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Graf Aehrenthal

1

Rasch ist Aehrenthal zum österreichischen Bismarck ernannt worden. Als er antrat, hätte das niemand gedacht. Er war öffentlich ganz unbekannt. Wenigen nur, die ihn in seiner Petersburger Zeit in der Nähe gesehen hatten, war er ausgefallen und sie sprachen davon, daß ihnen dieser beiseite lebende, fast unheimlich korrekte, zuwartende Botschaftsrat nicht recht geheuer sei. Aber der eigentlichen Künste, worin österreichische Diplomaten sich auszuzeichnen pflegen (als: mit Journalisten frühstücken, in galanten Abenteuern glänzen und den Schneidern neue Richtungen geben), hat er sich immer enthalten. Auch hörte man, daß er durchaus kein Redner sei, während doch bei uns die Staatskunst jetzt unter die redenden Künste eingereiht worden ist. Er galt für einen tüchtigen Arbeiter, für einen starken Leser, auch über sein eigentliches Gebiet hinaus, und für einen der großen Schweiger, die man sich lieber vom Leibe hält, weil es ungemütlich ist, ihren ruhigen Blicken ausgesetzt zu sein. Übrigens gern und gut zu Pferd. Und, was man sehr originell fand: ein zärtlicher Gatte.

Als er antrat, sagte man zunächst weiter nichts, als daß wieder einmal einer vom Hochadel hinaufgelangt sei. Dies sind wir ja gewöhnt; man wunderte sich also nicht und erwartete von ihm nichts. Der Hochadel selbst aber schien unzufrieden. Ihn hörte man murren, daß jetzt bei uns ein Jud sogar schon Kanzler werden könne. Dieser Satz ist, als der Aufsatz in der »Zukunft« erschien, mißverstanden worden, nämlich als ob Aehrenthal wirklich ein Jude wäre, während doch nur unserem Adel jeder, der ein bißchen Verstand oder irgend ein Talent hat, deshalb gleich als Jude gilt; sie können sich's nicht anders erklären. Weil Aehrenthal nämlich zwar durch seine Mutter und durch seine Frau dem böhmischen und dem ungarischen Hochadel zugehört, aber nicht von Raubrittern, sondern von tätigen Geschäftsleuten abstammt, die nicht durch Tapferkeit, sondern durch Klugheit emporgekommen sind. Weshalb er nach bürgerlichen Begriffen ein hoher Herr ist, von den hohen Herren aber nicht dafür anerkannt wird.

Er hatte anfangs keine gute Presse, weil er im Händedrücken und in den kleinen Gefälligkeiten ziemlich ungeschickt schien (obwohl man zugeben muß, daß er sich alle Mühe gab, dies nachzulernen). Und er hatte zuerst auch wenig Glück beim Publikum, das in Österreich ein mehr rauschendes und strahlendes Auftreten gewohnt ist. Unsere Staatskünstler haben uns in den letzten Jahren ja wirklich recht verwöhnt: durch ihr sehr seines Gehör für die Forderungen der Zeit, die sie dann mit den schönsten Worten auszustatten und an den größten Programmen aufzurollen wissen. Er aber schwieg. Einen Kanzler nun, der nicht einmal reden kann, fand man dürftig. Was kann er denn?

Erst nach der Annexion Bosniens und der Herzegowina schlug die Stimmung plötzlich um. Denn es war in Österreich, seit die heute dort wirkenden Menschen sich erinnern können, niemals mehr geschehen, daß etwas geschah. Und niemand war, seit wir uns erinnern können, erschienen, der Mut und Lust gehabt hatte, mit Österreich etwas zu wagen. Nein: Das halten wir noch nicht erlebt. Ungläubige mahnten nun freilich zur Mäßigung. Wozu der Lärm? Was ist denn schließlich weiter an dieser ganzen Annexion als ein neuer Name? Denn auch als sie noch Okkupation hieß, hatte doch kein Mensch daran gedacht, daß wir jemals dieses Land wieder aufgeben könnten. Wenn wir dort auch bei weitem nicht so viel getan haben, wie Lohnlober uns einreden möchten, so doch immerhin genug, um es als unser Eigentum für alle Zeit anzusprechen. Und schon auf dem Berliner Kongreß war ja von Anfang an die Annexion gemeint gewesen, und wenn man am Ende den Türken den Gefallen tat, das durch einen milderen Namen zu beschönigen, so geschah es hauptsächlich aus Angst vor unserem alten Herbst und seinen Leuten, die sich damals noch den Schein einer Art Macht zu geben wußten und deren Programm darin allein bestand, sich allem Vernünftigen und Notwendigen in Österreich zu widersetzen. Nun ist dies alles aber vorbei, die Herbstler haben verhaust und vertan, wir sind ein slawisches Reich geworden, in dem die Deutschen froh sein müssen, sich ihr Volkstum und eine gelinde Mitwirkung am Staatswesen zu wahren; und da wir uns aus dem Agrarischen nun allmählich zum Industriellen entwickeln und von feudalen Einrichtungen langsam zu demokratischen gelangen wollen, fühlen wir uns von allen Seiten immer mehr nach dem Balkan hin gedrängt. Wozu der Lärm also, wenn es einer jetzt endlich auch einmal auszusprechen wagt? Eine gar so große Heldentat ist das doch wirklich nicht!

Nein; eine Heldentat war's nicht. (Und recht komisch sogar, als es von Offiziösen dann zur österreichischen Epopöë aufgeblasen wurde.) Aber es war eine Gebärde, es war ein Zeichen. Und die jetzt wirkenden Menschen hatten, seit sie sich erinnern konnten, keine Gebärde, kein Zeichen von Österreich mehr vernommen. Immer hielt es sich zur Seite gedrückt still, in einer so fragwürdigen und klagwürdigen, so mühseligen Gestalt, daß jedem schon bang um den nächsten Tag geworden war. Und plötzlich stand nun einer auf und zeigte: Seht, wir sind doch noch da! In anderen Ländern versteht sich das ja von selbst; uns hat es erst einer zeigen müssen; wir hatten's verlernt. Und darum war es für uns, an unseren Erlebnissen, unseren Bedürfnissen gemessen, wirklich fast einer Tat gleich. Und einer Tat, die just im rechten Augenblick kam, vorbereitet durch lange Not und von Sehnsucht erwartet. Denn seit zwanzig Jahren ist unter uns in aller Stille versucht worden, insgeheim den Glauben an Österreich wieder aufzurichten. Künstler, erst ein paar Literaten, die Gruppe vom Jungen Wien, dann die Schöpfer unseres neuen Kunstgewerbes, Olbrich, Kolo Moser und Hoffmann, endlich Klimt und seine Leute waren es, die zuerst das Zeichen gaben, an Europa teilzunehmen, der eigenen Kraft vertrauend. Dies hatte dann allmählich doch manchen aufblicken gelehrt; und während man draußen eben überall schon von unserem Ende sprach, wuchs eine neue Jugend zur Gewißheit auf, daß es ein Anfang war, woran wir litten; was man draußen für Todesqualen hielt, waren ihr die Wehen eines neuen Lebens und nicht aus Schwäche ließen wir unsere Form zerfallen, sondern eine langsam im geheimen aufgeschossene Kraft schlug das alte Gefäß entzwei. Seit Jahren waren wir ein verschwiegener Bund, der das wußte. Und nun mag man sich denken, wie merkwürdig es auf uns gewirkt haben muß, als jetzt plötzlich ein Kanzler aufstand, der es auch wußte und die Hand unserer unverzagten Sehnsucht ergriff; da hat die helle Lust manch einen ganz umgedreht!

Dann hatte aber Aehrenthal auch noch das Glück auf Widerstand zu stoßen. Und da gab es uns ein wunderbares Schauspiel hohen Wesens, zum ersten Mal einen zu sehen, der stand hielt, der fest blieb, der nicht vom Platze wich: zum ersten Mal einen Willen zu sehen. Denn die Art unserer Staatsmänner, seit wir uns erinnern können, war es immer gewesen, daß sie auch anders konnten. Sie wollten manches, doch mußte nichts sein; alles ging auch anders. Hier aber zeigte sich, welche Macht einer hat, der nicht anders kann; einer, der muß, was er will. Dies hatten wir noch niemals erlebt. Wir haben ja in der österreichischen Politik seit Andrassy keinen Mann erlebt.

Das war Aehrenthals Erfolg bei uns. Und vielleicht auch draußen. In Österreich unvermutet einen Mann zu finden: Das mag die Leute so verblüfft haben, daß man sich im ersten Schreck alles von ihm gefallen ließ. Nun weiß man es aber. Man weiß es bei uns, überschätzt's und wird von ihm jetzt Wunder verlangen. Und man weiß es draußen, ist darauf gefaßt und wird vor ihm jetzt auf der Hut sein. So hat er es nicht leicht. Und es könnte wohl sein, daß ihm manchmal schon selber bang vor seinem eigenen Schatten in unserer allzu bereiten Phantasie werden mag.

Ist es nämlich immer schon ein heikles Verhältnis, auf einen Vorschuß von Ruhm die Tat erst nachliefern zu müssen, so ist er nun gar in der höchst abgeschmackten Situation, daß er sich jetzt, sozusagen schon mitten auf dem Anmarsch, noch erst seine Truppen anwerben soll. Wird er dabei dasselbe Glück haben wie beim ersten Mal? Damals begann er, als hätte er den Rücken durch ein mächtiges Österreich gedeckt. Und siehe: diese Gebärde des Vertrauens auf ein Österreich, an das gar niemand mehr geglaubt hatte, war so stark, daß es plötzlich wirklich wieder dastand, jenes schon ganz unglaubliche Österreich, wie von den Toten auferweckt. Und nun fährt er fort, als hätte er eine ganz starke großösterreichische Partei im Gefolge. Wird es ihm nun wieder glücken? Wird auch jetzt die bloße Gebärde des Vertrauens wieder so stark sein? Wird durch sie die Partei, die er braucht, entstehen? Auch diese Partei ist ja längst da; man weiß es nur noch nicht, ganz wie man von jenem mächtigen Österreich nichts mehr wußte. Sie steht überall bereit. In der Bürgerschaft aller Nationen, die nach einem großen Markt verlangt. In ihrer Arbeiterschaft, deren Bedürfnisse hier sich ja noch lange von den bürgerlichen nicht trennen werden. In den Intellektuellen, die sich geistig entfesseln wollen, wie andere wirtschaftlich. Überall steht sie längst bereit; nur die politische Form fehlt ihr noch. Wird die Gebärde des Kanzlers sie formen?

Er will auf den Balkan. Und jeder Tätige, jeder Tüchtige jeder Klasse, jeder Nation in Österreich will mit. Es ist die Kraft der wirtschaftlichen Expansion, die uns auf den Balkan drängt. Wir brauchen einen Markt, Kolonien haben wir nicht, die Erde ist verteilt, nur der Balkan bleibt für uns. Wir können aber nicht auf den Balkan, so lange seine Völker uns nicht vertrauen. Sie haben zwischen uns und den Russen zu wählen. Was kann sie bestimmen, sich für uns zu entscheiden? Die Hoffnung, wirtschaftlich dabei zu gewinnen, und die Hoffnung, geistig zu gewinnen. Jene kann ihnen ein agrarisches, diese ein feudales Österreich nicht bieten. Sie sind von westlich gebildeten Intellektuellen beherrschte Bauern. Diese Bauern werden nur ein industrielles Österreich wählen, diese Intellektuellen nur ein demokratisches Österreich. Der Kanzler braucht also für seine äußere Politik ein Österreich, dem unsere ganze innere Politik widerstrebt. Das Österreich, das mit ihm auf den Balkan gehen kann, muß er sich erst schaffen.

Es ist ja da. In der Wirklichkeit ist es da. Aber politisch nicht. Denn das ist ja das eigentliche Zeichen unserer inneren Politik: alle unsere Wirklichkeiten zu verleugnen. Zur Wirklichkeit wagt sich keiner zu bekennen, aus Furcht vor dem nationalen Wahn. Wir erleben, daß Schlagworte, Vorstellungen, deren innerer Sinn längst ausgestorben ist, Einbildungen stärker sein können als selbst die Not. Unser deutsches Bürgertum hat eine Weile geglaubt, die anderen Nationen in Österreich wirtschaftlich und geistig beherrschen zu können. Diese haben sich dagegen empört, wirtschaftlich und geistig ihre eigene Entwickelung fordernd. Der nationale Kampf begann. In diesem Kampf ist das deutsche Bürgertum unterlegen; die Nationen haben gesiegt. Kein Deutscher glaubt heute mehr an eine Vorherrschaft der Deutschen in Österreich. Der nationale Kampf ist aus. Politisch aber wird er noch fortgekämpft. Warum? Wofür? Um nichts; grundlos, sinnlos, ziellos. Eigentlich nur deshalb, weil von dem Kampf, der aus ist, noch die Kämpfer übrig geblieben sind, die Söldner, die den Kampf nicht einstellen können, des Soldes wegen; denn sie haben nichts gelernt, wovon sie sonst leben könnten. Aus jenem nationalen Kampf stammt ein Gewerbe der bürgerlichen Demagogie, das sich nun in seiner Existenz bedroht fühlt und alle Kraft einsetzt, um eine Politik zu verhindern, die es ums tägliche Brot brächte. Der nationale Kampf, der aus ist, wird weitergekämpft, nicht mehr um die Nation, sondern fürs Geschäft der Demagogen. In jedem böhmischen Dorf kann man das sehen, wenn man sich zu den arbeitenden Menschen setzt und sie nun im Vertrauen fragt, ob es denn nicht wirklich vernünftiger wäre, sich mit dem Nachbarn zu verständigen. Keiner leugnet es. Jeder wäre gern dazu bereit. Aber sie haben Angst, sie fürchten den nationalen Bann; die Schande wäre zu groß; die Demagogen drohen mit dem Boykott und der Handwerker, der Krämer, der Wirt, der von der Gunst der Gasse lebt und den Kredit bei der Sparkasse braucht, in der die Demagogen kommandieren, muß ihnen seufzend gehorchen. Man frage nur in den Handelskammern, in den industriellen Verbänden nach! Überall möchten sich die Deutschen mit den Tschechen verständigen; sie dürfen aber nicht: die Furcht vor den Demagogen ist stärker. Hier und dort, auf der deutschen und auf der tschechischen Seite. Und die bürgerlichen Parteien sind alle rings von solchen Demagogen besetzt, Berufspolitikern, deren einziges Programm ist, ihrem Klüngel das Geschäft zu erhalten, und die darum jeden, der es durch ein aufrichtiges Wort einmal stört, mit Verdächtigungen und Verleumdungen so bis an den Hals beschmutzen, daß ihm die Lust vergeht, ein zweites Mal die Wahrheit zu wagen.

Unsere ganze innere Politik wird durch die Furcht vor den Demagogen bestimmt. Die Macht der Demagogen ist aber heute größer als je, weil sie nun einen Bund mit unserer alten Bureaukratie geschlossen haben. Ein Fabrikant kann in Österreich heute nicht bauen, eine Gemeinde keine Brücke, keine Station, keine Schule haben, eine Witwe keine Tabaktrafik kriegen, wenn sich nicht einer der mächtigen Demagogen im Ministerium dafür verwendet. Aus Angst vor der Demokratie, die am Ende die Verwaltung reinigen könnte, haben sich die Bureaukraten in ihrer Not den Demagogen verschrieben und die beiden bilden nun zusammen eine Art Konvent, der jetzt der eigentliche Herr Österreichs ist. Er heißt heute Ministerium Bienerth, morgen wird er vielleicht schon anders heißen, aber er wird sich nicht ergeben, so lange nicht die letzte Kraft der mit der Demagogie vereinigten Bureaukratie erschöpft ist. So lange ist ein neues Österreich der arbeitenden Menschen unmöglich. Und so lange ist uns der Gang nach dem Balkan unmöglich. Und hält der Konvent, bis etwa die Russen die Kraft für eine Politik gefunden haben, die den wirtschaftlichen und den geistigen Bedürfnissen auf dem Balkan dient, dann wird unser Gang nach dem Balkan für alle Zeit unmöglich geworden sein.

Ja, wenn Aehrenthal nun wirklich der österreichische Bismarck ist, zu dem man ihn ernannt hat, dann muß er auch so stark sein, sich im Innern die Politik zu schaffen, die seine äußere braucht. Der preußische hat's gekonnt.

Aehrenthal macht den Eindruck, ein Mann zu sein und einen Willen zu haben. Nun wird er es zeigen müssen. Die Kraft zum neuen Österreich steht überall bereit, einen Mann und einen Willen erwartend.

August 1909.

 

2

Man kann aus den Zeitungen nicht klug werden, ob Aehrenthal wirklich krank oder gefallen ist. Jedenfalls aber hat er jetzt die allgemeine Stimmung gegen sich. Er wird jetzt mit derselben Leidenschaft verhöhnt und gehaßt, wie er einst bewundert und gepriesen worden ist, und von denselben Leuten.

Dies scheint ein Austriacum zu sein: die Männer des höchsten Vertrauens enttäuschen am tiefsten. Wie Benedek, der auch als Sieger gekränzt wurde, bevor er es noch sein konnte, und dem man es auch niemals verzieh, daß er dann den Sieg zu seinem Kranze schuldig blieb.

Man ist gegen Aehrenthal erbittert, weil er seine Versprechungen nicht gehalten hat. Um aber gerecht zu sein: die Versprechungen, die er nicht gehalten hat, sind nicht Versprechungen, die er gemacht hat, sondern Versprechungen, die man sich von ihm gemacht hat. Er wurde gar nicht erst gefragt, als er bei seinem Antritt zum österreichischen Bismarck ausgerufen wurde. Wenn sich nun gezeigt hat, daß er kein Bismarck ist, nicht einmal ein österreichischer, so sollten sich die guten Leute lieber selbst bei der Nase nehmen als ihn. Sie finden das aber jetzt unbegreiflich taktlos von ihm. Er hätte den Takt haben müssen, sie damals gleich darauf aufmerksam zu machen, er sei nichts weiter als auch bloß ein regelmäßiger österreichischer Minister. Ich finde, wir verlangen zuweilen doch etwas viel.

Aehrenthal verdankte den Ruhm, der ihn empfing, der ewigen österreichischen Sehnsucht, sich wieder einmal für etwas begeistern zu können, für eine Tat, für einen Mann. Die liegt in jedem von uns immer auf der Lauer. Und sie kann sich nicht entschließen, ruhig liegen zu bleiben. Sie hängt sich an jedes Zeichen. Das Zeichen, das Aehrenthal gab, war eine Gebärde. Er sprach nicht viel, er versprach gar nichts, er hatte nur die Gebärde: Wir sind auch noch da! Das genügte. Nichts hört der Österreicher lieber, nichts will er so sehr hören; vielleicht weil er es sonst doch nicht glaubt, wenn er es nicht immer wieder hört. Und nun erwarteten alle das Ereignis. Jetzt aber sehen sie sich das Ereignis an und finden, es sei keins. Viel Lärm um nichts.

Was läßt denn Aehrenthal zurück? Eine neue Provinz haben wir. Aber wir hatten sie schon. Wir dachten nicht daran, Bosnien wegzugeben, niemand dachte daran, es uns wegzunehmen, nichts ist also geschehen, als daß eine Tatsache rechtlich anerkannt wurde. Dafür haben wir viel bezahlt. Nicht bloß viel Geld. Wir haben es nicht bloß mit den Aufregungen einer Kriegsgefahr bezahlt, mit dem Verlust der russischen und englischen Freundschaft, mit einer Verpflichtung gegen das Deutsche Reich, unter der unsere Slawen knirschen, sondern auch mit dem feierlichen Verzicht auf den Balkan. Aehrenthals Gebärde wirkte damals so, weil Enthusiasten meinten, sie weise nach Saloniki. Inzwischen ist's davon wieder ganz still geworden. Aehrenthal wäre heute schon stolz, nur ein ehrbares Verhältnis zu Serbien finden zu können. Er findet es aber nicht.

Und dann ist noch ein Posten in der Rechnung, der uns wenig Freude macht. Auf dem moralischen Blatt nämlich. Die Engländer sagen seitdem, unsere Politik sei nicht aufrichtig. Die Russen sagen, daß wir gelogen haben. Darüber würden wir uns vielleicht zu trösten wissen. Aber im Namen Aehrenthals sind in seiner Zeit gegen Österreicher, die seiner Politik unbequem waren, Fälschungen verübt worden und ohne Masaryks Redlichkeit, Unerschrockenheit und Beharrlichkeit wären durch diese Fälschungen vielleicht die Führer einer österreichischen Nation vernichtet worden. Niemand weiß, wann Aehrenthal erkannt hat, daß es Fälschungen waren. Aber man weiß, daß österreichische Diplomaten um diese Fälschungen gewußt haben. Und Aehrenthal hat es unterlassen, diese Diplomaten abzuschütteln. Dies hat im stillen stärker gegen ihn gewirkt, als er wohl selber bemerkt hat. Wir spielen nicht gern die Moralischen. Aber man war doch beklommen. Man sagte sich allerdings, Politik werde nicht mit Rosenöl gemacht und auch Cavour, auch der erste Napoleon hätten sich zuweilen die Hände beschmutzt; ja bis zum Cesare Borgia ging das Zitat in den Cafés. Doch wurde zugegeben, daß diese Herren damit etwas mehr erreicht haben. Zum genialen Verbrecher gehört doch, daß es dafür steht. Es gehört ferner dazu, daß es gelingt. Und es gehört auch dazu, daß er nicht erwischt wird. Da man fand, es sei nicht dafür gestanden und es sei nicht gelungen, ärgerte man sich, daß wir auch noch erwischt worden waren, und so behielt schließlich wieder der moralische Sinn die Oberhand.

Diese böse Stimmung gegen Aehrenthal ist ausgebrochen, da nun auch noch Peter den angekündigten Besuch abgesagt hat. Unseren Leuten gilt er für mitschuldig an jenem Königsmord und so widersprach es ihrem Gefühl, daß unserem alten Kaiser dieser Gast zugemutet wurde. Daß sich der Gast aber dann auch noch besann und es sich wieder anders überlegte, daß der Mitschuldige der Königsmörder die Hand noch ausschlug, die Aehrenthal ihm gar nicht hätte bieten dürfen, das war ihnen zu viel. Und so meinen sie jetzt, dies müsse das Ende sein.

Mai 1911.


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