Mark Twain
Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung
Mark Twain

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Viertes Kapitel.

Es ist leichter, sich ein dutzendmal ins Gesicht tadeln zu lassen, als eine einzige unwahre Schmeichelei anzuhören.

    Querkopf Wilsons Kalender.

Von Honolulu abgesegelt. Aus meinem Tagebuch:

2. September. – Scharen fliegender Fische – schlank, wohlgestaltet, leicht beweglich und glänzend weiß. Im Sonnenschein sehen sie wie ein Schwarm silberner Obstmesser aus. Sie können über hundert Meter weit fliegen.

 

3. September. – Frühstück unter 9°50' nördlicher Breite. Wir segeln schräg auf den Aequator zu. Alle, welche die Linie noch nie passiert haben, sind ungemein aufgeregt; auch ich möchte nichts in der Welt lieber sehen als den Aequator. Gestern abend erreichten wir die Gegend der Kalmen, wo vollkommene Windstillen mit täglichen Stürmen und Regengüssen wechseln, bei denen der Wind fortwährend umspringt, die See kurze Wellen schlägt und das Schiff wie betrunken hin- und herschwankt. Derartige Zustände findet man bisweilen auch in andern Regionen, aber in der Gegend der Kalmen hören sie nie auf; ihr Gürtel um den Erdball hat eine Breite von zwanzig Grad, und die Schnur, welche man den Aequator nennt, läuft in der Mitte herum.

 

4. September. – Gestern abend hatten wir eine totale Mondfinsternis, die etwa bis 7.30 dauerte. Zuerst sah man eine schöne rosige Wolke mit zerklüfteter Oberfläche, die aus einem kreisförmigen Rahmen hervortrat – es erinnerte an eine Portion Erdbeereis. Als der Mond zur Hälfte wieder sichtbar war, glich er einer goldenen Eichel in ihrem Näpfchen.

 

5. September. – Um Mittag kamen wir dicht an den Aequator heran. Ein Matrose erklärte einem jungen Mädchen, das Schiff mache so wenig Fahrt, weil der Erdball in der Mitte eine Ausbuchtung habe, zu der wir emporklimmen müßten; hätten wir erst beim Aequator die höchste Stelle erreicht, dann ginge es bergunter mit Windeseile. Der Mann ist voller Gelehrsamkeit, da kann das Mädchen noch viel profitieren.

 

Nachmittags. – Wir haben die Linie passiert. Von weitem sah es aus, als breite sich ein blaues Band quer über den Ozean. Mehrere Passagiere machten photographische Aufnahmen. Wir hatten keinen Mummenschanz, keine Narrenspossen und groben Späße, das ist jetzt alles abgeschafft. In früheren Zeiten kam ein als Neptun verkleideter Matrose mit seinem Gefolge über den Schiffsbug gegangen, und jeder, der zum erstenmale die Linie passierte, mußte sich von ihm einseifen und barbieren lassen. Zum Schluß pflegte man die armen Opferlämmer abzuspülen, indem man sie von der Raanocke hinunterließ und dreimal ins Meer tauchte. Dies galt für sehr belustigend – warum, weiß niemand. Das heißt, ja – wir wissen es doch! Auf dem Lande hätten so närrische Veranstaltungen, wie sie ehemals beim Passieren der Linie Sitte waren, nicht die geringste komische Wirkung; man würde sie einfach für albern und sinnlos erklären. Aber die Landratten sollen nur erst einmal zu Schiffe gehen und eine lange Seereise machen, vielleicht wären sie dann anderer Ansicht. Auf solcher Fahrt nehmen die Verstandeskräfte gewaltig ab, und die klügsten Leute geraten bald in eine Gemütsstimmung, bei der sie eine kindische Unterhaltung jeder vernünftigen Beschäftigung vorziehen. Man staunt wirklich oft über die Kindereien, mit denen sich erwachsene Menschen an Bord abgeben und begreift nicht, wie sie dergleichen mit solchem Eifer betreiben und sich so königlich dabei amüsieren können. Ich spreche natürlich nur von langen Seereisen, bei denen der Geist sich allmählich abstumpft und träge und schwerfällig wird. Da verliert man sein gewöhnliches Interesse an höheren Dingen; nur derbe Späße sind noch imstande uns aufzurütteln, und ausgelassene Narretei gewährt uns das größte Vergnügen.

Bei kürzeren Seereisen ist das anders; da hat der Geist nicht Zeit, auf so traurige Art zu versimpeln, und man schafft sich die nötige Körperbewegung durch das Beilkespiel. Auch wir vertrieben uns unterwegs die Zeit damit aufs angenehmste. Vor dem Beginn des Spiels zeichnet der Quartiermeister die nachstehende Kreidefigur auf das Deck, und jeder Spieler erhält vier hölzerne Scheiben von der Größe einer Untertasse, die er mit einer Art Besenstiel, an dem eine hölzerne Mondsichel befestigt ist, durch einen kräftigen Stoß fünfzehn bis zwanzig Fuß weit über das Deck befördern muß, so daß sie in einem der Quadrate landen. Bleibt die geworfene Scheibe dort, bis der erste Gang vorüber ist, so gilt sie so viel wie die Zahl in dem betreffenden Quadrat.

10
8 1 6
3 5 7
4 9 2
10 minus

Der Gegner muß sich bemühen, die feindliche Scheibe hinauszustoßen, besonders wenn sie auf eine hohe Nummer getroffen hat, und seine eigene an die Stelle zu setzen. Liegt sie aber auf 10 minus so wird er im Gegenteil danach trachten, seine Scheibe so zu schieben, daß der andere Spieler die seinige nicht wieder aus diesem verderblichen Platz herausbringen kann, weil ihm der Zugang versperrt ist. Nach jedem Gang werden die Points gezählt; oft können alle Scheiben mitgerechnet werden, aber die, welche den Kreidestrich berühren, gelten nicht; auch findet manchmal ein großes Scharmützel statt, so daß keine einzige Scheibe mehr in den Quadraten liegt. Wenn eine Partei hundert Points hat, ist das Spiel zu Ende; es dauert meist zwischen zwanzig und dreißig Minuten, was vom Glück und der Bewegung des Schiffes abhängt. Geht die See hoch, so ist man genötigt, die Kraft und Richtung des Stoßes genau abzuwägen. Hebt sich das Schiff, muß man stark stoßen, senkt es sich, so kommt es darauf an, Maß zu halten, da sich die Wirkung nicht leicht berechnen läßt. Schwankt das Schiff nach rechts, und man zielt nach der linken oberen Seite der Kreidefigur, so gleitet die Scheibe im Bogen gerade in ein Quadrat hinein, falls man nämlich genau die richtige Stärke getroffen hat. Das Spiel ist aufregend, und die meist sehr zahlreichen Zuschauer lassen es nicht an Beifall oder Hohngelächter fehlen, je nachdem eins oder das andere am Platze ist. Es erfordert auch viel Geschicklichkeit, aber da man sich auf die Bewegung des Schiffes nie verlassen kann, ist es noch mehr Glückssache.

Um zu entscheiden, wer ›Meister des Beilkespiels auf dem Stillen Ozean‹ sein sollte, fochten wir großartige Turniere aus, an denen sich fast alle unsere Mitreisenden männlichen und weiblichen Geschlechts, sowie sämtliche Offiziere beteiligten. Der Kampf wurde viele Tage lang mit großer Hartnäckigkeit fortgesetzt, er war sehr lebhaft und machte uns todmüde, wegen der starken Bewegung, die man bei dem Spiele hat. Schließlich behauptete Herr Thomas, einer der Passagiere, seine unbestrittene Meisterschaft.

Bei einem der kleineren Wettkämpfe hatte ich jedoch den Sieg davongetragen und den ausgesetzten Preis, eine Waterbury-Taschenuhr gewonnen, die ich im Koffer verwahrte. Neun Monate später, in der Stadt Prätoria in Südafrika, nahm ich sie wieder heraus, weil meine eigene Uhr stehen geblieben war, zog sie auf und stellte sie nach der Turmuhr am Parlamentsgebäude auf 8 Uhr 5 Minuten; dann begab ich mich in mein Schlafzimmer und ging früh zu Bette, da ich nach einer langen Eisenbahnfahrt der Ruhe bedurfte. Jene Parlamentsuhr hatte eine ganz verrückte Eigenschaft, die sonst nirgends in der Welt vorkommt, aber das wußte ich damals nicht; sie schlägt nämlich, wenn es halb ist, die nächste volle Stunde und schlägt sie dann abermals zur richtigen Zeit. Eine Weile rauchte und las ich noch im Bett; als ich aber die Augen nicht länger offen halten konnte und eben im Begriff war, das Licht zu löschen, dröhnte es gewaltig vom Turme. Ich zähle zehn Schläge und lange nach meiner Preisuhr, um sie zu vergleichen. Sie stand auf 9.30, war also schon eine halbe Stunde zurückgeblieben. Für eine Dreidollaruhr hatte sie jedenfalls zu geringe Geschwindigkeit, doch glaubte ich, das veränderte Klima sei schuld. Ich stellte sie eine halbe Stunde vor, nahm wieder mein Buch zur Hand und wartete. Es schlug noch einmal zehn; meine Uhr aber zeigte 10.30. Diese übergroße Eile überraschte mich – es war zuviel für das Geld. Nachdem ich die Zeiger um eine halbe Stunde zurückgeschoben hatte, horchte und wartete ich wieder; ich konnte jetzt nicht anders, denn ich war unruhig und ärgerlich und fühlte keine Schläfrigkeit mehr. Nicht lange, so schlug es 11 vom Turme und auf meiner Uhr war es 10.30. Wieder stellte ich sie eine halbe Stunde vor und fing schon an die Geduld zu verlieren. Da schlug es noch einmal 11; als ich aber sah, daß die Waterbury-Uhr auf 11.30 zeigte, schleuderte ich sie gegen den Bettpfosten, daß sie in Stücke ging. Tags darauf, als ich hinter die Geschichte kam, tat mir das freilich leid.

Doch ich kehre zum Schiff zurück. – Der gewöhnliche Durchschnittsmensch ist ein boshaftes Geschöpf, und wenn er das nicht ist, hat er Freude an handgreiflichen Späßen. Für die Person, die ihm als Zielscheibe dient, kommt das auf eins heraus, sie wird jedenfalls zum Opferlamm.

Auf allen Schiffen wird das Abspülen des Deckes in sehr früher Stunde vorgenommen, aber nur selten trifft man dabei Maßregeln zum Schutz der Passagiere; es wird ihnen weder vorher angekündigt, noch schickt man einen Aufwärter hinunter, um die Kajütenfenster zu schließen. So haben denn die Matrosen beim Deckspülen freie Hand, was sie sich nach Kräften zu nutze machen. Platsch! schütten sie einen Eimer Wasser längs der Schiffseite hin, daß es durch die Kajütenfenster fließt und nicht nur die Kleider der Passagiere, sondern auch diese selbst durchnäßt. Auf unserm Schiff herrschte diese gute alte Sitte ebenfalls und zwar unter sehr günstigen Bedingungen, denn in den glühenden tropischen Regionen wird außen am Fenster ein abnehmbarer Zinkvorsetzer in Form einer Zuckerschaufel befestigt, um den Wind zu fangen, so daß Luft ins Innere dringt. Aber auch das Wasser sammelt sich dort und fließt hindurch – oft in ganzen Strömen. –

Frau J., eine kranke Dame, mußte nach ärztlicher Verordnung auf dem Sofa schlafen, der unter ihrem Kajütenfenster stand. Jedesmal, daß sie nicht auf ihrer Hut war und zu lange schlief, überschwemmten sie die Deckspüler mit einem Wasserguß.

Und erst die Anstreicher – was hatten die für ein lustiges Leben! Zwar sollte das Schiff in Sydney einen Monat lang in dem Dock ausgebessert werden, aber trotzdem wurde es die ganze Fahrt über bald hier bald da neu angestrichen. Die Kleider der Damen litten fortwährend Schaden, doch weder Bitte noch Einspruch fand Gehör. Es kam nicht selten vor, daß eine Dame in der Nähe eines Ventilators oder irgend eines andern Dinges, das gar nicht angestrichen zu werden brauchte, ihr Mittagsschläfchen hielt und beim Erwachen entdeckte, daß ein Spaßvogel sich mit seinen Farbentöpfen über besagten Gegenstand hergemacht hatte, und ihr weißes Kleid von oben bis unten mit kleinen gelben Ölflecken bespritzt war.

Die Schiffsoffiziere sind nicht schuld an dieser Farbenkleckserei zu ungelegener Zeit, sondern der alte Brauch. Seit Noahs Tagen gilt das Gesetz, daß an einem Schiff während der Fahrt unausgesetzt herumgeputzt und angestrichen werden muß. Dies Gesetz ist zur Gewohnheit geworden, und auf der See haben Gewohnheit und Sitte ein ewiges Leben. Der alte Brauch wird nicht aufhören bis das Meer ausgetrocknet ist.

 

8. September, Sonntag. Wir segeln in fast gerader Linie nach Süden, sodaß wir täglich nicht mehr als zwei Längengrade kreuzen. Heute früh waren wir beim 178. Grad westlicher Länge von Greenwich; morgen kommen wir dicht an die Mitte der Erdkugel beim 180. Grad westlicher Länge und dem 180. Grad östlicher Länge.

Und dann müssen wir einen Tag aus unserm Leben streichen, der auf immer unwiederbringlich verloren ist. Wir werden alle einen Tag früher sterben, als es uns seit Anbeginn vom Geschick bestimmt war. Die ganze Ewigkeit hindurch bleiben wir um diesen einen Tag zurück. Wenn wir droben zu den Engeln sagen: »Heute ist schönes Wetter!« werden sie stets erwidern: »Es ist gar nicht heute, sondern morgen!« Wir kommen nie wieder aus der Verwirrung heraus; unsere Seelenruhe ist auf immer dahin!

 

Am nächsten Tage. Jetzt ist es wirklich zur Wahrheit geworden. Gestern war Sonntag, der 8. September – und heute steht auf dem Anschlagbrett am Eingang zur Kajütentreppe: Dienstag, 10. September. Man hat ein unbehagliches Gefühl dabei, als wäre Zauberei im Spiele. Es ist ja auch wirklich unbegreiflich, wenn man es recht bedenkt, und man kann sich keine Vorstellung davon machen. Als wir den 180. Meridian kreuzten, war es am Stern des Schiffes, wo die Meinigen sich aufhielten Sonntag, und am Bug, wo ich war, Dienstag. Sie verzehrten einen halben Apfel am 8. September, und ich aß gleichzeitig die andere Hälfte am 10. In den fünf Minuten, seit ich sie verlassen hatte, war ich um einen Tag älter geworden, sie dagegen nicht. Der Tag, den sie verlebten, erstreckte sich hinter ihnen um die halbe Erdkugel durch den Stillen Ozean, Amerika und Europa; der Tag, den ich verlebte, dehnte sich vor mir um die andere Hälfte der Erde aus, bis beide zusammentrafen. Tage von solchem Umfang waren uns noch niemals vorgekommen, alle früheren schrumpften im Vergleich dazu in ein Nichts zusammen. Auch der Temperaturunterschied der beiden Tage war bemerkenswert; der ihrige war heißer als meiner, wegen der größeren Nähe des Aequators.

Gerade zur Zeit, als wir den Großen Meridian kreuzten, wurde im Zwischendeck ein Kind geboren, und nun läßt sich auf keine Weise feststellen, welches sein Geburtstag ist. Die Wärterin sagt Sonntag, der Arzt Dienstag. Das Kind selbst wird nie darüber ins klare kommen und immer zwischen den beiden Tagen schwanken. Dadurch müssen alle seine Ansichten über Religion, Politik, Liebe, Berufswahl und dergleichen in Unsicherheit geraten, seine Grundsätze werden erschüttert, seine Charakterentwicklung gehemmt, und dem armen Ding von vornherein jede Möglichkeit eines erfolgreichen Wirkens abgeschnitten.

Das sagten alle Leute an Bord. Aber damit war das Unheil noch nicht einmal erschöpft. Ein ungeheuer reicher Bierbrauer auf dem Schiff hatte nämlich schon zehn Tage vorher gesagt, falls das Kind an seinem Geburtstag zur Welt käme, würde er ihm zehntausend Dollars zum Geschenk machen. Sein Geburtstag war aber Montag den 9. September.

Wenn alle Schiffe in derselben Richtung – nämlich nach Westen – führen, so würde der Welt eine ungeheure Menge wertvoller Zeit verloren gehen, weil Passagiere und Mannschaften eine solche Unzahl von Tagen auf dem Großen Meridian über Bord werfen. Aber glücklicherweise segelt die Hälfte der Schiffe nach Osten, und so entsteht kein wirklicher Verlust. Diese fischen nämlich die weggeworfenen Tage auf, um sie dem Zeitvorrat der Welt wieder hinzuzufügen und zwar fast unversehrt, denn durch das Salzwasser werden sie frisch erhalten und bleiben so gut wie neu.



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