Honoré de Balzac
Die Kleinbürger
Honoré de Balzac

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Ungefähr einen Monat nach der Szene, bei der sich la Peyrade überzeugt hatte, daß er sich durch sein früheres Vergehen unwiderruflich für die Zukunft gebunden habe, und nachdem inzwischen die Heirat mit seinem Opfer vollzogen war, das zwar schon ziemlich lange dauernde lichte Intervalle hatte, in den vollen Besitz seiner Geisteskräfte aber erst nach Erfüllung der von den Ärzten vorher gestellten Bedingung gelangen konnte, befand sich der Anwärter auf Corentins Amt eines Morgens mit ihm in seinem Arbeitszimmer.

Indem er mit ihm zusammenarbeitete, machte er bei dem großen Meister seine Lehrlingszeit in dem schwierigen, Behutsamkeit verlangenden Beruf, in den er eingegliedert war, durch. Aber Corentin fand, daß sein Schüler bei diesem Einarbeiten nicht die vollen Hingebung und Lust entwickelte, die er gewünscht hätte. Er merkte wohl, daß der Provenzale es in seinem Innern wie eine moralische Herabwürdigung ansah; mit der Zeit würde sich dieser Eindruck wohl verwischen, aber vorläufig hatte sich die erforderliche innere Festigkeit noch nicht bei ihm entwickelt.

Nachdem er eine Anzahl Briefe, die Berichte seiner Agenten enthielten, geöffnet hatte, überflog Corentin flüchtig die Auskünfte, die viel seltener, als man annehmen möchte, brauchbar waren; dann warf er sie achtlos in den Papierkorb, aus dem sie später zusammen verbrannt wurden. Nur einem der Berichte schien der große Mann eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken; während er ihn durchlas, huschte zuweilen ein Lächeln über seine Lippen, und als er ihn zu Ende gelesen hatte, reichte er das Manuskript la Peyrade hin und sagte zu ihm:

»Hier ist etwas, das Sie angeht; Sie werden sich überzeugen, daß wir auch in unserm anscheinend so ernsten Beruf manchmal einer Komödie begegnen. Lesen Sie laut, es wird uns erheitern.«

Bevor la Peyrade zu lesen begann, fügte Corentin noch hinzu:

»Sie müssen wissen, daß der Bericht von einem gewissen Henri verfaßt ist, den Frau Komorn bei Thuilliers untergebracht hatte.«

»Also«, sagte la Peyrade, »gehört es auch zu Ihren Maßnahmen, daß Sie Dienstboten für sich verwenden?«

»Zuweilen«, antwortete Corentin; »wenn man alles erfahren will, muß man alle Mittel gebrauchen; aber hierbei macht man häufig Fehlgriffe. Es trifft nicht zu, daß die Polizei zu gewissen Zeiten ein System daraus gemacht und mit einer vollständigen Liste von Lakaien und Kammermädchen das Familienleben wie mit einem Riesennetz überzogen hätte. Es gibt keine feststehenden Regeln für unser Handeln; wir richten uns nach der Zeit und nach den Umständen. Ich brauchte Ohren und Einfluß bei Thuilliers, deshalb hatte ich die Godollo auf sie losgelassen; sie ihrerseits brachte zu ihrer Unterstützung einen unserer Leute dort unter, einen intelligenten Burschen, wie Sie sehen werden; aber in einem andern Falle würde ich einen Diener, der mir die Geheimnisse seines Herrn verkaufen wollte, einstecken und dem Betroffenen eine Warnung zukommen lassen, auf die Zuverlässigkeit seiner Umgebung besser aufzupassen.«

»Sehr geehrter Herr Geheimer Polizeidirektor,« schrieb der gewisse Henri an Corentin, »ich bin nicht mehr bei dem kleinen Baron, denn dieser Mann tut nichts weiter, als sich zu amüsieren, und ich würde bei ihm nie etwas erfahren, was zu berichten wert wäre. Ich habe eine andere Stellung gefunden, wo ich bereits verschiedenes mit angesehen habe, das Sie, mit Rücksicht auf die Mission, die mir die Gräfin von Godollo anvertraut hatte, interessieren dürfte; ich beeile mich daher, es zu Ihrer Kenntnis zu bringen. Ich habe eine Stellung im Hause eines alten Gelehrten, namens Picot, erhalten, der an der Place Madeleine dasselbe erste Stockwerk des Hauses innehat, in dem früher meine alte Herrschaft, die Thuilliers, wohnte.«

»Was!« rief la Peyrade, die Lektüre unterbrechend, aus, »der Vater Picot, der zugrunde gerichtete alte Narr, wohnt in dieser Prachtwohnung?«

»Lesen Sie nur weiter!« sagte Corentin; »das Leben hat noch ganz andere Seltsamkeiten aufzuweisen; Sie werden die Erklärung dafür weiter unten erhalten; unser Korrespondent – sie haben alle den Fehler, daß sie im Detail ertrinken – setzt zu viele Punkte auf seine I.«

Der gewisse Henri schrieb weiter:

»Die Thuilliers haben vor kurzer Zeit ihre Wohnung aufgegeben und sind wieder in das Quartier Latin gezogen. Fräulein Brigitte hat es in den Prachträumen nie recht gefallen; bei ihrem vollkommenen Mangel an Erziehung fühlte sie sich dort unbehaglich. Von wegen daß ich mich deutlich ausdrücke, so nannte sie mich einen Redner und konnte auch Herrn Pascal, ihren Portier, nicht leiden, weil er, in Anbetracht daß er Küster der Madeleinekirche ist, ein anständiges Benehmen besitzt; selbst an den Händlern auf dem großen Markt hinter der Kirche, wo sie natürlich ihre Einkäufe machte, hatte sie immer etwas auszusetzen und schimpfte über ihre hochnäsige Art, weil sie kein so freches Maul wie die in der Markthalle haben, und weil sie sie auslachten, wenn sie etwas herunterhandeln wollte. Sie hat ihr Haus im ganzen an einen Herrn Cérizet vermietet, einen sehr häßlichen Menschen mit ganz zerfressener Nase, für einen jährlichen Mietpreis von fünfundfünfzigtausend Franken. Dieser Mann scheint sich darauf zu verstehen; er hatte eben eine Schauspielerin von einem kleinen Theater geheiratet und beabsichtigte, das erste Stockwerk zu beziehen, wo er außer seinen Wohnräumen noch die Bureaus einer Versicherungsgesellschaft für Erbschaften unterbringen wollte, als Herr Picot, der aus England mit seiner Frau, einer sehr reichen Engländerin, zurückgekehrt war, die Wohnung sah und einen sehr guten Preis dafür bot, was Cérizet bewog, sie ihm abzutreten; dessentwegen bin ich durch Vermittlung des Herrn Pascal, des Portiers, mit dem ich in sehr guten Beziehungen geblieben war, bei Herrn Picot in Dienst getreten.«

»Picot mit einer sehr reichen Engländerin verheiratet,« unterbrach sich la Peyrade nochmals, »das ist ja unfaßlich!«

»Lesen Sie nur weiter,« sagte Corentin, »Sie werden es nachher schon verstehen.«

»Das Vermögen meines neuen Herrn,« fuhr la Peyrade fort, »das ist eine ganze Geschichte, und ich erzähle sie dem Herrn Polizeidirektor, weil eine andere Persönlichkeit, für die sich Frau von Godollo von wegen ihrer Heirat interessierte, eng damit verbunden ist. Diese andere Persönlichkeit ist ein gewisser Herr Felix Phellion, der einen Stern erfunden hat und der aus Verzweiflung, weil er das Fräulein nicht heiraten konnte, das man dem edlen la Peyrade bestimmt hatte, den Frau von Godollo so hübsch an der Nase herumgeführt hat . . .«

»Dieser Lump!« bemerkte der Provenzale nebenbei; »wie er von mir spricht! Er scheint noch nicht zu wissen, mit wem er es zu tun hat . . .«

Corentin lachte herzlich, dann hieß er seinen Schüler fortfahren.

». . . Der aus Verzweiflung, weil er das Fräulein nicht heiraten konnte, . . . nach England gegangen war, um sich dort zu einer Weltumseglung einzuschiffen, eine echte Liebesidee. Herr Picot, sein alter Lehrer, der sich sehr für ihn interessiert, hörte von seiner Abreise und fuhr sofort hinter ihm her, um diesen Verzweiflungsschritt zu verhindern, was ihm nicht leicht wurde. Die Engländer sind natürlich auf solche Entdeckungen sehr eifersüchtig, und als sie sahen, daß sich Herr Phellion im Gefolge ihrer Gelehrten einschiffen wollte, fragten sie ihn, ob er einen Auftrag dazu von der Admiralität hätte; da er einen solchen nicht vorweisen konnte, lachten sie ihn aus und fuhren ab, ohne daß sie etwas Weiteres hören wollten, weil sie fürchteten, daß er mehr von den Dingen verstünde als sie.«

»Er springt recht hübsch mit der ›Entente cordiale‹ um, Ihr Herr Henri«, bemerkte la Peyrade lustig.

»Da sie so am Strande zurückgeblieben waren, schickten sich Telemach und sein Mentor . . .«

»Sie sehen, daß unsere Leute literarisch gebildet sind«, bemerkte Corentin.

»Schickten sich Telemach und sein Mentor gerade an, nach Frankreich zurückzukehren, als Herr Picot einen Brief erhielt, wie ihn nur eine Engländerin zu schreiben vermag. In dem Briefe stand, daß sie seine ›Theorie des Perpetuum mobile‹ gelesen und von der großartigen Erfindung eines Sterns, die er eben gemacht hätte, gehört habe; daß sie ihn für ein Genie halte, das wenigstens ebenso groß wie Newton sei, und daß sie, wenn ihm ihre Hand nebst einem Vermögen von achtzigtausend Pfund Sterling oder zwei Millionen Franken anstände, sie sie ihm anbiete. Herr Picot schien diesem Angebot nicht abgeneigt und hatte eine Zusammenkunft mit dieser Engländerin, einer Frau von wenigstens vierzig Jahren, mit roter Nase, hervorstehenden Zähnen und einer Brille. Der erste Gedanke des Biedermanns war, sie mit seinem Schüler zu verheiraten; aber da er sich überzeugte, daß das unmöglich war, betonte er, bevor er selbst darauf einging, daß er alt und zu drei Vierteln blind sei, daß er keinen Stern erfunden habe und daß er nicht einen Heller besitze. Die Engländerin erwiderte ihm, daß Milton nicht jünger als er und vollkommen blind war; daß Herr Picot nach ihrer Ansicht nur am grauen Star leide, daß sie sich darauf verstehe, denn sie sei die Tochter eines Chirurgen, und daß sie ihn operieren lassen würde; daß sie absolut keinen Wert darauf lege, ob er einen Stern erfunden habe oder nicht; daß er der Verfasser der ›Theorie des Perpetuum mobile‹ sei, daß sie seit zehn Jahren sich ihn im Traume ersehnt habe und daß sie ihm nochmals ihre Hand anbiete und eine Mitgift von achtzigtausend Pfund Sterling oder zwei Millionen Franken. Herr Picot erwiderte, wenn ihm das Augenlicht wiedergegeben würde, und wenn sie sich bereit erkläre, in Anbetracht dessen, daß er England hasse, in Frankreich zu wohnen, würde er sich von ihr heiraten lassen. Die Operation wurde ausgeführt, und zwar mit Erfolg, und nach Verlauf von drei Wochen erfolgte die Ankunft der Neuvermählten in der Hauptstadt. Alle diese Einzelheiten weiß ich von der Kammerfrau der Frau Picot, mit der ich sehr intim bin.«

»Hören Sie diesen eingebildeten Gecken!« sagte Corentin lachend.

»Was ich dem Herrn Polizeidirektor aber noch zu berichten habe, das sind die Ereignisse, von denen ich de visu sprechen kann und die ich infolgedessen zu bezeugen imstande bin. – Kaum hatten Herr und Frau Picot sich vollständig eingerichtet, was in kostbarster und komfortabelster Weise geschah, so übergab mir mein Herr eine Anzahl Dinereinladungen für die Familie Thuillier, die Familie Colleville, die Familie Minard, den Herrn Abbé Gondrin, den Vikar an der Madeleinekirche, kurz für fast alle die Gäste, denen er zufällig einen Monat vorher bei dem Diner der Thuilliers begegnet war, wo er sich so merkwürdig aufgeführt hatte. Alle Personen, die diese Einladung erhielten, waren so erstaunt, zu hören, daß der gute alte Picot reich geheiratet hatte und die alte Wohnung der Thuilliers innehabe, daß sie sämtlich bei Herrn Pascal, dem Portier, vorsprachen, um sich zu vergewissern, daß sie nicht das Opfer eines Scherzes geworden seien. Nachdem sie sich aber überzeugt hatten, daß alles ›wahr und wirklich‹ war, fand sich die ganze Gesellschaft pünktlich ein. Sie wurde von Frau Picot empfangen, die sehr wenig französisch kann und zu allen Erscheinenden sagte: ›Meine Mann kommen gleich‹, worauf sie weiter keine Unterhaltung führen konnte, so daß die Stimmung sehr kühl und unbehaglich wurde. Endlich erschien Herr Picot; man war erstaunt, an Stelle des alten schlecht gekleideten Blinden einen hübschen wohlkonservierten ältern Herrn, der noch jung für seine Jahre aussah, vor sich zu sehen, der in ungezwungenem Tone folgende Anrede hielt:

›Ich bitte um Verzeihung, meine Damen, daß Sie mich nicht schon bei Ihrer Ankunft hier vorgefunden haben, aber ich wollte in der Akademie der Wissenschaften das Resultat einer Wahl abwarten, und zwar der des Herrn Felix Phellion, den Sie ja alle kennen, und der mit allen gegen drei Stimmen gewählt worden ist.‹

Diese Nachricht verfehlte nicht, Eindruck auf die Gesellschaft zu machen.

Dann fuhr Herr Picot fort:

›Ich muß mich auch bei Ihnen entschuldigen, meine Damen, wegen der etwas ungewöhnlichen Art, in der ich mich vor einigen Wochen in diesen selben Räumen, in denen wir heute zusammen sind, benommen habe. Zu meiner Entschuldigung mag meine Krankheit, der mir drohende Prozeß und der Umstand dienen, daß mich eine alte Wirtschafterin, die ich glücklicherweise losgeworden bin, bestahl und in jeder Weise quälte. Heute sehen Sie mich reich und verjüngt durch die Güte der liebenswürdigen Frau, die mir ihre Hand gereicht hat, und ich wäre in der besten Stimmung, Sie würdig zu empfangen, wenn die Erinnerung an meinen jungen Freund, dessen Ruhm die Akademie durch ihre Wahl soeben bestätigt hat, nicht einen trüben Schatten über mein freudiges Empfinden breitete. Wir alle hier‹, fuhr Herr Picot lauter fort, ›müssen uns ihm gegenüber schuldig fühlen; ich, durch meine Undankbarkeit, als er mir den Ruhm seiner Entdeckung und den Preis für seine unsterblichen Arbeiten zuschob, ich, für den er später, als er mich nach England nachzog, der Anlaß für das Glück wurde, das mir noch in meinen alten Tagen in den Schoß fiel; das junge Fräulein dort, das jetzt die Augen voll Tränen hat, weil sie ihn so töricht der Gottlosigkeit beschuldigte; das andere Fräulein mit dem strengen Gesicht, weil sie den würdigen Antrag seines alten Vaters, auf dessen weißes Haar sie mehr Rücksicht hätte nehmen sollen, so schroff zurückwies; Herr Thuillier, weil er ihn seinem Ehrgeiz opferte; Herr Colleville, weil er seine väterliche Pflicht, seiner Tochter den würdigsten und ehrenhaftesten Gatten zuzuführen, nicht erfüllte; Herr Minard, weil er in eifersüchtiger Weise seinen Sohn an seine Stelle bringen wollte. Nur zwei Personen sind hier, Frau Thuillier und der Herr Abbé Gondrin, die ihm Gerechtigkeit widerfahren ließen! Nun, ich frage diesen frommen Mann, ob man nicht zuweilen an der himmlischen Gerechtigkeit zweifeln muß, wenn man einen so edelmütigen jungen Menschen, als das Opfer von uns allen, Wind und Wogen ausgesetzt sieht, und uns drei lange Jahre hindurch die Sorge bedrücken wird, ob wir ihn wiedersehen werden?‹

›Die Vorsehung vermag sehr viel, mein Herr‹, antwortete der Abbé Gondrin; ›Gott wird Herrn Felix Phellion inmitten der Gefahren beschützen, und ich hege die feste Hoffnung, daß er in drei Jahren seinen Freunden wiedergeschenkt sein wird.‹

›Aber wird es in drei Jahren noch Zeit sein?‹ fuhr Herr Picot fort; ›wird Fräulein Colleville solange auf ihn warten?‹

›Ja, ich schwöre es!‹ rief das junge Mädchen aus, hingerissen von ihrem Gefühl, das sie nicht länger beherrschen konnte.

Dann setzte sie sich ganz beschämt wieder hin und zerfloß in Tränen.

›Und Sie, Fräulein Thuillier,‹ fragte Herr Picot, ›und Sie, Frau Colleville, werden Sie dem Kinde auch erlauben, sich für den, der ihrer so würdig ist, bereit zu halten?‹

›Aber gewiß! Aber gewiß!‹ rief man von allen Seiten; der volle, warme Ton des Herrn Picot, in dem man eine Träne erzittern fühlte, war allen Anwesenden zu Herzen gegangen.

›Dann ist es noch Zeit, die Vorsehung nicht zu bemühen‹, sagte Herr Picot.

Und zur Tür eilend, an der ich horchte, wobei er mich beinahe ertappt hätte, rief er mir laut zu:

›Melden Sie Herrn Felix Phellion und seine Angehörigen.‹

Und nun traten wirklich aus einer Tür fünf bis sechs Personen, die hinter Herrn Picot im Salon erschienen.

Beim Anblick ihres Geliebten vergingen Fräulein Colleville die Sinne, aber diese Ohnmacht dauerte nur einen Augenblick, und als sie Herrn Felix vor sich knien sah, warf sie sich Frau Thuillier weinend in die Arme und rief:

›Patin, Sie haben mir ja immer gesagt, daß ich hoffen soll!‹

Fräulein Thuillier, die ich trotz ihres herben Charakters und ihrer mangelhaften Erziehung immer für ein hervorragendes Frauenzimmer gehalten habe, hatte jetzt eine schöne Regung; als man sich ins Speisezimmer begeben wollte, sagte sie:

›Einen Augenblick!‹

Und indem sie vor dem alten Herrn Phellion hintrat, sprach sie zu ihm:

›Lieber Herr und alter Freund, ich bitte für Fräulein Colleville, unsere Adoptivtochter, um die Hand des Herrn Felix Phellion!‹

›Bravo, bravo!‹ rief man von allen Seiten.

›Mein Gott!‹ sagte Herr Phellion mit Tränen in den Augen, ›womit habe ich soviel Glück verdient?‹

›Sie sind immer ein Ehrenmann gewesen und ein Christ, ohne es zu wissen‹, antwortete der Abbé Gondrin.«

An dieser Stelle warf la Peyrade das Manuskript beiseite.

»Nun, Sie lesen nicht zu Ende?« sagte Corentin und nahm den Brief wieder in die Hand.

»Aber es steht auch wirklich nichts weiter drin, Herr Henri macht mir nur noch das Geständnis, daß ihn diese Szene gerührt hat, und sagt weiter, er wisse, daß ich mich früher für diese Heirat interessiert habe, und deshalb habe er geglaubt, mir die näheren Umstände, unter denen sie zustande gekommen sei, berichten zu sollen; und wie bei allen diesen etwas weitschweifigen Polizeiberichten, schließt er mit einer ziemlich unverhüllten Bitte um eine Gratifikation . . . Ah, hier ist doch noch etwas ziemlich Wichtiges«, fuhr Corentin fort; »beim Essen ließ die Engländerin durch Herrn Picot mitteilen, daß sie keine Erben hätte und daß nach ihrem und ihres Mannes Tode ihr ganzes Vermögen Felix zufallen solle, der also einmal ein sehr reicher Mann sein wird.«

La Peyrade war aufgestanden und ging mit großen Schritten auf und ab.

»Nun,« fragte Corentin, »was haben Sie denn?«

»Nichts«, entgegnete der Provenzale.

»Doch«, sagte der Polizeimann, »ich glaube, Sie sind ein bißchen neidisch auf das Glück des jungen Mannes. Gestatten Sie mir, mein Lieber, Ihnen zu bemerken, daß, wenn ein solches Schicksal Ihrem Geschmacke entspricht, Sie auch ebenso hätten verfahren müssen wie er; als ich Ihnen die hundert Louisdor übersandte, damit Sie Jura studieren konnten, hatte ich Sie noch nicht zu meinem Nachfolger bestimmt; Sie konnten Ihr Schiff mit Aufwendung aller Mühe selbst steuern und mußten den Mut haben, schwierige und mühselige Arbeiten auszuführen, dann wären auch Sie ans Ziel gelangt. Sie aber wollten das Glück vergewaltigen. Sie stürzten sich in den Journalismus, von da in die Geschäfte; Sie machten Bekanntschaft mit den Herren Dutocq und Cérizet; geradeheraus gesagt, ich halte es für ein Glück, daß Sie den Hafen erreicht haben, in dem Sie jetzt gelandet sind. Im übrigen besitzen Sie nicht das erforderliche harmlose Gemüt, für das ein Glück, wie es Felix Phellion vorbehalten war, einen großen Reiz gehabt hätte. Die Bourgeois . . .«

»Die Bourgeois,« sagte la Peyrade lebhafte, »die kenne ich jetzt, und ich habe sie auf meine Kosten kennengelernt. Sie haben viele Lächerlichkeiten und selbst große Laster, aber sie besitzen auch Vorzüge und zum wenigsten achtungswerte Eigenschaften, in ihnen steckt noch die Lebenskraft unserer sonst so verdorbenen Gesellschaft.«

»Unserer Gesellschaft!« bemerkte Corentin lächelnd; »Sie reden, als ob Sie noch zu ihr gehörten. Sie stehen außerhalb ihres Rahmens, mein Lieber, und Sie sollten sich zufriedener mit Ihrem Lose zeigen; die Regierungen verschwinden, die Gesellschaften gehen unter oder siechen dahin; aber wir, wir herrschen über alles dieses, und die Polizei ist für die Ewigkeit da.«

 

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