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Die Verwandtschaft mit der Geisterwelt.

Ein häßliches Regenwetter verhinderte den verabredeten Morgenspaziergang der drei Freundinnen. Doch unterließen Amalie und Marie nicht, sich in Florentinens Wohnung zur festgesetzten Stunde einzufinden. Florentine war seit einiger Zeit viel zu still, tiefsinnig und reizbar geworden, als daß die theilnehmende Freundschaft die Anfrage hätte vergessen sollen, was eine Nacht für Eindruck auf die Kränkelnde gemacht habe, in der Sturm und Donner und alles Ungethüm gegen den Schlaf der Residenz verschworen schienen.

Wirklich kam auch Florentine äußerst bewegt ihnen entgegen und nahm sie mit besonderer Zärtlichkeit in ihre Arme.

»Ein schönes Spazierwetterchen!« rief Amalie. »Wie ist dir die heillose Nacht vergangen?«

»Nicht zum Besten, das könnt ihr leicht denken. Meine Wohnung hat bei solchem Wetter eine gar zu ausgesetzte Lage.«

»Zum Glück wird sie nicht lange mehr die Deinige seyn!« versetzte Marie lächelnd.

»Das ist wahr,« sagte Florentine mit lautem Seufzen. »Morgen kommt der Graf von seinen Reisen zurück, in der Hoffnung mich bald vom Altare in sein Haus zu führen.«

»Und nur in der Hoffnung?« rief Marie. »Die räthselhafte Betonung des Wortes läßt mich beinahe fürchten, daß du seine Hoffnung zu vereiteln denkst.«

» Ich? – Aber wie viele Hoffnungen des Lebens sind mehr als taube Blüthen?«

»Beste Florentine!« rief Marie an ihrem Herzen, »schon lange fragen wir uns, ich und meine Schwester, vergebens, was der Munterkeit unsrer geliebten Freundin widerfahren ist. Schon lange quält uns der Gedanke, daß vielleicht – Familienrücksichten die dir bevorstehende Ehe wider deinen Willen veranstaltet haben?«

»Familienrücksichten?« erwiderte Florentine. »Bin ich doch der einzige Zweig unseres Hauses, den das Erbbegräbniß noch nicht in seinen dunkeln Armen festhält. Und liebe ich denn meinen Bruno nicht mit der ganzen Gewalt jugendlicher Gefühle. Oder glaubt ihr, daß es nur schändliche Heuchelei war, wenn ich euch vor wenig Wochen noch den Mann meiner Wünsche mit ihren glühendsten Farben schilderte?«

»Wissen wir denn was wir glauben sollen?« rief Marie aus. »Und liegt nicht ein eben so großer Widerspruch darin, daß eine liebende Braut von Schönheit und Geist, Stand und Vermögen, die überdieß keiner geliebten Familie mehr entzogen werden kann, so sichtbar mit Schauer und Beben dem Traualtare näher rückt?«

Florentine reichte beiden Freundinnen ihre Hände. »Gute Seelen,« sprach sie, »ich muß mich schämen, daß ich eure Freundschaft noch nicht tiefer in dieses unwirthliche Dunkel blicken lassen. In diesem Augenblicke bin ich außer Stande dazu. Aber noch heute, hoffe ich, soll es geschehen. Doch, Lieben, laßt uns ein andres gleichgültigeres Thema für die Unterhaltung der nächsten Momente wählen.«

Die heftige Gemüthsbeschaffenheit, in der sich Florentine so unverkennbar befand, unterstützte ihr Verlangen bei den Freundinnen, und da diese das Wetter für den gleichgültigsten Gegenstand hielten, so suchten sie alle Bosheiten der vorigen Nacht mit einiger Laune aufzudecken, bis Marie endlich nicht sehr scherzhaft hinzufügte: »Wahrhaftig, ich will es nur gestehen, daß ich einige Male geglaubt habe, es gehe gar nicht mit rechten Dingen zu. Denn erst war es grade, als ob das Fenster unseres Schlafzimmers auf- und wieder zugemacht würde, und als ob nachher jemand meinem Bette immer näher träte. Trapp trapp, trapp trapp, klang es ordentlich, so daß mir ganz eiskalt dabei wurde, und ich mit dem Kopfe tief unter die Bettdecke fuhr.

»Ach,« fiel Amalie ein, »ich mag niemanden sagen, wie oft ich schon dergleichen mit angehört habe. Nur vor meine Augen ist mir bis jetzt noch nichts Unheimliches gekommen.«

»So will ich herzlich wünschen,« sagte hier Florentine sehr feierlich, »wünschen, daß keine von euch je in ihrem Leben eine Erfahrung dieser Art machen möge.«

Der tiefe Athemzug, der sich an ihre Rede hing, und das unruhige Auge, welches dabei auf die Freundinnen blickte, erschütterte diese augenscheinlich.

»Solltest du vielleicht selbst?« versetzte Amalie.

»Nicht ich so eigentlich – aber –. Doch verspart eure Wißbegierde. Auf den Abend, wenn ich ihn erleben – wenn ich, wollte ich sagen, da fähiger seyn sollte, auf den Abend hoffe ich euch alles mitzutheilen.« –

Marie stieß Amalien an, und diese verstand die Schwester sogleich. Es schien als ob Florentine gern allein seyn wollte, und so beunruhigend auch ihre Stimmung war, so konnte doch ein zudringliches Bleiben diese schwerlich verbessern. Das aufgeschlagene Kirchenliederbuch, welche Marien jetzt erst ins Auge fiel, verrieth noch mehr. Wie unversehens schob sie beim Suchen nach ihrem Shawl das Taschentuch, worunter der goldene Schnitt nur ein wenig hervorblickte, von dem Buche, und die Rubrik der Gesänge, mit denen sich Florentine vor ihrer Ankunft beschäftigt zu haben schien, hieß: Vom Tod und Sterben.

Der Abschied war reich an Thränen und so rührend, als ob er auf der Grenze zweier unvereinbarlicher Welten vorfiele.

Um so mehr sehnten die bekümmerten Freundinnen den Abend herbei, und um so froher sanken sie an Florentinens Busen, als sie von dieser mit einem ihr seit langer Zeit nicht mehr eigen gewesenen Humor begrüßt wurden.

»Lieben Kinder,« sagte sie dann, »verzeiht mein ungeschicktes Benehmen am heutigen Morgen. Von der bösen Nacht entkräftet, glaubte ich wirklich schon am Rande des Grabes zu stehen und mein Irdisches sowohl, als das Jenseitige, berücksichtigen zu müssen. Ich habe auch bereits diesen Vormittag meinen letzten Willen aufgesetzt und in der Obrigkeit Hände niedergelegt. Doch seit der Mittagsruhe fühle ich mich so wohl und bei guten Kräften, daß ich der Gefahr, welche mich diesen Morgen bedrohte, wieder entschlüpft zu seyn glaube.«

»Aber, liebes Herz,« versetzte Marie mit sanfter, gutmüthiger Mißbilligung, »wer wird sich durch eine schlaflose Nacht sogleich bis zu den trübsinnigsten Phantasien herauftreiben lassen?«

»Niemand so leicht. Auch ich nicht. Die Nacht war es jedoch bei weitem nicht allein. Sie fand mich schon auf einem Punkte, der ihrer kaum bedurft hätte. Doch keine unnützen Räthsel weiter. Ich will euch meine Schuld abtragen und Aufschluß über manches Unerklärliche in meinem Wesen und Betragen ertheilen. Macht euch nur immer auf seltsame und auffallende Ereignisse gefaßt. – Es wird aber bei der naßkalten Luft, von der das Zimmer nicht verschont geblieben ist, gerathen seyn, den Kamin zuvor in Thätigkeit zu setzen, damit der innere Frost, den doch vielleicht meine Erzählung hervorlocken könnte, von außen wenigstens keine Unterstützung erhalte.«

Während Feuer gemacht und Holz zu dessen Unterhaltung daneben gelegt wurde, bezeigte Marie und ihre Schwester die Freude über Florentinens so ganz veränderte Stimmung. Letztere konnte dagegen nicht genug beschreiben, wie wohl ihr der nunmehr gefaßte Vorsatz thue, ihren nächsten Freundinnen das lange verhaltne Geheimnis mit zuzueignen.

Als man wieder allein war, fing Florentine also an: »Ihr seid mit meiner seligen Schwester zwar ziemlich gut bekannt gewesen, aber genau kann nur ich mich rühmen mit ihr gestanden zu haben. Daher muß ich über sie selbst manches vorausschicken, ehe ich zur eigentlichen Geschichte komme, deren Hauptperson sie übrigens ist.

»Schon von ihrer Kindheit an hatte das Mädchen viel besonderes. Sie war ein Jahr jünger als ich. Aber während ich vor unsern gemeinschaftlichen Spielsachen mit ihr saß und in das bunte Allerlei meine ganzen Sinne versenkte, konnte sie oft halbe Stunden lang vor sich hinstarren. Ueberhaupt nahm sie nur geringen Antheil an allen Ergötzlichkeiten der lustigen Kinderwelt. Unsere Aeltern waren darüber nicht wenig besorgt. Sie schrieben Seraphinens Antheillosigkeit einem Stumpfsinne zu, welcher der Bildung, die ein Haus verlangte, dessen Vorsteher den ersten Platz im Lande nach dem Fürsten einnahm, überall in den Weg treten mußte. Man dachte deßhalb auch schon darauf, ihr in einem adelichen Stifte eine Stelle zu erkaufen, als mit einem Male die Sache sich anders wendete.

»Der bejahrte Lehrer nämlich, dem sie schon frühzeitig, gewissermaßen nur um ihre müßigen Stunden auszufüllen, anvertraut wurde, versicherte, daß ihm in seinem Leben keine Fassungskraft von dieser Auszeichnung vorgekommen sei. Unser Vater wollte zweifeln, allein des Mädchens Prüfung in seiner Gegenwart überzeugte ihn bald von des Lehrers Worten.

»Nun gab es sogleich Anstalten, um etwas Außerordentliches aus der kleinen Virtuosin im Lernen zu bilden, und Sprach-, Musik- und Tanzmeister begegneten einander zu allen Tageszeiten auf unserer Treppe.

»Aber der Vater merkte bald, daß er sich abermals verrechnet hatte. Der Unterricht in fremden Sprachen ging so wenig vorwärts, daß die Lehrer die Achseln zuckten und der Tanzmeister behauptete, Seraphine habe ein paar Füße, aus denen, so schön sie auch wären, doch im Leben nichts werden könne, weil ihr Kopf sich allzuselten die Mühe nähme, sich um sie zu bekümmern.

»Dagegen machte sie in der Musik solche Fortschritte, daß die nothdürftige Meisterschaft ihrer Lehrer bald nicht mehr zu ihrem Unterricht ausreichte. Im Gesange übertraf sie unsre geschicktesten Opernsängerinnen.

»Der Vater sah nunmehr wohl ein, daß seine Plane für dieses seltsame Kind bald zu enge bald zu weit waren, und daß er es an einem lockergehaltenen Bande seinen eigenen Weg müsse gehen lassen. Das gab denn Seraphinen Gelegenheit eine Wissenschaft besonders zu berücksichtigen, die man sonst nicht leicht zu der ihrigen gemacht haben würde, nämlich die Astronomie. Wahrlich, Ihr habt keinen Begriff, meine Lieben, mit welchem – Heißhunger möchte ich sagen – sie alle Bücher verschlang, die von den Sternen handelten, und welch Entzücken ihr die Fernröhre verschafften, mit denen sie der Vater an ihrem dreizehnten Weihnachtsfeste beschenkte.

»Allein gar bald reichte der Gang, den diese Wissenschaft in neuern Zeiten mit so vielem Erfolge genommen hatte, bei weitem nicht für Seraphinen aus. Nun verfiel sie, zu des Vaters großem Leidwesen, auf die fast vergessene Astrologie, und mancher Morgen fand sie noch über sterndeutenden Schriften, die am Abend ihr in die Hände gerathen waren.

»Die Mutter hatte, als sie starb, ein Wort an Seraphinen, wahrscheinlich eine Warnung, vor dieser Kunst, auf der Zunge, allein der Tod bemächtigte sich der Guten zu früh. Der Vater meinte, daß dergleichen sonderbare Neigungen sich in ihrem jungfräulichen Alter von selbst verlieren würden.

»Aber er wurde bald inne, daß sie auch als Jungfrau den Neigungen des Kindes noch so viel möglich getreu blieb.

»Ihr wißt, liebe Seelen, welches Aussehen ihre Schönheit am ganzen Hofe erregte, wie häufig der edle Wuchs, das goldene Haar besungen wurden, und wie besonders die verliebten Dichter scheiterten, wenn sie die räthselhafte Eigenheit ihres großen blauen, nur zu oft im Perlenglanze schwimmenden, Auges bezeichnen wollten. Ich kann wohl sagen, daß ich die herzlichgeliebte Schwester zuweilen nur umarmte, um diesem milden, heiligen Auge, von dem das fast allzublasse Gesicht den größten Theil seiner Hoheit entlehnte, gern so nahe als möglich zu stehen.

»Es geschahen dem Mädchen auch mehrere recht vortheilhafte Heirathsanträge, aber vergebens. Uebrigens hielt sie sich, wie ihr wißt, wo möglich nur zur Einsamkeit oder zu mir. Auch konnte sie nie eine Vorliebe für Putz und dergleichen gewinnen, ja sie vermied jeden Prachtanzug und die Gelegenheiten, bei denen so etwas erfordert wurde.

»Nur wer sie und ihr Eigenthümliches gar nicht kannte, konnte ihr dieß für Affektation auslegen.

»Eine ganz besonders merkwürdige Eigenheit entdeckte ich zufällig an ihr in ihrem funfzehnten Jahre, und ich werde den Schreck, den ich dabei hatte, in meinem Leben nicht vergessen. Ich kam grade von einem Besuche zurück nach Hause, und fand Seraphinen mit ganz unbeweglichen Augen nicht weit vom Fenster in des Vaters Studierzimmer stehen. Schon seit ihrer Kindheit gewohnt, in diesem Zustande nicht von ihr bemerkt zu werden, schloß ich sie in meinen Busen, aber auch dadurch brachte ich sie nicht zu dem Gedanken an meine Gegenwart. In diesem Momente fällt mein Blick in den Garten hinunter und ich sehe den Vater neben derselben Seraphine gehen, die ich in meinen Armen halte.

»Um Gotteswillen, Seraphine!« rufe ich, selbst erstarrt, wie das von mir umfaßte Marmorbild, und dieses fing nun an sich zu regen. Zu gleicher Zeit sucht mein Auge unwillkührlich den Garten wieder, und ich sehe den Vater allein, und ängstlich, wie es scheine, nach der vermißten Begleiterin umherforschend.

»Zwar bemühte ich mich den Vorfall der geliebten Schwester zu verbergen, doch unterließ sie nicht, mich mit theilnehmenden Fragen nach der Ursache meiner so sichtbaren Unruhe zu bestürmen. Ich lehnte ab was ich konnte, und erkundigte mich, ob sie schon lange im Zimmer wäre. Das, antwortete sie lächelnd, würde ich wohl am besten wissen, daß sie sich erst nach mir hier eingefunden habe. Vorher sei sie, wenn sie nicht irre, mit dem Vater im Garten gewesen.

»Dieses nur halbe Bewußtseyn eines unmittelbar vorangegangenen Zustandes würde mir übrigens an sich gar nicht aufgefallen seyn, da dergleichen bei dem seltsamen Mädchen sehr häufig vorzukommen pflegte.

»In demselben Augenblicke trat der Vater herein und rief: »Aber sage mir, Seraphine, wie du so plötzlich von meiner Seite und hier herauf gekommen bist? Wir waren doch im Gespräch, wie du weißt, und kaum hattest du eben ausgeredet, und ich sehe mich nach dir um, als ich mich allein finde. Daß du dich im nahen Busche verloren haben mußt, war natürlich. Aber auch da fand ich dich nicht, und nun bist du schon vor meinem Eintritte hier im Zimmer.«

»Sehr wunderlich,« sagte Seraphine, »und ich möchte selbst wissen, wie das zugehe.«

»Von Stunde an erklärte ich mir die schon zuweilen vom Vater bestrittene Meinung mehrerer Leute, welche Seraphinen, während sie bei uns im Hause gewesen war, anderswo gesehen haben wollten. Auch hatte ich nun in geheim meine eigenen Gedanken darüber, daß das Mädchen oft in ihrer Kindheit, sie wußte nicht ob im Traume oder wachend, von der Erde nach dem Himmel abgerufen worden zu seyn und dort mit den Engeln gespielt zu haben behauptete; ein Umstand, dem sie es zuschrieb, daß sie für unsre Kinderspiele so wenig Sinn hatte behalten können.

»So mächtig, wie diese Vermuthung, bestritt der Vater auch den Aufschluß, den ich über Seraphinens so schleunige Entfernung aus dem Garten erlebt hatte und ihm als ein Geheimniß hinterbrachte.

»Laß mich,« sagte er voll Unwillen, »mit den Wundern zufrieden, die eure tagtäglich damit genährte Phantasie so dankbar euch zurückgiebt. Es ist wahr, daß deine Schwester manche Eigenheit in ihrem Charakter und Wesen hat, bis zum Wunderkinde aber, das in unmittelbarem Verkehr mit der Geisterwelt steht, werdet ihr mir sie niemals hinaufschwatzen können.«

»Der gute Vater wußte zu jener Zeit noch nicht, daß der schwache Mensch Bestimmungen, wie das Wort niemals! wenn von der Zukunft die Rede ist, gar nicht in den Mund nehmen sollte.

»Ein und ein halbes Jahr später ereignete sich ein Vorfall, der seine zeitherige Denkweise darüber in ihren Wurzeln hätte erschüttern können. Es war ein Sonntag, an dem Seraphine und ich einen schon lange verschobenen Besuch endlich abstatten wollten. Aber so gern auch meine Schwester in meiner Gesellschaft war, so vermied sie solche doch lieber, wenn sie sie nicht anders als mit dem genußlosen Zwange einer glänzenden Assemblee erkaufen konnte. Das Ankleiden dazu war ihr eine Vorhölle, weil sie bei dieser Bemühung dachte, daß sie sich derselben nur unterzog, um mit Leuten zusammen zu kommen, deren Leerheit und Glätte ihr in der tiefsten Seele zuwider war. Zudem fand sie bei dergleichen Gelegenheiten zuweilen Physiognomieen, an die sie kein Wort ohne Schauder richten, deren Nähe sie auf mehrere Tage krank machen konnte.

»Auch diesesmal wollte sie mich, wie die Zeit heranrückte, doch wieder allein fahren lassen, als der Vater, der es vermuthen mochte, in unser Zimmer trat und auf Abänderung ihres Vorsatzes bestand. »Man kann sich unmöglich von allen Rücksichten lossprechen,« sagte er, und verlangte, daß Seraphine noch schleunigst sich fertig machen und mich begleiten solle.

»Die Dienerin war eben von mir weggeschickt worden, daher ging meine Schwester selbst mit dem Lichte, um sich ihren Anzug aus dem im obern Stocke stehenden Kleiderschrank herbei zu holen.

»Sie blieb länger, als ein so bald abzuthuendes Geschäft erfordert hätte.

»Wie sie endlich ohne Licht wieder hereintrat, stieß ich einen Laut des Entsetzens aus. Der Vater selbst fragte mitleidig: »Was ist dir widerfahren, mein gutes Kind?« Ihr Gesicht war nämlich seit ihrer Abwesenheit von einer Viertelstunde vollkommen anders geworden, ihre gewöhnliche Blässe in eine todtähnliche Bleichheit, und die Rosenfarbe ihrer Lippen in ein unscheinbares Blau übergegangen.

»Unwillkührlich öffneten sich meine Arme für das inniggeliebte Wesen. Meine Augen fragten kläglich, da mein Mund den ihrigen nicht zur Antwort bewegen konnte. Aber lange Zeit lag sie starr und sprachlos an meinem Herzen. Bloß der unendlich liebevolle Blick, mit dem sie mich und den Vater ansah, gab zu erkennen, daß dieses reizende, unerklärbare Leben der Welt noch wirklich angehörte, oder, weil letzteres eigentlich niemals Statt fand, ihr noch nicht gänzlich entzogen war.

»Eine Krankheit überfiel mich,« so viel brachte sie endlich leise heraus, »doch ist mir jetzt in der That schon besser.«

»Sie fragte den Vater, ob er noch verlange, daß sie in die Gesellschaft gehe. Doch dieser fand es unter solchen Umständen bedenklich. Mir jedoch erließ er den Besuch durchaus nicht, so sehr ich ihm auch zu verstehen gab, daß ich der guten Seraphine vielleicht unentbehrlich seyn könne, und ich ging mit dem bekümmerten Herzen von ihr.

»Ich hatte den Wagen mich abzuholen sehr zeitig bestellt, und doch machte es meine gränzenlose Unruhe mir unmöglich ihn zu erwarten, daher ich früher zu Fuß nach Hause ging.

»Der Bediente, den ich zur Begleitung mitgenommen, konnte mir kaum nach, so sehr eilte ich, um den verhaßten Raum zwischen mir und Seraphinen baldmöglichst an ihrem Herzen zu vergessen.

»Aber in dem Zimmer wurde meine Ungeduld noch immer nicht befriedigt.

»Wo ist sie denn?« fragte ich ungestüm.

»Wer?«

»Wer anders, als Seraphine?«

»Fräulein Seraphine sind im Kabinet von Ihro Excellenz.«

»Allein?«

»Mit Ihro Excellenz.«

»Ich eilte nach dem Kabinet und fand die Thür verschlossen. Doch öffnete man in demselben Augenblicke und beide traten heraus.

Seraphine weinte, und an dem Vater bemerkte ich ein verlegenes, beklommenes Wesen, das ich noch niemals an dem gewandten Staatsmanne wahrgenommen hatte.

»Auf meinen freundlichen Wink folgte mir Seraphine sogleich in ein anderes Zimmer. Zuvor mußte sie jedoch dem Vater versichern, daß sie ihres, mir zur Zeit noch unbekannten, Versprechens eingedenk seyn wolle.

»Seraphine schien so voll von innern widersprechenden Bewegungen, daß meine Sehnsucht nach Kenntniß von der geheimnißvollen Begebenheit, die sie vorhin in einen so krankhaften Zustand versetzt hatte, mehrmals vergebens sich zu äußern bestrebte. Endlich aber gelang es mir, und Seraphine sagte: »Dein Wunsch soll zum Theil erfüllt werden. Ich will dir etwas von dem Räthsel lösen. Jedoch nur unter einer nicht zu erlassenden Bedingung.«

»Ich zeigte mich begierig diese zu hören, und sie fuhr fort:

»Schwöre mir, mit dem was ich dir entdecke, zufrieden zu seyn, und nie in mich zu dringen, nie deine Gewalt über mein Herz dazu zu mißbrauchen, auch die Wissenschaft von dem zu erlangen, was ich gezwungen bin dir vorzuenthalten.«

»Ich schwöre!«

»Und nun vergieb mir auch, geliebteste Florentine, daß ich dir, zum ersten Male in meinem Leben, etwas verheimliche, so wie, daß ich bei dem geforderten Versprechen dein bloßes Wort nicht zureichend achtete. Der Vater, dem ich das Ganze mittheilte, hat mir beides zur Pflicht gemacht, und seine letzte Rede hatte einzig darauf Beziehung.«

»Ich bat nur daß sie zur Sache kommen möchte.

»Hierauf fing sie an: »Ich kann dir nicht sagen, welch eine Last auf meine Seele fiel, als ich vorhin nach meinen Kleidern gehen sollte. Wie ich die Thüre zwischen euch und mir zugemacht hatte, war es grade, als ob ich von dem freundlichen Leben geschieden sei, und bis zu einer bessern Heimath noch viele schauerliche Nächte zu durchreisen habe. Die Luft auf der Treppe war nicht dasselbe Element, das uns hier gemeinschaftlich umfängt. Es war eine Luft, die mir den Athem versetzte und große, kalte Tropfen über die Stirne heruntertrieb. Ich ging auch nicht allein auf der Treppe, so viel war ausgemacht. Gleichwohl wagte ich es lange nicht, mich umzusehen.«

»Du weißt, Florentine, wie ich nach dem Tode unserer gütigen Mutter so sehnlich, aber vergebens wünschte und betete, daß sie mir doch nur noch Einmal erscheinen möchte. Jetzt nun glaubte ich den Geist der Verstorbenen auf meinen Fersen zu hören, und fürchtete, daß er nur gekommen sei, mich wegen des damaligen Wunsches und Gebetes zu bestrafen. Seltsam genug war freilich der Gedanke, daß die so unendlich Gütige durch das zärtliche Verlangen ihrer geliebten Tochter sich hätte beleidigt finden und es ihr als Vorwitz auslegen sollen. Eben so seltsam, daß sie jetzt erst, nachdem das Grab ihre Gebeine schon Jahrelang fesselte, auf eine Strafe hätte denken sollen, deren Ursache ich fast vergessen hatte. Auch fühlte ich bald darauf diese Seltsamkeiten in dem Grade, das ich bis zu dem Muthe gelangte, mich umzublicken.«

»Ob nun aber schon mein bebendes Auge nicht das mindeste zu entdecken vermochte, so schritt es doch, als ich weiter stieg aufs neue und immer vernehmlicher hinter mir her. Ja, oben in der Thüre des Zimmers fühlte ich meinen Rock festgehalten, so daß ich erschrocken nicht weiter konnte und an der Schwelle niedersank.«

»Ich verwies mir jedoch gar bald meine unzeitige Furcht, als ich gewahr wurde, daß alles sehr natürlich zuging, und mein Rock an der Handhabe eines alten Geräthes hängen geblieben war, das auf den Gang gesetzt worden, um den andern Tag aus dem Hause geschafft zu werden.

» Der Umstand ermuthigte mich von neuem. Ich gehe hierauf nach dem Kleiderschranke; denke dir aber den Todesschauer, der mich überfällt, als, wie ich eben aufschließen will, beide Schrankthüren ohne alles Geräusch sich öffnen, das Licht in meiner Hand auslöscht und gleich, als stünde ich vor dem Spiegel, mein getreues Abbild herausgetreten kommt, das mit dem Lichte, welches von ihm ausströmt, einen großen Theil des dunkeln Zimmers erleuchtet.«

»Was zagst du,« so redet es mich an, »vor deinem eigenen Wesen, das nur zu dir tritt, um dir das Bewußtseyn deines nahen Todes zu verschaffen und die Schicksale deines Hauses zu offenbaren.«

»Die Erscheinung entdeckte mir hierauf, was geschehen soll, und wie ich nach tiefem Sinnen über die prophetische Stimme, an die Prophetin selbst eine Frage, Deinetwegen eine Frage richten will, ist das Zimmer dunkel und alles Uebernatürliche verschwunden. – Das, Geliebteste, ist, was ich dir davon sagen darf.«

»Dein Tod schon nahe?« rief ich aus, weil der Gedanke in diesem Augenblicke alle andere verdrängte.

»Sie nickte freundlich und machte übrigens ein Zeichen, daß ich auch dieses Punktes halber nicht weiter in sie dringen möchte. Der Vater, fügte sie noch hinzu, habe versprochen, mir zur rechten Zeit das Nöthige selbst mitzutheilen.

»Zur rechten Zeit!« wiederholte ich, leise klagend. Denn es schien mir, nachdem ich so viel wußte, die höchste Zeit, alles Uebrige gleichfalls zu erfahren.

»Ich äußerte auch diesen Abend noch gegen den Vater so etwas. Doch er war unerbittlich. Dabei meinte er, daß ja wohl vielleicht alle die Dinge, welche Seraphinen begegnet wären, einer aufs höchste gereizten und in Unordnung gebrachten Einbildungskraft zuzuschreiben seyn möchten.

»Aber, als am dritten Tage nachher meine Schwester wirklich bettlägerig wurde, da schienen seine Zweifel wieder an Kraft zu verlieren, und ob man mir schon ihren Sterbetag nicht bezeichnet hatte, so merkte ich doch aus der Heftigkeit, mit welcher die schon Todtenbleiche bald mich, bald den Vater auf ihr Lager nieder, und in ihre Arme zog, daß die Entscheidungsstunde nahe seyn möchte.

»Wird die Glocke bald neun Uhr schlagen?« fragte sie, als wir Abends an der Betenden Bette saßen.

»Bald!« antwortete der Vater.

»Nun so denket mein, ihr Lieben, bald sehen wir uns wieder!« Sie drückte uns die Hand und sank grade mit dem Glockenschlage aufs Bette, um sich nicht wieder zu erheben.

»Der Vater hat mir das alles erst nachher gesagt, denn ich war in solcher Bestürzung, daß ich durchaus nichts von mir selbst wußte.«

»Erst als Seraphine die Augen geschlossen hatte, erwachte ich wieder zu einem in diesem Momente mir ganz verächtlichen Leben. Ich konnte mich darüber nicht fassen, daß die Stumpfheit, worein der bevorstehende Verlust mich versenkt hatte, der Verschiedenen wohl gar wie ein Mangel an Liebe vorgekommen seyn könne, und vermag es noch immer nicht, diese mein Herz vernichtende Scene, ohne einen heftigen Fieberfrost in mein Gedächtnis zurückzurufen. –

»Es versteht sich,« sagte mein Vater am Begräbnißabend grade um dieselbe Stunde, und zwar hier am Kamine, »es versteht sich, daß die sogenannte Erscheinung für jetzt noch ganz verschwiegen zu halten ist.«

»Ich fand das ebenfalls, konnte mir es aber nicht erwehren hinzuzufügen: »Noch immer also, lieber Vater, da schon ein Theil der Voraussagung so grauenvoll in Erfüllung gegangen, noch immer sagen Sie, die sogenannte Erscheinung?«

»Ja wohl. Du weißt noch nicht, mein gutes Kind, was der Mensch für ein gefährliches Wesen an seiner eignen Phantasie mit sich herumträgt. Seraphine wird nicht das letzte Opfer dieser Mörderin seyn.«

»Wir saßen, ich wiederhole es, grade so wie ich jetzt sitze, und ich wollte ihm eben, ich habe vergessen was, darauf erwiedern, als ich gewahr wurde, wie sein Blick mit ängstlicher Aufmerksamkeit auf der Thüre ruhte. Weßhalb wußte ich nicht, auch konnte ich an der Thüre noch gar keine Veränderung wahrnehmen. Doch eine Minute später ging plötzlich die Thüre von selber weit auf.«

Florentine hielt hier, wie von dem Grauen der damaligen Zeit aufs neue überwältigt, ein wenig inne, und in diesem Augenblicke sprang Amalie lautschreiend vom Stuhle.

Man fragte, was ihr fehlte, aber sie blieb lange die Antwort schuldig, wollte auch ihren Stuhl, dessen Lehne nach der Thüre gekehrt war, durchaus nicht wieder einnehmen. Endlich jedoch gestand sie, sich ängstlich umsehend, daß sie auf Einmal von einer eiskalten Hand am Nacken gefaßt worden sei.

»Da haben wir die leibhafte Phantasie,« rief Marie sich erholend. »Ich selbst bin das gewesen. Ich hatte ja schon lange meinen Arm auf deinen Stuhl gelehnt, und fühlte bei der aufgehenden Thüre das Bedürfnis, mich an etwas Lebendes anzuhalten. – Wie war es aber mit der Thüre?«

»Seltsam genug!« fuhr Florentine fort. Ich schauderte zusammen, lehnte mich an den Vater, und fragte, ob er nicht eine Art von Licht, oder Schimmer, oder irgend etwas anderes Blendendes hereinquillen sähe?

»Und wenn ich es nun sähe,« antwortete er mit merklich bewegter, leiser Stimme. »Wir haben beide ein sehr geliebtes Wesen eingebüßt, sind also beide gewissermaßen in der nämlichen exaltirten Gemüthsverfassung. Unsre Einbildung kann daher auch wohl gar leicht auf einen und denselben Abweg gerathen. Daß übrigens eine Thüre von selbst aufgeht, das ist sehr gut natürlich zu erklären.«

»Ich dächte aber doch, man versuchte sie wieder zuzumachen!« sagte ich, ohne den Muth zur Ausführung zu haben.

»Das können wir auch!« sprach er. Allein mit sichtbarem Beben stand er dazu auf und ging nur einige Schritte, um dann wieder umzukehren und hinzuzufügen: »Wir können die Thüre ja offen lassen. Es wird ohnehin etwas zu warm im Zimmer.«

»Uebrigens bin ich durchaus nicht im Stande den sonderbaren Schein zu vergleichen oder zu beschreiben, auch versichere ich euch, daß wenn statt seiner, der Schatten meiner geliebten Schwester hereingetreten wäre, ich ihn gewiß mit offenen Armen aufgenommen hätte. Denn nur das Räthselhafte und Unbestimmte dieser seltsamen Lufterscheinung war es, was mir Furcht und Schauder erregte.

»Bald darauf kam die Dienerschaft mit dem Souper, und alles blieb an diesem Tage ohne weitere Folgen.

»Die Zeit verwischte indessen zwar keineswegs das Andenken an unsre Unvergeßliche, aber wohl an diese ungewöhnliche Erscheinung. Der Umgang mit euch, ihr Lieben, ward mir seit Seraphinens Hintritt eine sehr ersprießliche Zerstreuung und allmählig eine nicht zu entbehrende Gewohnheit. Ich dachte kaum flüchtig noch daran, was meiner Schwester Ebenbild unserm Hause geweissagt haben könne und ließ an euerm freundschaftlichen Arme dem harmlosen Leichtsinne der Jugend den Zügel.

»Ein herrlicher Frühling beförderte die Heiterkeit durch mannichfache Anregungen. Einesmals hatte euch eben die Abendglocke nach eurer Behausung gerufen, als ich mich noch immer nicht von unserem buntfarbigen Garten zu trennen vermochte, und wie trunken von dem reinen Himmelblau und dessen goldenem Saume und den milden gewürzhaften Wellen der Abendluft auf- und niederhüpfte.

»So in den unschuldigsten Genuß meines Daseyns versunken, gehörte eine auf und niederschwirrende Fledermaus dazu, mir die Zeit der Rückkehr in's Haus anzukündigen. War ich dießmal ganz außer Acht gelassen worden, oder wie ging es sonst zu, daß der seit der Schwester Tode um meine Gesundheit zwiefach besorgte Vater, welcher von meinem Aufenthalt im Garten unfehlbar wußte, mir nicht, wie gewöhnlich, eine wärmere Bekleidung heruntergeschickt hatte?

»Indem ich dieß bedachte, so schüttelte mich ein eigentlicher Fieberfrost, den der indessen zwar kühl, doch keinesweges kalt gewordene Abend an sich kaum hervorzubringen vermochte. Von ungefähr fiel mein Blick auf die blühenden Bäume und das seltsame Licht, das an Seraphinens Begräbnißtage zur Thüre hereingequollen war, schien auf ihnen zu lagern und alle seine Strahlen nach mir herüberzuwerfen. Die Blütenallee war Seraphinens Lieblingsplatz gewesen.

»Dieser Gedanke gab mir den Muth mich zu nähern, weil ich ihren Schatten dort zu finden hoffte. Da aber mein Hoffen ohne Erfüllung blieb, so flog ich bald auf bebenden Füßen in unsre Wohnung.

»Doch hier fand ich wieder viel Ungewöhnliches. An das Souper, das ich schon halb versäumt glaubte, dachte noch kein Mensch. Vielmehr liefen die Dienstleute mit schleunigem Einpacken von Kleidern und Hausgeräth beschäftigt in grosser Bestürzung durch einander.

»Wer verreiset denn?« fragte ich.

»Mein Gott, das wissen Sie nicht?« rief der Haushofmeister. »Ihro Excellenz, Sie, wir alle.«

»Und wann denn?«

»Diese Nacht noch auf die Güter.«

»Warum denn das?«

»Man zuckte die Achseln und ich eilte in des Vaters Kabinet. Er saß auf seinem Lehnstuhle vor sich hinsehend.

»Die zweite Prophezeihung unsrer Seraphine« so redete er mich an, »wäre also doch ebenfalls eingetroffen. Grade die unwahrscheinlichste; ich bin in Ungnade gefallen.«

»Das hat sie auch vorausgesagt?«

»Freilich! es ist wahr, ich habe dir's verheimlicht. – Uebrigens füge ich mich gelassen in mein Geschick. Mag ein Anderer den gefährlichen Platz besser zu behaupten suchen. Ich will auf unsern Gütern dir und meinen Unterthanen leben.«

»So gewaltsam mich auch sein Unglück mit berührte und aus allen zeitherigen lieben Verhältnissen riß, so wirkte doch seine Fassung recht wohlthuend auf mein Gemüth.

»Nach Mitternacht ging die Reise fort und mein Vater fand sich so gut in den veränderten Zustand, daß er in vollkommener Heiterkeit auf seinem Eigenthume anlangte.

»Hier gab es mancherlei zu thun, einzurichten und zu verbessern, und bald hatte sich seine Liebe zur Thätigkeit einen behaglichen Wirkungskreis geschaffen.

»Hieraus entfernte ihn jedoch nicht lange darauf eine Unpäßlichkeit, welche die Aerzte für bedeutend hielten. Er gehorchte zwar ihrer Verordnung, sich gänzlich von Geschäften loszumachen, jedoch ohne auf einigen Nutzen zu hoffen. »Seraphine,« sagte er jetzt, ganz von seiner vorigen Meinung zurückgekommen, »Seraphine hat zweimal wahr geredet. Sie wird es auch das dritte Mal.« Es erschütterte mich heftig, als ich vernahm, daß er in Kurzem zu sterben glaubte.

»Wirklich verfiel er zusehends, wurde bettlägerig und rief mich einst Abends zu sich, nachdem er alle Fremde aus dem Zimmer gewiesen hatte.

»Die Erfahrung« sagte er, und das schon mit schwacher Stimme und nach häufigem Innehalten, »hat meinen Unglauben geheilt. Die heutige neunte Stunde ist nach Seraphinens Aussage mein Todesaugenblick, daher zwei nothwendige Worte an dich, meine Geliebte. Bleibe, wo möglich, in deinem jetzigen, unverheiratheten Zustande. Das Geschick scheint es auf Erlöschung unseres Stammes abgesehen zu haben. – Weiter nichts vor der Hand davon. – Sollte indessen einmal die Ehe dein ernstes Bestreben werden, so vergiß nicht dieses Blatt zu eröffnen und zu lesen. Doch ist es mein ausdrücklicher Wille, daß die Eröffnung nicht früher geschehe, weil dir außerdem das Papier zwecklose Unruhe verursachen könnte.«

»Bei diesen Worten, welche mein Schmerz schluchzend empfing, zog er unter seinem Kopfkissen ein versiegeltes Blatt hervor und händigte mir es ein. Uebrigens war der Augenblick für mich durchaus nicht gemacht, über das Wichtige seiner Ermahnung nachzudenken. Das trostlose Bild der neunten Stunde, in der der gute Vater hernach, an meine Schulter gelehnt, wirklich hinüberschlummerte, raubte mir alle weitere Besinnung.

»Seinen Begräbnißtag zeichnete der unnatürliche, blendende Schimmer von neuem aus.

»Ihr wißt, wie ich hierauf sogleich die Residenz aufsuchte, um in euerm lieben Umgange Trost zu finden. Ihr wißt auch, wie die Kraft meiner Jugend euere Bemühungen mir eine annehmliche Existenz zurückzugeben, begünstigte, und wie ich dem Leben wieder allmählig eine erfreuliche Ansicht abgewann. Nicht weniger ist es euch bekannt, daß zwischen mir und dem Grafen in der Folge Verhältnisse Statt fanden, welche die Ermahnung meines Vaters zur Ehelosigkeit kraftlos machten. Der Graf liebte mich, ich liebte ihn. Mehr bedurfte es kaum zu meiner Ueberzeugung, daß ich nicht unverheirathet bleiben könne, auch hatte der selige Vater dieses nur verlangt, wenn es mir möglich wäre.

»Ich glaube übrigens, daß er, indem er mir das versiegelte Papier in die Hände gab, einen wiewohl sehr verzeihlichen Mißgriff gethan hat. Denn grade das geheimnisvolle Siegel beunruhigte mich höchlich und würde, ich gestehe es gern, vielleicht beigetragen haben, mich sogar zur Ehe mit einem minder geliebten Manne zu überreden, weil ich ja außerdem niemals erfahren hätte, was die Weissagung der seligen Schwester in Hinsicht meiner betroffen haben möchte. –

»Da nun meine künftige Heirath so gut als gewiß war, so zögerte ich nicht länger die verhängnißvolle Schrift aufzuschneiden. Hier habe ich sie, und will sie euch vorlesen:

»Seraphine wird Dir bereits mitgetheilt haben, daß die bewußte Erscheinung, als sie sie Deinethalben noch um etwas befragen wollte, plötzlich verschwunden war. Das unerklärbare Wesen hatte nämlich unter andern auch Deiner gedacht, und sein trostloser Ausspruch, daß Du drei Tage vor Deiner Hochzeit, in der uns allen so gefährlichen neunten Abendstunde verscheiden würdest, Deine selige Schwester nach der ersten Bestürzung zu der Frage vermocht, ob Dein Leben sich nicht außer der Ehe bewahren ließe.«

»Leider war freilich die Antwort ausgeblieben, doch ist nach meiner Ueberzeugung auf dem Pfade zum Traualtare nur Untergang für Dich zu finden, daher meine Vermahnung an Dich, im jungfräulichen Stande zu bleiben. Wenn Du es Deiner Neigung angemessen findest! setze ich hinzu. Denn ich weiß nicht, ob dieser Ausweg Dir auch gewiß Rettung bringen wird.«

»Dich, herzlichgeliebtes Kind, aller Angst vor der Zeit zu überheben, wollte ich die Offenbarung des Ganzen bis zu dem bedenklichen Augenblicke Dir vorenthalten. Ueberlege nun, was Du zu thun hast.«

»Unfehlbar wird Dich mein Schatten beim Lesen dieser Zeilen segnend umschweben, mögest Du auch unter den beiden Wegen wählen, welchen Du wollest.«

Florentine legte das Blatt stillschweigend wieder zusammen, und sagte nach einer, zufolge der Versicherung ihrer beiden Freundinnen, sehr unwillkommenen und unbehaglichen Pause:

»Von dieser Zeit, lieben Kinder, mag wohl die Veränderung herrühren, die ihr mir zuweilen vorgeworfen habe. Doch sagt mir nun auch, wer an meinem Platze nicht gestört, ja halb vernichtet werden würde von der Weissagung, daß ihm an der Schwelle seines höchsten Glückes der Tod begegnen solle?«

»Und hiermit bin ich am Ende meiner Erzählung. Denn morgen kommt Bruno von seinen Reisen zurück und sein gränzenloses Verlangen hat unsre Hochzeit schon auf den dritten Tag seines Hierseyns angesetzt.«

»Also heute?« riefen Amalie und Marie mit Einer Stimme und dabei bleich und unruhig ihr Gesicht auf eine Stutzuhr gerichtet, welche so eben die Nähe der neunten Stunde aushebend verkündigt hatte.

»Ja heute ist der entscheidende Tag!« vollendete Florentine gefaßt und sogar heiter. »Seit dem schaurigen Morgen bin ich mir jedoch selbst wiedergegeben, und mein noch in diesem Augenblicke völlig gesunder Zustand versichert mir, daß der Tod heute wohl schwerlich mich erreichen möchte. Vielmehr wird eine Ahndung, eine herzliche Ahndung in mir recht lebendig, daß leicht diesen Abend mein lange genährter Wunsch erfüllt werden, daß meine geliebte Schwester mir erscheinen, und den wahrscheinlichen Irrthum ihrer Weissagung in dem, was mich betrifft, widerlegen könne. Geliebteste Seraphine, du wurdest mir so schnell, so lieblos entrissen. Wo bist du, daß ich dir die damals vorenthaltene Liebe endlich mit Wucher zurückgebe?«

Bewegungslos starrten ihre beiden Freundinnen auf die Uhr, welche jetzt eben die Stunde des Verhängnisses laut anzeigte.

»Willkommen!« jauchzte nun Florentine, als die zuletzt nur wenig beachtete und genährte Flamme des Kamins auf Einmal völlig erlosch. Das Fräulein eilte dazu von ihrem Sitze mit weit ausgebreiteten Armen vorwärts. Amalie und Marie blickten ächzend nach der Thüre, zu der Seraphinens, wie vom Vollmond erhellte, Gestalt hereingetreten war. Florentine umschlang die Geliebte mit ihren Armen.

»Dein auf ewig!« erscholl es jetzt, und man wußte nicht, ob der leise und schaurige Ton von Florentinens oder der Erscheinung Lippen, oder von beiden Schwestern zugleich gekommen war.

Unmittelbar nachher stürzten die Dienstleute mit verstörten Gesichtern herein, um zu sehen, was vorgegangen sei. Es hatte nämlich draußen geklungen, als ob alles Glaswerk und Porzellan im Zimmer auf Einmal zu Grunde gehen wolle. Statt dessen mußten sie ihre verehrte Gebieterin an der Thüre umgesunken finden. Von der Erscheinung keine Spur weiter.

Alle Mittel Florentinen ins Leben zu rufen blieben fruchtlos. Die Aerzte maßen es einem plötzlichen Schlage bei. Doch Marien und Amalien begleitet der Schauer der erlebten Scene durch's ganze Leben.

* * *

 


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