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Der verhängnißvolle Abend.


Das Glück einer vereinten Zukunft, welches Rudolph und Agnes jahrelang, erst dunkel geträumt, dann im hellsten Zusammenhange gedacht hatten, scheiterte an dem harten Willen der Verwandten. Rudolphs Aeltern war Agnes nicht begütert genug, und Agnes stolze Verwandte wollten in kein näheres Verhältniß mit einer Familie treten, die aus der untersten Volksklasse sich zu Ansehen und Vermögen heraufgearbeitet hatte. Rudolph und Agnes glaubten zu Grunde zu gehen, als sie ihre sehnlichsten Wünsche so plötzlich vernichtet, und sogar ihren Umgang ganz abgebrochen sehen mußten.

Ein Jahr verstrich, in welchem beide alles vergebens aufboten, die Ihrigen auf andere Gedanken zu bringen. Da erschien Theodor von seinen Reisen wieder in der Residenz. Agnes machte Eindruck auf ihn. Der gebildete Mann fand Zutritt im Hause, und bald hieß es in der Stadt, gestern haben sie ihren Hochzeittag gefeiert.

Rudolph selbst hatte seinem akademischen Freunde zu dieser Verbindung gerathen; eines Theils, weil er Agnes einen so trefflichen Mann wünschte, andern Theils, weil er nur auf diese Weise hoffen konnte, zuweilen wieder mit ihr zusammen zu kommen. Der letztern Absicht lag übrigens keinesweges ein unrechtlicher Plan zum Grunde. Um sogar allen Argwohn dieserhalb von sich und Agnes abzuhalten, suchte er ebenfalls eine Lebensgefährtin, und fand sie, ohngefähr eilf Monate später in Konstanzen, deren innige Liebe er aus Pflicht und Neigung zu erwiedern sich bestrebte.

Schon vor seiner Verheirathung war er zu einem Kränzchen gezogen worden, das Theodor gestiftet hatte. Jetzt freute er sich, die gemeinschaftlichen Freunde auch in seinem Hause sehen zu können. Rudolphs und Agnes Aeltern wurden in diesen Versammlungen wider Wissen und Willen mit einander bekannt, und fanden sich nun, wie das oft zu geschehen pflegt, umgänglicher als sie geglaubt hatten. Ja, Rudolphs Vater gewann sogar eine große Vorliebe für Agnes und äußerte unverholen, daß er sie seinem Sohne gewiß gegönnt haben würde, wenn er sie so gekannt hätte. Indessen war sie auch so gut versorgt, wie sein Sohn selbst; denn beide Ehen trugen alle Kennzeichen einer wechselseitigen Zufriedenheit. –

Hauptsächlich des freundschaftlichen Kränzchens wegen veränderte Theodor – durch einen Glücksfall begünstigt – jetzt seine alte, eingeschränkte Wohnung. Er glaubte der besondern Heiterkeit, welche die Gesellschaft in der Regel zu ihm mitbrachte, seinen Dank durch geräumigere und schönere Umgebungen abstatten zu müssen.

Agnes war diesmal nicht seiner Meinung gewesen. Ihren Gedanken nach hätte man keine Veränderung treffen sollen. Die Heiterkeit, sagte sie, ist in gewissem Betracht ein höchst eigensinniges Wesen. Sie ist einheimisch in der alten Wohnung geworden. Wer weiß, ob die neue ihr so behagen wird? Indessen that die nachgiebige Frau nachmals doch alles, die neuen Gemächer schön und lieblich auszuschmücken, so daß auch Theodor sagte: Nun wahrlich, Du hast das Deinige redlich beigetragen, meinen Plan zu unterstützen und Dich selber zu widerlegen. Du hast ein häusliches Elysium hergezaubert. Nur die ausgemachteste Schwermuth könnte in diesen Zimmern sich nicht gefallen.

Um noch sicherer die Heiterkeit zur fortdauernden Freundschaft zu beschwören, veranstaltete er einen solennen Einzugsschmaus, zu welchem auch sein eben erst wieder einmal angekommener, alter Schulfreund Edgar gezogen wurde, der seit der Akademie in der weiten Welt herum lebte und überall für den fröhlichsten Menschen galt.

Alle Ankommende fühlten sich überrascht von den weiten, hohen Zimmern und deren Einrichtung. Fußboden, Tapeten, Spiegel, kurz alles Einzelne, erhielt sein besonderes Lob. Die Damen fanden die Anordnung der Gardinen ganz ungemein schön und auch den Stoff zu diesen sowohl als zu den Stühlen, dem auserlesenen Geschmacke der Wirthin angemessen.

Aber nachdem nun so manches bewundert worden war, wurde auch manches in den neuen Gemächern vermißt. Auf der schönen Leerheit der neuen Tapeten schienen mehrere nach den Figuren der alten zu suchen, die trotz ihrer entschiedenen Geschmacklosigkeit gar sehr vergnügten Abenden beigewohnt hatten.

Das altmodische Thürfenster fehlte, wodurch man im vorigen Quartiere Rudolphs und Konstanzens zärtliche Blicke und Küsse mehreremal belauscht hatte. Hier war kein Gartenhund, der, wie sonst immer geschah, durch sein Bellen die Kommenden im Voraus ansagte. Vorzüglich bedauerte man auch die Brustbilder von Theodors verstorbenen Großältern, welche in ein entferntes Zimmer verwiesen worden waren. Die freundliche Miene des würdigen Alten hatte mit Liebe auf seine Nachkommen herabgesehen und das seltsam aufgethürmte Haar seiner Gattin nicht vermocht, eine Lächerlichkeit auf die Frau selbst zu werfen, deren musterhafter Wandel zum Sprichworte in der Stadt geworden war.

Eine wesentliche Unvollkommenheit der neuen Wohnung fand man in dem Mangel eines Kamins, den die vorige, in minder holzarmer Zeit erbaut, gehabt hatte. An diesem Kamine war gar mancher Schwank erzählt und gemacht worden, und so schön der Apoll war, der hier als Ofen dienen mußte, so konnte er doch sein lebendigeres Bild, das heilige Feuer, für den Winter keinesweges ersetzen. Man dachte im Voraus daran, wie sehr in der Dämmerung des Spätherbsts das trauliche Knistern und Lächeln der Flammen fehlen würde, und es währte ziemlich lange, ehe eine fortlaufende Unterhaltung zu Stande kam.

Bloß Edgar, der die alte Wohnung nur ein einziges Mal gesehen hatte, konnte nicht aufhören sein Wohlgefallen an der neuen zu äußern; auch war er es, dessen gesellige Gewandtheit das Gespräch der Uebrigen, durch das Ungewohnte der Umgebung gefesselt, zu befreien und zu beleben verstand. Edgars Reiseabentheuer, die er mit glücklichem Humor erzählte, brachten fast jedermann auf das Kapitel der Reisen. Die meisten waren – wenn auch nur auf die Akademie – gereist und hatten manches Drollige erlebt.

Bis dahin ging alles recht munter in dem Zirkel her. Aber jetzt fing Edgar an: Ich begreife gar nicht mehr wie man immer und ewig an Einem Orte aushalten kann. In den meisten Lebensverhältnissen verlangt es zwar die Nothwendigkeit. Auch mag es recht gut und löblich seyn, daß die Mehrheit der Menschen sich mit der Scholle begnügt, worauf sie eben vom Zufalle gesetzt worden ist. Bei meiner Gesinnung aber ist es ein wahres Glück, daß ich im Stande bin meinen Hang nach ewigem Wechsel befriedigen zu können. Denn ich würde gewiß noch die erste beste Pistole gegen mich selbst kehren, wenn ich jemals meine unstäte Lebensweise sollte aufgeben müssen. –

Sie mißbilligen diese Aufrichtigkeit, wandte er sich an Konstanzen; und diese, die erst drei Monat verheirathet, wirklich einen offenbaren Widerwillen gegen den Reiselustigen zeigte, erwiederte mit großer Lebhaftigkeit: Nicht Ihre Aufrichtigkeit mißbillige ich, aber wohl diese Gesinnung. Das ewige Reisen hat Ihrer Neigung eine unnatürliche Richtung gegeben. Sie haben dadurch die Heimathlosigkeit liebgewonnen, und müssen bei dieser Liebe auf die nächste Bestimmung des Menschen, auf das Familienleben, Verzicht thun.

Recht wahr, meine schöne Freundin. Auch fließt Ihre Mißbilligung sehr natürlich aus dem jungen Glücke Ihres reitzenden Eheverhältnisses. Wenn aber im Allgemeinen die Häuslichkeit gewiß das Zuträglichste für das Glück der Welt sowohl als für den Einzelnen seyn möchte, so lassen sich doch eine Menge Beweggründe denken, aus denen dieser und jener seine Zufriedenheit auf einem andern Wege suchen muß. Sie schütteln mit dem Kopfe, Liebe? – Erlauben Sie, daß ich meinen Satz weiter durchführe.

Basta, Edgar, rief Theodor, das Gespräch nimmt ohne alle Frucht einen viel zu ernsthaften Gang. Mit deinen besten Gründen wirst du diese Glückliche schwerlich überzeugen, die sich aus ihrer allerdings schönen Situation nicht so weit herausdenken kann, um für deine Gründe Sinn zu bekommen.

Auch Sie also, lieber Theodor, glauben, daß es wirklich gute Gründe für dieses herzlose Herumflattern unsers ausgearteten Freundes geben könne?

Allerdings glaube ich das. Ihre eben geäußerte Leidenschaftlichkeit bestärkt mich aber auch in dem Glauben, daß alle Gründe bei Ihnen in dieser Sache nichts fruchten würden. Laßt euch die Schlichtung jedes Streites dieser Art durch den Dichter gefallen, der so einfach als sinnvoll sagt:

Eines schickt sich nicht für alle;
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer sieht, daß er nicht falle.

Es ist vom Reisen gesprochen worden, sagte Kuno, Theodors Bruder, als jetzt eine Pause entstand, während der sich Konstanze und Edgar lächelnd die Hand reichten. Gern hätte auch ich das meinige zu dem Gespräche gethan, wenn nur mein Reisen, oder meine Ansicht desselben das Alltägliche einigermaßen überschritte. Die Druckereyen haben sich über diesen Gegenstand in der Trivialität bereits erschöpft. Sollten wir jedoch einander in einigen Jahren wieder sprechen, so kann ich vielleicht von Dingen erzählen, über die uns selbst Freund Edgar vielleicht keine Auskunft zu geben vermag. Ich habe mir nämlich fest vorgenommen, eine weite, weite Reise über See zu meinem Bruder nach Surinam zu wagen. –

Alle sahen den kränklichen kaum von einem starken Nervenfieber wieder etwas hergestellten Mann mit Erstaunen an.

Das wird doch Ihr Ernst nicht seyn, lieber Bruder? fragte Agnes erblassend.

Allerdings! antwortete er. Ich habe das lebhafteste Vorgefühl, daß diese Reise allein mein geistiges und körperliches Wohlseyn wird befestigen können. Ich strebe darnach, wie der ermattete Schwimmer nach dem grünen Rasen des Ufers.

Aber, mein Gott, rief eine der Freundinnen, was ist Ihnen, liebe Agnes? Woher Ihr Erbleichen, die hellen Thränen in Ihren Augen?

Seht Ihr wohl, sagte Theodor, den Arm um Agnes geschlungen, das kommt alles von dem leidigen Ernste her, womit heute jedes Wort verfolgt wird. Da sind wir denn vom Reisen überhaupt auf die weiten Reisen gekommen, von denen meine Agnes keine Freundin ist.

Dein Wort in Ehren, Theodor, sagte Edgar, aber eine bloße Abneigung vor weiten Reisen erklärt mir diese gänzliche Veränderung unserer lieben Wirthin noch lange nicht. Die Uebrigen schienen Edgarn stillschweigend beizustimmen und Theodor sagte: Begnügt Euch, liebe Freunde, vor der Hand mit dieser Erklärung, und gebt, mir zu Gefallen, dem Gespräche eine andere Wendung. Wenn es gar nicht zusammenhalten will, so sollt Ihr auch allenfalls Karten herbekommen. Nur laßt mir das Reisen für heute.

Lieber Kuno! sagte Agnes, als dieser mit sichtbarem Verdrusse aufstand und seinen Hut zu verlangen schien. Wollen Sie gehen?

Ja, Sie wissen, Schwester, daß ich die Abendluft noch nicht vertrage.

Aber schon jetzt?

Aufrichtig zu gestehen, Ihre und Ihres Mannes Empfindlichkeit umsonst und um nichts, hat mich früher aufgestört, als ich es wollte. Aber ein Viertelstündchen eher oder später bleibt immer eins und dasselbe, da es das erste Gesetz unseres Kränzchens ist, einander in solchen Dingen nicht zu beschränken und jeden gehen zu lassen, wenn er will.

Nur nicht in Unwillen! sagte Agnes zutraulich, und Kuno versicherte, daß dies keinesweges der Fall sey, die Reitzbarkeit eines Rekonvalescenten aber wohl auch einige Nachsicht verdiene.

Theodor drückte ihm noch in der Thür einen Kuß auf die Lippen, der, wie die Miene, welche er zurückbrachte, kund that, der unwillkührliche Ausbruch eines heftig bewegten Busens war. –

Allgemeine Stille schien allgemeine Unbehaglichkeit zu erkennen zu geben.

Theodor nahm zuerst das Wort wieder und wandte sich damit an seine Gattin. Deine sichtbare Veränderung, meine Liebste, und was darauf erfolgte, hat einen Mißlaut in unsern harmonischen Verein gebracht. Darf ich ihn zu lösen versuchen, nun da Kuno uns verlassen hat?

Agnes gab ihre Zustimmung und Theodor begann: Ich sprach vorhin von Agnes Abneigung vor weiten Reisen im Allgemeinen, weil ich anstand, deutlicher zu werden. Die Sache verhält sich so. Bekanntlich hat das Gefühl des nahe bevorstehenden Todes schon sehr viele auf den Gedanken an eine zu ihrer völligen Herstellung nöthige weite Reise gebracht. Und nun trifft es sich nach einer Beobachtung, die meine Mutter gemacht und mir vor Kurzem mitgetheilt hat, daß fast alle bereits ruhende Glieder meiner Familie eine solche Reise noch in ihren letzten Tagen nothwendig geglaubt haben. Mein Vater zum Beispiel, der sonst große Abneigung vor der Unbequemlichkeit der Reisen hatte, wollte noch vom Sterbebette aus Anstalten zu einer Entdeckungreise um die Welt treffen. Er bestellte und verschrieb eine Menge kostbarer Instrumente, und fühlte sich glücklich, seine mannichfachen, naturhistorischen Kenntnisse nun noch in seinem hohen Alter zur Beförderung der Wissenschaft benutzen zu können. Seine Familie, an der er lebenslang mit Innigkeit gehangen hatte, fing an ihm gleichgültig zu werden. Er sprach nur immer von dem großen Ganzen und von den Entdeckungen, die er für dieses zu machen hätte. Er lechzte, wie er sagte, nach einem neuen Himmel und nach einer neuen Erde, und gar bald wurde dies Verlangen, wenn auch nicht in seinem Sinne, erfüllt. Als fast alles bis zum Einsteigen in den Wagen bereit war, ward er einmal des Morgens todt im Bette gefunden. –

Aber, mein Himmel, rief Edgar, warum dergleichen Sonderbarkeiten nicht vorüberlassen, wie andere vergängliche Dinge? Warum sie mit dem Geiste festhalten, bis ihr Andenken in Mark und Blut übergeht? Hätten Sie, liebe Agnes, die sonderbare Reiselust Ihres sterbenden Schwiegervaters nicht so sehr im Gedächtnisse gepflegt, so würde es Ihnen heute ganz gleichgültig vorgekommen seyn, daß Kuno zufällig auch ein Reiseprojekt gemacht hat. Es ist ja wohl natürlich genug, daß einen, der die mannichfachen Völker und Gegenden noch nicht gesehen hat, auch einmal die Lust dazu anwandelt. –

Das ist allerdings nicht unnatürlich, versetzte einer, aber gewiß ist es auch, daß oft schon Sterbende die Reise in das unbekannte Land für eine gewöhnliche irdische angesehen haben.

Zugegeben, erwiederte Edgar, wie viel andere Seltsamkeiten aber überraschen uns ebenfalls zuweilen in der letzten Zeit des Lebens. So weiß ich allein mehrere Beispiele von Männern, die am Rande des Grabes von einer plötzlichen Baulust überwältigt Häuser für sich und ihre Launen hinsetzten, als ob sie noch eine Ewigkeit auf der Erde zubringen wollten.

Auch das, sagte Theodor, habe ich selbst einmal an einem Bekannten erlebt. Wenn du mich übrigens ausgehört hättest, so würde dir meiner Agnes Erschrecken schon etwas weniger wunderlich vorgekommen seyn. Du weißt, daß es mit meinem Bruder in Surinam, aller seiner Bemühungen ungeachtet, in unserm Welttheile nicht fortwollte. Dort ist er gar bald in die besten Umstände gerathen, so daß er eine unbeschreibliche Anhänglichkeit an dieses sein zweites Vaterland bekommen hat. Er sprach auch in jedem Briefe, daß er nicht ohne Schrecken an unsere unseligen Gegenden zurückdenken könne. Nur mich und den hiesigen Bruder versicherte er zu vermissen. Doch wären seine Erinnerungen zu trostlos, als daß er dieserhalb in ein Land zurückkehren möchte, wo er auf jedem Schritte einen Kampf mit dem Unglücke zu bestehen gehabt hätte.

Wirklich mußte man seine hiesige Lage ganz kennen, um seine steten Ausfälle gegen Deutschland und Europa verzeihlich zu finden. Von diesem Bruder nun träumte mir vor einiger Zeit. Er war hier angekommen, und schien so leichenfahl, daß ich heftig vor ihm erschrak. Nach der ersten Umarmung fragte ich sogleich nach seiner Frau und seinen Kindern, deren er in seinen Briefen immer mit großer Liebe gedacht hatte. – Ja, antwortete er, die sind in Amerika zurückgeblieben. – Dann, erwiederte ich, denkst du wohl auch dahin zurückzukehren? – Gott behüte mich davor, sagte er. Ich bin froh, daß ich so glücklich aus dem Lande entkommen bin, von dem ich nun endlich einsehe, wie wenig es für mich gepaßt hat. Frau und Kinder mögen auch bleiben, wo sie sind, die würden hier sich unheimisch befinden. Jetzt begehre ich nur dich, um mit dir das Grab unserer geliebten Aeltern zu besuchen. Nur allzulange und allzuweit bin ich von ihnen entfernt gewesen. Kuno wird uns nachkommen.

Dabei drängte er mich zur Thüre hinaus. Ein Spiegel, in den mein Blick kurz zuvor gefallen war, gab mir mein Bild gerade so krank und fahl wieder, wie der Bruder mir erschienen war.

In diesem Augenblicke klirrte ein Glas auf den Boden herunter. Wir wachten davon beide auf, Agnes und ich, und ehe ich noch daran dachte, daß es bösen Eindruck auf sie machen könnte, hatte ich ihr auch schon den Traum erzählt, der sie in die heftigste Unruhe versetzte.

Agnes, liebe Agnes! rief Theodor, und diese stürzte sich schluchzend an seine Brust. Nur nicht vor mir, Theodor, sprach sie im heftigsten Schmerze, nur nicht früher als ich!

Edgar trat, theilnehmend zwar, aber doch auch sichtbar befremdet zu ihnen, und faßte beide am Arme. Liebe Kinder, sagte er, Ihr seid ja zu ganz ordentlichen Traumdeutern geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben! Wie könnt Ihr nur so schwach seyn, einem nichtigen Traume, wie diesem, solche Gewalt über Eure Vernunft einzuräumen. Weil Euch dergleichen geträumt hat, so muß auch die Wirklichkeit sich darnach gestalten? Besinnt Euch doch, wieviel ängstliche Träume Ihr gewiß schon in Eurem Leben gehabt habt, die nicht von der geringsten Folge gewesen sind. Warum gerade dieser? Und das Glas, das unfehlbar eine Maus herabgeworfen hat, wirst du wohl nicht als eine große Prophezeihung gelten machen wollen?

Ich habe dich gebeten mich auszuhören, sagte Theodor, aber du stürmst sogleich mit deinen Belehrungen auf uns ein, die jetzt noch gar nicht an ihrem Platze sind. Du mußt nur wissen, daß auch Agnes zwar, wie schon gesagt, allerdings sehr ängstlich nach diesem Traume, aber keinesweges so trostlos war, als mehrere Monate später, wo ein Brief von Surinam ankam, der in manchen Stücken, sonderbar genug, mit meinem Traume auffallend zusammentraf. Sie war anwesend, als ich den Brief erhielt, und so konnte ich ihn nicht verheimlichen, was außerdem zu ihrem Besten geschehen seyn würde. Hier ist er, sagte Theodor, als er ihn aus seinem Schreibtische geholt hatte. Der Brief ging zum Lesen herum und hieß wörtlich also:

»Geliebter Bruder! Sehnsuchtsvoll strecke ich meine Hände nach Dir aus und der Muttererde. Seit ich das Glück in meinen Armen zu halten glaubte, ist es mir völlig entflohen. Ich Thor, statt durch Ertragung der kleinen Unfälle mir in der Heimath ein besseres Geschick zu verdienen, riß ich mich voll Ungeduld aus dem Boden, worein die Natur mich gesetzt hatte. Aber die verwundeten Wurzeln meines Daseyns heilten nur für den Augenblick in der weiten Fremde. Alles geht mir unter, wenn ich nicht eiligst zu den Meinigen zurückkehre. – – –

Diese Zeilen sollen meine Vorläufer seyn. Sobald ich meine Sachen in Richtigkeit und für Frau und Kinder gesorgt habe, schiffe ich mich selber ein, um bei dir zu leben, mein trauter Bruder. Der Hügel unserer Aeltern soll unser Wohnplatz werden. Kuno wird uns nicht lange allein lassen.«

Der Brief, nach Theodors Aussage, in Zügen geschrieben, weit größer als seines Bruders gewöhnliche, machte auf die mehresten einen tiefen Eindruck. Seine Uebereinstimmung mit dem Traume, der exaltirte, verworrene Zustand, der daraus hervorleuchtete, und so laut einen innern Unfrieden ankündigte, besonders aber sein zweideutiger Schluß, in welchem dem Armen Leben und Tod eins und dasselbe zu seyn schien, veranlaßte die meisten, ihn erst nach wiederholtem Lesen und Betrachten aus der Hand zu geben. Selbst Edgar bat sich ihn zum zweiten Male aus und gestand, daß die Handschrift des Mannes, die er wie seine eigene kenne, zwar im Hauptwerke noch ähnlich, aber doch auffallend verändert sei.

Was sagst du nun? fragte Theodor.

Daß allerdings einige Verwandtschaft des Inhalts zwischen Brief und Traum da ist. Zufällig aber, wie so manches andere Zusammentreffen! Das behaupte ich immer noch und bitte Euch der Sache nur nicht nachzuhängen, weil dies leicht zu Trübsinn und Melancholie führen kann. – –

Die Fröhlichkeit war und blieb entfernt, was auch Edgar thun mochte, sie durch ein gemeinsames Abbrechen der zeitherigen Unterhaltung und die Anordnung von allerlei Spielen in's Gleis zu bringen. Nur Konstanze und Rudolph, welche mitten unter den Uebrigen sich und ihrer Liebe am meisten lebten, theilten die ernste, trübselige Stimmung der Andern nicht immer.

Agnes, die ihren Thränen nicht zu gebieten vermochte, glaubte den Freunden und sich Entfernung schuldig zu seyn, als es nach dem Tafelzimmer ging, das auf der entgegengesetzten Seite des Hauses lag.

Die Suppe dampfte schon, aber die anmuthige Dekoration des Gemaches ließ die Gäste nicht sogleich dazu kommen. Daher sagte Theodor endlich: Setzt Euch doch, liebe Freunde. Nachher habt Ihr noch Zeit genug, das Zimmer zu betrachten und die herrliche Mondlandschaft draußen obendrein.

Alle kamen Theodors Wunsche nach, Edgarn ausgenommen, der Italien und die Provence wiederholt besucht hatte, und nichts so sehr liebte, als die ungerechte Vergleichung der nordischen Natur mit jenen Gegenden.

Schon hierüber war der Wirth verdrießlich. Sein Verdruß ging jedoch in Verwunderung über, als Edgar, nachdem er kaum zum Fenster hinausgesehen hatte, wieder zurückkam, und sich mit einer nichts weniger als Befriedigung aussprechenden Miene, ohne ein Wort zu sagen, an den Tisch setzte. Ganz gegen seine Art beharrte er auch beim Schweigen, so daß Theodor endlich ihn selber also anredete:

Du hast, das sehe ich dir an, an meiner Landschaft viel auszusetzen. Unfehlbar haben dich die Reitze der südlichen Landschaften für den Charakter unserer Gegend unempfindlich gemacht?

Gewiß nicht, antwortete Edgar.

Nun, dann so erkläre mir dein sichtbares Mißbehagen.

Nach Tische.

Alles war jedoch so neugierig geworden, daß eins nach dem andern seinen Sitz verließ und an's Fenster ging. Die Bewunderung der Landschaft war bald allgemein. Ein Einziger sagte: Nur etwas möchte ich wohl davon wegwünschen, den – ziemlich nahen Todtenacker.

Endlich, Gott Lob! fing Edgar an und schlug in die Hände, endlich hat doch außer mir auch noch jemand die Augen offen! Aufrichtig zu gestehen, Theodor, ich weiß nicht, was du gedacht hast, eine Wohnung zu wählen, die gewissermaßen an das Gebiet der Todten anstößt. Ich, meines Orts ehre die Todten und ihre Behausung gewiß so sehr als einer. Aber beim Essen und Trinken und Leben überhaupt, will ich so wenig wie möglich erinnert seyn, daß ich auch bald einmal nicht mehr essen und trinken und leben werde. Der Gedanke raubt mir im Voraus schon alle Lust an einem so hinfälligen, armen Leben.

Ei, lieber Bruder, wenn ich das gewußt hätte, so wäre ein anderes Zimmer auch noch für unsern Tisch im Hause gewesen. Leider aber habe ich nicht die mindeste Ahndung von deiner Abneigung gehabt, wie du schon daraus schließen kannst, daß grade dieser stille Ort der Todten mir die Landschaft recht lieblich und sinnvoll erscheinen läßt. Schon manchen hellen Abend habe ich mit Agnes hier am Fenster zugebracht, um über jenen Grabhügeln die Phantasie eine selige Zukunft aufbauen zu lassen.

Mich wenigstens nehmt nicht mit zu solchen Ergötzlichkeiten. Kein Jahr wurde ich in diesem verdrüßlichen Zimmer überleben können.

Drum bewährt sich das Wort auch hier: Eines schickt sich nicht für alle. Verzeihe mir nur, Lieber, wenn ich, sehr wider Willen und Wissen, dir einen unruhigen Abend bereitet habe. Und jetzt, bitte ich, keine Silbe weiter über den Gegenstand.

Man setzte sich wieder, suchte auch alles Anstößige möglichst bei Seite zu lassen.

Aber schon der Umstand, daß die Wirthin nicht Theilnehmerin seyn konnte, und ihre Mutter die Stelle derselben vertrat, brachte einige Störung hervor, so daß sich auch nach Tische mehrere sogleich verloren. Edgar war unter diesen.

Unfehlbar würde bald niemand mehr dagewesen seyn, wäre nicht Agnes, deren Stimmung sich gebessert hatte, jetzt zurückgekommen.

Laßt uns der schönen Nacht noch ein wenig genießen, sagte die Wirthin, und man setzte sich an die Fenster. Zuvor aber liebe Freunde, fuhr sie fort, vergebt mir meine vorige Unart. So muß ich es nennen, doch auf mein Wort, ich konnte mich durchaus nicht besser benehmen. Unstreitig hatte körperliche Disposition großen Antheil an meiner Angst. Denn wie möchte ich sonst nun sogar ruhig und vergnügt die Todtenhügel da drunten betrachten, unter denen ja auch der am meisten von mir gefürchtete ist?

Theodor drückte sie an sein Herz und sagte dann: Sprecht Freunde, ist es nicht ein schönes feierliches Leben, was der Mondschein dort unten auf den stillen Feldern des Todes verbreitet? Am meisten interessiren uns immer die frischen Gräber, zumal am Morgen, wenn sie, wie das in diesen Wochen einigemal geschehen ist, von dem Schmerze der Hinterlassenen besucht und gepflegt worden. Seht Ihr dort den neuen Hügel mit lauter Rosenstöcken umgeben? Die hat der unglückliche Wittwer seiner guten Entschlafenen selbst gepflanzt. Er kommt täglich zweimal sie zu begießen und sich ihres Wachsthums zu erfreuen.

Dergleichen Denkmäler, sagte einer, welche gewissermaßen von dem geheimen Athem des Verstorbenen belebt werden, müssen die Zurückgebliebenen auch weit inniger ansprechen, als die todten Steine mit ihren oft so großsprecherischen Inschriften!

Allerdings, sagte Theodor. Und sie erhalten sich zuweilen lange genug. Dort zum Beispiel auf einem der ältern Hügel der Syringenstrauch! Seht nur wie viele köstliche Blüten er trägt!

Man bewunderte allgemein den schönen Strauch, dessen Düfte herüberdrangen.

Konstanze und Rudolph, die in einem entfernten Fenster bei fröhlichen Träumen von der Zukunft das Gespräch der Andern nicht sehr beachtet hatten, wurden jetzt ebenfalls aufmerksam auf den schönen Strauch, und Konstanze zeigte ein solches Verlangen nach einer Blüte davon, daß Rudolph sich schon dazu aufmachen wollte.

Laß das, Lieber, sagte Theodor, da es die Nothwendigkeit nicht erheischt. Zwar zweifle auch ich, daß irgend etwas Unheimliches dir auf dem Wege begegnen werde. Das Vorurtheil aber gegen die Nacht auf Gottesäckern ist nun einmal da. Wie leicht könnte dir ein ganz natürliches Geräusch oder Bild, wie etwas aus der bezweifelten Wunderwelt vorkommen! Der hartnäckigste Läugner selbst wird bei solchen Gelegenheiten zuweilen von der Grenzenlosigkeit seiner Phantasie überrascht. Erinnere dich nur der ziemlich bekannten Geschichte: Eine Gesellschaft guter Bekannter ist in einem Hause beisammen, wo eben ein Todter auf der Bahre liegt, der bei Lebzeiten mit allen Anwesenden vertraulichen Umgang gehabt hatte. Man denkt seiner mit Bedauern und Liebe. Man äußert den Wunsch, seinen Geist wenigstens noch ein mal unter sich zu haben. Die Gläser klingen darauf an, und man wird mit dem Gedanken, den Abgeschiedenen wieder zu sehen, immer vertrauter. Ja, man glaubt endlich gar daran, daß es der allgemeinen Sehnsucht gelingen werde, den Schatten zu einem Besuche zu beschwören. Man hat dazu seinen gewöhnlichen Stuhl am Ofen leer gelassen. Aber eilf Uhr ist vorüber und er kommt noch nicht. Endlich schlägt es Mitternacht und aller Augen sind starr und erwartungsvoll auf den Stuhl gerichtet. Kein Schatten kommt. Jetzt äußert sich der allgemeine Unmuth darüber auf mannichfache Weise. Endlich tritt einer aus der Versammlung auf und spricht: Es verdrießt mich, daß der Verblichene unsrer Freundschaft und Sehnsucht so wenig eingedenk ist. Ich gehe hinunter in's Leichengewölbe, um ihn deshalb zur Rede zu stellen. Wer begleitet mich?

Aber so standhaft man den Geist des Verstorbenen in der Mitte der Uebrigen erwarten wollte, so wenig hatte man zu dieser Begleitung Lust. Vielleicht auch mit darum, weil das zur »Rede stellen« doch etwas frevelhaft erscheinen mochte.

Gut, sagte der Beherzte, so gehe ich allein. Und zum Beweise, daß ich wirklich bei dem Todten gewesen bin, mag morgen diese Gabel dienen, die ich in die Bahre zu stecken denke. – Er ging. – Als er nach geraumer Zeit noch immer nicht zurück gekehrt war, so macht sich die ganze Gesellschaft auf den Weg in das Gewölbe. Hier findet sich denn der Beherzte, selbst ohne Leben, am Boden, dicht neben der Bahre. Durch heftige Reitzmittel wieder zu sich gebracht, erzählt er mit schwacher Stimme, daß ihn beim Anblick des Erblichenen ein heftiger Schauer befallen. Als er nun seinem Versprechen nach die Gabel in die Bahre gesteckt habe und wieder davon eilen wollen, so sei er von der Hand des Todten zurückgehalten worden und sogleich bewußtlos aufs Angesicht niedergestürzt.

Wirklich steckte die Gabel bereits in der Bahre. Ein abgerissener Zipfel des Oberrocks daran erklärte das Uebrige. Der Unglückliche hatte, vom Entsetzen übermannt, mit abgewandtem Gesicht die Gabel in die Bahre gestoßen, dabei unversehens seinen Oberrock mitgefaßt und sich sodann von dem Todten selbst zurückgehalten geglaubt.

Man suchte ihm dies alles begreiflich zu machen. Allein der Schreck war zu groß gewesen, und alle Versuche ihn länger als einige Stunden noch beim Leben zu erhalten, vergebens.

Dem allen, sagte Veit, wäre vorgebeugt worden, wenn einer sich zur Begleitung entschlossen hätte, wie ich. Kommen Sie Rudolph, ich gehe mit auf den Gottesacker.

Konstanze, die in Verfolg einer sehr aufgeklärten Erziehung keinen Begriff von der Furcht vor einer unsichtbaren Welt hatte, nickte Veit ihren Beifall zu, und schon machte er sich mit Rudolph auf den Weg, als Agnes Mutter sagte: Geben Sie doch lieber den überflüssigen Gang gänzlich auf, meine Herrn. Ich habe immer gehört, daß die Todten jeden Raub an einer Sache, die ihnen gewidmet worden, mit dem Tode zu bestrafen pflegen. Meine verstorbene Großmutter wußte davon viel Anekdoten zu erzählen, die mir aber wieder entfallen sind. Nur darauf besinne ich mich noch, daß sie jenen Todtengräber immer sehr glücklich pries, der eine Scheintodte, die er am Tage in die Gruft gesenkt, Abends um ihren Schmuck hatte bestehlen wollen. Der Kerl, pflegte sie zu sagen, konnte dem Himmel danken für ihr, im Augenblicke freilich ihm sehr unwillkommenes, Wiedererwachen. Bei einer Todten hätte ihm sein Wagstück binnen Jahresfrist das Leben gekostet.

Vielleicht hätten die Reden von Agnes Mutter wenigstens einigen Eindruck auf Konstanzen und Rudolphen gemacht, wenn sich nicht beide jetzt der frühern Zeit erinnert hätten, wo diese Mutter grade das meiste zu Hintertreibung des Plans zwischen Rudolph und Agnes gethan hatte. So aber schlichen sich Rudolph und Veit, die ohnehin ihres Lachens nicht mehr Meister blieben, hinaus, während sie fortfuhr den angefangenen Text mit Noten zu versehen.

Es würde noch manche Bemerkung gegeben haben über den Leichtsinn der heutigen Jugend und ihren Ungehorsam gegen die Stimme der Erfahrung, wenn Agnes Mutter sie vermißt hätte. So aber nahm sie, an frühes Schlafengehen gewöhnt, die erste Gelegenheit wahr, sich aus dem Zimmer zu verlieren.

Da kommen sie wirklich! rief Konstanze, als Rudolph und Veit jetzt Arm in Arm auf dem Kirchhofe sichtbar wurden. Schnellen Schrittes gingen sie nach dem Syringenstrauche.

Konstanze sank leblos in Agnes Arme, als Rudolph den Strauch gefaßt hatte, und mit dem Zweige, den er davon gebrochen, zu Boden gestürzt war. Denn es schien kein unbedeutender Fall zu seyn und Veit erst nach langer Mühe dem Freund wieder aufhelfen zu können.

Schon wollten Konstanze und Agnes selbst hinunter. Aber man zeigte ihnen, daß der Fall von keinen Folgen gewesen war, da die beiden jungen Männer zurückkehrten.

Alle Erwartung war aufs Höchste gespannt.

Ich bin ganz müde geworden! fing Rudolph im Hereintreten an, und setzte sich mit Konstanzen, die ihn innig umfaßte, auf das Sofa.

Du fielst, mein Lieber! sagte sie.

Allerdings, versetzte er: – Du hast wohl Recht gehabt, Theodor, mit deinem Mißtrauen gegen die Phantasie. Schon der Weg nach dem Grabhügel war nicht der anmuthigste. Es war mir als ob alles um uns her zur Sprache gekommen sei. Die Grüfte hallten, das Gras rauschte, und ich kann sagen, daß der häßliche Ton, den eine Kröte von sich gab, mir diesmal ein Wohllaut war, weil er doch von einem lebendigen Wesen herrührte, da die übrigen Laute sämmtlich dem Tode und seinen Genossen anzugehören schienen. So waren wir denn am Ziele angelangt. Kein Wunder, daß ich bei meiner Spannung in den Blüten des Strauches lauter Todtenschädel erblickte, und daß ich darüber die Besinnung verlor. Indessen hielt ich doch, als ich wieder zu mir kam, den abgebrochenen Zweig so fest in meiner Hand, als ob ich ihn, selbst gegen den Tod, hätte vertheidigen wollen. Hier, liebe Konstanze!

Konstanze ergriff die schöne Blüte. Aber kaum daß es geschehen war, so warf sie sie weit von sich und verwahrte sich mit dem Tuche vor ihrem Dufte. Leichengeruch, lauter Leichengeruch! sagte sie, und wollte jedermann abhalten, es zu versuchen.

Auch wieder bloße Phantasie! sagte Theodor, und reichte die Blüte den übrigen Anwesenden. Alle ergriffen sie voll Neugier, und niemand, Rudolphen und Veiten nicht ausgenommen, fand Konstanzens Aeußerung bestätigt.

Nur mit vieler Mühe war diese zu einem zweiten Versuche der Blume zu bewegen, und behauptete dann sogar, daß der Geruch immer widriger werde.

Während sich die Uebrigen alle bemühten, die höchst niedergeschlagene Konstanze zu beruhigen, rief Theodors Bedienten seinen Herrn auf die Seite. Da hat man, sagte der Diener, über den mancherlei heutigen Geschäften einen Brief vergessen, der schon Nachmittage angekommen ist. Ein Herr, der ihn selbst aus Amerika mitgebracht hat, wird morgen früh seine Aufwartung machen.

Theodors ahndende Miene erregte Agnes Aufmerksamkeit um so mehr, da der Brief ein schwarzes Siegel hatte. Sie eilte hinzu und kam eben, wie ihr Gatte von der Gewalt des Schmerzes zu Boden gedrückt wurde. In demselben Augenblicke hörte man von freien Stücken ein Glas zerspringen, welches alle sogleich an das erinnerte, das Theodoren und Agnes durch sein Herunterfallen aufgeweckt hatte.

Mein Bruder, Agnes, hat Recht gehabt, sagte Theodor noch schwach, er nimmt mich mit sich hinüber.

Vergebens wurde sogleich die Hülfe einiger Aerzte aufgeboten, und der Abend, an dem die Heiterkeit gar nicht hatte einheimisch werden wollen, endigte mit der Trauer über den Verlust des von allen seinen Bekannten aufrichtig geschätzten Theodor.

Nach der trostlosen Wittwe waren Konstanze und Rudolph die betrübtesten. Der Zusammenhang zwischen des Verstorbenen Traume und dem Briefe des Bruders mit dem was sich nun wirklich zugetragen hatte, goß einen Schauer über das Paar aus, der durch den Vorfall mit der Blüte vom Kirchhofe immer wieder erneuert wurde.

Der Fremde, der den Brief aus Surinam gebracht hatte, überreichte am andern Tage auch das Herz des daselbst Verstorbenen, welches dieser durchaus unter dem Hügel seiner vaterländischen Verwandten hatte wissen wollen. Auch darin bestätigte sich übrigens das Wort des Briefes, daß Theodors zweiter, kränklicher Bruder den Ruhenden bald zur Seite gelegt wurde.

Konstanzen stand jetzt Theodors Begebenheit wie ein in sich vollendetes Ganzes da, wie eine Prophezeihung, daß die Geschichte vom Kirchhofe ebenfalls noch im Wachsen begriffen sei und ein für sie, die Veranlassung zu der Beraubung des Todten, schauerliches Ende haben werde. Je näher ihre Niederkunft rückte, desto größer ward auch ihre Bangigkeit. Nach großem Schmerz der Mutter erblickte ein Knabe endlich das Licht, auf dessen linker Brust, zum Schrecken, der Aeltern, eine Syringenblüte deutlich abgebildet war.

Das Kind ging mit Sonnenuntergang wieder zur Ruhe.

Konstanze ward immer schwächer und schwächer. Agnes blieb ihre treueste Wärterin und äußerte, daß sie ihr, leider, noch frisches Leben gern gegen Konstanzens nahen Tod vertauschen möchte. –

Nein! sagte diese noch im letzten Augenblicke, auch ich sterbe gern. Denket der Verschiedenen und seid glücklich! Dazu legte sie Rudolphs Hand in die Hand ihrer treuen Pflegerin.



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