Christoph Martin Wieland
Ueber den freien Gebrauch der Vernunft in Glaubenssachen
Christoph Martin Wieland

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Gedanken

über den freien Gebrauch der Vernunft in Gegenständen des Glaubens.

I.

Verschiedene Aufsätze eines mir von Person unbekannten Anonymus über einige mit allen Religionen der Welt in Beziehung stehende philosophische Probleme, die im Jahr 1787 in den deutschen Mercur eingerückt wurdenDer Jahrgang des deutschen Mercurs von 1787 enthält mehrere Aufsätze über Aberglauben, Rousseau's Lehre von den Wundern und Wunder überhaupt., geben mir nicht nur Anlaß, sondern machen mir es gewissermaßen zur Pflicht, meine eigenen Gedanken von der Freiheit, über Glaubenssachen zu philosophiren, und die Gründe, welche mich überzeugen, daß die Ausübung dieses Naturrechts gerade jetzt nöthiger sey und heilsamer werden könne als jemals, Allen, die es mit dem menschlichen Geschlechte wohl meinen, zu ruhiger Prüfung mitzutheilen.

Ich gestehe gern, daß nicht alle Behauptungen jenes Ungenannten in meine Vorstellungsart passen, daß ich Manches für sehr problematisch halte, was ihm ausgemacht ist, und, aus Besorgniß, mißverstanden zu werden, Manches gar nicht gesagt hätte, worunter er vermuthlich nichts Arges hatte. Indessen glaubte ich, daß diese Aufsätze zu nützlichen 11 Erörterungen Gelegenheit geben und überhaupt dazu dienen würden, verschiedene Wahrheiten mehr in Umlauf zu bringen, die zwar nichts weniger als neu sind, aber, solange das Uebel, dem sie entgegen wirken sollen, noch so fest sitzt, gleich einer Arznei, die nur durch anhaltenden Gebrauch heilsam werden kann, den Kranken immer wieder, auch wohl in verstärkter Gabe, beigebracht werden müssen.

Allerdings wäre es ein offenbares Zeichen einer traurigen Abnahme des gesunden Menschenverstandes unter uns, wenn die Freiheit, womit der Ungenannte über Gegenstände, deren Untersuchung der Vernunft unstreitig zukommt, sich laut zu denken erlaubt, durch Mehrheit der Stimmen für unzulässig erklärt werden sollte. Es wäre wahrlich eine sehr unphilosophische und knechtische Art zu philosophiren, wenn derjenige, der mit der Fackel der Vernunft in die dunkelsten Gegenden der menschlichen Ideenwelt einzudringen versucht, sich bei jedem Schritte scheuen müßte, eine Entdeckung zu machen, wodurch irgend ein alter oder neuer HircocervusHircovervus, Bockhirsch, also unmögliches Ding, bloses Hirngespinnst, dem in der Wirklichkeit nichts entspricht. für das, was er ist, erkannt würde; oder wenn man bei Entwicklung und Vergleichung menschlicher Begriffe und Meinungen die Resultate immer voraussehen und auf einmal mit Denken einhalten müßte, sobald eines zum Vorschein käme, woraus dieser oder jener ehrliche Dogmatiker die Folge ziehen könnte, daß es mit seinem Gedankenformular wohl nicht so ganz richtig stehen dürfte.

Die Vernunft – ohne welche wir Adamskinder, so viel unser sind, nichts als gras- und fleischfressende Yahoos und also unstreitig die armseligste, häßlichste und hassenswürdigste Gattung des ganzen Thierreiches wären – ist ihrer Natur nach in ihrem Geschäfte ganz unabhängig. Wir können durch äußerlichen Zwang dazu gebracht werden, gegen unsre 12 Ueberzeugung zu handeln; aber keine Macht in der Welt, keine Schreckniß, keine Marter, wie unerträglich sie auch sey, kann uns zwingen, etwas gegen unsere Ueberzeugung für wahr oder recht zu halten.

Da wir nun blos durch unsre Vernunft Menschen sind, unsre Vernunft aber blos durch ihren freien Gebrauch Vernunft ist: so ist, durch eine nothwendige Folge, der Gebrauch dieser Freiheit und das Recht, den ganzen Proceß, wie wir durch Nachdenken über interessante Gegenstände auf diese oder jene Resultate gekommen sind, Andern mitzutheilen, das unverlierbarste Recht der Menschheit. Denn ohne dasselbe würden wir nicht nur keine Sicherheit für die übrigen haben, sondern sie auch nicht zu gebrauchen wissen, ja sie nicht einmal kennen.

Aber nicht nur das allgemeine Beste der Menschheit überhaupt, auch das angelegenste Interesse der bürgerlichen Gesellschaften, worin wir leben, ist mit der Erhaltung dieses Palladiums unzertrennlich verbunden: denn von seinem Verluste würde der Verlust der Gewissensfreiheit und aller bürgerlichen Freiheit, würde die Wiederkehr jener schrecklichen Finsterniß, Sklaverei und Verwilderung der Jahrhunderte zwischen Theodosius und Kaiser Friedrich III.also zwischen 379 und 1493. Unter Friedrich III. wurde die Buchdruckerkunst erfunden, Luther geboren, America entdeckt, Constantinopel von den Türken erobert. die unvermeidliche Folge seyn.

Wenn es wahr ist, daß dieses achtzehnte Jahrhundert sich einiger beträchtlicher Vorzüge vor allen vorher gehenden rühmen kann: so ist nicht weniger wahr, daß wir sie lediglich der Freiheit des Denkens und der Presse, der dadurch bewirkten Ausbreitung der Wissenschaften und des philosophischen Geistes und der mehrern Bekanntmachung derjenigen Wahrheiten, von denen das Wohl der bürgerlichen Gesellschaft abhängt, zu danken haben. Immerhin mögen manche 13 Lobredner unsrer Zeiten von diesen Vorzügen zu viel Aufhebens machen; aber, wenn die Vortheile, die wir davon gezogen haben, nicht ungleich größer, ausgebreiteter und in ihren Wirkungen wohlthätiger sind, als der Augenschein zeigt, woher kommt es – als weil die Rechte der Vernunft noch bei Weitem nicht in allen Ländern unsers Welttheils anerkannt werden, und weil sie auch da, wo noch das meiste Licht ist, in den Vorurtheilen, den Leidenschaften und dem Privatinteresse herrschender Parteien, Stände und Orden noch so mächtigen und hartnäckigen Widerstand finden?

Man kann es nicht zu oft wiederholen: »Nichts, was Menschen jemals öffentlich gesagt, geschrieben und gethan haben, kann sich eines Privilegiums gegen die kaltblütige und bescheidene Untersuchung und Beurtheilung der Vernunft anmaßen.« Kein Monarch ist so groß, und kein Hohepriester so heilig, daß er, kraft seiner Majestät oder Heiligkeit, Ungereimtheiten sagen oder thun dürfte, ohne daß es erlaubt wäre, – sollte es auch erst nach seinem Tode geschehen – mit aller geziemenden Höflichkeit zu zeigen, daß die Ungereimtheiten, die er gesagt oder gethan hat, Ungereimtheiten sind. Und wenn dieß wahr ist – wie doch wohl Niemand unverschämt genug seyn wird, es leugnen zu wollen? – warum sollten nur die unrichtigen Definitionen, nur die grundlosen Distinctionen, nur die Sophismen und Paralogismen, mit einem Worte, nur die Ungereimtheiten der Gelehrten, Schriftsteller, Doctoren und Magister, wie illuminirt, resolut, subtil, irrefragabel, angelisch und seraphischder Erleuchtetste, Entschlossenste, Feinste, Unwiderstehlichste, Englische und Seraphische – lauter Beinamen, welche ihr Zeitalter verschiedenen scholastischen Philosophen gab. die Herren auch seyn mögen, warum sollten nur sie allein sich selbst einen Freibrief gegen Prüfung und Beurtheilung geben dürfen?

Auch dieß kann (wenigstens solang es noch so nöthig ist wie dermalen) nicht oft und laut genug wiederholt 14 werden: »Nicht die Dinge selbst, sondern nur unsre Vorstellungen, Meinungen, Einbildungen, wirklichen oder vermeinten Erfahrungen, daraus gezogenen Schlüsse oder zu ihrer Erklärung erfundenen Hypothesen und Systeme sind der Gegenstand der speculativen Wissenschaften.« Bis zu den Naturdingen selbst sind wir noch nicht gekommen oder können vielmehr nicht zu ihnen kommen. Wir weben und leben in einem Ocean von Phänomenen, Ideen und PhantomenPhänomene sind die wirklichen Erscheinungen der Dinge, so wie sie von gesunden Sinnen wahrgenommen werden, Phantome dagegen Trugbilder, Ideen in dieser Zusammenstellung entweder Gattungsbilder oder Allgemeinbegriffe. Bei Phänomenen und Ideen ist Irrthum, bei den Phantomen Täuschung möglich.; wir werden von ihnen auf unzählige Art getäuscht; aber unser Interesse ist, so wenig als möglich getäuscht zu werden: und was haben wir denn, als den allgemeinen Menschenverstand und die scharf prüfende Vernunft, was uns das Wahre, dessen Erkenntniß uns zur Erfüllung unsrer Bestimmung nöthig ist, von Irrthum und Betrug, die uns schädlich und verderblich sind, mit Gewißheit unterscheiden lehren könnte?

Es ist wahr, Kinder müssen – solange sie Kinder sind – durch Autorität geleitet werden: aber sie müssen auch unterrichtet werden, damit sie nicht ewig Kinder bleiben. Ein Kind wird, der Ordnung der Natur zufolge, mit jedem Jahre weniger Kind; es hat Alles in sich, was es braucht, um zur Reife, zur Vollkommenheit seiner individuellen Naturbestimmung zu gelangen; und es ist unrecht, wenn seine Obern es aus selbstsüchtigen Absichten an seiner Entwicklung hindern. Ist also das, was man Volk nennt, eine Art von moralischem Kinde (wie man nicht ohne allen Grund anzunehmen gewohnt ist), so muß auch von ihm gelten, was von allen Kindern gilt; es muß ihm keine Gelegenheit abgeschnitten werden, zu männlichem Verstande zu gelangen.

Ich sehe seit einiger Zeit nicht nur die Finsterlinge (worunter in der That der eine oder andere dem alten 15 Amadis von Gallien den Namen des schönen Finsterlings streitig machen könnteAmadis von Gallien, sonst der Löwenritter genannt, hieß, als er in die Einöde geflohen war, beltenabros, le beau ténébreux, welches gewöhnlich Dunkelschön übersetzt wird; Wielands Uebersetzung »schöner Finsterling« paßt treffend auf die Aesthetiker, die in dem Verstande den Teufel sehen und ihn so arg schelten als die Aufklärung.), sondern sogar solche, die für sehr erleuchtete Köpfe gehalten seyn wollen, gegen Aufklärung und Aufklärer sich erheben. – Was mag man wohl damit wollen? Was fürchtet man vom Lichte? Was hofft man von der Finsterniß? – Können kranke Augen das Licht nicht ertragen: nun, so muß man sie gesund zu machen suchen, und sie werden es nach und nach schon ertragen lernen. Aber Diebe, Meuchelmörder und ihres Gleichen scheuen das Licht; und gerade diese muß es, um des allgemeinen Besten willen, bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel verfolgen.

II.

Jede bekannt gemachte Wahrheit, jede Berichtigung eines Irrthums (beträf' es auch nur eine falsche Lesart in einem alten Autor oder die Zahl der Staubfäden einer neuen Pflanze) hat ihren Werth. Aber es gibt Wahrheiten und Irrthümer, die auf das Wohl oder Weh des menschlichen Geschlechts einen sehr großen, einen entscheidenden Einfluß haben: und diese sollen und müssen unermüdet und unerschrocken von allen ihren Seiten, nach allen ihren Beziehungen und Wirkungen beleuchtet und dem stärksten Feuer der Prüfung so lange ausgesetzt werden, bis sie, von allen Schlacken des Irrthums gereinigt, als feines gediegenes Gold aus dem Tiegel kommen und alsdann, ohne Möglichkeit eines vernünftigen Widerspruchs, den kostbarsten und herrlichsten Schatz der Menschheit ausmachen.

Von den Wahrheiten, die ich hier im Auge habe, sind einige einer Evidenz fähig, die der Gewißheit unsers eigenen Bewußtseyns gleich ist.

16 Andere hingegen sind so beschaffen, daß sie, vermöge der Natur der Sache und der Schranken unsers Wesens, keine andere Gewißheit für uns haben können, als die aus einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit entspringt und durch einen im Herzen aller Menschen liegenden geheimen Wunsch, daß sie wahr seyn möchten, unterstützt wird; ein Wunsch, der ein erweisliches, moralisches Bedürfniß, sie als wahr anzunehmen, zum Grunde zu haben scheint.

Diese Wahrheiten sind nicht sowohl Gegenstände der speculativen Vernunft, als des vernünftigen Glaubens: aber ihre Wurzel liegt so tief in der menschlichen Natur, daß kein Volk des Erdbodens (wie unentwickelt und ungebildet es auch sonst seyn mag), sofern es des menschlichen Namens nur einigermaßen werth ist, gefunden wird, bei welchem sich nicht wenigstens dunkle, unreife und mißgestaltete Gespenster und Schattenbilder dieser Wahrheiten festgesetzt hätten, für welche sie eine ihnen selbst unerklärbare Anhänglichkeit haben.

Diese Wahrheiten sind – das ewige Daseyn eines obersten Grundwesens von unbegränzter Macht, von welchem das ganze Weltall nach unveränderlichen Gesetzen mit Weisheit und Güte regiert wird – und die Fortdauer unsers eignen Grundwesens, mit Bewußtseyn unsrer Persönlichkeit und ewigem Fortschritt zu einer vollkommenern Art von Existenz.

Meiner innigsten Ueberzeugung nach müßten diese zwei Glaubenswahrheiten, wenn sie in ihrer möglichsten Reinheit und Einfachheit gedacht und geglaubt würden, den wohlthätigsten Einfluß auf unsre innere Moralität, Zufriedenheit und Glückseligkeit haben. Es ist erweislich und erwiesen, daß sie den Menschen, im Ganzen genommen, unentbehrlich sind; erweislich und erwiesen, daß auch der beste und 17 glücklichste Mensch durch ihren Glauben noch besser, noch glücklicher werden muß. Von ihnen, und von ihnen allein gilt, was Cicero von den eleusinischen Mysterien sagt: daß sie uns in die Verfassung setzen, froher zu leben und mit besserer Hoffnung zu sterben.

III.

Welcher dem menschlichen Geschlecht gehässige Dämon hat sich denn von uralten Zeiten bis auf diesen Tag so unselig geschäftig bewiesen, gerade diesen Glauben – einer göttlichen Weltregierung und eines bessern Zustandes nach diesem Leben – auf alle nur ersinnliche Weise zu verunstalten, zu verdunkeln und durch Vermischung mit der ungereimtesten Schwärmerei, dem scheuslichsten Aberglauben, den menschenfeindlichsten Wahnbegriffen und Irrlehren, das, was die Stütze, der Trost und die Hoffnung der Menschheit seyn sollte, zum Mittel ihrer Unterdrückung und Mißhandlung, zu einem Werkzeuge des Betrugs und der Beutelschneiderei, ja sogar zu einem Gifte zu machen, das die Seele gleichsam in ihren zartesten und edelsten Theilen anfrißt und in ein moralisches Scheusal verwandelt?

Wir haben nicht nöthig, die erste Ursache alles dieses Uebels weit außer uns zu suchen; sie liegt uns sehr nahe; denn, kurz –

Der Dämon steckt in unsrer eignen Haut!

Und wiewohl es, aus Mangel hinlänglicher Urkunden, unmöglich ist, die Geschichte des Aberglaubens mit historischer Gewißheit bis in seine Wiege zu verfolgen: so ist doch nichts leichter, als die Entstehung desselben unter den Umständen, 18 worin uns die allgemeine Menschengeschichte die ältesten Völker zeigt, sich psychologisch klar zu machen.

Kinder und Unwissende staunen Alles an, was sie nicht begreifen können, und die Welt ist für sie voller Wunderdinge und Wunderwerke; denn jede Naturbegebenheit, jede von einem Menschen dargestellte Erscheinung. wovon sie nicht begreifen, wie es damit zugehe, ist ein Wunder in ihren Augen. Die ältesten Zeiten der Welt und der Völker sind daher nothwendig wundervolle Zeiten – und die Belege dieser Wahrheit gibt die Mythologie aller Nationen.

Da nun alle Menschen durch eine innere Nothwendigkeit gezwungen sind, Alles, was in ihre Sinne fällt, für Wirkung irgend eines – Wirkenden, das ist einer Ursache, zu halten, von den besagten Wunderdingen aber keine Ursache in die Augen fiel, welcher man diese Wirkungen begreiflicher Weise zuschreiben konnte: so sahen sich die Menschen genöthigt, zu unsichtbaren Wirkenden, von welchen oder mit deren Beistand jene Wunder hervorgebracht würden, ihre Zuflucht zu nehmen.

Ein eben so unwillkürlicher innerer Zwang nöthigt die menschliche Einbildungskraft, sich alle unsichtbare Dinge sichtbar zu machen; und so wurden aus jenen verborgenen Ursachen der Phänomene, die man sich nicht erklären konnte, Geister der Verstorbenen, Genien, Feen, Peris, Divs, Götter und Halbgötter.

Von jeher gab es auch Menschen, welche Wunderdinge verrichteten. Als Menschen konnten sie das nicht aus eigener Kraft; sie waren also Werkzeuge jener höhern Wesen, womit sich die Einbildung der Sterblichen bevölkert hatte. Natürlicher Weise entstand hieraus der Glaube, daß es Menschen gebe, welche sich – wodurch es nun sey – den Göttern, 19 Halbgöttern, Feen und so weiter angenehm genug zu machen wüßten, um solcher besonderer Gnaden und Gaben von ihnen gewürdiget zu werden; und es war zu vortheilhaft, sich bei dem unwissenden Haufen in einen solchen Credit zu setzen, als daß nicht bald genug ganze Schaaren von wunderthätigen Priestern, Wahrsagern, Zeichendeutern, Dienern und Auslegern der Orakel und so weiter entstanden wären, denen Alles daran gelegen war, den Glauben an jene eingebildeten Wesen, der ihnen so viele sehr handgreifliche Vortheile verschaffte, auf alle nur ersinnliche Weise in den Gemüthern zu befestigen.

Aber der natürliche Stolz des Menschen, der in der ganzen sichtbaren Natur nichts Höheres und Mächtigeres kennt, als sich selbst, konnte sich nicht lange auf diese Vorstellung einschränken. Er befand sich unendlich besser bei dem Gedanken, selbst die wirkende Ursache von Wunderdingen, als ein bloses Werkzeug zu seyn. Man war inzwischen nach und nach bekannter mit der Natur geworden; der Kunstsinn hatte sich zu entwickeln angefangen; schärfere Sinne und glückliche Zufälle machten, daß gewisse Menschen an Thieren und Pflanzen, Steinen und Mineralien allerlei Eigenschaften entdeckten, woraus sie Andern ein Geheimniß machten, um unbegreifliche Dinge wirken zu können. Nach und nach entfaltete sich der Keim einer Philosophie, die einen tiefen aber räthselhaften Sinn in dem großen Buche der Natur ahnete, das der Mensch vielleicht Jahrtausende lang blos angestaunt hatte. Man ahnete verborgene Kräfte, geheime Beziehungen der Dinge und jene goldne Kette, an welcher Homers Jupiter Erde und Meer empor zieht. Alle Dinge der sichtbaren Welt wurden als Hieroglyphen dieses geheimnißvollen Buches betrachtet: aber die große Kunst war, sie lesen zu 20 können. Wer dieß konnte, besaß natürlicher Weise den Schlüssel zum Innern der Natur, bemächtigte sich vermittelst desselben ihrer verborgensten Kräfte und hatte die Mittel in Händen, gute und böse Dämonen, Elementar und Astralgeister, ja die obersten Götter selbst entweder zu seinen Freunden oder zu seinen Sklaven zu machen. Es fehlte nicht an Menschen, die diese erhabene Wissenschaft zu besitzen vorgaben: und so entstand die Magie mit allen ihren Aesten und Zweigen; so füllte sich in den Händen verschmitzter Betrüger der Zauberbecher, aus welchem alle Völker Aberglauben tranken und dadurch, gleich den Gefährten des Ulysses, die aus dem Becher der Circe getrunken hatten, in eine Art stumpfsinniger Thiere verwandelt wurden, die sich bemaulkorben und bezäumen, beladen, führen und peitschen, ja sogar füttern lassen mußten, wie, wohin und womit es den Zauberern, ihren Herren, beliebig war.

IV.

Die ältesten Gesetzgeber, die sich dazu berufen fühlten, noch sehr rohe und in einer Art von natürlicher Wildheit lebende Menschenstämme in bürgerliche Gesellschaften zu vereinigen, fanden den Glauben an Dämone im Himmel, auf Erden, im Meer und unter der Erde, und vornehmlich den Glauben an väterliche Götter und Schutzgötter der Gegend, wo sie wohnten, der Berge und Flüsse derselben und so fort in den Gemüthern schon befestiget. Sie kamen daher sehr natürlich auf den Gedanken, diesen Umstand zu ihrem größern Vorhaben zu benutzen. Sie sahen, daß die Furcht vor den Göttern, unter der Leitung einer klugen Hand, das kräftigste Mittel werden könne, die rohen Menschen, mit denen sie es 21 zu thun hatten, zu bändigen und an bürgerliche Zucht und Ordnung zu gewöhnen. Sie machten also entweder die Götter selbst zu Urhebern ihrer Gesetze oder setzten diese wenigstens unter die unmittelbare Garantie derselben. Sie gaben dem Gottesdienst eine bestimmtere Form und größere Feierlichkeit; sie stifteten die Mysterien; und bei den Griechen wurden Eleusis, Olympia und Delphi schon in sehr alten Zeiten die Vereinigungspunkte der unzähligen kleinen Völkerschaften, woraus sich nach und nach der große politische Körper bildete, der den Jupiter als seinen allgemeinen Schutzgott und die Amphiktyonen als sein höchstes Nationalgericht verehrte.

So wurden alle bürgerliche Gesellschaften gewissermaßen auf die Religion gegründet; sie machte einen Theil der Gesetzgebung, ein wesentliches Stück der Constitution aus. Man betrachtete sie (ob mit Recht oder Unrecht, ist jetzt nicht die Frage) als ein Band des Staats, das nicht zerrissen werden könne, ohne den Staat selbst aufzulösen. Aber – wie war diese Religion beschaffen? – Was ich im dritten Abschnitt über den Ursprung des Aberglaubens überhaupt gesagt habe, wird uns leicht zur Beantwortung dieser Frage verhelfen.

V.

So rohe und äußerst sinnliche Leute, wie man sich die Menschen dieser Zeiten denken muß, waren noch wenig fähig, sich bis zu dem vernunftmäßigen Begriff der höchsten Macht, Weisheit und Güte, dem einzigen würdigen Begriff, der mit dem Worte Gott verbunden werden kann, zu erheben. Sie verlangten sichtbare und handgreifliche Gegenstände ihrer 22 religiösen Verehrung. Die Götter bekamen also Bilder, die Bilder Tempel, die Tempel Priester. Diese letztern wurden, wie natürlich, nach und nach aus Dienern Vertraute, aus Vertrauten Günstlinge, aus Günstlingen Organe ihres Gottes. Die Götter offenbarten sich ihnen bald in Träumen, bald durch Stimmen oder Erscheinungen. Sie wurden von diesen höheren Wesen in den Geheimnissen der Natur und des Schicksals unterrichtet. Daher waren die Priester in den ältern Zeiten auch die Weisen oder Gelehrten, die Weissager und die Aerzte des Volks und sind es noch jetzt bei allen Völkern, die noch auf den untersten Stufen der Cultur stehen. Sie heilten die Krankheiten, die sie als Wirkungen böser Dämonen oder erzürnter Gottheiten betrachteten, meist durch übernatürliche Mittel, durch magische Formeln, Beräucherungen, Amulete und Talismane. Ihre Arzneikunst war also größtentheils ein Zweig ihrer Magie und TheurgieMagie in der weitesten Bedeutung ist die vorgebliche geheime Wissenschaft, auf Geister aller Arten und durch sie auf die Körperwelt zu wirken. Theurgie ist der Name der vorgeblichen reinen und heiligen Magie der unbekannten Wundermänner Hermes Trismegistus, Zoroaster und ihrer vorgeblichen Schüler, welche blos durch die Kraft göttlicher Namen und Anrufungen Gottes und mit Hülfe guter Geister wunderbare Wirkungen hervorzubringen und Gewalt über die bösen Geister zu haben vorgibt. W.. Diese letztern, mit allen ihren Nebenzweigen, den sämmtlichen Divinationskünsten, der Astrologie, Geomantie, Nekromantie, Geisterbeschwörung, Geisterbannung, Vertreibung der Gespenster, Erhebung verborgener Schätze und so weiter, wurden priesterliche Künste, wurden mit der Religion verbunden und durch sie geheiligt.

Die Neigung zum Wunderbaren und die Begierde, das Künftige zu wissen, sind die schwächste Seite der menschlichen Natur. Die Priester zogen zu große Vortheile von ihr, als daß sie sich nicht überall (mehr oder weniger, nach Maßgabe der übrigen Umstände) ein Geschäft daraus hätten machen sollen, alle diese einträglichen Felder des Aberglaubens, als ihr eigenes Gebiet und Appanage, möglichst anzubauen. Immerhin mochte es auch damals, wie noch jetzt, Schwärmer und Einfältige unter ihnen geben, die im Ernste 23 an alle diese Thorheiten glaubten: die Meisten wußten sehr gut, was an ihren übernatürlichen Künsten war, und ihr Gewissen wurde gar bald harthäutig genug, ohne alles Bedenken die Schwachen zu betrügen, die so gern betrogen seyn wollen, und die immer so geneigt sind, nicht nur ihr bischen Vernunft, sondern sogar ihre fünf Sinne knebeln und binden zu lassen, sobald sie etwas Uebernatürliches zu sehen und zu hören hoffen.

Die so hoch gepriesene und falsch berühmte Weisheit der ägyptischen Priester bestand größtentheils in den vorbenannten priesterlichen Künsten.

Die Theosophie und Magie des Zoroaster und überhaupt Alles, was man Philosophie der Morgenländer nennt, begünstigte sie ebenfalls und war dieses Namens eben so unwürdig als die Kabbala der Juden.

VI.

Nach einigen Jahrtausenden that sich endlich die wahre Philosophie unter den Griechen hervor, und der Aberglaube nahm bei dem edlern Theile der Nation in eben dem Maße ab, wie die Aufklärung zunahm. Allein, da die eingeführte Volksreligion in jeder ihrer Republiken nun einmal einen Theil der Staatsverfassung ausmachte. so mußten die Weisen sich zu sehr in Acht nehmen, mit den Priestern in keine gefährliche Collision zu kommen, als daß diese letztern sich nicht immer im Besitz der einträglichsten Zweige ihres Gewerbes, und das an ihnen hangende Volk in seiner Geneigtheit zur Dämonenscheu (Δεισιδαιμονια, wie die Griechen den Aberglauben sehr richtig nannten) und bei seinem Hang zu allen Arten von Alfanzereien zu erhalten gewußt hätten.

24 Nach und nach entstanden unter den Griechen die bekannten philosophischen Secten und Orden. Einige derselben, als die Pythagoräer, Platoniker und Stoiker, hatten Grundsätze, die sich mit der herrschenden dämonistischen Religion sehr gut vertrugen. Pythagoras und Plato hatten sogar einige, die den obbesagten priesterlichen Künsten zur Grundlage dienen zu können schienen. Die pythagorische und platonische Philosophie wurde also (sonderlich je unreiner und trüber sie nach und nach zu werden anfing) von den Priestern immer mehr begünstigt. Die epikurische hingegen, die sich zwar der Volksreligion im Aeußerlichen klüglich fügte, aber eine erklärte Gegnerin aller Arten von religiöser Betrügerei, aller Magie und Geisterseherei, aller neuen Orakel, übernatürlichen Künste und gauklerischen Operationen war, blieb, solange sie dauerte, der Priesterschaft äußerst verhaßt und wurde von ihr auch dem Volke so verhaßt gemacht, daß ihre Bemühungen gegen den Aberglauben, im Ganzen und in der Folge der Zeiten, nur sehr wenig Früchte bringen konnten.Die epikurische Philosophie hat offenbar ihren Mißcredit noch andern Ursachen zuzuschreiben, theils dem Mangel an Tiefsinn bei ihrem Urheber, der doch von Demokritos und Aristippos nur erborgte, theils der Entartung dieser Secte, an welcher allerdings ihr Stifter ganz unschuldig war. Aber auch als Gegnerin aller religiösen Betrügerei hat sie kein gar großes Verdienst; denn – sie fing es gar zu verkehrt an oder wollte blos Spaß treiben.

Die merkwürdige Zeit Alexanders des Großen, worin der größte Theil des damals bekannten Asiens nebst Aegypten griechischen Fürsten unterworfen, und die Sprache, Künste, Wissenschaften, Religion und Sitten der Griechen über alle Provinzen, welche die persische Oberherrschaft erkannt hatten, ausgebreitet wurden, ward durch eine natürliche Folge der Vermischung, die nach und nach zwischen den Griechen und Asiaten, Syrern, Medern und Aegyptern stattfinden mußte, auch wegen des Einflusses dieser Vermischung auf die Denkart und den Geist der Zeit, wichtig. Die Philosophie der Griechen artete in diesen Ländern nach und nach aus und verlor sich endlich in den Sümpfen der morgenländischen 25 Magie oder Dämonomanie. Alexandria wurde die Schule einer neuen Philosophie, worin die ungleichartigsten Begriffe und Meinungen zusammen flossen, um alle mögliche Ausschweifungen und Unternehmungen der Schwärmerei und des Aberglaubens mehr als jemals zu unterstützen.

VII.

Als endlich die Römer das herrschende Volk in der Welt wurden, blieb nicht nur in den morgenländischen Theilen des ungeheuren Imperii Romani Alles in diesem Stande, sondern die Römer selbst, bei denen die Aufklärung durch Wissenschaften sehr spät angefangen und, sogar unter den Großen, nur auf Wenige sich erstreckt hatte, fanden ungemeinen Geschmack an dem morgenländischen Aberglauben. Schon zu Augustus Zeiten finden wir Rom und Italien mit syrischen und ägyptischen Landstreichern überschwemmt, die, unter dem Namen ägyptischer Priester, Magier, Chaldäer und so weiter diese Geistesschwäche der Römer und Römerinnen sich auf alle mögliche Art zinsbar zu machen wußten.

VIII.

Solchergestalt war denn Alles, was die Römer den Erdkreis nannten, in allen seinen Theilen (mehr oder weniger) mit Abgötterei und Zauberei, Götter- und Feenmährchen, Glauben an übernatürliche Undinge, magische Operationen, Amulete und Talismane, Verwandlungen der Menschen in Thiere, Geistererscheinungen, Glauben an Traumdeuter, Wahrsager, Orakelsprüche und an tausend wahnsinnige Arten, die guten und bösen Dämonen sich günstig zu machen, zu versöhnen, zu unterwerfen oder auszutreiben, erfüllt; kurz, 26 die ganze Menschenmasse war mit magisch-religiösem Aberglauben und Wahnwitz angesteckt: als Christus in Palästina auftrat, um den Glauben an einen allgemeinen Vater im Himmel durch seine Lehre und noch mehr durch sein Beispiel zu predigen und die echte Gottesverehrung, von allem magischen und theurgischen Aberglauben gereinigt, auf Redlichkeit des Herzens, Liebe zu Gott und den Menschen und Ausübung aller moralischen Tugenden zurück zu führen.

IX.

Wenn man von dem Plane der Vorsehung nach dem Erfolg urtheilen darf, so konnte und sollte ein so großes Werk, als die Zerstörung des Reichs der Dämonen und ihrer Priester, das ist, mit andern Worten, der Herrschaft des Aberglaubens, der Abgötterei und der Magie über die menschlichen Gemüther, ist, nicht ein Werk weniger Jahre, ja selbst nicht weniger Jahrhunderte seyn. Aber, was wir gewiß sagen und mit der Geschichte der verflossenen achtzehn Jahrhunderte sattsam beurkunden können, ist: daß diese große Unternehmung, dieses unendlich wohlthätige Werk der Erlösung des menschlichen Geschlechtes von allen Uebeln des Aberglaubens und der Dämonenscheu, zwar angefangen, aber gar bald wieder von denen selbst, die sich nach dem Namen Christus nannten, gehemmet und (aufs gelindeste zu reden) wegen eines fortdauernden Zusammenflusses schädlicher Gegenwirkungen bis auf diesen Tag nur hier und da im Kleinen und auf eine sehr unvollständige und unvollkommene Weise bewirkt worden ist.

In der That ist es sonderbar genug, wie die Jünger und Anhänger eines Meisters, der die Religion auf die 27 einfachste Vorstellungsart und die reinsten Gesinnungen des Herzens eingeschränkt, kein Lehrformular vorgeschrieben, keinen neuen Gottesdienst eingeführt, kurz, in den wenigen Jahren seines öffentlichen Lebens nichts Angelegneres gehabt hatte, als das Reich der Dämonen zu zerstören und dagegen einem Reiche Gottes, dessen Sitz in den Herzen der Menschen ist, auf alle mögliche Weise beförderlich zu seyn – es ist sonderbar, sage ich, und mehr als sonderbar, wie die Jünger eines solchen Meisters, in so kurzer Zeit, und als ob sie es selbst nicht gewahr worden wären, sich von seinem Sinne und Geiste, von seinen Grundsätzen und von seinem Beispiele so himmelweit entfernen konnten, um in wenigen Jahrhunderten ihm geradezu entgegen zu arbeiten, das Werk, das er angefangen hatte, wieder umzureißen und das Reich des Aberglaubens und Fanatismus, welches er zu zerstören gekommen war, unter andern Namen und Decorationen furchtbarer und der Menschheit verderblicher, als es jemals gewesen war, wieder herzustellen.

Freilich gilt auch hier wieder, was ich oben sagte, da vom Ursprung des religiösen Aberglaubens die Rede war: Der Dämon, der dieß bewirkte, steckt in unsrer eignen Haut. Aber es ist nicht zu leugnen, daß der Geist der Zeiten Augusts und seiner Nachfolger jenem unsaubern Geiste zu Ausführung seines Werkes großen Vorschub that.

X.

Unsre eigne Zeit ausgenommen, wird man schwerlich in der ganzen Geschichte einen andern Zeitraum finden, wo zugleich und zum Theil in eben denselben Ländern, neben einem ziemlich hohen Grade von Cultur und Verfeinerung auf der 28 einen Seite, auf der andern mehr Finsterniß in den Köpfen, mehr Schwäche, Leichtgläubigkeit und Hang zu allen Arten von Schwärmerei, mehr Neigung zu geheimen religiösen Verbindungen, Mysterien und Orden, mehr Glauben an unglaubliche Dinge, mehr Leidenschaft für magische Wissenschaften und Operationen, selbst unter den obersten Classen des Staats Statt gefunden, kurz, wo es allen Gattungen von religiösen BetrügernIch verstehe unter religiösen Betrügern solche, denen die Religion zum Deckmantel und zum Werkzeug ihres Betrugs dienen muß. W., Gauklern, Taschenspielern und Wundermännern leichter gemacht worden wäre, mit der Schwäche und Einfalt der Leute ihr Spiel zu treiben, als – das erste und zweite Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung.

Die siegreichen Kämpfe eines Lucian und CelsusCelsus, ein Freund Lucians, schrieb ein großes Werk gegen die Magie, dessen Verlust zu bedauern ist, weil sich aus einer Stelle Lucians schließen läßt, daß vornehmlich auch die Kunststücke, wodurch die angeblichen Adepten der magischen Weisheit die Leichtgläubigen hintergingen, ausführlich darin beschrieben waren. Es ist leicht zu erachten, daß die Herren sich alle Mühe gaben, ein solches Buch zu unterdrücken. W. mit diesem Schwindelgeist ihrer Zeit waren nicht hinlänglich, einem Uebel Einhalt zu thun, dessen Wachsthum durch so viele hier nicht zu entwickelnde Umstände und in der Folge vornehmlich durch die neuplatonische Philosophie, – die, (mit Polonius im Hamlet zu reden) Methode in den Unsinn brachte, auf alle nur ersinnliche Weise befördert wurde.

XI.

Auch die Christen wurden von dieser schwärmerischen Philosophie bezaubertSchon bei ihrer Ausbreitung erlitt die christliche Religion mehrere Umgestaltungen. 1) Durch Verschiedenheit der Ansichten bei den Aposteln selbst, die als Juden dem Judenthum nicht entsagen konnten. Hieraus erfolgte die Ausbildung eines übersinnlichen Messiasreiches, die Idee eines neuen Bundes im Gegensatze des alten und die Versöhnungslehre durch Opfertod (Brief an die Hebr. 9, 11). 2) Durch baldige Einmischung der Gnosis bei den Judenchristen, wodurch eine Menge Ideen aus der Religion der Parsen, aus der Kabbala der Juden, der pythagoräischen und platonischen Philosophie in das Christenthum kam, und besonders der Dämonismus systematisch ausgebildet wurde. Der Einfluß auf die Dreieinigkeitslehre, die von der Kirchenversammlung zu Nicäa zum Glaubensartikel erhoben wurde, ist unverkennbar. 3) Durch Gegensatz des Hellenismus bei Griechen und Römern, die zum Christenthum übertraten. Diese hatten kein Interesse daran, den Christianismus nach dem Judaismus umzubilden, ein desto größeres aber, die neue Religion mit ihrer alten auszugleichen. Dabei hatten sie es theils mit ihrer Philosophie, theils mit ihren Mysterien zu thun, und durch diese Ausgleichung ging der Charakter des Mysteriösen in das Christenthum über, und eine Menge kirchlicher Ritualien haben daher ihren Ursprung.

Alles dieß that dem Hange zu Weissagungen, Zauberei und Geisterseherei so großen Vorschub, daß des Aberglaubens beinahe niemals mehr gewesen war. Hätte es jemals der Philosophie bedurft, so war es damals; allein die Philosophie war selbst phantastisch geworden, und so zeigt sie sich in dem Neu-Platonismus, der sich in Alexandria, wo der Orient und Occident in einander flossen, ausbildete. Von dem großen Problem, wo der Grund aller Gewißheit, die Realität der Erkenntniß, ob in dem Sinne oder der Vernunft, zu suchen sey, war die Rede nicht mehr; man wollte ja wissen über Gegenstände des Glaubens. Zu diesem Behufe ward eine innere Erleuchtung, eine mystische Anschauung zum Kriterium der Wahrheit und Gewißheit gemacht, besonders durch Plotin zu Anfange des dritten Jahrhunderts. Durch Zurückziehung von aller Sinnenwelt wollte man zum unmittelbaren Anschauen der Gottheit und zur Herrschaft über die Dämonen gelangen. Sein Schüler Porphyrius redet daher, statt von der Philosophie, von einer Theosophie als der reinsten Erkenntniß der Dinge und der höchsten Glückseligkeit, die aus dem unmittelbaren Anschauen Gottes entsteht, wozu man blos durch die größte Reinigkeit und Enthaltsamkeit gelange, dann aber auch mit Hülfe der Gottheit wunderthätig wirke. Von jedem Anhänger dieser Schule wird daher auch wenigstens ein Wunder erzählt. Alles dieses war nun eigentlich gegen das Christenthum gerichtet; man weiß aber, daß dieses davon Nutzen zog, und – welchen! – Man sehe G. C. Horst, Zauber-Bibliothek, Mainz 1821. J. A. Eberhard, Geschichte der Magie in dessen neuen vermischten Schriften. Meiners Geschichte der Denkart der ersten Jahrhunderte nach Christus. – Sprengels Geschichte der Medicin.

, da sie ihnen nicht nur mit ihren eigenen Mysterien sehr gut zusammen zu stimmen, sondern sogar den Schlüssel dazu zu enthalten schien.

Als endlich ihre Partei, nach langen und blutigen Kämpfen mit dem sogenannten Heidenthume, die herrschende im römischen Reiche ward und ihre Gegner völlig unterdrückt oder ausgerottet hatte, zeigte sich bald genug, wie wenig die Welt dadurch gebessert war. Der Dämonismus des Heidenthums stieg, in einer andern Einkleidung und unter andern Namen, 29 wieder aus seiner Asche hervor. Das Licht der Wissenschaften verschwand nach und nach fast gänzlich. Die Mönche traten an die Stelle der schwärmenden Pythagoräer und Platoniker, und bemächtigten sich, nach ihrem Beispiele, sogar der magischen und theurgischen Künste, unter dem Vorwande, sie bewirkten durch die Kraft des wahren Gottes und des Namens Jesu, durch das Zeichen des Kreuzes, durch die Gebeine und andere Reliquien der Märtyrer und so weiter, was die Zauberer und vorgeblichen Theurgen der Heiden durch den Beistand höllischer Geister gewirkt hätten. Die Chroniken und Legenden der vier ersten Jahrhunderte nach Constantin I. wimmeln von Teufelsaustreibungen, Todtenerweckungen, Erscheinungen von Engeln, Teufeln und armen Seelen; Alles ist voller Wunder, die oft bis zum Lächerlichen unglaublich und ungeräumt sind und von unzähligen heiligen Mönchen und Bischöfen verrichtet worden seyn sollen. Die Natur müßte, wenn nur der zwanzigste Theil dieser vorgeblichen Thatsachen wahr wäre, in diesen Zeiten alle ihre Rechte verloren haben und in eine gänzliche Antinomie und Anarchie verfallen gewesen seyn.

Nothwendiger Weise versank unter solchen Umständen das Volk immer tiefer in einen die Menschheit schändenden Aberglauben. Die alt hergebrachten Wahnbegriffe der heidnischen Welt vermischten sich auf eine unnatürliche Art mit den reinen Grundbegriffen des Christenthums und brachten die monstrosesten Hirngespinnste hervor, welche ohne Untersuchung angenommen und von der Klerisei (aus Ursachen, die ihr und uns wohl bekannt sind) auf alle Weise unterhalten, ja zum Theil zu Dogmen und Glaubenspunkten gestempelt und mit kräftigen ErnulphusflüchenMan sehe das Formular einer Excommunication der römischen Kirche, die sich Tristram Shandy's Vater, der allerlei dergleichen gern sammeln mochte, aus der Agende der Kirche zu Rochester, verfaßt von dem Bischof Ernulfus, hatte abschreiben lassen, im zweiten Theile des Tristram Shandy. Der Fluch ist so kräftig, daß Onkel Toby dazwischen schreit: Unsere Armeen in Flandern fluchten entsetzlich, aber daran reichten sie doch nicht. Ich könnt' es nicht übers Herz bringen, meinen Hund so zu verfluchen. Ja den Teufel selbst nicht. gegen alle Unternehmungen der Vernunft verzäunt wurden.

XII.

30 Es würde mich zu weit von meinem Wege abführen und ist zu meiner dermaligen Absicht unnöthig, dieses historische Gemälde fortzusetzen und die unermeßlichen Uebel, die sich unter solchen Umständen, theils durch das Bündniß, theils durch den Streit zwischen Kaiserthum und Priesterthum, über einen großen Theil des Erdbodens ausbreiteten, auch nur summarisch anzudeuten. Ungeachtet eine ganz wahre und unpartheiische historische Darstellung dieses merkwürdigen Zeitraums der Geschichte der Menschheit jetzt, da ich dieses schreibe, noch unter die frommen Wünsche gehört: so sind doch schon die in Jedermanns Händen sich befindenden Werke eines GiannoneGiannone, Pietro, geb. 1676 im Neapolitattischen, schrieb Bell' istoria del regno di Napoli (Ven. 1723. 4 Bände 4. übers. von le Bret, Ulm 1758–71). Wegen der Angriffe auf die angemaßte Gewalt des Papstes darin wurde der Verleger in den Bann gethan, und der Verfasser konnte sich nur durch die Flucht retten. Endlich gelangte er doch durch Treulosigkeit eines Freundes in die päpstliche Gewalt, wurde zum Widerruf genöthigt und starb im Gefängniß, worin er 13 Jahre lang gesessen. (S. unten noch mehr von ihm.)

Die Werke der übrigen angeführten Historiker sind hinlänglich bekannt, und leicht könnten noch einige spätere diesen beigefügt werden. Zu den Zeichen der Zeit gehört es aber doch auch, daß nach der Zeit, als Wieland dieses schrieb, protestantische Historiker gern päpstelten, und Klinger nannte selbst Johann v. Müller den papistischen Geschichtschreiber. Mehrere jüngere Historiker haben sich offenbar durch sein Beispiel verleiten lassen; andere wollten, wie etliche Theologen, neu seyn im Alten und mißbrauchten ihren Scharfsinn; die zum Katholicismus Uebergegangenen aber treiben es billig ernsthaft. Man kennt den dadurch erregten Angriff von Voß auf Stolberg, dessen mit Mehreren ihm gemeinschaftliche Tendenz zur Wiederherstellung der Hierarchie wohl unverkennbar ist.

, Hume, Robertson, Gibbon, Walch, Schmidt und Anderer mehr als zureichend, alles bisher Gesagte überflüssig und zum Theil wohl über die Intention der Verfasser zu bestätigen.

Wer aber zu einer ganz lebendigen und anschauenden Erkenntniß des Geistes dieser unseligen Zeiten gelangen wollte, müßte sich freilich zu der fürchterlichen Aufopferung entschließen, die Quellen selbst zu besuchen und unter andern sich in der Chronik und den Libris Miraculorum des Gregorius von ToursGregorius, Bischof zu Tours (544–595), schrieb eine historia Francorum in 10 Büchern, die, ungeachtet der Leichtgläubigkeit des Verfassers, doch als das erste Werk über fränkische Geschichte sehr denkwürdig bleibt. In seinem Buche von Wundergeschichten verherrlichte er vornehmlich den heiligen Martin, dessen Kappe ein Heiligthum der fränkischen Könige wurde., in der goldnen Legende des Erzbischofs Jakob de VoragineJakob de Voragine (von Viraze, Flecken im Genuesischen), ein Dominicaner, gest. 1292 als Erzbischof zu Genua, ist Verfasser der historia Lombardica s. Legenda aurea, voll abergläubischer Frömmigkeit und Wundersucht, wodurch sie aber um so mehr in Ansehen kam. Sie ist fast in alle europäische Sprachen übersetzt., in den Actis SanctorumActa Sanctorum heißen überhaupt Sammlungen von Nachrichten über Märtyrer und Heilige, und namentlich sind hier gemeint die 53 Foliobände, welche eine Gesellschaft von Jesuiten (die Vollandisten genannt, weil Joh. Volland das Werk anfing) seit 1643 herausgab. Kann freilich der historischen Kritik dieses Werk nicht genügen, so behält es doch schon dadurch bedeutenden Werth, daß es die Zeiten treu schildert. und in den Geschichtsbüchern der Mönchsorden umzusehen, – wo er genug sehen würde, um vor Erstaunen über die unbegreifliche Unvernunft dieser Zeiten beinahe selbst den Verstand zu verlieren.

Das Einzige, was ich in Beziehung auf meinen dermaligen Hauptgegenstand noch bemerken muß, ist Folgendes.

XIII.

31 Von jener Zeit an, da die neue Religion die herrschende im ehemaligen römischen Reiche wurde, trat sie nicht nur in alle Rechte der alten ein und wurde die Religion des Staats, folglich von den Gesetzen geschützt und begünstigt, sondern maßte sich noch neuer, bisher unerhörter Rechte an.

Die alte Staatsreligion hatte alle andere, selbst die christliche, geduldet: die letztere oder vielmehr ihre Klerisei (die auch hierin, wie in so vielem Andern, den Geist des Stifters verleugnete, indem sie sich auf den Buchstaben einiger harten Ausdrücke steifte) behauptete ein ausschließendes Recht und duldete in Kurzem keine andere mehr neben sich.

Aber sie ging noch weiter. Nicht zufrieden, jeden andern Glauben, jede andere Religionsmeinungen, Dogmen, Vorstellungs- und Ausdrucksarten über unbegreifliche Gegenstände für irrig erklärt zu haben, belegte sie auch den Irrthum mit Strafen. Sie behandelte die Ueberzeugung als eine Sache, die von unserm Willen abhängt. Wer die Ehrlichkeit hatte, ihren Gründen, wenn sie seinen Verstand nicht überzeugten, dasjenige, was er für Wahrheit erkannte, entgegen zu setzen, wurde als ein vorsätzlich und halsstarrig Irrender zum ewigen und (was noch weit schlimmer war) sogar zum zeitlichen Feuer verurtheilt.

So entstand in den christlichen Ländern eine neue, zuvor nie erhörte Gattung von VerbrechenSo gar neu war diese Gattung von Verbrechen denn doch nicht; denn, um von ganz Asien und Aegypten nicht einmal zu reden, konnte man auch in Griechenland um Vaterland und Leben kommen wegen der Asebeia, die bekanntlich nicht blos praktische Gottlosigkeit, sondern sehr oft nur abweichende Meinung war. Selbst die gepriesene Toleranz der Römer unterliegt nicht ungegründeten Zweifeln; denn nach Livius (5, 50) mußten nach dem Einbruche der Gallier die heiligen Stätten, gemäß den Büchern der Duumvirn, wieder geweiht werden, weil der Feind sie inne gehabt hatte. Nach einem andern Beschluß fand späterhin auch eine Beschränkung der fremden Religionsgebräuche Statt. Wo aber die Alten in der That mehr Toleranz zeigten – was nicht immer der Fall war – da scheint sie doch nicht gerade in der Vernunft ihren Grund gehabt zu haben. Dieser Gegenstand wäre wohl einer besondern Untersuchung würdig.. Der Bosheit und dem Eigennutz wurde ein neuer Zweig von Denunciationen, dem Despotismus der byzantinischen und abendländischen Tyrannen eine neue Quelle von Confiscationen, neue Mittel, eines Jeden, der ihnen verhaßt oder verdächtig war, los zu 32 werden, und der Klerisei ein neuer Weg eröffnet, sich das furchtbarste Ansehen und einen fast grenzenlosen Einfluß zu verschaffen.

XIV.

Um jedoch den Schein zu haben, als ob die Dogmen, von deren Glauben nun das zeitliche und ewige Leben der Menschen abhing, auf unwiderleglichen Gründen beruheten und jede Untersuchung aushielten, erfand man eine subtile Art von Dialektik und Terminologie, bei der es ausdrücklich darauf angelegt war, den auffallendsten Absurditäten einen Schein von Möglichkeit zu geben, Widersprüche in eine Art von Zusammenhang zu bringen und dem Menschenverstande den Weg zur Wahrheit so mühselig und unzugangbar zu machen, daß unter Zehntausenden – selbst aus jenen Menschenclassen, deren Stand und Bestimmung im gemeinen Wesen einen hohen Grad von Vernunftfertigkeit erfordert – kaum Einer seyn möchte, der nicht lieber Alles, was man wollte, blindlings glauben, als sich auf einem so peinvollen Wege überzeugen lassen wollte.

Im Grunde war es auch mit diesem neu gebrochenen Ueberzeugungswege auf blose Täuschung abgesehen: denn nicht nur war er so beschaffen, daß er bei wirklich denkenden Köpfen statt der Ueberzeugung vielmehr Zweifel über Zweifel erregte und sie wider ihren Willen auf neue, den herrschenden widersprechende Meinungen führte; sondern es war auch schon vorher ausgemacht, »daß jede Untersuchung eines Glaubenspunktes oder Dogma's, die ein anderes Resultat, als dieses Dogma geben würde, an sich selbst schon irrig, verwerflich und verdammlich, d. i. des elementarischen und 33 höllischen Feuers schuldig sey.« Wehe dem, der sich in diesen armseligen Jahrhunderten seiner Vernunft zu Prüfung dessen, was man ihm zu glauben auferlegte, bedienen und die Orakelsprüche einer Priesterschaft, die sich einer willkürlichen und unumschränkten Herrschaft über den Verstand, ja sogar über die Sinne der Menschen bemächtigt hatte, den nothwendigen Naturgesetzen des menschlichen Denkens zu unterwerfen, sich unterstehen wollte! Alle Untersuchung hört auf, wo jeder Zweifel für eine Eingebung des Teufels erklärt wird, der mit Fasten, Beten, Abtödtung des Fleisches und gänzlicher Unterbrechung alles Denkens bekämpft werden muß; und die Vernunft wird zu einem völlig unbrauchbaren Werkzeuge gemacht, sobald uns ihr freier Gebrauch in die dumpfen Kerker der Inquisition und aus diesen auf einen Scheiterhaufen führt.

Ich rufe getrost jedes vernünftige oder vernunftfähige Geschöpf auf dem ganzen Erdboden auf, mir zu leugnen, wenn es kann, daß man auf diese Art und durch solche Mittel und Anstalten jede Religion, wie unsinnig, abscheulich oder lächerlich sie auch immer seyn möchte, – von dem unmenschlichen Götzendienste des kanaanitischen Feuergottes Moloch bis zu dem albernen Dienste der Latonenfrösche in Abdera – für die einzig wahre und allein seligmachende ausgeben und als solche der ganzen Welt aufdringen könnte!

Was für einen Namen verdienen also wohl diejenigen, die sich anmaßen oder, wofern ihre Vorfahren einer solchen Anmaßung sich schuldig gemacht hätten, noch ferner darauf bestehen wollen, die einfachste, vernunftmäßigste, wohlthätigste, menschlichste aller Religionen auf einem solchen Wege und durch solche oder ähnliche Verfahrungsarten auszubreiten und zu erhalten?

XV.

34 Jeder die Wahrheit aufrichtig liebende Leser möge hier einen Augenblick still stehen und dann die Betrachtungen selbst fortsetzen, auf die ihn das Gesagte natürlicher Weise führen muß!

Meine Absicht ist nicht, irgend eine Partei oder Person zu beleidigen. Es wäre höchst unbillig, vernünftig denkenden und besser gesinnten jetzt Lebenden den Wahnsinn und die Missethaten barbarischer Vorfahren zum Vorwurf machen zu wollen. Aber die Zeiten der Unwissenheit sind vorbei; wenigstens kann sich Niemand, der nicht zur Hefe des Pöbels gehört, mehr mit unüberwindlicher Unwissenheit entschuldigen, wenn ihm die Grundwahrheiten, von deren Erkenntniß und Befolgung das Wohl des menschlichen Geschlechts und der bürgerlichen Gesellschaft schlechterdings abhängt, unbekannt sind; denn sie sind, Gott Lob, seit mehr als fünfzig Jahren laut genug gepredigt worden und haben um ein mäßiges Geld in allen Buchläden feil gestanden.

Leuchtet uns aber die Fackel der Vernunft, warum sollten wir lieber im Dunkeln als in ihrem Lichte wandeln wollen?

Fühlen und erkennen wir die Ehre und Würde, Menschen (in der engern Bedeutung dieses NamensNämlich in der, worunter die Halb-Menschen, Drittels- und Viertels-Menschen und andere Anthropomorpha nicht begriffen sind. W.) zu seyn: warum sollten wir nicht wenigstens den Willen haben, Alles von uns zu werfen, was uns verhindert, als echte Menschen zu empfinden, zu denken und zu handeln?

Sind die Grundsätze, die zu Anfang dieser Schrift in Erinnerung gebracht worden, unumstößliche Grundwahrheiten; ist der freie Gebrauch der Vernunft in Beleuchtung und Untersuchung jeder menschlichen Meinung, jedes menschlichen 35 Glaubens ein unverlierbares Recht der Menschheit, das uns Niemand, ohne das größte aller Verbrechen, das Verbrechen der beleidigten menschlichen NaturVon welcher alle Majestät der Völker und ihrer Könige entspringt, wenn sie nicht Usurpation und Chimäre seyn soll. W., zu begehen, rauben kann: wer darf sich vermessen, seinen Bruder in dem Besitz und Gebrauch dieses Rechts zu stören?

Ist kein Mensch unfehlbar; ist irren und getäuscht werden etwas von unsrer Natur überhaupt Unzertrennliches; gibt es eine unendliche Menge von Gegenständen des Wissens sowohl als des Glaubens, über die es – vermöge der Grenzen, welche die Natur dem menschlichen Geiste gesetzt hat – unmöglich ist völlig ins Klare zu kommen: so trage jeder seine Meinung oder seinen Widerspruch mit seinen Gründen bescheiden und gelassen vor, ohne einen Andern zu verunglimpfen oder zu verspotten, welcher vernünftige Gründe zu haben glaubt, anders zu denken.

Ist die Ueberzeugung des Verstandes vom Willen unabhängig, kann Irrthum also nie als ein Verbrechen gestraft werden: so erkenne man doch endlich einmal, daß es Unsinn und Ungerechtigkeit zugleich ist, Namen, wodurch blos verschiedene Vorstellungsarten, verschiedene Begriffe, Lehrmeinungen und Ueberzeugungen von einander unterschieden werden, zu Schimpfnamen zu machen!

XVI.

Es ist etwas den gesunden Menschensinn Empörendes in der noch immer unter den Gelehrten selbst herrschenden Gewohnheit, das Wort Deist oder TheistZwischen diesen beiden hat man sonst zu verschiedenen Zeiten verschiedene Unterschiede gemacht. Unter Theismus verstand man Vernunftglauben an Gott, der aller Offenbarung vorhergeht, unter Deismus den Vernunftglauben, welcher die Offenbarung verwirft. Angegriffene Deisten suchten sich durch diesen blos willkürlichen Unterschied bisweilen zu retten. Kant nannte Deisten denjenigen, welcher von Gott keinen andern Begriff gefaßt hat, als daß er das von der Welt verschiedene allervollkommenste Wesen sey, ohne dieses weiter bestimmen zu wollen, Theisten hingegen denjenigen, welcher sich Gott als das höchste Wesen denkt, das durch Verstand und Freiheit Urheber der Welt sey. An diese Kantischen Unterschiede wenigstens hat Wieland hier nicht gedacht., welches (so viel ich weiß) einen Menschen bezeichnet, der weder atheistische noch dämonistische Grundsätze hat, so zu behandeln, als ob es eine Makel, die kein Mann von Ehre auf sich sitzen lassen könne, 36 bei sich führe; da doch das Christenthum offenbar den Deismus zur Grundlage hat, und die Christianer der ersten Jahrhunderte in ihren ApologienMan braucht sich blos an Athenagoras zu erinnern, den ich darum hier anführe, weil er seinen Glauben an die Einheit Gottes ausdrücklich durch einen Beweis aus der Vernunft (λογισμος) rechtfertigt. stolz darauf waren, Deisten zu seyn.

Die Einwendung, daß man unter dem Worte Deist, in der gewöhnlichen verhaßten Bedeutung, einen solchen Bekenner der natürlichen Religion verstehe, der nicht an die besondern Dogmen der Christen, so wie sie auf gewissen Concilien und in gewissen Symbolen und Formularen festgesetzt worden, glauben kann, – ist ein elender Behelf. Denn, gesetzt auch, ein jeder Deist müßte nach seiner Ueberzeugung alle besondere Dogmen der christlichen Parteien verwerfen: so bleibt es an diesen doch immer ungerecht, Haß oder Verachtung auf einen Jeden zu werfen, der nicht Alles glaubt, was sie glauben.

Aber im Grunde verhält sich die Sache ganz anders. Der wahre Deismus ist dem echten, von allem Magismus und Dämonismus und von allen übrigen Schlacken der barbarischen Jahrhunderte gereinigten Christenthum sehr nahe; und wenn ein Deist aus allen Religionsparteien auf dem Erdboden eine, zu welcher er sich halten sollte, zu wählen hätte, so würde er (vorausgesetzt, daß er in seinem Bekenntniß aufrichtig und also ein redlicher Freund der Wahrheit und Tugend ist) gewiß unter derjenigen christlichen Partei zu leben wünschen, deren Grundsätze, Dogmen und Verfassungen den Grundlehren und Gesinnungen Christi am nächsten kommen und von falschen Zusätzen und Schlacken am reinsten sind.

Was könnten nun diese Christen für einen billigen Grund haben, ihn von ihrer äußerlichen Gemeinschaft auszuschließen? Wenn sie wirklich überzeugt sind, daß der Glaube, der ihm 37 noch fehlt, zu seinem ewigen Wohl nöthig sey, ist es nicht Pflicht, ihm die Gelegenheit dazu nicht zu versagen? Kann er nicht vielleicht durch Zeit, liebreiche Belehrung und gutes Beispiel bei ihnen das erhalten, was ihm noch abgeht, um in allen Stücken wie sie zu glauben? – falls es ihnen doch ja so wichtig scheint, daß Jedermann in allen Stücken glaube wie sie.

Wenn aber nun vollends der Deist mitten unter ihnen geboren wurde; wenn er in dem Staate, worin dermalen ihr Glaubenssystem das herrschende ist, zu bürgerlichen Rechten und Vortheilen geboren wurde: mit welcher Billigkeit kann er blos deßwegen seiner Geburtsrechte verlustig erklärt werden, »weil es seiner Vernunft eben so physisch unmöglich ist, gewisse Sätze, die ihr falsch scheinen, für wahr zu halten, als es ihm unmöglich ist, in der Luft zu gehen oder im Feuer zu leben?« – Und ist es nicht schändlich, wenn sie ihn, um einer solchen Ursache willen, zu der Wahl nöthigen, entweder ein Lügner und Heuchler zu seyn oder sich selbst aus seinem Vaterlande zu verbannen und ins Elend zu gehen?

XVII.

Ich kann nicht umhin, da die Folge meiner Gedanken mich auf diesen Punkt gebracht hat, meinem herzlichen Ekel vor dem Mißbrauch, der in unsern Tagen mit dem Worte Duldung oder Toleranz und (was noch ärger ist) mit der Sache selbst getrieben wird, ein wenig Luft zu machen.

Was nennet man dulden? – Menschen werden doch wohl, solange kein anderes Verhältniß und kein anderer Name sie von den Pflichten der Menschlichkeit los zählen kann, einander auf dem Erdboden dulden wollen? Wer darf 38 sich unterstehen, das Gegentheil zu lehren, wenn gleich in der Ausübung das Gegentheil leider alle Tage zum Vorschein kommt?

Ist es aber nicht häßlich, das, was alle Menschen einander als Menschen schlechterdings schuldig sind, – nämlich, einander so zu behandeln, wie jeder von den andern behandelt zu werden wünscht – mit einem so elenden Wort, als dulden, zu verkleinern und beinahe auf nichts herab zu setzen?

Welche mehr als kindische Inconsequenz! Wir sehen es für eine hohe Pflicht an, in tausend unbedeutenden Dingen gefällig und zuvorkommend gegen einander zu seyn; und in Angelegenheiten, wo es auf Ueberzeugung, Gewissen, Gemüthsruhe und Rechtschaffenheit ankommt, maßen wir uns ein Recht an, über Andere zu tyrannisiren? Ich kann von einem Jeden fordern, daß er mich auf der Straße ungestört meines Weges gehen lasse: und ich soll es für eine Gnade halten, wenn ihr duldet, daß ich von überirdischen Dingen anders denke, wähne oder träume als ihr, ungeachtet ihr selbst um nichts dadurch gebessert seyd, ob ich so oder anders über diese Dinge träume?

Narren und böse Leute sind von Natur intolerant. Jene können nicht leiden, daß man anders denke als sie; diese möchten, wo möglich, die ganze Welt nöthigen, zu thun und zu leiden, was sie wollen. Hätten diese zwei Gattungen von Menschen immer den Meister auf dem Erdboden gespielt, so würde er schon lange eine ungeheure Wildniß und Wüste seyn. Zum Glücke wird die Welt im Ganzen (wie wenig es auch im Besondern das Ansehen hat) von den Klügern und Bessern regiert; und der Weise duldet die Thoren, weil er weise, die Schwachen, weil er stark, die Bösen, weil er gut ist.

39 Und so kommen wir denn, wenn die Rede von den großen Uebeln ist, die das Menschengeschlecht drücken, immer wieder auf die Wahrheit aller Wahrheiten zurück: Den Menschen kann nicht geholfen werden, wenn sie nicht bessere Menschen werden; sie können nie besser werden, wenn sie nicht weiser werden; aber sie können nie weiser werden, wenn sie nicht über Alles, wovon ihr Wohl oder Weh abhängt, richtig denken; und sie werden nie richtig denken lernen, solange sie nicht frei denken dürfen, oder, welches einerlei ist, solange die Vernunft nicht in alle ihre Rechte eingesetzt ist, und Alles, was in ihrem Lichte nicht bestehen kann, verschwinden muß.

XVIII.

Tausende, die im Leben gegen diese Grundsätze handeln, werden, wenn sie dieses gelesen haben, sich selbst die Wahrheit derselben eingestehen. Unglücklicher Weise hängt es nicht immer von ihrem guten Willen ab, auch nach ihnen zu handeln.

Die Anwendung der klarsten Resultate, der einfachsten unleugbarsten Wahrheiten wird, unter gegebenen Umständen und durch den Einfluß einer Menge entgegen wirkender Kräfte, oft zu einer unendlich verwickelten und vielleicht unauflöslichen Aufgabe.

Der prachtvolle Kerker, worin die Vernunft von der größern Hälfte Europens noch immer gefangen gehalten wird, ist das Werk einer großen Kunst und vieler Jahrhunderte. Tausend nicht gemeine Köpfe und Millionen rüstiger Hände haben daran gebaut, und er ist auf den Felsen des Ansehens und Vortheils der Priesterschaft so fest gegründet und durch 40 so viele Flügel und Nebengebäude mit einem andern Zauberthurme, worin die Freiheit in Fesseln schmachtet, so künstlich verbunden worden, daß es beinahe ungereimt wäre, die Erlösung dieser gefangenen Prinzessinnen für möglich zu halten, geschweige unternehmen zu wollen.

Das Schicksal kann freilich mit der Zeit große Revolutionen herbei führenDieses wurde ein Jahr vor dem Ausbruche der französischen Revolution geschrieben, von deren Nähe sich der Verfasser damals wenig träumen ließ. W., wodurch der gegenwärtige Zustand der Welt eine gewaltige Veränderung erleiden würde; aber, wenn die Weltverbesserung, auf die ein menschenfreundlicher TräumerMercier in seinem L'an 2440, Songe s'il en fut jamais (zuerst Amsterdam 1770) gibt in jenem Jahre Allem, was jetzt nur frommer Wunsch ist, Wirklichkeit. Beinahe sollte man aus den vielen Auflagen und Nachdrücken dieses Traumes schließen, daß es die Menschen mit ihren frommen Wünschen doch recht ernsthaft meinen müssen. – Und Wieland will die Erfüllung noch weiter hinaussetzen? – Der Beweis, worauf er sich stützt, ist:

Video meliora etc. Billigend seh' ich das Bessere, und doch zieht mich das Schlechtere mehr an –?!

unsere Nachkommen auf das Jahr 2440 vertröstet, blos durch Aufklärung bewirkt werden sollte, so ist sehr zu besorgen, daß er ihre Epoche noch um einige Jahrhunderte zu früh gestellt hat.

Möchte ich doch mit dieser übel weissagenden Ahnung schon vor meinen Enkeln zu Schanden werden! Aber das treuherzige Geständniß der Ovidischen Medea:

        – Video meliora proboque,
Deteriora sequor

wird so lange wahr seyn, als Menschen – Menschen bleiben: und so lange die Deteriora mit großen, glänzenden und auf der Wage des Eigennutzes unendlich überziehenden Vortheilen verbunden sind, wird es auch der rechte Schlüssel zu tausend Ereignissen und Handlungen seyn, die den Verstand des einsamen, in der wirklichen Welt in sein idealisches Dschinnistan zurückgezogenen Philosophen überraschen und seine übel berechneten Erwartungen täuschen.

XIX.

Wie sehr hätte ich gewünscht, in diesem traulichen Monolog über Gegenstände, woran viel gelegen ist, mit dem 41 ganzen edlern und bessern Theile unserer Nation, blos als Mensch zu Menschen, Weltbürger zu Weltbürgern und deutscher Mann zu deutschen Männern, ohne Rücksicht auf Verschiedenheit der Religionsparteien sprechen zu können! Und dieß um so mehr, da mein Widerwille gegen allen Sectengeist, meine Neigung und Fähigkeit (als einer, der ohne Vorurtheile und Interesse in Allem diesem ist), gegen jede Partei gerecht zu seyn, und meine Wohlgesinntheit für das gemeine Beste meines Volkes und der Menschheit überhaupt, Vielen unter ihnen längst bekannt und ohne Zweifel die Ursache ist, warum mein wohlmeinendes Radotage über die pia desideria aller gut denkenden Menschen mit so vieler Nachsicht angehört wird.

Aber was hälf' es, etwas Unmögliches wünschen zu wollen? Ich sehe nur allzu wohl ein, daß ich auf die Hoffnung, mit dem, was ich theils schon gesagt, theils noch zu sagen habe, bei beiden christlichen Hauptparteien Eingang zu finden, gänzlich Verzicht thun und mir einbilden muß, als ob ich nur diejenige, zu der ich (mehr aus freier Wahl, als durch nöthigende Verhältnisse) selbst gehöre, zu Vertrauten meiner Gedanken gemacht hätte.

Nur dieß Wenige – weil doch diese gute Gelegenheit dazu da ist und sobald nicht wieder kommen möchte – sey mir erlaubt in Rücksicht auf eine von allen aufgeklärten Patrioten und Christen allgemein für nöthig erkannte Verbesserung laut – für mich zu sagen.

XX.

Ich wünsche allen Menschen, und also auch Sr. Päpstlichen Heiligkeit, Pius VI. und allen seinen rechtmäßigen Nachfolgern auf dem heiligen Stuhle zu Rom (den ich, wenn 42 er auch nicht der Stuhl des heiligen Peters seyn sollte, noch immer für einen sehr respectabeln Stuhl halte) Gnade von Gott und alles Gute in dieser und jener Welt – und hoffe also, es werde mir nicht für einen heimlichen Groll gegen Se. Päpstliche Heiligkeit oder für bösen Willen gegen die Gebeine der hh. Apostel Peter und Paul ausgedeutet werden, wenn ich es als eine physische Möglichkeit annehme, daß über lang oder kurz die ganze Stadt Rom, mit der Basilica zu Sanct Johann im Lateran, der Peterskirche, dem großen Obelisk, dem Vatikan, dem Campidoglio, der Engelsburg, der Maria rotonda und allen ihren übrigen unzähligen Herrlichkeiten, bei irgend einem schrecklichen Erdbeben von der Erde dergestalt verschlungen werden könnte, daß ihre Stätte nicht mehr gefunden würde.

Wie sehr mir auch das Heil der Welt am Herzen liegt, so gestehe ich doch aufrichtig, daß es mich unendlich schwer ankommen würde, für den Untergang der Stadt Rom zu beten, und wenn er gleich die einzige Bedingung desselben wäre. Fern sey es also von mir, auch nur den leisesten Traum vom blosen Schatten eines solchen Wunsches jemals in meiner Seele aufkommen zu lassen!

Aber, gesetzt nun (welches alle Schutzgeister der Künste und Alterthümer verhüten wollen!), gesetzt, weil es doch physisch möglich ist, der schreckliche Fall hätte sich nun wirklich ereignet, – Rom wäre von der Erde verschlungen oder (ohne Vergleichung) wie Sodom und Gomorra in eine Art von todtem Meer verwandelt worden: was für Maßregeln könnte und würde die katholische Kirche wahrscheinlicherweise dann wohl zu ergreifen haben?

Mit der Stadt Rom wären alsdann auch, wie gesagt, die Kathedra Petri und der magische Fischerring (der nach 43 dem weltbekannten Siegelring Salomons unstreitig der erste Ring in der Welt ist), die berühmten Schenkungen ConstantinsDa selbst in der Breve istoria del dominio temporale della Sede apostolica nelle duc Sicilie vom Papst Pius VI. diese angebliche Schenkung una cosa spuria e falsa genannt wird, so bedarf es darüber wohl keines weitern Zeugnisses., Pipins und Karls des Großen, die Decretalen Isidors des SündersEine Sammlung kirchlicher Beschlüsse hatte Isidorus, Bischof zu Sevilla, veranstaltet, welcher im Jahre 636 starb. Dessen Namen aber mißbrauchte vor 845 ein Unbekannter, wahrscheinlich aus dem Mainzischen Sprengel, und brachte erdichtete päpstliche Decretalen in Umlauf, die von dem ersten Nachfolger Peters bis auf das Jahr 614 gehen. »Man irrt sich sehr, sagt Mich. Ign. Schmidt (Gesch. der Deutschen I. 616), wenn man glaubt, seine Hauptabsichten wären gewesen, die päpstliche Gewalt zu erhöhen. Isidor machte den Papst nur groß, um die Metropoliten klein zu machen. Der Mann muß einmal von einem Metropoliten mißhandelt worden seyn und vermuthlich sich selbst in dem Fall befunden haben, von seinem Metropoliten etwas Unangenehmes zu erfahren.« Indeß wurde doch diese unechte Sammlung des falschen Isidor eine Stütze der päpstlichen Gewalt. Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts fand unter den Katholischen Streitigkeit darüber Statt., die dreifache Krone der überirdischen, irdischen und unterirdischen Gewalt, die vier heiligen JubelpfortenNach Art des Jubel- (Jobel-) Jahres bei den Juden, welches je im fünfzigsten Jahre wiederkehrte (S. Gatterers Chronol. §. 190), und wobei Gefangene ihre Freiheit, Schuldner Erlaß erhielten u. s. w., ordnete die katholische Kirche ein Jubel- oder Ablaßjahr an, welches anfänglich nur das erste Jahr eines neuen Jahrhunderts war, von Clemens VI. aber je für das dreißigste, von Urban VI. für das dreiunddreißigste und von Sixtus VI. für das fünfundzwanzigste Jahr angeordnet wurde. So besteht es seit 1415 noch, und es strömt viel Volks nach Rom, um Ablaß zu erhalten. Am Vorabend des Weihnachtfestes eröffnet der Papst mit großer Feierlichkeit die eine sonst immer verschlossene Thür der Peterskirche und sendet Cardinäle ab, um an den andern Hauptkirchen dasselbe zu thun. Dieß sind die heiligen Jubelpforten. Nuovo Itinerario d'Italia di Fr. Scoto. S. 393fgd., die DatariaDataria, eine Abtheilung der päpstlichen Canzlei, die ihren Namen davon hat, weil sie alle Ausfertigungen datirt. Sie verfügt über alle eingehende Bittschriften und vergibt alle Pfründen. und RotaRota, eins der höchsten geistlichen Gerichte in Rom für die ganze katholische Christenheit, das innerhalb des Landes auch in weltlichen Dingen Recht spricht. Seinen Namen hat es von seinem Sitzungssaale, der mit radförmigen (rota, Rad.) marmornen Figuren ausgelegt ist. und die Wollenweberei und Agnus-Dei-Fabrik der guten Nonnen von Sanct Agnes aus der Welt verschwunden. Und wenn es nun einmal so wäre, sollte darüber wohl ein großes Wehklagen unter den Völkern der Erde entstehen? Hätten die übrigen Bischöfe und Prälaten der katholischen Christenheit wohl große Ursache, ihre Kleider zu zerreißen und Asche auf ihre Häupter zu streuen? Sollten und müßten sie nun wohl nichts Angelegneres haben, als mit vereinigten Kräften so bald als möglich ein neues Rom und einen neuen Nachfolger des heiligen Peters auf dem Stuhle, worauf dieser nie gesessen, zu erwählen? Würden sie nicht vielmehr – ich rede menschlich, aber hoffentlich nicht thöricht – große Ursache haben, sich dieser Fügung des Himmels in Geduld zu unterwerfen und, Alles wohl überlegt, sich am Ende dankbarlich gefallen lassen, durch diesen unverhofften Zufall alles fernern Kampfes für ihre Rechte überhoben und in die Freiheit gesetzt zu seyn, die ihnen vermöge der ältesten Kirchenverfassung zukommt?

Aber (höre ich sagen) was würde da aus dem für so nothwendig geachteten Mittelpunkt der Einheit werden? – Wie? Haftet denn dieser Vereinigungspunkt nothwendig an einer einzelnen Person? oder an einem gewissen Stuhle? oder gerade an diesem? Ist der christliche Name und das apostolische Symbolum nicht Vereinigungspunkt genug? Und wenn kein Rom mehr wäre, dessen despotischer Geist bei der möglichsten Einförmigkeit seiner Unterthanen einzig interessirt ist: wem wäre 44 dann an einer der ganzen Natur unbekannten und nur durch unnatürliche Gewalt zu erzwingenden Einförmigkeit länger gelegen? Kann Eintracht und Ordnung nicht sehr wohl mit Mannigfaltigkeit bestehen? Entspringt Harmonie nicht aus Mannigfaltigkeit mit Ordnung? und ist Harmonie nicht schöner, als Monotonie?

Doch, sehen wir lieber, ohne uns länger bei einem Einwurf, der doch am Ende von selbst wegfallen würde, aufzuhalten, was aller Wahrscheinlichkeit nach die Folgen dieses großen Falles seyn würden.

Wenn kein Papst mehr ist, so hört natürlicher Weise das päpstliche System mit allen seinen Zuthaten und Auswüchsen von selbst auf. Die Schafe Christi befinden sich nun wieder unter der Aufsicht ihrer Hirten und Oberhirten in der nämlichen Verfassung, worin sie im vierten und fünften Jahrhundert waren; und es wird dann blos an den Hirten liegen sie (mit dem Psalmisten zu reden) auf grünen Auen zu weiden, zu frischen Wasserbächen zu führen und an keinem Guten Mangel leiden zu lassen.

Sie haben kein ungewisses Ansehen, keine chimärische Rechte, keine Ansprüche, die von jeder Untersuchung erschüttert werden, weil sie blos auf Unwissenheit, Aberglauben und Furcht vor Ernulphusflüchen und Scheiterhaufen gegründet sind. Was könnte sie also bewegen, das Licht zu hassen, welches sie nicht zu scheuen haben? die Vernunft in Fesseln zu halten, die auf ihrer Seite ist? der Aufklärung zu widerstehen, die eben dadurch, daß sie »die Hauptfestung der christlichen Religion, mit Aufopferung der unhaltbaren Außenwerke, gegen alle Angriffe der Vernunft sichert,« ihrem Ansehen und ihren Rechten unerschütterliche Festigkeit gibt?

45 Sie haben nichts durch den Aberglauben, nichts durch die Vermischung des reinen Christenthums mit magischem und dämonistischem Unrath, nichts durch wunderthätige Bilder, Teufelsbannerei, fromme Geistermährchen und dergleichen Albernheiten zu gewinnen; und sie denken zu edel und gut, um sich jemals zu Erben der römischen Ablaßkrämerei, Jubeljahre, Apotheosen aberwitziger Mönche und mondsüchtiger Nonnen, talismanischer Amulete, Lorettenbilderchen, Kerzchen und Glöckchen und anderer solcher verächtlicher Finanzzweige machen zu wollen. Kurz, es wäre (in dem vorausgesetzten Falle) kein Grund zu erdenken, warum sie nicht zu Abstellung jedes erweislichen Mißbrauchs und zu Beförderung jeder erweislichen Verbesserung mit Freuden die Hände bieten, und die Ersten seyn sollten, den oben bemeldeten Kerker zu öffnen, um die gefangene Vernunft – sie, die uns allein einer wahren Religion fähig macht – auf ewig in Freiheit zu setzen und dadurch, neben tausend andern wohlthätigen Folgen, auch der einzig dankbaren, einzig zu wünschenden Art von Vereinigung aller christlichen Gemeinen den Weg zu bahnen.

Ich bitte nur noch um eine kleine Geduld, und ich habe – ausgeträumt.

XXI.

Es gibt Dinge, die ihrer Natur nach dergestalt von unserer Willkür abhangen, daß sie sind oder nicht sind, sobald es uns beliebt, daß sie seyn oder nicht seyn sollen.

Man erlaube mir, dieses durch ein bekanntes Beispiel zu erläutern.

Als Sanct Paul nach Ephesus kamGeschichte der Apostel. Cap. 19. – W., befand sich unter andern daselbst ein Tempel, der unter die Wunder der 46 Welt gerechnet wurde, und in diesem Tempel ein kleines, wohlberäuchertes Bildchen von Eben- oder RebenholzSo sagt Plinius, L. XVI. c. 40 und die Einwendung, die der Graf Caylus in seiner Abhandlung vom Tempel zu Ephesus dagegen macht, ist (im Vorbeigehen zu sagen) von keiner Erheblichkeit. –, das man die große Diana der Epheser nannte und weit und breit in ganz Asien als ein wunderthätiges Bild göttlich verehrte.

Sanct Paul – der sich bekannter Maßen seiner Vernunft gegen den Aberglauben der Heiden mit großer Freiheit zu bedienen pflegte, ohne sich darum zu bekümmern, daß die armen Leute ihren Wahnglauben für den wahren Glauben hielten – Sanct Paul also nahm sich die Freiheit, einigen Ephesiern zu sagen, »Bilder, die von Händen gemacht wären, könnten nicht Götter seyn,« – und es fehlte nicht an Leuten, denen dieses Raisonnement sehr einleuchtend vorkam.

Nun befand sich aber ein gewisser Demetrius in dieser Stadt, dem sehr viel daran gelegen war, daß die große Diana der Ephesier noch fernerhin eine Göttin bliebe: denn er hatte eine Fabrik von kleinen silbernen Dianentempelchen, die von den Fremden, wovon es in dieser Hauptstadt Asiens beständig wimmelte, gekauft zu werden pflegten; und diese Fabrik ging so stark, daß das ganze ehrsame Goldschmieds-Handwerk zu Ephesus in Arbeit und Verdienst dadurch gesetzt wurde.

Demetrius versammelte also alle seine Arbeiter und stellte ihnen die Gefahr vor, worein ihre Fabrik durch Sanct Paulus Vernunftschlüsse gerathen wäre. »Es will, sagte er, nicht allein mit unserm Handel dahin gerathen, daß er nicht gelte, sondern auch der Tempel der großen Göttin Diana wird für nichts geachtetDieß war, mit Erlaubniß, eine falsche Consequenz. Der Tempel der Diana blieb immer ein herrliches Meisterstück der Baukunst und wurde von Sanct Paul und aller Welt dafür geachtet, Diana mochte eine Göttin seyn oder nicht. – W., und wird dazu ihre Majestät untergehenS. Apostelgesch. 19, 27., welcher doch ganz Asia und der Weltkreis Gottesdienst erzeigt.«

47 Man begreift, warum die Majestät der großen Göttin Diana dem frommen Manne so sehr am Herzen lag, und Niemand wird sich darüber wundern, daß diese Goldschmieds-Synode sich damit endigte, daß sie Alle voll Zorns wurden und aufschrien: Groß ist die Diana der Ephesier!

In Kurzem brachten sie die ganze Stadt in Aufruhr. Das Volk stürmte dem Amphitheater zu, das Getümmel nahm überhand, und als die Leute endlich hörten, warum es zu thun sey, schrie der Pöbel zwei Stunden lang an einem fort, groß ist die Diana der Ephesier: bis endlich der Canzler, durch eine sehr verständige und eines Erzcanzlers von Germanien würdige Rede, das Volk wieder beruhigte und nach Hause schickte.

Ich kenne kein besseres Beispiel, meinen obigen Satz ins Licht zu setzen, als dieses. Die hölzerne Diana der Ephesier war eine Göttin oder war keine Göttin, jenachdem die Ephesier wollten. Und warum dieß? Weil sie wirklich, Scherz bei Seite, nur ein hölzernes Bild von einer kleinen, häßlichen, viel gebrüsteten Zigeunerin und also keine Göttin war. Indessen, so lange sie dafür gehalten wurde, war es in gewissen Stücken eben so, als ob sie es wirklich gewesen wäre.

Wir wollen billig seyn. – Die Asiarchen, die Häupter der Stadt Ephesus, der Canzler und ihres Gleichen, wußten ohne Zweifel so gut als wir, was an der Sache war; indessen hatten sich die Ephesier von alten Zeiten her eine Ehre daraus gemacht, die NeokorenDas Wort Neokoros bedeutete bei den Griechen ursprünglich einen Tempelkehrer, oder was wir einen Küster nennen. In der Folge machten sich ansehnliche Städte eine Ehre daraus, die Neokoren oder Küster ihrer Schutzgötter, denen sie einen Tempel unter sich erbauet hatten, zu heißen; und unter den römischen Cäsaren bewarb man sich in die Wette um die Ehre des Neokorats der Kaiser, denen in den Provinzen schon bei ihrem Leben eine Art von göttlicher Ehre erwiesen wurde. Luther übersetzt dieß Wort in der angezogenen Stelle ganz schicklich durch Pflegerin; denn in dem Sinne, worin es von ganzen Städten gebraucht wurde, führte es die Begriffe von Patron und Schirmherr bei sich. Die Ephesier nannten sich auf allen ihren Münzen die Neokoren der Artemis und waren um so stolzer auf diesen Titel, weil ihr damaliger Dianentempel gewisser Maßen ein gemeinschaftlicher Tempel des ganzen Asien war, das zu seiner Erbauung beigetragen hatte. – der großen Diana zu heißen, und ihr prächtiger Tempel verschaffte der Stadt Ansehen und einen einträglichen Zulauf von vielen Fremden; sie hatten also politische und cameralistische Gründe, als etwas Unwidersprechliches (wie sich der Herr Canzler von EphesusApostelgeschichte, Cap. XIX. V. 35. 36 – W. ausdrückt) 48 anzunehmen, nicht, daß ihre Diana wirklich eine Göttin sey, aber, »daß die Stadt Ephesus die Pflegerin der großen Diana und des vom Himmel gefallnen BildesAus dieser Stelle, die durch ein von Jos. Skaliger in seinem Commentar über Eusebii Chronikon angeführtes griechisches Epigramm bestätiget wird, erhellet, daß es ein gemeiner Glaube war, das Bild der ephesischen Diana sey vom Himmel gefallen. – W. sey.« –

Bei dem gemeinen Volke war die Gottheit ihrer Diana, an deren Verehrung sie von Kindesbeinen an gewöhnt worden waren, eine ausgemachte Sache; und es fiel ihnen so wenig ein, sich Einwürfe gegen diesen Glauben zu machen, als dem Volke zu Loretto, zu zweifeln, daß ihre Santa Casa durch eine Gruppe von Engeln von Nazareth nach Loretto getragen worden sey.

Aber die Goldschmiede hatten ein ganz anderes Interesse, Bekenner und Verfechter der Gottheit der Diana zu seyn; und sie hätten im Herzen nicht mehr daran glauben können, als Cicero an sein Augurat, ohne daß sie, solange ihre Tempelchen gekauft und gut bezahlt wurden, weniger laut zusammengeschrieen hätten: Groß ist die Diana der Ephesier!

Setzen wir nun aber den Fall, die Regenten der Stadt Ephesus hätten einen sehr großen und dringenden Beweggrund (den sie freilich nicht hatten) gehabt, daß ihre Diana keine Göttin mehr seyn sollte: was würden sie wohl gethan haben?

Die Unternehmung wäre allerdings großen Schwierigkeiten unterworfen gewesen: aber mit Zeit und Geduld sind schon schwerere Dinge zu Stande gekommen. Vermuthlich hätten sie vor allen Dingen den Goldschmieden eine andere einträgliche Arbeit gegeben. – Sanct Paul und seine Gehülfen auf der einen, die Philosophen, die Luciane und ihres Gleichen auf der andern Seite, hätten alsdann freie Erlaubniß erhalten, über die Sache zu raisonniren und am Ende auch (nur mit Witz und Urbanität) zu scherzen, so viel ihnen beliebt hätte; und das Volk, das mit allen seinen Fehlern 49 und Unarten doch mehr Menschenverstand hat, als man ihm zutraut, würde unvermerkt so umgestimmt worden seyn, daß es ganz gelassen eine Anstalt nach der andern hätte machen sehen, um die Weissagung des ehrlichen Demetrius in Erfüllung zu bringen.

XXII.

Ich hoffe, man wird es mir nicht als einen Mangel an Ehrerbietung gegen gekrönte Häupter ausdeuten, wenn ich sage, daß gewisse Meinungen, die seit den Zeiten Papst Gregors des Siebenten nach und nach von Mönchen, Jesuiten und andern Clienten des römischen Hofes ausgebrütet worden sind und durch die erstaunlichen Prätensionen des besagten Hofes eine Art von Scheinbarkeit erhalten haben – z. B. daß ein jeweiliger Papst Gott auf Erden oder wenigstens ein Mittelwesen zwischen Gott und Mensch sey, daß er alle Gewalt im Himmel und auf Erden habeDie im Himmel wollten wir ihm gerne unbestritten lassen, wenn er nur auf seine Allgewalt über das kleine Erdkügelchen, worauf wir wohnen, Verzicht thun wollte; ein Opfer, das in Vergleichung mit der Gewalt im Himmel, die ihm bliebe, so unbedeutend ist, daß man sich beinahe schämen muß, davon zu reden. – W., daß er Unrecht zu Recht machen könne, daß er über alle Gesetze sey, Könige ab- und einsetzen könne, und was dergleichen propositiones male sonantesPropositiones male sonantes – Uebellautende Forderungen – Merkwürdig ist in dieser Beziehung das an den Jesuiten Sanfelice, seinen Gegner, gerichtete Glaubensbekenntniß des oben erwähnten Giannone, welches aus seinen hinterlassenen Schriften im October- und Novemberstück des deutschen Mercurs vom Jahr 1784 in einer Uebersetzung geliefert, und woraus alles hier von Wieland Aufgeführte entlehnt ist. Von dem Uebrigen, was hier nur angedeutet worden, heben wir nur Weniges noch aus. »VII. Daher trage ich nicht das geringste Bedenken mehr, mit Baldus zu sagen, daß der Papst ein Gott auf Erden ist; mit Decius und Felinus, daß der Papst und Christus ein Consistorium mit einander ausmachen; mit dem Abt: daß der Papst als Gott thut, was er thut, nicht als Mensch; mit dem Cardinal Parisius, daß der Papst ein göttliches Wesen ist unter einer sichtbaren Gestalt; mit Baldus, daß der Papst die Ursache aller Ursachen ist, weßhalb man seine Gewalt nicht untersuchen darf, denn von der ersten Ursache läßt sich keine weitere Ursache angeben; endlich mit allen Decretisten, daß es ein Gottesraub ist, an der Gewalt des Papstes zu zweifeln. VIII. Darum habe ich keine Ursache mehr daran zu zweifeln, daß er das Böse in Gutes, das Unrecht in Gerechtigkeit, Laster in Tugend, das Viereck in einen Cirkel und den Cirkel in ein Viereck verwandeln könne, kurz, daß er über alle Gesetze, über alle natürliche und apostolische Rechte hinausgesetzt sey. Ich bekenne mit der Glossa des Gratianus, daß der Papst wider das natürliche und apostolische Recht dispensiren kann; mit Ludwig Gomez, daß er aus Ungerechtigkeit Gerechtigkeit machen kann; mit Baldus, daß der Papst Alles und über Alles ist und wider alles Recht Alles vermag; mit dem von Ostia, daß er Vierecke und Cirkel mit einander verwechseln kann. Darum ist es keine Lästerung, was der Cardinal Lorenz Pucci beständig im Munde zu haben pflegte: daß dem Papste Alles wohl anstehe und Alles erlaubt sey, so ungerecht es auch seyn möchte. – X. Wenn es sich fügte, daß der Kaiser der päpstlichen Tafel beiwohnte, so würde er zur rechten Hand des Papstes an einem besondern Tische auf einer kleinen Bank, Könige aber unter den Cardinälen sitzen, dergestalt, daß ein Cardinal den ersten Platz einnähme, und hernach die Könige und Cardinäle wechselsweise folgten. Der Kaiser oder ein König würde dem Papste das Wasser bringen, seine Hände zu waschen, und hernach auch die Ehre haben, die erste Schüssel auf die Tafel desselben zu tragen. Die Söhne und Brüder des Kaisers und der Könige sind zur Bedienung der päpstlichen Tafel bis ans Ende bestimmt. Wenn ich in meiner Geschichte diese große Idee vom Papste nicht geäußert habe, so bitte ich um Vergebung.« – Nachdem Giannone sich hierauf auch über die Mönchsorden erklärt hat, sagt er von den Jesuiten. »Ihr öffnet nicht, wie die Mönche, heilige Boutiquen, euch zu bereichern. Eure Moral überhebt euch dieser Mühe. Doch unterlasset auch ihr nicht, gewisse Andächteleien als untrügliche Mittel wider die ewige Verdammniß auszuposaunen. Hiezu gehört eure Lehre, es sey unmöglich, daß ein Verehrer der Mutter Gottes verdammt werde. Denn, so sagt mir P. Franz Mendoza, ob er gleich der Sünde unterworfen ist, so wird sie ihm dennoch so viele Gnade bei ihrem göttlichen Sohne auswirken, daß er nicht in den Sünden beharre. Ich armer Sünder unterschreibe gern diese Meinung. Meine Leidenschaften mögen mich so weit vom Wege der Tugend abseiten, als sie wollen; ich bin sicher, daß ich endlich in den Hafen der ewigen Seligkeit zurückkehren werde. – Dieses und Alles, was Sie, lieber Pater, und die päpstliche Kirche mir nur immer zu glauben befehlen können, glaube ich als untrügliche Wahrheit und schließe mein Glaubensbekenntniß mit der Betheurung, daß ich nichts Anderes verlange, als daß uns Alle ein Geist und ein Herz belebe.« mehr sind – daß, sage ich, diese und ähnliche Meinungen, eben so wie die Gottheit der Diana, von unserm Belieben, sie zu glauben oder nicht zu glauben, abhangen.

Sanct Paul würde unfehlbar, aus dem ganz simpeln Grunde – »ein Mensch, wie wir andern, könne, so wenig als ein hölzernes Bild, ein Gott oder Halbgott seyn« – sich für das Nichtglauben entschieden haben.

Wir stoßen also, wenn ich so sagen darf, gleichsam mit der Nase auf die Auflösung des großen Problems, das von Vielen für so schwer als die Verfertigung des Steins der 50 Weisen gehalten wird; und ich brauche es kaum zu sagen, daß der römische Bischof weder mehr noch weniger als der Erste unter den abendländischen Bischöfen, seinen Brüdern, seyn würde, sobald man für gut fände, sich über diesen Punkt lediglich an erwiesene Facta, alte Urkunden, gesunde Vernunft und Natur der Sache zu halten.

Und damit wäre vielleicht viel gewonnen! Denn so könnte alles Gute, was eine ziemlich natürliche Folge eines plötzlichen Untergangs der Stadt Rom wäre, erhalten werden, ohne daß man es eben mit dem Umsturz des Vaticans, der Peterskirche, des Museum Clementinum, der Villa Borghese u. s. w. so übermäßig theuer erkaufen müßte. Man dürfte sich nur entschließen, in Allem gerade so zu verfahren, als ob das Unglück geschehen wäre; so würde wahrscheinlicher Weise auch Alles so erfolgen und beinahe eben so leicht, wenn auch etwas langsamer, in seine alte und natürliche Ordnung kommen.

Ein Erdbeben würde freilich schneller wirken und eine Menge Bedenklichkeiten und Schwierigkeiten auf einmal applaniren; so wie ehemals die Gothen, da sie unter dem heillosen Kaiser Gallienus den Tempel der Diana von Ephesus verbrannten und zerstörten, ihrer Gottheit auf einmal ein Ende machten: aber ich gestehe, daß ich diese heroischen Mittel nicht liebe; und ich möchte der Vernunft zu Ehren wünschen, daß eine so glückliche Veränderung vielmehr ihr Werk als die blinde Wirkung empörter Elemente seyn möchte.

Im Grunde würde es auch, in mehr als einer Rücksicht, besser seyn. Man erinnert sich vermuthlich, was für ein höchst ehrwürdiger und liebenswürdiger Mann der Papst Pius der Sechsundzwanzigste (oder wie er heißt) im Jahre 2440 seyn wird – wie so ganz und gar er der Gegenfüßer 51 eines Gregors des Siebenten, eines Johannes des Zwölften und Zweiundzwanzigsten, eines Clemens des Fünften, Alexanders des Sechsten, Julius des Zweiten, Leo des Zehnten u. s. w. – kurz, der größten Zahl seiner Vorfahrer ist – und wie vollkommen dieser vortreffliche Pontifex Maximus durch seine Aufklärung, Weisheit, Güte, Bescheidenheit und Uneigennützigkeit der hohen Würde eines ersten Priesters und allgemeinen Vaters der Christenheit Ehre macht. – Dazu könnte es nun, mittelst eines demüthigen Vorschlags, noch vor dem Jahre 2440 kommen: und wie ersprießlich für die Kirche und die Welt wäre nicht eine solche Verwandlung! Ihre heilsamen Folgen sind so wichtig und ausgebreitet, daß ein Freund der Menschheit sich kaum erwehren kann, ungeduldig darüber zu werden, wenn die Maulwurfshügel, die ihr im Wege stehen, noch immer für unersteigliche Berge angesehen werden.

In der That sehe ich nur einen erheblichen Einwurf, der gegen das obige Mittel, diese wünschenswürdige Revolution zu beschleunigen, gemacht werden könnte – nämlich: »daß dadurch die mannigfaltigen Besteurungen und Tribute wegfallen dürften, welche die Nachfolger Hildebrands (denn Sanct Peter hatte und begehrte weder Silber noch Gold) von dem blinden Glauben, dem blinden Gehorsam und allen übrigen blinden Sünden der Ultramontaner bisher gezogen haben.« Allein, da es bei mehr besagtem Vorschlage nicht darauf abgesehen ist, die Fürsten der Kirche ihrer rechtmäßigen und wohl erworbenen Temporalien berauben zu wollen: so blieben dem Administrator des Kirchenstaates, bei einer besser eingerichteten Wirthschaft, auch ohne jene fremden Zuflüsse, noch immer Einkünfte genug übrig, seine erhabene Würde mit Anstand zu behaupten und die Peterskirche nebst den 52 übrigen sechs Basiliken zu Rom in baulichen Ehren zu erhalten.

Falls nicht etwa die heimlichen und öffentlichen Verschwörungen, die unter allerlei Namen, Anstalten und Vorspiegelungen gegen die gesunde Vernunft gemacht werden, uns unversehens wieder in die Barbarei und Finsterniß der Hildebrandischen Zeiten zurückwerfen sollten: – so ist zu hoffen, daß mit zunehmendem Tage die Augen und, so Gott will, auch die Hände und Füße sich immer mehr stärken werden; und so könnte denn wohl am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts Manches zur Wirklichkeit gediehen seyn, was man am Schlusse des achtzehnten mit dem gelindesten Namen – Träume eines radotirenden Weltbürgers nennen wird.

XXIII.

Nach dieser kleinen Abschweifung, – die uns, denke ich, nicht sehr weit von unserm Wege abgeführt hat – kehre ich dahin zurück, wo ich am Schlusse des vierzehnten Abschnitts in meiner Gedankenfolge stehen blieb.

Wenn eine gute Anstalt ihren Zweck so gröblich verfehlt hat, daß gerade das Gegentheil von dem, was sie bewirken sollte, heraus gekommen ist, so sind (wenn ich nicht sehr irre) nur zwei Dinge zu thun: »Man muß entweder die gute Anstalt völlig eingehen lassen,« – und dieß wäre thöricht, wofern man nicht gewiß wäre, etwas Anderes an ihre Stelle setzen zu können, das den Nutzen, den sie schaffen sollte, gewisser und besser schaffen würde; – oder »man muß so lange nachforschen, woran es liegt, daß sie ihren Zweck verfehlte, bis man es ausfindig gemacht hat, und alsdann 53 dem entdeckten Uebel durch die zweckmäßigsten Mittel aufs schleunigste abzuhelfen suchen.«

Ist aber das Gute, aus welchem wider seine Natur Böses heraus gekommen ist, von solcher Art, daß es, erstens, nicht von uns abhängt, ob es da seyn oder nicht da seyn soll; ist, zweitens, die Sache so beschaffen, daß sich Jedermann durch bloses Aufthun seiner Augen überzeugen kann, das Uebel sey blos daher gekommen, »weil sich mit jenem Guten etwas Böses vermischt hatte, das nicht nur die heilsamen Wirkungen desselben hinderte, sondern es durch seine Beimischung sogar in ein verderbliches Gift verwandeln mußte;« und ist es endlich, drittens, eben so augenscheinlich, daß es völlig in unsrer Gewalt steht und im Grund eine leichte und mit wenig oder gar keiner Gefahr verbundene Operation ist, dieses Böse, das so heillose Wirkungen gethan hat, von dem Guten, wenigstens bis auf einen solchen Grad der Reinheit des letztern, abzuscheiden, daß es schlechterdings nicht möglich ist, es weiter darin zu bringen: so ist, däucht mich, die Frage, »was also zu thun sey?« für Leute, die bei ihren fünf Sinnen sind, keine Frage mehr. Und wenn (Alles dieß vorausgesetzt) dem Uebel gleichwohl nicht abgeholfen wird: so wissen wir wenigstens, was wir von dem Verstande oder dem guten Willen der moralischen Aerzte und Apotheker, die zu Heilung unserer moralischen Gebrechen angestellt sind, zu denken haben; und dann möchte es auch wohl Zeit werden, mit Ernst darauf zu denken, wie wir uns selber helfen wollen.

XXIV.

Nun zur Anwendung dieser ziemlich unwidersprechlichen praktischen Wahrheiten auf unsern vorhabenden Gegenstand!

54 So weit uns die Geschichte in die ältesten Zeiten zurück sehen läßt, sehen wir Religion und Aberglauben überall dicht neben einander aufwachsen und diesen, gleich einer üppig aufschießenden parasitischen Pflanze, jene umschlingen, ihr nach und nach allen Saft entziehen und sogar durch seine Einflüsse den Früchten, wodurch sie dem menschlichen Geschlechte wohlthätig seyn konnte, seine eigene giftige Beschaffenheit mittheilen.

Da hier schlechterdings Alles darauf ankommt, uns von der Religion einen von allem Aberglauben, von Allem, was Hang zur Sinnlichkeit, Phantasie, Leidenschaften und PriesterkünsteWas ich unter diesen nicht liberalen Künsten verstehe, hoffe ich in dem fünften Abschnitt deutlich genug gemacht zu haben. W. beigemischt haben, gereinigten Begriff zu machen: so kann ich mir unter diesem Worte nichts Anders denken, als den Glauben an ein unerforschliches Urwesen, durch welches alle Dinge bestehen und nach unveränderlichen Gesetzen der vollkommensten Gerechtigkeit oder (was eben dasselbe sagt) der vollkommensten Güte und Weisheit in Ordnung erhalten werden – verbunden mit dem Glauben der Fortdauer unsers eigenen, uns nicht minder unerforschlichen Grundwesens, mit Bewußtseyn unsrer Persönlichkeit und einem solchen Fortschritt zu größerer Vollkommenheit, der durch unser Verhalten in diesem Leben modificirt wird.

Von diesem Glauben behaupte ichIch setze diese vier Hauptsätze, ohne hier den Beweis zu führen, als längst ausgemacht und von Allen, die diese Schrift interessiren kann, anerkannt voraus. Sollte Jemand, dem es im Ernst um Wahrheit zu thun ist, neue Gründe zu haben glauben, diese Sätze für nicht so ausgemacht zu halten als ich, so würde ihre Mittheilung und Untersuchung unfehlbar den Nutzen haben, die bezweifelte Wahrheit in ein neues Licht zu setzen W.: daß er

  1. ein moralisches Bedürfniß der Menschheit sey;
  2. daß seine Wurzel so tief in unsrer Natur liege und gleichsam mit allen Fasern derselben so verschlungen sey, daß man, um sie im Menschen gänzlich auszurotten, den Menschen selbst zerstören müßte;
  3. daß er durch die Vernunft hinlänglich unterstützt werde, um den Namen eines vernünftigen Glaubens zu verdienen; und 55
  4. daß er, insofern er von Aberglauben oder Dämonisterei frei bleibt, nicht nur ganz unschädlich, sondern dem menschlichen Geschlechte höchst wohlthätig und in gewissem Sinne unentbehrlich sey.

XXV.

Unglücklicherweise war es in der Verfassung und den Umständen, worin sich die Menschen der ältesten Zeiten befanden, nicht möglich, daß ihre Religion – wenn wir auch annehmen, es sey eine Zeit gewesen, wo sie (soviel es die Schwäche des kindischen Alters der Menschheit zuließ) einfältig und rein war – sich lange in dieser Lauterkeit hätte erhalten können.

Rohe sinnliche Menschen verlangten einen sichtbaren und palpabeln Gott. Durchdrungen von einem mächtigen aber dunkeln Gefühl des Göttlichen in der Natur, aber unfähig, dieses Gefühl zu einem reinen Vernunftbegriff zu erheben, füllten sie die ganze Welt mit göttlichen Naturen an und bildeten sich ihre Götter nach ihrem Bedürfniß. Sie hatten Götter nöthig, die zu ihnen herab stiegen, mit ihnen sprächen, sich ihrer Angelegenheiten annähmen, ihnen jagen und fischen hälfen, im Kriege vor ihnen her zögen und ihnen in zweifelhaften Fällen sagten, was sie thun oder nicht thun sollten.

Da sie so viel von ihren Göttern verlangten und erwarteten, fanden sie es billig, auch auf ihrer Seite etwas für die Götter zu thun und ihnen ihre Dankbarkeit und Ehrfurcht durch Opfer, Gelübde, Schenkungen, Denkmäler, Tempel, Statuen u. s. w. zu bezeigen.

Unvermerkt gewöhnten sich die Menschen an die täuschende Vorstellung, daß sie alles Gute, was ihnen die Natur 56 und der Zusammenhang der Dinge entweder freiwillig oder als die Frucht ihres eigenen Verstandes und Fleißes schenkte, als willkürliche Geschenke gewisser Gottheiten betrachteten.

Aber die Natur war von jeher beinahe eben so geschäftig, den Menschen Böses als Gutes zu thun: alle dem Menschen schädliche und verderbliche Naturwirkungen wurden also ebenfalls den Göttern zugeschrieben. Erdbeben, Ueberschwemmungen, Mißwachs, Hunger, verderbliche Seuchen, schreckende und die Hoffnung des Landmanns zerstörende Gewitter u. s. w. wurden als Ausbrüche ihres Zorns betrachtet, der durch bekannte oder unbekannte Vergehungen und Beleidigungen gereizt worden sey. Dieß ging endlich so weit, daß bei vielen Völkern sogar gewisse lasterhafte Leidenschaften und Handlungen, wenn sie ungewöhnliches Unglück über ganze Familien und Völkerschaften brachten, als Folgen des Zorns irgend einer beleidigten Gottheit betrachtet wurden. Die berüchtigte Familie des Tantalus und Pelops bei den Griechen ist ein weltbekanntes Beispiel hiervon.

XXVI.

Götter, die auf so vielfältige Art in das Schicksal der Menschen verflochten waren, von denen man so viel hoffte, und so viel fürchtete, die man so oft zu versöhnen hatte oder seinen Unternehmungen günstig machen wollte, konnten nicht lange ohne Priester, d. i. ohne Mittelspersonen, Procuratoren und Sachwalter der armen Sterblichen bei jenen höhern Wesen – und Priester nicht lange ohne Theologie seyn.

Da die Vernunft nur sagen kann, was Gott nicht ist, aber auf die Frage, was er sey, in Verlegenheit geräth und 57 entweder stammelt oder verstummet: so würde es eben keinen großen Künstler bedürfen, um die ganze Theologie der Vernunft auf ein Hirsenkorn zu graviren.

Natürlicherweise konnten Priester sich mit einer so compendiösen Götterkenntniß nicht behelfen. Sie mußten mehr von ihren Principalen wissen als gemeine Menschen; und woher hätte ihnen diese geheime Wissenschaft kommen können, als von den Göttern selbst? Diese offenbarten sich ihnen in Träumen, durch Erscheinungen oder auf andere Art; und bald sah man aus dieser übernatürlichen Quelle jene berühmten priesterlichen und magischen Wissenschaften entspringen, auf welche die Philosophie freilich nie gekommen wäre, wozu sie aber doch wenigstens den Schlüssel hat: die Theorie der guten und bösen Geister, der himmlischen, elementarischen und höllischen Dämonen; die Wissenschaft der Opfer, Aussöhnungen und Initiationen; die Wissenschaft, sich die höchsten Götter gnädig, die guten Dämonen günstig, die bösen unterwürfig zu machen; die Wissenschaft, Träume auszulegen und zukünftige Dinge aus gewissen Zeichen, wodurch die Götter sie uns andeuten, vorher zu sagen; die Wissenschaft, durch Amulete, Zauberworte, Zauberlieder und andere geheimnißvolle Mittel Krankheiten zu heilen u. s. w.

So wurden die Priester nach und nach zu Wahrsagern, Zeichendeutern, Aerzten und Wundermännern; so kam das Schicksal ganzer Völker, das Glück und Unglück der Familien und sogar das Leben der Menschen in ihre Gewalt; so bemächtigten sie sich der zwei stärksten Triebfedern der menschlichen Natur, der Furcht und der Hoffnung, um über unwissende Wilde und Barbaren unumschränkt zu herrschen; kurz, so wurde aus Religion Dämonisterei, aus Priesterthum Magie.

58 Beide walteten unter allerlei Namen und Modificationen über den Erdboden, als die christliche Religion entstand und, durch eine beim ersten Anblick erstaunliche, bei unbefangener Untersuchung aber sehr begreifliche Revolution, der Vielgötterei in dem ganzen Umkreise des alten römischen Reichs ein Ende machte, um auf die Trümmer der alten Religion eine neue Art von Theokratie und Hierarchie zu gründen, die sich durch die wohlthätigsten Absichten ankündigte und beliebt machte. Aber, wie himmlisch auch ihr Ursprung, wie wohlthätig ihr Zweck, wie einfach und unschuldig ihre Mittel waren, sie wurde – unter Menschen – durch Menschen ausgebreitet und konnte also nicht lange so rein bleiben, wie sie aus ihrer ersten Quelle geflossen war.

Die Vorsteher der Gemeinen lernten bald genug durch die Leichtigkeit, womit sie sich der Herzen zu bemächtigen gewußt hatten, die Schwäche der Menschen und die Stärke ihrer eigenen Hülfsmittel kennen; und wie hätte der Bischof der Hauptstadt der Welt nicht endlich verleitet werden sollen, die Macht eines gewissen wundervollen Doppelschlüssels immer weiter auszudehnen? Unglücklicherweise bediente man sich derselben mit so wenig Bescheidenheit, daß ihr Einfluß und ihre Oberherrschaft endlich drückender, schädlicher, grausamer und verderblicher für die Humanität und die bürgerliche Gesellschaft wurde, als es der in seiner eigenen unverlarvten Gestalt herrschende Dämonismus und Magismus nie gewesen war.

XXVII.

Man weiß, – bringt es aber öfters bei den wichtigsten Gelegenheiten viel zu wenig in Anschlag, – wie mächtig 59 Gewohnheit und Vorurtheile, in denen wir aufgewachsen sind, über den gemeinen Menschenverstand tyrannisiren: und wie sollten sie – sie, die uns fähig machen, gegen das Zeugniß unsrer eigenen Sinne zu glauben – nicht die Gewalt haben, unsre Vernunft zu fesseln, und uns zum Beispiel in einem Buche, für dessen Buchstaben man uns schon die tiefste Ehrfurcht eingeprägt hat, ehe wir den Sinn und Geist desselben zu fassen, ja nur zu ahnen fähig waren, nicht Dinge verborgen bleiben lassen, die einem jeden ganz unbefangenen Menschen beim ersten Lesen desselben in die Augen springen?

Es soll mich also nicht wundern, wenn das, was ich jetzt sagen werde, vielen meiner Leser anstößig wäre, wiewohl es darum (wenigstens meiner Ueberzeugung nach) nicht weniger wahr ist – und das ist: daß zwischen dem Geist und Zweck Jesu, – so wie er sich uns in dem größten Theile der vier Evangelien darstellt, in welchen Alles, was wir von seiner Person und Geschichte wissen, enthalten ist – und zwischen einigen Dingen, die er gesagt und gethan haben soll, eine so auffallende Disharmonie, ein so starker Widerspruch obwaltet, daß es beinahe unmöglich, wenigstens gegen alle Regeln der Kritik ist, zu glauben, daß er diese letztern Dinge wirklich gesagt und gethan habe.

Meine Gedanken über dieses Phänomen ausführlich zu entwickeln, würde mich hier zu weit führen und bleibt auf eine andre Gelegenheit ausgesetzt; ich sage also zu meiner dermaligen Absicht nur so viel und hoffe, daß wenigstens Mancher, der die Evangelien mit etwas mehr als gewöhnlichem Nachdenken gelesen hat (denn gewöhnlich werden sie ohne alles Nachdenken gelesen), darin mit mir einstimmig seyn werde: daß Christus zwar die Religion seines Volkes habe reinigen und verbessern, aber keine eigentliche neue, 60 noch weniger eine neue politische Religionsverfassung, am allerwenigsten aber die, welche mehrere Jahrhunderte nach seinem Tode auf dem von seinen Jüngern schon gelegten Grunde nach und nach aufgeführt wurde, habe stiften wollen.

Die Religion, von welcher er zugleich Lehrer und Vorbild war, die, welcher der Name der christlichen, das ist der Religion Christi, im eigentlichsten Sinne zukommt, ist kein Institut, das einen Theil der bürgerlichen Verfassung ausmacht, sondern blose Angelegenheit des Herzens. Sie ist ganz auf das Verhältniß zwischen Gott, als allgemeinem Vater der Menschen, und diesen, als seinen (gutartigen oder verkehrten, gehorsamen oder widerspenstigen) Kindern, gegründet. Sie erhebt das dunkle Gottesgefühl, das der menschlichen Natur angeboren und eigen scheint, zu der einfachsten, humansten, der Gottheit würdigsten und dem Bedürfniß der Menschheit angemessensten Vorstellung von Gott, reinigt sie von allem dämonistischen und magischen AberglaubenDaß dieß der Geist der Lehre Christi und das unwidersprechliche Resultat ihrer Grundbegriffe sey, wird schwerlich Jemand, der sie unmittelbar aus der Quelle geschöpft hat, leugnen können. Warum ist aber diese Quelle selbst nicht von allem dämonistischen Schlamme rein? Gewiß war es Christus, aber nicht seine Jünger, denen er und seine Lehre ungeachtet ihrer Anhänglichkeit an seine Person gewissermaßen immer ein Räthsel geblieben zu seyn scheint. Er wurde von ihnen getrennt, eh er sie von allen Vorurtheilen und Wahnbegriffen ihres Volkes und ihrer Zeit hatte reinigen können. Eben darum (glaube ich) versprach er ihnen den Geist, der sie in alle Wahrheit leiten sollte. Aber dieser Geist wohnt nur in reinen Herzen und zog sich vermuthlich von dem Augenblicke zurück, da sie sich einfallen ließen, an die Brüder zu Antiochia, Syria und Cilicia zu schreiben. Es gefällt dem heiligen Geist und uns u. s. w. W. und macht sie in jeder menschlichen Seele, in welcher sie lebendig und herrschend wird, zu einer unversieglichen Quelle von grenzenlosem Vertrauen auf Gott, von Liebe alles Guten, von allgemeiner Humanität, von aushaltender Stärke im Unglück, von Mäßigung und Bescheidenheit im Wohlstand, von Geduld im Leiden, von Geringschätzung Alles dessen, was uns die Weisheit gering schätzen lehrt, von innerm Frieden des Herzens, Zufriedenheit mit dem Gegenwärtigen und immer währender Hoffnung einer bessern Zukunft. – Seine Religion war echte Theosophie im einfachsten Sinne dieses Wortes. – Gott war ihm Alles in Allem, Alles in der Natur, Alles in ihm selbst. Daher das Reich Gottes, dessen Annäherung er ankündigt, wozu er alle Menschen einladet, wozu Alle berufen, aber Wenige auserwählt 61 sind: weil ihm unverborgen war, daß nur wenige Menschen so einfältigen Sinnes und guten Willens sind, um mit ganzer Seele in diese seine Vorstellungsart und Gesinnungen einzugehen und ihm in Allem diesem – das ist in Allem, was er mit den weisesten und besten Menschen, die jemals lebten, gemein, und was er vor ihnen voraus hatte– gleichförmig zu werden und also den Namen seiner Jünger im eigentlichen Verstande zu verdienen. Alle konnten und mußten dazu eingeladen werden: aber die Natur der Sache brachte es mit sich, daß diejenigen, die wirklich mit ihm eines Sinnes und Geistes waren, nur eine kleine Gesellschaft von Brüdern ausmachten; und eben in dieser kleinen Anzahl und in der Einförmigkeit ihres innern Sinnes lag der Grund der brüderlichen Gleichheit, die er unter ihnen einführte, und der engen liebevollen Verbindung, worin sie, als Kind eines Vaters, unter einander lebten oder leben sollten.

XXVIII.

Indem ich mir diese Vorstellung von der Religion Jesu und der ersten Brüdergemeine, deren Stifter er war, mache, begehre ich keineswegs zu leugnen, daß es in der Folge nicht möglich sollte gewesen seyn, eine mit den Grundsätzen und der Moral desselben übereinstimmende Volks- und Staats-Religion zu gründen, die von allem dämonistischen und magischen Aberglauben rein hätte bleiben können. Ja, ich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich sage, daß sich sogar eine auf jene Grundsätze gebaute hierarchische Religionsverfassung denken (nur nicht so leicht ins Werk stellen) lasse, die von allen Priesterkünsten, aller tyrannischen Priestergewalt, 62 Herrschaft über die Gewissen, Unterdrückung der Vernunft, Intoleranz, ungebührlicher Einschränkung der Vorstellungen, die man sich von den übersinnlichen und unbegreiflichen Dingen zu machen habe, und so weiter, mit einem Worte, von der ganzen Litanei der Mißbräuche, die seit so vielen Jahrhunderten unter der sogenannten Christenheit im Schwange gingen, frei wäre; – wie denn etwas diesem von fern Aehnliches seit den Zeiten der Königin Elisabeth in England zu sehen ist.

Wie schön aber auch das Ideal seyn möchte, welches man auf diese Möglichkeit bauen könnte, – dieß wenigstens ist unwidersprechlich: daß von des ersten Constantins Zeiten an (ja, schon lange zuvor) das Christenthum und seine kirchliche Verfassung sich von dem Geiste dessen, nach welchem es sich nannte, immer mehr und mehr entfernte; daß es beinahe in allem das Gegentheil dessen wurde, was es hatte seyn sollen; und daß eine allgemeine gründliche Verbesserung endlich der große Gegenstand mehr als einer Kirchenversammlung und der sehnliche Wunsch aller Laien, ja sogar eines beträchtlichen Theils des Klerus wurde.

XXIX.

Diese Kirchenverbesserung, – die schon so lange für nöthig gehalten, mehrmals angefangen, von Rom aus immer wieder hintertrieben, aber selbst durch alle diese Bewegungen nicht weniger, als durch die Einflüsse der wieder erweckten griechischen und lateinischen Literatur, vorbereitet worden war, – ereignete sich endlich in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts mit dem bekannten Erfolge, wiewohl unter so heftigen Erschütterungen, unter einem so hartnäckigen 63 Widerstande der herrschenden Partei und so vielen wilden Ausbrüchen fanatischer Leidenschaften auf beiden Seiten, daß die errungnen Vortheile mit dem Preise, den sie gekostet haben, in gar keiner Proportion ständen, wofern die Verbesserung auf halbem Wege stehen bleiben, und nicht mehr wahrer Gewinn für die Menschheit davon heraus kommen sollte, als woran sich diejenigen genügen lassen, die alle fernere Verbesserung unnöthig finden, ja wohl gar die blose Meinung, daß das angefangene Werk noch weit von seiner Vollendung sey, für frevelhaft erklären.

In keinem andern Jahrhundert, selbst in den scheußlichen Zeiten der Kreuzzüge, der Waldenser-Verfolgung und der Ausrottung der Tempelherren, sind der Religion in allen Theilen von Europa zahlreichere Hekatomben von Menschenopfern geschlachtet worden, als in diesem. Kein anderes bietet reichhaltigeren Stoff zu Betrachtungen über den gewaltigen Einfluß der Religion auf das zeitliche Wohl und Weh der Menschen dar!

Können wir, beim Ueberblick des unermeßlichen Elendes, das in diesen schrecklichen Zeiten durch Intoleranz, hierarchische Tyrannei, fanatischen Neuerungs- und Empörungsgeist, wüthenden Eifer der neuen, kaltblütige Grausamkeit der alten Partei, theils aus wirklicher religiöser Leidenschaft, theils unter der Larve der Religion, über Europa gebracht worden ist, – einen auffallendern, einleuchtendern Beweis verlangen, wie unendlich viel der menschlichen Gesellschaft daran gelegen sey, durch die möglichste Reinigung der Religion auch der blosen Möglichkeit zuvorzukommen, daß wir oder unsere Nachkommen solche Gräuel, solche Unmenschlichkeiten, solche Teufeleien um Gottes Willen wieder erleben könnten?

XXX.

64 »Dazu, sagt man, wird es so leicht nicht wieder kommen. Der Geist der Toleranz, der in unsern Zeiten herrschend geworden ist und selbst in Ländern, wo er die Oberhand noch nicht gewonnen, doch die Art, mit den Glaubensdissidenten zu verfahren, sehr gemildert hat, ist uns Bürge dafür.«

Gut! Aber wer bürgt uns für diesen Geist der Toleranz selbst? Von wie langer Dauer wird sein Reich, von welcher Stärke wird seine Macht gegen Aberglauben und Fanatismus seyn, wenn diese Duldung – deren bloser Name schon wider sie zeugt – nur eine momentane Folge vorübergehender Eindrücke einiger Modeschriften, nicht die natürliche Frucht wahrer allgemein verbreiteter Aufklärung und Ueberzeugung ist? wenn sie blos von der Denkart oder Laune oder Bonhommie oder Gleichgültigkeit der Regenten und von der zufälligen Schwäche über ihre Unmacht heimlich seufzender Molochspriester abhängt, anstatt auf dem festen Grunde der allgemeinen Vernunft und auf unwiderruflichen Staatsgesetzen zu beruhen? Kurz, was für Ursache haben wir, uns für sicher zu halten, wenn der wüthende unbezähmte Tiger – nur schläft, anstatt, wie der Dedschial der Muhamedaner, wenigstens bis zum Weltgerichte mit unzerreißbaren Ketten gefesselt zu seyn?

Gegen eine Partei, bei welcher die Intoleranz (in gewissem Sinne) sogar ein Grundartikel ihrer Religion ist, kann uns, solange sie bei dieser Denkart beharret, nichts als unsere politische Macht sicher stellen. Aber worauf gründet sich unsere innere Sicherheit? Und was schützt uns gegen die Intoleranz der abergläubischen Anhänglichkeit an alte 65 Terminologie und Formulare, gegen den fanatischen Eifer für die vermeinte Sache Gottes u. s. w. in unserm eigenen Mittel?

Die unter uns im Schwang gehende Gleichgültigkeit gegen die Religion ist eine sehr unzuverlässige, von dem leichtesten Anstoß zusammen fallende Schutzwehre. Wer mit der Geschichte der Menschheit und Religion bekannt ist, kann unmöglich gleichgültig darüber seyn, in welchem Zustande sich eine Sache befinde, die in den Händen des Thoren, des Schwärmers, des Tartuffe, sobald er mit einigem Ansehen bekleidet ist und Einfluß hat, zum Werkzeuge so vieles Unheils werden kann. Die Erfahrung unserer eigenen Zeit könnte und sollte uns belehren, daß diese Gleichgültigkeit, die dem ansehnlichsten und aufgeklärtesten Theile der Gesellschaft eine Zeit lang die Augen gegen viele ihrer Aufmerksamkeit würdige Dinge verschloß, von den Antipoden der Vernunft sehr vortheilhaft benutzt wurde, und daß sie gerade der Schatten ist, worunter alle Arten von religiösem Unkraut am besten gedeihen. Vielleicht braucht es nicht mehr, als noch fünfzig Jahre wie die letztverfloßnen, um es dahin zu bringen, daß Schwärmer und Zeloten unsern Nachkommen nicht mehr Freiheit zu denken und zu glauben übrig lassen, als die heilige Inquisition den Einwohnern zu Goa. Solange der Gebrauch dieser Freiheit blos zufällige Duldung ist; solange das Recht der Protestanten, »an unbeschränkte Gewissensfreiheit und unbeschränkte Untersuchung aller menschlichen Meinungen, Auslegungen und Entscheidungen in Glaubenssachen« nicht als etwas Ausgemachtes anerkannt, sondern den Einen noch ein Problem, den Andern sogar Ketzerei ist: so lange haben wir wenig Ursache, uns vor einem Rückfall unter das Joch, das unsre Väter nicht ertragen konnten, sicher zu glauben.

XXXI.

66 »Aber wie kann (sollte man billig fragen), wie kann jenes Recht, auf welchem selbst die Existenz der Protestanten beruht, in ihrem eigenen Mittel noch problematisch seyn? Wo ist die Urkunde, durch welche diejenigen, die sich selbst in Freiheit gesetzt hatten, ihre Nachkommen zu neuen willkürlichen Fesseln verurtheilt hätten? Oder, wenn es eine solche Urkunde gäbe, welche Verbindlichkeit könnte sie für uns haben? Wer kann im Namen seiner Kinder auf den künftigen Gebrauch ihrer Vernunft Verzicht thun? Unter welchem Vorwande könnte eine so unnatürliche Enterbung jemals Statt finden? Das Recht, wovon hier die Rede ist, wenn sie selbst es hatten, mußten sie auch uns hinterlassen: denn es war entweder Naturrecht oder nichts.«

Unsere Väter im sechzehnten Jahrhundert warfen das Joch des blinden Glaubens ab, das die ihrigen so lange ziemlich ruhig getragen hatten. Sie erinnerten sich der heilsamen Ermahnung des Propheten: »seyd nicht wie Roß und Mäuler, die nicht verständig sind,« und fingen an zu merken, daß die sehr reellen Uebel, von denen sie zu Boden gedrückt wurden, blose Folgen einer Art von Bezauberung seyen, welche in dem Augenblick vernichtet ist, da man aufhört, sich für bezaubert zu halten. Vorurtheile, die durch Alles, was man sah und hörte, von Kindheit an den Gemüthern eingeprägt worden waren, Wahnbegriffe, die durch alle Schrecken des zeitlichen und ewigen Feuers gegen den blosen Gedanken, sie zu bezweifeln, so lange gesichert gewesen waren, – wurden vor den Richterstuhl der Vernunft gezogen, in Untersuchung genommen und so, wie sie für das, was sie waren, für Vorurtheile und Wahnbegriffe, erkannt wurden, verworfen. 67 Tradition, Besitz von undenklichen Zeiten her, Entscheidungen von St. Peters Stuhl herab, Meinungen der heiligen Kirchenväter und Doctoren, ja sogar jene Ehrfurcht gebietende Formel der ersten Synode zu Jerusalem – »es gefällt dem heiligen Geist und uns« – im Munde allgemeiner Kirchenversammlungen wurden von den Reformatoren und ihren Anhängern für nichts geachtet, sobald sie ihrer eigenen innern Ueberzeugung und den Beweisgründen, worauf sie beruhete, entgegen standen.

XXXII.

Alles dieß aber erfolgte nach und nach. Man wußte anfangs selbst nicht, wie weit und wohin der Weg, den man eingeschlagen hatte, führen würde, und war (wie es unter den damaligen Umständen nicht wohl anders seyn konnte) weit entfernt, auf einmal alle Autorität des römischen Stuhls, der Kirchenväter, der Concilien und der Tradition verwerfen zu wollen. Man empörte sich anfangs gegen blose Mißbräuche, welche die sogenannte Disciplin der Kirche betrafen; aber bald sah man sich genöthigt, auch die Dogmen anzugreifen, hinter welche sich jene verschanzten. Jeder falsch befundene Satz zog natürlicher Weise die Untersuchung anderer nach sich, mit denen er zusammenhing: und so konnte es nicht fehlen, daß man in wenigen Jahren einen großen Theil des alten Lehrgebäudes so wurmstichig und baufällig finden mußte, als er wirklich war. Man berief sich auf den Papst, solange man sich Hoffnung machte, daß er den Mißbräuchen, auf die der erste Angriff gerichtet war, abhelfen würde; aber sobald er gegen das, was Luther und seine Anhänger für unumstößlich erwiesene Wahrheit hieltenFern sey es von mir, durch diese Behauptung etwas der Aufrichtigkeit des rechtschaffenen Luthers Nachtheiliges insinuiren zu wollen! Als er auf den Papst provocirte, war er von der Unfehlbarkeit dieses Oberhaupts der Kirche noch völlig überzeugt, weil er sie noch nicht untersucht hatte; aber er war von der Wahrheit seiner Sätze gegen den Ablaßkram eben so sehr, nur mit besserem Grunde, überzeugt. Er zweifelte also keinen Augenblick daran, daß der unfehlbare Richter für die Wahrheit entscheiden würde. Als aber, gegen alle seine Erwartung, das Gegentheil erfolgte, und Leo der Zehnte den Jupiter so unverständig spielte, daß er seinen Donnerkeil sogar gegen handgreifliche Wahrheiten zum Schutze handgreiflicher Gräuel abschoß; so mußte der ehrliche Luther nothgedrungen an der päpstlichen Unfehlbarkeit zweifeln und eine Untersuchung darüber anzustellen anfangen, die unmöglich zu Gunsten derselben ausfallen konnte. W., entschieden hatte, 68 sah man sich gezwungen, die Autorität der päpstlichen Heiligkeit näher zu beleuchten, und fand am Ende, daß er ein so fehlbarer Mensch sey, als ein anderer, und daß es mit seiner Statthalterschaft Christi nicht besser stehe, als mit seiner Nachfolgerschaft auf dem Stuhle des heiligen Peters, welcher Rom nie gesehen hatte, oder mit seiner Erbfolge in den Titeln und Rechten eines Pontifex Maximus, welche den Kaisern angehörten.

Eben so mußte es vermöge der Natur der Sache mit allen übrigen Autoritäten gehen. Man gab sich alle Mühe, die heiligen Väter, die großen Kirchenlehrer, die Tradition, die Entscheidungen der Concilien so viel möglich auf seine Seite zu ziehen; aber, sobald sie für die Gegner zeugten, wurde ihr Zeugniß abgelehnt und von ihrer Autorität an eine höhere appellirt.

Auch die so oft wiederholte Appellation an eine zu veranstaltende allgemeine Kirchenversammlung, wenn sie etwas mehr als ein durch die Noth der Umstände abgedrungener Behelf war, setzte ein Vertrauen auf die Majorität einer solchen Versammlung voraus, die der Ueberzeugung der Reformatoren von der Güte ihrer Sache gleich war. Denn, gesetzt, das Concilium würde gegen sie entscheiden, – welches denn auch das tridentinische zu thun nicht ermangelte – was blieb ihnen Anderes übrig, als die ganze versammelte Hierarchie für Menschen zu erklären, die zusammen genommen eben so wenig unfehlbar, dem Irrthum eben so unterworfen seyen, als einzeln.

XXXIII.

Man sah sich also bald genöthigt, die heilige Schrift für den einzigen entscheidenden Richter in Glaubenssachen und für 69 die einzige Quelle, woraus die christliche Glaubenslehre geschöpft werden müsse, zu erklären und alle übrige Autoritäten nur in so fern, als sie mit derselben vollkommen übereinstimmen, gelten zu lassen.

Wie viel oder wenig dadurch gegen die römische Kirche gewonnen wurde, und was diese mit Schein oder Recht dagegen einzuwenden hatte, gehört nicht hierher: genug, es konnte bei dem allmählig zunehmenden Tage nicht fehlen, daß man früher oder später gewahr werden mußte, daß ein Buch, wie untrüglich und göttlich es übrigens seyn mochte, nur alsdann für einen entscheidenden Richter in Glaubenssachen gelten könnte, wenn es (wie die Elemente der Geometrie) so beschaffen wäre, daß alle Menschen, die es läsen und verständen, nicht nur vollkommen einerlei dabei dächten, sondern auch von der Wahrheit seines allen Menschen gleich verständlichen und keiner Vieldeutigkeit unterworfenen Inhalts so anschaulich und innig überzeugt würden, daß es ihnen schlechterdings unmöglich wäre, daran zu zweifeln, oder über den Sinn und die Deutung dieser oder jener Stellen verschiedener Meinung zu seyn.

Ob ein solches Buch möglich sey, ist eine Frage, die ich mir so wenig zu beantworten anmaße, als sie zu meinem Zwecke gehört; aber dieß wird doch wohl Niemand zu leugnen begehren, daß die Bibel dieses Buch nicht ist. – Unstreitig muß man sehr viel Hebräisch und Griechisch wissen, sehr viele andere Bücher gelesen haben und eine unendliche Menge historischer, kritischer, antiquarischer, chronologischer, geographischer, physikalischer und anderer wissenschaftlicher Kenntnisse besitzen, um es mit Verstande zu lesen; und dessen ungeachtet enthält es, selbst für Leser, die mit allen diesen Kenntnissen versehen sind, beinahe auf allen Blättern solche 70 Stellen, die von verschiedenen Personen verschieden verstanden und ausgelegt werden. Nichts von vielen Stellen zu sagen, die mit einer so unerklärbaren Unbegreiflichkeit behaftet sind, daß alle angestrengte Bemühungen, den Glaubenspunkten, die dessen ungeachtet daraus gezogen wurden, nur so viel Licht, als zu einem nicht ganz vernunftwidrigen Glauben nöthig ist (d. i. nur so viel Licht, um zu wissen, was man glaube), zu geben, bis auf diesen Tag fruchtlos gewesen sind.

XXXIV.

Bei dieser unleugbaren und weltbekannten Beschaffenheit der Sache bleibt also – soviel ich wenigstens begreifen kann – in Ansehung Alles dessen, was in der Bibel vieldeutig, geheimnißvoll, im Widerspruch mit allgemeinen Vernunft- und Erfahrungswahrheiten oder mit andern Stellen der Bibel selbst, mit einem Worte, was nicht allgemein faßlich und verständlich ist, – nichts übrig, als diese Alternative:

»Entweder sich einem unfehlbaren Richter in Glaubenssachen, der allein über den Sinn zweifelhafter Worte und Sätze zu entscheiden berechtigt ist, zu unterwerfen,«

Oder »Allen, die darin mit uns übereinstimmen, daß sie sich zur Religion Christi halten und keinen unfehlbaren Richter in Sachen des Glaubens über sich erkennen, das Recht, nach ihrer eigenen Ueberzeugung zu glauben, oder (welches einerlei ist) das Recht, sich über alles Dunkle und Unbegreifliche der Religion diejenige Vorstellungsart zu machen, die ihnen die richtigste scheint (wie verschieden sie auch von der unsrigen seyn mag), einzugestehen, sie dieser Verschiedenheit ungeachtet für unsre Brüder zu erkennen und, durch diese dem Geiste Christi höchst gemäße Sinnesart, allen 71 gehässigen Zänkereien, Verketzerungen und Verfolgungen sammt allem in der bürgerlichen und christlichen Gesellschaft daraus entstehenden Unheil auf einmal und auf ewig ein Ende zu machen.«

Wollen wir die erste Partei ergreifen, so sehe ich dann keine neue Alternative mehr. Dann bleibt uns nichts übrig, als gerades Weges uns zu den Füßen des »dreimal gesegneten Vaters in dem dreifach gekrönten Heiligthum« zu werfen, uns mit unsrer guten alten Mutter, der katholischen Kirche, aussöhnen zu lassen und zu glauben, was sie uns zu glauben befiehlt, wie übel sich auch unsre arme murrende Vernunft an der Kette dieses blinden Glaubens und leidenden Gehorsams befinden mag.

Oder welchem Doctor der Theologie aus unserm eigenen Mittel sollten wir das Recht zugestehen, uns vorzuschreiben, was und wie wir glauben sollen? die Linie auszustecken, über die wir im Forschen nach Wahrheit, im Streben nach Licht, im Versuch, unsern Verstand von verworrenen, materiellen, unschicklichen und mit den ersten Grundwahrheiten der Vernunft unverträglichen Vorstellungsarten in Sachen der Religion zu reinigen, nicht hinaus gehen dürften? Wer darf so dreist seyn, seinen Verstand, seine Einsichten nicht nur zum Maßstabe, sondern sogar zur Regel und zum Gesetz aller übrigen zu machen? Und wenn es vor zwei oder drei hundert Jahren erlaubt war, sich in Glaubenssachen gegen Autorität und Machtsprüche, gegen Papst, Kirchenlehrer und Concilien aufzulehnen: seit wann ist es unerlaubt worden, eben dasselbe gegen die Autorität und Machtsprüche einer noch so großen Anzahl protestantischer Kirchenlehrer zu thun, die (meines Wissens) kein echteres Creditiv ihrer Unfehlbarkeit, als die hochheilige Synode zu Trident, aufzuweisen haben?

72 Durften unsre Vorfahren prüfen und das Bessere (d. i., was ihrer damaligen Einsicht und innern Ueberzeugung nach das Bessere war) behalten: warum nicht auch wir? Warum sollen wir nicht fortsetzen dürfen, was sie nur anfangen, nicht vollenden konnten? was, vermöge der Natur der Sache, nie vollendet werden kann? Wer gab ihnen ein Recht, die Vernunft ihrer Nachkommen zu fesseln? ihren Glauben in Formulare zu zwingen? ihnen Vorstellungsarten aufzudringen, die mit den Einsichten und Kenntnissen, welche ihnen das Wachsthum aller Wissenschaften nach und nach verschafft hat, unverträglich sind? mit einem Worte, über ihren Verstand zu herrschen und ihr Gewissen zu tyrannisiren?

XXXV.

»Das wollen wir nicht,« sagen die Verfechter der Formulare und alt hergebrachten Glaubensreglements. »Es steht bei euch, zu glauben, was ihr könnt: nur geht von uns aus, verlaßt Amt, Einkommen, Haus, Hof und Vaterland, entsagt eurer ganzen bürgerlichen Existenz, sucht euch in den Sandwüsten von Africa oder in den noch unbewohnten Inseln des Südmeers einen Ort aus, wo ihr unangefochten philosophiren, glauben und hungern könnt, so viel euch beliebt; nur verlangt nicht, daß wir euch für Brüder und Mitchristen erkennen und die bürgerlichen Vortheile, zu denen uns unsere Terminologien und Formulare berechtigen, mit euch theilen, solange ihr selbst gesteht, daß ihr, als Dissidenten, nicht dazu berechtigt seyd.«

XXXVI.

Ich habe dem Protestanten, der so zu reden oder doch zu handeln fähig ist, als ob er so dächte, keine Antwort zu geben.

73 Aber ich frage jeden unbefangenen ehrlichen Mann, ob eine solche Art, mit denen zu verfahren, die über dunkle und geheimnißvolle Glaubenspunkte anders denken als gewisse Doctoren des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, oder als die nicänische oder irgend eine andere Kirchenversammlung, ob eine solche Art zu verfahren dem Geiste des Protestantismus gemäß sey?

Unsere Vorfahren konnten zu der Zeit, da sie die Fesseln des blinden Glaubens und Gehorsams abschüttelten, durch politische Verhältnisse und Erfordernisse der Zeit genöthigt seyn, von ihrem Glauben öffentlich Rechenschaft zu geben: aber weder sie noch irgend eine menschliche Gewalt konnte berechtigt seyn, eine solche Confession zu einer absoluten Glaubensregel für ihre noch ungebornen Nachkommen zu machen. Das Recht, selbst zu denken, selbst zu untersuchen, ihrer eigenen Ueberzeugung zu folgen, dessen sie sich bedienten, weil sie es hatten, haben auch ihre Kinder.

Ich sage noch mehr: weder die allererste christliche Gemeine, noch irgend eine folgende, hatte ein Recht, konnte ein Recht haben, durch die Majorität zu bestimmen, wie ihre Mitchristen die dunkeln und verschiedener Deutung fähigen Stellen der Reden Christi und der Schriften seiner Apostel zu verstehen hätten oder Formeln festzusetzen, wie sie sich über irgend einen Artikel, der nicht von einleuchtender Deutlichkeit ist, auszudrücken schuldig wären. Christus selbst hat kein Glaubensformular festgesetzt. Auch das apostolisch genannte Symbolum ist, seines respectabeln Alters ungeachtet, bekanntermaßen kein Werk der Apostel.

Wenn also die immer zunehmende Menge der Bekenner des christlichen Glaubens es nöthig machte, die Artikel, worin sie alle übereinstimmten, in einen kurzen und faßlichen 74 Lehrbegriff zu bringen, der zum Unterricht der Jugend dienen konnte: so mußte doch wenigstens die Vorstellungsart über einen jeden Artikel, der verschiedene Vorstellungsarten zuläßt, frei bleiben; – oder man müßte (gegen alle Vernunft und gegen Alles, was in der Lehre Christi allgemein verständlich ist) behaupten wollen: »die christliche Religion könne ohne Gewissenszwang und willkührliche Herrschaft über den menschlichen Verstand nicht bestehen.« – Eine abscheuliche Behauptung, deren Niemand fähig seyn kann, in dessen Seele jemals auch nur eine leise Ahnung von dem, was der Sinn und Geist Christi war, gekommen ist.

XXXVII.

Die Gemeine hatte also nie ein Recht, über Vorstellungsarten zu entscheiden, – das, was in der Schrift unbestimmt und problematisch ist, zu bestimmen, – noch in streitigen Fällen einer von den verschiedenen Meinungen eine ausschließliche Sanction zu geben: so wie die Lehrer nie berechtigt waren, ihre besondern Meinungen und Vorstellungsarten für die einzig wahren auszugeben und zu Glaubensartikeln zu machen.

Es ist Unsinn, unerklärbare Dinge erklären, unerweisliche Dinge beweisen zu wollen; aber es ist Unsinn und Frevel zugleich, in einem solchen Falle seine Erklärung, seinen Beweis Andern als Wahrheit aufzudringen. Den Vorstehern der Gemeinen oder vielmehr der Obrigkeit kam es zu, solchen Freveln in Zeiten auf eine schickliche Art zu steuern; aber nie und nimmermehr waren sie berechtigt oder können sie jemals berechtigt seyn, irgend eine Meinung, die den Grundgesetzen der Vernunft und den beiden Haupt- und 75 Grundartikeln der Religion Christi nicht offenbar widerspricht, unter verhaßten Benennungen zu einem Verbrechen zu machen und als ein solches zu bestrafen.

Daß einst eine Zeit war, wo man diese so sonnenklaren Wahrheiten mißkannte; – daß Leute mit solchen Köpfen und Herzen, wie der Bischof Alexander von Alexandria und sein getreuer Waffenträger Athanasius und ihres Gleichen nach andern Grundsätzen zu Werke gingenDie beiden Lehren von der Dreieinigkeit und den beiden Naturen in Christus waren seit dem dritten Jahrhundert die Hauptgegenstände theologischer Untersuchungen und die Hauptursache der Verfolgungen und Verketzerungen. Eine Partei behandelte diese Lehren als ein Mysterium, die andere suchte dasselbe dem Verstande begreiflich zu machen. Unter diesen erklärte der Africaner Sabellius die drei Personen in Gott für eben so viele Eigenschaften und Kräfte. Es sind, sagte er, in Gott, wie in der Sonne, drei verschiedene Kräfte. Die erwärmende Kraft ist der heilige Geist, die erleuchtende der Logos, und die Sonne selbst der Vater. Gott der Vater, der Sohn und der heilige Geist ist daher ein Gott und derselbe, wenn er die Menschen erleuchtet und heiliget. Diese Lehre fand bei Vielen Beifall, bei Andern Widerspruch. Im Jahr 317 entstand zu Alexandria zwischen dem dasigen Presbyter Arius und dem Bischof Alexander Streit über die Art, wie man sich das Verhältniß des Sohnes zum Vater zu denken habe. Alexander nahm an, der Sohn Gottes sey absolut ewig, aus dem Wesen Gottes selbst zufolge der Natur desselben gezeugt und gleiches Wesen mit dem Vater. Arius warf ihm sabellianische Irrthümer vor und erklärte seinerseits, der Sohn Gottes sey vor der Weltschöpfung und aller Zeit von Gott mit freiem Willen aus nichts hervorgebracht worden, also einst nicht da gewesen und das erste aller Geschöpfe Gottes, zwar in seiner Art einzig und über alle erhaben, aber doch dem Vater in Hinsicht der Ewigkeit nicht gleich. Was anfangs nur Privatstreitigkeit zwischen diesen Beiden gewesen war, wurde bald öffentliche und allgemeine, und Constantin berief daher im Jahr 325 eine allgemeine Kirchenversammlung nach Nicäa, von welcher des Arius Meinung verworfen, und ihr das bekannte nicäische Glaubensbekenntniß, der Sohn sey aus dem Wesen des Vaters gezeugt, nicht geschaffen, und mit dem Vater gleiches Wesens (Licht aus Licht) entgegen gestellt wurde. Am stärksten trat gegen Arius bei dieser Versammlung Athanasius auf, der, damals Archidiakonus zu Alexandria, im Namen seines Bischofs Alexander handelte. Als er nach dessen Tode im folgenden Jahre dessen Bischofssitz einnahm, wurde der Kampf von beiden Seiten immer erbitterter fortgesetzt und füllt fast die Hälfte der Kirchengeschichte des vierten Jahrhunderts.; – daß die Arianer um kein Haar besser waren als ihre Gegner und, sobald sie den Meister spielten, mit den nunmehrigen heterodoxen Orthodoxen eben so ungerecht, unmenschlich und unchristlich verfuhren, als die Alexandrianer und Athanasianer, wenn die Mehrheit der Stimmen und der Schutz der weltlichen Macht oder ihre Intriguen und Gewaltthätigkeiten ihre Partei zur rechtgläubigen machten, mit ihnen; – daß Constantin, zur Schmach des christlichen Namens der Große genannt, seine Pflichten und seine Rechte so wenig kannte, diese heillosen Händel, anstatt sie in der Geburt zu ersticken, durch die Art, wie er sich dabei benahm, zu unterhalten und selbst in die Flamme zu blasen: Alles dieß, mit allen den Gräueln, die aus diesen und ähnlichen die Menschheit schändenden Streitigkeiten und aus dem sinnlosen Betragen der Regenten dabei entstanden – was geht es uns Protestanten im achtzehnten Jahrhundert an? Und was Anderes als ein dem Menschengeschlechte gehässiger Dämon könnte uns noch jetzt – bei so unendlich veränderten Umständen und in einer Zeit, die an Erleuchtung und selbst an Sittlichkeit so viel vor den Zeiten der Constantine und Theodosier voraus hat, anstiften, diese Gräuel wieder erneuern zu wollen?

XXXVIII.

76 Wohl dem Lande, in welchem Aufklärung und Glaubensfreiheit gleichen Schritt mit einander halten, und wo wenigstens diejenigen, die den Uebrigen zu Lehrern und Regenten gesetzt sind, sich überzeugt haben:

»Daß Religion eine Angelegenheit des Herzens, nicht des Kopfes ist.

»Daß sie nicht darin besteht, daß wir über das göttliche Wesen grübeln und streiten, sondern, daß wir uns bestreben, den Willen Gottes zu thun.

»Daß (nach dem klaren Ausspruch Christi und seines Lieblingsjüngers) reine und thätige Liebe der Menschen, die wir sehen, das untrüglichste Kennzeichen unserer Liebe zu Gott, den wir nicht sehen, ist; und daß wir unsern Glauben nicht durch Bekenntnisse und Formulare, sondern durch unsere Werke zu zeigen angewiesen sind.

»Daß Gott an unserm Geschwätz und Gezänke, was er sey oder nicht sey, an unserm kindischen Lallen über sein Wesen, seine Eigenschaften, seine Wirkungen, seine Oekonomie, seine Absichten, und was er wolle oder nicht wolle, könne oder nicht könne u. s. w., in der heiligen Schrift nirgends sein Wohlgefallen bezeigt, hingegen auf alle mögliche Art erklärt hat: wer fromm sey und recht thue, der sey ihm angenehm; und

»Daß, mit einem Worte, nicht Uebereinstimmung in religiösen Meinungen und Formeln – sondern thätiger Glaube an Gott und den von ihm zu den wohlthätigsten Zwecken auf die Welt gesandten Christus, thätige Liebe der Menschheit und lebendige Hoffnung eines bessern Lebens für diejenigen, die sich dessen in dem gegenwärtigen fähig machen, – der wahre Vereinigungspunkt der Christen und, jene Gesinnungen 77 in diesen zu bewirken, das Ziel desjenigen seyn müsse, der des ehrwürdigen Namens eines Lehrers der unverfälschten Christusreligion würdig seyn will.«

XXXIX.

Da die Anwendung meiner bisherigen Betrachtungen auf unsre gegenwärtige Zeit sehr leicht zu machen ist, so überlasse ich sie dem eigenen Nachdenken meiner Leser und setze, zu Vermeidung alles möglichen Mißverstandes, nur noch dieses hinzu:

Meine Meinung ist keinesweges, irgend einem protestantischen Regenten zu rathen, daß er, durch ein öffentliches Proclama, alle Arten und Unterarten von Arianern, halben und ganzen PelagianernDer britische Mönch Pelagius erregte zu Anfange des fünften Jahrhunderts viele Streitigkeiten über die Zulänglichkeit menschlicher Kraft zur Heiligung und Seligkeit und über die Zurechnung der Sünde Adams., Eutychianern, NestorianernDiese zwei Secten, jene nach dem Archimandriten Eutyches, diese nach Nestorius, seit 428 Bischof zu Constantinopel, genannt, beschäftigten sich mit den zwei Naturen in Christus. Während die Nestorianer die göttliche und menschliche zugleich in ihm vertheidigten, behaupteten die Eutychianer nur eine einzige. Nestorius führte noch einen andern lebhaften Streit darüber, ob die Jungfrau Maria Gottesgebärerin oder blos Christusgebärerin sey; er wollte nur die letzte gelten lassen., ManichäernManichäer heißen die Anhänger des Persers Mani oder Manes, der im dritten Jahrhundert eine Mittelreligion zwischen der christlichen und zoroastrischen bilden wollte und um 280 als Märtyrer seiner Lehre starb., Gnostikern, mit allen andern Anern, Aeern und Isten, die es vom Jahre Christi 34 an bis auf diesen Tag in der lieben Christenheit gegeben hat, in seine Staaten einladen, ihnen Kirchen erbauen, Lehrer besolden und sich recht herzlich angelegen seyn lassen solle, die möglichste Verschiedenheit in Religionsmeinungen unter seinem Volke zu veranlassen und sorgfältig zu unterhalten.

Mein unmaßgeblicher Rath – wenn ich einen zu geben hätte – würde blos dahin gehen:

Gelehrten und hell denkenden Männern, besonders unter denen, die zum Lehramte öffentlich berufen sind, eine durch keine willkürliche oder alte nicht mehr passende Gesetze eingeschränkte Freiheit zu lassen, die Religionslehren ihrer Einsicht und Ueberzeugung gemäß vorzutragen.

Die Anwendung aller bereits erfundenen Ketzernamen auf irgend einen jetzt Lebenden und die Erfindung neuer öffentlich bei schwerer Strafe zu verbietenZum Beispiele des Schiffziehens. Nur wollte ich, im Namen der Menschlichkeit, bitten, einige Sorge dafür zu tragen, daß die armen Leute besser genährt würden und ein etwas bequemeres Dach und Fach bekämen, als die unglücklichen Schiffzieher an der Donau. W..

78 Nicht zu erlauben, daß irgend ein so genannter Ketzer der vergangenen Zeiten, wegen seiner Abweichung von dem, was in Kirchenversammlungen als die wahre Lehre über die geheimnißvollen und unerklärbaren Artikel des Glaubens festgesetzt worden, auf Lehrstühlen oder in Schriften für einen Feind Gottes erklärt oder mit andern verhaßten Benennungen belegt werde, die in dem christlichen Volke die Meinung erwecken müssen, als ob es Sünde und Verbrechen sey, sich in Religionssachen zu irren oder anders zu denken als wir.

Zu verordnen, daß man von den mehr besagten geheimnißvollen und über alle Vernunft gehenden Glaubensartikeln nie anders als in Worten der Schrift rede, sich aller Erklärung und spitzfindigen Speculationen über diese Dinge enthalte und sie überhaupt nur in so fern, als sie dem moralischen Zwecke der Religion förderlich seyn können, vortrage.

Sich in die gelehrten Streitigkeiten, die über speculative Sätze, Auslegung dieser oder jener Schriftstellen u. s. w. entstehen mögen, nicht einzumischen, keine öffentliche Partei darin zu nehmen und nur dahin zu sehen, daß die Herren Disputanten nicht aus den Schranken der allgemeinen Wohlanständigkeit hinaus gerathen, und aus einer bescheidenen Erörterung kein Stiergefechte werde.

Dafür zu sorgen, daß der öffentliche Religionsunterricht in Schulen und Kirchen von allen Ueberbleibseln der alten Barbarei gereinigt und in Allem dem großen Endzweck der innerlichen moralischen Besserung der Menschen (welcher offenbar der Zweck Jesu war) gemäß eingerichtet werde.

Außerdem würde ich mir die Freiheit nehmen, sie, wo möglich, zu überzeugen: daß unter den Lehrern diejenigen, die einen großen Eifer für die Sache Gottes, eine besondere 79 Frömmigkeir und eine eigene, aus Allem, was in der Bibel am unverständlichsten ist, zusammengesetzte Sprache affectiren, immer gegen Aufklärung und Aufklärer griesgramen, über die Gefahr des christlichen Zions und den Verfall der reinen Lehre stöhnen und den weltlichen Arm gegen die vermeintlichen Wölfe, die dem Schafstall Christi drohen sollen, auffordern, entweder übel organisirte Köpfe oder arme kranke Leute sind, die mit ihrem Arzt von der Sache sprechen sollten, oder zu einer Gattung gehören, die ein Andrer, der nicht so höflich wäre als ich, Heuchler, Pharisäer, Baalspriester und Tartuffen nennen würde; Leute, die, wenn sie vor tausend sieben hundert sieben und neunzig Jahren die Ehre gehabt hätten, im hochwürdigen Synedrium zu Jerusalem zu sitzen, aus wirklichem oder affectirtem Eifer für die Sache Gottes, das Kreuzige ihn! über den unschuldigsten und besten der Menschen, über den ersten Gegner aller Gleißnerei, vermuthlich so laut als Kaiphas und Klopstocks Philo geschrien haben würden. Vor dieser Art Menschen würde ich den Fürsten rathen, sich wohl in Acht zu nehmen, und mich übrigens versichert halten, daß auf dem angerathenen Wege am Ende mehr Uebereinstimmung des Glaubens heraus kommen werde, als auf demjenigen, den einige Zeloten so gern eingeschlagen wissen möchten.

XL.

Und nun – noch ein paar wohlgemeinte Worte an die Philosophen, für deren Freiheit ich bisher so laut gesprochen habe.

Anstatt die Philosophie mit Cicero als die Wissenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge zu definiren, möchte ich sie lieber die Wissenschaft aller Begriffe nennen, welche sich die Menschen von natürlichen und göttlichen Dingen 80 machen können, und die Kritik aller Begriffe, die sie sich von jeher wirklich davon gemacht haben.

Ich kann mich unmöglich an Gott oder Christus oder an der Unsterblichkeit der Seele oder an Himmel und Hölle, an den guten oder bösen Geistern, an Sonne und Mond, noch am Mann im Monde (wenn einer ist) versündigen, wenn ich die Vorstellungen, Meinungen, Einbildungen, die sich diese oder jene Menschenkinder von ihnen gemacht haben, auf die Capelle bringe und nach den Gesetzen des vernünftigen Denkens untersuche, was davon wahr oder falsch seyn, was in die Luft verfliegen oder als Schaum und Schlacken oben schwimmen, oder als Caput mortuumCaput mortuum nennt man bei chemischen Scheidungen den Rückstand, welcher nach der Ausscheidung dessen, was man gewinnen wollte, als eine fremdartige Materie übrig bleibt. zu Boden sinken möchte.

Es bleibt ewig dabei: Nichts in der Welt ist so heilig, daß es sich dem Richterstuhl der Vernunft entziehen, daß es nicht untersucht und auf die Probe gebracht werden dürfte: denn es sind nicht die Sachen, sondern die Begriffe und Meinungen der Menschen von den Sachen, die wir in Untersuchung nehmen.

Aber, liebe Herren und Freunde, wiewohl wir in gewissem Sinne Alles dürfen, so frommet doch nicht Alles.

Halt Maß in Allem, denn in Allem gibt's
Ein Mittel, dessen Linie, was recht ist,
Bezeichnet: dieß- und jenseits wird gefehlt!

sagt Horaz. Ein weiser Mann untersagt sich alle Speculationen, die zu nichts helfen, wohl aber zufälliger Weise viel schaden können.

In einem christlichen Staate die Frage: ob ein Gott sey? aufwerfen oder, welches auf Eins hinaus läuft, von dem Daseyn Gottes als einem Problem sprechen, weil die Beweise desselben keine mathematische oder apodiktische Demonstrationen sind, ist etwas eben so Weises, als wenn Einer 81 zu Rom die Frage: was ist der Papst? aufwerfen oder zu Frankfurt am Main öffentlich disputiren wollte: ob es nicht besser wäre, die kaiserliche Würde eingehen zu lassen?

Der Glaube an Gott, nicht nur als an die erste Grundursache aller Dinge, sondern auch als unumschränkten und höchsten Gesetzgeber, Regenten und Richter der Menschen, macht, nebst dem Glauben an einen künftigen Zustand nach dem Tode, die ersten Grundartikel der Religion aus. Diesen Glauben auf alle mögliche Weise zu bekräftigen und zu unterstützen, ist eines der würdigsten und nützlichsten Geschäfte der Philosophie, ist in Rücksicht der Unentbehrlichkeit desselben sogar Pflicht; ihn anzufechten und durch alle Arten von Zweifeln und Scheingründen in den Gemüthern der Menschen wankend zu machen oder gar umzustoßen, kann nicht nur zu gar nichts helfen, sondern ist im Grunde um nichts besser, als ein öffentlicher Angriff auf die Grundverfassung des Staats, wovon die Religion einen wesentlichen Theil ausmacht, und auf die öffentliche Ruhe und Sicherheit, deren Stütze sie ist.

Die Philosophie hat nützlichere Dinge zu thun, als die Schärfe ihrer Werkzeuge an den Grundpfeilern der moralischen Ordnung und an dem, was zu allen Zeiten der Trost und die Hoffnung der besten Menschen gewesen ist, zu probiren; und der Philosoph ist kaum dieses Namens werth, der nicht bedenkt, daß gegen einen Menschen, der der Religion ohne Nachtheil seiner Moralität und Gemüthsruhe entbehren kann, zehntausend sind, die, wofern sie auch ihren edelsten Zweck an ihnen verfehlte, doch ohne den Zaum, den sie ihnen anlegt, schlimmer, oder ohne die Hoffnung, die sie ihnen gibt, unglücklicher seyn würden, als sie sind. 82

 


 


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