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Erstes Kapitel

Liselotte von der Pfalz Herzogin von Orléans

Liselotte, Herzogin von Orléans
Gemälde von H. Rigaud.
Schloss Versailles

1. Das Elternhaus

Der alte Glanz der Pfalz lag in Schutt und Asche. Nur der äussersten Sparsamkeit des Landesfürsten konnte es gelingen, das Land wieder zu dem üppigsten und fruchtbarsten aller deutschen Gaue zu machen. Liselottes Vater, der damals noch junge Kurfürst Karl Ludwig, bemühte sich daher auch redlich, die Wunden zu heilen, die der Dreissigjährige Krieg seinem schönen Lande geschlagen hatte. Es kam im Jahre 1649 in sehr verkleinertem Zustand in seine Hände. Die Hauptstadt Heidelberg lag halb in Trümmern. Ein grosser Teil der Dörfer und Flecken war vom Erdboden vollkommen verschwunden, die Bevölkerung durch Krieg und Seuchen aufgerieben. Ueberall wüteten Not, Hunger und Elend. Es bedurfte einer starken, energischen Hand, die Pfalz wieder zu Wohlstand zu bringen, und Karl Ludwig, den im Sturme des Lebens Aufgewachsenen, erwartete auch nach seinem Regierungsantritt kein sorgloses Dasein. In sich selbst fühlte er seinem Lande gegenüber eine tiefe Schuld. Er hoffte sie durch eisernen Fleiss und strengste Pflichterfüllung zu sühnen. Denn durch die Fehler seiner Eltern war die Pfalz ins Unglück geraten. Seine stolze Mutter, die Tochter König Jakobs I. von England, als Winterkönigin bekannt, hatte grosses Luxusbedürfnis. Sie war eine schöne Verschwenderin. Ihre Ansprüche und exzentrischen Neigungen überschritten weit die Verhältnisse am kurpfälzischen Hofe. Des Vaters verhängnisvolles Streben nach einem höheren, glänzenderen Thron hatte die kurfürstliche Familie zu obdachlosen Flüchtlingen gemacht und war schuld an der Verwüstung der Pfalz durch die Spanier und Franzosen.

Leider erreichte Karl Ludwig sein Ziel nur zu seinem Schaden, denn die Pfalz, wieder zu Wohlstand gelangt, ward aufs neue ein begehrlicher Gegenstand in den Augen anderer Fürsten. Besonders Ludwig XIV. hatte es auf das Land des Kurfürsten abgesehen. Wie es sich später zeigte, wurde Liselottes Vater ein Opfer des französischen Königs, und zwar nicht infolge persönlicher Schwäche und Nachgiebigkeit, sondern hauptsächlich infolge des Zustandes der damaligen deutschen Verfassung. Er musste es geschehen lassen, dass sein schönes Land der Willkür der Franzosen preisgegeben ward, ohne dass das Reich ihm Schutz und Hilfe gewährte. Ueber der Pfalz schwebte ein Unglücksstern.

Auch die junge Ehe des Landesfürsten war nicht vom Glück begünstigt. Karl Ludwig war mit Charlotte, einer Tochter des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel, vermählt. Er heiratete sie ein Jahr nach seiner Thronbesteigung, am 12. Februar 1650. Die Prinzessin war kränklich, deshalb fast immer gereizt und übelgelaunt. Nichtsdestoweniger war sie ungemein vergnügungssüchtig, eine ausgezeichnete Amazone. Sie liebte es, mit reichem Gefolge weite Spazierritte zu unternehmen, in der Umgegend zu jagen, Feste und Bälle zu veranstalten und an ihrem Hofe einen gewissen Glanz zu entfalten. Ihre Schönheit zur Geltung zu bringen, daran lag ihr am meisten. Daneben war sie streitsüchtig, launisch und heftig, gegen Untergebene sehr stolz und hoffärtig. Sie behandelte ihre Dienerschaft schlecht. Es kam ihr nicht darauf an, ihre Hofdamen mit der Reitpeitsche zu schlagen. Sie hatte gewiss keinen angenehmen Charakter, war ausserdem eine höchst hysterische Frau. Die eigene Mutter, die edle Landgräfin Amalie von Hessen-Kassel, warnte den Kurfürsten bei der Verlobung vor dem widerspenstigen, halsstarrigen und verdriesslichen Wesen der Tochter. Damals rechnete Karl Ludwig jedoch in voller Zuversicht auf seinen eheherrlichen Einfluss, er wolle sich um so freundlicher gegen seine Gattin zeigen und ihre Liebe zu erobern trachten. Es gelang ihm nicht, trotz aller Geduld, die ihm bei seinem leicht erregbaren Charakter möglich war aufzubringen.

Es gab zwischen dem ungleichen Paar nicht nur heftige Privatauseinandersetzungen, sondern auch Streitigkeiten wirtschaftlicher Natur. Karl Ludwig war sparsam bis zur Kleinlichkeit. Vor allem strebte er danach, seinem verarmten Lande jede Mehrausgabe für die Unterhaltung des Hofes zu ersparen. Die Dienerschaft war aufs nötigste beschränkt. Wenn er gezwungen war, irgendeinen offiziellen Besuch bei einem hohen Fürsten oder gar beim Kaiser zu machen, so liess er es freilich an einem seiner Würde zukommenden äusseren Auftreten nicht fehlen, umgab sich mit einem glänzenden Hofstaat, machte ansehnliche Geschenke. Sobald er jedoch wieder daheim war, wurden alle unnützen Esser verabschiedet. Karl Ludwig war von neuem der sparsame Bürger. Persönlich wog er die gewisse Menge Zucker und Nahrungsmittel für seinen Hausbedarf ab, überwachte seine Landwirtschaft selbst, verkaufte sein Vieh und sein Wild, um nicht von der Apanage seiner Untertanen abzuhängen. Eine Zeitlang verzichtete er sogar ganz darauf. Ferner war er ein Feind aller Koketterie. Er liebte es nicht, dass die Frauen viel Geld für Kleidung oder Vergnügen ausgaben. Reiten und Jagen waren ihm beim weiblichen Geschlecht verhasst; seine Tochter Lieselotte lernte es erst in Frankreich.

Durch diese Eigenschaften allein stiess er auf heftigen Widerstand bei seiner luxusbedürftigen und vergnügungssüchtigen Frau. Sie liebte es, viel Geld auszugeben. Sie liebte es, ein grosses Haus zu führen, sich mit einem prächtigen Hofstaat zu umgeben, in der Welt zu glänzen und eine Rolle zu spielen. Karl Ludwig war nicht reich genug, ihr ein solches Leben zu gewähren; das verhängnisvolle Beispiel seiner eigenen Mutter stand ihm warnend vor Augen. Aber Charlotte sah nur Böswilligkeit und Geiz in der Sparsamkeit ihres Gatten, und die Zänkereien und Streitigkeiten nahmen kein Ende.

Aus dieser höchst unglücklichen Verbindung gingen drei Kinder hervor. Nur zwei davon blieben am Leben: ein Sohn Karl, der im Jahre 1651 geboren wurde, und eine kleine Prinzessin, Elisabeth Charlotte, von ihren Angehörigen kurzweg Liselotte genannt. Sie kam im Mai 1652 zur Welt.

Auf Liselottes Kinderjahre fiel der Schatten des unglücklichen Zerwürfnisses ihrer Eltern. Bald machte der Vater kein Hehl mehr daraus, dass er mit der Mutter nicht glücklich sei. Er suchte in einer anderen Neigung Trost. Unter den Hofdamen der Kurfürstin Charlotte befand sich seit dem Jahre 1653 ein Fräulein Luise von Degenfeld. Sie war ein junges blondes Mädchen, das von Anfang an Eindruck auf Karl Ludwig machte. Fräulein von Degenfeld wollte ihm indes nur als Gattin, nicht aber als Mätresse angehören. Auch sie liebte ihn, obwohl er mehr als zwanzig Jahre älter war als sie. Der Kurfürst war zu allem bereit. Die Scheidung war für ihn beschlossene Sache. Impulsiv, wie er war, teilte er seiner Frau sofort den Entschluss mit. Charlotte war ausser sich über diese Schmach und erwiderte zornig, dass sie nie und nimmer ihre Zustimmung geben werde.

Von diesem Augenblick an wurde das Leben im Heidelberger Schlosse unerträglich. Täglich gab es die heftigsten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ehegatten. Vergebens versuchten die Verwandten des kurfürstlichen Paares eine Versöhnung herbeizuführen. Karl Ludwig war unerbittlich. Von Tag zu Tag liebte er Luise von Degenfeld mehr. Je unüberwindlicher die Hindernisse schienen, sie zu erlangen, desto heftiger entflammte seine Leidenschaft. Sein Hass gegen die Kurfürstin wurde immer grösser. Aber obwohl das Leben für Charlotte unter seinem Dache nicht nur qualvoll, sondern auch würdelos war, vermochte sie doch nichts zu bewegen, das Schloss zu verlassen. So lebten beide Frauen anfangs gemeinsam in Heidelberg. Später verlegte Karl Ludwig seinen neuen Hausstand nach Frankenthal, wo er den Winter verbrachte. Vierzehn schöne Kinder gingen aus diesem Bunde mit Luise von Degenfeld hervor. Er hatte Luise zur Raugräfin erhoben. Er war sehr glücklich und verbarg sein Glück vor niemandem. Luise kannte nur ein Ziel: den Kurfürsten, für den sie die grösste Verehrung und Dankbarkeit empfand, den Schritt nicht bereuen zu lassen, den er getan hatte. Niemals vergass sie, welch hohe und bevorzugte Stellung ihr Karl Ludwig eingeräumt hatte. Sie vergalt ihm seine Liebe und Fürsorge mit herzlicher Hingabe. Seinen beiden Kindern aus der Ehe mit der Kurfürstin ist sie jederzeit mit Liebe begegnet. Liselotte weiss nur Gutes von dieser Stiefmutter zu sagen. Besonders aber lobte sie die Liebenswürdigkeit und Sanftmut der Raugräfin.

Noch ehe Liselotte geboren war, kam Karl Ludwigs Lieblingsschwester Sophie, die spätere Kurfürstin von Hannover, an den Hof von Heidelberg, um ihren jungverheirateten Bruder zu besuchen. Die zweiundzwanzigjährige Sophie war nicht nur ausserordentlich gebildet, sondern auch ein ganz besonders individueller Charakter. Ausser dem Deutschen sprach sie gleich fliessend Holländisch, Englisch, Französisch, ziemlich gut Spanisch, Italienisch und Lateinisch. Jedermann war erstaunt, bei einer so jungen Prinzessin so viele Kenntnisse zu finden, besonders da sie nichts weniger als ein Blaustrumpf war, sondern Freude an allen Vergnügungen der grossen Welt hatte. Französisch war damals die Sprache der Höfe und vornehmen Gesellschaft, Englisch hatte Sophie von frühester Kindheit durch die Mutter gelernt, ebenso Holländisch durch ihren Aufenthalt im Land, und Lateinisch musste damals jedermann verstehen, der einigermassen Anspruch auf höhere Bildung machte. Karl Ludwigs Schwester besass jedoch auch recht ansehnliche Kenntnisse in Philosophie und Geschichte, die selbst Gelehrten Bewunderung einflössten. Dazu kam ein äusserst glückliches Temperament. Sie verfügte über einen lebhaften, oft derben Witz mit starker Neigung zum Spöttischen, einen festen, entscheidenden Willen, der sich in allen Widerwärtigkeiten des Lebens aufrecht erhielt. Sophie war weit entfernt von dem damals sehr verbreiteten Aberglauben, von aller Frömmelei und Intoleranz; eine starke, frohe Natur, die trotz aller äusseren Derbheit viel Herzensgüte und Wärme in sich trug. In vielen Eigenschaften ging Sophies Charakter auf Liselotte über, für die sie der Inbegriff alles Vollkommenen und Schönen wurde. Von dem rauschenden Hofe in Frankreich flüchtete später die Herzogin von Orléans in den Stunden ihrer Einsamkeit zu ihrer herzlieben Tante Sophie, um in langen Briefen alle ihre Kümmernisse zu beichten und sich bei ihr Rat und neuen Mut zu holen.

Als diese Tante an den kurpfälzischen Hof kam, war der Erbprinz Karl ein Jahr alt, und Liselottes Geburt wurde erwartet. Während das Brüderchen aber sein Leben lang kränklich und schwächlich blieb, entwickelte sich die kleine Prinzessin zu einem körperlich und geistig gesunden Naturkind, voll Frische und Frohsinn. Ihr wildes Temperament war kaum zu bändigen.

Trotz allen häuslichen Zwistes zwischen den Eltern, trotz aller Strenge des Kurfürsten sind Liselottes Kinderjahre im Elternhause doch äusserst glückliche. Sie geniesst die grösste Freiheit, darf sprechen und spielen mit wem sie will, darf mit ihren Gouvernanten in der Umgebung von Heidelberg umherstreifen, braucht sich nicht mit vielem Lernen zu beschweren. Sie kann ganz Kind sein. Auf diese Weise befreundet sie sich mit Hoch und Niedrig und gelangt schliesslich zu jenen ausserordentlichen Kenntnissen von Dingen und Menschen ihrer Heimat, der wir in ihren zahlreichen Briefen begegnen. Jene köstliche Natürlichkeit und Einfachheit ihres Wesens, denen sie selbst später in einer völlig anderen Umgebung voll Glanz, Reichtum und Verderbnis treu blieb, sind in jenen harmlos glücklichen Kinderjahren verwurzelt. Wie an ein Paradies auf Erden erinnerte sie sich bis ins hohe Alter ihrer ungestümen Jugendlust und Wildheit. Ihren Erzieherinnen bereitete sie allerdings oft die grössten Sorgen. Einen rechten «rauschenblattenen Knecht» nennt sie sich, was so viel heissen will wie «flatterhaft Bürschchen». Als sie dann selbst Mutter eines äusserst lebhaften Töchterchens ist, schreibt sie in ihrem originellen Deutsch: «Ich glaube, dass aller Liselotten ihr Naturell ist, so wild in der ersten Jugend zu sein, hoffe, dass mit der Zeit ein wenig Blei in dem Quecksilber kommen wird, wenn ihr mit der Zeit das Rasen so vergeht, als es mir vergangen ist, seiderdem ich in Frankreich bin.» Sie wäre wohl auch lieber ein Knabe gewesen, der nach Herzenslust auf den Bäumen herumklettern konnte, ohne danach fragen zu müssen, ob das sich auch schicke. Denn für das «Sichnichtschicken» hat Liselotte ihr Leben lang kein Verständnis. Sie tut und sagt, was ihr gerade einfällt, spricht den Pfälzer Dialekt wie der geringste Untertan ihres Vaters. Jede Ziererei ist ihr fremd. Am liebsten wäre es ihr, wenn man sie mit aller Zeremonie und Vornehmtuerei verschonte. «Wie irgendein anderes Bürgerkind geht sie mit einem «gut Stück Brot in der Hand» schon morgens um fünf Uhr vor das obere Tor in Heidelberg «Kirschenessen» und empfindet es als das höchste Glück, wenn man sie ungestört diesem harmlosen Vergnügen überlässt.

So wächst Liselotte auf in Sorglosigkeit und Natürlichkeit. Die Erzieherinnen haben keinen leichten Stand bei diesem zu allen tollen Streichen aufgelegten Kinde. Die erste Gouvernante erbat vom Kurfürsten ihren Abschied mit der Erklärung, sie wolle nicht mehr bei der Prinzessin bleiben, weil sie ihr zu viele Schabernacks spiele. Fräulein von Quaadt war nämlich alt und langweilig, und so entledigte sich das fröhliche, mutwillige Kind ihrer eines Tages durch einen Gewaltstreich. Liselotte war ungehorsam gewesen und sollte die Rute bekommen. Als «die Jungfer Eltz von Quaadt» sie hinaustragen wollte, zappelte die kleine Prinzessin so sehr mit den Füssen und gab ihr «so viel Schläg in ihre alte Bein», dass Jungfer Eltz mitsamt der wilden Liselotte zu Boden fiel. Das schadenfrohe kleine Mädchen aber suchte schleunigst das Weite und entging so der zugedachten Strafe. Fräulein von Quaadt erzog fortan nur noch den sanfteren, stillen Erbprinzen. Liselotte indes bekam von da an ihr geliebtes Fräulein von Offelen zur Hofmeisterin.

Es kommt aber auch vor, dass Liselottes Missetaten durch einen Zufall aufgedeckt werden, wie an jenem Abend, als sie gerade mit einem Teller voll Specksalat am Fenster steht und hastig die für sie köstliche, aber verbotene Speise heimlich hinunterwürgt. Sie ist noch nicht fertig mit essen, als plötzlich auf dem Altan, direkt vor ihrem Fenster, die Kanone abgefeuert wird, weil ein Brand in der Stadt ausgebrochen war. Darüber erschrickt das Fräulein von Colb, ihre Gesellschafterin, dermassen, dass sie im Hemd aus dem Bett springt, um die Prinzessin zu retten, denn sie glaubt, das Feuer sei ganz in der Nähe. Aus Furcht, ertappt zu werden, wirft Liselotte eiligst den silbernen Teller mitsamt dem Salat und der Serviette zum Fenster hinaus. Da aber kommt auch schon der Kurfürst die hölzerne Stiege herauf, um von Liselottes Zimmer aus in die Stadt hinunterzuschauen, wo sich der Brand befände. «Wie er mich so mit dem fetten Maul und Kinn sah», erzählt später die Frau Herzogin von Orléans in ihrer derben Art, «fing er an zu fluchen: ‹Sacrament, Liselotte, ich glaube, ihr schmiert euch etwas auf dem Gesicht.› Ich sagte: ‹Es ist nur Mundpomade, die ich wegen der gespaltenen Lefzen (Lippen) geschmiert habe.› – Papa selig sagte: ‹Ihr seid schmutzig.› – Da kam mir das Lachen. Die Raugräfin kam auch herauf durch meiner Jungfern Kammer und sagte: ‹Ah, wie riechts in der Jungfern Kammer nach Specksalat!› Da merkte der Kurfürst den Possen und sagte: ‹Das ist denn eure Mundpomade, Liselotte?› – Wie ich sah, dass der Kurfürst guter Laune war, gestund ich die Sache und verzählte den ganzen Handel, wie ich die Hofmeisterin betrogen hatte. Der Kurfürst lachte nur darüber, aber die Colbin hat mirs lange nicht verziehen.»

Lachen und Fröhlichsein füllten ihre Kinderjahre aus und liessen die Stürme vorüberziehen, die sich oft genug im Elternhaus über ihr zusammenzogen. Der Vater war infolge des traurigen Verhältnisses seiner Ehe oft heftig und streng gegen die beiden Kinder. Indes scheint Liselotte mit ihrem urwüchsigen, fröhlichen Naturell weniger unter der Strenge des Vaters gelitten zu haben als der Erbprinz, der sich später auch völlig von ihm abwandte. Liselotte verehrte jederzeit den Kurfürsten mit grosser Liebe. Höchstens kommt sie bisweilen auf sein hartes Wesen zu sprechen und meint, «der Vater, Ihro Gnaden, der Kurfürst selig», habe sie wohl sehr lieb gehabt, allein sie habe ihn noch viel lieber gehabt als er sie. Und vielleicht hat sie nicht ganz unrecht. Aus Instinkt stellt sich das Kind, das oft Zeuge der elterlichen Zerwürfnisse ist, auf die Seite der Mutter. Als Liselotte älter ist und in die Schule der Tante Sophie von Hannover geht, die ihren Bruder Karl Ludwig abgöttisch liebte und natürlich seine Tochter in der Liebe zu ihm erzog, entfernt sich auch Liselotte immer mehr von ihrer Mutter.

Karl Ludwigs Schwester Sophie hatte sich am 18. Oktober 1658 mit dem Herzog Ernst August von Braunschweig- Lüneburg verheiratet. Vorläufig war er noch ein Herzog ohne Land, aber doch keine allzu schlechte Partie für die nicht mehr ganz junge und vermögenslose pfälzische Prinzessin. Einst hatte sich zwar der Erbe des englischen Königsthrones um sie bemüht. Diese Verbindung hatte sich indes zerschlagen. Sophies gesunder Verstand sagte ihr, es sei besser, überhaupt einen Mann zu finden als gar keinen. Er müsse nur, wie sie sich ausdrückte «in einem annehmbaren Range stehen, seine Frau nicht schlagen», wie Prinz Adolf Johann von Zweibrücken. Auch er hatte um ihre Hand angehalten. Ferner dürfe er «weniger dem Trunke zuneigen wie der Prinz von Holstein», der gleichfalls in sie verliebt war.

Herzog Georg Wilhelm von Hannover, der Bruder ihres zukünftigen Gatten, war zuerst mit ihr so gut wie verlobt. Diese Verbindung zerschlug sich jedoch, weil der Bräutigam inzwischen in Venedig einer griechischen Kurtisane in die Hände gefallen war. Obwohl Sophie dem Herzog Georg Wilhelm weit mehr als nur konventionelle Neigung entgegenbrachte, liess es ihr Stolz nicht zu, sich irgend etwas merken zu lassen, dass sie unter dem Zusammenbruch ihres Glücks litt. Und als er sie, wie etwas Sachliches, einfach seinem Bruder Ernst August als Braut abtritt, willigt sie ohne Widerstreit, vielleicht aber auch ohne Bedauern, in diese unter Brüdern arrangierte Heirat. Auch das mit der Zeit unerträgliche Leben im Heidelberger Schloss mag Sophie zu diesem raschen Entschluss bestimmt haben.

Als sie ihren Verlobten, den Herzog Ernst August, einen schönen, hochgewachsenen Mann, endlich in Heidelberg empfängt, freute sie sich, ihn liebenswürdig und nett zu finden, denn sie hat sich vorgenommen, ihn zu lieben, gleichviel ob er ihr gefällt oder nicht. Nun ist sie froh, dass auch sein Aeusseres ihrem Geschmack entspricht. Durch eine Klausel des Westfälischen Friedens war dieser protestantische Fürst Koadjutor des Kardinals von Wartenberg, Bischofs von Osnabrück und zu dessen Nachfolger auf dem bischöflichen Stuhl bestimmt. Da jedoch Wartenberg noch lebt, führt Ernst August seine junge Frau einstweilen nach Hannover, an den Hof seines Bruders Georg Wilhelm, der ihm als Belohnung, dass er ihm die Braut abgenommen, versprochen hat, niemals zu heiraten und ihm sein Erbe auf den Thron von Hannover abzutreten.

Von dem Augenblick an, da die junge Herzogin Sophie das Schloss Heidelberg verlassen hat, tritt sie in engsten Briefwechsel mit dem Kurfürsten von der Pfalz. «Er hatte so grosses Vertrauen zu mir», sagte sie in ihren Memoiren, «dass er mir mit jedem Posttage schrieb, und seine Briefe waren so warm und unterhaltend, dass die Korrespondenz mir die grösste Freude meines Lebens ausmachte.» Es bestand zwischen beiden Geschwistern ein so herzliches Freundschaftsband, dass ihr sein Urteil alles galt; und ihm war sie diejenige Frau, vor der er keine Geheimnisse zu haben brauchte. Jederzeit konnte er ihr sein Herz ausschütten. Gleich in den ersten Briefen an seine Schwester bespricht er mit ihr die Erziehungsfrage der damals siebenjährigen Liselotte, die ihm sehr am Herzen liegt. Damals schlug ihm Sophie vor, sie wolle die kleine Prinzessin zu sich nach Hannover nehmen und für sie sorgen wie für ihr eigenes Kind.

Karl Ludwig musste wohl einsehen, dass es heilsamer sei, Liselotte nicht länger dem ungesunden Verhältnis seiner Ehe auszusetzen. Die täglichen Reibereien zwischen Vater und Mutter bleiben dem Kinde nicht verborgen, weil sich weder der eine noch der andere geniert, und das konnte für Liselottes Charakter leicht gefährlich werden. Immer mehr spitzt sich das Verhältnis der beiden Gatten zu. Hartnäckig weigert sich die Kurfürstin, das Schloss Heidelberg zu verlassen, wo ihre Stellung nachgerade beschämend für sie wird. Ganz unverständlich für ihre Frauenwürde ist es, dass sie noch immer darauf besteht, bei offiziellen Gelegenheiten mit dem Kurfürsten die Honneurs zu machen, der längst eine neue Familie besitzt. Auch im Theater erscheint Charlotte mit ihm und empfängt bei den Hofcouren. Weder sie noch er sind indes Naturen, die sich beherrschen und wenigstens für Augenblicke im öffentlichen Leben vergessen können, dass bittere Feindschaft zwischen ihnen herrscht. Mit einem Wort: das Leben im Schlosse wird immer unerträglicher, immer unerfreulicher. Es ist höchste Zeit, dass Liselotte dieser Umgebung entrissen wird. Der Herzogin von Hannover ist es wirklich ernst mit ihrer Absicht, die Erziehung ihrer Nichte zu übernehmen, und als ihr Bruder sich endlich auch dazu entschlossen hat, verwandelt Sophie die Absicht in die Tat. Am 15. Mai 1659 schreibt sie unumwunden an Karl Ludwig, mit dem sie die Briefe stets in französischer Sprache wechselt: «Wenn es Ihnen zu dieser Stunde angenehm wäre, die Vorbereitungen zur Reise Liselottes zu treffen, so würden sie unsere Wagen in Minden an dem Tage erwarten, an dem sie Ihrem Wunsch gemäss dort einträfe ...«

Für das kleine Kurprinzesschen brechen nun vier herrliche, glückliche Kinderjahre bei ihrer «herzlieben Tante Sophie» an. Sie wird ihre wahre Mutter! Liselotte liebt sie mit aller kindlichen Inbrunst. Hier am Hofe Sophies sieht sie nie Szenen des Zorns und gehässiger Erbitterung. Hier gibt es keine kleinlichen Reibereien, keine Eifersüchteleien, keine unwürdigen Zänkereien. Wenn auch der hannöversche Hof durchaus kein Muster an Tugenden ist – dafür sorgen schon die vier sehr lebenslustigen und galanten Brüder –, so ist doch die Herzogin Sophie dessen Seele, eine sehr kluge Frau, die jeden öffentlichen Skandal, jede Art von Streitigkeiten und Zänkereien vermeidet. In ihrem häuslichen Leben mit dem Gatten ist später gewiss nicht alles, wie es hätte sein sollen, aber Sophie verschliesst das Leid darüber in ihrem grossen starken Herzen, ohne die Miene einer Märtyrerin zur Schau zu tragen. Im Gegenteil, sie ist immer heiter, immer geistvoll, immer die Gebende, oft derb und geradezu witzig und spöttisch, aber stets der Mittelpunkt ihres Hofes. Ihr treuester und ergebenster Freund Leibniz nennt sie nie anders als «unsere Grosse Kurfürstin».

An der Seite dieser Frau wächst Liselotte auf. Ist es ein Wunder, dass dieses Kind, das nie die wahre Mutterliebe fühlte, für die Herzogin Sophie, die sie mit aller Wärme einer Mutter ans Herz nahm, die tiefste Zuneigung und höchste Bewunderung empfindet? Ihre Tante Sophie ist ihr Ideal und bleibt es. Als Liselotte selbst das Leben an einem der glänzendsten Höfe der Welt und anderer Frauen Geist und Macht kennenlernt, ist Sophie noch immer für Liselotte nicht nur der Stern des Hofes in Hannover, sondern überhaupt die geistreichste und grösste Frau aller Höfe.

Das kleine Pfälzer Prinzesschen folgt übrigens der Tante auf ihren Reisen überallhin. Noch ist Sophies eigene Tochter, die spätere erste Königin in Preussen, Sophie Charlotte, nicht geboren. Die Herzogin verwendet daher alle Liebe auf ihr so vollkommen natürliches und unverdorbenes Pflegekind. Sie ist ganz entzückt und wundert sich nicht wenig, wie aufgeweckt und klug Liselotte ist. Einmal ruft sie begeistert aus: «Sie besitzt ebensoviel Geist wie eine Zwanzigjährige haben könnte. Sie kann sich so nett benehmen, dass es wahrhaft ein Wunder ist.» Aber Sophie weiss auch, dass dem etwas unbändigen Kinde, dieser «wilden Hummel», ein wenig Strenge guttut. «Man muss sie jeden Augenblick daran erinnern und ihr sagen: ‹Nimm dich vor der Rute in acht!› Denn sie ist natürlich doch immerhin ein Kind.»

So sehr die Tante auf gutes Benehmen hält, so hört das heranwachsende Mädchen doch auch manchen derben Witz und manch grobes Wort, nicht nur von den Herzögen und ihren Höflingen, sondern auch von Sophie selbst, der es im Blute liegt, dann und wann einen recht kräftigen Spass zu machen oder mit anzuhören. Sie ist in dieser Beziehung ein echtes Kind ihrer Zeit, in der Zurückhaltung und Schüchternheit bei Frauen, besonders bei Damen der höchsten Kreise, für zimperlich und gekünstelt, folglich für ungebildet gelten. Die Herzogin und spätere Kurfürstin von Hannover liebt die starken Ausdrücke in ihrer Sprache, und Liselotte wird auch in dieser Hinsicht ihr allzu getreues Ebenbild, wie ihre unzähligen Briefe zur Genüge beweisen. Es ist nicht nur die angeborene Derbheit und Urwüchsigkeit der Pfälzerin, die das zum Ausdruck bringen, sondern Liselottes ganze Erziehung sowohl am Hofe ihres Vaters als auch in Hannover zielte auf unverfälschte Natur. Obwohl ein Fürstenkind, wuchs sie doch eigentlich in aller Zwanglosigkeit heran und büsste trotz der höfischen Umgebung nichts von ihrer herzerquickenden Frische ein, die ihrer Persönlichkeit den grössten Zauber verliehen hat.

Die «Grimassen» gewöhnte sich Liselotte in der Tat ihr Lebtag nicht ab. Es ist ihr auch ganz gleichgültig, was für ein Gesicht sie macht, denn sie ist nicht eine Stunde in ihrem Leben gefallsüchtig und eitel gewesen. Sie besah sich auch nicht oft im Spiegel. Von jeher fand sie sich zu hässlich und war der Meinung, nur hübsche Mädchen und Frauen hätten das Recht, in den Spiegel zu schauen. Damit übertreibt Liselotte nun freilich ein wenig, denn sie war als Mädchen weder hässlich von Gesicht noch von Gestalt. Es gibt Jugendbildnisse von ihr, wie das eines unbekannten Malers im Kestner Museum in Hannover, die ohne Frage hold und liebreizend wirken. Auf jeden Fall war die junge pfälzische Prinzessin nicht hässlich, wenn auch keine hervorragende Schönheit. Die gesunde Frische ihres Gesichts, der gute Wuchs, der freie offene Blick und ihr ungezwungenes, natürliches Wesen, das war die Schönheit Liselottes, die jedem gefiel. Herzog Georg Wilhelm meinte, als er sie zum erstenmal als kleines kugelrundes Mädchen sah: «Wäre gut zu essen, wenn man sie wie ein Spanferkel braten könnte.» Und so appetitlich gesund ist sie zum jungen Mädchen und zur Frau herangewachsen.

Liselottes geistige Erziehung beschränkte sich auf das Nötigste, nicht mehr und nicht weniger. Mit sieben Jahren lernt sie in ihrer Muttersprache lesen und schreiben. Im Haag bei der Grossmutter, Elisabeth Stuart, wird der Grundstein zu ihren französischen und englischen Kenntnissen gelegt. Die französische Sprache war nicht allein von unbedingter Notwendigkeit für eine Prinzessin, sondern besonders an den rheinischen Höfen Umgangssprache. Liselotte hat eine äusserst leichte Auffassungsgabe und begreift alles spielend. Bald spricht sie ohne Mühe das Französische gut und geläufig, so dass es ihr durchaus kein fremdes Idiom ist, als sie als neunzehnjährige Prinzessin an den Hof Ludwigs XIV. kommt. Da die Herzogin Sophie sehr belesen war und gute Lektüre, besonders die zu jener Zeit bevorzugte französische Literatur ausserordentlich schätzte, so weihte sie auch bald Liselotte darin ein und lehrte sie die grossen Meister des Stils und des Geistes lieben. Auch für andere Unterrichtsstunden wurde gesorgt, allerdings ein wenig wahllos und kunterbunt durcheinander, aber nicht ohne Erfolg.

Ein besonders gutes Gedächtnis besitzt Liselotte für geistliche Lieder und Sprüche. Obwohl man am Hofe von Hannover alles weniger als fromm war, so musste doch der Form halber in die Kirche gegangen werden, denn die Etikette schrieb die Anwesenheit des Landesfürsten und seiner Familie beim Gottesdienst vor. Die philosophische Herzogin Sophie und ihr Gatte setzen sich über die sie langweilende Predigt mit irgendwelchen Beschäftigungen in der Kirche hinweg. Sophie benutzt diese Kirchenstunden meist dazu, ihre Korrespondenz zu erledigen. Der Herzog liest Komödien, oft sogar mit lauter Stimme. Einmal schreibt Sophie: «Wir sind in der Kirche, wo mein Herr Gemahl so viel Lärm beim Lesen einer Komödie macht, dass ich jetzt nicht weiter schreiben kann ...» Sie waren eben echte Kinder ihrer Zeit, und Liselotte nahm sich ein Beispiel an ihnen. Es kommt ihr nicht darauf an, mitten in der Predigt mit Fingerhutblumen zu knallen oder sonst irgendwelche Scherze zu treiben. Dafür wird sie von Fräulein von Offelen oder bisweilen auch von der Tante «gefilzt», aber das hat weiter nichts zu bedeuten. Im nächsten Gottesdienst geht es doch wieder sehr lustig zu, was sie indes nie abhält, ganz andächtig die schönen Kirchenlieder mitzusingen, deren sie sich noch als alte Frau vollkommen erinnert.

Kopfhängerei und Sentimentalität sind nicht Liselottes Fall. Die meisten Spiele der kleinen Mädchen verschmäht sie. Springen, singen und schreien, so recht aus vollem Halse, sind ihr lieber als Puppen. Mit Degen und Flinten versteht sie weit besser umzugehen. «Wäre gar gern ein Junge geworden», meint sie und wundert sich, dass sie bei dieser Ausgelassenheit nicht hundertmal den Hals gebrochen hat. An Freiheit in dieser Beziehung fehlt es ihr nun allerdings nicht am Hofe der Tante. Es geht dort bei aller Bescheidenheit doch immer lustig und fröhlich zu. Besonders als sich die Verhältnisse für den Herzog Ernst August im Jahre 1661 insofern besser gestalten, als der alte Bischof von Osnabrück das Zeitliche gesegnet hat und Ernst August und Sophie endgültig ins Schloss Iburg übersiedeln, wo sie ihre eigene Hofhaltung haben.

Wie ein Guckkasten bunt durcheinander zieht das Leben der vier Jahre an Liselotte vorüber. Um nichts möchte sie sie missen, und nichts vermag sie ihr aus dem Gedächtnis zu verwischen. Sie sind in ihrem Herzen eingegraben mit goldenen Lettern, unauslöschbar. Wie eine Heilige verehrt sie die liebe Tante Sophie, und je älter sie wird, desto mehr Verständnis bekommt sie für die Wesensart dieses Frauencharakters, der ihrem eigenen so sehr entspricht. Ihr Leben möchte Liselotte für Sophie hergeben, um sie unsterblich zu machen. Unantastbar, mit allen Vorzügen und herrlichen Eigenschaften ausgestattet, steht sie vor ihrem Geiste. Eine grosse, unendlich rührende Liebe und Verehrung für diese Frau keimt in des Kindes liebebedürftigem Herzen und wurzelt sich fest bis ans Ende. Die tiefste und aufrichtigste Dankbarkeit, wie es kaum eine Tochter für die Aufopferung und Fürsorge einer Mutter empfindet, fühlt dieses junge Fürstenkind für alles, was Sophie für sie getan hat. Selbst später, in den Briefen der alternden Herzogin von Orléans an die Kurfürstin von Hannover, meint man noch das liebe, zärtliche Mädchen vor sich zu sehen, das in verehrender Anbetung zu der Mutter aufblickt, der es alles verdankt. Und diesem prächtigen Charakterzug begegnen wir noch öfter bei Liselotte, denn jederzeit empfindet sie die grösste Dankbarkeit für diejenigen, die sie menschlich förderten oder ihr Liebes bezeugten. Nie hat sie ihre treue, oft sehr strenge Erzieherin, Fräulein von Offelen, spätere Frau von Harling, vergessen. Nie die Kinder der Raugräfin, mit denen sie Freud und Leid des Elternhauses teilte; immer war sie ihnen eine treue und liebevolle Schwester. Ihren Papa aber verehrte sie, trotz seiner Strenge, als den «besten Herrn der Welt». Weiss sie doch, dass es Karl Ludwig stets nur gut mit ihr gemeint und ihr Bestes gewollt habe. Eine heilige Scheu vor dem Begriff «Vater und Mutter» wohnt ihr inne. Wäre auf ihre zarte Jugend nicht der grelle Widerschein des Zerwürfnisses ihrer Eltern gefallen, wäre sie nicht schon frühzeitig zwischen beide Parteien gestellt worden, gewiss hätte sie auch mit derselben ergebenen Liebe an ihrer Mutter gehangen wie an der Tante Sophie, weil es eben ihre Mutter war. Aber die kalte, herrische Natur der Kurfürstin Charlotte hat es nicht vermocht, das Kind ganz für sich zu gewinnen. Es kamen andere, die es an ihr Herz nahmen; die Trennung bewirkte dann, dass die Tochter sich vollkommen der Mutter entfremdete, ohne jedoch Groll oder Abneigung gegen sie zu empfinden. Im Gegenteil, Liselottes stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl lässt sie trotz aller Bewunderung für jede Handlung des Vaters empfinden, dass er gegen die Mutter hart und ungerecht war.

Die nun elfjährige Prinzessin verlässt ihre geliebte Tante nur ungern. Fräulein von Offelen hat inzwischen in Hannover den Oberstallmeister von Harling geheiratet und ist zur Oberhofmeisterin der Herzogin von Hannover ernannt worden. Liselotte kann sie nun nicht mit nach Heidelberg nehmen. Ein weiterer Schmerz für das Kind. So scheidet Liselotte mit Bedauern und gleichzeitig mit der unauslöschlichen Erinnerung in ihrem Herzen, ein paar wunderschöne, ungetrübte Kinderjahre hinter sich und «nie schönere Tage» erlebt zu haben. Es gilt jetzt, der heranwachsenden Prinzessin etwas mehr beizubringen, als nur Märchen, Gesangbuchlieder und Katechismussprüche. Karl Ludwig ist zwar nicht viel daran gelegen, seiner Tochter zu grossem Wissen zu verhelfen, immerhin aber hat er Pläne mit ihr, zu deren Ausführung eine gewisse Bildung unbedingt nötig erscheint. Denkt Karl Ludwig auch damals noch nicht an eine Verbindung mit dem französischen Hof, so hofft er doch ganz bestimmt für seine Tochter eine glänzende Partie zu finden, die auch seiner Politik Vorteile bringen kann. Es ist ihm daher nicht unlieb, dass Liselotte wieder unter seine direkte Aufsicht kommt. Jedenfalls hat er mit grösserem Verstand und mehr Einsicht als bei der Erziehung seines Sohnes den Erziehungs- und Lehrplan für Liselotte aufgesetzt. Sie hat ihr Lebtag nicht allzuviel Lernstoff in sich aufnehmen brauchen, und die gute Jungfer Colb, die sie im Jahre 1663 zur Erzieherin erhielt, hat Liselotte nie so recht ernst genommen.

Weit besser versteht es der Erzieher ihres Bruders Karl, der Gelehrte Ezechiel Spanheim, die junge Liselotte für seine Weisheit zu interessieren, ohne dass sie direkt an den Unterrichtsstunden des Erbprinzen teilnimmt, der ganz nach den Vorschriften des Vaters erzogen wird. Es fallen genug Brosamen von Spanheims gelehrtem Tisch, die unserer Liselotte zugute kommen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten im Heidelberger Schloss unterhält sich der Erzieher fast ausschliesslich mit den beiden kurprinzlichen Kindern, und Liselotte sind die kleinen Spässe, die er mit viel Witz und Trockenheit in die Unterhaltung einzuflechten verstand, sowie auch seine grosse Gelehrsamkeit unvergesslich geblieben. Ihr beweglicher Geist fasst rascher die geistreichen Bemerkungen Spanheims, sprudelt selbst eine schlagfertige Antwort heraus, während der Bruder, ein stiller, schüchterner Junge, immer viel länger braucht, ehe er den Sinn der Rede seines Lehrers erfasst. Ueberhaupt ist Liselotte eine viel robustere Natur als der Erbprinz, den die häuslichen Zerwürfnisse der Eltern stark deprimieren. Liselotte ist anderen Schlages. Sie ringt sich durch mit ihrem eigenen Willen und tut nur, was sie will, obwohl auch ihr die harte Hand des Vaters droht. Unter dem Zwang, der über dem ganzen väterlichen Haushalt liegt, lebt das Kind sein Leben für sich. Natürlich zieht sie sich dadurch oft den scharfen Tadel des Vaters zu. Nicht oft genug kann er ihr das gute Beispiel des sanfteren Erbprinzen vor Augen halten. Es sind indes nur vorübergehende Unzufriedenheiten, die Liselotte ihrem Vater bereitet. Ernstlichen Grund zur Sorge hat sie ihm nie gegeben, denn auch in ihrem rebellischen Herzen ist das Gefühl der Pflicht und des Gehorsams so tief verwurzelt, dass sie es nie gewagt hätte, sich dem Willen ihres Vaters ernstlich zu widersetzen.

Auch Liselottes Erziehung ist der Hofmeisterin bis in die kleinste tägliche Einzelheit vorgeschrieben. Man muss jedoch Karl Ludwig Gerechtigkeit widerfahren lassen und zugeben, dass er dabei nicht so pedantisch zuwege ging wie bei seinem Sohn. Besonders vernünftig dachte er in bezug auf die religiöse Erziehung seiner Kinder. Sie sollten vollkommen frei von jeder Konfession sein, und der Religionsunterricht sollte nicht mehr als eine Stunde in der Woche in Anspruch nehmen. Darüber wundert sich sogar Liselotte, die doch bereits vom hannoverschen Hofe her eine gute Dosis Liberalismus hinsichtlich der Kirche kennengelernt hatte. «Mich deucht», schreibt sie später, «dass unser Herr Vater, der Kurfürst selig, uns eben nicht gar eifrig in Religion hat erziehen lassen.» Karl Ludwig stand über den Konfessionen. Es genügte ihm, ein guter Christ zu sein. So auch seine Tochter, die er dazu erzog, dass sie später, als sie längst als Herzogin von Orleans den katholischen Glauben angenommen hatte, sagen konnte: «Der Unterschied des Glaubens bei Lutheranern und Katholiken ist so gering, dass es gar nicht der Mühe wert ist, darüber zu disputieren. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich, wie Apostel Paulus sagt, weder apollisch, noch paulisch, noch kephisch, weder reformiert noch katholisch oder lutherisch, sondern ich werde soviel wie möglich ist, eine rechte Christin sein und darauf leben und sterben.»

Einen grösseren Raum als der Religionsunterricht nimmt die Anstandslehre im Stundenplan der Prinzessin ein. Aber daraus macht sich Liselotte ebensowenig wie aus dem «Moralisiertwerden» in den Katechismusstunden. Nur die derben und kräftigen Tischreden Luthers gefielen ihr. Für Geister- und Gespenstergeschichten hat sie grosse Vorliebe, hat auch immer einen grossen Vorrat zur Hand, um selbst welche zum besten zu geben. Das übrige findet sie langweilig. Nicht selten hat die Jungfer Colbin, die dem wilden Ungestüm der Prinzessin durchaus nicht gewachsen ist, Grund, sich zu beklagen; denn die Ausgelassenheit ihres Schützlings überschreitet bisweilen die Grenze des Erlaubten. Nimmt doch Liselotte einmal auf einem Spaziergang in ihrem Uebermut die rundliche Rückseite einer behäbigen Heidelberger Bürgersfrau zur Zielscheibe ihrer Armbrust. Die arme Frau, die friedlich ihres Weges schritt, bekam einen solchen Schrecken, dass sie beinahe platt auf die Erde gefallen wäre. Liselotte, froh ihres übermütigen Streiches, will sich totlachen, während die sie begleitende Colbin «vor Scham hätte in die Erde sinken mögen» über die Kühnheit der wohlerzogenen Tochter des Kurfürsten. Lachen und Fröhlichkeit ist für Liselotte Hauptzweck des Lebens, und noch begreift sie nicht das immer wiederkehrende Mahnwort der Hofmeisterin, dass «es nirgends wunderlicher zuginge als in der Welt». Das sollte die Prinzessin erst später einsehen.

So vergingen die Jahre auch in Heidelberg in sorgloser Jugend ebenso rasch wie in Hannover und in Iburg. Die Vergnügungen, die man sich am Heidelberger Hofe gestattete, durften nicht viel Geld kosten. Man ging zur Kirmes und sah sich dann und wann die Vorstellung einer wandernden Schauspielertruppe an. Im Sommer gab es Spaziergänge in die prächtige Umgebung Heidelbergs oder Wasserfahrten auf dem Neckar, im Winter bisweilen Schlittenpartien, sogar nicht selten mit einem Maskenfest verbunden. So ist das Leben im Heidelberger Schlosse doch bei aller Sparsamkeit nicht gerade eintönig. Karl Ludwig umgibt sich gern mit Gelehrten und Künstlern. Am meisten liebt er die englischen Schauspieler. Da aber schon an und für sich um den Heidelberger Hof eine dicke Wolke Klatsch schwebt, und Karl alles Gerede soviel wie möglich vermeiden will, verbietet er den Schauspielern, die er an seinen Hof befiehlt, sich auf ihrer Reise durch die Pfalz als Komödianten auszugeben. In der Verkleidung von Studenten und Gardereitern kamen sie bis an die Grenzbäume, und erst dann trafen sie unter dem Schutze des Kurfürsten ihre Vorbereitungen.

Sehr oft begleitet Liselotte ihren Vater zu diesen fahrenden Künstlern. Aus dieser Zeit ist ihr wohl auch die grosse Vorliebe fürs Theater gekommen, die sie später am Hofe von Frankreich in so hohem Masse befriedigen konnte. Heidelberg aber erscheint ihr doch immer als Paradies auf Erden, wenn sie daran zurückdenkt. Die goldene Freiheit ihrer Jugend bleibt die schönste Erinnerung ihres Lebens. Oft zwar brummt der Vater, dass Liselotte nicht «seriös» genug sei, aber im Grunde genommen, ist sie ja nur sein getreues Ebenbild. Auch Karl Ludwig liebt, trotz aller Strenge und allen Ernstes, einen derben, übermütigen Spass, einmal recht aus vollem Herzen zu lachen. Besucht er doch auch mit seiner Tochter in heiterer Laune die Kirmes von Schwetzingen und Mannheim. Manch fröhliches pfälzisches Volks-Trinklied bringt er ihr bei, und schon sehr früh werden die kurprinzlichen Kinder mit «dem allzeit gesunden» Neckarwein bekannt gemacht. Und so ist Liselotte auch in Heidelberg sehr glücklich unter dem strengen väterlichen Joch. Aber der Gipfel ihres Glückes in dieser Zeit ist doch das Wiedersehen mit ihrer Tante Sophie, die anlässlich der Vermählung des Erbprinzen von Hannover an den Hof kommt. Eigentlich ist die ganze Heiratsgeschichte ihr Werk gewesen; denn der Herzog Ernst von Hannover hat als Erster in sehr lobenden Worten von der dänischen Prinzessin zum Kurfürsten von der Pfalz gesprochen, und Sophie wird später eine warme Fürsprecherin für die Braut.

2. Die Braut

Während Liselotte so jugendfrisch und sorglos in den Tag hineinlebt, denkt man in ihrer Umgebung daran, sie möglichst bald und gut zu verheiraten. Sie hat beinahe ihr 18. Lebensjahr erreicht, und es muss für sie ein Mann gefunden werden. Eine Schönheit ist die junge Prinzessin gerade nicht, aber ihr frisches, frohgemutes Wesen, ihr unerschöpflicher Humor und die Jugend helfen über vieles hinweg. Ihr Bruder hat ihr zwar den schönen Spitznamen «Dachsnase» gegeben, doch das kränkt sie nicht, im Gegenteil, sie macht sich jederzeit selbst über ihre Hässlichkeit lustig. «Ihro Liebden, Unser Herr Vater selig haben mir oft genug gesagt, dass ich hässlich sei. Ich lachte und habe mich niemals darüber geärgert.» Sie hat sich also schon sehr jung mit ihrem Aeussern abgefunden und war darum nicht weniger glücklich als andere, schöne, junge Mädchen. Gerade dieser Verzicht auf alle Ansprüche der Schönheit, auf alle Koketterie und Eitelkeit schützte Liselotte vor Enttäuschungen in dieser Beziehung. Dass sie infolge ihres wenig vorteilhaften Aeusseren keinen Erfolg bei Männern hatte, wusste sie und gab sich deshalb auch gar keine Mühe, in irgendeiner Weise deren Bewunderung zu erregen. Schon als junges Mädchen musste sie jeder so nehmen, wie sie war. Nicht wie andere Mädchen ihres Alters träumt sie von zukünftigem Liebes- und Eheglück. Der Gedanke an eine Heirat ist ihr eher unsympathisch. Sie wäre viel lieber unverheiratet geblieben und hätte ihre goldene Freiheit behalten, auf die sie so grosse Stücke hielt. «Aber man entgeht diesem Schicksal nicht», und, so wie es Gott gewollt hat, muss es sich vollziehen», meint sie. «Denn der Prinzessinnen Heirat wird selten aus Liebe geschehen, sondern durch Raison, und dazu tut Schönheit nichts.»

Mehrere Heiratspläne sind sowohl vom Kurfürsten, ihrem Vater, als auch von der Kurfürstin von Hannover in Betracht gezogen worden. Aber Liselotte weigerte sich energisch, den einen, einen kurländischen Prinzen, zu heiraten. Den andern aber, den benachbarten Markgrafen Friedrich Magnus von Baden, dessen Gemahlin sie beinahe geworden wäre, entfernte ein drolliger Zwischenfall von ihr. «Der gute Herr» ist ihr übrigens viel zu affektiert und abgeschmackt, und so ist sie froh, dass ein gütiges Geschick sie auch vor diesem Gatten bewahrte. Des jungen Markgrafen Vater hielt es nämlich für unbedingt nötig, auch in Kassel bei der verlassenen Kurfürstin Charlotte um Genehmigung zur Heirat ihrer Tochter mit seinem Sohne zu bitten. Nachdem er vom Kurfürsten von der Pfalz die Zusage bereits erhalten hat, macht er sich eines Tages mit einem prächtigen Gefolge auf den Weg nach Kassel. Aber, oh Unglück! Gerade um diese Zeit sind die pfälzischen Dörfer von lothringischem Kriegsvolk heimgesucht, das dort plündert und Pferde stiehlt. Als die Pfälzer Bauern die vornehmen badischen Kavaliere mit den schönen, prächtigen Pferden die Strasse nach Kassel heraufkommen sehen, halten sie sie für die verwegenen Pferdediebe und ziehen nun mit Knüppeln und anderen handfesten Gegenständen hinter ihnen her. Als sie sie eingeholt haben, verprügeln sie sie aufs schönste und nehmen ihnen die vermeintlich gestohlenen Pferde weg. Der Markgraf aber dachte, dass der Kurfürst von der Pfalz seinen Bauern eigens befohlen habe, ihn durchzuprügeln, zur Strafe, weil er es gewagt habe, auch um den Segen der Mutter Liselottes zu bitten. Jedenfalls machte der Brautwerber wutschnaubend kehrt, und sein Sohn heiratete später eine holsteinische Prinzessin.

Für Liselotte ist die Vernichtung dieses Heiratsplanes, wie sie selbst gesteht, eine «von den grossen Freuden, die sie in ihrem Leben gehabt hat»; denn sie denkt nicht gern ans Heiraten. Vielleicht aber wäre sie mit dem jungen Friedrich Magnus ganz glücklich geworden; denn beide fühlten später grosse Freundschaft zueinander und lernten sich schätzen.

Die jugendliche Liselotte indes hielt nicht viel von der Liebe und Treue der Männer. Und die Ansichten, die sie als reife und leider auch in dieser Hinsicht erfahrene Frau äusserte, unterscheiden sich im grossen und ganzen nicht wesentlich von denen des unerfahrenen Mädchens. Sie betrachtet es als hellen Wahnsinn, wenn eine Frau es sich in den Kopf setzt, unbedingt einen Mann haben zu müssen. Schlimm sei es, einen Arm zu verlieren, noch schlimmer aber einen Mann zu haben; denn der beste sei den Teufel nicht wert. Die grösste aller Dummheiten aber scheint ihr eine Heirat aus Liebe. «Denn», sagt sie, «es ist ein Wunder, wenn einmal eine Liebesheirat reüssiret.» Das war die Ansicht der Prinzessin Liselotte von der Pfalz über Liebe und Ehe, und doch entging auch sie ihrem Schicksal nicht.

Der Friede von Aachen im Mai 1668 gebot den Siegeszügen des Sonnenkönigs für einige Zeit Einhalt; denn der Dreibund zwischen Schweden, England und den Generalstaaten war ihm in den Arm gefallen. Dass jedoch Ludwig XIV. nur auf die Gelegenheit wartete, sein Reich noch mehr zu erweitern, war jedem klar. Nicht mit Unrecht und nicht ohne Grund fürchtete man besonders in Deutschland, dass der Besitzgierige an den morschen deutschen Grenzpfählen nicht Halt machen würde, sobald er erst die Generalstaaten niedergerungen hätte. Alle deutschen Fürsten waren daher aufs eifrigste bemüht, Schutzbündnisse zu schliessen und sich Freunde gegen den mächtigen, drohenden Feind zu erwerben. Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz hatte indes wenig Hoffnung auf die Unterstützung des Reichs. Das war ihm bereits im Lothringer Kriege klar geworden, bei dem man ihm keinerlei Hilfe gewährt hatte. Und so sah er die einzige Rettung aus der Bedrängnis in einem direkten Anschluss an Frankreich selbst, von dem die Gefahr zu erwarten war. Die emsigen Hände einer Frau waren schnell bereit, das Netz zu knüpfen, in das sich die Pfalz und Frankreich so arg verstricken sollten.

In nächster Nähe des französischen Königs und seines Bruders, des Herzogs von Orléans, lebte eine Schwägerin Karl Ludwigs, Anne de Gonzaga de Clèves, die Witwe des Pfalzgrafen Eduard. Sie war eine nahe Freundin Mazarins gewesen und hatte zur Zeit der Fronde eine bedeutende Rolle gespielt. In Paris nannte man sie kurzwegs «La Palatine» oder «La Princesse Palatine», und die feinen Kenner der Frauendiplomatie, wie Kardinal von Retz, sprachen von ihr als von einer Art politischen Genies. Anna von Gonzaga wohnte beständig in Paris und gehörte zu den Vertrauten Monsieurs, des jüngeren Bruders Ludwigs XIV. Auch in der Familie ihres Mannes schätzte man sie ihrer grossen Klugheit und Geschicklichkeit wegen. Ihr Schwager Karl Ludwig von der Pfalz verwandte sie immer mit Erfolg bei allen schwierigen Unterhandlungen, die er mit dem französischen Hofe zu führen hatte. Zwar meinte die Kurfürstin Sophie von Hannover, es fehle Anna von Gonzaga an Aufrichtigkeit und Offenheit, auch sei sie äusserst fruchtbar an «Hirngespinsten»; das verhinderte Sophie indes nicht, sehr enge Beziehungen zu ihr zu unterhalten, und beide Frauen standen jederzeit im regsten Briefwechsel miteinander. Anna von Gonzaga befand sich eben auf einer Reise zu ihren deutschen Verwandten von Hannover und der Pfalz, als sie in Frankfurt die Nachricht von dem unerwarteten Tode der Herzogin Henriette von Orléans erfuhr, der Gemahlin Monsieurs. Die schöne Henriette ist ganz plötzlich unter den furchtbarsten Schmerzen in der Nacht vom 29. zum 30. Juni 1670 gestorben. Sofort verbreitet sich das Gerücht einer Vergiftung der kaum 26jährigen Prinzessin und verstärkt sich immer mehr, nicht allein in Frankreich, sondern besonders in England, der Heimat Henriettes, in Holland, Spanien und Deutschland. Karl II. von England, der Onkel des Kurfürsten von Hannover und Anna von Gonzagas, weigert sich sogar, den Brief zu empfangen, worin Herzog Philipp von Orléans ihm den Tod seiner Gemahlin anzeigt. Denn man war damals in den englischen Hofkreisen vollkommen überzeugt, Henriette sei durch Gift von der Hand des eigenen Gatten gestorben.

Trotz dieser furchtbaren anklagenden Gerüchte denkt «La Palatine» sofort an eine Wiederverheiratung «Monsieurs» mit ihrer jungen Nichte, der Kurprinzessin Liselotte von der Pfalz, und bedauert es unendlich, gerade in diesem Augenblick nicht in Paris anwesend zu sein.

Aber auch fern vom französischen Hofe gibt die kluge Diplomatin das Spiel nicht auf. Was sie vorläufig nicht durch ihren persönlichen Einfluss auf den Herzog von Orléans vermag, versucht sie durch sehr geschickte Briefe. Mit ihrem Schwager Karl Ludwig und der Kurfürstin Sophie steht sie von diesem Augenblick an in beständigem Briefaustausch. Ihr scheint es wie eine «Fügung des Himmels», dass Monsieur gerade in diesem Augenblick Witwer geworden ist, als die Pfalz den mächtigen Schutz Frankreichs am meisten und dringendsten zu bedürfen und zu suchen scheint. Aber die Verhandlungen nehmen doch immerhin einige Zeit in Anspruch, ehe etwas Bestimmtes in dieser Angelegenheit entschieden werden kann.

Nachdem man noch einige andere Partien für Philipp von Orléans in Betracht gezogen hat, kommt man schliesslich der pfälzischen Heirat immer näher. Anna von Gonzaga betreibt die Sache so energisch, dass es ihr schliesslich gelingt, alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Jetzt erst tritt Karl Ludwig dem Plane auch seinerseits ernstlich näher. Es bereitet ihm dabei das grösste Vergnügen, zu beobachten, mit welch scharfsinniger Gewandtheit seine Schwägerin diese Angelegenheit handhabt. Anna entwickelt eine so grosse Geschicklichkeit in der Intrige, dass sie den ganzen Plan, der Liselotte als Herzogin von Orléans nach Frankreich und zum Katholizismus führt, bis ins einzelne ganz allein entwirft. Und zwar geht sie dabei mit so grosser Vorsicht zuwege, dass der Kurfürst von der Pfalz weder in den Augen des Kaisers und Reiches noch vor seinen evangelischen Untertanen blossgestellt wird. Sie ist es auch, die Karl Ludwig den Vorschlag machte, sie wolle Liselotte als Braut in Strassburg in Empfang nehmen.

Dem Kurfürsten war im Grunde seines philosophischen Herzens der Glaubenswechsel seiner Tochter nur eine äussere Form, und nur der Oeffentlichkeit wegen nahm er Anstoss daran. Er persönlich ist überzeugt, dass jeder auf seine Weise und gleichviel in welcher Religion selig werden könne. Das aber durfte er nicht öffentlich bekennen. Immerhin will er nicht, dass Liselotte zu dem Glaubenswechsel gezwungen werde, zumal sie selbst erklärt, es sei kein Beweis wahrer Frömmigkeit, einen Glauben anzunehmen, den man gar nicht kenne und nur «um einen Mann zu haben». Er beauftragt daher seinen Sekretär, den französischen Gelehrten Urban Chevreau, seine Tochter im geheimen und fern vom Hofe im katholischen Glauben zu unterrichten und sie auf die neue Lehre vorzubereiten. Chevreau entledigt sich seines Amtes glänzend. Es bedarf nur weniger Tage und Unterrichtsstunden, um der schnell auffassenden jungen Prinzessin die Grundzüge der katholischen Lehre beizubringen. Nun steht der Heirat keinerlei Hindernis mehr entgegen. Anna von Gonzaga kann das Werk vollenden, das sie begonnen hat.

Liselotte war bis jetzt noch nicht über ihre Meinung hinsichtlich ihres zukünftigen Gatten befragt worden. Prinzessinnen haben keine Meinung in solchen Angelegenheiten. Man kümmerte sich recht wenig um die Gefühle, die sie dem Manne entgegenbrachte, der ein ganzes Leben mit ihr verbringen sollte. Sie kannte den Herzog von Orléans nicht, hatte ihn nie in ihrem Leben gesehen, und das, was sie in ihren Kreisen von ihm erzählen hörte, war gerade nicht dazu angetan, sie besonders glücklich zu stimmen. Zudem war er ein ausländischer Prinz, dem diese deutscheste aller Prinzessinnen angetraut werden sollte. Liselotte wurzelt mit ihrem Herzen so tief in ihrer Heimat, dass der Gedanke, ihr schönes, geliebtes Deutschland auf immer verlassen zu müssen, sie unendlich traurig stimmt. Aber der Gehorsam gegen den Vater und die Tante Sophie entscheiden alles. «Es ist wohl wahr», schreibt Liselotte später, «dass ich nur aus reinem Gehorsam gegen Ihro Liebden, meinen Herrn Vater und meinen Onkel und meine Tante von Hannover nach Frankreich gekommen bin, denn es war durchaus nicht meine Neigung ...» Und in einem anderen Brief: «Papa hatte mich auf dem Hals, war bang, ich möchte ein alt Jüngferchen werden, hat mich also fortgeschafft, so geschwind er gekonnt.»

In der Tat schien es Karl Ludwig sehr eilig zu haben, seine Tochter nach Frankreich zu bringen, sobald alles im reinen war und er wegen des Uebertrittes zum Katholizismus keine Gewissensbisse mehr zu haben brauchte. In Strassburg sollte der Handel besiegelt werden. Pfalzgräfin Anna erwartete ihn dort in Begleitung ihres Jesuitenpaters Jourdan, um Liselotte aus seinen Händen in Empfang zu nehmen und sie dann weiter bis Paris zu geleiten. Ganz inkognito sollte die Reise geschehen und die «Welt erst dann von allem unterrichtet werden, wenn es vollendete Tatsache war. Eilig wird für die junge Prinzessin eine kleine Ausstattung von Wäsche, sechs Nachthemden, sechs Taghemden und den nötigsten Kleidern hergerichtet. Für den Hochzeitstag hat man für sie ein weisses Atlaskleid gewählt. Später wurde diese ärmliche Ausstattung der Pfälzerin gewissermassen zum Spott am französischen Hofe, und Karl Ludwig war gezwungen, sie noch nachträglich zu vervollkommnen, um seine Tochter in Paris nicht ganz und gar lächerlich zu machen. Denn man sprach bereits öffentlich davon, dass «Madame» nicht einmal das Nötigste mitbekommen hätte, um die Wäsche zu wechseln.

In Begleitung der Tante Sophie von Hannover und der Jungfer Colb reist Liselotte mit ihrem Vater nach Strassburg. Der Abschied vom alten lieben Heidelberg ist bitter. Niemals hat Liselotte den Tag vergessen, da sie mit den Ihrigen schluchzend die Hofkutsche bestieg, und der Vater und die Tante Sophie das Lied anstimmten: «Es ist bestimmt in Gottes Rat, dass man vom Liebsten, was man hat, muss scheiden.» Wehmütig schaut sie auf der Fahrt in die herrliche Pfälzer Landschaft hinaus, die sie einst von demselben Volke verwüstet wiedersehen sollte, zu dem sie jetzt reist. Alles, was Liselotte Schönes in der Heimat erlebt hat, kommt ihr ins Gedächtnis, und immer wieder drängt sich ihr der Gedanke auf: es wird nie wieder so schön werden, wie es bis jetzt war!

Endlich am 28. Oktober langte man in Strassburg an, wo die «Princesse Palatine» alles aufs beste zum Empfang der Braut vorbereitet hat. Pater Jourdan findet an der jungen Konvertitin nichts mehr auszusetzen; denn Chevreau hat seine Aufgabe so gut gelöst, dass dem Jesuiten «nichts mehr zu sagen übrigbleibt».

Anna von Gonzaga hat sogar den Heiratskontrakt fix und fertig mitgebracht. Er braucht nur unterschrieben zu werden. Die Frage der Mitgift erledigt sich ebenso leicht und so schnell wie die des Glaubenswechsels. Karl Ludwig muss, freilich nicht ohne tiefe Scham zu empfinden, erklären, er könne seiner Tochter vorläufig kein Heiratsgut mitgeben, denn die Verhältnisse seines Landes seien dermassen zerrüttet und seine Untertanen vom Reiche aus mit allen möglichen Lasten bedrängt, dass er unmöglich von ihnen auch noch fordern könne, die Mitgift für die Erbprinzessin aufzubringen. Bei dieser Gelegenheit bringt der französische Hof seinen Reichtum ziemlich taktlos in den Vordergrund. Er erwidert huldvollst, man besitze selbst Mittel genug und dringe nicht auf die Auszahlung der Mitgift, die der Kurfürst einmal in besseren Zeiten begleichen könne. Im übrigen war der Heiratskontrakt für die pfälzische Erbprinzessin so ungünstig wie möglich, und Liselotte selbst begreift später nicht, als sie zur Kenntnis dieser Dinge gelangt, wie ihr Vater sie unter solchen Bedingungen dem Herzog von Orléans zur Frau hatte geben können. Nur dringende politische Gründe mussten für ihn damals massgebend gewesen sein.

Freilich, für die Pfälzerin, die mit 64 000 Franken barem Gelde und etwa für 10 000 Franken an Schmuck, Kleidern, Wäsche und Toilettegegenständen nach Frankreich kommt, ist der Herzog von Orléans eine glänzende Partie. Ausser dem Palais- Royal und Saint-Cloud besitzt er noch viele andere schöne Schlösser. Seine Apanage beläuft sich auf eine Million Franken, aber ausserdem bezieht er vom König eine Rente von 560 000 Franken und einen weiteren Zuschuss von jährlich 100 000 Franken. Diesen, für die damaligen Zeiten ansehnlichen Summen werden bald darauf noch 200 000 Franken hinzugefügt, so dass eine Jahresrente von nahezu zwei Millionen herauskommt. Für Liselotte, die an ihres Vaters Hofe niemals von derartigen Summen hatte reden hören, ist das geradezu phantastisch. Monsieur schenkte seiner zukünftigen Gemahlin einen Brautschatz, der an Edelsteinen, Ringen, Geschmeide usw. einen Wert von 150 000 Franken darstellte.

Von allen diesen geschäftlichen Dingen weiss nun allerdings die junge Prinzenbraut auf ihrer Fahrt nach Strassburg nichts. Ihre Gedanken nehmen einen ganz anderen Flug und beschäftigen sich mehr mit ihrer glücklichen Vergangenheit als mit der ungewissen Zukunft. In Metz soll die Prokuratrauung mit dem Marschall Du Plessis-Praslin stattfinden, und da man sich in Strassburg nicht lange aufhält, hat Liselotte auch nicht viel Zeit, über alles nachzudenken. Es kommt der Abschied von den Ihrigen und damit von allem, was sie Liebes auf Erden besitzt. Ihr Schmerz ist herzzerreissend, als sie zum letzten Male ihre liebe Tante Sophie und ihren Vater umarmt.

In Metz findet dann die Hauptsache statt: die Glaubensabschwörung und die Trauung. Liselotte ist gefasst. Sie betrachtet die ganze Zeremonie auf ihre Weise. «Mir las man nur etwas vor», schreibt sie später darüber, «wozu ich nur ja oder nein sagen musste, welches ich auch nach meinem Sinn getan und ein paarmal nein gesagt, wo man wollte, dass ich ja sagen sollte, es ging aber durch, musste in mich selber darüber lachen.» Gegen der Eltern Verdammung, weil sie Ketzer waren, protestiert sie indes energisch, und man bekommt darüber kein Wort aus ihr heraus. «Ohne Herzklopfen können solche Spektaklen nicht vorgehen», fügt sie noch lakonisch hinzu.

Als die Hochzeitsfeierlichkeiten vorüber sind, schreibt Anna von Gonzaga mit grosser Genugtuung an ihren Schwager Karl Ludwig: «Man hat Liselotte dieselben Ehren zuteil werden lassen, wie sie sonst nur dem Könige selbst zukommen ... Sie hat sich auch in jeder Weise so gut benommen, dass ich nicht daran zweifle, sie wird sich bald das Herz ihres Herrn Gemahls erobern und die Achtung des Königs erringen. Und dazu werde ich mit allen Kräften beitragen; denn das gerade soll ja diese grosse Heirat für Ihre Zwecke und Ihr Haus nützlich machen.»

Und während Liselotte wehmütig und mit Zweifel im Herzen die Strasse nach Paris zieht, verkünden in Heidelberg die Glocken, Trompeten und Pauken die glückliche Vermählung der jungen Kurprinzessin mit dem Herzog Philipp von Orléans als etwas ganz Besonderes für die bedrängte Pfalz.

3. Am Hofe Ludwigs XIV.

In Metz hat Liselotte ihre deutsche Umgebung verabschiedet, und der französische Hofstaat erwartet sie. Es ist eine kleine auserlesene Pariser Gesellschaft, die Ludwig XIV. für seine neue Schwägerin mit Sorgfalt gewählt hat. Die Damen sind nach französischer Mode gekleidet, mit einer Eleganz ohnegleichen, ganz anders als die Damen in Deutschland. Liselotte kommt sich wunderlich genug unter ihnen vor, trotzdem man sie bereits nach französischem Muster herausstaffiert hat.

In dieser neuen Umgebung tritt sie nun die Reise nach Châlons an, wo sie Monsieur, ihr Gemahl, erwartet. Nun ist sie «Madame Royale», Herzogin von Orléans! Eine Welt voll Glanz, Reichtum und Pracht harrt ihrer. Aber Liselottes Herz ist schwer. Sie hat nur Tränen auf dem Weg zu ihrem Gatten, während Philipp sich einzig und allein auf den Eindruck freut, den seine prächtigen und zahlreichen Hochzeitskleider, seine Diamanten, Perlen, Federn und Bänder auf die junge deutsche Prinzessin machen werden, die mit sechs Hemden in ihrem Reisegepäck ihm entgegenfährt.

Philipp von Orléans steht in seinem 31. Lebensjahr, als er sich mit der 19jährigen Liselotte von der Pfalz vermählt. Er ist ein kleiner, dicker, untersetzter Herr, der hohe Stöckelschuhe trägt, um grösser zu erscheinen. Stundenlang kann er vor dem Spiegel stehen, wenn er sich ankleidet; denn er ist eitler und putzsüchtiger wie eine Frau. Wenn er dann parfümiert, geschminkt, über und über mit Edelsteinen behangen, mit bunten Bändern und Federn geschmückt, durch die Prunkgemächer seiner Schlösser schreitet, kommt er wie ein Pfau daher, und in seinen wirklich schönen Augen liest man deutlich die Frage: Bin ich nicht der Schönste im ganzen Land? Wie eine Frau ist Philipp von Orléans unglücklich, wenn ihn jemand in einem unvorteilhaften Morgenrock überrascht oder ungeschminkt und ungeschmückt zu Gesicht bekommt. Und so stolz ist er wegen seiner Schönheit, so eingenommen von sich, dass er sogar über seine erste Gemahlin, die junge und reizende Henriette von England, den Sieg davonzutragen wünschte. Als man ihm nämlich ihr Bild zum erstenmal zeigte, stellte er mit grosser Genugtuung fest, die zukünftige Herzogin von Orléans sei nicht schöner wie er selbst. Das höchste Vergnügen aber bereitet es ihm, wenn er sich bei irgendeiner Gelegenheit als Frau verkleiden und im tiefen Décolleté seinen blendend weissen Hals zeigen kann. Die Unterhaltung gewinnt erst dann für ihn Interesse, wenn sie Putz, Tand und Klatsch zum Gegenstand hat. Jagd, Reiten oder sonstige körperliche Uebungen vermeidet er, um seinem Teint nicht zu schaden, den er mehr pflegt wie eine Kurtisane. Wenn er nicht unbedingt dazu gezwungen ist, besteigt er kein Pferd und greift nie zum Degen. Nur einmal in seinem Leben zeigte sich Philipp als Mann. Das war, als ihn der König mit in den Devolutionskrieg nahm. Und zum nicht geringen Erstaunen des ganzen Hofes und der ganzen Welt, zeichnete sich Philipp, der verweichlichte und verwöhnte Dandy, als junger Held aus, der sogar eine Zeitlang den Ruhm des grossen Königs verdunkelte. Aber diese seltsame Anwandlung von Mannesmut und Mannestugend hielt nicht lange bei ihm an. Als er wieder in das schwelgerische Hofleben zurückkehrt, verfällt er von neuem in die alte Eitelkeit, Genußsucht und weibischen Gewohnheiten. Im Gegensatz zu seinem Bruder, Ludwig XIV., dem es, trotz seiner Vorliebe für Eleganz, Pracht und Vergnügen, ein Bedürfnis war, zu arbeiten und nicht müssig durchs Leben zu gehen, liebte der Herzog von Orléans nichts weniger als die Arbeit. Er war faul und träge. Nur das Spiel flösst ihm Interesse ein. Selbst die Lektüre eines Buches ist ihm zuwider. Dennoch ist er ein angenehmer leichter Plauderer über Nichtigkeiten. Das Schlimmste aber ist, dass er durch den Einfluss einiger seiner gefährlichsten Günstlinge ins Laster geriet und immer mehr darin versank.

Das also war der Mann, dem die einfache, unverdorbene Liselotte angetraut wurde! Man kann sich nichts Ungleicheres denken als diese beiden Menschen. Dass beide mit Spannung auf den Augenblick warteten, welchen Eindruck sie gegenseitig aufeinander machen würden, ist leicht vorzustellen. Auch die übrige Pariser Hofgesellschaft war äusserst begierig auf das junge, deutsche Gänschen, das nun den so sieghaft behaupteten Platz der gefeierten Henriette von England einnehmen sollte. Man hatte so viel von Liselottes derber Wesensart gehört, dass man sich die ungeheuerlichste Vorstellung von ihrer Person machte.

Aber siehe da, Liselottes erstes Auftreten mitten unter der verfeinerten französischen Hofgesellschaft ist durchaus nicht lächerlich! Sie gefällt mit ihrer unverfälschten, natürlichen Munterkeit und biederen Offenheit. Ihre Tränen sind versiegt, und ihr frisches Lachen wirkt wohltuend auf alle. Man findet sie hübscher, als man sie sich gedacht hat. Sie ist weder befangen noch linkisch in ihrem Wesen. Sogar Monsieur ist angenehm enttäuscht, als er seine zweite Frau zum erstenmal zu Gesicht bekommt. Man findet auch, dass sie sehr gut Französisch spricht und reizend tanzt. Kurz, der erste Eindruck, den sie hervorruft, ist günstig! Ja, es scheint, als sollte sogar die reizende verstorbene Herzogin von Orléans von der neuen Gattin in den Schatten gestellt werden.

Am 21. November, gleich nach Liselottes Ankunft in Châlons, beginnen die Hochzeitsfeierlichkeiten. Die Zeitgenossen finden nicht Worte genug in ihren Beschreibungen, wie prächtig alles gewesen sei. Aber die junge Pfälzerin lässt sich durch all den Glanz, der da vor ihren Augen so plötzlich entfaltet wird, durchaus nicht blenden. Wohl ist es ein neues Schauspiel, das gewiss nicht ohne Reiz für sie bleibt, aber sie nimmt alles mit so vollkommener Natürlichkeit hin, als wäre sie in diesem Reichtum aufgewachsen und an all die Pracht und Verschwendung seit langem gewöhnt.

Nachdem die Festlichkeiten beendet sind, zieht sich der Herzog von Orléans mit seiner jungen Gemahlin in das reizende, ganz von Wald umgebene Schloss Villers-Cotterets zurück, wo man sie einige Tage allein lässt. Hier gefällt es Liselotte so gut, dass sie am liebsten ihr ganzes Leben dageblieben wäre. Die schmeichelhaftesten Gerüchte über die neunzehnjährige Herzogin von Orléans dringen von Villers-Cotterets nach Paris. Besonders wird ihre Jugendfrische und ausserordentliche Gesundheit gelobt. Man kann sich an dem verzärtelten und eleganten Hofe Ludwigs XIV. nicht genug wundern, dass «Madame» weder von einem Arzt noch von Medikamenten etwas wissen will. Denn die verstorbene Henriette, deren Gesundheit sehr zerrüttet war, hatte immer ein Heer von Aerzten um sich gehabt und ging nie zu Bett, ohne über irgendein Leiden zu klagen. Als man aber Liselotte ihren Leibarzt vorstellt und ihr rät, sie solle sich nur gleich von ihm einen Aderlass vornehmen lassen, antwortet sie, so etwas habe sie nicht nötig, wisse auch gar nicht, was sie mit einem Arzte anfangen solle. Denn wenn sie krank wäre, mache sie sich durch einen zweistündigen Marsch im Freien Bewegung, und dann wäre sie wieder frisch wie ein Fisch im Wasser. Aber in ihrem Leben habe man an ihr noch nie einen Aderlass vorgenommen oder sie veranlasst, irgendwelche Abführmittel einzunehmen.

Auch Schminke, Puder und Schönheitspflästerchen kennt Liselotte nicht. Alles ist bei ihr unverfälschte Natur, worüber man sich in Frankreich ebenfalls nicht genug wundern konnte. Nie trägt sie eine Maske bei Kälte oder rauhem Wetter, wie die französischen Damen des 17. Jahrhunderts zur Schonung ihrer Haut taten. Liselotte fürchtet nichts für ihren Teint, der etwas gerötet und von der Heidelberger Sonne schon stark gebräunt war. Sie lässt sich gern «die frische Luft um die Nase wehen», wie sie sich ausdrückt. In allem ist sie eben Natur, auch, oder besser, besonders in ihrer Ausdrucksweise. Aber niemand nimmt es ihr übel. Sogar die stolze, formensichere Winterkönigin, ihre Grossmutter, ist seinerzeit von des Kindes Urwüchsigkeit entzückt gewesen.

Fünf Tage lässt man die Jungvermählten in Villers-Cotterets allein. Dann stattet Ludwig XIV. seiner neuen Schwägerin einen Besuch ab, eine ganz besondere Ehre für Liselotte. Obwohl Ludwig XIV. auf sie einen unauslöschlichen Eindruck macht, vermag doch auch seine blendende Erscheinung sie nicht einzuschüchtern. Mit herzerquickendem Freimut empfängt sie den Herrscher, den Sonnenkönig, dem die halbe Welt in Bewunderung zu Füssen liegt. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder, ist Ludwig wirklich ein vollendet schöner Mann. Seine Augen sind feurig und passen gut zu der kühnen Adlernase. In langen Locken fällt ihm das Haar der Perücke über die Schultern. Seine wohlgebildete Gestalt erregt Bewunderung. Er ist wunderbar gewachsen und hat die schönsten Beine am ganzen Hofe. Er kleidet sich mit höchster Eleganz und ausgesuchtestem Geschmack. Nichts ist überladen an ihm wie an Monsieur. Seine Manieren sind die eines Weltmannes, sein bezaubernd liebenswürdiges Wesen erobert alle Herzen im Sturme. Stets benimmt er sich vornehm, würdevoll, achtunggebietend und doch niemals hochmütig. Obgleich alle ihm schmeicheln und huldigen, wirkt er doch nie durch Eitelkeit lächerlich. Auch er schmückt sich gern mit prächtigen Gewändern, aber er ist in allem der feinfühlende Künstler. Er liebt kostbare Stoffe, herrliche Kostüme, namentlich Perlen und Edelsteine auf dunklen Sammetröcken, die seiner schönen Gestalt die Vollendung geben. Auch er ist verschwenderisch, aber dabei ein wirklicher Geniesser, ein Kenner wahren Geschmacks und feiner Lebensart. Pracht und Ueberfluss umstrahlen ihn wie einen wahrhaften Sonnenkönig.

Liselotte, die Junge, ganz Unerfahrene, fasst sofort Vertrauen zu seinem gütigen Wesen. Ihr Urteil über ihn drückt sie mit den schlichten Worten an die Tante Sophie aus: «Es ist wahrhaft ein braver, guter Herr, ich habe ihn recht lieb.» Ludwig XIV. wiederum kehrt begeistert aus Villers-Cotterets nach Paris zurück und nennt die junge Herzogin von Orléans «diejenige Frau, die den meisten Verstand und das angenehmste Wesen der Welt habe». Die natürliche Ungezwungenheit, mit der sie auch dem grossen König alles sagte, was sie dachte, wirkte so befreiend auf Ludwig XIV., der an seinem Hofe gewiss nicht oft die Wahrheit zu hören bekam, dass er ihr vom ersten Tage ihres Begegnens an seine Zuneigung schenkte.

Dieser erste günstige Eindruck Liselottes wird ein wenig getrübt, als sie zwei Tage nach dem Besuch des Königs selbst am Versailler Hof ihren Einzug hielt. Man hat sie zu diesem Zweck ganz besonders festlich geschmückt und hergerichtet. Dadurch ging gerade ihr grösster Reiz, die Schlichtheit und Natürlichkeit ihrer Jugend verloren. Ihr Haar, das sie am Hochzeitstage offen getragen hatte, war jetzt nach französischer Mode aufgesteckt. Da sie aber weder Puder auf ihr Gesicht getan, noch während der Fahrt durch die kalte Winterluft eine Maske getragen hatte, war ihre Haut noch stärker gerötet als sonst und ein wenig spröde. Und so bildet Liselotte einen starken Kontrast zu den zarten Gesichtern der Französinnen. Zum Ueberfluss hat sie auf der Reise Granatäpfel gegessen und davon ganz blaurote Lippen bekommen. Jedenfalls findet man, dass die Herzogin nicht den Erwartungen entspricht, die sich die Pariser von ihr nach all den Lobsprüchen des Königs und Monsieurs gemacht haben. Auch der Herzog selbst ist sichtlich enttäuscht, als er seine Frau in Versailles sieht. Sie war ihm in Châlons und Villers-Cotterets angenehmer und schöner erschienen. An dem eleganten Hofe Ludwigs XIV. nimmt sich die derbe Pfälzerin weniger gut aus. Schon empfindet man nicht geringe Lust, über Liselottes Kleidung, ihr Benehmen, ihre Art zu spotten. Plötzlich aber gewahrt man, dass der König sie mit ganz besonderer Auszeichnung behandelt, und siehe da, alles ist gut und schön an Liselotte! Ihre Stellung ist gesichert! Sie ist von diesem Augenblick an der Mittelpunkt des Hofes. Bald findet man heraus, dass sie ein zu allem Guten empfängliches Herz hat und bereit ist, allen, die es verdienten, ihre Freundschaft und ihr Wohlwollen zu schenken. Man hofft von ihrem Einfluss auf den König Nutzen zu ziehen und sucht sich sogleich in ihre Gunst zu setzen.

Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, Liselotte sei von Anfang ihres Aufenthaltes in Frankreich an das unglücklichste Geschöpf der Welt gewesen. Sie hat Gutes und Schlechtes am französischen Hofe erlebt, aber die ersten Jahre ihrer Ehe waren durchaus keine unglücklichen. Das beweisen auch ihre zahlreichen Briefe. Es gibt für sie so viel des Neuen und Wechselvollen, dass sie kaum Zeit findet, sich mit ihrem persönlichen Glück oder Unglück zu beschäftigen. Bis auf manche äussere Gewohnheiten, die ihrer Wesensart fremd sind, gefällt es ihr gut in Frankreich. Die Fehler des Hofes Ludwigs XIV. gewahrt sie erst viel später, als sie selbst begreifen lernt, was das Leben ist. Das Leben ihres Mannes versteht sie anfangs so wenig, dass sie sich selbst die grösste Mühe gibt, seine Günstlinge, den Marquis d'Effait und den Chevalier de Lorraine, zu ihren Freunden zu machen. Philipp weiss nicht, was er von diesem rätselhaften Verhalten seiner Frau denken soll. Er bringt ihr in dieser Beziehung stets das grösste Misstrauen entgegen; denn er hält Liselottes Bemühungen nur für schlaue List. Seine erste Gemahlin nämlich, die mehr von dem galanten Leben und den Intrigen der Höfe verstand, hatte gerade das Gegenteil getan und alle Hebel beim König in Bewegung gesetzt, dass er die ihr verhassten Kreaturen aus der Nähe seines Bruders entferne.

Als Liselotte in Frankreich erschien, waren allerdings einige der gefährlichsten Männer und Frauen für einige Zeit aus der Umgebung Monsieurs verschwunden. Sie gewannen indes sehr bald wieder den alten Einfluss auf sein Leben. Gegenüber solchen Frauen, wie den beiden schönen und genußsüchtigen Töchtern des Marschalls de Grancey, ist Liselotte natürlich machtlos. Sie gibt sich auch keine Mühe, ihren Einfluss auf ihren Gatten in dieser Beziehung geltend zu machen; es wäre zwecklos gewesen. Die Frauen an Monsieurs Hofe sind gleichsam nur für den äusseren Glanz, als Staffage da. Sie kosten ihn viel Geld. Philipps Gelage mit seinen Günstlingen sind stets mit hohem Spiel verbunden. Es werden sowohl im Palais Royal als auch in Saint-Cloud in einer Nacht oft Hunderttausende verspielt und vergeudet. Die kostbarsten Juwelen werden zu Geld gemacht, wenn das Geld selbst fehlt. Immer wieder werden neue Summen herbeigeschafft, um der Verschwendungssucht und den Phantasien des Herzogs von Orléans Genüge zu tun. Im Spiel, im Geniessen kennt er keine Grenzen und kein Beschränken. Nur in der eigenen Familie hat er das Prinzip des Sparens. Liselotte muss darunter leiden; denn sie selbst wird von Philipp äusserst knapp gehalten. Nicht nur einmal klagt sie in ihren Briefen darüber, dass Monsieur mit seiner Umgebung die höchsten Summen vergeudet und sie selbst nicht einmal das Nötigste für ihre persönlichen Ausgaben zur Verfügung habe. Und die waren gewiss nicht gross, denn Liselotte hatte schon früh im Elternhause sparen gelernt und war nicht kokett.

Aber selbst die Erkenntnis dieser Dinge kommt ihr erst in viel späterer Zeit. Vorläufig sieht sie nur Gutes und empfängt nur Gutes. Der König erfüllt ihr jeden Wunsch und sucht immer neue Gelegenheiten, um ihr gefällig zu sein. Zur «Unterhaltung des Hauses der Frau Herzogin von Orléans» hat er am Tage ihres Einzuges im Palais-Royal seinem Bruder 250 000 Franken jährlich bewilligt, die aus dem königlichen Schatz entnommen werden sollen. Und als Hochzeitsgeschenk überreichte er Liselotte drei Kassetten mit 30 000 Pistolen «für ihre kleinen Bedürfnisse». Die Königin aber schenkt ihr eine Diamantenrose im Werte von 40 000 Talern. Solche Geschenke sind für die einfache Liselotte geradezu verblüffend.

Von Tag zu Tag befestigt sich die Freundschaft zwischen Ludwig XIV. und seiner jungen Schwägerin. Immer mehr fühlt sich der König zu diesem frischen Naturkind hingezogen, das keine Verstellung, kein Falsch kannte, das sich gibt, wie es ist, ohne Künstelei und ohne Berechnung. Und doch ist es nicht zu verkennen, dass die Macht und der Glanz des grossen Königs, in dem sich viele Schmeichler sonnten, auch ihre Wirkung auf die einfache Liselotte nicht verfehlten. Sie schaut zu ihm auf wie zu einem Gott und zeigt ihre wahrhafte Verehrung für den grossen Mann so unverhohlen, dass man anfängt, in der Hofgesellschaft darüber zu lächeln und Witze zu reissen. Am liebsten hätte sie jede Sekunde ihres Lebens mit ihm geteilt. Nichts macht ihr grösseres Vergnügen, als wenn sie den König in Wind und Wetter auf seinen Jagden begleiten darf. Nie hat Ludwig unter den Damen seines Hofes eine unermüdlichere Reiterin gefunden als die Herzogin von Orléans. Und doch lernte Liselotte erst in Frankreich reiten. Aber für sie bedurfte es keines besseren Lehrmeisters als gerade des Königs selbst. Mit ihm scheut sie keine Gefahr, keine Anstrengungen, keine Strapazen. Von morgens bis abends kann sie an seiner Seite im Sattel sitzen, ohne die geringste Müdigkeit zu spüren. Sie fürchtet weder für ihre Toilette noch für ihre Schönheit. Auch ein gelegentlicher Sturz vom Pferde bringt sie nicht aus der Fassung. Um so mehr aber den König. Bleich und geängstigt um ihr Leben, eilt er, wenn Liselotte strauchelt oder stürzt, im rasenden Galopp herbei, um ihr selbst die erste Hilfe zuteil werden zu lassen. Wenn er sie dann aber trotz allem in voller Frische aufspringen sieht und sie sich lachend den Schmutz von den Kleidern schüttelt, um im nächsten Augenblick wieder frisch wie ein Jäger aufs Pferd zu steigen, da kann Ludwig sich nicht genug freuen über die urwüchsige gesunde Kraft, die bei den Damen seines Hofes nicht zu finden war.

Meist ist Liselotte bei den Jagdausflügen so gekleidet, dass sie eher einem männlichen als einem weiblichen Wesen ähnlich sieht. Am wenigsten Eindruck macht auf sie die Mode am französischen Hofe. Die Jagdkleider, die die Damen tragen, sind Prunkgewänder, aber keine praktischen Sportanzüge, in denen man springen, laufen und reiten kann, wie man Lust hat. «So jung als ich gewesen, hatte ich doch nie die Fantasie, so unsere ehrliche Teutsche haben, die französischen Moden zu folgen, begreifen können, denn mich deucht, dass nichts raisonnableres war, als dass sich ein jeder kleiden mögte, wie es ihm am bequemsten und gemächlichsten ist.» Und trotz allen Respektes vor ihrem grossen Freund, dem König, besass sie für die Hofcouren doch nur ein einziges Hofkleid. Putzen wollte sie sich nie. An die Schminke, die fast Befehl war, konnte sie sich nicht gewöhnen. Heiss und rot wie ein Krebs, den Hut schief auf dem Kopfe und das Haar verwirrt, kommt sie oft von der Jagd heim.

4. Die Ehe

Ihre Ehe mit dem Herzog bedrückt sie anfangs sehr wenig. Mit Illusionen von Liebe und Treue ist Liselotte ja nicht nach Frankreich gekommen. So kann sie auch in dieser Hinsicht keine Enttäuschung erleben. Sie weiss, dass ihr Gemahl sie nicht aus Liebe oder Neigung geheiratet hat und auch mit der Zeit keine grosse Liebe oder Leidenschaft für sie empfinden wird. Sie weiss, dass Prinzessinnen-Ehen meist nur klug berechnete politische Pakte sind, und dass sie selbst von der Natur nichts mitbekommen hat, was einen Mann bezaubern kann. In ihren Briefen an den Geheimrat von Harling ist sie so offen, dass sie sogar den Herzog von Orléans in der ersten Zeit ihrer Vereinigung wegen seiner sichtbaren Kälte entschuldigt. Um Liebe oder auch nur Leidenschaft in einem Manne zu erwecken, dazu haben ihr, wie sie behauptet, alle weiblichen Reize des Gesichtes und auch des Körpers gefehlt. «Bin gar ein hässlich Schätzchen», schreibt sie einmal an die Tante Sophie; «bin eine wüste, hässliche Figur, habe aber das Glück, gar nicht danach zu fragen; denn ich begehre nicht, dass jemand verliebt vor mir sein solle.» – Aber was tut's? Ob sie nun hübsch oder hässlich ist, ihren guten Humor hat sie immer. Sie nimmt das Leben, wie es sich ihr bietet.

Ebenso wie die Kindespflicht ihren Eltern gegenüber ist ihr die Pflicht gegen den Gatten Hauptbedingung. Die Ehe ist etwas Heiliges für sie, an dem man nicht rütteln darf. Und da sie nun Katholikin um ihres Mannes willen wurde, ist sie es auch in ihren Pflichten, ohne dass sie jedoch ihre schönen protestantischen Sprüche, Lieder und Lehren ganz vergisst. Tante Sophie und Ernst August höhnen sie oft in ihren Briefen, dass sie so gut katholisch geworden sei, aber Liselotte lässt sich nicht beirren und antwortet prompt: «Dass Euer Liebden und Onkel über mich lachen, dass ich so gut katholisch bin und so viel vom Sacrament der Ehe halte, so schlägt mir aber solches Sacrament gut an, um zu wünschen, dass es ewig währen möge und man kein Mittel finden möge, selbiges zu scheiden. Denn wer mich von Monsieur scheiden wollte, täte mir keinen Gefallen ...»

Also muss sie damals nicht so überaus unglücklich gewesen sein, wie es fast alle Biographien bis jetzt dargestellt haben. Da der Herzog von Orléans nun einmal ihr Gatte ist, liebt sie ihn auf ihre Weise. Ja, manchmal sogar beweist sie, die trotz allem ein sehr weiches, liebebedürftiges Herz hat, ihm ihre Zuneigung so zärtlich, dass Monsieur, dem im Gegenteil alle Beweise weiblicher Gunst lästig sind, ihr sagen muss, sie möge ihm weniger zeigen, wie lieb sie ihn habe. «Monsieur seelig», schrieb sie später nach seinem Tod, «war so importuniert, dass ich J. L. so lieb hatte und gern bei ihm sein wollte, dass er mich um Gotteswillen bat, ihn weniger zu lieben, dass es ihm gar zu importun wäre.» Weit mehr als seine Kälte betrübt Liselotte, dass er kaum lesen und schreiben kann, während sie selbst so viel schreibt und liest und nie genug bekommt. Immerhin tröstet sie sich damit, dass ja auch der grosse König, Ludwig XIV., ihr Idol, nicht besonders in diesen Dingen bewandert ist. Was übrigens die Herzogin von Orléans anfangs am meisten in Frankreich kritisiert, sind nicht die Ausschweifungen ihres Gatten, auch nicht die Sitten im allgemeinen am Hofe Ludwigs XIV. Damals begreift sie noch vieles nicht, worüber ihr später die Augen geöffnet werden, und wovon sie als reifere Frau in ihren Briefen so überaus genau unterrichtet ist. Die Beschwerden der jungen Liselotte beschränken sich im Anfang ihres Aufenthaltes in Paris hauptsächlich auf rein materielle Dinge, wie zum Beispiel das Essen. Die raffinierte französische Küche mit ihren tausenderlei Hors-d'œuvres, Entremets, Ragouts, Pastetchen, Saucen und Konfitüren sagt ihrem pfälzischen Gaumen nicht zu. Sie liebt derbere, kompaktere Kost, wovon man ihrer Meinung nach, «etwas hat». Ein Gericht Sauerkraut mit Pfälzer Würstchen, ein recht saftiger Schinken, ein Speck- oder Krautsalat, eine kräftige Biersuppe waren ihr tausendmal lieber als alle raffinierten Speisen, mit denen die Tafel Ludwigs täglich so reich besetzt war. «Ich habe mein teutsches Maul noch so auf die teutschen Speisen verleckert», schrieb sie an Frau von Harling, «dass ich kein einziges französisches Ragout leiden noch essen kann. Ich esse nur Rindfleisch, Kalbsbraten und Hammelschlegel, gebratenes Huhn, selten Feldhühner und nie Fasanen.» Und schliesslich setzt sie es durch, dass auch auf der Tafel des Königs ihre deutschen Gerichte erscheinen, die nach ihren eigenen Angaben von den Hofköchen zubereitet werden. Da Ludwig kein Kostverächter und ein starker Esser war, machte es ihm Vergnügen, auch die fremden Speisen, die ihm seine Schwägerin aus der Heimat vorsetzte, kennenzulernen. Aber kein Koch macht es Liselotte in dieser Beziehung recht. Die französischen Köche können eben doch nicht so gut kochen, wie zum Beispiel die in Heidelberg, meint sie. Am schlimmsten von allem erscheinen ihr die furchtbaren Getränke, die in Frankreich serviert werden, wie Schokolade, Kaffee, Tee! Von all diesem hatte sie bisher in Heidelberg keine Ahnung gehabt, und als man ihr in Paris diese Getränke vorsetzt, findet sie sie geradezu schauderhaft. Schokolade ist ihr viel zu weichlich, vom Kaffee behauptet sie, er röche wie stinkender Atem. Und da sie immer schnell mit drastisch vergleichenden Bildern zur Hand war, meint sie, der Erzbischof von Paris habe diesen Geruch aus dem Munde gehabt. Es sei ihr immer schlecht geworden, wenn er mit ihr gesprochen habe. Dasselbe geschehe ihr auch bei dem blossen Geruch des Kaffees. Den Tee aber verglich sie mit Heu und Mist.

Das alles waren kleine Sorgen und kleine Beschwerden, die Liselotte vorzubringen hatte. Die grossen harrten ihrer noch, denn bald sollte auch sie in die Intrigen mit hineingezogen werden, die an einem so galanten Hofe nicht ausbleiben können.

In einer Umgebung, wo schöne, aber auch intrigante Frauen die Hauptrolle spielen, wo Giftmischerprozesse und Wunderkuren an der Tagesordnung sind, vermag die einfache Liselotte nicht lange im Vordergrund zu stehen. Zur Zeit, als sie an den Hof Ludwigs XIV. kam, war Madame de Montespan Gebieterin des königlichen Herzens und die sanfte Louise de La Vallière bereits im Kloster, um die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. Madame de Montespan war eine stolze, prachtliebende Schönheit. Ganz im Gegenteil zu ihrer bescheidenen Vorgängerin liebte sie es, sich mit Glanz und Reichtum zu umgeben und die Huldigungen einer wahren Königin zu empfangen. Noch mehr aber lobte man den Geist der Montespan. Immer wusste sie angenehm zu plaudern und mit einer Liebenswürdigkeit und Anmut sich zu geben, die ihren sonstigen Hochmut vergessen liessen.

Madame de Montespan war eine sieghafte Schönheit, die alle zur Bewunderung hinriss. Ihr Einfluss war ungeheuer, nicht nur auf den König, sondern auch auf die stille Königin. Sie war die Hoffnung und zugleich der Schrecken der Minister, Höflinge und Generale. Ihr Ehrgeiz kannte keine Grenzen. Er ging soweit, dass sie den König zwang, die sieben Kinder, die sie ihm schenkte, zu legitimieren und als «Kinder von Frankreich» wie die rechtmässigen Prinzen und Prinzessinnen seines Hofes erziehen zu lassen. Liselotte sagt von dieser stolzen Königsmätresse, sie sei viel ehrgeiziger als ausschweifend gewesen. Und damit hat sie recht. Louise de La Vallière hatte den König wie eine Geliebte geliebt, Frau von Maintenon liebte ihn wie eine Gouvernante, Frau von Montespan aber wie eine wahre Herrscherin!

Und doch kam für diese kluge, hochmütige und selbstbewusste Frau auch eine Zeit, in der sie kleingläubig in Hinsicht auf die Liebe des Königs wurde. Nicht selten nahm sie dann ihre Zuflucht zu Zauberinnen, Wahrsagerinnen und Giftmischerinnen, an deren Wundertaten sie mit aller Inbrunst als Kind ihrer Zeit glaubte; denn sie war abergläubisch und unwissend.

Nicht lange, nachdem die neue Herzogin von Orléans an den Hof Ludwigs gekommen war, etwa im Jahre 1676, begann Frau von Montespans Stern durch die Erzieherin ihrer Kinder zu verdunkeln. Sie fühlte, wie die Liebe des Königs zu ihr immer mehr erkaltete.

Alles stimmte übrigens überein, den König in den Strudel eines üppigen Lebens mit fortzureissen: der grosse Reichtum und Glanz seines verschwenderischen Hofes, die wunderbar schönen Frauen, die ihn in Menge umgaben und umschwärmten, die körperliche Gesundheit und Schönheit des Königs selbst, seine zwar gutmütige, aber reizlose Gemahlin, die ganze vergnügenheischende Lebensart von Paris, die raffinierten Intrigen der Frauen, die bewirkten, dass eine Hofdame nach der anderen sich die Gunst des jungen Königs zu erringen suchte. Auch die grosse Bereitwilligkeit der Priester und der Mütter junger Töchter, Ludwig XIV. für eine Pfründe oder ein königliches Geschenk eine neue junge Schönheit in die Arme zu führen, trug dazu bei, ihn in ein Leben voll Vergnügen und Sinnlichkeit zu stürzen.

Seine Prachtliebe überschritt alles, was man in Frankreich bisher gesehen hatte. Die königlichen Gastmähler übertrafen an Eleganz, Schönheit und fürstlichem Pomp alles, was die Geschichte aus alten Zeiten von dergleichen Verschwendungen an anderen Höfen aufgezeichnet hat. Obgleich der ruhige Bürger des Staates über einen Aufwand seufzte, der dem Reiche nicht anders als verderblich werden konnte, bewunderte er doch des Königs guten Geschmack und war geschmeichelt davon. Die Säle von Versailles und Saint-Cloud waren mit den herrlichsten Kostbarkeiten angefüllt. Alles, Spiegel, Kronleuchter, Kunstgegenstände, seidene und goldene Stoffe an den Wänden und über den Möbeln waren von einer Pracht, die an die Schätze des Orients erinnerte. In diesen kostbaren Räumen bewegte sich der König mit einer Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit, die alle bezauberte. Man liebte auch an ihm die unverstellte Offenheit und Geradheit seines Charakters, die besonders Liselotte zu schätzen wusste. Nie erniedrigte sich Ludwig zu einer hinterlistigen Handlung oder einer Intrige, wie sie leider in seiner Umgebung alltäglich waren. Seine Mätressen und Günstlinge missbrauchten diese Herzensgüte oft schändlich und wandten sie zum Verderben des Staates an.

Liselotte öffnet weit die Augen vor diesem Leben, das für sie neu und doch nicht reizlos ist. Nie hat sie nur annähernd Aehnliches gesehen oder erlebt. Mit der Verfeinerung und künstlichen Politur französischer Umgangsformen ist sie nicht vertraut. Es scheint ihr alles unecht, und deshalb bleibt sie scheu im Hintergrunde stehen. Von allen Intrigen hält sie sich fern. Sie ist jederzeit fest entschlossen, sich in nichts zu mischen, was ihre Augen auch sehen und ihre Ohren auch hören mögen. Und dieser Grundsatz hat sich schon sehr früh in ihrem biederen Herzen eingeprägt. So vermag man sie auch nie zu irgendeiner Intrige zu bewegen, obwohl sie dadurch am Hofe des von Frauen beherrschten Königs die einflussreichste Stellung hätte einnehmen können. Die kluge Frau von Montespan, mit der Liselotte sich oft über die Hofkabalen unterhält, wirft ihr mehr als einmal vor, sie besitze nicht den geringsten Ehrgeiz, denn sie kümmere sich um nichts, was am Hofe und in den Regierungskreisen vorginge. Aber gerade sie würde sich dadurch die grössten Ehren verschaffen können, da der König sie ja sichtlich auszeichne. Liselotte lächelt und sagt, nein, sie wolle mit solchen Dingen nichts zu tun haben, und es sei ihr vom Grunde ihres Herzens aus verhasst, auf dem Wege der Intrige etwas zu erreichen. – «Nun», antwortet Frau von Montespan, «Sie sind eben eigensinnig.» – «Nein, Madame», erwidert schlicht die Herzogin, «aber ich liebe meine Ruhe und halte allen Ihren Ehrgeiz für reine Eitelkeit!» –

Eine so natürlich veranlagte Frau wie Liselotte ist am Hofe von Versailles eine ungewohnte Erscheinung. Aber es fehlt ihr auch jedes Geschick, sich durch die hundertmal verschlungenen Wege dieses Hoflebens hindurchzuwinden. Zwar haben sie und ihr Gemahl einen eigenen kleinen Hof für sich, eigentlich aber leben sie am Hofe Ludwigs XIV., nach dessen Befehlen und Wünschen, Lebensgewohnheiten und Launen sie sich zu richten haben. So führen sie ihr Dasein zwischen Versailles und Saint-Germain. Kaum zwei Monate im Jahre sind sie wirklich frei und dürfen sich auf ihre eigenen Schlösser entweder nach Saint-Cloud oder nach dem Palais-Royal oder Villers-Cotterets zurückziehen.

5. Intrigen

Allmählich wird Liselotte sehender. Ihre offene, ehrliche Natur und die nicht immer gewählten Ausdrücke beginnen bereits Missfallen in der Hofgesellschaft zu erregen. Unter dem Glanze und dem Reichtum an Ludwigs Hofe sieht sie viel Schmutz und Widriges, vorläufig nur äusserlich, aber sie hält mit ihrer Kritik nicht zurück. Paris besonders missfällt ihr, weil es schmutzig und unordentlich ist. In den Schlössern des Königs widert sie die Ungeniertheit an, mit der sich die Herren auf den Gängen und Treppen des Louvre und des Palais-Royal benehmen. Liselotte schildert diese Zustände in ihrer realistischen Weise, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Oft bedient sich Liselotte so kraftvoller Ausdrücke, dass sogar der gütige König, der gern aus ihrem Munde einen derben Scherz entgegennimmt, betroffen ist und es sie fühlen lässt, wie wenig hoffähig sie sich benommen habe; denn Ludwig XIV. hält streng auf Formen. Aber auch er, der Sonnenkönig, vermag unserer Liselotte in dieser Beziehung nicht zu imponieren und sie nicht zu «polieren», wie sie selbst zugesteht. Oft lässt sie sich in ihren Reden sogar in den Gemächern des Königs so gehen, dass der fromme Dauphin bei seinem Vater Beschwerde einreicht, die Herzogin von Orléans bediene sich mit Vorliebe in ihren Unterhaltungen unanständiger Ausdrücke, wie sie nur das gemeine Volk auf der Strasse gebrauche. Dafür wird ihr offiziell vom König bisweilen ein «derber Filz» erteilt. Er schickt dann ihren Beichtvater zu ihr und lässt der massiven Liselotte ins Gewissen reden. Dann bewahrt sie wohl einige Tage Stillschweigen oder hält ihre lockere Zunge etwas mehr im Zaume, aber es dauert nicht lange und sie ergeht sich von neuem in so kräftigen Ausdrücken, die selbst im Heidelberger Schloss bei Karl Ludwig nicht hoffähig gewesen wären.

Das galante Treiben am Hofe berührt sie zu dieser Zeit eigentlich wenig. Sowohl einer La Vallière als einer Montespan und allen kleineren Mätressen lässt sie die Herrschaft, eben als unvermeidliche Beigabe eines grossen Hofes, der von einem sinnlichen und prachtliebenden König geleitet wird. Ihrer Meinung nach haben Fürsten das Recht, sich Mätressen zu halten. Merkwürdigerweise kommt auch eigentlich nie ein direktes Bedauern mit der Königin über ihre Lippen. Halb vergessen fristet diese stille Frau in ihren Gemächern von Versailles ihr Dasein, um das sie keine Bürgersfrau beneidet. Aber Liselotte sieht in all diesem nur Selbstverständliches, solange ihr eigenes Blut nicht mit dem «Mausdreck» vermischt zu werden droht. Denn auf das Ansehen ihrer Abkunft und ihrer Würde hält sie streng.

Vom französischen Adel hält sie nicht viel, weil alle die Herzöge, Fürsten, Grafen und Barone erst vom König dazu gemacht werden, während bei ihr, in ihrer Heimat, die Herzöge «von Gottes Gnaden» seien und sie ihren Adel ihrem Vater und ihrer Mutter verdanken! Insofern wären die französischen Herzöge nicht mit den deutschen zu vergleichen, meint sie. Ueberaus stolz aber ist sie auf ihres Vaters Pfalzgrafentum. «So ein lumpener Duc will einem Pfalzgrafen den Rang streitig machen?», ruft sie einmal im Innersten empört aus. «Wirkliche Grösse haben nur die deutschen Fürsten; denn sie haben keine Bürger zu Verwandten und dienen nicht.»

So nahm sie also auch an den französischen Hof ihren deutschen Adelsstolz mit und hat es sich nicht einfallen lassen, zu denken, dass sie etwa aus geringerem Geschlechte gewesen wäre wie die Bourbon und Orléans. So wie sie selbst ist, erzieht sie auch ihre Kinder. Die erste Gattin «Monsieurs», Henriette von Orléans, hat zwei Töchter hinterlassen, denen Liselotte eine zweite Mutter sein muss. Die älteste, Marie-Louise, ist neun Jahre alt, die zweite, Anna-Maria, ein Baby von zwei Jahren. Für beide sorgt die junge Liselotte mit Liebe, als wären es ihre eigenen Kinder.

Im Jahre 1673 wird sie selbst Mutter. Es ist ein Knabe, Alexander Ludwig, der jedoch, kaum dreijährig, wieder stirbt. Da sie nicht das geringste Vertrauen zu der französischen medizinischen Wissenschaft hat, ist sie natürlich fest überzeugt, ihr Söhnchen sei das Opfer unwissender Pariser Aerzte geworden, die ebensowenig verständen, wie die Erzieher und Gouvernanten der Franzosen. Als dieses Kind stirbt, ist sie untröstlich. Sie meint, vor Traurigkeit selbst sterben zu müssen. Glücklicherweise hat sie noch einen Sohn, den kleinen Herzog von Chartres. Er kam am 4. August 1674 in Saint-Cloud zur Welt und wurde der spätere, allzu berühmte und berüchtigte «Regent» von Frankreich.

Zwei Jahre später kann Liselotte ihren alten Freunden und der Tante Sophie noch die Geburt eines Töchterchens melden, dem sie ihren eigenen Namen Elisabeth Charlotte gibt. Zwar erfüllt sie gerade die Ankunft dieses Kindes mit grosser Freude, aber das Kinderkriegen im allgemeinen ist eigentlich nicht nach ihrem Geschmack. Es kommt ihr, dem «rauschenplattenen Knecht», sehr «spanisch» vor, dass sie während der Zeit ihrer Schwangerschaft nicht laufen und springen kann, wie sie es gewohnt ist. Nicht einmal in «der Kutschen» darf sie fahren, sondern muss immer in einer Chaise getragen werden. Das gefällt Liselotte durchaus nicht, die gern zwei Stunden am Tage marschiert. «Ja, wenn es wenigstens bald getan wäre», meint sie, «so wäre es noch eine Sach'; aber dass es so neun Monate fortwähren muss, das ist ein trübseliger Zustand.» Und so ist sie recht froh, dass nach diesem dritten Kinde keines mehr kommen wird; denn «Monsieur» hat gleich nach dieser Geburt getrennte Schlafzimmer angeordnet.

Und doch ist sie damals, als sie ihre Tochter gebar, durchaus nicht unglücklich mit dem Herzog gewesen. Denn sie meldet der Frau von Harling die Geburt des Kindes mit den Worten: «Nun ist eine Liselotte mehr auf der Welt. Gott gäbe, dass sie nicht unglücklicher als ich sein möge, so wird sie sich wenig zu beklagen haben.»

Trotz aller Gegensätze, die Liselotte von ihrem Manne trennen, entdeckt sie doch auch an ihm gute Seiten. Er «ist der beste Mensch», aber leider geht er in der wüsten Gesellschaft seiner Günstlinge unter, die nichts als Gelage und hohes Spiel kennen. Liselotte weiss es und möchte wenigstens ihre beiden Kinder vor diesem verderblichen Einfluss bewahren. Dieser Kampf ist der schwerste in ihrem Leben. Aber er soll erst beginnen. Vorläufig sind die Kinder noch klein und noch nicht in den Händen der Erzieher, die der Herzog von Orléans aus der Mitte seiner Günstlinge wählt.

Eine eitle Mutter ist Liselotte überdies nicht. Von dem kleinen Prinzesschen schreibt sie an Sophie: «Sie hat eine hübsche Haut, aber alle Traits sein hässlich, eine hässliche Nas, ein gross Maul, die Augen gezogen und ein platt Gesicht ...» Und als die kleine Liselotte älter wird, erkennt sie in ihr sich selbst wieder. «Ist wohl eine dolle Hummel als ich vor diesem war ... Ich darf mich nicht so sehr mit ihr familiarisieren; denn sie fürcht keinen Seelenmenschen auf der Welt als mich, und ohne mich kann man nicht mit ihr zurecht kommen. Sie fragt gar nichts nach Monsieur. Wenn er sie ausfilzen will und ich nicht dabei bin, lacht sie ihm ins Gesicht ...» Am stolzesten aber ist die Mutter, dass auch diese zweite Liselotte «das Maul auf dem rechten Fleck» hat und jederzeit Rede und Antwort stehen kann.

Ueber ihren Sohn spricht Liselotte mit der grössten Offenheit und Ehrlichkeit. Leider geriet er in der Folge nicht nach ihrem Geschmack. Sie hatte geglaubt, dass er bei all seinen herrlichen Anlagen und Talenten nicht so sehr dem verdorbenen Leben des Versailler Hofes verfallen werde, wie es später tatsächlich geschah. Trotz allem lässt sie ihm in jeder Beziehung Gerechtigkeit widerfahren und erkennt vor allem seinen guten Charakter und die ausserordentlichen Fähigkeiten an, mit denen er in der Tat begabt ist. Aeusserlich gefällt ihr der kleine Herzog von Chartres, der, wie sein Vater, Philipp getauft wurde, besser als die Tochter, aber sie findet, dass er weder dem Vater noch der Mutter ähnlich sieht. Auch bei ihm schätzt sie besonders die Schlagfertigkeit und Geschicklichkeit in der Rede, und sein grosser Eifer, alles zu lernen und zu wissen, gefällt ihr. Beide Kinder liebt Liselotte zärtlich. Sie beschäftigt sich mit ihnen wie eine bürgerliche Mutter. Sie schont auch die Rute nicht; denn ihr Grundsatz ist jederzeit: Liebe gepaart mit Strenge! «Als mein Sohn klein war», schreibt sie noch im Jahre 1710 an die Raugräfin Luise, «habe ich ihn niemals gemaulschellt, aber ich habe ihn so derb mit der Rute geschlagen, dass er sich noch heute daran erinnert. Die Maulschellen sind gefährlich, sie können Verwirrungen im Kopfe hervorrufen ...»

Sowohl der Sohn als die Tochter fürchteten die strenge Hand der Mutter. Liselotte fackelte nicht lange. Wenn sich die Kinder nicht fügen wollten, gab es, wie im kleinsten Bürgerhaus, Schläge. Aber sie verstand es ebensogut, sich ihre Zuneigung zu erwerben; denn beide blieben ihr stets in grosser Liebe zugetan.

Heftig ist der Kampf um die Erziehung dieser Kinder, und es ist ein schönes Kapitel in dem Leben der Herzogin von Orléans, mit welcher Energie und Ausdauer sie diesen Kampf durchführte, um aus ihnen rechte und brauchbare Menschen zu machen. Wie eine Löwin ihre Jungen verteidigt sie sie gegen den verderblichen Einfluss der Günstlinge Monsieurs. Weder Drohungen noch Anklagen beim König vermögen sie davon abzuhalten, sich die Rechte der Mutter zu wahren. Besonders haben es die Günstlinge auf den Sohn abgesehen. Man versucht es auf die denkbar verworfenste Weise, ihn ins Lager seines Vaters zu ziehen. Der Herzog von Orléans ist selbst am meisten darauf bedacht, seinen Sohn so früh wie möglich in die Neigungen einzuweihen, denen er selbst frönt. Und da hat Liselotte harte Kämpfe zu bestehen, besonders im Jahre 1689, als der Erzieher des jungen Prinzen, der Marquis de Sillery, seinen Abschied nimmt. Monsieur will ihn sofort durch eine seiner Kreaturen ersetzt wissen. Da aber stellt sich die Mutter energisch entgegen. Ihren Sohn diesem ausschweifenden, aller Moral entbehrenden Manne übergeben, hiesse ihn dem Verderben weihen! Hier zeigt Liselotte ihren harten Willen. Es hilft Monsieur nichts, zu toben und zu drohen; sie gibt nicht nach. Und so verfliessen sechs Monate im heftigsten Widerstreit der Meinungen, bis die besorgte Mutter ihre Zuflucht zum König selbst nimmt. Sie weiss, dass Ludwig, wenn er erst ihre Bedenken hört und prüft, ihr auch in dieser Beziehung beistehen wird. Und in der Tat: er verspricht seiner Schwägerin, selbst die Wahl eines Erziehers für seinen Neffen treffen zu wollen. Wenige Tage später erhält der junge Herzog von Chartres den Marquis d'Arcy als Gouverneur, einen Mann voll Ernst und Würde und fleckenlosem Rufe. Liselotte kann nun ruhig sein: Die Erziehung ihres Sohnes liegt in guten Händen.

Um so unverständlicher ist es, dass sie bei der Wahl des zweiten Lehrers nicht hellblickender war und vollkommen mit den Ansichten der beiden Günstlinge ihres Mannes übereinstimmte. Denn sie lässt es geschehen, dass der Abbé Dubois, der allerdings zu jener Zeit noch eine recht unbedeutende Persönlichkeit ist, die Unterrichtsstunden ihres Sohnes leitet.

So grossen Einfluss die Günstlinge auf Monsieur haben, so wenig lässt er sich von seiner Frau beraten. Liselotte versagt man jeden Einfluss, selbst in der eigenen Familie. Aber trotz allem gelingt es ihr, sich wenigstens die Liebe ihrer Kinder zu erhalten. Ihr Sohn bewies ihr stets die grösste Achtung und Ehrerbietung, und es gelang weder herrschsüchtigen Frauen, die ihn später in grosser Anzahl umgaben, noch intriganten Männern, ihn mit seiner Mutter zu entzweien.

Man sieht gar bald ein, dass es vergebene Liebesmühe sei, Mutter und Kinder auseinanderzubringen, und so versucht man es mit den beiden Gatten, deren Band nicht so fest geknüpft ist. Zu diesem Zwecke muss der Herzog von Orléans überzeugt werden, dass seine Frau ihn hintergeht! Aber es ist schwer, gegen die gar nicht kokette Liselotte irgend etwas in dieser Hinsicht vorzubringen. Man kann ihr nicht die kleinste Heimlichkeit, nicht den leisesten Augenaufschlag gegen einen Mann vorwerfen. Schliesslich gelingt es aber doch der würdigen Clique des Chevaliers de Lorraine, des Marquis d'Effiat und der Madame de Grancey, die Herzogin von Orléans in den Augen Monsieurs als leichtsinnige Frau zu verdächtigen. Diese Anklage ist jedoch so absurd, dass kein Mensch und am allerwenigsten Monsieur daran glaubt. Niemand hält die derbe, wahrheitsliebende, grundehrliche und etwas massive Liselotte einer Untreue für fähig. Man war ihr entweder sehr zugetan, wegen ihrer grossen Herzensgüte und ihres unverwüstlichen Humors, oder man fürchtete sie wegen der unumwundenen Wahrheiten, die sie in Versailles oder Saint-Germain jedem sagte, an dem sie etwas auszusetzen hatte. Aber einer Niederträchtigkeit oder Schlechtigkeit hielt man sie für unfähig. Ausserdem war sie nicht der Typ der leichtsinnigen Frau. Ludwig XIV. war von Liselottes Unschuld vollkommen überzeugt. Zu jener Zeit sah er nur die anziehenden Eigenschaften seiner jungen Schwägerin. Er, als guter Frauenkenner, wusste am besten, dass ein solches Gerücht vollkommen aus der Luft gegriffen war. Frauen wie Liselotte eigneten sich nicht zur Geliebten. Sie konnte nur Frau und Mutter sein. Jeden Tag bewies ihr der König mehr seine Achtung, gleichsam, als wollte er damit der Welt zeigen, wie unantastbar sie in jeder Beziehung sei. Nie ging er vorüber, ohne das Wort an sie zu richten, und jeden Sonnabend liess er sie rufen, damit sie an dem berühmten Mitternachtsmahl der Madame de Montespan teilnähme. Das war eine Auszeichnung, die nur wenigen zuteil wurde, und Liselotte wusste sie zu schätzen. Vor ihr verschwand der Monarch, und nur der ritterliche Mann trat in Erscheinung. Es schmeichelte sie, wenn es hiess: «Der König begibt sich nach Fontainebleau, weil Madame es wünscht.» Und dieses «Madame wünscht es», erstaunt bald niemand mehr. Man findet die Herzogin charmant, trotz ihrer ungeheuren Perücke, die ihr meist schief auf dem Kopfe sitzt, trotz ihres von der Jagd und von Spazierritten dunkelgebräunten Gesichts und trotz ihrer beinahe männlichen Kleidung.

Der Herzog von Orléans liess sich gleichfalls durch die Verleumdungen, die man über seine Frau ausstreute, nicht beeinflussen. Er fuhr fort, sich als angenehmer Lebensgefährte zu erweisen, soweit es sich eben nicht um die Erziehung der Kinder handelte. Im Juli 1678, nach siebenjähriger Ehe noch, schreibt Liselotte an die Tante Sophie: «Was Euer Liebden Idee anlangt, dass, wenn ich Monsieur habe, ich nichts weiter auf Erden verlange, so ist es wahr, dass ich sehr gern mit ihm bin.» – Sie langweilt sich ohne ihn und weiss nichts anzufangen, besonders wenn auch noch der König abwesend ist. «Die Zeit wird mir so lang», seufzt sie und ist über die Massen vergnügt, wenn beide wieder da sind.

Diese Aussprüche zeugen allerdings nicht davon, dass die Herzogin von Orléans eine unglückliche Frau an der Seite eines Mannes war, der so wenig wie Philipp geeignet schien, eine Frau glücklich zu machen. Aber für Liselotte hat er eben doch manche Eigenschaften, die ihr angenehm sind und ganz ihrem Sinn entsprechen. Jeder anderen Frau wären gerade die weiblichen Neigungen an dem Herzog unangenehm gewesen; Liselotte findet hingegen in ihrem Gatten Talente ergänzt, die sie nicht im geringsten besitzt. So liebt sie es gar nicht, sich mit ihren Kleidern zu beschäftigen. Es ist für sie geradezu eine Qual, stundenlang mit den Schneiderinnen und Modistinnen beschäftigt zu sein und vor dem Spiegel Hüte und Kleider zu probieren. Monsieur hingegen bereiten diese Dinge um so mehr Vergnügen. Er kann sich ganze Tage lang mit der Wahl eines Kleides, eines Schmuckes, eines Bandes beschäftigen und behandelt die Modefragen als die wichtigsten seines Lebens, eingehender wie Staatsangelegenheiten. Da Liselotte nichts von all dem versteht und auch nichts verstehen will, sucht Monsieur ihre Kleider aus.

Auch als Krankenpfleger ist Philipp unermüdlich. Das hat er ihr bereits im Jahre 1672 bei einem vorübergehenden Unwohlsein bewiesen. Als aber die Herzogin im Jahre 1675 ernstlich an einem heftigen Fieber erkrankte und wirklich zwischen Leben und Tod schwebte, da zeigte sich Monsieur über alle Begriffe besorgt. Er wich nicht von ihrer Seite, reichte ihr selbst die vorgeschriebene Medizin, rückte ihr die Kissen zurecht und wachte über ihren Fieberschlaf. Die Kurfürstin von Hannover liess sich täglich aus Paris über den Zustand ihrer geliebten Nichte berichten, und Monsieur entledigte sich auch dieser Aufgabe aufs genaueste.

Die Zeit rückte indes näher, da aus der fröhlichen Pfälzer Liselotte eine misstrauische, verbitterte, traurige und einsame Frau wurde. Es waren jedoch nicht nur die Intrigen und Kabalen der Umgebung ihres Mannes, die dazu beitrugen, ihr das Leben unerträglich und unerfreulich zu machen. In ihrem Innern gab es schwere Konflikte zwischen der wahrhaft verehrenden Freundschaft, die sie dem König entgegenbrachte, und der kindlichen Anhänglichkeit an ihren geliebten Vater und an die Pfalz. Obwohl Liselotte weit entfernt war, sich jemals in Politik zu mischen, so sah sie doch mit Schmerzen, wie wenig ihre Heirat, die doch nur aus Staatsgründen geschlossen worden war, dazu beigetragen hatte, das Schicksal ihres Landes und des Kurfürsten, ihres Vaters, zu verbessern. Es geschah nichts, aber auch gar nichts, was diese Hoffnungen nur im geringsten bestätigt hätte. Am meisten betrübte es Liselotte, dass ihr Vater glaubte, es läge allein an ihr, und sie wolle sich in dieser Hinsicht keinerlei Einfluss auf den König verschaffen. Die Herzogin von Orléans war aber weder dazu geschaffen, eine politische Rolle zu spielen, noch hätte Ludwig XIV. sich von ihr beeinflussen lassen, trotz aller seiner Freundschaft. Es ist bekannt, wie rücksichtslos der französische König in politischen Dingen vorging. Und verwandtschaftliche Rücksichten und Privilegien kannte er erst recht nicht. Der Kurfürst von der Pfalz wurde, obwohl er der Schwiegervater Monsieurs war, doch nicht anders in den Räten von Saint-Germain behandelt, als ein anderer beliebiger deutscher Fürst, und der Frieden von Nimwegen im Jahre 1678/1679 hatte geradezu traurige Folgen für die deutschen Grenzländer, die Pfalz nicht ausgeschlossen. Karl Ludwig wurde das beklagenswerte Opfer der «Chambres de Réunion» (Metzer Reunionskammern) des französischen Königs. Ludwig XIV. bemächtigte sich seiner Staaten, die ehemals als «Dependenzen» des Bistums Metz figuriert hatten, ohne irgendwelche Bedenken. Französische Truppen besetzten die Pfalz, die zerstückelt und zerrissen wurde wie ein Stück Papier. Die französischen Agenten befreiten ohne Recht die Pfälzer von dem Eide, den sie ihrem Landesherrn geleistet hatten, und liessen sie einen neuen auf den fremden Gebieter schwören. Es wurden hohe Kontributionen auferlegt, die das an sich nicht reiche Volk bezahlen musste. Zwei der Kommissare Ludwigs XIV. liessen sich im Schloss Heidelberg nieder und benahmen sich dort als unerträgliche Gäste. Sie betranken sich mit dem Weine des Kurfürsten und wurden schliesslich so unverschämt, dass Karl Ludwig, den Schicksalsschläge, Alter und der Tod der Raugräfin griesgrämig und verbittert gemacht hatte, froh war, wenn er infolge seiner angegriffenen Gesundheit einen Vorwand fand, einmal allein in seinem Zimmer zu speisen. Er und seine Schwester, die Kurfürstin von Hannover, waren ausser sich, dass Liselotte in Paris beim König gar nichts vermochte, das Schicksal des Kurfürsten zu erleichtern.

Liselotte hatte indes doch ihr möglichstes getan, um ihrem Vater ein besseres Los zu verschaffen. Immerhin war es herzlich wenig, was sie beim König erreichte. Und dieses Wenige wurde meist am nächsten Tage durch eine neue freche Forderung aufgehoben. Karl Ludwig war ohnmächtig, sich zu widersetzen. Er vermochte weiter nichts zu tun, als die bittersten Klageschriften zu schreiben. Allmählich zog Reue in sein Herz ein, dass er Liselotte zum Opfer gebracht hatte, ohne dass diese Heirat ihm Nutzen und Vorteile bot. Kummer und Sorge darüber füllten sein Leben aus. Am 26. August 1680 trafen ihn drei Schlaganfälle, die ihn für kurze Zeit der Sprache beraubten. Einige Tage später starb er.

Liselottes Schmerz über diesen Verlust war gross und echt. Sie hatte ihren Vater in kindlicher Verehrung geliebt und ausser ihrer Tante Sophie niemand auf der Welt, dem sie ein so felsenfestes Vertrauen entgegenbrachte wie ihm. Dass sie vielleicht die indirekte Ursache des Todes ihres Vaters sein könnte, stimmte sie unendlich traurig. Mit feinem Taktgefühl hatte sie zu seinen Lebzeiten alles in ihren Briefen vermieden, was ihn hätte auf den Gedanken bringen können, sie fühle sich unglücklich in Frankreich. Ihr war es indes klar, dass der Kummer, den Ludwig XIV. und seine Minister ihrem Vater verursachten, viel zu seinem raschen Ende beigetragen hatte. Nun er nicht mehr lebte, benutzte sie gleich die ersten Stunden, um der Tante Sophie ihr übervolles Herz auszuschütten.

Es ist das erstemal, seitdem Liselotte in Frankreich weilte, dass eine solche Verlassenheit und Bitterkeit aus ihren Briefen spricht. Sie will und kann ihre Umgebung von der Schuld am Tode ihres Vaters nicht freisprechen. Sie fühlt sich dadurch einsam und elend. Glücklicherweise wurde ihr der Trost, von der Tante zu erfahren, dass Karl Ludwig in seinen letzten Lebensjahren keinen Groll gegen sie hegte, weil sie so wenig Einfluss hinsichtlich seiner Angelegenheiten bei Ludwig XIV. gehabt hatte.

Es waren bittere und traurige Erfahrungen, die Liselotte aus ihrer politischen Heirat zog, die ihr aber eigentlich erst nach des Vaters Ende richtig zum Bewusstsein kamen. Und doch erholte sie sich nach einiger Zeit wieder von ihrem Kummer, wenigstens äusserlich. Ihre Fröhlichkeit kehrte wieder; sie konnte wieder lachen. Aber zwei Monate lang war sie von einer tiefen Traurigkeit befangen gewesen, dass sie alle Lebensfreude verloren hatte und sich wegwünschte von dieser Welt, die ihr nur Leid bescherte. Sie ist so froh, den König wenigstens etwas von seiner grossen Schuld entlasten zu können.

Sie erkannte indes schon damals, was heute die gerechte Geschichtsforschung bestätigt: Der Hauptschuldige an diesem furchtbaren Morden und Brennen in der Pfalz war Louvois. Liselottes Schmerz über die Zerstörung ihrer geliebten Pfalz ist unbeschreiblich. Am traurigsten für sie war der Gedanke, dass alles in ihrem Namen geschah, und dass ihre Landsleute glauben mussten, sie, die Tochter Karl Ludwigs, sei mit diesen Greueltaten einverstanden! Die Vorstellung der entsetzlichen Mordbrennereien in der Heimat verscheucht den Schlaf von ihrem Lager. Angst, Aufregung, Zorn, Trauer und Schmerz wühlen in ihrem Innern. Wenn sie einschlummern wollte, sah sie ihr geliebtes Heidelberg, die Stätte ihrer jugendlichen Freuden, in Flammen aufgehen. Und sie, die ihren Heidelbergern so gerne geholfen hätte, konnte zur Milderung ihrer Leiden nicht das geringste beitragen. Tränen und Bitten hatten weder den König noch Louvois erweichen können. In ihrer grossen Bedrängnis schickte die Heidelberger Bürgerschaft einen der Ihrigen mit einer Bittschrift an die Pfälzer Liselotte, die im Schlosse von Versailles selber in heller Verzweiflung über all das Elend die Hände rang. Sie vermochte nichts. In der Nacht vom 4. Dezember 1688 hatte sie eine lange Unterredung mit diesem Abgesandten, der sie schon als Kind gekannt hatte. Aber es nützte nichts, dass sie Johann Weingarts herzerschütternde Vorstellungen dem König unterbreitete. Es wurde weiter geraubt und gemordet in Heidelberg. Louvois entschuldigte sein grausames Vorgehen zynisch damit, dass die Soldaten und die Völker leben müssten, worauf Liselotte mit ihm in heftigen Wortwechsel geriet und ihm ohne ein Wort des Abschiedes in grenzenloser Verachtung den Rücken kehrte. Auch der Dauphin musste ohne ein Abschiedswort von ihr ins Feld ziehen.

An sich selbst denkt Liselotte nicht. Ihre Rechte an die Pfalz sind für sie in den Hintergrund getreten. Nur reine Menschlichkeit spricht aus ihren leidvollen Briefen. Am liebsten möchte sie sterben, nur um nicht länger die Schande und die Greueltaten mit zu erleben, die ihrem Vaterlande angetan werden. Und dazu verlangte man in Paris von ihr, dass sie nicht als Pfälzerin, sondern als Französin dachte und empfand, dass sie mit den Franzosen patriotisch fühlte. Der Schmerz darüber brach ihr bald das Herz. Er wurzelte in ihrer tiefen Liebe zur Heimat. Von jedem politischen Empfinden war sie frei, denn sie verstand nichts oder nur sehr wenig von Politik. Das Vorgehen des Königs gegen die arme Pfalz betrachtet sie als eine persönliche Beleidigung, weil sie Pfälzerin und die Tochter des Kurfürsten von der Pfalz ist. Ihre Tränen sind persönlicher, nicht politischer Art. «Halte es vor ein grosses Lob, wenn man sagt, dass ich ein teutsch Herz habe und mein Vaterland liebe. Dieses Lob werde ich ob Gott will suchen bis an mein Ende!»

Die Verwüstung der Heimat blieb nicht der einzige Schmerz Liselottes. Es kam anderes Leid in ihr Leben, unverschuldetes und selbstverschuldetes. Ihre Tränen sollten von nun an nie mehr ganz versiegen. Es gab Ränke und Intrigen, denen sie nicht mehr gewachsen war, denen sogar ihre Tugend zur Beute wurde. Als man nichts an ihr finden konnte, das des Klatsches und der Verleumdung wert gewesen wäre, stellte man ernstlich ihre Freundschaft zum König in ein zweifelhaftes Licht. Die meisten indes lächelten darüber, dass Madame mit der immer schiefen Perücke, dem kupferroten Gesicht und ihren mehr männlichen als weiblichen Gewohnheiten zärtliche Gefühle für ihren schönen und ritterlichen Schwager hegen könne. Und doch war Liselottes Freundschaft zu Ludwig XIV. nicht ganz frei von einem mit Liebe verwandten Gefühl, nur war sie es sich selbst nicht bewusst. Sie litt entsetzlich darunter, wenn er einmal nicht ganz so freundlich zu ihr war wie sonst. Ist er krank, so geht sie mit bekümmerter und sorgenvoller Miene umher, und das Leben erscheint ihr freudlos. Sobald er sich aber wieder wohler fühlt und vielleicht gar seine erste Besuchsstunde ihr widmet, strahlt Madames Gesicht in heller Freude. Ihre Briefe sind voll des Lobes, ehe er die Pfalz mit seinen Truppen aufsuchte, und auch noch nachher versucht sie, trotz ihres unendlichen Schmerzes, immer wieder einen Grund zu finden, ihn von den Verbrechen freizusprechen, deren er sich schuldig gemacht hat. Wenn er sie wegen ihrer oft gar zu freien Reden «ausfilzt», ist sie traurig und fühlt sich in den Schatten gestellt, besonders seit Madame de Maintenon des Königs Herz gewonnen. Ihr grenzenloser Hass gegen diese Frau, in der sie die Quelle alles ihres späteren Unglücks erblickt, die furchtbare Erbitterung, die sie gegen sie hegt, sind der beste Beweis für die Gefühle, die Liselotte dem König entgegenbrachte.

Inzwischen arbeiteten die Günstlinge des Herzogs von Orléans eifrig an Liselottes Sturz. Sie gewahrten wohl, dass die Schicksalsschläge der letzten Jahre Madames starken Charakter erschüttert hatten, dass sie nicht mehr gegen alle Niederträchtigkeit so gefeit war wie ehedem, dass auch langsam die Gunst des Königs zu verblassen schien. Diese Umstände benutzten der Chevalier de Lorraine und seine Sippe, um Nutzen daraus zu ziehen. Bisher hatten sie sich begnügen müssen, Liselottes Dienerschaft gegen sie aufzuhetzen, die Personen, denen sie am meisten vertraute, von ihr zu entfernen oder ihr dieses und jenes Vergnügen zu entziehen, das sie besonders liebte. Das alles war von Madame kaltblütig hingenommen worden, und die Günstlinge hatten nicht die Freude gehabt, zu merken, dass sie sich darüber ärgerte. Als sie jedoch sahen, dass die vernünftige Liselotte ihr kaltes Blut verloren hatte, nahmen sie von neuem die Intrigen der früheren Jahre auf. Mit einer unglaublichen Zähigkeit verbreiteten sie das Gerücht, Madame habe eine geheime Liebschaft. Und diesmal nannten sie sogar laut den Namen des Geliebten. Es hiess, die Herzogin betrüge Monsieur mit dem jungen Gardeoffizier Saint-Saëns.

Von alledem ahnte Liselotte anfangs nichts. Aber das alberne Gerücht kam zu Ohren des Königs. Er hielt es für geboten, seine Schwägerin, deren leidenschaftliches Temperament er kannte, selbst davon in Kenntnis zu setzen und ihr Ruhe und Kaltblütigkeit zu empfehlen. Er riet Liselotte, auf das Geschwätz gar nicht zu achten, damit ihre Feinde nicht noch mehr durch eine Anklage bei Monsieur gereizt würden. Liselotte hingegen wollte davon nichts wissen. Sie war im höchsten Grade aufgebracht und wünschte die Angelegenheit durch den König selbst sowohl bei ihrem Gatten als auch vor dem ganzen Hofe klargestellt. Sie, die Schuldlose und Ehrbare, fühlte sich in ihrer Frauenehre tief verletzt.

«Je mehr ich darüber nachdenke», entgegnete der König weise, «desto weniger halte ich es für nötig, davon zu sprechen. Denn mein Bruder kennt Sie gut, und jedermann sieht seit zehn Jahren niemand, der weniger kokett ist als Sie.»

Das war ein kluger Rat, aber Liselotte blieb traurig und im Innern aufgewühlt, und sie verbarg ihre Empörung über eine solche Niedrigkeit nicht vor Monsieur. Eines Tages kam es schliesslich zwischen beiden zur Aussprache. Madame sagte ihm alles. Monsieur war nicht wenig erstaunt über ihre Entrüstung und meinte, wenn sie keinen anderen Grund habe, sich mit traurigen Gedanken zu quälen, so solle sie sich nur beruhigen, er wisse, dass sie einer Leichtfertigkeit unfähig sei. Er wisse auch, dass er demjenigen antworten werde, der sie bei ihm verklage. Eine vernünftigere Antwort als diese konnte eine Frau von ihrem Mann kaum erwarten, und Liselotte hätte gut getan, die ganze Geschichte als erledigt zu betrachten. Statt dessen kam sie täglich hundertmal darauf zurück, sprach mit ihrer Vertrauten, Fräulein von Théobon, einem ehemaligen Ehrenfräulein der Königin, im langen und breiten darüber und liess sich von ihr, der Gutunterrichteten, alle Einzelheiten des Klatsches berichten, der sich um ihre Person drehte. Auch Monsieur hielt nicht reinen Mund. Er erzählte seinen Günstlingen, dass Madame sich bei ihm wegen dieser Sache beklagt habe. Darüber gerieten sie in ungeheure Wut und spielten der Herzogin von Orléans die niederträchtigsten Streiche.

Inzwischen versuchte Fräulein von Théobon Madame gegen Monsieur zu verhetzen. Sie weihte sie in alle Einzelheiten der Ausschweifungen ein, die der Herzog mit seinen Freunden beging. Obwohl Liselotte schon vorher gewusst hatte, welches Leben ihr Gatte führte, so kam es ihr doch jetzt, da sie an sich durch alle möglichen Schicksalsschläge deprimiert war, doppelt abscheulich vor. Ein Bruch mit Monsieur stand bevor.

Philipp war anfangs vorsichtig gewesen und hatte alles getan, um sie zu besänftigen. Denn er wollte nicht noch einmal in den Verdacht kommen, seine Frau zum Tode getrieben oder vielleicht vergiftet zu haben. Schliesslich aber, als Liselotte nicht aufhörte, durch ihre fortwährenden Reden und Klagen einen öffentlichen Skandal herbeizuführen, riss ihm die Geduld, und nun war er es, der sich bei seinem Bruder beschwerte. Er bat Ludwig, die Herzogin durch eine ernste Strafrede zur Vernunft zu bringen. Doch siehe da, der König weigerte sich und verteidigte seine Schwägerin aufs heftigste.

Als Liselotte sah, dass sie die Freundschaft des Königs noch nicht verloren hatte, triumphierte sie. Ludwig empfahl ihr nochmals Schweigen. Aber die Herzogin von Orléans hatte einen harten Kopf. Immer wieder hinterbrachte sie dem König die skandalösesten Geschichten, die ihr die Théobon von Monsieur berichtete, und hörte nicht auf, zu klagen und zu jammern. Schliesslich wurde es dem König langweilig. Es kam eine Zeit, da er kaum mehr seiner Schwägerin zuhörte, und eines Tages verabschiedete er sie mit einem hoheitsvollen Kopfnicken. Liselotte war traurig bis zur Lebensmüdigkeit, doch nie ist ihr die Einsicht gekommen, dass sie selbst auch einen Teil der Schuld trug an diesem unerfreulichen Leben. Sie wusste sich keinen anderen Rat, als den König zu bitten, ihre Tage im Kloster von Maubuisson beschliessen zu dürfen. Ein ungeheurer Entschluss für die lebensfrohe Frau.

Inzwischen hatte sich aber auch Monsieur an den König gewandt, um ihn zu bitten, den Vermittler zwischen ihm und seiner Gattin zu spielen. Ludwig grollte nie wirklich seiner eigenwilligen Schwägerin; denn er wusste, sie war gut. Liselotte aber wollte ihren Willen durchsetzen. Von neuem bat sie: «Lassen Sie mich nach Maubuisson gehen, Sire.»

Darauf der König: «Aber, Madame, bedenken Sie, welches Leben Sie dort erwartet. Sie sind noch jung, können noch viele Jahre leben, und ein solcher Entschluss ist hart.»

Da legte die Herzogin von Orléans ihm mit grosser Beredsamkeit dar, dass sie gegen die zahlreichen Feinde, die sie umgäben, machtlos sei. Es wäre ihnen bereits gelungen, ihr den Gatten zu entziehen, und eines Tages würden sie es wahrscheinlich auch so weit bringen, dass er, der König, sich ganz von ihr abwände.

«Nein, nein, Madame», unterbrach sie Ludwig, «ich bin von Ihrer Unschuld und Ehrenhaftigkeit vollkommen überzeugt. Ich kenne Sie. In dieser Hinsicht kann Ihnen niemand bei mir schaden, seien Sie beruhigt. Und wie Sie sehen, glaubt mein Bruder auch nicht an das dumme Geschwätz; denn er möchte sich wieder mit Ihnen versöhnen.»

Liselotte war indes noch immer geneigt, ihr Leben im Kloster zu beschliessen. Jetzt wurde der König sehr ernst und sagte fest und bestimmt: «Madame, da ich sehe, dass es Ihr aufrichtiger Wunsch ist, sich nach Maubuisson zurückzuziehen, muss ich Sie bitten, sich diesen Gedanken vollkommen aus dem Kopf zu schlagen. Denn solange ich lebe, werde ich niemals meine Zustimmung dazu geben. Ja, ich werde mich sogar mit aller Gewalt dagegen widersetzen. Sie sind, Madame, meine Schwägerin, und es ist Ihre Pflicht, sich diese Stellung zu bewahren. Die Freundschaft, die ich Ihnen entgegenbringe, gestattet mir nicht, Sie auf immer von mir gehen zu lassen. Sie sind die Frau meines Bruders, und ich dulde nicht, dass Sie ihm einen solchen Skandal bereiten, der für ihn vor der Welt sehr schlecht ausgelegt würde.»

Von so viel Freundschaft gerührt und mit Stolz erfüllt, schien die Herzogin endlich besänftigt. «Sie sind mein König», sagte sie einfach, «und infolgedessen auch mein Gebieter.»

Der Friede war geschlossen, wenigstens äusserlich. Noch am selben Abend führte Ludwig seinen Bruder in das Zimmer Madames. Sie mussten sich küssen, und der König empfahl beiden, die ganze Angelegenheit zu vergessen.

Von diesem Augenblick an aber war Liselotte eine andere. Das Vertrauen, das sie in alle, die sie umgaben, gesetzt hatte, war verschwunden. Sie glaubte sich von lauter Feinden und Spionen umgeben, die beständig darauf bedacht seien, ihr Leben zu verbittern, ihre Freundschaft zum König zu zerstören und sie aus ihrer Stellung zu verdrängen.

Mit dem Heranwachsen ihrer beiden Kinder entstanden für die Herzogin neue Sorgen und neue Kämpfe. Es ist bekannt, welchen Ehrgeiz Ludwig XIV. darein setzte, seine illegitimen Kinder zu den gleichen Rechten zu erheben wie die auf dem Throne geborenen. Liselotte war furchtbar empört, dass sie, die einem alten angesehenen Hause entsprossen ist, ihr eigenes Geschlecht mit dem «Bastardenblut aus doppeltem Ehebruch verderben sehen muss». Das sah sie als das grausamste Opfer an, das sie ihren Feinden bringen sollte. Glücklicherweise für sie brauchte sie wenigstens nicht für ihre Tochter zu fürchten. War es ihr Widerstand oder war es Zufall, kurz, der Herzog von Maine, der Sohn der Montespan, heiratete in der Folge eine Tochter des Herzogs von Condé.

Aber die nahe Verwandtschaft mit Mademoiselle de Blois blieb ihr nicht erspart. Vier Jahre später, als Philipp von Chartres, der Sohn Liselottes, das heiratsfähige Alter des Prinzen erreicht hatte, glaubten Madame de Maintenon und der König den Augenblick für gekommen, um den lange vorbereiteten Plan zur Ausführung zu bringen. Sie bestachen den Gouverneur des jungen Prinzen, den berüchtigten Abbé Dubois, in den Liselotte all ihr Vertrauen gesetzt hatte. Dubois sollte seinen ehemaligen Zögling zur Heirat mit der Tochter der Marquise de Montespan überreden, was ihm bei seinem ungeheuren Einfluss auf Philipp und bei dessen jugendlichen Alter natürlich nicht schwer fallen konnte.

Am 9. Januar 1692 eröffnete Monsieur seiner Gemahlin die Nachricht von der Vermählung seines Sohnes mit Mademoiselle de Blois. Liselotte konnte kein grösserer Schlag treffen als dieser. Sie weinte die ganze Nacht, nachdem sie beim König gewesen war und ihm ihre erzwungene Zustimmung gebracht hatte. Was blieb ihr anderes übrig als zu gehorchen, wenn der König befahl? Aber ihren Sohn jagte sie empört aus dem Zimmer, als er sie um Verzeihung bitten wollte. Auch Monsieur erhielt seinen Teil, als er bei ihr eintrat, so dass er kein Wort zu seiner Rechtfertigung hervorbringen konnte und vollkommen verwirrt wieder hinausging.

Man wagte in der folgenden Zeit nicht, mit der Herzogin über diese Heirat zu sprechen oder sie gar dazu zu beglückwünschen. An der Tafel des Königs musste Liselotte aber doch Platz nehmen. Sie tat sich auch hier keinen Zwang an, ihre Gefühle zu verbergen. Sie weinte unaufhörlich. Auch ihr Sohn sah verweint aus, und beide assen nichts von den aufgetragenen Speisen. Die ganze Tischgesellschaft kam in die peinlichste Verlegenheit. Nur der König liess sich nicht aus der Fassung bringen. Er bemühte sich sichtlich um seine beleidigte Schwägerin. Aber Liselotte beachtete ihn überhaupt nicht. Zum ersten Mal schien es, als wäre er für sie nicht da. Als die Tafel aufgehoben wurde und alle sich verabschiedeten, verbeugte sich Ludwig ausserordentlich tief vor der Herzogin. Aber wie erstaunt war er, als er den Kopf wieder hob und eben noch den breiten Rücken Liselottes gewahrte, die sich eiligst entfernte, ohne des Königs tiefe Verbeugung zu beachten.

Das war Liselotte im Zorn. Man sollte sie indes noch ganz anders kennenlernen. Am nächsten Morgen begab sich der Hof in die Messe. Wie gewöhnlich erwartete man den König in der grossen Galerie. Aber noch ehe er kam, erschien Madame. Sogleich näherte sich ihr ihr Sohn, um ihr, wie alle Tage, die Hand zum Morgengruss zu küssen. In diesem Augenblick gab sie ihm eine so schallende Ohrfeige vor dem ganzen Hof, dass man es einige Schritte weit hörte. Das Recht der Züchtigung als Mutter wollte sie sich wenigstens nicht nehmen lassen.

Und doch musste Liselotte sich in das Unvermeidliche fügen. Am 11. Januar wurde die Verlobung öffentlich verkündet, und am 18. Februar fanden die Hochzeitsfeierlichkeiten statt.

In allen diesen Antipathien war Liselotte höchst unvorsichtig. Sie konnte ihre Gedanken und Gefühle nicht verbergen. Sie will sich nicht ärgern und die ihr verhassten Personen mit Kälte und Gleichgültigkeit behandeln, dabei aber steigt ihr Zornesröte in den Kopf, und man sieht deutlich, was in ihr vorgeht. Die bitteren Worte sprudeln über, und sie geht in ihren Ausdrücken so weit, dass man vor ihrem Hasse und ihrer Derbheit erschrickt. Dem König war das Benehmen Liselottes bei der Heirat ihres Sohnes äusserst unangenehm. Er konnte es am wenigsten vertragen, wenn man die intimen Seiten seines Lebens mit Missachtung berührte. Weltklugheit ging der Herzogin von Orléans durchaus ab. Und deshalb verscherzte sie sich jetzt wieder die Gunst Ludwigs XIV.

In dem Masse, wie sich Liselottes Innere mehr und mehr am Hofe Frankreichs verbitterte, verlor auch ihre äussere Gestalt. Die Jugendfrische, die sie einst zu einem ganz hübschen, appetitlichen Mädchen gemacht hatte, war dahin. Ihre Haut wurde welk und runzlig, und die Spuren der Blattern, die sie im Jahre 1693 hatte, entstellten sie noch mehr. Liselotte war zu dieser Zeit erst vierzig Jahre alt, aber bereits so unförmig dick und grauhaarig, dass sie einer Matrone glich. Dass sie aber betrübt über dieses vor der Zeit Altwerden gewesen wäre, davon lesen wir nichts in ihren Briefen. In ihrer gewohnten Weise macht sie sich auch darüber lustig. «Ich bin immer hässlich gewesen, und bin's noch weit mehr seit der ‹petite vérole›. Ich habe eine dicke, monstruöse Taille, bin viereckig wie ein Würfel. Meine Haut ist rot mit gelben Flecken, ich werde grau, und meine Haare sind Pfeffer und Salz. Meine Stirn und meine Augen sind voller Falten, und meine Nase ist noch immer so schief und obendrein mit Blatternnarben besetzt, ebenso meine beiden hängenden Backen. Ich habe ein Doppelkinn, schlechte Zähne, und das Maul beschädigt und noch grösser und faltiger wie früher.»

Als Liselotte jung war, hatte man an dem verfeinerten Hofe Ludwigs über die derbe Urwüchsigkeit dieses Naturkindes und den vollkommenen Mangel an Gefallsucht gelacht. Man hatte ihren biederen, geraden Sinn, die Derbheit ihrer Wesensart, die Unüberlegtheit in ihren Worten originell, neu und interessant gefunden. Bei der älteren Liselotte aber, die trotz ihres langen Aufenthaltes in Frankreich nie französische Manieren hatte annehmen wollen, fand man das alles geschmacklos, grob und unerzogen. Sie wieder, die mehr und mehr die Augen öffnete vor dem Leben, das sie umgab, konnte ihre Unzufriedenheit mit den verdorbenen Sitten nicht verbergen. Bei ihren reinen moralischen Grundsätzen und dem richtigen Gefühl für alles, was Ehrlichkeit und Offenheit des Charakters betraf, konnte ihr die Denkungs- und Lebensart der Menschen nicht zusagen, die in übertriebenen Genüssen, Extravaganzen, Intrigen und Heucheleien schwammen. Und besonders ärgerte sie sich über die deutschen Landsleute, «die alles perfekt halten, was nur aus Frankreich kommt». Sie bedauert es unendlich, dass auch «die bösen Conduiten» an den deutschen Fürstenhöfen Anklang und Eingang fanden. Sie dachte wohl nicht daran, oder wusste es vielleicht nicht, dass Deutschland des französischen Vorbildes gar nicht bedurfte; denn es hatte bereits an dem mehr als galanten Hofe Sachsens unter August dem Starken ein genügendes Vorbild gehabt. Gräfin Cosel und Aurora von Königsmark hatten der Welt dasselbe Schauspiel geboten wie die Mätressen Ludwigs XIV. Das aber kam Liselotte gar nicht in den Sinn.

Je mehr sie sah, wie fad, öde und verdorben diese glanzvolle Welt um sie herum im Grunde genommen war, desto tiefer verschloss sie sich in sich selbst. Obwohl sie an einem geräuschvollen Hofe lebte, an dem es an Abwechslungen nicht fehlte, geschah es doch oft, dass sie stundenlang allein in ihrem Zimmer sass. Aber sie langweilte sich nicht. Wir wissen, dass sie eine eifrige Briefschreiberin war. Mit ihrem ausgedehnten Verwandtenkreise in Deutschland, England, Frankreich, Spanien unterhielt sie einen lebhaften Briefaustausch. Sie las auch gern. Jeder ihrer Briefe lässt uns einen tiefen Einblick in ihr Leben tun, und je mehr Liselotte Einblick in die Welt gewinnt, die sie umgibt, desto mehr schwindet der Humor, mit dem sie andere und sich zum besten hält.

Liselottes Leben war mit der Zeit monoton geworden. Ein Tag glich dem andern. Immer dieselben Gesichter, dieselbe Etikette, dieselben lästigen Pflichten. Am furchtbarsten empfand sie die endlosen Mahlzeiten, wo sie fast eine Stunde lang allein mit ihren Damen an der Tafel sitzen musste und, der damaligen Sitte gemäss, von einer Menge Neugieriger umringt war, die ihr beim Essen zusahen. «In den 43 Jahren, die ich hier bin», klagt sie, «habe ich mich noch nicht an diese unseligen Mahlzeiten gewöhnen können.» Und doch war es ein Los, das sie mit vielen teilte.

Immer bitterer werden ihre Klagen. Immer mehr spürt sie die Kälte der Verlassenheit. Sie kennt niemand am grossen Hofe des Sonnenkönigs. Sie hat keine wahren Freunde. Sie selbst ist mit jedermann freundlich, aber die Kluft zwischen ihrem Charakter und dem französischen ist zu gross. Man fühlt, dass sie anders ist und kommt ihr nicht näher. Man macht ihr tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugungen, richtet hier und da ein respektvolles Wort an sie, aber das ist alles. Liselotte litt viel darunter und vermochte doch keine Aenderung zu schaffen. «Meine Verdriesslichkeiten», gesteht sie, «sind wie die Köpfe der Hydra von Lerna, wenn einer abgeschlagen, kommt ein anderer wieder.»

Und dann verlor sie auch ihre besten Freunde in der Heimat. Einer starb nach dem andern. Zuerst die gute, liebe Frau von Harling. Dann ihre Tante, die Aebtissin von Maubuisson, zu der sie bisweilen in ihrer Einsamkeit geflüchtet war, und auch ihre liebste Halbschwester Annelise, mit der sie beständig im Briefwechsel gestanden hatte.

Der grösste Schlag für Liselotte aber war der Tod der Kurfürstin Sophie von Hannover, die im Jahre 1714 aus dem Leben schied. Die Verwandten in Hannover wagten es nicht einmal, ihr die Todesnachricht direkt mitzuteilen; denn sie wussten, wie tief ergriffen sie davon sein würde. Man bat den Beichtvater, es der Herzogin von Orléans so schonend wie möglich beizubringen, dass ihre «herzliebe» Tante nicht mehr unter den Lebenden weile. Liselotte war 62 Jahre alt, aber immer noch hing sie wie ein Kind an dieser Tante, die ihr soviel im Leben bedeutet hatte. Ihr Einfluss war trotz der langen Trennung und trotz der Entfernung ein so starker, dass Liselotte nicht nur in ihrer Denkungsweise, sondern auch in ihren Ausdrücken und Urteilen immer das wandelnde Ebenbild der hannoverschen Kurfürstin zu sein schien. Und nun war sie nicht mehr, die ihr in allem als nachahmenswertes Beispiel voranging!

Als Liselotte die Nachricht von ihrem Tod erfuhr, erbleichte sie und war einer Ohnmacht nahe. Ihr ganzer Körper begann wie von Fieberfrost geschüttelt zu werden. Eine Viertelstunde vermochte sie weder ein Wort hervorzubringen noch zu weinen, aber ihre Brust keuchte, und es war ihr, als sollte sie ersticken. Dann kamen die Tränen in Strömen. Unaufhaltsam weinte sie Tag und Nacht um dieses so sehr geliebte Wesen. Nichts hält sie mehr auf Erden zurück. Sie möchte am liebsten auch sterben. Es ist indes nicht der Gedanke eines Wiedersehens mit der Tante oder den lieben verstorbenen Freunden. An ein Leben im Jenseits glaubte Liselotte ebensowenig wie an Geistererscheinungen. Sie ist auch nicht eine von denen, die durch irdische Leiden Sehnsucht nach einem besseren Leben im Himmel bekommen. «Die Störche wissen, in welch Land sie ziehen», meinte sie, «aber wir armen Menschen wissen nur, wo wir sein, also gar kein Wunder, dass wir nicht so gross Empressement und Eil haben, wegzuziehen, als die Störche ... Es ist nicht die geringste Apparentz, um alle wieder zu sehen, so man verloren hat.» Dennoch wäre es ihr ganz lieb, wenn auch sie von der Welt verschwinden würde. Was blieb ihr schliesslich von diesem Leben an einem Hofe, wo der Tod ebenfalls mehrmals Einkehr gehalten hatte? Der König war ernst und traurig gestimmt; man konnte sich ihm kaum noch nähern. Ueber Liselottes Sohn streute man die absurdesten Gerüchte in Verbindung mit dem plötzlichen Hinsterben der Familie des Dauphins aus, und diese furchtbaren Anklagen drückten die Mutter fast zu Boden.

Noch hatte sie freilich den König auf ihrer Seite, der diese Gerüchte zum Schweigen brachte und Liselotte so gut es ging zu trösten suchte. Aber auch Ludwigs Stunde hatte geschlagen. Im August 1715 erkrankte er ernstlich. Liselotte war vollkommen fassungslos bei dem Gedanken, dass sie nun vielleicht bald auch ihren besten und einzigen Freund am Hofe verlieren sollte. Immer hatte sie ihn geliebt, mehr als sie sich zugestehen wollte. Um so schmerzlicher berührte es sie, dass der von ihr vergötterte Mann in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr auf der geistigen und körperlichen Höhe wie früher stand. Sie vermochte es kaum zu ertragen, wenn jemand etwas über die abnehmende Gesundheit des Königs oder gar über seine sich vermindernden Geistesfähigkeiten sagte. Nicht selten geriet sie darüber in den hellsten Zorn und sagte, es sei eine abscheuliche Verleumdung, zu behaupten, Ludwig XIV. werde kindisch. Er habe immer noch einen guten Kopf, das wisse sie. Sie hingegen werde alt und schwach und habe gar kein Gedächtnis mehr.

Damit wollte sie sich selbst täuschen. Sie wollte nicht daran denken, dass auch er ihr genommen werden könnte. Als sie aber schliesslich einsehen musste, dass auch ein Mann wie Ludwig XIV. sterblich sei, da war sie ganz verzweifelt. Der König, der sich seinem Ende nahe fühlte, hatte sich auf den Tod vorbereitet und nach dem Abendmahl den kleinen Dauphin, den zukünftigen Ludwig XV., an sein Sterbebett gerufen. Nachdem er ihm seinen Segen gegeben, liess er die Herzogin von Berry, Liselotte und alle seine Töchter und Enkel zu sich kommen, um Abschied zu nehmen. Besonders an Liselotte richtete er so gütige, liebe Worte, dass sie sich wunderte, vor Rührung nicht ohnmächtig geworden zu sein. Er versicherte ihr, dass er sie immer lieb gehabt, ja mehr als sie selbst geglaubt hatte, und er bedaure, dass er ihr bisweilen Kummer bereitet habe. «Madame», sagte er, «man hat alles getan, um Sie mir hassenswert zu machen, aber es ist ihnen nicht geglückt.» Dabei verwandte er keinen Blick von der demütig an seinem Bett stehenden Frau von Maintenon. Das berichtet Liselotte mit besonderer Genugtuung. Und während sie noch vor ihm auf den Knien lag, sprach er zu den anderen Prinzessinnen seines Hauses und ermahnte sie, sie möchten immer in Eintracht miteinander leben. Liselotte glaubte, diese Worte seien auch an sie gerichtet. Unter Schluchzen antwortete sie, sie würde seinen Rat jederzeit beherzigen. Da lächelte Ludwig gütig und meinte: «Ich sage das nicht zu Ihnen; denn ich weiss, Sie sind vernünftig und haben einen solchen Rat nicht nötig. Ich meine die andern Prinzessinnen.» Liselotte erhob sich, im Herzen voller Stolz und Dankbarkeit für so viel Güte. Es war für sie eine grosse Genugtuung, dass das der König in seiner letzten Stunde zu ihr vor allen gesagt hatte. Nun stand sie doch gerechtfertigt da.

Erst am Sonntag darauf starb Ludwig XIV. Liselotte war des besten und mächtigsten Freundes beraubt, den sie besessen hatte. Drei Generationen des königlichen Hauses hatte der Tod in kurzen Zwischenräumen hinweggerafft. Liselottes Sohn war plötzlich in den Vordergrund gerückt. Ihm war es bestimmt, das im Sinken begriffene Staatsschiff als Regent des noch minderjährigen Ludwigs XV. weiterzulenken.

Wir wissen, dass die Herzogin von Orléans sehr stolz auf ihren begabten Sohn war. Mit viel Geschick und grossem Verständnis hatte er die Staatsgeschäfte in die Hand genommen, und es erwies sich, dass er nicht nur ein tüchtiger Feldherr, sondern auch ein ausgezeichneter Politiker war. Aber als Mensch war er, wie sein Vater, ein Wüstling. Der Mutter waren seine Ausschweifungen nicht unbekannt, und sie konnte sich nicht recht des grossen Glücks erfreuen, das Philipp nach dem Tod Ludwigs XIV. auf den Thron Frankreichs erhoben hatte. Sie sah voraus, dass ihr Sohn erst recht in den Strudel der Leidenschaften mit fortgerissen werden würde, sobald er tun und lassen konnte, was er wollte und keinen Gebieter mehr über sich fühlte. Ein gewisser Trost in dieser trüben Voraussicht war ihr nur, dass sein Herz bei allen Fehlern nicht verdorben war und nicht verderben konnte. Philipp war nur durch den Zynismus einer überaus leichtlebigen und sinnlichen Umgebung verwildert. Das verderbliche Beispiel seines Vaters, das er von frühester Jugend an vor Augen gehabt hatte, überhaupt das ganze verführerische Leben an Ludwigs epikuräischem Hofe hatte viel zu den Neigungen des jungen Herzogs beigetragen. Was jedoch Liselotte, die so wenig Glück und Liebe in der eigenen Familie kennengelernt hatte, wirklich erfreute, war der Umstand, dass ihr Sohn ihr stets die grösste Achtung und Ergebenheit erwies, selbst als Regent. Wenn er auch nicht immer mit seiner Mutter übereinstimmte, so vermochten doch niemals die Intrigen des Hofes ihn ganz von ihr zu entfernen.

Nur mit der Schwiegertochter, dem «Mausdreck», war die Herzogin von Orléans nie einverstanden. Sie behauptete, die junge Herzogin beherrsche ihren Sohn vollkommen und mache mit ihm, was sie wolle. Liselotte fürchtete und hasste zugleich diesen Einfluss, mehr als jeden anderen; denn sie kannte ihres Sohnes Gemahlin als getreue Verbündete ihrer grössten Feindin, der Madame de Maintenon. Es war überdies nicht eine ganz unbegründete Angst der Mutter. Beinahe wäre es den Brüdern der jungen Herzogin, besonders dem Herzog von Maine, gelungen, sich nach des Königs Tode an Philipps Stelle auf den Thron zu setzen. Und in dieser Intrige spielte die eigene Gattin Philipps keine unbedeutende Rolle. Jedenfalls waren Madame de Maintenon und ihre einstigen Zöglinge die Hauptführer der Hofverschwörung gegen den Regenten.

Eine grosse Veränderung war in Versailles vor sich gegangen, seit der Sohn Liselottes die Zügel der Regierung in Händen hatte. Schon die letzten zehn Jahre der Herrschaft Ludwigs waren nicht mehr mit den glänzenden Zeiten des prachtliebenden Sonnenkönigs zu vergleichen. Die Maintenon hatte alles Prunkvolle, allen Glanz, alles Frivole, aber auch alles Zierliche und Anmutige von diesem Hofe verbannt und aus den Gemächern des Königs Betstuben gemacht, worin sie mit frommen Taubenaugen ihre Herrschaft ausübte. Aber der Sumpf und Moder war nur oberflächlich von dieser erzwungenen Tugend überdeckt. Mit der Regierung des Regenten brach sich die Sittenlosigkeit erst recht Bahn, aber roh und ungestüm in wüstes Treiben, nicht in die feine galante Form gezwängt, die Ludwig XIV. selbst seinen schlimmsten Ausschweifungen zu verleihen wusste. Liselottes Sohn war ein Gemisch von urwüchsiger Kraft, verdorbenen Sitten und verfeinerter Kultur, ohne die Tünche des Salonmenschen des 18. Jahrhunderts.

Allmählich gewöhnte Liselotte sich an ihr neues Leben. «Muss nur sehen», meint sie resigniert, «so zu leben, dass ich ruhig sterben kann. Und es ist schwer, in diesen Weltgeschäften ein ruhiges Gewissen zu haben.» Solche Grundsätze in Liselottes ehrlichem Herzen waren indes nicht nur durch das Alter herbeigeführte Maximen. Es waren Grundsätze, die seit langem tief in ihrem Charakter eingeprägt waren. Sie war, mitten in einer glänzenden, heuchlerischen Umgebung, wo Frauenlist und kühne Zudringlichkeit abgefeimter Günstlinge sich zu den Staatsgeschäften herandrängten, in der unverstellten Geradheit ihrer Gesinnung nie erschüttert worden. Wie sie aus Heidelberg gekommen war, so blieb sie am französischen Hof bis an ihr Ende, offen, ehrlich und natürlich. Mit diesem Fehlen aller Falschheit und Zweideutigkeit verband sie ein weiches Herz, das zum wärmsten Mitleid gegen Unglückliche gestimmt war. Sie gab, wo sie konnte. Und so wenig sie an Ludwigs prachtliebendem Hofe die grosse Kunst der Sparsamkeit üben gelernt hatte, war sie doch in allen ihren Ausgaben sehr haushälterisch. Die Sorge um die Zukunft spielte in ihrem Leben eine grössere Rolle, als es sonst bei Fürstlichkeiten der Fall ist. Sie legte zurück, um nicht später einmal in Schulden zu geraten, aber auch um immer etwas für Bedürftige übrig zu haben. Geiz war ihr fremd. Wo sie übertriebene Kargheit bei ihren Standesgenossen gewahrte, machte sie sich lustig. Repräsentieren, und zwar gut und vornehm repräsentieren, galt ihr immer als die erste Pflicht eines Souveräns. Das hatte sie von Ludwig XIV. gelernt. Deshalb ist es ihr auch leid, dass es am Hofe ihres Sohnes so einfach zugeht. «Wohl waren ihr alle Zeremonien zuwider, aber ein bürgerlicher Hof war ihr auch nicht recht. Ein Hof musste ein Hof sein, und in ihren Augen war der Hof der Regentschaft eben keiner. Und wie sie mitten unter der prunkhaften Gesellschaft Ludwigs XIV. eine Fremde gewesen, so blieb sie es auch jetzt in der Umgebung ihres Sohnes. Einsam blieb sie am Kamine sitzen und musste sich langweilen». Die einzige Zerstreuung für sie war, mit scharfen Augen hinter die Kulissen dieses Hofes zu schauen. Und das hat sie denn auch mit kluger Beobachtungsgabe getan.

Liselotte wird alt. Sie geht den Siebzig entgegen. Aus der einst schlanken, kräftigen Herzogin von Orléans ist eine dicke, unförmige Frau geworden, die sich über ihre eigene Fülle und Schwere lustig macht. Wer aber H. Rigauds bekanntes Gemälde in der Galerie von Braunschweig gesehen hat, ist ein wenig anderer Meinung über das Aeussere der Herzogin von Orléans. Mag der Maler auch idealisiert haben, so ist doch dieses Bildnis nach Liselottes eigenem Geständnis sprechend ähnlich. Und da sehen wir eine kräftige, gesunde Matrone vor uns im Hermelinmantel und mit den äusseren Zeichen ihrer Würde geschmückt. In ihren sympathischen Zügen spiegelt sich Güte und Energie, Ehrbarkeit und Frauenwürde. Vornehmheit und Selbstbewusstsein liegen in der ganzen Haltung dieser Fürstengestalt, die uns das Einfache und Natürliche in Liselottes Wesen verbirgt. Von abschreckender Hässlichkeit oder ekelerregenden Fleischmassen ist auf dem Bilde nichts zu bemerken, das die Herzogin selbst zu dem erstaunten Ausrufe veranlasst: «Man hat sein Leben nichts Gleicheres gesehen als Rigaud mich gemalt hat!»

Je älter sie wurde, desto philosophischer dachte sie über die sogenannten überirdischen Dinge. Sie erinnert sich oft an die letzte Grenze ihres Daseins. Zwar wünscht sie sich keinen frühen Tod, aber sie äusserte mehrmals, dass sie jeden Augenblick bereit sei, dem Winke der Natur zu folgen, sobald das Ziel ihres Lebens gesteckt sei. «Ich bin fest persuadiert», schreibt sie am 23. Juni 1720 an Harling, «dass meine Stunden gezählt, und ich werde keinen Augenblick darüber gehen ... Bin weiter in keinen Sorgen, was daraus werden wird, das wäre wohl eine grosse Torheit, wenn grosse Frauen und Herren sich einbilden wollten, dass unser Herr Gott was besonders für sie machen sollte; als wenn alle Menschen nicht vor unserem Herr Gott gleich wären! Solchen Stolz und Hochmut habe ich gottlob nicht. Ich weiss wer ich bin und lasse mich hierin nicht betriegen.»

Im Jahre 1722 nahmen Liselottes Kräfte sichtbar ab, so dass man ihr nur noch kurze Zeit zum Leben gab. Zudem ward das Ende ihrer Tage durch die Ungeschicklichkeit der Aerzte, denen sie ja bekanntlich nie viel Vertrauen entgegengebracht hatte, beschleunigt. Sie sollte ihre Ansicht am eigenen Körper bestätigt finden. Man hatte nämlich beschlossen, bei eintretender Mattigkeit ihr durch einen Aderlass Erleichterung zu verschaffen. Dabei geschah es, dass der Chirurg zu tief schnitt, so dass Liselotte ungeheuer viel Blut verlor, zumal der Arm zu locker gebunden war. Infolge dieses grossen Blutverlustes nahmen ihre Kräfte noch mehr ab. Zu diesem Schwächezustand gesellten sich heftige Krämpfe und die zu jener Zeit sogenannten «Vapeurs», denen die Aerzte durch starke Abführmittel Einhalt zu gebieten suchten. Auch das schwächte den Körper der Herzogin ungemein. Ihr Appetit verlor sich, ihr Gedächtnis nahm ab. Sie hatte keinen Willen mehr. Ganz im Gegenteil zu früheren Zeiten tat sie alles, was die Aerzte von ihr verlangten. Sie lieferte sich denen, die sie einst nur verächtlich «Charlatans» nannte, mit Gleichgültigkeit aus und nahm die Arzneien, die ihr sonst so zuwider waren, dass sie «krittlich wie eine Wandlaus davon wurde», geduldig ein.

Mit dem Chirurgen aber, der sie so unglücklich behandelt hatte, erfasste sie das grösste Mitleid; denn der Aermste war vor Schreck über sein Ungeschick schwer erkrankt. Und so bemühte sich Liselotte, ihn in jeder Weise zu beruhigen und von der Verantwortung freizusprechen. Was lag ihr am Leben? Sie gab nichts darum, es zu verlängern; denn sie schied nicht ungern von der Welt, in der sie nichts mehr zu hoffen hatte. Ihr schien ein zu hohes Alter durchaus nicht angenehm. «Man muss zu viel leiden, und in Absicht des Schmerzensleiden bin ich eine grosse Poltron.»

Indes scheint sie doch ihren Tod nicht so schnell erwartet zu haben, wie er wirklich eintrat, obwohl ihr Gesundheitszustand sehr zu denken gab. So hatte sie sich besonders auf die im Herbst 1722 stattfindende Krönung des jungen Ludwigs XV. in Reims gefreut, der sie auch noch beiwohnte. Aber gleich nach ihrer Rückkehr nach Saint-Cloud ging es mit ihrer Gesundheit bedeutend schlechter. Sie fühlte das Ende nahen. Von Todesahnen durchdrungen, schrieb sie noch am 3. Dezember an die Raugräfin Luise: «Erhält mir Gott das Leben bis übermorgen, werde ich antworten, nun aber nur sagen, dass ich Euch bis an mein Ende lieb behalte.»

Das Uebermorgen erlebte sie noch, aber sie war nicht mehr imstande, ausführlich auf den Brief Luises zu antworten. Am 6. Dezember fand sich Liselotte so schlecht, dass sie sich das Abendmahl reichen liess und ihr Sohn zwei Nächte hintereinander an ihrem Krankenlager wachte. Die Atemnot war so gross, dass man jeden Augenblick befürchtete, sie werde ersticken.

Am 8. Dezember 1722 endlich hatte Liselotte ausgelitten und entschlummerte ruhig, wie sie es gewünscht hatte, um 4 Uhr morgens im 71. Lebensjahre. Philipp beweinte seine Mutter aufrichtig. Vielleicht war er der einzige Mensch am ganzen französischen Hofe, der die Eigenart dieser merkwürdigen Frau verstanden und schätzen gelernt hatte, obwohl Massillon an ihrem Grabe sagte: «Unser Ruhm oder unser Unglück war ihr Ruhm oder ihr Unglück. Durch Blut und Freundschaft mit dem grössten Teil der europäischen Fürsten verbunden, gehörte sie niemand mit dem Herzen an als der Nation, und inmitten der Kriege, welche sie gegen uns rüsteten, waren ihre Verbindungen mit fremden Höfen nichts als glänzende Zeugen ihrer Liebe zu Frankreich.» Liselotte von der Pfalz stand indes den Franzosen ebensowenig mit dem Herzen nahe, wie die Franzosen sie geliebt hatten. Und so ging die Herzogin von Orléans unbemerkt aus der Welt, wie sie auch in ihr unbemerkt gelebt hatte. Ihr Leichnam ruht in Saint-Denis, dem Begräbnisort der französischen Könige; ihr Sarkophag ist einfach und prunklos, wie es ihrer ganzen Lebensweise und Denkungsart entsprach.


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