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Das Miseräbelchen


Du lieber Gott, was für ein armseliges Kind war der Christoph Nepomuk!

Er hatte einen Buckel auf dem Rücken und einen Buckel auf der Brust, die dünnen schlotternden Beinchen trugen den Körper kaum, und zwischen den hohen Schultern saß der dicke Kopf mit dem zwergenhaft alten Gesicht. Die Wangen so abgezehrt, so gelb, kein Hauch von Farbe auf ihnen! Um den Mund zogen sich tiefe Falten, ach, und die großen schwarzen Augen blickten nicht kinderfroh und unbewußt in die Welt; in ihrer traurigen Tiefe brannte ein unnatürlich glänzendes Licht, ängstlich flackernd wie die Totenkerzen am Allerseelentag.

Was nützte es dem Christoph Nepomuk, daß er zwei schöne Heilige zu Paten hatte?! –

Drunten im Thal lag die Stadt mit den vielen Kirchen und Türmen, und nicht weit von dem alten römischen Stadtthor war der heilige Christophorus an die Mauer gemalt, riesengroß und prächtig, blau und rot; auf seinen Schultern saß das Christuskind, das hob segnend die Rechte. Und der zweite Pate, der heilige Nepomuk, der stand weit draußen im Böhmerland auf der Moldaubrücke, trug einen goldenen Sternenkranz um's Haupt, und die Schiffer beteten zu ihm.

Des Christoph Nepomuk Vater war auch ein Schiffer gewesen, aber nur ein Knecht, und sein Schiff war nicht flott gesegelt. Tag aus, Tag ein hatte er keuchend, den Riemen um die Brust, den Steinkahn die Mosel hinauf gezogen, die Erde mit Schweißtropfen netzend, die Lebenskraft tauschend für armseligsten Lohn. So war es gegangen, Jahr für Jahr, bis ihn einst die Kameraden nach Hause brachten, bewußtlos und röchelnd. Der Riemen hatte ihm was in der Brust zerquetscht. Da half kein Doktor und keine geweihte Kerze mehr; nach zwölf Stunden war er tot, die Witwe saß allein, blutarm und blutjung, und hatte ein zweijähriges Kind auf dem Schoß, das war ein unglücklicher Krüppel.

»En Miseräbelchen,« sagten die Leute. – Seitdem waren nun acht Jahre vergangen, acht Jahre voller Hunger und Not. Das blühende Weib war verwandelt; die frische Farbe, die jugendliche Rundung waren geschwunden; die sehnigen braunen Arme, der gekrümmte Rücken trugen schwere Lasten. Im Tragkorb schleppte die Ursel im Frühjahr den Dünger, den Schiefer auf die Weinberge, die so steil vom Fluß aufsteigen, daß sie aussehen wie senkrechte Mauern, an denen der Fuß mühsam einen Halt sucht. War sie nicht im Taglohn der Weinbauern, so suchte sie Beeren im Wald; Erdbeeren, Blaubeeren und in den Spalten der sonnigen roten Felsen würzige Himbeeren. Im Winter saß sie Abende und Nächte und band Besen, große und kleine, und am frühen Morgen ging sie den weiten Weg zur Stadt, irrte durch die Straßen und rief von Haus zu Haus: »Kaaft Besen, kaaft Besen!«

Das war ein schweres Brot, sie war oft müde und verdrossen, und wenn die Leute zu ihr sprachen: »Jao, wann dir nor dat Könd, dat Miseräbelchen net hätt, duh könnt dir Eich besser helfen« – so sagte sie nicht nein.

Kam sie dann nach Hause und sah das Miseräbelchen sie mit den schmerzlichen Augen an, so riß sie es wohl heftig an sich und küßte es; und am Sonntag kaufte sie von den mühselig abgedarbten Pfennigen ein dünnes Licht, das zündete sie in der kleinen Bergkapelle unter dem Muttergottesbild an, lag davor auf den Knieen und betete: »Heil'ge Moddergott's, bitt for ons! Heil'ge Moddergott's, laoß hän bal en Engelche gänn!« Und damit meinte sie das Miseräbelchen.

Aber das that ihr nicht den Gefallen. Es wurde kein Engel, trotz aller geweihten Kerzen; es wurde wohl alle Jahr elender und schwächer, aber es starb doch nicht.

Strich der Lenzwind über die Berge, und küßte ber warme Strahl der Sonne das erste Grün wach, dann kam des Miseräbelchens gute Zeit. Dann kroch es hervor aus seiner dunklen Höhle und hockte auf der Schwelle der Hütte, streckte die wachsgelben, durchsichtigen Hände der Sonne entgegen und wärmte sie; sie waren so eiskalt. Die jämmerliche kleine Gestalt saß Tag für Tag vor der niederen Thür, elend, verkommen, und ringsum lachte die Welt, so heiter, so lenzesfrisch wie am ersten Schöpfungsmorgen.

Unten im Thal schlängelte sich der Fluß in sanftem Bogen und spiegelte den Himmel in seinem klaren Blau; von den Bergen stürzten Kaskaden von Blüten; wie milchiger Schaum schimmerten die Obstbäume mit ihrem Blütenschnee, und jenseits des Wassers lag die alte Stadt mit den grauen Schieferdächern, überglänzt von Sonnenschein. Die Glocken des ernsten Domes riefen die Gläubigen zur Maiandacht. Überall Frieden, Schönheit, Versöhnung! Selbst die armseligen Hütten des Dörfchens, die wie Schwalbennester an der Felswand kleben, lagen eingebettet in riesigen Blütensträußen; auf ihre Dächer hingen Goldregen und Flieder in duftenden Dolden, das nackte Elend mit üppiger Fülle verdeckend. Der Frühling erbarmte sich über die Höhlen der Armut; sie störten nicht mehr die Schönheitsharmonie, sie paßten zu Amselruf und Nachtigallensang.

Aber unter den Blüten saß das Miseräbelchen, ein Mißklang in der Schöpfung, ein Hohn auf die jubelnde Natur!

Des Kindes Blicke schweiften mit unbewußtem Staunen über Berg und Thal, den Fluß hinauf und hinunter; dann richtete es sich auf und kroch mühsam die Mauer entlang, an dem Stückchen Zaun vorbei, bis zur benachbarten Hüttenthür. Da lag ein flacher Stein, auf den sank es nieder und dann rief's: »Toni, Josepha.« Die Stimme klang dünn und schwach, aber sie wurde doch gehört.

Aus der Thür sprangen zwei Kinder, ein sonnverbrannter Bube und ein flachshaariges Dirnchen, Bruder und Schwester, des Miseräbelchens treue Gefährten. Sie faßten den kleinen Krüppel in die Mitte; sie schleppten ihn ein Stück weiter, bis hinüber zu dem grünen Rasenfleck, auf dem die Kuckucksblumen blühten, Himmelschlüssel und Wiesenschaum, Hahnenfuß und Sonnenröschen.

Dort saßen die drei nieder. Die Josepha pflückte von den gelben Blumen, steckte die Stiele ineinander und machte eine lange Kette, die hing sie dem Miseräbelchen um den Hals. »Nau bist e su schien, Miseräbelchen,« sagte sie, »nau spille mer Prozession!«

Das waren glückliche Stunden für den Christoph Nepomuk! Er saß im warmen Sonnenschein auf dem weichen Rasen und spielte »heiliger Christophorus.« Der Toni und die Josepha zogen an ihm vorbei, langsamen Schritts, statt des Lichtes eine gelbe Blume in der Hand; sie plapperten und kreuzten sich, knixten und beteten: »Heiliger Christophorus, bitt' for ons! Heiliger Christophorus, laoß dat Miseräbelchen bal en Engelche gänn!«

Und das Miseräbelchen nickte seelenvergnügt mit dem Kopf; es war zu schön! Und als die Sonne sank, packten es die Kinder wieder und schleiften es zu seiner Thür zurück; sie meinten es sehr gut, aber sie rissen ihm beinah die Arme aus.

Noch einen Freund hatte der arme Krüppel, den liebte er fast mehr als den Toni und die Josepha. Das war der Peter, ein großer schwarzer Kater. Der hatte sich einst bei strömendem Regen in die Hütte geflüchtet, hatte dort Mäuse und freundliche Aufnahme gefunden und war geblieben. Damals war er ein junges Kätzchen, halb erstarrt vor Kälte, halb tot vor Hunger, und so elend, daß er dem Miseräbelchen glich; nun war er ein mächtiges Tier mit scharfen Krallen und bösen Augen. Eine Schönheit war der Peter noch immer nicht, die Knochen standen ihm verdächtig heraus; aber er war doch des Miseräbelchens größter Schatz, sein Freund, seine Gespiele, sein Reichtum, sein ganzes Glück. Dem Toni und der Josepha wurde es oft langweilig, still bei dem Krüppel zu sitzen; sie sprangen davon, mit den andern Kindern durch die Berge zu streifen oder in wilden Spielen auf der Gasse zu tollen. Wie Schwalbengezwitscher klang das Rufen und Lachen der Kinder von ferne; das Miseräbelchen saß allein auf der Schwelle und hielt seinen Peter im Arm, der schnurrte und rieb den dicken schwarzen Kopf an der abgezehrten, faltigen Wange des Kindes. Beide starrten hinaus in die Luft. Der Kater sah mit den gläsernen, grünen Augen unverwandt nach dem Vogelnest auf dem Baum, und das Kind blickte zum Himmel auf – ohne Wunsch, ohne Klage.

So saßen sie beisammen die langen Sommerabende, bis die Mutter von der Arbeit heimkam; teilten das Stückchen Brot, das Schlückchen Milch miteinander, und der Kater erhielt den Löwenanteil. Das Miseräbelchen brauchte nicht viel. Sie sahen die Fledermäuse flattern und die Sternschnuppen in den Fluß fallen. Des Katers Augen glänzten im Halbdunkel wie Feuerkugeln, des Knaben Augen wurden immer größer und weltentrückter. Aus der armen, gedrückten Brust rang sich ein pfeifender, trockener Husten; die Leute sagten: »Et es bal aus met em Miseräbelchen, Gott sei Dank!« – Als der Hochsommer kam mit sengender Glut und drohenden Wettern, konnte das Miseräbelchen nicht mehr allein vor die Thür, die Mutter mußte es hinaustragen und dort auf einen Strohbund und eine alte Decke legen; das that sie am frühen Morgen, dann ging sie fort, sie mußte in den Taglohn. Ab und zu sahen die Nachbarn nach der verlassenen Kreatur und reichten ihr etwas zur Labung; auch der Toni und die Josepha kamen, aber es wurde ihnen bald langweilig, das Miseräbelchen sprach nichts, und graulich war's auch. Der Peter war der treueste; er legte sich dem Kind auf die Füße und wärmte sie; er schmiegte sich an seine Seite und leckte ihm die Wange, und die matten Händchen streichelten das ruppige Fell. Ein Doktor wurde nicht zu dem Miseräbelchen gerufen; wozu auch? Aber Hochwürden, der Herr Kaplan, kam und betete mit dem Kinde; und die Mutter ging nun auch nicht mehr fort.

Endlich zog ein Tag herauf, trocken, sengend, voll dörrender Hitze. Am Horizont ballten sich dunkle Wolken schon am frühen Morgen, die zogen herauf bis zum Mittag. Alles in der Natur harrte in atemlosem Schweigen, die Blätter hingen schlaff und verstaubt, die Blumen senkten die Köpfe und die Vögel versteckten sich im Gebüsch. Noch schoß die Sonne glühende Pfeile, dann wurde es plötzlich dunkel, ein heulender Windstoß folgte, ein greller Blitzstrahl hüllte die Gegend in schwefliges Licht – der erste Donner krachte durch die Lüfte.

Es war ein schweres Wetter.

Drinnen in der verdunkelten Hütte lag die Mutter auf den Knieen und hielt sich die Augen zu; sie betete, was sie konnte. Das Miseräbelchen röchelte auf dem Bett in den letzten Zügen. Der Peter stand auf der zerfetzten Decke des Lagers, er sträubte das Haar; draußen, im dunklen Gang, kauerten der Toni und die Josepha, dicht aneinander geschmiegt.

»Wann dat Miseräbelchen stärwen duht, kömmt dann dän Peter met in dän Himmel?« fragte die zitternde Josepha.

»Still« flüsterte der Bruder und stieß sie an. »Dat glauwen eich –« Das Wort erstarb ihm im Mund; ein furchtbarer Blitz, ein entsetzlicher Donnerschlag ließen die Erde erzittern. Die Thür zur Stube sprang auf, schreiend jagte die Katze heraus, die Bodentreppe hinan. Drinnen kreischte die Mutter laut auf.

Das Miseräbelchen fuhr gen Himmel. –

Und der erlösende Regen prasselte nieder. Er schwemmte mit seinen Fluten Dürre und Staub hinweg, er erquickte die lechzende Kreatur.

»Ursel, kreischt net su,« sagte die Nachbarin zu der Mutter; »dankt alen Heil'gen; dir haott eweil aach en Fürbitt im Himmel!«

»E jao, e jao,« sagte die Mutter, »dir haott rächt. Nau maachen eich bei 'm Bauer in Dienst, loa han eich mein Äßen on Drinken on weider kan Onverlegenhaat; äwer leid duht mer't doch!«

Und sie heulte von Neuem. –

Auf dem kleinen frischen Grab am Kirchhofszaun hatte man ein ärmliches, schwarzes Holzkreuzchen errichtet, darauf waren der Name und die Jahreszahl vermerkt: Christoph Nepomuk Vogl, geboren dann und dann, gestorben dann und dann. Aber am andern Morgen war der Name durchstrichen; es stand mit Kreide, in den steifen Buchstaben einer ungelenken Kinderhand, darüber:

»Das Miseräbelchen.«


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