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Das unterirdische Glück.


Ein Ruthengänger hatte fast das ganze, wohlhabende Dorf nach unterirdischen Schätzen lüstern gemacht. Die meisten Einwohner grollten auf den Gerichtsherrn, daß er dem Manne, sei es nun aus Ueberzeugung oder aus Vorurtheil, durchaus keinen Aufenthalt auf seinem Grund und Boden gestattete. Mehrere waren sogar dem Kunstgeweihten nachgegangen, welcher behauptet hatte, daß er noch in keinem Orte so viel Anzeichen von verborgenen Schätzen wahrgenommen, als in diesem. Alle ihre Bemühungen aber nach Fingerzeigen von ihm waren vergebens. Seine persönliche Anwesenheit, behauptete er, könne allein von Nutzen seyn. Daher traf man auch schon geheime Verabredungen, daß sobald der Gerichtsherr seine gewöhnliche Badereise würde angetreten haben, der Ruthengänger im Stillen herbeigeholt werden solle. Einige der Bemitteltsten, die sich bei gutem Wetter Abends am Kretscham unter einer großen Linde einzufinden pflegten, waren eben wieder da beisammen und unter ihnen diesmal auch Herr Grund, der Käufer eines bedeutenden Gutes, welcher erst ganz neuerlich der Gemeine beigetreten war und eine Bildung verrieth, die über seinen Stand hinausging.

So gut und gesprächig sich der Mann sonst zeigte, so mißvergnügt und stumm hörte er die Reden an, welche abermals die Schatzgräberei zum Gegenstande hatten. Er wehrte alle Fragen über einzelne Gebräuche bei derselben von sich ab und erklärte am Ende gradezu, daß er einen eigentlichen Abscheu davor habe, und außer den ungesuchten Glückszufällen und den in Schachten natürlich aufwachsenden Schätzen, blos diejenigen Schätze leiden möge, welche durch Arbeit und Geschick auf der Oberfläche der Erde sich gewinnen ließen. Die Schatzgräberei, sagte er, führe die meisten zu einem arbeitsscheuen Leben und von diesem zum Bettelstabe, oder zu noch schlimmern Dingen. Nicht zu gedenken, daß auch oft irgend ein anderer, geheimer Zusammenhang den nachtheiligsten Einfluß auf Ruhe und Leben der Schatzgräber äußere, und daß es außerordentlich gewagt sei, einen Schatz, der lange in den Tiefen der Erde geschlafen habe, wieder an das Tageslicht herauf zu holen. –

Hm, versetzte der Schulze kopfschüttelnd, das sollte mich nicht abhalten, einen Schatz zu heben, den ich auf meinem Grund und Boden wüßte. Das hat zwar seine Richtigkeit, daß gar mancher schon durch fruchtloses Schatzgraben zum Taugenichts und Diebe geworden ist. Wer aber das Glück haben soll, einen Schatz auf rechtem Wege zu entdecken, der kann ihn, glaube ich, in Gottes Namen zu sich nehmen und genießen, wenn er das mit Verstande thut.

Das, erwiederte Herr Grund, das meinen freilich die meisten. Doch ist es darum nicht weniger zweifelhaft. Ich rede aus Erfahrung, lieben Leute, und würde schwerlich unter euch hier wohnen, wenn meine Erfahrung hierin nur etwas tröstlicher gewesen wäre.

Die Versammelten waren um so begieriger mehr davon zu hören, da über Herrn Grunds Umstände noch ein tiefes, niemandem als dem Gutsherrn einigermaßen enthülltes Geheimniß schwebte, und sein Nachbar, ein junger, wackerer Mann, ergriff treuherzig seine Hand, und äußerte, daß er, wie die übrigen, auf ein nützliches Wort der Erfahrung begierig sei.

Nach einigen Weigerungen fing denn hierauf Herr Grund also an:

Die Sage, daß ein Schatz auf den Grundstücken meiner Familie verborgen sei, hatte sich vielleicht schon Jahrhunderte lang fortgepflanzt. Man hatte Vermuthungen auf einige Plätze, doch beruhten sie auf zu wenig Grunde, als daß ihnen ein bedeutendes Gewicht hätte eingeräumt werden können. Es geschahen indeß mehrere mal, jedoch vergebens, Nachgrabungen, und daß man sich darauf nicht öfter einließ, daran war theils die Weitläufigkeit der Grundstücke, theils eine andere Sage Schuld, die immer mit jener verknüpft wurde. Es hieß nämlich, daß die Erhebung des Schatzes durch ein Mitglied der Familie, ohne dessen eigenen Tod, oder den eines andern Familien-Mitgliedes nicht denkbar sei.

Meine Schwester Franziska und ich hörten in unserer Kindheit häufig davon sprechen, ohne weiter darauf zu achten. Wir theilten auch späterhin die uns aus dem väterlichen Erbe zugefallnen Besitzungen, ohne auf eine von den vielen Vermuthungen, wo der Schatz liegen könnte, Rücksicht zu nehmen.

Erst am Tage nach Franziska's Hochzeit mit einem jungen Oekonomen erwachte die lange ganz vergessene Sage in ihrem Gedächtnisse und erzeugte eine außerordentliche Aengstlichkeit in ihr. Sie kam dieserhalb, bei mir Trost zu holen. Sie wisse sich kaum zu retten, sagte sie, vor der Idee, daß ihr Gatte von jener Sage hören und vielleicht Nachgrabungen halten könne. Sie habe diese Ahndung und vermöge sich nicht davon los zu machen. Ich bat sie hierbei, nicht an eine Ahndung zu denken, da sich der plötzliche Einfall und ihre Angst auf eine weit leichtere Art erklären lasse. Meine Schwester hatte nämlich ihren Gatten zuvor schon lange Zeit auf das zärtlichste geliebt. Unser Vater, ein bei großer Rechtlichkeit auch sehr strenger und oft ohne Noth unbiegsamer Mann, war dieser Liebe so abgeneigt gewesen, daß selbst Franziska's sichtbarer, tiefer Kummer ihn nicht anderes Sinnes mache. Er blieb dabei, daß Föhrenbach zu jung und unerfahren für sie sei. Erst der plötzliche Tod des Vaters gab ihr die Aussicht auf des Geliebten Hand, und sie hatte so lange an der Möglichkeit des Glückes, das sie für das einzige hielt, gezweifelt, daß sie während des ganzen Jahres, welches verschiedene Familienrücksichten zwischen des Vaters Tod und ihre Hochzeit einschoben, noch immer glaubte, der Erreichung ihres einzigen Wunsches werde gewiß, und sei es am letzten Tage vor dem Ziele, noch ein Hinderniß in den Weg treten. Zum Glück waren ihre Besorgnisse vergeblich gewesen. Ihre Freudetrunkenheit, als der Priester ihre Hand in Föhrenbachs legte, war daher auch unbeschreiblich.

Aber eben den lange gehegten ihr gewissermaßen zur Gewohnheit gewordenen Zweifeln, schrieb ich Franziska's Zustand am folgenden Tage zu und glaubte, daß ihre in Hervorbringung düsterer Bilder geübte Einbildungskraft, weil in der Nähe kein Stoff für sie dagewesen war, weiter hinaus nach der alten Sage mochte gegriffen haben.

Diese Erklärung beruhigte auch meine Schwester so ziemlich. Sie wollte hierauf wissen, ob es gut sei, wenn sie selbst des Schatzes, von dem ihr Gatte noch nichts zu wissen scheine, Erwähnung thue. Ich rieth ihr aber über diesen an sich geringfügigen Gegenstand lieber den Zufall, oder, wie ich vielleicht richtiger gesagt hätte, das Geschick einzig und allein entscheiden zu lassen. Uebrigens, fügte ich hinzu, könne ja die ganze Sache kaum von Folgen seyn, seitdem die Grundstücke unseres Vaters, einem alten Vertrage gemäß, größtentheils in die Hände einer Seitenlinie gekommen, und auf mich und meine Schwester kaum ein Zehntheil seiner weitläufigen Besitzungen übergegangen war. Es würde, meinte ich, äußerst sonderbar von Föhrenbach seyn, dem Schatze, über dessen eigentliches Lokal auch nicht eine einzige gegründete Vermuthung da sei, grade auf seinem Grund und Boden nachzusuchen.

Franziska drückte mir dankbar die Hand und bewies durch ihre bald zurückkehrende, gänzliche Ruhe, daß meine Ueberredung nicht fruchtlos geblieben war. Ihre Ehe mit Föhrenbach ward ein Muster für die ganze Gegend. Dazu ging ihrem in seinem Fache sowohl als sonst vollkommen unterrichteten und gebildeten Manne auch in der Wirthschaft alles aufs erwünschteste vonstatten, und das äußere Glück traf dergestalt mit dem innern zusammen, daß ein zufriedneres Paar sich nicht mehr denken ließ, als ein Ebenbild seines Vaters in Franziska's mütterlichen Armen ruhte. Noch ehe sechs Wochen vorüber waren, hatte sie ihren Kirchgang gehalten, und der kleine Gustav vermehrte mit jedem Tage die Freude der glücklichen Aeltern.

Seit einigen Jahren schon Wittwer und ohne Nachkommenschaft, kannte auch ich keine Freude mehr, als in der Mitte dieses Paares, an das ich nun alle meine Abende verwendete. Wir waren bald so unzertrennlich geworden, daß ich triftige Entschuldigungen haben mußte, wenn ich einmal die gewöhnliche Stunde meiner Ankunft vorbeigelassen, oder gar nicht gekommen war. Der Himmel glänzte über diesem Hause alle Tage so heiter, wie jetzt hier über uns, und stellte sich ja einmal ein Wölkchen ein, so war es, weil die gewöhnlichen Unpäßlichkeiten der Kinder Gustaven ebenfalls betroffen hatten.

Um so auffallender mußte es mir seyn, als ich eines Abends eine sichtbare Störung, ein Abwenden der Eheleute von einander und sogar zuweilen Thränen im Auge der Mutter wahrnahm, welche nicht einmal durch die außerordentliche Munterkeit des Kleinen der Freude wieder zu gewinnen war.

Meine Schwester sah mich mehrere Mal sehr bedeutend an. Sie schien mir etwas in geheim vertrauen zu wollen. Aber eben als ich im Begriff stand ihr in die Nebenstube zu folgen, nahm mich Föhrenbach beim Arme und sagte: Ein einziges Wort, lieber Bruder, da wir jetzt grade allein sind. Es ist mir und meiner Frau etwas äußerst Sonderbares begegnet.

Und nichts Erfreuliches, wenn ich mich nur einigermaßen aufs Rathen verstehe! erwiederte ich.

Wie man's nimmt, versetzte mein Schwager. Denke dir einmal, in der vorigen Nacht träumt mir, ich sei allein unten im Garten. Ich besehe die Blumen, die Bäume, und alles glänzt so frisch und wie neu geboren in dem Thaue, der eben gar reichlich gefallen ist. Besonders blitzte das umzäunte Wiesenstück rechter Hand wie lauter Smaragden und Diamanten. Ich blieb eine Zeitlang davor stehen, und freute mich recht innig an dem schönen fast wunderbaren Anblicke. Indem ich aber den Hügel in der Mitte ersteige, und oben die Thüre zu den Ruinen des alten Schlosses aufschließe, um die Pappeln, die du hineingepflanzt hast, zu betrachten, fällt es mir außerordentlich auf, daß mehrere von diesen Pappeln dem Eingehen ganz nahe sind, während die andern daneben im üppigsten Wuchse stehn, auch die zeitherige Witterung nicht günstiger für ihr Fortkommen hätte ausfallen können. Da die kranken Bäume aber auf Einem Flecke beisammen stehen, so kommt mir der Gedanke, daß hier wohl ein Schabernack Statt gefunden haben möchte. Dies war mir um so empfindlicher, weil es einen Nachschlüssel zu der Thüre voraussetzte. Denn der Spaß, einige Pappeln zu verderben, schien mir zu gering, um erst eine Leiter den Hügel herauf zu schleppen und damit über die hohe Mauer zu steigen, deren Wandelbarkeit dies sogar äußerst gefährlich machte. Wer aber dieses künstliche Schloß aufmachen konnte, in dessen Nähe wäre nicht sicher zu wohnen gewesen. Indem ich darüber weiter nachsann, entdeckte ich etwas ganz Wunderbares. Die kranken Pappeln nämlich und der ganze Boden, auf dem sie standen, zeigte keine Spur von dem Thaue, der ihre Nachbarn schmückte. Nun geht bekanntlich die Rede, daß dies die Eigenheit solcher Plätze sei, unter denen Schätze vergraben liegen. Ein Grabscheit in der Nähe, von dem ein häßlicher Molch sich bei meinem Anblick entfernt, dient mir zum Fingerzeige. Ich ergreife es, stoße auch im Nachgraben auf einen großen Quaderstein. Als dieser weggewälzt ist, kommt ein ausgemauertes Behältniß zum Vorschein mit einer Treppe, welche ich hinabsteige. Hierauf zeigt sich mir eine eiserne Fallthüre, auch wußte ich jetzt auf einmal, daß ich den Schlüssel dazu in einem ganz unbemerkbar in der Thüre selbst angebrachten künstlichen Fache zu suchen hatte. Schon zitterte er in meiner Hand, die das Räthsel eben vollends zu lösen gedachte, als ich meine Frau zwischen mir und dem Schlosse händeringend stehen sah. Sie beschwört mich, letzteres uneröffnet zu lassen, so daß ich sie unwillig frage: ob sie denn selber unserm Glücke in den Weg treten wolle. Aber sie behauptet, daß mit dem Eröffnen dieser Thüre eins von uns beiden, oder wir alle zwei zu Grunde gehen müßten. Mein Mißvergnügen über einen solchen Aberglauben ging so weit, daß ich sie mit Gewalt von der Thüre wegschleuderte.

In diesem Augenblicke weckte mich das Krähen des Hofhahns und ich sprang aus dem Bette.

Franziska schlief, aber wie es schien, von unruhigen Träumen gepeinigt, so daß ich in Zweifel stand, ob ich sie aufwecken solle oder nicht.

Der Anblick des Gartens, den ich jetzt vom Fenster aus übersah, bestimmte mich zu letzterm. Wirklich lag er grade so glänzend vor mir, wie in meinem Traume. Besonders reizend blitzte die Wiese herauf, als ob sie mir sagen wollte, komm und finde in der Wirklichkeit wieder, was dir eben im Traume gezeigt wurde.

Ich konnte mich nicht enthalten, geschwind in meine Hauskleidung zu fahren und hinunter zu gehen. Wunderbar genug war es mir sogleich beim Eintritt in den Garten, als ob ich schon mit jedem einzelnen Thautropfen bekannt sei. Kein Gräschen anders als in meinem Traume. Ich erstieg den Hügel, öffnete die Thüre der Schloßruinen, und die kranken unbethauten Pappeln standen auch da. Selbst der Molch bei dem Grabscheite ward meinem Auge nicht erlassen.

Für's erste fing ich auf dem bewußten Flecke das Nachgraben an, und wenn auch der Quaderstein, der sich wirklich vorfand, nicht so leicht wie im Traume wegzuschieben war, so gelang es mir doch nach einiger Anstrengung und die unterirdische Treppe lag vor mir. Aber beim Hinabsteigen erregte mir der Gedanke an das Bild meiner Frau vor der eisernen Thüre ein heftiges Grauen. Eine solche Behandlung hatte im Leben Franziska nie von mir erfahren, und die Haut schauerte mir bei der Stelle, wo mein Arm, grausam genug, das geliebte Wesen hinweggeschleudert hatte. In dieser Scene verkannte ich mich selber, und war überzeugt, daß wenn auch das wirklich vor mir Liegende sonst ganz wie der wahrhafte Spiegel meines Traumes erscheine, die Aehnlichkeit ihre Grenzen haben müsse, und zum Beispiel nie so etwas in meinem Leben Statt finden könne.

Wirklich fing auch jetzt an die Aehnlichkeit aufzuhören. Denn wie ich eben den Schuber, hinter dem der Thürschlüssel verborgen lag, eröffne, da höre ich oben im Garten ganz deutlich meinen Namen von Franziska's Stimme mit einer Aengstlichkeit ausrufen, bei welcher sogleich alles vergessen war und ich hinaufeilte.

Nun fand ich sie zwar nicht im Garten. Meine Phantasie schien mir den Ausruf untergeschoben zu haben. Allein um ihr keinen Argwohn zu geben, beschloß ich zurückzukehren und die Sache ein andermal vorzunehmen. Hatte ich doch ohnehin immer gehört, daß die Mitternachtsstunde der Hebung von Schätzen am günstigsten sei. –

Meine Frau fand ich im Zimmer ganz außer sich und eben auf dem Punkte, sich anzukleiden und mich aufzusuchen. Sie kommt mir mit offenen Armen entgegen und bestürmt mich so lange und so heftig mit Fragen, wo ich gewesen, daß ich ihr die Entdeckung der Sache im Hauptwerke gar nicht vorenthalten kann. Doch nehme ich Anstand, den Ort selbst und die Nebenumstände anzuzeigen.

So mußte diese unselige Stunde also doch wirklich erscheinen! ruft sie schmerzlich aus, und sinkt dann weinend auf's Sopha hin.

Ich begriff sie nicht. Aber sie sagte: Was du mir entdecktest, wußte ich schon zuvor. Auf meine Frage erzählte sie, daß sie zu der nämlichen Zeit einen furchtbaren Traum gehabt habe. Sie hatte nämlich mit mir vor der unterirdischen eisernen Fallthüre gestanden und ein dreimaliges Wehe über uns aussprechen hören, von dem, wie sie sagte, Mark und Bein ihr noch erschüttert sei.

Und warum dieses Wehe?

Eben wegen des unseligen Schatzes! antwortete sie.

Da sie keine andre Ursache dazu, als eine alte Sage anzugeben wußte, so verwies ich ihr die Sonderbarkeit, vielleicht in einem für ihre reizbare Stimmung allzuheftigen Tone. Aber wer ist seiner eigenen Stimmung allezeit Meister? Wir verstummten beide auf mehrere Stunden. Endlich näherte ich mich ihr in Liebe. Sie erwiederte meine Zärtlichkeit. Ich entdecke ihr auf ihr Verlangen, wie weit ich mit dem Schatze gekommen sei. Allein nun mehr verlangt sie von mir die Zusage, um ihrer Liebe willen nicht weiter zu gehen und den Schatz niemals mir anzueignen.

Das dünkte mich doch einer finstern Phantasie allzuweit nachgeben; ich verweigerte daher das Versprechen, und das ist die Ursache unserer beiderseitigen Verstimmung.

Eben als Föhrenbach jetzt noch einen Seufzer an diese Worte hing, kam meine Schwester zurück, ihrer Miene nach unzufrieden, daß ich ihr nicht gefolgt war.

Ich faßte sie bei der Hand und bat sie im Beiseyn ihres Gatten sich zu beruhigen, da ich schon von allem unterrichtet sei. Laßt uns, sagte ich, hier gemeinschaftlich über die Sache sprechen, denn so werden wir gewiß am weitesten kommen.

Hat dir Föhrenbach auch von meinem Traume erzählt? fragte sie.

Ich bejahte stumm, und sie fuhr fort: Ach, er war so schrecklich, daß ich einen zweiten dieser Art nicht überleben würde.

Und doch, fiel Föhrenbach zwar verweisend, aber in zärtlichem Tone ein, doch ist alles darin so unbestimmt, bis auf das Wehe, worauf du das meiste Gewicht legest!

O dieses zermalmende Wehe, versetzte sie, dies überschüttet mich mit Eis, wenn ich nur daran zu denken wage. Unbestimmt, lieber Föhrenbach? Als ob alles erst dem Verstande klar werden müßte! Hat nicht das Gefühl gar oft ein weit schärferes Auge als er? Und hat nicht auch dein Traum sogar mich auf eine betrübte Weise in die Sache verflochten?

Föhrenbach glaubte das letztere, als nicht zu dem weissagenden Traume gehörig, einer Einmischung seiner Einbildungskraft zuschreiben zu müssen, und suchte dies durch den nachher im wahren Zustande ihm vorgekommenen Laut von Franziska's Stimme noch wahrscheinlicher zu machen. Dann drückte er sie stumm an sein erweichtes Herz. Aber sie wiederholte kopfschüttelnd ihre Bitte um das erwähnte Versprechen, und zwar mit der innigsten Rührung und einer Beredsamkeit, zu welcher es der Verstand ebenfalls noch nie gebracht hat.

Hiervon überwältigt sagte Föhrenbach, ja, ich verspreche es, wenn dein Bruder deiner Meinung beitreten will. –

Und warum sollte ich nicht? fragte ich. Was fehlt Euch denn noch zum Glücke? Wozu bedürft Ihr eines irdischen Schatzes, da ihr den himmlischen, die Zufriedenheit, in so reichem Maße bei Euch habt?

Ich erzählte nunmehr meinem Schwager von Franziska's Besorgniß am Tage nach der Hochzeit, und brachte es auch wirklich dahin, daß er noch an demselben Abende mit mir nach den Ruinen ging, den Stein wieder an seinen Ort schob und alle Spur des Nachgrabens zu verwischen suchte. – –

Allein die Unruhe, einen Schatz zu besitzen, ohne davon Gebrauch zu machen, überfiel ihn wieder von Zeit zu Zeit. So gut auch seine ökonomische Lage war, so hatte er doch manchen Wunsch nach neuen Einrichtungen und Verbesserungen, die sich von seinem und Franziska's Vermögen nicht bestreiten ließen. Der Schatz wäre ihm hierzu trefflich zu statten gekommen, der Schatz, nach dem ihn, wie er glaubte – so sichtbar – eine höhere Hand hingewiesen hatte. Denn meiner Schwester Traum, der dem widersprechen konnte, kam bei ihm gar nicht in Betracht, weil er ihn als eine Folge ängstlicher Erinnerungen ansah, da hingegen der seinige eine ihm vorher ganz fremde Idee herbeigeführt, und deren Wahrheit auch zugleich auf die merkwürdigste Weise bescheinigt hatte. Es konnte nicht fehlen, daß Föhrenbach unter solchen Umständen seiner Gattin öfters anlag, ihm das Versprechen zu erlassen, welches er für das unüberlegteste hielt, das ein Mann jemals gegeben hatte. Aber Franziska, so nachgebend sie gewöhnlich gegen ihn war, bestand diesmal hartnäckig auf der Zusage.

Diese ganz entgegengesetzte Gesinnung brachte über die sonst so musterhafte Ehe ein Unglück, das umso trauriger für das Paar seyn mußte, je beneidenswerthere Tage es zuvor genossen hatte. Der Tod des Kindes machte das Geschick der armen Leute bald noch unseliger. Meine nur allzuoft versuchte Vermittelung blieb ohne alle Frucht, ja sogar meine, mir selbst jetzt peinlichen, Besuche konnten beiden nicht anders als lästig fallen, weil durch sie das Paar, das jetzt nur abgesondert ein erträgliches Leben führte, zum Verein gewissermaßen genöthigt wurde. Daher glaubte ich auch mir und den armen Leuten selbst, meine Entfernung aus der Gegend schuldig zu seyn.

Das Gut, welches ich auf meiner aus Mißmuth unternommenen Reise zufällig hier zu kaufen fand, gefiel mir, und es trifft sich recht passend, daß ich das unglückliche Loos meiner nächsten Verwandten als ein erschütterndes Warnungsbeispiel meinen lieben neuen Bekannten und Nachbarn jetzt aufstellen kann. –

Und der Schatz noch immer ungehoben? fragte einer der Anwesenden.

So hoffe ich wenigstens. Denn ob ich schon nicht weiß, ob er aus unrechtem Gute bestehe, oder was es sonst für Bewandtniß mit ihm habe, eine innere Stimme versichert mich zu bestimmt von dem Unheile, welches aus seiner Befreiung erwachsen würde, als daß ich ihr meinen Glauben versagen möchte. – –

Kaum eine Woche nachher saß man an einem schönen Mondscheinabend grade wieder so beisammen und die Schatzgräberei kam aufs neue zur Sprache. Es war hauptsächlich die Rede von den schauerlichen Scenen, welche nicht selten die Gier nach Schätzen bestraften, als eine Mannsgestalt herbeigeschlichen kam, dessen bleiches Gesicht, vom Monde beleuchtet, ein wahrhaft furchtbares Gepräge hatte.

Wer ist das? hieß es, während der Fremde dem neuen Gemeindemitgliede in die Arme stürzte. Föhrenbach! rief Herr Grund diesem erschüttert zu.

Luft, Luft! sprach der andere, und Grund verließ mit ihm die übrigen. Sie hatten beide noch kein Wort gesprochen, als sie auf seinem neuen Gute angekommen waren.

Was bringst du mir? fragte endlich Herr Grund.

Mich selbst und mein Elend. Meine Lippen sträuben sich es auszusprechen. Aber lies, und vergieb mir, wenn du's im Stande bist.

Hierzu übergab er ihm ein Papier, dann warf er sich mit Verzweiflung an seines Schwagers Brust und dieser sagte: Was auch dies Papier enthalten mag, ich werde dich nicht verlassen.

Nur Vergebung bedarf ich.

Von Herzen.

Habe herzlichen Dank, und nun lies und laß mich in ein anderes Gemach. Ich kann die Wirkung meiner Schrift auf deinem Gesichte unmöglich mit ansehen.

Herr Grund wies hierauf seinem Schwager ein Zimmer an, eilte mit schwerer Ahndung zurück und las folgendes:

Zu dir, mein brüderlicher Freund, wollte ich eilen und dir alles entdecken. Aber woher die Worte nehmen? Und nun, da ich es niederzuschreiben gedenke, nun fehlt es mir gar an Buchstaben für die Schrecknisse, die deiner warten. Aber sie sollen herbei, und müßte ich darüber vor Schmerz untergehen. –

Du weiß, in welchem entsetzlichen Zustande du mich verließest. Ich brauche nur zu sagen, daß meine Begierde nach jenem unseligen Schatz von Tage zu Tage mehr überhand nahm. Sie überwand am Ende meine Zusage gänzlich, und ich mache mich vorgestern in der Mitternachtsstunde still aus dem Bette, gewinne auch die Stubenthüre, ohne meine Frau aufzuwecken, welches bei dem leisen Schlafe, den sie seit einiger Zeit hat, kaum zu erwarten war. Ich eile in den Garten; an den bewußten Ort. Der Stein wird weggewälzt, dann hinabgestiegen und die eiserne Thüre geöffnet. Aber damit ist es nicht gethan, wie ich nun sehe. Ein neues Gemäuer stellt sich meiner Ungeduld entgegen und ich fliege zurück nach Werkzeugen, die ich auch bald im Garten finde. Unglaublich ist es, mit welcher Schnelle meine unselige Begierde die größten Steine theils ausgräbt, theils zermalmt, und ich möchte fast unsichtbaren Beistand argwohnen, wenn ich bedenke, daß ein Werk, worauf man einen halben Tag Arbeit rechnen könnte, in einer halben Stunde so weit zu Stande gebracht war, daß bereits der eiserne Kasten, welcher den Schatz in sich faßt, vor meinen Augen lag. Mit zitternder Hand lange ich schon danach, aber ein steinerner Pfeiler ruht noch auf der einen Seite des Kastens. Ich greife von neuem nach dem Werkzeuge. Meine Ungeduld, oder – vielleicht gar eine fremde, furchtbare Gewalt, haut so tief in das Gemäuer, daß die Decke darüber zu schwanken anfängt. In demselben Augenblicke vernehme ich einen Schrei; deutlich von der Stimme meiner Frau. Ihre und deine Warnung umschwebt mich grauenvoll. Das Gebäude über mir wankt immer heftiger, und indem ich eile, mich nach der feststehenden Seite der Treppe zu retten, stürzt das Gewölbe und meine Franziska mit ihm herunter.

Zugleich unversehrt und auch zermalmt ergreife ich sie. Aber Schrecken und Fall wirken vereint. Sie stirbt in meinen Armen, nachdem sie mich in abgebrochenen Worten errathen lassen, daß sie mich im Bette vermißt hatte, und mir in ihrem, leider nur allzugegründeten Argwohne nachgeeilt war, um mich von der Ausführung meines Vorhabens abzuhalten. Ihre Vergebung, die ich noch erhielt, ist das einzige, was ich von Trost aus dieser Welt mit hinwegnehme. Vergieb auch du mir, und sei glücklich. –

So sah denn Herr Grund seine schlimmste Ahndung in Erfüllung gegangen. Der Schluß des Schreibens schien ihm fast einen zweiten gewaltsamen Tod anzukündigen, daher glaubte er eilen und seinem Schwager die Hand bieten zu müssen. Zu spät. Der Unglückliche von seiner Verzweiflung aus dem Fenster gestürzt, wurde eben halb zerschmettert die Treppe herauf gebracht, als Herr Grund ihn auf seinem Zimmer suchen wollte. Er lebte nur noch wenig Augenblicke.

Unmittelbar nach seiner Bestattung reisete Herr Grund, als der einzige Erbe auf das Föhrenbachsche Gut. Zuvor jedoch unterließ er nicht, die traurige Ergänzung der erzählten Geschichte seinen neuen Bekannten mitzutheilen. –

Was aus dem Schatze geworden ist, weiß zur Zeit niemand. Fast kann man besorgen, daß selbst der so verständige Herr Grund von dem Glanze desselben geblendet, seiner Ueberzeugung untreu geworden, und trotz der bedenklichen und fürchterlichen Vorgänge sich doch wirklich ebenfalls an dessen Hebung gewagt habe.

Wenigstens ist er kurz nach Antritt der Erbschaft plötzlich verstorben. Bei den Nachgrabungen, welche nach seinem Tode die Obrigkeit veranstalten ließ, hat sich zwar der eiserne Kasten, aber ganz ausgeleert vorgefunden.



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