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Austriaca

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Lueger ist geheimer Rat worden. Das ist ein historischer Moment. Denn es bedeutet: der Greißler ist Exzellenz geworden. Die Wiener Situation von 1890 war: die Verlassenheit des Greißlers. Unsere alten Liberalen, immer volksscheu, mit dem österreichischen Wesen unbekannt, nur vom Gehirn lebende Leute, die nichts als eine schöne kleine Sammlung von Gedanken hatten, aus dem Westen importierten Gedanken, mit welchen sie nun alles zu bestreiten meinten, waren unfähig, irgend ein Bedürfnis zu verstehen, das sie nicht in dem allgemeinen Schema der bürgerlichen Doktrin verzeichnet fanden. Sie hatten keine Ahnung, daß dieses österreichische Leben, seit Jahrhunderten abgewendet von Europa, sich nun nicht einfach über den Kamm der westlichen Entwicklungen scheren ließ. Das Volk, in seiner Vorliebe für große, klare Vereinfachungen, nannte sie deshalb: Advokaten. Sie vergalten es ihm, indem sie verächtlich sagten: Diese Greißler! Und statt, wie die klugen Franzosen den épicier zu radikalisieren, wodurch er nicht intelligenter, aber der Intelligenz dienstbar wird, ließen sie es darauf ankommen, daß der Zank zwischen den Advokaten und den Greißlern öffentlich ausbrach, wobei der Ausgang von vornherein nicht zweifelhaft sein konnte, da doch der Greißler immerhin ein Stück wirkliches Leben, eine Realität ist, während der Advokat aus Rhetorik besteht. Und jetzt begab es sich, daß einer von den Advokaten, der junge Doktor Karl Lueger, innerlich ganz ein Advokat wie die andern, nur gescheiter, beweglicher und mit einer vorstädtischeren Rhetorik, auf den Einfall geriet, den unbefriedigten Greißler für seinen lauernden Ehrgeiz auszunützen. Zunächst geschah ihm, was später bald im Großen geschah: es zeigte sich, daß der Greißler stärker war als der Advokat, der Bauch stärker als das Hirn, und der junge Advokat wurde mit Haut und Haaren vom Greißler verschluckt, Lueger wurde assimiliert. Er hatte gedacht, sie zu seinen Trabanten zu machen, aber sie machten ihren Trompeter aus ihm. Und als nun dieser Trompeter blies, kamen alle gierig herbei, die seit Jahren den Advokaten nicht mehr trauten. Der Hausherr vom Grund und der Kaufmann von der Ecke und der kleine Fabrikant, nervös geworden, immer nur von tönenden Ideen zu hören, statt von ihren brennenden Sorgen, kamen und boten sich dem Greißler an, denn der Greißler war wenigstens eine Wirklichkeit, und dies empfanden alle dumpf in ihrer Not, daß es galt, ihre Wirklichkeit durchzusetzen und doch endlich einmal sozusagen erst auf die Welt zu kommen. Es war ein Aufstand der Wirklichkeit, dies darf man ja nicht verkennen; das Bedürfnis der kleinen Leute machte den Mund auf, das war der Lueger. Wäre er es geblieben, wäre er dabei geblieben, die Wirklichkeiten, die er hinter sich hatte, mit dem fröhlichen Mut seiner Jugend, mit seiner ungemeinen Begabung für den kleinen Kampf im Wirtshaus und auf der Gasse, mit seinen guten Ohren für die so beweglichen Launen der Wiener zu führen, wäre er der Greißler geblieben, zu dem er sich resolut gemacht hatte, er wäre heute noch der Herr von Wien, den er jetzt, mit ängstlich zitternden Späßen, nur noch mühsam mimt. Aber es zeigte sich, er hatte doch den Greißler bloß gespielt, aus dem nun, in den Stunden der Entscheidung, wieder der kleine Advokat mit seinem dürftigen Ehrgeize kroch. Es zeigte sich, daß er selbst doch ganz ebenso unwirklich war wie jene alten Liberalen damals. Dies zeigte sich: in seinem Verhältnis zum Hof, in seinem Verhältnis zur Macht, in seinem Verhältnis zu den Arbeitern. Zu den Arbeitern steht er genau so wie jene alten Liberalen damals zum Greißler. Er sieht überall nur bösen Willen hält alle für verhetzt und verführt und glaubt, wenn er die Wahlen fälscht und nur im Augenblick ein paar Stimmen fängt, durch solche kleine Ränke der alten Taktik die Weltgeschichte abzusperren und auszudrehen. Und genau wie jenen alten Liberalen gilt auch ihm längst die Macht weit weniger als ihr Schein. Nur vor allem sich mächtig zu zeigen, mit der goldenen Kette geschmückt, der Held rauschender Feste, von schwärmenden Frauen umdrängt und in der Tat schon einem kleinen Potentaten gleich, der überall seinen Namen in goldenen Lettern, sein Bild bekränzt findet, dem mit fürstlichen Ehren gehuldigt wird, den der Jubel der Gasse wie das freundliche Nicken der Großen, von Prälaten, Ministern und Erzherzogen, überall empfängt, ist ihm das Höchste. Und für diesen Schein, in dem er schwelgt, hat er Stück für Stück von seiner wirklichen Macht hergegeben, bis es soweit ist, daß er jetzt schon seinen eigenen Leuten lächerlich wird und sich am Ende jetzt von wirklich Ehrgeizigen, denen es darum zu tun ist, zu herrschen, nicht zu glänzen – um das Gefühl und um die Wirkungen der Macht, nicht um ihren leeren Schein – ungeduldig weggeschoben und um seinen Lohn betrogen sieht. Und er, der noch vor zehn Jahren der Schrecken der Hofburg war, steht jetzt mit submissen Bücklingen da, auch darin jenen alten Liberalen gleich, die es auch immer vorzogen, Freiheiten und Rechte devot im Gnadenwege zu erwarten. Und so hat man endlich jetzt auch oben eingesehen, daß er ja doch garnicht anders ist als die anderen auch, und daß er auch nichts anderes will als alle, nämlich halt ein kleines gutes Platzerl für sich an der Sonne; wenn man das nur schon vor zehn Jahren gewußt hätte, hätte man sich gegenseitig manchen Verdruß erspart! Immerhin ist man ganz froh und macht gern dem alten Herrn eine Freude, und so wird er Geheimer Rat, die wirklich Ehrgeizigen gönnen es ihm, ihnen schadets ja nicht, und boshaft schmunzeln in den Ministerien die schlauen, alten Hofräte: Man hat in ihm die ganze Partei gekrönt, es ist sozusagen ein Symbol, denn in ihm ist der Greißler jetzt Exzellenz geworden. – Was mag sich nur unser alter Kaiser manchmal denken! Er hat in seinem langen Leben so viele trotzig aufrechte Männer des Volks gesehen. Und immer kommt dann ein Tag, da geht die Türe weit auf, und der Volksmann erscheint, um sich zu bedanken, und lallt vor Rührung, nun auch Exzellenz zu sein.

Der Herr Baron Aehrenthal mag, wenn er ein bißchen Anlage zu philosophischen Betrachtungen über das Wesen der Menschen hat, jetzt zuweilen sehr heiter sein. Es ist noch keine drei Monate her, daß er mit Bismarck verglichen wurde. Der österreichische Bismarck hieß er. Er muß sich selbst gewundert haben, wie schnell man das wird. Und jetzt kann er es von allen Bierbänken schallen hören, in unserem geliebten Wienerisch: Der Herr soll z' Haus bleib'n, wann er nix kann! Und irgendwo stand neulich gar zu lesen, jeder Attachee hätte das besser gemacht. Besser als der Bismarck vom Oktober. Mobilium turba Quiritium, mag er denken, wofern er im Zitieren so tüchtig ist wie der deutsche Kollege. Nun, ich weiß nicht, ob er ein Bismarck ist, ich kenne den Attachee nicht, der ihn ersetzen soll, ich kann es abwarten. In aller Ruhe muß ich aber doch sagen, als gelassener Zuschauer: Hier ist jedenfalls einmal einer in Österreich, der den Mut hat, an Österreich zu glauben oder doch so zu tun, wozu auch schon Mut gehört! Die schlimme Gewohnheit unserer Staatsmänner, gleich zu erschrecken, wenn es je notwendig scheint, irgend etwas zu tun, hat er offenbar nicht. Er hat Vertrauen, in sich selbst und in sein Land, er hat Ehrgeiz, für sich selbst und für sein Land, und es scheint fast, als hätte er einen Willen. Einen Willen haben wir in Österreich lange nicht gespürt, bei den sogenannten Staatsmännern. Darin scheint er fast irgendwie mit unserer neuen Generation entfernt verwandt zu sein, irgendwie von weiten. Das Grundgefühl unserer neuen Generation in Österreich: ihre Verwunderung und Empörung, warum denn der Österreicher ausgeschlossen von Europa sein soll, dem er sich doch geistig und wirtschaftlich zugehörig weiß, ihre Leidenschaft, zu beweisen, daß wir auch noch da sind, ihre Bitterkeit und Scham, wenn uns zugemutet wird, überall zurückzustehen, immer nur an den Türen der anderen zu horchen und höchstens einmal, wie's der Deutsche Kaiser genannt hat, brav »sekundieren« zu dürfen, dieses Grundgefühl der Generation, die sich das allgemeine Wahlrecht ertrotzt hat, scheint auch in ihm zu sein. Das glauben manche, die seit Jahren ungeduldig nach einer Politik des Mutes, und wär's bis zum Hochmut, nach einer Politik, die nicht mehr immer nur hinter den anderen herläuft, nach einer eigenen Politik verlangt, in ihm zu spüren, und haben so eine vage Neigung für ihn bereit, die freilich, wieder enttäuscht, arg umschlagen kann, da auch in jenen Österreichern, die sich aufgerafft haben, wieder zu hoffen und an sich zu glauben, doch der alte Hang zum Zweifel, zum Spott, zum Argwohn immer noch lauert. Ob er enttäuschen wird? Ob es ihm glückt? Dabei kommt's wohl nicht bloß auf ihn an.

Seine Freunde sagen ihm die Kraft zu, eine österreichische Politik im großen zu versuchen. Nehmen wir an, er wäre der Mann dazu. Dann bleibt noch immer die Frage: Hat er auch die Mittel dazu? Nehmen wir an, einer wäre ein großer Stratege, was hilft's ihm, wenn er kein Heer hat? Das Heer aber, das einer braucht, um eine österreichische Politik im großen zu versuchen, ist eine moderne Verwaltung und eine moderne Diplomatie. Die muß er sich schaffen, weil wir sie nicht haben, weder eine Verwaltung, die fähig wäre, die Bedingungen unserer Landwirtschaft, unserer Industrie, unseres Handels und ihre Bedürfnisse und ihre Sorgen zu kennen und also zu wissen, was jede Maßregel der äußeren Politik im Innern ergeben wird, wie sie auf den Markt wirkt, ob sie die Wirklichkeiten der arbeitenden Menschen stärken oder schwächen wird, noch eine Diplomatie, die fähig wäre, ihm die Stimmungen der Völker, ihren wirklichen Willen und also ihr notwendiges Verhalten zu unseren Zwecken der Wahrheit gemäß zu berichten. Es zeigt sich ja schon jetzt in der bosnischen und der serbischen Angelegenheit, daß er weder die Wirkungen seiner Politik auf unseren Markt, noch die Stimmungen der anderen Staaten vorausgesehen hat. Er ist falsch informiert gewesen. Er wird nie wahr informiert sein, solange er sich nicht eine neue Verwaltung und eine neue Diplomatie schafft. Unsere Verwaltung ist die schlechteste und unsere Diplomatie ist die dümmste. Unsere Verwaltung besteht aus näselnden Herren mit langen Nasen und hohen Stiefeln, die auf die Jagd gehen und, wenn sie am achtzehnten August den Toast auf den Kaiser gehalten haben, einen Urlaub nehmen müssen, um sich von der geistigen Anstrengung zu erholen; es sind gute Menschen, die Ruhe brauchen. Unsere Diplomatie besteht aus Tänzern, Tennisspielern und Sherlock-Holmes-Lesern, die in jedem Lande die Hotels und die Bordelle kennen, eine Amerikanerin heiraten wollen und nie gelernt haben, mit einem wirklichen Menschen zu Verkehren und eine wirkliche Meinung anzuhören. In Konstantinopel sitzt ein Markgraf, als ob er auf dem Monde säße; jedes kleine Handlungshaus hätte einen solchen Kommis schon weggejagt. Jeder Pariser Korrespondent einer Wiener Zeitung weiß von Frankreich mehr als unser Botschafter dort, der alles erst aus der »Neuen Freien Presse« erfährt, aber nicht die Gabe hat, sie wenigstens richtig zu lesen. Und so konnte es geschehen, daß Aehrenthal sich in seinem Kalkül auf den deutschen Freund verließ; keiner unserer diplomatischen Kundschafter hat ihn gewarnt, daß der deutsche Freund froh sein muß, sich der eigenen Nöten zu erwehren, und es, wenn wir sein Schwert anrufen, bei einigen artigen Versicherungen angestammter Sympathie bewenden lassen wird. Jeder österreichische Reporter in Berlin, jeder Wiener Volontär bei einer Berliner Bank, und wer von uns nur je zwei Wochen in einem Berliner Café saß, hätte ihm das sagen können. Jetzt aber hat er es und soll mitten darin auf einmal die Politik des Reichs nun plötzlich, wie man's nennt, anders orientieren: nach der englischen Seite hin. Wie will er sich da, so lange wir hier ohne Verwaltung, draußen ohne Diplomatie sind, einer Politik im großen vermessen, aus dem Leeren, ins Blaue?

Und wie soll es ihm gelingen, sich den Apparat, den er braucht, zu schaffen, eine Verwaltung und eine Diplomatie, solange diese doch für unseren Adel reserviert sind, der es als sein historisches Recht ausspricht, von Staats wegen versorgt und ausgehalten zu werden? Hat er wirklich den Glauben an ein neues Österreich und den Mut dazu, so muß dieser Glaube, muß dieser Mut ihn zwingen, die Folge des allgemeinen Wahlrechts zu ziehen, und nun auch die Verwaltung, auch die Diplomatie zu demokratisieren. Schon scheint der Graf Thun, der bei weitem nicht so dumm ist, als er sich gern öffentlich stellt, dies zu merken und legt insgeheim seine Schlingen.

Zwei Worte, die man sich merken mag, hat der letzte Monat noch gebracht. Aus irgendeinem seiner sausenden und brausenden Feste hat der Bürgermeister ausgerufen: Gott vernichte alle Feinde des Kaisers! Der alte Lueger scheint seine Vergangenheit schon ganz zu vergessen. Weiß er nicht, daß dieser Gott, den er angerufen hat, der Gott des Zorns und der Rache, der vernichtet, daß das der Gott des alten Testaments ist, der Gott der Juden? Christen haben einen anderen, hört man wenigstens von allen Kanzeln predigen. Und ein anderer von dieser ehemals christlichen Partei des Lueger hat sich in offener Sitzung über die Zudringlichkeit der Armen beklagt und hat erzählt, daß er stets, wenn er als Armenrat mit Armen verkehren muß, einen Revolver auf dem Schreibtische liegen habe, und hat dann noch gesagt: »Ich wünschte nur, daß die Armenräte uniformiert werden, und jeder soll eine ordentliche Hundspeitsche in die Hand bekommen, damit er sich vor dieser Sippe hüten kann.« Das war die Bergpredigt im Wiener Gemeinderat.

 

2

Viktor Adler hat neulich einmal gesagt, auch ein guter Monarchist könnte sich doch mit einem Monarchen begnügen, zwei wären mehr als nötig. Ich denke, er hat damit nicht auf den Thronfolger gezielt, sondern auf die fleißigen Leute, die mit diesem jetzt denselben Mißbrauch treiben, der seit Jahren unter dem Namen des Kaisers getrieben wird. Unser Kaiser spricht nicht gern, und man weiß nie, was er sich eigentlich denkt. Im Deutschen Reich werden wir darum sehr beneidet. Es hat aber auch seine Nachteile. Einige benützen es nämlich, um ihren Meinungen und Absichten eine geheimnisvolle Macht und sich ein Ansehen zu geben, das ihnen aus Eigenem nicht zukommt, indem sie behaupten, irgendwie des Kaisers verborgene Wünsche zu kennen. Was sie wollen, verlangen sie mit der geheimen Versicherung, daß es der Wille des Kaisers sei. Was ihnen nicht paßt, weisen sie vertraulich mit Worten zurück, die der Kaiser gesagt haben soll. Und wer sich ihren Forderungen widersetzt oder ihren Verboten nicht fügt, ist also kein Patriot. Es ist bei uns eine Art Beruf geworden, zu jenen zu gehören, von denen man unter vier Augen, Diskretion Ehrensache, hören kann, was der Kaiser »eigentlich« will. Man kann davon leben. Und es ist nicht anstrengend, weil noch keiner dementiert worden ist. Allmählich hat es sich zu einem völligen System entwickelt, manche haben es darin zu wahren Virtuosen gebracht. Da gab es zum Beispiel einen Intendanten der beiden Hoftheater, der die Gewohnheit hatte, Schauspieler, die er nicht mochte, heftig zu loben, dann aber dem Direktor anzuvertrauen, wie leid ihm um diesen so hochbegabten Menschen wäre, der nun aber einmal das Unglück hätte, dem Kaiser zu mißfallen. Der Kaiser geht nicht ins Theater, wenn er nur seinen Namen auf dem Zettel sieht! Was nicht einmal gelogen war, weil der Kaiser wirklich schon seit Jahren nicht mehr ins Theater geht. Und die Macht dieser Leute bestand darin, daß es ja schließlich auch einmal wahr sein konnte. Es dauerte nicht lange, so wurde das System, zuerst von Protektoren erfunden, um ihren Lieblingen zu helfen, Nebenbuhlern zu schaden, dann auch in der großen Politik angewendet. Waren die Gründe des Ministers in offener Rede geschlagen, so nahm er sich Abgeordnete und Journalisten insgeheim vor, allen beteuernd, selbst durchaus ihrer Meinung, leider aber an den unbeugsamen Willen des Monarchen gebunden zu sein. Es kam ein eigener Typus von Ministern auf, der sich an jeden Busen warf, weinend, gezwungen zu sein, weil er nun einmal nicht könnte, wie er wollte! »Glauben Sie, ich weiß das nicht auch? Glauben Sie, ich will nicht dasselbe wie ihr? Glauben Sie, ich weiß nicht, was Österreich braucht? Aber sagens das dem Kaiser! Versuchen Sie einmal und sagens das dem Kaiser!« Wir hatten einen Minister, der schon ganz mechanisch jedes Gespräch mit dem Refrain schloß: »Aber sagens das dem Kaiser!«

Unter ihm bildete sich in der Politik gewissermaßen eine doppelte Buchführung heraus. Die Feinde, die er öffentlich mit flammenden Reden schlug, umarmte er zu Haus; was er öffentlich vertrat, verleugnete er daheim, und er lebte von dem Kredit, halt nur nie zu können, wie er wollte, und halt stets tun zu müssen, was er gar nicht wollte. Und so schützten ihn seine Feinde selbst vor jedem Nachfolger: denn sonst kommt am End einer, der auch noch will, was er muß; und das, dachten sie, wär noch ärger! Und die Journalisten schrieben, was niemand verstand, und wenn man sie fragte, sagten sie: »Das war doch gar nicht so gemeint, sondern Sie müssen wissen, was vorgeht, die Sache liegt nämlich ganz anders, der Minister möchte ja selbst, aber er kann nicht, weil der Kaiser nicht will!« So wurde die Politik jahrelang im geheimen betrieben. Und die Journalisten waren so stolz darauf, daß sie wußten, »was vorgeht«, wenn sie es auch leider nicht sagen dursten! Was aber »vorging«, war immer dasselbe, nämlich daß der Minister etwas wollte, aber um nicht dafür einstehen zu müssen, so tat, als wenn er wider seinen Willen nur gezwungen wäre, durch ein geheimes Gebot des Kaisers, das er übrigens in seinen Folgen abzuschwächen schon noch Mittel und Wege finden werde. Und es schmeichelte den guten Abgeordneten und den braven Journalisten sehr, eingeweiht zu sein, sie ehrten das Vertrauen des Ministers, und da sie nicht zweifelten, daß ja doch schließlich immer geschehen muß, was der Monarch will, halfen sie dem Minister noch bei seinen Mitteln und auf seinen Wegen. Das Verfahren war so probat, daß es bald allgemein angewandt wurde, und wo nur irgendwie eine unbequeme Forderung abzuwehren war widersprach man ihr nie, sondern man half sich stets mit der Berufung auf den vorgeblichen Unwillen des Kaisers aus. Immer nach diesem Klischee: »Aber natürlich habt ihr recht! Natürlich wär's das einzige! Glaubt's ihr, das weiß ich nicht auch? Glaubt's ihr, wenn's auf mich ankäm, hätten wir das nicht längst? Ja wenn's auf mich ankäm! Natürlich wär's das einzige! Aber sagens das dem Kaiser! Was soll ich denn tun, wenn der Kaiser nicht will? Und der Kaiser will nicht! Der Kaiser will –« Und nun eine lange Erklärung, mit allen Gebärden der Mißbilligung, was der Kaiser will. Natürlich immer nur das, was der Minister wollte, aber selbst zu verlangen zu feig war. Unsre Minister trieben es umgekehrt konstitutionell: sie deckten sich mit der Krone so, daß sie selbst gar niemals mehr in die Debatte gezogen werden konnten. Das ging nun so lange, bis einer eines Tages die überraschende Entdeckung machte, daß das Lügen ja nicht Privateigentum ist, sondern zur freien Verfügung steht. Log sich der Minister auf den Kaiser heraus, warum denn seine Gegner nicht auch? Und wenn der Kaiser zu seinen Lügen schwieg, wird er es wohl auch zu ihren! Man rechnete damit, daß der Kaiser schwieg. Und so vermehrten sich die »Wissenden«. Der eine hatte eine Tante, die mit dem Leibarzt bekannt war, der andre ritt mit dem Stallmeister in den Prater, der dritte war mit einem vertraut, der den kannte, der die Anekdoten erzählt, mit denen dann der Kaiser zum Frühstück versorgt wird. Wie jeder bessere Mensch sein Automobil hat, mußte jetzt, wer nur ein bißchen auf sich hielt, eine Hintertreppe haben. Das Komische war dabei nur, daß alle diese Lügner, die es doch hätten wissen können, untereinander den Verdacht hatten, an den Lügen der anderen könnte am End etwas Wahres sein. Als aber schon alle Hintertreppen besetzt waren und das Bedürfnis immer noch wuchs, hatte einer, wie schon die Not erfinderisch macht, den Einfall, daß wir ja auch einen Thronfolger haben. Plötzlich tauchten einige Leute mit der beunruhigenden Versicherung auf, daß ihre Zeit erst käme. Plötzlich war wieder ein neuer Kredit eröffnet: der der kommenden Männer. Und eine fieberhafte Bautätigkeit begann in neuen Hintertreppen. Und ein besonderer Reiz war es, daß der Thronfolger im Dunkel stand. Die Lügen über den Kaiser hatten nämlich doch ihre Grenzen an seinem Wesen, das, so selten es sich zeigt, mit den Jahren in Umrissen sichtbar geworden war. Aber der Thronfolger steht im Dunkel.

Der junge Erzherzog Franz Ferdinand wurde damals zuweilen mit dem Erzherzog Otto zusammen genannt, dem schönsten und liebenswürdigsten Prinzen, dessen strahlende Kraft an der Enge eines ziellosen Lebens zerbrochen ist; ein armer Wiener Mercutio war er. Dann hieß es, der junge Franz Ferdinand sei krank. Von Reisen heimgekehrt, hielt er sich abseits und vermied es populär zu werden. Er gehörte nicht zu den Prinzen, die Walzer komponieren, auf dem Graben Journalisten unter dem Arm nehmen, um mit ihnen über die Regierung zu schimpfen, und wenn die Naive vorübergeht, leutselig bemerken: »Schau, schau, die Kleine kriegt beinah einen Busen!« Niemals hat er sich, wenn er ausfährt, Ovationen bereiten lassen, sein stilles ernstes Gesicht winkt den Wienern nicht zu. Der Lärm unserer Gratispatrioten mit dem Federbusch scheint nicht nach seinem Geschmack, und er teilt offenbar die schlechte Meinung über Österreich nicht, in der sich unsere Prinzen gern gefallen. Ich habe einen gekannt, der, Kommandierender in einer kleinen Stadt, alle Herzen durch seinen Spott über unser Vaterland gewann. Nach der Session lud er einmal die Landtagsabgeordneten zu sich ein und bewirtete sie mit höfischem Tratsch. Wie machten da die braven Bürger und Bauern die Augen groß, als sie die Geschichten hörten! So arg hatte sich's keiner gedacht. Schließlich trank er ihnen zu, gab jedem die Hand und sagte noch zum Abschied: »Also auf Wiedersehn meine Herren, übers Jahr, falls nämlich im nächsten Jahr Österreich noch existieren sollte!« Durch die ganze Stadt lief es gleich herum, wie heroisch der Prinz gesprochen hatte. So furchtbar traurig kam mein alter Vater damals heim, ganz verlassen saßen wir in unserer untröstlichen Liebe zur Heimat. Diese Methode, sich beliebt zu machen, hat Franz Ferdinand nie versucht, er ist gar nicht fesch. Auch als er dann, unnachgiebig, mit seinem Herzenswunsch alle höfischen und politischen Bedenken überwand, ließ er sich die Gelegenheit entgehen, dem Volke romantisch zu kommen. Ein Kronprinz, der unbeirrt der Stimme seiner Neigung folgt und ein Mädchen unter seinem Stande nimmt! Aber es wurde zu der üblichen Reklame nicht benützt; er hat nirgends den volkstümlichen Erzherzog Johann Nummer zwei agiert. Was man ihm bei uns sehr verdenkt, wo es nicht genügt, was einer tut und wie er ist, sondern verlangt wird, daß er es dann erst auch noch spielen soll. Dies verschmäht er: das alte österreichische Spieltalent und unsere Lust, sich vorzuführen und wirksam darzustellen, sonst in der Dynastie sehr gepflegt, scheint ihm zu fehlen. Er ist den Leuten eigentlich unheimlich, denn sie sind es nicht gewohnt, daß einer seinen Weg geht. Der Wiener wünscht gefragt zu werden; er besteht nicht darauf, daß man seinem Rat dann auch immer gehorche, dies ist nicht nötig, aber gefragt will er sein. Und der Wiener liebt Leute, mit denen sich, wie er es nennt, immer »etwas tut«. Der Erzherzog fragt nicht, und »es tut sich« bisher gar nichts mit ihm. Und er hat gezeigt, daß er warten kann. Was nun auch wieder ganz unwienerisch ist, da hier meistens die Menschen niemals tätiger sind, als so lange es sie noch nichts angeht; sich aufzusparen ist nicht Landesbrauch.

Nun wird gegen ihn gesagt, er sei klerikal. Nach den Erfahrungen, die man mit den liberalen Kronprinzen gemacht hat, wäre das gar nicht so schlimm, vielleicht dreht auch er oben um. Und man mag fragen, welcher österreichische Monarch denn, seit dem zweiten Josef, nicht klerikal gewesen sei? Für das tätige Leben darf man Weltanschauungen auch nicht überschätzen. Wer sich nur nicht dem Notwendigen widersetzt, für den ist schließlich eine so gut wie die andre, da doch alle nur Hilfsmittel zur Einordnung der Gedanken sind, um es bequemer zu haben. Im höchsten Sinne ist keine wahr, aber von jeder aus kann man zu wahren Taten gelangen; warum nicht auch auf irgend einem Weg von der katholischen aus? Auch kann in dieser großen Krise des Klerikalismus jetzt, wo die Kapläne mit den Bischöfen ringen und die Kirche sich demokratisieren will, indem sich überall das unmittelbare Gefühl der religiösen Gemeinde gegen die vorgesetzten Lehrbehörden stellt, niemand wissen, was in fünf Jahren klerikal sein wird: der Name wird ja bleiben, aber wenn unter ihm eine starke, mißtrauische, demokratisch derbe Bauernpartei entsteht, die könnten wir brauchen. Und schließlich ist die Privatmeinung der Monarchen heute doch ziemlich unwichtig, solange sie sich dem öffentlichen Willen fügt.

Es heißt ferner, er sei stark, eigenwillig und unbeugsam. Das fürchtet man. Für die beste Eigenschaft des alten Kaisers gilt es unter uns, daß er stets den Entwicklungen im letzten Moment doch noch nachgegeben hat; er hört Forderungen an, wenn sie unaufhaltsam geworden sind, und läßt sie dann wider Willen geschehen. Dem verdanken wir viel, und so hat man sich bei uns angewöhnt, Entschlossenheit und Beständigkeit auf dem Thron eher für eine Gefahr zu halten. Nun scheint dem Thronfolger die Regententugend der gewissen heilsamen Schwäche zu fehlen, und man hat ihn im Verdacht, auf seinem Willen zu bestehen. Diese Furcht will mir doch ein wenig gar zu österreichisch scheinen. Sie nimmt ohne weiteres an, daß der Monarch und die Entwicklung einander feind sein müssen; dann ist allerdings eine Behutsamkeit erwünscht, die rechtzeitig die Gefahr von Explosionen spürt. Es ließe sich aber auch einmal einer denken, der sich zutraute, die Entwicklung nicht zu scheuen und, bevor er sich von ihr überwältigen läßt, lieber an ihr tätig teilzunehmen: der könnte es dann wagen furchtlos zu sein.

Zuweilen kommt es mich an, manche Zeichen so zu verstehen, als gehöre der Thronfolger zu unserer Generation, die in unserm Land überall Kräfte verborgen und gebunden fühlt, denen nur der weckende Ruf fehlt, um aus den Ketten aufzuspringen, und die nun ihren in der Sehnsucht der langen Zeit angesammelten Mut daran setzen will, unser Vaterland groß und stark zu zeigen. Aber vielleicht ist das nur eine Stimmung von mir, wie die Sehnsucht ja in ihrer Not nach jeder dünnen Hoffnung greift. Denn er steht im Dunkel, und niemand weiß, was schließlich allein über ihn entscheiden wird: ob er nämlich auch darin einer von unserer Generation ist, daß er ihren demütigen Sinn für die allmächtigen Wirklichkeiten hat.

Und vielleicht ist es überhaupt nur der Reiz des Dunkels, der mich lockt, das Geheimnis, in dem er wartend steht, von Argwohn und Hoffnungen umringt. Vielleicht ist es nur der »Ästhet« in mir, den das Rätsel eines verhüllten Menschen anzieht. Und einstweilen wird auf dunklen Hintertreppen, rings um ihn herum, das Geschäft gieriger Glücksspieler besorgt.

 

3

Der Abgeordnete Soukup hat neulich gesagt, das tschechische Volk wünsche nichts anderes als die primitivsten Rechte, die jedes kulturelle Volk zu seinem Leben und seiner Entwicklung notwendig braucht. Mir scheint dies wahr. Was das tschechische Volk fordert, ist wirklich nur die »primitivste« Gerechtigkeit. Ich muß wohl kaum erst noch sagen, daß mit dem tschechischen Volk nicht der Prager Pöbel gemeint ist. Seiner wüsten Exzesse schämen sich die Tschechen selbst am meisten (was gerade dieser Abgeordnete Soukup stark ausgesprochen hat), und Rowdies gibt's schließlich überall. Daß aber das tschechische Volk eine gerechte Verständigung mit uns ebenso will, wie wir sie, gerade um des Deutschtums in Österreich willen, brauchen, darüber kann ich hoffentlich nächstens einmal hier ausführlicher reden. Nur was es zum Leben nötig hat, wovon es nicht ablassen kann, ohne sich selbst aufzugeben, was es haben muß, um nur überhaupt als Nation auf der Welt zu sein, verlangt es. Dasselbe gilt von den südslavischen Forderungen. Und ebenso von den italienischen auch. Ich habe »draußen« oft die Meinung gefunden, als ob unsere Nationen unersättlich wären. Sieht man zu, was sie wollen, so wundert man sich, wie wenig es ist. Es ist wirklich nur das nackte Leben. Aber die Regierung will ihnen auch das nicht gewähren. So treibt sie sie zur Verzweiflung.

Man sagt mir dann gern, »draußen«: Übertreiben Sie doch nicht so entsetzlich und sein Sie nicht so ungerecht! Und dann rechnet man mir vor, was in Österreich immerhin in den letzten Jahren geleistet worden ist; das darf man doch nicht verkennen! Seid ihr denn nicht auf dem besten Weg, ein moderner Staat zu werden?

Worauf zu antworten ist: Nach den Gesetzen – ja; aber bei uns hat das Gesetz eine so geringe Macht, daß es uns nicht helfen kann! Wir können uns eine moderne Gesetzgebung leicht erlauben, weil jedes neue Gesetz doch immer alles beim alten läßt. Bei uns werden nämlich Gesetze gegeben, aber damit sind sie dann erledigt. Dazu haben wir die Verwaltung. Die eigentliche Kunst der österreichischen Verwaltung besteht darin, Gesetze durch eine besondre Art der Anwendung, die sie um ihren Sinn bringt, unschädlich zu machen. Dies erklärt auch, warum man bei uns »oben« so bereit ist, sich mit Gesetzen abzufinden, die verwegen und gefährlich scheinen. Man legt nämlich »oben« den Gesetzen keine solche Bedeutung bei. Es finden sich ja fähige Beamte, die mit jedem Gesetz fertig werden. Darin eben besteht das, was man einen fähigen Beamten nennt. Also warum soll man den Leuten nicht die Freude lassen, ein schönes neues Gesetz zu haben?

Bismarck hat einmal gesagt: »Mit schlechten Gesetzen und guten Beamten läßt sich immer noch regieren, bei schlechten Beamten aber helfen uns die besten Gesetze nichts.« Gute Gesetze, durch schlechte Beamte vereitelt – das ist der heutige Zustand Österreichs. Die Dynastie hat den Vorsatz ausgesprochen, mit dem Volkswillen zu gehen. Zwischen beiden aber steht unser altes österreichisches Beamtentum und verhindert das. Dieses Beamtentum ist stärker als das Volk und die Dynastie zusammen. Und nun fragt man uns ungeduldig: Ihr habt ja jetzt das allgemeine Wahlrecht; das sollte doch, hieß es immer, alles heilen, also was wollt ihr denn noch? Und da sich trotzdem nichts ändert, fängt man schon wieder auch an diesem Wahlrecht mißmutig zu zweifeln an. Das ist die Absicht des alten Beamtentums. Es rechnet darauf, die Wirkungen des Wahlrechts insgeheim zu hintertreiben, es zu denaturieren; und wenn uns unsre Ungeduld, die gleich maßlos im Hoffen wie im Verzagen ist, dann wieder ins Chaos wirft, wird es noch den Retter spielen. Schuld sind natürlich nur wir selbst, da wir meinen, es genüge, das allgemeine Wahlrecht beschlossen zu haben, statt es auszudenken und seine notwendigen Folgen zu ziehen, wozu vor allem gehört, daß wir dem alten österreichischen Beamtentum ein Ende machen.

Dieses alte österreichische Beamtentum ist einzig in der Welt. Wer es nicht selbst erlebt hat, ist unfähig, es sich vorzustellen. Es ist unbeschreiblich. Man kann höchstens Beispiele davon erzählen. In Neunkirchen, ein paar Stunden von Wien, ist ein Kaffeehaus, das einer Frau Viktoria Biewald gehört. Diese wurde neulich zur Bezirkshauptmannschaft vorgeladen »behufs Entgegennahme einer Belehrung«. Als sie kam, hielt man ihr vor, sie hätte sich gegen den Bezirkshauptmann vergangen, der Cäsar Schickich v. Vellebit heißt, indem dieser in ihrem Café weder von ihr noch von der Kassierin mit der entsprechenden Ehrfurcht begrüßt worden wäre. Und die »Belehrung« bestand darin: es gebühre sich für ihr Personal, beim Erscheinen des Bezirkshauptmanns aufzustehen. Darüber regte sich nun die Genossenschaft der Kaffeesieder auf, und man erfuhr, daß derselbe Cäsar auch von der Handelsgenossenschaft in Gloggnitz verlangt hatte, daß sich ihre Mitglieder bei seinem Erscheinen von den Sitzen erheben sollten, wie denn von ihm ebenso der Vizebürgermeister und Schuldirektor Dietrich koramiert worden war, weil dieser unterlassen hatte, den Hut vor ihm zu ziehen. Der Kaiser und die Erzherzoge verlangen nur von Soldaten, daß sie Front vor ihnen machen; der Bezirkshauptmann verlangt es von der ganzen Menschheit. So geschehen 1908, in Neunkirchen, ein paar Stunden von Wien. Noch näher an Wien ist Baden, man kommt mit der Elektrischen hin. Es hat Schwefelquellen und auch einen Cäsar. Nun wird dort jetzt ein neues Theater gebaut. Darin wies die Gemeinde dem Cäsar einen Orchestersitz zu. Er verlangte aber eine Loge. Als er sie nicht bekam, weil die Gemeinde sich weigerte, dadurch dem Theater zweitausendfünfhundert Kronen im Jahre entgehen zu lassen, empfand er dies als eine Beleidigung und so, heißt es in dem Bericht der Zeitungen, »blieb die Erteilung der Konzession für das neue Theater lange aus«. Darüber kam es nun im Badener Gemeinderat zu großer Heftigkeit, und dem Bezirkshauptmann wurde nachgesagt, er hätte seitdem alle für das Theater nötigen Bewilligungen aus Rache verschleppt. Besonders aber waren die Gemeinderäte noch deshalb so freiheitlich erregt, weil sie es seiner Rachsucht auch zuschrieben, daß sie beim Ordensregen des Jubiläums allesamt im Trocknen blieben. So geschehen in Baden bei Wien, 1909; man reibt sich die Augen. Es ist aber nicht bekannt geworden, daß jener oder dieser Cäsar weggeschickt worden wäre. Und wenn nun solches in der Umgebung von Wien möglich ist, wo sich der Bezirkshauptmann immerhin zusammennimmt, weil er doch weiß, daß hier das Gemüt der Bevölkerung durch die Nähe der großen Stadt schon verdorben ist, so kann man sich ungefähr denken, was draußen in Galizien oder in Dalmatien unten alles geschieht. Gesetze können da nicht helfen, denn Bezirkshauptleute fühlen sich über dem Gesetz. Um durchzusetzen, daß es angewendet werde, müßte man erst mit ihrer Tradition aufräumen. Aber die Bezirkshauptleute sind ja nur die Kleinen. Über ihnen ragen die Großen empor: der österreichische Hofrat und der österreichische Sektionschef. Diese sehen ihr eigentliches Amt darin, die vom Kaiser ernannte, dem Volke verantwortliche Regierung zu verhindern. Sie scheuen sich nicht, dies öffentlich ruhmredig zu bekennen. Sie nennen es: den Einfluß der Politiker von der Verwaltung abwehren, und finden noch ihren Stolz darin. Sie haben die Weltanschauung des aufgeklärten Absolutismus. Die Weltanschauung von 1750 ungefähr. Wir machen Gesetze von 1900. Und unser heilloser Zustand ist es nun, daß Gesetze von 1900 zur Ausführung Beamten von 1750 übergeben werden. Weshalb man sich dann auch nicht wundern darf, daß bei uns schließlich schon kein Mensch mehr weiß, in welcher Zeit wir denn eigentlich leben, und wieviel Uhr es in Österreich ist.

Für unser eigentlich österreichisches Problem wird immer noch das nationale gehalten. Ich glaube das nicht. Was unsere Völker verbindet, ist überall viel stärker, als was sie trennt. In unsern Völkern ist eine stille Gemeinsamkeit da, die nur einen großen Anlaß braucht, eine allgemeine Not oder eine allgemeine Tat, um sich zu zeigen; vielleicht wird man das bald einmal sehen. Wenn irgendwo fünf vernünftige Tschechen oder Kroaten oder Italiener mit fünf vernünftigen Deutschen beisammensitzen, einigen sie sich; denn sie haben das Gefühl, alle dasselbe zu brauchen. Es wird aber verhindert, daß sie beisammensitzen. Darin besteht die Tätigkeit des Beamtentums. Es fühlt sich als Kurator der alten Staatsidee. Das Volk hat diese alte Staatsidee nie gehabt, der Kaiser hat sie aufgegeben; Volk und Kaiser haben sich im Glauben an ein neues Reich gefunden, das nur noch nach seiner Form sucht. Von der alten Staatsidee ist nichts mehr übrig als der Kurator. Der setzt nun alles daran, das neue Reich zu verhüten. Zunächst, indem er überall die nationalen Fragen vorschiebt. Er schürt die nationale Hetze. Und merkt dabei nun gar nicht, daß es der Witz der Entwicklung ist, ihn selbst durch eben die nationale Hetze zu schwächen, auf die er zählt. Sie nämlich hat uns die Landsmannminister gebracht, ein recht törichtes und hilfloses Institut, das aber große Löcher in das alte Beamtentum reißt. So ein armer Mensch, zum Minister ernannt, von hochmütigen, mißtrauischen und unwilligen Beamten umgeben, die alles besser wissen und alles anders wollen als er, zwischen lauter Fußangeln, kann sich nicht anders helfen, als indem er Menschen herbeizieht, denen er zutraut, ihn nicht gleich zu verraten. So kommen in die Ministerien Fremde hinein, die Tradition wird zerrissen, der Anfang einer Selbstverwaltung ist gemacht. Es ist der Anfang vom Ende des alten Beamtentums, das in unserm neuen Österreich keinen Platz mehr hat. Natürlich schreit es, die Verwaltung werde nationalisiert. Wir haben nun aber einmal zunächst kein anderes Mittel, die Verwaltung zu demokratisieren. Wie dies ja überhaupt unser Weg ist: durch den kleinbürgerlichen Nationalismus hindurch zur Demokratie zu gehen.

Es ist noch nicht lange her, daß dem Österreicher um das Heer bange war. Es sah dort ähnlich aus wie in unserm Beamtentum. Aber das Heer ist durch feste Hand gereinigt worden. Unser nächstes Problem ist jetzt, die Verwaltung zu reinigen. Sie muß aufhören, ein Souverän zu sein, und muß anfangen, dienen zu lernen.

 

4

Eigentlich ist an der ganzen bosnischen Geschichte noch der alte Herbst schuld. Der alte Herbst, das war jenes deutsche Bürgertum in Österreich, das sich nicht entschließen konnte, nach 1866 umzulernen. Es hatte geträumt, Deutschland einst führen zu können. Nun waren wir plötzlich aus Deutschland geworfen. Es blieb uns nichts übrig, als aus einem deutschen Ost-Reich ein slawisches West-Reich zu werden. Bismarck hat das gewußt. Und hat es gewünscht. Und hat darin die Bedeutung Österreichs für Deutschland erkannt: einen kleinen deutschen Staat neben sich zu haben, daran hat Deutschland kein Interesse, das höchste dagegen an einem slawischen Staat, den die wirtschaftliche Macht und die politische Kraft seiner Deutschen hindert, jemals von der deutschen Richtung abzukommen. Er gab zu verstehen, daß es ihm wichtiger war, so den Deutschen eine geistige und wirtschaftliche Verbindung mit Slawen gesichert zu wissen, als das deutsche Lied über den Grenzen zu hören. Und er hat seinen Unmut über jene österreichischen Deutschen nie verhehlt, die, deutscher als dieser Deutscheste, durch ihre scheele Politik des Argwohns gegen die Notwendigkeiten der Entwicklung, indem sie die Herrschaft ihres Stammes zu festigen glaubten, ihn aus seinen ererbten Sitzen verdrängten. Österreich war aus Deutschland geworfen, und da muteten die Deutschen Herbsts ihm zu, dies nicht zu bemerken, sondern so zu tun, als ob sich nichts verändert hätte. Da nun aber ein Staat einem Baume gleicht, der sich, wenn er nach rechts nicht wachsen kann, nach links dreht, seinen Weg zur Sonne suchend, so mußte die Entwicklung des neuen Österreichs abseits von den Deutschen Herbsts geschehen; und darum, solange sie noch die äußere Macht hatten, heimlich vor ihnen. Die Deutschen Herbsts zwangen Österreich, sich im Verborgenen zu entwickeln. Und wie dergleichen, auch wenn dann die Ursache schon erloschen ist, noch nachzuwirken pflegt, ist es seitdem Sitte geblieben, die wahren Entscheidungen Österreichs sozusagen unter dem Tisch abzumachen, unbemerkt von den herrschenden Parteien, was denn nun freilich eine recht seltsame Art zu herrschen ist.

Dieses System einer äußeren Politik ohne Mitwisser im eigenen Land hat Andrassy eingeführt. Ihm war klar, daß unsere Zukunft auf dem Balkan ist. Und es war ihm auch klar, daß damit die Vorherrschaft der Deutschen und der Ungarn ein Ende haben werde. In seinem schönen Leichtsinn, der sich an die Forderungen des Tages hielt und für alles andere den lieben Gott sorgen ließ, war er nun aber darauf bedacht, den Deutschen und den Ungarn seinen Sinn zu verbergen, was ihm denn auch bei unseren stets in den unmittelbaren Augenblick verbissenen Staatsmännern einige Zeit gelang. Und deshalb beschied er sich auf dem Berliner Kongresse mit der »Okkupation und Verwaltung« Bosniens und der Herzegowina, statt gleich ihre »Annexion« zu fordern, die vom Anfang an gemeint war und damals nicht bestritten worden wäre. Um nur Ruhe vor dem alten Herbst zu haben. Es hat ihm nichts genützt. Sie sind beide schließlich darüber gestürzt.

Als im Oktober die Annexion Bosniens und der Herzegowina verkündigt wurde, zeigte sich zunächst, daß es in Österreich heute keine Deutschen Herbsts mehr gibt. Der Gedanke dieser Altösterreicher, der Begriff eines zwischen den Deutschen und den Ungarn aufgeteilten Österreichs ist außer Kraft. Die Nachricht hätte sonst nicht ohne jeden Widerspruch hingenommen werden können. Aber sie machte zunächst eigentlich gar keine Wirkung. Die Leute waren es zufrieden und gönnten unserm alten Kaiser, daß ihm beschieden war, nach solchen Verlusten auch einmal einen Gewinn zu erleben. Bis plötzlich, was niemand zu vermuten schien, Europa darüber in Aufruhr geriet und der Krieg an unser Tor schlug. Da brachen die Meinungen auseinander.

Die Stimmung des deutschen Bürgertums in Österreich war: um keinen Preis einen Krieg, nicht einen Schuß Pulver sind uns die zwei Provinzen wert! Hätte man in der deutschen Bevölkerung damals abgestimmt, ich glaube nicht, daß sich hunderttausend Stimmen im ganzen Reich für den Krieg gefunden hätten. Merkwürdig war aber, daß nur die Sozialdemokraten den Mut hatten, dies auszusprechen, wodurch sie wieder einmal in unserem deutschen Bürgertum, besonders bei den Frauen, die stärksten Sympathien gewannen. Und merkwürdig auch, daß sich selbst unter den Slawen, die doch von der Annexion den größten Vorteil haben werden, keine Begeisterung für diesen Krieg fand. Eigentlich stimmten ihm bloß drei Gruppen im Lande zu, die zusammen immerhin eine gewisse Macht hätten, sich aber untereinander nicht verständigen können und auch keinen unmittelbaren Zusammenhang mit den Parteien haben. Erstens die Gruppe der immer zum Hurra bereiten Patrioten, die jeden Anlaß wahrnimmt, den Radetzkymarsch zu blasen, die 1866 die berühmten nassen Fetzen gegen die verfluchten Preußen schwang, und die denn auch jetzt wieder mit der Faust in alle Biertische fuhr: »Geh nur her, wannst di traust, vafluchter Serrrb!« Man wunderte sich nur, daß die Presse die Macht dieser lauten, aber nur an Lärm beträchtlichen Gruppe von Veteranen aller Art so sehr überschätzte, während sie den klug verborgenen Eifer der zweiten Gruppe gar nicht zu bemerken schien. Diese sieht man nie, man hört sie nicht und weiß nicht, daß sie es ist, die man überall spürt. Es sind das ein paar offenbar sehr kluge, in den Staatshändeln erfahrene, die Kunst, hinter vorgeschobenen Interessen unsichtbar zu bleiben, wunderbar beherrschende Romantiker der klerikalen Partei, die sich zur Katholisierung des Balkans verschworen haben. Die Katholisierung des Balkans, das ist das Schlagwort dieser Gruppe. Man sagt ihr nach, sie sei es gewesen, die Rampollas Wahl zum Papst verhindert habe, weil der, in seiner handfesten, unschwärmerischen, den Wirklichkeiten zugetanen Art, von einem solchen aggressiven Klerikalismus nichts hatte wissen wollen. Ich erzähle das, wie man es mir erzählt hat, kann aber dafür so wenig einstehen, als ich weiß, ob es wahr ist, daß die ungestümen bosnischen Franziskaner und der Erzbischof Doktor Stadler, den unsere Christlichsozialen so hegen, direkt dieser Gruppe gehorchen, die nur aus ganz wenigen, aber sehr entschlossenen, ja fanatischen Männern zu bestehen und ihren Plan eines Kreuzzuges gegen die griechische Kirche selbst vor der eigenen Partei zu verheimlichen scheint. Noch aus der Zeit der alten Romantik her sind in Österreich mystische Neigungen hängen geblieben, in Böhmen und Mähren und unter den Kroaten gibt es Gemeinden eines seltsam erregten Neukatholizismus; zu solchen Wallungen einer unbestimmten religiösen Sehnsucht mag dann noch der Ehrgeiz starker Energien, den der Trödel unserer offiziellen Katholiken unbefriedigt läßt, mag der Zorn enttäuschter Altösterreicher, die sich an einer verhaßten Gegenwart rächen wollen, mag auch der verirrte Wunsch eines Slawentums kommen, das von der Macht der Russen gern geschieden wäre; und so würde der Wahn einer Gruppe verständlich, die sich nirgends sehen läßt und doch überall zu wirken scheint.

Aber zu diesen katholischen Ideologen trat noch eine dritte Gruppe, die sich zwischen ihnen und jenen insipiden Hetzern aus Hetz wunderlich ausnahm: unsere paar Intellektuellen stimmten in die Kriegslust ein. Man sah manchen, der sich sonst politisch in der Nähe der Sozialdemokraten angesiedelt hat, ja solche sogar, die, wenn sonst von Krieg die Rede war, nicht übel Lust hatten, sich zu Hervé zu bekennen, jetzt Anfällen eines streitbaren Imperialismus erliegen, über den sie selbst wahrscheinlich vor ein paar Monaten noch ingrimmig gespottet hätten. Ich schildere nur, ich urteile nicht. In einer Region, die sonst von den Gedanken des äußersten geistigen Radikalismus, ja bisweilen von Neigungen zum theoretischen Anarchismus, beherrscht wird, stellten sich plötzlich patriotische Rührungen, Erinnerungen an alte Zeiten, als Prinz Eugen der edle Ritter gegen Belgrad zog, und Begeisterungen ein, die in der Denkart von Bernhard Shaw und Anatole France nicht leicht unterzubringen waren. Ein Österreichertum brach plötzlich aus, das unter dem unmutigen Hohn, mit dem wir sonst unser Vaterland zu behandeln gewohnt sind, niemand vermutet hätte. Was wir, dreißig Jahre lang, immer hatten verhalten müssen, um uns nicht lächerlich zu machen, wodurch wir so spöttisch und spielerisch geworden waren, um es uns nur nicht merken zu lassen, woran wir immer so gelitten hatten, tief im geheimen, um es nur nicht zu verraten, weil wir uns ja geschämt hätten: diese ungeheure Sehnsucht sprang jetzt aus den Ketten, Sehnsucht, uns endlich einmal zu zeigen, Sehnsucht nach einer Tat. Denn wir, die jetzt den Paß des Lebens überschritten haben, sind mit unserer lebendigen Kraft in der toten Stille eines Reichs aufgewachsen, das freiwillig abgedankt zu haben schien, und wo wir ans Werk traten, um auf unsere Art in Europa mitzutun, wurden wir gleich ängstlich abgemahnt, weil doch der Österreicher ausgespielt habe und froh sein müsse, still beiseite stehen zu dürfen. In uns rief's, mit tausend Stimmen: »Wir sind auch noch da!« Immer aber hieß es darauf: »Nicht so laut, daß man euch nicht bemerkt, denn eigentlich ist Österreich nicht mehr da!« Wir fühlten uns so stark und sollten tun, als wären wir schwach. Bereit, uns mit allen zu messen wurden wir gezwungen, uns vor allen zu beugen. Wir gingen von Leben über und sollten im Grabe liegen. So sind wir alt geworden und haben nie jung sein dürfen. Ist es ein Wunder, daß jetzt unsere verbotene, seit so langen Jahren heimlich aufgesparte Jugend mit Zinsen losbrach? Als uns jetzt zum ersten Mal einer das Zeichen gab: »Österreich ist noch da!« Ist es ein Wunder, daß wir auf den ersten Ruf aus dem Grab sprangen, mit aller Seligkeit unserer unverbrauchten Jugend, und mit ihrer ganzen närrischen Dummheit auch?

Da ist unter uns ein strenger Mann, schon bald an die sechzig, voll böser Enttäuschungen, der Doktor Heinrich Friedjung, der das berühmte Buch über den »Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland 1859 bis 1866« geschrieben hat und jetzt eins über »Österreich von 1848 bis 1860« schreibt (beide bei Cotta in Stuttgart; vom zweiten ist bisher nur der erste Band erschienen), nachdenklich bekümmerte Bücher, in denen er nur zu fragen scheint, woran wir denn eigentlich verstorben sind, um sozusagen ein ärztliches Attest ausstellen zu können über unsern Todesfall. Und diesen sonst immer so bedächtigen, hoffnungslos gelehrten Herrn hat man jetzt plötzlich mit verlorenem Zügel ins Feld sprengen sehen, als wär's ein junger Adjutant. Daran erkennt man erst, was wir alle gelitten haben müssen, in diesen langen entsetzlichen Jahren der Einstellung Österreichs! Und nur so kann man sich auch die Macht Aehrenthals über uns erklären, dem aus allen Gassen Bewunderung und Begeisterung zuläuft, weil ja unsre Generation in Österreich an ihm erst erlebt hat, was es einem Staat bedeutet, einen Mann zu haben. Wir sind es so gar nicht gewöhnt, daß wir nicht zweifeln, es gehöre Genie dazu, ein Mann zu sein. Und wenn Aehrenthal so klug ist, wie er sich bisher gezeigt hat, wird ihm vielleicht jetzt schon vor der Gottähnlichkeit bange, mit der ihn unser dankbares Bedürfnis nach einem Mann umgibt. Er hat uns verschafft, daß man sich nicht mehr schämen muß, ein Österreicher zu sein. Das ist viel. Nun aber glauben wir deshalb von ihm alles erwarten zu dürfen. Das ist vielleicht gar nicht bequem für ihn. Gerade jetzt nicht, wo zum ersten Mal von ihm mehr als bedächtiger Verstand, Geduld und Festigkeit des Willens verlangt wird und er zeigen soll, daß er auch eine schaffende Kraft hat. Der Moment der atemlosen Spannung, als unsre Truppen schon an der Grenze standen, nun aber statt der ersten Kugel die Botschaft des Friedens aufflog, ist vorüber. Und wir müssen jetzt fordern, daß es ein siegreicher Friede sei, den er für uns geschlossen hat. Unsre Truppen, einmal ausgerückt, hätten nicht umkehren dürfen, ohne heimzubringen, was uns der Krieg eingebracht hätte, zu dem wir entschlossen waren. Dieser Krieg hatte keinen Sinn als den, die Serben aus unseren Feinden zu Freunden zu machen, die uns auf dem Balkan helfen wollen. Wir können ihm nur ausgewichen sein, wenn er sich als unnötig erwies und es uns gewiß geworden war, die Serben, auch ohne sie dazu erst durch einen Krieg zu zwingen, aus unseren Feinden zu den Freunden zu machen, die wir auf dem Balkan brauchen. Sie sind bereit. Aber sind auch wir dazu bereit? Das ist die Frage. Und so springt die Frage der äußeren Politik hier jetzt plötzlich in eine der inneren um und es zeigt sich, daß das System Andrassys, die linke Hand der Politik nicht wissen zu lassen was die rechte tut, das System einer äußeren Politik hinter dem Rücken der inneren, das System einer Kabinettspolitik, die sich, wenn sie nur des Regenten und allenfalls noch der allgemeinen Stimmung gewiß ist, um das Einvernehmen der Parteien drücken zu können glaubt, plötzlich in der Entscheidung versagt. Aehrenthal hat es ganz wie Andrassy gemacht. Wie Andrassy damals hat er eine Politik angefangen, die das Ende einer mächtigen Partei bedeutet: der Agrarier. Mit den Serben ist er fertig geworden. Nun steht ihm bevor, auch noch mit unseren Agrariern fertig zu werden. Jener Krieg ist aus, dieser fängt an. Aber wo nimmt er die Soldaten für diesen her? Jetzt wird es sich zeigen, ob er die Kraft hat, sich eine Partei des modernen Österreichs zu schaffen, die den alten agrarischen Wahn schlägt.

Bosnien und die Herzegowina an Österreich zu nehmen kann nur einen Sinn haben, wenn Österreich glaubt, daß seine Zukunft auf dem Balkan sei, und wenn es zu dieser Zukunft entschlossen ist. Es kann seine Zukunft auf dem Balkan nur haben, wenn die Völker dort ihr Vertrauen von Rußland weg nach Österreich hin wenden. Sie sind dazu bereit, weil der Russe schwächer, weil Österreich näher ist und weil Österreich ihnen bieten kann, was sie brauchen. Die Frage ist nur noch, ob Österreich es ihnen auch bieten will. Unsre Industrie, die den Vorteil davon hätte, sagt Ja. Unsre Agrarier, deren Nachteil es wäre, sagen Nein. Das Österreich also, das seine Zukunft auf dem Balkan sucht, hat unsere Industrie zum Freund, den Agrarier zum Feind. Ein industrielles Österreich muß auf den Balkan, einem agrarischen ist es unmöglich. Da die Dynastie entschlossen scheint, auf den Balkan zu gehen (es wäre ja doch sonst sinnlos gewesen, Bosnien und die Herzegowina zu nehmen, und sinnlos alles, was seit dem Oktober geschehen ist, und soviel Kraft umsonst vertan und soviel gefährliche Hoffnung umsonst erregt), muß sie sich entschließen, ein industrielles Österreich zu wollen, weil ein agrarisches nicht mit ihr gehen wird. Ein industrielles Österreich aber, das wäre ja das Österreich der wirtschaftlichen und geistigen Freiheit, von dem wir seit dreißig Jahren träumen.

Dieses braucht Aehrenthal, wenn er vollenden will, was er begonnen hat. Er muß nur einsehen lernen, daß es heute nicht mehr geht, eine äußere Politik zu machen, von der die innere nichts weiß. Er muß einsehen lernen, daß Österreich niemals draußen stark sein kann, solange drinnen seine Kräfte gebunden sind.

 

5

Österreich wird auf den Balkan gedrängt. Irgendwohin muß es wachsen. Vom Norden, vom Westen abgewiesen, sucht sich seine Kraft seit 1866 einen Weg zum Süden, zum Osten. Nicht sein »Prestige« verlangt's, auf das wir ja verzichten könnten. Aber wirtschaftlich sind wir zu stark geworden, um noch länger in der Ecke zu stehen. Wir können nicht länger bloß unter der Hand leben, wie seit vierzig Jahren. Unser Bürgertum erstickt in der Enge. Da haben wir endlich ein Fenster aufgemacht.

Andrassy schon erkannte, daß wir auf den Balkan müssen. Es gelang ihm, den Kaiser davon zu überzeugen. Sie durften es sich aber noch nicht merken lassen, weil der Sinn des deutschen Bürgertums, von den alten Liberalen beherrscht, sich nicht so rasch in ein neues Österreich fand. Um dieses ungestört vorbereiten zu können, war es notwendig, mit der äußeren Politik immer um die innere sacht herumzugehen, die innere von der äußeren abzulenken und die liberalen Staatsmänner im Innern in Atem zu halten, bis allmählich der Drang der Entwicklung überall so vernehmlich geworden wäre, daß er, unaufhaltsam angewachsen, dann von den Schrullen der Doktrinäre nichts mehr zu fürchten hätte. Es war notwendig, irgendwie das Land zu beschäftigen, um derweil insgeheim verrichten zu können, was das Land brauchte. Es war notwendig, Lärm zu machen und Leidenschaften aufzuregen, um darunter unvermerkt den Weg der Entwicklung einzuschlagen. Ich glaube nicht, daß dies alles damals schon dem Kaiser so bewußt gewesen ist. Aber manche Monarchen haben in der Not einen guten Instinkt. Jedenfalls begriff er, wie bequem es war, die Parteien untereinander so zu verhetzen und in den kleinen Tagesstreit so zu verkeilen, daß keine mehr Zeit noch Kraft behielt, das Wichtige zu stören, das also ruhig geschehen konnte, weil die politischen Machthaber es ja nicht bemerkten. Der Meister dieser Politik, immer wieder einen neuen Streit auszusinnen, in den sich die Parteien verbeißen könnten, war Taaffe. Sie hat eigentlich, wenn man es recht überlegt, jeder Nation und jeder Klasse gedient, da jede wieder einmal an die Reihe kam, gegen die andern ausgespielt zu werden; und sie hat (was ihr die alten Hofräte noch heute nicht verzeihen können) das Verdienst, die Begehrlichkeit aller Völker und aller Klassen erweckt und so gereizt zu haben, daß das Rad immer rascher ins Rollen kam, zuletzt bis ins allgemeine Wahlrecht hinein. Und indessen konnte das Interesse der Dynastie, die, um sich zu retten, ein neues Österreich suchen mußte, diplomatisch und militärisch alles vorbereiten, was notwendig schien, ohne von den Doktrinären behelligt zu werden, und konnte ruhig abwarten, bis die wirtschaftliche Kraft angesammelt und ein neues Geschlecht aufgewachsen war, fähig und bereit zu diesem Österreich, das auf den Balkan muß.

Nun ist das Fenster aufgemacht: wir haben Bosnien und die Herzegowina genommen. Und es hat sich gezeigt, daß ein neues Geschlecht dafür bereit steht. Die Macht Aehrenthals über die Stimmungen im Lande, die sich zuweilen wunderlich genug, ja selbst mit heller Komik offenbart, wäre sonst unerklärlich. Es hat sich aber auch schon gezeigt, daß sie nicht weiter kann, wenn es ihr nicht jetzt gelingt, sich im Innern eine große Partei dieses neuen Österreichs, sich ihren parlamentarischen Ausdruck zu schaffen. Jenes System einer äußeren Politik mit Umgehung der inneren versagt jetzt. Das Rad ist bis ins allgemeine Wahlrecht gerollt, und durch dieses ist das Parlament zu stark geworden, um noch länger einen Geheimbetrieb der äußeren Politik zu dulden. Aehrenthal kann nicht weiter, so lange er nicht im Parlament eine große Partei für seine Politik gefunden haben wird. Diese muß er haben. Woher er sie kriegt, mag ihm gleichgültig sein. Und nun wird man sehen, ob die Deutschen fähig sind, den großen Augenblick für sich auszunützen, oder ob sie auch ihn wieder versäumen und sich ausschalten werden.

Der alte Wahn der österreichischen Deutschen, der sie so herabgebracht hat, ist, immer hinter Gespenstern herzurennen, statt einfach national zu sein. Wenn in einem Staate mehrere Völker beisammen sind, gibt es für jedes nur eine einzige Politik, nämlich die, seine ganze Kraft zusammen zu nehmen und körperlich, geistig und wirtschaftlich zum Höchsten anzuspannen; die Eifersucht der andern sorgt dann schon dafür, daß sich keins übernehmen kann. Aber die Kraft der Deutschen in Österreich ist seit Jahren aufgehoben, weil eine einzelne Frage die gesamte geistige und wirtschaftliche Entwicklung der Deutschen in Österreich versperrt: die böhmische Frage.

Wir anderen Deutschen, die nicht in Böhmen leben, wir Deutschen der österreichischen Alpen haben uns längst in das neue Österreich gefunden, das ein slawisches Reich ist, in dem wir durch unsere Zahl wenig, aber alles durch unsre geistige und wirtschaftliche Macht bedeuten können. Wir fragen uns nicht mehr erst, warum es unsern Vätern nicht gelungen sei, Österreich deutsch zu machen. Wir wissen, daß es jetzt zu spät ist, dies noch einmal zu versuchen. Die Slawen sind zu stark geworden, als daß wir uns zumuten könnten, jetzt noch nachzuholen, was von unsern Vätern versäumt worden ist. Auch haben wir uns abgewöhnt, mit unfruchtbarer Sehnsucht über die Grenzen ins Mutterland zu schielen. Wir wissen, daß unsere paar Millionen Deutschen kein Gewinn, unsre Slawen aber, an Rußland verloren, eine Gefahr für das Deutsche Reich wären. Und wir fühlen, daß wir, in unsrer geschichtlichen Gemeinsamkeit mit Slawen und Welschen, eine Farbe von besondrer Art angenommen haben, die wir, mit den andern Deutschen vereint, unter ihnen nicht behaupten könnten; das Deutschtum würde ärmer um diese Farbe, der Tausch wäre schlecht, er könnte nur auf Kosten des Deutschtums geschehen. So bleibt uns nichts übrig, als in dem slawischen Staatswesen, dem wir eingeboren sind, unsre deutsche Art zu hüten, alle deutschen Entwicklungen mitzumachen und uns geistig, wirtschaftlich und politisch so zu behaupten, daß der slawische Staat, in dem wir wohnen, unsre Mitwirkung überall spüren muß und also niemals den deutschen Weg verlassen kann. Dazu gehört erstens, daß wir unser deutsches Wesen lebendig erhalten, in einer fortdauernden Beziehung zum deutschen Geist in allen seinen Wandlungen, und zweitens, daß uns unsre Staatstätigkeit und Staatstüchtigkeit den Völkern, mit denen wir leben, unentbehrlich macht. Wir müssen die deutschesten Deutschen sein, geistig und wirtschaftlich in allen Entwicklungen des Deutschtums voran, und eben dadurch von einer solchen politischen Kraft für Österreich, daß dieses uns immer wieder brauchen wird. Darin aber werden wir seit Jahren durch die nationale Frage in Böhmen gehemmt. Sie drängt sich vor und drängt uns zurück, denn sie wird von den Deutschen in Böhmen benützt, von uns zu verlangen, daß wir ihnen die Führung der Deutschen in Österreich überlassen sollen; und diese Deutschen in Böhmen gehen weder auf die geistige Kraft noch auf politische Macht, sondern auf deutsche Straßennamen, deutsche Schilder und deutsche Nachtwächter aus, bloß auf den Schein einer deutschen Vorherrschaft, die längst zerbrochen ist.

Was man in der Politik die Deutschen in Böhmen nennt, sind natürlich nicht die Deutschen in Böhmen. Es ist ein Klüngel von Geschäftspolitikern in Prag, die nicht vergessen können und nichts lernen wollen, von denen sich die Arbeiter längst losgesagt haben, und gegen die die Industrie längst mißtrauisch geworden ist, die aber noch immer einen Teil des ratlosen mittleren Bürgertums und der eingeschüchterten Intelligenz beherrschen. Ihre politische Kunst gleicht völlig der der Italiener in Dalmatien, die eben jetzt dort so jämmerlich zusammengebrochen ist. Auch die Italiener hätten das aufwachende Volk der Kroaten im italienischen Geiste lenken können, wären sie nicht so störrisch gewesen, ihm alle nationalen Notwendigkeiten zu versagen. Auch die dalmatinischen Italiener haben niemals die bildende Kraft ihrer Nation an der sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Erziehung der Kroaten versucht. Auch sie haben sich um nichts im Land gekümmert als darum, ob die Straßen italienisch benannt sind und ob italienisch amtiert wird. Und so sind sie jetzt aus aller Macht plötzlich weggeblasen. Hätten die Deutschen in Böhmen zur rechten Zeit verstanden, den unersättlichen Drang der Tschechen nach Bildung auf deutsche Wege zu leiten, so könnte heute noch dem deutschen Geiste das ganze Land Böhmen untertan sein; und für die Macht des deutschen Geistes ist es doch schließlich gleich, welche Sprache seine Gedanken reden. Die Aufgabe, die Bildung der tschechisch sprechenden Böhmen mit deutschem Sinn anzufüllen, ist von den böhmischen Deutschen versäumt worden. Denn um sie deutsch denken und fühlen zu lehren, hätten sie mit ihnen tschechisch reden müssen. Das aber wurde ja als ein Verbrechen am Deutschtum angesehen, darum lieber ein viel größeres gelitten, nämlich daß alle geistige und politische Macht der Deutschen im Land überall zerstört und das tschechische Volk, das noch fünfzig Jahre lang in der Schule deutscher Denkart hätte bleiben können, in einen sinnlos tückischen Haß alles deutschen Wesens getrieben worden ist, aus dem es nun erst wieder erlöst werden muß, um seinetwillen, um unsertwillen und um Österreichs willen, da es ja doch nicht angehen wird, wie Burckhard neulich geraten hat, die Schlacht am weißen Berge noch einmal zu schlagen, und zwar so lange, bis eins der beiden Völker am Ende vertilgt ist.

Sitzt man in der wunderschönen alten Stadt Prag mit jungen Deutschen beisammen, so geben sie dies alles traurig zu. Sie sehen ein, daß durch die Schuld der Deutschen, die sich, ohne die dazu notwendige Kraft, vermaßen, den Tschechen ihr Recht auf Entwicklung zu versagen, statt (wie doch sonst die Deutschen sich überall als die Helfer und Retter bedrängter Nationen gefühlt, ja lange Zeit darin den wahren geschichtlichen Beruf der Deutschen erkannt haben) den tschechischen Trieb zur Bildung zu fördern und so an den deutschen Geist zu binden, das Land zerrissen, ein Volk dem andern entfremdet und jedes einem lächerlichen Radikalismus ausgeliefert worden ist, der schließlich überall nur die Geschäfte der Polizei besorgt. Sie sehen es ein, und so sitzen sie voll Ekel und ohne Hoffnung da, schon ganz entwöhnt, an den Sorgen ihres Volkes teilzunehmen. Die Jugend des deutschen Bürgertums in Böhmen glaubt an das Prager Kasino nicht mehr, aber sie hat nicht die Kraft, aus Eigenem die Verständigung mit der Jugend des tschechischen Bürgertums zu suchen, die sie selbst als unerläßlich erkennt. Und so bleibt das deutsche Bürgertum in Böhmen, weil seine Jugend schweigt, immer noch einer Politik gehorsam, die es seit Jahren von Niederlage zu Niederlage führt.

Die andern österreichischen Deutschen werden sich nun aber fragen müssen, ob sie noch länger zulassen dürfen, daß alle ihre Bedürfnisse vor den prager Geboten zu schweigen haben. Sie werden endlich einmal diese Firma der »Deutschen in Böhmen« prüfen, und es wird sich zeigen, daß ihr weder der Adel noch die Arbeit angehört, daß die deutsche Industrie und der deutsche Handel in Böhmen längst unwillig von ihr los wollen, und daß sie die Jugend nicht mehr für sich hat. Sie werden dann erkennen, wie teuflisch dumm es wäre, ihr die ganze Stellung der Deutschen in unserem Vaterland zu opfern, die für alle Zeit verspielt haben dürften, wenn dieses neue Österreich jetzt ohne sie eingerichtet wird.

Aehrenthal kann mit seiner äußeren Politik nun die innere nicht mehr umgehen. Er braucht eine große Partei, die für sein neues Österreich bereit ist. Die Meinung der Tätigen und Tüchtigen im Bürgertum hat er überall für sich. Benützen die Deutschen den großen Augenblick, um sich mit den Slawen zu verständigen, so können sie ihm ihre Bedingungen stellen. Sie können dafür, daß sie sich seinem neuen Österreich anbieten, verlangen, daß es jenes demokratische Österreich werde, das schon auf dem Papier steht, aber immer wieder noch durch unsre reaktionäre Verwaltung verhindert wird. Mit den Demokraten der Slawen vereint, wären sie stark genug, Aehrenthal dazu zu zwingen. Hat er die Wahl, mit einem demokratischen Österreich auf den Balkan zu gehen oder gar nicht, so wird er nicht zögern; und die Deutschen könnten sich jetzt ihren Anteil an diesem demokratischen Österreich sichern. Drängt sich aber auch jetzt wieder die böhmische Frage vor und läßt eine Verständigung der Deutschen mit den Slawen und den Pakt einer solchen großösterreichischen demokratischen Partei mit Aehrenthal nicht zu, so wird sich dieser, der auf den Balkan will, mit wem zusammen es auch immer sei, eine andre suchen müssen. Er wird, wenn ihm die Deutschen den geraden Weg versperren, auch ein Abenteuer wagen. Die Klerikalen, im politischen Handel ja gewandt, werden bereit sein, ihre Agrarier verstummen zu lassen; das Geschäft ist ihnen den Preis wert. Die Tschechen werden, wenn er ihnen die Macht über Böhmen gibt, die Demokratie verlassen. Er kann (freilich nur auf gefährlichen Umwegen, die er lieber vermeiden wird) auch ohne die Deutschen auf den Balkan, mit einem klerikalen statt mit einem demokratischen Österreich. Und was wird dann sein? Dann werden die Deutschen in Böhmen preisgegeben, dann wird ein neues Österreich ohne die Deutschen eingerichtet, dann löst sich dieses Österreich von jeder Rücksicht auf das Deutsche Reich ab, dann schlägt es eine katholische Politik auf dem Balkan ein, statt seine Völker zur Demokratie zu führen; und wenn es dann so seinen Beruf auch auf dem Balkan wieder versäumt und auch das neue Österreich wieder am Ende keinen Sinn und keine Seele hat, wird dies die Schuld der Deutschen sein.

 

6

Unsere Zeitungen sind wieder einmal von der ungarischen Krise voll. Dies ist eine schöne Gelegenheit, sich patriotisch zu gebärden. Je wilder einer auf Ungarn schimpft, für einen desto besseren Österreicher hält er sich ja. Einst waren sie uns die ritterliche Nation, um ihrer Tapferkeit, ihres unbändigen Freiheitssinnes und ihrer Klugheit in politischen Händeln willen gepriesen, als eine Art Franzosen des Ostens. Jetzt heißen sie Judäomagyaren, Hunnen, Asiaten.

Man scheint zu vergessen, daß wir anderen, die österreichischen Deutschen und die österreichischen Slawen, nun einmal mit den Ungarn zusammen sind und weder die Kraft haben, sie zu vertilgen, noch uns von ihnen trennen können, ohne unser ganzes Staatswesen aufzureißen. Für »Großösterreich« zu schwärmen, wie jetzt Mode geworden ist, zugleich aber mit vollen Backen gegen Ungarn zu blasen, ist absurd. Soll »Großösterreich« nicht ein leeres Wort sein, so kann es nur heißen: ein Vaterland für alle, das jeder Nation die Entwicklung ihrer Kräfte sichert. Dazu gehört aber vor allem Achtung jeder Nation, ein Gefühl für die Notwendigkeit, sich mit ihr zu verhalten, und eine gewisse gegenseitige Geduld, um über Mißverständnisse, ja selbst über wirkliche Gegensätze hinwegzukommen.

Und schließlich nützt der Haß, den die Patrioten in Österreich gegen Ungarn anrichten, nur jenen Machthabern in Ungarn allein, von denen sich die Dynastie, ja die Monarchie selbst bedroht fühlt. Die Machthaber in Ungarn haben alle Ursache, sich über ihn zu freuen. Er hilft ihnen immer wieder, ihre Macht im eigenen Land zu befestigen.

Die Dynastie hat die Revolution der adeligen Grundherren in Ungarn mit russischer Hilfe besiegt. Diesen Sieg zu behaupten, ist sie nach dem italienischen und dem preußischen Krieg nicht mehr stark genug gewesen. So haben sich die Gegner, beide geschwächt, zu dem Pakt von 1867 verstanden, durch den Ungarn den adeligen Grundherren übergeben wurde, wofür sie sich zur Anerkennung der Dynastie entschlossen. Dies entsprach damals ungefähr dem Zustande des Landes, das noch durchaus agrarisch war, kein Bürgertum, kein Proletariat, kaum Intellektuelle hatte und sich willig von den wirtschaftlich Mächtigen auch politisch führen ließ. In den vierzig Jahren aber, die seitdem vergangen sind, hat sich dieser Zustand verändert. Zwar ein eigentliches Bürgertum ist noch immer nicht da, wenigstens politisch jedenfalls nicht, Landarbeiter aber und Stadtarbeiter haben angefangen, ihren Gegensatz zu den adeligen Grundherren zu fühlen. Die Grundherren sehen sich immer mehr von der wirtschaftlichen Entwicklung bedroht und suchen sie deshalb auf alle Weise zu hindern oder wollen wenigstens ihren politischen Ausdruck ersticken. Wie nun schon oft Monarchen sich vor der Unzufriedenheit im eigenen Land, um den Haß politischer Leidenschaften abzuleiten, in einen Krieg geflüchtet haben, so hofft die Klasse der in Ungarn regierenden Grundherren den Angriff der empordrängenden Demokratie dadurch abzuschlagen, daß sie fortwährend einen äußeren Feind an die Wand malt: den österreichischen Kaiser nämlich, der, von den feindlichen Österreichern aufgehetzt, die beschworenen Pflichten des ungarischen Königs verraten wolle. Die Klasse der adeligen Grundherren in Ungarn sucht die demokratische Leidenschaft, die ihrer Herrschaft droht, in eine nationale zu verwandeln, die sich in imaginären Gefahren erschöpfen soll. Deshalb stellt sie fortwährend neue nationale Forderungen an die Dynastie, die, sobald sie erfüllt sind, ihr sogleich schon wieder nicht mehr genügen, weil es sich ja dieser regierenden Klasse der Grundherren gar nicht darum handelt, irgend eine Forderung erfüllt zu sehen, sondern vielmehr darum, mit unerfüllten Forderungen das Volk aufzuregen, um so den politischen Haß der unterdrückten Klassen von ihnen selbst ab über die Grenze zu wenden. Die Klasse der feudalen Grundherren in Ungarn fühlt sich vor der anwachsenden ungarischen Demokratie nur solange sicher, als es ihr gelingt, die Furcht für die nationale Freiheit, die Furcht vor der österreichischen Gefahr wachzuhalten. Sie hat gar kein Interesse daran, daß die Dynastie, um das aufgeregte Land zu beschwichtigen, diese Forderungen erfüllt. Unerfüllte Forderungen gerade braucht sie viel mehr, weil sie ja das Land in Aufregung, weil sie die Stimmung braucht, als wäre das Land rings einer gemeinsamen Gefahr ausgesetzt, in der die Not des einzelnen zu verstummen hat und ein Verräter ist, wer sich nicht dem allgemeinen Willen der Nation fügt. Einen Feind vor den Toren braucht sie, nur solange kann sie hoffen, den inneren Feind zu bändigen: die Demokratie im eigenen Land, die sich anschickt, den Grundherren die Macht abzunehmen. Eine Oligarchie sucht sich vor dem eigenen Volk durch einen Krieg mit dem Nachbarn zu retten. So lange das ungarische Volk noch an die Feindschaft der Österreicher glaubt, können sich die ungarischen Grundherren in der Macht über ihr eigenes Volk behaupten. Und je mehr wir in Österreich, unmutig über die Forderungen, die die ungarischen Grundherren an uns stellen, gegen Ungarn rasseln, desto mehr helfen wir eben diesen Grundherren nur, weil all unser Kriegsgeschrei gegen die Judäomagyaren, Hunnen und Asiaten das ungarische Volk nur in seinem Zorn über Österreich, in seiner Furcht vor Österreich, in eben jener Stimmung also bestärkt, die die Grundherren vor der Demokratie schützt.

Hätten wir in Österreich, statt uns von jedem schallenden Schlagwort treiben zu lassen, politischen Verstand, so müßten wir vor allem den Ungarn beweisen, daß niemand bei uns daran denkt, diese tapfere, politisch ungewöhnlich begabte, für unser Staatswesen unentbehrliche Nation in ihren Rechten zu kränken, daß wir vielmehr bereit sind, ihnen dasselbe Recht auf Entwicklung ihrer wirtschaftlichen und geistigen Kräfte zuzugestehen, das wir für uns selbst verlangen. Wir können doch von uns sagen, daß wir es in den letzten Jahren vermocht haben, den paar adeligen Familien, die bisher unser Land regierten, und der mit ihnen versippten Bureaukratie die Macht abzunehmen oder doch diese Macht immerhin so zu schwächen, daß ein demokratisches Österreich möglich geworden ist. Zeigen wir den Ungarn, daß dieses Österreich der Demokratie nicht mehr das alte des Mißtrauens unter allen Völkern, der Ungleichheit, der Vergewaltigung ist, in dem jede Nation, was sie für sich brauchte, stets erst einer andern vom Mund wegschnappen mußte, sondern daß dieses Österreich der Demokratie jetzt den festen Willen hat, eine Form zu finden, die jeder Nation das Recht auf ihr eigenes Leben gewährt, zeigen wir uns überall bereit, die Vorherrschaft von Klassen oder Kasten zu brechen, und zeigen wir den Ungarn endlich, daß es nur die Kaste der ungarischen Grundherren ist, mit der wir uns nicht verständigen können, weil sie selbst jede Verständigung mit uns zu verhindern sucht, um eben dadurch ihr Vorrecht im eigenen Land zu behaupten, so werden sich bald Ungarn finden, die ihren Grundherren das Spiel verderben. Solange es aber den ungarischen Grundherren gelingt, uns in einen albernen Haß gegen das ungarische Volk zu hetzen, besorgen wir nur das Geschäft eben dieser Grundherren, gegen die wir so zornig tun. Unser österreichisches Interesse will genau dasselbe, was das ungarische Volk will: ein demokratisches Ungarn. Mit dem Ungarn der adeligen Grundherren können wir uns nie verständigen, weil dieses ja davon allein lebt, daß es jede Verständigung mit uns hintertreibt. Mit einem demokratischen Ungarn wären wir am ersten Tag einig. Wir müßten also alles tun, um der Demokratie in Ungarn zu helfen. Aber, sinnlos verhetzt, tun wir alles, um die Demokratie in Ungarn zu hemmen. Und die großen Grundherren in Ungarn gleichen den unsrigen aufs Haar: auch sie sind bereit, lieber Staat und Volk preiszugeben als ein einziges ihrer Vorrechte.

Der Kaiser oder irgend jemand, der ihn in den ungarischen Dingen berät, scheint sie viel besser zu verstehen, als der Haß unsrer österreichischen Patrioten. Er sieht, daß es nichts hilft, irgend eine Forderung der ungarischen Grundherren zu bewilligen, weil sich immer sogleich eine neue hinter ihr erhebt, und hinter dieser wieder eine und immer noch eine. Er sieht auch, was notwendig ist, wenn er sich der Grundherren erwehren will: er sucht zu erreichen, daß sich das ungarische Volk nicht mehr, wie die Grundherren ihm einreden möchten, in seiner Freiheit und in seinen Rechten von Österreich bedroht glaubt (daher die Geduld des ungarischen Königs, über die sich die österreichischen Patrioten so bitter beklagen), und er begreift, daß eine Lösung der ungarischen Fragen nicht möglich ist, solange nicht die Macht der adeligen Grundherren gebrochen, solange nicht Ungarn demokratisch geworden sein wird. Er sieht, daß zur Verständigung mit Ungarn das allgemeine gleiche Wahlrecht in Ungarn notwendig ist. Und alle diese neuen und neuesten ungarischen Krisen sind seither ein einziger langer Kampf um das Wahlrecht, das der Kaiser will, um dadurch über die Grundherren hinweg zur ungarischen Nation zu kommen, und das die ungarischen Grundherren verhindern wollen, oder doch so verfälschen, daß es auch wieder unwirksam wäre.

Unsre Patrioten glauben den Ungarn anders beizukommen. Sie versuchen nämlich gegen den herrschenden Stamm der Magyaren die andern Nationen aufzuhetzen und auszuspielen. Diese sind ja in Ungarn rechtlos. Zwar nicht dem Gesetze nach, das ausdrücklich jeder Nation ihre Sprache, ihre Schulen, das Recht auf Vereinigung und ihren Anteil an der Verwaltung zugesteht; den großen Männern der ungarischen Renaissance, Kossuth, Wesselenyi Deak, Eötvös, Szechenyi, lag der Gedanke zu magyarisieren fern. Aber in Wirklichkeit: denn die herrschende Klasse hält sich nicht mehr an das Gesetz. Ihr ist das Wichtigste, ihre eignen Leute zu versorgen, dazu braucht sie die Verwaltung, alle guten Plätze bleiben der Gentry vorbehalten. Und um das irgendwie zu rechtfertigen, hat sie die »Gefahr der Nationalitäten« erfunden. Sie braucht im eignen Land einen Feind, gerade so wie sie den österreichischen Feind braucht: um die nachrückenden Klassen der ungarischen Nation abzuschrecken und durch Furcht zu bändigen. Nun kommen unsre Patrioten und nehmen sich der in Ungarn unterdrückten Nationen an, was ist die Folge? Sie werden wieder nur das Geschäft der Grundherren besorgen. Seht, wird's heißen, schon vereinigt sich der österreichische Feind mit unserm innern Feind, nun muß aller Streit im eignen Hause schweigen, nun gilt's die Ehre und die Freiheit unsrer Nation! Diesen fortwährenden Kriegszustand zu erhalten, haben die Grundherren das höchste Interesse; nur so können sie sich ihrer eignen auf sie losschießenden Klassen noch einige Zeit erwehren. Was man Chauvinismus nennt, ist eigentlich der Gemütsart des Ungarn ebenso fremd, wie seiner ganzen Geschichte. Es ist ihm künstlich angezüchtet worden seit Kolomann Tisza, der zuerst erkannt hat, daß die Grundherren die Herrschaft verlieren müssen, sobald die Nation nur einen Augenblick zur Ruhe kommt und sich nicht mehr auf allen Seiten von Feinden umgeben glaubt. Sie täglich wieder in diesem Glauben zu bestärken, ist der Grundherren ewige Sorge. Und niemand hilft ihnen dabei besser als unsre Patrioten.

Die Monarchie braucht ein starkes Ungarn, das bereit ist, sich mit Österreich zu verständigen. Die Klasse der Grundherren verhindert es. Die ungarische Nation braucht ein Bürgertum, Intellektuelle und organisierte Arbeiter. Die Klasse der Grundherren verhindert es. Die andern Nationen in Ungarn, die Deutschen, Slowaken, Rumänen, Ruthenen, Kroaten und Serben brauchen das Recht, ihr eignes Volkswesen zu entwickeln. Die Klasse der Grundherren verhindert es. Alle, die Dynastie, die Monarchie, Österreich, das ungarische Volk und die andern Nationen des ungarischen Staates brauchen also dasselbe: den Sturz der Grundherren und die Errichtung der Demokratie in Ungarn. Aber dieser kleinen Klasse der Grundherren gelingt es zu verhindern, was alle brauchen. Es wird ihr so lange gelingen, als jeder, hier und dort, auf die Schlagworte des nationalen Wahns hört, statt auf das eigne Bedürfnis.

Den Zustand Ungarns, von dem man ja schon in Österreich nichts weiß, geschweige draußen, kann man aus zwei Büchern kennen lernen. Das eine ist ein Heft der vom Verein der Soziologen in Budapest herausgegebenen, von Doktor Oskar Jaszi geleiteten Zeitschrift »Huszadik Század«, das auch in einer besondren französischen Ausgabe vorliegt: La Hongrie contemporaine et le suffrage universel, erschienen bei V. Giard und E. Brière, Paris. Das andre heißt Racial Problems in Hungary, bei Archibald Constable in London, und ist von R. W. Seton-Watson verfaßt, der unter dem Namen Scotus Viator die bekannten Broschüren: »Die Zukunft Österreich-Ungarns und die Haltung der Großmächte« (Wien, Franz Deuticke 1908) und »Absolutismus in Kroatien« (Wien C. W. Stern 1909) geschrieben hat.

 

7

In einem Buche, das ich jetzt gelesen habe, kommt ein merkwürdiges Gespräch über die Rechtspflege vor. Auf einer fernen Insel, wo man von ihr nichts weiß, wird sie von einem, der ihr Wesen kennt, einem staunenden Zuhörer erklärt. Der Erklärer berichtet dem Insulaner, daß es in den Ländern mit Rechtspflege nämlich eine Klasse von Menschen gebe, die von Jugend auf in der Kunst unterrichtet werden, durch eigens zu diesem Zwecke gehäufte Worte zu beweisen, daß Weiß schwarz ist und Schwarz weiß, und zwar, je nachdem sie dafür bezahlt werden. Dieser Klasse seien alle übrigen Menschen als Sklaven untertan. »Wenn es zum Beispiel meinem Nachbar nach meiner Kuh gelüstet, so dingt er sich einen Anwalt, damit er beweise, daß er von mir meine Kuh erhalten müßte. Ich muß mir dann einen zweiten dingen, um mein Recht zu verteidigen, da es allen Regeln des Gesetzes widerspricht, daß ein Mensch für sich selber reden darf. Nun leide in diesem Falle ich, der ich der rechte Eigentümer bin, unter zwei großen Nachteilen. Zunächst ist mein Anwalt, der beinahe von der Wiege an darin geübt wurde, die Unwahrheit zu verteidigen, ganz außerhalb dieses Elements, wenn er der Fürsprecher der Gerechtigkeit sein soll, denn als ein ihm unnatürliches Amt greift er es äußerst ungeschickt, wenn nicht gar widerstrebend an. Der zweite Nachteil ist der, daß mein Anwalt sehr vorsichtig auftreten muß, sonst erhält er von den Richtern einen Verweis und seine Amtsbrüder verabscheuen ihn als einen Menschen, der die juristische Praxis schmälern möchte. Deshalb bleiben mir nur zwei Wege, um meine Kuh zu behalten. Der erste ist der, daß ich den Anwalt meines Gegners durch ein doppeltes Honorar für mich gewinne; denn der wird dann Verrat an seinem Klienten üben, indem er zu verstehen gibt, daß er das Recht auf seiner Seite habe. Der zweite Weg ist der, daß mein Anwalt meine Sache als so ungerecht erscheinen läßt, wie er nur kann, indem er zugibt, daß die Kuh meinem Gegner gehört; wenn man das geschickt ausführt, so gewinnt er mir sicherlich die Gunst des Gerichtshofes.« Nachdem der Erklärer so den Stand der Anwälte geschildert, wendet er sich dann dem der Richter zu, deren Amt es ist, sowohl Streitigkeiten über den Besitz zu entscheiden, wie auch über angeklagte Verbrechen zu richten. »Sie werden ausgewählt aus den gewandtesten Anwälten, die alt oder träge geworden sind, und da sie ihr Leben lang wider die Wahrheit und Gerechtigkeit eingenommen wurden, so werden sie mit verhängnisvoller Notwendigkeit den Betrug, den Meineid und die Bedrückung begünstigen; das geht so weit, daß ich mehrere unter ihnen kannte, die von jener Seite, bei der das Recht war, lieber große Bestechungen zurückwiesen, als daß sie ihren Stand schädigten, indem sie etwas taten, was sich für ihr Wesen und für ihr Amt nicht ziemte. Es ist unter diesen Anwälten ein anerkannter Grundsatz, daß, was je zuvor getan worden ist, wieder getan werden darf; und deshalb verwenden sie ganz besondere Sorgfalt auf ein Verzeichnis all der früher wider das Recht und wider jede Vernunft der Menschen gefällten Entscheidungen. Die gelten unter dem Namen der Präzedenzfälle als Autoritäten, und sie rechtfertigen die unbilligsten Ansichten; nie wird ein Richter verfehlen, ihnen gemäß zu entscheiden. Wenn sie ihre Sache vertreten, so meiden sie es streng, sich auf die guten Seiten dieser Sache einzulassen, aber laut und heftig und umständlich verweilen sie bei allen Einzelnheiten, die nicht zur Sache gehören. In dem erwähnten Fall zum Beispiel wünschen sie niemals zu wissen, welches Recht oder welchen Anspruch mein Gegner an meine Kuh hat; wohl aber, ob besagte Kuh rot oder schwarz ist, ihre Hörner lang oder kurz; ob das Feld, auf dem ich sie weiden lasse, rund oder viereckig ist, ob sie im Hause gemolken wird oder draußen, unter welchen Krankheiten sie leidet und dergleichen mehr; dann suchen sie nach Präzedenzfällen, vertagen die Sache von Zeit zu Zeit und kommen in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren zu einer Entscheidung. Es läßt sich gleichfalls beobachten, daß diese Leute eine eigene Sprache oder Dialekt sprechen, den kein anderer Sterblicher verstehen kann; in dieser Sprache sind auch alle Gesetze geschrieben, und sie mühen sich emsig, sie immer mehr auszubauen. Auf diese Weise haben sie das innerste Wesen von Wahrheit und Falschheit, von Recht und Unrecht ausgewechselt, so daß sie dreißig Jahre brauchen, um zu entscheiden, ob das Feld, das mir durch sechs Generationen hin von meinen Vorfahren hinterlassen wurde, mir gehört oder einem Fremden, der um dreihundert Meilen entfernt wohnt. Bei den Prozessen wider Leute, die eines Verbrechens gegen den Staat angeklagt sind, ist das Verfahren viel kürzer und löblicher: der Richter schickt erst zu denen, die im Besitz der Macht sind, um sie zu sondieren, und dann kann er den Verbrecher leicht unter strenger Beobachtung aller gehörigen Rechtsformen an den Galgen bringen oder retten.«

Ich habe beim Lesen dieses Buches immer wieder den Titel aufgeschlagen, um nachzusehen, ob es nicht am Ende doch von Burckhard ist. Es ist aber wirklich nicht von Max Burckhard, und es ist auch nicht von Anatole France, und es ist nicht, wie viel auch dafür sprechen mag, von Bernard Shaw. Nein, es ist von Jonathan Swift, der 1667 geboren wurde und 1745 starb. Es ist nämlich das alte hochberühmte Buch von Gullivers Reisen in verschiedene ferne Länder der Welt, nur in einer neuen, der ersten ungekürzten deutschen Ausgabe, die jetzt Erich Reiß, ein junger Berliner Verleger, besorgt hat. Die alten Ausgaben nämlich, in denen wir es als Kinder alle kennen gelernt haben, sind für die bürgerliche Denkart hergerichtet gewesen, und was Swift damit eigentlich sagen wollte, ist darin weggelassen worden. Das kann einem Dichter auch noch passieren. Geraten ihm einmal seine Gedanken so gut, daß die Mächtigen sie doch nicht mehr unterdrücken können, so wird dafür gesorgt, daß wenigstens bloß ihre Form zu den Nachkommen gelangt, alles Inhalts entleert, und aus einer Rebellion wird ein Hausmärchen gemacht. Vielleicht kann es auf diese Art in hundert Jahren auch Burckhards »Insel der Seligen« noch zu einem Schulbuch bringen, ebenfalls entsprechend adaptiert, und zu Weihnachten wird dann artigen Kindern vielleicht die »Bürgermeisterwahl« oder der »Rat Schrimpf« vorgespielt, mit Zitherbegleitung. Denn man hat nichts mehr gegen einen Autor, sobald sich nur erst einmal ein Mittel gefunden hat, seinen Geist zu denaturieren. Für die Klassiker wird das ja bei uns sogar von Staats wegen besorgt, indem man dafür eine eigene Kaste angestellt hat, die der sogenannten Germanisten. Nun ist aber Burckhard in Oberösterreich aufgewachsen, und dies wird doch die Sache sehr erschweren, denn daher hat er eine Neigung, sich seinen Geist nicht unterschlagen zu lassen. An Versuchen, auch ihm beizubringen, daß man ja gewiß eine Meinung haben kann, sie doch aber, wenn man halbwegs klug ist, lieber für sich behält, hat's ja von allen Seiten niemals gefehlt, besonders anfangs nicht, als man noch die Hoffnung hatte, er werde sich begnügen, bloß der gewisse fesche Kerl zu sein, der zu verstehen gibt, daß er sich auskennt, aber davon weiter keinen lästigen Gebrauch macht, es gibt Beispiele. Aber diese Hoffnung hat getrogen, er macht Gebrauch davon, auch ins Weite, er will, daß sich alle auskennen sollen, und er hört noch immer nicht auf, immer lästiger zu werden; nur ein Glück für uns, daß er kein Ausländer ist. Ja, als ob er Angst hätte, es könnte auch ihm einmal passieren, daß seine Werke gereinigt und in eine untertänige Form gebracht würden, worauf man dann ja bereit wäre, auch ihn unter unsere Klassiker aufzunehmen, mit Nachsicht des Geistes, hat er jetzt einen kurzen Auszug seiner Meinungen verfaßt, gleichsam ein Programm, das alles enthält, was er über Rechtspflege denkt, und wie sie vielleicht doch noch aus dem Sumpf gezogen werden könnte. Dieses Programm ist sicher davor, jemals populär bearbeitet zu werden; denn man müßte es dazu so lange kürzen, bis davon kein Wort mehr übrig wäre.

Es ist eine kleine Schrift, die »Der Richter« heißt, in einer »Sammlung von Abhandlungen für Juristen und Laien« erschienen, die bei Puttkammer & Mühlbrecht in Berlin von Dr. Franz Kobler herausgegeben wird und sich »Das Recht« nennt. Dreiundneunzig knappe Seiten nur. Aber der ganze Burckhard ist darin, mit seinem Widerspruch. Er hat ja nämlich überhaupt zwar das Tun und Taugen der Menschen so tief erkannt, daß er daran verzweifelt, denkt aber doch Tag und Nacht noch immer nur, ihnen zu helfen. Indem er weiß, daß es nicht besser werden kann, sinnt er nach, wie es besser werden könnte. Töricht, auf Besserung der Toren zu harren, sagt auch er sich und harrt auf sie, harrt aus; und gerade dies Bewußtsein einer tief mit der menschlichen Natur verwachsenen Schuld, das sonst aus allen Feige macht, macht ihn verwegen. In seinem Denken ist eine Stelle, von der aus man, durch Enttäuschung an der Menschenart, sehr bequem zum erbitterten Reaktionär wird. Und in seinem Denken ist eine andere Stelle, von der man gar nicht mehr weit zum Anarchisten hat. Und mit solchen Stellen im Denken hat er dennoch die Kraft, einer bürgerlichen Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu dienen. Wenn das kein Idealist ist, hat das Wort keinen Sinn. (Worin er übrigens Ibsen und Zola so merkwürdig gleicht, die auch beide aus einer unbarmherzigen Einsicht in die menschliche Verworfenheit zum Glauben an eine frohe Gemeinschaft der Menschen in Freiheit und Gerechtigkeit gekommen sind.) Für alle Dinge hat er diesen zweifachen Blick, und so läßt er auch nicht ab, nachzusinnen, was denn zu geschehen hätte, damit wir gute Richter bekämen, obwohl er erkannt hat, daß ja das Amt des Richters mit der Natur des Menschen unverträglich ist. Unser Gefühl empört es, daß irgend ein Mensch von derselben Art, wie nun einmal Menschen eben sind, sich plötzlich, indem er eine Robe anzieht, nun auf einmal anmaßen dürfen soll, über eines anderen Menschen Freiheit und Ehre, ja Leben und Tod, zu entscheiden, und wäre dieser Richter selbst der beste Mensch sogar, der aber doch auch, wenn ihm gestern seine Frau durchgebrannt ist, heute gereizt und auf Rache an der ganzen Menschheit gesinnt sein wird, und wenn er gestern betrunken war (nicht bloß in Kroatien wird getrunken), heute einen Kater hat, in dem dann ein Dichter einen schlechten Vers und ein Schuster einen schlechten Schuh macht, der Richter aber einen Unschuldigen an den Galgen bringt. Dieses Gefühl, das wohl jeder kennt, der einmal vor Gericht gestanden ist und es erlebt hat, wie hier fingiert wird, es könnte ein Mensch, ganz von derselben Art, wie nun wir einmal alle sind, dennoch unseren gemeinen Menschlichkeiten nicht unterworfen sein, hat manchen schon verführt, daraus zu schließen, daß, da nun doch einmal kein Mensch der Übermensch ist, der ein guter Richter sein müßte, und darum das Recht, wie die Libussa sagt, doch immer »nur der ausgeschmückte Name für alles Unrecht, das die Erde hegt«, daß es deshalb eigentlich am Ende ja völlig gleich bleibt, ob wir gute Richter haben oder schlechte; das Unrecht, das nun einmal tief im Wesen alles Rechtes sitzt, bleibt dasselbe. Ja, es gibt Weltverbesserer, die darum sogar den schlechten Richter vorziehen, weil sie meinen, daß man sich gegen ihn eher empören, und die Menschheit sich dann doch noch einmal entschließen wird (wie Shakespeare ihr schon immer geraten hat), statt Recht, nach dessen Lauf doch »unser keiner zum Heile käm«, lieber Gnade zu üben. Burckhard aber mit seinem praktischen Oberösterreicherverstand, der weiß, wie dumm es ist, logisch zu sein, schließt, daß gerade, weil auch der gute Richter niemals ein wahrer Richter sein kann, einer, der dem Begriff des Richters entspräche, daß wir gerade darum trachten müssen, die besten Richter zu haben, die auch noch genug Unrecht anrichten werden, aber doch nicht mehr, als nun einmal, so lange der Mensch bleibt, wie er ist, unbedingt nötig ist.

Anatole France hat einmal gesagt: » Si l'on se mêle à conduire les hommes, il ne faut pas perdre de vue qu'ils sont de mauvais singes; à cette condition seulement on est un politique humain et bienveillant.« Wir haben heute keinen in Österreich, der dies, un politique humain et bienveillant, mehr wäre als Burckhard. Darum ist man auch so froh, daß er weit weg still in St. Gilgen sitzt, mit seinen Hunden in seinem Wald.

 

8

Wunderlich ist es, wie wir Österreicher immer in Erwartung leben und es dann aber doch verpassen, wenn es in Erfüllung geht. Wir haben alle hier in Österreich immer das Gefühl, mehr zu sein als davon sichtbar wird. Jeder einzelne klagt darüber, das man ihn niemals zeigen läßt, was er eigentlich alles kann; und so murrt das ganze Land, daß es mit seinen Kräften still im Winkel stehen muß und sie nicht regen darf. Gar wenn in der Fremde draußen Österreicher irgendwo beisammen sitzen, hört man sie sich immer wieder wundern, wieviel dort mit Begabungen hergemacht und von ihnen erreicht werde, die wir zu Haus im Dutzend hätten; und immer heißt's wieder zuletzt: Wir können alles, was man irgendwo kann, wir sind ebensoviel, wir haben das alles auch, aber wir behalten es für uns, keiner kommt dazu, sich zu zeigen, man hat bei uns keine Verwendung für uns! Alle fühlen das, alle denken so, mancher sagt's, aber keiner will es ändern; sondern mit der Neigung nachzugeben, die wir nun einmal in unserem gemischten Blut haben, heißt es in Ergebung: Das ist schon in Österreich nicht anders, das ist halt schon einmal so! Eigentlich ist's aber, seien wir nur aufrichtig, mit dieser stillen österreichischen Ergebung und Entsagung ja gar nicht so weit her. Im geheimen hoffen wir doch alle von Tag zu Tag, daß sie sicher einmal vom Schicksal belohnt werden und unsere Bescheidenheit plötzlich strahlend siegen wird, etwas märchenhaft stellen wir uns ja gern das Völkerleben vor. So hofft sich jeder einzelne, daß schon einmal ein Wunder mit uns geschehen wird, und es hofft's das ganze Land. Ich werd's nicht ändern, sagt sich jeder, es tät uns halt ein Mann not, ein Mann und eine Tat. Und wir warten alle noch immer auf diesen Mann mit seiner Tat, und bis dahin fassen wir uns in Geduld. Schön ist das von uns, aber es kann uns passieren, daß der ersehnte Mann mit der vorberühmten Tat in unserer Phantasie so über alles Menschenmaß hinauswächst und so groß in unserer Hoffnung wird, daß wir, wenn einmal wirklich einer kommt und wirklich eine geschieht, enttäuscht sein werden. Das ist alles? wird's dann heißen, ich hab mir ihn größer gedacht, den großen Mann! Denn das Denken hat das voraus, daß es von keiner Wirklichkeit erreicht werden kann. Und im Märchen tritt plötzlich ein Prinz aus dem Busch, aber im Leben geschehen die Wunder ganz still, indem sich eine Tat langsam auf die andere stellt, und noch eine und wieder eine, bis endlich eine dann so hoch steht, daß alle sie von allen Seiten sehen. Und im Leben wird einer nur dadurch ein großer Mann, daß es vor ihm viele kleine gibt, auf die er steigen kann. Seine Füße sind auch nicht größer, es sieht nur so aus; er reicht ja wirklich bis an die Wolken, aber auf den Schultern der anderen. Damit einem Volk ein großer Mann erscheinen kann, müssen sich hundert Jahre lang viele kleine hinstellen, einer über den anderen; wer dann nach diesen hundert Jahren auf den letzten tritt, der ist groß, denn er hat die Größe von den hundert Jahren unter sich. Es wird sich aber niemand hinstellen, wenn man jedem die Lust dazu vertreibt. Bei uns stellt sich niemand hin, weil's immer gleich heißt, er sei doch der Große nicht, den wir erwarten, er soll sich nichts einbilden! Und so sitzen wir in unserer Erwartung und werden es verpassen. Und in hundert Jahren wird man sich auf unseren Gräbern wundern, wie merkwürdige Menschen es doch damals in Österreich gegeben hat oder gegeben hätte, voll Mut und Tätigkeit und Tüchtigkeit, eine ganze Menge, und wieviel überall durch sie vollbracht worden ist oder vollbracht worden wäre. Und am meisten wird man sich aber darüber wundern, daß es solche Menschen gegeben hat und solche Werke geschehen sind, ohne daß wir etwas davon bemerkt hätten.

Wir haben an unseren Menschen und ihren Werken keine Freude. Was einer kann, wird ohne Dank hingenommen, als wär's nur seine Schuldigkeit. Für ihn ist das ja noch nicht einmal so schlimm. Er hat doch, was er kann; das ist am Ende Lohn genug. Den Schaden haben wir selbst, denn weil wir keinem danken und nichts bewundern, fehlt's in der Luft um uns immer an jener Ladung mit Lust und Stolz und Mut, durch die der Ängstliche Vertrauen gewinnt, der Vorsichtige sich hinreißen läßt, der Tapfere zum Helden wird und so jeder weit über seine Kraft schießt, alles einsetzt und sich alles zutraut. In einem Land, wo die Tätigen und Tüchtigen unbenützt bleiben, wird die Luft so dünn, daß jedem der Atem vergeht. Ich fürchte, käm selbst wirklich einmal der vielerflehte Mann der großen Tat, er bliebe unbemerkt und unbenützt, es ging ihm wohl bald unter uns der Atem aus. Denn zum Atmen braucht, wer schaffen soll und wirken will, die große Freude ringsherum. Mitleid haben wir allenfalls, wenn's einem schlecht geht, aber an Mitfreude fehlt's uns. Wir freuen uns zu wenig über die Menschen, die wir haben, und über die Werke, die sie tun. Das denk ich mir immer und denk mir's jetzt wieder, so oft ich an die zwei Prachtbuben denke, die Renner Buben in Graz.

Wär das in England oder Frankreich ein Tumult, wenn sie so zwei hätten, die Welt würde davon hallen! Der eine ist neunzehn, der andere siebzehneinhalb, Artisten sind's, Akrobaten, dem Vater behilflich, der Elefanten dressiert, sind durch die Welt gesprungen und haben sich umgetan, da fällt ihnen ein, Fliegen müßt noch schöner sein. Und sie fliegen! Sie denken sich aus, wie man vielleicht fliegen könnt, und was sie sich ausgedacht haben, richten sie sich her und basteln herum, bis es geht; es muß gehen, es wird schon gehen. Und es geht, und sie fliegen! Sie fliegen ab, sie fliegen zurück, sie fliegen vergnügt um den Schloßberg herum. Niemand hat ihnen geholfen, sie waren ganz allein, und ganz allein haben sie in ein paar Monaten fertiggebracht, was in allen den Jahren dem gelehrten Tiefsinn unserer gelernten Aviatiker niemals gelang. Denn diese sind Fachmänner, die Buben aber haben gar nichts gelernt, sie können's nur. Ganz ungebildet fliegen sie, wie der Vogel fliegt. Schon Leonardo hat sich das gedacht und hat gern den Vögeln zugesehen, um es ihnen abzusehen; er ist aber vorher gestorben. Da kommen zwei so Buben, der eine neunzehn, der andere siebzehneinhalb, und die können's. Kein Mensch will's ihnen glauben, sie denken sich, man wird's schon sehen, und sie ziehen sich eine weiße Dreß an, schwingen die Mützen und lachen. So fliegen sie, sie können's halt. Ganz wie sie sich's gedacht haben, geht's, alles geht was der Mensch sich denkt, er muß es sich nur stark genug denken, mit seines vollen Herzens ganzer Kraft (das andere hat ihnen dann der Fabrikant Puch besorgt, für das andere findet sich dann immer irgend ein Puch). Ist das nicht wunderschön? Pindar hat geringere Helden angesungen, d'Annunzio hätte die zwei mit dantesken Oden verbrüht, in England wären sie durch öffentliche Spenden schon für ihr ganzes Leben versorgt, und der deutsche Kaiser hätte jeden amtlich zum größten Jüngling des zweiten und dritten Jahrtausends ernannt!

In Graz ist man ja auch sehr stolz auf sie. Nur bis man halt bei uns von einer Stadt in die andere kommt, da zieht sich halt der Weg. Es gibt nämlich bei uns Grazer, es gibt Wiener, es gibt vielleicht auch Prager (obwohl das schon ziemlich unsicher ist), aber Österreicher gibt es nicht. Daher kommt das. Und Österreicher wird es niemals geben, wenn wir uns nicht angewöhnen, auf die Menschen, die was können, stolz und ihrer Taten froh zu sein. Wir sagen immer, neidisch hinaufblickend: Ja, draußen im Reich haben sie manchen großen Mann! Wir vergessen dabei nur: die draußen machen ihre großen Männer auch groß! Denn sie wissen: jeder, den ein Volk in Ehren hält, mehrt seines ganzen Volkes Ehre! Und sie wissen, daß es vielleicht gar nicht so sehr auf den Mann und auf die Tat ankommt, als darauf, mit welcher Kraft ein Volk ihn dann im eigenen lebendigen Gemüt umgibt und an seiner Tat neue Hoffnungen, feste Wünsche, frohe Zuversicht zieht, wie große gelbe Birnen am Spalier. Das könnten wir von den Berlinern lernen! Ich meine gar nicht, daß wir uns gleich überschlagen sollen, weil jetzt auch in Graz geflogen wird. Das ist schließlich nichts so Großes. Aber ich wundere mich doch, wie gleichgültig man bei uns den beiden Buben zusieht. Sie haben es doch vollbracht, daß man sich in Österreich einmal über etwas freuen kann. Es gibt jetzt zwei Buben in Österreich, über die man sich freuen kann. Das ist doch schon sehr viel.

 

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Der Versuch, den »Feldherrnhügel«, ein lustiges Stück von Roda und Rößler, das von der Zensur erlaubt und neunzehnmal unangefochten gespielt worden war, nachher hinterrücks abzumurksen, ohne Verbot, bloß durch einen Druck auf den Direktor, der durch Drohungen und Versprechungen zugleich bestimmt werden sollte, das unbequeme Ding unmerklich verschwinden zu lassen, hat Aufsehen erregt, als ein besonders auffälliges Beispiel der Rechtsunsicherheit, in der wir leben. Niemand weiß hier, was ihm eigentlich erlaubt und was verboten ist. Da nämlich unsre Gesetze nicht angewendet werden, hat man keine Möglichkeit, sich darüber irgend eine Gewißheit zu verschaffen. Was manchen erlaubt ist, ist andern verboten – es hängt von ihren Beziehungen ab, und hauptsächlich davon, ob sie einen Hofrat zum Onkel haben. Aber auch was einem erlaubt ist, bleibt ihm deswegen noch nicht erlaubt; Erlaubnis und Verbot wechseln mit dem Wind, der oben weht. Und wie sie je nach der Zeit wechseln, wechseln sie auch je nach dem Ort; in Graz herrscht eine andre Sittlichkeit als in Prag, je nach dem Präsidenten des Oberlandesgerichts. Auch wer einen Hofrat zum Onkel hat, selbst der ist nie ganz sicher, nicht eingesperrt zu werden, gar, wenn er in einen andern Sprengel kommt. Dies gibt dem ganzen Leben bei uns einen gewissen aufregenden Reiz; es läßt sich ja nicht leugnen, daß es in gesetzlosen Zeiten viel romantischer zugeht und in der Willkür ein einzelner verwegner Mann sich ganz anders ausbreiten kann als in rechtmäßigen Zuständen, die wirklich nichts Spannendes haben, weil man da doch alles im voraus weiß. Das erklärt auch die Vorliebe unsrer Ästheten oder Artisten für die Räuberromantik der österreichischen Verwaltung; sie haben Angst, Österreich könnte, wenn auch hier einmal Achtung vor dem Gesetz eingeführt würde, viel von seiner Farbe verlieren und am Ende nicht mehr so pittoresk sein.

Pittoresk ist das Verfahren mit dem »Feldherrnhügel« ja jedenfalls gewesen. Er hat zuerst die höchst langwierige, lächerliche Behandlung bei unsrer offiziellen Zensur durchgemacht, von der zunächst ein Stück wochenlang ausgeschnüffelt wird. Sie hat natürlich auch hier viele Verbrechen entdeckt, aber nachdem diese getilgt worden waren, schließlich dem verdächtigen Ding doch zugestimmt. Die Generalprobe kam, und da sitzt ja hier immer die Behörde dabei, um sich noch einmal zu überzeugen, ob nicht durch ein gefährliches Augenzwinkern oder einen hochverräterischen Schnurrbart das Reich erschüttert werden könnte. Sie hat diesmal nichts gefunden. Die Erlaubnis wurde denn erteilt. Das Stück wurde neunzehnmal gespielt, immer in Gegenwart der Behörde. In jeder Vorstellung ist ja bei uns die Behörde da. Und die Behörde trug nach jeder Vorstellung in das Buch ein, daß alles in Ordnung gefunden worden war. Dann aber, nach der neunzehnten, ist etwas geschehen, was wir noch immer nicht genau wissen. Irgendwem muß das Stück mißfallen haben. Das war natürlich das gute Recht dieses Irgendwer. Und er muß nun dem Statthalter oder dem Polizeipräsidenten mitgeteilt haben, daß es ihm mißfalle, daß solche Stücke nicht nach seinem Geschmack seien und daß solche Stücke lieber nicht aufgeführt werden sollten. Was natürlich auch sein gutes Recht war; auch ich habe manchmal, wenn ich aus dem Theater komme, bei manchen Stücken solche Wünsche – das Glück ist offenbar nur, daß ich mit dem Statthalter nicht genügend bekannt bin. Der Irgendwer aber war mit dem Statthalter genügend bekannt und dieser, um sich ihm gefällig zu zeigen, beschloß, die Aufführungen des Stückes einzustellen. Auch dagegen läßt sich schließlich noch immer nichts sagen, wofern der Statthalter irgend ein gesetzliches Verfahren eingeschlagen hätte, durch das die Entscheidung der ersten Behörde mit Gründen angefochten, der Fall vor eine höhere Behörde gebracht und nun von dieser jene Erlaubnis aufgehoben und in ein Verbot verwandelt worden wäre. Man könnte dann über dieses Verbot streiten, doch das hier geltende Gesetz wäre nicht verletzt worden. Aber das Gesetz anzuwenden, hat man den Statthalter erst zwingen müssen. Zunächst tat er dies noch immer nicht, sondern er ließ den Direktor zur Polizei holen, wo diesem zugemutet wurde, das Stück unauffällig sacht verschwinden zu lassen. Man empfahl ihm die Erkrankung eines Schauspielers, wofür man ihm, der sein Theater ohne die nach unsern Verordnungen dazu notwendige Konzession führt, diese nun zu erteilen versprach, wogegen man ihm, wenn er Geschichten mache, sein Theater zu sperren drohte; denn, wenn in Österreich jemand versucht, auf seinem Rechte zu bestehen, nennt man dies »Geschichten machen«, das ist der technische Ausdruck dafür. Der Direktor machte natürlich keine Geschichten, aber wir machten sie: die Dichter verlangten ihr Recht, die Freie Volksbühne schloß sich ihnen an, dann auch der Bühnenverein und der Verband der Autoren. Wir sagten: Solange das Stück nicht verboten ist, hat der Direktor die Pflicht, es aufzuführen; soll es nicht mehr aufgeführt werden, so verbietet es! Der Direktor, zwischen unseren Drohungen (wir konnten ja den Boykott über ihn verhängen) und den Drohungen der Behörde, sein Theater zu sperren, eingeklemmt, bat die Behörde, das bisher noch immer erlaubte Stück auch ferner zu erlauben oder aber es jetzt zu verbieten. Sie verweigerte dies, es sei denn, daß der Direktor ein besondres Gesuch einreiche, in dem das Verbot des Stückes ausdrücklich verlangt werde. Merkwürdigerweise schämte der Direktor sich doch, das Gesuch einzubringen, die Behörde möge das von ihr erlaubte Stück auf die Bitte des Direktors hin verbieten. Er schlug ihr aber vor, das von ihr erlaubte Stück abzuändern, damit es noch erlaubter werde. Er war bereit, eine Art Kostümstück daraus zu machen, in dem durchaus nichts mehr auf unser Land bezogen oder so gedeutet werden könnte, als wären wir damit gemeint. Die Behörde schien im ersten Augenblick einzuwilligen. Aber es sei dazu notwendig, die Zustimmung des Zensurbeirats einzuholen. Dieser Zensurbeirat ist eine Erfindung Körbers. Körber hatte die Methode, wenn sich doch einmal das öffentliche Gewissen zu regen schien, es durch Erlasse zu beschwichtigen. Er war ein guter Stilist, der über alle Beteuerungen des Rechts und der Freiheit verfügte. Wären seine Erlasse jemals von seinen Beamten ernst genommen und auch nur zum Teil ausgeführt worden, so hätten wir einen Rechtsstaat. So weit trieb er es aber nicht und die Beamten verstanden, daß er dies keineswegs meinte. Sein Rechtsgefühl und sein Freiheitssinn blieben auf dem Papier. Auf dem Papier blieb auch der hohe Rat, den er der Zensur beigab, um sie vor den ärgsten Dummheiten zu bewahren. Ihr Urteil, hieß es, sollte von Leuten geprüft werden, die der Literatur etwas näher stünden, als die Polizei. Dazu wurden nun aber einige Herren ausgewählt, die vielleicht auf andern Gebieten tüchtig sind, jedoch zur Literatur, jedenfalls zur dramatischen, keine Beziehung haben. Dies war die Methode Körbers. Die Behörde benützte denn auch den Beirat sogleich, um Verfügungen, deren sie sich selbst doch geschämt hätte, von ihm verantworten zu lassen. Er wird einberufen, um Stücke zu verbieten, die zu verbieten die Behörde doch Bedenken hat. Er funktioniert ausgezeichnet, er hat noch nie versagt. Er hat auch diesmal nicht versagt: er verbot sogleich das von der Zensur erlaubte Stück.

Und nun kann niemand mehr behaupten, daß in Österreich das Gesetz nicht angewendet werde. Es wird nicht gleich angewendet, die Behörde versucht es zuerst lieber anders, heimlich und hinterrücks, durch Drohungen und Versprechungen, sie geht lieber den ungesetzlichen Weg, aber wenn man es durchaus will, wenn man Lärm macht, wenn man schimpft und schreit, zeigt sie schließlich, daß sie sich schon auch einmal gesetzlicher Mittel bedienen kann. Hätte sie das aber gleich getan, so wären wir ja nicht in ganz Europa wieder einmal ausgelacht worden. Für die Belustigung Europas zu sorgen scheint ihr das Wichtigste zu sein.

Charakteristisch für unsre Verwaltung ist nicht, daß das Stück schließlich verboten wurde. Charakteristisch ist, daß sie zu feig war, es gleich zu verbieten, und deshalb versuchte, es ohne Verbot abzutreiben. Österreich ist ein Militärstaat. Seine Machthaber sind der Meinung, des Militärs gegen den äußern und gegen den innern Feind nicht entraten zu können. Der Militärstaat bringt es mit sich, daß der Militärstand als eine besondre Kaste, von allen andern Klassen abgeschlossen und über alle andern Klassen erhöht, mit besondern Vorrechten auftritt und mit ungewöhnlichen Würden, ja fast mit einer Art von Heiligkeit umgeben wird. Darauf beruht der Militärstaat schließlich, und wer ihn für notwendig hält, wird auch dieser Devotion vor dem Militärstand zustimmen müssen und es begreifen können, daß man ein Stück verbietet, das durch seine harmlosen Neckereien für manches Gefühl die Ehrfurcht vor dem Militärstand zu verletzen scheint. Man kann dann sagen: Schade, daß wir in einem Militärstaat leben! Man kann es auch benützen, um gegen den Militärstaat zu agitieren, und kann sagen: Seht, zu welchen Folgen der Militärstaat führt! Man kann es aber dem Militärstaat nicht verdenken, daß er ein Militärstaat bleiben will und alles abwehrt, worunter die fast religiöse Verehrung des Militärstandes leiden könnte, und jedes gesetzliche Mittel anwendet, um ein Stück zu verbieten, in dem Offiziere nicht als vollkommne Idealgestalten dargestellt werden. Allerdings ist im Deutschen Reich der Zapfenstreich nicht verboten worden. Man war eben dort offenbar der Meinung, den Militärstaat auch gegen dieses Stück behaupten zu können. Wenn man dieser Meinung bei uns nicht ist, sondern von der Schnurre der Herren Rößler und Roda Gefahren für den Militärstaat befürchtet, so kann man darüber streiten, nicht aber über sein Recht, sich nach Kräften zu wehren und ein so verdächtiges Stück abzuweisen. Was ein Militärstaat zu seiner Erhaltung für notwendig hält, darüber steht schließlich den Gegnern des Militärstaats kein Urteil zu, sondern nur ihm selbst und seinen eignen Machthabern. Es hat sich nun gezeigt, daß die Machthaber des österreichischen Militärstaats der Meinung sind, die Schnurre der Herren Rößler und Roda sei mit dem Ansehen unsres Militärstands unvereinbar. Ob unsre Machthaber mit dieser Meinung recht haben oder unrecht, kann ich nicht ermessen. Ich muß aber zugeben, daß sie wenn sie nun einmal, mit Recht oder mit Unrecht, dieser Meinung sind, die Pflicht haben, uns vor Aufführungen eines solchen Stückes zu schützen. Sie haben dazu ja eine eigne Behörde, die darüber zu wachen hat: eben unsre Zensur. Ich bin kein Freund des Militärstaats und bin kein Freund der Zensur, aber ich beuge mich vor der Tatsache, daß wir in einem Militärstaat und unter einer Zensur leben. Nur muß ich aber nun doch fragen: Warum funktioniert dann die Tatsache unsrer Zensur so schlecht? Wie kommt die Zensur dazu, überhaupt ein Stück zu erlauben, das, nach der Meinung der Machthaber, wie wir jetzt erfahren, eine Gefahr für das Ansehen unsers Militärs ist? Ist unsre Zensur so wenig mit der Meinung unsrer Machthaber vertraut? Hat unsre Zensur so wenig Sinn für das Ansehen unsers Militärs? Man hört doch jetzt sogar erzählen, in diesem Stücke wären Erzherzoge verspottet worden. Haben wir also eine Zensur, mit deren Zustimmung Erzherzoge verspottet werden? Und der Beamte, der ein Stück erlaubt hat, das, wie es jetzt auf einmal heißt und wie der Zensurbeirat noch ausdrücklich bestätigt, unsern Militärstand und unsre Erzherzoge lächerlich macht, dieser Beamte bleibt im Amt, und man hört noch immer nicht, daß er fortgejagt worden sei? Hat Zensur irgend einen Sinn, so kann es doch nur der sein, die Meinung der Machthaber auszuführen, das Ansehen ihrer Einrichtungen zu schützen und dafür zu sorgen, daß ihr Wille geschehe, nicht aber auch noch den Machthabern heimlich ein Bein zu stellen. Eine Zensur wie die unsre, die das Volk gegen die Machthaber erbittert, aber dabei die Machthaber nicht einmal vor unbequemen Meinungen schützt, sondern sich noch ein Vergnügen daraus macht, sie hinterrücks dem Spott preiszugeben, ist eine Karikatur. Und diese Karikatur einer Zensur die auch noch ihren eignen Herrn verrät, die überall Verwirrungen anrichtet, die das Gesetz verhöhnt, jeden gegen die Machthaber erbittert und dann erst noch an der Verspottung der Machthaber schadenfroh mitwirkt – die haben nur wir in Österreich ganz allein! Denn die ist nur mit österreichischen Beamten möglich, die das Gesetz nicht achten, die Mächtigen nicht achten, das Volk nicht achten, kein Rechtsgefühl haben, kein Pflichtgefühl haben, sondern in allem immer nur ihrer eignen Allmacht dienen, der Selbstherrlichkeit der Bureaukratie.

In andern Ländern wird die Bureaukratie zuweilen dadurch unbequem, daß sie den Staatsbegriff überspannt. In Österreich hat die Bureaukratie gar keinen Staatsbegriff. Sie hat sich längst unabhängig vom Staat und selbständig gemacht. Sie hat sich neben dem Staat etabliert, auf eigne Faust und voll Eifersucht, voll Neid, voll Mißtrauen gegen ihn. Ihre einzige Beziehung zum Staat besteht darin, daß sie so freundlich ist, sich von ihm bezahlen zu lassen. Sonst lebt sie in einem permanenten geheimen Widerstand gegen ihn. Jeder österreichische Beamte ist ein Frondeur gegen den Staat. Das Gesetz benützt er nur dazu, um den Staat in Verlegenheit zu bringen. Für sein eigentliches Amt hält er es, nachzuweisen, wie das Gesetz umgangen werden kann. Wer etwa bei uns eine Fabrik baut und sich zur Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften an die Behörde wendet, erfährt von dem Beamten zunächst, daß nach den gesetzlichen Vorschriften diese Fabrik überhaupt unmöglich ist. Dann aber erklärt der Beamte sich gern bereit, diese nach den gesetzlichen Vorschriften unmögliche Fabrik zu ermöglichen, indem er nun die Mittel angibt, an dem Gesetz vorbeizukommen. Eine Haupttätigkeit unsrer Bureaukratie besteht auch darin, die Beschlüsse des Parlaments oder die Absichten der Minister durch die Art, wie der Bureaukrat sie ausführt, lächerlich und unmöglich zu machen. In diesem allem ist ein System: es soll dadurch dargetan werden, daß es nichts nützt, das Recht für sich zu haben, wenn man nicht die Bureaukratie für sich hat. Es soll jedem jeden Tag bewiesen werden, daß die Bureaukratie die einzige wirkliche Macht in Österreich ist. Wer sie für sich hat, kann der Dynastie trotzen, das Gesetz verachten und sich gegen das Volk vergehen – es geschieht ihm nichts, weil er die Bureaukratie für sich hat. Wer aber die Bureaukratie nicht für sich hat, dem kann keine Macht in Österreich helfen, er kommt zu keinem Recht. Diese Meinung sucht die Bureaukratie möglichst zu verbreiten. Wer auf ein Recht pocht, erhält von jedem österreichischen Beamten immer zur Antwort: »Mit dem Gesetz werdens da nicht weit kommen!« Macht er sich dann aber vor dem Beamten klein und verlegt sich aufs Bitten und Kriechen und Betteln, so heißt's: »Ich werd schauen, Ihnen das zu richten!« Unsre Bureaukratie sucht jedem Österreicher den Glauben zu erhalten, daß man ohne sie nichts in Österreich könne oder dürfe, daß aber sie einem in Österreich alles zu richten wisse. Diesen Glauben an ihre Allmacht zu befestigen, ist ihr einziges Prinzip. Die Bureaukratie, das Mittel des Staats, hat sich bei uns vom Zweck befreit: statt dem Staat zu dienen, bedient sie sich des Staats, um, indem sie alle gegen alle hetzt, den Staat mit der Kirche, die Dynastie mit dem Volk, jede Nation mit jeder andern entzweit und an jeder Macht nagt, allein über alle zu herrschen. Das ist der ganz einzige Zustand Österreichs. Wer nicht erkennt, daß uns im geheimen ganz allein eine bureaukratische Verschwörung regiert, wird Österreich nie begreifen. Wer den österreichischen Beamten nicht kennt, in seiner ungeheuern Gewissenlosigkeit, besessen von der Gier, alle Macht an sich zu reißen, verräterisch nach oben und nach unten, losgelöst von jeder sittlichen Empfindung, diesen grotesken Tyrannen, der alles wagen darf, weil er nichts zu verantworten hat, weil er immer anonym bleibt, weil er nirgends zu fassen ist, weil nichts ihn bändigt, kein Rechtsbegriff, kein Pflichtgefühl, keine Liebe zum Vaterland, keine Rücksicht auf den Staat, keine Furcht vor dem Volk, und weil diesem entsetzlichen Phänomen eines durchaus amoralischen Ungeheuers für jeden Kopf, den man ihm abschlägt, gleich tausend neue Köpfe nachwachsen, der wird nichts von allem je begreifen können, was sich täglich bei uns begibt. Es begibt sich bei uns täglich aufs neue der Triumph des Hofrats über Österreich.

Neben dem Österreich beherrschenden Bureaukraten sind die Dynastie, alle Stände, alle Klassen, alle Nationen, alle Parteien, alles, was in andern Ländern Macht ausübt, bloße Figuranten. Das Elend unsrer bürgerlichen Parteien ist es, daß keine jemals auch nur ahnt, wie jede nur immer von der Bureaukratie geschoben wird, um jene Verwirrung zu vermehren, in der der Bureaukrat dann immer wieder den Staatsretter spielen kann. Die Partei der Arbeiter allein scheint zu verstehen, daß der Kampf gegen die Bureaukratie sein muß. Sie hat ihr den stärksten Schlag versetzt, durch das allgemeine Wahlrecht. Dieses so zu verfälschen, daß man den Glauben daran wieder verliert, dafür setzt die Bureaukratie nun ihre ganze Kraft ein, dazu hat sie sich jetzt mit den Nationalisten verschworen.

Wer den österreichischen Beamten nicht kennt, dem bleibt auch der Fall Hofrichter unerklärlich, der jetzt seit Wochen unsre Stadt aufregt. Darüber ist nun ein ganz ausgezeichnetes Buch erschienen: Der Fall Hofrichter von Max Winter (bei Albert Langen in München). Max Winter ist ein wirklicher Journalist, einer, der nicht dieses Metier verdrossen und ermüdet zum Broterwerb betreibt und aufatmet, wenn die Zeilen voll sind, sondern der die große Passion der Neuigkeit hat, dem es nicht genügt, sein Blatt zu füllen, sondern der auf die Zeit einwirken, der mithelfen, raten, trösten, Unrecht verhüten, Recht erstreiten will. Seine Schilderungen aus dem unterirdischen Wien, aus dem Glasmacherland, aus dem Leben der Holzknechte im Böhmerwald, sind vortrefflich. Er ist ein Journalist mit Augen und Ohren; und was noch seltener ist, einer, der sich die Zeit läßt, ein Herz zu haben. Der hat nun den Fall Hofrichter von Tag zu Tag aufgeschrieben. Wie ein Polizist eine Spur zu finden glaubt, der er nun, seiner Pflicht gemäß, folgt. Wie nun aber allmählich, als diese erste Spur nur einen Verdacht, keinen Beweis ergibt, als sie von Tag zu Tag immer dürftiger und es immer wahrscheinlicher wird, daß man einen Unschuldigen mit diesem entsetzlichen Argwohn quält, als sich andre Spuren zeigen, die auf einen andern Täter deuten, dem nach allem, was man von ihm weiß, psychologisch die Tat viel eher zuzutrauen ist als dem armen Häftling, den keiner, der ihn kennt, für schuldig hält – wie nun da jetzt auf einmal der Polizist fast den Eindruck macht, in diesem furchtbaren Prozeß selbst zur Partei zu werden. Und wie nun schließlich, so sehr man sich wehren mag, der Verdacht wächst, als wenn es sich heute nur noch darum allein handle, auf keinen Fall und um keinen Preis zuzugeben, daß sich die Behörde auch einmal geirrt haben kann. Mir ist jener Polizist nicht unmäßig sympathisch, weil mir seine Art nicht besonders gefällt, jedes Verbrechen, dem er nachzuspüren hat, zur Verherrlichung seiner eignen Genialität zu benützen; kein Schauspieler macht mehr Reklame für sich, immer wieder müssen wir hören, wie weit er den Sherlock Holmes noch übertrifft. Aber das ist Geschmacksache. Trotzdem scheint er wirklich begabt, klug und geschickt zu sein. Ich will auch an seinem guten Glauben nicht zweifeln; er ahnt vielleicht selbst nicht, in welcher Gefahr er ist. Aber es kann ihm geschehen, daß er sich lieber den Schuldigen entgehen läßt, nur damit die Behörde recht behält. Ein einzelner ist dafür gar nicht verantwortlich zu machen, der Geist seiner Kaste steckt ihn an. Keiner, der einmal dem österreichischen Bureaukratismus verfallen ist, hat je die Kraft, innerlich der schlimmsten Abart des Cäsarenwahns zu widerstehen: unserem Beamtenwahn. Inzwischen ist Hofrichter vom Militärgericht verurteilt worden; ich glaube heute noch: unschuldig.

 

10

Voriges Jahr war ich genötigt manchmal von Innsbruck nach Salzburg zu fahren. Mir paßte der Zug, der um sieben Uhr zehn in der Früh Innsbruck verläßt, um zwölf Uhr fünfundvierzig in Salzburg eintrifft und um ein Uhr zehn nach Wien weiter fährt; so las ich es nämlich im Fahrplan, es war aber anders: niemals verließ er Innsbruck um sieben Uhr zehn, traf niemals um zwölf Uhr fünfundvierzig in Salzburg ein und fuhr niemals um ein Uhr zehn nach Wien ab, sondern er hatte sich andere Zeiten gewählt. Von irgend einer Unregelmäßigkeit konnte man eigentlich nicht sprechen, nur hielt er sich an seine eigene Regel, die nicht im Fahrplan verzeichnet war. Ich bin Österreicher, also kein Pedant, wir sind für Freiheit, warum soll sich nicht auch die Eisenbahn ihre nehmen? Auch behagt es unserem südlich romantischen Sinn, daß dadurch das Reisen an Aufregung, Spannung und Überraschung gewinnt. Wie langweilig ist es, schon im vorhinein zu wissen, wann man ankommt und wo! Während die Ungewißheit unseres Schicksals einen dramatischen Reiz hat und man, jeden Augenblick unerwartet vor neue Begebenheiten gestellt, zu neuen Entschlüssen aufgefordert, doch ganz anders seine Tatkraft, Schlagfertigkeit und Lebenskunst bewähren kann. Hannibals Hochgefühl als er über die Alpen kam, diesen Rausch des Siegers, der unmenschlicher Gefahren und Beschwerden durch männlichen Mut und ausharrende List Herr geworden, kann sich jeder Österreicher durch Lösung eines Billetts nach Neulengbach erwerben; wofern es ihm nämlich dennoch gelingt dort anzukommen. In unserer bürgerlichen Zeit müssen uns doch solche Anlässe zum Heldentum willkommen sein. Nun begab es sich aber, daß ich auch heuer einmal von Innsbruck nach Salzburg wollte. Ich schlug im Fahrplan nach, siehe da stand noch immer derselbe Zug von sieben Uhr zehn auf dem lügnerischen Papier! Man hat Charakter in den Bureaus unserer Verwaltung, man gibt nicht nach, man beharrt auf dem Beschluß, der einmal gefaßt worden ist, mag sich ihm auch die Realität hundertmal widersetzen. Doch zeigt es sich, daß die Realität nicht weniger Charakter hat, und in diesem edlen Wettstreit kamen wir denn um ein Uhr fünfundzwanzig nach Salzburg, statt um zwölf Uhr fünfundvierzig, auch heuer. Mein Anschluß nach Ischl war versäumt, meine Tagesordnung zerstört, und ich konnte mich in einem wunderbaren Gefühl von unverdienter Freiheit drei Stunden lang jeder Laune, jedem Abenteuer, jeder Willkür überlassen. Aus Dankbarkeit beschloß ich am nächsten Tag zur Fahrt nach Wien wieder denselben so spannenden Innsbrucker Zug zu nehmen und war, als ich um halb eins auf den Salzburger Bahnhof kam, voll Erwartung und Begier, was sich nun wohl heute wieder alles zutragen würde. Ich trat sogleich zur Tafel, wo die Verspätungen notiert sind. Nichts stand da. Dies befremdete mich. Was sollte das bedeuten? War am Ende das Bureau doch einmal stärker geblieben als die Realität? Welch ein Triumph des Geistes über die Wirklichkeit! Oder machte sich die Realität nur einen grausam phantastischen Witz, da ja dieser Innsbrucker Zug, zum ersten Mal seit Menschengedenken wirklich um zwölf Uhr fünfundvierzig in Salzburg einfahrend, doch in der Tat etwas Grausiges, unsere sämtlichen österreichischen Denkgewohnheiten Verheerendes, über lieb gewordenes Herkommen vernichtend hinweg Brausendes hätte? Mir wurde bang, denn meine Phantasie ließ mir alle Gefahren erscheinen, denen wir ausgesetzt wären, wenn dieser Zug nun unversehens einmal fahrplanmäßig in den Stationen ankam, zu Zeiten also, wo niemand ihn erwarten konnte, niemand auf ihn vorbereitet, nichts für ihn gerüstet war und der lähmende Schrecken vor dem unbegreiflichen Ereignis alles Denken verwirren, alle Besinnung niederschlagen mußte. Doch inzwischen war der schwarze Zeiger der großen Uhr schon über die Stunde der Gefahr hinausgerückt und rückte noch immer unaufhaltsam vor, ohne irgend ein Anzeichen des Innsbrucker Zuges. Ich atmete auf. Als es aber längst ein Uhr vorüber und noch immer nichts vom Innsbrucker Zug zu sehen oder auch nur aus der Ferne zu hören war, fing ich mich zu langweilen an und hätte mich gern zum Zeitvertreib ein wenig mit dem Portier unterhalten. Mit der Schüchternheit, die der Österreicher vor hochgestellten Beamten aus schlimmen Erfahrungen hat, begann ich im freundlichsten Dialekt: »Der hat halt auch alleweil Verspätung!« Mit strengem Blick sah mich da der Portier an und erwiderte, vorwurfsvoll verwundert: »Heut hat er ja kane!« Und mit Stolz wies er nach der Tafel hin auf der nichts geschrieben stand. Ich aber faßte mir das Herz, nach der Uhr hinzuweisen, auf der es ein Uhr fünf war. Ja, so weit trieb ich die Verwegenheit, laut zu sagen: »Ein Uhr fünf, während er um zwölf Uhr fünfundvierzig kommen soll, und noch sieht und hört man nichts von ihm!« Da schüttelte der Portier das zornige Haupt und sprach: »Wegen zwanzig Minuten! Jetzt wär das vielleicht a schon a Verspätung!« Und er ließ mich stehen und ging weg. Und lange Zeit noch sah er immer wieder bisweilen nach mir zurück, maß mich, schüttelte den Kopf und ich hörte ihn noch immer wieder knurren: »Was die Leit eigentlich glauben! Wegen zwanzig Minuten! Jetzt soll das a schon a Verspätung sein!« Seine Kollegen traten zu ihm, er zeigte mich ihnen, alle sahen mich an und erstaunten. Ich schämte mich. Und der Innsbrucker Zug traf ja wirklich auch schon um ein Uhr vierzehn ein.

Der Gedanke, daß ein Zug auch einmal zur richtigen Zeit ankommen könnte, scheint der österreichischen Verwaltung unfaßlich; sie findet, daß das eine der Übertreibungen ist, in denen sich irre geleitete Schwärmer jetzt gefallen. Sie kann sich so wenig dazu bequemen, als sie bereit ist, den Wahn zu unterstützen, man erwerbe durch ein Billett das Recht auf einen Sitzplatz im Zug, ja vielleicht gar noch auf ein Licht, bei dem man Zeitungen lesen kann, was sie doch durchaus nicht wünscht, besonders seit sich diese der üblen Gewohnheit ergeben haben, eine ständige Rubrik über die täglichen Unfälle, Schlampereien und Störungen im Betrieb der österreichischen Eisenbahnen zu führen. Die Leute werden zu frech und unverschämt! Hat nicht neulich im Parlament bei einer Beratung über Luftschiffe, sogar einer den Antrag gestellt, man möge doch lieber zunächst einmal das bei uns noch unbekannte System der Schnellzüge versuchen? In der Tat kann ich den Unwillen der Eisenbahnverwaltung verstehen. Denn welches Recht haben wir, von ihr Ordnung zu fordern? Warum gerade von ihr? Was erlaubt uns, gerade ihr eine so vehemente Neuerung zuzumuten? Warum verlangt man sie denn nicht von der Post? Da könnte man ja doch auch auf einmal sagen, daß die Briefe zu einer bestimmten Zeit zugestellt werden müßten! Warum bleibt dann dies völlig dem Belieben, der guten Laune, der Lust des Briefträgers überlassen? Ich beziehe drei fremde Zeitungen, einmal kommt die berliner in der Früh, die englische mittags, die italienische abends, aber am nächsten Tag kehrt es sich um, die italienische geht voraus, die berliner folgt, die englische verspätet sich, oder sie kommen plötzlich einmal zusammen oder es kommt auch keine, weil man ja nicht wegen meiner Zeitung allein eigens solche Geschichten machen kann! Ich habe durch Experiment festgestellt, daß, wenn man um halb neun Uhr abends in den Briefkasten auf dem Nordwestbahnhof zwei Briefe wirft, den einen nach Berlin NW Marienstraße, den anderen nach Wien XIII, 7 adressiert, der Berliner Adressat seinen früher hat als der Wiener, jener nämlich um halb zwölf, dieser gegen eins; das ist der Unterschied zwischen der preußischen und der österreichischen Luft. Als ich so kindisch war, mich zu beschweren, erfuhr ich, dies nütze nichts, denn man belehrte mich, Seine Exzellenz der Herr Handelsminister Doktor Weißkirchner habe selbst auch schon den Wunsch gehabt, unsere Post langsam doch ein wenig zu verpreußen, dies sei ihm aber übel bekommen und auf den entschlossenen Widerstand der ganzen Beamtenschaft gestoßen. Und weiter erfuhr ich, daß auch der Thronfolger nicht die Macht habe durchzusetzen, daß er seine Briefe pünktlich erhält; er hat einmal im Manöver acht Tage lang ohne Nachricht von daheim bleiben müssen, auch er hat es nicht erreicht, daß einmal Ordnung bei der Post gemacht worden wäre. So stark ist in unserer Beamtenschaft die Tradition.

In einem Wiener Amt ist eine Tür, die quietscht, weil sie nie geschmiert wird. Und in diesem Wiener Amt ist ein Hofrat, der krank wird, wenn er eine Tür quietschen hört. Der Hofrat wird nun täglich krank, weil die Tür täglich quietscht. Und all seiner gefürchteten Hofrätlichkeit gelingt es nicht, dies abzustellen. Er bekommt auf seine wütenden Klagen nur immer wieder zur Antwort, es sei bereits gemeldet worden. Übrigens werde man nicht verfehlen, es noch einmal zu melden. Er hat sich auch überzeugt, daß den Diener keine Schuld trifft, weil von diesem wirklich die notwendige Meldung ordnungsgemäß erstattet worden ist und ihren vorschriftsmäßigen Gang genommen hat. Woran es eigentlich liegt, daß sich trotzdem noch immer niemand gefunden hat, um die Tür mit ein paar Tropfen Öl zu behandeln, kann er sich nicht erklären. Er wird Zeit haben darüber nachzudenken, sobald er in Pension gegangen sein wird, was er ja muß, weil die Tür nicht zu quietschen aufhört, er aber das Quietschen nicht aushält. Er wird, wenn er dann lange genug darüber nachdenkt, am Ende vielleicht das Geheimnis unserer Verwaltung entdecken. Sie sorgt nämlich vortrefflich dafür, daß alles gemeldet wird, vergißt aber, auch dafür zu sorgen, daß dann etwas geschieht, wodurch dem Mißstand abgeholfen wird. Dies zu vergessen ist Tradition. Was gemeldet worden ist, ist für sie erledigt. Darin, daß es gemeldet wird, besteht für sie die Ordnung. Dann auch noch zu verlangen, daß etwas geschehe, nein, das geht ihr zu weit. Und wenn man nun wieder sich beklagen kommt, kriegt man zur Antwort, daß die fragliche Angelegenheit hierorts nicht unbekannt geblieben, sondern darin vielmehr bereits das Notwendige veranlaßt worden sei. Das heißt, es ist, von einer Instanz zur anderen, gemeldet worden. Und dabei bleibt's. Es bleibt dabei, daß der Zug, der um sieben Uhr zehn von Innsbruck abgeht und um zwölf Uhr fünfundvierzig in Salzburg ankommt, niemals um sieben Uhr zehn abgeht und niemals um zwölf Uhr fünfundvierzig ankommt, daß ich meine Zeitungen erhalte, wann der Briefträger gerade Zeit und Lust hat, und daß mein armer Hofrat längst in Pension vergrämeln, aber die Tür noch immer quietschen wird. Öl schafft unsere Verwaltung nicht an.

Es heißt ja auch, unsere Polizei habe wegen der Platten bereits das Nötige veranlaßt. Polizei, siehe Eisenbahn, siehe Post, siehe die quietschende Tür. Wie der Eisenbahnminister es nicht erreichen kann, daß ein Zug zur rechten Zeit ankommt, der Handelsminister nicht, daß ein Brief pünktlich zugestellt wird, und keines Hofrats Macht, daß eine Tür geschmiert wird, ebenso zeigt sich nämlich die Polizei ganz unfähig, ängstliche Bürger gegen die Platten zu schützen. Platten nennt man bei uns Gesellschaften von eigentlich zunächst gar nicht so unsympathischen jungen Leuten, die nur mit der Zeit, weil sich ja niemand um sie gekümmert hat, etwas verwildert sind und nun, aus den Vororten gelegentlich schon in die geweihten Bezirke der Reichen eindringend, sich auch mit diesen zuweilen nachts recht ungemütlich belustigen. Es gibt schließlich überall rauflustige Burschen, die wohl auch im Rausch einmal das Messer ziehen; und gar in unserem Land, wo nichts für sittliche Bildung geschieht, nichts, um junge Kraft auf einen guten Weg zu bringen, ist es kein Wunder, wenn sie toll wird und ausschlägt: die allgemeine sittliche Unsicherheit ist es, die die Straßen unsicher macht. Da wird nun nach der Polizei gerufen, aber sie, die sonst überall im Wege steht, ist nie da, wenn man sie braucht, und die Genialität unserer in allen Zeitungen besungenen Sherlock Holmse versagt, wenn sie ein Rudel jugendlichen Übermuts zur Räson bringen soll. Sie braucht, gibt sie vor, ein Ausnahmsgesetz dazu. Nachtwächter mit Ausnahmsgesetz! Und darüber wird bei uns mit ernster Miene verhandelt! Aber es stimmt ja, denn des Gesetzes einziger Zweck ist bei uns, unfähigen Behörden das Leben bequem zu machen. Alles, was Anlaß zu einer Beschäftigung der Behörden geben könnte, wird einfach verboten und das Amt der Gesetzgebung ist allein, dafür zu sorgen, daß die Behörde keine Mühe hat.

In Wien gab es einmal eine Redaktion, die nur halb soviel Tische, Stühle und Tintenfässer hatte als Redakteure. Die Folge davon war, daß die einen nicht arbeiten konnten, weil sie keinen Platz hatten, die anderen aber auch nicht, weil jene herumstanden und zum Zeitvertreib Lärm machten. Es dauerte lange, bis man zu vermuten begann, daß dies vielleicht nicht die richtige Einteilung sei. Diese Redaktion ist ein Symbol der österreichischen Verwaltung. Wir haben fünfmal mehr Beamte als Platz für sie. Man hat statistisch nachgewiesen, daß in Österreich die Zahl der Beamten dreimal so rasch wächst als die Bevölkerung. Also immer erst nachdem drei Beamte geboren worden sind, darf dann auch wieder einmal ein Mensch geboren werden. Allmählich stellt sich nun heraus, daß dies doch auch nicht die richtige Einteilung zu sein scheint. Es drückt die Atmosphäre, wenn um jeden einzelnen herum eine ganze Kohorte von Beamtenschaft steht. Es drückt aber auch den Beamten selbst, daß er sich zu einer solchen bienenschwarmweisen Existenz verdammt sieht. Um ihm also doch den Schein irgend einer Beschäftigung zu verschaffen, da ja kein Irdischer ein ganz müßiges Dasein aushält, hat man deshalb angeordnet, daß ein Beamter auf den anderen acht geben soll; und indem nun jeder Beamte nur in einem fort auf den anderen acht gibt, kommt er zu nichts anderem, es geschieht gar nichts. Ein Reisender auf österreichischen Eisenbahnen hat nie Gelegenheit sich die Gegend anzusehen, denn er muß ja fortwährend sein Billett herzeigen; erst erscheint der Kondukteur und fordert das Billett ab; dann erscheint der Kontrollor, mit dem Kondukteur zusammen, und dann erscheint ein Kontrollor des Kontrollors, jetzt sind's schon drei, und so in Ewigkeit fort. Weil aber der Kondukteur sein Leben damit verbringt, kontrolliert zu werden, hat er für sonst nichts Zeit, und alles was eigentlich das Amt eines Kondukteurs wäre, bleibt ungetan. Der Beruf eines österreichischen Beamten wird damit ausgefüllt, zu kontrollieren und kontrolliert zu werden. Einer kontrolliert den andern, ob er kontrolliert hat. Das ist das System.

Dieses System hat so viel Not und Schmach über uns gebracht, daß nun endlich selbst der geduldige Österreicher, das Lamm Europas in allen öffentlichen Dingen, anfängt sich aufzulehnen. Das Abgeordnetenhaus hat einen Antrag des Abgeordneten Redlich angenommen, der eine kaiserliche Kommission verlangt, zur Beratung über das Unwesen unserer Verwaltung und was zu tun sei, um uns aus ihrer Liederlichkeit, ihrer feilen Verdorbenheit, ihrer grotesken Faulheit zu retten. Die Verwaltung wird freilich mit ihrer ganzen Macht aufspringen, um ihn abzutreiben. Doch ist wenigstens einmal ein Anfang gemacht. Nachdem ich jahrelang ausgelacht worden bin wegen meiner Schrulle, nur immer gegen unsere Verwaltung zu kapuzinern, deren Lebenswerk es ist, Österreich zu verhindern. Diese Kaiserliche Kommission ist inzwischen im Juni 1911 ernannt worden.

 

11

Österreicher sollte man nicht ins Ausland reisen lassen. Sie werden dort verwöhnt und, kehren sie dann heim, unverschämt. So zum Beispiel ich, dem es, seit er draußen war, zur fixen Idee geworden ist, der Post die Zustellung von Briefen anzusinnen. Und es hilft nichts, daß sie sich alle Mühe gibt, mich von diesem Wahn zu heilen, und nichts unterläßt, um mir seinen Widersinn zu zeigen. Nein, wie das bei Geisteskranken schon einmal ist, bestärkt es mich nur noch darin. Umsonst, daß ich meinen Zustand selbst genau kenne. Umsonst alle guten Vorsätze. Ich bilde mir, wenn ich einen Anfall habe, doch immer wieder ein, es müßte mit der Zeit auch in Österreich möglich sein, Briefe zu bekommen. Und so lange nun ein solcher Anfall dauert, kann ich nicht umhin, die Behörden mit meinen dreisten Zumutungen zu behelligen. So ist es gekommen, daß ich armer Mann ein Querulant geworden bin. Zuerst nur im dreizehnten Bezirk, bei den nächstgelegenen Postämtern. Dann aber gar bis zum Herrn Handelsminister selbst hinauf.

Daran ist Schönherr schuld. Er wollte mir »Glaube und Heimat« schicken. Aus Telfs in Tirol, rekommandiert. Er adressierte den Brief an »Herrn Hermann Bahr, Wien, Unter-St.-Veit, Veitlissengasse 7.« Also ganz genau, die Straße stimmt, die Nummer stimmt; nur ist diese Straße nicht in Unter-St.-Veit, sondern in Ober-St.-Veit, sie gehört nicht zum Postamt 93, sondern zum Postamt 94. Also wie wenn ein Brief adressiert wäre: Wien VIII, Mariahilferstraße 86. Man sollte meinen, auch der Post des achten Bezirks müßte bekannt sein, daß es eine Mariahilferstraße gibt, wenn auch nicht im achten Bezirk, sondern nebenan, im siebenten. Und so sollte man ebenso meinen, die Post in Unter-St.-Veit müßte wissen, daß die Veitlissengasse zehn Minuten weiter oben ist, in Ober-Sankt-Veit. Aber Schönherrs Brief kam nicht an mich, sondern wurde von Unter-Sankt-Veit nach Breslau Rahngasse 23, und da dort der Adressat nicht ermittelt werden konnte, zurück nach Telfs an den Absender geschickt. Als ich dies erfuhr, bekam ich wieder einen Anfall und ich entschloß mich, dieses Beispiel dem k. k. Handelsminister vorzulegen. Der antwortete mir:

»Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich in Erwiderung auf das Schreiben vom 7. d. M. mitzuteilen, daß die Erhebungen, welche von der Wiener Postdirektion über die bedauerliche Fehlleitung eines an Euer Hochwohlgeboren gerichteten Briefes gepflogen wurden, zu nachstehendem Ergebnis geführt haben. Die fragliche, für Euer Hochwohlgeboren bestimmte Postsendung, deren Kuvert ich anverwahrt zurückstelle, wurde infolge der unrichtigen Bezeichnung des Bezirksteiles statt vom zuständigen Postamt Wien 94 (Ober-St.-Veit) vom Postamt 93 (Unter-St.-Veit) abgefertigt. Hierbei hielt die diensthabende Beamtin dieses Postamtes irrtümlicherweise »Herrn Hermann Dahl« für den Adressaten der Sendung. Unter diesem Namen erhielt nämlich die in dem Bestellbezirke des Postamtes 93 in Unter-St.-Veit, Sankt-Veit-Gasse 31 wohnhafte Schriftstellerin Frau Helene Pohlidal zahlreiche Korrespondenzen. Da die genannte Dame zur Zeit des Einlangens des fraglichen Poststückes die Nachsendung ihrer Briefschaften nach Breslau verfügt hatte, wurde irrtümlicherweise auch der erwähnte Brief an die von ihr angegebene Breslauer Adresse weitergeleitet. Die Postdirektion hat das leidige Versehen, welches die verspätete Zustellung der fraglichen Postsendung verschuldet hat, zum Anlasse genommen, um alle in Betracht kommenden Angestellten anzuweisen, der Bestellung der für Euer Hochwohlgeboren bestimmten Korrespondenz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Empfangen Euer Hochwohlgeboren die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Habent sua fata etiam epistolae! Ihr Weiskirchner.«

Aus dieser Zuschrift geht hervor: erstens daß österreichische Postbeamte, um Dahl von Bahr unterscheiden zu können, lesen lernen sollten; zweitens daß österreichische Minister Schlampereien, die sich in ihrem Bereich ereignen, als Fatum ansehen, was schon einigermaßen an den antiken Schicksalsbegriff erinnert; und drittens, daß sich der Minister offenbar gar nicht vorstellen kann, es könnte mir um die Sache zu tun sein, um Hilfe gegen diese grotesken Jämmerlichkeiten überhaupt, sondern mich zu beruhigen glaubt, wenn er nur mir für meine Person verspricht, daß künftig mit mir eine Ausnahme gemacht werden soll. Übrigens ist diese »Anweisung aller in Betracht kommenden Angestellten« erfolglos geblieben, wie man aus der Beschwerde ersehen kann, die ich zwei Monate später an die k. k. Post- und Telegraphendirektion für Österreich unter der Enns gerichtet habe.

Sie lautet: »Ich habe am 7. November 1910 einen besonders krassen Fall der bei den der Wiener Postdirektion unterstellten Behörden herrschenden Schlamperei zum Anlaß genommen, eine Beschwerde an Seine Exzellenz den damaligen Handelsminister Herrn Dr. Weiskirchner zu richten. In der darauf am 19. November 1910 an mich gerichteten Antwort Seiner Exzellenz heißt es zum Schlusse wörtlich: ›Die Postdirektion hat das leidige Versehen, welches die verspätete Zustellung der fraglichen Postsendung verschuldet hat, zum Anlasse genommen, um alle in Betracht kommenden Angestellten anzuweisen, der Bestellung der für Euer Hochwohlgeboren bestimmten Korrespondenz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden.‹ Leider beweist mir ein neuer, ebenso horrender Fall, daß die Bemühung der Postdirektion nichts genützt hat. Wie Sie aus dem beiliegenden Kuvert ersehen, hat Herr Professor Dr. Felix v. Kraus am 30. Dezember 1910 in München einen Brief an meine Frau aufgegeben, den er an Frau Anna Bahr-Mildenburg, k. u. k. Kammersängerin in St. Veit, Wien, Villa Bahr, adressiert hat. Ordnungsgemäß hätte dieser Brief dem Postamt Wien 93 (Unter-St.-Veit) zugestellt, und wenn dort die Villa Bahr nicht bekannt gewesen wäre, an das Postamt Wien 94 (Ober-St.-Veit) geleitet werden müssen, wo jeder Postbeamte und jeder Briefträger die Villa Bahr kennt; oder er hätte an die Wiener Hofoper geleitet werden können, wenn man es schon unterließ, wie dies in anderen Städten üblich ist, im Adreßbuch oder im Telephonbuch nachzusuchen, in beiden steht die Villa Bahr mit Straße und Hausnummer verzeichnet. Statt dessen wurde der Brief an das mir und meiner Frau ganz unbekannte Hotel Union im IX. Bezirk geschickt und ging dann als unbestellbar an den Absender nach München zurück, der ihn dann in ein anderes Kuvert gesteckt und an die Wiener Hofoper geschickt hat. Ich unterlasse es, anzudeuten, welche Meinung über die bei den österreichischen Postbehörden herrschenden Zustände man sich nach solchen Erfahrungen im Auslande machen und wie sehr dadurch unser guter Ruf draußen leiden muß. Ich bringe diesen neuerlichen Fall hiermit zu Ihrer Kenntnis und ersuche Sie, den schuldtragenden Beamten zur Rechenschaft zu ziehen, mir aber gefälligst mitteilen zu wollen, was ich zu tun habe, um mich in Zukunft vor ähnlichen Versäumnissen der Postbehörden zu schützen. Ich habe bereits seinerzeit Seine Exzellenz den Herrn Handelsminister darauf aufmerksam gemacht, daß mir wiederholt Briefe, die von Amerika oder England einfach an »Herrn Hermann Bahr in Berlin«, ohne weitere Angabe adressiert wurden, richtig zugekommen sind, da die Berliner Post sich die Mühe nimmt, meine volle Adresse entweder im dortigen Lessingtheater zu erfragen oder aus dem Literaturkalender festzustellen und den Brief sodann, mit dieser vollen Adresse versehen, hieher zu senden. Wenn dies von der österreichischen Post nicht zu erreichen ist, so wird mir nichts übrig bleiben als eine Annonce in den großen ausländischen Zeitungen erscheinen zu lassen, worin ich diejenigen, die sich den Namen der Veitlissengasse und meine Hausnummer nicht merken können, bitte, alle für mich bestimmten Sendungen einfach mit der Aufschrift »Deutsches Reich« zu versehen, da ich dann sicher bin, daß sie mir richtig zukommen, während sie bei der Aufschrift »St. Veit, Wien« als unbestellbar zurückgehen. – Das beiliegende, beschämende Dokument erbitte ich mir wieder zurück, damit ich davon bei Gelegenheit auch öffentlich Gebrauch machen kann.«

Dieser Beschwerde ließ ich fünf Tage später noch eine folgen: »Im Anschluß an meine am 7. d. M. an Sie gerichtete Reklamation erlaube ich mir noch zu Ihrer Kenntnis zu bringen, daß meiner Frau gestern, also am 11. Januar, zwei Briefe zugestellt wurden, die an sie am 30. Dezember v. J. aus Bayreuth (der eine von Frau Kosima Wagner, der andere von ihrer Tochter) abgeschickt wurden. Von dem einen dieser beiden Schreiben lege ich das Kuvert bei. Beide sind nach Wien, Unter Sankt Veit, Hietzinger Hauptstraße 53, adressiert, an die frühere Wohnung meiner Frau, wo ihre jetzige Wohnung wohlbekannt ist, ebenso wie sie, bei ihrer Übersiedlung aus Unter-Sankt-Veit nach Ober-Sankt-Veit, die Änderung ihrer Adresse seinerzeit auch der Unter-Sankt-Veiter Post bekanntgegeben hat. Einer Aufklärung dieser abenteuerlichen Zustände gewärtig, bin ich mit großer Hochachtung Ihr sehr ergebener H. B.«

Die k. k. Post- und Telegraphendirektion für Österreich unter der Enns schrieb mir darauf, um mich zu trösten: »Die Rückleitung der beiden Briefe, deren Umschläge zurückfolgen, und eines weiteren Briefes aus Bayreuth vom 30. Dezember 1910 ist in erster Linie auf die Nachlässigkeit eines Beamten des Postamtes Wien 93 zurückzuführen, der die Briefe ungerechterweise an das in Wien IX. gelegene Hotel Union leitete. Dieser Beamte steht nicht mehr in dienstlicher Verwendung. Durch einen Bediensteten des Hotels wurden die Briefe mit der Bezeichnung »unbekannt« versehen und in den Hotelbriefkasten hinterlegt. Von dem die Aushebung dieses Briefkastens besorgenden Postamte wurden die Briefe auf Grund der Bemerkung »unbekannt« an den Aufgabeort rückgeleitet. Ich spreche mein lebhaftes Bedauern über die ungerechtfertigte Rückleitung der Briefe aus. Behufs tunlicher Vermeidung ähnlicher Fehler wurde das Geeignete verfügt.«

In dieser Antwort ist mir ein Satz ganz unklar. »Dieser Beamte steht nicht mehr in dienstlicher Verwendung.« Was heißt das? Ich hatte gefordert, daß der schuldtragende Beamte zur Rechenschaft gezogen werde. Jener Satz kann nun heißen: wir können den schuldtragenden Beamten nicht zur Rechenschaft ziehen, weil er nicht mehr in dienstlicher Verwendung steht, weil er schon, bevor Ihre Beschwerde kam, den Dienst verlassen hat. Der Satz kann aber auch heißen, daß dieser Beamte meinetwegen, eben auf meine Beschwerde hin entlassen worden ist. Das wäre mir von Herzen leid, und die Behörde hätte mich dann ganz mißverstanden. Ich verlangte, daß er zur Rechenschaft gezogen werde, und meinte damit, daß er aufgefordert werde, darzulegen, wodurch sein Irrtum verschuldet worden, damit man den Fehler in der Organisation kennen lerne und abstellen könne. Daß aber nun für diese falsche Organisation irgend ein armer abgehetzter Mensch verantwortlich gemacht und als Opfer dargebracht wird, damit ist gar nichts erreicht. Das ist ganz ebenso ungerecht, wie wenn man bei den Eisenbahnen, so oft ein Unglück geschieht, immer irgend einen übernächtigen Stationschef straft, der sich vor Müdigkeit nicht mehr auf den Beinen halten konnte, statt lieber den Generaldirektor auf ein paar Jahre ins Loch zu stecken, wo er dann über eine vernünftige Verteilung und Anordnung der Arbeitskräfte nachdenken könnte.

Ich habe nach meinen Erfahrungen die Hoffnung, Briefe richtig zu bekommen, aufgegeben und denke nun daran, eine private Gesellschaft in Österreich zu gründen, zur Beförderung und Zustellung von Briefen und überhaupt zur Erledigung aller Aufgaben, die in anderen Ländern die Post besorgt.

 

Diese Beschwerden über die österreichische Post zogen mir den Unwillen der Zeitschrift »Die deutsch-österreichische Post« zu. Ich schrieb ihr:

7. 5. 11.

Sehr geehrter Herr Redakteur!

Sie haben in der Nr. 5 Ihres Blattes einen Auszug aus meinem im »Neuen Wiener Journal« erschienenen Aufsatz »Die Post« gebracht, leider einen unvollständigen Auszug, der insbesondere die mir wichtigste Stelle nicht enthält, die nämlich, an der ich ausdrücklich die bei den einzelnen Postämtern tätigen Beamten von jeder Schuld an den von mir gerügten Mißständen freispreche und diese Mißstände vielmehr ausdrücklich aus einem »Fehler in der Organisation« erkläre. Ich sage wörtlich: »Daß aber nun für diese falsche Organisation irgend ein armer, abgehetzter, atemloser Mensch verantwortlich gemacht und als Opfer dargebracht wird, damit ist gar nichts erreicht. Das ist ganz ebenso ungerecht, wie wenn man bei den Eisenbahnen, so oft ein Unglück geschieht, immer irgend einen übernächtigen Stationschef straft, der sich vor Müdigkeit nicht mehr auf den Beinen halten konnte, statt lieber den Generaldirektor auf ein paar Jahre ins Loch zu stecken, wo er dann über eine vernünftige Verteilung und Anordnung der Arbeitskräfte nachdenken könnte.« Was ich mitteilte, sind Tatsachen. Meine Beschwerden sind ja geprüft und für richtig befunden worden. Wenden Sie mir dagegen ein, daß es sich in meinen Fällen um ungenau adressierte Sendungen handle, so muß ich erwidern, daß im Deutschen Reiche und in England die Post ihren Ehrgeiz gerade darein setzt, durch ihre Findigkeit auch flüchtig, ungenau, ja sogar falsch bezeichnete Sendungen doch dem Adressaten zuzuführen. Was ich beklage, ist, daß unsere Post hinter der reichsdeutschen und der englischen Post zurücksteht und deswegen von Ausländern spöttisch, von Österreichern, die das Ausland kennen, wehmütig angesehen wird. Deshalb scheint es mir notwendig, über solche Mißstände öffentlich zu sprechen. Wenn Postbeamte sie leugnen oder gar sie beschönigen wollen, setzen sie sich nur selbst ins Unrecht. Nach meiner Meinung müßten die Postbeamten vielmehr antworten: Ja, diese Mißstände sind da, wir leugnen sie gar nicht, wir beklagen sie selbst, aber nicht uns trifft die Schuld, sondern an der richtigen Leitung, an der richtigen Ordnung fehlt's, und um diese Mißstände zu heben, muß man vor allem dafür sorgen, daß genug Arbeitskräfte vorhanden sind, daß die Post in anständigen Lokalen untergebracht wird und daß der Postbeamte den seinen Leistungen gebührenden Lohn erhält. Sprächen die Postbeamten so, dann würde das Publikum begreifen lernen, woran es eigentlich liegt und daß die soziale Fürsorge für die Postbeamten nicht bloß in ihrem, der Postbeamten, sondern auch in seinem, im Interesse des Publikums ist, und es ließe sich hoffen, daß das große Publikum dann mit den Postbeamten zusammen für ihre Rechte arbeiten wird.

Ich darf von Ihrer Loyalität wohl erwarten, daß Sie nicht zögern werden, dies zur Kenntnis Ihrer Leser zu bringen. Es liegt mir daran, gerade von den Postbeamten nicht mißverstanden zu werden, deren schweren Dienst, deren Eifer und Pflichtgefühl ich kenne, deren Bedrückung und Not ich beklage und denen ich ja doch nur helfen will.

Ihr
sehr ergebener

H. B.

 

12

Ich sehe noch meinen alten Vater traurig in unserem kleinen Garten sitzen, hilflos betrübt, als ich, kaum neunzehn Jahre alt, zum erstenmal von der Universität kam; er konnte sich nicht erklären, was in den paar Monaten dort aus mir geworden war, und ihm wurde bang vor dieser unbegreiflich neuen Zeit. Er hatte sich in jungen Jahren als Notar in Linz angesiedelt, das sich damals eben aus einer kleinen Landstadt allmählich emporzustrecken begann, und die Redlichkeit seines besonnen tätigen Wesens gewann ihm bald das Vertrauen der Mitbürger. In den Rat der Gemeinde gewählt, konnte er seinen gelassenen Ernst an den Fragen ihrer Verwaltung zeigen, bald stieg er in den Landtag auf, viele Jahre hat er dann als Landesausschuß erst das Schulwesen, später das Straßenwesen Oberösterreichs in seiner festen Hand gehabt. Mit dem streitbaren Bischof Rudigier maß er sich gern und ist ihm nichts schuldig geblieben. Immer, wenn dieser kampfbereite Held der Finsternis wieder einmal seine drohende Stimme, der die Gewohnheit des Vorarlberger Dialekts, Endsilben voll ausklingen zu lassen, einen merkwürdig breiten widerhallenden Schall gab, gegen die Verderbtheit unserer von Gott abgefallenen Welt erhoben und sich ausgedonnert hatte, wußte man schon, daß jetzt sicher gleich mein Vater aufstehen und in seiner immer anfangs ein wenig zögernden Art, die sich erst einer leisen Befangenheit versichern und langsam am Gefühl des eigenen Rechts erwärmen mußte, die Sache der Freiheit und des Fortschritts führen werde. Freiheit und Fortschritt hieß es ja damals, obwohl es sich im Grunde bloß um die einfachsten Sorgen des jungen Bürgertums gehandelt hat, das Ordnung im Staate verlangte, Schutz gegen Willkür, die Möglichkeit, sich wirtschaftlich zu regen und zu dehnen, und die dazu notwendige Bildung. Mein Vater war beileibe kein Schwärmer, große Worte hatten keine Macht über ihn, sein Sinn stand dem Nächsten zugekehrt. Daß der Bauer und der Bürger von seiner Arbeit leben könne, daß er hoffen dürfe, seine Kinder durch Bildung aufrücken zu lassen, daß er das Recht habe, nach seinen eigenen Erfahrungen und Bedürfnissen mitzubestimmen, was notwendig für das Land ist, daß das Gesetz für alle gelte, daß keine wirtschaftliche, keine geistige Kraft gebunden bleibe, diese paar bescheidenen Wünsche genügten jenem Bürgertum; sie sind freilich auch heute noch nicht erreicht worden. Seine Kraft aber bestand darin, daß es diese Wünsche durchaus nicht als Forderungen seiner eigenen Klasse, sondern sich immer als Anwalt des allgemeinen Wohls, als Sprecher der ganzen Menschheit empfand. Was damals in Österreich Liberalismus hieß, war sich keineswegs bewußt, der Ausdruck des wirtschaftlich wachsenden Bürgertums zu sein, und es zweifelte nicht, im Namen des Staates, des Volkes, ja der notwendigen menschlichen Entwicklung zu sprechen. Diesen alten Liberalen war es fern, bloß der Klasse zu dienen, der sie angehörten; sie nahmen für die Menschheit Partei, in ihren Diensten glaubten sie zu stehen. Dies gab ihnen solche Sicherheit, und wenn wir jetzt, gerechter als es die Mitlebenden sein können, langsam anfangen, die Männer, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren ein neues Österreich entworfen haben, ohne die gestaltende Kraft freilich, allmählich geschichtlich mit der Gelassenheit des Psychologen zu betrachten, werden wir, bis erst aus Briefen und Bekenntnissen einmal ihr eigentlicher Sinn aufgedeckt sein wird, erkennen, daß sie für ihr eigenes Gefühl keineswegs das wirtschaftliche Bedürfnis einer besonderen Klasse, ja nicht einmal das politische Gebot einer besonderen Doktrin zu besorgen, sondern unwandelbaren, ewigen Ideen zu gehorchen glaubten. So hat es auch mein Vater immer empfunden; er war überzeugt, auf dem rechten Wege zu sein, und hätte sich gar nicht vorstellen können, daß ein vernünftig und rechtlich denkender Mensch nicht seiner Meinung wäre. Denn sie war ihm nicht die Meinung einer Klasse, nicht die Meinung einer Partei, sondern die notwendige Meinung der Vernunft und der Gerechtigkeit. Er nannte sich einen Liberalen, aber dies war ihm der Name für alle, die die Religion einer beständigen Entwicklung zur Wahrheit bekannten. Sein Liberalismus war ein Humanismus. Wo er Menschen leiden oder irren sah, war er bei sich gewiß, daß dies immer nur durch Unvernunft verschuldet war, durch ihre eigene oder die der Einrichtungen; und er zweifelte nicht, daß durch Vernunft allen zu helfen wäre. Und nun kann man sich denken, was es für diesen aufrechten, seines Glaubens so gewissen, bei großer Milde doch sehr standhaften alten Mann gewesen sein muß, als sein eigenes Fleisch, zum ersten Mal von der Universität zurück, ihm in unserem stillen Garten gleich am ersten Tag mit der vergnügten und grausamen Sicherheit der Jugend den Bankrott des Liberalismus erklärte. Das war nämlich die neueste Nachricht, die ich aus Wien mitgebracht hatte: »Der Liberalismus ist aus, eine neue Zeit bricht an, Platz für uns!« Und ich sehe noch den ratlosen Blick meines alten Herrn und höre seine Stimme noch beklommen fragen: »Was hat man in Wien aus dir gemacht?« Dann stand er auf, ging zwischen den kleinen Beeten durch den engen Garten hin und sagte von Zeit zu Zeit bloß immer wieder: »Was ist denn nur mit dir geschehen, was ist denn geschehen?« Ich aber, fröhlich hinter ihm her und meine bunte Mütze schwenkend, rief immer wieder: »Ja, jetzt sind wir da, und alles muß jetzt anders werden!« Und dann begab es sich noch, daß seine Freunde kamen, alte Liberale wie er und auch Väter von Söhnen; und alle diese Söhne hatten es von Wien mitgebracht, daß der Liberalismus vorüber sei. Und nun saßen die Väter beisammen und konnten es nicht fassen, die ganze Jugend abtrünnig zu sehen, und verstanden die Welt nicht mehr. Einer sagte, mit der Ergebenheit der Erfahrung: »Ja, das ist der Wandel der Zeiten, die Jugend will stets anders glücklich sein!« Das erzürnte meinen Vater, und er sprach: »Der liberale Gedanke kann nicht altern, denn immer wieder die Menschheit zu verjüngen, ist allein sein Sinn, und wenn sich diese Jugend von ihm lossagt, sagt sie sich von sich selbst los; das ist das Unbegreifliche!« Und dann saßen die Väter noch lange stumm und sannen nach und fragten bloß immer wieder: »Was hat man aus unseren Söhnen in Wien gemacht, was kann denn nur geschehen sein, was ist denn nur mit ihnen geschehen?«

Aber das Unbegreifliche war sehr einfach, es war weiter nichts geschehen, als daß sich in Wien ein paar geschickte Leute, die den Sinn der Jugend zu behandeln wußten, an unseren Tisch gesetzt und unserer Gedanken bemächtigt hatten. Das wurde ihnen leicht, denn wir hätten uns dem Teufel selbst ergeben, um nur mit unserer Sehnsucht und unserem ungewissen Drang nicht länger allein zu sein. Unvergeßlich ist mir, in welcher Einsamkeit und geistigen Verlassenheit wir damals waren. Bis zur Matura hatte man uns versperrt gehalten, und jetzt war uns plötzlich die Welt aufgetan, tausend Gedanken boten sich an, tausend geistige Versuchungen warben um uns, tausend Gestalten des Geistes drangen auf uns ein und wir ratlosen Buben sollten wählen! Nun liegt es aber in der Menschenart, daß Gedanken ohnmächtig sind, wenn sie nicht die Wärme, nicht die lebendige Stimme der sinnlichen Erscheinung haben. Ein einziger Mann, ohne viel zu reden, wirkt durch das Beispiel seiner unmittelbaren Gegenwart auf die Jugend mehr als alle Lehre. Und unser Leidwesen war, daß wir überall nur Lehren fanden, nirgends Lehrer. Der Herr auf dem Katheder vermied es, uns ein lebendiger Mensch zu sein, und entfernte sich, wenn seine Stunde vorüber und das Buch wieder geschlossen war; er blieb uns ganz wesenlos. Tausend Fragen hatten wir, niemand antwortete. Niemand nahm sich unser an. Und so rannten wir ungestillt durch die große Stadt, nach einer einzigen warmen Hand. Den Atem eines Menschen zu spüren, eine lebendige Stimme zu hören, von der Hast und Angst unserer entsetzlichen Verlassenheit in der Nähe teilnehmender Freundschaft aufzuatmen, war die große Sehnsucht. Da setzten sich ein paar politisch kluge Männer an unseren Tisch, und wir waren ihnen verfallen, In unserer Seligkeit, nur überhaupt einen lebendigen Menschen zu haben, der uns zuhörte, dem wir uns anvertrauen konnten, der diese höchst verworrene Welt um uns zu beherrschen schien, wären wir ihnen in die Hölle gefolgt. Aber sie verlangten das gar nicht, sie trieben uns nur den angestammten Liberalismus aus. Und dann wunderten sich unsere Väter! Aber sie hatten niemals versucht, den Liberalismus an unseren Tisch zu setzen.

Das ist jetzt bald dreißig Jahre her. Und heute sitzt nun wieder eine neue Jugend in Österreich verlassen da und ist hilflos verzagt und wartet, wer sich an ihren Tisch setzen wird; dem wird sie gehören. Unser Bürgertum aber fragt nicht nach ihr, und dann wird es sich wieder wundern, seine Söhne bei den Feinden statt an seiner Seite zu finden. Und man wird es wieder klagen hören, daß bei uns alles Parteiwesen stets aus einem Extrem ins andere springe, statt einer ungestörten, bedächtig vom Vater auf den Sohn fortwirkenden Entwicklung, wie sie zum Beispiel in England geschieht. Und man wird wieder einmal England um den gelehrigen Sinn seiner bildsamen Jugend beneiden, die stets das Erbe der Väter erwirbt, um es im eigenen Geiste zu besitzen, während unsere, störrisch und zuchtlos, immer das kaum Errungene gleich wieder verwirft. Wenn man aber das Beispiel der englischen Jugend lobt, sollte man sich erst an den englischen Vätern ein Beispiel nehmen. Sie haben gelernt, daß es, um sich der Jugend zu versichern, notwendig ist, sie, bevor sie noch hinausgeschickt wird, mit dem Leben bekannt zu machen. Sie wissen, daß Kenntnisse, die man aus Büchern hat, nicht genügen, um mit ihnen das Leben zu bestreiten. Sie wissen, daß die Lehre für die Jugend nichts ist, der Anblick naher Beispiele viel, der eigene Versuch alles. Sie wissen, daß es kein stärkeres Erlernen gibt als das Erleben. So sorgen sie dafür, daß sich der Sohn, unter ihren Augen noch, im kleinen an den Sorgen üben lerne, die er, wenn einst ihre Hände sinken werden, im großen bestehen soll. Das ist dort nicht erst heute so, schon immer haben sie dort den Sinn des Studenten für die Fragen, die den Mann erwarten, zuzurichten und für den öffentlichen Dienst einzustellen verstanden. In John Morleys »Leben Gladstones«, diesem höchsten Beispiel einer Biographie, worin sozusagen unter unseren Augen die Zubereitung eines großen Mannes geschieht, kann man, in dem Kapitel über Oxford, nachlesen, wie der junge Gladstone von wissenschaftlichen und literarischen Neigungen sachte zum politischen Erwachen gelenkt und in den Debatten der jungen Leute zum Redner ausgebildet wird. Die Bewegung um die Reform-Bill von 1831 ergreift ihn, und, noch keine zweiundzwanzig Jahre alt, hält er unter den Studenten seinen ersten großen Speech, volle drei Viertelstunden lang. »Ich habe mir schon immer gedacht,« schrieb er an seinen Bruder, »es müßte zu den allerschönsten Dingen auf der Welt gehören, einmal drei Viertelstunden lang zu sprechen.« Einer seiner Kollegen aber hat später erzählt, daß sie, als Gladstone sich nach seiner Rede wieder setzte, alle das Gefühl einer Epoche in ihrem Leben hatten. In seinem war es wirklich eine, denn es verging kein Jahr, da kam ihm, der eben in Italien reiste, nach Mailand ein Brief des jungen Lord Lincoln nach, der ihm anbot, sein Vater, der Herzog von Newcastle, sei bereit, ihn zum Abgeordneten von Newark zu machen, eingedenk seiner Rede. Ihr also hatte er es zu danken, daß sich sein Leben so rasch entschieden hat. Bei uns wäre er ein beliebter Kommersredner, dann gelegentlich relegiert und schließlich Fahnenwart eines Turnvereins worden.

Wenn ich manchmal mit Studenten zusammen bin, erschreckt es mich immer wieder, in welcher geistigen Einsamkeit und entsetzlichen Verlassenheit sie leben. Die meisten stammen aus dem Beamtentum, den sogenannten liberalen Berufen und der kleinbürgerlichen Welt, aus Gegenden also, wo so schon die Sitte herrscht, die Kinder so lange als möglich vor allen Wirklichkeiten verwahrt zu halten. Niemals haben sie noch, aus ihrer eignen Klasse weg, ins Leben der anderen blicken können, sie kennen den Bauer so wenig als den Arbeiter, die Denkart der ganzen Nation ist ihnen fremd. Statt nun auf der Universität dies nachzuholen, sitzen sie verlassen da und müssen sich mit Sport und Spiel betäuben. In den Parteien aber, an denen es ist, die Rechte des Bürgertums zu verwalten, wird verwundert geklagt, daß es an Nachwuchs fehle, und man tut erstaunt über die Trennung unserer Intellektuellen von allen öffentlichen Fragen. Und eines Tages werden sich nun wieder ein paar Leute, die klüger sind, zu den verlassenen Studenten an den Tisch setzen, und ihnen wird die Jugend gehören. Und wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft. Und die anderen werden wieder betroffen fragen: Warum gehört die Jugend nicht uns?

Das deutsche Zentrum, das in seinem Haß gegen unsere Zeit sie viel besser zu verstehen und viel besser zu benützen weiß als diejenigen, die ihr zu dienen bereit sind, hat ein »Sekretariat sozialer Studentenarbeit« geschaffen, das sich vorsetzt, den Gedanken der »Lebenssolidarität« zwischen den verschiedenen Klassen, besonders zwischen den Handarbeitern und den Kopfarbeitern, zu Pflegen und die Studentenschaft aus ihrer Absperrung in eine Verbindung mit dem Volk zu bringen. Der Student steht jedem bereit, der sich seiner Verlassenheit erbarmen will. Aber umsonst erwartet er ein Zeichen von den Parteien der Freiheit. Sie lassen es wieder ruhig zu, daß der Feind sich der Jugend bemächtigen wird.


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