Autorenseite

 << zurück weiter >> 

V.

Seit jenem Vorfalle im Atelier Vitrac hätte man von Jean Dangelas das Gleiche sagen können, was man im Jahre 1814 von den mit den Bourbonen nach Frankreich zurückkehrenden Emigranten gesagt hatte: er hatte nichts gelernt und nichts vergessen.

Er hatte weder über die Ermordete, noch über Auguste Bernier Näheres zu erfahren vermocht und dennoch dachte er unablässig an jenen schauerlichen Auftritt in Vitrac's Wohnung und an das Verschwinden der kleinen Putzmacherin. Von den beiden Geheimnissen interessirte ihn das letztere am meisten, denn die Ermordung einer ihm unbekannten Frau hatte ihn persönlich nicht zu kümmern.

Er kannte die Todte wie gesagt nicht, wußte auch nicht, in welchen Beziehungen sie zu seinem verehrten Meister gestanden, und so brauchte er sich nicht sonderlich um die Ergebnisse einer Untersuchung zu kümmern, die allem Anscheine nach zu keinem Resultate führen würde. Umsomehr Grund hatte er aber, sich mit dem Schicksale des jungen Mädchens zu befassen, an welchem er so großes Gefallen gefunden. In erster Reihe fühlte er, daß er im Begriffe sei, sich in die junge Modistin allen Ernstes zu verlieben und dann sagte er sich, daß er gewissermaßen schuld daran sei, wenn dem armen Kinde ein Unglück widerfahren sein sollte, denn er hatte ihr den Vorschlag gemacht, sie nach der Rue Berton zu begleiten und daselbst den von der Gräfin bestellten Hut abzugeben. Er zürnte sich auch darob, daß er seinen Posten vor dem Thore des verdächtigen Hauses zu schnell aufgegeben und daß er nicht den Muth hatte, sich bei der Ladenbesitzerin in der Rue de la Paix zu erkundigen, ob ihre Arbeiterin pünktlich nach Hause gekommen.

Nun war aber bereits der Zeitpunkt gekommen, da man an ihren Großvater dieselbe Frage stellen konnte, und Dangelas vermochte es kaum mehr zu erwarten, von der ihm ertheilten Erlaubniß Gebrauch zu machen und sich am Sonntag in der Rue du Port Mahon einzufinden, wo sie unter dem großväterlichen Schutze des alten Seemannes leben sollte.

Der Sonntag kam, und nachdem Jean Dangelas bei einem Weinhändler in der Rue des Martyrs ein bescheidenes Mahl eingenommen, langte er gegen Mittag vor dem Hause an, dessen Nummer ihm Auguste genannt hatte.

Das Haus hatte kein sonderlich einladendes Aeußere; es war hoch und schmal, hatte nur einige wenige Fenster und ein großes Thor, welches stets offen stand, einen finsteren Hausflur sehen ließ und durch welches man in Folge einer ungefähr in Brusthöhe angebrachten Querstange nicht eintreten konnte. Es konnte in der That wundernehmen, auf welche Weise dieses armselige Gebäude neben den sich rechts und links erhebenden ansehnlichen Baulichkeiten stehen geblieben war.

»Alle Wetter!« dachte sich Dangelas im Stillen; »der gute Mann scheint keine Reichthümer zu besitzen. Ich vermuthete es gewissermaßen, denn im Staatsdienste erwirbt man sich kein Vermögen; dies ist mir aber ein Beweis für die Tugendhaftigkeit der Kleinen, denn es hinge nur von ihr ab, sich ein bequemeres Heim zu verschaffen. Sie hat zwei Augen im Kopfe, die so manchen bethören könnten. Und nun wollen wir einmal beim Großpapa den Puls fühlen. Der alte Seewolf ist im Stande, mir die Thür vor der Nase zuzuschlagen, wenn ich mich nach dem lieben Schäfchen erkundige, denn ich sehe nicht aus wie ein Millionär, obschon ich mich in Staat geworfen habe. Es muß aber gewagt werden.«

Dangelas schob die Querstange zurück, die bei diesem Manöver eine Klingel in Bewegung setzte, und schritt den finsteren Hausflur entlang, ohne eine lebende Seele anzutreffen. Endlich stieß er auf die Nische des Hausbesorgers und dieser Hausbesorger war eine Hausbesorgerin, die sich mit der Zubereitung einer Hammelkeule befaßte, welche in einem Topfe schmorte.

Die ehrenwerthe Dame zuckte zusammen, als Dangelas nach Herrn Bernier fragte, und ihm ein zornentbranntes Gesicht zuwendend, erwiderte sie:

»Bernier? – Wohnt nicht hier! – Auch hätten Sie weniger schreien müssen – ich zittere an allen Gliedern vor Schrecken!«

Diese Antwort überraschte Dangelas und er fragte sich, ob ihn die kleine Modistin nicht zum Besten gehalten und ihm eine unrichtige Adresse angegeben habe; doch wollte er sich nicht so schnell entmuthigen lassen und fragte weiter:

»Wohnt nicht hier? Bernier, ein alter Seemann?«

»Warum sagen Sie das nicht gleich? – Der alte Seemann heißt nicht Bernier, sondern Cordouan und wohnt mit seiner Enkelin im fünften Stocke, am Ende der Treppe. Da ich ihn heute noch nicht ausgehen sah, wird er wohl zu Hause sein und Sie können hinaufgehen.«

Dangelas entfernte sich und hörte im Fortgehen die Frau Einiges brummen, woraus er bloß die Worte verstand: »Leichtes Blut!«

»Ah, ah!« meinte er im Stillen, »meine kleine Freundin scheint sich des Wohlwollens ihrer Hausbesorgerin gerade nicht zu erfreuen und dies theile ich bereits mit ihr. – Ich bin ihr aber darum nicht böse. – Immerhin hätte sie mir sagen können, daß ihr Großvater nicht denselben Namen führt wie sie, denn wenn mir die alte Hexe nicht verrathen hätte, daß er Cordouan heißt, so wäre ich in eine schöne Verlegenheit gerathen.«

So sprechend eilte Dangelas die Treppe empor und dank seiner langen Beine hatte er sehr bald das oberste Stockwerk erreicht, wo er sich vor einer gelb gestrichenen Thür sah, auf welche ein großer schwarzer Anker gemalt war. Ein Irrthum schien also gänzlich ausgeschlossen, denn dieses nautische Symbol deutete in nicht mißzuverstehender Weise darauf hin, daß der Bewohner dieser Räume dem Seedienste angehört habe.

»Hier ist also das gelobte Land,« sagte sich der junge Mann, den die Aussicht, Auguste wiederzusehen, in die beste Stimmung versetzt hatte. »Ich glaube, sie wird mich freundlich aufnehmen – aber der Alte? – Das wäre schlimm; doch werde ich trachten, den Zornigen zu versöhnen.«

Er suchte die Klingel, gewahrte aber alsbald, daß die Thür dieses nützliche Geräth entbehre.

»Es scheint, daß Großpapa nur selten Besuche empfängt,« murmelte er.

Und damit pochte er ganz leise an die Thür, um den alten Herrn nicht zu erschrecken, der seiner Ansicht nach etwas unwirsch veranlagt sein mochte. Doch kam niemand die Thür zu öffnen. Nach einer kleinen Weile pochte Dangelas stärker und mit derselben Erfolglosigkeit.

»Sollte sich der alte Herr vor seinen Gläubigern fürchten?« fragte sich Sparbüchse. »Ich kenne das – und mache den meinigen niemals auf – vielleicht verhält es sich hier ebenso und es bedarf eines besonderen Zeichens. Das werden wir sofort wissen. Der alte Seebär ist gewiß Freimaurer.«

Damit pochte er dreimal in regelmäßigen Zwischenpausen an die Thür; aber auch das war vergebens, nichts rührte und regte sich in der Wohnung.

»Vielleicht war das Abfeuern der Schiffskanonen Sache des Alten und darob ist er taub geworden,« sagte sich Dangelas; »doch wollen wir auch hierüber bald im Klaren sein.«

Bei diesen Worten begann er mit beiden Fäusten gegen die Thür zu hämmern, daß es selbst einen Sterbenden zum Leben hätte erwecken müssen. Dann drückte er das Ohr an die Thür und es schien ihm, als vernähme er ein Geräusch, als hätte jemand einen Stuhl oder sonst einen Gegenstand umgeworfen.

»Der Alte ist da!« rief er laut aus. »Die alte Hexe sagte mir ja, daß er nicht ausgegangen sei. Aber weshalb kommt er nicht zum Vorschein? Sollte er krank sein? Es sieht aber ganz so aus, als wäre die Kleine nicht daheim – und in diesem Falle bleibt mir nichts anderes übrig, als in guter Ordnung den Rückzug anzutreten. – Ich habe doch nicht einen Funken Glück!«

Er schickte sich bereits an, die Treppe wieder hinabzusteigen, als er unter der Thür, die nicht dicht an den Fußboden reichte, und durch das Schlüsselloch dünne Rauchfäden hervordringen sah, während er zu gleicher Zeit einen brandigen Geruch verspürte.

»Sollte es in seiner Koje brennen? Ich kann ihn doch nicht braten lassen wie einen Häring, den man in einer Senfbrühe aufzutragen gedenkt, und es wäre am besten, der alten Hexe Meldung zu erstatten und die Feuerwehr zu holen. Allerdings, aber ich weiß nicht, woher ich die Feuerwehr nehmen soll, und bevor diese anlangt, kann Großpapa bereits gebraten sein. Wüßte ich bestimmt, daß es in dem Zimmer brennt, so würde ich die Thür sprengen – doch kommt der Geruch möglicherweise aus der Küche.«

Dangelas sog mit vollen Nüstern den durch die Spalten herausdringenden Rauch ein und fuhr dann in seinem Monolog fort:

»Das riecht genau wie Kohlengas. Man sollte meinen, daß sich da eine Schneidermamsell mit Kohlengas tödten will.«

Diese Vorstellung erweckte eine andere in ihm und plötzlich rief er aus:

»Thor, der ich bin! – Das ist vielleicht Auguste! – Ja, ja, ihr Großvater hat sie wahrscheinlich ausgezankt und dann hier eingeschlossen. In ihrer Verzweiflung hat sie vermuthlich die Fenster fest verschlossen und Kohlen auf einer Wärmplatte angezündet. – Oho, das werden wir aber nicht zugeben; das arme Kind soll sofort frische Luft haben.«

Er wich ein wenig zurück und versetzte der Thür einen mächtigen Fußtritt; die Thür rührte sich aber nicht und er sagte:

»Um so schlimmer! – Dann drückte ich sie ein!«

Mit aller Kraft rannte er mit der Schulter gegen die Thür, die in ihren Angeln erbebte, aber nicht nachgab. Dangelas war indessen in Aufregung gerathen und hätte sich eher den Kopf an der Thür zerschmettert, als darauf verzichtet, in die Wohnung einzudringen, wo seine kleine Freundin, wie er meinte, mit dem Tode rang.

Dreimal wiederholte er seinen Ansturm, immer stärker als das vorhergehendemal, bis das Schloß endlich nachgab und die Thür unter lautem Krachen aufsprang.

Eine dichte Rauchwolke quoll Dangelas entgegen, daß er für einen Moment zurückweichen mußte. Er rieb sich die Augen, die in Folge des beißenden Rauches zu thränen begannen, und vernahm jetzt ganz deutlich ein Geräusch, welches auf ein Haar dem Röcheln eines Menschen glich, und der Gefahr des Erstickungstodes trotzend, stürmte er vorgeneigten Kopfes in das Zimmer.

Er war noch nicht weit gekommen, als er gegen eine auf Füßen stehende Wärmpfanne stieß, auf welcher ein Häuflein Kohle glimmte und die durch den Stoß zu Boden geworfen wurde. Er erlangte aber sofort das Gleichgewicht wieder und hatte die Geistesgegenwart, zu einem Fenster, welches das Tageslicht eindringen ließ, zu eilen und eine Glasscheibe zu zertrümmern.

Mehr bedurfte es nicht, um einen Luftzug herzustellen, der die giftigen Kohlendämpfe vertrieb und einige Helligkeit in dem Zimmer erzeugte, in welchem Dangelas jetzt Umschau hielt.

Der Raum, in welchen er derart eingedrungen war, enthielt nur wenige Möbelstücke: einen Tisch aus weichem Holze und einige Strohstühle. Derselbe stieß an ein zweites Zimmer, welches ebenso spärlich eingerichtet zu sein schien, und weiterhin befand sich offenbar ein drittes, da eine Thür zu sehen war, die indessen geschlossen war.

In den ersten zwei Zimmern sah Dangelas niemanden; Auguste befand sich nicht hier, und das Röcheln, welches ihn derart erschreckt hatte, rührte nicht von ihr her.

Diese Abwesenheit eines lebenden Wesens war ihm indessen unbegreiflich, denn die Kohlen auf der Wärmpfanne hatten sich nicht allein entzündet, und er blickte eifrig suchend um sich. Endlich entdeckte er eine mit den beiden Enden an zwei gegenüberliegenden Wänden befestigte Hängematte ungefähr in der Höhe seines Gesichtes, und durch den sich langsam zertheilenden Rauch glaubte er eine männliche Gestalt auf dem luftigen Lager zu erblicken.

Dangelas riß das Fenster dieses absonderlichen Schlafgemaches auf, und ohne sich um die Folgen zu kümmern, die ein solches Manöver nach sich ziehen mußte, löste er am Fußende der Hängematte das Seil, womit sie an einem in die Wand getriebenen Haken befestigt war. Hieraus ergab sich, daß der Mann herabglitt und auf den Füßen stehend, in die Arme des jungen Malers sank, der ihn sachte in einen glücklicherweise nahestehenden, alten Fauteuil gleiten ließ.

Der alte Mann, den Dangelas auf diese Weise einem sicheren Tode entrissen hatte, konnte nur der Großvater Auguste's sein. Er hatte ganz den energischen Kopf eines alten Seebären und das mit Tannenholz getäfelte Zimmer, in welchem er in einer Hängematte schlief, als hätte er sich an Bord befunden, hatte genau das Aussehen einer Schiffskajüte.

Der alte Mann hatte das Bewußtsein verloren, war aber nicht todt, denn er bewegte Arme und Beine und öffnete den Mund, um Luft zu bekommen, gleichwie es ein Ertrinkender thut, der an die Oberfläche des Wassers gelangt. Es währte nicht lange, so öffnete er auch die Augen, und als er Dangelas vor sich sah, machte er eine Bewegung, wie um ihn zurückzustoßen; dann hob er sogar den Arm, als hätte er dem Anderen einen Faustschlag versetzen wollen, doch mangelte es ihm hierbei an der erforderlichen Kraft.

Diese Art, dem Retter seines Lebens zu danken, entlockte Dangelas ein Lächeln; es ward ihm sofort klar, daß er sich den Zorn des Alten zugezogen, weil er ihn am Sterben gehindert hatte. Nun handelte es sich indessen darum, zu erfahren, weshalb es jener so eilig hatte, aus dem Leben zu scheiden.

Auf einer Commode stand ein Napf mit Wasser gefüllt. Dangelas tauchte sein Taschentuch in dasselbe und benetzte damit die Schläfen des Todescandidaten, der sich allmählich ganz erholte.

»Nun,« fragte Jean, »geht es jetzt besser?«

»Was wollen Sie von mir?« fragte der alte Cordouan rauhen Tones.

»Ich will nur Ihr Bestes, mein Lieber.«

»Ich bin nicht ›Ihr Lieber‹. Wie sind Sie da hereingekommen?«

»Durch die Thür.«

»Das ist nicht wahr, nachdem ich die Thür sorgfältig versperrt hatte.«

»Ich habe aber die Thür eingebrochen, mit Verlaub! – Auf dem Treppenabsatz roch es schon zehn Schritte weit nach Kohlengas, und da sagte ich mir, hier will sich jemand den Garaus machen, und doch werde ich das nicht zugeben und darauf –«

»Das hatte Sie gar nicht zu kümmern. Stecken Sie die Nase in Ihre eigenen Angelegenheiten und lassen Sie mich zufrieden.«

»Das heißt mit anderen Worten: Machen Sie, daß Sie fortkommen, damit ich von vorn anfange. Ebenso gut könnten Sie von mir verlangen, ich möge Ihnen einen neuen Kohlenvorrath holen und denselben auf der Wärmpfanne, die ich beim Hereinkommen zu Boden warf, in Brand setzen. Ja, Kuchen! – Sie sollen und müssen am Leben bleiben!«

»Aber was geht denn das Sie an?«

»Das geht mich insofern an, als man in Ihrem Alter kein Recht hat, einen Selbstmord zu begehen, noch dazu, wenn man das Verdienstkreuz besitzt! O! versuchen Sie nicht zu leugnen, denn das Ding da gehört ja Ihnen,« erklärte Sparbüchse und deutete mit dem Finger auf eine Stelle oberhalb des Kamins, wo man in einem Rahmen unter Glas ein Diplom und ein rothes Bändchen mit einem funkelnden Kreuze daran sah.

»Ja, das gehört allerdings mir und man hat es mir nicht deshalb gegeben, weil ich mein Leben lang auf der Bärenhaut lag,« erwiderte der Alte und richtete sich stolz empor.

»Das habe ich mir selbst gedacht, und gerade weil Sie es redlich verdient haben, dürfen Sie keinen Selbstmord verüben, wie eine Näherin, die von ihrem Liebhaber verlassen wurde. – Und das hätten Sie gethan, wenn ich nicht Ihre Thür erbrochen und ein paar Fensterscheiben zerschlagen hätte. – Ich werde es aber zu verhindern wissen, daß Sie die Dummheit wiederholen!«

Diese Worte schienen einigen Eindruck auf den Alten zu machen. Er begann den jungen Maler zu mustern, wie er einst seine Matrosen gemustert haben mochte, wenn sie in Reih und Glied vor ihm standen, und offenbar entdeckte er einen sympathischen Zug in dem Gesichte des Anderen, denn statt etwas zu erwidern, nickte er bloß schweigend mit dem Kopfe.

»Lassen Sie ein vernünftiges Wort mit sich reden,« nahm Dangelas, ermuthigt durch diesen halben Erfolg, sanften Tones wieder auf; »sagen Sie mir, daß Sie nicht mehr ans Sterben denken und erzählen Sie mir, wo Sie der Schuh drückt. Das wird Ihnen Beruhigung gewähren. Was hat Sie veranlaßt, einen Selbstmordversuch zu unternehmen? Die Noth war's gewiß nicht.«

»Die Noth?« knurrte Cordouan. »Ich habe dreißig Jahre gedient, habe Feldzüge mitgemacht, Wunden davongetragen, das Verdienstkreuz erhalten und beziehe eine Pension von sechzehnhundertfünfzig Francs jährlich. Das ist aber weit mehr als ich benöthige.«

»Also, was denn? – Sie sind doch hoffentlich nicht verliebt?«

Der Alte zuckte die Achseln statt zu antworten und Sparbüchse fuhr fort:

»Grämen Sie sich vielleicht, weil Sie nicht mehr auf hoher See sind? Das könnte ich zur Noth noch begreifen.«

Dangelas vermuthete bereits die wahre Ursache der Verzweiflung des Alten; doch wollte er, daß derselbe den Gegenstand selbst zur Sprache bringe, und statt von Auguste zu sprechen, schlich er, wie man zu sagen pflegt, wie die Katze um den heißen Brei herum.

»Sie wollen also wissen, weshalb ich es satt habe zu leben?« hub der Alte nach einer Weile an. »Nun denn, ich kann's Ihnen ja sagen. Sie scheinen mir ein rechtschaffener Mann zu sein, und Sie sollen mich nicht für einen Feigling ansehen, der heimlich desertirt, noch bevor ihm der liebe Gott den Abschied ertheilt hat. – Helfen Sie mir, damit ich aufstehen kann, und stützen Sie mich, damit ich unterwegs nicht zusammenklappe.«

Verwundert kam Dangelas diesem Verlangen nach, und nun führte ihn der Alte zu der Thür des dritten Zimmers. Wohl schwankte er unterwegs einigemale bedenklich, denn er stand noch nicht ganz fest auf den Füßen; doch langte er glücklich bei der Thür an. Er öffnete dieselbe und sagte:

»Sehen Sie da hinein.«

Dangelas machte große Augen, als er sich in einem niedlichen kleinen Zimmer sah, welches zwar nicht prächtig, aber mit einer gewissen Eleganz eingerichtet war, die in auffallendem Gegensatze zu der fast spartanischen Einfachheit der von dem alten Seemann bewohnten Zimmer stand. Den Fußboden bedeckte ein hübscher Teppich, in einer Ecke standen zwei niedrige Stühle mit Handstickerei geschmückt, das kleine eiserne Bett zierten schneeweiße Vorhänge und auf dem Kamin standen einige Blumentöpfe, Blumen auch auf dem Fensterbrett, Blumen in allen Ecken. Es war ein zierlich kleines Nest für ein junges Mädchen und dieses Nest stand leer.

Dangelas wurde der Zusammenhang sofort klar.

»Hier hat sie gewohnt,« sprach der Greis langsam; »und außer ihr hatte ich sonst niemanden auf der Welt. Vor zwei Tagen entfernte sie sich aus dem Hause und seither habe ich sie nicht mehr gesehen.«

Diese Worte beseitigten jeden Zweifel in Dangelas. »Sie« – war Auguste und Auguste war seit zwei Tagen nicht mehr zum Vorschein gekommen. Es ging dem wackeren Jungen wie ein Stich durchs Herz; doch ließ er sich nichts von seinem Schrecken merken, und indem er sich den Anschein gab, als wüßte er nicht, von wem der alte Seemann eigentlich spreche, sagte er:

»Wen meinen Sie? – Ihre Tochter?«

»Meine Enkelin,« verbesserte Cordouan. »Ihre Mutter war meine Tochter und die starb bei der Geburt der Kleinen, die ich fortwährend bei mir hatte, seitdem sie auf der Welt ist. Ich lebte nur für sie und nun hat sie mich verlassen. Sie wissen jetzt, weshalb ich sterben wollte.«

Es kostete Dangelas eine große Ueberwindung, ihm nicht sofort zu verrathen, was sich vor zwei Tagen zugetragen. Er sagte sich aber, daß der richtige Augenblick noch nicht gekommen und daß es erforderlich sei, den bedauernswerthen alten Mann entsprechend vorzubereiten, bevor er über seine Begegnung mit dem armen Kinde berichtete, dessen Verschwinden auch ihn in hohem Grade beunruhigte. Mehr denn je war er überzeugt, zu dem Verderben seiner kleinen guten Freundin beigetragen zu haben.

»Ja,« fuhr Cordouan fort; »Freitag Früh entfernte sie sich vom Hause, um nach dem Laden zu gehen, wo sie arbeitete, und als ich sie am Abend abholen ging, wie ich es jeden Abend that, sagte mir ihre Principalin, daß sie noch nicht zurückgekehrt sei.«

»Und hernach?«

»Hernach? Ich verbrachte eine schauderhafte Nacht, und am anderen Tage eilte ich früh Morgens zur Polizei.«

»Und?«

»Der Commissär, der meinen Bericht entgegennahm, lachte mir ins Gesicht.«

»Wie meinen Sie das?«

»Der Commissär sagte mir, daß hübsche Mädchen niemals verloren gehen und daß auch meine Enkelin früher oder später zum Vorschein kommen werde. Ich ließ mich aber nicht so leicht abfertigen, gerieth allmählich in Zorn und da wies er mich hinaus! Meiner Treu, hätte ich einen Stock bei mir gehabt, so hätte ich ihn niedergeschlagen.«

»Was er redlich verdient hätte.«

»Ach nein, ich hätte damit unrecht gethan, denn der Mann hatte recht,« erwiderte der alte Seemann bitter. »Ich wollte es nicht glauben, daß mein Blut ehrvergessen sein könnte, und dies war ein großer Irrthum von mir. Gestern ging ich wieder zu der Ladeninhaberin, und da sagte sie mir, eine ihrer Arbeiterinnen habe Auguste tagsvorher in Gesellschaft eines jungen Mannes begegnet. Hätte ich erfahren, man habe meine Enkelin in einen Hinterhalt gelockt und getödtet, so hätte ich mich von meiner Verzweiflung nicht übermannen lassen; den Gedanken aber, daß meine Enkelin gleich so vielen Anderen den Pfad des Lasters betreten habe, vermochte ich nicht zu ertragen. Ihren Verlust hätte ich vielleicht stillschweigend hingenommen; aber die Schande überwältigte mich, um dieselbe zu ertragen, mangelte es mir an dem erforderlichen Muth.«

»Und da wußten Sie nichts besseres anzufangen, als sich das Leben zu nehmen, wie ein Unterofficier, den man bei einem Diebstahle ertappt har? Alle Wetter, Sie haben es aber eilig gehabt! Zum Glück bin ich rechtzeitig angelangt.«

»Ich weiß Ihnen wahrlich keinen Dank dafür,« erklärte der Greis rauh.

»Das sehe ich,« erwiderte Dangelas lächelnd.

»Ich verwünsche Sie sogar zu allen Teufeln. Ich habe gelitten, was man leidet, wenn man sterben soll; dann empfand ich nichts mehr, denn ich hatte das Bewußtsein verloren, und nun werde ich alles von neuem durchzumachen haben.«

»Dazu wird Ihnen alle Lust vergehen, wenn Sie mich ruhig anhören wollen.«

»Das ist ganz überflüssig, da ich alles weiß, was Sie mir sagen wollen.«

»Sie wissen gar nichts. Vor allem muß man den Leuten nicht alles glauben. Man erzählte Ihnen, man habe Ihre Enkelin mit einem jungen Manne auf der Straße begegnet; nun, was beweist das? Vielleicht geschah das in allen Ehren.«

»Hören Sie mir nur auf!«

»Wenn sie einen Liebhaber hatte, so brauchte sie nicht mit ihm zu fliehen, um weiterhin mit ihm zusammenzukommen; da liegt etwas anderes vor, dessen seien Sie sicher.«

»Allerdings; sie ist fort und wird nicht wiederkommen.«

»Sie glauben also, daß sie todt ist?«

»Das nicht; weshalb hätte man sie denn ermordet? Sie hatte weder Geld noch Geldeswerth bei sich.«

»Aber ihre Schönheit hatte sie bei sich, und es mangelt in Paris nicht an Personen, die fähig sind, ein hübsches junges Mädchen zu entführen und hinter Schloß und Riegel zu halten. Was würden Sie nun sagen, wenn ich Ihnen verrathen wollte, daß ich allen Grund zu der Annahme habe, daß Ihrer Enkelin ein Gleiches widerfahren ist?«

»Was wollen Sie damit sagen?« rief der alte Cordouan aus. »Erklären Sie sich deutlicher! – Kennen Sie meine Enkelin?«

»Und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mittheilen wollte,« sprach Dangelas nicht ohne Zögern, »daß der junge Mann, in dessen Begleitung sie vorgestern gesehen wurde –«

»Nun denn?«

»Meine Wenigkeit war.«

Dangelas war bei dieser Mittheilung darauf vorbereitet, daß der alte Mann in zornige Vorwürfe ausbrechen werde; er ahnte aber nicht, daß ihn der Greis an der Kehle fassen und ihm zurufen werde:

»Du, Elender! – Du hast mir meine Enkelin geraubt – und das wagst Du mir ins Gesicht zu sagen?«

Es kostete den jungen Mann keine sonderliche Anstrengung, sich von den Griffen des alten Seesoldaten zu befreien, der noch vor wenigen Minuten in Erstickungsgefahr geschwebt.

Er hob ihn bei den Armen empor, trug ihn in das anstoßende Zimmer und ließ ihn in den Fauteuil niedergleiten, in welchen er ihn bereits gebettet, als er ihn aus der Hängematte gehoben, und sprach ruhigen Tones:

»Hören Sie mich doch an, bevor Sie in Harnisch gerathen. Welcher Teufel reitet Sie, mein Lieber? Ich will Ihnen Auskunft über Ihre Enkelin geben, die Sie betrauern, und statt mir zu danken, wollen Sie mich erdrosseln! Meiner Treu, Sie würden verdienen, daß ich Sie da sitzen lasse und kein Wort mehr zu Ihnen spreche.«

»Nein, nein,« stammelte der Alte ganz zerknirscht; »nein, bleiben Sie – und erzählen Sie mir von ihr – Sie haben sie gesehen?«

»Freitag Nachmittag, gegen drei Uhr, habe ich sie auf dem Square Notre Dame gesehen, und da nahm ich mir die Freiheit, sie anzusprechen. Ich sehe nicht ein, weshalb ich Ihnen das nicht sagen sollte, denn wenn Sie ein wenig nachdenken wollten, so müßten Sie sofort einsehen, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe, nachdem ich zu Ihnen gekommen bin. Oder meinen Sie etwa, ich sei ganz zufällig da die fünf Treppen zu Ihnen heraufgeklettert? – Lange nicht! – Ich wußte ja nicht einmal, daß Sie auf der Welt seien, als ich mit Ihrer Enkelin sprach, die ich noch nie gesehen hatte und die mir erst Ihre Adresse nannte. Nun, sie ertheilte mir auch die Erlaubniß, Ihnen am Sonntage einen Besuch abzustatten, da ich sie an diesem Tage bei Ihnen antreffen würde, und Sie sehen, daß ich keine Zeit verloren habe, um von dieser Erlaubniß Gebrauch zu machen.«

Rathlos blickte Cordouan den jungen Mann an; er wagte keine Frage an ihn zu richten, obschon er vor Begierde brannte zu erfahren, welches Ende dieses Abenteuer genommen, von welchem er bloß den Anfang kannte. Nach einer kurzen Pause fuhr Dangelas fort:

»Weshalb sollte ich Ihnen verhehlen, daß ich dem reizenden Kinde allerlei Artigkeiten sagte? Anfänglich des Scherzes wegen, und als ich dann merkte, daß das nicht verfange, willigte ich ein, zu Ihnen zu kommen, um Sie von meinen Absichten in Kenntniß zu setzen und Sie um die Erlaubniß zu bitten, Sie auch ferner zu besuchen – alles in der redlichsten Absicht. Ich sollte Ihre Enkelin hier antreffen und sie sollte Sie bereits auf meinen Besuch vorbereitet haben. Und nun hoffe ich, lieber Herr, werden Sie keine so schlechte Meinung mehr von mir haben.«

»Ich will Ihnen Glauben schenken,« erwiderte Cordouan ohne sonderliche Ueberzeugung; »doch wohin ging sie, als Sie ihr begegneten?«

»Sie sollte einer Dame einen neuen Hut überbringen.«

»Und den Betrag der Rechnung beheben, wie mir die Ladeninhaberin sagte, die mir sogar den Verdacht zu hegen schien, daß meine arme Kleine nicht zurückgekehrt sei, weil sie sich das Geld aneignen wollte.«

»Es wäre viel vernünftiger gewesen, wenn sie sich bei der Dame, die den Hut bestellt hatte, nach dem Verbleibe ihrer Arbeiterin erkundigt hätte.«

»Sie behauptet, daß sie hingeschickt und den Bescheid erhalten habe, man habe meine Enkelin nicht einmal gesehen.«

»Das ist eine unverschämte Lüge, denn ich habe sie bis zu dem Hausthore der in Rede stehenden Dame begleitet. Sie ging allein in das Haus, ich aber erwartete sie vor dem Thore – die Nacht brach an und da der Ort ziemlich öde und verlassen ist, wollte ich sie den Rückweg nicht ohne Begleitung antreten lassen. Ich wartete lange auf sie und da sie nicht zum Vorscheine kam, so klingelte ich. Ein baumlanger Lakai sagte mir, sie sei schon längst fort. Ich glaubte ihm und entfernte mich. Weiter weiß ich nichts; doch vermuthe ich, daß mich der Strolch von Lakai belogen hatte.«

Der Greis erhob sich und fragte:

»Das ist in Passy, wie mir die Ladeninhaberin sagte?«

»Ja, in der Rue Berton, dicht am Quai.«

»Wollen Sie mich dahin begleiten?«

»Denselben Vorschlag wollte ich Ihnen soeben machen.«

Dangelas sprach die Wahrheit. Als er erfuhr, daß die junge Putzmacherin nicht nach Hause gekommen sei, war es sein erster Gedanke gewesen, nach Passy zu eilen, und er wäre auch allein dahin gegangen, selbst auf die Gefahr hin, daß man ihm die Thür abermals vor der Nase zuschlagen werde. Selbstverständlich war es ihm lieber, in Begleitung des Alten zu gehen, denn dieser war eher berechtigt, sich nach seiner Enkelin zu erkundigen als Dangelas, der mit ihr nicht verwandt war.

»Wir Zwei,« fügte er hinzu, »werden doch dieses Gelichter zwingen können, uns die arme Auguste herauszugeben.«

»Sie glauben also, daß man sie gefangen hält?« fragte Cordouan.

»Das weiß ich nicht – ich kann Ihnen nur das Eine sagen, daß ich sie hineingehen, aber nicht herauskommen sah. Hätte ich ahnen können, daß sie an dem Abende nicht zu Ihnen nach Hause kommen werde, so hätte ich mich unverzüglich zu dem Polizeicommissär begeben.«

»Wir gehen also jetzt nach Passy.«

»Sehr wohl; werden Sie aber im Stande sein, den weiten Weg zurückzulegen?«

»Lieber schleppe ich mich auf allen Vieren hin, bevor ich Auguste verlasse – und dann werden wir einen Wagen nehmen. Ich bin noch nicht ganz fest auf den Beinen und der Kopf ist mir schwer wie eine sechsunddreißigpfündige Kanonenkugel; doch wird mir die frische Luft jedenfalls wohl thun. Lassen Sie mich bloß meine Gedanken ein wenig sammeln, bevor wir uns auf den Weg machen.«

Dangelas war neugierig zu erfahren, wie der alte Mann das anstellen werde. Auf dem Tische stand ein mächtiges, mit Wasser gefülltes Waschbecken; Cordouan tauchte seinen ganzen Kopf wiederholt in dasselbe und während er sich pustend und schnaubend wie ein Neufundländer abtrocknete, sagte er:

»Und nun kann's losgehen; ich bin bereit.«

Er nahm einen alten Ueberrock aus Segeltuch um, der schon so manchen Sturm überstanden haben mochte, stülpte sich einen derben Hut aus Wachsleinwand auf den Kopf und sagte:

»Gehen wir. Doch halt, ich habe Sie noch gar nicht nach Ihrem Namen gefragt.«

»Ich heiße Jean Dangelas.«

»Und welches Handwerk betreiben Sie?«

»Ich bin Maler.«

»Zimmermaler? Pfui Teufel!«

»Nein, nicht Zimmermaler. Ich male Porträts – sehr viele Porträts – und auch sonstige Bilder. Ich bin Künstler.«

»Das freut mich, denn wenn Sie wirklich die Absicht haben, Auguste zu heiraten, so hätten Sie keine Aussicht auf Erfolg, wenn Sie ein einfacher Handwerker wären. Vorläufig handelt es sich indessen um andere Dinge; vorläufig müssen wir die Kleine wieder zu Stande bringen. Also marsch, vorwärts!«

»Und Ihre Thür, die ich zertrümmert habe? Ihre Wohnung wird offen bleiben, so daß ein jeder ungehindert eintreten kann?«

»Bei mir kann man nichts stehlen, denn ich besitze nichts,« erwiderte Cordouan, der bereits auf der Treppe war. Dangelas folgte ihm, voll Bewunderung für diesen Greis, der vor kaum einer halben Stunde mit dem Tode rang und jetzt die Treppe hinabeilte, ohne sich an die Brüstung derselben zu klammern.

Die Hausbesorgerin stand bereits lauernd vor ihrer Thür, wie die Spinne inmitten ihres Netzes, und als ihr Miether daherkam, rief sie ihm recht unhöflich entgegen:

»Hören Sie einmal, was treiben Sie denn in Ihrer Wohnung oben? Das ganze Haus ist voll Rauch, daß es stinkt wie die Pest. – Das kommt nur von Ihnen her, das ist einmal sicher.«

Und als der Alte vorüberging, ohne ihr eine Antwort zu geben, schrie sie ihm in den höchsten Tönen nach:

»Sie scheinen auch zum Spaß Ihre Fensterscheiben zu zerschlagen? Der Hof ist voll mit Glasscherben. Doch das geht mich nichts an; Sie werden schon bezahlen und der Hausherr wird Sie hinauswerfen.«

Cordouan wendete sich nicht einmal zurück und auch Dangelas, der dicht hinter ihm kam, schwieg, obschon er nicht übel Lust gehabt hätte, sich mit der Megäre auf einen Zweikampf mit gepfefferten Worten einzulassen.

Man langte auf der Straße an und fünf Minuten später fuhren die beiden Männer in einem Fiaker nach Passy. All dies war so schnell vor sich gegangen, daß Dangelas nicht einmal Zeit hatte, über die Folgen des Unternehmens nachzudenken, in welches er sich jetzt einließ; jetzt erst begann er die Sache zu erwägen und es schien ihm, als wäre sie sehr gewagt.

Er hielt es für ziemlich ausgemacht, daß man Auguste gewaltsam in der Rue Berton zurückhalte; nur vermochte er keinen Grund dafür zu finden, und allmählich drängte sich ihm die Frage auf, ob sie nicht freiwillig dort zurückgeblieben.

Dieser häßliche Gedanke hatte sich ihm schon vorgestern aufgedrängt, während er auf Auguste wartete, und er suchte denselben von sich zu weisen; doch wenn diese Annahme nicht aller Begründung entbehrte, so war es recht unüberlegt von ihm, den rechtschaffenen alten Mann in das Haus zu begleiten, wo dessen Enkelin ihre Triumphe feierte. Es war indessen schon zu spät, um diese Erwägungen zu machen, oder sich von denselben beeinflussen zu lassen.

Da man in den saueren Apfel gebissen hatte, mußte man ihn ganz verzehren, selbst wenn das Mißtrauen des alten Soldaten erweckt werden sollte, der ihn bereits im Verdachte gehabt hatte, daß er sich mit seiner Enkelin verbündet habe, um ihn zu hintergehen.

Seitdem man in den Wagen gestiegen war, hatte der alte Seebär kein Wort gesprochen; nur sein faltenreiches, verwittertes Gesicht verrieth, daß er im Stillen allerlei energische Absichten hegte.

Dangelas hatte es unterlassen, Cordouan über den schauerlichen Auftritt im Atelier Vitrac und über seinen Besuch in der Morgue zu berichten, der den Ausgangspunkt seiner Bekanntschaft mit Auguste bildete. Alle diese Dinge gedachte er erst zur Sprache zu bringen, wenn er die Gewißheit erlangt haben würde, daß die Dame und der Herr, die in dem Hause der Rue Berton wohnten, auf irgend eine Weise mit der Angelegenheit des abgeschnittenen Kopfes verknüpft waren, und da er die Beiden in dem Momente, da sie nach Hause fuhren, nicht gesehen hatte, so konnte er sich diesbezüglich kein Urtheil bilden.

Es währte kaum mehr als eine Viertelstunde, so hatten Dangelas und Cordouan die Stelle erreicht, wo Ersterer am Freitag Abends auf einen Tramwaywagen gesprungen war, um sich den Nachforschungen eines Spions zu entziehen. Diese Erinnerung diente nur dazu, ihn in der Ansicht zu bestärken, daß sich in jenem Hause absonderliche Dinge zugetragen haben mögen.

»Hier ist es,« sprach er zu seinem Gefährten und zeigte ihm die Mauer des Gartens. »Der Zugang befindet sich in der Rue Berton; doch erstreckt sich das Grundstück bis zum Quai.«

»Diese Mauer da?« meinte Cordouan. »Ich könnte noch über dieselbe klettern, wenn man mir den Eintritt verweigern sollte. Das wäre noch immer leichter, als bei stürmischem Wetter in den Mastkorb hinaufzusteigen.«

»Hoffen wir, daß es nicht so weit kommen wird. Teufel auch! Einbruch in ein bewohntes Haus – Sie könnten sich damit eine nette Geschichte einbrocken!«

Cordouan erwiderte nichts, machte aber eine Bewegung, die deutlich besagte, daß er sich keinen Pfifferling daran kehre; Dangelas aber fragte sich beunruhigt, wie weit er dem alten Seemanne auf dem gefährlichen Pfade folgen solle, den derselbe zu betreten entschlossen zu sein scheine.

An der Ecke der Rue Berton ließ Dangelas den Wagen halten, worauf er mit seinem Begleiter ausstieg. Er zog es vernünftigerweise vor, zu Fuße bis zu dem Hausthor zu gehen, statt seine Ankunft durch das Rollen der Räder anzukündigen, um die Bewohner des geheimnißvollen Hauses überraschen zu können. Die Folge lehrte, daß er richtig calculirt habe.

Als er vor dem Hausthore anlangte, sah er beide Flügel desselben offen stehen; als er zum erstenmale vor demselben erschien, hatte ihm ein widerhaariger Lakai kaum geöffnet. Allerdings schickte sich derselbe Lakai gerade an, die Thorflügel zu schließen; doch sah man noch unbehindert in den Hof, wo ein livrirter Kutscher im Begriffe war, zwei vor einen Landauer geschirrte Pferde auszuspannen. Offenbar war der Besitzer derselben wieder soeben nach Hause gekommen.

Dangelas beeilte sich einzutreten, noch bevor das Thor geschlossen wurde, und dabei schob er den alten Seemann, der vorzudringen bereit war, sich hier aber auf unbekanntem Terrain bewegte, energisch vor sich einher.

Die beiden Männer befanden sich also in der Festung; jetzt handelte es sich indessen darum, daselbst auch festen Fuß zu fassen und mit der Besatzung eine Unterhandlung anzubahnen.

Der Lakai, der das Thor zu schließen im Begriffe gewesen, unterbrach sich in seiner Beschäftigung, um den Beiden den Weg zu verstellen. Dangelas erkannte ihn sofort, trotzdem er ihn vorgestern bei sehr ungenügender Beleuchtung gesehen, und ohne jedes Bedenken redete er ihn mit den Worten an:

»Na, Du Schlingel, hast mich vorgestern sauber genasführt!«

Der also Angeredete, ein baumstarker Mensch mit einem wahren Bulldoggengesicht, maß den jungen Mann mit tückischen Blicken und fragte grollend:

»Was wollen Sie von mir?«

»Das weißt Du so gut wie ich, mein Lieber. Ich will die kleine Putzmacherin haben, die sich da im Hause befinden muß.«

»Hinaus, verdammtes Gelichter!« knurrte der Patron und wollte Dangelas jedenfalls etwas unsanft beim Kragen nehmen, doch jener stellte ihm geschickt ein Bein, so daß er der Länge nach hinfiel.

Im Fallen brüllte der Lakai um Hilfe, worauf der Kutscher herbeieilte, um seinem Kameraden Beistand zu leisten. Doch nun trat auch Cordouan heran und der Streit wäre in eine regelrechte Prügelei ausgeartet, in welcher die Dienerschaft vielleicht nicht den Sieg davongetragen hätte, als eine fünfte Person auf dem Schauplatze des Kampfes erschien.

Herbeigelockt durch das Geräusch der Stimmen, langte dieselbe aus dem Hintergrunde des Hofes an; nach der Miene und dem Auftreten geurtheilt, konnte man sie dafür halten, was sie thatsächlich war: man hatte den Besitzer des so gut vertheidigten Hauses vor sich.

Der Mann war ein Koloß, und Jonville, Cavaroc und Vitrac hätten ihn auf den ersten Blick erkannt. Dangelas, der den Mann noch niemals gesehen, ward es indessen sofort klar, daß jetzt ein anderes Benehmen geboten sei, als er der Dienerschaft gegenüber an den Tag gelegt, und indem er sich höflich verneigte, sprach er tadellos in Wort und Haltung:

»Mein Herr, Ihre Leute sind bloß bezahlte Individuen; doch haben wir es eigentlich mit Ihnen zu thun. Wir suchen nämlich ein junges Mädchen, welches seit zwei Tagen verschwunden ist.«

»Ein junges Mädchen?« wiederholte der vornehm aussehende Herr lächelnd.

»Ja; eine Modistin, die Ihrer Frau Gemahlin einen Hut brachte.«

»Sie irren sich, denn ich bin gar nicht verheiratet.«

»Das thut nichts,« erklärte Dangelas kühn.

»Ich verstehe, was Sie sagen wollen; doch Sie irren sich wieder. Ich bin sechzig Jahre alt und da ist Ihre Vermuthung unzutreffend. Und nun gestatten Sie mir meinerseits die Frage, unter welchem Rechtstitel Sie sich für die in Rede stehende Person interessiren? Sind Sie ein Verwandter derselben?«

Diese Worte wurden mit einer solchen Ironie gesprochen, daß Dangelas schon zornig emporfahren wollte. Er sah, daß der Moment gekommen sei, da der Großvater ins Treffen geführt werden mußte, und er zögerte nicht, dies zu thun.

»Ich bin nicht ihr Verwandter, aber dies hier ist ihr Großvater,« sprach er und deutete dabei auf Cordouan.

Der alte Seemann, der schweigend und regungslos dagestanden, hatte während dieser Zeit keinen Blick von dem Herrn verwandt, der mit Dangelas sprach; er blickte ihn an, wie man einen Menschen anblickt, den man schon einmal irgendwo gesehen.

»Ihr Großpapa!« rief der vornehme Herr aus. »Weshalb sagten Sie das nicht gleich? Ich brauchte dem Erstbesten keine Rechenschaft abzulegen und war bereits im Begriffe, Sie zu ersuchen, mein Haus zu verlassen; aber einem Großvater, der seine Enkelin sucht, bin ich alle Auskünfte, die er von mir fordern mag, zu geben bereit. Ich bin der Graf Borodino, russischer Edelmann. Gott verhüte, daß ich einem betrübten Greise irgend welches Leid zufüge!« und sich zu dem Alten wendend, fragte er: »Wer sind Sie, mein Herr?«

»Ich heiße Pierre Cordouan, habe dreißig Jahre bei der Marine gedient und wurde als erster Quartiermeister pensionirt.«

»Sie haben, wie ich sehe, mit Ehren gedient,« fuhr der Graf fort und deutete auf das rothe Bändchen, welches den Segeltuchrock des Wackeren schmückte.

»Ich habe bei Sebastopol mitgefochten und bei Navarin zum erstenmale im Feuer gestanden,« erwiderte Cordouan, ohne den Blick zu senken, den er beharrlich auf Borodino geheftet hielt. Dieser sagte jetzt:

»Verfügen Sie über mich, Herr Cordouan, wenn ich Ihnen in Ihren Nachforschungen irgendwie behilflich sein kann. Nur wollen Sie mir, bitte, das Eine sagen, woher Ihnen die Idee kam, Ihre Enkelin könnte sich in meinem Hause befinden.«

Hier glaubte wieder Dangelas das Wort ergreifen zu müssen.

»Vorgestern, Freitag, Abends gegen fünf Uhr begleitete ich sie bis zum Thore dieses Hauses, wo sie eintrat, um, wie bereits erwähnt, im Auftrage ihrer Principalin einen Hut abzugeben, den eine in diesem Hause wohnende Dame bestellt hatte.«

»Nannte sie Ihnen den Namen dieser Dame?«

»Nein – sie wußte denselben zwar, ebenso die Adresse; doch nannte sie mir bloß die letztere und ich begleitete sie hierher. Nun beginnt aber das Geheimnißvolle der Geschichte. Die junge Dame läutete und ich, der ich etwas zurückgeblieben war, ich dachte, daß sie in das Haus trat. Ich wartete eine volle Stunde auf sie, und als sie noch immer nicht zum Vorschein kam, läutete ich auch. Ihr Lakai da aber empfing mich, wie man einen räudigen Hund empfängt.«

Der Graf richtete in russischer Sprache einige Worte an seinen Diener, der in demselben Idiom antwortete, worauf sich Borodino mit den Worten zu Dangelas wandte:

»Dieser Mann behauptet, daß das junge Mädchen, von welchem Sie sprechen, nach einer Dame fragte, die er nicht kannte, worauf es sich, seinen Irrthum erkennend, ohneweiters entfernte.«

»Dasselbe hat er mir auch vorgestern erzählt und ich habe kein Wort davon geglaubt, denn wenn die junge Dame nicht in das Haus getreten wäre, so hätte ich sie sich entfernen gesehen. Ich wartete auf der Straße auf sie und rührte mich nicht von der Stelle.«

Eine Pause trat ein. Cordouan beobachtete noch immer den Grafen, der nachzudenken schien und endlich sagte:

»Hier waltet ein Mißverständniß ob, welches ich mir nicht zu erklären vermag, meine Herren. Beharren Sie indessen bei Ihrer Vermuthung, daß sich das junge Mädchen in diesem Hause befindet?« Und da die Beiden keine Antwort gaben, so fügte er hinzu: »Es genügt mir, daß Sie diesen Verdacht hegen und ich bin es mir selbst schuldig, Ihnen zu beweisen, daß Ihr Verdacht gänzlich unbegründet ist. Bitte, meine Herren, folgen Sie mir.«

Der Graf deutete bei diesen Worten auf das Haus, welches sich im Hintergrunde des Hofes erhob. Er begab sich in dasselbe, und ohne einen Blick miteinander zu wechseln, folgten ihm Cordouan und Dangelas. Borodino führte sie durch sämmtliche Räume desselben, was nicht allzu lange Zeit beanspruchte, denn das Haus hatte bloß zwei Stockwerke und ein Erdgeschoß.

Die Zimmer, die der Graf seinen unberufenen Gästen zeigte, waren sehr einfach eingerichtet; es ist allgemein bekannt, daß die Russen Bequemlichkeit und Luxus sehr leicht entbehren können. Im zweiten Stocke zeigte ihnen Borodino ein ziemlich elegant eingerichtetes Zimmer und sagte, daß dasselbe von seiner Nichte bewohnt werde. Bei den Worten »meine Nichte« wurde Dangelas aufmerksam und der Graf fügte hinzu:

»Sie ergeht sich jetzt im Garten und wir wollen sie daselbst aufsuchen.«

Mehr bedurfte es nicht, um Dangelas daran zu erinnern, daß ihm Auguste, bevor sie ihn verließ, sagte, daß sie soeben die Gräfin gesehen habe und daß dieselbe nicht todt sei, wie sie geglaubt.

Der junge Maler neigte daher wieder der Annahme zu, daß das Ganze eine durch eine außerordentliche Aehnlichkeit hervorgerufene Personenverwechslung sei.

Der alte Cordouan dagegen schien ganz vergessen zu haben, daß er hierhergekommen sei, um seine Enkelin zu suchen. Er sprach kein einziges Wort und ließ den vornehmen Herrn, der sie so liebenswürdig durch sämmtliche Räume seines Hauses geleitete, keinen Moment aus den Augen. Man hätte meinen sollen, er erkenne ihn bereits.

Für Dangelas, der das absonderliche Verhalten des Seemannes nicht beachtete, blieb so mancher dunkle Punkt zu klären, vornehmlich jener, wer eigentlich den Hut bei der Putzmacherin in der Rue de la Paix bestellt hatte: die Todte oder die Lebende. Doch sagte er sich, daß dies nicht der geeignete Moment sei, um derartige Fragen an Borodino zu richten, und somit folgte er ihm stillschweigend in den Garten, von dem jener gesprochen.

Derselbe war sehr geräumig und sehr hübsch. Blumen waren überall zu sehen, wohin das Auge schweifte, und auch an großen schattigen Bäumen war kein Mangel. Der Boden senkte sich in sanftem Falle gegen den Quai de Passy, der ihn von der Seine trennte, und die Villa war am höchsten Punkte dieses blühenden Abhanges, auf einer Art Terrasse erbaut, die sich weit, bis zu der Butte de Trocadero erstreckte.

Am Ende des Gartens erhob sich ein eleganter Pavillon, aus Ziegeln im Stile Ludwig's XIII. erbaut, der völlig einsam und isolirt dastand.

»Diesen Pavillon werden wir gleichfalls besichtigen, meine Herren,« sprach der Graf. »Von hier aus können Sie mein ganzes Besitzthum überblicken und werden Sie hoffentlich alsbald zu der Ueberzeugung gelangen, daß ich in meinem Hause niemanden verborgen halte.« Er schwieg einen Moment und fügte dann gleich wieder hinzu: »Ich habe aber ganz vergessen, daß sich auch Keller in meinem Hause befinden; wir wollen auch diese besichtigen, wenn Sie es wünschen.«

Dangelas hörte die Ironie aus den Worten des Grafen heraus und machte eine abwehrende Geberde. Der gute Junge begann einzusehen, daß er sich in einer recht lächerlichen Lage befinde, und daß sich der Russe über sie lustig mache. Er war auch einigermaßen über die Aufnahme erstaunt, die ihnen derselbe zutheil werden ließ, denn er an seiner Stelle wäre weit weniger zuvorkommend gewesen, sofern er sich nämlich keiner Schuld bewußt fühlte. Er wußte aber vom Hörensagen, daß sich die Russen oft darin gefallen, die Höflichkeit zum Aeußersten zu treiben, und den Leuten, selbst solchen, denen sie durchaus nicht hold sind, allerlei Liebenswürdigkeiten zu erweisen. Er ahnte ja nicht, daß Borodino seine guten Gründe hatte, um diesen zwei fremden Menschen, die fast gegen seinen Willen bei ihm eingedrungen waren und ihm eine sehr häßliche Handlung zur Last legten, mit solcher Zuvorkommenheit zu begegnen.

»Sobald Sie den Pavillon besichtigt haben,« nahm der Graf mit lächelnder Miene von neuem auf, »werde ich Ihnen meine Nichte zeigen. Ich lege ein gewisses Gewicht hierauf, weil ich zu glauben versucht bin, daß sie einer in Paris sehr bekannten Person ähnlich sieht; man hat die Beiden vielleicht miteinander verwechselt und das junge Mädchen, welches Sie suchen, hat sich möglicherweise geirrt. Offenbar wurde der Hut von der Anderen bestellt und so –«

»Entschuldigen Sie,« fiel ihm Dangelas ins Wort; »wäre es die Andere gewesen, so hätte sie nicht Ihre Adresse statt der eigenen genannt –«

»Sofern sie nicht eine Betrügerin ist, die der Putzmacherin einen boshaften Streich spielen wollte – und mittelbar dadurch auch meiner Nichte, die sie vielleicht vom Sehen aus kennt – meine Nichte fährt nämlich jeden Tag aus mit mir.«

Dangelas schwieg; doch fand er, daß diese Erklärung sehr bei den Haaren herbeigezerrt sei. Er blickte Cordouan an, um zu sehen, welche Miene er zu dem Ganzen mache, und nun bemerkte er erst, daß der Alte dem Gespräch offenbar keinerlei Beachtung geschenkt habe. Der verzweifelte Großvater schien seine Enkelin ganz vergessen zu haben, denn er war gänzlich in das Studium des nur sehr mittelmäßig sympathischen Gesichtes des Grafen versunken, der mit einemmale sagte:

»Hier ist meine Nichte! Sie kommt gerade aus dem Pavillon, den ich Ihnen zeigen wollte, und kommt auf uns zu. Wollen wir ihr entgegengehen, meine Herren?«

Dangelas ließ sich nicht lange bitten, um diesem Verlangen nachzukommen. Schon von weitem glaubte er einen Kopf zu erkennen, den er bereits anderwärts gesehen; näher gekommen, blieb er wie angewurzelt stehen, da ihn die Ueberraschung geradezu überwältigte. Er glaubte zu träumen, als er bei strahlendem Sonnenschein, inmitten eines vornehmen Gartens, sich der Todten gegenübersah, und der Graf, der ihn aufmerksam beobachtete, bemerkte lächelnd:

»Sie sehen, daß meine Vermuthungen zutreffend waren. Sie sind selbst überrascht von dieser Aehnlichkeit, über die ich mir kein Urtheil zu bilden vermag, da ich die Andere nicht kenne.«

»Ueberrascht!« rief Dangelas aus; »sagen Sie lieber überwältigt, betäubt, denn man sollte meinen, die Andere sei auferstanden.«

»Ist sie denn todt?« fragte Borodino mit sehr erstaunter Miene.

»Ach ja, Sie wissen ja nichts – können nichts wissen. – Ja, sie ist todt, und zwar starb sie auf ganz eigenartige Weise – man schnitt ihr nämlich den Hals ab.«

»Teufel! Das ist ein wenig radical!« sagte der Graf mit einem leisen Lächeln. »Zum Glücke handelt es sich nicht um meine Nichte, denn diese trägt, wie Sie sehen, den Kopf noch auf den Schultern.«

Die junge Dame hatte das Haus ohne Hut verlassen, um sich im Garten zu ergehen. Ihre blonden Haare funkelten wie Gold in den Strahlen der Sonne, und im ungetrübten Tageslichte gelangte die Aehnlichkeit noch mehr zur Geltung als sonst. Als sie ihren Onkel in Begleitung zweier Herren erblickte, die sie nicht kannte, blieb sie stehen.

»Nunmehr werden Sie doch überzeugt sein,« meinte der Graf. »Doch das thut nichts, folgen Sie mir immerhin; ich werde meine Nichte in Ihrer Gegenwart fragen, ob sie einen Hut bestellt hat. Ich würde diese Frage französisch an sie richten, doch versteht sie nur Russisch, und so werden Sie sich denn auf mich verlassen müssen.«

Und nachdem er mit den beiden Herren ganz nahe zu seiner Nichte getreten war, richtete er in einer fremden Sprache eine Frage an sie, welche die schöne Blondine mit einem entschiedenen Schütteln des Kopfes beantwortete.

»Dies, meine Herren,« bemerkte Borodino heiter, »werden Sie auch verstehen, ohne daß ich erst eine Übersetzung zu liefern habe. Die Pantomime ist die eigentliche Weltsprache, und kann sich meine Nichte leider keiner anderen bedienen, da sie stumm ist.«

»Und trotzdem hört sie? Merkwürdig!«

»Sehr merkwürdig und sehr selten in der That. Bei meiner Nichte stellte sich das Gebrechen indessen nur in Folge eines unglücklichen Zufalles ein und die Aerzte geben mir Hoffnung, daß sie den Gebrauch der Sprache wiedererlangen wird. Sie haben indessen gesehen, daß sie meine Frage energisch verneinte, und habe ich dieselbe bloß an sie gerichtet, um Sie, meine Herren, gänzlich zu beruhigen, insbesondere Sie, alter Herr, den ich von ganzem Herzen beklage. Helene geht niemals allein aus, konnte daher auch keine Modistin aufsuchen, ohne daß ich es gewußt hätte.«

»Was das betrifft,« meinte Dangelas, »so bin ich fest überzeugt, daß der Hut nicht durch Ihr Fräulein Nichte, sondern durch die Andere bestellt wurde. – Ich kann mir aber nicht erklären, weshalb diese Andere Ihre Adresse genannt hätte; doch kann ich mir seit zwei Tagen eine ganze Menge anderer Dinge auch nicht erklären. – Also wieder mit einem Geheimnisse mehr.«

»Wenn dem so ist, so wollen wir Helene ihren Spaziergang fortsetzen lassen,« sagte der Graf und richtete einige Worte an seine Nichte, die sich entfernte, worauf er viel kälteren Tones als bisher fortfuhr: »Ich will annehmen, meine Herren, daß Sie den Verdacht, als hätte ich das junge Mädchen, welches Sie suchen, in mein Haus gelockt und hielte es daselbst verborgen, aufgegeben haben. Sollten aber noch nicht alle Zweifel in Ihnen beseitigt sein, so rathe ich Ihnen, sich an die Behörden Ihres Landes zu wenden. Man wird jedenfalls Erkundigungen über mein Vorleben einziehen, die ich indessen nicht zu fürchten habe, und sollte sich auch eine Hausdurchsuchung als nothwendig erweisen, so wird mein Haus den behördlichen Organen zu jeder Zeit offen stehen.«

Diesen Worten folgte eine kurze Verbeugung, die als regelrechte Entlassung gedeutet werden konnte. Dangelas war sich darüber im Klaren und schickte sich bereits an, den Rückzug anzutreten, als er gewahrte, daß Cordouan durchaus nicht geneigt schien, seinem Beispiele zu folgen. Noch höher stieg indessen sein Erstaunen, als er den Alten, der den Grafen unablässig beobachtete, an diesen mit einemmale die Frage richten hörte:

»Kennen Sie Thermia?«

Auf die sonderbare Frage erwiderte der Graf trocken:

»Wer ist Thermia? Vielleicht Ihre Enkelin?«

»Thermia ist eine Insel der Archipelgruppe, wie Sie ganz gut wissen.«

»Davon hatte ich keine Ahnung.«

»Trotzdem Sie sich lange Zeit hindurch daselbst aufhielten?«

Hier wechselte Borodino mit Dangelas einen Blick, der deutlich besagen wollte: »Der Alte scheint den Verstand zu verlieren.« Dangelas begann es selbst zu glauben, denn er sagte sich im Stillen: »Es ist höchste Zeit, den Alten von hier zu entfernen.«

Borodino war ihm behilflich, der peinlichen Situation ein Ende zu machen, indem er ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche nahm und demselben einen gellenden Pfiff entlockte. Offenbar rief er damit einen sich in der Nähe befindlichen Diener herbei, denn dieser war sofort zur Stelle.

»Begleiten Sie die Herren hinaus!« befahl ihm der Graf und wendete ihnen den Rücken.

Dangelas fürchtete, es könnte zu einem unangenehmen Auftritte kommen und hielt sich bereit, vermittelnd einzugreifen, wenn es Cordouan in den Sinn kommen sollte, dem Grafen zu folgen, der sich ruhigen Schrittes zu seiner Nichte begab, die offenbar in das Haus zurückgekehrt war. Im Stillen sagte er sich aber:

»Kein Zweifel, die Kleine ist eine Komödiantin, die ihren Abenteuern nachgeht, während wir sie hier suchen, und der Großvater ist verrückt. Ich bereue schon, daß ich ihn gehindert habe, sich den Garaus zu machen, und wenn wir dieses Haus hinter uns haben, lasse ich ihn im Stiche. Er soll nur keine Männchen machen!«

Dangelas beunruhigte sich ohne Grund. Der alte Seemann sah es schweigend mit an, als sich der Graf entfernte, und dann folgte er, ohne ein Wort zu sprechen, dem Diener, der von seinem Gebieter den Auftrag erhalten hatte, die beiden Herren auf höfliche Art vor die Thür zu setzen.

Der junge Mann, der seinen Begleiter beobachtete, war ganz erstaunt über die Veränderung, die sich in seinen Gesichtszügen kundgab. Die rathlose und durch die angestrengte Beobachtung des russischen Edelmannes gleichsam versteinerte Miene des Alten war einem drohenden und entschlossenen Ausdrucke, einem Ausdrucke, der einer Kriegserklärung gleichzukommen schien, gewichen. Ehemals, wenn der alte Seemann ein feindliches Fahrzeug enterte, mochte sein Gesicht diesen Ausdruck gezeigt haben.

Dangelas errieth, daß Cordouan der Meinung war, er habe vor dem vermeintlichen Entführer seiner Enkelin etwas voraus, und werde sich sofort für die ihm zugefügte Beleidigung rächen können.

»Der Alte wird offenbar Dummheiten machen, mich aber nicht verleiten können, ein Gleiches zu thun,« monologisirte Dangelas. »Es wäre doch zu toll, wenn ich mich da in eine schiefe Geschichte einlassen wollte, zumal ich an der meines verehrten Meisters vollkommen genug habe.«

Derart raisonnirte Dangelas, während er dem Diener folgte, der das Thor geschlossen hatte, während die Herren mit seinem Gebieter sprachen, und es jetzt wieder öffnete, um die ungebetenen Gäste zu entlassen. Hierbei sagte sich Jean, daß, wenn der russische Graf das junge Mädchen thatsächlich in seinem Hause verborgen hielt, er die Besucher gewiß nicht so leichten Kaufes entlassen hätte, denn er verfügte über eine zahlreiche Dienerschaft, und es hätte nur von ihm abgehangen, auch die beiden Zudringlichen, die sich in sein Haus gewagt hatten, gefangen zu nehmen und verschwinden zu lassen.

Auf der Straße angelangt, schritten sie zu der Stelle hin, wo der Fiaker auf sie wartete. Dangelas erwog im Stillen den Plan, den alten Soldaten allein einsteigen zu lassen und sich aus dem Staube zu machen; doch noch bevor man die Ecke der Rue Berton erreicht hatte, blieb Cordouan mit einemmale stehen und sagte, während er die Fäuste ballte:

»Nun hab' ich ihn aber, den Banditen!«

»Von wem sprechen Sie?« fragte Dangelas.

»Von diesem falschen russischen Grafen.«

»Weshalb falsch? Meinen Sie damit, er sei nicht gut gefärbt?«

»Haben Sie denn nicht gehört, was ich ihn fragte, und auch nicht seine Miene gesehen, als ich von Thermia sprach?«

»Aha!« sagte sich Dangelas; »er fängt schon wieder mit seinem Wahne an!« Und so ernst, als es ihm möglich war, erwiderte er: »Ich habe gehört und auch gesehen, aber nichts verstanden – Thermia – Archipelgruppe – lauter Worte, die mir, der ich mich niemals eingehend mit Geographie befaßt habe, ganz unverständlich sind.«

»Um so besser hat aber er mich verstanden, dafür bürge ich Ihnen.«

»Ich dagegen nicht, wie bereits erwähnt – und Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir die Sache erklären wollten.«

»Das kann in zwei Worten geschehen sein. Ich habe bei der Kriegsmarine gedient –«

»Volle dreißig Jahre, das weiß ich.«

»Im Jahre 1827 war ich noch Schiffsjunge; damals lagen wir im Hafen von Navarin vor Anker. Zu Beginn des Krimkrieges wurde ich zweiter Steuermann, und erst mit Beendigung des Krieges zum Quartiermeister ernannt.«

»Alle Wetter,« sagte sich Dangelas; »nun wird er mir Geschichten von seinen Feldzügen erzählen; ich danke!«

»Als zweiter Steuermann war ich der ›Möve‹ zugetheilt worden. Unser Fahrzeug, ein hübscher Zweimaster und guter Segler, hatte den Auftrag, vor dem Piräus zu kreuzen. Die Griechen, die wir seinerzeit von den Türken befreit hatten, hatten sich mit den Russen gegen uns verbündet.«

»Das wird immer besser,« sagte sich Dangelas; »Geschichte und Politik – mehr brauchte ich nicht. Wenn Du so fortfährst, Alter, so lasse ich Dich im Stiche.«

»Sie wagten keine offene Kriegserklärung, hatten aber im Geheimen kleine leichte Schiffe ausgerüstet, die zwischen den Inseln scheinbar dem Küstenhandel oblagen, in Wirklichkeit aber Seeräuberei trieben. Man hatte uns eines dieser Schiffe ganz besonders empfohlen. Dasselbe wurde von einem Halunken befehligt, der zwei englische Fahrzeuge geplündert und in Brand gesteckt hatte, nachdem er die Mannschaft derselben niedermetzeln ließ. Die ›Möve‹ machte Jagd auf ihn; der verdammte Pirat war aber ein Seemann wie kein zweiter und kannte alle Schlupfwinkel dieses Meeres, wo es von zahllosen kleinen Inseln wimmelt, wie seine eigene Tasche, so daß er uns immer entkam. Eines Tages endlich nagelten wir ihn an der Küste von Thermia fest. Er vertheidigte sich wie der leibhaftige Teufel, so daß wir sein Schiff entern mußten.«

»Das ist alles sehr interessant,« unterbrach Dangelas den Erzähler; »nur sehe ich nicht ein –«

»Warten Sie das Ende ab. Die Piraten wurden getödtet oder gefangen genommen und an den Masten der ›Möve‹ aufgeknüpft, Alle, mit Ausnahme des Halunken, der sie befehligte. Diesen hatte man in Ketten gelegt, um ihn einem Verhöre zu unterziehen, bevor ihm das Lebenslicht ausgeblasen wurde, was am nächsten Morgen geschehen sollte. Während der Nacht aber brachte er es fertig, seine Fesseln zu durchfeilen und schwimmend zu entkommen. Auf der Insel hatte er seine Verbündeten, bei denen er Unterkunft fand. Man vermochte seiner niemals wieder habhaft zu werden. Und diesen Menschen habe ich vorhin wieder gesehen.«

»Wie! Sie meinen, daß dieser russische Graf –«

»Der ist so wenig ein Russe wie ich, sondern ein Grieche und heißt Samoschraki, nach der Insel, auf welcher er geboren wurde.«

»Und Sie haben ihn doch wieder erkannt? Nach dreißig Jahren?«

»Er hat ein Gesicht, welches man nicht vergessen kann. Wohl ist er alt geworden; doch erhielt er von mir einen Säbelhieb über die Stirn, dessen Narbe noch heute sichtbar ist.«

Dangelas hatte diese Narbe auf der Stirn des Grafen allerdings bemerkt, und er erwog die Frage, ob die Erzählung des Alten ernst zu nehmen sei.

»Der Schurke ist steinreich,« fuhr Cordouan fort; »und sein Reichthum rührt vom Blutvergießen her. Der Mann hat wenigstens hundert Personen mit eigener Hand getödtet. Seine Gefangenen ließ er zuerst foltern, dann ans Kreuz schlagen und schließlich gefesselt ins Meer werfen.«

»Das ist allerdings schrecklich,« sagte Dangelas, der an ein derartiges Uebermaß von Grausamkeit nicht recht glauben konnte. »Doch wie zum Teufel hat er es angestellt, um als russischer Graf aufzutreten?«

»Das weiß ich nicht; die Behörden werden es aber schon in Erfahrung bringen.«

»Die Behörden? Beabsichtigen Sie ihn denn zu denunciren?«

»Gewiß, noch dazu ohne einen Moment zu verlieren. Ich fahre nach der Polizeipräfectur und denke, daß Sie mich begleiten werden.«

»Das wäre ganz zwecklos, lieber Herr, denn am Sonntag sind keine Amtsstunden.«

»An irgend einer Stelle wird es doch welche geben, denn ich denke, daß sich das so verhält wie auf einem Kriegsschiffe, wo stets eine Wache an Bord ist, während die Anderen Urlaub haben. Ich werde den dienstthuenden Commissär aufsuchen und dieser wird alsdann das Weitere veranlassen.«

»Das ist gar nicht so sicher, wie Sie meinen. – Sie sind also der Ansicht, daß dieser Mann Ihre Enkelin gefangen hält?«

»Ja – und ich werde sie befreien, lebend oder todt. Kommen Sie?«

Dangelas hätte gern verneinend geantwortet. Er wollte sich mit Vitrac, den er seit jener Ballnacht noch nicht gesprochen, berathen, bevor er sich in ein solches Wagniß einließ, und andererseits dachte er an die arme ermordete Frau, an die Nichte, die der Todten so merkwürdig ähnlich sah, an den durch diese Todte bestellten Hut, und seitdem er die auf Wahrheit oder Erfindung beruhenden Angaben über die Vergangenheit des Grafen vernommen, hielt er diesen eher zu jeglicher Gewaltthätigkeit befähigt. Die Frage war nur die, ob sich der alte Seemann nicht geirrt hatte, als er in Borodino einen ehemaligen Seeräuber zu erkennen meinte, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, nachdem er zu großen Reichthümern gelangt war.

Dangelas hatte vollauf Grund, sich vor einer neuerlichen Personsverwechslung zu hüten, und darum zögerte er mit seiner Antwort, bis der alte Cordouan, der über kein Uebermaß von Geduld verfügte, hastig sagte:

»Nun gut; ich werde mich auch ohne Sie zurechtfinden. Leben Sie wohl!«

Und noch bevor der junge Künstler etwas erwidern konnte, war er in den Fiaker gesprungen, nachdem er dem Kutscher etwas zugerufen, der sein Pferd sofort in Bewegung setzte.

»Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als zu Vitrac zu gehen,« sagte Dangelas halblaut. »Hoffentlich wird er mich vorlassen und ich werde ihn von all diesen Vorgängen in Kenntniß setzen.«


 << zurück weiter >>