Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Die Gemarthert Theologia.
Mer das Klagent Ewangelium.

Hans Sachs

Die Gemarthert Theologia.

Als ich eins Nachts nachson,
Wie Deutsche Nation
Jetzunder so voll steckt
Irrthumb, Rotten und Sect,
Das ich mich deß entsetzt,
Entschlieff darinn zu letzt,
Kam Genius zu mir,
Sprach: Wolauff, ich zeig dir
Deinr Anfechtung Exempel.
Er führt mich in ein Tempel
Von sehr altem Gebeu,
Darin sah ich doch neu
Ein auffgerichten Thron
In Mitt des Tempels stohn,
Auff dem da saß ein Weib
Einfeltig, schlecht von Leib,
In schneeweißem Gewand,
Die hett in ihrer Hand
Ein offen großes Buch,
Das gab himlischen Ruch.
Ringweiß umb diesen Thron
Saßen wenig Person,
So diesem Weib anhiengen.
Den süßen Ruch empfingen.
Nach dem in Tempel traten
Vil geistlicher Prelaten,
Die all selb Bücher trugen;
Vor diesem Thron sich bugen,
Hofierten als die Buler
Samb werens all ihr Schuler,
Aus ihrem Buch gelert
Und würd von ihn geehrt,
Fand sich doch anderst viel,
Sie tribens Widerspiel.
Etlicher nam ein Lauß,
Und macht ein Camel drauß,
Ein ander seuget Mucken,
Thet doch Camel verschlucken.
Etlich gen Himmel machten
Ein Leyter, auß Stro flachten;
Etlicher mit schröckling Worten
Beschloß des Himmels Porten.
Etlicher durch sein Segen
Verhieß himlischen Regen,
Etlich mit Donnerschlägen
Die Erd theten bewegen,
Etlich ander die saßen
Und gantze Häuser fraßen,
Als obs all Zaubrer weren,
Vergleich seltzam Geberen.
Etlich wie Faßnacht butzen
Sich gleich theten vermutzen.
Nun diese große Meng
Die wartet mit Gedreng,
Wann ihn das Weib in Weiß
Wurd sprechen Lob und Preiß,
Ihrem vielköpfing Leben
Ein ware Zeugnuß geben,
Als ein gerechter Richter
Ihr aller Sach ein Schlichter.
Aber das Weib das saß
Und gantz erblichen was,
Und hett ein groß Mißfallen
Ob den Partheyen allen;
Mocht ihr anschauen nicht,
Wendet ihr Angesicht
Von ihn gen Himmel auff.
Nach dem der gantze Hauff
Samb gantz tobsüchtig schwürmet,
Den Thron im Tempel stürmet,
Theten das Weib anfallen
Und ward gerupfft von allen.
Einer die Nasen krümmet,
Sein Scheinwerck mit verblümmet.
Der ander nams beim Har,
Zugs auff sein Meinung dar.
Der dritt zogs bey den Händen,
Auff seinen Sinn zuwenden.
Der vierdt ihrn Mantl thet strecken,
Sein Irrthumb mit zu decken.
Der fünfft beim Rock sie zucket,
Seine Spitzfünd mit schmucket;
Der sechst deckt mit ihr Kron
Sein Superstition.
Der sibend riß beyn Brüsten,
Zu Schutz seinen Wollüsten.
Und Summa Summarum
Ein jedlicher sie num,
Wo sie ihm dient zu Nutz;
Gefärlich und mit Trutz
Sies hin und wider zogen
Rissen, krümbten und bogen,
Stückten, blöckten und drungen,
Gwältig nötten und zwungen,
Jeder nach seim Gefallen.
Jedoch war bey ihn allen
Ein mißhellig Gebrümmel;
Abschiedens mit Getümmel,
Jeder einig sein Straß.
Der gantze Tempel was
Durchstenckt wie lauter Schwefel
Von ihrm Mutwil und Frefel.
Das Weibsbild saß zerzaust
Wie ein Henn, die sich maust,
Traurig auf ihrem Thron.
Ihr beystendig Person
Hetten der Ding Verdruß.
Ich sprach: O Genius,
Sag, wer ist dieses Weib
Mit so geplagtem Leib?
Und wer sind ihr Beyständer
Und die boßhaffting Mänder,
Die sie ohn Schuld hart kerrten,
Rissen, dehnten und zertten?
Er sprach: Diß Weib allda
Heist Theologia;
Die heilig biblisch Schrifft,
Was christlichs Heyl betrifft,
Die ist schlecht und einfältig
Geistreich und gar gewältig.
Und die ihr hangen an,
Sind auch also gethan.
Die Schrifft einfältig handeln
Und in der Warheit wandeln,
Suchen in Werck und Leer
Allein die Gottesehr.
Deß Nechsten Heil und Nutz,
Von dem kommt alles Guts,
Der doch ist leyder wenig,
Aber die größer Menig
Sucht eygne Ehr und Rhum,
Wollust oder Reichthum,
Und ihr Leer darauff richten,
Suchen, grüblen und dichten,
Setzen, ordnen und stellen,
Und alles was sie wöllen
Sie groß oder klein machen.
Das Liecht in schwer zwifachen,
Sie bannen und verdammen,
Aber dem allen sammen
Machen sie einen Schein,
Samb seys Gotts Wort allein.
Derhalben mit Spitzfünden
Sie der Geschrifft nachgründen,
Da sie denn manigfalt
Der Gschrifft thun großen Gwalt.
Ziehen, biegen und dringen
Biß sie darauß erzwingen
Ihr Leere zu probieren,
Zu schmucken, defendieren,
Als sey es Gottes Wort.
So gieng es fort und fort,
Kein Ketzer nie so grob,
Der nicht hett der Schrifft Prob.
Schau, daher ist entsprossen,
Entsprungen und geflossen
So viel und mancherley
Irrthumb und Ketzerey,
Menschen Gesetz und Wohn
Und Superstition;
Orden, Rotten und Sect,
Der all Winkel voll steckt,
Deß ist auch unter ihn
So viel Köpff, so viel Sinn.
Ein jeder Theil meint schlecht
Er allein sey gerecht,
Die andern irrten all.
Schau zu in diesem Fall
Ihr widerwerting Meinung
Entspringen viel Uneinung,
Daß sie denn conversiern,
Schreiben und disputiern,
Und jeder nimbt zu Heyl
Die Schrifft auff seinen Theil,
Sein Meinung mit zu stärcken.
Hiebey magst du wol mercken,
Das es jetz steht gefehrlich.
Verderblich und gar schwerlich.
Weil die Glehrten sind spaltig,
Derhalb glaub du einfaltig
Der Heyligen Geschrifft,
So entrinst du dem Gifft
Vielfaltiger Verwirrung,
Rotten, Secten und Irrung.
Mich stieß mit seiner Hand
Genius und verschwand.
Im Augenblick erwacht
Ich, und dem nach gedacht.
Viel Hirten seind (wie das
Verkünd Jeremias)
Zu Narrn und Schelmen worden,
Durch falsch Leer die Seel morden;
Gwältig mit großem Trutz
Zu ihrem Rhum und Nutz
Die Schrifft mit ihren Zenen
Krüplen, reißen und dehnen.
Auch nicht allein die Glehrten
Sonder auch die verkehrten
Layen, die Gschrifft auch nützen,
Ihr Laster nit zu schützen,
Zu verthaiding und beschönen,
Verspotten und verhönen
Die Schrifft auch an viel Oertern
Mit Märlein und Sprichwörtern,
So grob und unbescheiden,
Als ob es weren Heiden.
Und muß an allem Ort
Das teuer Gotteswort
Nur ein Schand Deckel sein.
Das uns doch Gott allein
Gab darinn zu fürbillen
Sein gnäding guten Willen,
Was wir gantz aller maßen
Thun sollen oder lassen,
Glaubn, trauen oder hoffen,
Die steht jederman offen.
Weil die nun krümmet hin
Jeder nach seinem Sinn,
Zu seinem Nutz und Ehr,
Wollust und Reichthumb sehr,
Und wird so gar veracht,
Verspottet und verlacht,
Ist schwerlich zu besorgen,
Gott werd heut oder morgen
Sein Wort uns nemen wider,
Uns lassen sincken nider
In falsch Irrthumb und Lügen,
Weil wir nicht brauchen mügen
Die einfältige Warheit
Mit ihr himlischen Klarheit.
Nun bitten wir Jesum,
Daß er wöll all Irrthum,
Spitzfünd und Ketzerey,
Sect, Rotten und Parthey
Außrotten durch sein Geist,
Das sein Wort allermeist
Fort in der Christenheit
Rein in Einfältigkeyt,
Einhelliglich auffwachs
Und Frucht bring, wünscht

 

Hans Sachs.

 

Anno Salutis M. CCCCC.
XXXIX. Am XXX. Tag Martij.


 << zurück weiter >>