Vergil
Landbau
Vergil

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Dies sei größeren Herden genug. Noch andere Sorg' ist,
Wolletragende Schafe und zottige Ziegen zu pflegen.
Hier ans Werk; hier ringe nach Lob, du rüstiger Landmann!
Zwar nicht zweifelt mein Herz, durch Wort' es bezwingen, wie groß das

290  Sei, und arme Geschäfte zu solcherlei Ehren erheben.
Doch ich reißt durch Parnasus verwilderte Höh'n der Begeist'rung
Süße Gewalt; es erfreuet zu gehn auf Gipfeln, wo keiner
Vor mir den Weg vom Hügel zum Quell KastaliaEine dem Apollo und den Musen geheiligte Quelle am Parnaß bei Delphi, die von einem Felsen herab sich in den Fluß Pleistos ergießt. lenkte.
Laut nun müsse der Mund, ehrwürdige Pales, ertönen.

295 

Erst verordn' ich demnach, daß Schaf' in gebetteter Stallung
Rupfen das Kraut, bis bald der laubige Sommer zurückkehrt,
Und mit reichlichem StrohAls Streumaterial verwendet man heute das Stroh der Winterhalmfrüchte. Als Ersatzmittel dienen zur Einstreu die Torfstreu und mit mehr oder weniger günstigem Erfolge Schilf, Riedgräser und Binsen, wie sie in der sogenannten Teichstreu vorhanden sind, sowie Seegras, Heidekraut, auch Moos, Farnkraut und sonstige Pflanzen oder Abfälle des Waldes. den gehärteten Boden und Bündeln
Farnkrauts du bestreust, damit nicht Kälte des Eises
Schade dem zärtlichen Vieh durch Räud'Die Schafräude wird veranlaßt durch die Saug- oder Dermatocoptesmilben, welche auf der Haut leben und Blut und Lymphe saugen. An den erkrankten Stellen geht die Wolle aus, und es erscheinen kahle Flecken mit kleinen Knötchen, die sich mit Schuppen, später mit Borken bedecken und sich allmählich vergrößern; am meisten finden sich kahle Flecken mit Krusten und Borken auf dem Rücken. – Die Klauenseuche besteht in einer ansteckenden eigentümlichen Entzündung und Verschwärung der Klauenweichteile. Die Erscheinungen sind Hinken, Wärme und Schmerzhaftigkeit der Klauen, Loslösung des Hornsaumes, anfangs am inneren Saume und Ballen, später an der ganzen Wand, wobei eine schmierige, stinkende Flüssigkeit abgesondert wird, und es selbst zu geschwürigem Zerfall der Weichteile kommt. und entstellende Knollen.

300  Weiter darauf fortwandelnd ermahn' ich, daß du den Ziegen
Arbutussprossen genug darreichst und kühlendes Wasser,
Auch den Stall vom Orkan an der Wintersonne dir bauest,
Gegen die Mitte des Tages gewandt, bis künftig der kalte
Wassermann schon absinkt und des Spätjahrs Ende befeuchtetBei den Römern begann das Jahr bekanntlich mit dem 1. März. Der Landmann hält an alten Einrichtungen fest. .
305  Sie auch heischen von uns nicht leichtere Sorge des Schutzes,
Und nicht lohnen sie minder, wie sehr auch milesische WolleDie Schafe von Milet waren schon zu Polykrates' Zeit berühmt. Nächst Milet war Samos durch Schafzucht berühmt.
Teueren Preis einträgt, gefärbt mit tyrischem Purpur.
Besser lohnt sich die Zucht und reichlicher fließet die Milch dir;
Denn je voller schäumt vom geleerten Euter der Kübel,
310  Desto fröhlicher strömt aus gemolkenen Eutern der Reichtum.
Auch nicht minder indes schert man des cinyphischenVom Flusse Cinyps in Nordafrika. Langhaarige Ziegenböcke waren an der nordafrikanischen Küste heimisch. Bockes
Bart und greisendes Kinn und niederwallende Zotten,
Lagerndem Heer zum Gebrauch und dem ärmlichen Schiffer zur Hülle.
Weidend aber durchgehn sie bewaldete Höh'n des Lycäus,
315  Stachlige Brombeersträuche und dornumwachsene Hügel,
Eingedenk dann kehren sie selbst und führen die Zicklein
Heim, mit strotzendem Euter sich kaum aufmühend zur Schwelle.
Drum, je weniger sonst von menschlicher Pflege sie fordern,
Desto sorgsamer Eis und Schneegestöber und Sturmwind
320  Abgewehrt; auch reiche die Kost und nährendes Reisig
Gern und verschließe nicht immer das Heu in der Strenge des Winter.

Aber sobald dem Rufe der Zephire fröhlich der Sommer
Beiderlei Herd' in Weiden und bergige Wälder entsendet,
Früh mit dämmerndem Lichte des Lucifer eil' in die kühlen

325  Felder hinaus, wenn der Morgen noch jung, noch graulich der Rasen
Blinkt, und lieblich der Herd' auf zartem Grase der Tau ist.
Hat nun den Durst die vierte der Himmelsstunden entzündet,
Und durchschwirrt Baumreben Gesang wehklagender Grillen,
Führe zum Brunnen das Vieh und hinab zum niederen Landsee,
330  Aus den eichenen Rinnen die laufende Welle zu trinken.
Doch in der Mittagsglut erspähe ein schattiges Tal dir,
Wo mit stämmiger Kraft Zeus' uralt ragender Eichbaum
Weit die gewaltigen Äst' ausbreitet, oder wo finster
Vom Steineichengehölz ein heiliger Schatten sich senket.
335  Lautere Flut dann wieder gereicht und wieder geweidet
Bis zu der Sonn' Abschied, wenn kühlender Abend die Luft nun
Mäßiget, und Waldtäler der Mond schon tauig erfrischet,
Und Alcyone tönet am Strand', in den Büschen der Stieglitz.

Was soll Libyens Hirten dir noch und Libyens Weiden

340  Melden mein Lied? was einzeln bewohnete Mattengezelte?
Oftmals Tag und Nacht und ganz in der Folge den Monat
Weidet die Herd' und durchstreift weithin Einöden und herbergt
Nie, so endlos streckt das Gefild' sich. Alles im Zuge
Führet Afrikas Hirt, sein Teppichdach und den Hauslar,
345  Rüstung, und amykläischen Hund, und kretischen Köcher,
Gleichwie, in Waffen der Väter geübt, der tapfere Römer,
Unter der Bürd' arbeitend, den Weg vollendet und plötzlich,
Ehe der Feind es wähnt, vor befestigtem Lager bereitsteht.

Nicht also der Szythen Geschlecht, wo die Flut der Mäotis

350  Brauset, und gelblicher Sand hinwälzt der strudelnde Ister,
Und wo Rhodopes Kette bis unter den Pol sich herumbiegt.
Dort in bergenden Ställen verschließt man Rinder, und nirgends
Siehet man Gras im Feld, noch grünende Blätter auf Bäumen,
Sondern es liegt von Bergen des Schnees unförmig und tiefem
355  Froste das Land ringsum, an sieben Ellen sich türmend.
Stets ist Winter und stets kalt sausender Atem des Caurus.
Nimmer vermag auch Sol die erblichenen Schatten zu trennen,
Nicht wenn hoch das Gespann ihn hebt zum Äther, und nicht wenn
Tauchend den Wagen er spült in Oceanus' rotem Gewässer.
360  Schnell in dem laufenden Strome verharscht dickeisige Kruste,
Und schon trägt auf dem Rücken die Wog' umschmiedete Räder,
Sie erst Kielen gebahnt, doch nun schwerrollender Lastfuhr.
Häufig zerkracht auch eh'rnes Geschirr, und es starren die Kleider
Umgehüllt, und mit Äxten zerhaut man gefrorene Weine.
365  Ja zu gediegenem Eis erstarreten Weiher von Grund aus,
Und die verworrenen Bärte umstrotzen eisige Zapfen.
Rastlos schneit es indes vom überzogenen Himmel,
Matt verschmachten die Schafe, es stehn umhäuft im Gestöber
Großbeleibete Stier'; und ein drängendes Rudel von Hirschen
370  Staunt ob der seltenen Last, da kaum man ihr Zackengeweih sieht.
Diese auch weder mit Hundegehetz, noch einigem StellgarnEs ist dies ein Fallnetz mit weiten Maschen mit einer Vertiefung, Busen- oder Sacknetz, Netzhaube genannt. Es wurden darin nicht bloß kleine Tiere gefangen, z. B. Hasen, sondern auch größere Tiere, welche sich darin fest verstrickten und so festgehalten wurden.
Jaget man, oder dem Schreck der purpurfarbenen LappenDas Blendwerk diente dazu, das Wild zu schrecken und es eine Zeitlang in einem Walddistrikte festzuhalten oder von der Flucht in einen andern zurückzuhalten. Ein solches Blendzeug bestand aus einem langen leinernen Seile, in halber Manneshöhe auf dünnen Gaffeln längs dem Reviere, worin sich das Wild befand, hingezogen, an welchem in geringen Abständen bunte, glänzende Federn (gleich unsern Lappen) herabhingen. Der Glanz und das bunte Aussehen dieser Federn machte die Tiere stutzig, so daß sie vor ihnen umschlugen. ,
Nein, wie das Wild fruchtlos mit der Brust den hemmenden Schneeberg
Stößt, haun jene mit Eisen genaht; und in kläglichem Angstschrei
375  Blutet es, bis aufjauchzend die fröhliche Schar sie zurückträgt.
Selber daheim sorglos in gegrabenen Höhlen und müßig
Leben sie unter der Erd', und geschichtete Kloben, ja ganz noch
Wälzeten sie Ulmstämme zum Herd' und häuften das Feuer.
Hier durchscherzt man im Spiele die Nacht und labt sich mit Bechern
380  Künstlicher Wein', aus Malze gebraut, und der Säure des Spierlings.
Also, bedeckt vom Gestirne des hyperborischen Wagens,
Wohnt im Orkan des Rhipäus die Horde unbändiger Männer,
Ganz den Leib in das Fell gelbzottiger Tiere verhüllend.

Suchst du der Wolle Gewinn, zuerst sei rauhere Waldung,

385  Kletten und Stechunkraut, dir entfernt, auch üppige Weide.
Stracks auch wähle die Herde mit seidenen Flocken und schneeweiß:
Aber ihn selbst, und geh' er in glänzender Weiße, der Widder,
Welchem schwarz nur die Zung' am feuchten Gaume sich zeiget,
Banne du, eh' er mit Flecken die Lämmervliese dir bräunlich
390  SprengtZur Sache teilte mir ein befreundeter Landwirt folgendes mit: Von einem schönen weißen Sprungbock fielen in meiner Schafherde zwei fast schwarze Lämmer. Wenn Vergil darauf aufmerksam macht, daß man bei einem sonst ganz weißen Sprungbock auch auf Zunge und Gaumen achthaben möge, denn wenn diese schwarz oder gescheckt seien, fielen auch schwarze oder scheckige Lämmer, so wurde der Bock genau untersucht und siehe da – er hatte einen schwarzen Gaumen. Es ist dies ein neuer Beweis für die scharfe Naturbeobachtung der Alten, denn wenn der betreffende Bock auch neben zwei schwarzen noch achtzehn weiße Lämmer brachte, so ist es doch ratsam, beim Ankauf eines Bockes auch auf die innere Färbung des Maules zu achten. , und ein anderer folg', aus der vollen Herde gewählet.
Durch die schimmernde Woll' hat einst, wenn glaublich die Sag' ist,
Pan, Arkadias Gott, dich, lüsterne Luna, betöretPan verwandelte sich in einen weißen Widder und lockte dadurch die Mondgöttin in einen Wald. ,
Als zu den Hainen er rief, und nicht ungerne du folgtest.

Aber ist Milch dein Wunsch, dann Cytisus häufig und Lotus

395  Selbst in der Hand zur Krippe gebracht, und salzige Kräuter.
Mehr dann lieben dir jene den Bach, und schwellen die Euter,
Sanft durchwürzend die Milch mit verstecktem Geschmacke des Salzes.
Mancher wehrt von der Mutter sofort das gesonderte Böcklein
Und umbindet die Schnauze von vorn mit gestachelter Halfter.
400  Was an steigender Sonne du molkst und in Stunden des Tages,
Presse die Nacht; was drauf im erlöschenden Schimmer des Abends,
Trage durch dämmernde Frühe zur Stadt in Butter der Schäfer,
Oder mit sparsamem Salze bestreu's und heg' es den Winter.

Selbst nicht HundeDie vorzüglichsten Hunderassen wurden aus Europa, Asien und Afrika bezogen. Man kannte deren sehr viele; jede derselben hatte natürlich ihre besonderen Vorzüge. Zu den ausgezeichnetsten und als solche bekanntesten zählten die Molossischen; sie waren kräftig gebaut, scharf, tüchtig und mutvoll, ebenso zur Jagd auf Hirsche und Wölfe geeignet, wie als wachsame Hausfreunde gegen Diebe und Raubtiere geschätzt. Gleich hochgehalten waren die spartanischen und kretischen Hunde, ebenso wegen ihrer feinen Nase, wie wegen ihrer Flüchtigkeit und Kraft, ferner die lakonischen und lokrischen. Die gelonischen und umbrischen waren gute Leithunde, aber feige. zu ziehen versäume du, sondern zugleich auch

405  Spartas hurtigem Brackengeschlecht und dem kühnen Molosser
Kräftige Molke gereicht. Niemals, wenn jene bewachen,
Droht der nächtliche Dieb dem Geheg' und der stürmende Raubwolf,
Niemals schreckt dich im Rücken ein unfriedsamer Iberer.
Oft auch verfolgst du im Laufe den schüchternen Esel des WaldesUnter den verschiedenen Wildeseln des Altertums ragt hervor das noch heute in der Mongolei vorkommende Urwildpferd, das die Alten fälschlich Onager nannten.
410  Und du erjagst mit Hunden die Gems' und mit Hunden den Hasen;
Oft aus den Suhlen des Walds hervorgetriebene Keiler
Stürmst du mit bellender Meut' in die Flucht und durch die Gebirgshöh'n
Drängst du zum Netz mit Geschrei den übergewaltigen Kronhirsch.

Lern' auch im Stall anzünden die duftverbreitende Zeder,

415  Und wie mit Galbanonqualm man scheucht graunvolle Chelydern.
Oft, wo lange die Krippe geruht, lag, Tastenden schrecklich,
Dir die Natter versteckt, die scheu vor dem Lichte hinwegfloh;
Oder die häusliche Unke, gewöhnt an Schatten, des Hornviehs
Bittere Pest, und die Schafe mit giftigem Geifer bespritzend,
420  Brütet am Grund. Nimm Stein' in die Hand, nimm Stöcke, o Hirte,
Und wenn sie drohend sich hebt und mit zischendem Halse sich aufbläht,
Schmettere! Schon verbarg sie das zagende Haupt in den Boden,
Weil der geringelte Leib und das letzte Ende des Schwanzes
Matt hinzuckt, und träge die äußerste Windung sich nachschleppt.
425  Weiter bewohnt unselig Calabriens Forste die Hyder,
Die mit erhobener Brust einrollt den schuppigen Rücken,
Längs dem unendlichen Bauche mit großen Flecken gesprenkelt.
Jene, dieweil noch ein Bach vorstürzt aus Quellen, noch irgend
Naß vom Frühlinge triefen die Au'n, und nässendem Südwind,
430  Wohnt sie im Sumpf, wo sie, hausend am Bord, unmäßig mit Fischen
Stets den finsteren Schlund und quakenden Fröschen sich anfüllt.
Doch wenn in Glut ausdampfte der Pfuhl und die Erde zerlechzet,
Springt sie ans Trockne hervor und funkelnde Blicke verdrehend,
Tobt sie im Feld', unsinnig vor Durst und von Hitze gepeinigt.
435  Nimmer gelüstet mich dann, im Freien behaglich zu schlummern,
Noch auf waldigem Hange gestreckt zu ruhen im Grase,
Wenn sie die Hüll' auszog und erneut im Glanze der Jugend
Nun vom Gewimmel im Neste sich herwälzt oder von Eiern,
Bäumend zur Sonn', und dem Maul dreispaltige Zungen entschimmern!

440 

Jetzt von den Seuchen vernimm Ursprung und warnendes Merkmal.
Häßliche Räude ist Schafen Verderb, wenn frostiger Regen
Tief zum Leben hinab eindrang, und des schaudernden Winters
Graulicher Reif; auch wenn ungespületer Schweiß den geschornen
Anhängt, oder den Leib die stachlige Hecke geritzt hat.

445  Drum wird sämtlich die Herd' in süßer Flut von den Schäfern
Wohl geschwemmt, und der Widder mit triefenden Zotten im Strudel
Untergetaucht, der gerafft im tragenden Strome hinabschwimmt.
Oder den Leib nach er Schur salbt man mit bitterem Ölschaum,
Welchem man Silberglätt' einmischt und natürlichen Schwefel,
450  Auch idäisches Pech und geschmeidiges Wachs, mit der strengen
Niesewurz und der Zwiebel des MeersDie Meerzwiebel (scilla maritima) wächst jetzt am Seestrand Südeuropas, ist in Griechenland häufig, fehlt in Norditalien oder kommt nur als Seltenheit bei Nizza vor. – Nieswurz, mit scharf narkotischer Wurzel, diente als Heilmittel gegen verschiedene Tierkrankheiten. und dunkelem Erdharz.
Doch nicht schneller bezwang ein Rettungsmittel die Drangsal,
Als wenn einer mit Stahle beherzt den Kopf des Geschwüres
Öffnetet. Nahrung gewinnt und lebt im Verborgnen das Übel,
455  Während mit heilender Hand der Wunde zu nahn sich der Schäfer
Sträubt und faul dasitzend die Götter um Besserung anfleht.
Ja sogar, wenn der Schmerz in der Blökenden innerstem Marke
Wütete, und die Gelenk' abzehrte da trockene Fieber,
Dienlich war's, den heftig entzündeten Gluten zur Dämpfung,
460  Unten zu schlagen am Fuß die mit Blut aufspringende Ader,
Nach der bisaltischenDie Bisalten waren ein Volk in Thrazien; über die Gelonen vgl. II, 115; die Geten wohnten am rechten Donauufer in dem alten Dacien. Horde Gebrauch und des wilden Geloners,
Wann er zum Rhodope stürmt und zur einsamen Steppe der Geten
Und sich geronnene Milch zum Trunk einmenget mit Roßblut.

Siehest du fern ein Schaf, das oft zur Ruhe des Schattens

465  Einkehrt, auch unlustig die Spitzen der Kräuter nur kostet,
Oder träge dem Zug nachschleicht und mitten im Felde
Weidend sinkt, und allein heimkehrt in der Späte des Abends,
Schnell dann vertreibe den Fehler das Messer, ehe dir gräßlich
Durch unsorgsames Volk die raffende Pest sich verbreitet.
470  Nicht so häufig durchtobt rauh winternder Sturm die Gewässer,
Als unzählbare Seuchen die Trift. Nicht streckt auch die Krankheit
Einzelne Häupter dahin; nein, ganze Gehege auf einmal,
Hoffnung und Herde zugleich, und den ganzen Stamm des Geschlechtes.

Solches erkennt wer die Alpen der Luft und norischerDas Land Norikum umfaßte das heutige Salzburg, Kärnten und Steiermark. Hier war zu Vergils Zeit die im folgenden beschriebene Viehseuche ausgebrochen. – Die Japyden waren ein Volk in Illyrien. Hügel

475  Steile Kastell' und die Fluren des Japyden Timavus,
Jetzt noch lange nachher anschaut, und die Reiche der Hirten
Einsam rings, und rings die waltigen Tale verödet.

Hier vor Zeiten erwuchs in kranker Luft das Verderben
Jammervoll, und, ganz in herbstlichen Gluten entflammet,

480  Mordet' es alle Geschlechter des Viehs und alle des Wildes,
Ja es verpestete Teich' und grasige Weiden mit Fäulnis.
Auch nicht einfach würgte der Tod. Wenn die Flamme des Durstes,
Jagend durch Puls und Adern, geschrumpft die elenden Glieder,
Plötzlich ergoß sich sodann ausströmende Nässe, die in sich
485  Alle Gebein', allmählich gelöst von der Krankheit, hineinzog.
Oft da zur Ehre der Götter gestellt am Altare das Sühnschaf,
Weil der wollene Schmuck mit schneeiger Bind' es umschleiert',
Unter dem zaudernden Dienst der Opferer sterbend dahinsank.
Oder wenn eins mit dem Stahle zuvor geschlachtet der Priester,
490  Doch nicht brennt der Altar mit aufgelegeten Fibern,
Noch vermag Antworten der ratende Seher zu forschen,
Kaum auch röten von Blut sich untergestellete Messer,
Kaum wird oben der Sand von nüchternem Eiter beschmutzet.
Jetzo erstirbt in Scharen das Kalb auf fröhlichen Angern,
495  Und sein süßes Leben an voller Krippe verhaucht es.
Jetzo rennt wahnsinnig der schmeichelnde Hund, und es rüttelt
Keuchender Husten das Schwein und engt den gemästeten Rachen.

Kläglich sinkt, wie der Kunst uneingedenk, so des Grases,
Eitel vom Quell sich wendend, das Siegsroß, stampft mit dem Hufschlag

500  Häufig den Grund und senkt die schlaffen Ohren, die unstet
Schweiß umquillt, mit Kälte des nahenden Todes; die Haut auch
Starrt, antastendem Druck durch trockene Härte sich sträubend.
Also bezeichnen zuvor die früheren Tage das Unheil.
Aber sobald fortwandelnd der Seuche Gewalt sich erbittert,
505  Dann traun brennen die Augen in Glut, dann tief aus der Brust auf
Atmen sie; oft mit Stöhnen beklemmt, und die Seiten hinab sind
Von langschluchzendem Krampfe gespannt; schwarz tropfet der Nase
Blut, und den schwärenden Schlund umdrängt die rauhere Zunge.
Wirksam war's, mit der Röhre des Horns einflößen des Bacchus
510  Edelen Trank: dies schien der Sterbenden einzige Rettung.
Bald war dieses sogar ein Verderb, und in Wut nach dem Labsal
Brannten sie jetzt, und sie selbst, schon nahe dem Tode des Jammers
(Gnad', o Götter, den Frommen, und Frevelnden jene Zerrüttung!)
Rissen mit bleckendem Zahn sich das Fleisch von verstümmelten Gliedern.

515 

Schau, der unter dem Zwange der Schar aufdampfende Pflugstier
Taumelt dahin und speit mit Schaume gemengetes Blut aus,
Weil sein letztes Geächz er verhaucht. Der bekümmerte Bauer
Geht, abspannend den Stier, der den Tod des Genossen betrauert,
Und in der Mitte des Werks verließ er die haftende Pflugschar.

520  Kein hochwölbender Schatten des Hains, kein grasiger Anger,
Kann ihm rühren das Herz, kein Bach, der, Kiesel bespülend,
Silberrein sich ergießt in die Ebene, sondern er hängt ihm
Welk die Seit', und die Augen umzieht dumpf starrende Trägheit,
Und zur Erde sinkt der schwer vorhandene Nacken.
525  Was nun frommt Arbeit und Verdienst? was kaum mit der Pflugschar
Aufgelockertes Feld? Und doch nicht schaffte des Bacchus
Massische Kraft, nicht ihnen erneuerter Schmaus das Verderben.
Laub genießen sie nur und einfach nährende Kräuter;
Trank sind lautere Quellen dem Durst und des laufenden Baches
530  Strömungen; auch nicht Sorge verscheucht den erquickenden Schlummer.
Nie zu anderer Zeit, erzählen sie, fehlten der Gegend
Kühe für Junos Fest; und ein Paar unähnlicher Büffel
Zog den Wagen empor zur reichbeschenkten Kapelle.
Mühsam hackt mit Karsten sein Land der Bauer, verscharret
535  Selbst mit pflanzenden Fingern die Saat, und über Gebirgshöh'n
Schleppt am Nacken gestrengt er herab schwerknarrende Lastfuhr.

Kein nachstellender Wolf umspäht die Hürde des Schäfers,
Noch beschleicht er die Herd' in der Finsternis; schärfere Sorge
Bändiget ihn; auch flüchtige Hirsche und zagende Gemsen

540  Jetzt bei Hunden umher und nahe den Wohnungen gehn sie.
Schon des unendlichen Meeres Geschlecht, und der Fluten Gewimmel,
Liegt am Saume des StrandsFische werden übrigens nie von einer Seuche ergriffen, wie schon Aristoteles (Tiergeschichte VIII, 19, 20) bemerkt hat; sie sterben ab, wenn das Wasser verdorben ist. , Schiffbrüchigen gleich, von der Strömung
Angeschwemmt; in die Ströme fliehn die seltsamen Robben.
Schon muß sterben die Natter, umsonst geschirmt von des Lagers
545  Krümmungen, und, die die Schuppen erstarrt aufsträubet, die Hyder.
Vögeln selbst nicht gönnet die Luft noch Sicherheit, sie auch
Stürzen herab, ihr Leben in wolkiger Höhe veratmend.

Ja was mehr, schon ist auch der Weid' Umwechselung eitel,
Und durch Fleiß wird schädlich die Kunst; es starben die Meister

550  ChironChiron war berühmt durch seine Heilkunde; sein Schüler war Äskulap. – Melampus, ein berühmter Seher, übte durch übernatürliche und geheime Mittel die Heilkunst. , der Phillyra Sohn, und der Sohn Amythaons Melampus.
Grimmvoll tobt und ans Licht aus stygischen Nächten gesendet,
Treibt vor sich die blasse Tisiphone Seuchen und Angst her,
Höher mit jedem Tag ihr gieriges Antlitz erhebend.
Jammergeblök der Herden und häufiges Brüllen erschallet
555  Ström' und trockene Ufer entlang und Flächen der Berge
Und schon wütet in Scharen die Würgerin; selbst in den Ställen
Häuft sie die Leichen empor, von gräßlichem Moder zerfallen,
Bis man mit Erde zu decken sie lernt und in Gruben zu bergen.
Denn nicht war zum Gebrauche die Haut und die Menge des Fleisches,
560  Weder den raffenden Fluten, noch selbst der Flamme bezwingbar.
Auch nicht scheren die Vliese, von Seuche und Schärfe zerfressen,
Konnte man, oder das morsche Gespinst anzetteln dem Webstuhl.
Dort hatt' einer sogar die leidige Hülle versuchet:
Brennende Blasen umher und widrigen Schweißes Gerüche
565  Folgeten Glied für Glied; und darauf nicht lange verweilt' er,
Bis die Gelenk' anschwärend das heilige FeuerWahrscheinlich ist darunter ein krebsartiges Brandgeschwür zu verstehen; an die Rose ist wohl nicht zu denken. hinwegfraß.

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