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Klein-Hedis Freunde

Durch den im Frühlingssonnenschein liegenden Garten des Försters Sandler schritt langsam und bedächtig die vierjährige Hedi. Der frische Wind blies die weißblonden Löckchen in das gerötete Antlitz, aus dem ein Paar strahlend blaue Augen schauten. Zärtlich wiegte sie auf den Armen ihr Puppenkind. Es war kein schönes Kind, es hatte eine abgeschlagene Nase und zerkratzte Wangen. Aber das machte nichts; Hedi liebte ihre Diana von ganzem Herzen. Ihr zur Seite trottete Harras, der braune Jagdhund. Er machte einen würdevollen Eindruck und schaute Hedi oftmals an, als wollte er sagen: Ich weiß genau, daß ich auf die Tochter meines Herrn aufpassen muß, weil unsere Pucki sehr übermütig sein kann. Habe ich sie nicht kürzlich aus dem Bach geholt, als sie die ersten Veilchen pflücken wollte?

»Oh – wie das alles wächst! – Sieh nur, Harras, wie das wächst!«

Die kleine Försterstochter betrachtete verzückt die kleinen grünen Blättchen an der Hecke, die den Garten umgab. Die blauen Augen richteten sich auf die hohen Kastanienbäume.

»Guck, Harras – so viele Lichtchen!«

Der Hund ließ einen knurrenden Laut hören. Da hob Hedi ihr Puppenkind empor und jubelte:

»Guck, Diana, alles wächst, alles wird groß, wir freuen uns!«

Mit tollen Sprüngen, immer den Hund zur Seite, jagte Pucki durch den großen Garten. Es war aber auch eine Lust, hier leben zu dürfen. Draußen der große, grüne Wald, in dem Harras tagaus, tagein umherlief, dann der prächtige Garten, das grünberankte Haus; man mußte sich in dieser Umgebung glücklich fühlen.

Bild: Artur Scheiner

Und Hedi Sandler war glücklich. Wenn man sie fragte, so sagte sie jedem mit überlauter Stimme:

»Kein Vati, keine Mutti sind so schönes Spielzeug wie mein Harras – wir spielen immer sehr schön zusammen.«

Der Wald mit seinen hohen Bäumen war ihr ein lieber Freund. Jedes Tierchen, wenn es auch noch so unscheinbar war, wurde von ihr geliebt, an jedem Morgen gab es neue Freuden für das fröhliche, glückliche Försterkind.

Aber heute war es ganz besonders schön! Hedi hielt plötzlich im Laufen inne, hielt dem Hund die Puppe hin und sagte weich und zärtlich:

»Harras, du bist Vati, nimm dein Kind und schaukele es; die Mutti ist müde. – Oh, die Mutti hat das Kind den ganzen Tag tragen müssen. – Da, Harras, pack zu!«

Harras, der folgsame Hund, ließ sich das Puppenkind ins Maul legen und trug es seiner kleinen Gebieterin nach.

»Vati – morgen kommt der Osterhase und bringt dir Ostereier. – Vati, wir wollen unserem Kindchen auch ein Osterei schenken. Ein schönes Osterei! Und mir muß der Osterhase ein paar Holzpantoffeln bringen. – Harras, du darfst das Kindchen doch nicht so schütteln!«

Der Hund hielt sofort den Kopf still und schaute Hedi mit seinen klugen Augen an. Er kannte jeden Tonfall der Kinderstimme. Oft genug war er das Familienoberhaupt dieser merkwürdigen Familie.

Hedi klopfte Harras zärtlich auf den Kopf, dann griff sie nach seinen langen hängenden Ohren, streichelte sie zärtlich und sagte:

»Horch mal, Harras-Vati, ob vielleicht der Osterhase schon kommt? Du hast ja so große Ohren, du mußt ihn hören. – Weißt du, der Osterhase mit dem goldenen Schwänzchen! – Du kennst ihn doch? – Nun paß gut auf!«

Plötzlich brach der Hund in lautes Bellen aus, ließ das Puppenkind zur Erde fallen und lief davon. Mit einem Satz war er über die Hecke gesprungen und jagte hinein in den Wald.

Hedi ließ einen langen Seufzer hören, nahm die Puppe auf und drückte sie zärtlich an sich.

»Husch – ist der Vati weg! Aber die Mutti ist noch da. – Hat sich mein Kindchen sehr an die Nase geschlagen?«

Hedi wickelte die Puppe in die Schürze und begann mit wenig schöner, krähender Stimme zu singen: »Schlaf, Kindchen, schlaf, draußen steht ein Schaf.«

Der Gesang brach jäh ab. Das kleine Mädchen hob lauschend den blonden Kopf und sah auf der Straße den Vater daherkommen, der in seiner schmucken, grünen Uniform dem Forsthaus zuschritt. Wedelnd umsprang ihn Harras.

»Vati!«

Das Puppenkind flog im Bogen auf die Erde, mit ausgebreiteten Armen eilte die Vierjährige dem Vater entgegen.

»Hast du den Osterhasen mit dem goldenen Schwänzchen gesehen?«

»Natürlich – er hat mich auch gefragt, ob unsere Pucki auch ein artiges Mädchen ist.«

»O–o–o«, klang es gedehnt zurück. »Muß der Osterhase immer so was fragen? – Hat er mit dem goldenen Schwänzchen gewackelt, als du ihm sagtest, daß ich – ein artiges Mädchen bin?«

»Das habe ich ihm nicht sagen können, Pucki, denn artig bist du in den letzten Tagen gerade nicht gewesen.«

»Weil doch die Jungen immer so unartig sind, Vati, da muß doch Pucki auch unartig sein.«

»Wenn die Niepelschen Jungen ein bißchen wild sind, brauchst du als Mädchen doch nicht alles mitzumachen, Pucki! Aber nun komm ins Haus, Mutti wird schon mit dem Mittagessen warten. – Na, Harras, hast du auf Pucki auch gut aufgepaßt?«

Der Hund rieb den Kopf am Kleide des kleinen Mädchens, als wollte er sagen: Ich weiß schon, was ich zu tun habe.

»Vati, es ist furchtbar schwer, artig zu sein. Wenn ich erst groß bin, bin ich immer artig. Dann sitze ich den ganzen Tag auf dem Kohlenkasten bei der Minna und esse Schmalzschnitten mit Käse. Der Osterhase hat auch nicht gesehen, wenn Pucki unartig ist. – Sag, Vati, wird er morgen kommen?«

»Vielleicht!«

»Na, dann können wir ja froh sein.«

Förster Sandler war noch ein junger Beamter, der erst vor drei Jahren nach der Försterei Birkenhain gekommen war. Mit seiner schmucken, hübschen Frau lebte er sehr glücklich; die kleine Tochter machte dem jungen Ehepaar viel Freude. Hedi war aber auch ein sonniges, reizendes Mädchen, das in der ganzen Gegend beliebt war. In der Waldeinsamkeit aufgewachsen, kannte ihr Herzchen noch keinen Falsch. Schon jetzt zeigte sich ihre große Liebe zur Natur, zu den Tieren, und sie konnte sich mit Hühnern und Kaninchen genau so gut unterhalten und beschäftigen wie mit den drei Kindern des Gutsbesitzers Niepel, der seinen Besitz etwa eine halbe Stunde von der Försterei Birkenhain entfernt hatte. Wenn Niepel zur Stadt Rahnsburg fahren wollte, mußte er an der Försterei vorbei. Oftmals hielt er den Wagen dort an, um dem kleinen Blondköpfchen etwas Obst oder eine Süßigkeit zuzustecken. Erst vor wenigen Monaten war in seinem Hause ein kleines Mädchen angekommen. Seine drei Buben waren gleichaltrig und zwei Jahre älter als Hedi Sandler. Mit den Drillingen tobte das Försterkind oftmals umher. Es ließ sich geduldig necken, war aber auch für manchen lustigen Streich gern zu haben. Nun brachte der Frühling eine Änderung in das gewohnte Leben, da Paul, Walter und Fritz Niepel gleich nach Ostern zur Schule kamen.

Vor der Schule hatte Hedi Sandler geradezu Furcht. Alle drei Spielkameraden erklärten einstimmig, daß es dort fürchterlich zuginge. Sie warnten Hedi, nicht so rasch sechs Jahre alt zu werden, damit sie nicht auch dauernd in der Stube sitzen müsse, anstatt wie bisher draußen in Feld und Wald umhertollen zu können. Wenn auch die Eltern immer wieder erklärten, daß die Schule etwas sehr Schönes sei, so war Hedis Herz doch voller Mitleid mit den drei Knaben, für die die schöne Zeit des Spielens nun vorüber war.

»Aber Hedi«, tadelte die Mutter, als das Kind das Zimmer betrat, »willst du mit so unsauberen Händen zu Tisch kommen?«

Die Kleine zog den blonden Kopf zwischen die Schultern und huschte aus dem Zimmer. Das Händewaschen war eine schreckliche Einrichtung. Der gute Harras brauchte sich nicht so oft zu waschen; nur die Miezekatze putzte sich den ganzen Tag mit den Pfötchen das Gesicht.

In der Küche war Minna, das Hausmädchen, gerade dabei, die Kartoffeln auszuschütten. Hedi legte die Hände auf den Rücken und schaute aufmerksam zu. Es sah so hübsch aus, wenn der Dampf aus dem Topf gekrochen kam.

»Wo hast du denn deine Pantoffeln?«

»Ins Zimmer geht man nicht mit Pantoffeln.«

»Wo hast du sie denn?«

Die Magd wies mit dem Kopf nach dem Flur. Richtig, dort standen die derben Holzpantoffeln, die immer so wunderschön klapperten, wenn Minna eiligen Schrittes durch den Hausflur ging. Hedi kauerte sich nieder und betrachtete die Holzpantoffeln mit geradezu liebevollen Blicken. Solche klappernden Pantoffeln wünschte sie sich schon lange. Sie war zwar schon mehrmals damit hingefallen, trotzdem war es herrlich, damit herumzulaufen. Auch jetzt schoben sich die kleinen Kinderfüße wieder in die großen Öffnungen und – klapp – klapp – klapp – ging es durch den Flur.

»Minna, wenn mir doch der Osterhase auch ein Paar Pantoffeln brächte, aber auch so große wie die hier.«

»Sollst du dir nicht die Hände waschen und zum Essen gehen?«

Mit einem bedauernden Blick nahm das kleine Mädchen Abschied von den geliebten Pantoffeln und stellte sie in den Winkel zurück. Dann tauchte es hastig die kleinen Hände in das mit Wasser gefüllte Waschbecken, trocknete sie am Handtuch ab und verzog das Gesicht.

»O je, Minna, das Handtuch ist schmutzig!«

Das Handtuch wies deutlich die Spuren der kaum gewaschenen Kinderhände auf. Hedi lief rasch ins Eßzimmer und setzte sich artig auf den Stuhl. Als sie aber den Löffel zur Hand nahm, bemerkte Hedi den strafenden Blick der Mutter.

»Solltest du dir nicht die Hände waschen, Pucki?«

»Sieh dir nur das Handtuch an, ich hab' gewaschen.«

Frau Sandler wies schweigend zur Tür, und beschämt mußte das Kind nochmals hinaus in die Küche gehen, um die Hände zu reinigen.

»Immer sind die ollen Hände schmutzig«, schmollte die Kleine. »Wenn ich erst groß bin und immerzu meine Gänseschmalzschnitte esse, wasche ich mir die Hände nicht mehr. – Der Paul hat auch immerzu schmutzige Hände.«

Der Ärger des kleinen Mädchens war bald wieder verflogen, als der Vater beim Mittagessen erzählte, daß heute nachmittag Frau Niepel vorüberkäme, da sie in der Stadt noch Besorgungen zu machen hätte.

»Mit 'nem weißen Pferdchen?« fragte Hedi interessiert.

»Ja, mit dem weißen Pferdchen.«

Hedi schlug erfreut die kleinen Hände zusammen. »Dann muß Hedi ein Stück Zucker für das weiße Pferdchen haben! – Vati, bringt der Osterhase dem weißen Pferdchen auch ein Osterei?«

»Pferdchen brauchen keine Ostereier.«

Das weiße Pferdchen beschäftigte Hedi den ganzen Nachmittag. Das Kind stand am Gartenzaun und wartete sehnsüchtig auf den Wagen. Endlich war es so weit. Mit einem Freudengeheul stürmte das Kind dem Gefährt entgegen.

Neben Frau Niepel saßen zwei sechsjährige Knaben, die eilig aus dem Wagen sprangen, als er vor dem Forsthaus anhielt. Es waren Paul und Walter, die die Mutter begleitet hatten.

Hedi blickte sich suchend um. »Wo habt ihr denn den dritten Bruder?«

»Kein Platz, er sitzt daheim. – Du, wir bleiben bei dir, bis Mutter aus der Stadt zurückkommt.«

»Ich will erst dem Pferdchen guten Tag sagen.«

Das Tier schien Hedi gut zu kennen; es hatte den Kopf nach ihm umgewandt.

»Es wackelt mit den Ohren wie mein Nuck! – Ach, du süßes Pferdchen – guten Tag!«

Unerschrocken reichte sie dem Pferd das Stück Zucker, das sie von der Mutter erbeten hatte.

»Wenn du morgen wiederkommst, Pferdchen, kriegst du ein Osterei.«

Inzwischen war auch Frau Sandler aus dem Haus getreten, um Frau Niepel herzlich zu begrüßen. Beide tuschelten leise zusammen, galt es doch, in der Stadt noch einige Osterbesorgungen zu machen, die die Kinder nicht zu hören brauchten. Trotzdem drangen einige Worte zu den beiden Knaben hinüber. Der blonde Paul, der recht zahlreiche Sommersprossen im Gesicht hatte, ließ ein lautes Lachen hören.

»Ich will ein Osterei, so groß wie die goldene Kugel in unserem Garten. Ein anderes will ich nicht! Bring mal so eins mit, Mutter. Der Ziegler hat welche.«

»Und mir eins aus Schokolade, noch viel größer«, rief Walter, der zweite der Drillinge.

»Wenn du den Osterhasen siehst, Tante, dann sage ihm doch, daß ich ein bißchen artig war.«

»Quatsch – Osterhase«, meinte Paul, »ich habe schon viele Hasen gesehen.«

»Mit goldenem Schwänzchen?« fragte Hedi.

»Quatsch! – Der Hase hat kein goldenes Schwänzchen.«

»Aber der Osterhase hat eins, und goldene Ohren, die immerzu wackeln, wenn er ein Ei legt.«

Paul und Walter lachten laut. »Bist du aber dumm! – Es gibt überhaupt keinen Osterhasen. – Der Konditor macht die Ostereier aus Schokolade und Marzipan. Mutter fährt jetzt zur Stadt und kauft beim Konditor die Ostereier. Aber – du bist eben ein kleines Mädchen, und kleine Mädchen sind immer dümmer als Jungens.«

»Du bist dumm!«

»Hahaha – sie glaubt noch an den Osterhasen! – Frage doch deinen Vater. Nu komm endlich zu den Ziegen!«

Hedi lief davon und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor den Ziegenstall.

»Ich zeige dir die Ziegen nicht, du hast die Ziege beim letztenmal so am Schwanz gezogen, daß sie geschrien hat. – Die Ziege kann dich nicht leiden. – Geh weg!«

»Ich will aber die kleinen Ziegen sehen.«

Energisch schüttelte Hedi den Kopf. »Ich zeige sie dir nicht! Die Mutter von den kleinen Ziegen hat Angst, wenn du kommst. Und die Mutter hat mir gesagt, ich soll gut aufpassen auf die kleinen Ziegenkinder.«

Da beugte sich Paul nieder und riß von einem Baum einige kleine Zweiglein ab, an denen sich gerade die ersten Blüten zeigten.

»Ich bringe ihr was zu fressen. – Nun zeige mir die Ziegen.«

Über Hedis Gesicht glitt ein Schatten, sie wurde tief traurig. Die helle Kinderstimme zitterte vor Bewegung, als sie sagte:

»Nun hast du dem armen Baum weh getan – alles das sind doch seine Kinderchen, und später werden es mal Kirschen. – Man soll einem Baum nicht die Kinderchen nehmen. – Sieh doch, lauter kleine weiße Knöpfchen! – O weh, der arme Baum!«

»Wenn's weiter nichts ist! Ich reiße immer Blätter von den Bäumen.«

»Das sollst du aber nicht«, rief Hedi, »du würdest auch mächtig schreien, wenn ich dir die Haare ausreißen wollte.«

Paul lachte und griff erneut in die tief herabhängenden Zweige des Kirschbaumes. Doch da stand das kleine Mädchen neben ihm. Die kleinen Hände packten die blonden Locken des Knaben, und grimmig rief es aus:

»Wenn du noch mehr vom Baum abreißt, reiße ich dir auch die Haare aus!«

»Laß los!« schrie Paul.

Der andere Knabe stand mit einem ängstlichen Gesicht abseits und betrachtete die beiden Kämpfenden. Erst als Paul die Zweige des Baumes wieder losließ, sanken auch Hedis Hände herab.

»Ein böser Junge bist du doch! Und nun komm, jetzt zeige ich dir die kleinen Ziegen, aber anfassen darfst du sie nicht.«

»Ich will die Ziegen jetzt nicht mehr sehen. Wir haben viel mehr Kühe, Pferde und Schweine als ihr. Und wenn ich nach Hause komme, kann ich die Kühe alle an den Schwänzen ziehen. Da sagt niemand was, und es tut ihnen auch nicht weh.«

Hedi hatte die abgerissenen Zweige des Kirschbaumes aufgehoben und mitleidig betrachtet. Sie ging an den Stamm des Baumes und ließ liebkosend die Hände darüber gleiten.

»Hat er dir so viele Kinderchen fortgenommen, der böse Junge! Aber weine mal nicht, du kriegst wieder viele neue Kinderchen. Und die Kinderchen werden alle groß und werden rote Kirschen. Dann kommen sie zu uns und sagen: Eßt uns auf, wir wollen alle zu dir!«

»Was redest du immerzu?« fragte Walter.

»Und dann kommen die Sperlinge zu den roten Kirschenkindern und sagen: Wir möchten auch gerne was haben, und der gute Kirschbaum läßt sie essen und sagt: Ich will euch eine Freude machen, aber ihr müßt dann auch schön singen. Am Abend sitzen die Vögelchen alle zusammen und singen dem Kirschbaum ein Lied. Dann freut er sich und schläft bis zum anderen Morgen. Und in der Nacht kommt die Traumfee und erzählt dem Kirschbaum von den kleinen Sperlingskindern, die alle sehr froh sind, daß der Sperlingsvati ihnen eine Kirsche gebracht hat. Dann freut sich der Kirschbaum, pustet sich auf und macht die Kirschen noch viel größer.«

Walter Niepel betrachtete neugierig den Baum. Wenn er bei Hedi war, wußte die Kleine immer etwas Sonderbares zu erzählen. Das hörte er gern. Er wies auf gelbe Blümchen, die schon neugierig die Köpfchen aus der Erde gestreckt hatten.

»Kommt die Traumfee auch zu den gelben Blumen dort drüben?«

Hedi lief zu einem Busch Himmelschlüssel, kauerte sich nieder und winkte mit den kleinen Fingerchen den Gefährten heran.

»In jeder Nacht kommt ein Englein zu diesen Blümchen, denn sie kommen aus dem Himmel, darum heißen sie auch Himmelschlüssel.«

»Ach!«

»Ja – da ist der Diener vom lieben Gott mal hinter dem lieben Gott hergegangen, und als sich der liebe Gott umgedreht hat und sagte: Du, schließe mir mal ganz schnell die Türe zum Himmel auf, hat der Diener so einen Schreck bekommen, daß ihm die goldenen Schlüssel, pardauz – durch die Wolken gefallen sind, ganz, ganz tief herunter! Und dann haben sie sie gesucht. Aber Mutter Erde hat gesagt, daß sie aus den Schlüsseln ein Blümchen machen will. – Guck mal, so sehen die Schlüssel aus, die der liebe Gott braucht, um den Himmel aufzuschließen.«

»Sind nun die Schlüssel gerade in euren Garten gefallen?«

Hedi überlegte ein Weilchen, dann sagte sie ernsthaft:

»Ja – so wird es wohl sein.«

»Ich habe aber beim Schmanzbauern auch Himmelschlüssel gesehen. Sind dort auch die Schlüssel vom lieben Gott hingefallen?«

»Er wird wohl viele Schlüssel gebraucht haben, um in den Himmel zu gehen. Als nun die Schlüssel durch die Wolken fielen, sind die Englein gekommen und haben die vielen Schlüssel auseinandergepustet. Da sind auch ein paar Schlüssel zum Schmanzbauer gefallen.«

»Warum sind denn zu uns keine Schlüssel gefallen?«

Hedi wollte eben eine Antwort darauf geben, als sie ein lautes, ärgerliches Bellen des Jagdhundes hörte. Die Kleine schaute sich um.

»Ich glaube, der böse Junge ärgert schon wieder den guten Harras.«

Mit fliegendem Röckchen eilte das Kind durch den Garten. – Richtig, dort stand Paul und hatte dem Harras einen Bindfaden um ein Ohr gebunden. Der gutmütige Hund bellte zwar den unnützen Knaben an, versuchte mit der Pfote den Bindfaden zu lösen, aber es gelang ihm nicht. Als er Hedi kommen sah, sprang er seiner kleinen Beschützerin entgegen und hielt ihr das zugebundene Ohr hin.

»Oh, wie bist du garstig«, schalt das Kind, »na warte nur, mein Vati sagt, für alles, was man Schlimmes tut, bekommt man seine Strafe. Wenn du erst in der Schule bist, bindet dir der Lehrer auch die Ohren zu und knurrt dich an. Und keine Traumfee kommt zu dir, nur schwarze Männer, die fahren dir mit einem Besen ins Gesicht. Dann mußt du dich immerzu waschen.«

Doch Paul lachte nur zu den mahnenden Worten und schlenderte weiter durch den Garten, gefolgt von seinem Bruder und Hedi. Schließlich kamen alle drei an den großen Sandhaufen. Dort war aller Hader sogleich vergessen, ein lustiges Spiel begann und die Freundschaft war erneut geschlossen.


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