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König Pfau.

Feenmärchen nach dem Französischen.

1809.

Es war einmal ein König und eine Königin in Taccamahacca, die hatten zwei allerliebste Prinzen. Wenn sie ausgetragen wurden, formirten allemal die Mahler und Bildhauer des Reiches eine Haye, um im Fluge einen Amors- und Engelskopf zu erlauschen, und die Männer, um die schönen Formen ihrer Phantasie einzubilden. Dabei waren die kleinen Prinzchen so klug und gelehrig, daß alle Gelehrte nichts mehr bedauerten, als daß die Wunderkinder Königssöhne waren, und nicht als junge Rosciusse, Apellesse und Homere die Welt in Erstaunen setzen konnten.

Die königlichen Aeltern hatten ihre einzige Freude an den lieben Kindern. Weil aber Wünsche ein wucherndes Unkraut sind, das die geschäftigste Erfüllung nicht genug zu beschneiden vermag, so keimte auch in den Herzen des Königs und der Königin bald ein neuer Wunsch auf. Sie sehnten sich nach einer Prinzessin, die, wenn sie nicht ganz aus der Art schlug, wenigstens eine doppelte Liebesgöttin an Gestalt, eine vierfache Grazie an Liebenswürdigkeit, und eine zehnfache Muse an Wissenschaft und Kunst seyn mußte. Die Jungen werden wild, sagte der König, aber ein Mädchen behält immer etwas zartes und einschmeichelndes. Die Jungen gehn an fremde Höfe, erwiderte die Königin, aber eine Tochter zieht oft selbst bedeutende Fremde an den Hof. So unterredeten sie sich alle Abende und Morgen, und freuten sich unter zärtlichen Umarmungen über das Einverständniß ihrer Herzen, Wünsche und Gedanken.

Das Schicksal ist nicht immer taub gegen die Bitten der Könige. Die Königin fühlte bald Grund zu der besten Hoffnung, und an dem schönsten Frühlingsabend, wo alle Sterne in den glücklichsten Konstellationen für Schönheit, Macht, Reichthum und alle königliche Freuden leuchteten, wiegte sie das schönste lebendige Rosenknöspchen auf dem Schooße. Die beiden Prinzen kamen aus ihren Betten wie kleine Genien herbeigesprungen, und küßten als entzückte Liebhaber dem zarten Mädchen die Lilienhändchen beinah weg, und die dunklen seidnen Ringellocken, unter welchen sich ein tiefer blauer Augenhimmel ihnen lächelnd öffnete.

Die Morgensonne röthete schon die Vorhänge der Wiege, als man nöthig fand, die königliche Kindbetterin der Ruhe zu überlassen. Sie blieb aber nicht lange allein. Auf Rosenblättern und Blumenkelchen, in Haselnußschalen, und Thautropfen, auf Mücken, Schmetterlingen, Goldkäfern, Heupferden, Binsen, Sonnenstralen, Laubfröschen, kam es von allen Seiten geschwommen, geschwebt, gefahren, gekrochen, getrippelt, gehüpft, geritten, daß das ganze Zimmer von den seltsamsten Equipagen und Leibrossen erfüllt ward. Es waren alles Feen von der Königin Bekanntschaft, welche sie jedesmal zu ihren Festlichkeiten einlud und so gut bewirthete, daß sie gern das nächste Mal wiederkamen. Sie mußten aber ihre Besuche heimlich halten, denn der König war ein starker Geist und glaubte weder an Feerei noch Zauberei, noch an ähnliche Dinge.

Als sich die gesammelte Feenschaft bei der Königin genug geletzt, und das neugeborne Prinzeßchen genug gelobt und geküßt hatte, ging jede nach ihrem Fuhrwerk oder Leibroß und wollte sich empfehlen. Die Königin aber führte sie nochmals an die Wiege zurück, empfahl die kleine Rosamunde von neuem ihrem Schutz, und bat die prophetische Versammlung, sie möchte dem Kinde zum Abschied noch ein gutes Horoskop stellen. Die Feen sahen sich verlegen an, und wollten mit der Sprache nicht heraus. Endlich sagte die Aelteste von ihnen: Liebe Freundin, es thut uns leid, daß wir diesesmal in eurer Schuld bleiben müssen. Wir haben bei unserm letzten Ball das Schicksalsbuch verkramt, und es geht uns dabei, wie allen Gelehrten, ohne Bücher ist es mit unsrer Kunst nicht weit her, erlaßt und also immer für heute das Nativitätstellen.

Die Fee machte zwar ihr unschuldigstes Gesicht bei dieser Ausrede, allein die Königin merkte Unrath, und wiewohl sie nicht viel Gutes zu hören hoffte, so drang sie doch so lang in die Feen, bis sie von der angesehensten in der Versammlung den Bescheid erhielt: Rosamunde werde einmal, wenn sie groß und mannbar würde, ihren Brüdern große Gefahr, wo nicht gar den Tod bringen. Mit dieser Unglücksprophezeihung zog die Feenkarawane davon.

Die Neugier der Königin war gestillt, aber Sorge und Betrübniß wurden an ihrer Statt desto lauter. Die arme Königin wollte nicht essen, nicht trinken, kein Schauspiel sehn, keinen Ball besuchen, sich nicht mehr putzen, und endlich gar auch nicht mehr sprechen. Da merkte der König, daß ihr etwas schweres auf dem Herzen liegen müßte, und sagte eines Tages nach aufgehobner Tafel zu ihr: Mein Schatz, es muß dir etwas fehlen, denn wir sprachen bei Tafel über eine Viertelstunde von dem neuen Kutschgeschirr des geheimen Oberkanonierers, und du hast kein Wort dazu gesagt.

Ach, antwortete die Königin, ich habe mein Rosenölfläschchen zerbrochen, und das schmerzt mich so sehr.

Ist's weiter nichts, sagte der König, da läßt sich Rath schaffen. Und sogleich ließ er alle Apotheker, Olitätenkrämer und Galanteriehändler der Stadt zusammenberufen, und diese verschafften der Königin mehr Rosenöl in einer Stunde, als aus allen Rosen der Welt in tausend Jahren zu erlangen ist.

Aber am andern Tage war die Königin noch eben so zerstreut.

Was fehlt dir denn wieder? – fragte der König beim Ball – dein Rosenöl kann doch unmöglich schon verbraucht seyn.

Nein, sagte die Königin, aber ich habe mir meine schönste Locke verbrannt, das macht mich so betrübt.

Das ist nun freilich Schade – erwiderte der König – aber da läßt sich auch helfen. Wir wollen dir eine falsche Locke machen lassen, stecke die auf, du wirst sehn, morgen hat jeder Kopf etwas falsches an sich und die Perückenmacher tragen dich auf den Händen.

Die falschen Löckchen kamen an, und die ächten Locken des ganzen Hofs fielen unter der Scheere. Alles geschah, wie der König vorausgesagt hatte, aber die Königin blieb mißmuthig wie zuvor. Der König fragte von neuem. Ach sagte die Königin, ich will es nur gestehen, ich habe meinen Trauring in einen Born fallen lassen und das bedeutet nichts Gutes.

Der König machte ein langes Gesicht. Ew. Majestät – sprach er – geruhen sich etwas von der Wahrheit zu entfernen, denn der Ring, welcher in einen Born gefallen seyn soll, ist hier wohlaufbehalten als das erste Glied meiner Uhrkette zu sehn.

Er zog dabei seine Uhr heraus, und ließ seine Gemahlin beide Trauringe als Glieder seiner Kette betrachten.

Die Königin schämte sich etwas, denn sie wußte sich gegen ihren Gemahl viel mit ihrer Wahrhaftigkeit und Treue. Sie hätte gern eine neue Ausflucht ersonnen, aber Se. Majestät schmollten. Endlich, nach einigen Umschweifen, gestand sie die Kindtaufskonversation mit den Feen und ihre bedenkliche Prophezeihung.

Der König moralisirte gern. Er ergriff also diese Gelegenheit, seiner Gemahlin eine lange Strafpredigt über ihren verbotenen Umgang mit den Feen zu halten, und ereiferte sich dabei sehr über die verstandeswidrige Tendenz des Zeitalters zum Mystischen und Wunderbaren. Als er fertig war, erinnerte ihn die Königin, daß geschehene Dinge nicht zu ändern wären, und daß er klüger thun würde, auf Mittel zu denken, wie man dem Uebel vorbauen könnte, ehe es noch hereinbrach. Der König gab ihr Recht, und sie überlegten beide die ganze Nacht durch; bis am Morgen die Königin das Resultat gefunden hatte, der König sollte seinen Staatsrath darum befragen.

Der Staatsrath ward versammelt. Der Finanzminister war der Meinung: die Gefahr bestehe in nichts anderm als in einer bedeutenden Ausleerung des Schatzes bei einer künftigen Ausstattung, das sicherste Mittel dagegen sei offenbar eine neue Auflage. Der Kriegsminister sah die Gefahr von wichtigen Brautwerbern drohen und rieth Vergrößerung der Armee. Der Großalmosenier ahndete etwas von frevlerischer Liebe der Brüder zu der Schwester, und machte dem König es zur Gewissenssache, die Prinzessin dem Kloster zu bestimmen. So debatirte die Versammlung vom Morgen bis zum Abend ein ganzes Journal von Erfindungen, Theorien und Widersprüchen zusammen, bis sie endlich über den vorläufigen Punkt einig ward, daß man diese wichtige Sache in reifliche Ueberlegung ziehn und eine besondre Kommission dazu niedersetzen müsse.

Während die Kommission saß, ging die Königin mit ihrem gesammten Hofstaate auch fleißig über die Sache zu Rathe. Eines Tages hörte sie von ihrer alten Amme, daß in einem Walde, unfern der Residenz, eine alte Eremitin lebe, die weit und breit um Rath gefragt würde, und schon manchem aus großer Noth geholfen habe. Die Königin entschloß sich sogleich zu der Wallfahrt.

Am nächsten Morgen setzte sie sich auf ihr Leibroß. Es war weiß wie Schnee und an allen vier Hufen mit reinem Dukatengolde beschlagen. Ein paar Kavaliers, die sie begleiteten, hatten Rock- und Westentaschen voll Ringe und Juwelen, und zwei Mantelsäcke voll Schleiers und Schawls nach dem neuesten Geschmack für die alte Sibylle im Wald.

Die Königin und ihre Kavaliers mußten lange suchen, ehe sie die Wohnung der Wahrsagerin fanden, denn diese wohnte nicht wie andre ihrer einsamen Brüder und Schwestern in einer Hütte oder Grotte, sondern in einem hohlen Eichbaume, den man nicht bemerkt hätte, wär nicht in seinem Wipfel der Tummelplatz einer respektabeln Pfauenassemblee gewesen, welche hier die Reize ihres Putzes und ihres Gesanges entfaltete. Die Königin vermuthete in dieser Gegend die Wohnung der Waldeinsiedlerin, und ließ die Geschenke ausbreiten, während sie selbst sich dem Baume näherte. Sie mußte lange klopfen, eh inwendig eine Stimme antwortete, endlich bog sich die Baumrinde etwas abwärts, und es drängte sich ein Convolut Leinwand und Wollenzeug hervor, aus dem eine Nasenspitze und ein Kinn sich freundschaftlich mit gegenseitigen Küssen begrüßten.

Die Sibylle nämlich steckte ihren Kopf heraus, um zu sehen, wer sie in ihren Haushaltungsgeschäften störte. Als sie die schönen Sachen auf der Erde und an den Büschen ausgebreitet sah und die Königin an der goldnen Krone auf ihrem Haupte erkannte, bog sie in der Eile die Rinde ihres Baums so weit rückwärts, daß sie abbrach, und die Baumbewohnerin mit der Thüre nicht sowohl ins Haus fiel, als aus dem Hause. Die Königin lief selbst schnell hinzu, sie aufzuheben, und die Kavaliers durften aus Respekt für die Königin nicht zurückbleiben, aber die zarte Weiblichkeit der Einsiedlerin protestirte gellend gegen jede Entweihung ihrer Reinheit durch eine männliche Hand, und glaubte sich durch den bloßen Versuch so beleidigt, daß sie die vornehmen Gäste in die aromatischen Gegenden verwünschte, wo der Pfeffer wächst.

Die Königin hatte nun alle Hände voll zu thun, der schmollenden Dryade auf die Beine zu helfen, denn ihre Figur bedeckte ein ansehnliches Stück Landes mit einem langen, bunten, faltigen Talar, der in seiner frühern, glücklichern Zeit als Fußteppich gedient hatte. Endlich gelang es der Königin, aber statt einer erwarteten Riesin, stellte sie ein kleines, von Alter gebücktes Mütterchen auf die Füße, welches ihr kaum bis an die Knie mit dem Kopfe reichte, und eine Tagereise nöthig hatte, um die lange Schleppe des Talars hinter sich zu entfalten.

Als man sich vom ersten Schreck etwas erholt hatte, brachte die Königin ihre Worte an. Sie bat mit bedeutendem Blick auf die mitgebrachten Geschenke um guten Rath, und versprach noch zehnmal mehr zu bringen, wenn alles gut ablief. Die Alte schmunzelte und klatschte vor Freuden in die Hände über alle die schönen Sachen. Dann rief sie laut: Pfauchen, Pfauchen! und im Augenblicke flatterten alle Pfauen um sie her, und fingen ein so gräßliches Geschrei an, daß die Königin sich beide Ohren fest zuhielt.

Das tiefere musikalische Studium der Alten fand aber dieses Konzert äußerst harmonisch, und ärgerte sich über die Geschmacklosigkeit des galanten Auditoriums. Als der Lärm aufgehört hatte, trat die Alte vor die Königin und sprach:

Sei getrost, Königsweib. Baue einen stählernen Thurm für deine Tochter, und verschließe sie darin, daß sie von niemand gesehen werde, als von dem König mit seinem Haus und ihren Dienerinnen. So entgehst du aller Gefahr. Geht sie aber aus dem Thurm, so will ich ihr die zarte Frucht meiner ersten Liebe zum Manne geben, der wird deine Söhne von allem Uebel befreien, welches sie bedroht.

»Die Prinzessin wird bei diesen Aussichten ihren Stahlthurm nicht leicht verlassen,« dachte die Königin, und war von dem Orakel der Waldsibylle eben nicht sehr erbaut. Die Alte aber trippelte nach ihrem Baum und kam bald mit einer Hand voll Federn und einem niedlichen Hündchen zurück.

Es ist billig, sagte sie, daß ich meinem lieben künftigen Schwiegertöchterchen ein Geschenk mache, das ihrer werth ist. Da sind ein paar Federn zum Brautbett, darauf wird sie gut schlafen, und mit dem Hündchen kann sie spielen, es ist die Prinzen und Prinzessinnen gewohnt, und beißt nicht, wenn sie es vexiren und necken.

Das Pfauenorchester fing nun wieder eine so mächtige Sinfonie an, daß die Königin ihrem Pferd die Sporen gab und im Galopp zum Walde hinaus sprengte. Das Hündchen gefiel ihr. Es war ein allerliebstes Thierchen von der seltnen Art, die gar nicht existirt, wenn man nicht ein Exemplar von einer Fee bekommt. Seine Farbe war das schönste Himmelblau, um Kopf, Hals und Brust von weissen Löckchen, wie von leichten Wölkchen zart umflossen, aus welchen zwei blaßrothe Oehrchen, wie zwei Rosenblätterchen sich hervorspitzten, der Rücken war wie Sammt, und der Schweif so voll, reich und beweglich, wie der schönste Federbusch auf einem jungen Feuerköpfchen. Die Federn vergaß die Königin über das allerliebste Hündchen, und das war ein rechtes Glück, denn weil sie nicht so viel daran dachte, um sie wegzuwerfen, so brachte sie das leichte Geschenk unwillkührlich mit in das Schloß.

Hier schallte ihr großes Wehklagen entgegen, denn das kleine Prinzeßchen hatte von früh an geschrieen und war nicht zu beruhigen. Die Königin ließ Hündchen und Federn fallen, und flog zu der Wiege; so wie aber die herumstaubenden Federn das Kind berührten, da ward es augenblicklich ruhig, lächelte und schlief ein. Die Königin ahndete nun erst ihren Schatz, sammelte schnell alle Federn, und füllte sie in das Bett der Prinzessin. Kein Kind hat jemals so gesund auf einem Bett gelegen, als Prinzessin Rosamunde.

Das Wunder mit den Federn versöhnte den König etwas mit dem Wunderglauben seiner Gemahlin. Er entließ die Kommission, die eben eine vorläufige Kommunikation mit den Universitäten des Königreichs und der benachbarten Staaten beschlossen hatte, und berief an ihrer Stelle alle Architekten des Landes. Diesen trug er auf, einen stählernen Thurm für die Prinzessin zu bauen, und zwar bei Todesstrafe so schnell, daß er mit der neuen Wache eingeweiht werden könnte. Die Baumeister versprachen zwar von einer solchen Eilfertigkeit nicht viel Gutes, indessen tummelten sie sich nach Möglichkeit, arbeiteten Tag und Nacht und wurden so geschwind mit dem Bau fertig, als die Geister von Aladdin's Wunderlampe. Der Thurm war eine Attrape in Großem. Von Außen sah er freilich nicht sehr einladend aus, aber inwendig war er desto schöner und recht für eine Prinzessin eingerichtet. Alle Wände waren von Spiegelglas, mit schwerfaltigen seidnen Tapeten behängt, die Treppen von Alabaster, die Thüren von Cedernholz, die Meubles von Schildkröte und Elfenbein, die Fußböden von Edelsteinmosaik und von den Decken hingen an goldenen Ketten Schalen von Krystall, Rubin, Smaragd, Saffir, Opal und andern kostbaren Steinen herab, in welchen beständig wohlriechender Spiritus flammte, zur Beleuchtung des Thurms, der, um die Prinzessin ganz abzusondern, keine Fenster hatte. Dabei waren alle Zimmer so nach pädagogisch akustischen Principien gebaut, daß jedes Wort, welches einer Prinzessin zu hören nicht taugt, keinen Schall gab. Es entstanden dadurch zwar lange Pausen in dem Unterricht und der Konversation der Prinzessin, der König selbst verstummte wohl zuweilen auf einige Minuten, allein weil der Thurm fest gebaut war, so ließ sich dieses nicht mehr ändern.

In diesem Thurme wuchs die Prinzessin auf. Sie hatte keine Langeweile, denn der König schickte ihr alle Tage neue Spielsachen, und die beiden Prinzen kamen täglich, um mit ihr zu spielen. Sie erzählten ihr auch oft vom Tageslicht draußen, und von Wäldern und Gärten und Sonne, Mond und Sternen. Sie machten ihr auch oft Lust die Welt zu sehn, aber wenn sie davon zu sprechen anfing, schickte ihr der König neue Kleider und Bonbons, und so viel Spielsachen, daß sie die Welt darüber vergaß.

Indessen waren die Prinzen herangewachsen und die Prinzessin auch. Wenn der König bei Hofe von Parthien fremder Königstöchter erzählte, so fragte der große Prinz: Papa, warum macht unsre Schwester nicht auch eine Parthie? Wenn die Königin zur Hochzeit fuhr, fragte der kleine Prinz: Mama, wenn hat denn Rosamunde Hochzeit? Wenn der Edukationsrath von ritterlichen Thaten erzählte, faßten beide Prinzen den Heldenentschluß, Rosamunden aus ihrem Thurme zu befreien. Man hatte alle Künste nöthig, sie zufrieden zu stellen.

Der Prinzessin wollte es auch nicht mehr in ihrem Thurme gefallen. Die Bonbons schmeckten ihr nicht, die Spielsachen waren langweilig, der Hofstaat abgeschmackt, und die Kleider zeigten ihr nur, daß sie groß geworden war, und daß die Bestimmung vierzehnjähriger Mädchen nicht in einem Thurme zu suchen sei.

Der König und die Königin hatten nun wenig ruhige Stunden mehr. Im Thurme klagte die Prinzessin, im Schlosse plagten die Prinzen, und auswärts fragten eine Menge Kaiser und Könige nach der Prinzessin durch ihre Abgesandten. Denn der Ruf hatte von Rosamundens Schönheit nicht geschwiegen, und hätte sie vergrößert, wenn sie nicht schon viel größer gewesen wäre als die Phantasie der Frau Fama selbst.

Das hohe Königspaar verzweifelte schon an der Möglichkeit einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden, endlich fanden sie ungesucht den natürlichsten, denn sie legten sich hin und starben beide an Einem Tage.

Der Hof und das ganze Land ging nun schwarz. Die Glöckner hatten Arbeit und keinen Verdienst, die Organisten Verdienst und keine Arbeit. Von den Kanzeln und andern Rednerstühlen bewies man, daß die Krone das würdigste Haupt verloren habe. Die Poeten sagten dasselbe in Versen und die Mahler in Allegorien. Unterdessen hatte man die königlichen Leichen bestattet, die Reichsstände versammelten sich, gaben dem großen Prinzen einen scharlachnen goldgestickten Mantel, mit Hermelin gefüttert, um, dann setzten sie ihm eine diamantene Krone auf sein Haupt, und ihn selbst auf einen goldnen Thron. Nun schrie alles Volk dreimal aus allen Kräften: es lebe der König! Die geistlichen und weltlichen Redner bewiesen, die Krone habe noch niemals ein so würdiges Haupt bedeckt, die Poeten sangen, und die Mahler allegorisirten dasselbe. Alle Welt war froh, und man dachte an nichts als an Feste zu Ehren des Königs, zur Freude der Gäste und zum Ruhme der Wirthe.

Als der neue König vom Thron gestiegen war, sagte er zum Prinzen: Bruder, nun sind wir Herren im Lande, nun wollen wir vor allen Dingen unsre Schwester aus ihrem Thurm erlösen, wo das arme Kind erbärmliche Langeweile hat. Sie wird dann oft Besuch von hübschen Mädchen haben und die sehn wir beide gern.

Gesagt, gethan. Sie sprangen durch den Garten, der König drehte in großer Eil den Bart vom Schlüssel, und der Prinz hob die Thüren aus den Angeln, um keine Zeit zu verlieren. Prinzessin Rosamunde fütterte eben ihr himmelblaues Hündchen mit Bonbons, als sie aber ihre Brüder kommen sah, stand sie auf, faßte den Aeltesten bei der Hand, und sagte: Schönen guten Morgen, Ihre Majestät! Du bist nun König, und ich deine gehorsame Dienerin. Aber nimm mich aus diesem abscheulichen Thurm, sonst sterb ich vor Langeweile. Damit fing sie bitterlich an zu weinen. Der König umarmte sie, und sagte: Weine nur nicht, liebes Kindchen, und gieb dich zufrieden, du sollst keine Langeweile mehr haben, ich bin eben gekommen, um dich aus dem Thurm in den Palast zu holen, wo dir eine Menge Ritter und Hofleute Kurzweile genug machen werden. Wie nun die Prinzessin noch immer fort weinte, zeigte ihr der Prinz die neusten Modekupfer und sagte: Komm, wir wollen fort aus dem häßlichen Thurm, suche dir einen recht schönen Brautstaat aus, der König wird dir bald einen hübschen Mann geben. Da gab sich die Prinzessin zufrieden und sprang fröhlich aus dem Thurm.

Der Thurm war in einem Winkel des königlichen Gartens. Rosamunde blieb wie bezaubert stehn. Die Stauden und Pflanzen ihrer Porzellanvasen standen hier als Riesengewächse in hohen Bäumen vor ihr, und die zarten Blüten, deren ihr Hauch vorsichtig geschont hatte, schwammen in glänzendem, duftendem Gewühl durch die Frühlingsluft. Blumen, schöner und bunter, als ihre Hand mit sorgsamer Pflege aufzog, blühten hier zu ihren Füßen, und statt einzelner Vögel aus goldnen Käfigen, tönten ihr ganze Chöre von Nachtigallen und Colibris aus Büschen und belaubten Wipfeln entgegen, die sie im goldnen Glanz des neuen Sonnenlichtes einladend und freundlich anwehten. Rosamunde flog von einem zum andern, küßte die Blumen, drückte die Vögel an ihre Brust, umarmte die schlanke Ceder, und nannte den Palmbaum ihren Bräutigam. Auf einmal trat aus dem nahen Lustwald ein prächtiger Pfau, und breitete einen großen vielaugigen Irisbogen wie eine Glorie um sich. Was ist das? rief die Prinzessin, und ließ Palmbaum und Ceder, um den schönen Vogel zu umarmen, der scheu in die Luft sich erhob, und in den Wald zurückflog.

Ihre Brüder waren herbeigelaufen, und erzählten ihr, en wär nichts als ein Pfau, dergleichen sie schon manchen gespeißt habe. Die Prinzessin war außer sich. Wie, rief sie ganz entrüstet, diesen Fürsten der Vögel erkühnt man sich zu tödten? Aber so gewiß ich deine Schwester bin, ich heirathe niemand als den Pfauenkönig, und bin ich nur erst Pfauenkönigin, dann will ich den sehn, der mir einem Pfau nur ein unschönes Wort sagen soll!

Der König war etwas verblüfft über die seltsame Allianz, und besann sich einige Zeit, was er der Prinzessin sagen sollte. Endlich sagte er doch seinen ersten Gedanken ungekünstelt heraus: »Ei Rosamunde, du wirst doch keinen Vogel heirathen wollen?

Wer sagt denn einen Vogel? – antwortete die Prinzessin etwas ärgerlich – den Pfauenkönig will ich heirathen, und ein König wird wohl bei den Pfauen auch ein ander Ding seyn als ein Unterthan.

Ja – wandte der König ein – wer weiß denn, ob die Pfauen auch einen König haben?

Nun ward die Prinzessin im Ernst böse. Hör' einmal an – sagte sie – das sind Flausen. Papa und Mama haben mir oft gesagt, wenn keine Könige waren, säh es schlecht mit den Unterthanen aus. Die Pfauen sehn aber schön und recht sehr schön aus, folglich müssen sie einen König haben, und einen recht großen mächtigen König, und ich sag' es noch einmal, ich will und muß den Pfauenkönig heirathen.

Gegen diese Gründe ließ sich von dem König freilich nichts einwenden. Er führte die Prinzessin in das Schloß, und ließ ihr den schönsten Pfau fangen, der gleich neben der Prinzessin seine Zimmer und seinen eignen Hofstaat bekam.

Die schöne Rosamunde mit ihrem Pfau war nun der Gegenstand der allgemeinen Bewunderung am Hofe. Die Herren von erster Galanterie erklärten sie in Sonnetten und Xenien für die Juno, und baten um Erlaubniß ihr Pfau seyn zu dürfen, zu dessen Stellvertreter sie sich vorläufig durch den Wohlklang ihrer Verse legitimirten. Die vom zweiten Range begnügten sich dem neuen Günstling bei Tafel und Toilette aufzuwarten. Rosamunde lachte über die wunderlichen Leute, und fragte ihren Bruder täglich, ob der Pfauenkönig noch nicht gefunden wäre.

Der König und der Prinz sahen, daß die Prinzessin von ihrem Einfall nicht abließ und sich im Stillen grämte. Sie wurden darüber auch traurig und berathschlagten oft mit einander, was zu thun sei? Sie schickten überall herum, ließen Anfragen in alle Anzeiger und Intelligenzblätter einrücken, holten bei allen Universitäten und Fakultäten Response ein, setzten Preise aus, aber alles vergebens. Eines Tages sprach der König zum Prinzen: Weißt du was, Bruder, selber ist der Mann! Wir bekommen auf unsre Fragen gelehrte Abhandlungen über das Vaterland der Pfauen, die Wanderungen der Jo, die Galanterien Jupiters und Gott weiß, was für verwandte Gegenstände, aber keine Nachricht von unserem guten Bruder, dem Pfaukönig. Laß uns selbst ausziehen und ihn aufsuchen; wir haben hier ohnedieß nicht viel zu thun, und mehr Langeweile als uns lieb ist.

Der Prinz sagte Ja, und umarmte den König. Dann gingen sie beide zur Prinzessin, und sagten ihr, was sie vorhatten. Rosamunde küßte sie tausendmal vor Freude, und versprach während ihrer Reise recht gut zu regieren. Dann half sie dem Prinzen die Mantelsäcke packen, legte in jeden ein hübsches Souvenir, und empfahl ihnen, den Pfaukönig ja gleich mitzubringen.

König und Prinz waren nun unterwegs. Sie reisten inkognito, und hatten also kein Gefolge bei sich. Als sie über die Grenzen ihres Reichs kamen, fragten sie in jedem Gasthof nach dem Pfauenkönig, aber Wirth und Gäste lachten sie aus, und meinten, die Pfauenmajestät residire nur in Märchenheim und Fabelhausen, aber nicht in einem Lande, das in der Geschichte des Tages eine bedeutende Rolle spiele.

Die königlichen Wanderer zogen immer weiter und fanden immer seltsamere Sitten unter den Völkern. Bei einigen wurden die rechtlichen Entscheidungen zweimal in jeder Woche verloost, und weil man bemerkt hatte, daß die Urtel öfter mit den Gesetzen übereinstimmten als in den benachbarten Ländern, so ward dieses Reich immer bevölkerter. Bei andern wurden die ersten Staatsämter nur Todten übertragen, die von der zweiten Klasse konnten schon Alte und Kranke bekommen. Junge Leute durften höchstens Nachtwächterstellen bekleiden, und waren sie gesund, so konnten sie ohne besondre Rekommendation auch zu diesen nicht gelangen. Mit jeder neuen Sonderbarkeit stieg die Hoffnung der Reisenden, daß endlich wohl auch ein Pfauenreich erscheinen werde.

Sie hatten nun schon mehr Länder und Völker gesehn, als der Held der Odyssee, und glaubten nächstens an den großen Weltbreterverschlag zu gelangen, als sie durch ein hübsches Städtchen zogen. Auf dem Markt war ein Teppich ausgebreitet, und dann und wann kamen einige hübsch gekleidete Leute, machten auf dem Teppich drei Purzelbäume, und gingen dann vergnügt ihres Wegs weiter. Der König wunderte sich, daß die Polizei so etwas gestatte, und wollte eben einen Vorübergehenden darum befragen, da kam ein Polizeidiener auf ihn zu, und kündigte ihm an, weil er täglich zwei und siebenzig Mal seine Frau küsse und der Prinz desgleichen, so habe jeder zwei und siebenzigtausend Goldinen zur Federsteuer zu entrichten. Die Wandrer lachten beide laut auf, und fragten, wer ihre Küsse hier so genau kontrolire? Der Bote aber versetzte ernsthaft, es sei hier nicht der Ort zum Lachen, wenn sie etwas gegen die Berechnung einzuwenden hätten, so stehe es ihnen frei, die tägliche Summe ihrer Küsse selbst zu bestimmen, und mit drei unfehlbaren Burzelbäumen zu bekräftigen.

Da half es nun nichts, daß König und Prinz sich als Reisende legitimirten, die weder Frauen hätten, noch mit sich führten, und folglich keine weder einmal noch zwei und siebenzig Mal des Tages küssen könnten; wollten sie nicht die Federsteuer bezahlen, so mußten sie Kopf oben Kopf unten machen.

Sie hatten eben ihr gymnastisches Probestück abgelegt, als sie nun auch zu wissen wünschten, warum die Küsse hier verzollt würden, und woher der geheime Kuß-Ausschuß seine boudoirstatistischen Notizen nehme?

Damit kann ich dienen, sagte ein hübscher Mann, der neben ihnen stand. Vor ungefähr neun und zwanzigtausend Jahren ward unser Land in einen bösen Krieg verwickelt, und unsre gute Stadt litt besonders dabei. Wir mußten den Kriegskanzleien alle Schreibfedern, und den Tafeln unsrer Gäste alle Gänse überlassen, welche in hiesiger Gegend vorzüglich gediehen, weil doch unsre Stadt der Sitz der Akademie ist, die viel Federn braucht. Der Verlust war in vielen Menschenaltern nicht zu ersetzen, gleichwohl zweifelt kein Mensch, daß in den Federn die Federkraft eines Staats liegt, und daß ohne Bücher, folglich ohne Schreibfedern, kein Staat bestehn kann, unsre Stadt am wenigsten, und die Akademie gar nicht. In dieser Noth schloß man eine Allianz mit einem benachbarten Reiche, aus welchem jährlich zwanzigtausend Millionen Bund Pfauenfedern, das Bund zu hundert Stück, an die Akademie geliefert werden, welche dann das Land mit dem nöthigen Bedürfniß weiter versorgt. Um die Kosten dazu aufzubringen, legte man eine Steuer auf die Küsse, die so leicht niemand entbehren kann, oder mag. Viele, besonders ältliche Herren, nehmen es sogar übel, wenn man sie zu gering anschlägt, und geben freiwillig mehr als man verlangt.

Der Erzähler schwatzte noch lange; aber als die Reisenden von der ansehnlichen Quantität Pfauenfedern hörten, wisperten sie sich in die Ohren, und gaben nicht mehr Acht. Endlich unterbrach der König die Erzählung mit der Frage: Ob vielleicht der Pfauenkönig in der Nähe residire und der Lieferant für die Akademie sei? Ja wohl, war die Antwort, sein Reich gränzt unmittelbar an das unsrige, und alle Jahre geht eine Gesandtschaft an ihn ab, um die Federallianzgeschäfte zu dirigiren.

Wer war froher, als Rosamundens Brüder, die nun ihren Pfauenkönig gefunden hatten! Sie umarmten den Pfauenfedersteuereinnehmer, versahen sich mit Empfehlungsschreiben an den Gesandten beim Pfauenhofe und eilten mit Kurierpferden davon.

Wo nur das Mädchen, die Rosamunde, errathen hat, daß es einen Pfauenkönig giebt, sagte der König unterwegs

Das weiß der Himmel – erwiderte der Prinz – uns wär so etwas nicht in den Sinn gekommen. Sie muß manchmal somnambul seyn.

An der Gränze des Pfauenreiches flogen und liefen ihnen überall Pfaue entgegen, weisse, blaue, grüne und bunte, wie man sie sonst nirgends in der Welt findet. Sie machten einen Lärm, daß man sie meilenweit hörte. Der König machte ein bedenkliches Gesicht, und sagte zum Prinzen: Bruder, wenn der Pfaukönig auch ein Pfau ist, so sind wir in einer fatalen Lage. Einen Pfau kann doch unsre Schwester unmöglich heirathen, das würde eine saubere Descendenz geben!

Freilich, sagte der Prinz. Ich weiß auch garnicht, was den Mädchen manchmal für wunderliches Zeug in den Kopf kommt.

Zu ihrer großen Beruhigung sahen sie in der Ferne eine große Stadt mit hohen Thürmen und festen Mauern, die nicht von Vogelschnäbeln erbaut zu seyn schienen. Vielleicht sind doch Menschen im Pfauenreich, sagte der König, und so war es auch. Alle Gassen der Stadt wimmelten von Männern und Frauen, aber ihr Anzug, ihr Putz und die meisten Geräthschaften waren von Pfauenfedern gemacht. Indem die Reisenden sich verwundert umsahen, öffneten sich ein paar große bronzene Flügelthüren an einem prächtigen Palast, und der König fuhr heraus in einer schönen Karosse, wovon das Gestell von Gold, die Räder von Diamant und der Sitz von Rubin war. Der König saß darin, wie in einem Firmament von Sternen und Sonnen, und zwölf große majestätische Pfaue bildeten sein Gespann. Der Pfaukönig war so jung, als die neuen Ankömmlinge, und so schön, daß man ihn nicht genug ansehn konnte. Außer einer Krone von Pfaufedern und einem Federmantel hatte er nichts Pfauenähnliches, bis auf ein kleines niedliches Stutzbärtchen unter der Nase, das nicht wie bei den jungen Stutzern andrer Länder von metaphorischem Flaum, sondern von ganz natürlichen zarten Federn gewachsen war. Er vermuthete in den beiden Fremden auf den ersten Anblick ein paar interessante Männer, und weil er die Länder- und Völkerkunde liebte, so hielt er sein Pfauengespann an, und ließ den König und den Prinzen rufen, um sich mit ihnen zu unterhalten.

Sie kamen beide, und nach den ersten Höflichkeitsbezeigungen sagte der Prinz: Wir sind aus sehr fernen Landen hergekommen, um Ew. Majestät ein sehr schönes Porträt zu zeigen. Bei diesen Worten zog er das Miniaturgemählde von Prinzessin Rosamunde aus seiner Brieftasche, und zeigte es dem Pfauenkönig. Dieser konnte vor Entzücken kaum Worte finden, endlich sagte er mit einem tiefen Seufzer: Ach, warum hat die Welt nicht eine Schönheit wie diese! – O, rief der Prinz, das Original ist noch viel tausendmal schöner. Es ist meine Schwester, Prinzessin Rosamunde, und hier steht mein Bruder, der so gut König in seinem Lande ist, wie Ew. Majestät in dem Ihrigen. Er heißt der König und ich der Prinz. Wenn Ew. Majestät Lust hat, das schöne Original dieses Bildes zu heirathen, so soll es an unsrer Einwilligung nicht fehlen. Unsre Schwester ist eben so tugendhaft als schön, und eben so klug als tugendhaft, und übrigens bekommt sie von uns zehn Scheffel Dukaten und hundert Scheffel Silbergeld zur Mitgabe.

Meiner Treu, sagte der Pfaukönig, ich mache mir ein besondres Vergnügen daraus, sie zu heirathen, wenn sie nur so schön ist als das Porträt, denn noch schöner, das hielt ja kein Mensch aus. Aber, das sag' ich euch, ihr Herren, so schön muß sie seyn, sonst habt ihr mir etwas aufgehängt, und dafür laß ich euch wieder aufhängen.

Die Fremden lachten, und versprachen, sich auf diese Bedingung mit Vergnügen hängen zu lassen. Sie konnten es; denn sie wußten, daß das Porträt ähnlich seyn müsse, weil es der verpflichtete Hofmahler, unter Direktion des geheimen Oberphysiognomieraths gemahlt, und der Naturcontroleur vidimirt hatte. Vorläufig mußten sie sich, zur Sicherheit, auf Befehl des Königs in das öffentliche Gefängniß begeben. Sie fanden darin alle Bequemlichkeit, denn im Pfauenreiche herrschte eine exemplarische Humanität, besonders gegen Verbrecher, auch besuchte der Pfauenkönig die beiden Gefangenen täglich, und rechnete mit ihnen die Stunden aus, wenn Prinzessin Rosamunde ankommen könnte. Sie saßen alle drei über dem Einladungsschreiben an die Braut, und wenn einer vor Freude über die künftige Freude die Feder oder den Gedanken fallen ließ, so nahm der Andre das Verlorne auf und schrieb weiter.

An Rosamundens Hofe zu Taccamahacca war die Freude auch nicht klein, als der Briefträger mit dem Briefe ankam. Die Prinzessin lief im ganzen Schlosse herum, und wenn ihr jemand begegnete, so klatschte sie in die Hände und erzählte, daß der Pfaukönig gefunden wäre, und sie bald heirathen würde. Stadt und Reich freute sich nun bald zu Tode. Alle Nächte war die Stadt von der Erde bis zu den Thurmspitzen illuminirt, und weil der Tag zum Anzünden aller Lampen nicht lang genug war, so ließ man sie gleich brennen. Alle Kanonen wurden so lange abgefeuert, bis sie glühten; dann verpuffte man als Surrogat Knallpulver; alle Kehlen schrieen dem Pfaukönig Vivat, bis sie heiser waren, dann stieß man die Gläser zusammen, und zwischen diesen Festlichkeiten wechselten unaufhörlich Bälle, Schauspiele, Maskenaufzüge mit Koncerten, Soirees und Thees. An Schlaf war nicht zu denken, denn mit Tagesanbruch ging man zum Souper, und wenn die Schauspiele Abends aus waren, wartete schon wieder ein Diner. Als das Oel alle war, brannte man Oelsurrogate, und so half man sich auch mit dem Wein und andern Bedürfnissen der Freude. Als aber die Lust selbst ausgegangen war, wollte sich kein Surrogat finden, im Gegentheil fand man eine anständige Betrübniß schicklicher, weil die Prinzessin ihr Reich bald mit dem Pfauenreiche vertauschen werde. Man schrieb eine allgemeine Stille aus, und verbot alle Lustbarkeiten bei hoher Strafe. Das Edikt ward pünktlich befolgt, und die Prinzessin reisete ab.

Sie schlug den nächsten Weg zu Schiffe ein, und wollte niemand mit sich nehmen, als ihre Amme, ihre Milchschwester, und ihr himmelblaues Hündchen, Azur genannt. Denn der übrige Raum im Schiffe war mit Gepäck angefüllt, dessen die Mädchen mancherlei auf Reisen brauchen und absonderlich die Bräute. Unterweges that man nichts als lachen und singen. Rosamunde fragte am Abend den Schiffer: Siehst du Land? siehst du Land? kommen wir bald zu dem Pfauenstrand? Aber er antwortete: das hat noch Zeit, das hat noch Zeit, der liegt viele hunderttausend Meilen weit. Am Morgen fragte sie wieder: Schiffer, sag' an, Schiffer, sag' an, ob wir uns bald dem Pfauenreiche nahn? Aber der Schiffer sagte: Frage den Wind, frage den Wind, bläßt der gut, so fahren wir geschwind. Als die Sonne sich ins Meer senkte, fragte sie nochmals: Schiffer, ist's nah? Schiffer, ist's nah? Lieber, guter Schiffer , sind wir bald da! Da sah sich der Schiffer um, schwenkte seine Mütze und rief: Frisch auf, wohl auf! Morgen geht in den Hafen unser Lauf!

Als die Amme dieses hörte, setzte sie sich in das Hintertheil des Schiffes zu dem Fährmann, und lobte seine Fahrt und sein munteres frisches Ansehen, daß der alte Steuermann herzlich schmunzelte. Dann drückte sie ihm die Hand und sprach: wenn du wolltest, so könntest du ein steinreicher Mann werden. Nun, warum werde ich nicht wollen, entgegnete der Schiffer, reich wären wir alle gern. Ja, wiederholte die Amme, einen Haufen Gold könntest du dir verdienen, so schwer wie dein Steuerruder, wenn du wolltest. Wenn's mit dem Wollen gethan wär, sagte der Schiffer ärgerlich, so läg euer Haufen Gold schon da, wenn ihr aber weiter nichts zu sagen wißt, so hättet ihr die Speisepforten gar können verschlossen bleiben lassen.

Da nahm ihn die Amme bei Seite. Du mußt – sagte sie ihm in's Ohr – die Prinzessin diese Nacht, wenn sie schläft, in's Meer werfen. Dann zieh' ich meiner Tochter, der schönen Popanzine, ihre Brautkleider an, und lasse sie Pfauenkönigin werden, und wir heirathen uns auch und haben vollauf.

Der Schiffer machte ein Kreuz, und meinte, es sei doch Schade um die Prinzessin, weil sie so jung sei und so schön, und eine Prinzessin, und obendrein eine Braut. Allein die Amme gab ihm eine Bouteille Wein und ließ ihn so viel trinken, daß er das Ertrinken für das höchste Glück hielt und Alles versprach, was die Amme verlangte.

Die Nacht war indessen stark hereingebrochen. Die Prinzessin lag auf ihrem Bett mit den Gedanken bei ihrem geliebten Pfauenkönig. Dabei sah sie schmachtend nach dem dunkelblauen Himmel auf, der ihrer Liebesphantasie mit seinen Millionen Sternen wie ein tausendäugiger Pfauenschweif aus bessern Welten vorkam. Zu ihren Füßen lag wie gewöhnlich ihr niedlicher Azur, und die Amme mit ihrer Tochter saßen am Bett und sangen sie ein.

Rosamunde war eben im ersten, süßesten Schlaf, da rief die abscheuliche Amme den Schiffer. Sie hoben die Prinzessin, um sie nicht aufzuwecken, mit allen Betten, Matratzen und Decken auf, und ließen sie so sanft ins Meer fallen, daß sie nichts davon gewahr wurde.

Ein Glück war es, daß in dem Unterbett sich noch die Federn befanden, welche die alte Sibylle im Walde der Königin für Rosamunden geschenkt hatte, denn das waren die Phönixfedern, die außer mehrern rühmlichen Eigenschaften auch diese haben, daß sie im Wasser niemals untersinken. Die Prinzessin schwamm daher in ihrem Bett so sicher, als in einem Nachen, indessen drang doch das Wasser nach und nach durch die Federn und Matratzen bis zur Decke, daß die Prinzessin darüber erwachte, und sich schon fürchtete am Morgen Ausgeschmältes zu bekommen.

Azur wachte von ihren Bewegungen auf, und weil er eine exemplarisch feine Nase hatte, so witterte er die Lampreten, Austern und Schildkrödten in der Nähe. Darüber fing er so laut an zu kläffen, daß er die ganze Fischheit und Schildkrötenschaft rege machte. Die großen Fische wurden böse und stießen mit den Köpfen gegen das schwimmende Bett, daß es sich auf den Wellen drehte, wie ein Kreisel. Die Prinzessin war nicht wenig verwundert, und schalt auf den Schiffer, denn sie glaubte, er führe so ungeschickt. Azur bellte eines Bellens und geberdete sich wie besessen. Die Amme hörte den Lärm in der Ferne, aber sie spottete nur darüber, und sagte zum Schiffer: Horch! das kleine Aeffchen trinkt mit seiner Prinzessin auf unsre Gesundheit und macht sich lustig. Indessen steuerten sie rasch nach dem Pfauenlandes zu, und Popanzine konnte es kaum erwarten, bis das Schiff in den Hafen einlief.

Hier hatte man es auch nicht an Empfangsanstalten fehlen lassen. Das Meer duftete viele Meilen weit wie Rosen, Lilien, Jasmin, Zimmt und Ambra. Denn alle guten Essenzen und Oele wurden unaufhörlich hineingegossen, um das Land gleich in guten Geruch bei der neuen Königin zu bringen. Viel hundert kleine Fahrzeuge kreuzten umher. Sie waren von Schildkröte, hatten statt des Mastes eine Riesenpfaufeder, und zu Segeln Blätter von der großen Wunderrose, welche nur in diesem Lande wächst. Im Hafen selbst wimmelte es von Menschen und Thieren zu Fuß und zu Wagen. Löwen, Esel, Bären, Hirsche, Wölfe, Tiger, Ochsen, Elephanten sah man vor den Karossen, denn die Polizei im Lande sah darauf, daß jeder ein, seinem Stande und Range angemessenes Gespann, vor seinem Wagen hatte. Für die Prinzessin stand ein Zug von acht schneeweißen Gazellen bereit. Ihr Geschirr war von purpurrothem Sammt mit goldnen Platten. Zweihundert schöne junge Mädchen hielten abwechselnd die Zügel, und die abgelöset waren, bildeten unaufhörlich die schönsten Gruppen und Gemählde, denn sie waren in allen Farben gekleidet, und gleichsam lebendige Musivstifte, die durch die reizendsten Tänze ein schönes Gemählde in ein immer schöneres verwandelten.

Die Amme hatte indessen ihr möglichstes gethan, ihre Tochter in die Prinzessin Braut zu verwandeln. Man würde Popanzinen unrecht thun, wenn man sagen wollte, die Natur habe an ihr irgend ein Stück vergessen, was der Schönheitrequisitenzettel des eigensinnigsten Kenners enthält. Sie hatte alle, aber die freigebige Natur hatte sich bei ihr nur in der Anordnung ihrer Gaben vergriffen. Die glühenden Rosen hatten sich von den Wangen in die Haare verirrt, das weisse Elfenbein der Zähne war auf den Lippen geblieben, deren Purpur sich in die Augen geflüchtet hatte, und diese hatten ihr dunkles Braun den Zähnen überlassen. Die schöne Wölbung der Brust war auf dem Rücken zu sehn; die beweglichen Grübchen, welche das süße Lächeln bezeichnen, waren feste Stereotypen des bittern Verdrusses, und die Beine beschrieben die schönen Bogen, welche man an den Augenbraunen gern bewundert. Der prächtige Schmuck, den die Amme nicht sparte, war daher nicht leicht anzulegen, die Armbänder fielen wegen der zarten Schlankheit der Arme bis auf die Handwurzel herab, und das Halsband war wegen der vollen Rundung des Halses nicht genug zu verlängern. Die Schuhe konnten nicht groß und die Kleider nicht klein genug gefunden werden. Das kosmetische Werk ging deßwegen ziemlich langsam von statten, als es aber vollendet war, trösteten sich Schmückerin und Geschmückte mit dem Spruche: Was lange währt, wird gut.

Im Pfauenreich aber schien dieser Satz keine allgemeine Gültigkeit zu haben. Dem Volke, das Vivat rufen sollte, blieb, bei Popanzinens Anblick, die ganze letzte Hälfte des Ausrufs im Munde zurück. Der Kammerherr, den die Braut bewillkommen sollte, konnte der Doppelattake seines ästhetischen und moralischen Gewissens nicht widerstehn, und der Anfang seiner zierlichen Rede: Wie erfreulich! verwandelte sich in den Ausruf: Wie abscheulich! Die ganze Menagerie vor den Karossen ward scheu, und selbst die sanften Gazellen wurden wild und suchten das Freie. Die Mosaiktänzerinnen jagten ihnen nach, und ihr verworrnes Gedräng bildete eine endlose Fülle von Karikaturen, welche alle viel Aehnlichkeit mit Popanzinen hatten. Man mußte in der Eil einen Zug von sechs Pavianen vor den Wagen der Braut legen, und sie brüstete sich darin nach Möglichkeit. Die Pfaue, die als Bürgerwache vom Hafen bis zum Palast eine Doppelreihe formiren und ihre Schweife präsentiren sollten, glaubten, der Leibaffe der Prinzessin eröffne den Zug, und trieben unziemliche Späße und Neckereien. Der Schiffer, dem bei dieser Aufnahme nicht allzu wohl zu Muthe ward, stieß die Amme an und sagte leise: das geht schlecht, die Mamsell sollte hübscher seyn. Die Amme aber fuhr ihn an, und sagte: der Beifall der Menge sei grade ein Beweis gegen die rechte, wahre Schönheit. Gemeine Naturen aber verstünden das nicht.

Man brachte indessen die frohe Nachricht von der Ankunft der Braut vor den König. Nun – sagte er – haben ihre Brüder recht, ist sie schöner als das Bild? Der Direktor der königlichen Vergnügungen war um die Antwort etwas verlegen. Zum Glück gehörte aber die Frage des Königs unter die vielumfassende Klasse der Fragen, welche auf keine Antwort Anspruch machen, denn der König fuhr gleich fort: Nun, wir wollen das bald sehn. Damit stieg er in seinen Pfauenwagen und fuhr der Braut entgegen.

Vor dem Wagen trugen zwei Reichsbarone feierlich Rosamundens Bildniß. Dann folgten alle Reichsämter mit den Gesandten fremder Höfe, dann der ganze Hofstaat, und nun ganz langsam der König in seinem Pfauenwagen, umgeben von den Reichsvasallen und allen seinen Pfauen. Er konnte es kaum erwarten seine geliebte Rosamunde zu sehn, sprang aus dem Wagen, und wollte sie umarmen. Es kam aber nicht dazu, denn kaum sah er Popanzinen, da fuhr er zurück, als hätte er einen Zitterrochen berührt. Kein Mensch hatte einen König jemals so zornig gesehn. Er warf sein Diadem zur Erde, zerriß seine königlichen Kleider, und warf so sprechende Blicke umher, daß niemand gern in der königlichen Nähe verweilen wollte. Als das erste Stadium seines Zorns vorüber, und die Entzündung seines Gemüthes etwas gestillt war, befahl er, Braut und Amme und Schiffer in die Ruinen eines tiefen Thurms zu werfen, die sich noch aus der inhumanen Zeit der Justiz erhalten hatten. Er wollte ein Exempel statuiren, damit niemand in Zukunft Lust bekommen konnte, einen König auf eine so grobe Art zu hintergehn.

Rosamundens Brüder wußten den Tag recht gut, an welchem ihre Schwester ankommen mußte. Sie hatten sich aufs beste herausgeputzt, und der König memorirte noch an der Empfangsrede, die der Prinz ihm aufgesetzt hatte. Da wurden die Thüren geöffnet, aber statt der höflichen Deputation und Ehrenwache, welche sie zum Hochzeitsfest rufen sollte, kam ein grober Kerkermeister mit einer Sicherheitswache von ein paar Dutzend Polizeidienern. Diese führten sie in einen häßlichen Keller, eine Tagereise tief unter der Erde. Es war ein Glück, daß es stockfinstre Nacht da unten war, denn hätten die armen Gefangenen sich umsehn können, so wären sie vor Schreck und Abscheu über ihre Umgebungen im ersten Augenblick gestorben.

Hier erschöpften sie sich nun in Hypothesen über den zureichenden Grund dieser unbegreiflichen Veränderung, ohne den wahren zu errathen. Indessen hatten sie doch den Vortheil von ihren teleologischen Studien, daß ihnen die Zeit ziemlich geschwind verging. Nach drei Tagen hörten sie die Stimme des Pfauköniges. Er stand oben an einem Luftgitter des Kellers und schimpfte ein vollständiges Sortiment bedeutender Redensarten hinunter. Könige und Prinzen wollt ihr seyn? sprach er zuletzt, Kartenkönige seid ihr und Bettelprinzen! Ihr seid die Luft da unten nicht werth, die doch eben nicht die beste ist, aber der Strick ist schon gesponnen, an den man euch henken wird.

Pfauenkönig! – rief der König unten zum König oben – hütet euch, geht nicht zu weit und nicht zu schnell in dieser Sache, ihr könntet es bereuen. Ich bin König so gut als ihr, habe Kronen aufzusetzen und zu verschenken so gut als ihr. Was schwatzt ihr also vom Strick? Es kommt mir fast lächerlich vor euch so sprechen zu hören. Wenn ein König auf dem Theater spräch wie ihr, man würde sagen, es sei höchst unnatürlich und sehr albern.

Der gefangene König von Taccamahacca rief dieses mit einem so absprechenden Tone herauf, daß der Pfauenkönig in die größte Angst und Verlegenheit kam. Er war nicht übel willens, die Gefangenen laufen zu lassen, damit sie ihm kein Leid anthun könnten. Aber sein Vertrauter rieth ihm ab und sagte, wenn er nicht ernstlich Rache nehme, so würde alle Welt sich moquiren und ihn für einen kleinen Titular- und Vasallenkönig halten. Das wirkte. Der König schwur strenge Gerechtigkeit zu üben und die schnellst-möglichste Justiz zu handhaben. Ein Mahler, der im Pfauenreichswappen eine Feder ausgelassen hatte, war wegen Hochverrathes in Verhaft. Man verurtheilte ihn, Popanzinen zu mahlen, das Gemählde stellte man dem Gerichtspräsidenten gegenüber auf den Gerichtetisch, und vor jeden Gerichtsbeisitzer eine Kopie. Keine Tortur war jemals so wirksam gewesen, als diese Gesichtsfolter. Eh sich noch einer von den Richtern setzte, war die Sitzung schon aufgehoben, und alle urtheilten einmüthig, daß die Gefangenen hängen müßten, weil sie gelogen, und eine häßliche Zigeunerin für eine schöne Prinzessin ausgegeben hätten.

Der Pfauenkönig, der ganze Hofstaat und die gesammten Reichsstände versammelten sich nun in dem großen Thronsaal. Die Gefangenen wurden in feierlicher Prozession vorgeführt, und ihr Urtheil ihnen eröffnet. Bei dieser Gelegenheit erfuhren sie auch ihr Verbrechen. Alles Protestiren half nichts, der Pfauenkönig war entrüsteter als jemals. Die Todtenglocke wurde geläutet, die Schüler sangen, die Stadtpfeifer bliesen, und der Zug bewegte sich langsam vorwärts nach dem offenen Operationspavillon der Justiz, wo sich die Professoren der Kriminal-Chirurgie mit ihren Ammanuensen versammelt hatten.

Der Zustand der schönen Rosamunde war indessen auch nicht viel glücklicher. Sie schwamm die ganze Nacht in der unbequemsten Lage, und als es früh dämmerte, sah sie sich mitten auf dem weiten Meer ohne Schiff und ohne Hülfe allein mit ihrem kleinen Azur. Beide erschraken nicht wenig, und Rosamunde weinte so kläglich, daß alle Fische Mitleid fühlten. Ach, schluchzte sie, gewiß hat sich der Pfaukönig anders besonnen, und will mich nicht mehr heirathen, da hat er mich ins Wasser werfen lassen, um mich mit guter Manier los zu werden. Das ist ein wunderlicher Mensch, der; ich hätt' ihn so lieb haben wollen, hübsch bin ich, und vom Regieren versteh ich auch das und jenes. Wir hätten gewiß recht gut zusammen gepaßt.

So schwamm sie den ganzen Tag auf dem Meere, ganz durchnäßt, und fast zum Tod erstarrt. Hätte ihr der kleine Azur nicht das Herz gewärmt, sie wär' hundert Mal gestorben. Am Abend machten ihr die Fische wieder bange, und sie sagte zu ihrem Unglücksgefährten: Azurchen, belle nur immer, daß uns die großen Wallfische und Meerungeheuer in der Nacht nicht fressen.

Azur bellte auch die ganze Nacht, und bellte gegen Morgen einen alten Fischer an das Ufer, denn glücklicher Weise hatte der Wind in der Nacht das Bett gegen das Land getrieben. Die Prinzessin streckte ihm flehend die Hände entgegen, und bat ihn, er möchte sie aufnehmen, weil sie sonst im Wasser umkommen müßte.

Der Alte hatte von Natur ein mitleidiges Gemüth, und übrigens war die Prinzessin so schön, daß wohl ein Löwe oder Tiger ins Wasser gelaufen wär sie herauszuholen. Nach einigen Versuchen gelang das Werk. Azur sprang ans Land und bellte ein unendliches Gratias. Rosamunde wickelte sich in ihre Decken und lispelte ihrem Befreier so melodischen Dank, daß dieser ganz verjüngt wurde. Er zog das Phönixbett aus dem Wasser, und trocknete es an der Sonne. Die Prinzessin führte er in seine Hütte. Hier machte er Feuer an, schloß seinen Koffer auf, und nahm den Sonntagsstaat seiner Frau heraus. Kleidet euch um, schöne Dame, sagte er, denn ihr seid pudelnaß, und in Bauerkleidern warm und trocken zu seyn, ist allemal besser, als in Staatskleidern frieren. Damit entfernte er sich und ließ der Prinzessin Zeit ihre Toilette als Bäuerin zu machen. Sie war bald damit fertig; der Anzug war eben nicht neumodisch, aber Rosamunde war schön, und ein schönes Mädchen macht den schlechtesten Anzug auch schön, wie die goldne Morgensonne auch die graueste Wolke vergoldet.

Der Alte merkte an den goldbrokatenen Decken und atlasnen Matratzen, daß er einen sehr vornehmen Gast beherbergte. Er kam darüber in nicht geringe Verlegenheit. Was fangen wir nun an, sagte er, ich merke an jeder Miene, daß ihr etwas Vornehmes seid. Ich bin aber ein armer Fischersmann, und wenn ich euch alles gebe, was ich in Blut und Leben habe, so ist das nicht so viel, als ihr sonst Eurem geringsten Diener gegeben haben mögt, geschweige eurem Hundchen dort. Ihr seid an gute Bissen gewöhnt, hier findet ihr nichts als schwarz Brot und- etwa einen Rettich zum Mittagsmahl, und statt Kaffee einen Trunk Wasser, so gut es eben quillt. Das wird euch schlecht behagen. Wenn ihr meinem Rath folgen wollt, so laßt mich in die Stadt gehn zum Pfauenkönig, der erwartet jetzt seine Braut, und wird euch gern bei ihr als Hofdame eine Stelle geben.

Als die arme Rosamunde hörte, daß sie in dem Pfauenreiche sei, fing sie von neuem an bitterlich zu weinen. Sie erzählte dem Fischer ihr ganzes Unglück, ihre Liebe, und wie der Pfaukönig sie nun in das Meer habe werfen lassen.

Der Alte stutzte, und sagte endlich kopfschüttelnd: Hört nur an, schöne Dame, daß euch der König über Bord geworfen habe, will mir nicht einleuchten, aber, mag es gethan haben wer da will, wer weiß, wozu es euch gut ist. Was hilft euch ein Mann, wie der Pfaukönig, der verzaubert ist; und alle Nächte zu einem schnöden Pfau werden muß? Ja, das wundert euch; ich glaub' es wohl. Eine neidische Fee hat es ihm angethan, weil er ihr nicht gut seyn wollte, denn sie war nun eben nicht die schönste. Sie hatte ihn erst ganz und gar zum Pfau gemacht mit seinem ganzen Hofstaat, aber seine Mutter, die auch was von der Feerei versteht, hat die böse Fee doch einmal überlistet, daß er wenigstens am Tage Mensch ist und die Federn verliert, bis auf den Zwickelbart. Dafür muß aber die gute Königin selbst so lange ein altes häßliches Weib seyn, bis der König entzaubert ist.

Also kann er doch entzaubert werden, fragte Rosamunde neugierig, und schmeichelte sich an den Alten an, o sagt geschwind, wie?

Ei, erwiderte der Fischer, ihr möchtet euch wohl gern das Verdienst um ihn machen, gelt? Aber das laßt euch vergehn. Da gehört ein ander Gesicht dazu, als ihr habt, nämlich ein ganz abscheulich häßliches. Wenn der König so eins zur Braut kriegen kann, dann kann ihm geholfen werden.

Ach, das ist Schade – sagte Rosamunde – da mag er lieber Pfau bleiben, als daß er so eine Braut nimmt.

Das wär noch das geringste, fuhr der Fischer fort, er soll sich aber im Angesicht des ganzen Hofes noch eine andre Braut an einem Orte holen, den man nicht gern nennt.

O nennt ihn immer – sagte Rosamunde – vielleicht wär es mir doch möglich ...

Nein, dann bewahr euch der Himmel, fiel der Fischer ein, wenn ihr's denn durchaus wissen wollt, der Ort, mit eurer Erlaubniß, ist der steinerne Kleiderschrank, wo man die Kleider mit sammt den Menschen aufhängt. Und die Braut soll noch dazu in Ketten und Banden seyn. Da könnt ihr ja gleich merken, von was für Gelichter sie seyn müßte. Das hat freilich die gottlose Fee so verklausulirt, daß der arme König erst auf den Nimmermehrstag loskommen kann. Denn er darf nicht einmal erfahren, wie er den Zauber los werden kann, das muß sich alles ohne sein Zuthun bloß so von ungefähr schicken.

Rosamunde schauderte und bat ihren Wirth, er solle sie nur nicht verrathen. Wenn ihr keine andre Sorge habt, als um unsern Tisch, setzte sie hinzu, so ist bald geholfen. Bindet nur meinem Hund ein Körbchen an den Hals, er hat eine sehr vielseitige Erziehung genossen, und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehn, wenn er nicht etwas Gutes mitbrächte.

Gesagt, gethan. Der Alte brachte das Körbchen. Rosamunde band es dem Hundchen an, und sagte: Azur, das beste Gericht, das du in der Stadt findest, das bringst du uns, mach hübsch bald, denn mich hungert.

Azur sprang fort, und weil er glaubte, die königliche Küche sei die beste, so lief er hinein, sorgte zuförderst für seinen eignen Appetit, und packte dann den Rest für Rosamunden ein. Als er seinen Vorrath in der Hütte abgesetzt hatte, lief er noch einmal in die königliche Küche, und packte Konfekt, Eingemachtes, Muskatensekt und französische Brötchen ein. Er räumte Küche und Speisegewölbe so auf, daß die Mäuse im Palast einen allgemeinen Fasttag halten mußten.

Der Pfaukönig war nicht wenig erstaunt, als die Tafel Mittags unbesetzt blieb. Er fragte erst, dann ward er ungeduldig, und endlich brach sein Zorn aus. Er war überdieß schon von der Morgenunterredung mit seinen Gefangenen ziemlich echauffirt, und folglich etwas reizbar. Zuletzt mußte er sich doch zufrieden geben, und er tröstete seinen Appetit mit der Aussicht auf ein gutes Abendessen. Allein ehe die Abendtafel des Königs servirt war, kam der kleine, niedliche Truchses der Prinzessin und leerte die Küche von neuem.

Diese Prüfung war zu hart für eine königliche Geduld. Indessen schaffte der heftigste Zorn kein Essen herbei, und machte im Gegentheil den fastenden König nur hungriger. Das schlimmste aber war, daß es am andern Tage mit dem Dejeuner, Diner und Souper des Königs gerade wieder so ging. Es fehlte wenig, so wär der König Hungers gestorben. Denn über der Hauptsache und ihrer Betrachtung dachte kein Mensch an die kleinliche Einzelnheit, den König aus andern Küchen einstweilen zu versorgen. Aber er hatte einen Favoriten, dem an des Königs Leben und Tafel so viel, als an seiner eignen Glückseligkeit lag. Dieser bewies, daß Könige Freunde haben. Denn er versteckte sich in die Küche hinter den Heerd, und verwendete kein Auge von dem Bratspieß und Kochtopf.

Es währte nicht lange, da kam Azur, schnupperte um alle Töpfe, Tiegel und Pfannen, kostete das Beste aus, und packte wie gewöhnlich sein Körbchen voll. Der Vertraute schlich dem himmelblauen Hündchen nach zur Stadt hinaus durch Felder und Wälder über Korn und Dorn bis zu der Fischerhütte, wo das Hündchen freundlich wedelte und kläffend Einlaß begehrte.

Außer Athem kam nun der Vertraute zu dem König gelaufen, und erzählte ihm sein Abentheuer und die Emigrationen der königlichen Mahlzeiten nach der Fischerhütte. Der König gab auf der Stelle Befehl, den himmelblauen Hund sammt seinen Komplicen in Verhaft zu nehmen und die Sache zu untersuchen. Der dienstfertige Vertraute führte selbst einige Gerichtediener nach der Hütte am Meer, wo der Fischer mit der Prinzessin und Azur sich eben bei der königlichen Küchenspende recht wohl seyn ließen. Hali, so hieß der Vertraute, befahl sogleich das ganze vorgefundne Personale, den kleinen Himmelblauen nicht ausgeschlossen, in Ketten und Banden zu legen, und nach der Stadt in das Gefängniß zu bringen. Bitten und Widersetzlichkeiten waren gleich vergeblich, denn Hali war hungrig und streng und hatte die Uebermacht auf seiner Seite.

Sie kamen eben in die Nähe der Stadt, als der König mit dem ganzen Zuge herauskam, um seinen Platz bei Handhabung der Gerechtigkeit einzunehmen. Der Fischer faßte sich im Vertrauen auf seine Unschuld ein Herz, warf sich dem Könige zu Füßen, und fing an alles ausführlich zu erzählen, von dem schwimmenden Bett an, bis zu dem letzten Gericht aus der königlichen Küche, das nun ein so hartes Gericht über ihn verursachte; denn er bildete sich ein, die Anstalten, zu welchen er eben kam, wären bloß seinetwegen gemacht. Seine Majestät waren zwar hungrig nach einer Mahlzeit, und durstig nach Rache an den vermeinten Betrügern, und daher eben nicht in der besten Laune zu einer Audienz; allein zum Glück stand die schöne Rosamunde nicht weit vom Fischer, und der König nahm sich während der etwas langen Apologie des Inhaftaten Zeit sie zu betrachten und sich möglichst in sie zu verlieben. Aller Zorn war in Schwermuth aufgelöst, daß diese Schönheit ein Fischermädchen war, und nicht die Tochter des mächtigsten Gränznachbars. Als aber der Fischer bewies, diese, seine Mitgefangne, sei die ächte und aufrichtige Rosamunde, und jene, die sich Rosamunde nennen lasse, könne nur ein falscher Wechselbalg seyn, da machte der König, so matt er auch vom Fasten war, drei große Luft- und Freudensprünge, fiel der schönen Rosamunde um den Hals, und löste ihr mit eignen königlichen Händen ihre Bande. Er sagte ihr tausend Artigkeiten und überzeugte sie bald durch seine Galanterien und Liebkosungen, daß er ganz andre Dinge mit ihr vor habe, als sie in das Meer zu werfen.

Unterdessen war der Gerichtszug weiter geschritten und die Todeskandidaten kamen dem Ort ihrer Bestimmung näher. Der gefangene König und der Prinz trösteten sich mit allgemeinen Bemerkungen über die Vergänglichkeit aller menschlichen Dinge, und repetirten sich alle schönen poetischen und prosaischen Stellen, die man sie ehmals über diesen Gegenstand hatte auswendig lernen lassen. Hinter ihnen kam Popanzine mit ihrer Mutter, der Amme, und der Schiffer. Als Rosamunde ihre Brüder gewahr ward, riß sie sich vom König los und fiel einem nach dem andern um den Hals. Der Pfaukönig merkte nun seinen großen Mißgriff, und war in nicht geringer Verlegenheit, wie er den starken Verstoß wieder gut machen sollte. Aber in dem Augenblick, da er sich dem gefangenen König näherte, um einige Entschuldigungen vorzubringen, fielen, wie durch einen Zauberschlag, die Ketten von den Händen und Füßen der beiden Gefangenen, eine purpurrothe Wolke senkte sich herab, und auf ihr schwebte die schönste Fee, die jemals auf Rosenwolken geschwebt hatte.

Der Zauber ist gelöst, mein Sohn – sagte sie, indem sie sich zu dem Pfaukönig wendete – Meine Verbannung ist zu Ende, und mit ihr die Zeit deiner Verwandlung. Nimm deine schöne Braut und lebt beide glücklich unter meinem Schutze.

Mit diesen Worten schwang die Fee ihren Zauberstab und verschwand. Die ganze Gegend war auf einmal umgestaltet. Der strenge Stil in den umliegenden Werken der Kriminal-Architektur verschwand und machte einem gefälligern Platz, der in Ehrenpforten, Freudenbogen mit Blumengewinden, Altären und Obelisken alle Augen entzückte. Die Reichspfauen dehnten Flügel und Schweife und verwandelten sich in schöngekleidete Pagen, und an dem König selbst hatte sich das niedliche Federbärtchen in ein allerliebstes Stutzbärtchen verwandelt, das ihn in Rosamundens Augen nur noch liebenswürdiger und hübscher machte.

Die Versöhnung mit Rosamundens Brüdern war bald geschlossen. Sie sahen ein, daß der ganze Verlauf der Dinge von höhern Händen geordnet, und ihre Rollen in diesem Zauberschicksalsdrama, wenn auch nicht sehr glänzend, doch nothwendig waren, um die Entwickelung herbei zu führen. Man schloß also eine allgemeine Amnestie. Nur Popanzine und ihre Konsorten fürchteten, man möchte in ihrem Spiel mehr Freiheit, als Nothwendigkeit entdecken, und entfernten sich während der allgemeinen Freude.

Die Hochzeit war ein allgemeines Freudenfest für das Land. Der alte Fischer zog zu der neuen Königin in den Palast. Azur erwarb der gesammten Hundheit das Recht zu gewissen Jahrszeiten Medaillen zu tragen, und zum Andenken an die große Begebenheit trägt jeder Elegant im Pfauenreiche sein Stutzbärtchen, und wird davon in der Landessprache ein Stutzer genannt, bis auf diesen Tag.

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