Mark Twain
Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung
Mark Twain

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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Die allgemeine Menschenliebe ist unser köstlichstes Gut – aber, wie selten ist es auch!

    Querkopf Wilsons Kalender.

Aus dem Tagebuch. 1. November. Wir fahren zwischen Tasmanien, dem früheren Vandiemensland, und den benachbarten Inseln hindurch. Von diesen Inseln aus haben die armen verbannten Wilden weinend nach ihrem verlorenen Heimatland hinübergeblickt, und vor Sehnsucht ist ihnen das Herz gebrochen. Mich freut es, daß die Vertilgung der eingeborenen Rassen jetzt ein Ende hat, da fast alle so gut wie ausgestorben sind. Von den Ureinwohnern Tasmaniens lebt wenigstens kein einziger mehr.

James Bonwick sagt in der Einleitung seines Buches über die ›verschwundene tasmanische Rasse‹:

»Die Eingeborenen Tasmaniens glaubten, sie seien allein auf der Welt. Ihre Haut war dunkel, ihre Augen glänzend; große Zähne, ein starker Unterkiefer, wolliges Haar, ein gekräuselter Bart, eine platte Nase, ein Leib voller Narben, wohlgeformte Füße und kleine Hände zeichneten sie aus. Die zerstreuten Stämme leben von der Jagd, den Ackerbau kannten sie nicht. Um Feuer zu machen, rieben sie zwei Holzstücke aneinander und brieten das Fleisch in der Asche. Sie besaßen weder Haus, noch Kochgerät, noch Kleidung außer rohen Tierfellen, hatten keine festen Wohnsitze und brauchten auch keine.

»Aber, trotzdem sie auf der tiefsten Stufe der Barbarei standen, waren sie weder einfältig noch unglücklich. In ihrer tausendjährigen Abgeschlossenheit hatten sie sich nicht über den rohesten Zustand erhoben, doch waren sie Menschen und konnten denken und fühlen.

»Sie hatten wenig leibliche, noch weniger seelische Bedürfnisse, dienten keinen Götzen und kannten keine Form der Gottesverehrung; nur das wilde, schauerliche Getöse von Sturm und Gewitter erfüllte sie mit unbestimmter Furcht. Ganz der Erde angehörig, Kinder an Verständnis, ohne höheres Streben, zufrieden mit der Nahrung und Freude, die ihnen der Tag brachte, lebten sie sorglos dahin wie ihre Väter vor ihnen.

»Da landete eine andere Rasse auf der Insel, die auch das springende Känguruh verfolgte. Der Eingeborene sah einen Menschen gleich ihm, aber weiß von Haut, welcher Kleider trug und mit dem Donner bewaffnet war, den er aus dem Himmel entwendet hatte. In jene Täler und Wälder, wo sich die farbige Rasse solange unbekümmert ihres Lebens gefreut hatte, brachte der fremde Eindringling Mißtrauen und Arglist. Mit einem Schlage war alles verwandelt und ein neuer Himmel wölbte sich über den Menschenkindern.«

Die englische Flagge wurde aufgehißt und, wie in Sydney, eine Verbrecherkolonie gegründet. Zwar hatte die Regierung strengen Befehl erteilt, daß die Weißen den Eingeborenen freundlich begegnen und sie in ihrer Lebensweise nicht stören sollten, aber schon im Jahre 1804 kam es zu einem blutigen Zusammenstoß. Bei einer Känguruhjagd stürmten etwa vierhundert Eingeborene mit Frauen und Kindern den Berg hinunter; den englischen Soldaten war die Art der Wilden neu; in der Meinung, das bedeute einen kriegerischen Ueberfall, feuerten sie auf die harmlosen Leute und töteten ihrer fünfzig. Die Gegenwart der Frauen und Kinder war der sicherste Beweis friedlicher Gesinnung, aber das wußten die Soldaten nicht.

Von da ab scheiterten alle Bemühungen, das Vertrauen der Eingeborenen wieder zu gewinnen, und sie nährten einen unversöhnlichen Haß gegen die Weißen. Kein Wunder, denn sie kamen fast nur mit dem Auswurf derselben in Berührung: mit entflohenen Verbrechern, die als sogenannte Buschranger in den Wäldern hausten und vor keiner Schandtat zurückbebten und mit andern Bösewichten, meist früheren Deportierten, die auf einsamen Stationen als Diener der Weißen zerstreut in der Wildnis Tasmaniens wohnten, oft mit den Schwarzen in Streit gerieten und sie niederschossen.

Natürlich übten die Wilden Wiedervergeltung an allen Weißen, die in ihre Hände fielen, und der Kampf der Rassen ward Jahrzehnte lang auf beiden Seiten mit großer Grausamkeit fortgesetzt, wie sehr auch die Regierung bemüht war, eine Versöhnung herbeizuführen und die Eingeborenen zu schonen. Diese waren nicht zahlreich, aber wachsam, schlau und behende; sie kannten jeden Schlupfwinkel in ihrem Lande und es glückte ihnen trotz ihrer geringen Anzahl lange Zeit Widerstand zu leisten, so daß sie vielen Weißen Tod und Verderben brachten.

Die Regierung ergriff die verschiedensten Maßregeln, um womöglich die gänzliche Ausrottung der Eingeborenen zu verhindern: Sie wollte diese auf eine benachbarte Insel schaffen lassen und bot für jeden lebendig eingelieferten Schwarzen fünf Pfund als Prämie. Einen Wilden zu fangen ist aber kein leichtes Werk, und bei den Streifzügen der Weißen wurde meist, um einen Gefangenen zu machen, ein halbes Dutzend getötet. Das lag nun nicht in den Absichten der Regierung und man schritt daher zu einem andern Versuch: die Schwarzen wurden alle nach einem Ende der Insel getrieben und man zog zur Abwehr eine Truppenkette quer durch das Land. Auch das half wenig, denn die Eingeborenen brachen unaufhörlich durch und fuhren fort zu sengen und zu morden.

Nun erließ der Gouverneur eine gedruckte Proklamation, welche den Schwarzen befahl, die öde Gegend, die man ihnen angewiesen hatte, nicht zu verlassen! Aber das nützte nichts, weil keiner sie zu lesen verstand. Es folgte nun eine Proklamation in Bilderschrift, die auf Bretter gemalt und im Walde angenagelt wurde. Ich füge hier einen photographischen Abdruck derselben bei.

Ihre Bedeutung war im wesentlichen folgende:

  1. Der Gouverneur wünscht, daß Schwarze und Weiße einander lieben sollen.
  2. Er liebt seine farbigen Untertanen.
  3. Wenn ein Schwarzer einen Weißen tötet, wird er gehängt.
  4. Wenn ein Weißer einen Schwarzen tötet, wird er gehängt.

Die Ausführung ihrer mancherlei Pläne kostete der Regierung etwa 30 000 Pfund; mehrere Tausend Weiße strengten jahrelang alle Kraft und allen Scharfsinn an, um den gewünschten Zweck zu erreichen – aber es war ein erfolgloses Bemühen. Endlich, nachdem die Feindseligkeiten zwischen beiden Rassen ein Vierteljahrhundert gedauert hatten, wurde der rechte Mann gefunden. Dies war Georg August Robinson, den die Geschichte ›den Versöhner‹ nennt. Er war zwar weder ein gebildeter noch ein angesehener Mann, sondern lebte als gewöhnlicher Maurer in der Stadt Hobart, doch muß er eine ganz wunderbare Persönlichkeit gewesen sein. Ich wäre gern weit gereist, um ihn einmal zu Gesicht zu bekommen, denn mag es auch irgendwo seinesgleichen in der Weltgeschichte gegeben haben, so ist mir doch davon nichts bekannt.

Die Aufgabe, die er sich stellte, war ein unerhörtes Wagestück. Er wollte in die Wildnis hinausgehen, wo sich die zu Tode gehetzten Eingeborenen, die kein Erbarmen kannten, in Sümpfen und Bergschluchten versteckten; unbewaffnet wollte er unter sie treten und sie durch Liebe und Güte bewegen, das wilde freie Leben in der Heimat, das ihrem Herzen so teuer war, aufzugeben und ihm zu den verhaßten Weißen zu folgen. Unter ihrem Schutz und Schirm und von ihren Wohltaten lebend, sollten die Eingeborenen dann den Rest ihres Daseins verbringen.

Auf den ersten Blick glaubte man es mit dem Hirngespinst eines Wahnsinnigen zu tun zu haben; alle Welt lachte und spottete darüber. Zwanzig Jahre früher hätte auch die Regierung gelacht, aber jetzt lieh sie dem Plan ihr Ohr; alle vernünftigen Maßregeln waren umsonst erschöpft worden, weshalb sollte man es nicht einmal mit einer unvernünftigen versuchen? Es konnte viel Gutes daraus entstehen und nichts Schlimmes – außer für den ›Versöhner‹ selbst.

Die Lage der Dinge war einzig in ihrer Art, etwas Aehnliches hatte die Welt noch nicht erlebt. Die weiße Bevölkerung belief sich im Jahre 1831 auf vierzigtausend, die Zahl der Eingeborenen betrug dreihundert, Weiber und Kinder mit eingeschlossen. Die Weißen waren mit Flinten bewaffnet, die Schwarzen mit Keule und Speer. So hatten sie einander seit fünfundzwanzig Jahren befehdet, ohne daß die Weißen den Sieg davontrugen, obwohl sie kein Mittel unversucht ließen, um die Eingeborenen zu fangen, zu töten und zur Unterwerfung zu zwingen. Die dreihundert unüberwindlichen Wilden wollten nicht nachgeben, keine Bedingungen annehmen und sich bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Dabei war nicht einmal ein Dichter unter ihnen, der ihren Heldenmut neu entfachen und ihre beispiellose Vaterlandsliebe in feurigen Gesängen preisen konnte!

Nach einem Vierteljahrhundert erbitterten Kampfes trotzten die überlebenden dreihundert nackten Wilden dem Gouverneur und seinen 40 000 noch ungebrochenen Mutes. Man wußte sich weder Rat noch Hilfe.

Da ging der Maurer Robinson – jener Wundermann – in die Wildnis hinaus, ohne Waffen und ohne Schutz, nur der Macht seiner Rede, seiner treuen Augen und seines menschenfreundlichen Herzens vertrauend. Er spürte die grimmigen Wilden in ihren Schlupfwinkeln auf, folgte ihnen in die dunkeln Wälder und auf die beschneiten Berggipfel und bezwang sie durch die Menschenliebe, die in ihm wohnte und mit überzeugender Gewalt aus seinem Wort und Wesen sprach. Vier Jahre lang ging er geduldig jeder einzelnen Gruppe der Schwarzen nach über Berg und Tal, viele hundert Meilen weit. Kam er zuerst in ihre Nähe, so stürmten sie auf ihn zu, um ihn zu töten, aber er wich und wankte nie, unbewaffnet stand er vor ihnen und zwang sie ihn anzuhören. Aber alle, die seine Rede vernahmen, warfen ihre Speere weg und zogen mit ihm.

In vier Jahren hatte er die Eingeborenen sämtlich herbeigebracht, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen; freiwillig waren sie ihm gefolgt, hatten sich dem Gouverneur als Gefangene ergeben und dem Krieg ein Ende gemacht, der seit dem Jahre 1804 von vielen Tausenden mit Pulver und Blei vergebens geführt worden war.

Marsyas, der einst wilde Tiere durch den Zauber seiner Musik gezähmt haben soll, gehört ins Fabelreich; aber das Wunder, das Robinson vollbracht hat, ist eine geschichtlich beglaubigte Tatsache, die uns mit Staunen und Ehrfurcht erfüllt. Weder das Altertum noch die Neuzeit hat etwas aufzuweisen, das sich ihr an die Seite stellen ließe.

Und zum Andenken des größten Mannes, den Australien und Ozeanien je hervorgebracht, ist dem ›Versöhner‹ Georg August Robinson von der dankbaren Nachwelt ein stattliches Denkmal errichtet worden, das in – – ach nein, ich bin im Irrtum – es ist das Denkmal eines andern Mannes, dessen Namen ich vergessen habe.

Robinsons eigene Zeitgenossen haben es jedoch nicht an Ehrenbezeigungen für ihn fehlen lassen und sich dadurch selbst geehrt. Die Regierung belohnte ihn mit einer großen Summe und verlieh ihm tausend Morgen Land; das Volk aber hielt Massenversammlungen, um seine Tat zu verherrlichen und es ward ihm, zum Zeichen der allgemeinen Hochachtung, ein reiches Geldgeschenk übergeben.

Uebrigens hatte Robinson sein großes Unternehmen nicht unbedachtsam begonnen; er war kein törichter Schwärmer, der sich blindlings in Todesgefahr stürzt. Vor allem verlangte er, daß die Feindseligkeiten seitens der Weißen gänzlich eingestellt würden, solange er sein Friedenswerk betrieb. Für das Gelingen derselben verließ er sich vor allem auf seine jahrlange genaue Kenntnis des Charakters der Eingeborenen, die er als menschliche Wesen betrachtete und nicht als wilde Bestien, wie es die Leute taten, die seinen Plan verspotteten. Auch ging er nur ungern allein; aber obgleich hohe Summen geboten wurden, fand sich kein Weißer, der ihm unbewaffnet in die Wildnis folgen wollte, nur mehrere Eingeborene beiderlei Geschlechts, die sich den Weißen unterworfen hatten, ließen sich überreden, ihn zu begleiten, trotzdem sie einem beinahe sichern Untergang entgegengingen. Ein Beweis, wie groß sein Einfluß auf die Gemüter war.

Wenn wir bedenken, welchen Gefahren Robinson und seine schwarzen Führer trotzen mußten, so erfüllt uns die größte Bewunderung für seine Kühnheit und ihre unwandelbare Treue. Die wilden Stämme waren nirgends vereinigt, sie hausten in einzelnen Gruppen von zwanzig, zwölf, sechs oder selbst drei Personen in den Bergen, und es galt weite Strecken der ödesten Gegenden zu durchwandern, wo kein lebendes Geschöpf, selbst kein Vogel zu sehen war, weil sich dort keinerlei Nahrung vorfand. Mitten im Winter mußten die Friedensboten unter unsagbarer Mühsal über tiefe, reißende Ströme setzen, sechstausend Fuß hohe Berge erklimmen und sich durch gefährliches Dickicht ihren Weg bahnen.

»Bei allen Beschwerden und Entbehrungen bewies die kleine Schar jedoch einen wahren Heldenmut. In einem an den Sekretär Burnett gerichteten Brief vom 2. Oktober 1844 hat Robinson später die Schrecken geschildert, welche sie umgaben. Er sagt, die Eingeborenen hätten ein förmliches Grauen vor den furchtbaren Bergpässen gehabt; sieben Tage lang seien sie über ›endlose Eisfelder gewandert, wo die Schwarzen oft über die Hüften im Schnee versanken‹. Doch der ermutigende Zuruf ihres hochherzigen Freundes hielt die armen, schlecht gekleideten und genährten, bis aufs äußerste ermatteten Männer und Weiber immer wieder aufrecht und sie wankten nicht in ihrer Ergebenheit.«

Bonwick, der uns dies alles schildert, sagt auch, daß Robinsons friedlicher Sieg über den Big River-Stamm die größte Tat war, die er vollbracht hat. Dieser Stamm stand unter dem allergefürchtetsten Häuptling und war der Schrecken der ganzen Kolonie. Lange mußte Robinson suchen und Drangsale aller Art durchmachen, bis er die grimmigen schwarzen Krieger endlich im Westen einer wilden Berggegend des Innern fand. Jetzt kam der entscheidende Augenblick. War auch das Unternehmen bisher von Erfolg gekrönt gewesen, so hoffte doch Robinson hier selbst auf kein Gelingen; er glaubte, seine Todesstunde sei gekommen.

In drohender Haltung, den achtzehn Fuß langen Speer in der Hand, stand der fürchterliche Häuptling da, hinter ihm seine kampfbereiten Krieger mit haßerfüllten Mienen, aus denen der alte Ingrimm gegen die weiße Rasse sprach. »Sie rasselten mit den Speeren und stießen ihr Kriegsgeschrei aus.« Die Weiber hielten einen neuen Vorrat von Waffen bereit, und alle harrten nur auf das Zeichen des Häuptlings zum Angriff.

Da nahm Robinson seinen ganzen Mut und alle Ueberredungskunst zusammen. Er begann seine Ansprache in des Stammes eigenem Dialekt, was den Häuptling verwunderte und ihm zu gefallen schien.

»Wer seid ihr?« fragte er.

»Eure Freunde.«

»Wo sind eure Schießgewehre?«

»Wir haben keine.«

Der Krieger staunte.

»Und eure kleinen Flinten (Pistolen)?«

»Wir haben keine.«

Es vergingen einige Minuten – die Stammesgenossen berieten untereinander. Inzwischen hatten sich Robinsons eingeborene Begleiterinnen zu den wilden Frauen hinübergewagt, um sie günstig zu stimmen. Der Häuptling aber trat zu den alten Weibern, welchen »die eigentliche Entscheidung über Krieg oder Frieden oblag,« um mit ihnen zu beraten.

»Auf das Schlimmste gefaßt,« fährt Bonwick fort, »harrte die kleine beherzte Schar des Ausgangs; ihre ängstliche Spannung war jedoch nur von kurzer Dauer. Da reckten die Frauen des Stammes dreimal die Arme in die Höhe, das war ein untrügliches Friedenszeichen. Die Speere senkten sich, und mit einem Seufzer der Erleichterung aus tiefer Brust und einem dankbaren Blick nach oben wagten die Geretteten näher heran zu treten. Als die Wilden in ihren Reihen Angehörige des eigenen Stammes erblickten, stürzten sie jubelnd und weinend auf sie zu. Nun folgte ein allgemeines Freudenfest, und mit Lachen und frohen Tänzen endete der ereignisreiche Tag.

»So war auch dieser gefürchtete Stamm zu friedlicher Unterwerfung gebracht worden. Um eine Handvoll Feinde zu bekämpfen, die sich nur mit hölzernen Speeren verteidigten, hatte die Regierung Riesensummen verausgabt und die ganze Bevölkerung der Kolonie zu den Waffen gerufen – das erfuhr man jetzt mit Staunen und Ueberraschung. Der berüchtigte Big River-Stamm, unter dem sich die Europäer in ihrer Furcht ein ganzes Heer vorgestellt hatten, bestand nur aus sechzehn Männern, neun Frauen und einem Kinde. Aber wieviel Unheil hatten sie in der ganzen Gegend angerichtet, welche wunderbaren Märsche hatten sie gemacht, wieviel Beweise von Mut und kriegerischer Tüchtigkeit gegeben! Alle eingeborenen Völkerschaften, welche je den Engländern Widerstand geleistet hatten, sowohl die Zulus in Afrika als die Maori in Neuseeland und die Araber im Sudan waren besser mit Waffen versehen, auch weit zahlreicher und erfahrener in der Kriegskunst als die nackten Tasmanier, die sich als so gefährliche Feinde erwiesen. Mit Recht hat sie der Gouverneur Arthur eine edle Rasse genannt.«

Ein wunderbares Volk, diese Eingeborenen! Man hätte sie nicht aussterben lassen, sondern sie mit der weißen Rasse vermischen sollen; dieser wäre das nur vorteilhaft gewesen, und den Eingeborenen hätte es keinen Schaden getan. Statt dessen wurde das Leben jener kühnen, wilden Menschenkinder unnütz vergeudet. Man pferchte sie auf den benachbarten Inseln in kleinen Ansiedlungen zusammen und die Regierung nahm sich ihrer väterlich an, ließ ihnen Religionsunterricht erteilen und verbot ihnen das Tabakrauchen, weil der Superintendent der Sonntagsschule das Tabakrauchen nicht leiden konnte und das Rauchen für sündhaft erklärte.

Die Eingeborenen waren weder an Kleider noch Häuser, noch regelmäßige Zeiteinteilung gewöhnt, Kirche, Schule, Sonntagsfeier, Arbeit und alle andern übelangebrachten Quälereien der Zivilisation hatten keinen Reiz für sie, und sie wurden die Sehnsucht nach dem freien, ungebundenen Leben in der Heimat nicht los. Zu spät bereuten sie, ihren Himmel gegen diese Hölle eingetauscht zu haben. Klagend saßen sie auf den fremden Felsenklippen und schauten Tag für Tag mit nassen Augen ins Meer hinaus, wo in der Ferne ihr einstiges Paradies in nebligen Umrissen auftauchte; so verzehrten sie sich einer nach dem andern in ungestilltem Verlangen, bis ihnen das Herz vor Heimweh brach.

Nach einigen Jahren war nur noch ein kleiner Ueberrest am Leben. Wenige schleppten sich weiter bis ins Alter. 1864 starb der letzte Mann und 1876 das letzte Weib; es lebte nun niemand mehr von den Spartanern Australiens.

Selbst der gutherzigste Weiße ist nun und nimmermehr befähigt, für das Wohl der Wilden zu sorgen, das ist eine alte Erfahrung. Er sollte nur einmal versuchen, den Spieß umzudrehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn ein wohlmeinender Wilder ihm sein Haus, seine Kirche, seine Kleider, Bücher und Leckerbissen nehmen und ihn in eine schauerliche Einöde verbannen wollte, unter Sand und Klippen, Schnee und Eis, Hagel, Sturm und Sonnenglut, wo Schlangen, Aas und Gewürm seine einzige Nahrung wären und er kein Obdach, kein Lager, keine Decke fände, um seinen nackten Leib zu schützen. Das wäre für ihn die Hölle auf Erden. Warum kann er denn nun nicht einsehen, daß seine Zivilisation für den Wilden genau solche Hölle ist? Wahrlich, er sollte Verstand genug haben, um das zu begreifen; aber daran fehlt es ihm eben, daran hat es ihm zu allen Zeiten gefehlt. Wie wäre er sonst imstande gewesen, die unglücklichen Eingeborenen zu der entsetzlichen Qual seiner Zivilisation zu verdammen und ein solches Verbrechen obendrein im besten Glauben zu begehen? – Er sah die armen Geschöpfe in ihrer Pein, schaute sie voll ratloser Unruhe an und ahnte nicht, was ihnen fehlen könne. Fast tun uns jene Missetäter leid in ihrer bodenlosen Unwissenheit; sie haben es so aufrichtig gemeint, sie waren so reich an guten, menschenfreundlichen Absichten! Weshalb die verbannten Wilden dahinstarben, war und blieb ihnen unbegreiflich, bis endlich ein Mann in einem gleichen Fall in Neusüdwales den Ausspruch tat: »Sie vergingen vor dem Zorn Gottes, der vom Himmel offenbar wurde gegen alle Sündhaftigkeit und Gottlosigkeit der Menschen.«

Das erklärt ja die Sache!



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