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I.

Man unterhielt sich heute Abends ausgezeichnet bei Raul Vitrac, dem Maler der eleganten Welt, wie er seit dem bedeutenden Erfolge seines letzten Bildes, welches den Rennplatz zu Longchamp an einem Derbytage bei tiefblauem Himmel darstellte, genannt wurde.

Eine bunte Menge bewegte sich in dem für das Fest prachtvoll geschmückten, überaus geräumigen Atelier auf der Place Pigalle, Gäste beiderlei Geschlechtes, darunter viele Künstler, Schriftstellerinnen in genügender Zahl, Sterne am Himmel des Gesanges und der darstellenden Künste, wie nicht minder Vertreterinnen der leichtgeschürzten Muse, und all diese Damen vertrugen sich auf diesem neutralen Boden vortrefflich mit mehreren vornehmen Weltdamen, die sich allerlei Kunstgriffe bedient hatten, um eine Einladung zu diesem Costümballe zu erhalten.

Vitrac war einer jener Glücklichen, die in allen Kreisen Zutritt haben, und Personen, die die höchsten Ehrenstellen bekleideten, fanden sich bei ihm ein, ohne daß er darum seine alten Kameraden, die vom Glücke weniger begünstigt waren, vergessen hätte. Dieselben waren ohne Ausnahme bei dem Feste zugegen, wo sie das heitere Element repräsentirten.

Unter den verschiedenen Masken waren manche Personen zu sehen, die sich nur so weit verkleidet hatten, als es gerade nöthig war, um den officiellen Charakter des Festes zu wahren: Damen im einfachen Domino und Herren, die sich in einen venetianischen Mantel hüllten. Dies war auch bei zwei jungen Leuten, vertrauten Freunden – es waren ein Gesandtschaftsattaché und ein Officier – der Fall; die beiden Herren hatten sich wohlweislich begnügt, über den schwarzen Salonanzug eine Art kleinen, rothgefütterten Kragens anzulegen, wie ihn früher die Abbés zu tragen gepflegt. Sie standen in einer Ecke, und da sie weder verdüsterte Philosophen, noch blasirte Skeptiker waren, so freuten sie sich über die Freude der Anderen.

Jacques Cavaroc, Rittmeister beim neunten Kürassierregimente, war ein großer stattlicher Junge, der durchaus nicht zur Melancholie neigte, und Julien de Jonville war wohl sentimentaler und weniger geräuschvoll veranlagt wie sein Freund, verrieth aber dessenungeachtet keinerlei Vorliebe für Traurigkeit.

»Dieser Vitrac,« bemerkte Cavaroc, »ist doch ein Glückspilz! Die Frauen sind ausnahmslos verliebt in ihn, er verdient mit seiner farbenbedeckten Leinwand hunderttausend Francs jährlich, der nächste Salon wird ihm eine Medaille eintragen, und das Merkwürdigste an der Sache ist, daß er wirklich Talent besitzt. Das nenne ich einen glücklichen Menschen!«

»Bist Du dessen ganz sicher, daß er glücklich ist?« fragte Jonville lächelnd.

»Sicher? Das gerade nicht, da man in solchen Dingen niemals etwas mit Sicherheit behaupten kann. – Hast Du aber Anlaß, das Gegentheil zu vermuthen?«

»Vitrac ist verliebt – und dies genügt, um sich seines Glückes nicht rückhaltslos erfreuen zu können.«

»Wie! Verliebt ist er? Das hätte ich mir nicht träumen lassen. Und in wen denn?«

»In eine Frau, die Du nicht kennst.«

»Und die nichts von ihm wissen will. Das wundert mich.«

»Daß sie nichts von ihm wissen will, habe ich nicht gesagt.«

»Nun ja; sie sind eben Alle vernarrt in ihn. Ist die Betreffende zugegen?«

»Nein, und das betrübt ihn gerade.«

»Merken läßt er es aber nicht. Er hat soeben mit größtem Eifer Quadrille getanzt, und weiß der Teufel, woher er das tolle Zeug hat, welches seine Vermummung bildet.«

»Lieber Freund, den Malern stehen bei einer derartigen Maskerade Mittel zu Gebote, die uns anderen Sterblichen gänzlich mangeln. In ihren Ateliers findet man die verschiedensten japanischen Stoffe, chinesisches Seidenzeug, spanische Röcke und die Costüme der federgeschmückten Kaziken, so daß sie bloß zu wählen haben. Es konnte Vitrac daher gar nicht schwer fallen, sich als Bettler aus dem Zeitalter Ludwig's XV. zu kleiden.«

»Was ist denn das für ein Ding?«

»Du kennst nicht die Bettler aus dem Zeitalter Ludwig's XV.? Nun, da kannst Du einen solchen sehen. Vitrac entnahm seinem Kleiderschranke den Anzug eines Marquis unter dem alten Regime, bestehend aus einem Sammtrocke, den er an vielen Stellen zerriß, wundervollen Spitzen, die er unbarmherzig zerschnitt, und herrlichen Seidenstrümpfen, die er durchlöcherte. Der originelle Gedanke wird ihm zumindest fünfzig Louisd'or kosten, denn das Costüm, welches er derart verstümmelte, war ganz neu; doch ist er reich genug, um sich das zu erlauben.«

»Hat er auch das Costüm jener schlanken jungen Dame bezahlt, die ich dort sehe? – Ich meine die in dem goldgestickten Gewande, welches in Fetzen an ihr herunterhängt. – Man sollte glauben, die Beiden wetteiferten miteinander in Bezug auf ihr zerlumptes Aeußere.«

»Diese Vermuthung wäre vollkommen gerechtfertigt. Die zerlumpt aussehende Marquise ist Fräulein Wanda. Sie hat als Modell für sechs Francs die Sitzung begonnen und seit drei Jahren sitzt sie nur mehr ihrem Freunde Vitrac. Sie hält ihn fest durch die Macht der Gewohnheit, schaltet und waltet in seinem Hause als unumschränkte Gebieterin und das Ende vom Liede wird eine Heirat sein.«

»Ich hätte gedacht, daß sich Vitrac nicht so leichten Kaufes ergeben werde.«

»O, er wehrt sich so gut er kann, wird aber seinem Schicksale nicht entgehen, es sei denn, die Andere führt einen Handstreich aus.«

»Die Andere?«

»Allerdings. Eine den besten Kreisen angehörende Dame, die er verehrt und die seine Liebe erwidert. Sie ist aber verheiratet und ich glaube nicht, daß sie ihren Gatten verlassen wollte. Zudem ist Wanda durchaus nicht gesonnen, ihr das Feld zu räumen.«

»Woher bist Du denn so gut unterrichtet?«

»Durch einen Zufall bin ich hinter das Geheimniß gekommen, und sei versichert, daß ich dasselbe wohlweislich bewahren werde, denn dieser Gemahl sieht mir gar nicht danach aus, als würde er gegebenenfalls Nachsicht walten lassen, und besäße er Kenntniß von dem wahren Stande der Dinge, so könnte die Sache leicht mit einer Katastrophe enden. Auch Wanda weiß nichts, obschon sie ihren Freund scharf bewacht, denn wüßte sie etwas, so würde es Vitrac schlecht ergehen, nachdem sie in derlei Dingen keinen Scherz versteht.«

»Du erweckst Lust in mir, sie kennen zu lernen. Ich bin ein Freund von wehrhaften Frauen und außerdem scheint mir Wanda eine prächtige Figur zu haben.«

»Das ist ihr Beruf; ich sagte Dir ja schon, daß sie Modell sitze.«

»Schon recht; ist sie aber hübsch? Ihre Larve läßt ja nichts sehen.«

»Da nimmt sie sie gerade ab, und es scheint mir sogar, als käme sie auf uns zu. Du scheinst ihre Aufmerksamkeit erregt zu haben.«

Cavaroc richtete sich empor, zwirbelte seinen Schnurrbart unternehmend in die Höhe und begann die Dame mit Kennerblicken zu mustern. Er war ein schöner Mann und erfreute sich aller körperlichen Vorzüge, deren es bedarf, um einer Frau zu gefallen. Er war sich dessen wohl bewußt und erkannte auf den ersten Blick, daß es der Mühe lohne, sich mit Wanda zu beschäftigen.

Die junge Dame war groß, schlank, besaß glänzende tiefschwarze Augen, eine matte und dennoch warme Gesichtsfarbe, purpurrothe Lippen und blendend weiße Zähne, die sie gern sehen ließ. Ihr ganzes Aeußere erinnerte an eine spanische Gitana, und niemand hätte bei ihrem Anblicke gesagt, daß sie in einer Pariser Vorstadt, in der Loge eines Hausbesorgers das Licht der Welt erblickt habe.

Ihr absonderliches Costüm, welches sie mit vollendetem Geschicke trug, stand im Einklange mit ihrer fremdartigen Schönheit. Es schien, als hätte sie Zeit ihres Lebens nichts anderes gethan als gebettelt, und trieb sie bei dem Scherze den Realismus so weit als möglich.

Durch die Risse, die sie in ihrem Leibchen angebracht hatte, war ein Theil eines wundervollen Nackens zu sehen, die an Löchern überreichen Seidenstrümpfe ließen zwei runde Beine erkennen und an den kleinen Füßen trug sie schwarze Seidenschuhe, die gleichfalls zerfetzt und fadenscheinig waren. Damit die Verkleidung aber möglichst wahrheitsgetreu erscheine, schritt sie zwischen den Gästen mit einem kostbaren Teller aus Sèvresporzellan umher, um Almosen zu sammeln.

Selbstverständlich geschah das bloß der Form wegen und die Gäste gingen auf den Scherz ein, indem sie statt der Gold- und Silbermünzen die verschiedenartigsten Gegenstände auf den Teller warfen.

Gern hätte Cavaroc, der ziemlich reich war, eine größere Banknote auf denselben gelegt, zumal er nicht recht an die Uneigennützigkeit der Malermodelle glaubte; doch war er in Bezug auf diese Dame bereits informirt, und als sie ihm den Teller mit den Worten hinhielt: »Für junge nothleidende Mädchen, wenn ich bitten darf!« erwiderte er ganz heiteren Tones:

»Wenn Sie zu denselben gehören, so gebe ich alles hin, was ich besitze.«

»So viel verlange ich gar nicht,« erklärte die Bettlerin lachend; »doch da Sie so freigebig zu sein scheinen, so werden Sie sich vielleicht nicht weigern, gemeinschaftlich mit mir den Cotillon anzuführen.«

»In meinem Anzuge!« rief Cavaroc aus. »Mit einem venetianischen Mantel – während alle diese Herren ebenso künstlerische, wenngleich weniger geistreiche Costüme tragen wie Sie! Sie sprechen wohl nicht im Ernste, Marquise! Ich würde eine gar zu lächerliche Figur abgeben.«

»Durchaus nicht, mein Herr, Sie würden sich im Gegentheile sehr gut ausnehmen, und ich verspreche Ihnen, daß Sie sich amüsiren werden. Ich kann Ihnen sogar verrathen, daß wir auch für eine Ueberraschung gesorgt haben.«

Hätte Cavaroc gewußt, welcher Art diese Ueberraschung sei, so hätte er den ihm gemachten Vorschlag sicherlich abgelehnt; doch konnte er nicht voraussehen, daß ein lustiger Maskenball wie ein Trauerspiel enden werde.

»Ich bin überzeugt,« fuhr Wanda fort, »daß Sie sich bis jetzt hier gelangweilt haben. Sie sind heute wohl zum erstenmale hier?«

»Errathen, meine Gnädige,« erwiderte Cavaroc, »und ich bin Herrn Vitrac für seine Einladung sehr dankbar.«

»Sie willigen also ein?«

»Sehr gern.«

»Ich danke Ihnen, Rittmeister.«

»Woher wissen Sie, daß ich Rittmeister bin?«

»Das sieht man ja – und außerdem habe ich Erkundigungen eingezogen. Ich weiß auch, daß Sie der Kriegsschule angehören und in der Avenue de Lamotte-Piquet wohnen – Sparbüchse hat es mir gesagt.«

»Sparbüchse?« fragte Cavaroc lachend. »Wer ist das? Eine Frau?«

»Nein; mit Frauen verkehre ich überhaupt nur wenig. Sparbüchse heißt mit seinem richtigen Namen Johann Dangelas und ist der beste Schüler Vitrac's. – Man hat ihm den Namen ›Sparbüchse‹ in ironischem Sinne gegeben, denn er besitzt nie einen ersparten Pfennig. – Wollen Sie ihn sehen? Dort unten der lange Mensch mit dem watscheligen Gang und der dreispitzigen Narrenkappe auf dem Kopfe. Er ist keine sogenannte elegante Erscheinung, dafür aber sehr talentirt und besitzt noch eine Menge vorzüglicher Eigenschaften.«

»Ich zweifle nicht daran und fühle mich sehr geschmeichelt, daß man mich in der Künstlerwelt so genau kennt.«

»Es hängt nur von Ihnen ab, daß man Sie noch genauer kennen lernt. Befolgen Sie doch das Beispiel des Herrn von Jonville, der es nicht verschmäht, sich zuweilen hier einzufinden.«

»Immerhin nicht so oft als ich möchte,« erklärte der Attaché, der bisher ruhig zugehört; »denn ich fühle mich hier sehr wohl und kann Vitrac recht gut leiden.«

»Was von ihm mit gleicher Münze erwidert wird. – Da kommt er gerade auf uns zu. Ich wette, er wird Sie fragen, weshalb Sie Herrn Cavaroc niemals mit sich bringen.«

»Sollte er sich nicht vielmehr ob unserer langen Unterredung beunruhigen?« fragte der Rittmeister, die Stimme dämpfend.

»Er und eifersüchtig?« lachte Wanda. »Nein, Gottlob! Und wäre er es, so würde ich ihm schon heimleuchten!«

Und sich zu dem inzwischen nahe gekommenen Maler wendend, fügte sie hinzu:

»Nicht wahr, mein lieber Paul, Sie sind nicht eifersüchtig?«

»Auf diese Herren gewiß nicht,« erklärte Vitrac. »Zum Beweise dessen wollte ich Sie gerade bitten, mich etwas häufiger zu besuchen. Man bekommt Sie ja gar nicht mehr zu Gesichte, mein lieber Jonville, und da Sie, Herr Rittmeister, uns heute Abends die Ehre erweisen, so will ich hoffen, daß Sie mir auch sonst noch das Vergnügen bereiten werden, eine Cigarre bei mir zu rauchen, aber ohne venetianischen Mantel. Sie werden mich im Arbeitsrocke antreffen, und ich werde mich sehr freuen, Ihnen die Kameraden, die mich recht häufig aufsuchen, vorstellen zu können. Sie sollen alsdann sehen, daß wir nicht so leichtfertig und thöricht sind, wie es den Anschein haben mag. Nicht alle Tage ist Fasching.«

»Was mir leid genug thut,« meinte Wanda. »Ich habe dem Rittmeister soeben verrathen, daß unser Fest noch allerlei Ueberraschungen bieten wird.«

»Gewiß – den Einzug einer lustigen Schaar unter der Anführung meines Schülers Dangelas, genannt die Sparbüchse. Ich weiß nicht, welche Tollheit er ausgeheckt hat, denn ich wurde nicht ins Vertrauen gezogen; doch, wo er die Hand im Spiele hat, dort geht es bunt zu, und werde ich mich sicherlich ins Mittel legen müssen. Sie, meine Herren, werden dagegen bloße Zuschauer sein und sich hoffentlich gut amüsiren.«

»Ich zweifle nicht daran,« sagte der Rittmeister höflich; »und ich –«

»Vergessen Sie nicht, daß ich beim Cotillon auf Sie rechne,« unterbrach ihn Wanda, und den Arm Vitrac's ergreifend, zog sie ihn fort mich sich, ohne ihm Zeit zu lassen, die Worte zu hören, mit welchen Cavaroc dem Künstler für dessen Einladung danken wollte.

Die beiden Freunde nahmen ihre Unterhaltung wieder auf, wo sie in derselben gestört worden.

»Was sagst Du zu diesem Paare?« fragte Jonville.

»Ich sage, daß diese junge Dame ein herrliches Geschöpf ist, und wenn ich ihr gefalle, wie sie mir gefällt –«

»Du gefällst ihr, dessen sei überzeugt! Ich kenne sie und weiß, daß sie ein vorgestecktes Ziel zu erreichen versteht. Du brauchst Dir also keinen Zwang anzuthun, sofern Dir nämlich an der Sache gelegen ist.«

»Gelegen wäre mir schon daran; nur möchte ich einem Manne, der mir so sympathisch ist, nicht gern einen derartigen Streich spielen.«

»Du meinst Vitrac? Dem würdest Du sogar einen trefflichen Dienst leisten, wenn Du ihn von ihr befreien wolltest.«

»Einen Dienst, für den er mir keinen Dank wüßte.«

»Doch – wenigstens später – wie man etwa einem Zahnarzte Dank weiß, der uns einen schmerzenden Zahn zieht. Man vergißt den Schmerz, den er uns bereitet hat.«

»Während der Operation möchte man ihm aber am liebsten einen Faustschlag versetzen. Ich will indessen keinen Streit eines Malermodelles wegen, ganz abgesehen davon, daß mir Vitrac, wie gesagt, sehr sympathisch ist. Mit seinen Kraushaaren und seiner geistreichen Physiognomie hat er einen echten Künstlerkopf, und es thut mir aufrichtig leid, daß er in das Netz einer Wanda gerathen ist.«

»Du hast also umsomehr Ursache, ihn aus demselben zu befreien.«

»Indem ich an seine Stelle trete? Ich danke! Weshalb unterziehst Du Dich nicht dieser Aufgabe?«

»Weil es nicht möglich ist. Wanda liebt bloß die Brünetten, und ich bin leider blond; außerdem haßt sie mich, weil sie meint, daß ich ihrem Freunde schlechte Rathschläge ertheile.«

»Weiß sie denn, daß Du die Andere, nämlich die vornehme Dame kennst?«

»Die Andere? Die kenne ich nur insofern, als ich sie mit ihrem Gatten in einem Wagen durch das Bois de Boulogne fahren sah.«

»Wie hast Du also errathen, daß Vitrac sie liebt?«

»Die Geschichte ist sehr verwickelt und hier ist weder der Ort, noch die Zeit, um Dir Bericht zu erstatten, zumal derselbe für Dich doch nur mäßiges Interesse hätte. Ich bin aber vollkommen sicher, daß Vitrac diese Ausländerin liebt und seine Liebe erwidert wird.«

»Es ist also eine Ausländerin?«

»Ja. Mehr kann ich Dir aber nicht sagen und selbst das bisher Gesagte ist schon zu viel, denn die geringste Indiscretion könnte den beiden Liebenden theuer zu stehen kommen, wie ich bereits angedeutet habe. Der Gatte würde Beide unbarmherzig tödten.«

»Der Mann ist also schlimmer als Othello, denn dieser tödtete bloß seine Frau.«

»Du scherzest? Ich sage Dir, daß die Sache furchtbar ernst ist. – Doch ist's bereits höchste Zeit, daß wir an der allgemeinen Unterhaltung theilnehmen, denn wenn wir uns noch länger in dieser Ecke verschanzen, so wird man uns für unwillkommene Spaßverderber halten. Außerdem hält soeben eine neue Maskenschaar ihren Einzug in den Saal und da wollen wir doch mit dabei sein.«

Cavaroc war ohneweiters einverstanden.

Die Schaar der Masken, die jetzt ihren Einzug hielten, bot nichts sonderlich Neues, und der Rittmeister, der drolligere Dinge erwartet hatte, schickte sich an, Wanda aufzusuchen und sie zu fragen, ob dies die Ueberraschung sei, von welcher sie gesprochen; doch war Wanda nirgends zu erspähen. Sie hatte sich unter die Gäste gemengt, und für den Moment konnte es sich gar nicht darum handeln, den versprochenen Cotillon zu organisiren, denn die lustigen Theilnehmer des Maskenzuges hatten bereits eine Art Rundtanz begonnen, der recht stürmisch zu werden versprach.

Die übrigen Gäste wurden auf diese Weise förmlich zurückgedrängt und mußten sich auf das bloße Zusehen beschränken, während Sparbüchse aus dem Hintergrunde des Ateliers, wo er sich bisher aufgehalten, herbeigeeilt kam, um die Anführung dieser närrischen Truppe zu übernehmen. Von derselben umgeben, führte er mit seinen langen Beinen die tollsten Sprünge aus, ohne sich an die Personen zu kehren, die dabei mit seinen Füßen in zu nahe Berührung kamen.

»Das ist ganz und gar nicht kurzweilig,« brummte Cavaroc. »Auf einem öffentlichen Maskenballe hätten wir dasselbe zu sehen bekommen.«

»Warten wir noch,« gab Jonville zur Antwort; »die Ueberraschung bleibt uns ohne Zweifel für den Schluß aufgespart. Allerdings wird Dir nicht sonderlich daran gelegen sein; doch hast Du Dich bereits für den Cotillon versprochen und Wanda würde uns zürnen, wenn wir uns vor dem Souper entfernen wollten.«

»Ein Souper wird also auch veranstaltet?«

»Und zwar ein ausgezeichnetes, lieber Freund. Die Weine sind von erster Güte, wie ich aus eigener Erfahrung versichern kann. Vitrac führt einen trefflich geleiteten Keller.«

»Das nimmt mich Wunder bei einem Maler –«

»Vitrac ist kein Maler wie die anderen, sondern ein Kunstkenner in allen Dingen – in seiner Kunst selbst, dann in Weinen, Pferden und Frauen gleicherweise –«

»Das will ich ja nicht bestreiten, nur finde ich, daß sein Ball etwas altmodisch, etwas hausbacken ist, wenn ich mich so ausdrücken darf. – Nichts neues, keine Spur von Witz in den Costümen! Da sieh' Dir zum Beispiel diesen Einsiedler in Mantel und Kapuze an. Diese Maske ist doch recht abgedroschen, sollte ich meinen. Vielleicht wird er den Damen sogar die Zukunft prophezeien – das gehört ja mit dazu!«

Jonville maß den neuen Gast, der in der Thür des Ballsaales stehen geblieben war, mit den Augen, und sah, daß es eine wahre Hünengestalt sei, sechs Fuß hoch und mit Schultern, die so breit waren, daß sie eine ganze Welt schienen tragen zu können.

Der auffallende Geselle war so sorgfältig verlarvt, daß man absolut nichts von seinem Gesichte sehen konnte; ja, er ließ nicht einmal seine Hände sehen, die er in die Aermel seines härenen Gewandes geschoben hatte. Im Uebrigen achtete niemand auf ihn.

Wer an den tollen Tänzen nicht theilnahm, schloß sich dem Kreise an, der sich um die tanzenden Personen gebildet hatte, ohne sich daran zu kehren, was hinter seinem Rücken vorging. Nur Cavaroc und Jonville, die in der äußersten Reihe der Zuschauer standen, hatten das Erscheinen des Einsiedlers wahrgenommen, der starr und regungslos auf der Thürschwelle verharrte, als wäre er aus Stein gehauen gewesen.

»Alle Wetter!« rief der Rittmeister aus, »der Patron will offenbar ein Modell für den steinernen Gast abgeben.«

»Ich glaube vielmehr, daß er mit den Augen jemanden sucht; ich sehe dieselben hinter den Löchern seiner Kapuze funkeln,« erwiderte Jonville.

»Wie dem auch sei, Vitrac hat da einen Herrn eingeladen, der mit dem Zeitgeiste nicht Schritt hält. Seitdem Ritter- und Gespenstergeschichten aus der Mode sind, verkleidet man sich nicht mehr als Einsiedler. Der Herr da befindet sich wenigstens mit sechzig Jahren im Rückstande.«

»Es ist das vielleicht ein ehrsamer Spießbürger aus irgend einer Vorstadt, der sich hierher verirrte, um zu sehen, wie sich Künstler amüsiren. Vitrac, den ich dort unten sehe, scheint ihn nicht zu kennen, Wanda auch nicht, und gesehen dürften ihn Beide haben, da er mit seiner Riesengestalt Alle überragt.«

»Na – endlich entschließt er sich, seinen Posten zu verlassen.«

»Ich glaube, er nähert sich uns,« murmelte der Attaché, der sich über den geheimnißvollen Fremden Gedanken zu machen begann.

Er täuschte sich nicht. Der Kapuzenmann näherte sich ihm gemessenen Schrittes und redete ihn ohneweiters an.

»Entschuldigen Sie, mein Herr,« sprach er höflichen Tones; »könnten Sie mir vielleicht den Herrn des Hauses zeigen?«

Die Frage kam völlig unerwartet, und Jonville, den dieselbe nicht wenig überraschte, antwortete erst nach einer Pause, indem er mit dem Finger auf Vitrac deutete:

»Das ist er.«

»Der junge Mann in dem Costüm eines Marquis?«

»Ja.«

Der Einsiedler dankte mit einem Neigen des Kopfes und entfernte sich, um seinen Posten an der Thür von neuem einzunehmen; Jonville aber ergriff den Arm des Rittmeisters, und indem er ihn mit sich fortzog, flüsterte er ihm zu:

»Ich hatte es ja errathen. Vitrac hat den Mann nicht eingeladen.«

»Man hat hier also freien Zutritt, wie in einem Gasthofe?« fragte Cavaroc. »Eine eigenthümliche Gesellschaft in jedem Falle!«

»Es giebt deren noch eigenthümlichere, und in einer Faschingsnacht ist man nicht gehalten, seine Legitimationspapiere vorzuweisen, um zu einem Maskenballe Zutritt zu erhalten. Gerade dieser Umstand ist ja von hohem Reize.«

»Du hast gut reden, wirst mir aber nicht weiß machen, daß dieser absonderliche Patron da nicht einen geheimen Anschlag vorbereitet. Seitdem Du ihm Deinen Freund Vitrac gezeigt hast, läßt er ihn keinen Moment aus den Augen. Und weshalb steht er so beharrlich Schildwache an der Thür? Wäre er gekommen, um sich zu amüsiren, so würde er sich unter die Gäste mengen. Man sollte meinen, er erwarte jemanden.«

»Möglicherweise ist er der Vorbote der Darsteller des angekündigten Faschingsscherzes, und da er an demselben theilzunehmen hat, so erwartet er seine Genossen. Offenbar kam er nur hierher, um sich zu überzeugen, ob der Zeitpunkt ein günstiger sei, und sobald dieses tolle Tanzintermezzo ein Ende genommen, wird er seine Kameraden rufen, die das Signal am Fuße der Treppe erwarten.«

»Mag sein; doch getraue ich mich zu wetten, daß der Scherz ein recht trauriger sein wird, etwa wie die Ankunft der Särge im letzten Acte von ›Lucrezia Borgia‹.«

»Mir wäre das türkische Zwischenspiel lieber, mit welchem ›Der Bürger als Edelmann‹ abschließt,« versicherte Jonville heiter. »Doch sei dem wie immer, ich sehe, daß sich dieses choreographische Feuerwerk seinem Ende nähert; nun werden wir sicherlich bald etwas neues zu sehen bekommen«.

»Wir wollen es wenigstens hoffen,« schloß der Rittmeister achselzuckend.

Und ohne sich weiter um den geheimnißvollen Einsiedler zu kümmern, beobachteten die beiden Freunde nunmehr die Tänzer, die eine Farandole organisirten, wie sie in den Salons der vornehmen Stadttheile nicht eben Sitte ist.

Sämmtliche Teilnehmer des Tanzes hielten sich an den Händen gefaßt und während sie sich im Kreise drehten, drängten sie die neugierigen Zuschauer zurück, wodurch sie immer mehr Personen, die sich nicht vorsätzlich weigerten, an ihrem Tanze theilzunehmen zwangen. Das Orchester hatte den Chor der Dämonen aus »Robert der Teufel« zu spielen begonnen und die ausgelassenen Gäste begleiteten die Musik mit lautem Gesange, wobei sie wie von Sinnen mit den Füßen stampften.

Es war ein Getöse, daß man das eigene Wort nicht vernahm; der Fußboden zitterte und die Fensterscheiben klirrten. Wanda sprang mit den Uebrigen um die Wette herum und Vitrac selbst hatte sich von dem tollen Wirbel mitreißen lassen, der sich schließlich des ganzen Ateliers bemächtigte, so daß die wenigen Widerspenstigen dicht an die Wände gedrängt wurden.

Unter den Letzteren befand sich auch Cavaroc, der wie ein Heide fluchte. Jonville suchte ihn zu beruhigen, was ihm aber durchaus nicht gelingen wollte, und es fehlte wenig, so hätte sich der zornige Rittmeister mit Hilfe seiner Fäuste gewaltsam Bahn durch die Menge gebrochen. Offenbar wollte er bereits zu diesem äußersten Mittel greifen, als er von rückwärts einen gewaltigen Stoß erhielt.

Er wendete sich um in der Absicht, dem Ungeschickten einen derben Rippenstoß zu versetzen, denn er war beinahe bis zur Thür gedrängt worden und da sich der Einsiedler hier aufhielt, so meinte er, daß ihm dieser den Stoß gegeben habe.

Es war aber nicht der Einsiedler gewesen. Der Stoß, welcher Cavaroc fast über den Haufen geworfen, rührte von einem anderen Riesen her, der als Lastträger verkleidet, einen mächtigen Sack Mehl auf dem Rücken trug. Der Rittmeister hatte kaum Zeit, den Mann ins Auge zu fassen, der wie ein Mauerbrecher die Kette der Tänzer durchbrach und sich in den Mittelpunkt des von denselben gebildeten Kreises stellte.

»Nun wird uns aber die angekündigte Ueberraschung zutheil,« bemerkte Jonville lachend. »Was lange währt, wird gut, sagt das Sprichwort.«

Gleich ihm waren auch die übrigen Gäste der Meinung, daß diese Scene mit zu dem Festprogramme gehöre, denn statt mit vereinten Kräften den Eindringling zu verjagen, begrüßten sie ihn mit allerlei scherzhaften Zurufen. Die Hände fanden sich wieder und der Rundtanz wurde fortgesetzt.

Welche Tollheiten wird der absonderliche Kauz nunmehr aushecken? War er bloß der Vorläufer einer lustigen Bande gleich ihm verkleideter Schelme und würden sie Alle miteinander einen Tanz aufführen, der eigens für diesen Anlaß ersonnen worden? Bedeutete dies den Einzug einer Müllerschaar, gleichwie es in gewissen Komödien Molière's ganze Aufzüge von Apothekern giebt?

Dies hätte niemand zu sagen vermocht; ja, man konnte nicht einmal das Gesicht dieses Mannes sehen, denn ein dichter falscher Bart umgab die untere Hälfte desselben, während die andere Hälfte unter dem breiten Rande des ungeheueren Hutes verschwand, den er tief in die Augen gedrückt hatte.

»Also auch unsichtbar!« murmelte Cavaroc, der noch immer an den Eremiten dachte, zwischen den Zähnen. »Der Patron ist auch nicht zu identificiren. Wenn dies die großartige Ueberraschung ist, die uns Wanda zugedacht hat, so ist dieselbe sehr mittelmäßiger Natur.«

»Du urtheilst vorschnell,« erklärte Jonville hoffnungsfreudig. »Dieser Mann bereitet sicherlich etwas Besonderes vor; gönne ihm also Zeit zur Ausführung.«

Mit einer Schulterbewegung, die den Lastträgern eigenthümlich ist, hatte der Mann seinen Sack abgeworfen, der jetzt aufrecht in der Mitte des Ateliers stand, und begann die Schnur zu lösen, mit welcher er oben zugebunden war.

»Sagte ich's nicht?« rief Jonville aus. »Dieser mehlbestaubte Sack ist der Zauberbeutel, welcher curiose Dinge zu Tage fördern wird.«

Während die beiden Freunde sich derart in allerlei Vermuthungen ergingen, erfaßte der Lastträger den Sack an den unteren Enden, stülpte ihn um und leerte derart einen Hektoliter Mehl auf den Fußboden aus.

Selbstverständlich entwickelten sich dabei mächtige Staubwolken, die so schnell und dicht in die Höhe stiegen, daß die zunächst Stehenden mit einemmale in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt wurden und man kaum den eigenen Nachbar zu erkennen vermochte.

»Der Teufel hole solche Scherze!« rief der Rittmeister aus und schüttelte sich am ganzen Körper. »Ich hätte nicht übel Lust, dem rüden Patron einen gehörigen Denkzettel zu verabreichen.«

»Thatsache ist, daß sich die Dinge recht geschmacklos anlassen,« murmelte Jonville; »doch kann ich nicht denken, daß das alles sei. – Auch habe ich etwas Schweres zu Boden fallen gehört.«

»Und Du bildest Dir ein, daß dies die vielgerühmte Überraschung sei? Du glaubst noch an dieselbe? Dann stehst Du mit Deiner Ansicht sehr vereinzelt da, denn der Tanz ist abgebrochen worden und die Herrschaften sind sehr aufgebracht über den zudringlichen Patron.«

»O nein, lieber Freund! Sie kommen im Gegentheile Alle herbei, um den Gegenstand zu betrachten, der zu Boden gefallen ist; thun wir ein Gleiches.«

Cavaroc stürzte vorwärts, doch nicht so sehr, um den »Gegenstand«, wie sich Jonville ausdrückte, zu sehen, als um sich des schlechten Spaßmachers zu bemächtigen, der diese Verwirrung angerichtet hatte. Er zürnte ihm noch immer des Stoßes wegen, den ihm jener versetzt hatte und er wollte ihm denselben heimzahlen.

Er langte indessen zu spät an und statt selbst zu schlagen, wurde er geschlagen, beziehungsweise mit solcher Gewalt zurückgestoßen, daß er taumelte und auf ein Haar zu Boden gefallen wäre.

Wieder war es der Sackträger gewesen, der ihm – jetzt von vorn – den Stoß versetzt hatte, und noch bevor der Rittmeister das Gleichgewicht wiedererlangt hatte, war der grobe Geselle auf der Treppe verschwunden.

Auch der Einsiedler war nicht mehr zu sehen.

An die Verfolgung des ungehobelten Lastträgers dachte niemand. Zwischen seinem unerwarteten Erscheinen und eilfertigen Rückzuge war ein viel kürzerer Zeitraum verstrichen, als die Beschreibung dieser Scene erfordert, die offenbar nur den Zweck hatte, eine Störung der Lustbarkeit herbeizuführen, eine Absicht, die nach dem Ermessen der beiden Freunde eine recht einfältige war.

Nachdem sich die übrigen Gäste von ihrer Ueberraschung erholt und die behindernde Mehlschicht, so gut es ging, von sich geklopft hatten, versammelten sie sich um den leeren Sack und den Gegenstand, der sich darin befunden.

Dieser Gegenstand glich einem jener Köpfe aus hartem Carton, deren sich die Putzmacherinnen zum Formen ihrer Hutmodelle bedienen, oder besser noch einer jener Wachsbüsten, welche sich in den Schaufenstern der Friseurläden befinden, denn man sah auch Haare, einen ganzen Wald dichter blonder Haare, die in wirren Massen einen Theil des Gesichtes dieser absonderlichen Puppe verdeckten.

Da stand dieselbe nun, gleichsam festgeklebt am Fußboden und von einer dicken Schicht des weißen Staubes bedeckt.

Die Muthigsten hatten sich gebückt, um die Puppe in der Nähe zu betrachten, doch ohne sie zu berühren, und indem sie sich wieder emporrichteten, wichen sie unwillkürlich zurück, so sehr glich das Ding einem menschlichen Kopfe. Die entfernter Stehenden lachten, denn man glaubte noch immer an einen Scherz; die Anderen aber fragten sich, welches Ende der beunruhigende Zwischenfall nehmen werde.

Einige der anwesenden Frauen nahmen denselben ernst und machten bereits Miene, in Ohnmacht zu fallen.

Skeptisch wie immer, zuckte Jonville bloß mit den Achseln, während Cavaroc wüthender denn je, die gemeinsten Flüche gegen diese Farbenkleckser – wie er die versammelten Gäste nannte – ausstieß, die sich so abgeschmackte Scherze erlaubten.

Trotzdem war es einer dieser Farbenkleckser, der es unternahm, der Ungewißheit der Gäste ein Ende zu machen; die Anwesenden wollten nämlich wissen, ob diese Schaustellung der Prolog einer Komödie oder der Epilog einer Tragödie wäre, ein Farbenkleckser, der im Begriffe war, ein Meister zu werden, Jean Dangelas, genannt Sparbüchse, der bevorzugte Schüler Vitrac's.

Er eilte aus dem Hintergrunde des Ateliers herbei, wo er beschäftigt gewesen, durch das Leeren einiger Gläser Punsch neue Kräfte zu sammeln, und stellte sich in die Mitte des Kreises, welchen die erschrockenen Gäste um den Kopf bildeten.

»Na!« hub er mit komischer Betonung zu sprechen an; »man kann sich also nicht einmal mehr ungestört unterhalten? Die Herrschaften errathen wohl nicht, daß dieser Streich aus dem Atelier Cantillon herrührt? Die Leutchen sind wüthend, weil sie nicht eingeladen wurden. – Nun, daß der Scherz geistreich wäre, könnte niemand behaupten. – Ein abgeschnittener Kopf aus Pappe ist gut, um Sperlinge zu schrecken; für uns hat derselbe aber keinerlei Bedeutung. Das Atelier Cantillon hat wieder einmal bewiesen, daß daselbst weder Geist noch Witz zu suchen ist, und ich werde den Herrschaften zeigen, daß hinter dem Ganzen gar nichts steckt.«

Die prahlerischen Worte übten nicht die von Sparbüchse gewünschte Wirkung aus und dienten zu keines Menschen Erheiterung. Dagegen machte sich bei einem Theile der Gäste eine gewisse Neugierde, bei den Anderen etwas wie Schrecken geltend, als man sah, daß sich der junge Mann anschickte, den Kopf bei den Haaren zu erfassen. Jonville lachte nicht mehr, Cavaroc aber schalt noch immer, während er sich inmitten der Zuschauer vorwärts drängte.

Vitrac ließ sich nirgends blicken. Offenbar mißbilligte er diesen unzeitgemäßen Zwischenfall und wollte er durch sein Fernbleiben seinen Aerger über den thörichten Streich bekunden, welchen die Schüler eines mit ihm rivalisirenden Ateliers ersonnen hatten.

Auch Wanda wurde von niemandem gesehen. Seit dem Erscheinen des Sackträgers war sie unter den Gästen verschwunden und dies bewies zur Genüge, daß der Vorfall nicht zu dem Programme des von ihr veranstalteten Festes gehöre, denn wäre dies die Ueberraschung gewesen, welche sie den Anwesenden in Aussicht stellte, so wäre sie zweifellos zur Stelle gewesen, um sich mit eigenen Augen von der Wirkung des Scherzes zu überzeugen.

Sparbüchse bemerkte gar nicht, daß er der Einzige sei, der über sein Geplauder lachte und er fuhr daher unentwegt in demselben fort. Er war offenbar der Ansicht, daß er einen Kopf aus Wachs oder Pappe in der Hand habe und dies mochte als Entschuldigung dienen.

Erst als er die langen Mienen der Gäste gewahrte, ward er sich klar, daß er sich im unrechten Geleise bewege, und um der Sache einen würdigen Abschluß zu verleihen, fuhr er prahlerischen Tones fort:

»Kommen Sie nur heran, meine Damen, und überzeugen Sie sich selbst!«

Zu gleicher Zeit hob er den Kopf an den Haaren empor und stellte ihn auf die Fläche seiner linken Hand. Doch ein Aufschrei des Entsetzens von mehreren Lippen unterbrach seine Worte und in der nächsten Secunde war der Raum um den unglücklichen Redner leer geworden.

Der Anlaß war nur zu geeignet, selbst die Unerschrockensten in die Flucht zu jagen.

Aus der Nähe gesehen, bot dieser fahle Kopf mit den farblosen Lippen und geschlossenen Augen einen erschreckenden Anblick, und man hätte geradezu blind sein müssen, um noch an dem Glauben festzuhalten, es sei das bloß ein von Liebhabern schlechter Scherze angefertigtes Schreckmittel.

Sparbüchse sah den Kopf nur von rückwärts, dagegen fühlte er bei der Berührung seine Hand feucht werden, und ohne die Haare loszulassen, zog er die linke Hand zurück, um dem Ursprunge dieser lauen Feuchtigkeit nachzuforschen.

Eine breite Spur einer verdächtigen Farbe dehnte sich auf seiner Hand aus.

»Man sollte meinen, daß dies Blut sei!« murmelte er, und nun wurde auch er von Furcht erfaßt. Er ließ den Kopf fallen, der auf der den Fußboden bedeckenden Mehlschicht einen röthlichen Abdruck zurückließ.

Ein Zweifel war nicht mehr möglich; man hatte da einen frisch abgeschnittenen Kopf einer jungen Frau vor sich.

Es entstand eine allgemeine Panik; die Herren wichen zurück und die Damen entflohen. Manche derselben fielen in Ohnmacht und mußten gelabt werden.

Bloß Sparbüchse blieb noch zurück, aber auch er wagte den zu seinen Füßen liegenden traurigen Gegenstand nicht zu berühren. Dem armen Jungen war alle Lust zum Lachen vergangen; er war sehr bleich und sein Gesicht drückte tiefen Abscheu aus. Trotzdem hielt er noch daran fest, daß das Ganze ein von neidischen Kameraden ersonnener Streich sei, und die Erregung, deren er sich nicht zu erwehren vermochte, schlug alsbald in Zorn um.

»Ah, über die Schufte!« rief er aus und drohte mit der erhobenen Faust den Abwesenden. »Sie haben sich mit den Dienern der anatomischen Lehranstalt vereinigt, um in den Besitz dieses Kopfes zu gelangen. Das übersteigt aber schon die Grenzen eines erlaubten Scherzes und sie sollen mir dafür büßen. Ich werde den Kopf an die Thür ihres Ateliers hängen, wo ihn der Portier Cantillon's finden wird. Selbstverständlich wird der Mann die Polizei rufen, und die Thoren, die diese Gemeinheit ausgeheckt haben, mögen sich dann selbst aus der Verlegenheit helfen. Sie werden ihre Strafe redlich verdient haben.«

Diese nicht sehr glücklich gewählten Argumente wurden in dem allgemeinen Tumult gar nicht beachtet; nur die beiden Freunde, die nicht geflohen waren und nebeneinander stehend, das sich ihnen darbietende grausige Schauspiel betrachteten, schenkten denselben einige Beachtung.

»Er dürfte recht haben,« meinte Cavaroc. »Es ist das ein geradezu strafbarer Scherz, den sich übermüthige Leute erlaubt haben.«

»Ein Scherz ist das nicht!« erwiderte Jonville leise.

»Wie! Du meinst, man habe eine Frau direct geköpft, nur um ihren Kopf zu Vitrac zu bringen?«

»Direct geköpft nicht – aber –«

»Aber ermordet, meinst Du? Das ist unwahrscheinlich. – Aber wo ist denn Vitrac? Ah, da ist er ja! Es ist höchste Zeit, daß er sich anschickt, den Uebergriffen, deren Schauplatz sein Haus ist, ein Ende zu machen.«

In der That kam Vitrac herbeigeeilt; doch konnte er nur langsam vorwärts kommen, und als es ihm endlich gelungen war, sich Bahn zu brechen, gelangte er dicht in die Nähe der beiden Freunde.

Er dachte indessen keinen Moment daran, denselben mit irgend welchen Erklärungen zu dienen. Zweifellos hatte er den Kopf der Todten erkannt, denn seine Lippen murmelten einen Frauennamen, den nur jene verstanden.

»Irene!«

Weiter ließ Paul Vitrac kein Wort mehr laut werden. Leichenfahl und starren Blickes, mit halb geöffnetem Munde wich er zurück, gleich einem Verurtheilten, der das Blutgerüst erblickt.

Auch Wanda war herbeigeeilt und entrüstet rief sie aus:

»Das ist gemein! – Wo ist der Nichtswürdige, der uns diesen Streich gespielt hat?«

Offenbar theilte sie die Ansicht ihres Freundes Sparbüchse, der noch immer an einen schlechten Scherz der ihm übelgesinnten Kameraden glaubte.

»Er hat sich noch rechtzeitig aus dem Staube gemacht!« erwiderte Sparbüchse, »niemand dachte daran ihn festzuhalten – dennoch werde ich erfahren, wer es gewesen.«

»So eilen Sie ihm vor allen Dingen nach.«

»Das wäre vergebliche Mühe, denn der Patron ist schon über alle Berge, ich werde ihn aber trotzdem zu finden wissen. Er gehört zum Atelier Cantillon und aufgeschoben ist nicht aufgehoben. – Nicht wahr, Meister, wir werden ihnen das heimzahlen?«

Vitrac war außer Stande, die Frage seines Lieblingsschülers zu beantworten. Er taumelte und wäre unfehlbar zu Boden gestürzt, wenn man ihm nicht zu Hilfe geeilt wäre. Zwei Herren geleiteten ihn in ein an das Atelier stoßendes Gemach.

Wanda folgte ihm nicht, sondern begann mit Sparbüchse zu zanken, weil er den abstoßenden Vorfall nicht zu verhindern verstanden; dabei gewahrte sie gar nicht, daß sich das Atelier zusehends leerte.

Zuerst waren die Frauen geflohen, um den schrecklichen Anblick dieses blutigen Kopfes nicht länger vor sich zu haben, und auch die Männer hatten es fast ausnahmslos für angemessen erachtet, das Atelier zu verlassen, um nicht auf irgend eine Weise in die Folgen einer verdächtigen Angelegenheit verwickelt zu werden. Man war sich über dieselbe nicht im Klaren und suchte auch nicht ins Klare zu kommen, denn man fühlte instinctiv, daß hier noch die Polizei, mit der man nicht in Berührung kommen wollte, eingreifen werde.

Im Saale waren nur mehr etwa ein Dutzend Schüler Vitrac's, sowie die Orchestermitglieder anwesend, die ihre Estrade verlassen hatten. Cavaroc und Jonville waren noch zugegen, beabsichtigten aber auch nicht, das Erscheinen der Polizei abzuwarten.

Jeder der beiden Freunde betrachtete die Sache von einem anderen Gesichtspunkte aus. Zornig über den abstoßenden Anblick, erging sich der Rittmeister noch immer in ärgerlichen Bemerkungen über die Welt der Künstler, wo man derartige Tollheiten duldete, und der Gesandtschaftsattaché war fast ebenso erregt wie Vitrac selbst. Sein verstörtes Gesicht verrieth, was in ihm vorging, so daß Cavaroc, der über seine Aufregung ganz erstaunt war, unwillig sagte:

»Der Teufel hole alle diese Leute! Lassen wir sie ihre Suppe allein auslöffeln und machen wir uns aus dem Staube.«

Jonville schien hiermit nicht einverstanden und der Rittmeister fügte hinzu, während er ihn am Arm zerrte:

»So komme doch in des Teufels Namen! Was hält Dich denn noch hier zurück? Hast Du vielleicht die Absicht, hier zu übernachten?«

»Nein,« stotterte der Attaché; »aber Vitrac in einem solchen Momente verlassen –«

»Vitrac wird sich auch ohne Dich zu trösten wissen, und dieser Vorfall wird ihn wenigstens lehren, seine Gäste genauer zu überwachen, wenn er Nachtfeste veranstaltet. Komm', sage ich Dir, sonst lasse ich Dich allein hier.«

Diese Drohung bestimmte Jonville, sich der Thür zu nähern, wobei er wiederholt zurückblickte, um zu sehen, was hinter ihm vorging. Er sah bloß die wenigen Personen, die sich neugierig um Sparbüchse drängten; Vitrac selbst ließ sich nicht blicken.

Die Treppe lag öde und einsam da. Alle Gäste waren in höchster Eile entflohen; doch als die beiden Freunde auf die Place Pigalle gelangten, trafen sie daselbst eine förmliche Menschenansammlung an.

Die in der Nähe gelegenen Kaffeehäuser waren soeben geschlossen worden; die aus denselben kommenden Gäste unterhielten sich geräuschvoll mit den Personen, die von Vitrac kamen und eifrig den Vorfall besprachen, dessen Zeugen sie unwillkürlich gewesen.

Die Kutscher der vor dem Hause stehenden Wagen hatten ihre Sitze verlassen und sich den Gruppen zugesellt, und schon kamen zwei Polizisten heran, um nach der Ursache der Ansammlung zu forschen.

»Es ist bereits die höchste Zeit, uns aus dem Staube zu machen!« knurrte Cavaroc, und ohne den Arm seines Freundes loszulassen, eilte er beschleunigten Schrittes durch die Rue Pigalle den großen Boulevards zu. Jonville leistete keinen Widerstand, und schweigend schritten sie wohl fünf Minuten nebeneinander einher, bis der Rittmeister endlich die Stille unterbrach.

»Hast Du Dich endlich von Deiner Erregung erholt?« fragte er spottend; und als der Andere keine Antwort gab, fügte er hinzu: »Du kannst Dir schmeicheln, ein recht gefühlvolles Herz zu besitzen – hierbei kommt Dir höchstens Dein Freund Vitrac gleich. – Ein wahrer Waschlappen das! Ich fürchtete wirklich, er werde in Ohnmacht fallen.«

»Nun, Grund hätte er gehabt dazu,« gab Jonville leise zur Antwort.

»Wie! eines Kopfes wegen, den ein Student aus der anatomischen Lehranstalt entwendete? Hat er denn noch keinen Leichnam gesehen? – Was thäte er denn, wenn er seine Wanda sterben sähe?«

»Offenbar ginge ihm das weit weniger zu Herzen.«

»Bah! Aus welchem Holze ist denn dieser Mann geschnitzt? Gerieth er vielleicht in eine derartige Aufregung, weil die Todte sehr schön war? Das hieße doch die Liebe zur Kunst etwas zu weit treiben.«

»Du hast also den Namen vergessen, der angesichts des abgeschnittenen Kopfes über seine Lippen trat?«

»Was für einen Namen? – Ich erinnere mich nicht mehr.«

»Er nannte den Namen Irene.«

»Schön! Und was beweist das?«

»Das beweist, daß er diese Frau kannte.«

»Du denkst also, er hätte ihren Namen genannt? Lächerlich! – Erstens heißt niemand Irene. – Hast Du schon je eine Irene gekannt? Ich nicht – trotzdem ich kein Jüngling mehr bin –«

»In Paris und in der Provinz allerdings nicht, aber im Auslande.«

»Deiner Ansicht nach wimmelt es also im Auslande von Frauenzimmern, die Irene heißen. – In welchem Lande denn zum Beispiel?«

»Nun – in Rußland etwa.«

»Und Du bildest Dir ein, man habe einer Russin den Kopf abgeschnitten, nur um Vitrac, der dieselbe verehrte, einen Possen zu spielen?«

»Ich weiß nicht, ob sie eine Russin war; ich weiß nur, daß sie ihn liebte.«

»Wie! Die Person, die Du im Bois in einer Equipage gesehen?«

»Ja, dieselbe, deren Kopf ich vorhin gesehen!«

»Oho! Das ändert die Sache! Man hat sie also ermordet?«

»Ja – sofern sie nicht plötzlich gestorben ist. Vorgestern sah ich sie noch in den Champs Elysées.«

»Wer sollte sie ermordet haben? Ihr Gatte?«

»Möglich.«

»Zugegeben! Doch wozu diese Schaustellung des abgeschnittenen Kopfes? Er hätte damit ein gefährliches Spiel getrieben, welches ihm theuer zu stehen kommen kann, da Du ihn kennst.«

»Nur vom Sehen aus; ich weiß weder wer er ist, noch wo er wohnt.«

»Und Du weißt bestimmt, daß seine Frau den Maler liebte?«

»Ganz bestimmt.«

»Das ist ein wenig stark! Erkläre mir wenigstens, worauf Deine Ueberzeugung beruht.«

»Ich begegnete den Beiden zufällig eines Abends auf einem Spaziergange und am nächsten Tage kam Vitrac zu mir, um mich zu bitten, ich möge über die Sache das tiefste Stillschweigen beobachten. Er gestand mir dabei, daß er die Dame liebe und diese ihn; mehr begehrte ich überhaupt nicht von ihm zu wissen.«

»Nun beginne ich zu begreifen, weshalb er den Kopf verlor, als er den anderen erblickte, den der als Lastträger verkleidete Halunke in seinem Sacke in das Atelier schmuggelte.«

»Woher hast Du nur den Muth, noch Wortspiele zu machen, da Du bereits weißt, was Du von der Sache zu halten hast?«

»Ich gebe zu, daß ich unrecht habe. – Doch sage mir, kennt Vitrac den Gatten seiner Verehrten?«

»Wahrscheinlich; doch gestehe ich, daß ich an seiner Stelle die Aufgabe, nach dem Mörder zu forschen, der Polizei überlassen würde.«

»Würdest Du Deinem Freude, wenn er Dich um Rath fragen sollte, dasselbe erwidern?«

»Er wird mich eben nicht um Rath fragen.«

»Und Du bist wohl auch entschlossen zu schweigen?« fragte Cavaroc und blieb stehen, um Jonville fest anzublicken.

»Ja, ich werde schweigen,« erwiderte dieser ohne Zögern; »und hoffentlich wirst Du auch für Dich behalten, was ich Dir verrathen habe.«

»Da sei ganz unbesorgt!« beruhigte ihn Cavaroc. »Ich habe nicht die geringste Lust, mich in diese kitzliche Geschichte zu mengen, die mit den heutigen Vorgängen indessen nicht abgethan sein dürfte. Ganz Paris wird über dieselbe sprechen, man wird den Kopf öffentlich ausstellen und außer Dir werden ihn auch andere Personen erkennen, denn Du wirst gewiß nicht der Einzige sein, der die schöne Ausländerin zu ihren Lebzeiten gekannt hat. Der Gatte wird sich tapfer halten müssen –«

»Sofern er es ist, der sie ermordet hat.«

»Wie! Sofern er es ist? Zweifelst Du vielleicht daran?«

»Ich zweifle an allem.«

»Den Kopf der eigenen Gattin dem Verehrer derselben zu senden, ist zweifellos die Rache des Gatten, und selbst wenn er es nicht wäre, so müßte man es erfahren, denn er würde sich naturgemäß ob des Verschwindens seiner Gattin beunruhigen und der Polizei bei den Nachforschungen nach dem Mörder behilflich sein.«

»Wenn er dieser Mörder ist, so wird er schwerlich in Paris bleiben. Vielleicht hat er die Stadt sogar schon verlassen und man kann seiner nicht mehr habhaft werden. Ich werde ihm übrigens nicht nachsetzen.«

»Ich ebenso wenig; ich beginne auch schon zu glauben, daß es am besten wäre, wenn wir es hierbei bewenden ließen. – In unserer Eile haben wir übrigens unsere Ueberzieher vergessen und unsere venetianischen Mäntel schützen uns nur ungenügend gegen die Kälte. Ich friere schon ganz gehörig, ja noch mehr, ich verspüre einen förmlichen Wolfshunger. Wir hätten uns am Buffet gütlich thun sollen, bevor wir das Haus verließen.«

»Leider kommt diese Erkenntniß etwas zu spät.«

»Allerdings. – Das Souper erlitt durch das Erscheinen der Polizei eine kleine Verzögerung. Wenn dies die Ueberraschung sein soll, die uns die schöne Wanda in Aussicht stellte, so werde ich ihr, sobald ich sie wiedersehe, unverblümt sagen, was ich von derselben denke.«

»Dazu wird Dir Gelegenheit geboten sein, ich bürge Dir dafür.«

»Mir ist nicht sonderlich daran gelegen; dagegen mache ich Dir den Vorschlag, ein Abendbrot einzunehmen, um zu frischen Kräften zu kommen.«

»Du denkst jetzt ans Essen?«

»Gewiß! Vor allem will ich mich aber erwärmen, indem ich einen Wagen nehme. Da rollt gerade einer heran. – Heda, Kutscher!«

Die beiden Herren waren während dieses Gespräches auf der Place de la Trinité angelangt; ein Fiaker kam langsam dahergefahren und der vom Rittmeister angerufene Wagenlenker beeilte sich, seine Pferde anzuhalten.

»Nach dem Café Américain!« befahl Cavaroc.

Einen Moment später rollten sie miteinander nach dem bekannten Nachtrestaurant, welches der lebenslustige Rittmeister gewählt hatte, weil er in dem Speisesaale desselben eine zahlreiche heitere Gesellschaft anzutreffen hoffte, während im Café Anglais, wo man sich abgesondert in einem Cabinette aufgehalten hätte, die Unterhaltung nothwendig auf die Vorfälle des Abends zurückgekehrt wäre, welche Cavaroc zu vergessen, Jonville aber zu erklären suchte.

Die Fahrt währte nicht lange und bald war man vor dem eleganten Gasthofe angelangt, welcher noch in allen Stockwerken hell erleuchtet war, ein Beweis, daß sich trotz des herannahenden Aschermittwoches zahlreiche Gäste eingefunden hatten.

»Wenn wir überhaupt noch Platz finden!« besorgte der Rittmeister, während er aus dem Wagen sprang, nachdem er sein venetianisches Mäntelchen abgenommen und unter den Arm geschoben hatte. Der Attaché befolgte sein Beispiel, so daß Beide in eleganter Gesellschaftstoilette in den Speisesaal traten.

Dieser war bereits überfüllt und erst nach einiger Mühe gelang es den zwei Herren, sich in einer Ecke niederzulassen, von wo sie den ganzen Saal bequem überblicken konnten.

Unmittelbar neben ihnen saßen zwei Männer, deren bloßer Anblick schon die Frage erwecken mußte, auf welche Weise dieselben an diesen Ort gelangten. Es waren zwei bekannte Professionsspieler, die ganz ungescheut Bemerkungen über einzelne im Saale anwesende Personen austauschten.

Die beiden Freunde achteten indessen nicht auf diese Leute. Cavaroc dachte nur daran, seinen Hunger zu stillen, und auch Jonville, der weniger hungerig als von seinen Gedanken in Anspruch genommen war, wendete sich schließlich der Leberpastete zu, die ihnen vorgesetzt worden. Der Magen behauptet eben immer seine Rechte.

Cavaroc sprach dem Champagner, den er beim Kommen bestellt hatte, reichlich zu und es verfloß fast eine halbe Stunde, bis er daran dachte, die Personen zu mustern, die am anderen Ende des Saales ihm gegenüber saßen.

Er entdeckte unter denselben alsbald zwei Herren in schwarzer Kleidung mit weißer Halsbinde, die eifrig beschäftigt waren, eine Flasche Kümmelgeist zu leeren.

Beide fielen durch die Größe und Stattlichkeit ihrer Gestalten auf. Der Kleinere und Schmächtigere maß zumindest fünf Fuß und zehn Zoll und hatte dabei Schultern, die für die Eisenrüstung eines Ritters aus dem Mittelalter wie geschaffen waren.

In seiner Eigenschaft als Cavallerieofficier war Cavaroc ein großer Freund von starken Männern, und er konnte sich nicht enthalten, die Bemerkung zu machen:

»Das sind zwei Kerle, die ich gern in meiner Escadron hätte; sie sind zwar über das militärpflichtige Alter hinaus, würden sich aber noch immer recht stattlich ausnehmen.«

Die beiden Nachbarn unserer Freunde beobachteten gleichfalls die zwei Riesen, offenbar aber aus einem anderen Grunde, denn sie stießen sich mit den Ellbogen an, wie um sich gegenseitig auf das auserlesene Wild aufmerksam zu machen.

»Du,« sagte der eine der Halunken, »das sind zwei Goldvögel. Der Aeltere fährt täglich wie ein Fürst in einer herrlichen Equipage durch das Bois. Wenn wir mit denen eine Partie machen könnten, so würden wir unsere Zeit nicht verlieren.«

»Wir sitzen zu weit und können uns ihnen nicht bemerkbar machen,« erwiderte der Andere melancholisch.

Der Attaché vernahm diesen erbaulichen Dialog und blickte empor, um den Herrn zu mustern, der nach den Worten des Gauners in so herrlicher Equipage fuhr. Diese Bemerkung hatte genügt, um Jonville an den Gatten der Ermordeten zu erinnern, und schon nach wenigen Secunden hatte er ihn zu seinem nicht geringen Staunen erkannt.

Es war derselbe Herr, den er häufig in einem offenen Landauer an der Seite der herrlichen Blondine gesehen, welche Vitrac liebte, und sofort schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß der Gatte der Eremit gewesen, der ihn auf dem Balle ersucht hatte, ihm den Herrn des Hauses zu zeigen, und daß der Andere den Lastträger dargestellt, der den abgeschnittenen Kopf in einem Mehlsacke eingeschmuggelt hatte.

»Was ist Dir denn?« fragte der Rittmeister.

Jonville ertheilte ihm flüsternd Antwort und Cavaroc sagte leise, nachdem er die beiden Herren ebenfalls betrachtet hatte:

»Ich gebe zu, daß Du Dich nicht täuschest; doch wenn dies thatsächlich der in Rede stehende Gatte ist, so kann er es nicht gewesen sein, der sich als Mönch verkleidet bei Deinem Freunde Vitrac sehen ließ, so wenig wie sich sein Kamerad als Lastträger vermummen konnte. Zum Beweise dessen siehst Du, daß sie ihr Mahl bereits beendet haben; sie müssen also wenigstens schon seit einer Stunde hier sein. Wie wäre es ihnen also möglich gewesen, so rasch hierher zu gelangen?«

»Das weiß ich nicht,« erwiderte Jonville leise; »dagegen werde ich erfahren, wo die Beiden wohnen.«

»Indem Du ihnen beim Fortgehen folgst. Der Gedanke ist nicht so übel und ich bin mit dabei. Zum Teufel! – Da bringt man ihnen bereits die Rechnung; nun werden sie Reißaus nehmen und wir können ihnen noch nicht folgen, da wir erst zahlen müssen.«

Jonville beeilte sich, den Kellner zu rufen; bevor derselbe aber noch zur Stelle war, hatten sich die beiden Männer erhoben, ohne zu warten, bis man ihnen auf die Hundertfrancsnote herausgegeben, die der Aeltere auf den Tisch geworfen. Darauf näherten sie sich mit langen Schritten der Ausgangsthür.

»Bezahle,« sprach Cavaroc hastig; »und dann komm' mir sofort nach. Wenn Du mich nicht auf der Straße antriffst, so sollst Du wissen, daß ich einen Wagen nehmen mußte, um ihnen zu folgen. In diesem Falle komme morgen Früh zu mir; ich werde Dir getreulich berichten.«

Und ohne die Antwort seines Freundes abzuwarten, schritt Cavaroc eilig den verdächtigen Gästen nach, die bereits auf der Treppe verschwunden waren.

Jonville wüthete, weil er durch die Rechnung noch zurückgehalten wurde. Am einfachsten wäre es gewesen, das Beispiel des Gatten zu befolgen, das heißt, eine größere Banknote auf den Tisch zu legen; doch besaß er nicht die Geistesgegenwart, dieses Mittel anzuwenden, ganz abgesehen davon, daß dies vielleicht Aufsehen erregt oder einer der beiden Nachbarn sich des Geldes bemächtigt hätte. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als den Kellner mit der Rechnung abzuwarten und diese hernach zu bezahlen, und das Ergebniß dieser Verzögerung war, daß, als er endlich auf die Straße gelangte, er weder den Rittmeister noch die beiden Herren mehr sah, an deren Identität ihm so viel gelegen war.


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