Willibald Alexis
Der falsche Woldemar
Willibald Alexis

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Vierzehntes Kapitel.

Das Gericht.

Er hatte nicht gesiegt. Er war auf's Haupt geschlagen. Der Herr hatte sie nicht in seine Hand gegeben; nur eine Spanne Raum fehlte, und er fiel in die seiner Feinde. Zügel- und bügellos ging die Flucht, und die Baiern hinterdrein. Die Herzoge waren gar unvermerkt in Brietzen.

Ja, der lange Krieg wär entschieden gewesen in jener Nacht, ohne Heinrich, der mit seinen Besten sich dem Feind entgegenwarf. Schlagen konnte er nicht die Uebermacht, aber er rettete den Vater. Siegen konnte er nicht, aber er ward gefangen in Ehren.

Die Baierschen und die Verbündeten staunten den Heldenjüngling an, was er allein gethan. So brachten sie ihn in die Stadt, fast als ein Sieger. Aber die Bürger schrieen: »Richtet ihn! Hängt ihn! Er war ein Räuber. Er war's, der die Mordbanden in unsere Stadt geführt.«

»Mitnichten, meine getreuen Brietzener,« lachte Ludewig. »Der gehört mir und nicht Euch.«

Ludewig der Römer sprach: »So es erwiesen sei, müsse er gerichtet werden. Ein solch Beispiel thue gut für die andern Trotzigen, die noch zum Betrüger halten.«

»Wenn Du Markgraf bist, Herr Bruder,« lachte Ludewig der Aeltere. »Noch bin ich Herr.«

Der Römer stampfte auf, und wandte ihm seufzend den Rücken.

Da sprach der alte Bardeleben ihm seufzend zu: »Was Gott bald gebe, gnädigster Herzog! Aber dieses Mannes Hals ist nicht für den Hanf gemacht. Auch trägt er des Kaisers Sporen und des Kaisers Wappenschild. Desgleichen ist er der Neffe der Ruppiner Grafen, die ihn wohl gern anerkennten, wenn die Sache ausgetragen ist. Auch liebt ihn Volk und Bürger, und, weiß Gott, ob er nicht der ist, für den ihn der Kaiser erkannt; denn sein Antlitz ist gar wunderbar ähnlich dem großen Woldemar, weit mehr denn des Mannes, dem wir so lange gehorchten, als Euch viele alte Leute sagen werden. Sie entsinnen sich besser, wie er jung aussah, da sie ihn kannten, und da ist das Antlitz als wie Gott es machte; das Alter aber hat eine Larve, so die Jahre bilden und die Leidenschaften. Gott ist nicht mehr so sichtbar dran, und auch des Menschen Kunst kann dazu thun. Und sei er es auch nicht, so ist der Junge doch von einem Stoff, den muß man pflegen und nicht ausreuten. Es thut Noth an jungen kräftigen Stämmen in einem Land, wo die alten fehlen, und der junge Wuchs ist Dornen und Unkraut.«

Bald darauf ließ der Graf von Anhalt melden, durch einen Ritter, er wolle ihn frei kaufen, und sie möchten ihn schätzen nach seinem Werth, ihm sei kein Lösegeld zu hoch für seinen Freund.

»Was bist Du werth?« rief Ludewig der Aeltere.

Heinrich schlug die Augen nieder und antwortete nicht.

»Nun so schätze Du ihn selbst,« sagte Ludewig zum Boten. »Was gilt er Dir?«

Der Bote nannte ein Stück Geld, das ihm gut deuchte.

»Beim Schächer Judas, was ist Dein Herr für ein Filz!« rief Ludewig. »Als er gefangen war, brachte er tausend Mark für ihn, und Du willst ihn nur hundert Mark schätzen. Nun, sag ihm, und wenn er zehn Mal das bietet, er kriegt den Todtschläger nicht, er ist mein, und ich verkaufe ihn Niemandem.«

Heinrich war sehr traurig, so traurig, als der Herzog guter Dinge. Er gedachte, wie er ihn beleidigt hatte, damals in Frankfurt. Als die Andern hinaus waren, stellte sich Ludewig groß vor ihn hin, und musterte ihn von Kopf bis Fuß, als wohl ein Händler das Thier auf dem Markte, das er ersteht.

»Herr Herzog, so ich Euer Gefangener bin, ward ich's doch in Ehren.«

»Und sollst es bleiben. So gefallen mir die Brandenburger und die Eidams.«

Er lachte hell auf, und Heinrich wußte nicht, was er wollte.

»So Ihr mich nicht wollt lösen lassen, Herr Herzog, so wollt Ihr mich richten.«

»Habe schon gerichtet über Dich. Auf Dein Lebtag sollst Du bleiben mein Gefangener, und will Dich binden an meine Person. Und Du sollst stets um mich bleiben, und an meinem Tische sitzen, und an meiner Seite reiten.«

Da er das mit freundlicher Miene sagte, verstand es Heinrich.

»Dank Dir, großer Herzog, um Deiner Güte willen. Du willst mich haben als einen Diener. Das ist große Ehre für mich. Habe aber schon einen Herrn, und Niemand kann zweier Herren Diener sein.«

»Wenn Einer kein Herr mehr ist, kann er auch keinen Dienen mehr haben.«

»Aber für den guten Diener bleibt er Herr; nur der Tod löset die Pflicht.«

»Schau mich hell an, Heinrich. Glaubst Du an ihn? – Sieh, Du wirst roth und schlägst die Augen nieder. Wer zweifelt noch jetzt im ganzen Reich – Pfui! Willst eines Windmüllers Dienstmann sein, Du der –«

»Gnädigster Herzog, er ist mein Vater.«

»Da legte ein Perlhuhn ein Straußenei, aus einer Hagebutte wuchs eine Eiche.«

»Da Ihr mich auf's Gewissen fragt, nein, ich glaubt nicht. Aber – er hat mich aus meiner Niedrigkeit empor gehoben, er hat mich gepflegt, geschützt und geehrt, mehr als ein Vater seinen Sohn. Was wär' ich ohne ihn? Ein Schurke, nicht werth des Namens, den mir der Kaiser schenkte, nicht werth, daß Ihr mich anseht, so ich von ihm ließe.«

»Du hast ihn in dieser Nacht gerettet. Also bist Du quitt. Das will ich Dir von guten Rittern sagen lassen.«

Heinrich schüttelte den Kopf: »Alle Ritter der Welt können mir's nicht sagen, daß ich gut thue, so mir's in der Brust spricht: Du hast Unrecht.«

»Er ist umstellt. Nun entkommt er nicht mehr.«

»Herr! Und da soll ich von ihm lassen, ihn verrathen! Nein Herr Herzog, das fordert nicht. Alles bin ich ihm schuldig, also auch mein Leben. Ich geb's für ihn willig hin.«

»Tollköpfiger Bursch! Du bist mein Gefangener.«

»Gnade mir Gott, wenn ich's vergaß. Und verargt Ihr mir's nicht, so ich's vergesse. Umstellt auch mich gut, denn mein Wort gab ich Euch nicht, daß Ihr's wißt, in der Haft zu bleiben. Ich breche auf, bei Gott, ich muß es, ich will's, ich werde es. Ich habe Freunde.«

Der Herzog fuhr nicht auf. Er maß ihn mit gar heitern Blicken, wie der Jüngling sich auf die Brust schlug, und sah er seine starken Glieder, da mocht er denken, daß er auch Ketten reißen könnte, und Mauern brechen.

»Wenn Du's so meinst, da thät ich wohl am gescheitesten, ich ließe Dich gleich frei. Denn da ich Dich nicht hängen und köpfen will, was nutzt mir's, so Du in meine Mauern ein Loch brichst, das ich muß flicken lassen. – Grüß mir schönstens Deine Frau.«

»Was soll ich?«

»Deine Frau lieb haben und gut halten, verstehst Du's?«

»Ihr treibt Spott mit mir.«

»Den muß ein Mann auch ertragen lernen. Glaub mir's, Du junges Blut. 'S kommt Keiner durch die Welt ohne dicke Haut. Beim nächsten Kindtaufen bitte mich zu Gevatter. Was stehst Du noch?«

»Nun, daß Ihr weiter mein spottet.«

»'S ist Ernst diesmal, Herr Ritter.«

Ludewig stand vor ihm, und legte die Hand auf seine Schulter: »Du bist frei. Für's Lösegeld will ich Dir – er hielt nachdenklich inne – »Was kümmert's Dich! Klaube nicht nach Vergessenem, grüble nicht nach rätselhafter Herkunft, wir Alle sind des Weibes Kind und der Sünde Knechte. Denk nicht zurück, denk vorwärts, muthig und frisch; zieh tüchtig und in Ehren Deine Kinder auf, halte rein auf Dein Blut, aber reiner auf Deinen Sinn, und sei ein guter Diener jedem neuen Herrn, den Dir Gott giebt, so als Du Deinem alten warst.«

Heinrich wußte nicht, wie ihm geschehen: »Wem verdank ich Eure Gnade?«

Da trübte sich des Herzogs Stirn! »Wem! – Da hätt' ich bald vergessen – Gnade mir Gott! – Heinrich, Du bist frei, ganz frei, als ich sagte. Kehr zurück zu Deinem Herrn, schlage für ihn, sei's auch auf mich, oder bete für ihn. – Aber heut, heut' noch bist Du mein Gefangener, mein Freund. Willst Du mich begleiten auf einem einsamen Ritt? – Ein saurer Ritt, wo nicht der Markgraf – Du und ich, mein Sohn, reiten dahin.«

In dichte Mäntel verhüllt sprengten sie in die Nacht.

»Wie seid Ihr des Weges kundig, Herr?« unterbrach Heinrich das Schweigen. Denn, ohne ihn zu fragen, lenkte er sein Roß durch Gebüsch und Holzwege, wo Einer auch bei Tageszeit sich leicht verirrt.

»Ich bin ihn oft geritten«, antwortete Ludewig.

»So was vergißt sich doch leicht in Sand und Haide.«

»Daß ich's vergessen könnte!« sprach in sich der Fürst.

»Und kennt Ihr genau das Ziel? Sieht doch eine Gegend hier aus als die andere.«

»Ich kenne es.«

Ludewig ritt langsam, daß Heinrich herankäme. Da scheute dessen Roß, und sein Begleiter sah sich um.

»Was ist's, Heinrich?«

»Es streifte eine schwarze Gestalt über den Weg.«

»Ich sah sie auch«, sagte der Fürst. »Komm mir näher, die Nacht ist unheimlich, Wir reiten zu einer Sterbenden.«

»Zu einer Sterbenden«, rief verwundert Heinrich. »Was nahmt Ihr statt eines Kriegsmannes nicht einen Beichtvater mit?«

»An Pfaffen wird's nicht gefehlt haben. – Hu – sieh da wieder eine schwarze Gestalt – Wo verschwand sie?«

»Schlagt ein Kreuz, Herr, die sind nicht hier vom Land. – Was märkisch ist, das kenne ich.«

»Laß uns hasten!«

»Wo soll's hin, Herr? Ihr schauert. Die Pest rafft Viele fort, was geht Euch und mir die eine Sterbende so nahe?«

»Dir und mir.«

»Der Pesthauch ist gefährlich.«

»Sie stirbt nur für die Welt, und bat mich, daß ich sie noch einmal vorher sähe. Einer edlen Frauen Bitte darf Niemand abschlagen, zumal, wer ihr viel schuldet, mehr, als er ihr wieder geben kann.«

Und nun hatten sie sich doch verirrt, die Haidebrücher sahen sich gar zu gleich, die paar Sterne am Himmel kamen und verschwanden. Sie jagten rechts, sie jagten links. Dann sprengte Ludewig wieder zurück. Der heiße Schweiß stand ihm auf der Stirn: »Dorthin, dorthin Heinrich – ich verirrte hier schon ein Mal – ein verfluchter Ort – mir ist so bang um's Herz.«

»Um unserer lieben Frauen willen, wo wollt Ihr hin? Da leuchtet durch das Holz ein See. Nun kenne ich die Gegend.«

»So ist's der See von Wörbelin.«

»Nach Wörbelin!« rief erstaunt der Gefährte. »Ach, da sind wir grad von abgeritten. Dorthin müssen wir umkehren, und so wir den Weg auch finden, um Morgenanbruch sehen wir noch nicht die Thürme.«

Ludewig athmete tief auf und schlug sich an die Stirn: »Zur Frühmette hat sie mich bestellt – Es war ihre letzte Bitte.«

»Ihr wollt zur Gräfin!« sagte Heinrich. »Ach, die ist ja abgestorben aller Welt, und läßt ihre Nächsten nicht vor. Seltsam, nicht mal ihr eigen Kind, mein Weib. Halb irrsinnig wäre sie, raunen die Leute, und spräche wunderliche Dinge, und pflegte Zwiesprach mit Geistern. Ich darf nicht mit, sie hat's uns untersagt.«

»Du darfst«, sprach Ludewig. »Sie sagt Dir Lebewohl, vielleicht in der nächsten Stunde fällt ihr schönes Haar – ach, es war schön! – Sie hat mein Wort. Heinrich, den nächsten Weg, die Sporen den Thieren in die Seite. Um Alles in der Welt diesmal möcht' ich's nicht brechen. Und ist mir's doch, als bräche mein Herz.«

Die Nacht war rauh und kalt, der Sturm erwachte und heulte über die Seen, und hauchte das erste Eis über ihren Wasserspiegel. Die Wolken jagten über den Himmel, die Sterne verbergend und wieder zeigend. Die Raben krächzten über den Häuptern der einsamen Reiter, und die Stimmen der Unholde sausten in ihren Ohren.

»War das kein Hahnenschrei, Heinrich?«

»'S klang mir als eine Todtenglocke.«

»Sieh da den Fuchs am Wege. Er flieht nicht. Feurige Augen.«

»Ihr saht die Eule über ihm.«

»Schau, Gott sei bei uns, der Mond schwitzt Blut.«

»'S war mir längst, als träufte es mir auf die Hand. Das ist Gottes Ruthe. Herr, Herr, 's sind arge Sünden hier im Land. Der Mondschein thut nicht gut auf dem Weg. Dort in den Wald hinein, wo er uns nicht trifft. In einem Baume ist ein alt Muttergottesbild.«

»Hin! Wollen ein Viertelstunden davor knieen.«

Der dunkle Wald verbarg in seinem Schatten die beiden Reiter, aber die Mondscheibe, die jetzt am Himmel schwebte, beleuchtete den Kreuzweg, wo vier schwarze Gestalten sich begegneten.

»Wo kommst Du her?« rief der Erste.

»Von Denen, die schwören auf Schwert und Strang unsträflich zu sein«, antwortete der Zweite.

»Die richten im Verborgenen«, sagte der Dritte.

»Die strafen im Verborgenen, Gott gleich«, der Vierte.

»Ueber wen haben sie die Arme gehoben, und riefen: wehe, wehe!«

»Ueber Mathilden von Nordheim.«

»Weß ward sie bezüchtigt?«

»Die Zunge wird müde, ehe sie's aussprach, und die Nacht vor Scham roth, so sie's vernimmt.«

»Was die Nacht verbarg, das bleibe in der Nacht.«

»Nicht, was der Morgen anleuchtete. Was sah das Frühroth? Im Wald in seinem Blute den Grafen von Nordheim. Sein Weib hatte den Mörder gedungen.«

»Ueber des Grafen Grab ist Gras gewachsen und wieder verwelkt. Was wollt Ihr wecken den, der selig schläft?«

»Sein Geist stand auf, da kein Kläger aufstand. Allnächtlich klopft er an ihr Schlafgemach, und heischt sein Recht.«

»Er hat sein Recht. Die Büßerin stößt im Irrsinn ihr Haupt an die Mauer.«

»Aber das Ohr der Mauer ist taub. Die Rächer im Dunkeln horchen durch den Sturm, und sehen durch die Nacht.«

»Wo schlummerten sie so lang?«

»Die Hand der Mächtigen war zu stark.«

»Wehe, wehe!« riefen die Drei.

»Sie ist itzt eine Himmelsbraut. Kein Gericht der Welt darf der Kirche, was ihr ist, nehmen.«

»Ehe sie die Schwelle betritt, büße sie ihre Sünde.«

»Ehe ihr Haar fällt, falle ihr Leib.«

»Ehe der Hahn kräht, ersticke ihre Stimme.«

»Wie soll Mathilde von Nordheim sterben?«

»Wie Ihr Gatte starb«, riefen die Drei.

»Sind Eure Herzen rein von Missethat, Eure Hände rein von unschuldigem Blute?«

»Nein«, riefen die Drei.

»So vollstreckt mit Rechten den rechten Spruch des rechten Gerichts an Mathilde von Nordheim, ehe ihr Fuß die Schwelle betritt des Heiligthums, ehe ihr Haar fällt von ihrem Scheitel, ehe der Hahn kräht in das Morgenroth.«

Der Mond verhüllte sich. Der Sturm heulte wieder. Die vier schwarzen Gestalten kehrten sich den Rücken, jede ging ihres Weges, bis das Dunkel sie verbarg.

Die beiden Reiter hatten, ein Viertelstündlein und darüber, auf ihren Knieen gelegen vor dem alten Muttergottesbilde, aber das Bild blieb schwarz, und ihr Herz bang. Der Eine hörte, was Gebete er auch stammelte, den Hahnenschrei, der Andere immerfort das Todtenglöcklein im Walde.

Nun saßen sie wieder zu Roß, und die Heide wollte sich nicht lichten; aber die Wolkengetriebe leuchtete ein fahles Licht an, und der Morgenwind schnitt kalt.

»O Heinrich, Heinrich, mein Sohn«, sprach der Fürst, und hüllte sich in den Mantel, »komm mit mir, führe Dein Weib in mein schön Land, wo die Südsonne die Berge anglüht. Da ist's warm –«

»Sind die Menschen da besser?«

»Sie sind Menschen«, sprach der Fürst vor sich. »Was willst Du unter Bären und Gespenstern? Das beste Herz wird hier kalt und rauh.«

»Mein's schlägt noch warm, Herr.«

»Die Sonne nimmt hier Abschied.«

»Sie wird wiederkehren.«

Die Sonne war aufgegangen, und das Rosenlicht des Morgens hauchte über die weiten Kieferbüsche. Nur einen Augenblick, dann ward es wieder grau. Tausende von Krähen zogen kreischend über die Wipfel. Da lichtete sich der Wald, und vor ihnen lag das Schloß Wörbelin. Und ein Gewimmel davor, als wär' es Markt. Die stürzten hin und zurück, Die steckten die Köpfe zusammen, Die schüttelten sie, Die rangen die Arme. Weiber, Kinder, Alte, Bauern und Dienstmannen, Knaben in Chorhemden, die müßig das Rauchfaß schwenkten, Mönche und geistliche Herren im prächtigen Ornat. Baldachine und Kirchenfahnen lehnten an die Bäume. Alles, als zu einer großen Prozession, und es fehlte nichts als die Ordnung.

»Gelobt der Herr, daß Ihr kommt!« rief dem Herzog der Dechant von Brandenburg entgegen.

»Sie wartet Euer schon lang«, sprach ein Zweiter.

»O gnädiger Herr, hastet Euch«, sagte Graf Ulrich von Ruppin, »oder Ihr kommt zu spät.«

»Was zu spät!« fragte der Fürst, verwundert, daß so Viele um sein Herkommen wußten. Er wollte unerkannt in's Schloß reiten.

»Sie ist wieder zum Bewußtsein kommen, und zählt die Minuten, bis daß Ihr erscheint, aber sie hofft so gewiß darauf, als auf die Gnade ihres Erlösers.«

Der Herzog war, ohne ein Wort zu sprechen, vom Roß gestiegen, und folgte dem Grafen und dem Dechanten, die ihn in's Schloß führten. Unter der alten Linde, vor der Zugbrücke, wies der Graf Ulrich auf den Boden.

»Dort fanden wir sie. Der Kopf lag auf den Wurzeln. Da ist noch Blut.«

»Blut! Christi Gnade, was ist's!«

»Sie kränkelte die letzten Monden. Doch meinten die klugen Meister, es sei nur das irre Blut und die bösen Gedanken, so sie verfolgten. Da helfe nicht irdische Kunst, sondern allein der Segen von oben. Sie werde genesen, wenn sie die Weihe der Kirche empfing. Heute, als Ihr wißt, wollte sie ihr Gelübde ablegen, da die hochwürdigen Bischöfe, auf ihr inständig Bitten, ihr das Probejahr erlassen, und alle Freunde waren zu dem Feiertag geladen. Gestern hat sie Niemand gesehen, sie betete, fastete und kasteiete sich. Nun denket, hoher Herr, unsern Schreck, da wir sie hier fanden, als der Morgen graute. Sie war allein hinausgeschlichen, da noch Alle schliefen, zum Gebete vor dem Muttergottesbilde in der Linde und hier überkam sie der Blutsturz.«

»Die edle Gräfin hatte von je eine absondere Verehrung vor der heiligen Frau unter der Linde, als ich bezeugen kann«, sagte der Dechant. »Nun hat sie sich ihrer erbarmt, durch einen raschen, aber gewiß nicht unbußfertigen Tod.«

Ludewig starrte als eine blasse Bildsäule auf den Fleck und den alten Baum. Ihn überkam ein Frösteln.

Heinrich sahe auch hin. Aus dem Stamme der Linde waren drei Späne ausgehauen.

»Gott erbarme sich ihrer Seele!« sprach der Bischof.

»Gott ist gerechter als die Menschen!« rief Ludewig und eilte über die Brücke.

In der Halle, da Ludewig einst gelegen auf dem Ruhebette, und da sie seiner Wunden gepflegt, lag die Gräfin todtenblaß, aber schön noch im Sterben. Da wurde manches Auge naß, auch die sie im Leben nicht gemocht; als sie die Hand auf Heinrich legte, der vor ihr kniete, und ihm ihren Segen gab und ihm hieß, daß er treu und gut sein Weib halte, und seine Kinder in Zucht und Ehren erziehe. Des Hauses Segen sei der Frauen Milde und des Mannes Kraft. »Bleibe immer der Herr darin, mein Sohn«, sprach sie, »und lehre Dein Weib Dich lieben, daß sie Dich achten, und, sei es, fürchten muß. Denn eines Hauses Zucht und Glück vergeht, wo der Mann sein heilig Recht durch List oder Liebe sich entwinden läßt. Seine gerunzelte Stirn muß ein Unwetter, sein freundlicher Blick die Sonne sein, so die Herzen erquickt. Gedenke, daß sie eine Edle ist, doch vergiß noch weniger, daß Du hoch geboren bist. Du bist es, eine Sterbende sieht klarer. Gedenke deß durch all' Dein Leben.«

Nur Ludewig der Baier saß noch an ihrem Bette.

»Mathilde – Du sollst nicht ungerächt sterben!« sprach er, da das Lebensflämmlein noch einmal aufloderte, sie hatte lange als besinnungslos dagelegen.

Sie schüttelte den Kopf. »Dem lasse ich die Rache. – Ich ward gerichtet –«

»Wer hat das Recht in meinem Land! – Beim Zorn eines Wittelsbachers, fürchterlich will ich –«

»Ich sterbe wie er, den – O laß ruhen den Schleier, um unsers Kindes, ihrer Kinder willen.«

»O, von wem anders, als dem König der Tücke, dem Kaiser der Arglist, dem niederträchtigen Kronendieb, dem Schacherjuden mit Fürstenehre –«

»Du überwindest ihn nicht.«

»O ich will –«

»Du konntest selbst sein Trugbild nicht niederwerfen.«

»Ist denn kein Gott, der den Gerechten hilft!«

»Ein Gott, der die Sünde straft. Unser Blut war zu heiß – unsere Sünde zu schwer.«

»Weib, mein geliebtes Weib, hast Du – kannst Du vergeben?«

Sie lächelte ihn an und hielt ihm die weiße Hand entgegen: »Mein Gebet ist nur für Dich.«

Er kniete an ihrem Lager, er preßte die kalte Hand an seine Lippen.

»Mein Leben war wüst – Du warst der Lichtschein – hast Du noch einen Wunsch –«

»Eine große Bitte.«

»Sie ist gewährt im Voraus.«

»Ludewig, was wir an uns frevelten, das büßt Blut. – Aber wir spielen mit der Seligkeit Vieler, mit dem Glücke zweier Völker!«

»Bitte für sie, es geschieht.«

Schmerzlich blickte sie ihn an. »Du, Ludewig, kannst es nicht.«

»Ich will's, bei Deinem letzten Athemzuge! Die Märker sollen glücklich werden.«

Sie preßte mit der letzten Kraft seine Hand:

»Du versprichst mir's.«

»Heilig.«

»So entsage der Krone. Du bist nicht für das Volk – das Volk nicht für Dich. – Ludewig, mein theurer, mein einzig heißgeliebter Freund – laß mich hinübernehmen ein schön Bild – einen großen Gedanken – um Dein Volk thatest Du das höchste, das ein Fürst kann –«

»Ich träumte eben, wie ich ein guter Landesvater sein wollte.«

»Nicht träumen. Das ist die Irrung des Bluts. Handeln! Erringe den schönsten Sieg – über Dich selbst Ludewig. – Tyrol und Baiern bleiben glückliche Länder – sei ihr glücklicher Fürst –«

»Und dies theuer erkaufte Brandenburg, das einzige Erbtheil, das uns blieb von der Kraft meines kaiserlichen Vaters, lassen dem Betrüger von der Zigeunerhecke?«

»Wem Gott es giebt. Dein Bruder, der Römer, kommt mit kräftigem Arm – käme er auch mit freundlichem Sinn! – Wir Alle überhoben uns – Er auch, der Mann, der träumt, Gott habe ihn gesendet – Sein Wille war gut, o Deiner auch! Weißt Du, damals, als wir von dem großen Garten träumten. – Der Wille überschritt die Kraft. – Auch sein Lauf geht zu Ende – o Gott! das war – nichts, nichts Geliebter – es ruft mich – Wahnverrückt sei er – er sehe heilige Geisterheere um ihn streiten – so sagen sie. – Ich sage Dir: – geh', entsage, fliehe – um ihn keine Sorge – die Geister verlassen ihn – ach, wie wird er erwachen – da winkt der Graf – der blutige Mund – bete – bete – Geliebter –«

»Mein Weib –«

Er kniete lang an ihrem Lager, er küßte den letzten Athem von ihren Lippen.

Der Abend war still und mild. Als zwei Reiter den Weg nach Brietzen ritten, tönte ihnen das Todtenglöcklein vom Schlosse Wörbelin noch lange nach. Es war kein Spiel der Lüfte, keine Täuschung des Ohrs.


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