Autorenseite

 << zurück weiter >> 

II

Zehn Jahre später, an einem warmen Herbsttag, zog ein finster dreinblickender, sonnverbrannter hagerer Mann mit einem langen braunen Barte an dem rostigen Griff der Gartenglocke, die den Bewohnern des Grimmingerschen Gutes Besuche anmeldete. Der Fremde schien zu zögern, als ein halbwüchsiges Bürschlein erschien und auf die Frage, ob von den Herrschaften jemand zu sprechen sei, die Antwort gab, daß das gnädige Fräulein zu Hause sei und jederzeit Besuche annehme. Als der Fremde dann raschen Schrittes die Haustreppe aus Sandstein emporstieg, schossen zwei deutsche Schäferhunde aus der offenstehenden Flurtüre heraus und rannten ihn über den Haufen. Er konnte sich wieder erheben; aber als das Fräulein Adelheid in einem grauen Arbeitskleide selbst erschien, um nach der Ursache des Gebells zu sehen, sagte der Fremde: »Sie kennen mich wohl nicht mehr? Ich bin Wendelin Krummholz. Ich glaube, ich habe mir im Fallen den linken Oberarm gebrochen. Nach dem Fuß muß der Arm dran,« versuchte er zu scherzen, als er sah, wie Adelheid mit erschrockenen Augen den Besucher anstarrte, ohne ein Wort der Begrüßung zu finden. »Wollen Sie mir einen Wagen besorgen?« fuhr Wendelin, den diese Stummheit verletzte, mit rauher Stimme fort.

»Nein, diesmal bleiben Sie hier,« sagte das Fräulein, an deren Wangen nun ein tiefes Rot emporstieg. »Ich werde sofort unsern Hausarzt kommen lassen, damit er Ihnen einen Verband anlegt. Er wohnt ganz in der Nähe. Wie ist es Ihnen ergangen?« fuhr sie hastig fort. »Wie oft habe ich Ihrer gedacht, ohne zu wissen, wo in aller Welt ich Sie suchen sollte. Mein Vater ist tot. Das werden Sie vielleicht wissen?« Und leiser setzte sie hinzu: »Er hat mich damals gehindert, Ihnen ein Lebenszeichen zu geben.«

Wendelin Krummholz war nicht gewillt, dieser Erinnerung nachzuhängen. »Aber die Herren Brüder leben noch?« fragte er scherzend, aber mit gerunzelter Stirn.

»Ja, sie kommen zum Abendessen heim,« antwortete Adelheid mit bekümmertem Gesichte. Er ahnte, daß er an einen wunden Punkt rührte, und trat, tapfer den wachsenden Schmerz verbeißend, in die Halle des Landhauses, aus der, wie ihn der erste Blicke belehrte, jeder Schmuck verschwunden war.

»Wir haben nach Vaters Tod alles verkauft,« sagte Adelheid mit leiser Stimme. »Aber um Gottes willen, da vergesse ich ja Ihren Arm. Tut er sehr weh? Ich will sofort dem Doktor telephonieren. Er wohnt nicht weit. Kommen Sie herein, und nehmen Sie sich einen Stuhl, daß Sie uns den Frieden nicht hinaustragen.«

Während sie dann beide in dem einfachen Wohnzimmer auf den Arzt warteten, erfuhr Wendelin Krummholz auf seinem Leidensstuhl alles, was er wissen wollte: der Geheimrat Otmar war leider nur mit einem Dreier durch sein Examen gekommen und hatte, als Dreierjurist, vorderhand nicht die mindeste Aussicht auf einen der zahlreichen Ministerposten; der General Alfred hatte, nach dreijähriger Dienstzeit, wegen einer Spielgeschichte den Abschied nehmen müssen und ritt nun als berühmter Herrenreiter der bekannten Firma Lion Feuchtwanger deren Pferde zurecht; Gerwin, der Dichter, aber hatte es vorgezogen, gar nicht in irgendein Examen zu steigen, sondern schwang in einer kleinen Münchener Zeitung das Richtbeil des Schauspielkritikers. Adelheid aber war Gärtnerin geworden und bebaute den Gietlschen Erbgarten: aus dem berühmten Rosenfeld hatte die Schwester der drei großen Männer kurzerhand einen Nutzgarten gemacht, wo sie Johannisbeeren und Gemüse zog und an kleine Händler der östlichen Vororte absetzte.

»Sie arbeiten also für Ihre Herren Brüder?« fragte Wendelin fast grob, als Adelheid mit der Erzählung ihrer Schicksale fertig war und ihn fast demütig ansah.

»Die Armen haben Pech gehabt!« sagte sie leise, ohne von ihren rissigen Arbeitshänden aufzusehen, die leicht gekrümmt und offen in ihrem Schoße lagen.

Wendelin wollte etwas entgegnen; da jedoch gerade der Arzt den Raum betrat, unterdrückte er die scharfen Worte, die ihm auf der Zunge schwebten. Wie ein leichter Schatten kommend und gehend leistete die Tochter des Majors beim Verbinden des Armes in zartester Weise Hilfe, und dem Heimgekehrten war für einen Augenblick zumute, als lägen keine schweren Jahre zwischen dem Tag, da er mit grimmigem Gemüte in die Welt gefahren war, und dem heutigen. Wenn sie lächelte, erschien sie ihm kaum verändert, obwohl ihre frauenhaft gewordene Gestalt fast zur Fülle neigte; aber der Kummer, der tiefe Fältchen in ihre Mundwinkel gegraben hatte, verriet ihm deutlich, daß er nicht in ein Haus des Glücks getreten war, und ein grimmiges Mitleid erfüllte sein Herz.

Trotzdem ihn der geschiente Arm heftig schmerzte, bestand Wendelin darauf, dazubleiben, um auch seine früheren Schüler noch bei ihrer Rückkehr aus der Stadt zu begrüßen.

Die drei großen Männer erschienen pünktlich wie Beamte zum Abendessen. Sie begrüßten ihren ehemaligen Hauslehrer mit mißgünstigen Blicken, und der Dichter ließ ein böses Lachen hören, als er den Arm in der Binde gewahrte und von dem jüngsten Mißgeschick des Zurückgekehrten erfuhr. Dessen Schicksale schienen die Herren übrigens nicht weiter zu kümmern: sie fragten, flüchtig und herablassend, wie es ihm ergangen sei, und fingen dann sofort an, von ihren eigenen Angelegenheiten zu sprechen. Der fett gewordene Poet schimpfte ganz mörderisch auf einen jungen Dramatiker, der am Tag zuvor einen Erfolg im Residenztheater davongetragen hatte, und versprach, daß er dem Hundling schon seine Meinung, und zwar gründlich, sagen werde. Der Reitlehrer bewitzelte die Firma, deren Brot er aß, und der mißglückte Geheimrat, dessen kahle Stirn ein Ausschlag zierte, ließ seinen früheren Lehrer nicht aus dem Auge: er war sich noch nicht klar darüber, ob der Kunde als armer Schlucker oder als Mann mit Geld vor ihm saß, den man zur Not anpumpen könnte. Die Herren aßen im übrigen alle drei mit dem gesegneten Appetit großer Männer und empfahlen sich nach Tisch sofort mit der Lässigkeit großer Herren, um in der nahen Stadt ihrem Vergnügen nachzugehen.

»Der Mensch ändert sich nicht,« sagte Wendelin, als die drei Brüder nach kühlem Gruß verschwunden waren, zu der zurückgebliebenen Schwester. »Sie haben also wirklich das Vergnügen, für Ihre Herren Brüder zu arbeiten?«

Adelheid erhob Einspruch; aber ohne es zu wollen, verriet sie doch die Verhältnisse, die auf dem alten Vorstadtgute herrschten. Der bewegliche Besitz des Majors war wie Butter vor der Sonne zusammengeschmolzen, nachdem er das Seitliche gesegnet hatte; das Gut war zwar, wie Adelheid errötend bemerkte, zurzeit noch nicht übermäßig verschuldet, aber es bedurfte übermenschlicher Arbeit, um die Hypothekenzinsen aufzubringen und einen baren Überschuß herauszuziehen. Der schöne Lehmboden böte zwar, wie die Erzählerin andeutete, eine gute Gelegenheit, eine Ziegelei zu errichten, was in Anbetracht der regen Münchener Bautätigkeit eine ziemlich sichere Aussicht auf Gewinn eröffnete; allein keiner der Brüder war dazu zu bringen, sich dieses Planes anzunehmen und Kapital aufzutreiben, und so lebe sie in voller Ungewißheit über das, was der nächste Tag bringen könnte, schlecht und recht in den Tag hinein. Sie selbst habe vor kurzem einen Kursus der Krankenpflege durchgemacht, um wenigstens einen Beruf zu haben, wenn sie vielleicht doch von dem Besitztum, das einst das Glück ihres Vaters gewesen sei, scheiden müsse.

Wendelin hörte mit verbissenem Ärger die Äußerungen dieses Opfermutes an, der die schmählichste Faulheit als die natürlichste Sache von der Welt zu nehmen schien, und hielt mit seiner Meinung über das Wesen seiner ehemaligen Schüler nicht zurück. Er fühlte, daß er seiner Zuhörerin weh tat, und dieses Gefühl stachelte seinen Grimm noch mehr. Den Fragen nach seinen eigenen Erlebnissen wußte er aber geschickt auszuweichen, und Adelheid erfuhr nur, daß er aus Ägypten komme, wo er eine leitende kaufmännische Stellung in einem großen deutschen Baumwollhause innehabe. Im übrigen ließ er sich nicht bewegen, als Gast in dem alten Landhaus zu bleiben, sondern nahm ein Zimmer in einem Gasthaus des Vororts, um da, in der Nähe des Arztes, die Heilung seines Armes abzuwarten. Am übernächsten Morgen erschien er, trotzdem ihn sein Arm heftig schmerzte, in aller Frühe schon aus dem Grimmingerschen Landsitze und lief mit der Hastigkeit, die Adelheid von früher her an dem ehemaligen Hauslehrer kannte, die alten Wege auf und ab. Er ging immer wieder um das Gut herum; er sprach in zwei benachbarten Ziegeleien vor und unterhielt sich mit den italienischen Ziegelarbeitern, deren Mehrzahl in dünnen Bretterschuppen hauste, eifrig über ihre Hantierung und ihr Auskommen. Manchmal schien es der Beobachterin, als ob der gleiche Mensch wie früher, ungealtert und unverändert, die gleichen Wege gehe. An einem Nachmittage fand ihn Adelheid mit einem Band der Gespräche Eckermanns mit Goethe auf der Bank sitzend, vor der sie einst der verstorbene Major in stummer Glücksversunkenheit überrascht hatte.

»Sie sind so schweigsam, Herr Krummholz,« sagte Adelheid, indem sie, schüchtern lächelnd, vor ihm stehenblieb, »es würde mich aber sehr freuen, wenn Sie mir ein klein bißl Vertrauen schenken und mir erzählen wollten, wie es Ihnen die zehn Jahre her gegangen ist.«

Wendelin lächelte ingrimmig und brummte, ohne den Blick zu erheben: »Was kann Ihnen an meinen Schicksalen liegen! Reden wir lieber von Ihnen. Ich kann das nicht länger mehr mit ansehen, wie Sie Ihre Zeit und Ihr ganzes Leben drei Faulenzern, aus denen nie was werden wird, zum Opfer bringen. Das ist in meinen Augen ein Skandal! Jawohl! Ich hätte gute Lust, Ihnen den ganzen Krempel abzukaufen, damit Sie die Sorgen und die Brüder mit einem Male los wären. Das heißt: ich weiß sehr gut, daß die Sorge für andere immer an Ihrem Bett sitzen und Ihnen jeden Genuß vergällen wird.«

Aus Wendelins Stimme sprach ein solcher Ingrimm, daß Adelheid ein paar Schritte zurücktrat und den Sprecher forschend ansah. Als dieser jedoch den Blick erhob, bemerkte er, daß in ihren Augen Tränen standen, und dieser Anblick furchte seine Stirn noch tiefer. Nach einer Weile begann Adelheid wieder leise, indem sie an Wendelins Seite Platz nahm und auf ihre zerarbeiteten Hände herabblickte: »Seien Sie gut! Wenn Sie wüßten, wie oft ich Ihrer gedacht habe, würden Sie meine Bitte nicht unerhört lassen. Mir war all die Jahre her zumute, als müßte ich ein Unrecht an Ihnen gutmachen, und der Gedanke, daß ich nicht einmal wußte, wo in aller Welt Sie weilten, war mir eine ständige Qual. Vielleicht darf ich aus Ihrem Besuch, der leider so unglücklich begonnen hat, schließen, daß Sie uns nichts nachtragen. Mein bißchen Freundschaft ist ja nicht viel wert; aber ich möchte Ihnen wenigstens sagen, daß eine wirklich gute Freundin neben Ihnen sitzt. Ich ahne, daß auch Sie viel durchgemacht haben.«

Die Furche zwischen den Brauen Wendelins wurde tiefer, dann sagte er plötzlich mit seltsam gepreßter Stimme: »Ich könnte, als gewesener Philologe, mit Virgil sagen: › Infandum, regina, jubes renovare dolorem.‹ Unaussprechlichen Schmerz, o Königin, soll ich erneuern! Doch vielleicht ist es gut, daß ich noch einmal in das, was mich in die Welt und wiederum hierhergeführt hat, mit der vollen Kraft der Erinnerung untertauche. Ich bitte nur um eines: Bemitleiden Sie mich nicht! Das macht mich wild! Das ertrage ich nicht! Denn so merkwürdig es ist – wenn ich meines Schicksals gedenke, überschleicht mich ein rätselhaftes Gefühl der Scham, obwohl ich weiß, daß ich letzten Endes für alles, was ich erdulden mußte, nichts kann.

Von Dante wird erzählt, daß sich die Kinder, wenn er mit erstarrten Zügen über die Brücken Veronas wandelte, scheu zuflüsterten: ›Der da ist in der Hölle gewesen.‹ Ich weiß nicht, ob das Wort eines modernen Dichters, in die Hölle komme hier auf Erden nur der hohe Adel der Menschheit, Wahrheit ist oder nicht; aber auch ich kann von mir sagen: › Et ego in Arcadia!‹ Auch ich bin in der Hölle gewesen, aber nicht in der, die wir alle mit dem Himmel zusammen in der Seele tragen, sondern in einer anderen, wo ich mit mir selbst in grauenhafter Einsamkeit lebte und der Anblick zahlloser Mitverdammter Tag um Tag mein Leid stachelte und schärfte.

Sehen Sie, wir Menschen sind ja alle Einsame. Es gehört zu den Selbsttäuschungen der Menschen, wenn sie glauben, sie könnten die dunklen Kelche der Seele, aus denen ihre Schicksale fließen, auch andern aufschließen. Ich weiß nicht, ob ich den Versuch machen soll, Ihnen einen Blick in diese Tiefen zu öffnen, wo Wunder und Ungeheuer in den stillen Gärten der Seele liegen und uns zuweilen selbst überraschen, wenn sie das Auge auftun und uns wie fremde und doch vertraute Rätsel anschauen. Eigentlich müßten wir uns alle hüten, das Allzu dunkle in uns an das helle Licht des Bewußtseins zu ziehen, weil es das Unverletzliche, das Urmenschliche ist. Wenn ich manchmal, was aber nicht häufig geschieht, einen Blick auf mein Leben werfe, überfällt mich zuweilen ein heimliches Staunen, in das sich etwas wie ein leises Grauen mischt: mir ist zumut, als sei außer mir eine bewußte Kraft am Werke gewesen, um alles so zu leiten, daß ein Werk oder ein Schicksal entstand, bei dem alles mit planmäßiger Teuflischkeit ineinanderlief. Ich stoße an die Fäden, die alles mit der Vergangenheit verbinden; ich sehe, warum da und dort aus einem leichtesten Fädchen, das ich selbst, unachtsam oder spielend, an einen Menschen oder an ein stummes Wesen knüpfte, eine eiserne Fessel wurde und mich zu einem Gefangenen machte, und ich erkenne zugleich, warum es so kommen mußte. Das ist es: wir glauben zu schieben, und wir werden geschoben. Wir gleichen jenen Webern, die versteckt hinter dem Rahmen ihres Gewebes sitzen und ihr Werk erst zu sehen bekommen, wenn sie es als fertiges von vorn betrachten dürfen. Ein fertiges Schicksal aber sieht anders aus als ein werdendes und enthüllt oft mit einem Schlage den Sinn eines Daseins, dessen Strom vielleicht zu lange im Dunkel floß. Ich habe noch niemand vor diesem fertigen Gewebe lachen sehen, wie ich auch noch niemand gekannt habe, der sein Leben in ewiger Wiederkehr des Gleichen genau noch einmal so, wie es verlief, durchmachen möchte. Ich sehe Sie lächeln. Nun, Sie haben recht: ich habe immer zu den Spintisierern gehört, denen kein Tag ohne ein Wölklein oder ein Mücklein verfloß. Und die Allzuheitern sind nie mein Fall gewesen. Nur Götter können vor dem Treiben in der Tiefe laut lärmend lachen; der Mensch, der Ehrfurcht vor dem Dasein hat, bringt es, wenn es gut geht, zu einem leisen Lächeln: es ist bei feinen Menschen der schönste Sonnenschein aus den Reichen, wo sich Seelenschicksale verknüpfen und stumme Weber allzeit am Werke sind. Verzeihen Sie diesen Ausflug in ein Gebiet, wo jeder, wenn er ehrlich sein will, nur stammeln kann; denn nicht nur das Leben, auch das Erlebte ist und bleibt etwas Unaussprechliches. Ich wollte, ich könnte Ihnen eine Reihe schöner Taten vorführen, die sich von selbst zu einem beglückenden Schauspiel aneinanderreihen: daß ich nicht in dieser Lage bin, ist vielleicht letzten Endes meine Schuld, vorausgesetzt, daß man überhaupt von einer Schuld auf Erden sprechen darf, und so will ich denn Ihren Wunsch erfüllen und den Schleier, den ich mir selbst vor gewisse Dinge gezogen habe, vor Ihren Blicken fallen lassen. Über Sie wissen ja von früher her, daß ich ein schlechter Erzähler bin, und ich bin mir nur zu wohl bewußt, daß das, was ich zu sagen habe, gar nicht als lebendiges Wort über die Lippen will. Ich möchte Sie daher bitten, mir eine Woche Frist zu gönnen: wenn mich die gute Stimmung nicht verläßt, hoffe ich Ihnen bis dahin einige Rufzeichnungen überreichen zu können, aus denen Sie ersehen mögen, wie es mir ergangen ist, und was ich, nolens volens, durchgemacht habe. Ich habe allerlei zu erzählen, aber nichts zu verbergen; aber ich bitte mir nur eines aus: daß Sie mich nicht bemitleiden!«

Und er erhob sich und nahm kurzen Abschied von Adelheid, die ihm mit wehem, versonnenem Lächeln nachblickte und dann einen Gang in die freie Gegend machte.

Acht Tage darauf brachte ein kleines Büblein ein blaues Heft, das Adelheid mit zitternden Händen entgegennahm. Der kleine Bote erhielt zwei herrliche Birnen als Botengeschenk und ein Briefchen, in dem Adelheid Wendelin bat, am gleichen Nachmittag zu einer Tasse Tee auf das Gut herauszukommen.

Dann ging sie mit raschen Schritten zu der Bank, vor der sie einst der alte Major mit dem Hauslehrer Wendelin überrascht hatte, und drückte das blaue Heft an ihre Brust. Es dauerte eine geraume Weile, bis sie sich entschloß, es zu öffnen: es waren noch immer die gleichen, etwas knorrigen Schriftzüge, die sie von früher her kannte! aber der Inhalt nahm sofort ihre ganze Aufmerksamkeit und Teilnahme gefangen.


 << zurück weiter >>