Johann Heinrich Voß
Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier? (1)
Johann Heinrich Voß

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Meine Frau schrieb an Gleim, ihr habe der Graf gesagt: »Die Ansicht meiner Ode sei abscheulich; denn sein Bruder Fritz glaube nicht eine allein seligmachende Kirche! man müsse duldsam sein, schonend sein; ihn jetzt an die Pflichten, die er den Kindern schuldig sei, zu erinnern, wäre grausam, brächte ihn leicht zur Verzweifelung.«

Die »abscheuliche Ansicht der Ode« war, daß jenen abscheulichen Satz sein Bruder bis jetzt nicht glaube, daß die listige Sirene, die, Hussens Verbrennung nicht gut zu finden, dem Protestanten Claudius verargte, ihrem Leo die Abscheulichkeit des Satzes verschleiert habe; daß er aber, nach kurzer Frist, ihn in seiner ganzen Abscheulichkeit glauben müsse. Weniger mild schrieb Lavater dem katholisch gewordenen Fritz: »dieser mir abscheuliche, dir nun heilige Glaube«, nämlich an ausschließende Beseligung. Und Fritz antwortete ihm, grade was ich für seine Gesinnung bis dahin hielt. »Nicht der wahre Geist der katholischen Kirche hieß Andersdenkende verfolgen, verfluchen, verbrennen.« Sechs Jahre nach dieser Milchnahrung war er zu derberer Kost erstarkt. In seiner Religionsgeschichte, B. I. S. XVII – XX, lehrt der reif gewordene Papist: Nur seine Kirche biete die Gnadenmittel; kein Andersmeinender habe Ansprüche auf Seligkeit, am wenigsten der Verfasser der »Warnung« (dessen Ausdrücke er braucht); denn ärger und gefährlicher, als Gott und Unsterblichkeit leugnen, sei dessen »im Staube seiner Schule« ergrübelter und mit entwandtem Reize der Offenbarung geschmückter Unglaube. Das waren Stolbergs letzte Empfindungen, die er öffentlich über mich äußerte. Mit anderen Empfindungen über ihn sprach zuletzt meine »Ode an Jacobi«, mein Lied »An einen Verirrenden« und »Der trauernde Freund« und nach solcher Verdammung mein dreizehnjähriges Stillschweigen.

Von Stolberg mir eine so kaltherzige, so bittere, so hohnvolle Verdammung! Kein bedaurender Laut für den armen Grübler des Schulstaubes, den er jahrelang Freund genannt, den seine Agnes geliebt, dessen Christentum in der »Luise« und in der dreistündigen Unterredung ihm Tränen entlockt, ihn zu heiteren Gefühlen erwärmt hatte! Unmöglich nahm sein Herz Anteil an der grausamen Verdammung; es war bloß eine befohlene Glaubensformel, die er, wie den Fluch auf Illuminatenspuk, gläubig mit ungläubigem Herzen nachsprach. Verdamm er denn, was sein Glaubensherr als arg und gefährlich ihn verdammen heißt, freie Vernunft, freien Gebrauch der Offenbarung. Wir, unserm göttlichen Herrn getreu, üben das Gebot: Verdammt nicht, daß ihr nicht verdammt werdet. Wir möchten mit den abweichenden Brüdern einträchtig schon hier, wir werden gewiß dort anstimmen den Engelgesang: Ehre sei Gott in der Höhe! Friede auf Erden! und den Menschen ein Wohlgefallen!

Da auch Graf Christian die Hand abzog, so war für unsere Ruhe gesorgt, wenn wir uns einschlossen und sagten: Werde denn katholisch, wer es nicht lassen kann! Aber noch einen Versuch glaubten wir unserer Agnes schuldig zu sein, daß nicht ihre evangelischen Kinder unüberzeugt die päpstliche Lehre bekennen müßten. Ich meldete das Geschehene dem Fürstbischof und bat ihn, den Vater zu verständigen. Auch dessen so gewichtvolle als herzliche Zurede blieb ohne Wirkung. Zum Dank für mein wohlmeinendes Bemühn, verleumdeten mich Stolbergs Angehörige bei Hensler, ich hätte den Fürstbischof zu bereden gesucht, daß er dem Vater die eigenen Kinder mit Gewalt wegnehme.

Woher solche Erbitterung auf uns alte Freunde, die es für Pflicht hielten, Stolbergs Kinder, und Agnes' Kinder und unsere Lieblinge, zu bewahren, auch mit Aufopferung unserer Ruhe, vor der schrecklichsten Tyrannei, vor Glaubenszwang! Stolberg selbst schrieb zwei Jahre vorher als Kirchspielvogt: »Wer mir an meinen Glauben (er sprach vom Lutherischen) tasten will, ins Herz greift mir der! und besonders wenn ich meine evangelisch getauften und evangelisch unterrichteten Kinder vor mir sehe!« Er konnte sich ja einen Altgläubigen nach Augsburgischer Konfession aussuchen, einen Zögling von Kleuker oder aus Wöllners Begünstigten, worunter gewiß mancher ehrlich hinglaubende war, einen durch Lavater Begeisterten, einen der achtungswürdigen Herrnhuter. Gewissenhafter als der Familienbund handelte in dieser Sache, wenn das Gerücht Wahrheit meldete, sogar Kleuker. In einem Briefe an unseren Heinrich wird er gelobt, daß er St. wegen der Kinder in Kiel dringend ermahnt und nachher noch eine eigene Reise deswegen nach Eutin gemacht habe. Wenn es wahr ist, ward auch der, weil er Ungerechtes und Schädliches abwenden wollte, unduldsam genannt?

Am natürlichsten erklärt sich der starrsinnige Eifer des Vaters und der Angehörigen durch Gleims Vermutung: die Söhne waren katholisch bereits im Junius. Daher ihre für Gleim rührende Betrübnis; daher ihre Verlegenheit zu antworten, ihr ängstliches Hinblicken zum Vater; daher auch ihre Eingezogenheit in Eutin. Meine Frau schrieb am 17. August: »Stolbergs Kinder werden sehr gehütet; sie sind noch zu keinem Menschen gekommen.«

Stolbergs Angehörige äußerten keine Mißbilligung seiner Tat, keinen Wunsch, daß sie ungeschehn sein möchte. Nur daß andere mißbilligten, bedauerten, noch Ungeschehenes abwenden wollten, dem Stürmischen, der mit verstörtem Gesicht sich himmlischer Ruhe und verzeihender Demut rühmte, aus dem Wege gingen: das, das war der Familie unerträglich, das schalt man fürchterliche unchristliche Intoleranz. Selbst der Fürstbischof, der bis zur Bettlägrigkeit litt, und der biedere gefühlvolle Graf Holmer wurden getadelt, daß sie den Erbarmungswürdigen nicht einluden wie sonst. Auch nahm man's übel, daß der Fürst dem ehrenvollen Abschied nicht ein Gnadengehalt hinzufügte.

Für uns ward Stolbergs Herz noch zweimal bewegt. Er hatte gegen Dorgelo geklagt, daß Voß und Jacobi ihn »von sich stießen«. Als er am folgenden Tage die Geburt eines Sohnes ansagen ließ, schrieb ich ihm: »Halte den nicht für Unfreund, der seitwärts geht, weil er nicht helfen kann. Segen dem Geborenen.« Stolberg antwortete: »Dieses Wort von Ihnen, vielleicht Ihr letztes an mich in dieser Welt, war ein freundliches. Es ging nicht verloren. Herzlichen Dank und Gottes Segen über Sie, über die liebe Ernestine und alle Ihrigen.« Eines Nachmittags, da wir durch die Stadt in den Schloßgarten gehn wollten, begegnete er uns auf der Brücke, mit dem ältesten Sohn ins Feld reitend. Unseren stummen Gruß erwiderte er, rot im Gesicht, mit gesenktem Blick. Wir sahn ihm gerührt nach, er uns. So schieden wir.

Allgemein war das Erstaunen und das Mitleid, daß ein Mann wie Stolberg so tief sinken konnte; allgemein die Verwunderung über die Angehörigen: wie gleichgültig sie von dem Abfall sprachen, wie lobpreisend von des Abgefallenen echtchristlichem Gefühl, von dem anhaltenden Ernst und Kampf seiner Prüfung, von seiner Energie, seiner Aufopferung, seiner Duldsamkeit, und, wenn einer für den einst herrlichen Mann es anders wünschte, wie heftig, wie ergrimmt sie auffuhren, mit den bittersten Vorwürfen der Unduldsamkeit. Sehr wahrscheinlich ward das verbreitete Gerücht, es würden bald mehrere des Familienbundes sich als Römisch-Katholische bekennen.

Was blieb den Freunden übrig, als sich zurückziehn? Jacobi flüchtete nach Hamburg bis zur Abreise der Ungestümen, Graf Holmer nach seinem Landgut; wir, sobald wir konnten, hinter Kiel zu unseres teilnehmenden Esmarchs stiller Wohnung am Meer. Das Unwesen, das man mit der Bekehrungsgeschichte trieb, war selbst dem schwachsinnigen Herzog in Plön anstößig und ärgerlich. Er hatte bisher allerlei Papsttum für sich geübt; jetzt verwarf er den katholischen Kram und wollt es mit der reformierten Religion versuchen.

Den 21. Sept. schrieb ich an Gleim: »Da steht das große Kind, das sein Mütlein gekühlt hat und forttrotzt; und um ihn her die hätschelnden Streichler, die seine Kraft und sein durchfahrendes Köpfchen anlächeln und den bedenklichen Zuschauer schelten, der nicht mithätscheln will! Jacobis runde und tüchtige Erklärung gegen den Unsinn hat viel anderes wieder gutgemacht. Er hielt es bisher für weise, durch halbe Einräumungen sanft belehrend, in der Mitte zu stehn, und verdarb es mit der Vernunft und mit der Unvernunft. Er wird sich hüten vor künftigen Vermittlungen. Klopstock hat den dringenden Zumutungen, St. zu sehn, sich gefügt; wie einst bei Lavater, den er artig und kalt aufnahm. Seine Bedingung: Kein Wort von Religion! diesen stummen Verweis hat St. sich gefallen lassen. Claudius tadelt den Übertritt; die allmählich fortgeschrittene Übertretung mißkannte er. Der römische Katholik, der vorlängst in Reden und Taten, in Gedichten und in der Aufruhrschrift des vorgeblichen Kirchspielvogts tätig war, schien ihm ein evangelischer Glaubensheld. Er hat, als er Stolbergs Absicht bei der Reise nach Münster vermutete, ihn gebeten, er möchte fortfahren, das wahre Christentum zu verteidigen, aber kein Ischer werden.« – Gleim antwortete mir, ihm habe ein lutherischer Prediger gesagt, daß der Hr. Graf Leop. Stolberg katholisch geworden sei, das sei doch sehr unartig. »Leider (fügt er hinzu) sind Zeichen der Zeit, die vermuten lassen, daß unsere evangelischen Prediger gern auch Bischöfe wären. Doch schweige die ganze protestantische Christenheit, so wollen wir reden!«

Verklärte Seelen, Jacobi und Claudius, die ihr Freunde mir Mitwallenden wart, es mehr sein werdet dem Mitverklärten, aus euren reineren Höhn der Wahrheit hör ich die holde bekannte Stimme: Sei brav! verhehle nichts, was uns Irrenden entfuhr, damit der Schaden geheilt werde und verziehn.

Der Michaelistag war zu St. Abreise bestimmt, und zwar nach Münster, nicht, wie es einmal hieß, nach Dresden. Einige Tage vorher wurden wir von der Gräfin Luise St., Christians Gemahlin, bestürmt, Abschied zu nehmen; zuerst meine Frau in beweglichem Tone der Empfindung, ich am folgenden Tage in rauhem und fast gebietrischem. Wir erklärten, daß wir einer wehmütigen Szene, auch mit einiger Gefahr, uns hingeben wollten, wenn St. sie wünschte; aber in unserem Hause, woher allein freundliche Erinnerungen ihn begleiten könnten. Die Gräfin verlangte es in St. Hause. »Auch das«, sagte ich, »aber in St. Zimmer; gegen die Gemahlin, die nie unsere Freundin war und die der Fürstin Pläne begünstigt hat, können wir wohl Vergessenheit üben, aber nicht heuchelnde Höflichkeit.« Plötzlich, mit Miene und Laut der Geringschätzung, wandte sie mir den Rücken und ging.

Das Folgende aus dem Briefe meiner Frau an Gleim vom 6. Oktober: »Weiterem Andringen zu entgehn, schrieb ich an St. selbst, wie es mein Herz fühlte; und Voß billigte den Brief. Lesen Sie:

›Ein mündliches Lebewohl müssen wir uns nicht sagen, liebster St., aus Schonung für Sie und uns. Es wäre nur eine erschütternde Szene, die keinem wohltätig, aber leicht einem von uns nachteilig sein könnte. Sie sehen genug, die über Ihr Losreißen weinen; warum sollen Sie auch uns noch sehn? Ihr eigenes Herz soll für uns zeugen, daß kein Haß und keine Bitterkeit uns zurückhält. Wer kann den alten St. so innig lieben als wir? wer kann es tiefer fühlen als wir, daß er nach und nach aufhörte, der alte zu sein? Aber unsre Schuld ist es nicht, wenn wir fest daran glauben, daß der alte der bessere war. Diesen alten St. werden wir, so lange wir leben, mit der innigsten Anhänglichkeit lieben. Wir werden sein Andenken wie das Andenken eines Geschiedenen rein in unserm Herzen zu erhalten suchen und es auch so in den Herzen unserer Kinder fortpflanzen. Wir werden sein oft mit Sehnsucht gedenken; und wann wir uns dort wiedersehen, wo Agnes ist, werden wir ohne Reue und ohne Scham darüber, daß wir jetzt uns zurückziehn, die Augen gegen ihn aufschlagen. Inniger als wir soll sich keiner freuen, wenn Sie da Ruhe finden, wo Sie jetzt sie suchen. Gott lasse Ihre Kinder zu Ihrer Freude gedeihn, lasse sie wahrhaft gute Menschen werden, lasse sie einst Ihre Asche segnen. Voß fühlt sich jetzt wieder gestärkt; er war vierzehn Tage lang völlig abgespannt; die Reise und Henslers Mittel haben ihn so weit wieder hergestellt, daß er seine Stunden hält, und sich wohl fühlt, wenn er sich schonet. Daß ich nicht wohl bin, kann Ihnen Kätchen sagen. Dies bestimmt uns noch mehr, nicht Abschied zu nehmen. Es wäre ja in jeder Rücksicht der bitterste Abschied, den wir je genommen. Ihre Blumen sollen mir ein heiliges Andenken sein, ich habe einige von den besten zurückbehalten. Ist die Moosrose aus Ihrem Garten noch nicht versagt, so schicken Sie sie mir: sie soll wie Agnes' weißer Busch gepflegt werden. Ich habe mich diesen Sommer so oft daran gefreut, wie sie so schöne Knospen trieb. Gott segne Sie und die Ihrigen. Vergessen werden Sie uns nie, das weiß ich. Wir umarmen Sie mit herzlicher Liebe.« –

Kätchen sagte mir, der Brief habe ihn gerührt; er ließe uns herzlich grüßen, die Unruhe der letzten Tage hindere ihn zu antworten. Am letzten Nachmittage brachte mir Kätchen folgende Antwort:

›Also kein mündliches Lebewohl, weil Sie und V. es nicht wollen. Von meiner Seite auch keine Vorwürfe, keine Erwiderung der mir gemachten. Ich würde Ihnen beiden meine Ideen über Toleranz nicht beibringen können und muß es ertragen, wenn Sie glauben und mir sagen, daß ich schlechter geworden bin; wenn Sie glauben, daß unser Abschied eine erschütternde Szene sein würde; wenn Sie glauben, das Zeugnis meines Herzens dafür anrufen zu müssen, daß kein Haß und keine Bitterkeit Sie zurückhalte. – Liebe Ernestine! mein Herz gibt Ihnen das Zeugnis, daß dieser fürchterliche Intolerantismus nicht in Ihrem Herzen ist. – Mir ist, seit ich katholisch bin, kein alter Freund darum weniger wert geworden, so wie auch kein Protestant, dem das Christentum wirklich heilig und lieb ist, sich darum von mir entfernt hat. – Jacobi, der dem Atheisten Fichte sein Haus in Pempelfort anbot, schloß mir hier das seinige. – Jede liebevolle Erwähnung meiner seligen Agnes tut meinem Herzen wohl. Ich drücke Ihnen in Gedanken die Hand dafür, daß Sie sie in Ihrem Briefe nennen. – Mögen wir uns wiedersehn, dort, wo sie, die hienieden schon zum Engel reifte, unser harret! – Gott sei mit Ihnen und mit Voß und mit Ihren Kindern! – Ich umarme Sie beide mit Wehmut und mit herzlicher Liebe. F. L. St. – Ich freue mich, daß Sie den Moosrosenbusch werden blühen sehn.‹ –

O wie gut, daß wir mit der mündlichen Unterredung verschont blieben, wir Unchristen, denen dieser Christ die Möglichkeit, selig zu werden, wünscht! Er hat uns durch unsre Kinder, die Abschied nahmen, noch einen Gruß gesandt, sie nicht. – An dem Tage, da St. abreiste, machte V. ein Begräbnislied. Ich leg es bei. – Jacobi, der am Donnerstag zurückkam, erzählte, einer von St. Vorfahren sei katholisch geworden und nachher wieder Protestant. Voß möchte das gern bestimmter wissen.«

Ich selbst schrieb am 27. Oktober: »Unsre Stürme sind überstanden; aber die Gestade liegen voll Wrack, und ein Freund ist verloren! Nicht bloß abgestorben, nein, Unfreund geworden mit den Seinigen. Das Geklätsch voll Entstellungen und Unwahrheiten, das aus dem Hause des einst so Geliebten ausging, klatscht noch in Kiel, in Kopenhagen, in Hamburg und wo nicht sonst? Wohl uns, daß die unnachbarliche Nachbarschaft aufhört und wir einem ruhigen Winter entgegensehn!«

Intolerant! schrien über uns Stolberg und Stolbergs Verwandte und Anhänger, auch sonst viele der weisen Weiblein und Männlein, die, gleichgültig um Wahrheit und Recht, dem Vornehmeren hold, mit sanftmütigem Herzen ausstehn. Intolerant! ich, dem Stolberg in Ulm »verfluchte Toleranz« vorwarf! Christkatholische Brüder lieb ich, wie alle, die in unschädlichen Meinungen abweichen: ich selbst, mit Luther, ein altchristlicher Katholik. Aber papistische Unduldsamkeit muß jedem Duldsamen ein Greuel sein. Ein protestantischer Geistlicher, der das Vergnügen der Ketzer Jagd sich selbst nicht versagte, hat drucken lassen: »Die wahre Toleranz muß auch Intoleranz dulden!« – Die noch wahrere Toleranz duldet nicht nur, sondern will, daß man Intoleranz nicht dulde. Ein so kindisches Wortspiel bei einer so ernsthaften Sache! Von Papisten gebraucht, ist es ein mehr als kindisches: ein arglistiges.

Auch manchem Papisten durch Geburt schwebt die unmenschliche Verfolgungslehre nur auf der Lippe, das menschliche Herz widerstrebt, wovon die Geschichte der vertriebenen Salzburger rührende Beispiele zeigt. Anders ist es mit gewordenen Papisten. Solcher zudringlichen Konvertiten, die selbst der Katholik meistens nur wie getaufte Schacherjuden schätzt, mich zu erwehren, entwarf ich die Inschrift für mein Gartenhaus:

Redlicher Katholik,
tritt herein.
Du, der die Vernunft abschwur,
neumystischer Papist,
bleib draußen.

Wem ekelt nicht vor der angenommenen Demut, der neulichen Seelenruh, dem noch unbehülflichen Augendrehn solcher Kaltherzigen, die, das heiligste Band zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern, Verwandten, Freunden, ja zwischen Mann und Weib zu zerreißen, sich zum Verdienst anrechnen? »Meine Schwester«, so rief eine selbstgefällige Phantastin, »hat der wahren Religion sich selbst durch tödlichen Gram geopfert; ich meine Mutter!« – Unter den redlichen Katholiken hab ich Freunde und Freundinnen; selbst Overberg war mir wert, bis er sich Täuschung erlaubt hatte. Vor 38 Jahren schrieb mir ein gelehrter Benediktiner, er möchte seiner verfolgungssüchtigen Religion entsagen, wenn ihm meine Freunde nur ein mäßiges Amt verschaffen könnten. Ich antwortete: Das Amt fände sich wohl; aber bleib, wo die Vorsehung dich anstellte, und hilf zur Religion der Liebe durch Lehr und Beispiel die Irrenden zurückführen. Ein katholischer Landpfarrer sandte mir vor zehn Jahren von seinen geopferten Ostereiern ein Teil und ein Rehziemer dabei, zum Opfer, wie er sich ausdrückte, für mein Grünauisches Gedicht. Er lebe, schrieb er, in brüderlicher Freundschaft mit einem lutherischen und einem reformierten Pfarrer; jede Andeutung von alleinselig werde gedämpft mit dem Ausruf: Dort auf die Bank!

Während wir zu Eutin, nach sieben qualvollen Jahren, unsere alte Ruhe im Inneren und im Äußeren wiederfanden, suchte der Geschiedene seine Beruhigung dort, wo mit der Gallitzin ihr Fürstenberg, einst als Aufklärer berühmt, dunkelte; wo ein Bund von Adligen und Priestern Roms, zum Hohn der deutschen Denkfreiheit, halbviehische Trappisten ansiedelte, ja vor gläubigem und ungläubigem Pöbel sogar ein Wunder hervorbrachte, bescheiniget von den Angesehensten, worunter Friedrich Leopold Graf zu Stolberg! – Laßt es doch fortwundern, fromme Herrn! Der Münstermann hat gesunden Verstand; bald wird der noch gläubige Pöbel euch in das Antlitz schaun.

Der Übergang von einer falschen und verdammungswürdigen Religion zu der allein wahren und alleinseligmachenden sollte doch wohl mit eigenem Glanz echtchristlicher Tugenden, wogegen die scheinbarste Ketzertugend zu Laster wird, wie mit einer Glorie umleuchtet sein und makellos aller der Unlauterkeit, die der Erste der Verdammten, jener durch Hochmut aus einem Engel des Lichtes zu einem Nachtdämon herabgesunkene Vater des Lugs und Trugs, in die Welt brachte. Was für Umstände begleiteten die letzten Schritte Stolbergs in den Tempel, außer welchem alle Anstrengungen zum Besseren verloren sind? Laßt uns zurückblicken.

Im Frühling 1798 lärmte Fritz Stolberg als lutherischer Kirchspielvogt; im Sommer sprach er von einem papistischen Hauslehrer; gegen den Herbst bracht er den Pfaffen mit und trachtete, mit der Miene großmütiger Schonung, den wahrhaft lutherischen, in Luthers Geist evangelischen Lehrer, seinen vieljährigen Freund – anzuschwärzen. Im Winter 1798 bis 1799 stand auf seinem Arbeittisch ein gräßlich gebildetes münstersches Kruzifix. Im Winter 1799–1800, da er dem Superintendenten die evangelischen Lehrpflichten mit Doppelsinn einschärfte, lästerte er Luthers Reformation. So war die letzte Annäherung zum Tempel der Alleinseligmacherei. Und wie war der Eintritt, dessen heroische Energie zu bewundern die Seinigen kaum Atem genug fanden? Verdeckt und heimlich, als schämt er sich vor sich selbst.

Verheimlicht ward uns durch falsche Angabe die Fahrt nach Münster. Verheimlicht vor Gleim der geschehene Übertritt; verheimlicht von St. selbst, auch nach der schreienden Behandlung seiner evangelischen Tochter, und verheimlicht auf Stolbergs Befehl von der Schwester, die doch dem armen Gleim mit zudringlicher Anpreisung der katholischen Religion und der Jesuiten die Geduld ermüdete. Als Gl. von Fremden benachrichtiget war, entschuldigte sich Kätchen mit zwei unverträglichen Angaben, wovon die der plötzlichen Bekehrung falsch war, und sprach von geheimer Intention. Das gute Kätchen! Sie hätt ihr redliches Herz gern erleichtert, durfte nicht, wollte zum voraus rechtfertigen, wiederholte, was aus Eutinischen und Emkendorfischen Gesprächen von Katholischsein und Jesuiten ihr nicht übel schien, und kam in die Klemme, vorzüglich mit der Intention. Auch uns durfte sie das Geheimnis zuerst nur ankündigen und nach einigen Tagen nur halb enthüllen, so daß wir wähnten, ihr Bruder käme vom Katholischwerden aus Münster her. Ob die Söhne katholisch waren, blieb dunkel.

Wozu dies ängstliche Geheimhalten, dies Beschönigen, dies Hinundherreden wie mit Bewußtsein einer Schuld? Wenn St. in der Absicht, ein römischer Katholik zu werden, nach Münster ging oder wenn dort (was falsch ist) ihn plötzlich der Entschluß überwältigte – in beiden Fällen mußt er ohne Verzug unserem Fürstbischof und dann aller Welt freimütig und getrost bekennen: Ich habe für mein Herz Ruhe gefunden in der katholischen Religion. Was hielt den Zagenden zurück? was bewog ihn zu Täuschungen, die eines Biedermanns, zumal eines durch die ausschließende Himmelsreligion geläuterten, unwürdig sind?

Über so sorgfältig verheimlichte Mysterien, wo man das Göttlichste der Menschheit, freie Vernunft, abschwur, sind Vermutungen erlaubt. Wie wenn auch die Reise nach Münster Maske war? Wie wenn der Übertritt früher und an einem ganz anderen Orte geschah? Irrt die Vermutung, so lüfte die Familie selbst den Schleier und bringe so viel Widerwärtiges in Einklang, der sowohl Herz als Verstand befriedige.

Schon vor der Münsterschen Fahrt, schon am 5. April 1800, schrieb Lavater an Stolberg den Brief, der so anfängt: »Du wirst, lieber Fritz Stolberg, gewiß nicht erschrecken, von Lavater einen kleinen Brief zu erhalten – den ersten nach Deiner mir nicht schwer begreiflichen so genannten Glaubens- und Religionsänderung.« Am 5. April!

Dieser Brief Lavaters, samt Stolbergs Antwort darauf, ward im Jahr 1802 den »Freimütigen Bemerkungen über das Antwortsschreiben des Grafen Stolberg« vorgedruckt von dem Herausgeber, der sich »Freund des grauen Manns« unterschreibt. In der Vorrede sagt er: »Der Leser mag sich versichert halten, daß diese Briefe von ganz sichern Händen kommen und hier unverfälscht in der genauesten Abschrift zum Abdruck eingeliefert worden.«

Unverfälscht! Für verfälscht also muß gelten ein wesentlich verschiedener Abdruck, der aus Schmidts »Allgem. theolog. Bibliothek«, B. 5. St. 3, aufgenommen ward in die »Neuen theolog. Annalen, März 1802, S. 78. Hier sind Stellen, die der Stolbergischen Partei unangenehm sein konnten, mit anderen vertauscht oder weggelassen. Gleich das Obige z. B., damit man nicht dächte, St. habe an seinem bisherigen Glauben weniges zu ändern gehabt, ward abgekürzt: »nach Deiner mir nicht schwer begreiflichen Religionsänderung.« Lavater nennt die katholische Kirche »ein altes reichbeschnörkeltes Gebäude«; der Änderer, ein reichlich beschenktes. Der Sturz dieses Gebäudes, sagt Lavater, »würde ein Sturz »alles kirchlichen Christentums sein«; der Änderer, des Christentums, wie ein Papist sagen muß. Lavater sagt: »Ich werde nie katholisch, d. h. Aufopferer meiner Denkens- und Gewissensfreiheit«; die anstößige Erklärung läßt der Änderer weg. Lavater spricht gegen den Satz einer alleinbeseligenden und unfehlbaren Kirche und fügt hinzu: »Ich denke, Du habest diese Einwendungen selbst gemacht und sie sein Dir auf eine für Dich genugtuende Weise beantwortet worden«; das bedeutende »für Dich« übergeht der Änderer. Lavater wünscht seinem Fritz »alle Tugenden der Gallitzin, der Droste, der Katerkampe, der Sailer, Fénelons«; statt der drei münsterschen Namen gibt der Änderer eine Lücke, mit der Anzeige, jene Namen sein in der Abschrift unkenntlich. Lavater schließt: »Adieu, Ewiglieber! Grüße die Engel in Menschengestalt, die dich umgeben. Noch leide ich sehr und täglich mehr an den Folgen meiner Verwundung. Lavater.« Alles nach »Ewiglieber!« unterschlägt der Änderer aus gegründeten Ursachen.

In den obigen Änderungen verrät sich ein münsterscher Papist, dem der Tadel seiner Religion und die Erwähnung der münsterschen Engel bei dem verdeckten Spiel mißfällig war. Weil nun in der echten Abschrift, die St. voll leichtsinniger Freude über Lavaters Billigung verstreut hatte, auch Lavaters Datum auf unwillkommene Vermutungen führen konnte, so setzte der Verfälscher in seine zum Druck beförderte statt des 5. Aprils den 4. Oktober über den Brief, und vor einen Absatz, den er mit »Ich sage mehr noch« begann, den 5ten. Dies nötigte ihn, was L. von seiner Verwundung sagt, wegzulassen. Denn Lavater, verwundet den 26. Sept. 1799, war schon sehr krank im August 1800 (Rinteln, »Theol. Nachrichten«, 1800. S. 308) und starb den 2. Jan. 1801. Schwerlich demnach schrieb er im Oktober einen so langen ausführlichen Brief. Auch hütete sich der Verfälscher anzumerken, daß eine unechte, mit dem 5. April bezeichnete Abschrift umherginge; das hätte Verdacht und schlimme Nachforschungen geweckt. Denn für die Echtheit der Abschrift mit dem 5. April zeugt die Natur der veränderten Stellen ebenso stark als die Versicherung des Vorredners, der gar keinen Grund hatte zur Verfälschung wie jener Papist, ja der die Wichtigkeit seines Datums nicht einmal ahndete.

Wenn also, nach dem Ausspruche der strengen Logik, Lavater am 5. April, und nicht am 4.–5. Oktober, sein erstes Schreiben an den katholisch sich bekennenden Fritz Stolberg erließ; wenn damals neulich des im Herzen schon längst katholischen Fritz Stolbergs »so genannte Glaubens- und Religionsänderung« geschehn war: zu welcher Zeit wäre sie wohl geschehn? und an welchem Ort? Alle Spur weiset zurück in den Zeitraum zwischen der Mitte Februars und dem 4. März 1800, und zwar nach der gräflichen Wohnung in Emkendorf, wohin Stolbergs von Ingrimm gegen Luther entflammtes Herz schon im Dezember sich gesehnt hatte. In Emkendorf, der längst geschäftigen Schmiede für Geistesfesseln!

Es läßt sich denken, daß, jene so große, so energische Handlung des Bruders Fritz dem lieben Lavater zu verkündigen, eine der frommen Seelen aus Lavaters treuem Zirkel nicht säumig war. Lavaters Antwort ward nach Münster bestellt; denn über Münster, sobald Frühling und Amtsgeschäft es verstatteten, nach Wernigerode und Karlsbad zu gehn, schien so erbaulich für das katholisch gewordene Ehepaar als notwendig, um der Religionsänderung Zeit und Ort den Nachfragen zu entziehn. Gegen den Mai also dachte sich Lavater die Wallfahrt nach Münster, wo er seinem Fritz als katholische Tugendmuster die Gallitzin, die Droste, die Katerkampe empfiehlt und ihm Grüße an die umgebenden Engel in Menschengestalt aufträgt.

Ich habe wiederholt nachgerechnet und andere mit mir, das Ergebnis ist gar zu auffallend. Wer möchte gern Unrecht tun? wer, was schlimm genug ist, noch verschlimmern? Wenn es gleichwohl anders sein sollte, so tragt die Schuld ihr, aus deren Gewebe von Täuschungen man nicht herausfinden kann ohne die Annahme: Friedrich Leopold Stolberg und seine Gemahlin verleugneten den evangelischen Glauben um den Anfang des März in Emkendorf. Daß man nichts für die Anwesenden schlösse, ward die Vermutung erregt, es sei zu Münster im Mai oder im Julius geschehn; aber, so weit möglich, ohne wörtliche Unwahrheit: der Nachforschende sollte sich selbst täuschen. So blieb das Gewissen mit noch schwererer Last verschont.

Die Phantasie sträubt sich. In Friedrich von Reventlows Wohnung zu Emkendorf, dem Heiligtume des rein protestantischen Glaubens nach dem Augsburger Bekenntnis, hier ein entlegenes Zimmer, geweiht zum Allerheiligsten für die Geheimnisse des Glaubens, der, rein von allem Protestieren, den Machtsprüchen des römischen Stuhls huldigt? Hier Weihkessel und Rauchfaß? hier von Wachskerzen erhellt das Münstersche Kruzifix und in schimmernder Monstranz, was Stolberg in dem Briefe an Lavater praesens numen, gegenwärtige Gottheit, nennt? Hier auf dem gesegneten Stein aus Münster, stolz im Priesterornat, jener düstere, einem Trappisten vergleichbare Pfaff, und vor ihm mit demütiger Gebärde Fritz Stolberg samt seiner Sophie? abschwörend den göttlichen, durch Luther wieder errungenen Glauben der Bibel, die St. von nun an nicht lesen darf ohne Vergünstigung? abschwörend, was den Menschen über das Tier erhebt, wodurch der Mensch Gottes Ebenbild ward, die heilige Vernunft? O der tiefen, der jammervollen Entwürdigung!

Gern mag auch in Münster der Maimonat die entketzerten Seelen mit einer Nachheilung erquickt haben, etwa mit dem Chrisam der Firmelung, oder womit sonst ein römischer Weihbischof die letzte Makel des Anathema zu tilgen pflegt. Noch heute geht das Gerücht, daß dem betörten Stolberg die dortigen Wundertäter durch Bischofswerdersche Kunst das Bild seiner Agnes gezeigt, die ihn versichert, sie sei in der Todesstunde plötzlich bekehrt worden, und jetzt im Fegfeuer harre sie der ewigen Seligkeit. Und woher anders als durch vorgespiegelte Erscheinung war St. ihrer herannahenden Seligkeit so gewiß? In seiner Antwort auf Lavaters Brief beteuert er: »Mit Ruhe und Wonne denk ich an den Engel in weiblicher Gestalt, den Gott vor 12 Jahren an Deinem Geburtstage von meiner Seite weg hinüber in das bessere Leben rief. Sie ist früher katholisch geworden als ich, um 12 Jahre früher ein Mitglied der großen allgemeinen Kirche zu sein, deren Kinder teils hienieden streiten – teils in läuternden Flammen büßender Liebe, dennoch selig in gewisser Hoffnung, ihre Litaneien, – teils am Throne Gottes und des Lammes, wie Ströme großer Wasser, ihr Halleluja singen.« – Für sich selbst, der noch hienieden streitet, hofft er nur »gegen Sicherheit gewarnt, mit kindlichem Vertraun auf Gottes Erbarmung«, er werde vielleicht einstimmen in das brausende Halleluja, »da ich (sagt er daselbst) mit Furcht und Zittern meine Seligkeit suchen soll und also nicht weiß, ob ich ewig jauchzen werde.« – Meiner Frau schrieb er zuletzt den erz-papistischen Wunsch: »Mögen wir uns wiedersehn, dort wo sie, die hienieden schon zum Engel reifte, unser harret!« Mich aber, den ärgsten und gefährlichsten der Ungläubigen, erklärt er in seiner Religionsgeschichte alles Rechts auf die Seligkeit verlustig: unbarmherziger als Overberg, der doch für meine Rettung die Augen rollte.

Mir schwillt das Herz bei dem Gedanken, wie unserer Agnes holde Gestalt entweiht wurde durch ein nachgegaukeltes Schattenbild in betäubendem Dampf mit Merkmalen des gefabelten Fegfeuers. Glauben sie an Unsterblichkeit, die verworfenen, auf Lug und Trug sinnenden Sklaven Roms? Glauben sie, daß Gutes nach dem Tode belohnt werde und Böses bestraft? Oder haben sie vom Guten und vom Bösen so zerrüttete Vorstellungen, daß sie den Himmel durch Teufelskünste zu verdienen hofften? Unsere Agnes, die holdselige, die reine, die heilige, durfte nicht eingehn in Gottes Himmel, nicht eingehn einmal in ein läuterndes Vorparadies; wenn sie nicht, die Unschuldige, noch am Torschlusse des Lebens – katholisch ward! Ohne diese unerläßliche Bedingung mußte die kindlichste Engelnatur brennen im satanischen Gehenna! mußte von Qual sinken zu graunvollerer Qual, von Verdammnis zu endlos fortwachsender Verdammnis! Ihr unmenschlichen Priester des Hildebrandischen Roms!

Ja, bei Gott dem Allbarmherzigen! wir werden uns wiedersehn, Stolberg und Agnes und Ernestine und Voß, unschuldiger dem Guten nachstrebend und dadurch seliger als einst in dem schönen Seetal Eutins! Aber welche Scham, welche Reue, du betörter Stolberg, wird deiner Seligkeit vorangehn!

Jenes ängstliche Vertuschen der Zeit und der Umstände, jenes, mehrere Monate lang, unstete Reden und Tun, bei Lavaters 5. April, macht es allerdings wahrscheinlich, daß die Szene der Abschwörung in Emkendorf war. Wenn wir demnach, bis die Stolbergische Partei all das erwiesene Flunkern zu rechtfertigen sich bequemt, das Wahrscheinliche wenigstens als möglich annehmen dürfen, dann drängt sich die Frage auf: Wer mochte wohl Zeuge sein der geheimnisreichen Zeremonie? Wer, als Augenzeuge, bewunderte am lautesten die seitdem so überschwenglich gepriesene Energie des Sprungs in Hildebrandischen Geistesfron? Wer empfand die gewaltigsten Schauer, die seligsten Entzückungen bei der Wunderschau der heiligen Gebräuche, als durch das Fiat des düsteren Römerpfaffen der Rest kalter Vernunft in brünstige Glaubseligkeit zerschmolz, als alles auf Vernunft und Offenbarung gegründete Nein Nein in ein gebotenes Ja Ja, mithin Negatives in Positives und Protestieren in Unterwerfung sich verwandelte? Reizte die angestaunte Energie gar keine Nachfolge? Hatte die Reise der frommen Julia nach Dresden, und ihr Verweilen daselbst, durchaus keine Beziehung auf ihr Herz?

Doch sei es mit dem Bekenntnis wie es wolle, den Geist der papistischen Religion darf die Familie nicht ableugnen. Welcher Papist in Protestantengestalt konnte wohl unbetroffener und beifälliger sprechen von Stolbergs Übertritt? obgleich der Drang zu dem Übertritt, ohn einige Vorahnung der nächsten Angehörigen, bei einem absichtlosen Besuch in Münster, wie ein Blitz aus heiterer Luft, ihn überrascht haben sollte! Welcher Papist konnte gleichgültiger und störrischer von sich weisen, daß Stolbergs noch für evangelisch ausgegebene Söhne durch billige Vorstellungen bewahrt würden vor gewaltsamem Aufdringen einer anderen, ihrem nicht mehr unmündigen Begriff anstößigen und verhaßten Religion? Welcher in Protestantengestalt eingefleischte Papist konnte die Gutmütigen, die noch retten wollten, was zu retten war, wütiger anfahren, schamloser und hämischer verlästern?

Wie mein Flehn, um Agnes' willen die Söhne vor Zwang zu schützen, von Christian Stolberg erwidert ward, ist oben bemerkt worden. Derselbige Graf Christian war's unter anderen, der meinen Gang zu dem mitfühlenden Fürstbischof verleumdete. Derselbige Graf sandte dem Dichter Georg Jacobi, dem Bruder des Philosophen, in sein poetisches Taschenbuch, als Freundesgeschenk, eine Art Ode, worin ein Adler zur Sonne flog zum Verdruß eines Pfaus und einer Nachteule. Der Adler war sein Herr Bruder im Schwung zur Sonne der Gallitzin; der stolzende Pfau – Friedrich Jacobi, der hochadlige Gesellschaften nicht, wie er sollte, mied; die Nachteule – Voß, dem die Familie, eifersüchtig auf angeborenen Geist, doch in der Wisserei des Schulstaubes einiges Grübelgeschick zugestand; und die Idee dieser Schwungode war aus einem Titelkupferchen vor seines Bruders Jamben entlehnt, wo ein emporblickender Adler sich über kritisches Geflügel in die Höhe schwingt. Dies Freundesgeschenk ließ der arglose Georg Jacobi drucken und empfand schmerzlich die Hinterlist. Der selbige Graf Christian Stolberg, als ich einen Ruf, in Würzburg ein Seminar für höhere Schullehrer zu errichten, nach langem Sträuben auf Bedingungen angenommen und bald nachher, durch jesuitische Pfaffen geschreckt, wieder aufgekündiget hatte, gab in den »Hamburger Correspondenten« ein von der »A. L. Zeitung« zurückgewiesenes Sinngedicht des Inhalts: ein Fuchs, nach der Traube springend, habe sie nicht erhascht. Die Wohnung im Traubenlande hätt er mir vielleicht noch verziehn, ohne den Zweck meiner Anstellung.

Etwas kräftiger, und nicht so heimlich, ging der Emkendorfer Herr Graf Friedrich von Reventlow zu Werk. Bernstorffs Freund Johann Andreas Cramer, berühmt durch Gedichte, geistliche Reden und vielseitige Gelehrsamkeit, hatte zuletzt als Kanzler in Kiel die verfallene Universität hergestellt, und fast alle Fächer mit tüchtigen, großenteils vortrefflichen Lehrern besetzt, auch dabei für die Landschulen der Herzogtümer ein Seminar gestiftet, dessen Vorsteher Müller durch Kenntnisse, Lehrgaben und Redlichkeit sich großes Verdienst um die Volksbildung erwarb. Auf gleiche Art beförderten Göttingens Gedeihn vielkundige und weltberühmte Anordner wie Haller, Mosheim, Gesner und der hier achtungswürdige Heyne unter dem Schutz einsichtsvoller Staatsmänner. Cramers Beschützer Bernstorff, ein wissenschaftlicher, nach alter Weise streng erzogener Staatsmann, hatte, wie Hensler mir oft bezeugte, mit ihm in Göttingen rechtschaffen studiert und vermochte, nach Cramers Tode, den Bau seines Freundes in dessen Sinne zu unterhalten. Als Bernstorff im Jahr 1797 zu den Unsterblichen gegangen war, erhub sich, durch Geburt und Verbindung, zur Pflege der Gelehrsamkeit Friedrich von Reventlow unter dem Titel Kurator der Kielischen Universität. Auch er hatte, was ich ihm bezeugen kann, in Göttingen ein wenig studiert, aber nicht viel. Obgleich er dort manchmal, wie sein Freund Haugwitz, unsere Versammlungen mit seiner Gegenwart zu beehren pflegte, so hatten wir doch seine Herablassung, seinen grellstimmigen Witz, seine Fertigkeit, ins Lächerliche zu verdrehn, nicht sehr anziehend gefunden. Später, sagt man, bildete er auf Reisen und Gesandtschaften seine geselligen Tugenden, die Feinheiten neuerer Politik und was die Weltleute Geschmack nennen; welchen Geschmack er durch Ankauf von Gemälden, durch Gartenanlagen, durch Gastfreiheit gegen einen Jacobi (Graf Christians Pfau!) und andere Namhafte, trotz ihrer Gelehrsamkeit, an den Tag legte.

Mit solchen Auszeichnungen geschmückt, übernahm Graf Fr. von Reventlow die Leitung einer gelehrten Anstalt, einer Gesamtschule für alle dem Menschen und dem Bürger wohltätigen Wissenschaften. Er dachte vielleicht: Ein Edelmann leitet mancherlei Anstalten mit Fug; er ist geborener Kurator des Marstalls, Kurator der Jagd, des Schenktisches, der Vergnügungen; warum nicht auch Kurator einer Universität?

Sehr wohl! wenn er die Männer von Cramers Wahl, nach Bernstorffs Beispiele, fortarbeiten ließ, gerechte Wünsche und Bedürfnisse von ihnen anhörte und beförderte, etwa entstehende Lücken mit nachgewiesenen Tüchtigen ausfüllte, auch wohl den Ernst der Gelehrsamkeit zuweilen durch einen scherzreichen Schmaus erheiterte. Was für das Ganze der Universität, an welche die Landeskinder auf zwei Jahre gebunden sind, der Herr Kurator getan habe, gehört nicht hieher. Sein Hauptzweck, weshalb er sich zudrängte, war Theologie und Volksbildung. Hier waren noch alle Lehrstühle besetzt mit Lehrern, die Cramer gewählt hatte, noch allesamt in frischer und gesegneter Tätigkeit. Und diesen gesundesten Teil der Cramerschen Anordnung getrauete sich der Herr Kurator für schadhaft zu erklären mit Kennerblick und durch Hausmittel und Arcana von heroischer Natur zu – kurieren.

Es wäre sehr gegen den guten Ton, wenn ich mit Erörterung alles dessen, was ein Gottesgelehrter bedarf, mit morgenländischen Sprachen, Sitten, Volksmeinungen, mit dem, was Jesus von Nazareth bestritt und lehrte; was dann die Kirchenväter gegeneinander behaupteten und verketzerten durch Gründe und durch Gewalt; wie dann der römische Bischof die Obergewalt allmählich erschlich, päpstlichen Betrug auf Betrug häufte und die menschenfreundlichste Religion in die menschenfeindlichste verwandelte; wie man darauf durch freie Untersuchung und vernünftige Auslegung der schwierigen Urkunden die ursprüngliche Lauterkeit der christlichen Religion herzustellen begann, nicht endigte – wenn ich mit allem dem die Geduld der Exzellenz ermüden und ihr ein feines Belächeln ablocken wollte. Mit angeborener Urteilsfähigkeit meisterte der Herr Graf Doktoren der Theologie, den Anordner Cramer und dessen Angeordnete, worunter ein Geyser war.

Den Cramerschen Theologen bestellte der Graf, oder half bestellen, zum altprotestantischen Zionswächter und zum Mitprüfer ihrer Lehrlinge den Rektor Kleuker, einen Günstling der Gallitzin und des noch heimlichen Papisten Stolberg. Denn eigentlicher Kurator war er noch nicht, sondern nur tätiges Mitglied des Familienbunds, der, nach Bernstorffs Tode, den von der Gallitzin entworfenen Ritterzug gegen evangelische Denkfreiheit unter Stolbergs Anführung mit dem Agendensturme begann. Auf diesen Unterschied pocht der vornehme Beantworter des »Sendschreibens an Friedrich von Reventlow«, 1805, dessen biederen Urheber er, der Namlose, als Namlosen verhöhnt und weiterhin, weil er der Regierung sich genannt habe, einer »ungebührlichen Vertraulichkeit« straft.

Ebenso früh hatte man Müllers Seminaristen durch ausgestreuete Verunglimpfungen von den Dorfschulen entfernt zu halten gestrebt. Später im Jahr 1801 erschien unter dem Titel »Ehrenrettung der Kieler Seminaristen« eine dem »Schreiben des Kirchspielvogts« ähnliche Schmähschrift gegen das Seminar, worauf die Regierung Müllers Verantwortung foderte. Er gab sie mit zahlreichen Belegen, bat um Erlaubnis des Drucks und erhielt – keinen Bescheid. (Siehe das Schreiben aus Holstein in der Beilage.) Plötzlich im Anfang des Jahrs 1805 ward Müller, ohne Urteil und Recht, durch des Kurators Zurede genötigt, die Leitung des Seminars aufzugeben und Professor der Philosophie und der Theologie zu werden: eine Kränkung, die dem armen, durch treue Arbeitsamkeit geschwächten Mann eine tödliche Krankheit verursachte. Seine mehr als zwanzigjährige musterhafte Amtsführung, sagt der Sendschreiber, war nach dem einstimmigen Urteile landeskundiger Männer sehr segenreich für die Volksbildung. Dagegen ruft der vornehme Antworter: »Lebt nicht Müller-Sokrates noch? lehrt noch? steht noch unerschüttert, nur auf dem höheren Katheder? geachtet, verehrt wie immer, den guten Ehlers uns ersetzend?« – Der herzlose Höhner, den ich mir leibhaft denke, wie er in faunischem Behagen sich die Hände reibt!

Statt dieses allgemein geachteten und von seinen Seminaristen nach dem Tode jüngst durch ein Denkmal verehrten Lehrers berief der Herr Graf (»nicht als Kurator«, schreit der vornehme Beantworter, »sondern als Oberaufseher des Seminars«), er berief, sag ich, ein gar rüstiges Werkzeug, das kaum eine Gallitzin zweckmäßiger gewählt hätte – Wöllners berüchtigten Glaubensknecht, Hermann Daniel Hermes, der nun ein Achtzigjähriger war. Den berief er, nicht nur zum Vorsteher des Seminars, sondern durch Macht der Familie – zum Oberaufseher des gesamten Kirchen- und Schulwesens! Das tat Friedrich von Reventlow, ein durchaus nicht schwärmerischer, ein sonst wohl überlegender Mann! Das wagte die Handvoll Scheinprotestanten einem wahrhaft evangelischen Volke durch Mißbrauch der anvertraueten Fürstengewalt zu bieten! Aber wie sehr hatte die Schlauigkeit sich verrechnet! Die Stimmen des Erstaunens, des Unwillens, des Abscheus waren so laut, so allgemein, daß Hermes die Oberaufsicht der Kirchen und Schulen nicht erhielt und in kurzem, weil er zu arg faselte, völlig entlassen ward. Worauf auch der Herr Kurator von seiner nicht preiswürdigen Verwaltung abtrat.

Ein Beispiel, wie weit Erbdünkel selbst die Klügeren verleiten kann! Gewandt in Künsten der Politik, kaltblütig genug und nicht ohne Gefühl des Lächerlichen, wagte sich der Mann in den Geisteskampf mit so ungleichen Kräften, mit solcher Verblendung für die klar bevorstehende Schmach der Niederlage! Neben Wöllner im Gerüchte zu prangen, hielt Friedrich von Reventlow nicht unehrenhaft. Daß nicht ganz Deutschland ihn mit jenem zusammennennt, das macht der Winkel, worin er sein Wesen trieb, und die Kürze des seinem, obgleich abenteuerlichen, doch weit gelehrteren und kräftigeren Vorbilde lächerlich nachgeäfften Versuchs. Unsere Zeit, ihr Sprößlinge des Barbartums, ist zu hell für ein papistisches Possenspiel. Die lustige Person, der Teufel selbst, schämt sich am Tageslicht seines Gehörns, seiner Scharlachzunge und des zottigen Klumpfußes.

Weltzerrüttende Völkerschlachten hatten das armselige Ketzerscharmützelchen bald verdunkelt. Kaum aber schwand die Angst vor Napoleon, dem Würgengel der Hochgeburt, als im Jahr 1816 jener scheinprotestantische, vom Papisten Stolberg begeisterte Adelsbund einen neuen Angriff auf die evangelische Denkfreiheit begann. Anlaß bot diesmal die im Jahr 1815 unter Adlers Zensur gedruckte Altonaer Bibel mit Anmerkungen vom Konsistorialrat Funk in Altona. Diese Ausgabe fand Beifall im Volk, nirgends Anstoß; und wenn ja, so stand jedem frei, sich eine andere zu kaufen. Dennoch ward sie für aufgedrungen und ketzerisch ausgeschrien. Zuerst schrie ein Namloser in einer auswärtigen Monatschrift. Hierauf erhielt Funk eines Namlosen freundliche und dann vornehm drohende Auffoderung, etwa ein halb Schock Blätter, wo es ketzerisch roch, umzudrucken. Bald folgten die gedroheten Angriffe von Kleuker und mehreren Gehetzten, abgewehrt von tüchtigen Verteidigern; und endlich, dem zudringlichen Adel willfahrend, beschloß die Regierung im Jahr 1817 den Aufkauf des verketzerten Buchs, ohne Funks und Adlers Rechtfertigung zu vernehmen, und verbot eine neue Auflage. (Umständlicher das Schreiben aus Holstein in der Beilage.)

Was will denn jener frömmelnde Adelsbund mit seiner zudringlichen Geflissenheit für das, was ihm altprotestantischer Glauben dünkt? Wie ward er so besorgt für das geistliche Wohl des Volks, dessen leibliches ihm so gleichgültig ist? wie so eiferig für die Seelenruhe, die nirgends gefährdet ist, Unruh im Staate zu erkünsteln? Wenn sein Laienverstand in der neuen Agende, im Kieler Seminar, in der Altonaer Bibel, Anstößiges, seinem Katechismus Entgegenes argwöhnte, warum nicht auf gesetzlichem Wege Belehrung oder Recht gesucht? Warum bei der Agende das niedere Volk zum Widerstand gegen die Regierung erregt, bei dem Seminar und der Bibel die Regierung zu Gewaltstreichen gegen die Besseren des Volks? Sichtbar ist das papistische Bestreben, die evangelische Kirche, die nicht Machtsprüche in Religionslehren erkennt, dadurch zu überwältigen, daß man die Anhänger des Augsburgischen Buchstabs aufwiegele gegen die herzlichen Bekenner der Christuslehre: Gott anbeten im Geist und in der Wahrheit. Man wünscht Trennung in altgläubige und neugläubige Protestanten; die letzteren will man als gefährliche Vernünftler ausrotten durch List und Gewalt und jene, die man echtlutherische nennt, weiter bearbeiten. Solche Trennung empfahl schon im Jahr 1805 der junkernde Namlose, der den Kurator Reventlow und dessen Organ Hermes gegen den biederen Sendschreiber verantwortete.

Gewiß, den meisten Adligen in beiden Herzogtümern, auch manchem der alten Ritterschaft, wird dieser Plan der Verbündeten ein Abscheu sein. Wer demnach bei hochadligem Geblüt ein hoch-edles Gemüt, wie Luther und Luthers Geistgenossen, zu haben vorgibt, wohlan! der bequeme sich zum Schibboleth und singe mit uns:

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,
Und steur des PAPSTS und Türken Mord!

Will's nicht heraus, schwatzt er von unchristlicher Intoleranz; so wollen wir singen, was Luther in unserer Zeit singen würde:

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,
Und jage Papst und Junker fort!

Denn wütender und arglistiger als jemals der Türk droht jetzt der Junker den erleuchteten Völkern finstere Barbarei.

Der Prediger Harms, ein gewiß wohlmeinender und, so weit Einsicht es verstattete, wohlwirkender Mann, wird staunen, zu welchem Zweck man ihn mißbrauchen wollte, und sich besinnen, zu welchem Zweck ihn der Vater des Lichts mit Gaben gerüstet hat. Er, ein Diener des lauteren Evangeliums und nicht menschlicher Überlieferung wende sich gegen die heimtückischen Zwingherrn, welche statt ihrer jüngst auf Befehl der öffentlichen MeinungGraf Christian Rantzau in seiner »Darstellung der Leibeigenschaft«, 1796, empfahl freiwillige Entsagung des barbarischen Unfugs. »Denn die Stimmung unsers Zeitalters heischt diesen Schritt, und die Klugheit rät uns, ihn zu beschleunigen.« Darauf erklärten die Gutsherren dem Könige: »Zwar hat die allgemeine Stimme, besonders aber der Gutsbesitzer selbst, zu diesem Schritte die erste Veranlassung gegeben.« S. Anmerkungen zu meiner Idylle »Die Erleichterten«. entlassenen Leibeigenen jetzo sogar Geisteigene verlangen. Er bekämpfe mit uns die Erbfeinde der bürgerlichen Gesellschaft, die, grausamer als Berittene der Vorzeit, unserem Himmelsgute, wodurch der Mensch vom vernunftlosen Geschöpf zum Engel strebt, hinter dem Busch auflauren. Kurz wird der Kampf des Geistes mit den Lichtscheuen sein; denn all ihr Tun ist Schleichen und Unverstand.

So weit sind einzelne der Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft hinter anderen Staatsbürgern zurück an Einsicht und an Liebe des gemeinsamen Vaterlands! Sie fragen nicht, ob Dummheit dem Staate Gedeihn bringe, was doch schon eine Vergleichung der Marschbauren mit ihren vormaligen Leibeigenen lehren kann. Sie wollen dumm machen, damit sie fortgelten für erbklug zu den ersten Ämtern des Staats, dessen Bürger, dessen Gelehrte ihnen Spottnamen sind, dessen Lasten ein wenig mitzutragen, sie für großmütige Aufopferung erklären. Sie verlangen Erbrechte ohne Erbpflichten; sie verlangen vom Staat nicht nur Schutz, sondern Vorzüge, ausschließende Vorzüge, ohne zur Macht und Ehre des Staates beizusteuren mit Gut, Arbeit und Geist. Nicht für Gemeinwohl regt sich ihr angeborener Mutterwitz, nein, einzig für ihr besonderes Wohlbefinden, für zechfreien Mitgenuß, für unbeschränkte und ungeschmälerte Wegprassung des Leckersten. Dies Erbdrohnenrecht begeistert sie wie den Griechen Freiheit und Vaterland; dies fortzuerben auf ihre Dröhnlinge, reizen sie umeinander das Volk auf den Fürsten, den Fürsten auf das Volk; dies zu verteidigen, ergeben sie sich dem dunkelnden Papst und dem anarchischen Satanas. Wann dort die nahe Verfassung zur Sprache kommt, die weisen Räte des Fürsten sowohl als die Verständigen des Volks werden auf ihrer Hut sein vor der Anmaßung und dem heimlichen Betrieb dieser Eigensüchtigen.

Seht da die Agendenstürmer, die Verkümmerer einer Cramerschen Lehranstalt für Theologie und Pädagogik, die Verwahrloser des Unterrichts, die Mitdunkler eines Hermes und Kleuker, die Verketzerer, die Anstifter von Gewaltstreichen, ohn andere Anklage als die ihrige, ohne zugelassene Verteidigung! Seht, wie sie, bei aller Regsamkeit doch ihrer Ohnmacht sich bewußt, hinblicken zu dem energischen Fritz, der seit dem August 1800, nach bezwungener Schüchternheit, sich herzhaft bekennt als Glaubensbruder der Gallitzin! wie sie trotzen auf ihren Hort! auf ihren Sankt-Peters-Fels! Dieser Fritz, in dem jüngsten Aufsatz »Über den Zeitgeist«, warnt vor den hochtönenden Worten Freiheit, Recht, Gleichheit (Libertas, Jus, Aequitas), weil mancher sie falsch deute, und empfiehlt uns zum Schutz dagegen die allein wahre Religion, die er geradezu Kirche Deutschlands nennt. Der Zeitgeist, sagt er, nimmt keine Kunde von Gott (dem Herrgott) und ist also im eigentlichen Sinn gottlos; er will nichts wissen von Urkunde und Überlieferung; er verschmäht das Alte und versucht Neuerung. Ja, er will uralte Eichen (nämlich Stammbäume) wie Unkraut ausgäten, indem er des Adels edle Bestrebungen und gegründeten Besitz verkennt. Die altertümliche Einrichtung hat, was er lobt, nur zwei Klassen: Hier, sagt er, bringt sie Großes und Schönes hervor in einer kleinen Anzahl von Familien, die alles Gewerbes sich enthalten (die ihr Großes und Schönes umsonst leisten!) – und dort durch Genossenschaften und Innungen sichert sie den Bürgern Ruhe, Sitten und Genügsamkeit bei ihrem Geschäft. Welches gewerbsame und genügsame Volk von den Bauren und Handwerkern bis zu den Mösern und Lessingen reicht. So Großes und Schönes wird uns in einer rednerischen Periode gerühmt, die zwar nicht schön ist, aber so groß, daß kaum ein altertümlicher Raugraf in einem Atem sie aushalsen könnte.

Ähnliche Armseligkeiten füllen Stolbergs »Religionsgeschichte«, die mit der Erschaffung der Welt anfängt und aufhört, ehe das, was ihm allein wahre Religion ist, ausgebildetes Papsttum, in die Welt gekommen war. Ihr Theologen tatet nicht wohl, dies vornehm demütige, papistischen Trug nachlallende Fabelbuch, mit zu sanfter Rute gestäupt, hinschleichen zu lassen, weil ihr's verachtetet. Es ist, wie das »Schreiben des Kirchspielvogts«, auf Unwissende und Vernunftarme berechnet. Ihr vergaßt, daß solche nicht nur in der Hefe des Volks vorwalten, sondern auch oben im Schaum: der, stolz auf sein Gesprudel, nicht zu geistiger Klarheit sich veredeln will, nein, der, das hütende Gefäß zu übersteigen, selbst aus dem Bodensatz Gärungen hervorlockt.


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