Willibald Alexis
Der falsche Woldemar
Willibald Alexis

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Sechzehntes Kapitel.

Der Ruf des Herrn.

Woldemar lag in einem Schlosse, das nicht mehr steht, in Nähen einer Stadt, die hart belagert ward, recht ihm zur Muthwill, und er konnte ihr nicht helfen.

Wie kann Einer einer Stadt zur Hülfe eilen, der nur eine Hand voll Leute hat! – Das war es nicht. Es waren wieder Hunderte, wohl Tausende worden, die zuströmten, als sein Banner auf dem Thurme hing. Um einen falschen Mann, den Kaiser und Reich geächtet, wo ist da solche Treue! Ein Bächlein versiegt doch endlich, wenn sie die Quellen verschütten; hier sickerte es immer wieder von Neuem, und sprudelte hell und lustig auf. Das ist ein Zeichen, daß der Quell echt ist und tief sein Brunnen.

Aber Woldemar war krank. Einige sagten, der Pesthauch habe ihn getroffen. Es starben in der Gegend dazumal Viele. Als er in eine Mühle einkehren wollen, nachdem er geschlagen worden, kam ihm ein Leichenzug entgegen: auf einem schwarzen Karren zogen schwarze Mähren den Müller und sein Weib in die Pestgrube. Da war der Markgraf auch siech worden, beim Anblick, und vom Roß mußten sie dem schwachen Mann helfen, und eine Tragbahre von Reisigzweigen flechten, darauf sie ihn in's Schloß trugen.

Die schöne Gräfin im Schloß, ein blühend junges Weib, pflegte ihn, als eine Tochter den Vater: »Fürchte Dich nicht«, sprach er, »es ist der Pfeil der Pest, der mich traf, es ist der Pfeil des Schmerzes, den ein Vater fühlt, so er seine Kinder sterben sieht.«

Da ließ er sich von der Gräfin viel erzählen, von dem todten Müller und seinem Weibe, die sie in Güte gepflegt, und ihnen allerhand Linderndes in ihrer Krankheit gesandt. Er legte seine Hand auf ihren Scheitel und sprach: »So vergelte Dir, meine Tochter, des Himmels Segen, was Du Gutes an meiner andern Tochter thatest.«

Und er segnete auch ihre Kinder. Sie meinte, er werde bald sterben, und weinte still, aber sie gönnte dem alten Manne die Ruhe. Da merkte er ihre Gedanken.

»Wenn der Herr mich ruft, folge ich, nicht eher. Er löst die Bande, eines nach dem andern, die mich noch gemahnten an mich selbst. Dadurch wies er mich an, daß ich nur lebe und denke für mein Land und Volk.«

Vor seinem Lager standen große Herren, die waren lange nicht zu dem verlassenen Manne gekommen. Auch waren sie nicht mit großem Troß und Trompetenschmettern in den Hof eingeritten, vielmehr in Stille und Heimlichkeit; aber Woldemars Anhänger freuten sich nicht minder. Die Herren von Anhalt, Heinrich in ihrem Gefolge.

Auf der Treppe hatte Graf Woldemar, der junge, seinem Ohm die Hand gedrückt und ihn bittend angeschaut.

»Du hast mein Wort, Junge«, sagte der Alte, »will sanft zu ihm sprechen. Ist ein alter Mann, und Gott ist sein Richter, nicht wir.«

Sie standen allein um das Lager des Kranken. Ein Redner war Albrecht von Dessau nicht, der seine Worte misset, es polterte raus, wovon ihm das Herz voll war, aber das milde Auge des Greises auf dem Siechbette wirkte als die Sonne auf Regenschauer; sie fallen sanfter, als schämen sie sich in ihrem Zorn. Mußte oft das Auge niederschlagen, und wußte selbst kaum, was er gesagt, da er so schloß:

»Und item so ist's. Seid Ihr nun der Markgraf oder seid Ihr's nicht? Das weiß Gott im Himmel, aber ich weiß es nicht. Und was draus werden soll, das weiß ich auch nicht.«

»Ihr sprecht weise, theurer Vetter«, entgegnete der Kranke. »Weiß doch Niemand, so er sich recht fragt, wer er selbst ist; also um was weniger liest er in der Seele des Andern. Und es ist gut, daß es so in der Natur ist. Denn das ist die Mannigfaltigkeit und das bunte Spiel auf dieser Gotteswelt, daß tausend Lichter und Farben blitzen, und es giebt einen bunten Schein, und warmes Licht und Regsamkeit. So jedwed Auge was im Andern wirkt, und in das Herz was es denkt, was wär's? Ein ander Leben, was wir nicht kennen. Unser schärfster Verstand ändert's nicht. Gott hat's so gefügt, also ist's gut.«

»Aber hier ist's schlecht, und so geht's nicht mehr. Kaiser und Reich drängen uns, unsere Stände murren, daß wir Geld über Geld fortschleudern, und was wird draus? Die Juden schlägt das Volk todt und jagt sie fort. Von denen ist keins mehr zu kriegen. Und wozu noch mehr fortschmeißen, da nichts raus kommt?«

»Sorgt für Euer Ländlein, Vetter, so thut Ihr recht.«

»Bei meinem Schutzpatron, ich muß es; ich kann's, ich darf's nicht länger. Die Sachsen sind schon kirr; wir steh'n allein da. Der Magdeburger zuckt die Achseln, und verstehe Einer, was er will!«

»Im Trüben fischen, verlaßt Euch nimmer auf ihn.«

»Herr, du mein Heiland, und die Reichsacht über uns. Was kann, was soll ich thun!«

»Schließt Frieden und überlaßt mich meinem Schicksal.«

Fürst Albrecht rückte sich in seinem Stuhl, als rüttelte er an etwas, das ihm schwer ward.

»Lieber Gott, ich wollte als ein ehrlicher Mann, als ein christlicher Ritter und Fürst in's Grab sinken. Niemand soll mir nachsagen, daß der Albrecht falsch handelte, noch von Einem abfiel, und im Unglück ihn stecken ließ, der sein Wort hat. Aber sie sprechen doch noch allerwegen –«

»Daß ich ein falscher Mann sei, ein Betrüger.«

»Ich mag's noch nicht glauben!«

»Zwingt Euch, Vetter; es ist klug gehandelt. Die Welt ist wider mich. Ihr seht, ich bin krank, schwach, – was frommt Euch mein Testament? Und wär's mit hundert Siegeln vor Kaiser und Reich niedergelegt, Euch und Euren Kindern sichert es kein Erbtheil in der Mark.«

Albrecht schüttelte den Kopf. »Wir thaten, was wir konnten. Wenn wir's nicht durchsetzten, wir haben uns nichts vorzuwerfen. Es galt die Ehre unseres alten Hauses, den Namen unseres Ahnherrn, des Bären Albrecht. So sei die Mark verloren, aber unsere Ehre soll nicht verloren sein. Darum bin ich hier, das soll ich Euch fragen. – Gieb mir Beruhigung, daß ich die wenigen Jahre, die Gott mir noch schenkt, in Frieden leben möge. Ich schwor, daß Ihr echt wärt, gebt mir Beruhigung, Frieden meiner Seele, daß ich keinen Meineid schwur. Ihr seid so alt, älter als ich. Wir begegnen uns bald dort oben, dort, vor dem allwissenden Richter, müßt Ihr mir Rede stehen. O, laßt mich nicht erröthen, spart Euch es auch. Seht, ich drohe nicht, ich will nicht ungehalten sein, nicht zornig auffahren, ich bitte Euch nur, als ein Beichtkind seinen Beichtiger: sprecht Wahrheit. Ist's schlimmre Wahrheit, kein and'res Ohr soll's hören. Will dann thun, was an mir, daß ich's büße vor Gott und mir selbst. Seht, darum nur kam ich her.«

»Wie lautet Euer Schwur?«

»Daß Ihr der Woldemar leibhaftig wäret, den ich jenes Tages vor Stralsund sahe.«

Der Markgraf richtete sich auf: »So geht in Frieden von dannen, lieber Vetter. Bei dem Zeichen des Gekreuzigten, Ihr habt nicht falsch geschworen.«

Herzog Albrecht stand froh auf, als Einer, der vor Gericht gesessen, arger Dinge beschuldigt, und sie haben ihn freigesprochen. Er drückte des Markgrafen Hand und schüttelte sie. War's fast als dränge sich eine Thräne durch seine Wimpern.

»Dank Euch, tausend Dank, ich kann wieder aufrecht gehn und Jedem in's Aug schauen.«

Woldemar seufzte: »Lebet wohl, edler Herzog, und so wir uns nicht mehr treffen in dieser Welt, schenkt mir ein freundlich Andenken, wo sie mich verlästern, und in jener – nun da werdet Ihr nicht erröthen, wenn wir uns wiedersehen.«

Der alte Fürst von Dessau ging hinaus, er war rief gerührt. Der junge Graf geleitete ihn, und an der Thür flüsterten sie noch mitnander, dann kehrte der Prinz Woldemar zurück. Die Sonne hatte sein fein Gesicht gebräunt, es schaute nicht mehr als ein Sommernachtstraum, voll sinnigem Schmerz und lieblichen Spielen; die Winterstürme hatten Furchen und Narben zurückgelassen, und ernst blickte sein Aug', so ernst, als ein Mann, der viel erfuhr, und es war mehr Schmerzliches denn Frohes.

»Mein Ohm«, sprach er, »hat noch eine Mahnung an Euch: daß Ihr bedenken mögt, wie Ihr alt seid und krank, und ohne Bundesgenossen allein. Euer Spiel ist sonder Aussicht. Also gebt es auf, wo es noch Zeit ist. Die von Anhalt sind treu im Glück und Unglück, und Keinem warf man noch vor, daß er seine Freunde, so es ihnen schlimm ging, im Stich ließ. – Unglücklicher Greis, werft den Purper, der verbleicht ist, den Fürstenhut, der zerrissen, von Euch, gürtet los das schartige Schwert von Euren Lenden. – Flüchtet zu uns. Ein stiller Aufenthalt, mit Allem, was Ihr in dieser Welt wünschen mögt, sei Euch gewährt. Das meines Oheims Auftrag.«

»Und Deiner?« Groß und freundlich sah ihn der Markgraf an. »Darum kehrtest Du nicht zurück. Dein Anliegen ist ein anderes.«

Der Prinz senkte die Augen.

»Ich lese Deine Gedanken. Setz' Dich an mein Lager, und sprich Deine Frage aus, die Du an mich richten willst. Oder schweige. Sie klingt mir doch in die Seele. Du willst Wahrheit. Dir genügt nicht die Antwort, die ihm genügte.«

»Sie genügt mir nicht«, sagte dumpf vor sich hin der Graf.

Der fürstliche Greis blickte lange vor sich nieder. Ein wehmüthig Lächeln schwebte um seine Lippen.

»Wahrheit! Ein Klang, der die Seele berauscht. Wo ist der Kern des Klanges. Pflücke Dir eine Blume, die auf der Wiese Deinem Auge gefiel. Nun hast Du sie in der Hand. Ist sie schöner? Sie welkt hin. Willst Du die Wahrheit einer Rose? Wie viel hundert Blätter verschließen ihr Geheimniß. Und so Du nun eins um das andere abhüllst, kommst Du ihrer Wahrheit näher, ja, hast Du sie erfaßt, wenn Du ihr letztes Blatt gepflückt, und der gelbe, unscheinbare Kern steht nackt und traurig auf dem Stengel? Ihre Wahrheit, mein ich, war ihr schöner Anblick, wie sie blühte und duftete im Garten, vom Thau benetzt, umschwärmt von den Bienen, das Antlitz nach der Sonne gekehrt.«

»Meine Wahrheit willst Du, Jüngling!« fuhr er nach einer Weile fort. »Die Blätter haben sie abgepflückt, nun welkt der Kern. Sehnt Dich so sehr darnach, auch den zu zerlegen! Du freutest Dich ja, als ich noch schön war, ein stolzer Anblick und der Sonne stolz entgegen blickte, das war meine Wahrheit.«

»Die bleibt für mich«, entgegnete der Graf. »Gewiß, ehrwürdiger Greis, die ist mein Heiligthum als Mensch. Will sie in mich verschließen, für mein Alter aufbewahren, als theure, stärkende Erinnerung. Doch als Ritter und Reichsfürst verlang ich mehr als Räthsel.«

»Und wer, Jüngling, kann Dir mehr geben als Räthsel! Bist Du Dir selbst keines? Sind Sonne, Mond und Sterne und ihre Sphären kein Räthsel. Ist es nicht das Wachsthum der Pflanze, ist's nicht des Menschen Erzeugung? Ist das kein Räthsel, woher der Sohn des Vaters Gegenbild ward, und der sein Abbild! Jener zerstört seine Werke, dieser setzt sie fort, sein Sinnen, sein Blick, sein Athem ist's, als wär's der Vater! Und hörtest Du nie von Kampfgenossen, so in Sinn, Blick, Wünschen, Liebe und Haß verwandt, daß was der Eine that, er nur im Geist des Andern, und für ihn vollbrachte? Der Eine stirbt, die Natur trennte sie, der Geist Gottes, der über Beiden schwebte, starb nicht; wie in den Beiden, lebt er nur in dem Einen fort, der Eine setzt Beide fort. Sie drückte eine Schuld, sie hatten gelobt, das Grab des Erlösers zu küssen, daran hing ihre Seligkeit. Nun starb der eine Ritter, sein Leichnam ward in Syriens heißer Erde verscharrt, mit den sehnsuchtdürstenden Augen gen Jerusalem. Den andern begleitete der Geist des Todten, mit ihm kniete er vor der hochheiligen Schwelle: das heilige Weihwasser, das der Bischof über die Gläubigen sprengte, auch seine Stirn kühlten und letzten die Tropfen. Da, als der lebende Ritter, die Augen schloß im brünstigsten Gebete, winkte ihm, selig lächelnd, der bleiche Freund: »Du hast mich erlöst«, sprach die Geisterstimme, und im Dunst der Weihrauchwolken entschwebte die Gestalt nach oben.«

»Das ist ein altes Lied«, sprach der Graf.

»Und wenn es wieder neu ward! Ein Vater läge auf seinem Sterbelager, mitten in seinem Wirken und Wollen überrascht ihn der Tod. Gebrochenen Herzens scheidet er vor dem Unvollendeten. Da schwört ein Sohn, ein liebender Sohn, den des Vaters Geist durchdringt, nicht selbst will er leben, dem Vater nur, ihn, ganz ihn fortsetzen. Und so er den Schwur hält, unverbrüchlich, lebt nicht der Vater in ihm fort? Muß es ein Sohn grad sein! Vielleicht stirbt er kinderlos, faule, leichtsinnige Verwandte, gierige Erben haschen nur nach den Gütern, nicht nach seinen Pflichten. Wie, wenn ein Freund das heilige Vermächtniß übernimmt! Oder, ein treuer Diener, der jahrelang um ihn, im Stillen ihn verehrend, und für ihn schaffend, waltend, sein Werk fortsetzt.«

»Wer gab ihm deß Vollmacht!«

»Ehrfurcht, Jüngling, vor der Geister heiligem Munde! Sie schweben um Dich. Des großen Woldemar Sterbelager war ernst und feierlich. Es war ein großer Schmerz, der mit dem Tode rang: so unfertig das Gebäude zu lassen, dazu er Stoffe getragen, aus fern und nah, auf seinen Riesenschultern. Und keinen Meister, keinen Gesellen, der es fortsetzte. Ein Weib, das sein Herz nicht hatte, ihn nicht begriff, sieche Jünglinge, seine nächsten Blutsfreunde, streit- und habgierige Männer in der Ferne, auf Pergamente pochend und fern seinem Geiste. Er sah sein treues Volk zerrissen, blutig, fortgeschleudert aus Sittigung und allen Früchten des schönen Fleißes, in die alte Barbarei gestoßen, aus der er es emporgehoben. Woldemar starb doppelt.«

»Friede seiner Asche.«

»Er hatte keinen Frieden. Doch ich darf's Dir nicht sagen, was sein Herz belastete. Ein Gelöbniß lag auf seiner Brust, nach Palästina zu wallfahrten. Es ließ ihn nicht sterben, es ließ ihn nicht leben. Was war Der, der es auf sich nahm, der mit den heiligen Aufträgen eines Sterbenden, die kein menschlich Ohr hörte, die kaum die erlöschende Stimme aussprach, nur der Blick verrieth sie, in's gelobte Land pilgerte? Er trug die Seele eines Andern, die letzten Wünsche, Gedanken, die allerheiligste Vollmacht, die ein Sterblicher dem andern giebt. Wer solche Vollmacht übernimmt, der stirbt für sich, er wird ein Anderer.«

»Du warst im heiligen Lande?«

»Ich war. Gestorben war ich für die Welt, für Kind und Haus und Vaterland. Aber nicht für den Ruf Gottes, der durch die Cedern des Libanons rauschte, der Posaunenklang durch den Sturm mir in's Ohr schmetterte, der aus der gluthdürstenden Sonne Syriens auf meinen Scheitel brannte, der meine harten Fesseln sprengte, und über das Meer mir eine Brücke baute. Der große Woldemar hatte seine Sündenlast am Grabe des Herrn niedergelegt, der freigewordene Woldemar, ihn rief Gott in sein Land zurück. Das ist Wahrheit. – Sinnst Du nach über das Räthsel. O! Ich kann's Dir nicht anders lösen.«

Der Graf von Anhalt stand auf: »Edler Pilger, die Todten haben heilige Rechte, ich frage nicht weiter, für Dich und mich.«

Da stöhnte Jemand tief auf. Heinrich, der der Herr im Schlosse war, hatte in einer Fensterbrüstung das Gespräch gehört. Blaß sah er aus und als presse er die Schläge zurück, die in seiner Brust wogten und heraus wollten als Thränen. Der Graf von Anhalt faßte ihn unterm Arm und führte ihn an das Lager:

»Aber noch eine Frage, die erlaß ich Dir nicht: Dieser frägt Dich.«

Heinrich stürzte auf's Knie vor dem Lager, er wollte mehr sprechen, doch preßte er nur die Frage heraus:

»Und wer bin ich?«

»Unter niederem Dache wardst Du hochgeboren.«

»Wer ist mein Vater?« rief Heinrich, so durchdringend, so schmerzensreich, daß es jede Brust erweichte, die nicht von Stein war. –

Woldemar der Alte legte segnend beide Hände auf seine Stirn: »Daß er aus jenen seligen Räumen jetzt gnadenreich herabblickte! Es war Dein Wille doch, erhabener Geist! Es war das letzte Wort, Du rangst es auszusprechen, der Tod nahm es Dir von den Lippen weg. Heinrich von Engern, Dir ziemt nicht vor mir zu knieen. Was Flecken an Deiner Geburt klebten, die zu tilgen Dein großer Vater zu kurz lebte, hat des Kaisers Gnade ausgetilgt. Du bist – wahr und wahrhaftig! Du bist des großen Woldemar Sohn.«

Da riß der Graf von Anhalt ihn auf, und schloß ihn in seine Arme. Still betend faltete der Markgraf die Hände.

Nun meintest du wohl, es sei abgethan, die Uhr abgelaufen und die letzte Stunde gekommen für den Greis? Das meinte auch der Graf von Dessau. Er sprach zu ihm, nicht als zu Einem, der sterben müsse, aber als zu Einem, der seine Rolle ausgespielt, und er dürfe mit Ehren abtreten. Er wollte ihn nach Dessau führen, und sein fürstlich Wort darauf geben, daß er ungefährdet, in fürstlichen Ehren, bis zu seinem Tode leben solle.

Woldemar erhob sich und schüttelte das Haupt: »So der Feldheer einen Krieger auf einen Wachtposten stellte, darf der nicht lebendig davon, bis ihn ein Anderer ablöst. Wer ist, der mich ablöst! So ich itzt feig davon ginge, widerriefe ich's ja, daß Gott mich rief. Nicht Dir, noch Deinen Vettern, noch einem Menschen, und sei er größer als der Kaiser, folge ich. Bis meine Kraft versiegt, halte ich aus, für mich nicht, nicht für Euch, für Brandenburg. Sendet der Herr Einen, der für mein Volk sorgt, dann, lieber Vetter, wohin Ihr wollt mit dem alten Mann.«

Woldemar von Dessau ging nicht. Er schlug sich an die Brust: »Und so lang Ihr aushaltet, bleibe ich, als Euer Ehrenhort und Paladin. Und wer da sagt, daß ich einem falschen Manne –«

»Dem lasse mich den Handschuh vor die Füße werfen«, fiel Heinrich ein.

Da sprach an dem Tage der Alte noch viel mit seinen jungen Freunden. Als ein Vater, der bald von dieser Welt Abschied nimmt, und sein Hoffen ist gering, mit seinen Söhnen; und sie haben sich verständigt, und er geht zufrieden fort, denn sein Gedanke lebt weiter in den Söhnen.

»Bescheide Dich, mein theurer Vetter, mein lieber Woldemar«, sprach er zu dem, »als ich mich beschied, als es der große Woldemar that. So Alles in Erfüllung ginge, was ein Edler wollte, und er setzte auch sein Leben dran, dann wäre ja die Welt eine andere; dann sparten die großen Ahnen ihren Enkeln den Kampf, und das Menschengeschlecht wächst doch nur, nicht darin, daß es erhält, was ist, nein, daß es durch Kampf und Streit, durch Ringen, Noth und Drangsal im großen Schmelztigel der Zeit, das Erz von der Schlacke sondert. Für Dich ist dies große Land verloren; sei ein großer Fürst in Deinem kleinen. Aber ich sage Dir, dies Brandenburg ist nicht für Baiern. So sie Sieger bleiben, sie vergeuden's wieder. Umsponnen sind sie von Karls züngelnden Blicken. Im Augenblick, wo die Leichtsinnigen das Kleinod fallen lassen, hat er's gefaßt. Und wahrlich, ich sage Dir, er wird kein schlechter Regent, er kennt das Volk.«

»Liebt er's?« sprach der Graf.

»Vielleicht kommen Andere nach ihm, die es lieben.«

Am Abend saß die Gräfin Adelheid im Zimmer des Kranken und sang ihm zur Zither die Ballade, die er gern hörte:

Nach dem Morgenland gezogen
War der Christen frommes Heer,
Unbezwungen von den Wogen
Und der Saracenen Speer.
Denn es spornte alle Geister
Hohe Sehnsucht nach dem Meister.

Leuchtend ging das Kreuz vor Allen,
Und am Ziele sind sie bald,
Doch wie Viel sind schon gefallen
Die als Pilgrim sind gewallt,
Und ihr sterblich Auge hat
Nicht gesehen Christi Stadt.

Da schallt Jubel durch die Heere,
Alles stürmt zum Berg hinauf,
Aus dem Morgennebelmeere
Taucht Jerusalem herauf.
Troß und Fürsten knieen, büßen,
Dankgebete, Thränen fließen.

»Zückt nun die geweihten Schwerter,
Gott ist mit uns! Christus lebt!
Ueber deinem Grab, Verklärter,
Selig, wen man dort begräbt!« –
Hugo seufzt zum Freund: »Wie Viele
Schlafen, ferne von dem Ziele!

»Und wie viel noch werden fallen
Bei dem Mauersturm herab,
Und wie wenige von Allen
Wallen zu des Heilands Grab!«
Flammend strafen da die Züge
Guido's seinen Freund der Lüge.

»So wie allen, die vertrauen
Christi Namen, Christus nah't,
Werden Alle wir es schauen,
Die geeilt zur heil'gen That,
Alle küssen wir die Schwelle,
Der hochheil'gen Grabesstelle.«

»Noch mit Augen dieses Leibes –
Ach die Besten modern schon!« –
Zage nicht, o Sohn des Weibes,
Christus lebt, der Gottes Sohn.« –
Die Posaunen tönen wieder,
Und vom Berge ziehn sie nieder.

An den Mauern tödten Seuchen
Die Gewaltigsten im Heer.
Größer schon die Zahl der Leichen
Als die noch in Stahl und Wehr. –
Gottfried führt zum letzten Sturme.
Schädel brechen, Thurm an Thurme.

»Gott ist mit uns!« – Auf die Zinnen
Zion's pflanzt das Kreuzpanier
Guido: »Vorwärts, kein Besinnen!
Nach mir, Christen, Christus hier!«
Noch ein letzter Pfeileschauer,
Guido stürzt auf Zions Mauer.

Nicht mehr flattern Mahoms Zeichen
Hoch vom Thurm und Minarett,
Als gesenkt mit tausend Leichen
Guido wird ins letzte Bett.
»Armer Freund, schon an der Schwelle
Und sah'st nicht die Grabesstelle!«

Krieg ist Krieg: die Rohen dürsten
Noch nach irdischem Gewinn,
Als Gottfried mit seinen Fürsten
Barfuß zieht zum Tempel hin.
Kleines Häuflein, Rest der Massen,
Die das Abendland verlassen!

Auf die Pforte! – sel'ge Augen!
Jeder will der erste sein.
Gleich wie heiße Steine saugen
Hingesprengte Tropfen ein,
Sinken, auf dem Flur der Halle,
Heildurchschauert nieder Alle.

Welcher Friede über ihnen,
Welcher Odem weht sie an!
Jedem ist der Herr erschienen,
Christus lebt! ruft himmelan
Orgel, und Posaunenklänge,
Weihrauch, Kerzen und Gesänge.

Neu beseligt, frisch im Herzen
Schlägt die Augen Hugo auf.
Trügen ihn die Tausend Kerzen,
Kommt ein neuer Pilgerhauf?
Schaar um Schaaren, Lobgesänge
Singend, drängt es durch die Gänge.

Manches Antlitz ist so bleich,
Blutbefleckt noch manch Gewand,
Wunden klaffen, noch den Streich
Zeigend von der Feinde Hand.
Was hat diese hier vereinigt,
Eh' sie sich vom Blut gereinigt!

Dichter wird es, immer dichter
Auf dem hohen Chor im Gang,
Düstrer brennen schon die Lichter
Und wie Meer braust der Gesang
Als ob alle Christenheit
Wäre eingezogen heut.

Viele glaubt er zu erkennen
Längst verschwundne aus der Schaar;
Kühle Rasenhügel trennen
Walter, Egbert, Ademar,
Fern an Hellas blüh'nden Küsten
Vor dem Siegeszug der Christen.

Wer kniet neben ihm, versunken
So in heil'ger Andacht Lust,
So den Blick vom Heile trunken,
So gekreuzt die hohle Brust? –
»Bist du Schatten, bist du Leben?
Guido uns zurück gegeben!«

»Christus lebt, wir alle leben!«
Haucht ihm Antwort das Phantom.
Und die Priesterchöre heben
An den Hochgesang im Dom:
»Gnade, Gnade ward uns Allen,
Die im Glauben nicht gefallen!«

Als die Orgel ausgeklungen
Und der Chorgesang verhallt,
Rauscht es durch die Dämmerungen,
Und wie Nebel in dem Wald
Vor der Lüfte Strom zerfahren,
Schwinden jetzt die sel'gen Schaaren.


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