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Briefe an eine amerikanische Familie.

 

I.

Tremont (Mass.), Dienstag (1852).

Haufen von Dollars (schon 1500) für die Vorlesungen!

Meine liebe Mrs. Baxter und –: Diese Zeilen sollen durchaus keinen Brief vorstellen, nur ankündigen, daß ich morgen zu schreiben beabsichtige. Einen Anfang habe ich schon gemacht. Von heute morgen 10 Uhr ab habe ich unaufhörlich Besuch gehabt und muß Ihnen nur eben gerade sagen: Gott segne Sie! Gott segne Sie! Wenn ich an all Ihre große Güte gegen mich denke, legt sich etwas wie ein Schleier vor meine Augen, und ich kann das Papier kaum sehen. Sie erlauben mir, daß ich oft, sehr oft an Sie schreibe, nicht wahr? Und schreiben Sie mir auch – morgen schon, bitte! Der arme B. wie leid tut er mir!

 

II.

Boston, 22. Dez. 1852, Mittwoch.

Ich habe zwei Briefe, die ich gestern schrieb, ins Feuer geworfen – zwei sehr schöne, lange, zärtliche, gefühlvolle Briefe. Sie waren zu lang, zu sentimental und zu zärtlich. Eine so schreibselige Feder wie die meinige läuft fort und fort, wenn sie ins Plaudern kommt; ich bilde mir ein, daß die Leute, mit welchen ich spreche, neben mir sitzen und schütte alles aus, Kluges und Unkluges, Scherzhaftes und Ernsthaftes, Egoistisches – was grade obenauf liegt. Was gestern obenauf lag, wissen Sie. Mein Herz war voll Sehnsucht und Verlangen nach Ihnen, voll Liebe und Dankbarkeit für die Aufnahme, die Sie mir haben zu teil werden lassen, aber ich wurde gar zu warm. Es hätte Ihnen nicht gefallen, wenn ich in dieser Tonart weiter geschrieben hätte. Vielleicht hätten Sie dann gewünscht, daß ich Ihnen gar nicht mehr schriebe, und das würde dann wieder einen wütenden Menschenhaß in mir entfachen. Also bitte, lassen Sie mich weiter schreiben.

Eben kam Dr. O. W. Holmes auf eine halbe Stunde – ein lieber kleiner Kerl, ein echter Dichter. Ich sagte ihm, wie lieb mir seine Gedichte seien, und was meinen Sie, wie er das aufnahm? Seine Augen wurden feucht. Es ist mir ein angenehmes Bewußtsein, dieser freundlichen Seele eine Freude gemacht zu haben …

Und jetzt Unterbrechung Nr. 3 … nämlich 1, 2, 3 Briefe von Hause, die wer weiß wie lange schon hier liegen. Ich sende Ihnen einen von Anny. … Er gibt ein so hübsches Bild der würdevollen alten Mutter und ihres alten Gatten; er ein so stattlicher Herr, und sie eine so schöne Dame – ich habe nie eine so schöne gesehen; nein nie, Mademoiselle! – Ich hoffe, daß Sie erkennen, daß die zweierlei Schriften doch von derselben Hand stammen, und daß Sie nicht etwa denken, der Sekretär, Mr. Crowe, hätte eine davon geschrieben.

Ich bin neugierig, was ich tun würde, wenn jemand zu mir sagte: »Kommen Sie, lieber Freund, und verbringen Sie den Weihnachtstag bei uns; Sie könnten mit uns zu Mittag essen und den Sonntag bei uns bleiben und noch einen Teil des Montag mit uns verleben.« – Ich bin wirklich neugierig, ob ich gehen würde. Der Neujahrstag ist nicht so angenehm; an diesem werden die ganze Zeit über Besuche da sein, und alle diese Besuche würden natürlich sagen: »Was, ist der alte Mr. Thackeray schon wieder da?« – Darf ich kommen? Wenn Sie Ihrer ersten Regung folgen würden, meine gütige Mrs. Baxter, würden Sie mir mit Ja antworten, aber bei weiterem Überlegen würde sehr wahrscheinlich ein Nein herauskommen. Denken Sie eine halbe Stunde über die Entscheidung nach, ob Sie mir die Freude gönnen wollen, Ihre lieben Gesichter wieder zu sehen. Es sind ja nur einige Stunden von hier zur zweiten Avenue; dann springe ich bei der 27sten Straße aus dem Wagen, lasse mein Gepäck in Clarendon und bin im Nu in der 18ten Straße. Sagen Sie, ob Sie »den Vorschlag billigen und genehmigen«.

 

III.

Dez. 1852, Donnerstag abend.

Hier schicke ich einer gewissen jungen Dame durch Mr. Crowe etwas, von dem ich denke, daß es ihr gefallen wird. Gleichzeitig sende ich die besten Wünsche an die beste Familie, die mir seit langer Zeit vorgekommen ist; auch hoffe ich, daß ich die jungen Damen kürzlich nicht beleidigt habe mit meinem Abschiedssegen; aber ich konnte nicht anders, war mir in dem Augenblick gar nicht bewußt, was ich tat, und war selbst so erstaunt, nachdem es geschehen war, daß ich kaum wußte wie mir geschah. Ich will es nie wieder tun, meine jungen Damen, es sei denn, daß Sie es gestatten – und allen Ernstes, Mr. und Mrs. Baxter, ich bitte um Ihre Verzeihung, aber es war nicht schlimm gemeint, und ich hoffe, daß Mr. Baxter auch einmal meine Töchter küssen wird. Allerdings sind sie nicht so hübsch wie die seinigen, aber sie sind so gut, wie man sie sich nur wünschen kann. Ich schicke Ihnen hier noch einen Brief von Anny. Er enthält eine Zeichnung von »einem von Mr. Doyles kleinen Hunden« (meine Zeichnung ist aber viel besser). Bitte verwahren Sie die Briefe für mich; hoffentlich nehmen Sie an dem Theologischen keinen Anstoß. In der Bonbonschachtel für Miß Sally oder Sallie – es ist wirklich die verdrehteste Art Ihren Namen zu schreiben, Miß. Stellen Sie sich vor, daß Abraham seine Sarah Sally genannt hätte! Das hätte sich doch für sein Alter nicht geschickt. Also in der Schachtel ist ein Ring nach Ihrem Geschmack. Ich hoffe, Sie dürfen ihn behalten. Er ist aus amerikanischen Perlen gemacht (aus Süßwasser und amerikanischem Gold). Lassen Sie mir die Freude, Ihnen zu Neujahr etwas zu schenken. Ich bin so kolossal bezahlt worden, daß ich irgend jemand etwas schenken muß. Wenn ich morgen nach Hause schreibe, werde ich den Meinigen sagen, wer am gütigsten gegen mich war und wen ich in Newyork am liebsten gewonnen habe, und da müssen Sie mir erlauben, den Hafen der heiligen immerwährenden Ruhe, »Saint's Everlasting Rest« ist eine Anspielung auf die berühmte, auch in Deutschland vielgelesene Erbauungsschrift Everlasting Rest »die ewige Ruhe der Heiligen«, welche Richard Baxter gerade zweihundert Jahre früher (1653) mitten in der englischen Revolution erscheinen ließ. Anmerk. d. Übers. nämlich B-xt-r zu nennen.

Ich bin jetzt in Boston täglich zum Diner und Souper eingeladen. Es geht hier ruhiger zu als in Newyork, aber ich glaube es wird mehr getrunken. Am Sonnabend den 8. werde ich wieder in Ihrer Nähe sein. Was diese Bemerkung bedeuten soll, wenn nicht einen Wink, mich an diesem Tag zum Mittagessen einzuladen, ist mir unerfindlich. Könnten wir denn nicht endlich [Alboni. Geändert. Re] hören oder zusammen in das Theater gehen?

Der Brief in betreff von Neworleans, der am Freitag den 24. von hier abgeschickt wurde, hat seinen Bestimmungsort erst am 29. erreicht. Man bietet mir nur 2500 Dollars an und nicht 5000, wie ich verwegen gehofft hatte. Ich glaube es wird darauf herauskommen, daß ich mich mit der Hälfte des Raubs begnüge. Trotz der Zeitungen und ihrer Spötteleien gedeihen meine Angelegenheiten hier ebensogut wie in Newyork und die Zuhörer scheinen höchlichst befriedigt.

Und damit schließe ich meinen Brief und wünsche Ihnen allen, die Sie mir den Schluß des alten Jahres zu einem so schönen gemacht haben, ein glückliches neues Jahr.

W. M. T.

 

IV.

Boston, Jan. 1853.

Meine liebe Mrs. Baxter. Vielen Dank für Ihre freundlichen guten Wünsche und für die Aufnahme, die Sie mir zu teil werden liehen. Gott segne Sie! Wie außerordentlich gut sind Sie gegen mich gewesen! Ich finde, daß die jungen Mädchen liebe nette Briefe schreiben, und was Ihre älteste Tochter anbelangt, so glaube ich beinah, daß Sie erraten haben werden, was ich von ihr denke.

Ich wollte, ich hätte meinen Adjutanten nicht weggeschickt. Es ist schrecklich einsam und öde hier – schrecklich glitscherig auf den Straßen. Wie können Menschen bei solchem Wetter zu Vorlesungen gehen? Gestern abend war ich wirklich ganz böse auf die Zuhörer, daß sie so töricht gewesen waren zu kommen. Ich ging nachher zu den Ticknors und unser Gespräch geriet auf die M.s H. und B.; und ich erwähnte, daß der letztere mich an eine Familie in Newyork empfohlen hätte – eine Familie namens Baxter und daraufhin brachen die jungen Mädchen in Gelächter aus. Sie scheinen im vorigen Jahre jenseits des George Sees gewesen zu sein, wo H. sie öfter zu besuchen pflegte, um bei ihnen sein Herz über Miß Baxter auszuschütten. Es hieß damals, daß er sie zu heiraten gedächte. Ist das wahr? Dann soll ihn der Teufel holen, und ich hoffe, er wird nie wieder zurückkommen. Darauf bekannte ich, daß das junge Mädchen es mir selbst auch stark angetan hätte. Ich verbreiterte mich ausführlich über ihre guten Eigenschaften, erhob die Fahne ihres Ruhms hoch und gestand, daß ich unter derselben segelte. »Und sie hörten mir zu, wie ich eine Stunde lang von Ihrer Elisa sprach.« u. s. w.

Ich werde Sie noch einmal sehen, ehe ich mich auf die Jagd nach den Dollars begebe und den Kampf mit den Mississippimücken aufnehme. Nächste Woche wollen wir versuchen noch recht lustig zu sein, nicht wahr? und dann werde ich den Hut in der Hand durch die Republik gehen, wie ein alter Quacksalber. (Ich schäme mich dieser ekelhaften Quacksalbereien täglich mehr.)

Ist das nicht ein lustiger Brief zum neuen Jahr? Aber der Schreiber selbst ist gar nicht lustig. Doch er ist in aufrichtiger Ergebenheit stets der Ihre

W. M. T.

 

V.

Washington,
Mr. Andersons Musikhandlung Pa.Ave,
Mittwoch 1853.

Meine liebe Mrs. Baxter. Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief vom Sonnabend, der Montag früh kam, um mich zu trösten, aber jener andere, den Sie mir versprochen haben, ist noch nicht eingetroffen.

Heute morgen als es noch dunkel war, entstand in meinem Kopf ein Plan, der mich nicht wieder einschlafen ließ, und den ich Ihnen untertänigst unterbreiten möchte. Der Plan betrifft Mrs. und Miß, oder Mr. und Miß oder Mr., Mrs. und Miß Baxter.

Montag Morgen von Newyork ab nach Baltimore, Eutaw Hotel, wo Mr. Thackeray Sie erwartet und auf die Ehre Sie zu begrüßen hofft.

Dienstag. Washington. Lever des Präsidenten. Ball in dem Versammlungssaal – vielleicht Diner bei Crampton.

Mittwoch. Empfang von Besuchen der Verehrer nach dem Balle. Diner mit einer erlesenen Gesellschaft bei Mr. Thackeray vor seiner Vorlesung.

Donnerstag. Ausflug nach Mount Vernon und zurück.

Freitag. In der Frühe nach Baltimore und Besichtigung dieser Stadt.

Sonnabend. Zurück nach Newyork nach Umarmung des M. Thackeray, der sein Angesicht gen Süden wenden muß. Ist das nicht ein herrlicher Plan? Wenn Sie beide Damen allein kämen, würde ich Ihnen mein Zimmer einräumen und mich selbst ausquartieren. Sie müßten während des Ausflugs meine Gäste sein. Was für eine Freude wäre es für mich, Ihnen einen kleinen Teil der Gastfreundschaft, die ich bei Ihnen genossen habe, zu vergelten. Der Ball ist recht langweilig, aber eine großartige Sache. Es würde meinen müden alten Augen gut tun, eine mir bekannte junge Dame noch einmal zu sehen, bevor ich nach dem Süden gehe. Bitte, schicken Sie mir morgen ein Telegramm mit »Ja«. Ich hoffe, daß Sie alle drei kommen werden. Aber Sie wissen ja, wie lieb ich Lady Castlewood habe und wie besonders viel mir an ihrem Kommen liegt. Lucy und Libby würde ich auch gern haben, aber es ist sehr schwer Zimmer zu bekommen.

Ich gedenke vorläufig nicht weiter als bis nach Charleston zu gehen. Wegen Rochester und Buffalo schweben die Unterhandlungen noch; wahrscheinlich werde ich mich vor Ende April nach Montreal begeben. Dann würde ich auf ein oder zwei Tage nach Newyork kommen – meinen Sie nicht? Dann könnten wir zusammen den Niagara sehen – und dann, und dann – wer weiß, was die Zukunft uns bringen und wohin der Wind uns blasen wird, klingt das nicht ganz poetisch? Ich habe die hoffnungsvollsten Berichte (aber das ist, glaube ich, noch ein Geheimnis) über einen Erlaß des internationalen Verlagsrechts, das mich – denken Sie nur – um 5000 Dollars reicher machen wird. Unglücklicherweise hatte die Bewegung wegen des internationalen Verlagsrechts den erwarteten Erfolg erst dreißig Jahre nach Thackerays Tod. Ich bin gestern tüchtig durchgeschüttelt aus Baltimore zurückgekehrt und sehe jeden Augenblick sehnsüchtig nach der Tür, aber es erscheint kein Postbote mit Briefen von der 2. Avenue, dagegen mit vielen von zu Hause, die gute Nachrichten von meinen Weibsleuten enthalten.

Gestern war ein großes Diner bei Mr. Crampton. Ich saß neben einer jungen Schönheit, die mir sagte, »sie bewundere meine schönen Hände« und (ich bitte Sie!) »meine Art, Löffel und Gabel zum Munde zu führen«; alle Engländer hätten wohlgepflegte Nägel u. s. w. u. s. w. Mme B. (eine an einen russischen Minister verheiratete Amerikanerin) sagte mir, ihr Mann gehöre nicht zur griechischen Kirche. »Ist er ein Lithauer?« fragte ich. (Es gibt dort viele Katholiken.) »Er überläßt mir die Religionsausübung«, antwortete ihre Exzellenz, in der Meinung lithauisch wäre ein Glaubensbekenntnis.

Hier kommt der Postbote, aber Ihre Briefe sind immer zwei Tage unterwegs, und sehr lang ist Ihr Brief auch nicht, Miß S. S. B., aber es schadet nichts, durch Ihr Kommen können Sie alles wieder gut machen. Ich bitte und hoffe, daß Sie kommen. Wie vergnügt werden wir zusammen sein! In was für elenden, wunderbaren kleinen Schlafzimmern werden Sie untergebracht sein. Ihr, Ihnen und jedermann im braunen Hause ergebener

W. M. T.

 

VI.

Philadelphia, Donnerstag, Jan. 1853.

Meine liebe Frau Baxter. Wenn ich mich entschließe die Wohltätigkeitsvorlesung jetzt zu halten, so fürchte ich nur, daß andere Städte mich um ähnliche Gefälligkeiten bitten könnten, und das würde den Gang meiner Vorlesungen unterbrechen und jedenfalls den Abschluß derselben verzögern. Aber ich glaube doch nicht, daß dies Bedenken mich abhalten darf, und wenn Mrs. Felt und Sie, sehr wohlwollende barmherzige Damen, den Donnerstag und Freitag in nächster Woche für geeignet halten, so will ich mit Vergnügen für Sie arbeiten. Fielding und Goldsmith würden wohl ein geeignetes Thema für eine solche Vorlesung sein. Vielleicht könnte ich eine kleine à propos-Einleitung vorausschicken, die ich mit Hilfe meines Sekretärs zusammenstellen würde. Aber später als Freitag darf es nicht sein, da ich am folgenden Tag hier gebunden bin. Mr. Crowe ist nach Baltimore und Washington gefahren, um dort die Vorlesungen vorzubereiten. Hier geht alles vortrefflich von statten – die Zeitungen sind voll des Lobes, die Säle voll von Menschen u. s. w. Ich mag Ihnen aber die Besprechungen nicht schicken, wenn sie keinen Anspruch auf literarische Bedeutung haben, und die hiesigen haben eine solche nicht. Ich muß auch hier wieder die übliche Flut von Diners und Soupers über mich ergehen lassen. Man ist beinah beleidigt, weil ich nach Newyork gehen will.

Miß B. benachrichtigt mich, daß sie, wenn möglich, am Donnerstag zu Mrs. Rush zu gehen gedenkt. Das würde mich zwei Tage lang der Freude berauben, sie zu sehen. Ich möchte wissen, zu welcher Stunde Sie am Sonntag morgen frühstücken, und ob ich zeitig genug aufstehen werde, um nach dem alten braunen Hause zu kommen. Gott segne es mit allen seinen Bewohnern! Lucy hat mir ein so nettes freundliches Briefchen geschrieben; ich wüßte schon, was sie dafür verdient und was ich ihr geben möchte. Ich habe auch schon einen Brief an Lucys Schwester angefangen, komme aber heute nicht dazu, ihn zu beenden.

Es tut mir sehr leid, daß Sie zu einem so verhängnisvollen Entschluß in betreff von Washington gekommen sind, aber weise Papas und Mamas müssen wohl am besten wissen, was für sie selbst und ihre Kinder gut ist. So lieb wie Ihre Gesellschaft wird mir sicher keine andere sein, doch glaube ich, daß ich angenehme Menschen genug zum Verkehr finden werde in einer und der anderen Stadt. Und dann kommt die Reise nach dem Süden, und dann kommt das Frühjahr und ein Wiedersehen mit Ihnen und dann die Heimkehr zu meinen lieben Mädchen – und dann der zweite Feldzug. Das sind so die Pläne, die der Mensch macht, aber das Schicksal? wer weiß, was das für mich bestimmt hat? Ich schicke Ihnen allen die herzlichsten Grüße, liebe Freundin, und bleibe Ihr dankbarer

W. M. Thackeray.

 

VII.

Meine liebe Lucy. Ihr freundliches liebes Briefchen hat dem »schönen alten Herrn« eine große Freude bereitet. Meine Mädchen zu Hause sind sicher dem lieben hübschen Mädchen, das so gut gegen ihren Vater ist, sehr dankbar. Jetzt tut es mir auch nicht mehr leid, daß ich mich so verabschiedet habe, »daß ich dich, mein liebes schönes Mädchen, so herzlich einmal geküßt habe.« Im Original in deutscher Sprache. – Doch das bleibt zwischen uns, nicht wahr? Doch Ihrer Mutter dürfen Sie es sagen, wenn Sie mögen.

Hier kann mir niemand gewisse junge Damen ersetzen, obwohl es viel ganz niedliche Mädchen gibt, aber kein einziges kommt denjenigen im braunen Hause gleich.

Nächste Woche werde ich dies braune Haus auf kurze Zeit wiedersehen, dann geht's auf die Jagd nach den Dollars für meine Kinder zu Hause; dabei werde ich nicht so vergnügt sein und keine so guten Freunde finden wie in der zweiten Avenue. Ich möchte auch gar nicht wieder solche Menschen treffen und lieb gewinnen, denn dann kommt wieder der Abschiedskummer und das Alleinsein, nachdem man so glücklich gewesen ist. Gott segne alle guten Mädchen, sage ich, und schenke Ihnen allen ein glückliches neues Jahr! Eines Tages – ja eines Tages wollt' ich sagen, werden Sie mir ein Stück Hochzeitskuchen schicken. Freuen werde ich mich nicht darüber, aber ich werde sagen: Der junge Mann, der Lucy aus dem braunen Hause heimführt, ist glücklich zu preisen. Gott segne Sie in diesen und allen kommenden Jahren. Ihr aufrichtiger Freund

W. M. T.

 

VIII.

Washington, Sonnabend 19. Febr. 1853.

Meine liebe gute kleine Lucy.

Ich fing gestern in dem Eisenbahnwagen an, Ihnen einen Brief zu schreiben, aber es rüttelte noch toller als gewöhnlich, und ich mußte diesen Versuch aufgeben. Damals wußte ich nicht, wie krank Sie waren, und erinnerte mich nur, daß ich Ihnen noch die Antwort auf den netten kleinen Brief schuldete, den Sie mir nach Philadelphia geschrieben hatten, als Sarah krank war und Sie ihr als Sekretär dienten. Muß denn immer jemand im braunen Hause krank sein? Ich möchte wohl wissen, ob man mir erlauben würde zu kommen und Sie in dem Nachthäubchen zu sehen? ich möchte wissen, ob Sie überhaupt eine Nachthaube tragen? Ich würde ganz sachte hereintreten, die kleine Hand ergreifen, welche vermutlich auf der Decke läge, sie vorsichtig drücken und mich dann niedersetzen und Ihnen eine halbe Stunde allen möglichen Unsinn vorreden, aber ganz sanft und leise, nicht so, daß Sie viel lachen müßten und daß Ihr armer kleiner Rücken davon zu schmerzen anfinge. Habe ich Ihnen nicht immer gesagt, daß Sie dies Biest von Gymnasium aufgeben sollten? Ich gebe den jungen Mädchen im braunen Hause immer gute Ratschläge, und sie befolgen sie nie. Es ist nicht schwer im Bette liegend zu schreiben – ich liege zwar jetzt nicht im Bett, aber auf dem Sofa. Wenn man die steile Schrift schreibt, geht es ganz leicht, aber die schräge ist schwieriger. Ich komme eben aus Baltimore zurück und finde die traurigen Briefe Ihrer Mutter und Schwester vor. Ich stellte mir in diesem Augenblick vor, wie es sein würde, wenn sie beide hier auf diesem selben Sofa säßen und ich ihre zwei lieben Gesichter sehen könnte. Mr. Crampton hatte die Absicht, Sie zum Mittagessen einzuladen, und ich hatte mich schon sehr bemüht, für Sarah nette Tänzer zum Ball zu verschaffen. Warum mußte die liebe kleine Lucy im Gymnasium so hinfallen? Manch schöner Plan im Leben fällt so hin, Miß Lucy. Aber das Gute am Kranksein ist, daß man sieht, was man für gute Freunde hat. Das Gute am Armsein – in der Klemme zu sitzen (ich weiß nicht, ob ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, ob er in diesem Land als schicklich erachtet wird – unsere alten Schriftsteller brauchen ihn, um Armut, Bedrängnis, res angusta zu bezeichnen) also das Gute am Armsein sage ich, liegt darin, daß man Freunde findet, die einem helfen. Ich bin sowohl krank als arm gewesen und es hat mir dabei an solchem Trost nicht gefehlt, Gott sei Dank. Ich zweifle nicht daran, daß Sie jetzt, da Sie im Bett liegen, die wichtigste Person im ganzen Hause sind. Sarah wird im Zimmer umhergleiten und Erfrischung mit Händen und Augen bringen; Libby wird ganz trostlos am Bette sitzen (ich wundere mich nur, daß das zweite Vögelchen nicht auch auf die Stange kletterte und herunterfiel, nachdem das erste es ihm vorgemacht hatte!), aus Bens Augen spricht eine herzzerreißende Teilnahme und selbst George verhält sich ruhig; Ihr Vater, Ihre Mutter und der Onkel (alle drei verrufen wegen ihres heftigen Temperamentes und ihrer leidenschaftlichen Sprache) werden tatsächlich das Schelten vergessen haben. »Ach, du lieber Himmel!« wird Herr Strumpf sagen (heißt er nicht Strumpf, der deutsche Lehrer?) »die schöne Fräulein ist krank!« und wird am Halse des Pianofortefexen in Tränen ausbrechen, wenn sie beide durch den schwarzen John (der dazu schluchzt) die Nachricht erfahren.

Wir haben hier eine kohlschwarze Kammerfrau; als ich vorhin von Baltimore zurückkam, stand sie Mr. Crowe Modell. Sie macht die Betten mit ihrer Pfeife im Mund, die sie überall in den Zimmern umher liegen läßt. Wäre sie nicht eine feine Kammerjungfer für Ihre Mutter und Miß Sally gewesen?

Aus unserem Zusammenkommen wäre aber doch wohl nichts geworden, auch wenn Miß Lucy nicht gestürzt wäre. Gestern abend war es hier so schön und mild wie im Mai (im englischen Mai, meine ich) und heute herrscht ein heftiger Schneesturm. Wie hätten wir da die Sehenswürdigkeiten von Baltimore in Augenschein nehmen und nach Mount Vernon fahren können? Wir hätten bei diesem Schneewetter nichts anfangen können als zu Hause zu sitzen, in dem winzigen Kämmerchen, das ein Zimmer benannt wird und das kaum Raum für sechs Personen bietet und wo es nicht annähernd so behaglich ist als in dem braunen Hause. Das liebe alte braune Haus! werde ich es bald wiedersehen? Ich will nicht weiter als bis nach Charleston reisen und vielleicht nach Savannah, und dann hoffe ich, noch einmal Sie alle zu sehen, ehe ich meine Wanderungen fortsetze. Halt! Ich habe Ihnen ja noch gar nicht gesagt, warum ich Ihnen eigentlich schreiben wollte. Also: ich ging am Donnerstag zu Gouverneur Fish und seiner Frau zum Diner – ein mir zu Ehren veranstaltetes Diner – und ehe ich ging legte ich ein gewisses weißes Bekleidungsstück an, dessen Knopflöcher verändert worden waren, und gedachte der lieben, gütigen kleinen Hände, die mir diesen Dienst geleistet hatten. Die Fishs erzählten mir, daß sie in der zweiten Avenue wohnten (ich hatte alles sie betreffende vergessen), und dabei kam ihr Haus und das gegenüberliegende mir in Erinnerung und sie wurden mir gleich fünfzigmal lieber dadurch, daß sie so nahe bei guten Freunden von mir wohnen. Sie ist übrigens eine nette Frau, die Madame Fish, und was meinen Sie, ob ich Sie nicht alle schlecht bei ihr gemacht habe? Leben Sie wohl, liebe kleine Lucy. Ich wollte das Blatt wäre noch nicht voll, aber ich habe nun wohl schon eine halbe Stunde neben dem Sofa der armen jungen Dame gesessen und habe ihr allerlei dummes Zeug vorgeredet, nicht wahr? Und jetzt stehe ich auf, drücke Ihnen mit einem Gott segne Sie die Hand und gehe die Treppen hinunter. Bitte, grüßen Sie alle herzlich und vergessen Sie nicht, daß ich Ihr treuer Freund bin

W. M. Thackeray.

 

IX.

Washington, Dienstag 24. Febr. 1853.

Meine liebe Mrs. Baxter.

Es könnte sein, daß ich heute vor Postabgang nicht mehr Zeit zu einem Brief fände, deshalb sende ich Ihnen diese, während des Frühstücks entstandene, Fünfminutenkritzelei mit vielem Dank für die lieben, lieben Briefe, die ich erhalten habe und noch erhalten soll. Ich bin im Begriff, mit einer größeren Gesellschaft den Ericsson zu sehen, und dann beabsichtige ich bei dem Präsidenten zu essen und abends zu einem sehr, sehr hübschen Mädchen zu gehen, das ich tüchtig abblitzen lassen mußte, weil es naseweis war. Doch das ist eine lange Geschichte – zu lang, um sie jetzt zu erzählen. Zum Sonntag habe ich acht bis zehn Mann zum Diner eingeladen – es ist doch wirklich eine Verrücktheit, hundert Dollars daran zu wenden, diese Wämse zu füttern! Am Montagmorgen denke ich nach Richmond zu fahren und dort bis zum Sonnabend zu bleiben; an diesem Tage bin ich in Charleston gebunden. Dort will ich wieder eine Woche verweilen und das Weitere dann dem Schicksal überlassen.

Also P. weinte wirklich, als er wegging? C. P. ist ein lieber junger Kerl. Es ist wirklich wohltuend, über einen Charakter nachzudenken, der in meinen Augen etwas so Männliches, Großmütiges und Ehrliches hat. Ich schätze ihn sehr. Treibt meine hübsche Sarah eifrig Musik? Und sind die Verehrer 1, 2, 3 fort? Ich kenne einen alten treuen Kerl, der nicht viel von einem Stutzer an sich hat, der immer ihr ergebener Diener bleiben wird; aber wer weiß, vielleicht werden die neuen Hemden und der Sack voll neuer Dollars noch einen richtigen Stutzer aus ihm machen?

Mein englischer Bekannter, Mr. S., hat sich mit einem reizenden jungen Geschöpf verheiratet … Sie tut mir leid, wenn ich mir vorstelle, welches Leben sie in unserem Lande führen wird. Ihr Mann wird den ganzen Tag von Hause sein und ihre Mittel werden kaum ausreichen, um genügend Hammelrippchen anzuschaffen. Aber ich wollte Sie kämen alle nach Europa. Sie würden dort reich sein, wenigstens so reich als ihre Nachbarn und ebenso glücklich wie hier. Wie gerne möchte ich meinen Platz an Ihrem lieben Tisch wieder einnehmen! Nun, so Gott will, wird es bald geschehen. Ob nah oder fern, immer ist mein Herz voll Dank für die Mahlzeiten, die ich da genossen habe. Das wissen Sie. Ich schicke den alten Vögeln und den jungen Vögeln die besten Grüße und bedauere sehr, daß George Halsweh hat. Ich teile sein Schicksal.

 

X.

Washington, Freitag 25. Febr. 1853.

Meine liebe Mrs. Baxter. Erlauben Sie, daß ich die zweite Hälfte meines Briefes heute morgen schreibe. Ich konnte es gestern nicht tun, weil wir zu spät von unserem Ausflug den Potomac hinunter zu dem Ericsson zurückkehrten. Es war bitter kalt – so kalt, daß, wenn Gäste von Newyork zum Vergnügen nach Washington gekommen wären, sie den Tag beklagt haben würden, an dem sie das behagliche Obdach des braunen Hauses mit Mr. T.s trübseliger kleiner Wohnung über dem Musikladen vertauscht hätten. An dieser Besichtigung des Ericsson nahm die Elite der Gesellschaft teil: die zwei Präsidenten, die Sekretäre, Kommodoren ohne Ende, Redakteure großer Zeitungen und die Herren Irving und Thackeray als Literaten. Die Präsidenten waren beide sehr liebenswürdig. Von den Bildern des Generals Pierce, die ich gesehen habe, wird ihm keines gerecht. Er ist ein Mann von auffallend anziehendem Äußeren und vornehmen Manieren und gibt sich so natürlich, wie irgend einer jener Engländer, die unser Freund bewunderte.

Wir unterhielten uns eine Viertelstunde sehr freundschaftlich miteinander. Ich glaube, er war angenehm berührt, mit einem Manne zu sprechen, der nichts von ihm haben wollte. Abends aß ich mit dem Präsidenten Fillmore, der mir zu meiner Freude sagte, daß Pierce ihm vorgeschlagen hätte, mit ihm zusammen am Sonnabend abend in meine letzte Vorlesung zu gehen. Das ist doch ein ungewöhnlich freundlicher und rücksichtsvoller Vorschlag. Wenn die Zeitungen diese Kunde gehörig ausposaunen, könnte das dem Vortragenden sehr zugut kommen. Aber diesem ist schon todesübel von der Sache, und es könnte wohl geschehen, daß Sie eines Tages erführen, er hätte gestreikt. Man hat mir für diese Vorlesungen viermal so viel bezahlt, als sie von Rechts wegen wert sind und – u. s. w. u. s. w. Ich will Sie nicht wieder mit diesem alten Gebrumme langweilen.

Wie kommt es, daß die Post mir diesen Morgen keinen Brief von Miß Baxter gebracht hat? Nichtswürdige Post! Wie viele Enttäuschungen bereitest du mir! Aber von Lucy hatte ich gestern ein erfreuliches liebes Briefchen. Ich möchte gerne hören, daß ein guter Chirurg den armen kleinen Rücken untersucht und festgestellt hätte, daß nichts Schlimmes daran sei. Nehmen Sie doch einen Chirurgen und keinen gewöhnlichen Arzt.

Den äußeren Lebensbedingungen nach habe ich hier eine gute Zeit, aber etwas fehlt mir … Guter Gott! was bedeuten Austern, daß wir solchen Wert auf sie legen sollten, oder Champagner, daß wir immer mehr davon trinken möchten? Wir haben aber einige große Festlichkeiten gehabt. Dieser Oberst Preston von Kentucky ist ein ungewöhnlich guter Mensch. Er brachte uns von vier bis acht Uhr unaufhörlich zum Lachen. Wir brüllten tatsächlich vor Lachen. Es war ein Wunder, daß man dem berufsmäßigen Moralisten bei seinem nachfolgenden Vortrag nichts von dem reichlich genossenen Madeira anmerkte.

Mein Haus in London ist bis Juli vermietet. Sie werden doch im Juni irgend wohin gehen, nicht wahr? Sollen wir zusammen nach Rhode Island gehen? Sollen wir an den Niagara gehen? Sie wissen nicht wie es mich freut, daß Sie danach verlangen, von mir zu hören. Ich wette fünfundzwanzig Pfennige, daß, weil am Sonnabend oder Sonntag kein Brief kam, Sie dachten: »Mr. T. ist beleidigt, weil wir seine Einladung nicht angenommen haben. Mr. T. faßt sehr leicht etwas als Beleidigung auf, was nicht so gemeint ist,« sagt Miß Sarah mit einem halben Seufzer. Weit gefehlt. Es war Crowes Schuld; er hatte vergessen, die Briefe auf die Post zu befördern. Ich liebe jene junge Dame nie so sehr, als wenn sie das fünfte Gebot mit Variationen befolgt, und ich finde sie tausendmal schöner, wenn sie an Lucys oder ihrer Mutter Bett sitzt in einem Frisiermantel (wenn das überhaupt ein Kleidungsstück ist, das junge Damen tragen), als wenn sie bei Delmonico in dem glänzendsten Gewande von irgend einem kleinen Stutzer herumgewirbelt wird. Auf den Bällen hier werden Quadrillen getanzt, und Walzer scheinen mir nicht schneller als sechs Knoten in der Stunde zu gehen. Gestern abend wurde ein jämmerlicher Schottisch gespielt. (Es war bei Mrs –, der Mutter eines hübschen sechzehnjährigen Mädchens. Die kleine naseweise Person war reuevoll und zeigte sich von ihrer besten Seite. Sie bekam von dem Präsidenten ein mit einem Schmetterling verziertes Bonbon, das sie an dem Ausschnitt ihres Kleides, der einen hübschen Hals sehen ließ, befestigte.) Meine Gedanken wanderten nach Newyork hinüber, und trotz der Aufforderung der Mutter, »zu einem so netten kleinen Abendessen« zu bleiben, schlich ich mich fort, während die schöne Büßerin tanzte, und befand mich um 11½ Uhr bereits in meinem Bett, sicherlich zur großen Verwunderung dieses meines Bettes. So, nun bin ich unten an meiner fünften Seite angelangt und dazu noch mit dieser abscheulichen Goldfeder, die nicht deutlich schreiben will.

Warum haben mir die Mädchen ihre Daguerreotyps nicht geschickt? Ich dachte daran, ihnen eines von mir zu senden, aber meine errötende Bescheidenheit ließ es nicht zu, und ein gutes Daguerreotyp, das hier gemacht worden ist, hielt ich für meine Pflicht, für meine Kinder zu Hause aufzubewahren. Hübsche junge Mädchen können einen alten Kerl mit einem solchen Geschenk erfreuen, aber der alte Kerl muß zurückhaltend sein mit Darbietungen seines häßlichen Gesichts. Die Galanterie solch alter Leute hat etwas Groteskes. Wie wohltuend ist es, eine halbe Stunde allein zu sein! Ich rede mit Ihnen so, als ob ich bei Ihnen im braunen Hause wäre. »Warum will Mademoiselle nicht herunterkommen?« dachte ich dann immer, wie Sie wohl wissen. Und wenn sie dann kam, hatten wir meistenteils Scharmützel miteinander. Aber an Ihnen hatte ich doch nie etwas auszusetzen, nicht wahr? und war überhaupt mit niemanden verstimmt? Jedermann scheint um meine freundschaftlichen Beziehungen zum braunen Hause zu wissen. Die Damen nennen Miß Baxters Namen mir gegenüber mit einem bedeutsamen Blick, dessen Berechtigung ich mit voller Bereitwilligkeit und milder Zustimmung anerkenne. Das scheinen sie jedoch nicht zu wissen, daß Lucy und Libby und meine liebe Lady Castlewood auch einen wesentlichen Anteil an den Empfindungen haben, die ich für die zweite Avenue und die Ecke der achtzehnten Straße hege. Als ich vor einigen Tagen an meine Kinder schrieb und von Ihnen sprach, kamen so viel »liebe« in einem Satze zusammen, daß ich beim Durchlesen selbst lachen mußte … Ah, hier kommt Monsieur Corbeau! Thackerays Sekretär Crowe. Ade Sentimentalität! – Ich will die beiden Bogen schnell zusammenknüllen, damit er nicht sieht, was für einen unermeßlich langen Brief ich Ihnen geschrieben habe und noch dazu über lauter Nichtigkeiten. Nächste Woche werde ich Ihnen hoffentlich von Richmond aus schreiben und die freundlichen Briefe beantworten, die junge Damen so liebenswürdig waren, an mich zu richten. Ich sende Ihnen die gewohnten Grüße, und wo ich auch sein und wie gut es mir auch gehen mag, so wünsche ich doch immer, daß ich zu Hause in Newyork wäre.

Immer der Ihrige, meine liebe Mrs. Baxter.

W. M. T.

 

XI.

26. Februar 1853 Sonntag.

Ehe ich morgen in aller Frühe nach Richmond abfahre, muß ich meine zahlreichen Schulden hier begleichen. Eine der angenehmsten kleinen Schulden ist die, welche ich bei einer armen jungen Dame namens Lucy habe, deren Rücken hoffentlich inzwischen besser geworden ist, und deren kleine Hand ich hiermit ehrerbietigst küsse. Wie froh bin ich, daß ich Washington und Baltimore abgetan habe. Hier sind zwanzig hübsche Mädchen, aber keines darunter sagt mir in dem Maße zu, als jede einzelne von gewissen jungen Personen, die Ihnen nicht unbekannt sind. Wenn ich mich auch in manchem Hause behaglich fühle, so bin ich doch in keinem einzigen so heimisch als in dem braunen. Von meinen Mädchen kommen immer feine Briefe. Anny schreibt in großem Entzücken von einer Hochzeit, die beide mitgemacht haben; sie haben viel getanzt, und Minny ist sehr bewundert worden (ich weiß nicht, ob ich Ihnen je gesagt habe, daß sie meiner Ansicht nach erzgescheit und sehr hübsch ist) und hat alle Tänze abgetanzt; und meine liebste einfache Anny ist ganz stolz, daß ihre Schwester so viel Bewunderung einerntet und ganz zufrieden mit der kleinen Zahl von Tänzern, die ihr selbst zufallen. Aber Anny hat einen treuen Ritter und Bewunderer, der sie so innig liebt, wie es sich ein Mädchen nur wünschen kann, und dies ist der Herr, der jetzt an Lucy Baxter schreibt. Aber ich kann heute keinen lustigen Brief zustande bringen; das kann ich nur tun, wenn ich in der Stimmung dazu bin, und nicht, wenn ich einige Stunden damit zugebracht habe, einen langen traurigen Brief nach Hause an meine Mutter zu schreiben!

Ich glaube, ich habe Ihrer Mutter schon von dem Diner bei dem Präsidenten geschrieben und wie stumpfsinnig es gewesen ist. Aber es wird Sie freuen zu hören, daß gestern die beiden Präsidenten zusammen in meine Vorlesung kamen, die überhaupt von einer zahlreichen vornehmen Gesellschaft besucht war. Dann beschloß ich den Abend damit, daß ich in drei Soireen ging. Auf einer derselben – bei Mr. Corcoran – sah ich auch Mrs. W. lächelnd und errötend wie eine Junirose; außerdem traf ich viele Newyorker, die mir alle ein gewisses Interesse einflößen, weil sie in der Nähe von Menschen wohnen, die ich lieb habe.

Morgen geht's nach Richmond, nächste Woche nach Charleston; ich möchte wohl wissen wohin dann! Will jemand aus dem braunen Hause so freundlich sein und diese Nachricht nach Clarendon befördern und bitten, daß mir etwaige Briefe nachgeschickt werden?

Morgen werde ich den Potomac hinunterfahren, auf dem Mrs. Esmond Warrington und ihre zwei Söhne zu segeln pflegten, wenn sie ihren Freund Mr. Washington besuchten. Ich bin begierig, ob je etwas aus dieser Vorrede entstehen und ob diese Geschichte je geboren wird.

Nachdem ich dieses geschrieben hatte, fing ich an nachzudenken und schrieb ein paar Zeilen in französischer Sprache an Miß Sally, und siehe da, die paar Zeilen wurden zu einem regelrecht langen Brief, so echt französisch im Stil (wie es mit der Grammatik beschaffen war, ist eine andere Frage), daß ich es doch für besser halte, den Brief nicht abzuschicken, sondern mich mit einem einfachen englischen Gruß zu begnügen und in schlichten Worten zu sagen, daß sie doch, wenn sie zehn Minuten Zeit finden kann, wieder ein paar Zeilen schreiben soll an Ihren Ihnen allen zugetanen

W. M. Thackeray.

 

XII.

Richmond Virginia,
Donnerstag 3. März 1853.

Meine liebe Mrs. Baxter. Wenn Sie am Sonnabend den 5. März nach dem Postboten ausschauen werden, sollte es mich nicht wundern, wenn er Ihnen einen kleinen Brieffetzen brächte, der Ihnen sagen soll, daß der »ältliche Cupido« am Dienstag hier angekommen ist und daß ihm die freundliche, behagliche, fröhliche kleine Stadt außerordentlich gut gefällt. Es ist die malerischste, die er in Amerika gesehen hat. Wie ich zu meinem Bedauern eingestehen muß, empfinde ich gar kein Entsetzen vor den Negern; ich ergötze mich höchstens an dem überall hervortretenden Grotesken ihres Wesens und an ihrem fröhlichen Aussehen. Es geht mir in jeder Beziehung – ausgenommen in einer – gut; ich habe angenehme Menschen, volle Hörsäle, ein schönes, ruhiges, billiges, behagliches Hotel, in der Tat alles, nur keinen Brief aus der zweiten Avenue, auf welchen ich heute mit tödlicher Sicherheit gerechnet hatte. Sonnabend gehe ich nach Charleston – Charleston-Hotel bitte – und ach! wenn Sie doch alle hinkommen wollten! Ich glaube nicht, daß ich den Mut haben werde, nach Neworleans zu gehen. Die Vorträge langweilen mich immer schrecklicher, und ich werde mich nicht zufrieden geben, wenn ich nicht zwei oder dreimal in der Woche etwas von dem braunen Hause höre. Da Sie mich bisher verwöhnt haben, so müssen Sie mich auch weiter verwöhnen, solange ich im Lande bleibe. Ich sagte Ihnen gleich, daß Sie heute nur ein Zettelchen bekommen sollten, und es genügt wohl auch, wenn ich eine Minute vor dieser verfluchten Vorlesung zu erhaschen suche, um Ihnen zu sagen, daß ich immer und immer der Ihrige bin.

W. M. T.

 

XIII.

Charleston, 11. März 1853.

Für den reizenden Brief, den Miß Lucy mir geschrieben hat, verdient sie wirklich einen viel schöneren, als ich ihr heute schreiben kann. Ich erhielt Ihren Brief in einem von Onkel Oliver eingeschlossen, den ich auch mit Vergnügen las. Und heute kommt Mamas hübscher Dienstagsbrief, so daß ich ziemlich gut auf dem Laufenden erhalten bin über das braune Haus und alle Personen in dieser Arche. Ich wünschte, ich könnte selbst darin sein.

Auf Ehre und Gewissen, Miß Lucy, ich weiß noch nicht, was morgen mit mir werden wird, ob ich nach Süden gehen oder den Dampfer nehmen und eiligst nach Newyork fahren werde. Aber das weiß ich, daß ich ganz krank bin vor Heimweh nach dem braunen Hause und nach meinem Zuhause und aus Ekel an meinen Vorlesungen. O Steward, bringen Sie mir eine Schale! Ich hasse und verabscheue den Anblick des verfluchten Manuskripts, und ich bleibe dabei, jedem, der mir in den Weg kommt, zu sagen, daß ich ein Charlatan bin. Also Sie lesen Vilette zusammen? Eine hübsche Unterhaltung in der Tat – ich wollte, ich könnte mit zuhören und eine Zigarre dazu rauchen. Das Gute an Vilette ist meiner Ansicht nach ein sehr schöner Stil und eine ungewöhnlich glückliche Art (welche nur wenige weibliche Verfasser besitzen), eine Metapher logisch bis ans Ende durchzuführen …

Gestern abend gab die »flotte« Lady von C– ein Abendessen mir zu Ehren. Wie hat sie mich angeödet! Sie sagte mir, ich wäre der Mann, den zu sehen sie vor allem wünschte, obwohl sie wüßte, daß ich ihr nicht sympathisch sein würde, und sie mir auch nicht – was ich ohne Widerspruch gelten ließ; und als sie mir sagte, daß ich sie enttäuscht hätte, entgegnete ich ihr ganz einfach, daß mir nicht das geringste daran läge, ob ich ihr gefiele oder nicht. Und diese Empfindung hat ihr ergebener Diener den meisten Menschen gegenüber. Aber die, welche ich liebe, von denen möchte ich wieder geliebt sein. Sie kennen wohl drei junge Damen und eine in mittleren Jahren, deren Freundschaft ich mir erhalten möchte und deren gute Meinung mir durchaus nicht gleichgültig ist. Was für eine unerträgliche und sinnlose Plage würde das Leben sein, wenn man sich darüber beunruhigen wollte, was Jack und Tom von einem denken, oder wenn man einer jungen Dame gliche, die behauptet, daß, nachdem sie die Bewunderung von Charles und Willy errungen hätte, sie immer noch unglücklich wäre, bis ihr auch noch die Verehrung von Dick und Harry zuteil würde! Ich würde mich jetzt gar nicht wundern, wenn alle Welt darauf verfiele, Miß Lucy Baxter sehr zu verehren, und ich hoffe und erwarte es einmal zu sehen, daß sie ganz heiter und unbekümmert durch den Schwarm der Verehrer hindurch geht, unberührt von ihren Schmeicheleien, bis endlich Tomkins erscheint, der allein sie in Unruhe und Verwirrung versetzen kann. Ich glaube nicht, daß dieser Brief sehr inhaltsreich ist, oder doch? Viel mitzuteilen habe ich auch nicht; nur von einem Negerball hätte ich zu erzählen, aber ich bin eben mit einem Bericht darüber an Miß Minny Thackeray, die an der Reihe war, einen Brief zu bekommen, fertig geworden und kann nun wirklich die schwarze Geschichte nicht noch einmal wiederholen – das wäre ja wie bei den Vorlesungen. Aber die Neger interessieren mich sehr, besonders die kleinen Mulattenkinder mit ihren komischen Gesichtern und Manieren, die halb abstoßend und halb niedlich erscheinen und in meiner Seele ein von Ergötzen und Mitleid gemischtes Gefühl erzeugen. Bei dem gestrigen Diner fühlte ich mich plötzlich an meinem Ellenbogen berührt und erblickte hinter mir ein gnomartiges Kerlchen, das mir mit einem komischen Lächeln und Mienenspiel ein silbernes Körbchen mit Brot anbot. Und tags zuvor war beim Essen ein kleiner Negerjunge angestellt, um mit einem großen Pfauenfederfächer die Fliegen zu verscheuchen; ein anderes noch kleineres schwarzes Negerlein schien keine andere Aufgabe zu haben, als den Verlauf des Mahles zu beobachten. Er erfüllte sie, indem er sich an den Wandschrank anlehnte und dem Kinde mit dem Fächer unaufhörlich Gesichter schnitt. Es ist erfreulich zu beobachten, wie gut die Besitzer gegen diese Kinder sind. Ich wollte einige meiner Landsleute könnten das sehen. Überhaupt wünschte ich, daß wir zu Hause mehr von Amerika wüßten. Binnen kurzem wird, so Gott will, ein Mann hinüberkommen, der imstande sein wird zu berichten, daß die Menschen hier nicht alle grausam sind, und daß es hier Herren und Damen gibt, die – o Wunder über Wunder! ganz so gut sind wie die unsrigen.

Leben Sie wohl, liebe Lucy, und grüßen Sie alle, die um Ihr Bett versammelt sind – Junge und Alte –, und glauben Sie mir, daß ich immer Ihr aufrichtiger Freund bin.

W. M. T.

 

XIV.

Charleston, 12. März 1853.

Meine liebe Mrs. Baxter. Seit ich gestern an Lucy schrieb, scheint mein Schicksal sich so ziemlich entschieden zu haben, wenigstens für die nächsten vierzehn Tage. Es ist bestimmt, daß ich morgen nach Savannah gehe, dort eine Woche bleibe und dann hierher zurückkehre, um den Rest meiner Predigten zu halten. Und von hier soll ich höchst wahrscheinlich nach Richmond gehen, um dort meine Rede auszureden. Wenn die Begeisterung dort vier Wochen vorhält, kann ich mich einer guten Aufnahme an dem hübschen fröhlichen kleinen Ort rühmen – solch eine Aufnahme ist mir mehr wert als Geld und erfreulicher als die matte Zustimmung der hiesigen Zuhörerschaft. Aber Sie werden mir doch auch nach Charleston schreiben, nicht wahr? bitte! …

Mr. Crowe und ich sitzen also in meinem Zimmer und zeichnen Bilder von Negern und schlendern umher und drücken uns durch den Tag, so gut es geht – natürlich gibt es Diners und Soupers in Menge. Der Kuckuck soll sie holen! Ich wollte sie kämen nicht so massenhaft.

Ich würde heute nicht geschrieben haben (denn ich vermute Lucy und ihre Mutier werden ihre Briefe an demselben Morgen erhalten), wenn nicht über Nacht diese Entscheidungen gefallen und wenn nicht der eingeschlossene Brief von Anny gekommen wäre, den Sie gewiß gern lesen werden. Ich wage zu hoffen, daß meine Freunde sich an meiner Freude mitfreuen, und ich bin überzeugt, daß Ihr gutes Mutterherz meine Freude über den Besitz eines so lieben guten Kindes verstehen wird. Sie schrieb gerade an dem Tag, als ich in Washington über eine Valentinsüberraschung für Lucy und Libby nachdachte. Nun, in fünf bis sechs Jahren wird Anny wohl imstande sein, das Schreibehandwerk zu übernehmen, und ich kann dann so bequem auf dem Sofa sitzen wie der Professor des guten Tones in Bleak-House.

Gestern abend gab eines der hiesigen großen Tiere, Mr. King, ein Souper mir zu Ehren. Er hatte mir nur eine kleine Gesellschaft in Aussicht gestellt, aber es waren vierzig Herren versammelt. Natürlich gab es ein endloses Händeschütteln und Vorgestelltwerden. Professor Agassiz (eine entzückende bonhomme Erscheinung, ebenso offen und anspruchslos in seinem Wesen wie berühmt und gelehrt in seinem Fach) sagte: Mr. King getraute sich nicht eine kleinere Zahl einzuladen, da jeder, der nicht gebeten worden wäre, diese Übergehung sehr übel genommen hätte.

Eben kommt das Komitee, um Ihrem ergebenen Diener 665 Dollars für die Vorlesungen zu überbringen. Das ist doch ganz anständig für drei Vorlesungen, finden Sie nicht? Draußen warten drei Herren, die einen Spaziergang mit mir auf das Land machen wollen. Also reiche ich Mr. und Mrs. Baxter und Mr. Strong die Hand und gebe den jungen Damen und ihren Brüdern meinen väterlichen Segen, setze meinen Hut auf und marschiere hinaus.

Mit den Versen und Blumen, die Thackeray Miß Lucy Baxter zum Geburtstag schickte, kam das folgende launige Briefchen:

 

XV.

Miß Lucy, ich wünsche Ihnen eine hundertmalige glückliche Wiederkehr dieses glücklichen Tages. Ich wollte, das Gedicht wäre schöner und der Blumenstrauß gleichfalls. Aber Mr. Crowe hat ihn bestellt, damit ist alles gesagt. Und eben sind die Blumen bei mir angekommen (in dieser merkwürdigen Art aufgebunden) und meine Verse klingen dazu viel zu feierlich und hochtrabend. Für Ihr Wohlergehen werde ich täglich beten und meine besten Empfehlungen sende ich an Ihre Mama, Ihren Papa, sowie an die beiden entzückenden rosenroten Hütchen, Miß Libby und Miß Sarah, mit denen wir gestern abend im Theater so vergnügt waren. Ich unterschreibe mich als Ihr treuer Freund

W. M. Thackeray.

Mit einigen Blumen zu Lucys Geburtstag.
15. April 1853.

Die siebzehn Rosenknösplein, dicht umwunden
Mit Schwesternblumen und zum Kranz gebunden,
Gleich einer Krone, welche Düfte spendet,
Sie werden Lucy heut von mir gesendet.
Geburtstagsschmuck für sie, den sie mög' tragen,
Von frischen, lebensfrohen Lenzenstagen,
Da ros'ger Hauch der Jugend ihre Zier,
Ein anmutsvoll erblühend Gleichnis ihr.


Die ihr ein Bild von Jugend, Hoffen, Liebe,
Ihr Röslein sagt: Daß rein und hold sie bliebe,
Gleich euch sich öffnend, mehr noch Pracht zu zeigen,
Sei unsrer Herzen Wunsch, die treu ihr eigen.
Du zarte, sanft gehegte Menschenblüte,
Daß Dich vor Stürmen das Geschick behüte!
Kaum hörtest Du davon. Du kennst noch nicht
Den Wind, der draußen bläst, den Dorn, der sticht.


Wie lieblich hat Dein Mädchensein begonnen,
Sei ferner es von Sonnenglanz umsponnen,
Von kräft'ger Luft, die Dir der Himmel sende
Zu reichem Wachstum bis zu sel'gem Ende.
Du holdes Frühlingskind, wo Du magst weilen,
Der Eltern Los, des Gatten Los zu teilen,
Bescheid'ner Anmut Reiz erhalte sich,
Zu voller Blüte nun entfalte Dich. In dem Brief vom 10. Mai 1853 bezieht sich Thackeray auf die Umänderung dieser Verse, in der sie in seinen gesammelten Werken erschienen. Siehe Einleitung S. 12.

 

XVI.

13 Young Str. Kensington.

Werden die Mädchen nicht sofort schreiben?

Mai 1853.

Mein lieber Baxter. Ich darf den Lotsen nicht an das Land gehen lassen, ohne Ihnen und all den Ihrigen, die so gut gegen mich waren, die Hand zu schütteln und ein letztes Gott segne Sie zuzurufen. Ich kann nicht glauben, daß wir uns nicht noch sehr oft auf unserem Lebenswege begegnen sollten. Sie werden uns in England besuchen, oder ich und meine Mädchen werden hinüberkommen zu Ihnen. Wo ich auch sein mag (eben wird beim Vorüberfahren von der »Arabia« gegrüßt), immer werde ich Ihnen die dankbarsten Gefühle der Zuneigung bewahren. Jetzt, da das Schiff sich wirklich auf der Fahrt befindet und ich schon entfernt von Ihnen bin, denke ich, daß es am besten war, daß ich so von Ihnen ging. Abschiednehmen gehört zu den traurigsten Dingen im Leben und müßte immer schnell abgemacht werden. Gott segne Ihre gute Frau und all Ihre Kinder und Strong und dessen Kinder. Mein Herz strömt über, wenn ich an all Ihre Güte denke. Ich bin und werde hoffentlich immer bleiben

Ihr aufrichtiger Freund
W. M. T.

 

XVII.

13 Young Str. Kensington, London.
Dienstag, Mai 1853.

Ist das nicht ärgerlich? Ich habe zwei nette Briefe geschrieben, einen an Sally und einen an Lucy und Libby, und leider sind sie vier Meilen weit entfernt liegen geblieben und es ist zu spät, um sie vor Postabgang holen zu lassen. Ich habe sie an Bord geschrieben. Wir hatten herrliches Wetter und die Überfahrt dauerte im ganzen 10 ½ Tage. Am Sonntag waren wir in Liverpool, gestern hier – und da ich erfuhr, daß Lady Stanley von Alderley diesen Abend einen Ball gab, platzte ich sofort in die Londoner Welt hinein – und nun, nun kommt's mir vor, als wäre die zweite Avenue und mein sechsmonatlicher Aufenthalt in Amerika nur ein Traum. Hier fand ich den alten Klub und die alten vertrauten Bücher; ich habe schon fast alle meine Freunde gesehen, die Bratpfanne eingeschlossen. Es ist mir verdrießlich, sie unbenutzt zu lassen, aber ich mag mich jetzt weder um Bratpfanne noch um Feuer kümmern. Crowe, der gute ehrenwerte Mensch, ist zu seiner Familie gegangen – so sind wir getrennt und das Zusammenleben mit ihm erscheint jetzt auch wie ein Traum. Wo sind alle die Menschen geblieben, mit denen ich noch vor zwei Tagen so vertraut war? Diese hübschen Frauen, diese guten Kerle, der freundliche Bischof von Montreal und der fidele Kapitän? Bevor wir landeten, schüttelten wir uns alle zum Abschied die Hände, aber am Lande kümmerte sich keiner mehr um den anderen; das Schicksal trieb jeden seinen besonderen Weg, der Verfolgung seiner selbstischen Interessen nach. Aber obwohl ganze vierzehn Tage (nein dreizehn) vergangen sind, seit ich die zweite Avenue zum letztenmal sah, so habe ich Sie doch noch nicht vergessen. Nein, Gott bewahre! Ich sehe mit liebevollen Gefühlen nach der Seite, wo die Sonne untergeht, und denken Sie, ich habe es noch nicht über mich gebracht, meine Uhr zu stellen, sie geht noch nach Newyorker Zeit. Gestern abend auf dem Ball zog ich sie hervor, zeigte sie den Leuten und sagte: Das ist die richtige Zeit. Sie fragten mich dann, ob der Ball nicht wundervoll wäre. Ach was! sagte ich, das ist gar nichts. Gehen Sie nach Newyork, wenn Sie sehen wollen, was ein Ball ist. Während ich sprach, sah ich die stattlichen Knickerbockers, sah die jungen Damen in regenbogenartig gestreiften, in zweitausend Farben schimmernden duftigen Gewändern, sah eine junge Person sich mit dem schönen Wilson Eyre im Kreise drehen und dann auf einem Divan sitzen und mit ihm plaudern. Einen Ball! sagte ich. Als ob es überhaupt nach Newyork noch irgendwo Bälle geben könnte!

Ich habe hier noch geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen, die mich ein oder zwei Tage festhalten können, dann geht's nach Paris zu meinen Kindern. Ich schreibe in fliegender Eile, um noch bis zum Postabgang fertig zu werden. Ich kam nicht dazu früher zu schreiben, da ich Verschiedenes zu tun hatte und durchaus zehntausend Freunde sehen mußte, aber die Briefpost soll nicht abgehen, ohne einen Gruß von mir an die lieben Freunde im Westen und ein Gott segne sie alle mitzunehmen. Ich glaube nicht, daß ich meinen Brief an Sally abschicken werde, obwohl er »voll Witz und Hohn und Spott« ist. Ich möchte meine spöttische Ader lieber unterbinden und bemühe mich nach Kräften, es zu tun, aber sie bricht immer wieder auf. Ich habe schon zwei oder drei Briefe auf der Reise zerrissen, weil sie so bitter waren.

Und so leben Sie denn wohl und Gott segne alle die Ihrigen, meine liebe Mrs. Baxter. Wenn ich das sage, kommt es mir vor, als hätte ich Ihnen wieder die Hand geschüttelt und wäre die Stufen hinunter gegangen. Es war doch das beste, dies kurz abzumachen, nicht wahr? Ach, wie traurig war es zu Hause! Ich konnte die ganze Nacht vor Einsamkeit nicht schlafen, und ich glaube wohl, daß ich an die zweite Avenue dachte. Ich schicke noch einmal beste Grüße an alle meine dortigen Freunde und bleibe immer

Ihr getreuer
W. M. Thackeray.

 

XVIII.

Kensington, 10. Mai 1853.

Meine liebe Mrs. Baxter. Die Briefe aus dem lieben, alten, braunen Hause sind gerade angekommen und haben mich noch in London getroffen, wo ich einige Tage zu Bett liegen muß. Ich habe ein scheußliches Gesicht voll Brandblasen von dem Kreosot, das wegen meines unglücklichen Zahnes angewendet werden mußte. Ich hatte vor, morgen zu einem öffentlichen Diner zu gehen und dort aus einem dankbaren Herzen über Amerika zu sprechen, aber dieser Zwischenfall macht mich zu häßlich für öffentliches Auftreten und wird mich wohl nötigen, meinen Besuch in Paris um ein oder zwei Tage hinauszuschieben.

Es stimmt mich sehr dankbar zu bemerken, wie froh meine Freunde sind, mich wiederzusehen; ihr Willkomm ist so herzlich, wie er nur sein kann. Wenn der allmächtige Gott mir den größten Segen, den er verleiht, die Liebe eines Weibes, versagt, so läßt er mir doch manche Entschädigungen dafür zuteil werden. Ich wollte, ich könnte eben nach der zweiten Avenue hinübergehen und Ihnen einen Brief von Anny zeigen, der vorhin gekommen ist – ein so schöner liebevoller Brief! Es sind noch manche Menschen hier, von denen ich Ihnen gesprochen habe, deren Anhänglichkeit und Liebe mich erfreut und ehrt. Das darf ich wohl sagen. Und wenn Sie, die Sie so oft meinem selbstsüchtigen Geplauder geduldig zugehört haben, mir erlauben wollen, auch weiter so mit Ihnen zu verkehren, so hoffe ich, daß – wenn es Gott gefällt – die freundschaftliche Liebe, die ich in Ihrer Familie gefunden habe, auch in der Öffentlichkeit etwas Gutes bewirken kann. Die Erinnerung an Sie alle heiligt Ihr Land in meinen Augen, und wenn die Leute hier, wie es die Art der Londoner ist, abfällig über Amerika urteilen, dann stehe ich entrüstet auf und sage ihnen, wie viel Gutes und Wertvolles, wie viel Freundlichkeit und feine Bildung ich in dem Lande gefunden habe, über das sie so leichtfertig aburteilen. Und ich bitte Gott, daß er mein Bemühen, als Friedensstifter zu wirken und Wohlwollen gegen Sie zu erwecken, mit Erfolg krönen möchte.

Ich bin begierig, ob ich im Herbst wieder nach Amerika kommen oder bis zum nächsten Jahre warten werde? Meine Verleger überbieten sich in ihren Honorarvorschlägen, und wie die Dinge liegen, kann ich in den nächsten zwölf Monaten in Europa ebensoviel Geld machen als da drüben, wo ich einige gute Freunde habe …

Heute habe ich keine Zeit zu einem Brief an die jungen Mädchen. Was wäre das für ein Spaß, wenn sie mit Onkel Oliver herüberkämen! Ich würde ihnen jedoch keine Karten zu den großen Bällen zu verschaffen suchen. Um an dieser Gesellschaft Geschmack zu finden, muß man lange in ihr zu Hause sein. Die arme, hübsche Mrs. S. klagte bitterlich über den Mangel an Freunden und über die Kälte der englischen Damen. Sie ist schon seit vier Jahren in England und macht ein glänzendes Haus und trotzdem hat sie noch keine intime Freundin. Arme, arme kleine Mrs. S., was wird sie anfangen, wenn sie wieder herkommt? Kürzlich sah ich B.s Bruder (B. ist inzwischen nach Hause gekommen). H. sprach in einer so unverschämten und gehässigen Weise über Amerika, daß ich Lust hatte, ihm seinen dünnen Hals umzudrehen. Er hat den Dünkel, den man bei kleinen verwachsenen Menschen antrifft. Bei den vornehmen Damen entspringt dies Vorurteil mehr aus Unkenntnis als aus Anmaßung; sie sind im allgemeinen nicht schlechter als andere Leute, in mancher Beziehung sogar besser als die Damen unserer Kreise. Lady Stanley war sehr erfreut, daß ich in ihren Ball hereinplatzte; meine elegante Erscheinung machte ein bemerkbares Aufsehen. Das Lob, welches ich den amerikanischen Frauen spendete, geht durch die ganze Stadt und Lady S. sagt, es sei abscheulich von mir. Einige der vornehmsten Würdenträger haben mich zum Diner eingeladen, aber ich lehne alles ab, um zu meinen Kindern zu kommen. Meine Lieben (dies gilt natürlich den drei jungen Damen), ich möchte lieber im braunen Hause sitzen als an dem Tisch des großmächtigsten Mannes. Wenn ich das nächstemal hinüberkomme, wünscht … mich zu begleiten. Er trägt eine Perrücke, ist ein Witwer, sieht zehn Jahre jünger aus als ich und hat ein Einkommen von fünftausend Pfund. Eine seiner Töchter, ein süßes kleines Mädchen von siebzehn Lenzen, das ich rosig und blühend verließ, ist inzwischen von einer Krankheit befallen worden, und als ich bei meiner Rückkehr hinkam, fand ich ein blasses kleines, zusammengeschrumpftes altes Weibchen mit einer runzeligen Hand. Er war während zwölf Jahren entfernt von seinen drei Töchtern, die Spielkameraden unserer Kinder waren, und die ihrer Tante gegenüber äußerten, sie beneideten Anny und Minny, daß sie so glücklich seien, ihren Vater zu kennen und wieder bei sich zu haben.

Eben fährt ein großartiger Wagen vor. Was für ein Wundertier mag darin sitzen? Oho! es ist der amerikanische Gesandte; Miß Wilcox hat die Karte abgegeben. Es ist ein Glück, daß sie mich mit meinem verunstalteten Gesicht nicht gesehen hat. Gott segne dich, liebe Mary. Mary heißt sie nämlich. Ich sagte Ihnen, daß ich ihren Namen schon herausbekommen würde. Ich saß kürzlich zwei Stunden neben ihr; es war köstlich – – nur – nur saß Ingersoll die ganze Zeit über dabei und rührte sich nicht vom Fleck.

Ich habe die siebzehn Rosenknospen beschnitten und in kürzere Verszeilen gebracht, wie folgt:

Siebzehn Rosenknösplein, dicht umwunden
Mit Geschwistern und zum Kranz gebunden,
Einer Krone gleich, die Düfte spendet,
Werden Lucy heut von mir gesendet.
Zum Geburtstag soll den Schmuck sie tragen,
Und von lebensfrohen Lenzestagen,
Von der blüh'nden Jugend Rosenschein,
Soll der Kranz ein duftend Gleichnis sein.

Welches Versmaß gefällt Ihnen besser? Das neue oder das alte?

Kommt es Ihnen nicht so vor, als ob ich bei
Ihnen säße und mit Ihnen plauderte? mit Euch
Mädchen, wenn Ihr mit Eurer Arbeit und Euern
Taschentüchern dasitzt und der Herrin des Hauses …
Jetzt klopft es schon wieder. Es ist Mr. Crowes
Bruder – da muß ich den Brief schließen – kein
Plaudern mehr mit dem braunen Hause heute.
Ich danke Euch für Eure Briefe, Ihr lieben Mädchen.
Ich werde versuchen wiederzukommen; ich
werde versuchen, alles zu tun, was von mir verlangt
wird, und ich gedenke immer Euer getreuer
Freund zu bleiben.

W. M. T.

Hier sind wir wieder beisammen und ich habe nicht nötig zu sagen, wem sich unsere Gedanken zumeist zuwenden.

H. B. M.

Oho!

Thackeray.

 

XIX.

Paris. Rue Angoulême 19, St. Honoré, 18. 19. Mai.

Noch ist es keinen Monat her, daß ich von Newyork weg bin, und doch scheint es mir, als wären es Jahre. Ist es möglich, daß es dort Menschen gibt, die ganz traurig waren, als ich abreiste, und daß mir das Weinen nahe war, als ich sie verlassen mußte? Jetzt brauchen wir die Taschentücher nicht mehr – wir denken ruhig an liebe Freunde jenseits des atlantischen Ozeans. Besonders seit ich hier bin, lebe ich in einem solchen Saus und Braus, daß von Einsamkeit oder auch nur von ruhigem Nachdenken keine Rede sein kann. Mein Zimmer liegt einer Gießerei gegenüber, die gleich mit Tagesanbruch tausend klirrende Hämmer in Bewegung setzt, so daß ich mich sogar selbst nicht hören kann, wenn ich mit Ihnen über den Ozean spreche. Eine Stunde vor dem Frühstück – (jetzt sind es noch zwei Stunden bis zum Frühstück) fangen die Mädchen an auf dem Klavier zu rasen. Sie haben kolossale Fortschritte gemacht; sie werden wirklich sehr gut spielen lernen und alles nur aus Liebe – wenn auch nicht zur Musik, so doch zu ihrem Vater; sie wissen, welche Tonstücke ich liebe – die feierlichen altmodischen Arien von Haydn und Mozart – und sie suchen mich mit diesen zu erfreuen. Ich bin im Zweifel, was ich nun zunächst tun soll. Die ausgezeichnete Erzieherin, die meine Töchter hier hatten, ist viel zu hübsch und zu jung, um in das Haus eines alleinstehenden Mannes zu gehen, und zu stolz, um die untergeordnete Stellung zu ertragen, wie sie solche Damen in London einnehmen, wo die Leute sie von oben herunter ansehen, sie nicht einladen u. s. w. Hier geht sie, nachdem sie ihre täglichen Stunden gegeben hat, mit ihrer Mutter in Gesellschaft und wird da von jedermann als gleichberechtigt betrachtet. Es ist eine komische kleine Welt, in der meine alten Herrschaften leben, sehr anders als die große, an die ich gewohnt bin. Ich bewege mich in dem kleinen Kreis meiner Mutter wie ein Fremdling, wie ein alter schwerfälliger Geck und ärgere mich selbst über die Wichtigkeit, mit der ich mich in meiner Einbildung hier auftreten sehe. Mein lebensgroßes Porträt, das Original des Ihnen bekannten Stichs, macht sich in dem kleinen Wohnzimmer breit und sieht so anspruchsvoll und aufdringlich aus seinem Rahmen heraus, daß ich es immer anschauen muß. Ich bin seit meiner Ankunft hier gar nicht wohl gewesen. Das gab dem guten alten Stiefvater Gelegenheit, mich mit Pillen zu traktieren. Er ist zweiundsiebzig Jahre alt, und der tapfere alte Soldat, der Wälle erstieg und Sturmläufe anführte, ist jetzt ein ganz ruhiger, alter, dürrer, Pantoffeln tragender Mann geworden. Meine Mutter ist so schön und gut wie je und ihr ganzer kleiner Kreis verehrt sie. Sie sehen, ich verfalle in den gewöhnlichen kleinstädtischen Klatsch. Mit der Gesellschaft bin ich noch gar nicht in Berührung gekommen; es ist erst eine Woche, daß ich hier bin, aber es erscheint mir wie eine Ewigkeit. Was können Sie von einer geschwätzigen Gesellschaft anderes erwarten als Geschwätz? Es ist traurig, daß kleinliche Verhältnisse einen verkleinernden Einfluß auf den Geist ausüben. Die Unzulänglichkeiten der Dienstboten machen keinen kleinen Teil der unbedeutenden Unterhaltungen aus, die ich hier anhören muß. Gestern früh ertappte ich Miß Minny mit einem kläglichen Gesicht in der Küche, im Begriff von Luise, unserm scheidenden Mädchen, das freundlich mit meinen Töchtern war, Abschied zu nehmen. Ich hatte keine Lust, dem Mädchen mehr als zehn Franken zu geben, aber es freute mich, daß ich zeitig genug kam, um ihm die Abschiedsstunde mit diesem Geschenk zu versüßen. Was soll ich nun in betreff der Erzieherin tun? Soll ich den Kindern eine Lehrerin, die sie so ausgezeichnet unterrichtet hat, nehmen? Und soll ich einen Roman anfangen, der durch zwanzig Nummern geht, oder soll ich mich wieder nach Newyork aufmachen? Hier haben Sie einen ganzen Haufen von Fragen, und mein Brief enthält nichts als solch egoistische Quengeleien.

Es ist wunderbar, wie sich die Pracht hier gesteigert hat. Man reißt nieder und baut auf, fast in dem Maße wie in Newyork; die Rue Rivoli wird die großartigste Straße der Welt werden. Die Häuser sind alle so hoch wie St. Nicholas, und die Paläste und Gärten sehen sehr feudal und prächtig aus. Die Stadt soll von Amerikanern überschwemmt sein, wie mir gesagt wird. Es ärgert mich zu sehen, wie ähnlich die Broadway-Stutzer den Gecken der Boulevards sind. Sich seinen Rock von den Franzosen zu borgen – welche Schande! Dumme Affen! warum haben sie nicht eigene Schwänze – ich meine Rockschwänze – und äffen diese kleinen Kreaturen nach? Ich wollte ich hätte den Namen Ihrer hiesigen Verwandten behalten, derjenigen, die an Sarah über die Modeangelegenheiten schreibt. Ich würde gern jemand sehen und sprechen, der Sie kennt. Mr. B. platzte bei mir herein, als ich gerade meinen letzten Brief abschloß, und nur um Ihretwillen haben wir uns so herzlich die Hand geschüttelt.

Gestern brachte ich den größten Teil des Tages für mich allein zu, lehnte alle Einladungen ab, ging Bilder sehen, dann in die Trois Frères zum Essen und zuletzt ganz allein ins Theater. Ich genoß die Aufführung sehr, aber die Einsamkeit fast noch mehr. Ich traf zwei Reisegefährten von der »Europa«, der eine ein Quäker aus Philadelphia in einer gestickten Weste und mit gelben Handschuhen, der sich um fünf Uhr in den Straßen erging. Er wollte sich zu Véry begeben und da mit achtzehn Amerikanern zu Mittag speisen. Ich glaube beinah, ich wäre gern dabei; ihre näselnde Sprache klingt sehr lieblich in meinen Ohren, und ich fühle mich jenseits des Ozeans ganz so zu Hause wie hier.

Also Sarah und M. machen viele Spaziergänge und Ritte miteinander? Glücklicher Kerl! Und ich, der ich wochenlang da war, konnte nie dazu kommen – entweder war die Schneiderin da, oder die französische Lehrerin, oder sonst etwas. Armer alter Kerl! Wird das Frühstück nicht endlich kommen? Wenn die alten Leute nur etwas früher erschienen wären, dann wäre der letzte Satz nicht geschrieben worden, und ich hätte den Brief ohne Bosheiten und Stacheln zu Ende gebracht. Aber ich werde milder im Lauf der Jahre, und wenn ich an Ihre Güte denke und an Ihren immer gleich herzlichen Willkomm, dann kann ich Sie versichern, daß kein Stachel in meiner Seele ist. Gott segne Sie alle. Bitte, schreiben Sie nach Kensington und so viele von Ihnen als mögen an

Ihren
W. M. T.

 

XX.

London, Freitag, 3. Juni 1853.

Ich danke den um den Eichentisch versammelten älteren Familiengliedern für ihr freundschaftliches Gedenken und die lieben Briefe. Ich bitte Sie, mein heutiges Schreiben so zu betrachten, als ob es jedem einzelnen gälte, wenn es auch von Rechts wegen an meine liebe Frau Baxter gerichtet ist, der ich meinen Arm gebe, wenn wir zu Tisch gehen und über das Essen herfallen, nachdem das Tischgebet gesprochen ist. Ich kann Ihnen keinen inhaltsreichen Brief schicken. Wenn ich ihn mit dem ausfüllen wollte, was ich tue, so müßte ich ihn mit Berichten über Essen und Trinken ausfüllen. Man veranstaltet hier zu allen Tageszeiten Festgelage für mich, so oft ich dazu geneigt bin, und mein guter Appetit steht hier in ganz anderem Ruf, als es in Newyork der Fall war. Gestern habe ich das erste und zweite Frühstück und das Mittagessen im Freien eingenommen; bei der zweiten dieser Mahlzeiten traf ich gestern Mrs. Beecher-Stowe, von der ich in sehr angenehmer Weise enttäuscht war. Anstatt der unangenehmen Frau, die ich mir nach dem scheußlichen Daguerreotyp vorgestellt hatte, fand ich eine sanfte, fast hübsche Dame mit lieben Augen und einem anmutigen Lächeln. Ihr Gesicht und ihr Benehmen überzeugen mich, daß sie gut und wahrhaftig ist, und wenn ich je zu einem Landsitz und zu einer Mußezeit gelangen werde, dann will ich wirklich Onkel Tom vornehmen und versuchen, ihn zu lesen. Ich sagte jedoch Lord Shaftesbury (der Mrs. Stowe zu verehren scheint), daß es auch noch andere Leute in Amerika gäbe als Schwarze, und daß mich die dreiundzwanzig Millionen Weißer doch noch mehr interessiert hätten als die Neger. Was waren das für Feste bei Barings und Sturgis! Am Mittwoch lud ich zwei Amerikaner ein, bei mir zu essen, und da mein kostbares Silbergeschirr noch beim Bankier war, mußten wir die Suppe mit einer Teetasse ausschöpfen. Ich erwarte beinah, daß die amerikanischen Zeitungen eines Tages diese Tatsache als Beleg für meinen Geiz und meine Armut berichten werden, deshalb teile ich Ihnen vorher mit, wie die Sache sich in Wahrheit verhält.

Wenn die jungen Damen hier bei mir gewesen wären, hätte ich sie gestern Abend auf einen großen Ball führen können. Er wurde von Mr. Beaumont Northumberland, einem jungen Mann, der ein jährliches Einkommen von hunderttausend Pfund hat, gegeben. Zwei der jungen Damen von dem Ball waren bei meinem Diner; sie trugen weiße weiche Gewänder mit Vandyckekragen und eine von ihnen war mit einer Art von kleinen Rosenzweigen übersät, was sehr hübsch aussah. Noch eine Woche solchen Lebens und ich würde zusammenbrechen. Ich bin schon ganz wirr im Kopf von all den Menschen, mit denen ich täglich zusammentreffe, so daß ich sie nicht mehr unterscheiden kann und nicht weiß, ob ich sie im Traum oder in Wirklichkeit gesehen habe. Können Sie jetzt verstehen, warum dieser Brief so dumm ist? Wäre es nicht möglich, daß man Kopfweh hätte? Ja, aber der Dampfer will nicht länger warten als bis morgen, und ich weiß, daß man in dem braunen Hause enttäuscht sein würde, wenn keine Zeile von mir einträfe.

Ich sehe mich nach einem ruhigen Ort an der See um, wo ich mich niederlassen und ein Buch schreiben könnte. Daraus können Sie entnehmen, daß ich wahrscheinlich vor nächstem Herbst nicht nach Newyork komme, und wer weiß, dann bringe ich vielleicht meine Mädchen mit. Ja, aber welche Mädchen werde ich dann noch im braunen Hause vorfinden? Vielleicht hat Cupido bis zum nächsten Jahr meine drei hübschen Daguerreotypen allesamt entführt! Aber ich bin ganz überzeugt, daß wir uns wiedersehen und wieder eine so frohe Zeit miteinander verleben werden, und daß es uns keinen Augenblick zum Bewußtsein kommen wird, daß wir getrennt waren.

Bitte, Onkel Oliver, geben Sie Hicks einen kräftigen Händedruck von mir und wünschen Sie ihm Glück zu seiner Rettung. – Baring machte ein finsteres Gesicht, als ich ihm von acht Prozent und von einem Gewinnanteil an den Amerikanischen Eisenbahnen sprach. Ihm wären vier Prozent lieber gewesen. Dieser Umstand könnte mich veranlassen, noch drei Besuche in Amerika zu machen anstatt zwei. Seien Sie überzeugt, daß ich mich über jeden Vorwand freuen werde, der mich veranlassen wird, hinüber zu kommen.

Ich habe eines der fehlenden Blätter gefunden, und zwar dasjenige an Miß Sarah, das ich jetzt mit den besten Grüßen sende und in dankbarem Gedenken an Sie alle, liebe Mrs. Baxter,

Ihr
W. M. T.

 

XXI.

Basel, 18. Juli 1853.

Meine liebe Libby, Miß Libby Strong, eine Nichte von Mr. Baxter, jetzt die Gattin des Herrn Alfred Leonard Curtis in Newyork, gehörte zu der Zeit der beiden Besuche von Thackeray in Amerika zu den Bewohnern des braunen Hauses. nur um zu zeigen, daß ich mein Versprechen nicht vergessen habe, Ihnen an dem siebzehnten Geburtstag, den Sie in dieser argen Welt erleben, zu schreiben, reiße ich ein Blatt aus einem Buch (denn ich habe hier oben keine Schreibmappe) und sage Ihnen: Gott segne Sie. Ich wünsche Ihnen und allen, die an Ihrem Tag geboren sind, eine häufige und glückliche Wiederkehr desselben. Wir befinden uns auf einer kleinen Reise. Es ist viele, viele Wochen her, seit ich von der zweiten Avenue etwas gehört habe, und die letzten Nachrichten, die mir zugingen, berichteten, daß ein Bäckerladen abgebrannt sei und einige Menschen beim Herausspringen aus den Fenstern umgekommen seien. – Wir sind heute von Baden gekommen, wo wir zehn sehr vergnügte Tage zugebracht haben. Ich hätte Ihnen einige Verse gemacht, aber ich war nützlicher beschäftigt, indem ich Prosa für meine Familie wob und gut dabei vorwärts kam.

Hier ist es gerade wie in einem amerikanischen Hotel, und ich zeigte meinen Töchtern eine richtige amerikanische Table d'hôte (es war eine gute Anzahl Ihrer Landsleute beim Abendessen versammelt, während wir an einem besonderen Tisch zu Mittag speisten). Ich sagte gerade, wie ich mich [freute], wieder Amerikaner zu sehen, und wie ich mich wieder in das alte Land zurückversetzt fühlte (Ihr Land ist für mich das alte, wie Sie wissen), da – ich bedaure, es sagen zu müssen – steckten nicht weniger als fünf von ihnen, dabei zwei Damen, ihre Messer in den Mund fast bis in die Kehlen hinunter. Darüber lachten meine Mädchen. Ich hatte gut sagen: »Meine Lieben, es ist kein Verbrechen, ein Messer so zu gebrauchen, als ob es eine Gabel oder ein Löffel wäre,« aber ich wünschte doch, sie hätten es nicht getan; denn ich weiß, daß die Europäer über diese Gewohnheit lachen, und ich will nicht, daß über Ihre Landsleute gelacht wird. Es waren Mädchen mit der Ihnen bekannten Haartracht und mit kleinen Vandyckekragen da, gerade wie ich mich ihrer aus einem gewissen Lande erinnere, und mein Herz erwärmte sich für sie bei diesen Erinnerungen, aber ich wollte, ich wollte, sie hätten ihre Messer nicht auf diese Weise gebraucht. Ich sehe im Auslande mehr Amerikaner als Engländer; ich sehe sie die Köpfe zusammenstecken und sich etwas zuflüstern, und ich bilde mir ein, daß sie von jemandem sprechen, der auch an Miß Strongs Tag geboren ist. – Verleben Sie eine schöne Zeit und sind Sie alle glücklich? Ich [wünschte] ich könnte Sie in diesem Augenblick alle sehen. Wie geht es B–? Heißt er Tommy B– oder Billy, oder wie sonst? Sind Sie nach Newport oder Saratoga gegangen? Wie geht es Ihrem Vater und Ben? [Sind] Ihre Tante und Ihr Onkel vergnügt? und die Kousinen? Wollen Sie allen meine Küsse mit respektvollen Empfehlungen übermitteln und solche auch für sich in Empfang nehmen? (ich hoffe sie im nächsten Jahr persönlich anzubringen).

Ihr zugetaner alter Freund
W. M. T.

Ich werde im September in London sein und erwarte dort viele amerikanische Briefe vom braunen Hause in der zweiten Avenue. N. Y.

 

XXII.

Juni 1853.

Ich weiß nicht, ob die Morgenzeitungen verkünden werden, daß »Mr. Thackeray die Stadt für die Dauer der Saison verlassen hat«. Wenn ich eine Woche länger geblieben wäre, hätte man mich, glaube ich, da begraben können, oder ich hätte wieder einen Fieberanfall bekommen. Die Diners sind so schwer zu vertragen, und meine Widerstandskraft ist so ungenügend gegenüber den täglichen Versuchungen … Ich bin der großen Welt herzlich müde und bin sehr froh, daß ich jetzt diesem dreiwöchentlichen Faullenzen und Schlemmen und Herumbummeln, wie es sich nur für einen geborenen Marquis schickt, entrinnen kann. Ich denke an die Zukunft meiner Töchter und was aus ihnen in der Unruhe und dem Getriebe dieses Londoner Lebens werden soll, und ich habe halb und halb Lust, der großen Welt ganz den Rücken zu wenden und unter meinesgleichen zu leben. Bei meinesgleichen ist allerdings auch Unruhe und Getriebe; das Drängen nach Gesellschaften und langen Diners, vollgepreßten Ballsälen, die Speichelleckereien und was es derartiges mehr gibt, sind gerade wie in der vornehmen Welt. Ich machte ein Konzert in dem Hause einer Kousine mit, die einen feinen Wohnsitz in Portman Square hat und ihrem zukünftigen Gatten eine Rente von sechstausend Pfund im Jahr mitbringen wird. Um sie her waren so viele Schleicher wie in den höchsten Kreisen, und die Leute waren ebenso versessen darauf, in ihre Gesellschaft zu gelangen, als ob sie eine Herzogin wäre. Es ist nur ein Unterschied im Rang – die menschliche Natur ist überall die gleiche; nur ist die Gesellschaft erster Klasse unbestreitbar besser, als die der zweiten. Die Diners in der ersten sind so viel besser und kürzer. O ihr Götter! was für feine Diners habe ich in den letzten drei Wochen genossen! Wie überdrüssig bin ich ihrer geworden! Habe ich schon die betrübliche Nachricht gemeldet, daß ich genötigt war, mir drei Zähne ausziehen zu lassen? Nein Sally, ich werde mich nie wieder verlieben. Zwar sah ich ein junges Mädchen, das mich dazu verlocken könnte. Es war vorübergehend die Rede davon, daß die betreffende junge Dame mit meinen Töchtern hierher kommen sollte, als ihre Erzieherin und Gesellschaftsdame. Aber ich sagte zu ihr: »Nein, meine Liebe, dazu sind Sie viel zu hübsch.« Da ich die Entzündbarkeit dieses alternden Herzens kenne, bin ich entschlossen, es keinen Versuchungen mehr auszusetzen, wenn ich es vermeiden kann. So ist sie dort geblieben, und mein Herz ist jetzt ganz leicht. Ich denke daran, ein Buch zu schreiben: »Die Abenteuer eines Herrn auf der Suche nach einer Erzieherin.« Ich habe einige ergötzliche Szenen erlebt bei meinen Bemühungen, eine solche Person zu finden. Vor zwei Tagen hatte ich schon beinah mit einer abgeschlossen. Es war eine Schweizerin, dreißig Jahre alt, gescheit, angenehm, mit guten Manieren, lebhaft – da bat ich sie nur grade noch, mir die Adresse der Dame, bei der sie sich aufhielt, aufzuschreiben, und siehe da! sie konnte nicht schreiben, d. h. sie schrieb ungefähr wie ein Küchenmädchen. – Ich habe mit Bradbury und Evans einen Kontrakt in betreff eines neuen Romans abgeschlossen. Er soll in zwanzig Nummern erscheinen wie Pendennis. Das Honorar soll dreitausendsechshundert Pfund betragen plus fünfhundert Pfund von Harper und Tauchnitz. Das heißt Geld machen, nicht wahr? Wenn ich dann noch eine zweite Expedition in ein gewisses Land unternehmen kann, und diese ebenso einträglich werden wird wie die erste, so würden meine Mädchen in zwei Jahren wohl schön geborgen sein. Diese Erfolge machen mich, Gott sei Dank, nicht stolz, ich nehme sie nur mit dankbarem Herzen hin. Der Artikel von Curtis hat mich sehr gerührt. Ich hoffe, daß seine Auffassung meines Charakters die richtige ist. Möchte Gott der Allmächtige mich ebenso ansehen, trotz aller Mängel und Unzulänglichkeiten, und demgemäß mit mir verfahren. Ich freue mich zu denken, daß diejenigen in Ihrem Lande, die ich so liebe, eine so gute Meinung von mir gewonnen haben. Also, der arme alte James hat mich in einem Vortrag angegriffen? Nun, mein Fell ist dick genug, um seine Fußtritte auszuhalten. Um diese kleine Schrift zu lesen, werden Sie, fürchte ich, Ihre Brille nehmen müssen. Ich habe nur meine alte Goldfeder bei der Hand, welche nur zum Zeichnen, nicht zum Schreiben taugt, und kritzele – wo denken Sie, Miß Sarah? – in Desseins Hotel in Sternes Zimmer! Ich legte mich ins Bett, anstatt in der Nacht nach Paris weiter zu reisen. Es hat den ganzen Tag in Strömen geregnet, und es hat sich ein lustiger Wind erhoben, der jetzt schon fast zum Sturme ausgeartet ist. Ich bin nicht ganz wohl und werde heute Abend nur noch bis Amiens fahren. Und so bekommt Mrs. Baxter einen langen Brief, weil es regnet und ich nichts zu tun habe. Gerade wie ich Ihnen in Newyork immer so lange Besuche machte – aus reiner Selbstsucht natürlich – aber es war keine ganz lieblose Selbstsucht. Ich wünsche das hier Geschriebene wären drei Seiten des Buchs – das würde für mich fünfundsiebzig Dollars bedeuten, aber jetzt sind es, wie Sie sehen, nur fünfundzwanzig Pfennige, die ich meinen lieben gütigen Freunden in dem braunen Hause darbringe.

Sternes Bild sieht vom Kaminsims auf mich herab, demselben Kamin, an dem er vor neunzig Jahren seine alten dürren Beine wärmte. Er scheint zu sagen: »Du hast ganz recht; ich war ein Schwindler, aber du, mein Bester, bist du nicht ein eben solcher?« Still, still, Mr. Sterne, kommen Sie mir nicht mit Ihren tu quoque's.

Einige der Londoner Zeitungen greifen mich heftig an; ein Kerl spricht von mir als dem meineidigen Geschichtschreiber u. s. w. u. s. w. Ich las jedoch nur drei Zeilen und glaube, daß es derselbe Mensch ist, der mich auch sonst schon schlecht gemacht hat – ein gewisser R., der einen Groll gegen mich hegt wegen seiner Frau. Ich wurde sehr gegen meinen Willen aufgefordert, bei ihren Familienzwistigkeiten zu vermitteln und gab mein schiedsrichterliches Gutachten mit so bewunderungswürdiger Gerechtigkeit ab, daß sie mich alle beide hassen. – Sie sind nun alle fort und vergnügen sich fern vom braunen Hause. Der arme P. hat sich wohl wieder einen Zahn ausziehen lassen müssen? Ich sah B. am Dienstag bei einem reichen Bankier, Herrn R. Currie, der einen spassigen, unterhaltenden jungen Sohn hat, der auch in Newyork gewesen ist. Ich fahre fort, wo ich hinkomme, die Amerikaner zu loben bei allen, die es hören wollen. Halt! unter uns gesagt, weiß ich wohl, daß manches von dem, was ich sage, unberechtigt ist, und daß ich mich zu günstig ausspreche, aber wenn Sie dagegen die Gemeinheit, Unwissenheit und den Eigendünkel auf unserer Seite hören könnten! Ich gerate in Wut, wenn ich so sprechen höre.

Montag in Paris. Ich fuhr von Calais mit einem biederen, spuckenden Landsmann von Ihnen, der all seinen innersten Empfindungen sehr ungeschminkten Ausdruck gab. Er schüttelte mir warm die Hand (ich behielt die seinige nicht so lang in meiner, wie Miß Smith in Washington es gern hat) und sagte: »Ich habe gehört, was Sie über uns gesagt haben, mein Herr.« Ich war froh, daß meine Äußerungen ihm Freude gemacht haben und auch weiterhin bekannt geworden sind. Es tut mir wohl, wieder in Ruhe mit meinen jungen und alten Leuten zu leben.

 

XXIII.

4. Juli 1853.

Hip, Hip, Hurra!

Während der letzten zehn Tage war der Unterzeichnete so unentschieden – was für schlechte Ausdrucksweise und dazu noch der Klecks! ich müßte einen neuen Bogen nehmen). Also, ich glaube ich habe endlich beschlossen, daß wir am Mittwoch nach Hamburg aufbrechen, wo wir unsere erste Station machen wollen. Dort will ich versuchen, einen Anfang meines neuen Buches zu schreiben. Gut wird es nicht werden; es wird keinen Fortschritt bedeuten, wie es einige ehrgeizige junge Leute in Amerika wünschten, – eher einen Rückschritt; aber wenn ich dreitausend Pfund für meine Töchter bekommen kann, will ich vorwärts oder rückwärts oder in jeder beliebigen Richtung gehen. Die Sorge um meine Kinder quält mich beständig, und ich gehe einsam und schwermütig mit ihr umher und fühle mich wie von einem geheimen Vorwurf bedrückt.

Heute sah ich in der Rue Vivienne eine hübsche junge Amerikanerin in einem Wagen. Sie sah Ihnen ähnlich, sie hatte Ihre Farben u. s. w. Dieser Anblick erfüllte meine Brust mit einer Flut warmer Empfindungen. Ich war in Versuchung, dem Wagen nachzulaufen, ihn anzuhalten und die Dame zu fragen: »Wissen Sie etwas von einer S. B. in Newyork?« – Der Wagen flog vorüber und ließ mich mit meinen Empfindungen allein. O, ihr alten Gespenster! Ich gestehe, daß ich für ein oder zwei Augenblicke nichts mehr von den belebten Straßen sah, so vollständig hatten mich die Gespenster in ihren Bannkreis gezogen. Man vergißt nichts. Wir versuchen die Erinnerungen zu begraben, aber sie steigen immer wieder hervor aus ihren Gräbern und sagen: Hier sind wir, Meister! Dachtest du wir wären tot? O nein, wir schlafen nur. Wir wachen von Zeit zu Zeit auf und besuchen dich; wir werden zu dir kommen, wenn du auch noch so alt bist und werden immer so frisch und mutwillig sein wie jetzt. Wir werden sagen: Denkst du noch an S. S. B.? Erinnerst du dich ihrer Augen? Weißt du noch, daß sie zwei Grübchen in ihren Wangen hatte, und erinnerst du dich an den Klang ihres Lachens, der zuweilen etwas geziert zu sein pflegte, der dir aber doch immer wie Musik erschien, du armer alter Tor? – Ja, das Lachen und der Blick leuchten ab und zu aus der Vergangenheit hervor und huschen an mir vorüber, gerade wie jener Wagen in der Rue Vivienne. Ein neuer Gedanke: Wie wäre es, wenn ich den Helden meines Buches sich verlieben ließe? und wenn seine Herzliebste ihn dann im Stich ließe? Es würde ihm das Herz nicht brechen. Ich glaube nicht, daß er viel Herz haben wird, und außerdem wäre es verkehrt, wenn er es schon in den allerersten Nummern brechen sollte. (Schon wieder ein Klecks! Diese Tinte ist sehr flüssig.) Ich schrieb Ihrer Mutter, daß ich in Calais in Sternes Zimmer geschlafen habe. Ist das nicht merkwürdig? Ich möchte wissen, ob alle Schriftsteller Komödianten sind und kein Herz haben. Ich kenne einen, der keines hat. Heiraten Sie nur immerhin, wen Sie wollen; mich kümmert's nicht. Da ist sicher in diesem Augenblick schon ein junger Mensch in Newport oder Saratoga – und ich freue mich darüber; ich gebe Ihnen mein Wort darauf, ich freue mich. » L'autre« und ihr Herr und Meister sind wieder versöhnt, und es kränkt mich nicht im geringsten. Vor einigen Tagen war eine meiner Flammen hier mit zwei kleinen Kindern, die ich mit so liebevoller Sorgfalt gewartet habe, daß es nicht einmal der eigene Vater mir hätte gleichtun können. … Kommt denn das Essen noch nicht? Was für einen Sack voll Neuigkeiten bekommen Sie heute?

5. Juli.

Charles Pearman, mein neuer Diener, kam gestern Abend von London und brachte mir keinen Brief von Ihnen. Wissen Sie, Mademoiselle, daß das sehr merkwürdig und unangenehm ist? Sie können ja gar nicht wissen, ob er nicht nur deshalb von London herüber gekommen ist, um mir jenen Brief zu bringen und nun nichts – rien – nix! Morgen früh marschieren wir alle ab. Werde ich Zeit haben, diesen Bogen vollzuschreiben, ehe wir gehen? Undankbare! Ich hätte wohl Zeit gehabt, aber ich hatte nichts, was zu beantworten gewesen wäre. Ein irischer Arzt, der hier viele Freunde hat, ist kürzlich in England geadelt worden, da will man ihm nun hier ein Diner geben. Ich soll den Vorsitz dabei führen und eine Rede halten. Das wird mein letztes Auftreten in Paris sein und morgen heißt es: hinaus zur Freiheit, Fröhlichkeit und frischen Luft!

Was für einen Haufen von Briefen habe ich heute schon den ganzen Tag über zu beantworten gehabt! Jetzt gibt's keine kleine Schrift mehr, Miß Sarah, keine steile Handschrift. Dazu reicht die Zeit nicht, denn ich will diese Zeilen noch von Paris aus abschicken, ehe ich mich weiter von Ihnen entferne, wenn auch nichts drin steht, als daß ich der Ihrige bin u. s. w. u. s. w.

Einer der Briefe, auf die ich zu antworten hatte, war von Mrs. Gore. Sagen Sie dies der Mrs. Dering, bitte. Gestern wurde Miß G. mit dem Lord … getraut – einem argen Taugenichts, der, wie ich fürchte, schon lange ruiniert ist. Was kann aus einem solchen Paare werden? Wie konnte ich an die Mama einen Glückwunschbrief zustande bringen? Ich versuchte es und es fiel so traurig aus wie zu einem Begräbnis. Alles, was ich zum Trost sagen konnte, war, daß Heiraten, die gutes zu verheißen scheinen, oft übel ausfallen, vielleicht könnte deshalb diese, die so unheilbringend aussieht, zum Glück ausschlagen. Es war schön, einen ganzen Haufen Einladungen von London zu bekommen und sich sagen zu können, daß man ihnen nicht Folge zu leisten braucht! Habe ich Ihnen auf Seite 1 oder 2 gesagt, daß ich daran denke, einen guten Teil des Winters hier zu verleben? Mein guter alter Stiefvater wird sehr alt. Seine Güte gegen meine Kinder ist bewundernswert. Sie werden manchmal etwas zu viel für ihn und ebenso für meine Mutter, glaube ich, aber sie würden beide unglücklich sein, sie zu entbehren. Deshalb wollen wir, anstatt nach Rom zu gehen, wie ich beabsichtigte, uns hier zu einem bescheidenen Stilleben niederlassen, und ich werde mich bemühen, sowohl meinen kindlichen als meinen väterlichen Pflichten nach Möglichkeit gerecht zu werden. O, wie wünschte ich, Sie kämen alle zum Winter hierher! Was gäbe ich nicht darum, eine gewisse Person lachen zu hören und eine gewisse Person lächeln zu sehen! Ich mag nicht an die Krankheit Ihrer lieben Mutter denken. Das Ausbleiben von Briefen erfüllt mich mit einer seltsamen Unruhe in bezug auf Sie. – »Nile Notes« habe ich gelesen. Wissen Sie, daß sie ungewöhnlich geistreich sind? Oder hat die Kritik in Putnam bewirkt, daß mir die Augen in Dankbarkeit für die Verdienste von Curtis aufgingen? Sein Buch ist ausgezeichnet … zu süßlich, um viel davon auf einmal zu lesen, aber ich lasse dem Verfasser meine Hochachtung aussprechen und freue mich, daß mir das, was er geschrieben hat, so gut gefällt. Nun will ich diese Zeilen abschließen und Ihnen allen meine Grüße senden. Ich nehme jetzt Sarahs beide Hände in die meinen, wie ich es zuletzt tat, und sehe ihr in die Augen. (Lächeln Sie nicht so unverschämt, Miß) und sage: leben Sie wohl, liebe Sarah, und vergessen Sie nicht, daß ich immer Ihr Ihnen zugetaner alter Freund bin.

W. M. T.

 

XXIV.

Paris 1853, irgendwann im Okt. oder Nov.

Meine lieben Vögelchen. An Lucy Baxter und Libby Strong gemeinsam. Es nützt Euch nichts, ingrimmig zu sein und mich auszuschelten und mit Vorwürfen zu überschütten. Ich weiß wohl, daß ich Euch einen Brief schuldig bin und daß Ihr umhergeht und zu jedermann sagt: Warum antwortet uns Mr. Thackeray nicht? Waren wir nicht sehr nett mit ihm? Haben wir nicht Kognakpfirsiche und eingelegte Wallnüsse für ihn zubereitet? Hat er uns nicht beide geküßt, als er fortging? (Nun habe ich Euch gefangen! Ich habe das nur geschrieben, damit Ihr den Brief nicht vorzeigen könnt. Jetzt wagt Ihr das nicht. Ich biete Euch Trotz.) Und wir schrieben ihm die niedlichsten kleinen Briefe und denken immer freundlich an ihn. Und doch bleibt er uns seit undenklichen Zeiten einen Brief schuldig. O, Ihr verdrehten Vögelchen! Ihr sitzt zusammen auf einem Ast, und ich will Euch beide mit einem kleinen Stein herunterwerfen.

Ich glaube ich habe Euch auf der vorhergehenden Seite alle Neuigkeiten mitgeteilt und Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß sich alles so verhält, wie ich es gesagt habe. Ich freute mich sehr, von der Mama (ich meine die Mutter – ich meine die Tante Anna) zu hören, daß Ihr beide verheiratet seid und in sehr behaglichen Verhältnissen in der fünfzigsten Straße wohnt. Es gefällt mir gar nicht, daß Libby einen Pastetenbäcker geheiratet hat, aber que voulez-vous? Wir Europäer haben eben unsere Vorurteile. Als meine jüngste Tochter sich mit dem schwarzen Bedienten verheiratete, war ich lange Zeit untröstlich, aber die bräunliche Anmut meines kleinen Enkelsohns hat mich mit der Wahl seiner Mutter und den krummen Beinen und dem wolligen Haare seines Vaters ausgesöhnt. Wissen Sie, was das alles heißen soll? Ich will es Ihnen sagen. Meine Töchter sind mit ihrer Großmutter zum Tee eingeladen. Wir begaben uns zusammen an die Toilette – ich meine gleichzeitig. Ich stecke in dem eleganten Rock und der Ihnen bekannten Weste – ganz der passenden Kleidung – und ich dachte, ich wollte einen Brief an Sie anfangen und allerlei Unsinn an Sie schreiben, bis die Kinder fertig sind. Hier kommen sie, und nun geht es fort zum Tee. Gute Nacht, meine Fräulein L., L.

Wir sind nun seit vierzehn Tagen hier. Sie müssen wissen, daß ich jetzt am folgenden Morgen weiterschreibe. Ich kann noch nicht sagen, ob wir in diesem Winter unseren beabsichtigten Besuch in Rom machen werden. Es ist immer eine schwierige Sache, eine ganze Familie in Bewegung zu setzen und über die Ungemütlichkeit des Aufbruchs, die Tränen der Großmutter u. s. w. hinwegzukommen. Ich wollte, die Mädchen ließen mich auf einen Monat allein fortgehen, aber sie würden es mir nie verzeihen, wenn ich es täte. Ich kann nicht sagen, daß ich Paris sehr angenehm finde. Ich kenne zwei, drei, vier abgegrenzte Kreise von Menschen und kann keinen einzelnen herausnehmen und gemütlich mit ihm verkehren. Das beste wäre, ich machte es wie in Newyork, ginge nirgends hin außer in ein Haus, sagen wir ein braunes Eckhaus, und vernachlässigte die ganze übrige Welt. Habe ich Ihnen gesagt, daß ich ein nettes, kleines Haus in Brompton gekauft habe, das auf einem freundlichen Platz (Onslow Square) steht? Die Mädchen sollen ein Stockwerk und ein Badezimmer zu ihrem Gebrauch bekommen. Ich weiß noch, wer mir einen Wink wegen des Badezimmers gegeben hat. – Wir werden unser altes Kensington aufgeben und in dem neuen Hause wohnen. So geräumig wie das Kensingtoner ist es aber nicht. Ich kann höchstens zwei Schlafzimmer für Fremdenbesuch einrichten. Gestern erhielt ich den Brief Ihrer Mutter und machte mich sofort auf, um ihre Mrs. Bayley zu suchen, aber sie ist verreist. Vor zwei Tagen sah ich im Theater das fette Gesicht eines alten Bekannten aus Providence, R. I. C–. So heißt er wohl? ein tolpatschiger kleiner Gigerl. Ich freute mich, als ich seiner ansichtig wurde. Leute, die ich in Ihrem Lande kannte, können sicher nicht verstehen, wie sehr ich mich freue, sie zu sehen. Woher kommt es, daß ich mich so freue? Wegen des braunen Hauses und noch einem oder zwei anderen, aber zumeist wegen des braunen.

Gestern (der Anfang des Briefes ist vor vielen Wochen geschrieben) ging ich mit den Mädchen nach Fontainebleau; und jetzt hat es allen Anschein, als ob wir uns nach Rom wenden sollten. Ich werde froh sein, wenn ich wieder unterwegs bin und Ruhe habe. Können Sie sich vorstellen, daß, als wir gestern in jenem schönen Walde waren und durch die wohlgepflegten alten Gärten gingen, die mit einem Teppich von roten Blättern belegt waren, ich oft wünschte, daß gewisse junge Damen bei uns wären? Corbin gab uns vorigen Sonnabend ein prächtiges Diner. Auf jeder Seite von ihm saß ein Lord und das ganze Fest war äußerst großartig. Bancroft Davis ist eben angekommen, und Ihre Landsleute lassen sich überall in glänzenden Equipagen sehen mit prachtvollen Livreebedienten, die Kokarden an den Hüten tragen; aber mich verlangt es nach Euch, Ihr lieben Mädchen, das ist die Wahrheit! In keinem anderen Hause gibt es so guten Tee, so gute Pfirsiche, so gute Wallnüsse. – Warum ist die zweite Avenue nicht in der Nachbarschaft, daß ich meine Bücher und Papiere weglegen und in ein Haus eintreten kann, wo ich sicher bin, willkommen zu sein, wäre es auch nur, um etwas Unsinn zu plaudern, wie in diesem Briefe.

Leben Sie wohl, meine jungen Damen, und lassen Sie sich meine respektvolle Begrüßung gefallen. Empfehlen Sie mich der Tante Snelling und George und Willy. Und hiermit Gott befohlen.

W. M. T.

 

XXV.

Vevey, 26. Juli 1853.

Am 4. Juli landete ein kleines Briefchen, das nachher drei Wochen unterwegs war, ehe es denjenigen fand, für den es bestimmt war. Ich erhielt es erst vorgestern in Lausanne, das unfreundliche Briefchen. … Was haben Sie mir vorzuwerfen, Miß Sarah? … Habe ich Ihnen nicht drei Briefe für einen geschrieben? …

Ich glaube, ich hätte gern gehört, daß dieser wackere junge P. glücklich gemacht worden wäre – ich mag ihn gut leiden, weil er hübsch und ehrlich ist; und was Sie betrifft, so glaube ich, daß Sie soviel Charakter, Entschlossenheit und ein so vortreffliches Temperament haben, daß Sie selbst glücklich werden, indem Sie andere glücklich machen. Sie würden Unzulänglichkeiten [im] savoir vivre wie eine junge Philosophin ertragen. Zudem ist der junge Mensch, soweit ich es beurteilen konnte, durch und durch ein Gentleman, und warum sollten seine Angehörigen ihm nicht gleichen? – Es ist traurig zu sagen, aber B. ist verdorben durch die Herzlosigkeit von London – dies London, welches das gottloseste, hochachtbarste Ding ist – Ding ist nicht das rechte Wort, aber ich finde kein anderes – ich meine, die Gesellschaft ist niedrig gesinnt, glücklich und zufrieden, wohlwollend, sehr gut erzogen, hat sehr natürliche Manieren, ist nicht ausschweifend, von großer Reinlichkeit und geht jeden Sonntag in die Kirche, aber welchen Rang werden diese Leute mit all ihren guten Manieren, ihren fleckenlosen Charakteren und ihrer reinen Wäsche in den Augen des großen Richters über Gut und Böse einnehmen? Nie haben sie ein echtes Gefühl der Liebe, sondern sobald ein solches aufsteigt, ersticken sie es und werfen es in die Gosse, wie arme Mädchen ihre unehelichen Kinder; sie gehen Geldheiraten ein und sind befriedigt; dann geht der Vater in das Unterhaus oder auf die Börse, die Mutter auf ihre Bälle und Besuche; die Kinder stecken im oberen Stockwerk bei der Erzieherin, und wenn sie so weit sind, werden sie gekauft und verkauft, werden achtbar und herzlos wie ihre Eltern vor ihnen. Halt! sage ich, halt! Wo will diese Tirade hinaus und worauf bezieht sie sich? Nun, ich stellte mir unsere tapfere junge Sarah (die auch schon etwas von dem Glanz und den Eitelkeiten der Welt erfahren hat), in unsere Welt verpflanzt und als eine Gesellschaftsdame vor, mit einem Gatten, den sie, wie sie zuweilen zu tun drohte, genommen hat, nur um eine gute Partie zu machen. Nein! gehen Sie und leben Sie auf einem abgelegenen Landfleck, heiraten Sie einen Mann, der kaut und ausspuckt, zweifelhafte Wäsche trägt, aber ein Herz unter dem zerknitterten Hemd hat, lassen Sie Ihre Kinder mit den verpönten Messern essen, helfen Sie dem Dienstmädchen, legen Sie beim Mittagessen selbst Hand an, – wahrlich das ist alles besser, als eine Modedame in London zu werden und sich zu einem französischen Diner niederzusetzen, bei dem keine Liebe ist. Großartiger Sittenprediger! Ich glaube, ich werde jetzt Anny hereinrufen und mit ihr an meinem neuen Roman arbeiten. Ich sehe ein Kapitel aus der obigen Predigt hervorgucken, und ich muß, wie Sie wissen, immer meinen Hauptzweck im Auge behalten.

(An demselben Abend).

Ich rief also Miß Anny herein, als ich meinen Brief beiseite legte, und wir hatten eine ungestörte Arbeitszeit bis zum Mittagessen – der Roman machte erfreuliche Fortschritte. Ich werde nicht der Verfasser sein. Mr. Pendennis soll der Schreiber der Memoiren seines Freundes werden, und mit Hilfe dieser kleinen Maske (die ich mir vermutlich von Pisistratus Bulwer geborgt habe) werde ich imstande sein, viel freier zu sprechen als in meiner eigenen Person. Dieser Gedanke kam mir erst gestern Abend, und ich fühle mich unendlich erleichtert, seit ich ihn angenommen habe. – Alexander Smith ist ein bedeutender junger Mensch und hat ein oder zweimal einen sehr glücklichen Wurf getan, aber deshalb erreicht er den großen Keats oder den großen Alfred Tennyson. noch lange nicht und wird es auch, glaube ich, nie tun. Nun, und mein leichtes Bier? wie könnte ich davon in demselben Atemzuge sprechen? Aber leichtes Bier ist gut in seiner Art und eines Tags werden Sie mein kleines Faß bekommen und sich hoffentlich ein oder zwei Gläser davon gern schmecken lassen.

Ich sehe, während ich schreibe, von meinen Fenstern auf eine so wundervolle Landschaft oder »Wasserschaft« hinaus. Die Sonne ist gerade auf Ihrer Seite, im Westen, prachtvoll untergegangen! In dem Hotel hier sind eine Menge von Amerikanern – die Frauen fast alle hübsch, aber von den Männern viele so schrecklich gewöhnlich. Ich lese im Fremdenbuch:

Name. Vaterland. Stand. Bisheriger Aufenthalt. Bestimmungsort.
Smith J.
Smith T.
U.S.W. Geistlicher Genêvre Wo es etwas zu sehen gibt.

Stellen Sie sich vor: »Genêvre« und »wo es etwas zu sehen gibt«. So steht's im Fremdenbuch!

Guter Gott! Es ist zwölf Tage, seit dies Briefchen angefangen wurde. Es blieb liegen, weil ich den Abgang der Dampfer nicht gut berechnet hatte, weil ich fleißig am Schreiben war, weil wir hin und her gereist sind, nach Genf, Lausanne, dann wieder nach Vevey und von da nach Bulle, Freiburg, Bern. Unsere Reise hat in einem Monat für drei Personen und einen Bedienten achtzig Pfund gekostet bei gemächlicher Fortbewegung und mäßiger Lebensweise, also vierhundert Dollars. Sie sehen daraus, was Sie brauchen werden, aber wenn Sie eilig reisen, müssen Sie ungefähr hundert Dollars mehr rechnen. In Vevey sah ich unter den hunderttausend Amerikanern den Namen von B. Kann das Lucys junger Freund sein? und dann war eine Dame da, ich glaube, sie heißt P., von der ich überzeugt bin, daß sie Mrs. C. S.s Schwester sein muß. Ihre Gestalt und vor allem ihre Stimme erinnern sehr an Mrs. S. Ich war drauf und dran sie anzureden, aber sie hatte einen netten kleinen Sohn bei sich, den sie so anschnauzte, daß ich den Mund nicht auftun konnte. Ich verlebe manchmal ganze Tage, ohne ihn aufzutun; wenn die Menschen nicht nach meinem Geschmack sind, kann ich nicht sprechen und erscheine stolz und hochmütig. Ich bin ganz niedergeschlagen wegen der Newcomes. Das Buch taugt nichts; es ist dumm. Es verfolgt mich wie ein greuliches dummes Gespenst, und es kommt mir vor, als ob es zu mir sagte: Warum bleibst du dabei, solchen Plunder zu schreiben? Du bist alt, du hast keine Phantasie mehr u. s. w. Schreibe gesetzte Bücher und überlaß die Romane den jüngeren Leuten. – Sie sehen, daß ich mein halbes Leben mit Brummen zubringe; ob ich Vorlesungen halte, Romane schreibe oder in Gefühlen schwelge: nie bin ich zufrieden. … Sind keine Briefe aus Amerika mehr für mich gekommen? Gestern als wir auf einen Hügel bei Freiburg stiegen, kam ein Wagen vorbei, und ich hörte eine Stimme aus dem Innern rufen: Wie geht es Miß Baxter? Stellen Sie sich vor, daß auf dem Gipfel eines Schweizer Hügels eine Stimme rief: Wie geht es Miß Baxter? Es war eine Freundin von Mrs. Sturgis, und aus den einsamen Kammern meines Herzens kam ein Echo: wie geht es Miß Baxter? Anny und ich halten gerade von Ihnen gesprochen, und sie hatte mir erzählt, daß mein Stiefvater während meiner Abwesenheit, wenn die Mädchen ausgegangen waren, bei ihrer Rückkehr zu ihnen gesagt hatte: »O, ich habe einen Besuch von Miß Sally Baxter gehabt!«

Heute ist Sonntag. Wir pflegen in die Kirche zu gehen, wenn wir auf Reisen sind, aber gestern trafen wir den Geistlichen bei der Table d'hôte, und er war so furchtbar hochtrabend, großsprecherisch und dumm, daß ich keine Lust hatte hinzugehen und ihn predigen zu hören. Vielleicht gehen wir morgen nach England oder nach München – ich weiß es nie vorher. Ich habe keinen eigenen Willen, und es liegt mir nichts daran, einen zu haben, wenn keine besondere Veranlassung dazu da ist. Ich denke beständig an Sie und sehr, sehr, sehr liebevoll – an Sie alle. Warum langweilen mich alle anderen, die große Welt und alle, und warum fühle ich mich in dem braunen Hause immer so heimisch? Gott segne alle darin, und lassen Sie es sich keinen Augenblick beikommen, daran zu zweifeln, daß ich ihr liebevoller alter Freund bin.

Bern, 7. August 1853.

 

XXVI.

27. September 1853.

Ich habe keine Hoffnung, daß es mir gelingen wird, die drei lieben Briefe heute alle zu beantworten, meine liebe Frau Baxter, aber der Mama möchte ich doch wenigstens danken und sagen, daß ich die Briefe bekommen habe. Hier ist die Empfangsanzeige, wie gewöhnlich in der letzten Minute geschrieben, und zwar aus meinem Schlupfwinkel, der außer von meiner Wenigkeit auch noch von anderen alten Knaben mit weißen Haaren und rosigen Gesichtern bevölkert wird. Bei uns zu Lande werden die Herren im Alter ums Kinn herum rosig, während die Gesichter der alten Herren in Ihrem Lande eine andere Färbung annehmen. Die arme Sarah schreibt mir einen langen, netten, freundlichen, trostlosen Brief, der Ihren traurigen Bericht über sie bestätigt. Sie sagt, sie sähe alt und verblüht aus; ihre Schönheit wäre ganz dahin. Meine Liebe, ich möchte das gern selbst sehen. Gestern begegnete mir Herr M., der mich fragte, ob ich Nachricht von Newyork hätte und ob Sarah im Begriff stehe, sich zu verheiraten? Dabei lachte er. Aber er kam mir sehr eifrig über den Damm nachgelaufen, und ich bin nicht so dumm mir einzubilden, daß er das nur tat, um sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen. H. wird durch seines Vaters Tod Erbe eines großen Vermögens werden. Ich kann mich nicht besinnen wie groß mir Sturgis sagte, daß es sei, aber es mögen so etwas wie fünfzehntausend Pfund im Jahr sein, und B. wird ohne Zweifel auch einen guten Teil davon abbekommen. Aber ich habe meine Rede schon gehalten, daß ich es lieber sehen würde, wenn Ihre Tochter in einem Wigwam wohnte, als wenn sie die Herrin in einem Hause in May Fair würde, in dem keine Liebe wäre. Sie können überzeugt sein, daß ich es ihr nie verzeihen würde, wenn sie den B. heiratete. Wie leid tut es mir, daß ich den jungen B. nicht gesehen habe. Und Libby? Hat Libby keinen Verehrer? Ich komme mir wie eine Art von Großonkel all dieser jungen Mädchen vor.

Wir, ich und die meinen, sind eben in der Stadt gewesen, um allerlei Einkäufe für unsere Reise nach Frankreich und Italien zu machen. Wir haben unter anderem Gabeln und Löffel gekauft, da wir unser altes kostbares Silber nicht gerne mitnehmen wollen. Im nächsten Jahr um diese Zeit, wenn die Äquinoktialstürme ausgetobt haben (sie haben orkanartig geblasen in den letzten drei Tagen), sollen wir da den Gedanken in Erwägung ziehen, nach Amerika zu kommen? Wer weiß, was das Schicksal uns bis dahin vorbehält? Ich sehe dem Ende dieses Tages mit eigentümlichen Gefühlen entgegen – gerade vor einer Woche habe ich geträumt, daß ich einen Onkel, den ich lange nicht gesehen habe, getroffen hätte. Ich träumte, daß wir zusammen über Amerika gesprochen und dann verabredet hätten, daß ich am heutigen Tage mit ihm zu Mittag essen sollte. Und nun ist dieser Onkel seit zwölf Jahren tot, wie soll ich es da anfangen, mit ihm zu speisen? Es wäre ein merkwürdiger Traum, wenn er in Erfüllung ginge und welch ergiebiger Stoff für die Zeitungen!

Eben habe ich die Mädchen zu ihrem großen Entzücken in einer Kutsche nach Hause geschickt und bin selbst ausgestiegen, um diese Fünfundzwanzigpfennig-Plauderei nach Newyork zu schreiben … Was wäre das Leben ohne Murren? Ich hoffe, meine liebe Freundin, daß, wenn unsere Bekanntschaft auch hundert Jahre dauerte, Sie mich immer gutmütig und unzufrieden finden würden. – Ich habe mich schon zweimal nach dem Freund umgesehen, der mir einen Rat in Bezug auf Ihres Mannes Prozeß geben soll, aber er war immer nicht zu treffen; alle Rechtsanwälte sind jetzt abwesend. Die Mädchen und ich kommen gerade von den Gerichtskammern in Lambs Court, gegenüber von Messrs. Warrington und Pendennis, welche gerade so echte Advokaten sind wie ich. – Es sieht in Europa so unheilverkündend aus, daß ich daran zweifle, ob wir nach Italien kommen werden. Es wird einen großen Streit mit Toskana geben wegen der Gefangensetzung jenes jungen Traktat- und Bibelverteilers; dann haben wir einen Groll gegen den Papst, einen Groll gegen die Österreicher und vielleicht allernächstens einen Krieg mit Rußland! Der Herr errette uns von diesen möglichen und wahrscheinlichen Übeln; aber ich würde nicht überrascht sein, wenn dieser unvermeidliche fürchterliche Krieg, welcher eines Tages kommen muß, morgen nachmittag um halb drei Uhr oder zu irgend einer anderen Tageszeit anfangen sollte. Dann müßten meine Töchter aus dem Lande gehen und auf der S. Michigan Eisenbahn wohnen.

Dieses krause Durcheinander sollte lieber in das Feuer wandern, anstatt morgen in den Postbeutel des Hermann geworfen zu werden (ich sehe, wie man die großen weißen Säcke auf das Verdeck schleudert), aber wenn das Geschreibsel auch weiter nichts enthält, so spricht es doch von Zuneigung und freundschaftlichem Gedenken an liebe Freunde, die mir, so Gott will, immer erhalten bleiben werden, solange ich so und so heiße. Im Geist versetze ich mich geradewegs aus dieser geschäftigen Welt in die Ihrige, und ich sehe das alte Zimmer, sitze in dem gelben Lehnstuhl und genieße die altgewohnten Speisen und Weine und sehe die Mädchen an und Willy, der ganz ruhig neben seinem Vater sitzt und höre eine wunderbare Bemerkung von George. Gott segne Sie alle, Mrs. Baxter, sagt Ihr aufrichtiger Freund

W. M. T.

Und Mrs. Snelling, lassen Sie mich schnell über die Straße springen und sagen, wie geht es Ihnen, Mrs. Snelling? Ich grüße Sie alle und verabschiede mich.

 

XXVII.

Maison Valin, Champs Elysées, 3. November 1853.

Meine liebe Frau Baxter. Ich habe eine lange Zeit vergehen lassen, ohne de nos nouvelles in das braune Haus zu senden. Mit all den Vergnügungen und den vielen Verwandten bin ich kaum Herr meiner Zeit hier. Entweder ich muß mit meinen Kindern spazieren gehen, oder ich muß meine alten Eltern besuchen, oder die Sonne scheint so herausfordernd, daß es unmöglich ist, im Zimmer zu bleiben, und so gehen die Tage hin und die alten Freunde erhalten den ihnen zukommenden Anteil daran nicht. Wir haben seit unserer Ankunft hier einen geschäftigen Monat gehabt. Am 4. Oktober war es, das sehe ich aus dem kleinen Notizbuch von Sarah, welches mir viele Erinnerungen erweckt, traurige und freudige. Da steht zum Beispiel am 18. Januar: Philadelphia; dritte Vorlesung. Ich erinnere mich, daß die Leute alle warten mußten, bis ich mit gewissen Reimen auf »geboren« fertig wurde. Dann kommt Newyork, 15. April, und die einzige Aufzeichnung an diesem Tag ist Lu. Was mag das bedeuten? Und fünf Tage später kommt: »Verließ Newyork mit der Europa.« Und dann England und dann Paris und dann Deutschland und die Schweiz und dann abermals England und Paris. Bald wird es vermutlich Rom sein. Wie viele Orte und wie viel Unruhe im Leben! Ich bin dahin gelangt, daß ich die größte Gemütsruhe empfinde, wenn ich in dem Eisenbahnwagen sitze oder die Zurückgezogenheit in einem Wirtshaus genieße. Der hiesige Ort begünstigt entschieden das Arbeiten nicht. Anny und ich haben in diesem ganzen Monat erst eine Nummer der Newcomes verfaßt; ich lasse das Schreiben jetzt ganz liegen und bin manchen Tag stundenlang mit dem Papier vor mir gesessen, ohne imstande zu sein, auch nur sechs Zeilen zu erfinden. Ist das nicht ein abscheuliches Papier? Ich habe kein anderes. Miß Anny hat mit ihrer großen Schrift alles gute Papier zu den Newcomes verbraucht. Ich wollte es wären mehrere Ries dabei drauf gegangen … Und jetzt schließe ich auf diesem Löschpapier und bleibe immer Mrs. Baxters anhänglicher Freund

W. M. T.

Morgen geht's nach Paris und dann nach Rom.

 

XXVIII.

18. November 1853.

Mein lieber Baxter. Mein Freund Mr. S. Lawrence ist der Überbringer dieses Schreibens, und ich weiß, daß Sie freundlich gegen ihn sein werden, dem liebenswürdigen Jüngling zulieb, dessen Bildnis er gemalt hat, und der immer bleibt der Ihrige

W. M. T.

Meine liebe Frau Baxter. Welch schönes Bild würde Lawrence von Ihnen machen! Sie müssen darauf bestehen, daß er Ihren Mann zeichnet – Ihr jungen Damen tut Euer Möglichstes, um den guten kleinen Maler glücklich zu machen. Er hat eine unendliche Familie und ist eines der besten Geschöpfe. Ach, wie wünsche ich, ich könnte die Gesichter sehen und die Stimmen hören, die er sehen und hören wird!

Paris, November 1853.

Da Miß Sarah nur eine Seite des Papiers bekommen soll, muß ich meine Zuflucht zu der gedrungenen steilen Schrift nehmen, und wenn Sie die Briefe zählen, Miß, werden Sie sehen, daß Sie ganz so viele erhalten, als Sie mir zukommen ließen. Ich habe solange an Ihre Mutter und die Mädchen geschrieben, bis ich ganz heimwehkrank nach Newyork bin. Es ist kein Verdienst dabei, Sie lieb zu haben, ebensowenig wie es eines ist, Pfirsiche und eingemachte Wallnüsse zu lieben – ich kann einfach nicht anders – das habe ich Ihnen gewiß schon tausendmal gesagt. Jeder ehrliche Mensch wiederholt sich fortwährend. Wenn ein Mann es nicht tut, so hüten Sie sich vor ihm, denn auch er ist stets auf seiner Hut. Als ich vor drei Tagen mit meiner Tante zu Mittag aß, dachte ich daran, daß ich an diesem Tage vor einem Jahr auf meinem Weg nach Amerika an der Küste von Wales vorbeifuhr. Ich füllte ein Glas und trank auf die Gesundheit gewisser Leute und schluckte meine Gefühle stillschweigend mit dem Wein hinunter. Ich glaube, wenn ich wieder nach Newyork komme, werde ich nicht zu Ihnen gehen und Sie nie wieder sehen. Das wird wohl das Beste sein, verlassen Sie sich darauf. Wir hatten eine so schöne Zeit zusammen, »Wir haben uns alle so lieb,« Im Original in deutscher Sprache. Anmerk. d. Übers. daß da keine Steigerung mehr möglich ist. Sie würden mich mit gefärbtem Haar nicht leiden mögen, das weiß ich, und ich bin so fett geworden, daß es ganz fürchterlich ist – und dann schreiben Sie, daß Sie so alt und verändert sind! In Deinem Alter, Freundin, begreift sich das gut. Mit zwanzig Jahren ist man nicht mehr jung in Ihrem Klima, besonders wenn man gar so vielen Kummer hat! Was ist es, das Sie so elend macht? Ich wollte, ich könnte es erfahren. Über einen gewissen Gegenstand sollte ich nicht an Sie schreiben, sagten Sie mir. Der wird es wohl sein. Nun da ich Tausende von Meilen entfernt bin, denke ich mir, daß die Tränen einer Zwanzigjährigen bald trocknen werden … Ein Mädchen, das mir sehr lieb war, bat mich einmal um Rat in einer Heiratsangelegenheit; sie fragte, ob sie einen alten Herrn nehmen sollte, den sie nur achtete. Was meinen Sie, was ich ihr für einen Rat gab? Gar keinen. Das ist ein Fall, für den kein Doktor Verordnungen geben, in dem nur der Patient selbst entscheiden kann. Das Ende war, daß sie einen anderen Mann heiratete, den sie achtete, und sie haben natürlich Kinder und sind – was man so sagt – ganz glücklich. Aber was für unnützes Geschwätz! Ein Fall ist immer verschieden von einem anderen.

Ich glaube ich habe Ihnen nichts zu erzählen und der Brief wird dumm werden. In voriger Woche war ich auf einem Ball, der von den jungen Herren unserer Gesandtschaft für alle möglichen wunderbaren Leute vom Theater, der Oper u. s. w. gegeben wurde (das u. s. w. bedeutet Schreckliches). Diese Toiletten! Und diese Art des Tanzens! Was für leichtfertige, glückliche, sorglose Menschen! Es war ganz merkwürdig ihnen zuzusehen, und ich bin froh, daß ich hinging. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich dergleichen sah. Soweit ich beurteilen konnte, ging es eben so korrekt zu, wie auf einem von Ihren oder von unseren Bällen. Und die Frauen! Diese wundervollen Gewänder und diese kecke Fröhlichkeit! An demselben Tage hatte Corbin ein Diner von schwerfälligen amerikanischen und englischen Herrschaften. Von dort aus ging ich in die Gesellschaft der jungen Leute. Und ich selbst habe einige Festlichkeiten im Restaurant gegeben, die leidlich vergnüglich waren. Die Kosten derselben ließ ich den Punch tragen, indem ich einige gastronomische Artikel für ihn schrieb. Im übrigen habe ich wie gewöhnlich herumgeschwärmt und habe nur ab und zu einen Tag für mich aus dem modernen Klatsch und dem Familienklatsch, der kaum weniger unerträglich ist, gerettet. Einige schöne Tage und Spaziergänge habe ich mit meinen Mädchen genossen; der Anblick ihres Glücks macht mich glücklich. Soll ich Ihnen bald einen erfreulicheren Brief schreiben? Nächste Woche? Morgen? Dieser ist nicht erfreulich; Sie sollten nur hören, daß ich immer bin

Ihr aufrichtiger
W. M. T.

Nun noch in großer Eile ein Postskriptum. Ich möchte Ihren guten Vater bitten, keinen Anstoß an dem hohen Porto dieses Briefes zu nehmen. Es ist zu spät, ihn frei zu machen; ich habe ihn in dem Bureau eines Zeitungskorrespondenten geschrieben, wo sechs Leute um mich herum saßen und plauderten. Ich kam gerade aus einer hocharistokratischen Gesellschaft: Lady Cowley, Lady Sandwich, Lady Waldegrave, Lord Bath, und hier fand ich einen ganz anderen, vielleicht angenehmeren Kreis: C. C. Clifford, der mit dem Herzog von Devonshire verwandt ist. Lefevre kenne ich nicht – vermutlich ist er der Sohn des Sprechers, und Hatty habe ich nicht gesehen. Aus Hatty mache ich mir nur etwas, wenn sie »ins Feuer gerät«. Sonst liegt mir nur an sehr wenigen … Ich wollte, ich wäre da, wo dieser Brief hingeht. Es war eigentlich nicht der Mühe wert, den Brief für diese Belanglosigkeiten offen zu halten, nicht wahr? Warum fangen Sie neuerdings an, mir Komplimente zu machen? Ich ging und holte mir Ihren letzten Brief zum Durchlesen, ehe ich ausging. Daher all diese kleinen Bemerkungen. Ich hatte die Komplimente ganz vergessen, aber Sie, Mademoiselle, hatte ich nicht vergessen. Das Notizbuch, das Sie mir geschenkt haben, ist jetzt beinah voll, und das Jahr ist abgelaufen und mit ihm eine Menge von Sorgen und Freuden. Leben Sie wohl und Gott segne Sie alle. Schreiben Sie mir bald; wenn Sie es sofort tun, erhalte ich den Brief noch, ehe ich nach Rom gehe. Dort und überall werde ich immer Ihrer gedenken … Adieu, Adieu …

 

XXIX.

1853.

Wohin wir uns zunächst begeben, ist noch Geheimnis, ob nach der Schweiz, ob nach Devonshire oder wohin sonst. Nachher werde ich wahrscheinlich den Oktober und November in Paris verleben – und den Winter? sollen wir annehmen in Rom? Es klingt, als ob es ein vergnügliches Leben wäre, nicht wahr, Madame? Aber ich bin jetzt so unsicher geworden, daß ich nie wage, fest auf den nächsten Monat zu rechnen. Ich habe zu viel von der müden, alten Welt gesehen, um noch ein besonderes Glück in irgend einem Winkel derselben zu erwarten. Gestern sagte ich zu den Mädchen: Wie wäre es, wenn wir an die Saratoga-Quellen gingen und dort das Buch schrieben? aber Sie werden einsehen, daß das nicht gut geht, weil wir dann dort zu bekannt würden und unser Erscheinen nichts Neues mehr wäre, wenn wir im Jahre 1854 zu einem Vorlesungszyklus hinkämen. Bis dahin wird Lucy verheiratet und Libby verlobt sein und Sarah – ach wo wird Sarah sein? Gestern sah ich eine einstige Liebe von mir; sie hatte zwei hübsche Kinder und war sehr glücklich, schön und freundschaftlich. Aber ich schwatze – ich habe noch nicht gefrühstückt, und es taugt nichts, vor dem Frühstück zu schreiben. Ich glaube beinah, daß in meinem Haus in London jetzt ein amerikanischer Brief für mich liegt. – Jetzt geh hin und frühstücke!

Donnerstag, 30. Juni.

Inzwischen ist Ihr Brief an meine Mutter gekommen, und es tut mir sehr leid, von Ihrem Kranksein zu hören. Ich muß mich sehr eilen, um die Post nicht zu versäumen, da ich unbeabsichtigterweise mit den Kindern so lange fortgeblieben bin. Am Mittwoch gehen wir an den Rhein und in die Schweiz, glaube ich, und wo ich auch bin, bleibe ich immer des braunen Hauses

getreuer
W. M. T.

 

XXX.

Via della Croce 81, Rom.
Sonnabend, 17. Dezember 1853.

Gerade als wir Paris verließen – es ist schon ewig lange her, ich glaube es war am 28. November – bekam ich einen Brief von meiner lieben Mrs. Baxter mit einer Postskriptzeile der armen S. S. B., die nur wenig schreiben konnte, da sie seit vielen Tagen krank zu Bett liegt. Und ich bin seither immer so in der Hetze und Eile gewesen, daß ich keine Zeit gefunden habe, an meine Freunde im Westen, wo die Sonne untergeht, zu schreiben. Trotzdem habe ich am allerersten Tag, als ich sie hinter Sankt Peter untergehen sah, an Sie gedacht und viel gute Wünsche über den weiten Raum, der zwischen uns liegt (ich versuche, mir denselben auf der Landkarte vorzustellen), hingesandt. Hoffentlich werden diese Wünsche zu einem Fenster der zweiten Avenue hineingeflattert sein und alle darin ganz wohl angetroffen haben. Mrs. Baxters letzter Brief war leider sehr niederdrückend. Ich sehe im Geist sorgenvolle Gesichter in dem braunen Hause, das mir so schrecklich weit entfernt vorkommt. Ich fürchte, diese verfluchte Zeile über »Mr. Washington« hat mir in den Vereinigten Staaten ungeheuer geschadet. Die Engländer und die Franzosen lachen zwar, wenn sie sie lesen, aber einem geärgerten ungebildeten Menschen Erklärungen zu machen, ist ganz zwecklos – und wehe mir! die zweiten zehntausend Dollars, auf die ich gerechnet habe, sind, fürchte ich, durch dies unheilvolle Versehen zu Wasser geworden.

Was soll ich Ihnen über Rom sagen? Wir sind seit vierzehn Tagen hier, und ein Mann, der mit zwei Töchtern ohne Erzieherin reist, wird so ziemlich zu einer Art von vertrautem Familiensklaven der jungen Damen. Noch keine Zeile habe ich bis jetzt geschrieben und war natürlich auch krank während der letzten vier Tage an einem Anfall – kurz: Blutegel, Blasenpflaster, Calomel. Ich bin während der letzten vier Monate in jedem Monat einmal krank gewesen. Ich, der ich »in unserem Lande« nie krank war. Miß Sarah, ich habe vier Tage von Wasser und Brot gelebt, aber es geht mir jetzt viel besser, schönen Dank! Ich bin so froh, daß ich meinen Diener mitgenommen habe, trotz der Abmahnungen des gemeinen Menschenverstandes und der Sparsamkeit. Außer dem Diener haben wir nur eine italienische alte Frau, mit der wir ein unterhaltsames Kauderwelsch reden. Wir wohnen in einigen der schönsten und behaglichsten Zimmer von ganz Rom. Unsere Reise ging über Lyon und auf der Rhone nach Avignon und Marseille; es war eine mühselige Fahrt durch Schnee und Frost auf Dampfbooten, die unseren Dampfern, ach, wie unähnlich sind! Dann hatten wir eine lustige Überfahrt von Genua nach Livorno und Civita Vecchia, brachten einen Postillon auf der Fahrt nach Rom um und wären um ein Haar überfallen und ausgeraubt worden. Am nächsten Tag fand ein [Überfall] auf Reisende statt, und meine Mädchen waren sehr enttäuscht, daß uns dies Abenteuer entgangen war. Ich hatte hundert Louis bei mir, was die Sache noch viel pikanter gemacht hätte.

Merken Sie, daß ich eine neue Rubinfeder habe, die nicht gut schreibt? Sie ist vortrefflich für diese Schrift, wenn ich sitze, aber nicht wenn ich liege, eine Stellung, die ich jetzt nach der Verordnung des Arztes einnehmen muß. Ein schmutziger, grämlicher, irischer Doktor! Als er mir gestern Abend den Puls fühlte, wurde es mir klar, daß Miß Smith in Washington nicht recht hatte, als sie behauptete, daß alle Engländer »wohlgepflegte Nägel hätten«. Er wohnt aber in demselben Hause, hat wenig andere Patienten und bemüht sich sehr um diesen einen. Wie gerne möchte ich eine Zigarre rauchen! Ich würde es tun, wenn ich eine von Onkel Olivers kleinen da hätte; die hiesigen sind so schlecht und so groß. – Die Mädchen sitzen vor mir, und ich habe versucht, sie zu zeichnen, aber die Feder und die Perspektive und das Ungeschick und die Stellung des Künstlers ließen den Versuch nicht gut ausfallen.

Ich habe noch keinen von den römischen Amerikanern hier gesehen, außer Mr. Van Buren. Die armen Storys sind in großer Betrübnis hier, da sie gerade ihr Kind verloren haben, und durch Sie höre ich, daß meine arme Freundin Mrs. Lowell nicht mehr lebt. So verschwindet einer nach dem anderen um uns her, wenn man lange auf der Welt gelebt hat! Ich lese fast in jeder Zeitung von dem Tode eines Menschen, den ich kenne; heute las ich die Todesanzeige eines kleinen Kindes, das ich vor einem Monat in Paris sah und das die Herzensfreude seiner Mutter war. – Hier werde ich durch einen Streit über »Zanoni« Zanoni, Roman von Bulwer. unterbrochen. Anny ist ganz Begeisterung; Minny nimmt wie gewöhnlich die Dinge kühler. – Wenn ich auch nicht zum Arbeiten gekommen bin, so habe ich doch eine sehr schöne Zeit mit meinen Mädchen verlebt. Sie sind famos, und es macht mich glücklich, daß sie so sind. Neulich dachte ich, daß dies wohl die glücklichste Zeit meines ganzen Lebens wäre oder es jedenfalls sein müßte – und diese Krankheiten beeinträchtigen das Glück nicht – im Gegenteil. Die Mädchen sind so gut, sie bemühen sich, keine Beunruhigung merken zu lassen, sie zeigen mir ein oder zweimal im Tage ihre munteren Gesichter – d. h. so war es; jetzt bin ich wieder wohl. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Ihnen soviel von mir selbst rede. Ich erinnere mich, daß Miß S. S. B. einmal sagte, Männer könnten am besten von sich selbst reden.

Könnten wir denn kein Mittel finden, um diese abgeschmackte »Mr. Washingtonfehde« aus der Welt zu schaffen? Ich bin dadurch so beunruhigt und bedrückt, als wenn irgend ein lieber Freund sich gegen mich gewandt und mich geschmäht hätte. Ich, der ich dies eine Mal in meinem Leben nach meinem eigenen Kopf handelte, der ich Ihr Land fast wie mein eigenes liebe, der ich die Vereinigten Staaten so übertrieben herausstreiche, seit ich nach Hause zurückkehrte und ein so fanatischer Anhänger desselben geworden bin: wie können die Menschen sich unterstehen zu denken, daß ich mich einer so albernen Schmähung schuldig machen würde, wie sie sie mir zuschreiben? Ich, der ich Washington wie kaum einen anderen Mann liebe und ehre! »Es geschieht Ihnen recht,« sagte neulich ein Bekannter in London zu mir, »nun sehen Sie, was Sie mit Ihrem Lob der Staaten ausgerichtet haben.« O, es versetzt mich in Wut!

Wegen irgend eines postalischen Geheimnisses muß ich diese Zeilen ohne Umschlag fortschicken und das vielfach unterbrochene Gekritzel an dieser Stelle abschließen. Ich weiß, daß Sie so gut wie möglich gegen Lawrence sein werden. Er ist ein echtes Talent, und wenn er weniger ehrlich wäre, würde er größere Erfolge zu verzeichnen haben. Meiner Überzeugung nach sind seine Porträtzeichnungen in Kreide von größter Bedeutung. Bitte, Onkel Oliver, führen Sie ihn bei den Centurionen ein, wenn er auch kein so lustiger Vogel ist wie mancher dieser Legionäre – ich wollte, ich könnte sie wiedersehen! Wie kommt es, daß mir alle in jener Stadt so lieb sind? Ich weiß, ich wiederhole das sehr oft, aber man sagt doch auch immer wieder, wie geht es Ihnen und Gott segne Sie zu den Freunden, die man lieb hat u. s. w. u. s. w. Ich sende Ihnen herzliche Grüße und Wünsche für ein fröhliches Weihnachtsfest und noch manches glückliche neue Jahr. Wo habe ich das letzte Weihnachtsfest verlebt? Ich habe auf den ersten Seiten des kleinen Notizbuchs alle Orte, an denen ich seither gelebt habe, verzeichnet – welch lange Liste! Ich mag nie aufhören, wenn ich an irgend jemand von Ihnen schreibe, sondern kehre immer wieder zu einem letzten Lebewohl und einem Gott segne Sie zurück.

W. M. T.

 

XXXI.

Neapel – irgendwann im März
zuletzt am 28. 1854.

Meine liebe Mrs. Baxter. Ich zahle jetzt Freundschaftsschulden ab, soweit die Zeit dazu reicht. Zunächst scheinen mir meine lieben Freunde in Newyork an der Reihe zu sein, zu denen meine Gedanken oft hinüber wandern, auch wenn es meine Briefe nicht tun. Ich habe so viel mühsame Arbeit gehabt, daß es mir wirklich schwierig ist, einen Brief zustande zu bringen; außerdem bedrücken mich so viele Sorgen und Kümmernisse, daß, wenn ich schreibe, meine Briefe notwendigerweise düstere, trostlose Schriftstücke werden. Was soll Sarahs letzter trauriger Brief bedeuten? Was fehlt meiner heiteren S. S. B.? Sie schrieb so, als ob sie eine ganz ernstliche Krankheit hätte; es sprachen sich in ihrem Brief die liebevollsten Gefühle für die besten Eltern der Welt aus, aber auch traurige Ahnungen in bezug auf sich selbst, die nicht nur ihr Kranksein betrafen. Ich selbst war immer krank, seit wir in Italien sind – in Rom allein zweimal und ebensooft, seit wir hier sind. Dieses Reisen ohne weibliche Bedienung für meine Mädchen ist höchst unbehaglich. Sie erkrankten beide an Scharlach, zuerst Anny, dann eine Woche später Minny; dann wurde ich wieder krank, und vor zehn Tagen lagen wir alle drei in unseren Betten und schauten auf das Mittelländische Meer hinaus, das so herausfordernd schön und blau vor uns lag. Sobald ich nur gesund sein werde, will ich mich wieder auf meine Arbeit stürzen, um meine vier Nummern noch rechtzeitig zu beschaffen. Die Sorgen und Beunruhigungen dauern immerfort, wie Sie sehen. Gott gebe, daß Sie Ihrer Sorge um die arme Sarah enthoben sind, und daß sie mit dem Frühling wieder aufblüht. Ich bin seit vielen Wochen kaum vor die Tür gekommen und war auch, wenn ich ausging, wenig in Stimmung die Natur zu genießen. Erfüllt sich meine Voraussage eines trübseligen Briefes nicht gründlich? Gott sei Dank, meine beiden Mädchen sind wieder auf; Anny, deren Rekonvaleszenz am längsten dauerte, hat ihre jüngere Schwester auf das liebevollste gepflegt, und Minny war eine sorgsame kleine Pflegerin, während Anny vom Fieber niedergeworfen war. Als wir alle lagen, bekamen wir zum Glück eine ausgezeichnete irische Pflegerin, die vortrefflich für die arme kleine Nr. 2 sorgte, als sie an die Reihe kam. Dies Italien war entschieden ein Mißgriff. Ich komme von einem trübseligen Thema auf das andere. Die Nachricht, daß Sie fortwährend an Kopfschmerzen leiden, gefällt mir gar nicht und ebensowenig die Mitteilung, daß das letzte Jahr kein gutes für Ihren Mann gewesen ist. Er muß es mir nicht anrechnen, daß ich ihm nicht schreibe. Ich schreibe an Männer nur Geschäftsbriefe (und auch das versäume ich in sträflicher Weise). Ich wollte, Sie und er und Sarah und Lucy kämen zu uns herüber nach Kensington. Ich wollte wir wären schon dort. Ich muß zurückkehren und mich für die Vorlesungen vorbereiten, obgleich ich in bezug auf dieselben etwas verzagt bin. Ich fühle mich ungefähr zwanzig Jahre älter als bei meinem Besuch in Newyork.

War es nicht wohlgetan, daß ich vor zwei Tagen meine Mappe zuklappte, den Hut nahm und hinausspazierte? Die schwarzen Grillen wurden zu schwarz, trotz des blauen Meeres vor den Fenstern, das herrlich anzusehen war. Wissen Sie, was ich von meinem Fenster aus sehe? Die Insel Capri – gerade gegenüber. Sie ist so purpurrot wie der Pelz, den Miß Baxter voriges Jahr trug, und jetzt kommen da eins, zwei, drei kleine Schiffe, wie glänzende Punkte auf dem Meere angeschwommen. Sie kommen sachte tanzend näher und näher – und es scheint, als ob die Wellen des blauen Ozeans darüber hinweg gingen, und als ob sie in mein Fenster herein gleiten wollten. Abends und morgens kommen Musikanten, die Einzel- und Rundgesänge zum besten geben. O, ihr Götter, wie habe ich diesen Lärm so satt! Sie brüllen vor meinem Fenster und stören mich [bei] der Arbeit; sie brüllen und stören meine Kinder in ihrem Schlaf. Eben kommt schon wieder einer an, der Spitzbube! (Ich versuche meine Laune aufzubessern, indem ich kleine Wellen zwischen die Zeilen zeichne.) Wäre ich nicht damit beschäftigt gewesen, ein blödsinniges Weihnachtsbuch zu schreiben, so weiß ich nicht, was ich in diesen letzten trübseligen Wochen hätte anfangen sollen. Wie viel Wesens machen doch Männer aus einer kleinen Unpäßlichkeit (Ihr Mann allerdings nicht, diese Perle eines Vaters und Ehegatten), aber [selbstsüchtige] Leute wie Ihr ergebener Diener. Und wie liebenswürdig und einfach ertragen Frauen dergleichen. Wie! soll ich fortfahren, in solchen Gefühlsausrufen zu schreiben? Ich habe nichts anderes zu sagen, ich sehe niemanden, beobachte nichts, gehe nur mit Anny spazieren, lese zur Erholung die Zeitungen, arbeite den ganzen Vormittag an Nr. XI, wenn die Gesundheit es zuläßt, und könnte ebensogut in Brompton sein als hier. – Ich denke ich warte mit der Fortsetzung einen anderen Tag ab und höre hier auf.

Wann wurde das obige geschrieben? Vor wer weiß wie vielen Tagen. Meine zweite Tochter geht jetzt auch wieder aus, ebenso wie die erste, und ich hoffe, daß wir bald imstande sein werden, dies unheilvolle Land zu verlassen und nach Paris und London zu gehen. Die Zeit vergeht jetzt etwas angenehmer. Die Kinder nehmen ihr Mittagessen um ein Uhr mit ungeheuerm Appetit ein, Gott sei Dank! Dann gehen wir aus; nachher esse ich mit einigen Freunden zusammen. Es ist eine Wohltat, für eine Weile aus dem langweiligen Krankenzimmer herauszukommen und sich einen Feiertag zu machen.

28. März.

Jetzt fange ich zum vierten Male an, und diesmal soll die Seite bis zu Ende geschrieben werden, sonst wird sie sicher nie fertig. Dieser Brief soll also mit einem Schnellboot nach Marseille gehen und dann schleunigst nach London und von da nach Liverpool; dann wird er Sie wohl ungefähr am 15. April erreichen. An diesen Tag erinnere ich mich noch sehr gut, obwohl es mir vorkommt, als ob hundert Jahre seitdem verflossen wären. Ich weiß noch so gut, wie Crowe mir damals die verkehrten Blumen brachte, wie ich dann die Gesellschaft im braunen Haus drüben besuchte – dem lieben, alten, freundlichen, braunen Haus – ich erinnere mich des Hochzeitstags von Miß Clark, dieses fatalen Tages; ich sehe Miß Lucy weinen und Miß Sarah in ihren Wagen hüpfen und weiß noch, wie wir zusammen Tee tranken. Sehr viele Gedanken, angenehme und traurige, erstehen in mir. Schreiben Sie mir nach Young Street Kensington mit dem allernächsten Schiff, bitte! Erzählen Sie mir Gutes von jedem einzelnen von Ihnen. Soll ich im Herbst kommen und Sie besuchen? Können Sie Felt nicht zureden, daß er mir im Namen seiner Gesellschaft Anerbietungen macht? Sie und Mrs. Snelling könnten ihm vorstellen, wie populär die Reihe von Vorlesungen, die ich zu halten beabsichtige, sicher sein würde. Über Männer der Welt! Chesterfield, Wharton, Walpole, Brummell. Wie viel Scherz und Satire läßt sich da anbringen! Welch gute Gelegenheit für junge Männer, sich mit europäischer Art bekannt zu machen. Verlassen Sie sich darauf, die Damen würden die besten Vermittler in dieser Sache sein, und ich möchte lieber Ihre Hilfe dabei haben als die des gewandtesten Mannes aus der Wallstraße. Ich fühle mich um zwanzig Jahre älter als bei meinem letzten Aufenthalt in Amerika. Drei Monate schlechten Befindens und Trübsinns in diesem entzückenden Klima haben mich zu einem Siebziger gemacht. Als ich zweiundvierzig Jahre alt war, hatte ich mir noch einige Jugenderinnerungen und Jugendgefühle bewahrt, jetzt da ich beinah dreiundvierzig bin, fühle ich mich so sauertöpfisch wie ein Großvater. Ich schlafe wie ein Mönch, der einen Totenkopf in seinem Zimmer hat. »Komm!« sagt dieser fröhliche Mahner, »erhebe dich, beende die Newcomes, erwirb dir noch einige tausend Pfund für deine Töchter; denn deine Zeit ist nur noch knapp bemessen und der Totengräber wartet auf dich. Du bist lange genug auf dieser Welt gewesen; du hast genug Feste gefeiert und Champagner getrunken; genug Reisen gemacht; genug Romane gelesen und Romane geschrieben; genug gegähnt, gebrummt; dich genug verliebt und dergleichen mehr. Du bist jetzt zu alt für solchen Zeitvertreib, und zu welchen anderen Beschäftigungen wärst du sonst tauglich? Erwirb zweihundert Pfund im Jahr für jede deiner Töchter und ihre arme Mutter und dann komm zu mir!« So sei's. Ist das nicht ein heiterer Brief? Kürzlich hörte ich beim Mittagessen meine Nachbarin (die in der gewissen Art durch ihre hübsche Nase redete, an der ich meine geliebte Republik erkannte) zu der neben ihr sitzenden Dame sagen: »Kennen Sie Howadji? Er ist im Begriff, sich mit Miß (den Namen habe ich vergessen) in Boston zu verheiraten.« Ist das wahr? Bestellen Sie dem Jüngling meine Empfehlung; ich wollte ich könnte sie morgen abend persönlich zu den Centurionen bringen. Gestern war ich der einzige Engländer an der Tafel; fünf Franzosen, vier Deutsche, vierundzwanzig Amerikaner – und darunter solche Landstreicher! Unsere beiderseitigen Nationen haben sich in Rom gar nicht miteinander vereinigt und tun es hier ebensowenig. Ich habe mich mit den armen Menschen, den Storys angefreundet; sie hatten gerade ihren Sohn verloren, und das letzte, was ich von ihnen hörte, war, daß sie in einer Stadt nahe bei den Pontinischen Sümpfen zwischen hier und Rom Halt machen mußten, weil das ihnen verbliebene Kind am Fieber erkrankt war. Es soll schon seit fünf Monaten krank liegen. Es gab schrecklich viel Krankheit in dieser Jahreszeit. – Da, nun fange ich wieder an munter zu werden! Das Papier hat nicht mehr viel Raum für Brummen und Trübsalblasen, aber es ist gerade noch Platz genug, um Ihnen, meine liebe Freundin, zu sagen, wie liebevoll ich Ihrer aller gedenke und wie aufrichtig ich der Ihrige bin.

W. M. T.

Welch ein Trost ist es zu denken, daß der nächste Brief direkt nach Kensington geht, ungefähr am 1. Mai.

 

XXXII.

36 Onslow Square, Brompton,
18. Mai 1854.

Jetzt ist Miß Lucy an der Reihe, ein kleines Briefchen zu bekommen. Ist sie wirklich an der Reihe? Dabei sind wir schon eine ganze Meile und drei Tage über ihren Geburtstag hinaus, an dem sie doch eigentlich einen hätte bekommen müssen. Und wenn man die Zeit so verbummelt hat, kann man da noch mit Glückwünschen kommen? B. würde das nicht tun, oder würde sich jedenfalls sehr schnell davon machen, wenn er es getan hätte. Nun also – so ist es gekommen, meine Liebe (ziehen Sie die Stirne nicht so kraus und ballen Sie nicht die Fäuste und stampfen Sie nicht so), – ich habe wahrhaftig an diesem Tage schon vierzehn Geschäftsbriefe geschrieben – nein nicht vierzehn, nur dreizehn. Einer war an die Fräulein A. und M. Thackeray, um ihnen zu sagen, daß sie am Sonntag von Paris nach Boulogne kommen sollten, wo ihr Vater auf sie warten und sie abholen würde, aber die anderen handelten fast alle von anderer Leute Geschäfte. Dies ist nämlich der erste Tag, den ich in dem neuen Hause zubringe, und es fehlt darin noch so viel, wegen dessen ich schreiben muß. Etwas Traurigeres, Unbehaglicheres als so ein neues Haus, in dem erst zwei Zimmer fertig sind, kann sich ein Sterblicher gar nicht vorst–. Diesen Satz will ich nicht ausschreiben, denn er ist nicht wahr; es gibt in Wirklichkeit fünfzigtausend Häuser in London, die noch viel unbehaglicher sind.

Ich bin begierig, ob die nach der Youngstraße (wo ich keinen Diener zurückgelassen habe) adressierten Mix-pickles und Pfirsiche, über die Ihre liebe Mutter mir in einem ihrer letzten Briefe schreibt, glücklich von Kensington nach Brompton gelangen werden. Ich fürchte beinah, daß sie mir entgehen werden, und daß die Spitzbuben, denen sie anvertraut worden sind, sich meinen Wohnungswechsel zunutze machen und meine Eßwaren an sich nehmen werden. Sie haben keine Ahnung, welchen Wert ich auf diese Früchte lege, und daß es in meinen Augen auf der ganzen Welt keine so guten Pfirsiche gibt wie diese. – Also Sarah hat um zwanzig Pfund an Gewicht zugenommen und sieht wieder so schön aus wie je! Eben wird an der Klingel gezogen, und von diesem Klang hängt vielleicht meine Zukunft ab.

Was denken Sie, wer es war? Es war eine Erzieherin und Gesellschaftsdame, und sie kam in Gestalt einer so gezierten, liebäugelnden, seufzenden, sentimentalen alten Jungfer, daß ich nach einer halbstündigen albernen Unterhaltung mit ihr froh war, sie los zu werden. Zu ihrem Trost sagte ich ihr, ich fürchtete sie wäre zu hübsch, und da dies nicht verfing, unterwarf ich ihr Französisch einer Prüfung, und da gab sie sich so furchtbare Blößen, daß das arme Ding selbst einsah, daß alles aus war und sich zum Zimmer hinausknixte. Armes Ding! Da ist sie fünf Meilen hergekommen in ihrem neuen Hut, neuen Kleid, neuen Shawl, um einen brummigen, mittelalterlichen Herrn anzutreffen, der eine Zigarre rauchte und ihr den Abschied gab. Ich muß schon die deutsche Dame nehmen, das wird das Ende vom Liede sein! Habe ich Ihnen schon von der deutschen Dame geschrieben? Auf meiner Erzieherinnenjagd geriet ich eines Tages in eine Schule, das deutsche Gymnasium genannt. Sie war so nett, sauber und freundlich, hatte eine so nette Vorsteherin, daß ich bedauerte, sie nicht schon vor zwei Jahren entdeckt zu haben, denn sonst hätte ich sicher während meiner Reise in ein gewisses Land meine Mädchen dorthin geschickt. Dann könnten sie jetzt deutsch sprechen, hätten Geschichte gelernt, wären in allerlei Arten von Wissenschaft bewandert und nach allen Richtungen gebildet, während sie jetzt vollständig unwissend sind und nur in einer Kunst und Wissenschaft etwas leisten, nämlich in der, ihren alten Vater zu lieben. Ich kenne zwei junge Damen in Newyork, die diese Kunst auch üben, ich meine ihren Vater zu lieben und außerdem auch den Vater meiner Töchter ein wenig, nicht wahr? Was für unnützes Zeug schreibe ich da! Wissen Sie, warum ich noch fortfahre, obwohl es schon 7½ ist, obwohl ich weiß, daß der Brief dumm ist und obwohl ich einen Wolfshunger habe? Nun, weil ich morgen in aller Frühe nach Boulogne abfahren will, und weil ich heute Abend zum ersten Male in die große Welt muß, zu Lady Ashburton und Lady Granville; wenn ich also nicht jetzt schreibe, würde meine Schuld an die liebe gute Lucy Baxter noch zehn, wenn nicht zwanzig Tage ungetilgt bleiben. Ich wollte all meine anderen Schulden wären auch schon bezahlt. Aber ach, die Tapezierer, die Zimmerleute, die Glaser, die Metallarbeiter u.s.w., die man in einem neuen Hause braucht! Ach, diese Rechnungen, diese Rechnungen!

So, jetzt will ich meinen Brief schließen und Ihnen allen meine herzlichsten Grüße senden, den alten Leuten und S., L., W., G., L., O. und der Mrs. Snelling und ihrer Familie und allen, die sich meiner erinnern.

Ihr Ihnen zugetaner alter Freund
W. M. Thackeray.

 

XXXIII.

Chateau de Brecrecque
Boulogne sur Mer (1854).

Haben wir nicht heute den 18. Juli und erwartet nicht Miß Libby einen Brief an diesem Jahrestage? Ja, und Miß Lucy müßte auch einen haben und ist hoffentlich eifersüchtig, weil sie keinen bekommt – aber Sie müssen bedenken, Miß Lucy, daß heute auch mein Geburtstag ist, darum schreibe ich heute nur an eine. Zwar, was bedeuten Geburtstage nach dem vierzigsten Jahre? Es ist damit wie mit den Eisenbahntunnels (einer unbekannten Sache in Ihrem freien Lande); man dringt tiefer und tiefer in die Dunkelheit ein, und der helle Punkt, von dem wir ausgingen, wird schwächer und schwächer, bis er ganz erlischt und unsichtbar wird. Libby ist gerade erst am Anfang ihrer Lebensreise; sie ist noch nicht müde von dem Stoßen, dem Staub, dem Einerlei und den harten Sitzen. Ob sich wohl einige nette junge Männer mit ihr in demselben Wagen befinden? Das machte den Verlauf der Reise viel angenehmer. Meinen Augen wenigstens war vor fünfundzwanzig Jahren, als ich mich in Miß Libbys Alter befand, der Anblick eines gegenübersitzenden jungen Mädchens sehr wohltuend. Jetzt ist es natürlich anders. Ich war ein ehrwürdiger alter Vogel, als ich in Amerika war, aber jetzt bin ich wenigstens fünfzig Jahre älter und glaube bestimmt, daß ich nicht mehr lang auf dieser Welt bleiben werde. Es liegt mir nicht viel daran, länger da zu verweilen, als bis Anny und Minny gut versorgt sind. In diesem Augenblick harkt Minny draußen im Garten – in einem so hübschen, stillen, freundlichen, grünen, feuchten und ungesunden Garten! Fast alle Leute hier im Hause waren erkältet. Ich bin eine Woche in Paris gewesen, nachdem ich vorher hier vierzehn Tage wie ein Trojaner gearbeitet, ganz zurückgezogen gelebt, keine Besuche gemacht und empfangen hatte. Ich kaufte Uhren und allerlei Schnickschnack für das neue Haus in London, welches ich, wie mir jetzt vorkommt, nie mehr sehen möchte, ging jeden Abend ins Theater und besuchte nicht einmal Miß Davis von Newyork, obwohl sie in demselben Hotel wohnte. Aus diesem Geschwätz können Sie entnehmen, daß ich nicht viel Neues zu erzählen habe. Aber der größte Teil des Lebens besteht aus solchen Nichtigkeiten – mit dreiundvierzig Jahren wenigstens – mit achtzehn ist es anders. Da sehen die Augen die Dinge mit dem ihnen eigenen Sonnenschein an. Und nun sagen Sie mir, wird nicht bald ein Hochzeitskuchen aus dem braunen Hause kommen? Tritt kein junger Mann auf den Plan? Es ist schrecklich – ich schäme mich fast, es zu sagen – daß ich die Nummer des braunen Hauses vergessen habe. Wie vergeßlich man mit dreiundvierzig Jahren (meinem Alter) wird, ist ganz schrecklich. Gestern kam ein Mann auf mich zu und sprach mich am Hafendamm an. Guten Abend, sagte er, kennen Sie mich nicht mehr? Nein, sagte ich ganz vergnügt; nicht im geringsten, mein guter Herr. Ich vergesse sogar die Nummer des Hauses, in dem ich fünf Jahre lang wohnte, ehe ich nach Kensington zog. Doch halt! es ist 286. O du Narr! was wird das nach einigen zwanzig Jahren zu bedeuten haben?

Kürzlich fing ich an, ein Gedicht auf den Tod der [Sontag] zu machen, stellte es aber ein, da ich bemerkte, daß es gar nicht von der [Sontag] handelte, sondern von mir. Guter Gott, für was für einen Engel hielt ich sie vor gerade fünfundzwanzig Jahren – sieben Jahre, ehe Miß Libby Strong geboren wurde! Es muß etwas Unheilvolles in der Luft sein, denn anstatt einer jungen Dame einen heiteren Geburtstagsbrief zu schreiben, fülle ich diese Seite nur mit Düsterem: mit Sterben, Seelenmüdigkeit, abnehmendem Gedächtnis, zunehmender Altersschwäche und baldigem Abgang. Vielleicht kommt das daher, daß ich den ganzen Tag anstrengend gearbeitet habe und diesen Brief so eilig schreibe, als ob mein Leben daran hinge, daß Mr. Dickens ihn in seiner Tasche über das Wasser tragen und nach Liverpool befördern kann. Ich habe gestern mit ihm zu Mittag gespeist. Er hat neun Kinder – sieben davon sind Jungen – wir machten Pfänderspiele und ergötzten uns an »Buzz«. Kennen Sie das? Ich glaube, daß sogar Buzz mir überdrüssig würde, wenn ich es eine Zeit lang genossen hätte.

Doch nun ist es Zeit, diese Blätter zusammen zu falten und zum Boot hinunter zu tragen. Ich stelle mir vor, daß ich jetzt in Newyork wäre und möchte wohl wissen, ob mir zur Feier Ihres Geburtstags gestattet würde – vous comprenez – und ob ich nicht, da es auch mein Geburtstag ist, mir erlauben dürfte, es ringsum zu tun? Ich glaube wirklich ich würde einen Hundertdollarschein für diese Erlaubnis hingeben. Das wären dreiunddreißig Dollars und dreiunddreißig Cents für das Stück und ein Cent bliebe noch übrig. Miß Libby wird sagen: Ich weiß nicht, was Sie mit Ihren Cents wollen; ich weiß nur, daß Sie viel Noncents reden. Das stimmt. Aber ist nicht ein großer Teil des Lebens Nonsens? Warten Sie, bis Sie fünfundzwanzig Jahre älter sind, wie manche Leute, dann werden Sie es erleben.

Ich sende allen im braunen Hause herzliche Grüße, überall hin, wohin Sie geführt werden mögen, in Sonnenschein oder Schatten, und bleibe der drei jungen Damen ergebener alter Freund

W. M. T.

Einer meiner Freunde geht nach Newyork. Dem werde ich einen Brief mitgeben. Er ist ein sonderbarer Kauz. Das Original des Chevalier Strong in Pendennis.

 

XXXIV.

3. August 1855.

Meine liebe gute Mrs. Baxter. Es bleibt mir nur eine Minute, um für Ihre freundliche Aufforderung zu danken, aber wir haben Rat gehalten, meine Mädchen und ich, und sind mit sehr schwerem Herzen überein gekommen, daß es besser ist, wenn sie zurückbleiben und für die Großmutter und Colonel Newcome sorgen.

Meine Fahrkarte ist für den 13. genommen. Wie werde ich mich freuen, wenn Sie den Vorschlag, den ich Ihnen von Paris aus machte, annehmen würden, und wir uns in Boston zu einem gemeinsamen Besuch des Niagara treffen könnten. Aber was ist das mit meinen Briefen? Ich bin überzeugt, daß wenigstens zwei oder drei verloren gegangen sein müssen.

Ich bringe einen gutmütigen, hübschen, einfachen Jungen, Sohn meines Nachbars Baron Marochetti, mit. Ich sah ihn vor zwei Tagen auf den Stufen vor seiner Tür stehen und rief ihm vom Fenster aus zu: Moritz, willst Du mit mir nach Amerika gehen? und er war gleich einverstanden. Er sieht sehr gut aus und beabsichtigt die Bälle mitzumachen.

Es wird mir sehr schwer, mich hier loszureißen, aber o wie schön wird es sein, Sie alle zu sehen!

W. M. T.

 

XXXV.

36 Onslow Square, Brompton
Freitag, 5. Oktober 1855.

Meine lieben Freunde! Was für ein Dummkopf war ich, daß ich Sie nach Boston bestellte! Denken Sie nur, ich glaubte Boston wäre viel näher bei Buffalo als Ihr Dorf, und deshalb bat ich Sie, mir entgegen zu kommen. Wie freundlich von Ihnen, daß Sie bereit waren zu kommen! Aber um die Befriedigung zu haben, Sie ein oder zwei Tage früher zu sehen, darf ich Sie nicht einen Umweg von hundert Meilen machen lassen. Ich werde Ihre Gesichter oder einen Brief von Ihnen in Haus Tremont bei Boston sehen, nicht wahr? Ich habe mich für Georg I., II. und III. vorbereitet und kann also einen oder zwei Tage für den Niagara erübrigen. Ich drücke Ihnen allen die Hand und bereite die Mädchen auf das vor, was ich zu tun beabsichtige, wenn ich sie sehen werde. Ich wollte ich könnte mein eigenes liebes Weibervolk mitnehmen, aber wir haben die Sache oft besprochen und sind übereingekommen, daß es am besten ist, wenn sie bei ihrer Großmutter bleiben. Gott schütze alle Kranken, Kinder und Reisenden zu Wasser und zu Land. Sagen Sie Putman, daß er ein gutes Zimmer für mich bereit halten solle und eines für meinen Sekretär. Willy wird für den letzteren ein guter Freund sein. Und so leben Sie wohl, bis wir uns, so Gott will, sehen.

W. M. T.

 

XXXVI.

November 1855.

Wie geht es Ihnen allen? Ich bin den ganzen Tag bis zu diesem Augenblick an der Arbeit gewesen und möchte so gerne zum Mittagessen kommen. Aber wäre es nicht vernünftiger, wenn ich hier nach dem Essen auf mein Zimmer ginge und Georg I. durchläse? Ja, wahrlich – und so sage ich Gott segne Sie, anstatt guten Morgen.

 

XXXVII.

Tremont, 11. Dezember 1855.

Meine liebe Freundin, ich habe ein Gefühl, als ob ich Unrecht tue, und doch tue ich recht. Ich lag in der Nacht stundenlang wach, nachdem Baxter mir an jenem Abend gesagt hatte, daß er wünschte, ich käme morgen nach Newyork. Ich dachte an alle Güte und Aufmerksamkeit, die Sie mir erwiesen haben und fühlte, daß ich alles tun möchte, was Ihnen Freude machen könnte, aber ich bin hier zum Mittwoch durch eine Verabredung gebunden und durch eine zweite am Donnerstag. Soll ein Mensch, der Fieberfrost hat, eine Zusage brechen, neun Stunden reisen, nur um ein hübsches Mädchen glücklich werden zu sehen? Es würde Ihnen unangenehmer als mir selbst sein, wenn ich krank werden sollte, und ich glaube, dazu wären alle Aussichten vorhanden, wenn ich diese beiden Fahrten machte. Nach vierstündigem Fahren bin ich fiebrig, unruhig und genötigt mich hinzulegen. Nein. Es war meine Pflicht hier zu bleiben. Ich bitte Gott von Herzen, daß er Sarah segnen und sie glücklich machen möge. Gestern hörte ich von Mrs. P. eine so rühmende Äußerung über ihren Verlobten. Sie, die Mrs. P., fand ich sehr vorteilhaft verändert und glücklich geworden durch ihre Verheiratung, daß es wohltuend war, sie zu sehen. Möchte es Ihrer Tochter auch so gehen. Ich weiß, daß Ihre Zeit besetzt und Ihr Herz voll ist und sende Ihnen deshalb nur einen Händedruck und die herzlichsten besten Wünsche für Sie alle von Ihrem

W. M. T.

Meine liebe Sarah. Ich kann nicht kommen, aber ich sage von ganzem Herzen: Gott segne Sie und Ihren Mann. Ich hoffe, daß er mein Freund werden wird, und ich immer der Ihrige bleiben werde.

W. M. Thackeray.

 

XXXVIII.

Tremont, Sonnabend, 15. Dezember 1855.

Mein lieber Mr. Baxter. Ich glaube es wird Ihnen eine Genugtuung sein zu hören, daß ich an jenem Mittwoch einen schönen Anfall von Krämpfen bekam (die ich zum Teil grinsend ertragen mußte, während eine Quäkerfamilie mich bekomplimentierte), und daß die Krämpfe in der Nacht noch viel schlimmer wurden, und daß ich gestern den ganzen Tag mit beträchtlichen Schmerzen im Bett lag und meine Vorlesung in Providence aufschieben mußte.

Stellen Sie sich vor, ich hätte diesen Anfall am Mittwoch in Newyork bekommen? Da hätte ich die Vorlesung an diesem Abend versäumt, die vom Donnerstag, Freitag und Sonnabend auch (denn ich bin so schwach, daß ich kaum das Papier sehen kann, und Sie werden zugeben, daß es eine ganz andere Sache ist, fünf Minuten in einem Wagen nach dem Hörsaal zu fahren, als eine neunstündige Fahrt zu machen, um hinzugelangen), und dann wie würde Baxter bedauert haben, daß ich die Einnahme von vier Tagen verloren hätte, um einer Zeremonie willen, der ich gerade so gern beiwohnen möchte, als ich dabei sein möchte, wenn einem meiner Kinder ein Zahn ausgezogen wird. Es war mir ein Trost, als der Anfall kam, mir das alles vorzustellen und den Seufzer auszustoßen: »So, jetzt wird Baxter sehen, daß ich recht hatte.« Ist der verhängnisvolle Tag gut vorübergegangen? sind die Tränen getrocknet, und hat die schöne Neuvermählte Sie verlassen? Ich weiß nicht, ob ich gern etwas davon hören möchte. Was für ein Schlag muß es für Sie beide gewesen sein! besonders für den Vater. Ich bin überzeugt, daß ich es meinen Töchtern nie ganz verzeihen würde, wenn sie sich verheirateten – eine sehr tadelnswerte Gesinnung. Habe ich mich nicht selbst verliebt, habe ich nicht selbst geheiratet? steht nicht geschrieben, daß ein Weib Vater und Mutter verlassen soll u. s. w. Ja, das ist alles sehr schön, aber man bleibt doch bei seiner Meinung; ich jedenfalls. Und so ist es also nun geschehen, und ich habe nicht die Absicht, Sarah zu verzeihen; das ist das größte Kompliment, welches ich ihr machen kann.

Endlich habe ich Briefe von den Mädchen und dazu zwei von dem Postmeister in Paris, der seine Briefe unfrankiert schicken kann, der verfluchte Kerl, aber die der Kinder nicht. Sie sind glücklich, ziemlich wohl, fleißig, gehen oft genug aus, und der alte Großvater und die Großmutter tun ihr Bestes, den jungen Mädchen den Aufenthalt in ihrem Haus angenehm zu machen. Ich bin neugierig, ob ich nicht eines Tages plötzlich zurückeilen werde zu ihnen, wie bei einer früheren Gelegenheit? Vor ein paar Tagen erhielt ich einen anonymen Brief, der einen Zeitungsartikel enthielt, der mich in der gemeinsten Weise angriff. Guter Gott, dachte ich, wie habe ich mich in eine Lage begeben können, die mich zwingt, mir etwas derartiges gefallen zu lassen? Welche Geldsumme kann einen Menschen für eine solche Unbill entschädigen? Wohl habe ich zu Hause auch anonyme Briefe bekommen … – Es war gut, daß ich gestern mit diesem klagenden Brief hier aufhörte – ich war den ganzen Tag und die ganze folgende Nacht sehr unwohl und hätte sicher gestern abend und heute abend keine Vorlesung halten können, wenn meine Krankheit mich in Newyork überfallen hätte. Also müssen wir uns noch einmal über eine Abwesenheit trösten, die schließlich niemand untröstlich gemacht hat. Das ist alles Unsinn – mein Kopf ist so schwach, daß ich kaum vernünftig schreiben kann, aber ich kann wenigstens lesen und die Ruhe der Selbstsucht genießen. Ich habe das Leben Goethes gelesen, des alten Rackers, der mit fünfundsiebzig Jahren noch eine große Leidenschaft für ein junges Mädchen faßte und eine tiefe Wunde davon trug – das Mädchen »wurde in die Schule zurückgeschickt«.

Wenn Sie mich jetzt sehen könnten, würden Sie mich in einer großen Leidenschaft erblicken, weil ich keine Feder zum Schreiben bekommen kann und kein Papier, das mir zusagt, weder glattes Papier, noch rauhes, weder eine Goldfeder noch einen Gänsekiel. Was werden wir Männer für [selbstsüchtige] Narren, wenn wir krank sind! Dieser Brief sollte nur von Ihnen handeln und von Sarah, von der Hochzeit, von dem Schmerz der armen Lucy – und nun spricht er nur von mir und meinen kleinen Zweipfennig-Wehs und -Nöten. Aber es schadet nichts. Ihr Herz ist so unvernünftig weich, daß, wenn ich Ihnen sage, daß ich krank bin, (da! sie schreibt immer noch nicht, obwohl sie frisch geschnitten ist!) Sie sofort Ihren eigenen Kummer vergessen, und insofern tue ich doch etwas Gutes mit meinem Brief. Aber bitte, schreiben Sie mir, wie es bei Ihnen steht. O Himmel! was litt ich gestern für Qualen während meiner Vorlesung! Niemand würde der sanften Heiterkeit meines Gesichts angemerkt haben, was in meinem Inwendigen vorging!

 

XXXIX.

Gilmore Haus, Baltimore
Freitag, 11. Januar 1856.

Meine liebe Mrs. Baxter, der Anblick Ihrer willkommenen Handschrift erfreute mich in Philadelphia, und jetzt ist es sechs Tage später, und ich bin in Baltimore. Wir bringen es hier nur zu einer sehr mageren Zuhörerschaft. Die Operngesellschaft hat sich meine Abende ausgewählt, und die hübschen jungen Mädchen von Baltimore – wer möchte sie deshalb tadeln? – ziehen den unterhaltsameren Zeitvertreib vor. Der Ärger des Mr. Bradenbaugh, meines hiesigen Felt, über die nur halbgefüllten Säle macht mir Spaß; er ist empört, daß die Zuhörer großenteils zu der anderen Unterhaltung laufen. Die Operngesellschaft besteht aus hundert Mitgliedern, von denen es vielen an Brot fehlt; sollte ich mich da ärgern, daß sie mir die Butter von meinem großen Brote nehmen? Das schlechte Wetter schadet uns auch. Das gleiche war in Philadelphia der Fall; immerhin machten wir dort ganz gute Geschäfte, und die letzte Vorlesung war ausgezeichnet besucht. Es ist mir nicht gut gegangen, und die Krankheitsanfälle wirken sehr niederdrückend auf mich; das Verlangen nach Hause zu eilen, wird zu solchen Zeiten überwältigend. Aber wenn man auch nach Hause geht, die schwarzen Grillen begrüßen einen auf der anderen Seite des Wassers doch wieder! Ich habe in Philadelphia vortreffliche Gesellschaft, viel Wohlwollen und Gastfreundschaft gefunden – dasselbe war hier in etwas geringerem Grade der Fall. Aber das Ausgehen zum Souper nach den Vorlesungen, wenn man müde und krank ist, alle Gesellschaft haßt und zu Bett gehen möchte, ist fürchterlich. Gestern abend redete ich die sehr hübsche Dame des Hauses zweimal an; das erstemal unterhielten wir uns über Landschildkröten und deren Wohlgeschmack, das anderemal über altes Porzellan – das war alles. Warum hat sie mich eingeladen? Was für einen Begriff wird sie von der Unterhaltung eines Literaten bekommen? Aber ihr Mann wäre schwer enttäuscht gewesen, wenn ich seine Einladung nicht angenommen hätte. Ich wollte, ich könnte immer gute Miene zu meinen guten Taten machen! Weiter habe ich nichts zu berichten. Ich habe den dritten Band von Macaulay gelesen, er hat mich nicht so angezogen wie Prescott und ist nicht annähernd so gut wie die beiden ersten Bände. Er ist auch krank gewesen. Seine Kraft scheint erlahmt seit den ersten Teilen des Werkes.

Es schien mir schon damals, als ich bei den guten S.s zu Mittag aß, als ob der Tod seinen Stempel auf das Gesicht jenes armen Jungen gedrückt hätte. Ein traurig bittender Zug in seinen Augen erschreckte mich – und nun sind sie geschlossen, und er weilt nicht mehr unter uns! Ihre liebevollen Herzen werden schwer verwundet sein. Solchem Schmerz gegenüber gibt es keine Worte. Man nimmt nur still den Hut ab und läßt den Trauerzug vorüberziehen. Gott stehe den Leidtragenden bei. Daß ich einige so gute Menschen wie diese S.s kennen gelernt habe, erweckt mir Liebe zu Ihrem Land. Warum sollten Sie nicht auf einige Zeit nach Boston gehen, um diese Fieberanfälle bei Ihren lieben Kindern zu unterdrücken? In der Gegend von Riverdale kommt kein Fieber vor, aber freilich hat man dort auch keine guten Ärzte bei der Hand. Später einmal, nach längerer Zeit, werde ich an die Dame schreiben, von der sie sprechen, aber jetzt kann ich es noch nicht – es steht etwas zwischen uns. Ich könnte stundenlang allein neben ihr sitzen und wäre nicht imstande meinen Mund aufzutun, ebensowenig wie gestern abend bei der Dame mit den Schildkröten. Wenn meine Mädchen einmal dies Unvermeidliche, Natürliche, Berechtigte tun werden, wird es Jahre dauern – das weiß ich – bis ich mich damit aussöhnen kann … Wir müssen uns selbst und andere mit den Eigentümlichkeiten, die wir einmal haben und nicht ändern können, hinnehmen. Vorstellungen helfen da nichts und ändern kann man sich auch nicht. – So, nun habe ich eine ganze Weile mein Geschriebenes wiedergekäut, bin die Seiten noch einmal durchgegangen und habe fleißig Kommas angebracht, die Striche durch die t und die Punkte auf die i gemacht. Ich fing an, eine Zuneigung zu einer sehr netten Frau in Philadelphia zu fassen; sie ist die Witwe des armen Henry Reed, der am Nordpol umgekommen ist – eine traurige, klagende, sanfte, verständige und empfindsame Person. Dann ist da noch eine andere, eine Mrs. Neilson, strahlend wie Sonnenschein, mit einem tapferen alten Vater (Lewis), der mir ungeheuer sympathisch ist. Dann haben wir hier noch Bradenbaugh, einen klugen Mann, aber ungeschliffenen Diamanten, Mr. Wallace, einen sehr eleganten Gelehrten, Mr. J. P. Kennedy, einen äußerst angenehmen und gutmütigen Mann; dieser letzte hat mich in einen Klub eingeführt. O ihr Götter, in was für einen öden Klub! Und was für ein jammervolles Diner gab es da! Und was für ein dummer Mann war dabei, der durchaus sprechen mußte! Wie kann man ein Briefblatt mit solchen Lappalien anfüllen? Ich schicke Ihnen allen die herzlichsten Grüße und den S.s meine besten Empfehlungen. Ich weiß noch nicht, was ich zunächst tun werde, habe noch keine Pläne gemacht. Werde ich nach dem Süden gehen oder nicht? Leben Sie wohl, meine lieben Freunde und grüßen Sie das ganze braune Haus und seinen Herrn. Ich bin immer der Ihrige

W. M. T.

 

XL.

Savannah, 17. Februar 1856.

Meine liebe Mrs. Baxter. Ein Briefchen von Lucy aus Charleston erreichte mich gestern abend und teilte mir zu meiner großen Betrübnis, aber nicht zu meiner Überraschung mit, daß Sie sich mit all dem Wachen, Sorgen und Pflegen auch krank gemacht haben – gewiß muß sich in dieser Ecke der zweiten Avenue eine Malaria eingenistet haben, und Sie sollten alle wenigstens auf einige Zeit in ein gesünderes Klima gehen. Wie frisch sahen Ihre Mädchen (ich möchte beinah sagen unsere Mädchen) in Charleston aus! Sally in ihrem blauen Kleide mit den Spitzen – im Wert von zehntausend Dollars –, die sie von mir, und im Wert von zehn- bis hunderttausend Dollars, die sie von ihrem Vater hat, sah so reizend aus, wie eine zum Ball geschmückte Märchenprinzessin. Ihr Mann wurde mir von Tag zu Tag lieber, so oft ich ihn sah. Ich fand, daß ihr Schwiegervater ein feiner, höflicher, alter Herr war, und daß seine Schwiegertochter einen glücklichen, gereiften Eindruck machte, und daß sie ihren Namen und ihre Stellung mit viel Verstand und heiterer Anmut trug. Und was Lucy betrifft, so muß ich Ihnen sagen, daß eine große Partei von Lucy-Verehrern in Charleston war, und daß wir jungen Gesellen alle in der Bewunderung ihrer Schönheit übereinstimmten (das Aussehen ist es, fürchte ich, immer, auf das wir jungen Schwerenöter zuerst sehen) und in der Bewunderung ihres lieblichen natürlichen Wesens, das ihr alle Herzen gewinnt. F. H. und ich begegneten uns in dem Widerwillen gegen eine gewisse Person, deren [Namen] Sie vermutlich erraten können. Und doch, so gemein auch dies Individuum ist, so habe ich fast eine Zuneigung zu ih… (Himmel, nun war ich nah daran, das Geschlecht zu verraten!), und ich war froh, daß Sarah freundlich gegen die betreffende Person war. Ich schreibe nur albernes Zeug, da ich sonst nichts zu sagen habe. Das beschwerliche Vorlesegeschäft geht weiter; die Dollars laufen in kleinen Häufchen herbei und jede Woche macht die Mädchen um fünfhundert Dollars reicher, und beinah jede Woche bringt mir einen beglückenden Brief von ihnen. In Baltimore wußte ich nicht, ob ich mich nach dem Westen schlagen sollte oder nicht und hätte es beinah getan, weil Ino Crerar mir so dringend zuredete. In Richmond hatte ich eine kurze nette Zeit, eine sehr nette Zeit; ging bei Schneefall nach der Virginia-Universität, dann nach Charleston, dann – warten Sie – nach Augusta, dann hierher zu meinem Freund Low. Sein Haus ist seit meinem letzten Hiersein mit einer netten kleinen Frau und einem Baby geschmückt worden, und man genießt wohliges Behagen und Ruhe darin. Ich habe einen Paß für Havannah in meinem Schreibpult und wäre am Dienstag dahin gefahren, wenn sich nicht geldeinbringende Aussichten in Macon, Columbus und wahrscheinlich auch Montgomery eröffnet hätten; dann geht's nach Mobile und Neworleans; dann an den Mississippi, St. Louis und Cincinnati und wer weiß wohin noch, ehe mich mein Weg wieder nach Newyork führt. Im April wird der Schnee bei Ihnen geschmolzen sein, nicht wahr? Um diese Zeit werde ich, so Gott will, die zweite Avenue wieder sehen. Ich sehe und beobachte nichts mehr, und mein Leben sagt mir nicht besser zu, als zuvor, aber ich halte dauernd meinen Hut ausgestreckt, um die Dollars aufzufangen und bin entschlossen, mein trübseliges Lied weiter zu singen. Was tut's, wenn ich angeödet und gelangweilt bin? Ich kann schon einige wenige Monate der Langeweile für zwei so gute Töchter wie die meinigen ertragen. An jedem Ort finde ich gute und angenehme Menschen und bin immer etwas traurig, wenn ich mich von ihnen trennen muß. Also plage man sich weiter, bis der Sommer kommt und der Beutel ziemlich voll ist. Wollen Sie den Snellings sehr freundliche Grüße von mir sagen? Sie werden und müssen das braune Haus verlassen, um den armen kleinen George wieder auf seine Beine zu bringen. Was für ein prüfungsreiches Jahr haben Sie gehabt! Es war mir ein Trost, daß ich Lucy lächelnd und glücklich sah – im Begriff wieder gesund zu werden. Vermieten Sie das Haus: das ist meine feierliche Ermahnung, und werden Sie alle gesund! In Neworleans würde mich ein Brief treffen, oder senden Sie einen zu J. G. King, der wird ihn mir zukommen lassen. Halt! Da kommt Low mit seiner hübschen Frau aus dem Abendgottesdienst. Ich war am Morgen in der Kirche, und ich genieße so viele Laienpredigten in der Woche, daß (gelegentlich) eine am Sabbath genügt. O wie habe ich die Ruhe hier genossen! Das gemütliche Zimmer, das saubere Bett, die Stille, die Stunden, die man für sich hatte, – doch nicht ganz, habe ich nicht gestern sieben Briefe nach England geschrieben? Leben Sie wohl! Meine schönsten Grüße Ihnen allen. Sie wissen, daß ich immer der Ihrige bin.

W. M. T.

 

XLI.

Mittwoch 7. Mai 1856.
An Bord des Baltic, mit dem Lotsen an Bord.

Ich versuche am letzten Tag einer schauderhaft unbehaglichen Überfahrt zu schreiben (ich war im Begriff, eine Aufzählung aller dabei erlittenen Krankheiten zu machen, aber was kommt dabei heraus?), und Ihnen allen das Lebewohl und Gott segne Sie zu sagen, zu dem ich weder den Mut, noch die Zeit fand, als ich Newyork verließ. Der Prozeß des Abschiednehmens ist mir fürchterlich, wie Sie wissen. Als ich in Philadelphia zum letzten Male gütige Hände schüttelte und zu gastlichen Türen hinausschritt, war ich ganz traurig und fühlte mich fast schuldig. Warum sollte ich diese Abschiedsqual verlängern? Am vorigen Freitag, als ich den Broadway hinunterging, – das Wetter war hell und sehr warm – faßte ich einen meiner plötzlichen Entschlüsse und lief geradenwegs in das Bureau von Collins, und am nächsten Tage, ehe ich recht zur Besinnung kam, war ich auf und davon. So lebe denn wohl, braunes Haus (obwohl ich diesmal nur wenig von dir gesehen habe – guter Gott! wie traurig sah es aus, als ich eines Tages hinkam und niemand zu Hause war). Ein Lebewohl Ihnen, Mrs. Snelling, ein Lebewohl den guten Freunden in Boston. Wenn ich nun noch geblieben und meinen Platz schon für einen bestimmten Tag im voraus genommen und in der ganzen Runde Abschiedsbesuche gemacht hätte, was für eine Galgenfrist wäre das gewesen! Am letzten Abend hatten wir ein Diner in der Houston-Str. – was gab es da für erzwungene Scherze, für traurige Lieder, was für eine krankhaft lebhafte Lustigkeit! Aber mein Wirt, W. D. Robinson ist wirklich ein guter Kerl, so gastfreundlich, gütig und weichherzig! Ich weiß, daß ich nach kurzer Zeit Heimweh nach Amerika haben werde und Sehnsucht, Sie alle wieder zu sehen. Glücklicherweise ging ich zwei Tage vor meiner Abreise gelegentlich zu Tiffany und sah dieses niedliche kleine wunderliche Teekännchen, wie ich gewiß in England kein besseres finden könnte, und gab den Auftrag, daß es am 12. Dezember als ein Erinnerungszeichen an S. S. H. geschickt würde. Gott segne sie und alle, die zu ihr gehören. Nächstens hoffe ich zu hören, daß Sie winzig kleine Mützchen u. s. w. u. s. w. machen. Ich zweifle nicht daran, daß Sie eine schöne Zeit im Süden hatten. Es ist erst drei Nächte her, daß ich träumte, Lucy wäre mit einem ältlichen Arzt verlobt. Stimmt das?

Eines Sonntags sollte ich in Newyork zu Mrs. Snelling gehen, war aber so unwohl, daß ich das Haus nicht verlassen konnte, (bitte, Mrs. Snelling, nehmen Sie nachträglich meine Entschuldigung noch an), und die Woche lief ab, und am Sonnabend war ich unterwegs. Es ist jetzt ein Brief an meine Mutter auf der Post, der Liverpool erst gestern abend erreicht hat. Er geht mit der Cambria, die drei Tage vor uns Boston verließ und enthält natürlich kein Wort von meiner Heimkehr – wie wäre das auch möglich, da ich selbst noch nichts davon wußte?

Ich bin krank, habe einen meiner schönsten Anfälle auf dem Dampfer gehabt und bin seither keinen einzigen Tag gesund gewesen. Jetzt will ich mich entweder in London oder in Paris ins Bett legen und sehen, ob mein gebrechlicher Leib wieder zusammengeflickt und seetüchtig gemacht werden kann. Das Vernünftigste, was ich in den nächsten drei Wochen tun kann, ist, mich dem Kranksein zu überlassen, und dann wird man ja sehen, was für neue Arbeit getan werden kann. Man wird dann fortfahren abwechselnd zu arbeiten und krank zu sein u. s. w. u. s. w. bis –. In der Kabine sind drei gelbwangige papistische Priester; die wissen genau Bescheid über das zukünftige Gottesreich und haben die Schlüssel des Himmels in ihren Reisetaschen – aber warum wurde einer von ihnen beinah ohnmächtig, als sich kürzlich am Abend ein kleines Stürmeken erhob? Welche Unzahl von Himmelspforten haben wir erbaut, und wenn nun am Ende gar keine Mauern da sind? Doch das ist ein Geheimnis. Die hochwürdigen Osgood, Hawkes, Hughes haben die Aufgabe, sie zu bewachen, und ich bin jetzt – immer weiter schwatzend – fast schon im Dunklen unten an der Seite angekommen. Leben Sie wohl und Gott segne Sie, liebe Freundin. Mögen Ihre Kinder gedeihen und die zärtlichste aller Mütter auf Ihrer Seite des großen Wassers lange glücklich mit ihnen sein. Ich bin Ihr und Mr. Baxters

getreuer W. M. T.

 

XLII.

Brompton, Onslow Square 36
19. Juni 1856.

Meine liebe Freundin, es ist mir wirklich ein Trost, Ihre liebe Handschrift wieder zu sehen, und es tut mir wohl, daß Sie bedauerten, daß ich in dieser mir natürlichen plötzlichen Weise wegging. Es scheint mir jetzt schon zehn Jahre her zu sein. Aber es war am besten, daß ich zurückkam. Ich tue, was ich zu tun androhte: ich habe alle Arbeit und alle Vergnügungen aufgegeben und kuriere mich. Hoffentlich wird sich mein Befinden nun mit jeder Woche bessern. Es war hohe Zeit; mein Doktor hier sagt, daß er für mich gezittert hätte wegen der Gefahr, der ich mich durch meine Reise nach Amerika aussetzte. Ich habe sehr viel an Frost und Fieber gelitten, seit ich zurückgekehrt bin (sehen Sie nicht, wie meine Hand beim Schreiben zittert?), aber keine Krämpfe mehr gehabt in den letzten drei Wochen, und ich hoffe die Anfälle werden abnehmen, wenn meine anderen Übel kuriert sein werden. Wie langweilig war diese Zeit für meine arme Anny. Ich habe sie nur in sehr wenige Gesellschaften führen können, und wir gingen von den paar Bällen, die wir besuchten, um ein Uhr nach Hause, also gerade wenn es am lustigsten wurde. Sie ist immer liebenswürdig bereit, aufzubrechen oder auch ganz zu Hause zu bleiben, und sagt: Weißt du, wenn ich öfter hinginge, würden mir die Bälle lange nicht soviel Freude machen. Sie ist sehr beliebt, d. h. unter meinen älteren zopfigen Bekannten – und das gleiche gilt für die kleine Miß Minny, Gott sei's gedankt! Die Männer (und da sie keine Schönheit ist, auch die Frauen) rühmen ihr heiteres Temperament und ihre guten Manieren.

W. M. T. hat seit seiner Rückkehr nicht ein einziges Wort an seiner Arbeit geschrieben und wird es auch vor einem Monat nicht tun, nicht ehe es ihm besser geht. Und ich war nicht imstande, zu Hause Gesellschaften zu geben, was mich sehr verdroß, da einige Amerikaner hier waren, denen ich gern Gastfreundschaft erwiesen hätte; aber was kann ein Mensch tun, der fortwährend von Fieber u. s. w. bedroht ist?

Und so wäre nun der Streit zwischen uns beigelegt durch die Demütigung, die wir hinuntergeschluckt haben. Ich hätte sie nicht hinuntergeschluckt, denn diese Art von Demut wird von Ihren antienglisch Gesinnten jenseits des Wassers nicht verstanden oder anerkannt. Ach, es ist schrecklich, von diesen unchristlichen Zänkereien zu lesen. Ich fürchte ich bin längst kein so guter Amerikaner mehr, als ich nach meinem ersten Besuch war. All diese Schmähungen nagen an meinem Herzen, das, wie ich glaube, sehr großmütig, aber schrecklich unversöhnlich ist. Ashburton sagte zu einem meiner Freunde, daß ich »weich wie eine Frau, aber grausam wie Robespierre« wäre. Ich möchte wohl wissen, ob das wahr ist. Und ich möchte wissen, warum ich Ihnen diese Dummheiten vortrage. Ich hoffe, Sie werden meinen neuen Freund W. D. Robinson zuweilen sehen. Er ist eine so gute, lustige Seele. Ihn und Sie, die ich kenne (aber sonst nur sehr wenige) schätze ich aufrichtig. Sie sagen mir nichts von dem, was ich gern über Sarah gehört hätte. Ich habe mein Gelübde gebrochen und gestern bei Sturgis gespeist; ich saß neben des Chevalier Wykoffs Miß Gamble, die mir wie ein sich gut benehmendes, reinlich aussehendes, nettes ältliches Dämchen erschien. Aber zu Mr. Peabodys großem Fest im Kristallpalast zu gehen, hatte ich nicht den Mut. Jedermann sagte, es wäre das schönste Fest, das man je gesehen hätte. Nehmen Sie keinen Anstoß daran, daß ich so dumme Briefe schreibe? Ich bringe meine Tage damit hin, fern von der Familie in den Klubs herumzuschlendern, und werde jeden Tag schweigsamer. Charles ist in Amerika verdorben worden, fürchte ich. Er ist unzufrieden mit seiner Stellung und trachtet, wie ich vermute, danach, ein Speichellecker in einer vornehmeren Familie zu werden. Die letzte, die allerletzte meiner Flammen, mit Namen Jane Ingilby, hat sich in voriger Woche verheiratet mit einem großen Rechtsgelehrten, der zehntausend Pfund im Jahr einnimmt. Er ist in den Sechzigern, sie fünfundzwanzig Jahre alt. Und nun sind in meinem ausgeräumten Herzen nur noch die väterlichen Kammern besetzt. Wie viel mehr Stumpfsinn könnte ich noch auf dieser Seite anbringen? Nur noch freundliche Empfehlungen an Nr. 286 und an Ihre Schwester und herzliche Grüße von

Ihrem
W. M. T.

 

XLIII.

36 Onslow Square, Brompton, London,
12.-13. Juli 1856.

Kennen Sie diese Handschrift noch? Seit gewisse Verhältnisse eingetreten sind, haben Sie sie nicht oft gesehen. Ich schreibe tatsächlich jetzt keine Briefe mehr, ausgenommen ein oder zwei Dutzend kurze Geschäftsbriefe in der Woche. Beschäftigen sich Ihre Gedanken nicht viel mehr mit der kleinen Person, deren Ankunft mir angezeigt worden ist, als mit dem Ergehen von alten Freunden und dergleichen? Wir schlagen uns so oder so durch das Ungemach des Lebens hindurch. – Möchte Ihr Kinderzimmer belebt und munter sein!

Ich schreibe ziemlich krank im Bett liegend. Seit meiner Heimkehr bin ich krank gewesen und genötigt allen Eitelkeiten und allem Pomp dieser bösen Welt und allen sündhaften Lüsten der Saison zu entsagen. Es geht mir aber jetzt bedeutend besser, und ich schmeichle mir mit der Hoffnung, daß es noch besser werden wird. All die Schwermut, deren Sie sich erinnern, die trübe Gleichgültigkeit gegen das Leben u. s. w. kamen von körperlichem Leiden, nicht von [seelischem], wie wir uns romantischerweise vorstellten. Meine Übel haben sich bedeutend gebessert und mit der Krankheit schwindet die Schwermut. Im nächsten Jahr werde ich so munter wie ein Zwanziger und vollständig ausgesöhnt mit dem Leben sein; ich hoffe sogar wieder Interesse an Trivialitäten zu nehmen, an Karten, Politik, meinem Speisezettel oder dem meines Nachbars. Ich war zwei und einen halben Monat in London, ohne auch nur eine Spur zu arbeiten; ich habe nichts getan als gedoktert. Die arme Anny ist um die Vergnügungen der Saison gekommen; wir haben nur zwei größere Gesellschaften besuchen können, und nach jeder hatte ich einen Fieberanfall, so daß sie sich damit zufrieden gab, zu Hause zu bleiben … Das ist wohl allen Ernstes alles, was von mir zu sagen ist. Ich bin tot, gehe nirgends hin, tue, denke, schreibe nichts. Soll ich nicht lieber diesen Brief verbrennen, als ihn den weiten Weg nach der zweiten Avenue machen lassen?

Werde ich je wieder zu Ihnen kommen? Nicht zu öffentlichem Auftreten. Solch erniedrigenden Anfällen und Schmähungen der Presse will ich mich nicht wieder aussetzen. Diese Schufte von Zeitungsschreibern brachten es das vorige Mal fertig, den freundschaftlichsten Fremdling, der je ihr Land betreten oder verlassen hat, zu beleidigen und zu beschimpfen. Meine alten lieben Freunde sind mir noch grade so lieb wie früher, das dürfen Sie glauben, aber das Publikum ist durch bei mir.

Als ich gestern so weit gekommen war, erschien der Doktor, und jetzt ist es Sonntag morgen, 13. Juni, und obwohl es erst 10 Uhr ist, habe ich schon seit drei Stunden gefrühstückt und drei Zeitungen und drei Flugschriften über den Prinzen von Wales (meinen Liebling Georg IV) gelesen, und was in aller Welt soll ich nun noch sagen, um diese zwei Seiten zu füllen? Hier finden die Vorträge über die George viel mehr Anklang als bei Ihnen, wenn ich nach der Aufnahme urteilen darf, die ihnen bei einem kleinen Kreis, dem ich drei davon vorlas, zu teil wurde. Die schrecklichen Venables und Minny kamen in die erste Vorlesung. Vor der Kritik der letzteren fürchte ich mich mehr als vor jeder anderen. Venables sprach sich sehr anerkennend über Nr. 1 aus; die alte Lady Morley weinte bei Nr. 3 – Lord Morley, der doch zum Hof gehört, war nicht im geringsten skandalisiert –, kurz, es war augenscheinlich, daß die Leute sich sehr gut unterhielten. Ich las die Vorträge genau nach dem amerikanischen Manuskript, von dem Ihre Leute sagten, ich würde nicht wagen, es in England zu lesen. Ich würde sie auch öffentlich gehalten haben, wenn ich mich auf meine Gesundheit hätte verlassen können und nicht gedacht hätte, daß es vernünftiger wäre, ins Krankenhaus zu gehen. Ich bin jetzt fast wieder hergestellt, und wenn wir gesund sind, Himmel! was wollen wir da vergnügt und glücklich sein. Die Mädchen sind der Trost meines Lebens, das muß ich sagen. Jene Geschichte, von der ich einmal mit Ihnen sprach, war nur Unsinn. Der junge Mann war kürzlich in London, und ich lud ihn zu Tisch ein. Zuerst sagte ich es Minny; die lachte, und dann sagte ich es Anny; die lachte auch. Ihre romantische alte Großmutter hatte die Geschichte aufgebracht. Ob Sie nun auch lachen und denken, daß man mich zum besten gehabt hat? Nein, wenn etwas an der Sache gewesen wäre, so hätte es mir meine Tochter sicher gesagt. – Die kleine Anny Crowe wohnt noch bei uns und ist so gut und sanft, daß tatsächlich keiner in der Familie eifersüchtig auf sie ist … Mr. Charles Pearman hat sich bei seiner Rückkehr in das Heimatland nicht wieder zur Livree bequemt, sondern kleidet sich schwarz und spielt den großen Herrn. Die Ticknors sind hier. Es wird mir sehr schwer, daß ich kein Fest für sie veranstalten kann, aber der Arzt gestattet es mir nicht. So spare ich an Diners, was ich an ärztlichen Gebühren zahle. Unser kleines Haus ist wirklich hübsch. Ich kann nirgends ein freundlicheres entdecken, und wenn der Mensch einmal krank sein muß, so kann er ganz froh sein, wenn er es in einem so angenehmen Zimmer abmachen darf wie in dem, in welchem ich gerade schreibe. Es ist ruhig, hell, geht auf einen schönen Garten und eine grüne Allee. W. B. Astor mit all seinem Geld könnte sich in Newyork kein so hübsches Zimmer verschaffen. Dies sind also meine Neuigkeiten, Madame. Ich hoffe mein Teekännchen wird Ihnen gefallen. Nach meinem Geschmack war es so hübsch, daß es mir überflüssig erschien, den Broadway weiter abzusuchen. Ich schicke Ihrem Gatten die besten Grüße und bitte mich allen lieben Freunden jenseits in Erinnerung zu bringen. Während ich schreibe, kommen die Mädchen herein, und ich frage sie: »An wen meint Ihr, daß ich schreibe?« Minny wirft den Kopf zurück und sagt: an Sally Bax– Leben Sie wohl, meine liebe S. S. H. Immer

Ihr getreuer
W. M. T.

 

XLIV.

36 Onslow Square Brompton
2. November 1856.

Meine liebe Mrs. Baxter, ich muß versuchen, Ihnen aus dem Bett, auf dem Rücken liegend, einen kleinen Brief zu schreiben. Einer meiner alten Krampfanfälle nötigte mich, mich zu legen (O – O – Oho! er macht die Augen zu und stöhnt eine Weile), aber morgen muß ich wieder hergestellt sein. Ich muß ja vierhundert Meilen weit fahren, um in Edinburg Vorlesungen zu halten. Mit grimmigem Gesicht wünsche ich Ihnen, mein lieber Großvater und meine liebe Großmutter, Glück zu dem frohen Ereignis, das Sie mir anzeigten. Möge der kleine Mann gedeihen! möge er viel kleine und glückliche Nachfolger haben! Möge er nie in einem Eisenbahnwagen von Georgia einen Mord begehen oder erleiden; möge es zu seiner Zeit nicht mehr an der Tagesordnung sein, denjenigen Beifall zuzurufen, welche harmlose Senatoren mit Knütteln bearbeiten. (Oho! da fühle ich wieder einen kleinen Stich!)

Ich weiß nicht, was ich Ihnen über das Wo und Was und Wie meiner drei letzten Monate sagen soll. Es war eine sehr unbefriedigende Zeit. Zuerst gingen wir nach Spa in Belgien; das war ganz befriedigend, denn wenn ich auch nicht an meinem Buch geschrieben habe, so habe ich doch viel darüber nachgedacht. Dann ging ich an einem unglücklichen Tage nach Aachen und wurde dort krank wie jetzt, dann fuhren wir nach Düsseldorf am Rhein, von wo wir nach Paris eilten, weil wir vermuteten, daß meine Mutter auf die Nachricht vom Tode ihrer Schwägerin dorthin eilen würde, um den betrübten Witwer zu trösten. Aber wir fanden keine Mutter! Ihre Gegenwart war nicht nötig. Der alte Major gefiel sich an dem Ort, wo er sich befand, und wollte noch drei Wochen da bleiben. So mußten wir die drei Wochen in Paris abwarten und dann noch vierzehn Tage bei den alten Leuten verweilen, nachdem sie zurückgekommen waren. Dann kehrten wir nach London zurück, um uns für unseren Ausflug nach Schottland zu rüsten. Wir sollten in entzückende schottische Landhäuser gehen, die kleine Miß Min sollte in Gesellschaft eingeführt werden; sie trat zum erstenmal bei Russel Sturgis in einem hübschen weißen Kleid mit einem niedlichen kleinen fünfundzwanzig Pfennig werten Diamantenkreuz auf, das ein gewisser Papa ihr geschenkt hatte, – als plötzlich Charles Pearman von London ankommt mit telegraphischer Botschaft aus Paris: »Ihre Mutter krank. Kommen Sie.« Wir reisen zu viert ab und finden sie nicht sehr krank, aber ihren alten Mann in wahnsinniger Aufregung – und sie auch. Es wird ein homöopathischer Arzt nach dem anderen gerufen; ein Dienstmädchen nach dem anderen muß bei ihr wachen; endlich jagt sie in ihrer Angst die Homöopathen zum Tempel hinaus und versucht es mit den richtigen Ärzten und wird schnell gesund. Meine Mädchen sind aber auf diese Weise um ihren schönen schottischen Aufenthalt gekommen; sie müssen in Paris bleiben und die Patientin pflegen. Ich reise wieder ab und werde hier auch krank. Da haben Sie nun einen Bericht von einem höchst unbefriedigenden, unüberlegten, unbehaglichen Feldzug. Halt! Das ist noch nicht alles. In meiner Abwesenheit sind alle meine Korrekturbogen und alle Zirkulare Ihres Bruders Oliver ausgefegt und verbrannt worden. Was soll ich dabei machen? Schelten hilft nichts. Ich muß mir neue schicken lassen, die ich, so Gott will, bei meiner Rückkehr von Schottland vorfinden werde, und dann muß ich zurück zu meinen alten Leuten nach Paris gehen, denn sie wollen nicht hierher kommen, und man darf sie sich nicht selbst überlassen. Bei all diesen Verdrießlichkeiten haben sich meine Mädchen vorzüglich benommen: sie tragen ihre Enttäuschung auf das liebenswürdigste und lassen sich die gute Laune nicht verderben. So tun wir unser bestes, um das Gebot zu erfüllen, das die Verheißung hat, daß wir lange leben sollen auf Erden.

Ist das nicht ein widerwärtiger, trübseliger, abscheulicher Brief? Von meinem Buch ist noch kein Wort geschrieben, obwohl ich mich Stunden und Wochen daran geplagt habe. Schadet aber nichts; ich habe noch Zeit genug dazu. Da Mahomet nicht zum Berge gehen will, muß der Berg zu Mahomet kommen. Ich muß mein Haus abschließen und jedenfalls einige Monate in Paris bleiben. Aus diesem Grund habe ich eine Menge Aufforderungen zu Vorlesungen abgelehnt. Nun hoffe ich aber, daß ich Ihnen nie wieder einen so abgerissenen Brief schreiben werde! Und o, wie hoffe ich, daß ich zum Dienstag, 4. November gesund sein werde! Grüßen Sie Ihr Enkelchen von mir und auch seine Tanten und Onkel und alles, was zu Ihnen gehört. Zu denen rechnen Sie, bitte, immer Ihren getreuen, aber im Augenblick sehr unbehaglichen

W. M. T.

 

XLV.

Bradford, Manchester, 10.-12. Dez. 1856.

Es fällt mir ein, daß wir uns einem gewissen Geburtstag nähern, und ich wünsche Ihnen, daß er noch oftmals glücklich wiederkehre. Der Brief, den Sie mir kurz vor der Geburt Ihres Sohnes schrieben, war ein so tränenfeuchter, daß ich mich nicht dazu aufraffen konnte, ihn zu beantworten … Aber das war vor der Geburt des Knaben. Hoffen wir, daß das Leben jetzt andere Interessen und einen ganz neuen Reiz für Sie hat. Wollen Sie wissen, was ich seit Oktober gemacht habe? Nach meiner Rückkehr fand ich Ihren und Ihrer Mutter Brief, und seither bin ich kaum zu Hause gewesen, sondern wurde durch die Krankheit meiner lieben alten Mutter und die damit zusammenhängenden Plakereien in fortwährender Bewegung gehalten, und seit November ließen mir die Vorlesungen keine Ruhe; sie haben hier einen viel größeren Erfolg als in Amerika und bringen ebensoviel ein. Da die Leute hier mit dem Gegenstand vertrauter sind, alle Anspielungen besser verstehen u. s. w. haben sie mehr Freude an der Sache. Ich bin froh, daß es so ist, denn ich weiß, daß man in Amerika dachte, ich hätte einen minderwertigen Artikel eingeführt – hätte sozusagen Glasperlen statt echter geboten. Hier wird keine Zeitung sich so aussprechen wie Bennet, der sagte, daß jeder beliebige junge Mann abends in seinem Bureau mit Leichtigkeit eine solche Vorlesung niederschreiben könnte. Ich muß eine Seite überspringen, weil ich kein Löschpapier habe – und wie viel Briefe muß ich täglich schreiben! wenigstens neunzig in der Woche; darum habe ich auch die schräge Schrift wieder angenommen, denn sie geht schneller als die steile.

Meine Mutter ist sehr unwohl gewesen und noch mehr erschreckt als wirklich krank. Deshalb mußten meine Töchter, die gerade im Begriff waren nach Norden zu fahren, ihre Reise aufgeben und zu ihr gehen, um sie zu pflegen. (Wir wurden aus einer Gesellschaft bei Russell Sturgis, der ein palastartiges Haus in der Nähe von London hat, abgerufen.) Wir sollten noch in ein halbes Dutzend feiner Häuser gehen, und Miß Min sollte bei dieser Gelegenheit etwas verfrüht in die böse Welt eingeführt werden; aber es kam anders, als wir gedacht hatten. Dies sind meine Erlebnisse der letzten Monate. Meine Stimmung ist viel besser, obwohl diese heftigen Krankheitsanfälle immer noch von Zeit zu Zeit wiederkehren. Ich bin gerade wieder von einem solchen erstanden, der mich gestern an das Bett fesselte und an meiner Vorlesung verhinderte. Stellen Sie sich vor, daß ich bis Ende des nächsten Jahres, wenn ich fortfahre, so zu arbeiten, auf zwanzigtausend Pfund einzuschätzen sein werde! Das ist gerade so viel, als ich brauche: für jedes meiner Mädchen zehntausend. Das muß für die Kinder eines Schriftstellers genügen. Und was soll ich nachher tun, wenn ich unabhängig bin? Nun, vielleicht versuche ich es einmal mit der Politik, um die ich mich bisher nicht viel gekümmert habe, aber etwas muß man doch tun. Und wenn man einmal einen Einsatz gemacht hat, erwacht das Interesse an dem Spiel. Ich habe mich an dem transatlantischen Telegraphen beteiligt, denn es macht mir Freude, auf irgend eine Weise [zu] der Verbindung zwischen unseren beiden Ländern beizutragen. Wenn ich auch Amerika nicht liebe, so gibt es doch Amerikaner, die ich von Herzen liebe, und ich glaube wohl, daß Sie wissen, welche Familie mich gelehrt hat, sie zu lieben. Wie scheußlich ist der Ort, an dem ich mich jetzt befinde, aber was für gute Menschen gibt es doch allenthalben! Eine sehr schöne Frau hat mich heute mit ihrem Manne besucht. Die Zahl der Getreuen vergrößert sich sichtlich, und ich mache wieder die Erfahrung, daß mir herzlich wenig an ihnen liegt. Lob bläht mich nicht im geringsten auf; Tadel reizt mich etwas zum Widerspruch – aber das ist auch alles. In Edinburg wurde ich wegen der schottischen Königin Maria ausgepfiffen, was mich nur amüsierte. Ich kannte die Schotten nicht und hatte nur zu einigen wenigen Familien Beziehungen, wie bei Ihnen. Nach meiner Rückkehr erschien mir meine Umgebung wieder anziehender, und ich habe die ganze vorige Woche in Hull unter Kaufleuten zugebracht, in sehr frischer, anspruchsloser, behaglicher Gesellschaft. Am Sonntag setzte mir ein dortiger Jude eine ganze Menge Portwein vor. Ich trank ihn, obwohl er mir nicht schmeckte und ich wußte, was darauf erfolgen würde. Ich war auch richtig am anderen Tag krank. Wunderbare Wirkung des Portweins! Ich konnte nicht umhin, dem Sohne des Hauses zu sagen, daß einer der Gäste – auch ein Jude – ein ekelhafter Protze wäre. Der Junge stimmte mir bei; es war auch durchaus wahr, aber wozu mußte ich es sagen?

Als ich bis hierher gelangt war, kamen einige Fremde und immer mehr Fremde und zuletzt erschien ein Freund zum Mittagessen und nachher war Schlafenszeit. Am nächsten Morgen mußte ich nach Liverpool; dort gab es wieder Diner, Vorlesung, Souper – und heute haben wir den zwölften Dezember. Heute vor einem Jahr empfingen Sie in Diamanten und Spitzen Gesellschaft im braunen Hause, und im Speisesaal war ein feines Souper hergerichtet; die Treppe war mit schönen Blumen geschmückt, die Mama trug ein elegantes, neues Kleid, und die arme, blasse Lucy guckte nur eben aus ihrem Zimmer heraus, um sich dann wieder mit Frost und Fieber hinzulegen! Ach, das ist nun schon alles ein Jahr her, aber wie lebhaft dachte ich daran, als ich heute morgen wach lag und den Wind heulen hörte in diesem selben Hause, in dem ich die beiden Male vor meiner Abfahrt nach Amerika wohnte! Leben Sie wohl, meine Liebe, und Gott segne Sie. Ich habe nur noch Zeit und Kraft, um zu sagen, daß ich schon zehn Briefe heute geschrieben habe, daß ich noch krank bin und diesen Abend keine Vorlesung halten kann. – Wie schön wird es sein, die Mädchen in nächster Woche wieder zu sehen! Ihre Mama darf diesen Brief zuerst lesen, und soll ihn dann weiter an Sie befördern. Ich habe tausend Pfund in dem Telegraphenunternehmen angelegt; wir können uns dann über das Wasser hinüber die Hand reichen. Nochmals leben Sie wohl, meine liebe Sarah, und Gott schütze Sie, Ihren Mann und Ihr Kind.

 

XLVI.

36 Onslow Square 1. Nov. 1857.

Gestern im Athenäum nur angefangen, nachdem ich Ihren Brief da fand.

Das sind mir schöne Vorwürfe, meine Damen, wahrlich! Ich möchte wohl wissen, wer zuletzt an Sie beide geschrieben hat? Ich schmeichle mir, daß ich der schlecht behandelte Teil bin, obwohl ich bekenne, daß es Monate her sein mag, seit ich geschrieben habe. Und ich habe die ganze Zeit über während dieser Panik soviel an Sie gedacht und war tatsächlich zu beunruhigt, um zu schreiben. Vorigen Montag kam ich nach Hause zu meinen Mädchen und kündigte ihnen an, daß der einspännige Wagen verkauft (wir halten einen hübschen, offenen Wagen und einen Brougham) und daß James jedenfalls entlassen werden müßte und vielleicht Charles auch. (Mr. Charles ist ein so großer Herr geworden, daß er nicht mehr ohne Hilfe eines jungen Mannes in Livrée auskommen kann.) Ich sagte ihnen, daß alle amerikanischen Ersparnisse verkracht wären mit Einschluß der fünfhundert Pfund von den Gebrüdern Harper für die »Virginier«. Es war erstaunlich, wie ruhig wir unseren Ruin hinnahmen. Am folgenden Tage aber sahen die Dinge schon wieder hoffnungsvoller aus, und jetzt scheint es, als wäre es, wenigstens fürs erste, noch nicht ganz aus mit uns. Was soll ich noch erzählen? Ich bin grade von meiner kleinen Wahlkampagne aus Oxford zurückgekommen. Wenn die Sabbathfrage nicht gewesen wäre, hätte ich wohl gesiegt, aber um eine Ernennung zu erreichen oder Ruhm einzuernten, möchte ich gerade in diesem Punkte keinerlei Konzessionen machen. Ich befinde mich ganz ebenso wohl außerhalb des Parlaments als darin. Sagen Sie Sally, daß mein Trübsinn anhält, daß ich mich in keine andere mehr verliebt habe und es auch nicht zu tun gedenke, daß niemand meine Tochter holen will, die die ganze Freude ihres Vaters ist. Seit den letzten drei Monaten sind meine Eltern bei mir oder vielmehr bei meinen Töchtern, da ich nur gelegentliche Besuche zu Hause machte. Ich glaube, daß die Virginier noch nicht gut sind, obwohl ich mir ungeheure Mühe damit gegeben habe, aber ich weiß, daß sie schließlich gut werden müssen. Ich zittre für die armen Verleger, die mir dreihundert Pfund für eine Nummer gezahlt haben – ich glaube nicht, daß sie dabei bestehen können und fürchte, daß mir die melancholische Pflicht zufallen wird, mit einem Teil der Summe wieder herauszurücken. Das sind wohl alle meine Neuigkeiten. Aber ich denke viel und oft an Amerika und so sehnsüchtig, daß ich sicherlich eines schönen Tages wieder auf dem Broadway einhergehen werde. Schreiben Sie bald und sagen Sie mir, daß Sie nicht ernstlich durch die Panik gelitten haben. Ich habe eine Aktie bei dem transatlantischen Telegraphen genommen, weil ich mich dazu verpflichtet fühlte, aber die Wahl in Oxford hat mich soviel gekostet, daß ich genötigt war, meine Aktie wieder zu verkaufen. Das kommt mir nun wie erspartes Geld vor. Von all den Menschen, um deren Stimmen ich warb, kannten nur zwei meinen Namen. Das würde doch in Amerika nicht der Fall sein, nicht wahr? Es war eine gute Lehre für meine Eitelkeit.

Meine Sommerunternehmungen beschränkten sich auf einen Aufenthalt in Brighton und einen kleinen Ausflug nach Homburg und Paris. Die Mädchen ritten auf Mietpferden, badeten und waren glücklich. Meine Mutter, die über ein Jahr kränkelte, hat sich während ihres dreimonatlichen Besuchs bei uns sehr erholt. Mit meiner Gesundheit geht es anscheinend auch besser, doch werde ich täglich stiller und selbstsüchtiger. Die Frauen verstehen es, sich zu verstellen, wenn man sie langweilt, und erscheinen heiter, wenn sie auch innerlich gähnen. Ich wollte, ich könnte manchmal etwas mehr heucheln … Ha! da hat meine Feder eine große Träne vergossen! Sie stammt aus einer Schachtel mit Federn, die ich in Washington gekauft habe. Wie steht es mit den Jungen? Arbeitet Willy fleißig, und ist er noch so gut? Läßt sich George einen Schnurrbart wachsen? Ist das langweilige Wechselfieber endlich aus Ihrem Hause gewichen? Ich habe erst am 4. Juli wieder eine Mahnung gehabt. An diesem Tage war ich nach einem guten Diner ganz glücklich und ahnungslos und hörte Lord Brougham und Lord Lyndhurst lasterhafte alte Geschichten erzählen; da plötzlich fühlte ich, wie mir der Feind den Rücken hinunterkroch und der Frost und das Fieber mich packten! Mit solch dummem Geschwätz bin ich nun an das Ende der Seite gekommen. Hat Miß Libby eine großartige Hochzeit gehabt? Denken Sie daran, daß ich das Vorrecht habe, einer jeden dieser jungen Damen eine Teekanne zu schicken? Wir, die Mädchen und ich, wollen heute in die Stadt gehen und uns nach einer umsehen, und wenn Madame J– sie benutzt, soll sie meiner gedenken, bitte.

1857.

Heute ist schon der 28. November und dieser am 1. begonnene Brief liegt noch in meinem Pult. Wissen Sie, warum er nicht abgeschickt worden ist? Zuerst gingen wir, um eine Teekanne auszusuchen und konnten keine finden, die so hübsch war, wie sie für eine junge Frau sein muß, die sich mit Bohea-Tee über die Abwesenheit ihres Herzliebsten trösten muß. Als ich dann nach ungefähr einer Woche auf die Spur einer wirklich hübschen kleinen alten Teekanne gekommen war, hatte ich tatsächlich kein Geld – das heißt kein überflüssiges. Die Zeiten sind nämlich jetzt so schlecht, und die meisten Menschen sind so bedrängt, daß im Laufe dieses Monats eine, zwei, drei bis zu vierzehn Personen zu mir gekommen sind und um Gold und Silbermünzen gebeten haben. Ich konnte sie in ihrer Not nicht abweisen und getraute mich nicht einmal, ein Geschenk für fünfundzwanzig Pfennige zu kaufen, solange alle diese Unglücklichen um Hilfe schrieen. Eben als ich nach Hause kam, sagte Charles: Mr. C.s Diener ist vorhin hier gewesen mit einem Briefchen, welches er abgeben sollte für den Fall, daß ich zu Hause wäre. Glauben Sie, daß ich nicht weiß, was das zu bedeuten hat? Morgen vormittag vor elf Uhr wird Mr. C. (der Elende!) antreten und sagen: »Mein lieber Freund, die Zeiten sind so schlecht, daß ich Sie um ein Darlehen bitten muß« u. s. w. und wie in aller Welt kann ich bei alledem noch jene Teekanne kaufen? Aber haben Sie keine Sorge, Libby; warten Sie ein bißchen; sie wird und soll gekauft werden. Empfangen Sie einstweilen die Segenswünsche Ihres Sie liebenden Onkels – in dieser Verwandtschaft stehe ich doch wohl zu Ihnen? – Was hat sich seit dem 1. November ereignet? Nichts besonderes. Meine guten alten Eltern haben uns nach einem recht langen Besuch wieder verlassen. Der alte Major wird von Tag zu Tag dem Colonel Newcome ähnlicher. Die Gesundheit meiner Mutter hat sich wesentlich gebessert. Sie hat ihren Besuch hier sehr genossen. – Es geht ganz vornehm bei uns zu. Sie sollten unser neues Brougham sehen u. s. w. Gott segne Sie alle. Ein fröhliches Weihnachtsfest Ihnen, den Bräuten, Bräutigamen, Jungfern, kleinen Mulattenkindern, Großmüttern, Großvätern, Groß- und gewöhnlichen Onkeln und S. S. H. von Ihrem Getreuen.

 

XLVII.

36 Onslow Square, 10.-23. April 1858.

Meine liebe Frau Baxter. Ist es nicht gräßlich, daß Libbys Teekanne immer noch auf dem Schrank neben Washingtons Büste steht? Sie ist jetzt wohl schon ein Jahr verheiratet? Die Wochen werden zu Monaten und die Monate zu einem Jahr, ehe man sich dessen versieht, und jeder Tag im Jahr hat seine Unruhe, seine Plage, seine Krankheit, seine Geselligkeit, seine Briefe, seine Druckerteufel, seine Dummköpfe und seine Verdrießlichkeiten, und so geht es fort und fort, bis alle Mühen und Freuden ein Ende haben. Wissen Sie, daß heute der 10. April ist, und daß erst drei Seiten meiner neuen Nummer geschrieben sind? Ich habe in den letzten vierzehn Tagen zwei Anfälle meines Feindes erlebt. Jeder Anfall hat mich ungefähr um eine Woche zurückgebracht. Ich bin mit den Mädchen auf mehreren Gesellschaften und Diners gewesen … Aber um auf Libbys Teekanne zurückzukommen, so hat mir vor einiger Zeit Kapitän Comstock geschrieben, daß er nach London kommen und sie dann mitnehmen würde. Ich hätte diesen kostbaren Gegenstand sehr ungern einem Postdampfer zur Beförderung oder möglichen Nichtbeförderung anvertraut. Daher die Verzögerung in der Absendung dieses kleinen häuslichen Gegenstandes. Habe ich Ihnen je zuvor auf so [abscheulichem] Papier geschrieben? Für meine Feder ist es mir aber viel angenehmer als Ihre schönen Cremepapiere mit Goldrändern.

23. April. Der Brief ist wieder zwölf Tage liegen geblieben; am Freitag abend brachte ich mit ungeheurer Anstrengung meine fällige Nummer fertig, gerade zeitig genug, daß ich sie mit der Post nach Liverpool und von da nach Amerika absenden konnte. Das Buch ist unterhaltend, aber dumm; ich hasse die Romanverwickelungen, die Überraschungen, Liebesgeschichten u. s. w. täglich mehr. Und hier ist nun der dritte Teil einer langen Geschichte vollendet – etwa zwei Drittel des Umfangs eines gewöhnlichen Romans – und es ereignet sich tatsächlich nichts darin, als daß ein junger Herr von Amerika nach England kommt. – Ich wollte, ein ältlicher Herr könnte die umgekehrte Fahrt machen, denn ich habe wirklich den lebhaften Wunsch, Sie alle wiederzusehen. Sind noch weitere kleine Hamptons in Aussicht? Was meinen Sie, was wir in den letzten zehn Tagen gemacht haben? Durch alle Gesellschaften gegangen, Diners gegeben und Newyorker Kognak-Pfirsiche gegessen. Es waren ganz einfache Diners, nichts Prunkhaftes, aber lieber Himmel, wieviel angenehmer sind die Herren-Diners, als solche mit Damen! Morgen gibt Miß Anny ihre erste Teegesellschaft. Bis jetzt habe ich mich immer gegen diese Veranstaltungen gesträubt wegen der eigentümlichen Zusammensetzung unseres Verkehrskreises. Wir gehen mit sehr Vornehmen und gar nicht Vornehmen, mit sehr Höflichen und auch anders Gearteten um; die letzteren sind keine Spur angenehm, wenn sie mit den anderen zusammengebracht werden, aber sie nehmen es übel, wenn man sie nicht einlädt. Ich weiß, daß diese furchtbare Teeschlacht uns nichts als üble Nachrede eintragen wird, aber die Kinder wünschen diese Gesellschaft, und wenn ich auch kein so nachgiebiger Papa bin, wie G. B. in der zweiten Avenue, so kann ich doch nicht widerstehen, wenn meine jungen Weiblein etwas von mir verlangen, woran ihr Herz hängt. Ich fürchte, die zwei Lamberts Mädchen in den Virginiern sind den meinigen sehr ähnlich, aber natürlich leugne ich das ab, wenn ich daraufhin angeredet werde.

Wir leben hier in einer großartigen politischen Bewegung. Ich bin in nicht weniger als vier Orten als Kandidat aufgestellt für den Fall, daß eine Parlamentsauflösung eintreten sollte, aber vorläufig wünsche ich nicht, daß das geschehe. Zunächst muß ich noch mehr Vorlesungen halten und mehr Geld verdienen. Ich habe ungeheuere Ausgaben. (Habe ich Ihnen je darüber vorgebrummt?) Ich habe einen einspännigen Wagen und gebe im Jahre wenigstens zweitausendsechshundert Pfund aus. Davon könnten zwei Familien leben, und jede von ihnen könnte sich einen Wagen halten, – aber sie dürfte dann nicht fünfhundert Pfund verschenken, wie ein gewisser Jemand dies tut. Dann pflege ich außerdem am Ende des Monats, wenn ich meine Nummer fertig geschrieben habe, noch hübsche Sachen zu kaufen. Gestern habe ich sechs reizende Löffel nach Hause gebracht! Und stellen Sie sich vor, daß ich mir gestern einen neuen Rock gekauft habe, den ersten seit vier Jahren. Dann habe ich ein famoses kleines Reitpferd, das ich alle vierzehn Tage einmal besteige. Ich habe gute Töchter, gute Weine im Keller, leichte Arbeit, Geld genug in der Tasche, einen guten Ruf – müßte ich da nicht glücklich sein? Eh bien! ich glaube nicht, daß ich es öfter als vier Tage in jedem Monat bin. Ein Mann ohne Frau ist ein einsamer, bedauernswerter Mensch. Eben läuten die Glocken zur Kirche! Soll ich hingehen? Ach nein; ich vergaß ja: Mr. und Mrs. Blackwood, Mr. und Mrs. Pollen (o Sally Hampton, was ist das für eine hübsche Frau!), wir vier, Lord John Hay, Sir Charles Taylor, Mr. Bidwell, Mr. Motley (aus den Vereinigten Staaten), Mr. Creyke und Mr. Edwards kommen um sieben Uhr zum Diner. Als Tafeldecker und Diener habe ich an Stelle des verführerischen Charles einen A. Frenchman … So, nun habe ich geplaudert, bis die Essenszeit herangekommen ist. Es ist mir immer eine Freude, meine liebe gute alte Freundin, zu Ihnen zu kommen, bei Ihnen zu sitzen und mit Ihnen zu sprechen. Grüßen Sie alle auf das beste von mir und Gott segne Sie. Vielleicht lassen Sie dies Sarah H. zukommen und empfehlen mich ihr. Sie sehen, daß es mir schwer wird, aufzuhören, und daß ich weiter schwatze bis ich unten in der Halle und tatsächlich schon zur Türe hinausgegangen bin. Leben Sie wohl!

W. M. T.

 

XLVIII.

36 Onslow Square, 25. Aug. 1858.

Ob ich wohl die Energie haben werde, dies Blatt voll zu schreiben – dieses Blatt? nein, diese Seite. Aber versuchen will ich's, obwohl ich vielen Leuten Briefe schulde, die eigentlich vor Ihnen an die Reihe kommen müßten, Madame; und was ich jetzt schreibe, wird sicher furchtbar dumm werden. Sehen Sie nicht, daß ich kaum buchstabieren kann? Ich bin fast beständig krank – an einer Art von Krämpfen – nach fünftägigen Qualen wird es besser, dann kommt ein fünftägiges Knurren und Nachdenken über mein Buch – dann eine vierzehntägige Arbeitszeit und Erneuerung der Krämpfe. Was schreibe ich jetzt für eine furchtbar dumme Geschichte! Widersprechen Sie mir nicht. Ich muß es am besten wissen. Dieses absterbende alte Gerippe ist nicht mehr imstande, irgendwelche Begebenheiten zu erfinden oder Charaktere herauszuarbeiten. Ja, Miß Sarah, Sie heulen an Ihrem Meeresufer und ich brülle an dem meinigen. Kommen Sie, lassen Sie uns gelassen Abschied nehmen von unseren Freunden (aber ihnen nichts sagen, meine ich), auf den Gipfel eines Felsens gehen und herunterspringen und all unser Ach und Weh – Weh – Weh ertränken in der tiefen See – See – See. Ich spreche ganz im Ernst. Bilden Sie sich ein, daß ich scherze? O nein. Ich sage Ihnen, es ist aus mit mir, und es ist mir einerlei. Die Leber ist an allem schuld, meine Liebe. Wir haben (der Mädchen wegen) eine lustige Schweizerreise von fünf Wochen gemacht, und bei meiner Rückkehr fand ich Ihren freundlichen Brief mit einem Haufen anderer vor. Der von meiner lieben Mrs. Baxter kommt leise in das Zimmer und wirkt wie ein süßes, erfrischendes, schmerzstillendes Mittel. Aber es bleibt dabei, daß ich ganz aufgebraucht und krank bin und kaum das Papier sehen kann, auf dem ich schreibe.

Wird Libbys Teekanne je abgehen? Ja; Andrew Arcedubus Esq. will sie in einigen Tagen mit hinüber nehmen. Sie ist ganz schwarz geworden und so klein und armselig, daß ich mich schäme, sie zu schicken. Aber ach, meine liebe Libby, die Zeiten sind trübe und werden immer noch trüber, so trübe, daß kein Mensch mehr imstande ist, zu arbeiten. Beeilen Sie sich und verheiraten Sie sich auch, meine liebe Lucy, wenn Sie noch eine Teekanne von Ihrem unglücklichen W. M. T. haben wollen. Ich bin so froh, liebe Mrs. Baxter, daß Ihr gutes, treues Mutterherz stolz sein kann auf die Ehren, die Willy erlangt hat. Wenn er nach England kommt, wird er in einem anständigen, ärmlichen Hause zwei Waisen finden, mit denen er über ihren verrückten Vater reden kann. Es kommt kein Freier für sie und ihr selbstsüchtiger alter Vater wünscht sich auch keinen.

Wie gewöhnlich habe ich Ihnen nichts zu erzählen. Ich ging fort, weil ich Verdruß mit einem jungen Menschen gehabt habe, der Lügen über mich in eine Zeitung gebracht hat, die ich nicht mit Stillschweigen übergehen konnte, da wir Bekannte sind und uns öfter in einem Klub treffen. Wahrscheinlich werden Sie in den Tagesblättern davon gelesen haben. Wie ich höre, fahren die kleinen Blätter noch fort, mich deshalb zu schmähen – ich kümmere mich nicht darum, ich lese sie nie. Dem Publikum liegt nichts an dieser Sache, ebensowenig wie an den Virginiern, und mir selbst auch nicht. Ich weiß wirklich nicht, was auf diesen drei Seiten steht, und ob ich sie überhaupt absenden soll. Ja, ich denke ich werde sie schicken, da ich das Porto bezahlen kann, und da ich Sie ab und zu anknurren und Ihnen zurufen muß, daß ich Sie alle liebe, sehr aufrichtig liebe. Ich denke mir, daß Taraxacum vielleicht gut für Sally sein könnte; sie ist ja noch (verhältnismäßig) jung. Wenn mich danach verlangte, ihre Kinder zu sehen, würde ich es sagen, aber es verlangt mich nicht danach. Anstandshalber muß ich ihnen wohl Grüße schicken. Also, Gott segne Euch, meine lieben Kleinen. So, nun geht wieder ab, Ihr hübschen kleinen Herzchen. Wau-Wau-Wau, Muh-Muh-Muh, Kickericki – Kickericki – Kickericki u. s. w. u. s. w. »O du gefühlloser Kerl!« sagt Tante Lucy und geht hochmütig zur Tür hinaus. »Aber er ist wirklich krank, das ist Tatsache« sagt die Großmutter. Es geht mir aber doch ein bischen besser, glaube ich, jetzt nachdem ich diesen verdrehten Brief zustande gebracht habe. Seien Sie alle gegrüßt, der Papa, die Jungen und die Mädchen und der Onkel von Ihrem anhänglichen

W. M. T.

 

XLIX.

36 Onslow Square, Brompton,
Weihnachten 1860.

Der Herbst, der Sie nach England bringen sollte, ist vorübergegangen, und wir haben heute hier einen bitterkalten Weihnachtstag, und ich bin ohne Nachrichten von Ihnen. Es geht mir nicht gut. Ich arbeite angestrengt, um die neue Geschichte vorwärts zu bringen. Den ganzen Morgen habe ich meine Feder in Bewegung gesetzt, aber ich muß doch an meine lieben gütigen Freunde im braunen Hause noch einen Gruß schreiben und ihnen ein möglichst fröhliches Christfest wünschen. Erschreckt Sie der Gedanke an die Trennung nicht? Soll Sally nicht länger Ihre Landsmännin sein, und werden ihre Kinder die Waffen gegen Libbys Kinder ergreifen und sie bekämpfen? Es ist für mich schrecklich, von diesen Dingen zu lesen. Haben Sie je einen kolorierten Kupferstich gesehen »die Schönheit des Westens« genannt? Er hängt in meinem Zimmer, weil er einer jungen Dame, die ich sehr zu bewundern pflegte, gleich sieht. (Vielleicht hängen da auch noch andere kleine Liebhabereien, die jetzt nur noch gemalte Erinnerungsblätter an der Wand sind.) War es diese schreckliche Losreißung, die Sie alle abgehalten hat, nach Europa zu kommen? Oder wollen Sie warten, bis im nächsten Jahr mein schönes neues Haus in Palace Green, Kensington, gegenüber dem alten Palast fertig sein wird? Wenn ich am Leben bleibe, so werde ich, so Gott will, dort die Geschichte der Königin Anna schreiben. Meine lieben Verwandten sind wütend über meinen Hochmut, meine Anmaßung und Verschwendungssucht, mir ein so schönes neues Haus zu bauen. Einer von ihnen, der noch nie in seinem Leben einen Witz gemacht hat, sagte gestern zu mir: »Sie müßten es Vanity-Fair Eitelkeitsmarkt. nennen«.

Ich möchte wissen, wen Sie heute zum Mittagessen bei sich haben? Unser Haus ist von oben bis unten mit Stechpalmen geschmückt. Wir haben eine arme Wittwe aus Indien mit ihren fünf Kindern und drei männliche Freunde eingeladen und werden ein leckeres Mahl haben, nämlich:

Gedämpften Truthahn
Gebratene Gans
Roast-Beef

und ich gedenke eine große Bowle Punsch zu brauen, die in der Ihnen bekannten prachtvollen Silberschale, die ich als Ehrengeschenk bekommen habe, kredenzt werden soll.

Bis jetzt hat sich noch immer niemand gemeldet, der eine meiner Töchter heiraten will. Ich wundere mich darüber, aber ich kenne kaum Männer unter fünfzig Jahren und kann mich nicht wie eine gute liebende Londoner Mama nach heiratsfähigen Junggesellen umsehen. Bis jetzt habe ich das Glück meiner Töchter noch nicht gemacht, doch bin ich auf dem Weg dazu und habe etwas erspart, seit ich Ihnen das letztemal geschrieben. Leider habe ich eine offene Hand, muß meine Frau erhalten, meine Eltern unterstützen und armen literarischen Leuten aufhelfen; kurz meine Ausgaben sind sehr groß. Man sagt, daß ich zehntausend Pfund im Jahr einnehme. Sagen Sie fünftausend, dann wird es einigermaßen stimmen. Meine Gesundheit ist sehr so-so. Ich habe wiederholte Krankheitsanfälle gehabt, aber ich danke Gott dem Allmächtigen, daß ich mein gutes Auskommen und gute Kinder habe. Das ist alles. Hätte ich nicht lieber an Philipp weiter schreiben sollen? Der letzte Satz, den ich schrieb, lautete:

»Als Mädchen las ich immer Romane, sagte sie, aber sie enthalten meist Unsinn. Da ist z. B. der Mr. Pendennis. Wie kann ein verheirateter Mann immer noch über Liebe und all das dumme Zeug schreiben!«

Und es ist in der Tat abgeschmackt, wenn ältliche Finger noch Don Cupidos Pfeile schwirren lassen. – Das Gestern ist dahin, aber es lebt in guter Erinnerung. Und wir denken um so öfter daran, da wir wissen, daß das Morgen uns nicht mehr viel bringen wird.

Leben Sie wohl, meine lieben Gestern, und glauben Sie, daß ich Ihnen immer freundschaftlichst zugetan bin.

W. M. T.

 

L.

36 Onslow Square, 24. Mai 1861.

Sie werden diese Handschrift kaum als die meinige erkennen; ich schreibe ab und zu so, wenn ich Gänsefedern benutze. Ihr kleines Paket Photographien ist angekommen und hat uns alle gerührt. Wie gerne möchte ich die Originale sehen – und die Eine, die nicht mit abgebildet ist. Warum ist keine Photographie von Ihnen dabei, Madame? Ich vermute, daß Papa nicht gern seine Frau mit einer Runzel im Gesicht sehen läßt und sie immer noch als junges Mädchen in weißem Musselin und Halskrause im Gedächtnis hat. In meinen Augen ist sie als solches nicht halb so schön, als wie die Mrs. Baxter, die ich kenne. Wie groß sind die Jungen geworden! Willys Schnurrbart ist höchst elegant. Wahrscheinlich ist das ernsthafte Gesicht von George auch schon mit einem Schnurrbart geschmückt. Wissen Sie – aber ihr selbst möchte ich das nicht sagen – ich glaube Sarah ist noch schöner geworden. Wir können uns hier nicht darüber einigen, welches der Kinder uns am besten gefällt, das kleine dunkle Mädchen mit den runden Augen oder der kleine Mann mit dem sächsischen Gesicht. Ich las eben auch einen sehr schönen, freundlichen, melancholischen Brief von Sarah Hampton. Sie streckt ihre Hand nach einem Gespenst der Vergangenheit aus. Ich denke mir, daß Sie jetzt nicht den Mut haben werden, von Haus weg zu gehen, da der Krieg alles so unsicher macht. Wenn Willy nicht vor dem Dezember kommt, werden wir ihn wahrscheinlich in dem Vanity-Fair Hause aufnehmen können. Sollte er früher kommen, so müssen wir ihm eine Wohnung in der Nachbarschaft suchen. Bei dem Pastetenbäcker, von dem Sie wissen, gibt es sehr anständige Zimmer, und er würde dort nicht weiter von uns entfernt sein, als das braune Haus von Clarendon entfernt ist. Dieser elende W. G. Russell! Am Abend ehe er London verließ, aßen wir zusammen im Garrick Klub, und was meinen Sie, was ich tat? Ich schnitt eine wunderschöne Locke schneeweißen Haares ab, steckte sie in einen Briefumschlag und schrieb dazu: Nehmen Sie den Überbringer des Einliegenden freundlich auf. Und nun hat er Ihnen die Locke nicht gebracht, obwohl er nach Clarendon ging! – Um den Auftrag, der ihn in die Vereinigten Staaten führte, beneide ich ihn nicht.

Schreckliche Vergeltung. Thackeray legte das Geld, welches er für seine Vorlesungen in Amerika bekam, in amerikanischen Eisenbahnaktien an. Wenn diese keine Dividenden mehr zahlen, droht er, wieder nach Amerika zu kommen und noch einmal Vorlesungen zu halten.

Ob ich wohl Ihrem Gesandten einen Besuch machen soll? Ich habe so ziemlich mit der Welt gebrochen – mit der großen Welt meine ich und gehe nur noch zu den Leuten, die meine Töchter willkommen heißen. Die vornehmen Damen tun das nicht, oder sind es nur die Mädchen, die so hochmütig und schwer zu befriedigen sind? Das ist jedenfalls klar, daß sie sich nicht von den hohen Herrschaften protegieren lassen wollen; aber mir gefällt es gerade, daß sie sich dagegen auflehnen und unabhängig sein wollen – unabhängiger als ihr Vater, der älter und weltlicher gesinnt ist.

Ich glaube ich habe dies Briefchen liegen lassen, weil ich eine Skizze des neuen Hauses in Kensington beifügen wollte, aber die gute Absicht muß Ihnen diesmal die Ausführung ersetzen. Wenn Sie nach London kommen, werden Sie selbst sehen, daß mein Haus das röteste in der ganzen Stadt ist. Es sind mir schon tausend Pfund über den Kaufpreis dafür geboten worden, aber ich habe den Wunsch, die Geschichte der Königin Anna in dem Zimmer mit den gewölbten Fenstern, die eine so erheiternde Aussicht auf die prachtvollen Ulmen des Kensingtoner Gartens bieten, zu schreiben. Das Haus ist nicht weiter vom Zentrum entfernt als – sagen wir – die fünfundzwanzigste Straße. Aber es ist sehr teuer. Es kostet sechstausend Pfund und hundert Pfund Grundsteuer jährlich. Unsere jetzige Wohnung kostet nur dreitausend. Doch hat es eine wundervolle Lage und wird der Tochter, die es erbt, ein bescheidenes Auskommen sichern. Anny ist in letzter Zeit kränklich und ist auf das Land gegangen, um Luftveränderung zu haben.

Ich glaube, Trollope ist bei den Lesern des Cornhill-Magazine viel populärer, als ich es bin; es scheint mir, als ob ich in der Gunst des Publikums Rückschritte gemacht hätte. Es macht mir keine Schmerzen. Wenn ich jenes rote Haus vermieten würde, könnten wir leben, auch ohne daß ich schriftstellerte, aber Sie wissen, daß meine Frau und die Eltern meine Ausgaben sehr vermehren. Letztere verbrauchen hier mehr Geld als in Paris, aber bis jetzt ist Gott sei Dank noch kein Mangel. Jetzt wird mir meine Mutter rebellisch und möchte zurückkehren. Sie hat in Paris einen kleinen Kreis alter Damen, die sie sehr verehren und bei denen sie eine bedeutendere Rolle spielt, als sie es hier in der großen Stadt tun kann. Wenn dem Major irgend etwas zustoßen sollte, wird sie uns entwischen und nach Paris gehen, aber sobald sie dort ist, wird sie mißvergnügt sein und wieder zurückkehren wollen.

Das sind unbedeutende Mitteilungen, nicht wahr? Wie kann man Leuten, die eine Revolution miterleben dürfen, solchen Familienklatsch schreiben? Ich habe bis jetzt noch nicht glauben können, daß es ernst wird mit der Revolution, denn meine Eindrücke von den Vereinigten Staaten sind so unverrückbar friedlicher Natur, daß ich sie mir gar nicht im Kampf und Haß gegeneinander vorstellen kann. Ich kann mir nicht denken, daß der Kampf ein ernstlicher werden wird. Was kann es dem Norden für Vorteile bringen, wieder mit dem Süden zusammengekuppelt zu werden? Bei den ehemaligen Kriegen sprachen wir von dem Verderben, das über England kommen würde, wenn eine Trennung von den Kolonien einträte, und sind nicht jetzt beide besser daran, seit sie getrennt sind?

Nun lassen Sie mich diesen Plauderbrief schließen und einen Schilling dafür bezahlen, d. h. fünfundneunzig Pfennige mehr, als er wert ist. In Gedanken schüttele ich Ihnen die Hände als Ihr getreuer

W. M. T.

 

LI.

Kensington W., Palace Green Freitag 9. Mai 1862.

Meine lieben Freunde! Ich bin froh, Nachricht von Ihnen erhalten zu haben und zu erfahren, daß Sie den Wunsch haben, von mir zu hören. Ich habe nicht geschrieben, obwohl ich oftmals an Sie gedacht und gefürchtet habe, daß der Krieg Unheil über Sie bringen könnte. Was soll ich angesichts des Schmerzes, der wie ich weiß in Ihrem Hause herrscht, sagen und tun? Ich weiß, wie Ihnen zu Mut sein muß; wenn Sie auch noch so loyale Nordländer sind, so fühlen Sie doch mit der Tochter und den Enkeln im Süden, die so hübsch und unschuldig aus Ihrem Photographiebuch herausschauen. Und dann kommt auch der Familienversorger in Betracht. Was macht das Warenlager? rentiert es sich noch? Ich weiß und fühle, daß schwere Zeiten für Sie alle gekommen sind.

Als ich kürzlich diese letzten Worte schrieb, wurde ich abgerufen, und nachher war ich zwei Tage lang krank. Ich wollte Ihnen gerade etwas sagen, als ich abgerufen wurde. Bitte, mein lieber guter Baxter und Sie Mrs. Baxter, sagen Sie mir – es könnten doch Schwierigkeiten bei Ihnen eintreten, Dividenden ausbleiben, Zahlungen zu machen sein. Ich kenne einen Menschen, der nicht reich ist, denn er hat all sein Geld dazu verbraucht, dies Haus zu bauen; fast alles; aber doch – bitte wenden Sie sich an mich. Fünfhundert Pfund können Sie drei Monate nach dem heutigen Tag auf meinen Namen erheben. Sie werden doch nicht böse sein? Vielleicht stehen Ihnen Millionen zu Gebot, und Sie lachen über meine Zudringlichkeit. Ich weiß es nicht, aber ich meine es nicht schlimm; ich denke nur und werde mein ganzes Leben daran denken, wie viel Güte und Freundschaft ich in dem lieben braunen Hause erfahren habe.

Mein neues Haus ist herrlich. Ich habe fünftausend Pfund in zwei Jahren von meinem Einkommen darauf verwendet –; aber es ist noch viel mehr dafür zu zahlen – wie viel weiß ich gar nicht. Wenn aber alles geordnet ist, dann wird diejenige meiner Töchter, die es erbt, ihr kleines Auskommen haben. Meinetwegen kann sie es bald bekommen. Ich bin beständig krank. In Paris sagte mir ein Arzt vor einiger Zeit, daß ich eine gefährliche Krankheit hätte. Das betrübte mich gar nicht. Seine Behauptung hat sich als unrichtig erwiesen, aber, aber, aber … Doch wie gesagt, mein Haus ist eines der schönsten, [das] ich je gesehen habe – sagen wir so schön wie das von Mr. Haight. Vor dem Fenster, an dem ich schreibe, sieht man auf einem großen Rasenplatz einen alten Palast und wundervolle Bäume. Ich habe ein ganz entzückendes Studierzimmer, ein schönes Schlafzimmer u. s. w., und ich kann für soviel Geschriebenes als auf diesen vier Seiten steht, zehn Pfund bekommen; auch kommt es mir stark vor, als ob ich in der anderen Welt keine Spur besser daran sein werde. Also seit ihres Mannes Tod reist meine arme alte Mutter hin und her und ist nirgends glücklich. Ich habe vermutlich diese Veranlagung zur Niedergeschlagenheit von ihr geerbt, nur habe ich das vor ihr voraus, daß ich eine starke Dosis Humor besitze, der Ihrem verdrießlichen alten Freund zu manch heiterem Lachen verhilft. Meine Töchter sind allgemein beliebt, aber es meldet sich kein Bewerber. Ich glaube, es ist für sie ein Glück gewesen, daß ich in Amerika einen guten Vater und eine gute Mutter kennen gelernt habe, die mir zu sagen pflegten, daß sie sich freuten, wenn ihre Kinder es gut hätten.

Vorige Woche sah ich die Bigelows in Paris – sie war so munter wie je. Leben Sie wohl und Gott segne Sie. Rechnen Sie es mir nicht an, wenn ich nicht schreibe. Es kann sein, daß ich müde oder verstimmt bin, aber immer bin ich Ihr ergebener

W. M. T.

Palace Green
Kensington W. Weihnachten 1862.

Meine lieben Freunde. Ihr trauriger Brief liegt seit vielen Tagen hier. Ich hatte die Kunde schon vorher von Mr. John Dillon, der Freunde im Süden hat, vernommen, aber ich hatte nicht den Mut, Ihnen darüber zu schreiben. Ich weiß, daß es für Sie keinen Trost gibt. Ich habe selbst einmal ein Kind verloren, – das allein sagt Ihnen, daß ich Ihren Schmerz verstehe. Ich habe seit langer Zeit nichts so Trauriges gelesen als diesen Bericht von Lucys Reise mit ihrem Vater. Ich sehe mir Sarahs Bild in meinem Photographiealbum an und dann den Stich, den ich vor vielen Jahren gekauft habe, weil er mich so an sie erinnerte, wie ich sie zuerst erblickte. Meine Freundin Miß Perry hat mir erzählt, daß sie gerade einen alten Brief von mir an ihre liebe Schwester (die auch gestorben ist, und die eine meiner liebsten Freundinnen war) gelesen habe, in dem ich ihr eine Beschreibung dieses Newyorker Mädchens machte. Was war sie für ein herrliches Geschöpf! Welch ein Leben, welch ein Lachen, welch ein Glück! Und alles dahin! Und Ihr armen Menschen sitzt nun da und beweint Euren Liebling. Die Briefe, welche sie mir in großen Zwischenräumen zukommen ließ, waren furchtbar traurig. Und wie traurig sieht sie auf ihrer letzten Photographie aus! Wir alle drei, die wir in diesem Hause wohnen, lieben ihre kleinen Kinder, die beiden, die wir kennen. Seit ihre Bilder zu uns gekommen sind, hängen sie im Wohnzimmer meiner Töchter, und die »Schönheit des Westens« ist drüben in dem meinigen. Wie gut erinnere ich mich, wie sie bei meinem ersten Besuch aussah mit dem roten Band in ihrem Haar. Und dann nehme ich wieder Ihren Brief und sehe eine traurige Matrone vor mir. Was für ein warmer Empfang, was für eine gemütliche Kaminecke und was für freundliche Gesichter stehen vor mir auf! und ihres das strahlendste von allen! Amen. Wir können nichts anderes tun, als Ihnen die Hand drücken, liebe, trauernde Eltern und Schwester, und Gott bitten, daß er Sie tröste …

In dieser Pause habe ich an den gastfreien Tisch in Ihrem Speisezimmer gedacht und die Geister, die sich um ihn bewegen, vor mir gesehen. Ich blickte auf in diesem großen einsamen Raume in der Erwartung, daß eine von diesen Gestalten sich mir sichtbar mache.

Diesen Morgen lag ich im Halbdunkel wach und sah auf die Ulmen hinaus und dachte an Ihre liebe Sarah. Gott stehe uns bei! Der Gedanke an das Sterben wird mir nicht schwer. Wird uns unser Vater nicht lieben? Liebe Freunde! Ich bin so glücklich gewesen in meinem Heim sowohl als in dem Ihren, daß ich den Schmerz nachfühlen kann, der Sie jetzt niederbeugt. Gott segne Sie alle.

Immer Ihr getreuer
W. M. Thackeray.

Ich sage Ihnen kein Wort über Politik. Es hat mich gerührt, daß Young in seinem Blatt sich so freundlich über mich ausgesprochen hat.

 

Ende.


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