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Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis

Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war, verlautete darüber nichts Näheres, und die Sache schien allmählich in Vergessenheit zu geraten. Ohne Zweifel waren da allerlei verborgene Einflüsse im Spiel, die den Polizeileutnant sicherstellten. »Dem Mann ist nicht beizukommen«, sagten die Eingeweihten; »er ist zu gefährlich und weiß zuviel.« Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von seinen Untergebenen äußerst gefürchtet. Dabei wurde sein Lebenswandel immer undurchdringlicher; außer im Kasino und im Amt sprach er mit keinem Menschen. Auf der Polizeiwache saß er halbe Nächte, aber nur deswegen, um seine Leute zu drangsalieren.

Sogar Quandt hatte ihn fürchten gelernt. Eines Nachmittags im Oktober, der Lehrer saß mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee, trat plötzlich säbelrasselnd Hickel ins Zimmer, schritt ohne Gruß auf Caspar zu und fragte herrisch: »Sagen Sie mal, Hauser, wissen Sie vielleicht etwas über den Verbleib des Soldaten Schildknecht?«

Caspar wurde aschfahl. Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden Augen und donnerte, ungeduldig über das lange Schweigen: »Wissen Sie etwas, oder wissen Sie nichts? Reden Sie, Mensch, oder, so wahr mir Gott helfe, ich lasse Sie auf der Stelle ins Gefängnis bringen!«

Caspar erhob sich. Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die Fransen des Tischtuchs, und während er zurückwich, fiel die Kaffeekanne um, und das schwarze Gebräu ergoß sich über das Linnen.

Die Lehrerin tat einen Schrei; Quandt aber machte ein ärgerliches Gesicht, denn das großspurige Auftreten des Polizeileutnants verdroß ihn, auch war es ihm um so verwunderlicher, als Hickel gerade Caspar gegenüber sich seit Monaten einer steifen und finsteren Zurückhaltung beflissen hatte. »Was soll er denn mit dem Deserteur zu schaffen haben?« fragte er unwillig.

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein!« brauste Hickel auf.

»Oho, Herr Polizeileutnant, in meinem Hause bitte ich mir ein höflicheres Benehmen aus«, versetzte Quandt.

»Ach was! Sie sind ein Schwachmatikus, Herr Lehrer. Was nicht auf Ihrem Mist wächst, das ästimieren Sie nicht. Überhaupt, was ist's denn? Zwei Jahre sind's her, seit der Mensch bei Ihnen wohnt, und wir sind genau so klug wie zuvor. Wenn das Ihre ganze Kunst war, dann lassen Sie sich nur heimgeigen.«

Der Hieb saß. Quandt verbiß seinen Groll und schwieg.

»Aber es hat ein Ende jetzt«, fuhr Hickel fort; »ich werde mit dem Hofrat reden, und der Hauser kommt zu mir in die Pflege.«

»Damit werden Sie mir bloß einen Gefallen erweisen«, erwiderte Quandt und verließ hoch aufgerichtet das Zimmer.

Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen. Hickel marschierte hastig auf und ab und trocknete mit dem Ärmel seine Stirn. »Wie mir nur ist, wie mir nur ist«, murmelte er fast verstört. Dann wandte er sich wieder schimpfend an Caspar. »Unglückseliger, verdammt Unglückseliger! Was für ein Teufel hat Sie geritten! Übrigens«, fügte er leise hinzu und stellte sich neben Caspar, »der Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert. Kommt auf die Plassenburg, der Kerl.«

»Das ist nicht wahr«, sagte Caspar, ebenfalls leise, gedehnt und etwas singend. Er lächelte, dann lachte er, ja, er lachte, wobei sein Gesicht stark erbleichte.

Hickel wurde stutzig. Er kaute an seiner Lippe und sah düster ins Leere. Plötzlich griff er nach seiner Kappe, und mit einem bösen, eiligen Blick auf Caspar entfernte er sich.

Quandt war nicht gesonnen, den Schimpf, den ihm der Polizeileutnant angetan, auf sich sitzen zu lassen. Er beschwerte sich beim Hofrat Hofmann, doch dieser schien nicht sehr bereit, sich einzumischen. Der Lehrer nahm die Gelegenheit wahr, noch eine andre Sache zum Austrag zu bringen.

Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht über Caspars Pflege. Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu rechnen, man hatte den Bürgermeister Enders und die Gemeinde um Unterstützung angegangen, aber ein Beschluß war noch in der Schwebe. Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine kleine Lohnerhöhung für seine Schreiberei; das Geld lieferte er pünktlich dem Lehrer ab. Die beschränkten Verhältnisse erlaubten ihm nicht die geringste Freiheit in seinen Ausgaben. Anfangs Oktober war er konfirmiert worden, und mit Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld, das ihm von der Stadt dafür ausgesetzt war. Ungehalten über die Verschleppung, wandte er sich an den Pfarrer Fuhrmann; dieser riet ihm, er solle den Lehrer ersuchen, aufs Gemeindeamt zu gehen, um die Auszahlung zu betreiben.

»So etwas tu ich nicht, Herr Hofrat, ich mache nicht den Bittsteller, mein Stolz erlaubt das nicht«, sagte Quandt.

Der Hofrat zuckte die Achseln. »Geben Sie ihm doch die paar Taler einstweilen aus Ihrer Tasche«, sagte er, »man wird's Ihnen gewiß bald ersetzen.«

»In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewißheiten«, versetzte Quandt; »ich habe ohnehin Auslagen genug und weiß nicht, ob ich noch lange so zusehen kann.«

Der Hofrat überlegte. »Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde«, sagte er dann, »die können doch helfen.«

»Ach du lieber Gott«, seufzte der Lehrer, »denen ist er viel zu interessant, als daß sie an seine kleine Notdurft denken.«

»Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen, wozu er denn eigentlich so dringend Geld braucht«, schloß der Hofrat das Gespräch.

Des Abends kam Caspar noch spät in Quandts Zimmer und flehte ihn mit aufgehobenen Händen an, ihn doch nicht aus dem Haus zu geben, er wolle ja alles tun, was man von ihm verlange; »nur nicht zum Polizeileutnant, alles, nur das nicht«, sagte er.

Der Lehrer beruhigte ihn nach Kräften und sagte, davon könne vorläufig keine Rede sein, der Polizeileutnant habe ihn bloß schrecken wollen. »Nein«, antwortete Caspar, »auch der Offiziant Maier hat heute auf dem Gericht davon gesprochen.«

»Nun, Hauser, jetzt gebärden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und sind doch schließlich ein erwachsener Mann«, sagte Quandt tadelnd. »Ich kann das nicht ganz ernst nehmen, Sie lieben es zu übertreiben und sich kindlich zu stellen. Der Polizeileutnant würde Ihnen auch nicht den Kopf abbeißen, wennschon ich zugebe, daß er bisweilen etwas derbe Manieren hat. Aber Sie sind ja jetzt auch ein Christ in des Wortes voller Bedeutung, und ohne Zweifel haben Sie den Spruch schon gehört: Tue deinen Feindes Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst.«

Caspar nickte. »Es steht ein Gesätzlein darüber in Dittmars ›Weizenkörnern‹«, erwiderte er.

»Ganz recht; wir haben es ja zusammen durchgenommen«, fuhr Quandt lebhaft fort. »Wissen Sie was! Damit Sie das schöne Merkwort genau im Gedächtnis behalten, schlage ich Ihnen vor, mir Ihre eigenen Gedanken darüber niederzuschreiben. Ich will es meinetwegen als ein Pensum für sich betrachten, und Sie können den ganzen morgigen Nachmittag dazu verwenden.«

Caspar schien einverstanden.

Der Hofrat kam nicht, wie er versprochen, am nächsten, sondern erst am zweitfolgenden Tag. Als er ins Zimmer trat, redete der Lehrer gerade mit zornigen Gebärden auf Caspar ein. Auf die Frage des Hofrats, was Caspar verbrochen habe, sagte Quandt: »Ich muß mich doch gar zuviel mit ihm herumärgern. Vorgestern stellte ich ihm ein Thema für den deutschen Aufsatz, er versprach mir, es auszuarbeiten, und er hatte den ganzen gestrigen Nachmittag dazu Zeit. Soeben verlang ich nun sein Heft, und hier, überzeugen Sie sich selbst, Herr Hofrat, auch nicht eine Zeile hat er geschrieben. Eine solche Trägheit ist himmelschreiend.«

Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft: oben auf einer Seite stand der Titel des Aufsatzes: »Tue deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst«; danach kam aber nichts, und die Seite war leer. »Warum haben Sie's denn nicht gemacht?« fragte der Hofrat kühl.

Caspar antwortete: »Ich kann nicht.«

»Das müssen Sie können!« rief Quandt. »Vorgestern haben Sie mir ja erzählt, daß der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist, eine Gedankenfolge zu finden, hätte Ihnen also nicht schwerfallen können, wenn Sie dort angeknüpft hätten.«

»Probieren Sie's doch einmal, Hauser«, fiel der Hofrat besänftigend ein. »Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Sätze nieder. Ich werde mich mit dem Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben, und wenn wir zurückkommen, sollen Sie uns irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern, daß Sie wenigstens den guten Willen haben.«

Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus. Als sie im Wohnzimmer waren, übergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte, die seien von Frau von Imhoff, der er Caspars Verlegenheit geschildert habe; die gütige Dame habe sich noch hoch entschuldigt, daß es nur so wenig sei, aber sie habe über das Geld keine freie Verfügung. »Übrigens war der Hauser gestern bei mir«, fuhr der Hofrat fort, »und zwar kam er, um mich zu bitten, ich möchte es doch verhindern, daß er dem Polizeileutnant in Pflege gegeben werde.«

»Es ist doch des Teufels; er belästigt alle Leute mit seinen kindischen Miseren«, klagte Quandt, »auch mich hat er schon darum angegangen.«

»Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben.«

»Ja, der Polizeileutnant ist sehr streng mit ihm.«

»Ich sagte ihm, daß von meiner Seite eine solche Absicht nicht vorliege, und er möge nur seine Pflicht tun, dann werde ihm niemand zu nahe treten.«

»Sehr wahr.«

»Wir redeten noch über seine Geldkalamität, und da wollte er nicht mit der Farbe heraus. Ich versprach, ihm zu seinem Geburtstag fünf Taler zu schenken, und fragte ihn, wann er Geburtstag habe. Darauf antwortete er traurig, das wisse er nicht, und ich muß gestehen, es war da etwas in seinem Wesen, was mich rührte. Aber sonst schien er mir doch gar zu schmeichlerisch, und sein freundlich Geblinzel und Getue mißfiel mir.«

»Leider, leider, schmeichlerisch ist er, da haben Sie recht, Herr Hofrat; besonders wo er seine Pläne durchsetzen will.«

Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurück. Er saß am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. »Na, was haben Sie fertiggebracht?« rief der Hofrat jovial. Er nahm das Heft, stutzte, da er nur einen einzigen Satz geschrieben fand, und las vor: »›Wenn sie dir Übles an deinem Körper zugefügt haben, tue ihnen Gutes dafür.‹ Das ist alles, Hauser?«

»Sonderbar«, murmelte Quandt.

Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin, drehte den Kopf gegen die Schulter und begann unvermittelt: »Sagen Sie mal, Hauser, wen haben Sie denn eigentlich von allen Menschen, die Sie bisher kennengelernt haben, am meisten liebgewonnen?« Sein Gesicht sah pfiffig aus; er hatte von seinem Amt als Gerichtsfunktionär die Manier behalten, auch das Harmlose mit einem Ausdruck von säuerlichem Spott zu äußern.

»Stehen Sie doch auf, wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht«, flüsterte der Lehrer Caspar zu.

Caspar stand auf. Er blickte ratlos vor sich hin. Er witterte eine Falle hinter der Frage. Er dachte plötzlich: Wahrscheinlich ist der Lehrer darum so böse, daß ich den Aufsatz nicht gemacht habe, weil er glaubt, ich halte ihn für meinen Feind. Er schaute zu Quandt hinüber und sagte versonnen: »Den Herrn Lehrer hab ich am liebsten.«

Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverständnisses und räusperte sich bedeutsam.

Aha, ein Bestechungsversuch, dachte Quandt und war stolz darauf, nicht im mindesten von der Antwort erbaut zu sein.

Caspars Leben wurde nun immer einförmiger und zurückgezogener. Er hatte niemand, mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung führen konnte. Frau von Kannawurf ließ auch nichts von sich hören, und das wurmte ihn denn doch, obwohl er behauptet hatte, an Briefen sei ihm nichts gelegen. Wo war sie überhaupt? Lebte sie noch? Er mochte oft nicht ausgehen, alle Wege waren ihm verhaßt, jede Verrichtung fand ihn lau. Zudem war das Wetter immer schlecht, der November brachte gewaltige Stürme, und so saß er in der freien Zeit auf seinem Zimmer, glitt mit den Blicken über die Hügelränder oder streifte bang den Himmel und sinnierte unablässig. Er wartete, wartete. Einmal ging er insgeheim in die Kaserne und erkundigte sich vorsichtig, ob man dort etwas über Schildknecht wisse. Man konnte ihm keine Auskunft geben. Das nährte die verflackernde Hoffnungsflamme, aber in den darauffolgenden Tagen fühlte er sich krank und wollte sich des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschließen. Es kamen noch manchmal Fremde zu Besuch; er verhielt sich störrisch und einsilbig. Wenn er aufgefordert wurde, in Gesellschaft zu gehen, sagte er bitter: »Was soll mir das Schwätzen?« Als er eines Abends über den Schloßplatz ging und an der mächtigen Fassade mit den hohen, immer geschlossenen Fenstern emporsah, glaubte er in den leer gedachten Sälen übergroße Gestalten wahrzunehmen, die ihn feindselig beobachteten. Sie schienen alle in Purpur gekleidet, mit goldenen Ketten um den Hals. Ein grenzenlos ermattender Schmerz drückte ihn nieder, und er war nahe daran, sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem Hund.

Er fühlte sich so kalt, so trüb. In einer Nacht träumte er, er sähe auf einem grünen Steinblock eine goldene Schale, und darauf lagen fünf seltsam qualmende Herzen, doch nicht in natürlicher Form, sondern so, wie Lebküchner die Herzen backen; er stand davor und sagte laut: »Das ist meines Vaters Herz, das ist meiner Mutter Herz, das ist meines Bruders Herz, das ist meiner Schwester Herz, das ist mein eignes Herz.« Sein eignes lag oben und hatte zwei lebendige, traurige Augen.

Nicht selten hatte er das bestimmte Gefühl von der fernen Wirkung einer überaus teuern Person. Die Person handelte, sprach und litt für ihn, aber eine Welt lag dazwischen, und was auch immer sie unternahm, konnte die Weite zwischen ihm und ihr nicht verringern. Er spürte unheimliche Vorgänge so deutlich, daß er oft dastand und lauschte wie auf ein Gespräch hinter einer dünnen Wand. Und er faltete die Hände unterm Kinn und lächelte ängstlich.

Blind hätte der Lehrer sein müssen, wenn er von alledem nichts bemerkt hätte. Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel, und dieser Titel lautete: Der Kampf mit dem schlechten Gewissen. »Ich habe kein Wohlwollen mehr für den Menschen«, erklärte Quandt, »ich habe kein Wohlwollen mehr für ihn, seit ich gesehen habe, wie gleichgültig ihn die Katastrophe mit dem Lord gelassen hat. War mir selbst doch zumut, als hätte ich einen Bruder verloren, und er wollte sich nicht einmal zu einer den Schein wahrenden Trauer verstellen. Er hat ein Herz von Stein und eine ganz pöbelhafte Undankbarkeit.«

Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke, wir sehen ihn lauern, wir sehen, wie er mannigfaltige Nachrichten über Caspar aus früheren Jahren zusammenträgt, Fakten und Umstände, die er mit dem Spürsinn eines Untersuchungsrichters aufstöbert, deutet, beleuchtet und still zum Zweck bereithält. Wir sehen ihn in Haß entbrennen gegen den ewig Verstockten, immer Verschlossenen, und wir können nicht umhin, ihn einem Menschen ähnlich zu finden, den ein Irrlicht so lange geneckt und gelockt hat, bis er endlich in eine Art von rasender Trunkenheit gerät.

Zu Anfang Dezember, es war an einem Donnerstag, abends nach Tisch, fragte Quandt Caspar, ob er seine Übersetzung für morgen schon fertig habe. Caspar erwiderte in ernster Stimmung, doch mit unaufrichtiger Freundlichkeit, wie es Quandt vorkam, ja, er sei damit fertig. Quandt nahm das Buch, zeigte ihm, wie groß die Aufgabe sei, und fragte noch einmal, ob er denn wirklich so weit übersetzt habe.

Caspar bejahte. »Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen«, sagte er.

Quandt glaubte es nicht; es war ihm unwahrscheinlich; die Aufgabe enthielt ein paar Fälle, mit denen Caspar nicht allein hätte fertig werden können und bei denen er seine Hilfe unbedingt hätte in Anspruch nehmen müssen. Indes fand er es für gut, im Beisein seiner Frau nichts weiter zu bemerken, sondern ihn ungestört auf sein Zimmer gehen zu lassen.

Ungefähr fünf Minuten später ergriff Quandt das lateinische Elementarbuch und folgte Caspar. Caspar hatte die Tür schon zugeriegelt, und bevor er öffnete, fragte er, ob der Lehrer noch etwas wünsche. »Machen Sie auf!« befahl Quandt kurz. Als er drinnen war, las er ihm einige willkürlich herausgerissene Sätze vor und ersuchte ihn zu sagen, wie er es übersetzt habe. Caspar schwieg eine Weile, dann entgegnete er, er habe bloß präpariert, er wolle erst jetzt übersetzen. Quandt blickte ihn ruhig an, sagte ausdrucksvoll: »So«, wünschte gute Nacht und entfernte sich.

Drunten erzählte er den Sachverhalt seiner Frau, und sie kamen überein, daß dahinter ein bübischer Trotz stecke, weiter nichts. Am andern Morgen berichtete er auch dem Hofrat darüber, dieser schrieb ein kurzes Briefchen an Caspar und gab es dem Lehrer mit. Caspar las das Schreiben in Quandts Gegenwart, und als er zu Ende war, reichte er es dem Lehrer, sichtlich verstimmt. In dem Brief warnte ihn der Hofrat schonend vor Eigenschaften, denen nur gemeine Naturen sich überließen, die jedoch, so war der Wortlaut, »unserm Hauser leider nicht fremd zu sein scheinen«.

Am selben Abend, wiederum nach dem Nachtmahl, brachte Quandt eines der Übungshefte Caspars zum Vorschein und sagte: »Aus diesem Heft ist ein Blatt herausgeschnitten, Hauser, Sie wissen doch, daß ich Ihnen das schon zahllose Male verboten habe.«

»Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht, und den wollte ich nicht in der Schrift haben«, versetzte Caspar.

Statt aller Antwort forderte Quandt den Jüngling auf, mit ihm in sein Studierzimmer zu kommen. Seiner Frau sagte er, sie möge die Kerze anzünden, ergriff die Lampe und schritt voran. Im andern Zimmer angelangt, schloß er sorgfältig beide Türen, hieß Caspar Platz nehmen und begann: »Sie werden mir doch wohl nicht zumuten, daß ich Ihre Ausrede für bare Münze nehme?«

»Was für eine Ausrede?« fragte Caspar matt.

»Nun, das mit dem Flecken. Ich glaube nicht an diesen Flecken.«

»Warum wollen Sie es denn nicht glauben?«

»Sie kennen doch das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Sie, lieber Freund, lügen öfter als einmal.«

»Ich lüge nicht«, erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos.

»Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten?«

»Ich weiß nicht, daß ich lüge.«

»O schelmischer Rabulist!« rief Quandt bitter. »Wenn ich Ihre häufigen Unwahrheiten nicht jedesmal berede, so bestimmt mich dazu die nach und nach gewonnene Einsicht, daß ich Sie von dem Übel doch nicht heilen kann. Wozu also soll ich mich vergeblich grämen? Sie sind gewohnt, so lange nein zu sagen, bis man Sie dermaßen überführt hat, daß Sie nicht mehr nein sagen können, und dann sprechen Sie dennoch kein Ja.«

»Soll ich ja sagen, wenn nein ist? Beweisen Sie mir, daß ich gelogen habe.« Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an, die dieser als tückisch zu bezeichnen pflegte.

»Ach, Hauser, wie schmerzt es mich, Sie mir gegenüber so zu sehen«, versetzte Quandt. »Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele, daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Erinnern Sie sich nicht an die Geschichte mit dem Leuchter? Sie behaupteten, die Handhabe sei abgebrochen, und es ist doch unwiderleglich nachgewiesen, daß sie abgeschmolzen war?«

»Es war so, wie ich gesagt habe.«

»Damit lasse ich mich nicht abspeisen. Sie können übrigens versichert sein, daß ich mir den Vorfall mit allem Fleiß notiert habe, nämlich schriftlich, um nötigenfalls vollständige Rechenschaft über Sie geben zu können.«

Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht; er schwieg.

»Und weiter, betrachten wir einen Fall jüngsten Datums«, fuhr Quandt fort; »es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der Übersetzung fertig waren oder ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie tagsüber beschäftigt waren, so konnten und durften Sie die Arbeit abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien fertig, während Sie nicht das geringste daran getan hatten?«

»Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich präpariert hätte.«

»Lächerlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach zu verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre Übersetzung gemacht? Meine Frau war zugegen und ist Zeuge.«

»Wenn Sie es gesagt haben, habe ich's eben anders verstanden.«

»Die gewohnten Ausflüchte. Sie hatten ja nicht einmal präpariert. Das können Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich wünschte, ich hätte Sie nie kennengelernt; am Ende kommt man durch Sie noch um den Ruf eines redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut, nicht nur von mir, sondern auch von andern. Es gibt nur noch wenig Familien, bei denen Sie für liebenswürdig und aufrichtig gelten; die meisten sehen ein, daß Sie eine alltägliche Einbildung und einen niedrigen Hochmut besitzen, daß Sie gleichgültig und anmaßend gegen weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und was Ihre Verlogenheit betrifft, so bin ich erbötig, Ihnen in jedem einzelnen Fall auf den Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben sind, was in und außer Ihrem Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit fesseln kann und was nicht. Ich gebe Ihnen ein artiges Exempelchen aus der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die Rede vom Regierungsrat Fließen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann unangenehm, daß er nicht bei den Seinen in Worms sein könne. Ich bemerkte hierauf, daß der Regierungsrat eine große Verwandtschaft im Rheinkreis und soundso viele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim Generalkommissär davon gesprochen. Ich antwortete, daß ich von neunzehn Enkeln gehört, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wußte dem nun allerdings nichts entgegenzusetzen, aber das wußte ich bestimmt, daß Sie die Zahl nur in der Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu imponieren, um den Namen des Generalkommissärs in den Mund nehmen zu können und uns zu zeigen, daß Sie mit den Verhältnissen der Personen vertraut seien, die jenes Haus besuchten. Hand aufs Herz: Ist's nicht so?«

»Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewiß.«

»Das glaube ich nicht.«

»Doch.«

»Pfui, schämen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der Lüge zu beharren. Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, um nicht zu sagen Nichtswürdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig gelegen, aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung läßt tief blicken. Sie zeigt, daß Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen, daß Sie nie eine Schwäche zugestehen wollen und es dabei aufs Äußerste ankommen lassen. In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst fragen, wie viele Enkel er hat. Sind es wirklich elf, so werde ich Ihnen gehörige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie in einer Weise beschämen, daß Sie an mich denken sollen.«

Caspar senkte ergeben den Kopf.

»Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch, lieber Freund«, begann Quandt nach einer Pause, während welcher man den Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte. »Es ist jetzt endlich an der Zeit, daß Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt, reinen Wein einschenken. Sie scheinen immer noch der Meinung, die ganze Welt stehe Ihrem Märchen von der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft gläubig gegenüber. Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum, lieber Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem rätselhaften Vorgang beschäftigt, aber nach und nach sind doch alle vernünftigen Menschen zu der Einsicht gelangt, daß sie das Opfer – lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden waren. Ich kann mir wohl denken, Hauser, daß Sie den Anschlag ursprünglich nicht so weit treiben wollten. Im vorigen Winter, als die Schrift des Präsidenten erschienen war, da zeigten Sie sich selbst erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an ein Kind, das ein bißchen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das ganze Haus in Flammen sieht. Sie fürchteten den Futterplatz zu verlieren, den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie mußten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten, wo Ihre verblendeten Freunde das Glück für Sie sahen. Prüfen Sie sich doch in Ihrem Innern, ob ich nicht recht habe.«

Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge.

»Schön; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen«, fuhr Quandt mit düsterer Befriedigung fort. »Es ist nun wieder still um Sie geworden, Hauser. Eigentümlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr recht um Sie kümmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor der angebliche Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet hat. Kein Mensch unter all den vielen Tausenden, welche die Stadt Nürnberg bewohnen, hat zur kritischen Zeit oder später eine Person beobachtet, die auch nur im entferntesten im Zusammenhang mit einer solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde glaubten trotzdem an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen Kerkermeister glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll. Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür gesetzt. Er wird wohl gewußt haben, warum. Und heute steht Ihre Sache so, daß Sie sich entschließen müssen. Ihre mächtigsten Gönner, der Staatsrat, der Lord Stanhope, die Frau Behold, haben das Zeitliche verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen Wink des Himmels? Es hat ja nun keinen Zweck mehr für Sie, die Fiktion aufrechtzuerhalten. Sie sind doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser, eröffnen Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!«

»Ja, was soll ich denn sprechen?« fragte Caspar dumpf und langsam, indes seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht lauter greisenhafte Falten entstanden.

Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere, steinkalte Hand. »Die Wahrheit sollen Sie sprechen!« rief er beschwörend. »Ach, Hauser, es ist ja ein Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen gespensterhaft aus jedem Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemüt ist bedrückt. Auf! die gequälte Brust, Hauser! Lassen Sie endlich einmal die Sonne hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die Wahrheit! Die Wahrheit!« Er packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm mit seinen Händen das Geheimnis entreißen.

Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll umher.

»Ich will Ihnen entgegenkommen«, sagte Quandt. »Knüpfen wir an ein Greifbares an. Als Sie nach Nürnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie trugen in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher, es waren alte Mönchsschriften, darunter eine mit dem Titel: ›Kunst, die verlorenen Jahre einzubringen‹. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat Ihnen die Bücher gegeben?«

»Wer? Der, bei dem ich gewesen.«

»Das ist ja klar«, versetzte Quandt mit erregtem Lächeln, »aber Sie sollen mir sagen, wie der hieß, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich doch nicht für so närrisch halten, daß ich glaube, Sie wüßten das nicht. Ohne Zweifel war es doch Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder ein Spielgenosse, gleichviel. Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich vor Gottes Angesicht. Und Gott würde fragen: Woher kommst du? Wo ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist? Wer hat dir einen falschen Namen angedichtet, und wie heißt du mit dem Namen, den du in der Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die Menschen zu täuschen? Was würden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte, zur Sühnung des verübten Trugs?«

Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze Welt verkehrte sich ihm.

»Was würden Sie antworten?« wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen Angst und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die verschlossene Pforte zu sprengen.

Caspar stand schwerfällig auf und sagte mit zuckendem Mund: »Ich würde antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.«

Quandt prallte zurück und schlug die Hände zusammen. »Lästerer!« schrie er mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und rief: »Hebe dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lügengeist! Hinaus mit dir, Infamer! Besudle meine Luft nicht länger!«

Caspar kehrte sich um, und während er nach der Türklinke tastete, krächzte hinter ihm die Wanduhr zehn Schläge in das Sturmgebrodel.

Seufzend, schlaflos wälzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen. Seine Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages suchte er sich Caspar wieder zu nähern. Aber Caspar blieb kalt und in sich gekehrt. Abends brachte Quandt das Gespräch auf den Regierungsrat Fließen; er sagte, daß er sich erkundigt habe, und rief Caspar scherzend zu: »Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn sind es! Na, sehen Sie, daß ich recht gehabt habe?«

Caspar schwieg. »Aber Hauser, Sie essen ja gar nichts mehr«, sagte die Lehrerin besorgt.

»Ich habe keinen Appetit«, erwiderte Caspar; »kaum daß ich angefangen habe zu essen, bin ich auch schon satt.«

Am Mittwoch, dem elften Dezember, kam Quandt verspätet und sehr erregt zu Tisch. Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen Auftritt mit einem Fuhrknecht gehabt, der in der bergigen Pfarrgasse sein Pferd zuschanden geschlagen hatte, weil es den schwer beladenen Wagen nicht zum Hafenmarkt hinaufziehen konnte. Quandt hatte dem rohen Kumpan Vorstellungen gemacht und einige hinzukommende Bürger zu Zeugen der unmenschlichen Quälerei angerufen. Dafür war der Fuhrknecht mit erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und hatte ihn angebrüllt, er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen kümmern, die ihn nichts angingen. »Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls bekannt, und ich werde dem Polizeileutnant darüber Meldung erstatten«, schloß Quandt. Er wurde nicht müde zu beschreiben, wie der armselige Klepper vor dem Gefährt immer wieder vergeblich an den Strängen gezerrt habe und wie das schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei. »Der Spitzbube«, grollte er, »ich werde es ihm zeigen, ein Tier so zu rackern.«

Nachher, als Caspar weggegangen war, fragte ihn seine Frau, ob es ihm denn nicht aufgefallen sei, daß Caspar gar kein Wort über die Geschichte fallengelassen habe.

»Ja, er war ganz stumm, es ist mir aufgefallen«, bestätigte Quandt.

Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn, die schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht, die er verfaßt hatte, in der Wohnung Hickels abzugeben. Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht zurück, der Polizeileutnant habe einen mehrtägigen Urlaub genommen und sei verreist.


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