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Ludwig Thoma

Kaspar Lorinser

Romanfragment

R. Piper & Co Verlag
München

Ludwig Thoma
Gesammelte Werke
Sechster Band
Romane

 

Ludwig Thoma, 1921. Ausschnitt aus einer Liebhaberaufnahme

Erstes Kapitel

Mein Vater war ein Bauer im bayrischen Oberland, mein Heimatdorf liegt auf einem langgestreckten Hügel, der auf waldige Vorberge stößt. Dahinter bauen sich die Felsenwände des Karwendels eine hinter der andern auf. Der erste Kamm bildet die Landesgrenze, darüber hinaus ist es Tirol, von dem man herüben allerlei Nachteiliges erzählte. Daß sie drüben langsam denken und reden, selten die Wahrheit sagen und es faustdick hinter den Ohren haben, obwohl sie viel frömmer tun wie die Herüberen. Trotz der üblen Nachrede kamen die Leute gut miteinander aus, trieben Handel und versuchten einander zu überlisten, auch schmuggelten sie fleißig heraus und hinein, aber ein wenig Gegnerschaft blieb erhalten.

Sie stammte aus früheren Zeiten her, wo die Tiroler ins Land eingebrochen waren und Vieh weggetrieben hatten. Etliche Male hatten sie es mit Erfolg vollbracht, anno neun und schon hundert Jahre vorher, nachdem sie gegen unsern Kurfürsten Max Emanuel aufgestanden waren. Viel Freundliches weiß die Tiroler Historie von den Bayern auch nicht zu melden, und die alten Beschwerden erhalten sich am frischesten an den Grenzen, wo man sich des Unterschiedes bewußt bleibt. Die Zwiespältigkeiten kamen indessen höchstens bei Tanzereien unter jungen Burschen zum Austrag, manchmal auch zwischen Jägern und Wildschützen droben in Kar und Gewänd. Sonst föppelte man sich gemächlich und rauchte herüben wie drüben den gleichen Tabak aus kleinen Vierkreuzerpackeln. Drüben lieferte die k. k. Trafik, herüben der Schmuggler, der die Rollen halbzentnerweise über die Alpen hereinbrachte. In der Lebensweise gab es merkliche Unterschiede. In Tirol lebten sie sparsamer als im Bayrischen, hielten das Geld besser zusammen und schafften mühsamer und fleißiger. Trotzdem waren herüben die Häuser stattlicher, sauberer gehalten und deuteten auf größere Wohlhabenheit. Es wird drüben kaum eine Bäuerin, so wie es bei uns noch der Brauch war, die Hausaltane mit Seife und Wurzelbürste geputzt haben, und auf einen Nelkenstock, den man drüben auf die Brüstung stellte, kamen herüben viele.

In Tirol hatten sie mehr steinerne, bei uns mehr hölzerne Häuser. Und wie warm sahen die aus, wie viel Behagen versprachen die kleinen Fenster zwischen den braunen Balken, wenn der Schnee fußhoch auf den Schindeldächern lag und der blaue Rauch aus den Kaminen kräuselte, als rauchte drinnen die Gemütlichkeit selber eine gute Pfeife.

Es herrschte bei uns kein Reichtum, aber es gab keinen im Dorfe, der neben Prassern darbte. Man lebte auf gleichem Fuße, und es langte für jeden zur ausreichenden Nahrung wie zur Maß Bier im Wirtshause.

Auch in der Kleidung gab es kaum Unterschiede, bei den Weibern so wenig wie bei den Mannsbildern. Zum Prangen an hohen Festtagen, bei der Prozession oder bei Hochzeiten hatte jede einen Hut mit Goldschnüren und ein verziertes Mieder, das Miesbachischgehen der Männer in Joppe und kurzer Lederhose war von den Holzknechten und Jägern eingeführt worden. Mein Großvater erzählte, daß seinerzeit der Landrichter die grünen Kragen an den Joppen verbot, weil es Forstleute nicht leiden wollten.

Reiche Bauern, die mit ihrem Einflüsse überwogen hätten, gab es in meinem Heimatdorfe nicht; zwei hatten Grundbesitz übers gewöhnliche Maß, und auf dem einen Hofe hieß man es auch beim Herrnbauern, aber alle zwei hatten tüchtige Schulden und mußten sehen, wie sie herumkamen.

Mein besonderer Freund, der alte Kreuzpointer, hatte neben dem Herrnbauern- noch einen stattlichen Einödhof, eine gute Stunde entfernt, besessen, aber mit lustigem Leben und einer unnützen Frau war er um beide gekommen und mußte froh sein, daß ihn sein Schwiegersohn in Austrag nahm.

Das kam im Oberlande zuweilen vor, wie überhaupt ein wenig Leichtigkeit bei den Leuten zu finden war. Mit dem Hypothekenwesen und der Bequemlichkeit, Geld aufzunehmen, kamen die Schulden in Mode. Nicht selten war das Abschwenden des Waldes, der bei schlechtem Wirtschaften immer zuerst daran glauben muß; und zwei Sägen im Tal sind von den Fehlern der Bauern groß geworden.

Es ist ein hochgewachsenes, starkknochiges Volk, viele blonde Langschädel darunter, viele scharf geschnittene Gesichter und Hakennasen, weshalb auch einige Gelehrte in heller Freude über diese Menschen und aus Liebe zu besonderen Theorien eingesprengte Sachsen oder Goten aus den Oberlandlern machen wollten.

Sie sind aber, wie ich glaube, vom gleichen Stamme wie die im Unterland, nur straffer erhalten bei ihrer leichteren Arbeit. Denn hart schaffende Leute waren und sind sie bei mir daheim nicht. Heu- und Grummeternte bilden Anfang und Ende der Mühseligkeit; und was im Stalle zu tun war, traf vornehmlich die Bäuerin.

Die Winterarbeit, das Herunterschaffen des Holzes vom Bergwald war auch nicht übermäßig schwer, und die Bauern hatten an vielen Tagen Zeit zum Eisschießen. Es wurde Eifer und Fleiß auf die Kunstfertigkeit darin verwandt, und aus andern Dörfern kamen sie, um sich mit unsern Besten zu messen. Daß dabei das Spiel um eine Mark ging, statt wie üblich um ein Nickelstück, wurde bewundert, und man sprach mit einem gewissen Respekte davon. Ich kann mich heute noch darüber wundern, wie selbstverständlich es die Weiber hinnahmen, daß ihre Männer sie daheim bei der Arbeit verließen und immer Zeit und Geld zu allerhand Vergnügungen hatten. Darin kann ein Forscher den ihm sympathischen Beweis einer unverfälschten Abstammung von germanischen Bärenhäutern finden.

Die Jagd bildete das Um und Auf lebhafter Interessen, gab Ursache zu Streit und Verdruß und nicht selten zur Vernachlässigung der Wirtschaft. Von Pächtern und Herren wollten unsere Bauern nichts wissen, und sie schätzten das Recht, mit der Büchse hinauszugehen, höher als Profit und Einnahmen. Einer machte den Hauptpächter, und acht oder zehn andere, darunter auch mein Vater, waren mitbeteiligt. Was geschossen wurde, sollte abgeliefert und der Ertrag gerecht verteilt werden. Aber darin gab es immer Streitereien und schlimme Mutmaßungen, und einer sagte dem andern nach, daß er ein Stück verschwiegen und mit dem redlichen Vertrauen Mißbrauch getrieben habe. Indessen war man stets einig, wenn man gemeinsam über die Grenze der anstoßenden Staatsjagd lief oder zur verbotenen Zeit eingewechseltes Hochwild erlegte.

Bloß Neulinge im Gendarmeriedienste, die von auswärts gekommen waren, gaben sich die Mühe, Nachforschungen zu halten, die älteren kannten die gelassene Ruhe, mit der man bei uns daheim alle staatlichen Organe anlog. Von dem schlauen, für recht und notwendig gehaltenen Zusammenstecken gegen die Obrigkeit zeugte das viel besprochene Haberfeldtreiben. In meiner Kinderzeit stand es noch in schöner Blüte, und es kam im Herbste so sicher wie Blätterfall. Aber da es nicht mehr Abwehr gegen Übergriffe, sondern Verhöhnung gesetzlicher Zustände war, artete es aus und ging in unerträgliche Roheit über.

Als das Geheimnis aus dem Bauernvolk hinaus zu allerlei Stadtgesindel kam, ließ es sich nicht mehr halten, und die Obrigkeit erreichte den lang ersehnten Erfolg, die im Namen Kaiser Karls des Großen aufrebellenden Missetäter in Strafe zu nehmen.

Zwei aus unserm Dorfe wurden überführt und eingesperrt, drei kamen mit dem Schrecken davon und schrieben es dem Umstände zu, daß sie sich in treuer Wahrung des alten Brauches tüchtig vermummt hatten. Obwohl sie ihre Rettung dem anständigen Schweigen ihrer Kameraden zu danken hatten, halfen sie redlich mit, wenn die Bestraften im Wirtshause gehieselt wurden.

Doch war es nicht von schadenfroher Spottlust veranlaßt, sondern vom Behagen am schlagfertigen Witze, der Gemeingut war; wer sich darin hervortat, durfte sich eines Ruhmes erfreuen, der ihn sogar überdauern konnte.

Wenn eines Mannes gedacht wurde, der in vergangenen Tagen im Dorfe gehaust hatte, handelte es sich fast immer um ein lustiges Wort oder einen treffenden Spaß, den man ihm zuschrieb, zuweilen um Kraftproben oder Verwegenheiten, selten oder nie um Auszeichnung im arbeitsamen Leben. Das wurde schneller vergessen, als man es in einer so engen und kleinen Welt meinen sollte, und ich wunderte mich schon als Bub darüber, wie bald und wie völlig alles Gewesene untergeht, wenn ich mit vielen Fragen an die Großmutter verwiesen wurde, die fast immer die Antwort hatte, es sei zu lange her, um sich noch daran zu erinnern. Ich glaubte, daß, wie die Geschlechter einander folgten, so auch Haus und Anwesen vom Vater auf den Sohn, vom Sohne auf den Enkel übergingen, und daß die lange Reihe hinaufführte bis zu dem Manne, der den breiten Dachstuhl über die Balken habe setzen lassen. Später war mir die Erkenntnis, daß sich nur wenige Familien im ererbten Besitze gehalten hatten, eine Enttäuschung, bis ich auch in diesem Kommen und Gehen eine Notwendigkeit des Lebens erkannte.

Was für ein lehrreiches und unterhaltsames Buch gäbe es, wenn einer bloß Haus für Haus Wechsel und Schicksale der Inwohner aufzeichnen würde! Es könnte uns seltsam anmuten, was für verschlungene Wege die Geschlechter aufwärts und abwärts führten, in welche Unruhe das Leben die Menschen stieß, die man in dieser Stille geborgen wähnte, in welche Weiten manche getrieben wurden, die hier fürs Engste geboren waren.

Und was blieb von denen, die viele Jahrzehnte im Dorfe recht laut und vernehmlich gelebt haben?

Ein paar schmiedeeiserne Kreuze, auf denen ihre Namen längst unleserlich geworden sind, und die verdrängt werden von den neumodischen Marmorklötzen. Aber auch auf diesen halten die Buchstaben kaum länger wie die Erinnerung an das, was denen unterm Boden einmal als das Wichtigste galt.

Eines bleibt und scheint unvergänglich zu sein: der Namen, mit dem das Haus nach dem ersten Inwohner oder seinem Berufe benannt wurde. Den übernimmt jeder, der später aufzieht, und er verliert gewissermaßen die eigene Persönlichkeit, um der neue Pointner und Bichler und Gschwendtner zu werden. Und es klang ganz adelig, wenn nach Viehausstellungen die Preise im Gebirgsboten standen: für Bartlmä Heiß, Lidl in Point, oder für Peter Mayr, Untergschwendtner in Gschwendt.

Daß ich Lorinser hieß, erfuhr ich erst, als ich in die Schule kam; bis zu dem Tag war ich der Hagn Kaspar, bin's auch fürs Dorf geblieben, und es wird sich darin nichts ändern. Mein Großvater wurde Hagn durch Einheirat; ehedem waren wir die Rauhecker am Berg, wie das alte Totenbuch ausweist. Es sind zwei Lorinser mit zwanzig andern aus der Gemeinde pro iustissima Patriae defensione in der Sendlingerschlacht anno 1705 gefallen, und der damalige Pfarrer hat dazu geschrieben: »Georgius Lorinser vom Rauhacker, ab uxore sua desideratissimus; Blasius Lorinser, juvenis optimus et innocentissimus. Sie mußten bei dem vielfältigen Schießen, unchristlichen Hauen und Ummetzgern der Kroaten ihr Leben lassen.«

Von den Taten und Schicksalen der zweiundzwanzig wußte man im Dorfe nichts, und den wenigsten war es bekannt, ob Angehörige ihrer Geschlechter in jenem Totenbuche eingetragen waren. Aber die Mordweihnacht wurde zum berühmtesten vaterländischen Ereignisse, und wohl noch zu Lebzeiten etlicher Mitkämpfer schuf sich das Volk unbekümmert um den wirklichen Hergang eine Legende, die es treuer hegte als die wohl beglaubigte Geschichte bayrischer Ruhmestaten.

Es schmückte die sagenhafte Gestalt des Schmiedes von Kochel mit allen Eigenschaften aus, die es liebt, mit riesigem Wuchse, Stärke und Tapferkeit; es pries ihn nicht als klugen Führer, sondern ließ ihn mit dem Morgenstern dreinschlagen und endlich selber tot zu Boden sinken.

So stellte es in die mit Aktenbergen belegte Historie des Erbfolgekrieges, in eine Gesellschaft, die jede admirable Opera und Lustbarkeit des durchlauchten Kurfürsten, jedes Karussell und jede Comedia gewissenhaft verzeichnete, eine Reckengestalt, sagenumwoben wie die des grimmigen Hagen von Tronje.

Daß es sie geschaffen hat, weiß das Volk nicht, es hält sie für echt und liebt sie als Sinnbild der eigenen Kraft und Treue.

In unserm Dorf gab es Aufführungen von Theaterstücken, in denen der Schmiedbalthes verherrlicht war, und ein Triftmeister aus der Nachbarschaft, der die Figur dazu hatte, stellte den Helden dar. Man rühmte noch lange nachher seine Erscheinung wie sein treffliches Spiel; auf mich als zehnjährigen Buben machten sie den tiefsten Eindruck, und ich betrachtete den biederen Mann mit scheuer Ehrfurcht, wenn er mir in der Dorfgasse begegnete. Es war mir nicht recht, daß der vaterländische Recke mit den andern ins Wirtshaus ging, denn es paßte nicht zu der hohen Vorstellung, die ich von ihm hatte.

Bei solchen Aufführungen zeigte sich, was später entdeckt wurde, daß in den Leuten viel schauspielerisches Talent steckte, aber damals dachte kein Mensch an seine Ausnützung. Später kam die Überzeugung auf, daß es guten Verdienst abwerfen könnte, wenn man einem Publikum, das keine Eigenart mehr hatte, mit Ursprünglichkeit aufwarte. Unter denen, die mit Juhu und Schuhplatteln die Völkerkunde der Berliner und Neuyorker mehrten, war ein Vetter von mir, der aber bald einsah, daß sich die Dollars noch leichter versaufen wie verdienen ließen, und wieder rechtschaffener Holzknecht wurde.

Anderen ist die Bewunderung ihrer prachtvollen Naturwüchsigkeit schlechter bekommen, aber das war alles nicht in der Zeit, von der ich zunächst erzählen will.


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