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Nachrede.

Ohne Nachrede, gute oder üble, bleibt ein Buch so wenig als ein Mensch, so bald sie vor das Publikum treten. Warum soll der Autor, der gern zu seiner Erleichterung die Vorrede seines Buchs einem Fremden überträgt, nicht einmal zur Erleichterung des Lesers die Nachrede übernehmen? Man weiß, daß gelehrte Tribunale, gleich bürgerlichen, ungern ein Urtheil sprechen, bis sie sich den fremden Gegenstand möglichst eigen gemacht haben, wer könnte aber natürlichern Beruf haben, zuerst von einem Buche zu sprechen, als sein ursprünglicher Eigenthümer, der Verfasser?

Der Nachredner hat den Vortheil, daß er nicht wie sein Vorfahrer und Kollege, der Vorredner, mit bloßen Titularlesern spricht, sondern mit wirklichen, d. h. mit solchen, die außer dem Titel auch das Buch selbst gelesen haben. Mit diesen kann er ein ernsthafteres Wort sprechen, und sogar hoffen, gelesen zu werden.

Ob es Gespenster gebe, soll eine sehr unentschiedene und streitige Sache seyn, aber entschieden und unstreitig ist es, daß es Gespenstergeschichten giebt, und die Erfahrung, welche über Gespenster selbst sehr zweideutig belehrt, zeigt unwidersprechlich, daß sehr viel Leute die Gespenstergeschichten außerordentlich gern hören und lesen. Der geneigte Leser bezeugt mir dieses willig, denn wär es nicht so, warum hätte er sich denn durch dieses Bändchen bis zur Nachrede durchgelesen?

Damit begnügt sich aber der kritisirende Leser nicht, der neben dem Glimmer des Vergnügens auch noch gediegene Ausbeute fordert. Beweißt das Buch die Gespenster – fragt dieser – oder streitet es dagegen?

Keins von beiden, lieber kritischer Leser. So wenig du in deinen Mythologien eine Widerlegung des Polytheismus, oder eine Apologie des Heidenthumes suchst, eben so wenig erwarte in unserm Gespensterbuche etwas für oder wider den Gespensterglauben. Du liesest mit Vergnügen in deinem Ovid, wie der liebentzündete Dichtergott statt seiner Dafne ein Lorbeerreiß in die Hand bekam, ohne darum zu fürchten, daß du, statt süßes Minnesoldes von der Geliebten, dir nur den poetischen Lorbeer ersingen werdest, wiewohl dich in Petrarka's umkränztem Haupte ein bedenkliches Beispiel anblickt; so lies denn auch unsre Geschichten von alten Schlössern, Grabmälern, Wunderbildern, Schätzen, Todtenglocken, Vorzeichen, weißen Frauen, schwarzen Männern, grauen Zwergen, Leichentüchern u. s. w., ohne zu fürchten, daß dir etwas unheimliches der Art im Leben begegne, wenn auch eine alte Sage, die deine Wärterin dir erzählte, dadurch eine bedenkliche Bestätigung erhalten sollte.

Ueberhaupt, wie der Mythus die Dämmerung bezeichnet, vor dem Sonnenaufgang des Glaubens – Götterdämmerung als Morgen – so ist die Gespenstersage das Zwielicht vor dem vollen Tage der Erkenntniß. Denn Wunderbar nennen wir das, dessen Grund wir in unsrer Bekanntschaft mit der Natur nicht auffinden, und wahre Aufklärung verdrängt den Wunderglauben, indem sie jene Bekanntschaft erweitert, und das Wunderbare begreifen lernt; während die vermeinte, eingebildete Aufklärung die Thatsache selbst läugnet, weil sie das Wunderbare an ihr nicht begreifen kann, und es deßhalb für absolut unbegreiflich zu halten pflegt. So verfuhr sie z. B. mit den alten Nachrichten von Donnerkeilen und Steinregen.

Eine Geschichte des Wunderglaubens wär also für die Naturerkenntniß dasselbe, was eine Geschichte der Religionen für die Theologie. Da wir, ohne zu erröthen, gestehn dürfen, daß unsre Naturerkenntnis wenigstens noch im ersten Aufdämmern sei, so befinden wir uns in Ansehung des Wunderglaubens auf der Stufe, auf welcher wir polytheistische Nationen in Ansehung ihrer Mythen erblicken. Eine vollständige Geschichte dieses Glaubens muß daher einer erleuchteren Zeit vorbehalten bleiben, unser Verdienst kann bloß seyn, künftigen Forschern dieser Geschichte Materialien dazu aufzubehalten, wie unsre Vorzeit die religiösen Mythen für spätere Mythologen sammelte und aufbewahrte.

Und so, lieber kritischer Leser, möchtest du nicht ganz Unrecht haben, wenn du neben dem exoterischen Zweck der Unterhaltung noch einen esoterischen bei unserm Gespensterbuche forderst und vermuthest. Wir geben dir, als Materialien zu einer solchen Geschichte, die verschiedenartigen Erzeugnisse des Wunderglaubens in Gespenstersagen, Ahndungsgeschichten, Zauberhistorien, Mysterien, Feenmährchen, Legenden u. s. w., theils unverfälscht aus der Volkstradition aufgegriffen, theils abenteuerlich und fantastisch erfunden oder umgebildet. Denn, wie jene Mythen durch willkührliche Dichtung umgestaltet wurden, so widerfährt es auch diesen Sagen, und oft sondert sich, wie bei vermischten Metallen, das ächte vom unächten, nur bei einer gewissen Quantität fremdes Zusatzes.

Das zweite Bändchen, welches in der nächsten Messe erscheint, wird mehr eigentliche Gespenstersagen und Erscheinungsgeschichten enthalten, als dieses erste, so wie denn überhaupt, wenn das Interesse der Leser nicht ermüdet, jedes Bändchen, bei aller Mannichfaltigkeit, doch vorzüglich einer bestimmten Gattung des Wunderbaren gewidmet seyn wird.

 


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