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Das Ideal.

Lange, lange vor der allgemeinen Sündflut gab es einen Prinzen, dem der Hof von Kindesbeinen an vorsagte, daß er in der Folge ganz scharmant regieren würde, und der sich das gerne gesagt seyn ließ.

König Huldibert, sein Vater, hatte aber auch die berühmtesten Professoren der berühmtesten Universitäten in der ganzen Welt zu seiner Bildung zusammen holen lassen, so daß Prinz Heckerling Gelegenheit gehabt hatte, sich über ihre entgegengesetzten Ideen, Begriffe, Systeme, Meinungen und sonnenklaren Beweise todt zu lachen, wenn er seiner künftigen Bestimmung nicht besser eingedenk gewesen wäre. Schon im zwölften Jahre war er ein Weltwunder, und nun mußten die schönen Künste herhalten. Da währte es denn gar nicht lange, so tanzte er wie der damalige Vestris, komponirte besser als der damalige Haydn, und was Poesie betrifft, so hätte der damalige Göthe bei ihm in die Schule gehen können. Weil er obendrein ein Ausbund von Schönheit war, und das Reich, dessen Erbschaft ihm bevorstand, an Glanz und Größe alle Reiche umher weit übertraf, so müßte ja die Liebe noch viel blinder als gewöhnlich gewesen seyn, wenn sie nicht auf ihn Jagd gemacht hätte. Alle benachbarten Prinzessinnen aber hatten keine Ruhe und ließen ihren Vätern keine Ruhe. Immer wollten sie den schönen Prinzen im Auge haben, und es hätte Noth gethan, daß die guten Väter ihren Thron an den Meistbietenden verkauft und an Huldiberts Hofe privatisirt hätten.

Aber die benachbarten Prinzessinnen alle miteinander waren dem König Huldibert nicht berühmt und vornehm genug für seinen Sohn. Wenigstens nahm man bei der Verheirathung des Prinzen Heckerling auf keine einzige von ihnen Rücksicht. Niemand schien dem Stolze des königlichen Paares zur Schwiegertochter tauglich, als die Thronerbin eines viele hunderttausend Meilen weit entlegenen ungeheuern Reiches, deren Schönheit der Ruf von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, bis in König Huldiberts Schloß ausposaunt hatte.

König und Königin entdeckten dem Prinzen, daß es zu einer würdigen Vermählung allmählig Zeit werde, und auf wen ihre Wahl gefallen sei. Wenn nun auch der Prinz des festen Glaubens lebte, daß die Natur ganz expreß für ihn ein Ideal habe aufwachsen lassen, so ward er's doch überdrüssig darauf zu warten, und ließ sich's nach und nach übel und böse gefallen, daß eine Gesandtschaft an den Hof des Königs Isegrimm geschickt wurde, welche dessen Tochter, die bezaubernde Isola, für ihn zur Gemahlin abholen sollte.

Man hatte schon ein entsetzlich großes Gesandtschaftspersonal ernannt und equipirt, als der Hofnarr die naseweise Frage aufwarf, in wie langer Zeit man denn wohl die Reise von vielen hunderttausend Meilen zweimal machen wolle? Das war bis dahin keinem Menschen eingefallen. Ehe die schwerfällige Gesandtschaft nur beim König Isegrimm anlangte, konnte die Prinzessin Isola längst verheirathet oder gar verstorben seyn, und im Fall sie ja noch ledig und lebendig gefunden wurde, so kam sie doch gewiß durch die Jahre schon unscheinbar gemacht und nicht eher an König Huldiberts Hofe an, als bis der König und seine Gemahlin längst zu ihren Vätern und Müttern versammelt waren. Denn der Ruf, der Isola's Schönheit hergebracht hatte, hätte viel Flügel haben müssen, um sie dem ansehnlichen Zuge zu borgen, und an Jakob Degen und seine Flugmaschinen war damals noch mit keinem Athem gedacht worden.

Diese Frage zerbrach mit Einem Male dem Könige und seinem Staatsrathe die Köpfe, und ein allgemeines Achselzucken war der Erfolg nach mancher qualvollen Nachtwache. Um jedoch wenigstens etwas in der Sache zu thun, wurde eine Preisaufgabe daraus gemacht, wer den Gesandten und seinen Sekretär in Zeit von wenigen Wochen zum König Isegrimm hin-, und nach glücklich beendigtem Auftrage, wenigstens die Prinzessin und den Gesandten, wieder zurück schaffen würde. Je unmöglicher die Sache schien, desto höher konnte der Preis gesetzt werden, und wirklich versprach König Huldibert dem glücklichen Spediteur seine reitzende Tochter, die Prinzessin Floribella, zur Gemahlin.

An allen Straßenecken und in allen Zeitungen war Floribella auf diese Weise ausgeboten worden, auch hatte man bereits einige unbefugte Schriftsteller, die sich über die Wohlfeilheit einer dergleichen Preisaufgabe vorlaut genug ausgelassen, bei den Ohren genommen, als ein Mann, der unter der vorigen Regierung des Landes verwiesen worden war, und an den keine Seele mehr gedacht hatte, mit dem Versprechen, des Königs Willen auszuführen, um sichres Geleit ansuchte.

Der Grund zu des Mannes damaliger Landesverweisung lag in ein Paar Siebenmeilenstiefeln und zwei außerordentlich hervorstehenden Höckern, womit seine Brust und sein Rücken versehen war. Mittelst der Stiefeln betrieb er nämlich nicht nur das Botenlaufen außerordentlich gut, sondern er machte sich obendrein zur lebendigen Postkalesche, indem er seine beiden Höcker also zu satteln verstand, daß vorn und hinten ein Passagier darauf reiten konnte.

So schlecht nun auch die Reisemaschine aussah, so gewährte sie doch jedem Reisenden, der bald an Ort und Stelle seyn wollte, den unläugbarsten Vortheil, daher denn der Mann, welcher nur unter dem Namen Höckerlein bekannt war, so viel Kunden hatte, daß um alle zu fördern, hundert Höcker mehr kaum hingereicht haben würden.

Was aber das gesammte Publikum dabei gewann, das verloren einzelne Innungen und Gewerbe. So litten z. B. die Roßkämme, Wagner, Landkutscher und Schmiede gewaltig darunter, und den Schuhmachern kam ihre Einbuße auch nicht zu gute, denn Höckerleins Siebenmeilenstiefel waren so vortrefflich zusammengezaubert, daß sie niemals besohlt oder ausgebessert werden durften. Nicht minder war Höckerlein Schneidern und Sattlern ein Dorn im Auge, weil er Kleider und Sattel durch ungünstige Gesellen machen ließ, die darauf besser als die günstigen Leute eingerichtet waren. Die Gastwirthe murrten laut, daß wegen des so üblich gewordenen Riesenschritts kein Mensch mehr bei ihnen einkehre. Die Weiber wollten nicht mehr schwanger werden, so lange Höckerlein im Lande herumginge. Sie fürchteten nämlich, daß wenn sie sich ja nicht an seinen Höckern versähen, dieß doch gewiß an seiner Nase einmal geschehen würde, die in der That so unförmlich war, daß es garnicht aussah, als ob er jemand einen ordentlichen Kuß zu geben vermöchte. Das Murren von einer Menge Gewerbe dauerte eine geraume Zeit fort, als endlich Zollbediente und Postmeister eine Beschwerde einreichten, die Hände und Füße hatte. Da nun Post- und Miethpferde mit ihren Gründen für Höckerlein kein Gehör fanden, so wurde der Mann durch Urtel und Recht des Landes auf ewig verwiesen.

König Huldibert schwankte einen Augenblick, ob er Höckerleins jetziges Erbieten annehmen sollte. Einer solchen Mißgeburt konnte er doch unmöglich seine schöne, sechzehnjährige Prinzessin geben! In der Hoffnung jedoch, daß der Mann, der ohnedieß inzwischen alt geworden seyn mußte, solche ungereimte Dinge nicht prätendiren, sondern mit Reichthümern und Titeln leicht abzufinden seyn würde, ließ der König den Geleitsbrief ausfertigen und abgehen.

Prinzessin Floribella fiel in Ohnmacht, als sich Höckerlein auf dem Schlosse einstellte, der König aber redete ihn folgender Maßen an: Mein lieber Höckerlein, ich denke mich eurer in der bewußten, wichtigen Sache zu bedienen, und verspreche euch, wenn ihr euer Wort erfüllt, und die Prinzessin Isola wirklich auf hiesigem Schlosse angekommen ist, ein paar tüchtige Hände voll der edelsten Edelsteine und ein paar hundert schöne Rittergüter. Auch sollt ihr als mein Oberreisemarschall hinfüro von jedermänniglich angesehen werden, und es dabei in euerm Belieben stehen, ob ihr in dieser Qualität Dienste leisten möget oder nicht. Das seht ihr übrigens wohl ein, daß ihr kein Mann seid für eine bildschöne Prinzessin aus meinem Hause.

Darauf antwortete die Mißgeburt: Nein, Herr König, das sehe ich gar nicht ein. Ich glaube vielmehr, daß mir die gerechte Natur eben durch meine enorme Häßlichkeit die nächsten Ansprüche auf eine Frau von enormer Schönheit gegeben habe. Und wahrlich, ich bin keinesweges gesonnen, meine Rechte selber mit Füßen zu treten.

Aber, bedenkt nur, versetzte der erschrockne König, meine Tochter ist schon jetzt in Ohnmacht gefallen über euern Anblick, was würde nicht erst geschehen, wenn sie euer Weib werden sollte!

Auch hiervon aber wurde das Tigerthier nicht gerührt, sondern erwiderte ganz kaltblütig, daß sich die Prinzessin allmählig an seine Häßlichkeit gewöhnen und sie für den Stachel ansehen würde, welcher der schönen Rose zugetheilt worden. Wie ich über ihrer Schönheit das Urtheil meines Spiegels vergessen werde, fügte er hinzu, so wird sie über ihrem Spiegel meine Häßlichkeit vergessen, und alles gar bald in die rechte Ordnung kommen.

Der König, welcher sich über diese so kecken als grausamen Reden gewaltig betrübte, versprach ihm alles Mögliche außer der Prinzessin, und gab ihm obendrein die schönsten guten Worte. Doch Höckerlein blieb dabei, daß er die Prinzessin eben verlange und sonst gar nichts. Huldibert entließ ihn hierauf mit der Weisung, in zwei Stunden wieder zu kommen, und berief seinen Staatsrath. Daß dieser schon wieder nichts als Achselzucken zu geben hatte, verdroß ihn dermaßen, daß er ihn auf der Stelle abdankte. Aber freilich blieb das königliche Wort, das demjenigen, der die bewußte Sache ausführte, die Prinzessin Floribella versprach, nichts destoweniger an allen Straßenecken und in allen Zeitungen stehen. Endlich hatte noch der Gesandte einen Ausweg gefunden. Der König möchte nämlich Höckerleinen immerhin die Prinzessin zusagen, er und sein Sekretär, welche vorläufig bestimmt waren, die beiden Sättel des Siebenmeilenstieflers einzunehmen, gedachten schon die Erfüllung des Versprechens zu hintertreiben. Der Sekretär sollte nämlich unterweges mit Höckerleinen Brüderschaft machen, ihm am Orte ihrer Bestimmung kurz vor der Rückreise einen dreitägigen Schlaftrunk beibringen, und während des Schlafes die Siebenmeilenstiefel ausziehen, welche er niemals abzulegen pflegte. Wenn dieß geschehen war, so sollte der Sekretär seinem eignen Körper ein paar ähnliche Vorsprünge, wie Höckerlein von der Natur erhalten hatte, durch die Kunst anfertigen lassen, und auf der Rückreise des Schlafenden Platz gänzlich einnehmen.

Zwar mißbilligte der König, daß die Sache auf einem Betruge beruhte, als ihm aber die außerordentliche Wohlthätigkeit dieses Betruges recht anschaulich gemacht worden war, da ließ er sich's gefallen, drang jedoch darauf, daß eine Menge Kostbarkeiten Höckerleinen, als Entschädigung, zurückgelassen würden. Denn daß dieser nach dem Verluste der Siebenmeilenstiefel die weite Rückreise im Leben nicht unternehmen könnte, darüber war der König und seine Familie mit dem Gesandten vollkommen einig.

Reiter und Pferd sollten aber wenigstens die Kostbarkeiten eines großen Gesandtschaftszuges an sich tragen, damit König Isegrimm sogleich schließen könne, welche würdige Hand es sei, worein er die Hand seiner Tochter Isola zu legen habe. Höckerlein selber wurde in die köstlichsten Zeuge gekleidet, und der Sattel des Gesandten mit den seltensten Perlen ausgeschmückt. Der Gesandte hatte jede Naht seines Kleides mit Brillanten besetzt, und der Sekretär war mit Rubinen und Smaragden überschüttet, trug auch überdieß einen aus den herrlichsten Edelsteinen gefertigten Blumen- und Früchtestrauß, als Geschenk für die Prinzessin Isola, der von den ungeheuern Brillanten und Karfunkeln so schwer wurde, daß er ihn kaum drei Minuten in Einer Hand halten konnte. Und damit doch die Ambassade auch die Ohren ergötzte, heftete man dem Sekretär, ungefragt, alle die goldenen Schellen an, die der Gesandte und Höckerlein sich in tiefster Demuth verbeten hatten.

 

Höckerlein, auf welchen die ganze Last zurückfiel, ächzte, bei aller Kraft, mit der ihn seine Zauberstiefel versahen, abscheulich, als die Reise fort und zwischen zwei unermeßlichen Reihen weit aufgesperrter Nasen und Mäuler hindurch ging, aber Ehre und Hoffnung spornten ihn, das Aeußerste zu thun, so daß er bald mit seiner Bürde an Ort und Stelle glücklich anlangte.

Das Geschäft reüssirte über Erwarten schnell. Der köstliche Blumen- und Früchtestrauß entzückte den König Isegrimm. Er gebot seiner Tochter, daß ihr der Prinz Heckerling gefallen sollte, auch wurde sie nach Verlauf von wenig Tagen dem Gesandten als Bevollmächtigten angetraut.

Dieser sah sein Glück in der hoffnungreichsten Blüte. Denn die Prinzessin war nicht nur über alle Begriffe schön, sondern ihr Vater versprach auch ohne alle Umstände, Heckerlings Erstgebornem seinen Thron und was dem anhängig.

Nichts blieb übrig, als des Sekretärs Geschäft wegen der Siebenmeilenstiefel. Mit dem aber wollte es mehrere Tage garnicht vorwärts. Es schien, als ob das Pferdemetier, welchem Höckerlein sich widmete, ihm auch zu einer ächten Pferde natur verholfen habe, denn der Schlaftrunk schlug selbst dann nicht an, wenn die Portion verdoppelt und verdreifacht worden war.

Der Gesandte gab schon Angstschweiß von sich, wenn er an das Unglück nach Höckerleins Rückkehr und die ungnädigen Blicke dachte, die es von König Huldibert und dessen Gemahlin und Tochter, für ihn abwerfen würde.

Endlich gelang dem Sekretär sein Vorhaben noch dadurch, daß er den Siebenmeilenstiefler in einen Zank mit mehrern Lastträgern verwickelte, welche ihm mit ihren freimüthigen Demonstrationen so zusetzten, daß körperliche Müdigkeit der Wirkung des Schlaftrunks zu Hülfe kam.

Der Gesandte war außer sich für Entzücken, als der Sekretär gegen Mitternacht einmal in den Siebenmeilenstiefeln zu ihm hereintrat. Auf seinen Befehl wurden sogleich der berühmteste Mechanikus und der geschickteste Sattler der Residenz aus dem Schlafe gepocht, um dem Sekretär das Maas zu nehmen und Sattel und Zeug zu verfertigen.

Weil der Ambassadeur bei Höckerleinen nicht ganz bequem gesessen hatte, so bestellte er die Sitze, deren Gestell der Sekretär abgeben sollte, um eine Viertelelle länger und breiter, auch ein paar goldene Lehnen zum Anhalten dazu. Dabei suchte er das unwillige Gesicht des Sekretärs durch die Vorstellung der unbeschreiblichen Ehre, die ihm widerführe, in die gewöhnlichen Falten zurück zu bringen.

Mit Tagesanbruch begab sich der Gesandte zu dem Monarchen, machte diesen mit den Eil erfordernden Umständen bekannt, und erlangte von ihm die Erlaubniß, Nachmittags mit der schönen Isola abreisen zu dürfen.

Damit auch keine Verhinderungsursache dazwischen käme, wurden dem Mechanikus und dem Sattler eine Uhr und ein Galgen vor die Hausthüren gesetzt. Die Uhr sollte ihnen nämlich das Herannahen der Mittagsstunde allaugenblicklich vorhalten, und der Galgen ihnen andeuten, wer nach dem Glockenschlage zwölf unfehlbar daran hängen würde, wenn Sitz und Sattel nicht zuvor fix und fertig wären.

Schon eine Stunde früher wurden die Uhren und die Galgen wieder weggenommen, und Sitz und Sattel obendrein so sinnreich und schön gefunden, daß Mechanikus und Sattler würden Gefahr gelaufen haben, als Hexenmeister verbrannt zu werden, wenn der König für dießmal kein Auge zugedrückt hätte.

Das einzige Bedenken waltete noch vor ob auch der Sekretär die äußerst solide und massive Arbeit würde ertragen können. Der Gesandte wartete auf ihn mit Ungeduld, und der König war sehr böse, daß er ihm nicht die Pünktlichkeit wie dem Mechanikus und dem Sattler eingeschärft hatte. Endlich kam alles darin überein, daß der Sekretär ein Verbrecher sonder Gleichen wäre, und man schickte Leute aus, ihn zu greifen und ihm die Siebenmeilenstiefel sammt den Beinen, die sich so lange erwarten ließen, mir nichts dir nichts, vom Leibe zu schneiden.

Die Leute kamen jedoch leider unverrichteter Sache wieder. Der Sekretär hatte nämlich nach reiflicher Ueberlegung, daß er zeither schon ärgerliche Lasten genug zu tragen gehabt, und daß vor dem jetzigen Uebermaße ein Gang über alle Berge am besten schützen würde, die Siebenmeilenstiefel bereits zu einer Promenade auf seine eigne Hand benutzt.

Da saß nun die Prinzessin und der Gesandte, während der Sekretär gut Lachen hatte über die Steckbriefe, welche nach ihm erlassen wurden, und welche ihm vorkamen, wie eine Heerde Schnecken, die einen Hasen einholen wollen.

Kein Mensch wußte, wie Isola ihrem Bräutigam in die Arme geführt werden sollte.

König Isegrimm ließ einem ganzen Kollegium, das er bei der schwierigen Sache vergebens um Rath gefragt hatte, die Köpfe vor die Füße legen, aber dadurch wurde das Kollegium nicht klüger und er auch nicht. Endlich fiel noch der Gesandte darauf, daß der vorige Besitzer der Siebenmeilenstiefel, als solcher, gute Konnexionen haben müsse, und ließ ihn, noch schlafend, in seine Wohnung bringen.

Beim Erwachen klagte er dem erschrockenen Höckerlein, daß der boshafte Sekretär sie insgesammt himmelschreiend überlistet hätte, und beschwor ihn, mit Hülfe seiner Freunde oder Freundinnen, auf Mittel und Wege zum baldigsten Rücktransport zu denken.

Als der erste Schreck vorüber war, erbot sich auch Höckerlein, die Fee, welcher er die Stiefel verdankte, zu citiren, und ihr, wo möglich, noch ein Paar dergleichen abzuschwatzen.

Wie er jedoch Wind bekam, daß der Gesandte nicht so unschuldig an dem Stiefelraube war, als er aussehen wollte, da war er weder durch Bitten noch Drohen eher zu bewegen, bis König Isegrimm seine Ehre verpfändet hatte, ihm im Gelingungsfall Huldiberts Tochter zur Gemahlin zu verschaffen.

Am Hofe des Königs Huldibert hatte sich aber inzwischen auch etwas sehr Bedenkliches ereignet. Prinz Heckerling wurde nämlich eines Tages auf dem Markte ein paar Alterthumskenner gewahr, die sich bei den Haaren gefaßt hielten. Auf seine Frage erfuhr er, daß eine eben angelangte weibliche Bildsäule die Ursache gewesen, die der eine dem Alterthum, der andre dem modernen Zeitalter zuzuerkennen gesonnen wäre.

Der Prinz vergaß gar bald Beweis und Beweisführer über der Statüe, gab auf der Stelle dafür, was der fremde Kunsthändler nur haben wollte, ließ sie auf das Schloß schaffen, und sagte zum Könige seinem Vater, so sollte und müßte seine künftige Geliebte aussehen. Denn das Original von dieser wäre es, welches die Natur mit ihm aus Einem Stücke gemacht hätte, und nach dem er sich nunmehr immerfort sehnen müsse, bis er mit ihm wieder vereinigt sei.

König Huldibert glaubte anfangs, sein vielgeliebter Sohn spaße bloß, und sagte lächelnd, daß die Prinzessin Isola ihn schon andres Sinnes machen würde. Aber der Prinz rief: Isola hin, Isola her. Wenn sie nicht ganz die Züge dieser Statüe hat, so mag sie immer bleiben, wo sie ist, oder der Gesandte sie an meiner Stelle behalten.

Nun erschrak König Huldibert über die so wunderlichen Aeußerungen, welche ihn um so mehr beunruhigten, da sie in keiner vorübergehenden Laune ihren Grund hatten. Denn der Prinz wurde von Tag zu Tage verliebter in die Statüe, unterhielt sich alle Nächte im Traume mit ihrem Originale, und die ganze übrige Zeit, jeden der ihm zu nahe kam, davon, wie das Traumbild spreche, oder tanze, oder singe. Denn von alle dem wurde er im Schlafe hinlänglich unterrichtet, hatte auch in kurzer Zeit viele Ballen Papier auf die Augen, den Mund, das Haar und den Wuchs der Einzigen verdichtet und verkomponirt.

Von der Prinzessin Isola fing er schon an ganz despektirlich zu reden, und arbeitete sich am Ende so tief in das neue Sehnen- und Thränensystem hinein, daß er an unmögliche Dinge gar nicht mehr glaubte, und einmal gradeweg vom Könige Huldibert verlangte, er solle doch Befehl geben, daß seine geliebte Statüe lebendig gemacht werde.

Darüber riß denn dem langmüthigen Könige der Geduldfaden, und er sagte: Ungerathener Sohn, habe ich dir darum eine so musterhafte Erziehung geben und dich mit allen möglichen Wissenschaften auffüttern lassen, daß du mir solche alberne Dinge zumuthest? Einsperren werde ich dich und dir eitel Brot und Wasser vorsetzen, damit dir die unnützen Gedanken und Triebe hübsch vergehen, und du einsehen lernest, wie sich ein vernünftiger Kronprinz zu geberden habe.

Und als auch diese kräftigen Worte nicht anschlugen, da führte der König die Drohung wirklich aus.

Aber das Mitleid der Königin Mutter verwandelte heimlich das Brot, das der Prinz erhielt, in köstliche Leckerbissen und das Wasser in Wein, so daß der Gefangene auf seiner Denkweise beharrte, und dem König Huldibert nach Verfluß einer Woche dreist sagen ließ: Er möchte ihn ganz unverzüglich auf freien Fuß stellen, wenn er nicht wolle, daß sich der Thronerbe den Kopf an der Wand entzwei renne.

Auch dieses Wort soll ihm das mütterliche Mitleid zugeflüstert haben.

So viel ist ausgemacht, daß es seine Wirkung nicht verfehlte.

König Huldibert ließ, als er es vernahm, Messer und Gabel vor Schrecken herunter fallen, und eilte in der einen Hand die Serviette, in der andern den Schlüssel, spornstreichs nach der Gefängnißthüre, um nun nothgedrungen die Güte zu versuchen. Aber der Prinz hörte und sah nichts als die geöffnete Thüre, sprang hinaus und in das Zimmer, wo die Bildsäule sich befand, und lag einen halben Tag vor ihr auf den Knieen.

Der König schickte ihm Leibes- und Seelenärzte, Moral- und Unmoralphilosophen vergebens über den Hals. Der Prinz warf die gedruckten Heilmittel so gut, wie die gekochten, zum Fenster hinaus. Ja, der König war, wenn er den Hausfrieden erhalten wollte, sogar genöthigt, einen Weltweisen, der allgemein für den ächten gehalten wurde, in's Narrenhaus zu placiren, weil er Prinz Heckerlingen vorgestellt hatte, daß aus dergleichen Passionen, wie er eine zu kultiviren geruhte, niemals etwas Gescheidtes herauskomme, daß obendrein die Bildsäule aus nichts weniger als schönen, sondern aus höchstalltäglichen Verhältnissen bestehe, und daß der Alterthumskenner, der sie für eine antike sitzende Venus gehalten hätte, ein Ignorant sonder Gleichen seyn müsse.

Das Letztere schien in der That beinahe so. Denn man hatte am Fußgestell eine ganz neue Jahrzahl und einen Künstlernamen entdeckt, der ebenfalls der neuern Zeit angehörte.

Hieraus schloß man, daß es ein Porträt sei, denn die Künstler der damaligen Zeit waren gewöhnlich viel zu arm, um ihre Phantasien in Marmor auszudrücken. Dazu kam, daß der Unbefangene wirklich nicht genug Phantasie an diesem Marmorbilde entdeckte, um es für eine Phantasie zu halten, ein Umstand übrigens, den niemand, dem das Schicksal des Weisen im Narrenhause zuwider war, sich zu äußern erkühnte.

Darin glaubte man übereinstimmen zu dürfen, daß die Bildsäule gestohlen seyn müsse, und das war ein großer Trost für den Prinzen Heckerling. Denn so hoffte er durch Zeichnungen, die er überall herumschickte, bald dahinter zu kommen, wer auf das Eigenthum des Marmors, und auf wen er selber Anspruch zu machen hätte. Aber lange Zeit vergebens.

Eine Vermuthung, welche den König Huldibert außerdem sehr betrübt haben würde, trug jetzt einiges zu seiner Beruhigung bei. König Isegrimm, meinte er nämlich, müsse unfehlbar seinen Antrag abgelehnt und die Siebenmeilenstiefel in seine Rüstkammer genommen haben, weil er sich das lange Ausbleiben der Gesandtschaft anders gar nicht erklären konnte.

Um nun seinem Sohne entweder das Urbild der Statüe zu verschaffen, oder es ihm aus dem Sinne zu treiben, veranstaltete er wöchentlich einige Bälle, zu denen die weibliche Jugend aller umliegenden Höfe nach und nach eingeladen wurde.

Seitdem wimmelten die Landstraßen immer von Balllustigen Prinzessinnen. Für andre Reisende waren keine Pferde mehr im Lande. Die Postmeister entliefen daher, und die Bauern mußten, wegen der tagtäglichen Spannfuhren, Pflug und Acker ruhen lassen, und hätten bald lieber den häßlichsten Teufel gesehen, als die allerschönste Prinzessin.

Weil aber Prinz Heckerling ganz ungerührt von den thränenreichen Vorstellungen und Bitten seiner Mutter und Schwester sich bei jedem Hofballe nur nach dem Original seiner Statüe umgesehen, und wenn er das nicht gefunden, allemal grade heraus gesagt hatte:

Auf Eine nur ist mein Sinn erpicht,
Die Andern alle mag ich nicht!

so wurden, als die Prinzessinnen im Umkreise von tausend Meilen durchgemustert waren, die Töchter der Standespersonen angefahren.

Als auch diese eine Menge glänzende Feste vergebens verherrlicht und manchen gescheidtern Mund wäßrig gemacht hatten, so kam die Reihe an die Bürgerstöchter und Bäuerinnen. Denn der König sagte: Ich will wenigstens das meinige thun.

Ob nun schon die Bäuerinnen, weil das Pferdegeschlecht im Königreiche durch die zeitherigen Anstrengungen so ziemlich ausgerottet war, sich ihrer dauerhaften Füße bedienen mußten, so machten sie doch außerordentliche Strecken Weges, um ihr Glück mit dem Prinzen zu versuchen. Umsonst. Das Urbild der Statüe war auch nicht unter ihnen, und Prinz Heckerling blieb bei seinem Wahlspruche:

Auf Eine nur ist mein Sinn erpicht,
Die Andern alle mag ich nicht.

Ueber den Aufwand, den dieß alles verursacht hatte, war der Staat in die bedenklichste Lage gerathen. In der Schatzkammer war nichts mehr zu finden als der Schatzmeister, der sich darinnen vor Langerweile aufgeknüpft hatte, und die Staatsbeamten bettelten Hand in Hand mit dem Bauersmanne vor den Thüren der Kellermeister, Köche, Fleischhauer, Zuckerbäcker, Seifensieder, Kaufleute, Schneider, Schuhmacher, Tanzmeister u. s. w., welche die auserlesensten Paläste um einen Spottpreis erstanden hatten.

König und Königin seufzten ungemein, und die Prinzessin Floribella vollends. Denn diese hatte das eigne Malheur, daß sie nun seit einem halben Jahre mit sechs Prinzen heimlich verlobt gewesen war, die allezeit unmittelbar nach der Verlobung der Schlag rühren mußte.

Eines Abends, wie der Prinz eben in die gewöhnlichen Gedanken verloren, einen Spaziergang am Flusse versuchte, stand mit Einemmale ein dunkler Herr vor ihm, den er, seiner überaus hagern Statur wegen, für einen Schutzgeist anzusehen beliebte. Der Herr beschied den Prinzen geheimnißvoll an das östliche Ende des Königreichs, wo er mehr erfahren würde.

Mit Anbruch des Tages setzte sich der Prinz zu Pferde. Sein Leibkavalier mußte ihn begleiten, und die geliebte Statüe in goldnem Futterale auf seinem Pferde mitnehmen.

Sie ritten ohne Aufhören, bis sie auf der Grenze ankamen.

In dem ganz einsam liegenden Wirthshause zum unsichtbaren Drachen, erkundigte sich der Prinz, weßhalb ringsum alles so öde läge?

Man spricht nicht gerne davon! sagte der Wirth mit Achselzucken, blickte dabei schüchtern um sich, und schrie dann, als ob er am Spieße stecke.

Der Prinz, erbost über das ungesittete Benehmen, hatte schon seinen Stock aufgehoben, als der Mann vor ihm auf die Knie fiel. In diesem Augenblicke trat der Herr herein, welcher ihn hierher beschieden hatte, und der bei Tage noch viel abentheuerlicher aussah, als bei Nacht, weil sein dünner Körper völlig aus Horn bestand.

Der Wirth bezeigte dem Angekommenen alle Ehrerbietung, und der Prinz war schon zufrieden, wie er an dem Hörnernen weder Pferdefuß noch Schweif entdeckte, welches, wie ihn seine Amme gelehrt hatte, die unerläßlichen Zeichen der verdächtigsten Herkunft waren.

Der Hörnerne erklärte nunmehr dem Prinzen des Gastwirths Schrei.

Der Mann war nämlich von der Fee, welcher dieser Gasthof zugehörte, zur Strafe, weil er in seinem ehemaligen Hotel die mächtige Frau, die auf einer Reise bei ihm übernachtete, nicht nur mit dummem Geschwätz geplagt, sondern auch mit doppelter Kreide bedient hatte, hierher verwiesen worden, wo ein Drache unsichtbar in der Luft schwebte, der ihm bald mit einem eiskalten, bald mit einem glühenden Schweife über den Mund fuhr, wenn er nur von weitem der Fee gedachte, oder überhaupt etwas redete, was nicht unmittelbar zur Sache gehörte. Fremde, die bloß aus Neugier hier übernachteten, oder sonst manches gegen sich hätten, kämen oft noch schlimmer, oder vielmehr gar nicht weg. Denn fast jeden Fremden, der hier einkehrte, hätte der Wirth am andern Tage zu begraben.

Der Hörnerne fügte hinzu, daß Prinz Heckerling darum nichts von diesen schauerlichen Anstalten zu befürchten habe, weil er in seinem Berufe da wäre, wenn er gleich für des Leibkavaliers Schicksal nicht bürgen wolle.

Der Prinz entließ hierauf seinen Leibkavalier, welcher im ersten Dorfe, das er im Galopp erreichte, ein Dankgebet zu den eben aufgehenden Sternen knieend verrichtete, worüber er vom Schulzen beinahe arretirt worden wäre, weil dieser ihn für einen Abentheurer hielt, und nicht glauben konnte, daß Leute, die so große Sterne auf den Kleidern trügen, wie der Leibkavalier, die kleinen Sterne am Himmel ihrer Aufmerksamkeit werth hielten.

Während der Zeit hatte der Prinz die köstlichsten Fingerzeige von seinem hörnernen Freunde bekommen. Aurora, das geliebte Urbild seiner Statüe, sollte nämlich in dem Reiche der Besitzerin des Gasthofs als Staatsgefangene leben, weil sie der Fee einmal einen Blumenstrauß ins Gesicht geworfen habe.

Prinz Heckerling erkundigte sich, wie Prinzessin Aurora zu einer so unmanierlichen Manier gekommen wäre, und hörte hierauf, daß die schöne Aurora nichts weniger als eine Prinzessin, sondern seine ganz ordinäre Blumenverkäuferin gewesen, und über den Tadel ihrer Blumen bis zu diesem ungezogenen Grade entrüstet worden wäre. Da sie nun als Blumenmädchen gerne die Spröde gespielt und alle Freier verworfen, so sei sie von der Fee verurtheilt worden, so lange in ihrem Schlosse einsam zu leben, bis sich ein Mann gefunden hätte, der ihretwegen Feuer und Wasser und andre Gefahren und Ungemächlichkeiten nicht achten würde.

Der Prinz gab sich sogleich als diesen Mann zu erkennen, und der dadurch noch offenherziger werdende neue Freund gestand, daß er selber vieles von Aurorens Befreiung zu erwarten habe. Er sei nämlich unter ihrer Freierschaar derjenige gewesen, der noch die meisten Hoffnungen gehabt, und daher einen Versuch gemacht hatte, Auroren der Fee mit Gewalt zu entreißen, als er mit Einem Male auf so lange zu Horn geworden wäre, bis sich des Mädchens Geschick entscheiden würde. Nur aus besondrer Gnade habe ihm die Fee die bewußte Bildsäule abgelassen, welche er jedoch seit Jahren auf Messen und Märkten herumgeschickt habe, ohne daß sich ein Liebhaber dazu gezeigt hätte.

Der Prinz fand hierin, wie in der Sprödigkeit der Schönen, den natürlichsten Zusammenhang mit der Ordnung der Dinge, welche ihn und Auroren aus Einem Stücke gemacht, und beschlossen habe, die Trennung zwischen ihnen wieder aufzuheben.

Auf die Frage nach dem Charakter der Fee antwortete der Hörnerne dem Prinzen: Heute so und morgen so, ein Charakter, der aus keinem einzigen haltbaren Stücke besteht. Die ächte Weiblichkeit in der höchsten Potenz würde ich sagen, wenn das nicht komisch klänge, was zu meiner tragischen Situation gar nicht passen will.

Als Heckerlings Augenpaar sich bei dieser, etwas frivolen, Aeußerung verfinstern wollte, fuhr der Hörnerne fort:

Verzeiht mir, Herr Prinz, daß ich euern verliebten Zustand einen Augenblick vergessen konnte. Aber, das ist gewiß, wenn auch die Weiblichkeit keine wunderlichen Launen hat, welches ich in diesem Momente euch zu Gefallen unterthänigst zu glauben nicht abgeneigt bin, so hat doch diese Fee der Launen die Hülle und die Fülle. Am längsten dauern diejenigen, die eine Beleidigung ihrer Eitelkeit erzeugte, und an denen ich und die arme Aurora zu leiden habe.

Aus die Frage, was um ihretwillen zu thun sei? antwortete der neue Freund dem Prinzen, daß er das am besten einsehen werde, wenn er sich um Mitternacht auf den Kopf stelle, und diese Kunst so lange wiederhole, bis ihm der Weg, den er zu nehmen habe, vor Augen liege.

Eine so ungewohnte Stellung kostete dem Prinzen Heckerling anfangs viel Mühe. Doch alle Tage gelang sie ihm besser. Als er's nun einen Monat lang getrieben hatte, und dem Hörnernen, der sich alle Morgen nach seinem Wohl- und Gutbefinden erkundigte, einstmals zu erkennen gab, daß er noch keinen Pfad entdecke, ja ihm vielmehr der Kopf durch die neue Methode, ihn aufzuräumen, immer toller und toller werde, da meinte der Hörnerne, daß er schon gewonnen Spiel habe und dem Pfade ganz auf der Spur sei.

Zwei Monate später sagte ihm Heckerling eines Morgens von einer blumigen Straße, welche auf beiden Seiten von Wald umgeben, an einem Flusse endige, hinter dem lauter hohe Flammen aufstiegen.

Der Hörnerne machte ihm dieserhalb seine Gratulation, weil er nun die Lehrzeit überstanden habe, und nächste Mitternacht nur aus dem Hause gehen dürfe, wo er diese Straße, die seiner Wanderung vorbehalten sei, unfehlbar vor sich würde liegen sehen. Just hinter der Feuermauer, fügte er hinzu, sei der Palast der Fee, in welchem die geliebte Aurora gefangen gehalten werde. Der Prinz wollte mehr wissen, jedoch der Hörnerne zuckte die Achseln, weil er nichts hierüber sagen, sondern höchstens die Wahrheit des Aufgefundenen bekräftigen dürfe.

Um Mitternacht machte sich Heckerling auf den Weg, fand auch alles so wie es ihm geträumt hatte. Der schönste Irrwisch, den er in seinem Leben gesehen hatte, flackerte vor ihm her, und erleichterte seinen Weg, der sich obendrein zu verkürzen schien. Wie er um einen Berg herum gekommen war, da fand er auch wirklich hinter einem Flusse die Welt mit feurigen Bretern verschlagen, und die Thüre in dieser Wand mit einem Schlosse befestigt, welches bis weit über den Fluß herüber rothe Flammen ausspie.

Weil jedoch der Fluß sich äußerst gut mit diesen Flammen zu vertragen schien, so fing der Prinz an, sie für einen bloßen Theaterspuk zu halten. Er merkte indessen den Ungrund seiner schönen Hoffnung nur allzubald. Denn wie er einmal recht nahe hinhorchte, verbrannte er sich den einen schönen Backenbart total.

Am meisten verdroß es ihn, daß der Fluß, dem er das Benehmen mit dem Feuer gern abgelernt hätte, sich so respektwidrig betrug, daß er allemal aus Leibeskräften lachte, sobald der Prinz seinen Fuß in die Wellen setzte, und daß die bejahrten Bäume, wenn er hinauf kletterte, um über die himmelhohe Mauer zu sehen, allezeit die Köpfe so gewaltig schüttelten, als sollte er glauben, er wäre auf dem einfältigsten Wege von der Welt.

Er glaubte aber nichts weniger als das. Ein muntrer Salamander, der aus dem prasselnden Flammenschlosse herausgeschlüpft kam, war das einzige lebendige Wesen, und das ihm obendrein wie ein Hündchen auf dem Fuße nachfolgte.

Der Prinz ging erst mißvergnügt am Flusse hin und her, und verwünschte sodann auf dem Rückwege die Mitternächte, die er fruchtlos auf dem Kopfe zugebracht hatte, beschloß auch dem Hörnernen seine Meinung darüber tüchtig zu sagen.

Dem Salamander, der sich ihm immer mit aufgesperrtem Maule in den Weg stellte, wollte er schon eins auf den Kopf versetzen, als er sich noch zu rechter Zeit besann, daß dieses Thier allem Vermuthen nach in das Feenreich gehörte und sein Tod ihn in die verdrüßlichsten Händel verwickeln könne.

Bis zu des Hörnernen Ankunft am andern Morgen dachte er noch im Gasthofe über das Thierchen nach, welches sichtbar etwas von ihm hatte haben wollen, und der Hörnerne verschmerzte eine Handvoll Schimpfreden recht gern, als er hörte, daß Prinz Heckerling des Thieres Meinung zum Theil begriffen hatte.

Auf Heckerlings Frage, was wohl des Salamanders Lieblingsspeise sei, antwortete sein Freund, daß im Reiche dieser Fee, wohin das Thier allerdings gehöre, weder Thier noch Mensch zu essen pflege, und auch die schöne Aurora bloß von der Luft leben müsse.

Nach manchem Hin- und Herreden gerieth endlich Prinz Heckerling darauf, dem Salamander ein Billet an seine Herzenskönigin in den Mund zu stecken, worüber der Hörnerne ganz außer sich für Freude war, und das Genie pries, das den stummen Abgesandten der schönen Aurora so bald begriff.

Der Prinz, ganz ungewohnt, daß jemand ihm ins Gesicht lachte, oder den Kopf über seine Unternehmungen schüttelte, fragte noch nach einem Mittel, den lachenden Strom und die kopfschüttelnden Bäume zur Raison zu bringen.

Aber der Hörnerne konnte ihm hierin gar nicht dienen. Der Strom, sagte er, sei ein Zusammenfluß von mokantem Volke, das sich sein Lachen über die Sentimentalität nicht nehmen lasse, und die Bäume wären ein Heer verstorbener Moralphilosophen, die selbst im Tode noch das Kritisiren nicht vergessen könnten.

Prinz Heckerling bat, daß ihn sein Freund nunmehr allein lassen möchte, und quälte hierauf seinem unwilligen Kopfe folgendes Gedicht ab.

An die unvergleichliche Aurora.

Fürwahr die Welt ist kaum ein Nest voll Ratzen,
   Wenn deine Reitze mich nicht hell umfunkeln;
   Wenn deine Töne mich nicht zart ummunkeln,
   Der Sphärenklang Konzert von Hund' und Katzen.

O Edelstein, von dem Poeten schwatzen,
   O Urstoff du, zu Sternen und Karfunkeln,
   Gern wollt' ich aus der Erde mir, der dunkeln,
   Dich Klaftern tief mit meinen Nägeln kratzen.

Mein Herz tobt ärger als der ärgste Wüthrich,
   Heraus will es aus jedem Knopfloch lodern,
   Und alle Nähte reißen, dir zu Ehren.

Drum muß ich, Einzige, dich hoch beschwören,
   Reich' mir – Verzeihung meinem kühnen Fodern –
   Reich' zu dem Flammenschlosse mir den Dietrich!

Grade um Mitternacht war er damit fertig, und hatte sonach keine Zeit zu verlieren. Er fand auch, daß die Gegend völlig wie gestern aussah. Nur die Hauptperson für sein heutiges Vorhaben, der Salamander, ließ sich nicht blicken.

Schon war der Prinz Willens seine poetische Bitte auf gut Glück in den Strom zu werfen, als der Salamander endlich schleunigst herbeikam und durch äußerst unterwürfige Bewegungen den Fehler der Verspätigung abbüßen zu wollen schien.

Wie ihm hierauf Prinz Heckerling das Billet in den Mund gesteckt hatte, eilte das Thier ins Feuer zurück, legte auch nach einer kleinen halben Stunde, welche dem Prinzen wie die längste Ewigkeit vorkam, folgendes Antwortschreiben in tiefster Erniedrigung zu seinen Füßen.

Mein lieber Prinz! Da ich nicht hoffe, daß Du mich mit Deinen Sternen und Karfunkeln zum Besten haben willst, so sage ich Dir ganz kurz, und wie mir der Schnabel gewachsen ist, daß ich drei Thiere zu Dir schicken werde. Jedes von diesen Thieren weiß das Flammenschloß aufzuschließen, sobald Du geschickt genug bist, seinen Zähnen und Klauen auszuweichen und Dich auf seinen Rücken zu schwingen. Die Wahl unter ihnen bleibt Dir überlassen. Doch sind wir auf ewig von einander geschieden, wenn Du keines von diesen Dreien benutzest.

Aurora.

Der Prinz küßte jeden einzelnen Buchstaben des Billets, dessen Simplicität ihm das Höchste schien, was der menschliche Geist jemals hervorbringen könne. Er fand es überaus natürlich, ja nothwendig, daß die Rechtschreibung darin bis zum Unleserlichen vernachlässigt war, denn dem hohen Gemüthe, das, seines Erachtens, aus diesen Zeilen hauchte, wäre es ja schimpflich gewesen, sich von solchen Unwürdigkeiten fesseln zu lassen. Er beschloß auch sogleich das erste beste Thier zu benutzen, ward aber in diesem Vorsatze wankend, als ein bildschöner Löwe aus dem Walde hervorsprang, der ihm statt aller höflichen Anrede, sogleich im Vorbeigehen den einen Rockschoß vom Leibe riß, und ein paar Reihen so wohl konditionirter Zähne zeigte, daß Prinz Heckerling wohl schließen konnte, er werde es nicht dabei bewenden lassen.

Daher äußerte Heckerling gegen den Salamander, daß er wohl das zweite Thier zu sehen wünsche, worauf der Löwe sogleich in den Wald zurückeilte, aus dem der königliche Tiger dafür heraussprang. Als dieser ihm den Kragen vom Halse gebissen, und alle Bäume ihr Haupt bei jeder neuen Bewegung des Prinzen nach dem Rücken der Bestie, auf das Ungebührlichste geschüttelt hatten, da dachte der kluge Prinz: Respektwidrig ist und bleibt es wohl, und ich würde die Bäume insgesammt abhauen lassen, wenn sie in meiner Gewalt stünden, aber Recht haben sie dasmal gewiß. Denn schlimmer als diese beiden kann doch das dritte Thier unmöglich seyn. Daher bat er sich dieses dritte aus.

Aber als der Prinz lange vergebens nach dem Walde geblickt hatte und schon fürchtete, die schöne Aurora sei über sein Zögern böse geworden, und schicke ihm das dritte Thier gar nicht, da ließ sich auf einmal vom Ufer des Stromes her ein Geräusch wie von der größten Sagemühle vernehmen.

Der Prinz wandte sich nach der Gegend hin und ward hier ein ungeheures Krokodill gewahr, welches sich eben mit dem Wetzen seiner Zähne beschäftigte, und beim Erblicken eines Menschen wüthend auf ihn losschoß. Der Prinz mochte eine gute halbe Stunde seines immer hin und her fahrenden Gegners Rachen, in dem er Platz vollauf gehabt hätte, ausgewichen seyn, als das Krokodill sich endlich wieder nach dem Strome wendete.

Mißmuthig, daß er bei den ersten beiden Thieren nicht seinen ganzen Muth aufgeboten, stand der arme Heckerling da, und mußte gestehen, daß der einzige Dietrich zum Flammenschlosse, der ihm noch übrig war, die unbequemste Handhabe von der Welt hatte. Denn wenn ihn nun das Glück auch soweit begünstigte, daß er unzerrissen auf den Rücken des Krokodills gelangte, so war doch dessen Riesenleib ein Sitz, auf dem er sich gar nicht festhalten konnte, und fiel er einmal ins Wasser, so war sein Fallen von dem Tode unzertrennlich.

Er hörte schon im Geiste die Wellen ein höhnisches Grabelied pfeifen, und war, wie man denken kann, außer sich für Betrübniß.

Doch der schreckliche Schluß des gnädigen Handschreibens exaltirte ihn plötzlich dermaßen, daß er während des empörendsten Hohnlachens der Wellen sich wirklich auf das Krokodill hinaufschwang. Leider! mit Verlust seiner Nase, die ihm das barbarische Geschöpf rein aus dem Gesichte gebissen hatte.

Nun ging aber auch alles besser als er geglaubt hatte. Denn ehe er noch daran dachte, sich fest anzuhalten, war das Flammenschloß von der Zunge des Krokodills aufgeleckt, die Thüren sodann von einander gesprungen, und er hindurch, ohne daß ihm ein Haar versengt worden wäre. Jenseits der feurigen Wand, wo der Strom noch ein wenig fortdauerte, wurde auch das Krokodill das honetteste Thier unter der Sonne, schwamm gelassen mit seinem Reiter ans Ufer, und weinte wie ein Kind darüber, daß er so hundsföttischerweise um seine Nase gekommen war. Auch der Strom war innerhalb der brennenden Mauer so lautlos und manierlich geworden, daß der Prinz sich in seinem klaren Spiegel betrachten konnte.

Du lieber Himmel aber, wie sah der arme Herr aus! War es der schönen Aurora wohl zuzumuthen, einen Prinzen zu heirathen, der keine Nase mehr hatte? Wenn er ihr nun auch sagte, daß seine schöne Nase vor kurzem noch ein wahrer Zankapfel am väterlichen Hofe gewesen war, den die Poeten einander aus den Händen gerissen hatten, die schöne Vergangenheit konnte bei so einer häßlichen Gegenwart gar nicht in Anschlag gebracht werden.

Muthlos schlich der Prinz nach dem Marmorpalaste, der vor ihm stand. Er behielt aber nicht Zeit dessen Pracht anzustaunen, weil sogleich zwei ungeheure Mohren aus dem hohen Portal traten, welche ihn einluden, sich auf dem Sessel, den sie bei sich hatten, nieder zu lassen. Obschon dieser aus glühendem Eisen zu bestehen schien, so warf sich doch der Prinz in seiner Verzweiflung und der Ueberzeugung, daß ein Mensch ohne Nase weniger als jeder andre zu verlieren habe, hinein und erwartete sein Schicksal. Dieses fiel ganz passabel aus. Denn statt der Glut, die er gefürchtet hatte, fand er sich auf einem Kissen, das aus den herrlichsten Rosen bestand, und die Prüfungen der Lehr- und Wunderzeit schienen beendigt.

Zwischen einer Garde von baumlangen Adonissen ward er hindurch getragen, und in einem Zimmer, das aus einem einzigen unermeßlichen Rubin gehauen seyn mochte, vor der Fee niedergesetzt, die so schön war, daß dem Prinzen das Wort im offnen Munde stecken blieb.

Als er sich jedoch zusammen raffen wollte, da sagte die Fee: Keine Sylbe! Ich kenne deine Wünsche und bin nicht aufgelegt, viel Worte mit Leuten deines Schlages zu machen. Komm!

Sie führte ihn darauf zu einem Schranke, der aus einem Diamant geschnitten war, und holte aus dem vollkommenen Assortiment menschlicher Gliedmaßen, welches sich darinnen befand, eine Nase und einen Backenbart hervor, klebte beides Heckerlingen ins Gesicht, und sagte dann: Eile nun, meine Leute werden dich draußen ankleiden und deiner unwürdigen Neigung zuführen.

Dann wandte die Fee ihm den Rücken.

So sehr auch dieß dem Prinzen auffiel, so vergaß er es doch, wie er im Nebenzimmer seine durch den Löwen und den Tiger sehr mitgenommene Tracht mit einer äußerst geschmackvollen vertauschend dem Spiegel gegenüberstand, und die schöne Nase, welcher er einen Nachruf um den andern geweiht hatte, in ihrem vorigen Glanze am gehörigen Orte stehen auch keine Spur der Verkittung daran übrig sah.

Hierauf wurde ihm bekannt gemacht, daß er noch umkehren könne, wenn er seiner Sache mit der ewigen Liebe nicht recht gewiß wäre. Denn die Anordnung der Fee bringe mit sich, daß wenn er Auroren heirathe und jemals aufhöre sie zu lieben, jede andre, in die er sich späterhin verlieben wolle, ihn abscheulich finden werde.

Dummer Schnack! sagt Heckerling entrüstet, und man trug ihn sogleich in das abgelegene Zimmer der Geliebten. Hier ließ er sich vor ihr auf ein Knie nieder, und beschwor sie, ihm die längst ersehnte Hand zu geben und sogleich an seinen Hof zu folgen.

Das Mädchen machte auch gegen einen so schönen Prinzen keine halbe Einwendung mehr, als es die Sittsamkeit der damaligen Zeit grade mit sich brachte.

Der Schloßkaplan traute das Paar, und kaum hatte er das letzte Wort gesagt, so schellte auch schon ein Schlitten herbei, welcher bestimmt war, die Neuverehelichten aus dem Feenreiche hinaus zu transportieren.

Der Prinz wunderte sich nicht wenig über dieses Fuhrwerk in den heißesten Sommertagen, aber die schöne Aurora erinnerte ihn, daß sie es noch mit einer mächtigen Fee zu thun hätten.

Man zögerte nicht, und der Schlitten flog über den Fluß, als ob dieser eine Eisrinde gehabt hätte, und durch die Feuerwand und den Sommer hindurch, als ob er ein Pfeil wäre.

Mit Tagesanbruch stieg man im Gasthofe zum unsichtbaren Drachen ab, wo der Hörnerne, welcher nun wieder zu Fleisch geworden war, das Paar mit tausend Glückwünschen empfing, und ein Fuhrwerk bestellte. Denn der Feenschlitten hatte sogleich wieder zurücklaufen müssen.

Der Prinz, dem die Zeit überaus edel war, weil das Beilager, wie er in seinem Herzen fühlte, gar keinen Aufschub mehr leiden wollte, versprach den Kutschern auf jeder Station die größten Ehrenstellen, wenn sie ihn nur recht eiligst auf das königliche Schloß seines Vaters schafften, und die Leute thaten ihr Möglichstes, so daß der Reiter, welcher die Statüe im goldnen Futterale vorantrug, alle Hände voll zu thun hatte, um seinen Platz mit Ehren zu behaupten.

König und Königin freuten sich ganz ausnehmend, als ihr Sohn, um deswillen sie in so mancher Sorge geschwebt hatten, ihnen seine Gemahlin vorstellte. Nur darüber wunderte sich das Königspaar, daß die neue Prinzessin Tochter nicht einmal vor ihnen den Sessel verließ. Der Witz des ganzen Hofes gerieth deßhalb in eine heimliche Gährung, und ihre Art zu sprechen war auch nicht gemacht, den Hof in dem Glauben zu stören, daß bloß eine schlechte Erziehung den Grund zu solchem Benehmen in der Prinzessin gelegt haben könne.

Der Prinz selber besann sich jetzt, daß seine Gemahlin sogar während der Trauung sitzen geblieben war, und daß er sie überhaupt nicht anders als sitzend, und zwar allezeit in derselben Stellung wie ihre Bildsäule gesehen hatte. Er wußte nicht, sollte er's ihrem Stolze oder einem besondern Pflegma zuschreiben, hoffte aber sie auf jeden Fall davon zu kuriren. Denn, meinte er, kommt Zeit kommt Rath.

Die Zeit, auf die er am meisten gehofft hatte, kam endlich, aber der gute Rath wurde nun erst recht theuer. Die Prinzessin entdeckte nämlich ihrem Gemahl, daß die ganze untere Hälfte ihren Körpers zu besserer Konservation ihrer Reitze, durch die Fee versteinert worden sei.

König und Königin rangen die Hände, als der Prinz ihnen am andern Morgen die trostlose Nachricht zubrachte. Alle Aerzte und alle Priester wurden herbei geholt, und als ihr beiderseitiger Segen nichts über die Versteinerung vermochte, da sprachen Vater und Mutter ziemlich gerade heraus zu dem Prinzen: dergleichen steinerne Hälften wären in ihrem Königshause nicht im Gebrauch, weßhalb er denn diese Prinzessin wieder von sich thun möchte.

Damit aber kamen sie schön an bei dem Prinzen.

Wie seine ganze Liebe auf bloßen Träumen beruhte, so hielt er sich auch jetzt wieder an einem Traume fest, der ihn mit seiner Gemahlin in ein Bad schickte, welches nach und nach den Stein an ihr völlig auflösen werde.

Die Aerzte und Chemiker lächelten zwar darüber, wie sie hörten, daß Wasser Versteinerungen auflösen sollte, aber sie wußten freilich nicht, daß das Bad, von dem hier die Rede war, im Feenreiche lag, und es mit dem Wasser der Feen eine ganz besondre Bewandtniß hatte.

Die Prinzessin wußte es besser, freute sich aber gar nicht, daß ihr Gemahl von der Heilquelle Gebrauch machen wollte. Seit zehn Jahren, sagte sie zu dem Prinzen, lebe ich nun in diesem Zustande bei der Fee. Der steinerne Untertheil ist mir ein Ableiter für das Alter gewesen. Was wird aber mein Gemahl sagen, wenn sich nach der Auflösung nicht nur die Spuren eines zehnjährigen frühern Lebens, sondern auch die der nächsten Jahre in meiner Gestalt versichtbaren werden?

Erst dann gelang es dem Prinzen sie zu der Badekur zu bewegen, als er ihr mit Achselzucken angedeutet hatte, daß König und Reich sonst nicht zufrieden zu stellen seyn würden.

Aber auch das mehrjährige Baden kam seinem Vater, der lieber heute als morgen einen Thronerben gesehen hätte, äußerst ungelegen. Er wünschte daher, daß der weiseste und beredteste Mann im Königreiche seinem Sohne Vorstellungen thun möchte, und ließ den Mann sogleich aus dem Narrenhause herbei holen.

Dieser nahm auch wirklich Heckerlingen so in die Klemme, daß dieser Prinz einigemal ganz stutzig wurde. Aber seine gute Natur half sich bald wieder.

Prinz Heckerling appellirte an die Ewigkeit seiner Liebe, wenn ihn jener auf die langweilige Kur aufmerksam machte, und wie ihm der Weise die Hinfälligkeit der menschlichen Reize recht malerisch beschrieb, da sagte er: Was Reize? In meinem Herzen werden Aurorens Reize ewig leben!

Ueberdieß behauptete Prinz Heckerling, daß ein Mensch, der nicht einsähe, daß er und seine Gemahlin nur aus Einem Stücke von der Natur geschnitten wären, nirgendhin als in das Narrenhaus gehöre.

Der Weise bat um die Gnade, dahin zurück gebracht zu werden, welche ihm auch ohne Bedenken gewährt wurde.

Es gab jetzt keinen betrübtern Hof als den des Königs Huldibert. Er und seine Gemahlin schwankten wie bleiche Schatten umher. Die Prinzessin Floribella hatte auch keine Ursache roth auszusehen, und der ganze weitläufige Hofstaat erbleichte unter diesen Umständen so jähling, daß ein halbes Dutzend berühmte Schminkehändler in Kurzem die Zahlungen einstellen mußten. Am Abende vor der Abreise des Prinzen und der Prinzessin Heckerling in's Bad, hatte alles die finstersten Gesichter, und wer keine hatte, der wußte doch recht natürlich welche zu schneiden.

Kaum war das hoffnungsvolle junge Paar seiner Bestimmung nachgereiset, als eine neue Erscheinung Hof, Stadt und Land in Unruhe setzte. Es rückte nämlich eine dicke, dicke Wolke, die nun schon seit acht Tagen bemerkt wurde, immer näher und näher. Alle Professionen hatten ihre eignen Gedanken über die Wolke. Die Spaziergänger zum Exempel, fürchteten, daß ihnen eine große Hemmung ihrer Geschäfte bevorstehe. Die Kornsammler hofften, daß die nahe segenreiche Ernte durch die Wolke vernichtet werden würde. Die philosophischen Aerzte erklärten die Wolke für einen Augenfehler der Menschen, der epidemisch geworden wäre und Stadt und Land angesteckt hätte. Zugleich erklärten sie jeden für einen Dummkopf, der Umstände machte, ihnen zu glauben. Kein Wunder daher, daß diese Meinung am weitesten um sich griff. Bloß der Bauersmann nahm den Dummkopf lieber an, als die Meinung, und ließ sich die Gesundheit seiner Augen so wenig als das Daseyn der Wolke abdisputiren.

Und der Bauersmann hatte Recht gehabt. Denn eines Tages sank die Wolke selbst allmählich auf dem Schloßplatze nieder. Ein halb Schock Genien kamen herbei geflogen, um den Deckel davon aufzumachen, und als das geschehen war, da stieg eine äußerst zahlreiche Gesandtschaft vom König Isegrimm heraus, in deren Mitte sich die weltberühmte Prinzessin Isola befand.

Huldibert und seine Gemahlin erschraken nicht wenig, als die Nachricht voraus auf das Schloß eilte. Das hätten sie sich kaum im Traume einfallen lassen, daß ihnen auch von dieser Seite noch eine Verlegenheit bevorstehen sollte.

Was die philosophischen Aerzte vorhin von Augenübeln gesagt hatten, das trat nunmehro wirklich ein. Denn die Gesandtschaft starrte so von Gold und Edelsteinen, daß wer sie nur ansah, böse Augen bekam, und die Augenschirme darüber dermaßen Mode wurden, daß auch, wer gesunde Augen behalten hatte, welche tragen mußte, wenn er ein Mann von Geschmack heißen wollte. Hieraus bewiesen denn die Aerzte, daß sie vorhin im Grunde doch Recht gehabt hätten, und nannten nunmehro den einen Dummkopf, der ihren vorigen Ausspruch allzu buchstäblich genommen hatte.

So sehr man auch darauf dachte, der Gesandtschaft die Lage der Dinge zu verheimlichen, so bekam sie doch Wind davon, und König Huldibert hatte viel Mühe, den Leuten begreiflich zu machen, daß alles noch gut gehen werde, und sie in Gottes Namen ohne die Prinzessin zurückreisen könnten.

Mit Hülfe einiger Millionen vollwichtiger Ueberredungs-Gründe ward es endlich noch dahingebracht. Nur Höckerlein, welcher auch mitgekommen war, hatte dafür kein Ohr, sondern machte seinen Anspruch auf Floribellen geltend.

Der König Huldibert fragte, wie sich die Sache verhalte, und der Gesandte, halb todt schon über die vorgefundenen Umstände, bat um eine Privataudienz. Hier warf er sich dem Könige zu Füßen, berichtete die Treulosigkeit des Sekretärs, und welchen Auftrag Höckerlein sodann übernommen habe. Die Fee sei aber nicht sogleich, sondern erst nach einem Jahre erschienen, und der König Isegrimm habe sie durch ein prächtiges Gastmahl so sehr für sich eingenommen, daß sie der Prinzessin Isola ihren Sohn zum Gemahl angetragen. Allein Isegrimm hätte nun einmal sein Wort gegeben gehabt. Hierauf wäre denn die Fee mit dem Erbieten gekommen, die Prinzessin und eine ganze Gesandtschaft schleunigst und Portofrei dem Prinzen Heckerling zu übermachen. Obendrein hätte die Fee versprochen, darauf zu sehen, daß Isola ihrer Schönheit und ihren Tugenden gemäß behandelt werde, und im Gegenfalle schreckliche Rache an dem Prinzen zu nehmen.

König Huldibert stieß hierbei einen so heißen Seufzer aus, daß dem zitternden Gesandten das Wort auf der Zunge zerschmolz. Ein Befehl seines Gebieters machte jedoch, daß er also endigte: Als schon das Wolkenschiff ausgerüstet, und zum Absegeln bereit war, bat ich, eingedenk meines Eurer Majestät geleisteten Versprechens, den König Isegrimm unter vier Augen, daß er Höckerlein zurück behalten möchte. Aber darauf ließ mich König Isegrimm so ungnädig an, daß ich es kaum erzählen darf. Er meinte, er habe sein Wort gegeben, daß Höckerlein die Prinzessin Floribella zur Frau bekäme, und werde nicht ruhen, bis dieses geschähe. Müßte er doch auch sein Wort halten mit der Prinzessin Isola, so ungelegen es ihm gekommen wäre. Uebrigens rieth der Gesandte, daß der König den Prinzen baldmöglichst zur Heirath mit Isolen bewegen möchte, weil sonst Isegrimms Zorn im Einverständnisse mit der Fee gar leicht das ganze Königreich verheeren könne. Auch würde die Prinzessin Floribella am besten thun, wenn sie Höckerleinen ihre Hand nicht vorenthalte.

Bei diesem Worte aber reichte die Königin, welche eben herbeigekommen war, dem Rathgeber einen solchen Backenstreich herüber, daß er auf der Stelle mit Tode abging.

Die Aerzte, welche vergebens herbeigerufen wurden, behaupteten diesmal einstimmig, daß der Mann an dem Uebermaße zurückgetretener Hoffnungen erstickt sei.

Es war auch nichts weiter mit ihm zu thun, als daß er zur Warnung für Andre in Spiritus gesetzt, und im Archive neben den hundert und neun und neunzig Volumen Akten aufbewahrt wurde, die er während seiner Gesandtschaft hatte zusammen schreiben lassen.

König Huldibert, welchem brühheiß wurde, wenn er nur an Isegrimms Rache dachte, schickte sogleich nach seinem Sohne, und hieß ihn, bei Verlust des künftigen Thrones, schleunigst zurückzukehren. Er hoffte viel auf die bewundernswürdige Gestalt der Prinzessin, deren Gleichen es gar nicht mehr in der Welt geben konnte. Aber der verstockte Heckerling kam nur, um wieder abzureisen, und that noch erstaunend empfindlich, daß sein Vater, eines zeitlichen Königreiches halber, seiner ewigen Liebe solche grobe Zumuthungen zu machen im Stande wäre.

Unter diesen Umständen blieb dem Könige nichts übrig, als der Prinzessin Isola, die bis dahin gar nicht gewußt hatte, woran sie gewesen war, sein Leidwesen anzuvertrauen, und sie zu bitten, daß sie die Sache ja nicht übel nehmen möchte.

Isola war auch in der That ein so gutes Kind, daß sie alles vergeben und vergessen wollte, und sich übrigens auf den glänzenden Bällen, welche ihr zu Ehren angestellt wurden, froh und frei herum tummelte.

Destoweniger aber war Höckerlein in seinem Sinne, Floribellen zu heirathen, wankend zu machen, ja der Mann zog sich die Wendungen, die gegen ihn gemacht wurden, so zu Gemüthe, daß seine körperliche Konstitution äußerst darunter litt. Unter andern schob sich der Höcker von der Brust ganz auf den Rücken, und die unförmliche Nase wurde so spitzig, daß man sie hätte durch ein Nadelöhr bringen können. Er war bisher mit seinem Anliegen von der Prinzessin Floribella zum Könige und vom Könige wieder zur Prinzessin Floribella gewiesen worden. Nun aber verlangte er eine bestimmte Erklärung vom Könige, und nachdem dieser mit einem Ausschuß von weisen Männern Rücksprache genommen hatte, sagte er zu Höckerleinen, daß, da die Heirath zwischen Heckerling und Isolen rückgängig geworden, auch das königliche Wort, das bloß dieser Heirath halber gegeben sei, seine Gültigkeit verloren habe. Aber damit ließ sich Höckerlein nicht abweisen. Er behauptete, daß er sein Versprechen erfüllt habe, und der Wahnwitz des Prinzen Heckerling ja nicht ihm zur Last gelegt werden könne.

Als der König seiner Tochter gestand, daß er hierauf keine gnügende Antwort in Bereitschaft habe, da fuhr dieser auf Einmal ein Gedanke durch den Kopf, von dem sie gar nicht begriff, wie sie ihn nicht viel früher hätte haben können. Sie entdeckte nämlich Höckerleinen ihre sechsmalige Verlobung, und das Unglück, daß jeder ihrer Verlobten vom Schlage getroffen werde.

Damit glaubte sie ihm auf Einmal alle Hoffnung gewiß zu benehmen. Wer es aber darauf ankommen ließ, das war Höckerlein, und es blieb Floribellen nichts übrig als der Trost, durch die Verlobung selbst, von diesem Freier befreit zu werden.

Wer aber nicht daran starb, das war auch Höckerlein.

Zwar schob man die Hochzeit von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, von Tag zu Tage unter allerlei Vorwande hinaus, aber statt der Nachricht von Höckerleins Ableben, auf die man täglich hoffte, wie das Kind auf den heiligen Christ, pflegte der Bräutigam gewöhnlich in Person zu erscheinen, und sich zu erkundigen, ob denn der glücklichste Tag seines Lebens noch immer nicht anbrechen solle.

Als endlich gar keine Aufschubsursache mehr zu ersinnen war, so mußte zum Werke selbst geschritten werden, und der schwache Hoffnungsschimmer, daß Höckerlein wenigstens am Hochzeitstage sterben würde, starb an dem Hochzeitstage. Denn grade dieser Tag bekam dem Manne außerordentlich wohl.

Um die damalige Zeit erschien zuweilen ein unbekannter Prinz an dem Hofe, gegen dessen Schönheit keine einzige auf der ganzen Welt Stich hielt, und mit dem, wie es schien, Prinzessin Isola gar nicht ungerne tanzte.

Auch Prinz Heckerling, der ein ganzes Jahr im Anfange gar nichts, und am Ende nur wenig von sich hatte hören lassen, machte wieder zuweilen einen Besuch.

Die Kur war bei seiner Gemahlin so wenig ohne Folgen geblieben, daß sie bereits bis an die Waden entsteinert war. Aber dieß hatte auch wirklich ihrem übrigen Körper schon so viel gekostet, daß sogar Hofleute und Dichter roth wurden, wenn sie ihren Reitzen eine Lobrede halten mußten.

Ihr Gemahl übertrieb fast die Schuldigkeit eines Ehemannes, seine Gattin in Gesellschaft nicht ausschließend besitzen zu wollen. Er konnte ihr, die sonst seinen Ohren lauter göttliche Dinge vorsagte, jetzt gar meschante Blicke zuwerfen, wenn ihre Reden etwas ungehobelt herauskamen. Auch merkten die spitzfindigen Hofleute gar bald, daß es ihm einen ordentlichen Dolchstich in's Herz gab, wenn der guten Hoffnung gedacht wurde, welche Prinzessin Heckerling unter ihrem Herzen trug.

Der vormals Hörnerne, der Anfangs sein ganzes Vertrauen besessen hatte, durfte ihm nicht mehr vor Augen, dagegen wurde, was beinahe noch seltsamer schien, der achte Weise im Narrenhause fast des Prinzen einziger Umgang.

Heckerling würde viel drum gegeben haben, wenn dieser Weise an den Hof, oder auch nur unter die vernünftigen Menschen überhaupt, hätte zurückgebracht werden können. So aber wollte er absolut im Narrenhause leben und sterben, weil er, wie er sagte, nirgends so gut wisse als da, wie er mit seinen Leuten dran wäre.

Endlich fand Prinz Heckerling, daß es sich mit einer so unausstehlichen Person, wie seine Gemahlin, durchaus nicht leben ließe, und kaum hatte er's gefunden, so eilte er allein an den väterlichen Hof, sagte hier zu seinem Vater und zu seiner Mutter ziemlich kleinlaut, er sähe endlich ein, daß die Träume Lügner wären, und daß seine Gemahlin gar nicht aus Einem Stücke mit ihm geschaffen worden sei. Daher wolle er sie auch Augenblicks verstoßen und im Nu die Prinzessin Isola heirathen.

Auf diese Worte schlossen die erfreuten Aeltern ihren Herrn Sohn mit einer so erstaunlichen Liebe in die Arme, als ob es Wunder was für ein Heldenentschluß wäre, der schönsten Prinzessin auf der Welt sein Jawort zu geben.

Die Lob- und Dankgebete für des Prinzen Entschluß erschollen sogleich in allen Kirchen, und kein Mensch zweifelte an Prinzessin Isola's Einwilligung, als diese Prinzessin selbst.

Diese nämlich wollte durchaus nichts vom Prinzen Heckerling wissen, und während er sich wie ein Regenwurm zu ihren Füßen krümmte, führte sie ihm das Mißgeschick seiner Gemahlin zu Gemüthe, und sagte, wiewohl viel verblümter, daß ein Narr darum, daß er sich entschlösse, ein Bösewicht zu werden, noch gar nicht aufhöre ein Narr zu seyn, und alle Rednertalente im Königreiche waren unvermögend, die Prinzessin andres Sinnes zu machen.

Eine neue Erscheinung erfüllte jetzt auf Einmal alle Menschen mit Furcht und Schrecken. Die Wolke, in welcher Isola durch die Luft geschwommen war, stand noch in zu gutem Andenken, als daß der Ursprung der ungeheuer großen Wolken, welche jetzt immer näher und näher zogen, nicht hätte errathen werden sollen.

Einmal des Morgens klärte sich die Sache vollends auf. Die Stadtsoldaten im Thore kamen nach Hause, und klagten ihren Weibern, daß die Zeiten immer schlechter würden, und sie nun nicht einmal mehr bei Nacht auf der Wache ungestört Schafkopf spielen könnten. Es wäre nämlich eine Armee von vielen hunderttausend Mann aus der Luft herunter gefallen, so daß sie über Hals und Kopf das Hasenpanier hätten ergreifen müssen, um nur ohne Schläge davon zu kommen.

Bald wirbelten die Trommeln in allen Straßen.

Nur im Schlosse, wo man später zu Bette ging, wußte noch niemand von den fürchterlichen Geschichten.

Als Isegrimm und die Fee mit gewaffnetem Gefolge daselbst anlangten, fuhr die königliche Leibwache aus dem ersten Schlafe auf. Gewalt mit Gewalt zu vertreiben schien ihr eine zu blutige Maßregel. Daher ließ sie sich von den Ankommenden in Gutem ablösen.

In König Huldiberts Schlafzimmer endigte alles nach einer halben Stunde. Prinz Heckerling wurde, wegen des der Prinzessin Isola angethanen Schimpfs auf ewig mit seinen Nachkommen von der Thronfolge ausgeschlossen. Isola heirathete den überschönen Prinzen, welcher schon bei den Bällen großen Eindruck auf sie gemacht hatte, und von dem es nunmehr herauskam, daß er der Sohn der Fee war. Diese übergab ihnen ein eigenes Königreich, das sie so eben erst in der Luft gestiftet und mit allem Zubehör versehen hatte.

Höckerlein und Floribella wurden zu Erben von Huldiberts Krone nach dessen Tode ausgerufen.

Als Isola, die Fee und König Isegrimm mit der ganzen Armee schon wieder durch die Luft abgesegelt waren, da wurde viel über Höckerleins Ursprung gesaalbadert. Er für seine Person erzählte selbst, daß er ein Findelkind und einmal des Morgens in den Zimmern der Fee unverhofft gefunden worden sei. Die Fee, welche damals noch unverheirathet gewesen, habe ihn einer alten Dienerin zur Erziehung anvertraut. Er sei auch bis in sein zehntes Jahr grade und schön aufgewachsen. Darauf aber habe ihn die Fee, als Braut, plötzlich wieder erblickt, und ihn, über seine zufällige Aehnlichkeit mit ihr ganz erschrocken, vorn, hinten und auf der Nase, mit ihrem Stabe berührt. Die Wirkung davon sei nicht ausgeblieben. Hierbei habe sie ihm jedoch versprochen, ihn nie zu verlassen, auch das Alter von ihm entfernt zu halten, solange er den Höcker trüge, daher es ihm denn auch niemals an etwas habe fehlen können. Das Lastträgermetier sei bloß aus Liebhaberei von ihm getrieben worden, weil ja doch der Mensch eine Liebhaberei haben müsse. Lange habe er in Zweifel gestanden, zu welcher er sich entschließen solle, und sich endlich zu dieser entschlossen, weil er einen entschiedenen Hang zur Originalität in sich spüre. So viel Gerechtigkeit aber werde man ihm wohl widerfahren lassen, daß er hierdurch dem verschrieenen Dilettantismus alle Ehre gemacht habe. –

Prinz Heckerling wollte den Herold vom Pferde reißen, der die Thronfolge seines Schwagers zu proklamiren hatte. Aber das Volk, das zeither bloß des Prinzen Titel, nicht seine verdienstlose Person verehrt hatte, nahm sich des königlichen Proklamators an.

Das Unglück brach von allen Seiten über den armen Prinzen herein. Seine Gemahlin hatte ihm einen Sohn geboren, der einem Affen über Gebühr ähnelte. Wo seine Liebe sonst anfragte, bekam er statt einer neuen Gemahlin einen neuen Korb. Am Ende war gar keine Gesellschaft mehr für ihn da, als die ihm unerträglich gewordene Frau, und er fand so das Wort, das ihm im Feenpalaste voraus gesagt worden war, in seinem ganzen verdrüßlichen Umfange bestätiget.

Wunderlicher aber noch als dieß war es, daß es bald im Lande kein glücklicheres Paar gab als Prinzessin Floribellen und Höckerlein. So schwer der schönen Prinzessin auch die erste Zeit ihrer Ehe geworden war, so kam sie doch bald dahinter, daß Höckerlein ein guter, ehrlicher Schlag von Menschen und obendrein nicht auf den Kopf gefallen war. Mit jeder neuen Umarmung nutzte sich auch ein Theil des Ueberflusses von seinem Rücken und seiner Nase in der Prinzessin Augen ab. Am Ende ging das Ding so weit, daß ihr Höckerlein wie der schönste Mann im ganzen Königreiche vorkam, und nichts sie ärgerte, als daß andre Leute hierüber mit gutem Gewissen nicht ihrer Meinung seyn konnten.

Auch darin aber ging es ihr in Kurzem vollkommen nach Wunsche. Als nämlich König Huldibert zu ihrer großen Betrübniß endlich gestorben, und die Fee zum Krönungsfeste seines Nachfolgers erschienen war, da sagte diese zu Höckerlein, seinen überaus schönen Erstgebornen auf den Arm nehmend: Dieser da wird künftig deinen Platz behaupten. Altere denn von nun an wieder, gleich den übrigen Menschen.

Dabei berührte sie Höckerleinen mit ihrem Stabe Rücken und Nase.

Alsbald erscholl ein langes und allgemeines: Ah! – und darauf schrie alles was Odem hatte: Lange lebe König Huldibert der Zweite, der beste und schönste Mann im ganzen Königreiche!

* * *

 


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