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Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht

Schon lange hieß es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar Hauser an Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni den förmlichen Antrag an den Magistrat, ihm den Jüngling zu überlassen, er wünsche für seine Zukunft zu sorgen. Der Magistrat ließ durch den Bürgermeister erwidern: zum ersten, daß ein solches Ersuchen in pleno vorgetragen werden müsse; zum zweiten, daß der Lord vor allem den Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen müsse, damit die Stadt eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings habe.

Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf. Er ging zum Bürgermeister, zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Höfe, sogar vertrauliche Briefe hoher Fürstlichkeiten; Herr Binder, bei aller Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschluß des Kollegiums nicht rückgängig machen zu können.

Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast geladen war, seine Geringschätzung gegen das pedantisch-überhebliche Bürgerpack zu äußern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte, in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen Ärgers hinzustellen, machte die Sache doch böses Blut. Der Argwohn war einmal geweckt. Man wollte wissen, daß er in seinem Hotel häufig Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit denen er hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte. Wie kommt es überhaupt, fragte man sich, daß der angeblich so reiche und vornehme Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Fürchtet er am Ende, von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie sie im »Adler« oder im »Bayrischen Hof« wohnt? Dies schien plausibel, wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte, die irgendwer eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei.

Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Bürgermeister in seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen Geschäften, die ihn wegberiefen; bei seiner Rückkunft werde er den geforderten Vermögensnachweis vorlegen. Zugleich deponierte er fünfhundert Gulden in guten Scheinen, welche Summe ausschließlich für die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu verwenden sei. Der Bürgermeister wandte ein, daß eigentlich Herr von Tucher die Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse, doch der Lord schüttelte den Kopf und meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zuviel vorgefaßte Strenge, er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte Lebenspflanze könne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden. »Seien wir doch eingedenk, daß das Schicksal eine alte Schuld an Caspar abzutragen hat und daß es engherzig ist, immerfort hemmen und beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.«

Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten großen Eindruck auf den Bürgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern darüber aus, daß die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht werden konnten, und versicherte, daß die Stadt es sich stets zur Ehre rechnen würde, einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.

Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte ihm, der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch Caspar sei ausgegangen, müsse aber in Bälde zurückkehren, er möge zu warten geruhen. Ungeduldig schritt er in dem großen Salon auf und ab. Er nahm die Brieftasche heraus, zählte Geld, notierte mit dem Bleistift Ziffern auf ein Blatt, wobei er mit den Zähnen knirschte und der feine weiße Hals sich langsam dunkelrot färbte wie bei einem Trinker. Er stampfte auf den Boden, das Gesicht war förmlich aufgerissen, der Blick glitzerte. »Gottverdammte Bestien«, murmelte er, und auf den schmalen Lippen lag eine wilde Verachtung.

Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns. Oh, Herr Graf, muß der Vorhang des öffentlichen Theaters nur für eine Viertelstunde fallen, damit der Schauspieler, überdrüssig der gut gelernten Rolle, sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit verändere? Schade, daß kein Spiegel in dem Raum angebracht war, vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tür aufzugehen, und das Stück begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des Grafen? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von größerer Kunst gewesen? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor und macht selbst die Wände zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren noch Stimmen des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes Höhlengetier hatte noch Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit getroffen wurden.

Es scheint, daß der Lord ein schlechter Rechner war, denn die aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so daß er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne Posten auf ihre Richtigkeit prüfte. »Für Popularitätszwecke entschieden zu wenig«, sagte er mürrisch, eine Äußerung, deren Unbedachtsamkeit dadurch gemildert war, daß sie in englischer Sprache getan wurde. Dann noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhören, nicht wie aus einem geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Räuberdrama: »Wenn der Graue sich wieder blicken läßt, will ich ihn in den Schwanz kneifen; seine Beute ist wahrhaftig groß genug. Kronen sind keine Marktware, er mag ehrlicher im Teilen sein.«

Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine schlecht verschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind, und es gleicht einer Stimme, oder das Holz der jahrhundertealten Möbel zieht sich zusammen, und es klingt wie ein Schuß oder wie ein Miniaturgewitter. Zudem war Graf Stanhope abergläubisch; das Rieseln der Kalkkörner hinter den Tapeten erinnerte ihn an den Tod; wenn er mit dem linken Fuß ein Zimmer betrat, wurde ihm übel und ängstlich. Dies war hier geschehen; er nahm sich zusammen und schwieg, um so mehr, als er vom Flur herauf Caspars helle Stimme hörte; er begab sich wieder in seine Rolle, die Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück, er holte einen Band Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke, setzte sich in den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.

Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklärte Antlitz aus dem Dämmer tauchte, da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords, und eine plötzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde verwirrt, er lenkte den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das fremdere Wesen betroffen, ihn leise anrief, brach er das Schweigen; es lag nahe, die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzuführen, aber der Zustand inneren Zurückbebens und jähen Wankelmutes in solchen Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt, wenngleich er sich heute stärker als sonst fühlbar machte. Ihm war dann, als ob der Anblick des Jünglings den vorgesetzten Willen lähme, als ob mühsam aufgebaute Pläne zusammenbrächen, wie von einem Orkan gefaßt, so daß er das Werk wieder von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er glich dann der Penelope, die, was sie tagsüber kunstvoll gesponnen, bei Nacht wieder in seine Fäden trennte.

Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht beschwichtigt durch den Hinweis, daß sein eignes Wohl diese Trennung erforderlich mache, auch nicht durch die Versicherung Stanhopes, daß er so bald als möglich, vielleicht schon nach Verlauf eines Monats, zurückkehren werde. Caspar schüttelte den Kopf und sagte mit erstickter Stimme, die Welt sei gar zu groß; er umklammerte den Freund und bat flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener entlassen, er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er wolle wieder von Brot und Wasser leben. »Ach, tu es, Heinrich!« rief er unter Tränen. »Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?«

Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings. Der Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und verlieh seinen Worten größeres Gewicht. »Daß du so kleinmütig bist, Caspar, beweist ein kleines Vertrauen zu mir«, sagte er, »wie kannst du nur glauben, daß Gott, der uns endlich vereinigt hat, uns nun wieder voneinander reißen wird? Das hieße seine Weisheit und Güte verdächtigen. Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der Mensch findet sich zum Menschen durch ein auserwähltes Gesetz; halte du deine Bestimmung fest, so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde lang oder wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewißheit der Erfüllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird nicht ungeduldig. Auch mußt du dich beherrschen lernen, Caspar; Fürstensöhne weinen nicht.«

Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord führte Caspar zum offenen Fenster und sprach bewegt: »Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die Sterne durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns erkennen.«

Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, daß Caspar nachdenklich wurde und, feierlich gestimmt, sich der zügellosen Verzweiflung schämte, die keinen Zwang des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglückte Gegenwart in Kauf nehmen wollte. Es war, als spüre Caspar die höhere Notwendigkeit, welche die Schicksale steigert und heimlich ineinanderstickt; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in dieser Stunde zum Begreifen, und der Damm, der den Strom der Sehnsucht hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte Leidenschaft adelt den Jüngling zum Mann. Fürstensöhne weinen nicht: ein starkes Wort; der leise Windhauch, der die Vorhänge bauschte, flüsterte es nach.

Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte, daß er Eile habe, er wolle der Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er Abschied; Stanhope reichte Caspar einen kleinen, mit Goldstücken gefüllten Beutel; er gebot ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten und keiner Einrede Gehör zu leihen.

Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, daß Caspar ihm das Geld abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf, und er würde Gewalt angewendet haben, wenn nicht Caspar, eingeschüchtert durch Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen Freundes, klein beigegeben hätte. Doch verharrte er in dumpfer Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher außer sich. »Ich werde dich aus dem Haus stoßen«, rief er, nicht mehr fähig, sich zu beherrschen, »ich werde deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich endlich kennenlernen, du Schlack!«

Caspar, betrübt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu sollen. »Ach, wenn das der Graf wüßte, der würde Augen machen!« sagte er erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des Grafen läge, jedes Unrecht zu sühnen.

»Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig«, versetzte Herr von Tucher. »Wie oft hat er mir versichert, er habe dich zur Folgsamkeit und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen Wohltätern keinen Anlaß zur Klage zu geben. Du aber mißachtest sein Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig.«

Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts, eher vom Gegenteil; er bestritt daher, daß der Lord dergleichen gesagt habe. Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner, woraus ersichtlich ist, daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies, um Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls hintanzuhalten.

Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher war des unerquicklichen Kampfes müde; obwohl entschlossen, Caspar nicht länger zu behalten, verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur Rückkehr des Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein der Enttäuschung ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der Nähe von Hersbruck, wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte. Da es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam, brauchte er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen; er empfahl ihm fleißiges Eigenstudium, trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse, ließ ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem Abschied, die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des Hauses überlassend.

Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter Kreide auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verödete Gasse, in der die Sonne brütete, ließen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden. Gesellschaft hatte er keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen, zahlreicher noch, seit die passionierte Teilnahme eines Lord Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab, wurden nicht zugelassen, die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust.

Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm dann der Freund näher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die trennende Ferne. Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das, was Stanhope ihm anvertraut, zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen. Aber aus seiner Art, sie zu fassen, erhellte klar, daß er sich im mindesten nicht dabei zurechtfinden konnte. Es war ein Märchen. Er verstand nicht den Bau der Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen Gesellschaft. Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum: da wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war sein Wunsch, dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen erwachte; erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer ermessen, wie weit er von seinem Ziel verschlagen worden.

Anfang September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen, die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete. Seine Freude war groß, doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt, als könne es zwischen ihm und dem Freund nicht mehr werden wie vordem, als hätte die Zeit sein Antlitz verwandelt. Bei jedem Wagenrollen, jedem Läuten am Tor dehnte sich sein Herz bis zum Springen. Als der Erwartete endlich erschien, war Caspar keines Lautes mächtig; er taumelte nur so und griff um sich, wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord veränderte Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes Anderssein für später, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren Regung, in die der Jüngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch vielleicht, dem er Macht über sein Inneres zugestehen mußte und dessen Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das erbeutete Wild.

Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen gehabt habe. Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter mißgelaunt darüber. »Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?« erkundigte er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen Hundes: »Viel, immer!« Dann fügte er hinzu: »Ich habe sogar an dich geschrieben, Heinrich.«

»An mich geschrieben?« wiederholte der Lord verwundert. »Du wußtest doch meinen Aufenthalt nicht!«

Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte. »In mein Buch hab ich's geschrieben«, sagte er.

Der Graf wurde nervös, doch stellte er sich zutraulich. »In welches Buch? Und was hast du denn geschrieben? Darf ich's nicht lesen?«

Caspar schüttelte den Kopf.

»Also Heimlichkeiten, Caspar?«

»Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dir's nicht.«

Stanhope brach das Gespräch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

Er war wieder im »Wilden Mann« abgestiegen, doch lebte er anders als vorher. Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und trieb den größten Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu zeigen. Er brachte seine eigne Equipage mit, deren Räder vergoldet waren, während am Schlag Wappen und Adelskrone prangten. Als Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge, und diese drei Betreßten erregten das Staunen der Nürnberger.

Er säumte nicht, sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu erneuern. Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er, scheinbar nur nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rückkunft beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine Gebärde von Prahlerei, als seien so geringfügige Summen kaum der Rede wert; in der Tat aber waren die Akkreditive, von deutschen Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt, von riesiger Höhe.

Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche des Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage aufgeworfen: ja warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las Bürgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der Zuschrift des Grafen vor, worin es hieß: »Der Unterzeichnete fühlt um so mehr den Beruf, sich des unglücklichen Findlings anzunehmen, als er bei langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemüt in liebender Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.«

»Fragen wir also den Hauser selber«, hieß es, »man muß wissen, ob er Lust hat, dem Grafen zu folgen.«

Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklärte er, er sei überzeugt, daß der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal nehme, erklärte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch führen werde.

Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände, die aber nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich schließlich in einer einzelnen Stimme Gehör verschafften, welcher niemand zu widerstehen wagte.

Der übermäßige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern, rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein pomphaftes Auftreten mißfiel dem Bürger, der einer bescheidenen Lebensführung, auch bei Großen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer Verschwendungssucht, die nur die schlechten Instinkte des Pöbels nährte. Es erbitterte, wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit Absicht die belebtesten Plätze wählte und nach rechts und links Kupfermünzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Würde bar, vor dem in nachlässiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wälzte.

Man sprach davon, daß Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er gesichert schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es lief das Gerücht, der Lord dürfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer vorgeschriebenen Grenze.

Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt. Die Entwicklung der Dinge war ihm bekannt; er wollte für seinen Teil ein klares Ende herbeiführen. Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief, in welchem er ihn schließlich vor die Wahl stellte: entweder den Jüngling ganz zu sich zu nehmen und ihn, den Baron, damit seiner Verantwortlichkeitspflicht zu entheben, oder einen jährlichen Beitrag auszusetzen, welcher es ermögliche, Caspar einem verständigen und gebildeten Mann vollständig zu übergeben; in letzterem Falle müsse Seine Herrlichkeit allerdings die Güte haben, jedem Verkehr mit Caspar schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er seinerseits würde sich dafür gern verbinden, dem Lord regelmäßigen Bericht über Caspars Tun und Treiben abzustatten.

In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene Devotion vor. »Mit dem wärmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr, die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben«, hieß es unter anderm; »aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte Verehrung an den Tag zu legen, zu welcher mich ihre Herzensgüte und Ihr seltener Edelmut zwingen. Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft aufgefordert haben, und so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen Sinnes auf mit der Zuversicht, daß Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken werden. Caspar ist nicht der, für den Sie ihn zu halten scheinen. Wie konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennenlernen, da ihn ja im Umgang mit Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles erwartet, was sein Sinn begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht zu leuchten. Herr Graf! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man sie nur einem Gleichgestellten schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit, mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet hat und die von einfältigen Menschen hier noch großgezogen wurde, haben Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird jemals wieder daraus entfernen können. Ich bin von nichts weiter entfernt, als Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie inständig, auch nicht einen solchen finden zu wollen. Sie sind außer Schuld. Aber feststellen muß ich, daß während der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte, kein Anlaß war, mit ihm unzufrieden zu sein, während er seit Ihrem Aufenthalt dahier, ich sage es mit blutendem Herzen und mit der Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie, vortrefflicher Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.«

Eine solche Sprache mußte auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln. Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein, durch den Brief des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch überall in Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in Ansbach, die sich als notwendig erwiesen und worin er seine Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur während seines Lebens für Caspar Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung für den Fall seines Todes zu sichern, erwähnte er, daß zwischen ihm und Herrn von Tucher Verhältnisse eingetreten seien, die ihm für jetzt und künftig jeden Verkehr unmöglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, daß Caspar tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde.

Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der verhüllten Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war außer sich. Er teilte der Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief wörtlich mit, schilderte noch einmal und in düsteren Farben den unheilvollen Einfluß des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm, wie er sich ausdrückte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt ein Gutachten über die Person des Lords gewünscht, schrieb er zurück, er habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten Eigenschaften kennengelernt. Das Gerücht bezeichne ihn als sehr vermöglich, er selbst behaupte, eine jährliche Rente von zwanzigtausend Pfund Sterling, also dreimal hunderttausend Gulden, zu genießen, welches Einkommen ihn übrigens als Earl und erblichen Pair von Großbritannien noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze. »Vorausgesetzt, daß die hochlöbliche Kuratelbehörde genügende Sicherheit erlangt«, schloß er sein mächtig langes Schreiben, »auch solche, die über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschluß gibt, habe ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope, sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.«

Ein umständliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope zappelte schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des geschäftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle Hindernisse beseitigt, und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer Zähigkeit verfolgten Ziele nahe, als plötzlich alles wieder vernichtet wurde. Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto ein gegen die Entfernung Caspars aus Nürnberg. Er schickte einen Privatboten an den Bürgermeister Binder und ließ ihn wissen, daß er soeben von seiner Badekur in Karlsbad zurückgekommen und was am Werke sei, als vollkommene Neuigkeit vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm verworren und verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die auszuführenden Schritte gutgeheißen habe.

Der Bürgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das Briefchen Binders in seinem Hotel gerade, während man ihn rasierte. Er stieß den Bader beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem Seifenschaum auf seiner Wange, heftig erregt durch das Zimmer. Es dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder erinnerte. Er zerriß den Zettel, den ihm Binder geschickt, in hundert kleine Stücke und saß dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so voll Haß und Galle, daß die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte.

Zu spät bedachte der Graf, daß er sich vergessen habe; aber wie empfindlich mußte der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die eherne Ruhe und Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert werden konnte!

Mit fliehender Hand schrieb er einige Zeilen, schloß und siegelte den Brief, ließ den Jäger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug ihm auf, die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und Stelle zu bringen, kost es, was es wolle.

Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wußte, daß sein Herr sich nicht mit Späßen beschäftigte, Liebeshändeln und kleinen Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese Spannung eines gräßlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten Wettläufers, diese krampfhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht; man mußte eine verschwiegene Zunge haben, um die unbehaglichen Zutaten solcher Obliegenheiten vor einer wißbegierigen Welt bergen zu können, denn es hatte nicht selten den Anschein, als ob man der Mittler lichtscheuer Geschäfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets zurecht, doch jenes »Kost es, was es wolle« war ein bißchen aufschneiderisch, man erhielt nicht immer seinen Lohn, man mußte oft wochenlang warten und heimlich nach den Brocken haschen, die von der gräflichen Tafel abgetragen wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich, oder man wurde sogar um Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend, daß dem gräflichen Verlangen häufig nicht eben diensteifrig begegnet wurde, der vornehme Herr ließ in seiner Sprache eher etwas von Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken.

Woran hing das alles? Wohin liefen die Fäden, die dieses über den Pöbel erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften? Der edle Abkömmling eines edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke fristend, einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhängig von der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens Mark und Kern mit eignen Füßen in den Schlamm zu treten, das strenge Gedächtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben, wofür? Woran hing das alles?

Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die Trümmerstätte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in den Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Träger selbst nur noch wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das Entzücken der Salons von Paris und Wien gewesen war, als er reich gewesen und den Reichtum benutzt hatte, um seine maßlose Jugend damit zu sättigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und Gastmähler waren berühmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von Köchen, Sekretären, Kammerdienern, Handwerkern und Spaßmachern. Er hatte bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an die Frauen verteilen lassen. Er hatte während des Wiener Kongresses die Könige und Fürsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein Vermögen verschlangen, und Oratorien und Opern für eigne Rechnung aufführen lassen. Seine luxuriösen Launen hielten die Gesellschaft in Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgütern und seine Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der Timon des Kontinents gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drängte, die alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste bei ihm befriedigten. Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war sprichwörtlich geworden, seine Art, mit immer gefüllten Händen Gold um sich her zu streuen, achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche fiel, glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche Habgier.

Dann das Ende: Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten den unaufhaltsamen Zusammenbruch. Es war an einem Abend im Palais Bourbon, man hatte hoch gespielt, Stanhope verlor viele Tausende, um so bezaubernder wirkte sein unbefangenes Geplauder, das Feuer und die Anmut seines Geistes. Der Gesandte, Lord Castlereagh, trat zu ihm und machte ihm eine hastige Mitteilung. Man sah ihn erblassen, ein Lächeln von eigner Schwermut gefror auf den feinen Zügen, andern Tags reiste er. Er glaubte in der Heimat das zurückgezogene Leben eines Landedelmannes führen zu können, dies mißlang. Die Güter waren überschuldet, von allen Seiten drängten Gläubiger, außerdem graute ihm vor der Einsamkeit, haßte er die menschenlose Natur. Er floh. Der Glanz vergangener Zeiten mußte Fetzen borgen für ein Dasein, das allmählich von innen ausgehöhlt wurde durch die Angst um das nackte Brot. Es war still um ihn geworden; seine Wanderzüge waren eine Jagd nach den früheren Freunden und Genossen, aber auf einmal gab es keinen mehr, der nicht alles vorher gewußt hätte und aus sicherer Schanze heraus Verdammnis predigte. In einem römischen Hotel nahm er, verzweifelt, erschöpft, aller Hoffnung bar, Strychnin. Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn. Das Gift, das seinen Körper verlassen hatte, schien von seiner Seele Besitz zu ergreifen. Er rang mit dem Dämon, der ihn niedergestoßen; er wurde wild und kalt; seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm, die Schwächen seiner Umgebung zu benutzen. Er begab sich in den Dienst hoher Herren und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer Hintertreppen. Er wurde Emissär des Papstes und bezahlter Agent Metternichs. Bald war sein Name ausgestrichen aus der Liste der Untadeligen und jenen Abenteurern zugezählt, die an den Grenzbezirken der Gesellschaft eine gefürchtete Korsarenrolle spielen. Die außerordentlichen Talente, die er besaß, machten ihm keine Aufgabe schwer; der unablässige Zwang zu handeln, die Vielfältigkeit der Beziehungen erstickten die Stimmen des Gewissens und die Empfindung dunkler Schmach. Oben geächtet und bei aller Nützlichkeit gemieden, war er in den Niederungen noch immer der erlauchte Mann; er wurde ein geübter Menschenjäger und Seelenfänger; was dem Druck des Unglücks entsprungen war, wurde Metier; das unwiderstehliche, sanfte Lächeln: Metier; die edeln Manieren, das ritterliche Betragen, die gewinnende Konversation, die treffliche Bildung: alles Metier; jedes Zucken der Wimpern, jede Verbeugung war Geschäft; alles hatte Folgen, alles Ursache, ein nachlässiges Wort konnte das Mißlingen einer Aufgabe bedeuten und doch, wie entbehrungsvoll war ein solches Dasein, wie jämmerlich der Lohn! Und wie ging es bei alldem langsam bergab, ins Kleine hinein, als ob die Kette, an der er zog, von selber und ohne daß sie sich lockerte, Glied um Glied absetzte, um ihn in den Abgrund zu zerren.

Eines Tages hieß die Kriegslosung Caspar Hauser. Der Auftrag war deutlich, seine Quelle klar, die Umstände finster wie nichts zuvor. Man sagte: Du bist der rechte Mann, das Unternehmen ist schwer, aber einträglich, es scheint von geringer Bedeutung, doch Ungeheures steht auf dem Spiel. Die Verhandlungen wurden nicht von Gesicht zu Gesicht geführt, alles war hinter Vorhängen versteckt, jeder Mittler trug das Wort eines namenlosen Gebieters. Das Gespenstertreiben reizte die Phantasie, der Abgrund begann zu leuchten. Das Ausspinnen des Plans hatte etwas von Wollust; der seltene Vogel mußte meisterlich beschlichen werden.

Ja, der Auftrag war deutlich, er hatte Hand und Fuß. Du hast den Findling aus dem Bereich zu entfernen, in welchem er anfängt für uns gefährlich zu werden, lautete die Weisung; nimm ihn zu dir, nimm ihn mit in ein Land, wo niemand von ihm weiß; laß ihn verschwinden, stürze ihn ins Meer oder wirf ihn in eine Schlucht oder miete das Messer eines Bravo oder laß ihn unheilbar krank werden, wenn du dich auf Quacksalberei verstehst, aber verrichte das Werk gründlich, sonst ist uns nicht gedient. Unsers Dankes bist du versichert; wir notieren unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X.

Was war zu überlegen? Alle Not konnte zu Ende sein. Jedes Zögern machte schon mitschuldig; den untätigen Wisser zu beseitigen, war für jene ein Zwang. Es gab keine Wahl. Der Beginn des Unternehmens lag weit zurück: schon damals, wo man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt, hatte Stanhope Befehl, einzugreifen, falls der Anschlag, an dem er selber unbeteiligt war, nicht gelingen sollte. Die Roheit und Verworfenheit der angewandten Mittel schreckten ihn, beleidigten seinen guten Geschmack, rüttelten sein besseres Wesen auf. Er floh, er verbarg sich. Das Elend und drohender Hunger lockten ihn wieder ins Garn, und so machte er sich auf »aus weiter Ferne«, um sein Opfer zu betören.

Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein! Welch eine Stimme! Welch ein Auge! Was erschütterte den Verderber und riß ihn hin? Er wurde betört, er! Dieser Vogel verstand auch zu singen, das hatte der Netzeknüpfer nicht bedacht. Auf einmal sah er sich geliebt. Nicht wie Frauen lieben, das hatte er erfahren, das kann gewürdigt und auch vergessen werden, es liegt im Fluß der Dinge begründet, Zufall und Trieb haben gleichen Anteil daran; auch nicht wie Männer lieben oder Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt; Gesetz und Aneignung, Not und Wille binden die Kreaturen an ihresgleichen; doch im tiefsten Grund ruhen Wetteifer, Kampf und Feindschaft. Dies aber war anders, ungeahnt und wundersam rührte die Schönheit einer Seele an das ummauerte Herz.

Es gibt eine Sage, die von einem Land erzählt, wo nicht Tau noch Regen fiel, daher entstand Trockenheit und Wassermangel, weil nur ein einziger Brunnen war, der Wasser erst in großer Tiefe enthielt; wie nun die Leute zu verschmachten anfingen, da kam ein Jüngling zu dem Brunnen, der die Zither spielte und seinem Instrument so süße Melodien entlockte, daß das Wasser bis zur Mündung des Brunnens heraufstieg und im Überfluß dahinströmte.

So wie dem Brunnen erging es dem Lord, wenn der Jüngling Caspar bei ihm weilte und die süßen Melodien seines Wesens spielte. Sein Geist stieg aus der Tiefe, ein jammernder Blick flog rückwärts, Scham entzündete das bebende Gemüt, leicht schien es, das Übel ungeschehen zu machen, er fand sich selbst wieder, es strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der eignen noch unbefleckten Jugend entgegen, und so, wie er hätte sein können, wenn das Schicksal nicht sein Edelstes zermalmt hätte, so sah er sich genommen, geglaubt und verherrlicht. Und so wahr, so reich, so grundlos schenkend, daß der verruchteste Geizhals und Bösewicht seine Truhe nach Kostbarkeiten durchwühlt hätte, nur um sich der Qual der Verschuldung zu entledigen.

Aber er gab – nichts. Er konnte sich nicht selber geben, denn seine Person war zum voraus verschrieben, sein Leben war von denen bezahlt, denen er diente, bezahlt sein Tag und seine Nacht, bezahlt seine Reue, sein Unfrieden, sein schlechtes Gewissen. Er führte eine Tat im Schilde, die jede Falte seines Gesichts mit Lüge bemalte, aber bisweilen dachte er in Wirklichkeit daran, mit Caspar zu fliehen. Doch wohin? Wo gab es eine Ruhestatt für den Geächteten eines Erdteils? Ach, wenn er die stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses Antlitz ihm zugeneigt war, in dem der reine Glanz des Menschen wohnte, da fühlte er, daß auch er noch ein Mensch war, und er konnte in unermeßlicher Wehmut vor sich hin trauern. Dann vergaß er Zweck und Sendung und rächte sich an jenen, deren schuldiges Opfer er war, indem er hinwarf, was er von ihren Geheimnissen wußte, und doppelten Verrat beging. Er erfüllte Caspar mit Erwartungen auf Macht und Größe, das war seine Gegengabe, das Geschenk des Geizhalses. Ein Glück, daß der Zauber an Kraft verlor, wenn er von dem Jüngling entfernt war und er nicht mehr jenen fragenden Blick auf sich lasten fühlte, bei dem ihm zumute war, als sei ein Gesandter Gottes neben ihn hingestellt. Inmitten der finstern Überlegung und im Verfolg der furchtbaren Pläne schrieb er gleichwohl kurze, leidenschaftliche Briefchen an den Umgarnten, wie dies: »In der ersten Woche, da ich dich kennenlernte, hieß ich mich deinen Vasall; solltest du je für eine Frau dasselbe fühlen, was du für mich empfindest, so bin ich verloren.« Oder: »Wenn du einmal Kälte an mir bemerkst, so schreibe es nicht einer Herzlosigkeit zu, sondern nimm es für den Ausdruck jenes Schmerzes, den ich bis ans Grab in mir verschließen muß; meine Vergangenheit ist ein Kirchhof, als ich dich fand, hatte ich Gott schon halb verloren, du warst der Glöckner, der mir die Ewigkeit einläutete.« Es waren Wendungen im Geschmack der Zeit, beeinflußt durch Modepoeten, aber sie bekundeten doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste verworrenen Gemüts.

So hin und her gerissen, hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung. Er ließ geschehen, was geschah, und unterlag dem Anprall der Ereignisse, denn sie waren mächtiger als seine Entschlüsse. Er wußte, daß er sein schändliches Werk enden würde und enden müsse, aber er zauderte, und dies Zaudern gab ihm Zeit, sein Geschick zu beklagen. Er versuchte sich eine Ausrede vor dem Himmel zu schaffen, indem er betete, und vor dem Richter in sich selbst, indem er aus seinem Dasein ein Fatum machte. Den an Genuß und Wohlleben hängenden Geist beschwichtigte er durch den Sophismus, daß die Notwendigkeit stärker sei als Liebe und Erbarmen, und das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit einem billigen: es wird ja so schlimm nicht werden!

Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jägers die Unsicherheit seiner Lage immer größer, die Kosten des Aufenthalts wuchsen beständig, die Kreditbriefe nutzten wenig, sie waren einstweilen nur ein Aushängeschild, die Bedrängnis zwang ihn zu Taten, und er faßte den Entschluß, nach Ansbach zu reisen und mit dem Präsidenten Feuerbach persönlich zu unterhandeln.

An einem Samstag zu Ende November gebot er, eilends den Reisewagen instand zu setzen, und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus, daß Caspar sogleich zu ihm kommen möge. Er aber begab sich, nachdem er Auftrag erteilt, Caspar bis zu seiner Wiederkehr zurückzuhalten, auf einem Weg, wo er dem Gerufenen nicht zu begegnen fürchten mußte, selbst dorthin, ließ sich in Caspars Zimmer führen, gab vor, auf ihn warten zu wollen, und als er allein war, durchstöberte er in gehetzter Eile alle Schubläden, Bücher und Hefte des Jünglings, um einen vor Wochen von ihm selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden, in welchem ihm höchst unbedachte, auf die Zukunft Caspars bezügliche Bemerkungen entschlüpft waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte, denn schon hatte man ihn gewarnt, schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang gedroht.

Sein Suchen war vergeblich.

Da öffnete sich auf einmal die Tür, und Herr von Tucher stand auf der Schwelle. In seinem ängstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden Schritte überhört. Herr von Tucher sah mächtig groß aus, da sein Scheitel den oberen Pfosten der Tür berührte; in seiner Haltung lag ein schmerzliches Erstaunen, und nach einem langen Schweigen sagte er mit heiserer Stimme: »Herr Graf! Das sind doch nicht etwa die Geschäfte eines Spions?«

Stanhope zuckte zusammen. »Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir wohl mit Schweigen zu übergehen«, entgegnete er mit gelassenem Hochmut.

»Aber was soll das«, fuhr Herr von Tucher fort, »wie soll ich den Augenschein deuten? Mir ahnt, Herr Graf, eine innere Stimme verrät es mir, daß hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht.«

Der Lord geriet in Verwirrung; er preßte die eine Hand an die Stirn, und mit flehendem Ton sagte er: »Ich bedarf mehr des Mitleids und der Nachsicht, als Sie denken, Baron.« Er zog das Taschentuch aus der Brusttasche, drückte es vor die Augen und begann plötzlich zu weinen, wirkliche, unverstellte Tränen. Herr von Tucher war sprachlos. Seine erste Regung war ein düsterer Argwohn und der Verdacht, daß alle trüben und versteckten Redereien über Caspars Schicksal eines ernstlichen Grundes doch nicht entbehren mochten.

Stanhope, als ahne er, was in dem klugen Manne vorging, faßte sich schnell und sagte: »Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an. Ich tappe im dunkeln. Ja, es will in Worte gebracht sein, ich zweifle an Caspar! Ich vermag ihn nicht loszusprechen von gewissen Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Künsten …«

»Auch Sie also!« konnte sich Herr von Tucher nicht enthalten auszurufen.

»Und ich fahnde nach Beweisen.«

»Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schränken, Herr Graf?«

»Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen, die er mir vorenthielt.«

»Wie? Geheime Aufzeichnungen? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt.«

»Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden.«

»Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch, das er vom Präsidenten erhalten hat?«

Stanhope griff diesen Gedanken, der ihn aus der schiefen Situation halbwegs rettete, mit Vergnügen auf. »Ja, gerade dieses, ohne Frage dasselbe«, beteuerte er rasch, indem er sich zugleich gewisser verräterischer Andeutungen Caspars darüber entsann.

»Ich weiß nicht, wo er es aufbewahrt«, sagte Herr von Tucher; »ich würde auch Anstand nehmen, es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern. Im übrigen weiß ich zufällig, daß er vor einiger Zeit aus demselben Tagebuch ein Bildnis des Präsidenten, das sich auf der ersten Seite befand, herausgeschnitten und das Ihre, Herr Graf, an dessen Stelle gesetzt hat.« Damit langte Herr von Tucher nach einer Mappe, die auf dem Schreibpult lag, zog ein darin befindliches Blatt hervor und reichte es Stanhope. Es war Feuerbachs Porträt.

Der Lord sah eine Weile darauf nieder, und beim Anschauen dieser jupiterhaften Züge beschlich ihn eine nie gekannte Furcht. »Das ist also der berühmte Mann«, murmelte er; »ich bin im Begriff, ihn aufzusuchen, ich erwarte viel von seiner unbestechlichen Einsicht.« Doch alles, was er plante, der Weg dorthin, der Zwang, dem furchtbaren Blick dieser Augen standhalten zu sollen, versetzte ihn in eine Befangenheit, deren er nicht Herr werden konnte.

»Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzückt sein, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte Baron Tucher höflich, und da Stanhope sich anschickte zu gehen, bat er ihn, dem Präsidenten seine verehrungsvollen Grüße zu übermitteln.

Zwei Stunden später sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstraße dahin. Es war ein arger Sturm, in Wellen und Spiralen krümmte sich der Staub empor, der Lord kauerte, in Tücher eingehüllt, in der Ecke des Gefährts und wandte keinen Blick von der herbstlich-trübseligen Landschaft. Doch sein krankhaft leuchtendes Auge sah weder Felder noch Wälder, sondern schien die Ebene nach verborgenen Gefahren zu durchspähen. Das Auge eines Besessenen oder eines Flüchtlings. Als kurz vor dem Städtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hörbar wurde, drückte er die Hände gegen die Ohren, wandte sich ab und stöhnte seine zur Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens. Danach saß er wieder aufrecht, hart und kalt wie Stahl, ein Hexenlächeln um die dünnen Lippen.


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