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Die Cigarrenarbeiterin


Alle Tage, punkt zwölf Uhr, kamen sie den Berg herunter; ihrer sieben, acht. Maria Josefa Brand voran. Ihr blaues gedrucktes Kleid wehte im Wind, im Nacken flatterten die zerzausten braunen Strähnen, mit den leichtgeröteten Augenlidern blinzelte sie in's Licht.

Ein durchdringender Tabakgeruch ging vor den Mädchen her; er wehte wie ein beißender Dunst aus ihren Haaren, aus ihren Röcken. Sie hatten alle dieselben geröteten blinzelnden Lider, und wenn sie sprachen klangen die Stimmen bedeckt – Cigarrenarbeiterinnen.

Von morgens sieben bis zum Mittag, und dann wieder vom frühen Nachmittag bis an den dunklen Abend, hockten sie zu Ober-Manderscheid in den niedrigen Zimmern der Tabakfabrik. Sie bückten die jungen Leiber über die Gefächer mit den vertrockneten Blättern, emsig raschelten ihre Finger darin; der beißende Geruch füllte die Augen mit Thränen, ein Kitzelhusten quälte die Kehle. Die Fensterscheiben liefen an in der dicken Luft.

Maria Josefa Brand war die beste Arbeiterin, die flinkste. Sie sah nicht auf, keine Blutwelle färbte ihr blasses Gesicht höher, sie sprach nicht; durch ihre Gedanken surrte es einzig: »Dreißig Pfennig das Hundert, dreißig Pfennig!« Sie preßte die Lippen aufeinander, wenn die anderen lachten. Und doch war sie jung. In ihren schlanken Gliedern zuckte es von Leben, das Blut siedete ihr zu Zeiten und klopfte verlangend; in beklommenen Nächten warf sie sich ruhelos auf dem Strohsack, und hörte sie im Busch ein Liebespaar flüstern, lief's ihr heiß und kalt über. Aber sie sah keinen Burschen an. Sie ließ sich auf keiner Kirmes ein buntes Band oder ein Zuckerherz schenken; sie ging nie zum Tanz.

Unten in Nieder-Manderscheid, in der dunklen Hütte, die wie ein Schwalbennest an die mächtige Burgruine geklext ist, saß sie bei dem alten Großvater. Den ganzen Sommersonntag verflickte und verstopfte sie; zerlumpt mochte sie nicht gehen, und in der Woche nahm die Fabrik alle Zeit. Wenn dann die Schatten lang und tief die Bergwände hinab reichten, rieb sie sich die müden Augen – die thaten immer weh vom beißenden Tabaksdunst – gähnte und reckte die bräunlichen Arme über'm Kopf.

»Woar giehste?« fragte der alte Großvater.

Der war immer argwöhnisch, er traute niemandem; sehen konnte er nicht mehr gut, hören erst recht nicht, er lebte in einer Zeit, zwanzig Jahr zurück. Winters und Sommers kauerte er beim Herd, schneeweiße Bartstoppeln um den verwitterten Mund, ein kindisches Blicken in den blaßblauen Augen. Heraus an's Licht mochte er nicht, wohl war ihm nur drinnen in der dumpfen Luft; unwillig knurrte er, tänzelte durch den Thürspalt ein vorwitziger Sonnenstrahl und bestrich ihm golden die schmutzigen Hände.

»Woar giehste, Lena?« fragte sein zahnloser Mund, wenn die Enkelin am Sonntag sich reckte. »Gieh net danzen – Jesses!« Und dann fuhr er sich mit beiden Händen in die struppigen Haare und wiegte den Kopf hin und her: »Heilge Maria, Moddergotts, bitt for ons, jetz on in der Stund onses Todes! Hähr, erbarm dech ihrer!«

»Großvadder« – Maria Josefa schrie ihm laut in die Ohren – »ech sein net et Lena! E ne, ech giehn net danzen!«

Der Alte grinste befriedigt und tappte sie auf den Kopf: »E su es et recht, Lena – jao, jao!«

Ungeduldig schüttelte sie seine Hand ab, dann warf sie die Lippen mit einem verächtlichen Zucken auf – ba, tanzen! Sie ging nicht tanzen, sie war nicht wie ihre Mutter, die Lena, die jeder Fiedel nachspringen mußte. Was war denn auch das End' vom Lied gewesen? Einer hatte die sitzen lassen, mit einem Kind dazu; der Vater hatte sie geprügelt und die Leute hatten sie ausgelacht – man glaubt gar nicht, wie grausam die Menschen sind! Alt war die Lena nicht geworden, sie lag schon lange oben auf dem Kirchhof; ihr Kind war beim Großvater aufgewachsen – – – »Maria Josefa, wuh haste denen Vadder?!«

Maria Josefa kannte die ganze Geschichte schon, als sie noch nicht zehn Jahre alt war; um den Kindermund lag ein frühreifer Zug, die Mundwinkel waren herabgezogen:

Nicht tanzen gehn, keinen Burschen ansehn, das war das Rechte! – Mit dem Fuß stieß Maria Josefa die Hüttenthür auf und ließ sie knarrend hinter sich in's Schloß fallen; die nägelbeschlagenen Schuhe trappten über's Geröll. Sie hatte nicht weit, die Rückwand der Hütte lehnte sich gegen den trotzig aufragenden Wachtturm. Nun war sie mitten zwischen den Ruinen.

Dämmrig war's schon in dem alten Gemäuer. Aufgeschreckte Vögel fuhren krächzend zum Turm heraus, in den Ecken raschelte und rieselte es; leise kam es geschlichen und drückte sich an ihre Füße. Mit einem Lachen bückte sie sich und hob eine graue Katze, noch ein junges, kaum ausgewachsenes Tier, auf den Arm. Die Freude färbte ihre Backen rot. »Miez, Miez!«

Die Graue schnurrte und schmeichelte, mit dem Kopf stieß sie gegen die Brust des Mädchens.

»O dau« – Maria Josefa preßte das Tier an sich, vor Zärtlichkeit biß sie die Zähne aufeinander, daß sie knirschten – »wuh warste e su lang? O dau – Miez, Miez!«

Die Katze antwortete, leise miauend; aus schrägen grünen Augen blinzelte sie die Herrin an, dann strampelte sie und hüpfte mit einem Satz aus den haltenden Armen. Den Schwanz hoch erhoben, den Kopf immer wieder zurückwendend, ob man ihr auch folge, eilte sie auf die dunkelste Ecke zu. Was hatte sie da?

Maria Josefa kam neugierig näher – die Graue mauzte, ein dünnes Quietschen, wie Mäusepfeifen antwortete – das Mädchen fuhr zurück. Sieben kleine blinde Katzen lagen da auf einem Knäuel zwischen dürrem Laub und Reisig, wie im Nest. Die Graue stellte sich drüber her mit gespreizten Beinen, gurrte gleich einer Taube, wendete die unbehülflichen Dinger hin und her und leckte sie zärtlich. Quietschend drängten sich die Jungen an den schlotternden Leib der Mutter.

»Ba!« Maria Josefa verzog den Mund und spuckte aus. »Ba, dau eklig Dier!« Keine Spur von Freude war mehr in ihrem Gesicht; böse, mit zusammengezogenen Brauen starrte sie auf die junge Brut. Als die Graue schwänzelte und schmeichelnd um ihr Kleid strich, hob sie den Fuß zum Stoß: »Dau sollst net – ech will net!« Ein gepreßter Atemzug hob ihr die Brust; die Augen klein zukneifend wandte sie sich ab.

Die Steine prasselten unter ihren Tritten, an dem Brombeergestrüpp blieb ein Fetzen des blauen Rockes hängen, die Dornenranken schlugen ihr an die Waden. Nun schwang sie sich in die hohle Fensterbrüstung des alten Turmes und guckte gedankenlos ins Weite.

Die paar Häuser von Nieder-Manderscheid lagen schon grau im Grau, verschluckt vom Dunkel in der Schlucht; die Berghänge düster, ihr kurzes Grün ins Schwärzliche spielend, nur jenseits, ganz auf der Höhe, Ober-Manderscheid mit dem spitzen Schieferkirchturm, gebadet in Abendlicht. Von dort kam Gesang; der wehte nieder und brach sich tiefer an den schwärzlichen Schründen. Das waren die jungen Burschen und Mädchen! Am Sonntag gingen sie gern den Bergrand entlang, johlten sich zu und schmissen polternd Steine die Schlucht hinunter in die schäumende Lieser. Jetzt sangen sie ein Liebeslied; langgezogen hallten die Töne, sie erstarben nicht, immer folgten neue.

Die Einsame zuckte zusammen und preßte die Hände an die Ohren. Lange kauerte sie so auf dem gefährlichen Sitz, die Füße herunterbaumelnd, mit den Hacken unablässig an die morschen Steine klopfend. Unter ihr der Abgrund.

Als sie die Hände von den Ohren ließ, klang kein Liebeslied mehr; einzig die Lieser rauschte und murrte und die Fledermäuse schwirrten. Es war Nacht. Maria Josefa fürchtete sich nicht; so war ihr Sonntagsvergnügen immer. Langsam schlorrte sie zum Großvater heim; jetzt stolperte sie über die Steine, sie hatte den Kopf zurückgeworfen und sog mit geblähten Nasenflügeln die feuchte Nachtluft ein.

»Laoß se singen,« murmelte sie trotzig – »laoß se! Dreißig Pfennig dat Hunnert, dreißig Pfennig – ech verdeenen Geld, ech haon niemand nedig – ech will ken Schatz – ech sein net wie et Lena!« Sie lachte kurz auf; im Gemäuer hallte es wieder. Jetzt fuhr sie zusammen; es huschte was an ihr vorüber – die Katze! Mit einem Schimpfwort griff sie nach einem Stein und schleuderte ihn in's Dunkel.


Oben zu Manderscheid in dem neuen weißen Haus, das im Sonnenschein grell leuchtet, wohnte einer, der war anders wie all die anderen im Dorf. Der war fein, ein Stadtherr, von weit hergezogen; die Leute begriffen das eigentlich nicht. Er war auch kein Engländer. Er strich durch die Wälder und jagte, oder er saß herum und malte; in der Burgruine war er halbe Tage, selbst der alte Großvater schlurfte in die Hüttenthür und stierte herüber.

Maria Josefa kannte den Fremden auch – er hatte ein Gesicht wie der Ritter Georg, der den Lindwurm totsticht, und Augen, die sahen einem durch und durch; sie mußte die entzündeten Lider niederschlagen, wenn er ihr begegnete. Es war wie verhext; immer beim Mittagläuten, wenn sie den Berg heruntersprangen, ihrer sieben, acht – Maria Josefa voran – dann kam er herauf. Er bot guten Tag, die Mädchen grüßten verschämt wieder; die eine, die dickliche Trina, versteckte kichernd ihr einfältiges, gedunsenes Kindergesicht hinter Maria Josefas Rücken. Nur die grüßte nicht. Eine unsichtbare Hand drückte ihr das Genick nieder, und doch wollte es ihr wieder den Kopf in die Höhe reißen; sie wußte selbst nicht, wie komisch das war. Er sah sie besonders an, sie fühlte das. Wie gepeitscht jagte sie voran, daß das Geröll hinter ihr drein prasselte; unten am Berg mußte sie inne halten, der Atem war ihr ausgegangen. Scheu sah sie sich um – da stand er noch.

Und eines Tages kam er in die Fabrik, kaum konnte seine hohe Gestalt durch die niedrige Thür. Er schaute sich überall um, der Aufseher führte ihn durch jeden Raum. »Mir sehr interessant, wirklich sehr interessant,« sagte er zu ihm, trat an jeden einzelnen Tisch, faßte die Cigarren an, besah sie sich genau und legte sie dann lachend wieder hin. »Es ist wirklich aller Ehren wert, daß Sie das hier in dem entlegenen Dorfe zustande gebracht haben, das bringt Verdienst unter die Leute. Wieviel giebt's denn für's Hundert?«

Er stand dicht vor Maria Josefa und sah auf sie nieder; ihre Finger zitterten, das Deckblatt zerriß, der Einlegetabak quoll heraus, der Wickel war unbrauchbar. Unwirsch warf sie ihn der dicken Trina zu; die riß verwundert die Augen auf – das war der Maria Josefa kaum je passiert!

»Ungeschickt gewesen?!«

Der Fremde sagte es gar nicht spöttisch, und doch trieb der Ton dem Mädchen das Blut in die Wangen; was hatte er zu fragen? Blindlings griff sie nach einem neuen Wickel; es flimmerte ihr vor den Augen, die Hand des Herrn mit den blanken Nägeln und dem blitzenden Ring, wühlte in den raschelnden braunen Blättern und ließ sie spielend durch die Finger gleiten. Was war das für eine schöne Hand, nicht so knotig um die Gelenke, wohl gebräunt, aber doch nicht wie Leder und weich dabei! Ob er ein Mädchen hatte, von dem der blitzende Ring war? Wie mußte die wohl aussehen, die dem gefiel – – –?!

Sie schrak zusammen. »Nun, wieviel bekommt Ihr für's Hundert? Wieviel kriegst du für's Hundert, Kind?« Er sprach zu der Trina, die wußte nicht zu antworten, die war so dumm! Scham kam über Maria Josefa; was mußte er von ihnen allen denken? Eine glühendere Blutwelle schoß ihr in's Gesicht bis unter das braune Gekräusel an den Schläfen – wenn sie das auch noch so mit Wasser strählte und zurückzerrte, es ringelte sich immer neu – sie räusperte sich, der Tabaksstaub kitzelte sie im Halse, und dann sagte sie laut: »Dreißig Pfennig für't Hundert, Herr!« Sie mühte sich, hochdeutsch zu sprechen.

»Nur?!« Die Hand mit dem blitzenden Ring ließ das Wühlen in den trockenen Blättern. »Und wieviel Hundert bringt ihr am Tag fertig?«

»Vierhundert, fünfhundert, je nachdem; ich verdienen als eine Mark zwanzig den Tag – ich verdienen äwer auch am meisten!« Sie sagte es stolz, sie fühlte sich plötzlich als die beste, die flinkste Arbeiterin.

»Armes Ding!« Seine Hand legte sich ihr auf die Schulter; schwer, warm, drückte die da. Durch das dünne Blaudruckkleid fühlte sie's, es rieselte ihr von dort über den Arm und den Rücken hinunter. Heiß und kalt ging es ihr durch die Adern. Sie hätte den Kopf nicht heben können, um alles in der Welt nicht; sie senkte ihn tiefer und tiefer. Ungeschickt faßten ihre Finger in die Blätter.

»Das ist wenig – eine Mark zwanzig – lieber Gott!« Seine Stimme klang bedauernd. »Warum geht ihr nicht in Dienst? Da habt ihr's doch besser!«

Die umsitzenden Mädchen stießen sich an und kicherten – so dumm, so einfältig – die verstanden garnicht, was der Herr eigentlich sagte! Maria Josefa verstand ihn, sie verstand, daß er sie bemitleidete; und sie wollte kein Mitleid, von dem da am allerwenigsten. Sie machte eine heftige Bewegung, daß die lastende Hand ihr von der Schulter glitt; trotzig sah sie von unten herauf, die dunkeln Augen unter den halb gesenkten entzündeten Lidern hatten noch ungetrübten Glanz. »Mir sein net arm, ech brauchen kein Mitleid, ech brauchen niemand! In Dienst? Ne!« Geringschätzig verzogen sich ihre Lippen, sie warf ihm von der Seite einen schnellen Blick zu; er fing den auf und hielt ihn fest. Ihre Lider zwinkerten – was half's, sie mußte aushalten, sie mußte ihn voll ansehen, während ihre Finger mechanisch die Cigarre drehten und in ihren Knieen ein Beben entstand, als wäre sie stundenlang über steiles Gerölle bergab gelaufen.

»So« – der Fremde wendete sich jetzt langsam ab – »und ich dachte, Sie würden vielleicht bei mir in Dienst kommen. Ich suche ein junges Mädchen, das der alten Frau in meinem Hause hilft. Also Sie wollen nicht? Na, seien Sie nicht zu fleißig – adieu!«

Er nickte ihr zu, ihr ganz allein, so schien es ihr; er hatte sie auch »Sie« genannt, Krufts Trina nur »Du« – und in Dienst hatte er sie nehmen wollen, warum gerade sie – gerade sie – – –? »Ne, ne!« Maria Josefas Wangen flammten, aufspringend stieß sie an den Tisch, daß eine Handvoll Cigarren herunter kollerte.

Die andern drehten einen Augenblick verwundert die Köpfe nach ihr, dann bückten sie sich wieder über die Arbeit. Man hörte nichts als das Rascheln des dürren Krauts und ab und zu ein trockenes Hüsteln. Bräunlicher Staub flog umher, bei jeder Bewegung flatterte der Tabaksgeruch aus den Kleidern, den Haaren der Mädchen; ein beißender Dunst stieg zur weißgetünchten Decke und kroch schwer die Wände entlang.

Heut hatte Krufts Trina mehr Tagelohn als Maria Josefa; die sprang auch nicht den anderen voran, den Berg herunter, mißmutig schlenderte sie hinterdrein. Morgen war Sonntag. Sie hörte die Mädchen einander erzählen; jede hatte ihren Schatz, selbst die dickliche Trina mit dem gedunsenen einfältigen Kindergesicht hatte einen. »Hän gieht met mer danzen morjen,« sagte die Trina und zog den Mund breit – »ze Bleckfeld es Kirmes, mer maachen daorhin. Ju!« Sie lachte und die andern lachten auch.

Wie im Traum hörte Maria Josefa das Geschwätz. Hinter ihr läutete das Abendglöcklein vom spitzigen Schieferkirchtum, in jedem Glockenton war was von Freude; sanft schwebte der Klang über die Dächer von Ober-Manderscheid und über den Kirchhof mit den weißen Kreuzen am Bergrand.

Maria Josefa stand still und blickte zurück, sie mußte plötzlich an ihre Mutter denken – die lag da.


Die Häuser von Nieder-Manderscheid verschwunden, ganz versunken in Duft. Die Hänge der Schlucht nicht mehr grünschwärzlich gefärbt, lange weiße Nebel steigen an ihnen auf und ab. Die Lieser rauscht wild und weißschäumend, von stürzenden Güssen geschwellt. In den dampfenden Wäldern schreien die Hirsche; nächtens dringt der brünstige Schrei bis an die Hütten, bricht sich an den Felswänden und verschwebt in einem hohlen Echo.

Maria Josefa saß wachend auf ihrem Strohsack und hielt sich die Ohren zu; sie hörte doch jeden Schrei, und dann zuckte sie zusammen. Fürchtete sie sich?

Drüben an der Wand lag der alte Großvater und schnarchte; er röchelte manchmal so, daß sie aufstand, Licht anzündete und zu ihm hinging. Er sah aus wie ein Toter, die Augen eingesunken, den Mund offen; aber er war warm, er schlief nur. Sie stand lange vor ihm; riesengroß warf das Licht ihren einsamen Schatten an die Wand, und flackerte gespenstisch über das verwitterte Greisengesicht. Der heiße Talg tropfte nieder auf ihre nackten Füße; mit großen gedankenlosen Augen, ohne Gefühl, starrte sie immer geradeaus, und dann schauerte es sie plötzlich, daß sie sich schüttelte.

Sie blies das Licht aus und sprang mit einem Satz auf ihren Strohsack zurück. Sie krümmte sich zusammen, um sich zu erwärmen, sie fühlte die Weichheit der eigenen Glieder, ihr Herz begann zu klopfen, wild und ungestüm; es schlug ordentlich gegen die Rippen. Allerhand Bilder zogen an ihren zugekniffenen Augen vorüber – – – wie Krufts Trina verliebt ihrem Schatz am Hals hing! – – – wie die Frau vom Aufseher in der Fabrik ihr Kleines an der Brust hatte! – – – oh, wie die selig waren! – – –


Der Schweiß trat ihr auf die Stirn. »Dreißig Pfennig das Hundert, dreißig Pfennig – niemand nötig« – das war wie ein Zauberspruch gewesen. Früher hatte sie sich den vorgesagt und war ruhig geworden, stolz; jetzt nicht mehr. »Armes Ding,« hatte er gesagt, trotz der dreißig Pfennig!

»Jesus Maria!« Sie faltete die Hände. Soviel hatte sie noch nie gebetet, wie in den letzten Monaten; sie hatte Angst und doch war's zum Lachen; einen Tag war sie zerknirscht, den anderen hob sie hochmütig den Kopf über die Gefährtinnen. Welche von denen konnte sich rühmen, daß ein feiner Herr ihr nachging, der ein Gesicht hatte wie der heilige Georg, und eine Hand, an der ein blitzender Ring steckte?! Mit dieser Hand hatte er ihr sanft um Backen und Kinn gestrichen, neulich in den Ruinen – und gestern –?!

»Jesses!« Sie schlug mit den Armen um sich, als lange sie nach etwas – nichts! Alles leer, alles dunkel – doch nein, halt! Hinter dem Herd kam's hervorgekrochen, mauzte kläglich und schmiegte sich an ihren zitternden Leib. Die Graue war's! Die war nun auch ganz allein, all ihre Jungen tot! Mit eigener Hand hatte Maria Josefa die in den Bach geworfen, wirbelnd waren die kleinen Leiber dahingerissen worden; teilnahmlos hatte sie ihnen nachgestarrt. Aber als die Graue, jämmerlich klagend, ihr verödetes Nest umstrich, mit gesträubtem Fell und gekrümmtem Schwanz jeden Winkel durchsuchte, da waren Maria Josefa Thränen in die Augen geschossen; mit einem dumpfen Laut hatte sie die Katze umschlungen. Seit der Zeit waren sie unzertrennlich; waren sie nicht beide allein?

Leidenschaftlich zärtlich drückte Maria Josefa jetzt das Tier an sich, ihre Hände krampften sich in's Fell und zausten daran. Dann hob sie die Katze in die Höhe, wie man, spielend, im Übermaß von Liebe ein Kind hebt. Die Katzenaugen funkelten über ihr in grünlichem Licht, zwei feurige Punkte im Dunkel. »Hä, haste mech lief, gel dau, gel –?!«

Die Graue knurrte, die Stellung war ihr unbequem; sie kratzte nicht, aber sie legte die scharfen Krallen um die haltende Hand.

Ernüchtert ließ das Mädchen die nackten Arme sinken – huh, kalt! Herbst! Bald kam der Winter. Und die Hütte so elend, und die Nächte so lang, und immer, immer allein! Früher hatte sie nie daran gedacht; die Fabrik und Kaffee und Kartoffeln und Hitze und Kälte, das war zu denken genug – aber jetzt –?!

Schaudernd zog sie die lumpige Decke bis an's Kinn; die Katze legte sich ihr auf die Brust. Jetzt wurde sie warm, aber sie konnte doch nicht schlafen, die Hirsche schrieen dumpf im nahen Wald – durch's Dunkel bohrten sich zwei Augen in die ihren, Augen, die einem durch und durch sehen – und eine Hand fuhr vor ihr hin und her, kam näher und näher, strich ihr so nah über Wangen und Kinn, daß sie den Lufthauch spürte, streckte sich aus nach ihrer Schulter, nach ihrer Brust – – –

»Ha!« Mit einem dumpfen Angstschrei fuhr Maria Josefa empor, daß die Katze von ihrer Brust herunter kollerte. Mit einer wilden Gebärde warf sie die Arme über den Kopf, sie schluchzte: »Ne, ne – ech duhn et net – doch net – un doch net!« – –

Wie der Tag langsam heranschleicht, wie er sich dann hinquält! Schwer zerschlagen schleppte Maria Josefa ihre Glieder, ihre Augenlider waren entzündeter als sonst. Sie hatte wild in der Fabrik gearbeitet, die Cigarren flogen unter ihren Händen; beim Mittagsläuten war sie den Berg heruntergestiegen, weit, weit hinter den andern – da stand er. Er sagte »Guten Tag« und lachte sie an. Sie hatte wieder lachen und »Guten Tag« sagen müssen, er war doch so schön, ein zu feiner Herr – und wie der Ring an seiner Hand blitzte! Der einzige Strahl der bleichen Herbstsonne funkelte darauf. Lange hatte er auf sie eingeredet.

Und jetzt war es Abend. Draußen alles versunken in tiefes Grau. Stürmisch tost die Lieser und schlägt über's Ufer. Im Wald schreien die Hirsche – Jagdzeit.

Im engsten Winkel der Hütte hockt Maria Josefa, zusammengekauert wie eine Schuldbeladene; undeutlich sieht man sie, kein Licht wird gebrannt, nur das Reisigfeuer auf dem Herd leuchtet. Sie hält die Katze mit beiden Armen umklammert; jetzt bückt sie sich noch tiefer und legt den Kopf auf das weiche Fell. Sie atmet hastig – – –

Was hatte er gesagt? »Maria Josefa, komm heraus – heut abend, hinter den Ruinen, im Wald bei der großen Tanne – Maria Josefa, du mußt kommen – komm, Maria Josefa, komm!« – – –

»Woar giehste?« fragt der alte Großvater hinterm Herd und blinzelt mit den blöden Augen.

Sie giebt keine Antwort; schwerfällig ist sie aufgestanden, mit schlotternden Beinen geht sie zur Thür.

»Woar giehste –?«

Die Thür schlägt zu. Draußen steht Maria Josefa im Dunkel. Mit Nebeln die Welt verhangen. Der Nachttau fällt ihr gleich Thränen auf's Haar, ihre Kleider werden feucht. – – – Komm, Maria Josefa, komm – komm – – –!

Mit durstig geöffnetem heißem Mund, mit klopfenden fiebernden Pulsen geht Maria Josefa durch die Nacht, erst langsam, dann rasch. Da braust die Lieser, da ragen die Ruinen wie schwärzliche Klumpen – jetzt, jetzt rauschen die ersten Waldbäume!

Sie geht rasch und rascher, sie stolpert, sie rafft sich auf, sie läuft, ihre Füße rascheln im dürren Laub; ihr Atem fliegt, sie erschrickt vor dem eigenen Keuchen. Unter dem fadenscheinigen Kleid zittert und bebt ihre Brust, ihre Stirn glüht; da ist kein Sinn, kein Gedanke, nur ein Pochen, ein Jagen und ein Drängen.

Mondschimmer gleitet über den Weg, ein Vogel schwirrt auf – sie rennt und rennt.

Da ist die Tanne, an ihrem Stamm ein Schatten, eine Gestalt!

Sie stürzt voran, die Arme vor sich gestreckt, den Kopf hintenüber geworfen – – – –

Und doch!


Als das Frühjahr kam, tanzte Maria Josefa auf jeder Kirmes, an jedem Sonntag. Sie tanzte wild, mit wehenden Haaren, mit flatternden Röcken und funkelnden Augen. Wenn sie müde war, ging sie auf den Kirchhof zum Grab ihrer Mutter. Da saß sie.

Das Grab war eingesunken, Unkraut und Gras wucherten darauf; am morschen Holzkreuz hing ein zerzauster Kranz.


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