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Freie Schule

In der Albertgasse, die quer vom Lerchenfeld in die Josefstadt geht, hat die Freie Schule jetzt ihr eigenes Haus. Vom Altan oben erblicken die Kinder in der Rast über Schlote, Dächer und Türme hinweg, den grünen Kranz der waldigen Hügel, vom Kahlenberg bis zum Anninger. Das Drohende der großen Stadt wird durch hereingrüßende Wiesen gemildert, der blaue Himmel ist nah und die liebe Sonne scheint. Schöner noch wär's freilich ja, das Schulhaus ganz im Grünen zu haben, auf irgend einer Höhe draußen, weit über dem Dunst der Stadt. Luft und Licht sind die besten Lehrer. Sie wecken den Menschen und darin allein besteht doch schließlich alle Kunst der Erziehung. Aber wenn man nun, vom Altan herab, in eins der hellen Schulzimmer tritt, siehe, da ist man ja wirklich wie mitten im Grünen! Die frohen Kinderstimmen machen das, und die lachenden Augen und der Glanz auf allen Gesichtern.

Es wird gerade modelliert, als wir eintreten. Buben und Mädeln durcheinander beisammen. Bald in einer Bank zwei, bald nur eins. In keiner Klasse sind mehr als zwanzig. Und alles in Bewegung, alles voll Eifer! Der Lehrer bringt einen Klumpen Lehm her und teilt jedem davon aus, wie greifen da die kleinen Hände gierig zu und freuen sich, recht darin herum zu batzen! Der blonde Bub in der letzten Bank, mit den verschmitzten Augen in dem altklug ernsthaften Gesicht, knetet einen Hund. Mein Lieblingshund, sagt er stolz; und es muß wirklich ein ganz besonderer Hund sein, er sieht eher einem Känguruh gleich. Ein anderer macht ein großes Schiff und kann sich gar nicht genug tun, immer muß er noch einen Rauchfang, immer neue Masten haben, aber wie er es gar zu gut meint und für das Takelwerk die Fäden gar zu dünn dreht, bricht's ab und er kann von neuem beginnen, Zorn drückt ihm fest die Lippen zu. Hier ist ein kleines Mädchen mit schon ganz erwachsenen Augen, und indem sie knetet, mit zartesten Fingern, schielt sie heimlich immer seitwärts, ob man ihr auch zusehe, und es scheint ihr nicht so wichtig, was aus dem Ton wird, als ihre Hände zu zeigen. Eine andere dort ist ein bißchen verzagt, es ist das erste Mal, daß sie sich in der bildenden Kunst versucht, da sinkt ihr wohl das kleine Herz, sie sitzt ganz still und bückt sich vor, und wie sie so verlegen am Lehm herumdrückt, rundet sich ein Stück und nun setzt sie das getrost fort und legt die Dinger vor sich hin, sind's Brotkugeln oder Erbsen? Sie sagt: Äpfel. Und der Lehrer nickt, da wird sie rot und freut sich still, das nächste Mal wird's schon gleich viel besser gehen, denn jetzt hat sie doch schon mehr Vertrauen zur Kunst.

Die Kinder sagen zum Lehrer ›du‹. Und wenn einem was einfällt, so redet es, und wenn ihm was nicht recht ist, so widerspricht es, und wenn ihm was lächerlich vorkommt, so lacht es. Und allen sieht man an, daß sie sich wohl fühlen, weil sie den Lehrer gern haben. Sie haben ihn aber gern, weil er lustig ist. Er ist ihr guter Kamerad, der von keinem was verlangt, aber jedem hilft. Er zwingt sie zu nichts, er zeigt ihnen nur, wie jedes sich anstellen muß, um zu können, was es selber will. Strafen gibt es hier nicht. Die quälende Furcht vor einer schlechten Note, böse Träume von schimpflichen Zensuren sind unbekannt. Was fängt man dann aber mit den schlimmen Kindern an? Gegen sie hilft man sich so: man nimmt hier an, daß es keine gebe, und die Folge davon ist, daß es wirklich keine gibt. Denn wie man den Menschen annimmt, so wird er dann. Es stellt sich heraus, daß die schlimmen Kinder offenbar erst in der Schule dazu gemacht werden. Durch Strenge, durch den Zwang, durch Langweile. Es geht mit den Kindern wie mit den Erwachsenen. Man muß Gewalt anwenden, um den Menschen schlecht zu machen. Wie er aber fühlt, daß man ihn ein bißchen lieb hat, ist er wehrlos. Insgeheim spürt das ja jeder, nur will jeder, daß der andere anfangen soll, mit dem Liebhaben. Das ist die große Torheit.

Ich weiß, daß alle diese Worte vielen albern vorkommen werden, und als hätt ich einen kindischen, dürftigen, ja recht kleinbürgerlichen Begriff vom Menschen. Viele glauben nämlich, ihn zu vergrößern und erst interessant zu machen, wenn sie ihn für ein höllisches Wesen nehmen, das nur mit Drohungen durch Furcht gebändigt werden kann. Sie sind der Meinung, daß einem Menschen erst der Mensch ausgetrieben werden muß, wenn er halbwegs brauchbar, ja bloß erträglich werden soll. Ich werde sie nicht bekehren, und sie mich nicht. Aber ihre Meinung hat ja jetzt ein paar tausend Jahre lang das Menschenleben regiert. Was ist dabei herausgekommen? So laßt uns doch nun einmal die andere Methode versuchen! Ärger kann's ja wohl nicht mehr werden, als es dem Menschen bisher ergangen ist, da man es für die Hauptaufgabe jeder Ordnung hielt, ihm das Leben zu verleiden, weil er nur zitternd allenfalls zu zähmen sei. Laßt uns nun doch einmal sehen, was aus ihm werden mag, wenn man ihm vertraut, wenn man an ihn glaubt, wenn man ihn frei läßt! Wird unser Verfahren ebenso zu Schanden, wie es eures noch immer geworden ist, dann geschieht ja schließlich nichts, als daß alles beim alten bleibt. Es kann sich höchstens ergeben, daß auch mit Liebe der Mensch ebensowenig gelingt, als er bisher mit Prügeln gelungen ist; vielleicht gelingt er überhaupt nicht. Aber warum will man uns ein Experiment verbieten, das vielleicht den alten Traum der Menschheit von einem Reich des Friedens und der Freude erfüllt oder aber uns davon befreit, durch den Beweis, daß er nur ein Wahn war, den wir dann also zur ewigen Ruhe bestatten wollen? Aller geistige Streit unserer Zeit geht schließlich nur um dieses Experiment. Die einen wollen den Menschen auch ferner als ein reißendes Tier an der Kette halten, die anderen sind neugierig, was denn wohl aus ihm würde, wenn man ihn einmal frei herumlaufen läßt. Zieht man auf beiden Seiten die großen Worte ab, so bleibt schließlich nichts als dies. Dort drüben eine Todesangst vor dem Menschen, wie er war, ist und, behaupten sie, bleiben wird, hier aber, bei uns, das stille Vertrauen auf ihn, der sich ja nur noch nie hat zeigen dürfen. Wir haben halt eine bessere Meinung von ihm, das ist vielleicht der ganze Unterschied. Und wer recht hat, das hängt ja vielleicht am Ende nur davon ab, wer die Kraft haben wird, seine Meinung durchzusetzen. Wie es nämlich vielleicht gar nicht eine Eigenschaft der Dinge ist, schön oder häßlich zu sein, sondern ihre Schönheit oder Häßlichkeit aus den Augen, die sie ansehen, kommt, so mag auch der Mensch beides sein, gut und bös, je nachdem er für gut oder bös gehalten und danach behandelt wird. Das Kind aber ist bisher in der Schule sozusagen überhaupt nicht behandelt worden, sondern mißhandelt. Was das Kind in der alten Schule gelernt hat, war der Haß. Den hat es da zuerst kennen gelernt, den Haß der Menschen voreinander und ihr tiefes Mißtrauen und den Zwang. Ich erinnere mich noch mit Wut, wie wir unnatürlich steif sitzen mußten, entsetzlich bange Stunden lang, die Hände auf der Bank, als wären wir Diebe, in atemloses Stillschweigen eingeschnürt, unter dem lauernden Blick des Neidischen dort oben, der Jagd auf uns machte, um unsere kleinen armen Seelen einzufangen. Wem aus meiner Generation wird nicht heute noch die Zunge bitter, wenn er an seine verlorene, zerquälte, geschändete Schulzeit denkt? Uns war der Lehrer der böse Feind. Wie froh wird mir hier in dieser lachenden Schar, der er ein guter Kamerad ist! Denn dies ist die Methode der Freien Schule: sie vertraut dem Menschen und läßt ihn wachsen, in der guten Erde heiterer Liebe, die Kinder empfinden und vergelten es, und das Schulzimmer, das uns voll Haß und Qual war, wird zum Idyll.

So fand ich es in der Freien Schule, von der es heißt, daß sie Atheisten züchten will. Nein, sie will das nicht, sondern ihr Sinn ist es umgekehrt, nichts zu züchten, sondern das Menschenkind werden zu lassen, seiner eigenen Natur gemäß, und ihm nur zu helfen, daß es sein inneres Gesetz selbst erkennen und verstehen lerne. Wir glauben ja heute nicht mehr an eine Wahrheit, die für alle giltig wäre, sondern wir meinen, Wahrheit sei des Menschen innerstes Eigentum, das jeder wieder erst in sich selbst zu suchen und zu finden hat, weil es eben aus dieser heiligenden Kraft des eigenen Suchens, eigenen Findens erst entsteht, sonst ist's nur ein leeres, lebloses, nichts wirkendes und unvermögendes leidiges Ding. Wie oft hören wir Eltern darüber klagen, daß all ihre Erfahrung unnütz sei, weil die Kinder nicht darauf hören! Solche Eltern vergessen, daß Erfahrung ein ganz persönliches Gut ist, sie gilt nur für den, der sie gemacht hat, denn sie gilt ja nur für einen bestimmten Zweck, jeder neue Mensch aber gibt dem Leben einen neuen Zweck. Wären die Kinder nichts als eine Wiederholung der Eltern, so könnte des Vaters Erfahrung den Sohn führen, aber dann würde die Menschheit immer nur repetiert, niemals fortgesetzt, nicht entwickelt. Aber der Sohn soll mehr werden, als der Vater war, mit jedem neuen Menschen fängt eine neue Form der Menschheit an, was soll sie da mit dem alten Mittel? Wir haben jetzt begreifen gelernt, daß nichts an sich gut, nichts an sich schön, nichts an sich wahr ist, sondern nur das, was einen Menschen zur Erfüllung bringt, eben dadurch für ihn zum Guten, Schönen und Wahren wird: jeder muß das für sich selber entdecken. Des Vaters Erfahrung enthält alle Antworten auf seine Fragen, aber der Sohn ist ja wieder eine neue Frage an das Schicksal. Ihr den Mund zu verstopfen, darin bestand früher alle Erziehung. Die neue besteht darin, sie andächtig anzuhören. Denn was das Kind vom Vater lernen kann, ist nicht viel, das ist ja schon erledigt, aber aus den Fragen des Kindes kann er ahnen, was der Menschheit die Zukunft antworten wird.

Jedem ist es schon einmal geschehen, daß er irgend ein Buch, das er seit Jahren kennt, bei Gelegenheit wieder zur Hand nimmt, um nun zu seiner größten Verwunderung Gedanken darin zu finden, die ganz neu scheinen und ihm plötzlich so vieles erklären. Ja hat er denn das Buch nicht vor Jahren schon gekannt? Hat er nicht eben die nämlichen Worte, die jetzt auf einmal solche Macht auf ihn haben, vor Jahren schon gelesen? Und war er damals taub für eben das, was nun so bedeutend, entwirrend, erlösend auf ihn wirkt? Und geschieht es nicht ebenso, daß wir zuweilen umgekehrt ein altes Buch wieder aufsuchen, weil wir uns erinnern, welche Lebenskraft uns einst daraus angeglüht hat, und nun ist aber auf einmal nichts als Asche darin? Denn kein Buch kann einem Leser mehr geben, als er selbst dem Buch entgegenbringt. Mit dem Gespräch unter Freunden, mit der öffentlichen Rede ist es nicht anders. Auch das Gespräch, so sehr es uns zuweilen neu zu beseelen, auch der öffentliche Redner, der uns in eine andere Welt fortzutragen scheint, sagen uns nichts, als was wir uns dabei selber sagen. Buch, Gespräch und Rede wirken nur dadurch auf uns, daß sie uns zum Selbstgespräch bestimmen. Wir brauchen sie, weil der Mensch die Reibung am Menschen braucht, durch sie wird er mit geheimnisvoll magnetischer Macht aus sich heraufgeholt. Allein sind wir nur ein Teil von uns, am anderen erst finden wir uns ganz. Wir brauchen ihn, denn durch ihn werden wir uns selbst erst gewahr. Wir brauchen den Stoß von außen, dann springt unser Inneres plötzlich auf. Und das ist das Einzige, was Lehre, Beispiel, Erziehung für uns tun kann: uns öffnen. Lehrer sind Menschen von einer aufweckenden Kraft, die durch ihr Wort, durch ihren Blick oder auch schon durch das geheimnisvolle Glück ihrer bloßen Gegenwart entbinden, was bisher in uns verschlossen lag. Mehr kann Erziehung nicht. Sie kann mich an mir verhindern, sie kann mich entmutigen, sie kann mich mir verleiden oder sie kann mir zu mir selbst verhelfen. Aber sie kann mir nichts bringen, was ich nicht schon habe, sie kann nichts aus mir machen, was ich nicht selbst schon von allem Anbeginn bin. Was hilft mir alles, was der Lehrer weiß, wenn es meiner eigenen Art nicht gemäß ist? »Jeder weiß nur für sich, was er weiß«, hat Goethe gesagt. Und seit wir in diese Tiefe der Menschennatur gedrungen sind, darf sich keiner mehr vermessen, sein eigenes inneres Gesetz, das nur für ihn gilt, anderen aufzudrängen, denen es sinnlos ist.

Früher hat der Erzieher gefragt: Wie soll der Mensch sein und was muß ich also mit diesem Schüler anfangen, um jenen vorgeschriebenen Menschen aus ihm zu machen? Jetzt erkennen wir, die Frage war falsch. Denn jeder Mensch ist ein neues Versprechen, das nur er erfüllen kann, in seiner eigenen Art. So muß die Frage des Erziehers vielmehr sein: Was ist dieser Mensch, dieser eine Mensch, und wie wird er es ganz, wie wird alles aus ihm, was er werden kann, und nur er, unter Millionen und Millionen Menschen nur dieser eine Mensch? Der Sinn unseres Lebens ist, daß wir uns finden. Erziehung kann uns dabei helfen indem sie von uns abwehrt, was uns nicht gemäß ist, und uns immer wieder an uns selbst erinnert, immer wieder auf uns selbst zurückführt. Auch durch die alte Erziehung ist ja schließlich doch kein Mensch anders worden, als er ist, keiner von sich abgebracht worden, sie hat nur die Menschen heucheln und sich schämen und an sich verzweifeln gelehrt, am Ende blieben sie, was sie waren, nur voll Angst und mit schlechtem Gewissen. Aber die neue verargt keinem, was er ist, sondern macht ihm Mut dazu, Mut und Lust zu seinem eigenen Wesen, und hilft ihm, daß er sich ertragen lerne und guten Gewissens sei, was er nun einmal, ob er mag oder nicht, doch ist und bleibt.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg zu gehen, das ist der erste Gedanke der neuen Schule. Und der andere ist: Keiner kann einem Menschen seinen Weg zeigen, es findet ihn nur, wer ihn selber sucht, man kann dem Menschen nichts ersparen. Was für einen wahr, für ihn gut, für ihn schön ist, ist es nur für ihn und wird es auch für ihn erst nur durch ihn, indem er es sich aus Eigenem holt. Ein Kind sagt nach, was man ihm vorsagt, aber es hat nichts davon. Sinn und Kraft bekommt dies alles erst, wenn das Kind es am Ende selbst entdeckt, als wär's vor ihm allen unbekannt gewesen. Auch jede alte Wahrheit muß jeder neue Mensch erst am eigenen Leib wieder erleben und erleiden, früher hat er sie nicht. Alle Weisheit wird der Mensch erst inne, wenn er ihrer bedarf und indem er Gebrauch von ihr macht. Und ebenso die Schönheit und ebenso die Pflicht. Aller Inhalt der Erziehung ist, dem jungen Menschen Gelegenheit zu geben, daß er sich entdecke, sich selbst und was für ihn gut, was für ihn schön, was für ihn recht ist, und daß er sich ausüben lerne. Das ist die »neue Schulgesinnung«, wie man es in Deutschland draußen nennt, wo ja seit Jahren schon im stillen daran geschaffen wird. Die Wickersdorfer Schulgemeinde ist das schönste Beispiel. Wir haben in Österreich wieder einmal lange gebraucht, nachzukommen. Aber wie das bei uns oft geschieht, daß man lange nichts vernimmt, sozusagen unterirdisch aber doch irgend ein geheimes Regen und Ringen irgendwo sein muß, das dann plötzlich über Nacht aufschießt, so scheint's holen wir es nun ungestüm nach, und die Freie Schule sieht sich plötzlich jetzt von einer Begeisterung umdrängt, die allen hämischen Spott niederschlägt. Nur in den Kreis der reichen Leute dringt diese Begeisterung nicht. Seltsam. Sollten gerade den reichen Leuten ihre Kinder nicht so wichtig sein? Aber schließlich werden wir auch ohne sie die Zukunft erreichen.

September 1910.


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