nicht herrühren konnte, bezeugt schon der Umstand allein, daß sie stumm ist. – Außer sie hat sich vielleicht mit der Putzmacherin durch Zeichen verständigt.«

»Die Putzmacherin behauptet das Gegentheil; auch müßte noch erklärt werden, wie es möglich war, daß die Andere Ihre Adresse und den Namen der Gräfin Irene nannte. Des Ferneren werden auch Ihr Wagen, Ihre Pferde und Ihre Kutscher eine Rolle spielen, denn wenn Frau Courtois sich erinnert, dieselben vor ihrer Ladenthür gesehen zu haben, so wird das belastend für Sie sein.«

Zum erstenmale, seitdem Borodino sich in Gegenwart des Untersuchungsrichters befand, entschlüpfte ihm eine Geberde der Ungeduld; er zuckte mit den Achseln und kaute an seinem Schnurrbarte. Seine Nichte dagegen verharrte gänzlich theilnahmslos; man hätte meinen sollen, sie wisse gar nicht, wo sie sei, obschon ihr Onkel sie diesbezüglich aufgeklärt haben mochte.

»Es trifft sich recht unglücklich, daß das Fräulein stumm ist,« nahm der Richter von neuem auf, »denn ihre Aussagen wären in erster Reihe von Bedeutung gewesen. Doch halt!« rief Francastel mit einemmale aus. »Ich hab's! Wenn Ihre Nichte auch nicht sprechen kann, so kann sie doch schreiben. Wir sind gerettet!«

Borodino erbleichte bei diesen Worten. Francastel bemerkte sehr gut, daß er die Farbe wechselte; doch gab er sich den Anschein, als sähe er es nicht, sondern fuhr fort:

»Ich verstehe nicht, weshalb ich nicht schon früher an dieses Mittel dachte, um von Ihrer Nichte über Dinge, denen ich eine ganz besondere Bedeutung beilege, Auskunft zu erlangen. Ihre Aussagen, Herr Graf, sind von einiger Wichtigkeit, die Ihrer Nichte aber geradezu ausschlaggebend und auch unentbehrlich, denn nur sie allein kann uns darüber aufklären, ob sie in der Rue de la Paix einen Hut bestellte oder nicht. Sagen Sie ihr also, bitte, was ich von ihr erwarte und bitten Sie sie, ihre Antwort niederzuschreiben. Hier ist Tinte und Papier.«

»Entschuldigen Sie!« stotterte Borodino; »doch ich weiß nicht –«

»O, ich weiß aber, was Sie einwenden wollen! Ihre Nichte kann nur griechisch schreiben. Das thut aber nichts. Ich habe selbst griechisch gelernt, fürchte aber, der Sprache nicht mehr genügend mächtig zu sein, um sie geläufig lesen zu können. Dies soll also von einer anderen Person besorgt werden – von einem vereideten Dolmetscher, wie wir deren für jede Sprache im Hause haben. Ich werde also einen rufen lassen und dieser wird mir nicht nur ihre geschriebenen Antworten übersetzen, sondern ihr auch meine Fragen in griechischer Sprache vermitteln. Dies wird recht gut gehen und Sie der Mühe des Vermittelns entheben.« Und da der Graf noch immer schwieg und verlegen zu sein schien, fügte der Untersuchungsrichter hinzu: »Was ist Ihnen denn, Herr Graf? Mein Vorschlag scheint Sie in Verlegenheit zu setzen – oder sollten Sie in demselben einen Beweis von Mißtrauen erblicken? Wenn dem so ist, so irren Sie sich, denn ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Sie meine Fragen Ihrer Nichte getreulich übermitteln würden.«

»Nein, Herr Untersuchungsrichter, das ist's nicht,« erwiderte der Onkel, der seine Kaltblütigkeit wieder erlangt hatte. »Ihr Vorschlag hat mich nur einen Moment in Verlegenheit versetzt, weil er mich zu einem peinlichen Geständnisse zwingt.«

»Und zwar?« fragte Francastel lebhaft.

»Ich sagte Ihnen schon vorhin, daß ich Helene nach Paris brachte, um ihre Erziehung daselbst zu vervollständigen – ich hätte aber sagen sollen, um ihr die Anfangsgründe der Erziehung beizubringen, denn Helene kann nicht schreiben, vielleicht nicht einmal ihren Namen. Dies ist sehr beschämend, ist aber nicht anders – und wird es Ihnen nunmehr erklärlich erscheinen, wenn mir dieses Geständniß nur schwer über die Lippen wollte.«

»Aber lesen kann sie doch?«

»Nein; weder lesen noch schreiben.«

»Hm! – Dies beeinträchtigt die gute Meinung, die ich von dem heutigen Griechenlande hatte, ganz ungemein. Dieses Reich erfreut sich in Europa des Rufes, daß man daselbst die wenigsten ungebildeten Leute antrifft.«

»Für Athen und Morea ist dies allerdings zutreffend; doch wurde Helene in Anatolien, in einem Dorfe unweit von Smyrna erzogen. Bei mir ist sie erst seit dem Tode ihrer Mutter und diese war ebenso ungebildet wie sie. Mein Bruder hatte, als er vor etwa zwanzig Jahren im Orient reiste, eine Heirat aus Liebe geschlossen, dies aber sehr schnell zu bereuen. Schon nach drei Jahren lebte er nicht mehr mit seiner Gattin, und als er bei der Belagerung von Plevna seinen Tod fand, war Helene erst acht oder neun Jahre alt. Ich hätte sie gern an Kindesstatt angenommen, ihre Mutter aber wollte nichts davon wissen, und wäre diese nicht bei einer Brandkatastrophe ums Leben gekommen, so befände sich Helene auch jetzt noch an ihrer Seite in Bournabat und würde daselbst weiter als Bäuerin leben.«

Ende des ersten Bandes.

 


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