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Paul wird gestraft

»Mutti, liebe Mutti, zieh mir nicht das alte Kleid an! Ich möchte heute keine Frau sein, sondern ein Junge.«

Frau Sandler schüttelte den Kopf. Das hübsche, neue Kleidchen schien keinen Eindruck auf Hedi gemacht zu haben.

»Du sollst niedlich aussehen, wenn du heute nachmittag zu Onkel und Tante Niepel fährst.«

»Mutti, bitte, bitte, ich möchte ein Junge sein. Ich hole mir meine Höschen.«

»Aber Hedi, du kannst nicht in den Spielhöschen zu Besuch gehen.«

»Ich kann schon, Mutti.«

»Warum willst du das neue Kleid nicht anziehen?«

»Weil der Paul dann sagt, daß ich ein dummes Mädchen bin. Bei Onkel Niepel dürfen wir auf die hohe Leiter kriechen. Und wenn ich dann ein Mädchen bin, lassen mich die Jungen nicht 'rauf. – Ich möchte heute ein Junge sein.«

»Du brauchst mit den drei Buben nicht immer mitzuklettern. Kleine Mädchen müssen artiger sein als Jungen.«

»Warum denn, Mutti?«

»Weil sie schon ein viel feineres Stimmchen haben und weil sie der liebe Gott nicht so kräftig geschaffen hat wie die Knaben.«

Die Vierjährige schlug ein lautes Lachen an, dann sagte sie mit tiefer Stimme:

»Ach, Mutti, so finster wie ich kann nicht mal der Paul sprechen. – Hör mal zu! – Und den Fritz habe ich neulich verprügelt. – Oh, ich hab' schon Kräfte. Der liebe Gott hat gemeint, ich bin ein Junge.«

»Du bist unser liebes, kleines Mädchen und sollst es bleiben. Ich möchte auch ein artiges kleines Mädchen haben, keinen Eigensinn, wie du manchmal einer bist. Du sollst doch später ein liebes Mädchen werden, das alle Menschen gern haben.«

Bild: Artur Scheiner

»Ja, ich will auch eine liebe Mutti werden, so eine liebe Mutti, wie du eine bist. Mußtest du immer artig sein, Mutti, damit du eine so liebe Frau geworden bist?«

Frau Sandler streifte ihrer Tochter das hübsche Kleidchen über, um diesem Streit ein Ende zu machen. Hedi zog zwar ein Gesicht, doch darauf achtete die Mutter nicht. Dem kleinen Trotzkopf durfte sie nicht nachgeben, denn schon jetzt zeigte sich manches Mal, daß Hedi ihre Pläne und Absichten durchsetzen wollte. Frau Sandler war noch eine recht junge Frau, und sie bemühte sich, ihr Töchterchen zu einem braven Mädchen zu erziehen. Sie nahm es mit ihrer Aufgabe recht genau und achtete streng darauf, daß im Forsthause keine Unarten getrieben wurden.

Wenn Hedi wollte, konnte sie sehr lieb sein, das hatte sie am gestrigen Ostersonntag gezeigt, als sie beglückt die verschiedenen Ostereier suchte, die man ihr im Garten versteckt hatte. Nur am Abend stellte sie betrübt fest, daß ihr der Osterhase wieder keine Klotzpantinen gebracht hatte, wie Minna sie trug, wenn sie in den Ziegenstall oder zu der Kuh ging.

»Wenn ich morgen zu Tante Niepel gehe, bringt mir der Osterhase vielleicht dort die Klotzpantinen.«

Für Hedi war es immer eine große Freude, wenn sie mit dem kleinen Kastenwagen nach dem Niepelschen Gut geholt wurde. Dort hatte man das blondlockige Mädchen herzlich gern. Der Gutsbesitzer freute sich, wenn Hedi mit seinen drei Buben in Haus und Garten umhertollte. Freilich, wenn alle vier zusammen spielten, mußte man gut achtgeben, denn Paul war nicht immer verträglich, er ärgerte seine Spielgefährten recht gern.

Seit einigen Tagen war auf dem Gut ein neues Kinderfräulein angekommen. Das junge Mädchen war für heute beauftragt worden, die kleine Schar zu überwachen. Frau Niepel wollte sich inzwischen um die halbjährige Dora kümmern. Dieses Schwesterchen wurde von den Drillingen wenig geschätzt. Paul hatte verächtlich geäußert, daß er mit dieser Schreipuppe gar nichts anzufangen wisse. Ja, wenn es noch ein Bube gewesen wäre, der hätte sich wahrscheinlich von Anfang an ganz anders betragen. Aber ein Mädchen war eben ein Zimperling, der sogleich losbrüllte, wenn man ihm mit dem Finger auf die Nase tippte.

Ganz anders Hedi. Sie war zu Weihnachten bei Niepels gewesen und hatte erstaunt die große Puppe betrachtet, die im Wagen lag.

»Kannst du mir die Puppe nicht schenken«, fragte sie beim Abschiednehmen und legte beide Ärmchen um den Hals der geliebten Tante Niepel. »Meine Puppe ist schon kaputt, und die hier ist noch ganz neu.«

Seit dieser Stunde bettelte Hedi unaufhörlich, die Mutti möge ihr auch genau solch eine Puppe kaufen, mit Klapperaugen und einem Mund, der auf und zu machte. Sie wollte eine Puppe haben, die die Arme bewegen und schreien konnte. Auf diese Puppe freute sich Hedi auch heute. Freilich, das Umhertollen mit den drei Buben war auch nicht zu verachten. Besonders der kleine, zierliche Fritz war Hedi ans Herz gewachsen. Ihn nahm sie stets an die Hand, für ihn sorgte sie, wenn die Speise verteilt wurde, für ihn brauchte sie die Ellenbogen, wenn es galt, ihm einen Platz zu erkämpfen.

Sogleich nach dem Mittagessen kam der Kastenwagen mit dem weißen Pferdchen vor das Forsthaus gefahren. Der alte Kutscher betrat das Haus und meldete, daß alles zur Abfahrt fertig sei.

»Du darfst neben mir sitzen, Pucki, und nachher auch die Leine halten.«

Pucki streichelte erst das Pferd und hielt ihm ein kleines Schokoladenei hin.

»Weil doch halt Ostern ist, kleines Pferdchen.«

Doch das Tier verschmähte die Gabe. Es schnupperte nur ein wenig daran und wandte den Kopf ab.

»Willste nicht?« meinte Hedi, »na, dann ess' ich es allein.« Damit schob sie das Ei in den Mund.

Der Förster und seine Frau ermahnten Hedi, als sie neben dem Kutscher saß, recht artig zu sein.

»Das sind wir schon«, rief das Kind strahlend zurück. »Und nu: Hü-hott, jetzt fahren wir los!«

Es war eine herrliche Fahrt! Die Förstertochter kam sich sehr wichtig vor, als sie die Leine in den kleinen Händen hielt und mit hellem Stimmchen ihr »Hottehü, kleines Pferdchen« rief. Als aber der Kutscher einmal nach der Peitsche griff, fiel ihm Hedi in den Arm.

»Nicht schlagen, nicht das liebe Pferdchen schlagen! Ich werde ihm sagen, daß es nicht stehenbleiben darf. – Ach, es will auch mal ausruhen!«

Das Pferd, das den Weg schon gar oft gegangen war, schien heute keine Eile zu haben. Gerade das gefiel Hedi. Die Fahrt dauerte somit noch länger, und es gab nichts Schöneres, als hier oben zu thronen und das Pferdchen zu lenken.

Plötzlich brachen mit Indianergeheul hinter einem Busch die drei Niepelschen Buben hervor. Sie fielen dem Pferd in den Zügel, Fritz kletterte über die Deichsel auf den Rücken des Tieres, und die beiden anderen schwangen sich auf den Wagen. Man riß Hedi die Leine aus der Hand, und schon gab es den ersten Kampf, so daß der Kutscher besänftigend eingreifen mußte.

»Wenn du nicht ruhig bist«, sagte Paul zu seinem Besuch, »suche ich alle Ostereier weg, die der Vater im Garten versteckt hat.«

»Quatsch nicht«, meinte Walter, »du findest überhaupt keine Ostereier.«

»Doch – ich habe durch die Luke gesehen und weiß, wo sie versteckt sind.«

»Wo hat er sie denn versteckt?«

Paul lachte nur. »Das sage ich nicht!« –

Von Niepels wurde Hedi herzlich empfangen. Ihre erste Frage galt dem kleinen Schwesterchen.

»Kann's nu schon sprechen und mit uns spielen, Tante?«

»O nein, Hedi, Dora ist erst ein halbes Jahr alt. Sie kann noch nicht laufen und noch nicht sprechen.«

»O je, wie das lange dauert. – Muß sie immerzu auf dem Rücken liegen?«

»Wenn du zum nächsten Osterfest kommst, wird sie schon laufen können.«

»Na, dann tragen wir sie. Ich muß meine Puppen auch immer tragen, oder der Harras trägt sie. – Kann eure Diana das kleine Mädchen nicht auch herumtragen?«

Paul lachte schallend. »Machen wir! Die Diana muß den Schreihals tragen! – Nu komm mal mit, ich zeige dir jetzt – Pst – pst, nichts verraten – ich zeige dir, wo der Vater die Ostereier versteckt hat.«

Erst streichelte Hedi die kleine Dora, als sie jedoch zu schreien begann, schüttelte Hedi unwillig den Kopf.

»Tante, sie schreit zu viel. Meine Diana schreit nie, auch wenn ich sie mit dem Kopf mal tüchtig auf die Erde bumse.«

Dann trippelte sie auf den Zehenspitzen hinter Paul her. »Wir wollen ganz leise sein und allein die Ostereier finden.«

Im Garten wies Paul an die verschiedensten Stellen. »Dort liegt eins – dort liegt eins – und drüben im Gemüsegarten liegen noch hundert. Dort mußt du hingehen. Wenn wir nachher suchen, geh nur zuerst in den Gemüsegarten. Dort findest du hundert.«

»Hundert? Das ist sehr viel, nicht wahr?«

»Das ist ein großer Berg – soviel Eier kannst du gar nicht essen.«

»Ich werde mal jetzt schon ein bißchen suchen.«

»Nein, Hedi, bleib nur hier! – Sieh mal, dort kommt das neue Fräulein. – Ich mag es nicht, ich will kein Fräulein.«

Hedi legte beide Hände auf den Rücken und betrachtete mit kritischen Blicken das junge Mädchen, das ihr freundlich die Hand reichte.

»Du bist also das kleine Blondköpfchen vom Förster.«

»Ja – wer bist denn du?«

»Ich bin Fräulein Irma.«

»Soso – –«

»Nun willst du mit den Drillingen spielen?«

Hedi zog die Stirn kraus und schwieg.

»Du bist wohl allein daheim? Deine Mutti hat nur dich?«

»Nein, meine Mutti hat mich und den Harras.«

»So bist du die Älteste?«

»Nein, Mutti ist noch älter.«

Fräulein Irma lachte. »Nun, Drillinge hat sie wohl nicht, wie Tante Niepel.«

Einen Augenblick überlegte Hedi, dann sagte sie: »Nein, Mutti hat keinen Drilling.«

Sehr bald kam Onkel Niepel, der lachend erzählte, daß der Osterhase in den Garten für artige Kinder Ostereier gelegt hätte. Sie sollten nun suchen.

»Du, Onkel«, sagte Hedi mit frohem Lächeln, »der Paul hat mir gesagt, du hast die Eier hingelegt. – Nun ja, du hast wohl dem Osterhasen helfen müssen, weil er doch so viel zu tun hat. – Kommste auch noch mal zu uns und legst du in der Försterei auch noch mal Ostereier?«

»So so, der Paul hat dir das gesagt! Freilich, ich habe dem guten Osterhasen ein wenig geholfen. Doch nun lauf und suche recht aufmerksam am Tulpenbeet, dort liegt gewiß eins.«

Hedi lachte glücklich. »Das eine kann sich der Fritz holen, ich geh' in den Gemüsegarten, Onkel Niepel – dort liegen hundert.«

»Nein, mein kleines Mädchen, in den Gemüsegarten ist der Osterhase nicht gegangen, nur in den Blumengarten.«

»Das weißt du nicht«, flüsterte das Kind, »der Paul hat es gesehen, durch die Dachluke.«

»Da hat er was Falsches gesehen, Hedi. Geh nur in den Blumengarten, sonst findest du nichts.«

Doch das Mädchen schüttelte energisch den Kopf. »Ich geh' doch lieber in den Gemüsegarten und hole mir hundert Eier.«

Während die drei Buben in den Blumengarten stürmten, lief Hedi zu der Pforte, die den Blumengarten mit dem Gemüsegarten verband. Doch plötzlich machte sie halt und winkte Fritz, dem kleinsten der Drillinge, zu und flüsterte:

»Komm mit, im Gemüsegarten sind hundert Eier, und hier ist nur eins.«

Abermals suchte der Gutsbesitzer die beiden Kinder zurückzuhalten, doch Hedi lachte ihn strahlend an. Währenddessen stürmte Paul von einem Versteck zum anderen, so daß er vom Vater plötzlich festgehalten wurde.

»Sag mal, mein Junge, woher kennst du die Verstecke des Osterhasen so genau?«

Paul wollte sich aus den Armen des Vaters befreien, es gelang ihm aber nicht. So senkte er nur schuldbewußt den Kopf.

»Hast du vielleicht gelauscht?«

»Nein, Vater«, stammelte der Knabe, »ich habe es nur gesehen. Wenn ich doch grade in den Garten gucken mußte, kann ich doch nichts dafür.«

»Hast du der kleinen Hedi gesagt, daß sie im Gemüsegarten suchen soll? Wenn du alles gesehen hast, mußt du wissen, daß dort keine Eier versteckt wurden.«

»Vielleicht – vielleicht hat der richtige Osterhase dort Eier versteckt. – Es könnte doch sein, Vater.«

»Gib die Eier her. Einmal hast du mein Verbot nicht befolgt und bist hinauf auf den Boden geschlichen, zum anderen hast du deine kleine Freundin angeführt. Für solche Kinder hat der Osterhase keine Eier. Wenn das noch einmal passiert, mein Junge, nehme ich dich an den Ohren.«

Paul schaute auf die acht bunten Eier, die er in den Händen hielt.

»Ich hab' doch nur – – ich dachte – der Osterhase wird der Hedi ganz sicher Eier in den Gemüsegarten legen.«

»Nun gib die Eier her.«

Aus den Kinderaugen stürzten Tränen. »Vater, nur ein einziges Ei –«

»Kein Ei – marsch, gib die Eier her!«

Schluchzend wurden die gefundenen Eier abgeliefert.

»Und jetzt gehst du in den Gemüsegarten und rufst Hedi und den Bruder und sagst ihnen, daß du sie belogen hast. – Schäm dich, Paul, wie kann man so unaufrichtig sein! – Lauf und hole die beiden her.«

Mit schwerem Herzen schlich Paul hinüber. Gar zu gern hätte er sich diesen Weg erspart, doch er sah den Vater und wagte nicht, seinem Willen zu trotzen.

»Ihr sollt in den Blumengarten kommen«, fuhr Paul die beiden heftig an, »ihr sollt meine Eier bekommen – hier sind keine. Aber schnell sollt ihr kommen, sonst haut euch der Vater.«

Hedi und Fritz, die vergeblich gesucht hatten, schauten Paul an, der mit schmutzigen Händen die Tränen aus den Augen wischte.

»Hat er dich gehauen?« fragte Hedi.

»Nein – aber meine Eier hat er mir fortgenommen!« Heulend lief Paul davon.

Man sah ihn auch nicht mehr, als die Ostereier im Blumengarten gesucht und gefunden wurden.

Bild: Artur Scheiner

Hedi jubelte über jedes Ei, das sie entdeckte; sie sorgte aber auch mit rührender Liebe dafür, daß Fritz nicht leer ausging. Mehrmals rief sie ihn an einen Strauch und tauschte vorher ein größeres Ei mit einem kleineren aus.

»Du freust dich doch auch, wenn du ein kleines findest? Ich möchte so gerne die großen behalten.«

Schließlich wurden die Süßigkeiten von Herrn Niepel gezählt und festgestellt, daß alle Eier gefunden waren.

»So, kleiner Blondkopf«, sagte der Gutsbesitzer, »nun bekommst du auch noch die acht Eier, die der Paul gefunden hat. Er geht heute leer aus, weil er unartig war.«

Hedis Herzchen wurde schwer. Wenn alle so große Freude hatten, mußte der Paul doch auch eine Freude haben. Vergeblich wanderten die Kinderaugen im Garten umher, aber Paul war nirgends zu sehen.

»Sind das alles meine Eier?«

»Jawohl, mein Kind.«

»Sie hat zu viele Eier«, klang es plötzlich schluchzend von Walters Lippen. »Sie hat so große Eier, ich will auch so große Eier!«

Hedi biß von einem Ei ein Stück ab und legte die andere Hälfte vor Walter nieder.

»Da hast du!«

»Ich will keine kaputten Eier, ich will große, richtige Eier!«

Auch jetzt mußte Onkel Niepel wieder den Streit schlichten. Die Tränen seines Sohnes versiegten bald, zumal im Kinderzimmer der Kaffeetisch gedeckt war und Fräulein Irma die Kleinen zum Essen rief.

Mit rotgeweinten Augen kam auch Paul herbei. Hedi ging auf ihn zu, legte beide Arme um seinen Hals und sagte:

»Brauchst nicht zu weinen, ich schenke dir Eier, ich habe genug. Komm, such dir aus.«

Als Paul aber nach dem größten griff, hielt sie rasch die Hände darüber.

»Das kannst du haben, und das – und das – – aber das hier nicht.«

Schließlich gab sich Paul zufrieden; er meinte jedoch, Hedi sei ein dummes Mädchen, das er nicht leiden könnte.

Nach dem Kaffeetrinken schlug Fräulein Irma vor, ein Kreisspiel zu spielen. Doch die Drillinge lehnten energisch ab. »Wir gehen lieber in die Ställe. Hedi kommt mit.«

»Ach ja!« jauchzte das Kind, »zu den vielen Kühen und den lieben Schweinchen!«

»Ihr werdet doch nicht in den Kuhstall gehen, die Kühe können euch schlagen.«

Paul lachte auf. »Du hast immerzu Angst, Fräulein Irma! Oh – sie hat immer Angst, sie streichelt nicht mal die Pferde.«

»Ihr sollt nicht in die Ställe gehen!«

Lachend stürmte die kleine Schar davon. Sie lachten noch lauter, als sie Fräulein Irma sahen, die scheltend auf der Verandatreppe stand.

Erst ging es zu den Schweinen. Die Hühner interessierten die kleine Hedi zu wenig, denn Hühner gab es auch im Forsthaus. Doch die vielen Schweine, die nebeneinander in dem Stall standen, waren für Hedi eine riesige Freude.

»Hm –« sagte sie, indem sie in vollen Zügen die Luft einzog, »das riecht hier noch schöner als der Wald.«

Paul hatte keine Ruhe, er wollte weiter zu den Kühen. So kletterte Hedi von der Schweinebucht herab und lief mit den Knaben zum Kuhstall. Der Schweizer, der dort beschäftigt war, hob warnend den Finger, als Hedi schnurstracks auf den großen Bullen zuging.

»Dort geh nicht hin!«

Das Kind blieb stehen, hielt dem Tier ein Bündel Stroh entgegen und sagte mit seiner hellen Stimme:

»Komm ruhig, ich tu' dir nichts, du brauchst dich nicht zu fürchten.«

Der Schweizer paßte gut auf, denn dem Bullen war nicht zu trauen. Gar zu leicht konnte ein Unglück passieren. Paul erklärte zwar, er fürchte sich nicht, nur der Schweizer sei ein Angstmeier!

Ganz plötzlich erhob der Bulle den Kopf. Die Kette klirrte, und er ließ ein lautes Brüllen hören. Da stürmte Paul zurück, riß in seinem Schreck Hedi um, die in das schmutzige Stroh fiel und laut zu schimpfen begann.

»Du böser Junge, du – – du bist ein Angstmeier!«

Doch zog sie es vor, aus der Nähe des Bullen zu gehen und lieber die Kühe zu besuchen, die sich streicheln ließen.

»Jetzt gehen wir zu den Pferden und zum Hinkeldei«, schlug Paul vor.

»Hinkeldei?« fragte Hedi, »ist das auch ein Pferdchen?«

»Du Dummsack! – Das ist der neue Knecht. – Paß mal auf, wie der läuft.« Paul stolzierte über den Hof, dabei knickte er mit dem linken Bein tief ein und rief: »Hopp-la, hopp-la, hopp-la – – So geht er, unser Hinkeldei.«

»Warum geht er so?«

»Er kann nicht anders gehen, er hat mal das Bein zerbrochen.«

»Hat er es wieder geflickt? – Unser Männe hatte sich auch mal das Bein gebrochen, aber er geht nicht hopp-la, hopp-la. – Vati hat dem Männe ein Tuch ums Bein gewickelt, und dann ist es wieder richtig gewesen. – Hat der Hinkeldei nicht auch ein Tuch ums Bein gewickelt?«

»Komm, ich zeige dir den Hinkeldei.«

»Der Vater hat doch gesagt, du sollst nicht so reden«, meinte Fritz.

Doch Paul hörte nicht auf die mahnenden Worte, er hinkte den anderen lustig voran, hinein in den Pferdestall.

Dort stand ein junger Bursche, den Hedi noch nie bei Niepels gesehen hatte. Er hatte ein Gesicht mit mehreren Narben, große abstehende Ohren und war nicht gerade schön zu nennen. Trotzdem machte Hedi einen artigen Knicks und sagte freundlich:

»Weidmannsheil, Herr Hinkeldei.« Sie erinnerte sich, daß der Vati immer diesen Gruß gebrauchte. Da er sie ermahnt hatte, artig zu sein, wollte sie es dem Vati nachtun. Aber der Knecht schien von dieser Begrüßung nicht erfreut zu sein. Er gab keine Antwort und wandte sich ab. Hedi wartete, daß er einige Schritte gehen möchte. Gar zu gern hätte sie gesehen, wie man mit einem zerbrochenen Bein gehen konnte. Doch erst nach längerer Zeit wurde ihr Wunsch erfüllt.

Wahrhaftig! – Der Mann ging immer schief auf der einen Seite. Hedi hätte ihn gar gern gefragt, doch machte er ein so unfreundliches Gesicht, daß sie sich nicht traute, etwas zu sagen. Erst viel später, als die Kinder wieder draußen im Hof waren und von Fräulein Irma angstvoll in Empfang genommen wurden, wagte sie zu fragen.

»Es ist häßlich vom Paul, den armen Menschen zu verspotten. Wenn der Knecht das Unglück hatte, vom Baum herabzufallen und das Bein zu brechen, darf man darüber nicht lachen.«

»Ich lache doch«, rief Paul vorlaut und schrie aus Leibeskräften, daß es über den Gutshof schallte: »Hinkeldei – – Hinkeldei!«

»Ärgert er sich darüber?« fragte Hedi.

»Gewiß, mein Kind, so etwas darf man nicht sagen.«

»Hinkeldei – Hinkeldei«, höhnte Paul weiter.

»Sei still«, meinte Hedi, »wenn es ihn doch ärgert, wollen wir es nicht mehr sagen. Wenn er schon das Bein gebrochen hat, wird er sehr traurig sein.«

»Das ist mir einerlei, mir macht es Spaß!«

»Ach, Paul, ich schenke dir auch noch ein Osterei, ein großes, goldenes. Mutti sagt immer, man darf kranke Leute nicht ärgern.«

»Seht mal alle her!« Paul hinkte erneut über den Hof und machte es so drollig, daß die beiden Brüder hell lachten. Sinnend stand das kleine Mädchen daneben. Das Verhalten des Spielgefährten mißfiel ihr. Sie erinnerte sich, daß einmal ein Mann mit einem Arm ins Forsthaus gekommen war. Sie hatte damals staunend gelacht, weil der eine Ärmel der Jacke leer herunterhing. Aber Vater und Mutter waren darüber sehr traurig gewesen. Sie hatten ihr erzählt, daß es ein großes Unglück sei, wenn ein Mensch seine Glieder nicht richtig gebrauchen könnte. Daran dachte das Kind in diesem Augenblick.

Wie ein Pfeil schoß Hedi vor, warf sich auf Paul und trommelte mit beiden Fäusten auf seinem Rücken herum.

»Du bist ein garstiger Junge! Wenn er ein kaputtes Bein hat, so trauert er darüber, dann ärgert er sich, und du sollst ihn nicht ärgern.«

»Laß mich in Ruhe!«

Fräulein Irma war genötigt, auch jetzt wieder die beiden Kampfhähne zu trennen. Mit drohend erhobener Faust ging Paul davon.

»Ich kann dich überhaupt nicht mehr leiden! Du brauchst gar nicht mehr herzukommen.«

Als man später im Garten saß, fehlte Paul. Er war auf einen Baum geklettert und warf mit trockenen kleinen Ästen nach den Spielenden. Von Zeit zu Zeit rief er Worte herunter, die Hedi aufs neue ärgerten.

Plötzlich ein Schrei – ein dürrer Ast, auf den sich der Knabe geschwungen hatte, brach herab, Paul stürzte mit ihm in die Tiefe. Das Kinderfräulein lief entsetzt herbei, gefolgt von den anderen. Sie wollte Paul aufrichten, da stieß er laute Schmerzensschreie aus.

»Mein Bein – mein Bein!«

Hedi fühlte inniges Mitleid; Paul verzerrte das Gesicht so sehr, er mußte wirklich heftige Schmerzen haben.

»Komm, halte dich an mich.«

Fräulein Irma versuchte den Knaben aufzurichten, doch schon wieder klangen seine lauten Schreie:

»Mein Bein, au, mein Bein!«

Herr Niepel und seine Frau hörten die Wehrufe und kamen gelaufen. Vorsichtig befühlte der Gutsbesitzer den Knöchel seines Sohnes.

»O weh«, meinte er besorgt, »ich glaube, es ist ein Bruch.«

Hedi wurde blaß vor Schreck. Vor wenigen Minuten hatte Paul über das gebrochene Bein des Knechtes gespottet, hatte laut über den Hof den Namen Hinkeldei gerufen. Der Knecht war auch einstmals vom Baum gefallen, nun ging er sein Leben lang hopp-la, hopp-la.

Sie starrte auf das Bein, hob schüchtern den Kopf und fragte leise:

»Muß er nun auch immer ein Hinkeldei sein?«

Vorsichtig wurde der verunglückte Knabe ins Gutshaus getragen. Es überlief das kleine Mädchen kalt und heiß, wenn es das klägliche Schreien Pauls vernahm. Und noch ängstlicher wurde es ihr ums Herz, als es hieß, man hätte nach dem Arzt telephoniert, er solle sofort aus Rahnsburg kommen, weil das Bein gebrochen sei.

Auch die Brüder waren traurig. Sie drückten sich in einem Winkel zusammen. Die Kinder malten sich die Zukunft Pauls in den schrecklichsten Farben aus.

»Nun ist er auch ein Hinkeldei«, meinte Walter.

»Aber ganz abgebrochen hat er sich das Bein doch nicht«, meinte Hedi, »es hing noch dran, ich hab' es gesehen.«

»Nun kann er nicht in die Schule gehen.«

»Hat der es gut!«

»Ach nein – der Paul hat es gar nicht gut. Das gebrochene Bein tut ihm mächtig weh. Und dann ist er immer ein Hinkeldei, und die anderen lachen über ihn.«

»Sie werden alle hinter ihm herrufen: Hinkeldei – Hinkeldei!«

»Das dürfen sie nicht«, rief Hedi kampfbereit, »dann haue ich sie!«

So saßen die Kinder wohl eine volle Stunde besorgt zusammen. Der Arzt kam und ging wieder, erst dann durften die drei hinein zu dem blassen, weinenden Spielgefährten.

»Ich will es nicht wieder sagen«, schluchzte Paul. »Nun bin ich schwer gestraft. – Es hat so weh getan!«

»Wirst du nu immer ein Hinkeldei sein?«

»Ich weiß nicht – ach, es tut so weh!«

Während die beiden Brüder das Zimmer wieder verließen, zog Hedi ein Stühlchen heran und setzte sich an das Bett des Kranken.

»Weine nicht, Paulchen, ich schenke dir auch ein Osterei. Und du wirst auch nicht immer ein Hinkeldei sein. Unser Männe hat sich auch mal das Bein gebrochen, und er ist auch kein Hinkeldei. Der Vater hat ihm das Bein geflickt, jetzt springt er wieder in der Stube und im Wald umher. – Mußt nicht weinen, Paulchen, ich bin ja hier.«

»Es tut doch so weh!«

»Soll ich dir eine Geschichte erzählen? Dann tut es nicht mehr so weh. Von der Traumfee oder der Waldfee?«

»Nun muß ich so lange im Bett liegen – –«

»Dann brauchst du nicht in die Schule«, flüsterte Hedi dem Knaben zu. »Die anderen müssen hin, und du kannst zu Hause bleiben. – Paulchen, ich komme immerfort zu dir und erzähle dir was Schönes. – Willst du?«

Mit einem verlegenen Blick schaute Paul auf das kleine Mädchen, das er vor kurzem gescholten hatte. Jetzt empfand er es wohltuend, daß Hedi neben ihm saß und lieb mit ihm sprach. Dabei hatte er sie doch wegen der Ostereier belogen.

»Bist du mir böse?«

»O nein – du hast doch ein zerbrochenes Bein, da werde ich dir doch nicht böse sein. – Nu schlaf recht schön, ich will dir was vorsingen.«

»Wenn nur das Bein nicht so weh täte.«

»Wenn ich singe, tut es nicht mehr weh.« Dann begann die Kleine von dem schwarzen und dem weißen Schaf zu singen. Doch Paul hatte kein Verlangen, die Augen zu schließen. – Schließlich kam die Mutter herein, die gerührt an der Tür stehen blieb, als sie Hedi sah, die dem Spielkameraden mit einem Handtuch die Augen auswischte, weil er wieder zu weinen begonnen hatte.

»Du sollst doch nicht weinen, sonst weine ich auch.«

Frau Niepel schloß die kleine Hedi gerührt in die Arme und küßte das Kind zärtlich.

»Du bist ein braves Krankenmütterchen; Paul ist dir sehr dankbar dafür. Wirst du ihn nun auch öfters besuchen? Er muß lange im Bett bleiben.«

»Ja, ich besuche ihn so lange, bis er kein Hinkeldei mehr ist.«

Als Hedi am heutigen Tage Abschied nahm, drückte ihr Paul herzlich die Hand wie nie zuvor.

»Ich habe dich gern, Pucki, ich werde auch nicht mehr häßlich zu dir sein. Komm bald wieder!«

Sie versprach es. Dann fuhr sie sorgenvoll auf dem kleinen Wagen nach dem Forsthause zurück.

»Du mußt recht langsam fahren, sonst bricht sich das weiße Pferdchen auch ein Bein. – Oh, es war sehr schlimm!«

»Ist ihm recht geschehen, dem Paul! Der liebe Gott hat ihn gestraft.«

Hedi warf einen sorgenvollen Blick zum blauen Himmel hinauf.


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