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IV

In diesem Augenblick fiel ein Schatten auf das Heft, das Adelheid Grimminger in der Hand hielt, und als sie aufblickte, war es Wendelin Krummholz, der dastand und mit düsterm Gesicht ihrem feuchten Blick begegnete.

»Nun, hat Sie das Geschreibsel nicht gelangweilt?« fragte er mit rauher Stimme.

Adelheid stand auf und sagte vorwurfsvoll, aber mit leuchtenden Augen: »Wie können Sie so was sagen! Ich danke Ihnen, daß Sie das für mich niedergeschrieben haben: Ich weiß nun, was Sie durchgemacht haben: ich habe manches zwischen den Zeilen gelesen, was Sie verschwiegen haben. Aber Sie sind doch wieder zu uns gekommen …, und das freut mich!«

Wendelin zuckte die Achseln, und seine Stimme klang nicht weicher, als er entgegnete: »Ich weiß nicht, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn ich meiner alten Gewohnheit treu geblieben wäre und, wie sonst, meinen Sommer in Rimini, in Viareggio oder auf dem Lido verbracht hätte. Aber ich bin Franke, und es heißt, daß wir Franken alle das Heimweh nach dem Garten unserer Heimat im Herzen tragen. Etwas Wahres mag darin liegen, und dann meine ich auch manchmal, daß wohl die Jugend sich in der Welt herumtreiben dürfe, dem Fertiggewordenen aber das Altern unter seinem Volke zieme, auch wenn er, wie ich, kein beschlossenes Tagewerk vor sich sieht. Daß aber die alte dunkle Weltironie, als deren hämischer Belauscher ich mir etwas einzubilden pflegte, noch immer über meinem Leben waltet, hab' ich erfahren, als mich bei meinem ersten Verweilen in der Heimat die Laune anwandelte, meine Wanderfüße in dieses Haus zu setzen: mein Arm mahnt mich jeden Tag daran –«

Adelheid Grimminger trat vor Wendelin: »Das Heft da darf ich doch behalten?« fragte sie ganz leise; aber ihre Stimme bebte in heimlicher Erregung.

Wendelin lag ein Wort des Spottes auf der Lippe; da er jedoch sah, daß ein unsäglich wehes Lächeln um den Frauenmund vor ihm erquoll, blieb er stumm, und ein wundersames Mitleid erfüllte seine Seele. So blieben sie, die Blicke ineinandersenkend, eine Weile still voreinander stehen.

»Soll ich bei dir bleiben? Und Ordnung schaffen?« fragte Wendelin endlich mit gepreßter Stimme, und als Adelheid zweimal unter Tränen mit dem Kopf nickte, faßte er ganz sanft, wie ehemals, ihre beiden Hände und legte dann, ganz zart, seinen rechten Arm um ihren fraulich vollen Leib. Und so traten sie, wortlos atmend, an den Rand des Parks und blickten schweigend in den goldenen Abend hinaus, aus dessen Duft die Frauentürme mächtig und dunkel über der unsichtbaren Stadt emporragten.

*


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