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Personen der Handlung:

Der vornehme Krieger Abosi Tamontara Kadzujosi

Wofana aus dem blumigen Haus, die Wirtin der Schiffsherberge

Mitsumon Sakitsi, Reishändler in Naniwa

Futatsugusi Komatsu, Virtuosin in Simano utsi

Tofei aus dem blumigen Haus, Wirt der Schiffsherberge an der Brücke des Pflaumenfeldes in Naniwa

Der Krieger Jukimuro Riusuke

 

Einst lebte in einer dem Hause Famana verwandten Familie, aus der die Statthalter der acht Provinzen Kuanto waren, ein Mann namens Abosi Tamontara Kadzujosi.

Er pflegte die Hälfte des Reiches Kadzusa als Jäger zu durchstreifen; und da seine Hausgenossen, namhafte, dem Kriegerstande angehörige Leute, zahlreich waren, so stand er an Macht und Ansehen den Statthaltern nicht nach. Er bewohnte einen vollständig eingerichteten Palast am Bergabhange Kobukuro zu Kamakura in Sosiu; ferner besaß er am großen Ufer zu Kanazawa wie auch an verschiedenen anderen Orten Jagdschlösser und lebte in ausgezeichnetem Wohlstand und Glanz.

Um eine gewisse Zeit, da sich der Herbst bereits senkt, als er die jetzt im schönsten Rot prangenden Momidzibäume sah, wollte er die Vögel schießen, die sich hier versammelten. Er zog deshalb nach dem vorher in Bereitschaft gesetzten Palast am großen Ufer; und nachdem er den ganzen Tag umhergewandelt war, gelangte er endlich, als schon die Dämmerung nahte, zum Sumpfe der aufsteigenden Schnepfen.

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Der vornehme Krieger Abosi Tamontara Kadzujosi

Man wußte, daß dieses eigentlich ganz gegen seine Absicht geschah. In der herbstlichen Dämmerung dieses Sumpfes war es doch wohl angebracht, die Wanderung lieber zu unterbrechen.

Es war ein sehr einsamer Ort, weit entfernt von den Wohnungen der Menschen, und es war hier nichts als eine alte Kreuzweghalle zu sehen.

Da sprach ein vertrauter Mann, der bemerkte, daß auf der fern gegenüberliegenden Seite eine Schnepfe Nahrung suchte:

»Seht doch dieses an! Infolge des Namens ›Sumpf der aufsteigenden Schnepfen‹ halten sich hier Schnepfen auf; und darin liegt ein tiefer Sinn. Zuerst kommt ihr in der ersten Hälfte der zehnten Stunde bei dieser Halle an; und wenn ihr Schnepfen fliegen seht, so ist das, da auch die Zeit die herbstliche Dämmerung ist, von dem Gedichte des Herrn Saigio durchaus nicht verschieden.«

(Der europäische Leser wolle sich hier bitte erinnern: daß unsere Stunde von der Dauer zweier europäischer ist – so daß die gemeinte Zeit also zwischen fünf und sechs Uhr abends ist. Und was den Herrn Saigio anlangt, so war jener ein Dichter, der da von Anno 1118 bis 1190 lebte, der erst Soldat und dann Mönch war und der den irdischen Besitz so sehr verachtete, daß er ein Geschenk des Shogun Yoritono, eine wertvolle silberne Katze nämlich, lächelnd an irgendeinen spielenden Straßenjungen weitergab. Aber vielleicht erinnert ihr euch auch seines Gedichtes:

Schau jenen Baum da, der in Feldern steht!
Der winterliche Sturm hat jedes Blatt verweht.
Doch weit verlassner noch bist du, der Mensch, auf Erden –:
Nichts weißt du von den Jahren, was sie bringen werden.)

Tamontara lächelte:

»Die Worte ›Sumpf der aufsteigenden Schnepfen‹ enthalten nicht die Bedeutung des Fliegens. Sie drücken mitnichten das Verweilen und das Aufsteigen eines Vogels aus. Daß man auf der Inschrift dieser poetischen Halle das Fliegen der Schnepfen zeichnete, ist ein Irrtum in jeder Beziehung. Sie suchen hier keine Nahrung, und sie fliegen auch nicht. Es steht etwas in tiefer Einsamkeit, und man muß hier ›Sumpf der aufsteigenden Todesbäume‹ sagen.«

Ein Mann, der sich vor der poetischen Inschrift in einiger Entfernung befand, hörte solche Worte mit ungläubiger Miene und sprach:

»Wenn wir zu dem Orte kommen, wo dieser Vogel sich aufhält, wird es dort dreißig Nester geben.«

Ein anderer Bedienter horchte auf solch geheimnisvolle Rede und erwiderte:

»Nein! Was ihr Schnepfen nennt, ist ein dem Rebhuhn ähnlicher kleiner Vogel. Ein Tier, das man so selten sieht, kommt nirgends in mehr als zwanzig Nestern vor.«

Der erste Bediente schüttelte den Kopf:

»Ihr möget euch erinnern, daß sie nicht durch die lauten Stimmen der Menschen erschreckt werden, sondern in ferner Abgeschiedenheit leben.«

»Nein, nein!« – hier ballte er zum Versuche die Faust halb zusammen und blickte, in der Absicht, einen Zielpunkt zu finden, prüfend hindurch –. »Durch das Visieren sieht man in der Ferne nichts.«

Die beiden Personen fügten noch mehreres hinzu, und es schien dieser Streit kein Ende nehmen zu wollen.

Midzuma Ugenda, der vertraute Bediente Kadzujosis, hatte einen kaum vierzehnjährigen Sohn, namens Midzuma Simano Suke, der die Stelle eines ständigen Begleiters versah.

Dieser trat vor die beiden hin, die heute ebenfalls den Gebieter begleiteten, und sprach:

»Endet zuerst doch allmählich diesen Streit. Indessen werde ich mit einem dünnen Pfeil die Entscheidung bringen.«

Er schürzte die Seite seines Überkleides auf, legte den Pfeil leicht auf den Bogen, und nachdem er kräftig gespannt und straff losgelassen hatte, flog der Pfeil zur Höhe, streifte den Rücken eines Vogels und fiel dann irgendwohin zwischen das Schilf.

Der Vogel erschrak und entflog.

Tamontara geriet in heftigen Zorn.

»Du, mitsamt einem Knaben, verlässest einen vornehmen Krieger, vollführst eine Handlung, um die man dich nicht bat, und verletztest noch dazu einen Vogel! Glaubst du etwa, daß solches nicht schändlich sei?« Also rief er heftig scheltend.

Simano Suke, als er solch zornige Miene bemerkte, warf den Bogen schnell zur Seite und sprach zu dem Diener:

»Geh' und hole den Pfeil!«

Der Diener, nichts ahnend, stieg zum Sumpfe hinab, hob den Pfeil mühsam auf und reichte ihn zurück.

Simano Suke ergriff ihn, trat mit furchtloser Miene wieder vor den Gebieter und sprach:

»Da diese beiden ein langes und ein breites darüber redeten, ob dieser Vogel hier lebe, und ihr Streit kein Ende nehmen wollte, so sagte ich im voraus, daß ich die Entscheidung herbeiführen wolle, – überzeugt, daß ich die Wahrheit finden und die Erörterung niederschlagen werde. Ich sagte aber nicht, daß ich den Vogel treffen wolle. Seht einmal her! Aus diesem Grunde habe ich mit der Spitze meines nicht schlafenden Pfeiles eine Schnepfenfeder aufgefangen, und es ist doch wohl kein Zweifel, daß der Pfeil dorthin gelangte. Ich hatte keineswegs den Einfall, den Vogel schießen zu wollen, der, obwohl die häuslichen und die barbarischen Lieder ihm gleicherweise unbekannt sind, sich doch hier an verschiedenen Orten und ringsum aufhält. O meine Herren! Ich Unerwachsener, der kleine Arm genannt, verfehlte nicht das Ziel. In der Pfeilspitze fing ich die Feder des Vogels auf; und das ist ein Zeichen, daß er uns nahe ist.«

Indem jener also mit freier Zunge redete, zürnte Tamontara noch mehr.

»Mache dich selbst erst vernünftig! Willst du dich mit deinen Worten nur an den Gebieter wenden? Wenn du den Bogen, den du wegschmeißest, vor mich wirfst und zu gleicher Zeit mich verlassest, so wird mir die Welt nachsagen, daß ich meine Gunst zu weit treibe und Menschen von schlechten Sitten, denen der Begriff der Tugend fremd ist, in meine Dienste nehme. Indessen da du, obwohl ein Mensch geworden, der die Zucht des Hauses ersterben lassen will, dennoch die Vorderlocke trägst, sollst du von heute an nur noch wenig bei mir gelten. Gehe von hinnen!«

So sprach er mit strengem Blick.

Simano Suke, ohne etwas erwidern zu können, war in hohem Grade betroffen und entfernte sich sogleich ganz still vom Platze.

An demselben Tage ward Ugenda, der Vater Simano Sukes, nicht als Begleiter zugelassen.

Simano Suke ward des Schimpfes sich bewußt. Heimlich trat er den Rückweg an und begab sich, ohne vorher seinen Vater gesehen zu haben, in die Fremde. Der Ort seines Aufenthaltes blieb unbekannt.

 

Acht Jahre sind seitdem verflossen.

 

Unter den Reishändlern zu Utsino Sima in der Provinz Sessiu lebte ein Mann namens Kadzijemon.

Da ihm bis in sein hohes Alter keine Söhne beschieden waren und er an einem gewissen Menschen namens Sakitsi Gefallen fand, so nahm er diesen an Kindesstatt an.

Er selbst starb in seinem achtzigsten Jahre.

Kadzijemons Gattin wurde eine Nonne, die nahm den geistlichen Namen Miosan an und beauftragte Sakitsi mit der Besorgung des Hauses. Sie besuchte fortan nur den Tempel und verkehrte nicht mehr mit der Welt. Jedoch dieser Sakitsi war also sehr gewissenhaften Charakters, der seiner schwächlichen Leibesbeschaffenheit schließlich Schaden brachte. Er ehrte Miosan wie seine eigene Mutter; und indem er sich die Geschäfte des Hauses allzu eifrig angelegen sein ließ, zog er sich durch seine Gänge ein hartnäckiges fünftägiges Wechselfieber zu.

Als er endlich von der Krankheit befreit war, aber seine Gesichtsfarbe dennoch welkte, ließ man auf den Rat, den ein Arzt seiner Mutter gab, einen geschwätzigen Possenreißer, ferner so etwas wie eine Virtuosin, die das Bürgerrecht erhalten hatte, kommen und gab sie Sakitsi zu Gesellschaftern. Nach manchen Arzneien wurden seine Sinne wieder schärfer, und seine Niedergeschlagenheit schien sich zu verlieren. Doch gegen die Mitte des zweiten Monats, als das Zypressengebirge den Anblick des Frühlings bot und die Wasserstraßen allmählich frei zu werden anfingen – um welche Zeit er beständig abgeschlossen lebte –, ward seine Krankheit wieder ständig schlimmer.

Da seine Mutter Miosan ihn ermahnte, eine Reise zu unternehmen, – um seine schlummernden Lebensgeister zu wecken, entschloß er sich – zumal er auch einen Auftrag hatte –, die Provinz Jamato zu bereisen und die von alters her berühmten Orte aufzusuchen.

Er übertrug daher seinen Laden einem Stellvertreter und begab sich in der Begleitung einiger Personen nach jenen Gegenden auf den Weg.

 

Bei dem Tempel Nanjen in Nara besuchte ein liebenswürdiges schönes Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren in Begleitung eines kleinen, vierjährigen Mädchens täglich das Teehaus auf dem Platze Sibawara.

Dieses Mädchen konnte Zither spielen, das chinesische Instrument Kin, das einer liegenden Harfe ähnlich ist. Die Kleine aber hielt den Gästen den Fächer entgegen, Gaben zu empfangen.

Wenn der Ton der Saiten voll erklang und der Gesang ihn lieblich begleitete, so waren der Menschen nicht wenige, die sich um sie versammelten, mit ihr sprachen und zuhörten.

O Welt! In der Leidenschaft der Liebe sprach man wunderbare Dinge.

Sakitsi aus Utsino Sima, der um diese Zeit nach Nara kam, ließ sich zu dem Mädchen, das hier so vortrefflich die Zither spielte und sich in der Straße Sibatsudzi bleibend niedergelassen hatte, führen.

Dieses Mädchen hieß Misawo und gehörte nicht zu der Klasse der gewöhnlichen Gabensammlerinnen. Sie war die Tochter eines angesehenen Mannes; jedoch um ihrer älteren Schwester Armut zu beheben, nahm sie Kojosi, die Tochter jener Schwester, zu sich und suchte so den Lebensunterhalt zu gewinnen.

Als er von solcher edlen Handlungsweise erfuhr, faßte er allmählich eine große Neigung zu ihr. Er besuchte nicht mehr die berühmten Orte und die Altertümer, von denen er gehört, sondern begab sich täglich in das Teehaus.

Hier wendete er ihr seine ganze Aufmerksamkeit zu; und nachdem er ihr verschiedene Gegenstände geschenkt hatte, ließ er sich mit ihr, ohne bestimmten Zweck, in Gespräche ein. Auch Misawo fühlte sich einem innigeren Verhältnis nicht abgeneigt, da Sakitsi ein schöner Mann war. Doch da sie sich in ihrer Liebe ihrer niedrigen Lage bewußt ward, fand sich keine Gelegenheit eines Geständnisses. Beide, einander nur in Liebe der Gedanken zugetan, verbrachten so einen Tag um den andern.

Einmal, als schon mit der Glocke des Sonnenunterganges die Menschen auseinandergingen und alles ruhig ward, trat einer mit den Worten:

»Wahrlich, es ist mir sehr zuwider!« zu der Bank vor dem Teehaus.

Es war der bekannte Wirt des Hafengebäudes zu Utsino Sima in Naniwa, namens Saizo vom Hause Tokuwaka.

Misawo gesellte sich zu ihm und sprach: »Wenn ihr eine Weile warten könnt, so bitte ich, kommt dorthin.«

Unter dem einsamen Laubdache sprach Saizo leise:

»Habt ihr recht verstanden, was ich euch gestern sagte, und werdet ihr um hundert Tael den Dienst annehmen?«

»Ja. Mit diesem Gelde gedenke ich der Schwiegermutter meiner älteren Schwester beizustehen. Wohlan! Ich verstehe, daß ich meine Freiheit verkaufe. Wer will mir dieses wehren? Damit meine Schwester, deren Einwilligung hierzu erforderlich ist, nicht eher etwas erfahre, als bis das Geschehene bekannt ist, und ich zu euch gekommen bin, habe ich für diese Urkunde, die ich von euch geschrieben erhalten, mir die Unterschrift meiner Schwester durch eine List zu verschaffen gewußt und mein Siegel beigedrückt.«

Als sie die Schrift vorzeigte, sprach Saizo gerührt:

»Ich handelte gestern nur vernünftig. Was meinen Wunsch betrifft, mir die Urkunde sogleich einzuhändigen, so werde ich kein Wort mehr dazu sagen. Als gute Tochter, die ihre Eltern liebt, mögt ihr dieses Geld gut verwenden und mir dienen. Morgen früh um vier Uhr komme ich in einer Sänfte, euch abzuholen, und gebe euch das Geld gegen diese Urkunde. Hierdurch wird wohl alles gut werden.«

»Ich werde euch dafür sehr verbunden sein. Zu der Mutter, deren Augen verschlossen sind, werde ich sagen, daß ich in eure Halle zur Aufwartung mich begebe.«

»Damit bin ich ganz einverstanden; und wenn ich vorgeblich gemeldet, daß ich gekommen bin, die diensttuende Dame abzuholen ...«

»Ich werde darüber sehr erfreut sein!«

Voll schmerzlicher Gedanken, bei denen die Tränen über ihr Antlitz rollen wollten, zwang sie sich zu einem Lächeln:

»Wohlan!«

Unter tiefem Nachdenken sprach sie, ihren Dank auszudrücken, für jetzt nur stammelnd:

»Also, mein Gebieter! Ich wünsche euch auf morgen Glück!«

Mit diesen Worten entfernte sich Saizo plötzlich.

An dem Steige Fannija in Nara befand sich ein Sänftenträger namens Tofei.

In früheren Jahren hatte er sich nach dem Kuanto begeben und daselbst bei einem Kriegsbefehlshaber namens Kadzumura Teidaifu als Fußsoldat Dienste genommen.

Dort unterhielt er ein heimliches Verständnis mit Fanajo, der Schwester von Teidaifus Gattin Fatsuse, in deren Haus er wohnte.

Als Fanajo in andere Umstände kam, glaubte er diesen Fehler nicht wiedergutmachen zu können.

Er ergriff mit Fanajo die Flucht und begab sich an den obgenannten Ort, da er aus ihm gebürtig war.

Hier brachte diese bald darauf ein Mädchen zur Welt, dem sie den Namen Kojosi gaben und das eben jetzt vier Jahre zählte.

Dieser Tofei hatte eine alte Mutter namens Kutsiwa, die, nachdem sie an einer gewissen Augenkrankheit ein Jahr lang gelitten, zuletzt völlig erblindet war.

Dieses war nicht die einzige Betrübnis der beiden Gatten.

Sie verleugneten sich noch an ihrem Aufenthaltsort, als sie wegen Kadzumura Teidaifu, dem Gebieter Tofeis in Kuanto, woher sie gekommen, in Trauer versetzt wurden.

Der verlor nämlich sein Gehalt; und da es ihm unmöglich schien, für den Unterhalt seiner einzigen Tochter Misawo zu sorgen, so schickte er auf Veranlassung seiner Gattin Fatsuse, die irgendwie mit jenen in Beziehung treten wollte, jene Tochter nach dem Wohnsitz der jüngeren Schwester Fanajo.

Diese, die bei Teidaifu sehr viel galt, hatte ihrer Schwester heimlich Nachricht von dem Ort gegeben, wo sie sich verborgen hielt, und wechselte mit ihr von Zeit zu Zeit Briefe.

Um ihre Schwester zu beruhigen, meldete sie ihr nichts von ihren gegenwärtigen dürftigen Umständen und hatte ihr deswegen früher berichtet, daß sie sich wohl befinde.

Fanajo stand eigentlich zu Misawo im Verhältnis von Muhme und Nichte, jedoch wegen der Altersverschiedenheit von nur drei oder vier Jahren nannte sie jene gemeinhin Schwester.

Da sie auch für Tofei die Tochter seines gegenwärtigen Gebieters war, so machte er sie auch zum Gegenstand besonderer Rücksicht.

Täglich begab er sich zum Kreuzweg der Stadt; und indem er die Sänfte trug und sich auf das äußerste abmühte, erwarb er seinen Unterhalt. Doch außerdem, daß er sich nichts erübrigte, vernachlässigte er auch noch infolge der langwierigen Krankheit seiner Mutter die häuslichen Geschäfte und schritt zuletzt zum Verkauf seiner Hausgeräte. Misawo sah, daß er nicht imstande war, sich durch das Leben zu bringen, und konnte das nicht ertragen.

Sie gab daher vor, daß sie um der Mutter und auch der Eheleute willen ein Gelübde getan habe, den Tempel Nanjen hundert Tage hintereinander zu besuchen und daselbst das aus hundert Kapiteln bestehende Gebetbuch zu lesen. Weil jene Kojosi, ungeachtet ihrer Jugend, einen scharfen Verstand hatte und es daher nicht leicht war, ihr das Wort abzuschneiden, so wechselte sie die bei ihren gemeinschaftlichen Gängen eingesammelten kleinen Münzen in Gold um. Sie versicherte, daß dieses Beträge seien, die ihr aus der Heimat zuflössen, und gab sie ihrer Schwester Fanajo.

Der Morgen kam. Es war der dritte Tag des dritten Monats und das Fest der Pfirsiche.

Kojosi stand früh auf, stellte ein paar vom Verkauf übriggebliebene kleine Figuren auf den Spiegeltisch der Mutter und nahm, einzig mit ihrem Spiele beschäftigt, aus einem an einem Hundekästchen hängenden irdenen Gefäß einen Pfirsich in die Hand.

Zugleich öffnete sie, da ihr Haus ja arm war, das Bilderbuch der »Eltern des blumigen Feldes« und erklärte es mit stammelnden Worten vor den kleinen Figuren, wobei für die Kinder, denen sie es vortrug, kein Häufchen Pfirsiche vorhanden war.

Tofei, nachdem er wie gewöhnlich die ruhigen Augenblicke seiner Mutter abgewartet hatte, nahm die Sänfte auf die Schulter und ging aus dem Hause.

Da wendete sich Misawo zu ihrer Schwester und sprach:

»Um durch mein Gebet für euch die Rückkehr zum Wohnsitz des Vaters und die Versetzung in den einstigen Zustand und für Frau Kutsiwa die Heilung ihrer Augenkrankheit zu bewirken, begab ich mich täglich in den Tempel Nanjen. Doch wegen der zu dieser Zeit ungewöhnlichen Kälte befinde ich mich heute unwohl. Möchtet ihr nicht die Güte haben, statt meiner hinzugehen?«

Fanajo willigte ein.

»Weil ich also gehen werde, so reicht der Mutter, wenn sie erwacht ist, ihren Arzneitrank. Haltet euch warm und gebt acht, daß ihr nicht ernstlich krank werdet. Kojosi, die Hausmutter, wird zum Beten gehen und abwesend sein. Unterdessen betrage dich gut gegen meine Stellvertreterin und erwarte meine Rückkehr!«

Mit diesen Worten ging sie allein aus dem Hause.

Gleich darauf blickte der eben angekommene Saizo vom Hause Tokuwaka zur Tür herein und fragte durch einen Wink, ob die Gelegenheit günstig sei.

Misawo antwortete zuerst leise:

Kommt her!« und gleich darauf laut:

»Ja. Es ist recht.«

Saizo hustete bedeutungsvoll:

»Ist jemand da? Ich bitte mich zu geleiten.«

Misawo schloß die Hände aneinander; und er sprach mit verhaltenem Lachen:

»Ich bin ein Hausgenosse des Oberrichters von Jenja und heiße Tokuwaka Saizo. Es wird heute schon Zeit sein, daß Fräulein Misawo dort erscheine. Infolge der Anordnung seiner Oberkammerfrau, der Frau Iwafudzi, habe ich, um sie abzuholen, eine vierhändige Sänfte – wahrhaftig! von dem blendendsten Glanze eine und sogar mit goldenen Achsenkugeln – draußen in der Straße halten lassen. Nehmt daher eure Sachen zusammen und bereitet euch schleunigst!«

Die Mutter Kutsiwa, die für wahr hielt, was er sprach, öffnete die Schirmwand des Bettes.

»Also geht ihr jetzt fort, um euch für einen Ehrendienst vorzustellen?«

»Ja, die Schwester und Herr Tofei gaben sehr ungern ihre Einwilligung. Doch weil ich glaubte, daß eure Krankheit indessen behoben sein werde, verschob ich es bis auf den heutigen Tag.«

»Das schadet gar nichts. Obwohl es meinen Sohn Tofei und meine Schwiegertochter sehr schmerzen wird, so wird mir, da Frau Fanajo mir mit solcher Liebe zugetan ist, hieraus keine Verlegenheit erwachsen. Ich habe euch dieses zwar noch nicht gesagt, doch auf euch besonders lege ich großen Wert. Was ich aus Anlaß dieses Ereignisses auf dem Herzen trage und euch gern in aller Eile sagen möchte, ich werde ein andermal – es sei wann immer – in der Lage sein, es euch zu sagen. Was gilt's? Ich weiß von diesem vornehmen Herrn! Zur Güte! In welcher Gegend befindet sich denn das Haus des Herrn Oberrichters?«

Bei dieser Frage zeigte Saizo in seinem Blicke Verwirrung.

»Die hohe Wohnung ist im Fächertal. Wahrhaftig! Hier ist das Feld der Sichelkammer. An den hundert Bäumen geht ihr vorüber. O, diese sind jetzt ein entlegener Blickpunkt. Da ihr krank seid, so haltet ihr euch am Berge der acht Fahnen, bei dem Tempel der Genesung auf. Von diesem Berge laßt ihr den Oberfahrtsplatz zur Linken; und wenn ihr dort wieder nach der Wohnung des Herrn Oberrichters fragt, so werdet ihr alsogleich erfahren, wo sie ist.«

Nach solcher Beschreibung hob sie von neuem an:

»Ich bin zwar öfters in dieser Gegend gewesen, aber ich habe davon weder etwas gehört noch gesehen. Wann wurde denn dieses Gebäude erbaut?«

Als er das hörte, sprach er, indem er gar viel nachdachte:

»O vor langer Zeit, vor sehr langer Zeit. Das zehnte Jahr Mirokus ist das Jahr seiner Errichtung – das Gebäude, das von den Untertanen erbaut wurde.«

»Das muß ein großes Gebäude sein.«

»So groß wie nur denkbar. Wenn man zum Beispiel den Vorsaal sieht, da sind gefranste Teppiche mit Streifen fünfhundert Stück, gefranste Teppiche von Rohseide fünfhundert Stück, gefranste koreanische Teppiche fünfhundert Stück – im ganzen eintausendfünfhundert Stücke setzen die Leute in Erstaunen.«

Als er hier von dem Namen sprechen wollte, war er ihm aus dem Gedächtnis entschwunden.

Misawo ward dessen inne und rief schnell:

»Da hier ein scharfer Zug geht, so werdet ihr euch erkälten. Kommt doch hierher!«

Sie ergriff Kutsiwas Hand, führte sie in das Schlafzimmer und drehte hinter ihr die Schirmwand des Bettes um.

»Was für ein Kleid soll ich anziehen?«

Nachdem sie solches gesprochen hatte, drückte sie, ohne die angegebene Veränderung mit ihrem Anzug vorzunehmen, das Vorderhaar nach oben.

Saizo nahm aus einer kupfernen Rolle hundert Tael.

Misawo gab dafür vertrauensvoll die Urkunde; und während sie dieses Geld in der Hand hielt, blickte sie aufmerksam vor sich hin.

Hierauf legte sie es samt einer Schrift, die sie früher aufgesetzt hatte, vor den Figuren aus und verbarg es in dem Hundekästchen.

»Seid also sorgfältig auf eure Heilung bedacht!«

Die Mutter Kutsiwa, als sie diese Worte hörte, kam wieder tappend aus dem Schlafzimmer heraus:

»Also geht ihr jetzt fort? Ich möchte nur mit einem Auge sehen, wie ihr euch heute – vermutlich auf gar prächtige Weise – umgekleidet habt! Doch meine unverbesserliche Blindheit! Wohlan, ich werde es durch Tasten zu erkennen versuchen.«

Als sie sich zu tasten anschickte, löste Misawo im Schrecken eine altmodische, mit Nüssen von ungleicher Zeit vor Buddha aufgehängte Tischeinfassung von schwarzen Seidenfasern glücklicherweise vom Altar, hielt sie vor das Knie und ließ die Mutter sie befühlen.

Diese sprach lächelnd:

»O! hieran hat die Tochter des Herrn Kadzumura sehr wohl getan. Gebt acht auf diese Decke, die weder der Hitze noch der Kälte zugänglich ist, und wendet alle Sorgfalt an, damit euch keine Krankheit befalle!«

Während die graue Mutter sich freute, daß jene mit dieser Decke sich auf den Weg begebe, kam Kojosi herein und rief unbefangen:

»Mutter, Mutter! mit was für einer lächerlichen Schürze ...!«

Misawo unterbrach sogleich ihre Rede:

»Ha, diesen Muff der Schwester, den sie mir mißgönnen würde, wenn ich ihn anzöge, lege ich nieder und du, weil du groß genug bist, nimmst ihn mir weg – hört, Frau Kutsiwa! – o habt doch die Güte, schickt diese kleinen Becher zu dem Novizen!«

Da diese nichtssagenden, aber doch beschwichtigenden Worte nicht zu verstehen waren, blickte Kojosi beiden starr ins Gesicht und konnte nichts mehr hervorbringen.

Saizo hustete.

»Wenn ihr bereit seid ... die Geschäfte des Saales ... es tut mir jedenfalls leid ... dort ist eure Sänfte!«

Als sie so dringend gemahnt wurde, nahm Misawo, ihre Tränen verbergend, Abschied, ging in das Vorzimmer und winkte Kojosi zu sich hinaus:

»Wenn jetzt die Eltern zurückkehren und mich suchen, so werden sie den Ort, wo ich bin, also erfahren, daß du ihnen von dieser Bilderbuchstelle des »Vaters der blumigen Wohnung«, aus dem ich dich jeden Abend unterrichtet habe, wie gewöhnlich die Erklärung sagst. Vergiß dieses ja nicht!«

Hierauf blickte sie voll Verlangen immer wieder zurück und sprach mit leiser Stimme:

»Die Eltern werden auf mich warten. Wegen des Wartens gebe ich dir keinen Auftrag, ich bin schon vom Reden erschöpft. Wohlan! Ich werde schleunigst jemanden schicken.«

Kojosi, nachdem sie Misawo zur Sänfte begleitet hatte, kehrte schnellen Schrittes zurück.

Tofei, der Herr der Wohnung, von diesem Vorfall ganz ohne Kenntnis, kam in Eile wieder zurück, sah sich überall um und nahm die Pfeife, die er mitzunehmen vergessen hatte, in die Hand.

»Wahrhaftig! Indem ich zurückkehre, um zu sehen, ob ich sie nicht auf dem Wege verloren habe, ist sie noch da; aber meine grüne Pflanze hat man mir in Ermanglung des Tabaks indessen aufgeraucht. Und die Mutter ist schon wach!«

»Ja, ganz wach. Soeben ist vom Hause des Herrn Jenja ein Mensch hergekommen, um Fräulein Misawo abzuholen, die, wie er sagte, sich dorthin begeben solle, um zu dienen. Während sie sich vorbereitete, sprach er auch mit ihr. Er ließ sie nur das Überkleid wechseln; und sie entfernten sich in einer Sänfte mit goldenen Achsenkugeln. Bist du ihr denn nicht dort auf dem Wege begegnet?«

Tofei blieb ungläubig.

»Wenn es sich so verhält, warum sagte sie mir nicht das geringste davon, als sie mit mir sprach? Hierdurch wäre es doch wohl möglich gewesen, daß sie nicht in den Dienst zu treten brauchte!«

Bei dieser ängstlichen Frage lächelte Kutsiwa.

»Daß ihr Eheleute ungern eure Einwilligung gegeben hättet, waren ihre eigenen Worte; und sie wird doch nicht lügen. Du bist in diesem Punkte sehr vergeßlich.«

»Nein, nein! Ich weiß solches nicht aus Überzeugung! Ha! Ich konnte nicht begreifen, warum man in einer vierhändigen Sänfte, die ich eben auf dem Wege sah, den Vorhang niederließ, als man mir begegnete und sich plötzlich vor mir verbarg. Ich will schnell ihr nach.«

Als er hinauseilen wollte, trat ihm das kleine Mädchen Kojosi in den Weg.

»Vater, ich weiß, wohin die Schwester gegangen ist.«

»Also hast du es gehört? Wohlan, sage mir es schnell!«

Als er hier innehielt, öffnete sie mit jugendlicher Unbefangenheit das naheliegende Bilderbuch und sagte:

»Einst in der früheren Zeit ...«

Tofei hob wieder an:

»Kojosi, ich brauche nicht zu wissen, wo das ist, sondern – weil ich etwas ängstlich bin – möchte ich schnell wissen, wohin Fräulein Misawo gegangen ist Sage mir es, gutes Kind!«

»Die Schwester sagte mir, wenn ich dieses Bilderbuch erkläre, so würde man erfahren, wohin sie sich begeben habe. Ich werde es also tun und auf diese Weise es sagen. Dort steht:

Es lebte ein Mann namens Sioziki Dzitsi-i, der rettete einem jungen Hunde das Leben und zog ihn mitleidig auf.

Als dieser Hund allmählich groß geworden war, sprach er einmal zu Dzitsi-i:

Wenn du morgen mit mir hinausgehst, den Ort, auf den ich niederfalle, gräbst und die Richtung befolgst, die ich dir bezeichne ...

Hier erwachte er aus seinem Traume.

Und als der Morgen graute, ging er mit dem Hunde hinaus und grub den Ort, auf den er niederfiel.

Da kam eine Menge Goldes in gewogenen Stücken, die kleine Knollen genannt werden, zum Vorschein, und also wurde er auf einmal sehr reich.«

Als sie so langsam mit ungeläufiger Zunge redete, sprach Tofei hastig:

»Ha, hier habe ich keinen Anhaltspunkt! Dort hingehen, um den Ort ihrer Abwesenheit zu erfahren, ist ein kurzer Weg.«

Als er hinausgehen wollte, stieß er aus Versehen mit dem Fuße das Hundekästchen um.

»Ha, dieses ist gewogenes Gold! Der Hund fällt nieder, und das Gold kommt hervor. Dieses erklärt sich jetzt dadurch: das Hundekästchen fällt um, und Gold kommt daraus hervor. Ich verstehe die Rätsel, die hier verborgen waren.

Was? Eine hinterlassene Schrift an die beiden Gatten? Von Misawo? Das ist mir unbegreiflich!«

Als er das Siegel erbrach, rief die Mutter Kutsiwa:

»Was? Ist da ein Brief von Fräulein Misawo? Lies ihn doch und laß mich hören, was sie sagt!«

Als sie das Ohr hinhielt, rollte er den Brief auf und nahm, obgleich erschrocken, eine lächelnde Miene an.

»Seid ohne Sorge! Zwischen uns und ihrem Vater in der Heimat kommen die Sachen zur Entscheidung.

Wenn eure Krankheit glücklich verlaufen ist, wird sie hören, ob ihr mit mir nach Kamakura reisen könnt; und wenn euch dieses zugleich angenehm ist, wird sie nicht mehr in unser Haus zurückkehren.

Weil sie geraden Wegs sich in die Familienhalle begibt, werden wir sie nicht eher sehen als bei der Einkehr in die Fremdenwohnung.

Dieses ist der Inhalt des Briefes, den sie uns hinterlassen.

Doch hört, Mutter! Wenn euch die kalte Luft hier anweht, so wird dieses eurer Genesung nicht gerade förderlich sein. Geht doch in das Schlafzimmer!«

Hier führte er sie in das Seitenzimmer, stellte den Wandschirm von Papier auf und sprach unbewußt mit sich selbst:

»O Fräulein Misawo, eure übergroße Liebe ist betrübend! Was soll ich tun, der ich nicht wußte, daß ihr mit jenem Netzhute das Gesicht verbargt, zum Tempel Nanjen täglich gingt und sammeltet? Ach, damit ihr nicht vergeblich den Vorsatz fassen möchtet, uns in der Bedrängnis des Lebens Beistand zu leisten, verehrte ich euch bis auf den heutigen Tag absichtlich mit einer Miene, die keine Unzufriedenheit aussprach. Daß dieses dennoch geschehen, ist mir unerträglich. An eurer Stelle werde ich mich durch die vergängliche Welt bringen.«

Indem er einsam saß und weinte, rief seine Frau, die nach Hause kam und am Fenster dieses hörte:

»Also ist Misawo aus der Stadt?«

»O, die Sache bedarf wenig der Worte. Lies diesen Brief, ohne daß die Mutter es hört, und sieh es selbst!«

Sie entfaltete den Brief langsam und las:

»Ich hinterlasse ein Schreiben. Bis zu dem gegenwärtigen Augenblick hielt ich euch sehr wert und ging täglich mit Kojosi fort, angeblich um den Tempel der Göttin Kuanwon zu besuchen, in der Tat aber, um Gaben zu sammeln, die ich als Beisteuer aus der Heimat ausgab.

Obwohl dieses wenige euch zustatten kam, so würde doch, wenn ich diese, nach meiner Absicht nutzbringenden Einkünfte so eifrig wie bisher herbeischaffte, immer größere Armut euer Los werden.

Darüber betrübt, verkaufte ich mich um hundert Tael an das kleine Berghaus in Utsino Sima. Es ist mein Wunsch, daß ihr mit diesem Gelde die Heilung der Frau Kutsiwa bewirkt. Jedenfalls könnt ihr ziemlich bald einen Handel anfangen und, wenn ihr übriges Geld habt, dasselbe nach Kamakura schicken. Sobald dieses dem geehrten Krieger unverhofft zuteil wird, will ich untersuchen, ob er etwa imstande ist, sich zu helfen, und schleunigst die Sachen kurz ...«

Das konnte Tofei nicht länger anhören. Er ergriff das Geld und wollte hinauseilen.

Fanajo hielt ihn am Rock zurück:

»Kehre doch zurück! Wohin willst du gehen?«

»Nun, ich weiß es schon! Das Geld zurückgeben und Fräulein Misawo ...«

»Nein, nein! Da einmal eine Urkunde ausgestellt ist, kann die Erlegung der ursprünglichen Summe, ja auch die des Doppelten, es nicht mehr rückgängig machen. Nach dem Gesetze ist da nichts zu deuteln. Obwohl wir die Absicht nicht hatten, sie dienen zu lassen, so ist doch, da es nun einmal geschehen ist, nichts mehr zu tun. Wir müssen das Geld, das sie mit diesem Brief zurückließ, nutzbringend anlegen und, indem wir das äußerste tun, unsern Mut aufrichten. Wir geben es für eine Beisteuer aus, die uns die Schwester in der Heimat schickte. Inzwischen gibt es kein anderes Mittel, als daß sie die Freiheit erhalte.«

So beruhigte sie ihn auf verschiedene Weise.

Die Mutter glaubte, daß er wieder nach Kamakura in den Kriegsdienst zurückkehren werde. Die Eheleute wendeten noch größere Sorgfalt an und pflegten sie mit Hilfe dieses Geldes.

Alsbald heilten sie die Mutter von der Augenkrankheit; und nachdem sie auf diese Weise sich wieder erholt und ein wenig zur Besinnung gekommen waren, übersiedelten sie nach Naniwa in Sessiu.

So wurde Misawo die Virtuosin von Simano utsi und legte sich mit sinnreicher Wahl den neuen Namen Komatsu bei.

Da sie überdies mit Verstand begabt war, so schmückte sie sich, indem der Gegenstand ihres Namens sich nicht vollständig tragen ließ, gewöhnlich mit zwei Kämmen. Die Leute in Naniwa machten hieraus noch einen anderen Namen und nannten sie Futatsugusi, das heißt: zweikämmig, und zwar aus dem Holze der kleinen Föhre: Komatsu.

Der Reishändler Sakitsi, da der Aufenthalt Misawos nicht zu erfahren war, kehrte verzweiflungsvoll nach Naniwa zurück.

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Mitsumon Sakitsi, Reishändler in Naniwa

Seine Krankheit zu heilen, machte er von Zeit zu Zeit Ausflüge nach verschiedenen Gegenden und trug die drei Fäden der Mondblume. Ohne es ihm zu sagen, machte jemand hieraus einen neuen Namen und nannte ihn Mitsumon, den dreifadigen Sakitsi. Obgleich er ebenfalls in Naniwa wohnte, fand doch niemals bei seinen Wanderungen, die sich auf ganz andere Gegenden erstreckten, ein Zusammentreffen mit Misawo statt.

 

Das Folgende ereignet sich wieder fünf Jahre
nach den hier erzählten Begebenheiten.

 

An der Brücke des Pflaumenfeldes in der Grenzstadt Naniwa, als der an den Marken eintretende Regen anschwoll, und die an dem ersten Tag jeden Monats nach Sioman, das ist ein Tempel des Gottes Aizen Miowo, fahrenden Schiffe wieder am Ufer anlegten, trat die mitleidsvolle Virtuosin, die den Namen Futatsugusi Komatsu angenommen hatte, hervor.

Als sie ein vom Abendwind zurückgewehtes buntes Kleid wie eine Blume erblickte, eilte sie nach und rief vom Uferdamme her:

»Hört, die ihr dort geht! Seid ihr nicht Wofana von dem blumigen Haus?«

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Wofana aus dem blumigen Haus, die Wirtin der Schiffsherberge

Diejenige, zu der solches gesprochen wurde, kehrte schnell zurück.

»Die ihr mich anredet, Komatsu, wo wart ihr?«

»Ja. Mit der Tafel meiner Wünsche besuchte ich den Tempel Aizens in Sioman und jetzt auf dem Rückweg bin ich im Begriff, mich zu euch zu begeben.«

Da lächelte Wofana.

»Die Leute sagen, daß er wohl dem Namen Komatsu sich zuwenden werde, weil auf ihn schon viele Lose gezogen wurden. Euer Besuch bei Aizen war gewiß ein sehr glücklicher. Ich habe jetzt einen Gast zum Sonesteige begleitet. Und da ich in einer, dem Landungsplatz der Straße, wo ihr zurückkehrtet, entgegengesetzten Richtung ging, hätte ich euch beinahe nicht getroffen. Doch warum habt ihr nicht, da er auch Boote besitzt, den Herrn Tofei hier benachrichtigt?«

»Ich hatte am Ort der Einfahrt eine Sänfte. Mein plötzlicher Entschluß, bei des Tages großer Hitze auf einem Umweg zu Schiff zu fahren, ließ mir zu der Bitte nicht Zeit.«

Während sie so sprach, trat sie in das blumige Haus.

Alsbald ertönte lieblich im Stockwerk eines Mädchens Schulgesang:

»Die Eltern einer frühen Zeit,
Ihr Angesicht betrachte ich, betrachte ich ...«

Bei diesen Worten seufzte Komatsu und sprach unbewußt zu sich selbst:

»Wenn es Schmerz gegeben hat, wird es Freude werden.«

Hierauf kehrte sie sich schnell zu Wofana:

»Ist diese Sängerin eure Tochter Wojosi?«

»Ja. Wenn ich sie glücklicherweise durch den Lehrer des benachbarten Storchsumpfes unterrichten ließ, so sah ich für sie damals noch keine Schule in der Person ihrer Muhme.«

Indem sie dieses sagte, blickte sie vorwärts.

»Doch dort in dem Boot, scheint es, ist Herr Tofei und eine Menge Gäste. Beliebt dorthin zu gehen.«

Sie ging mit ihr in das Stockwerk.

Sogleich stiegen aus einer gleichfalls an das Ufer stoßenden gedeckten Barke drei Menschen lärmend aus.

Es war der jetzt mit verändertem Namen sogenannte Mitsumon Sakitsi; und ihm folgten als Begleiter der bei dem Teelöffel die Halle der Zungengeläufigkeit bewohnende, gut aufgelegte marktschreierische Arzt Jabuwara Tsikusai, ferner der in einen feinseidenen wie in einen ganz gewöhnlichen Mantel gehüllte barfüßige, nachäffende Fukazen.

»Wohlan, können wir jetzt in eurer Wohnung im Vorübergehen einen Becher trinken?«

»Ja. In meiner niedrigen Wohnung möget ihr Erholung finden.«

Als die beiden anderen nichts einzuwenden hatten, öffnete der Wirt Tofei den zum Erker führenden Vorhof und machte den Führer:

»O nennt es nicht gemein und niedrig! Dieses blumige Haus ist ein Lusthaus inmitten der Schiffsherberge. Das erstemal erweckt es wenig Gefallen. Es ist ein anspruchsloser Ort, an dem gar nichts zu sehen ist als ein Erker aus schwarzem Holz, ohne Orangeriegarten, nur eine feste mit einer Bretterwand bekleidete Grundmauer.«

Tsikusai, ohne hinzublicken, folgte lärmend. Und Wofana trat in das Stockwerk.

»Der schätzbare Herr Sakitsi ist eine merkwürdige Erscheinung in dem südlichen Viertel, wohin er noch niemals den Fuß gesetzt hat.«

»O, den kenne ich. Obwohl ich ihm auf keine Art meine Gesellschaft aufdrängte, fand er dennoch an meiner Nähe großes Wohlgefallen.

Dieser Sakitsi, zurückgelehnt, die Tafel zu seinem Hauptkissen erkoren, erzählte mir in seinem verliebten Geschwätz, daß er von einer guten Mutter und von seinen kleinen Freuden geschieden sei. Bei seiner Jugend verabscheue er die Geschäfte des kostbaren Handels, bei seinem Glücke würde er dessen nicht froh. Und der Arzt legte an ihn die Hand und pflegte bei den Anfällen des Frostes mir zuzureden, daß ich nicht nach Hause zurückkehre. Seit den letzten Jahren befaßt er sich nicht mehr mit den Geschäften des Hauses und reibt durch Seufzen seinen Körper auf. Wie ich gehört habe, verdroß es ihn, daß Tsikusai und Fukazen, obgleich sie gewöhnlich in sein Haus kamen, ihm nicht rieten, den neuen Namen Mitsumon: mit der Bedeutung der Fäden des Gewebes anzunehmen. Deswegen hat er auch seinerseits nicht auf die langwierigen Gaukeleien geachtet.«

Während sie dieses sprach, warteten sie beide.

»Das ist doch ein wunderliches Wetter geworden. O sonderbar, sonderbar!«

Sie verhielt sich die Ohren, und Wofana sprach lächelnd:

»Weil diese Wolke in Schnee gekleidet ist, so ist es eine schlimme Sache, daß man nicht weiß, ob es heute Nacht noch donnern wird.«

Hier erhob Tsikusai den dargereichten Becher und blickte vor sich hin.

»In dem Gemache, wo das Lobgebet hängt, sind vor dem Hundekästchen, von dem ich gehört habe, Seidenfäden von sieben verschiedenen Farben aufgewickelt. Der Stock ist alt, und die Fäden sind neu für einen Hund.«

Tofei, zu dem diese Worte gesprochen wurden, warf die Blicke dahin.

»Dieses nennen wie die sieben Linien für den Berggott der Familie. Erkläre es doch, Wofana!«

»Ja. Dieses halten wir sehr wert.«

Als sie so ausweichend antwortete, zählte der erste die Finger und sprach lachend:

»Es wird gewiß so sein, daß die kleine Begleiterin, das Mädchen Wojosi, euer Alter anzeigt, und ihr möget so ziemlich das dreißigste Jahr erreicht haben.«

Wofana machte gegen Tsikusai die Gebärde eines Schlages und ging hinaus.

Fukazen folgte ihr.

»Er hat ein unerfreuliches Gerücht gehört und euch in Verlegenheit gebracht. Ja, er sagt es, damit es euch kränke. Doch wo wird denn das sein, was auf diesem Wandschirm gegenüber der Stelle gemalt ist: wo ein Mann mit einem Weib entflieht?«

Als er die Wand hervorzog, sprach der Wirt Tofei:

»O, das ist sehr unbequem. Habt die Güte, es zu biegen und es aufzustellen.

Dieses ist noch immer dieselbe Ansicht:

Die Kirschenbrücke mit der Brücke des Pflaumenfeldes: hier zunächst ist die Brücke des Sonesteiges.

Vor einiger Zeit, als die Lieder von Wofatsu Tokubeje erschienen, erbat ich mir von dem benachbarten Schriftenmaler eine Kulisse des Puppentheaters und stellte sie statt eines Wandschirmes auf.«

Tsikusai trat gleichfalls hinzu und rief:

»Bei diesem Liede kommt mir in Erinnerung, daß eine Virtuosin, die vor einigen Jahren den neuen Namen Futatsugusi Komatsu angenommen hat, hier eingekehrt ist. Da euer Name Mitsumon ist, so verhält er sich zu dem Namen Futatsugusi gerade wie die eingeschlagene Ecke zu dem geteilten Buch.

Es kommt daher nur auf euch an, ob ihr euch an diese Sängerin halten wollt.«

Sakitsi unterbrach ihn.

»In der Tat, wenn ihr euch bei dem Wandschirm erinnert, daß eine Komatsu unterwegs ist, von der ich eben den Namen hörte, die ich aber noch nicht gesehen habe, so ist das eine schlechte Strophe, die bis auf die spätesten Geschlechter einen leichten Namen fortleben läßt.

Wenn Wofatsu die Götter des Himmels in seinem Busen beherbergt und bei sterblichen Torheiten zur Vergleichung gebraucht wird, so ist das ein betrübendes Ergebnis.

Bisher war es mein Grundsatz, mich nie in solche Gesellschaften zu begeben.

Ja, die unbeständigen Virtuosinnen sind Waren, die gekauft und verkauft werden.

Sobald man sich des Goldes entledigt hat, werden sie frei. Das halte ich für wahr und lege darauf großes Gewicht.«

In diesem Augenblick, da er mit weit geöffneten Augen das Stockwerk umfaßte, wie in einem Gespräche mit allen Personen zugleich, fiel sein Blick plötzlich auf Futatsugusi Komatsu.

Wofana, die sie begleitete, spähte verstohlen hinter ihrem Rücken hervor. Und Sakitsi verschüttete den Wein, den er in der Hand hielt, ohne zu bemerken, daß die Feuchtigkeit an seinen Knien herabrieselte.

»Die Virtuosin hier – wer ist sie denn?«

»Es ist Futatsugusi Komatsu, die Herr Tsikusai dem Namen nach kennt!«

Sakitsi, als er dieses hörte, warf staunend den Becher von sich, zuckte zusammen und erweiterte den Gürtel.

»Wohlan! Von nun an will ich wieder an ihr Gefallen finden.«

Die Herzen wie der Himmel verändern sich, der fallende Regenschauer kältet; und die kräftigsten Pflanzen, die in der Stille blühen, werden vom Schlamme erreicht.

»So kommt denn in mein niedriges Haus!«

Hier schloß er sich den beiden an, die sich erhoben hatten; und indem er Tofei samt Komatsu folgte, gelangte er nach Simano utsi.

Als Komatsu in der Halle auf dem Ruhesitz lag und, ohne ein Wort zu sprechen, den Rücken kehrte, sprach Sakitsi von fern, indem er den Tabak verrauchen ließ:

»Ich weiß nicht, ob ihr von mir erwartet, daß ich euch das Vergangene mit ein paar Worten in das Gedächtnis zurückrufe.

Als ich in Jamato umherreiste, lauschte ich beim Tempel Nanjen täglich eurem Saitenspiel; und mitten in meinem Entzücken war es, daß ihr plötzlich verschwandet, und niemand wußte, wohin ihr euch begeben. Ein Gerücht verbreitete sich, daß ihr euch verkauft hättet. Und da ich nicht wußte, daß ihr euch hier in Simano utsi in meiner unmittelbaren Nähe befindet, habe ich euch niemals gesucht.

Heute traf ich mit euch zusammen. Ich für meine Person bin zwar zu unwissend, um verstehen zu können, ob eure Neigung zu mir nicht erstorben ist. Doch damit dieses nicht länger also der Fall sei, mögt ihr jetzt die Güte haben, einige Worte mit mir zu sprechen.«

Hier faßte er zierlich mit den Fingern ein Papier, das zehn Tael enthielt, und reichte es ihr hin.

»Seid so gut und gebt dieses statt meiner der Frau Fana; und wenn etwas übrigbleibt, so mögt ihr es auf ein leichtes Kleid verwenden.«

Als er dieses gesagt, legte Komatsu, ohne es anzublicken, die Pfeife nieder und machte mit abgewandtem Gesicht eine tiefe Verbeugung.

»Wenn man bei nächtlichem Donner schlecht aussieht, so gibt es auch ein Mittel dagegen. Warum sprecht ihr denn nicht?«

Hier streichelte sie unvermutet seine Hand.

»Es ist mein Vorsatz, in keinem Falle Gesellschaft zu dem Zwecke zu leisten, daß das Befinden nicht schlecht sei. Die unbeständigen Virtuosinnen sind Waren, die gekauft und verkauft werden. Die Dinge, von denen der Mann mir spricht, der das für wahr hält und von der Torheit überzeugt war, sie kennt Komatsu nicht.«

Als sie dieses mit entschiedenem Tone gesprochen hatte, hob jener wieder an:

»Ich hörte in dem Stockwerke, daß ihr euch in der Schiffsherberge befändet.

Sollte ich etwas so Ungebührliches gesprochen haben?

Wahrlich, indem ich mich zu keiner Gesellschaft entschloß und den Ort eures Aufenthaltes suchte, war ich der Meinung, daß ihr noch immer das Mädchen Misawo seid.«

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Futatsugusi Komatsu, Virtuosin in Simano utsi

»Wenn es an dem ist, warum reicht ihr mir nicht eine Gabe von zwei oder drei Mon Kupfer, wie es einer Sammlung angemessen ist? Sobald man sich des Goldes entledigt, werden sie frei. Wenn für die Zeit der Besprechung mit mir, wo ihr mich mit diesen Worten nicht verachten und nicht in Zorn geraten würdet, euer bestimmter Vorsatz so beschaffen und dieses die Stufe ist, zu der ihr mich jetzt erheben wollt, so wäre es weit besser, ihr beabsichtigtet nichts. Ich wußte nicht, daß ihr ein so verfaultes Herz habt ... Ich bin heute und auch früher wohl hundertmal zu Aizen ... Seht dieses sogleich an.«

Hier reichte sie ihm schnell eine von ihr verfaßte Schrift.

Sakitsi nahm sie, öffnete sie und las:

»Ich bitte, daß mir bekannt werde, ob es einen Mann gibt, der mich liebt. Sechsunddreißigmal war das Ergebnis: Kitsi, das heißt glücklich – nicht nur, weil es ein Teil des Namens Sakitsi ist. Wer mit mir bis in meine späten Jahre ...«

»Was soll der Mann tun, der ernstlich entschlossen ist, dir Gatte zu werden?«

»Wenn es so ist, so will ich wirklich.«

»Nein, nein. Wenn ihr nichts anderes tut, als daß ihr durch eure Rede mich erfreut, so möget ihr hierbei auch nicht das Antlitz enthüllen. Aizen aber hört nicht. Was soll das Seufzen der Worte: ›das Ergebnis Kitsi‹? Durch euer Herz erfahrt ihr, ob ihr geliebt seid!«

Hier zerriß er die Schrift, auf der die Lose verzeichnet waren.

Nach dem lauten Rufe:

»Der Donner, er fällt, er fällt ...!« sprach sie:

»So sei es.«

Hier lehnte sie sich unvermerkt an Sakitsi und kehrte ihr Gesicht gegen das seinige.

»Wenn es wirklich so ist, was werdet ihr tun?«

»Meine Person gehört euch.«

»Sagt, ob ihr das Leben mit mir teilen und euch niemals trennen wollt.«

»Ja.«

So antwortete sie leise.

Und das war der Anfang des innigsten Verhältnisses.

Wenn ein durch Bestimmung geknüpftes Bündnis seine Erfüllung gefunden hat, so wird es später nicht mehr gelöst und wird wirklich innig.

Die dem Namen entsprechenden drei Fäden, abwechselnd kommend und wieder entschwindend, entfalteten ihre Blüte.

Dieses Jahr verging ihm unter Traumgesichten. Der wiederkehrende grüne Frühling war Komatsu. Jedoch die Gäste der Welt verschlossen ihn und gewährten ihm nicht.

In den Tagen, als der Gesang der Vögel erwachte, zog er mit ihr Hand in Hand und in gemeinschaftlichen Sänften, heute wie ein Lebender, morgen wie ein Dämon, bald nach diesem, bald nach jenem Ort.

Der von Gold und Silber, das er wie Badewasser verschwendete, gänzlich entblößte junge Mann von Tofei, jenem Distrikt, zu dem Naniwa gehörte, wurde das Gespräch der Welt.

Und da die Kunde davon auch in die Familie gelangte, so verschloß die Mutter Miosan, die solches nicht hören konnte und in Betrübnis versetzt ward, Sakitsi in ein Zimmer des Hauses, so daß sie ihn nicht mehr von ihrer Seite ließ.

Auf seine Bitte versteckte Tsikusai geschickt die vielen zärtlichen Briefe, die Komatsu geschrieben hatte, in eine Blumenvase, an der er sich erfreuen wollte.

Sakitsi in seiner Muße nahm sie heraus. Sein Herz war von Trauer bei ihrem Anblick erfüllt. Er überflog sie.

Er hatte beinahe die Hälfte gelesen, als die Mutter Miosan hereintrat.

»Ich glaube, daß wir eben das Ende der Herrschaft des Lichtes haben. Doch dieses hier kann ich nicht lesen. Sieh einmal, ob der Tag ein glücklicher ist.«

Mit diesen Worten reichte sie ihm einen Kalender.

Er schlug ihn auf; und indem er ihn hoch vor sich hinhielt, als ob er die Stelle gefunden hätte, verbarg er den Brief im Busen.

Hierauf sprach er mutig:

»Heute hat sich vom Himmel ein Sternbild losgemacht und ist in sein Wohnhaus eingezogen.

Damit hieraus nicht in kurzer Zeit ein Schalttag entstehe, wird es diesen in großer Schrift gedruckten zehn Abenden einverleibt.

Wenn man Geld besitzt – vier- bis fünfhundert Tael auf die Hand –, erhält man – zu meinem Weibe – wird hierdurch – leicht –. Weil ihr nicht gehört habt, daß das Haus dadurch in Ordnung gebracht wird, so bin ich willens, mich am Tage der Blutscheu zu beeilen.«

Die Mutter staunte über diese unzusammenhängenden Worte und sprach:

»O Sakitsi, wie haben wir dir gleich im Anfang zugeredet! Wenn du dich durch deine Lustpartien in einen schlechten Ruf gebracht hast, so geschah das deswegen, weil du die erste häusliche Ermahnung nicht hörtest. Seit einem Jahre hast du neue Sitten angenommen. Eine Unterhaltung an irgendeinem entlegenen Ort, wo die Menschen nichts bemerken, zwei- oder dreimal des Monats – würde ich dir durchaus nicht wehren. Ei, ei! Handle auch in der Liebe nicht so hastig. Wenn man einem Kinde im Übermaße Süßigkeiten zu essen gibt und daraus gar Klöße bereitet, so lacht derjenige, der es sieht. Wie erst, wenn man der Heilung wegen im Übermaße sich Vergnügen verschafft und sich bemüht, daraus einen Kloß zu bereiten, der den Namen des großen Berges trägt! Ach, der Vater hat dich mit Recht für unverständig erklärt!«

Während sie dieses seufzend sagte, öffnete eine Frau die Tür des als kleine Halle gebrauchten Ausgangsweges und sprach:

»Habt die Güte, einen Augenblick zu entschuldigen.

Ich bin eine Zauberin aus der Straße des Himmelskönigklosters und heiße Kuroga-usi-tsuzi.

Ist Herr Sakitsi, der Reishändler, zu Hause? Es ist einer seiner Leute zu mir gekommen, weil er das Bambusblatt brennen möchte.«

Miosan antwortete mit ungläubiger Miene:

»Ja. Sakitsi ist wohl da. Doch daß er eine Zauberin habe holen lassen ...«

Sakitsi zog sie beiseite:

»In der Tat, dieses ist etwas, was ihr nicht einsehen könnt. Versteht. Ich habe einen meiner Leute geschickt, indem ich die Sache vor euch geheimhielt. Ich wollte dadurch bewirken, daß meine Gewohnheiten sich verändern und eine höhere Richtung annehmen. Da indessen auch mein Gesundheitszustand sich verschlimmerte und es mit meinen Geschäften nicht vorwärtsging, sondern eher abwärts, da, als ich während der Frostanfälle herumwandelte, die Krankheit sich besserte, hingegen, weil ich zu Hause bleibe, das Aussehen schlechter wird, so wollte ich durch das Verbrennen der Bambusblätter, die ich selbst sammelte, zu erfahren suchen, ob dabei nicht irgendeine Fee im Spiele sei.

Frau Zauberin, kommt hierher! Ihr dort, möget die Güte haben, auf die Seite zu treten und zu Buddha zu beten, daß er meiner Trauer ein Ende bereite!«

Die Mutter, als sie dieses hörte, schüttelte den Kopf.

»O, ich bin von Natur zu Tränen geneigt. Ich habe das Grab meines Mannes besucht und mich ganz in seine Gesellschaft begeben. Ein Weib steht vor mir traurig; und du verläßt dich auf die Zauberin – solch Benehmen muß ich noch von dir erleben! Ach, welch schlechte Neigungen sind das! Da man vorher um sie nicht geschickt hat, so sollte man sie zurückweisen. Doch will ich annehmen, daß sie eine Zauberin ist, und ich will sie nicht wieder zurückschicken.

Sprecht so, daß ihr allein einander hört. Ich werde an einem Ort, den kein Laut je erreicht, zu Buddha beten.«

Hier ging sie fort und trat in eine einsame Kapelle des inneren Hauses.

Sakitsi, indem er ihr nachsah, hob an:

»Wofana, ihr seid glücklich hergekommen.«

»Ja. Herr Tsikusai bedeutete mir, daß ich, wenn ich in das Haus komme, mir irgendeinen Vorwand nehmen möge, sonst würde ich nicht zu euch gelangen. Ich muß schleunigst mit euch sprechen. Wegen des Unglücks, das sich beinahe ereignet hat, nahm ich diese Verkleidung an; und während ich lächelnd redete, stand mir der Angstschweiß auf der Stirn.«

»O, auf diese Weise hättet ihr immerhin bis zu mir gelangen mögen – es wäre euch nicht gelungen, nur einen Augenblick mit mir zu reden.

Indessen hat meine Mutter einen großen Abscheu vor dem Geruch der Gurken, deren ihr hier zum Zweck der Beschwörung in eurem Sacke habt.

Weil sie solches bemerkte, hielt sie euch wirklich für eine Zauberin und floh in jene abgelegene Zelle. Indem sie ihre frommen Betrachtungen nicht hier bei uns anstellt, kann sie uns durchaus nicht hören. Was werde ich erfahren?

In einem Briefe Komatsus, den ich früher erhalten, zeigte sich Dringlichkeit. ›Ich will schnell mit euch sprechen. Ich will schnell mit euch sprechen.‹ So schrieb sie, als ob sie es mündlich zu mir sagte. Was dieses zu bedeuten habe, kann ich mir durchaus nicht erklären.«

Wofana erwiderte mit Tränen im Auge:

»Es ist etwas, das ich bisher vor euch geheimgehalten habe. Wißt, daß diejenige, die ich, besonders wenn andere es hörten, schlechtweg Komatsu nannte, eigentlich die Tochter meiner älteren Schwester ist. Dieses hatte ich euch nicht gesagt. Wir sind in der Tat Muhme und Nichte. Der Mann meiner Schwester ist in Kamakura und erhielt von seinem Gebieter einen Falken in Verwahrung, den er gering schätzte und fliegen ließ. Infolge dieses Vergehens wurde er verabschiedet. Kurz vorher, so solches geschehen, floh ich mit einem Manne, der in der Familie diente und damals mit mir zugleich eingetreten war, weit weg in die Provinz Jamato. Auf den Wunsch dieses Tofei, mit dem ich mich vermählte, wechselte ich mit meiner Schwester von Zeit zu Zeit Briefe. Bei der Traurigkeit, in die ich versank, als ich unterdessen hörte, daß er in Ungnade gefallen sei, fand meine Schwester Mittel, mir, die ich bei ständigem Weinen im Herzen ratlos war, zu Hilfe zu kommen. Nachdem sie an ihrem Aufenthaltsort das Erforderliche getan, schickte sie unter dem Vorwand eines Ehrendienstes diese Komatsu oder Misawo, die damals fünfzehn Jahre zählte, durch einen Menschen zu mir nach Jamato. Dieses Mädchen, während Tofei die Sänfte trug und das unglückliche Leben von Mutter und Kind mit Mühe aufrechthielt, teilte freiwillig unsere Armut; und als sie die langwierige Krankheit meiner Schwiegermutter, deren Augen verschlossen waren, sah, konnte sie das nicht länger ertragen. Sie begab sich mit meiner Tochter Kojosi in den Tempel Nanjen und ernährte uns durch armselige Sammlungen.«

Als sie dies alles weinend gesagt hatte, rief Sakitsi erschrocken:

»Also ist jenes kleine Mädchen, das mit Misawo in die Gesellschaft kam, um zu sammeln, dieselbe Wojosi, die jetzt auf eine so viel versprechende Weise lernt? Ich glaubte, daß sie noch immer Kojosi heiße. Da sie in so kurzer Zeit groß geworden ist, habe ich sie nicht mehr erkannt. Nun gut. Ich möchte jetzt etwas von dieser dringenden Angelegenheit hören.«

»Ja. Wenn ich die Verhältnisse von früherer Zeit nicht sage, so könnt ihr es nicht verstehen.

Während wir also nicht vermuteten, daß Misawo Gaben einsammle, verkaufte sie sich, ohne darüber mit uns gesprochen zu haben, um hundert Tael an das Hafenhaus Tokuwaka hier in Simano utsi.

Dieses Geld, begleitet von einer hinterlassenen Schrift, kam aus dem Hundekästchen Kojosis zum Vorschein.

Das Haus geriet in Bestürzung; und Tofei wurde beinahe wahnsinnig: wegen der Krankheit der Mutter – da doch nebst der Nichte des Weibes der Herr des Hauses dagewesen ist – habe man ihr das Dienen zugemutet und er, als der Mann, habe sich nicht erhoben. Ich tröstete ihn mit Mühe. Und als wir miteinander in das Haus Tokuwaka gingen und sie sahen, wurden wir beschämt.

›O, Muhme, erlaubt es. Wenn die geehrten Eltern aus der Provinz nicht da sind, so konnte ich nicht anders als euch helfen. In dieser traurigen Lage sagte ich nichts und verhielt mich ruhig. Die Muhme ist nur eine halbe Mutter, und es geht euch nichts an. Ich halte das für Erfüllung der kindlichen Pflicht gegen die Mutter in der Provinz.‹

So rief sie mit einem Gesicht, das die Spuren der Tränen trug und das ich nicht vergessen kann.

Durch diese Redlichkeit wurde ich gerührt. Und auch Tofei gelangte zur Einsicht.

Wir lebten von diesem Geld. Und als wir Arzneimittel anwendeten, wurden die Augen der Schwiegermutter geheilt.

Mit dem übrigen Gelde siedelten wir nach der Brücke des Pflaumenfeldes, unserem gegenwärtigen Aufenthaltsort, über und kauften die Schiffsherberge des Flusses Jamakara.

Wenn ich den Grund angeben soll, warum wir den Weg und den Wandel uns bewahrt: – es ist die Fürsorge dieses Mädchens.

Um nicht die Güte Komatsus zu vergessen, schätzen wir auch das Hundekästchen so sehr, das ihr wie etwas Selbstverständliches gesehen habt.

Was die Schwiegermutter betrifft, so blieb sie bei ihren alten Gewohnheiten; und mir tat es leid, daß sie, um von ihrer Heimat nicht getrennt zu sein, in Jamato blieb. Doch nötigte ich sie, nach Naniwa zu kommen. Bisher sprach ich ihr nur von dem Ehrendienst der Halle; denn wenn ich ihr kundgetan hätte, daß dieses Mädchen anders diene, so würde die Kränkung ihre Lebenskraft wieder aufreiben.

Noch weit mehr bewahrte ich das Geheimnis gegenüber der Provinz.

Doch jetzt wurde der Vater Komatsus, der in Bezug auf mich der Mann meiner älteren Schwester ist, von seinem Herrn wieder aufgenommen und ist in den früheren Kriegsdienst eingetreten.

Der Milchbruder dieses Mädchens, ein junger Mann namens Jukimuro Riusuke, der bis in sein fünftes Jahr an ihrer Seite lebte, ist angekommen – mit dem Auftrage: daß Misawo, indem sie mit jemandem verlobt worden sei, ihre Entlassung aus dem hier übernommenen Dienst nehme und mit ihm nach Kamakura zurückkehre.

Ich bin jetzt diesem tüchtigen Krieger, der alles in einem ganz anderen Lichte sah, entgegengegangen.

Nachdem ich am Flusse Adzikawa eingekehrt war, führte ich ihn zu dem Haus, wo Fräulein Misawo dient.

Ich schämte mich zuletzt, sie jeden Tag gemeinschaftlich mit ihm zu drängen, und konnte nicht umhin, den Stand der Dinge zu offenbaren.

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Tofei aus dem blumigen Haus,
Wirt der Schiffsherberge an der Brücke des Pflaumenfeldes in Naniwa

Doch – wenn er das Geld von jener Seite herbeischafft und er ihr die Freiheit auswirkt, so kann Tofei noch weit weniger nach der Provinz die Blicke kehren.

Komatsu schließt sich an mich und ruft weinend:

›Obwohl ich in die Provinz zurückkehren und das Antlitz meiner lang entfremdeten Eltern sehen möchte, so will ich doch lieber sterben, als daß mein Bund mit Sakitsi gelöst und ich an einen anderen vermählt werde!‹

Ich war immer besorgt, daß sie durch uns ihre Freiheit erhalte, und daß, indem wir für unseren Eifer in der Angelegenheit des Geldes Bürgschaft leisteten, das durch einen anderen herbeigeschafft werde, damit ein Verhältnis von Seiten des verwandten Kriegers uns nicht in Verlegenheit bringe.

Dieses Mädchen sagt mir, daß ich zur Zeit, als ich in Jamato wohnte, ohne daß ich euch kannte, deswegen mit euch in Unterhandlung getreten bin.

Da ihr sie jetzt, unveränderten Entschlusses, mit eigenen Augen gesehen habt, so erkennt sie euch schüchtern als ihren Bräutigam, und die gegenseitigen Schranken sind entfernt.

Zum Glück wird Komatsu heute abend mit einem Gast in das anstoßende Haus Utakawa gehen. Wohlan, habt die Güte, euch dorthin zu begeben und euch mit ihr zu unterreden.«

So sprach sie mit unterdrückter Stimme.

Sakitsi, als er dieses gehört hatte, antwortete niedergeschlagen:

»Hier ist nichts mehr zu versäumen. Gut – obwohl ich erst heute von meiner Mutter einen Verweis erhielt, so könnt ihr doch, da die Sachen so stehen, meine Ankunft erwarten. Da bei dem Hause Utakawaja vierzig bis fünfzig Tael gut stehen, so werde ich sie nicht ansetzen. O, sie sollen mir zuteil werden. Jetzt mögt ihr nach Haus zurückkehren.«

»Sobald die Sonne untergegangen ist, müßt ihr etwas schnell ...«

»O, ich verstehe.«

Hier führte er Wofana zurück, wechselte das Kleid und zog den Gürtel zusammen.

Die Mutter Miosan trat aus einem Zimmer.

»Was hat die Frau Zauberin gesagt? Laß doch hören.«

»Ja, dieses.«

»Du hast keine Ursache, so vernichtet zu sein. Ich weiß es, ohne es gehört zu haben.

Zum größten Teil rührt dein Übelbefinden von dem Einfluß einer Fee namens Komatsu her. Unter schlaftrunkenen Reden auf einem Kissen, gebildet aus dem zweiästigen Bambusrohr Vergnügen und Wein, hast du dich selbst, der du einst an das Bogenschießen gewöhnt und eine gewichtige Person warst, gänzlich vergessen. Jetzt schüttest du mit einer Schaufel über eine einfache Stadtbewohnerin das kostbare Gold und Silber aus, während euer leichter Name als Inschrift des Sänftenplatzes öffentlich angeheftet wird.

Indem du die häuslichen Ermahnungen nicht hörst, rate ich dem Fächerschatten, sich in Sonnenschein zu verwandeln; und du merkst nicht auf, daß ein eckiges Brett auf keinen Fall zu einer runden Drehmaschine passe.

Ich glaubte, daß eine kurze Abschließung dir den Dorn vors Auge rücken werde, und hielt dich in Atem; doch wider Erwarten ereignete sich das Unglück, daß der fallende Tau der Blätter auf den Leib dringt, sobald die Mütze sich bewegt.

Es schmerzt mich, um diese Zeit die Sachen verkehrt zu sehen, den Wagen in dem Meer und das Schiff auf dem Berge. Unter einer Million von Gebeten und Kasteiungen des Fleisches würdige deinen Zustand einer großen Aufmerksamkeit.«

Als sie dieses gesprochen hatte, warf sie plötzlich aus ihrem Ärmel ein Paket mit hundert Tael.

Sakitsi umfaßte es wie im Traume.

Mit abgewandtem Gesicht setzte sie hinzu:

»Ich erlaube dir für diese Nacht eine Zusammenkunft bei der Zauberin. Doch morgen früh, ehe noch die Diener des Ladens erwacht sind, wirst du zurückkehren. Auf diese Weise kannst du später ausschlafen, und ich werde nichts davon wissen.

Um bei gleicher Farbe und bei gleichem Duft mit den Blumenbüscheln und den hastigen Sprößlingen den jungen Pflaumenbaum der keimenden Blüten nicht vergebens zu bestreuen, war die Gunst des mütterlichen Baumes groß.«

Wo die Saat der Liebespflanze zu schießen beginnt, und der Streifen der Halle, nämlich ein Fenstertuch die blumenleere Straße mit Blumen füllt, dort leiht den Namen der Brücken der Baum der Pflaume und der Kirsche.

Die Föhre schließt sich an den grünen Sonesteig; und indessen mit wachsendem Ruf der Ton der gerührten Laute an der Grenzscheide steigt und sinkt, sind befangen die Herzen.

Mitsumon Sakitsi, ohne sich bei Wofana zu erkundigen, wickelte die von seiner Mutter erhaltenen hundert Tael in den Busen und ging an der Uferseite des Hauses Utakawa auf und nieder.

Als er den Blick erhob, bemerkte er glücklicherweise die Gestalt der in dem inneren Stockwerk unruhig spähenden Komatsu.

Er schlug die Hände zusammen, zum Zeichen, daß jemand gekommen sei, um zu sprechen; und sie, da sie das Antlitz des geliebten Mannes auch bei Nacht vollkommen erkannte, gab ihm durch Winke zu verstehen, daß er eilen möge.

Als ihr Geist jetzt auflebte und sich Flügel schuf und sie in der erwünschten vertraulichen Nähe war, verlangte er zu wissen, wie er ohne Irrtum zu ihr gelangen könne, und schickte zu ihr an der finsteren Bretterwand den Ton der lauten Rede entlang.

Plötzlich ertönte die heulende Stimme eines Hundes, der ihn anbellte, als ob er beißen wolle.

Die Steine der Traufe waren ihm bei der Hand,

Während Sakitsi nach einem Stein griff und ihn warf, fiel das Bündel mit hundert Tael ihm aus dem Busen.

Ohne es zu bemerken, warf er dieses, so wie früher den Stein, von sich.

Es zerschlug die Laterne eines in der Ferne müßig daliegenden und an das Flußufer gebundenen gedeckten Kahnes.

»He, Weib, du wirfst hier etwas herein!«

So rief eine schläfrige Stimme.

Er zog sich noch mehr zurück, um nicht ertappt zu werden.

Da erschienen der Efeu und der Sumach an dem von der Föhre herabhängenden äußersten Gürtel der nichts ahnenden Komatsu, die vom Stockwerk niederblickte.

Beinahe hätte er dieses als hohe Mauer der Erstarkungsblume angerufen und sprach seufzend:

»Da er gleich im Anfang den Namen nannte, so wurde ihm kein Bein zerschlagen. Ich werde bei solchem Zufall nicht als Räuber erscheinen.«

Mit diesen Worten trat er in das Stockwerk.

Komatsu kam auf ihn zu und sprach weinend:

»Es wird keine Zeit zur Unterredung sein. Ich bin schon halb im Sterben. Die Sache verhält sich genau so, wie Wofana euch gesagt hat.

Ich glaube: ich soll wieder von euch getrennt werden, in die Provinz zurückkehren und dort vermählt werden.

Ich bitte euch: gebt mir den Tod!«

Sakitsi legte die Hand auf den Mund:

»O sprecht doch gelassen! Laßt euch in der Eile mit mir verbinden und gebt den schlechten Gedanken auf, euch an die Eltern in der Provinz mit Wehklagen zu wenden.«

»O, indem ihr mir die beinahe vergessene Heimat nennt, bringt ihr mich nochmals zum Weinen. Selbst der Stock, der zum Schlagen bestimmte, ist mehr ein Gegenstand der angenehmen Erinnerung; und die Eltern, die Mitleid fühlten, ehe ihre Hand mich noch traf, sie kann ich nicht vergessen. Obwohl mein Milchbruder, der mir entgegengekommen ist, sich meiner Züge nicht erinnert, so wird er doch, da er zu meinen Angehörigen in der Provinz gehört, – selbst wenn hier ein Berg mit dem anderen zusammentreffen wollte – bei mir, die ich den gezwungenen Dienst der Halle verrichte, die Traurigkeit des Herzens erraten, das sich so wenig von den Wasserlilien des Feldes der großen Insel, womit das Haar gesalbt wird, angezogen fühlt.«

Sie blieb bewegungslos liegen.

Der junge Mann klopfte ihr den Rücken und sprach:

»Wenn ich mit Mühe meine Freiheit erhielt, so empfing ich dazu durch die Güte meiner Mutter die Summe von hundert Tael für meinen besonderen Gebrauch.

Mit ihnen trat ich, ohne Zeit zu verlieren, heimlich durch das innere Tor und kam zu euch.

Tragt dieses Geld zu Wofana und legt es, ohne mich zu nennen, bei ihr als fremde Aushilfe nieder.«

Hier suchte er beständig in seinem Ärmel herum.

»Wenn es nur da ist. Ha! Das, was ich nach dem Hunde warf und für einen schweren Stein hielt, war mein zu Boden gefallenes Geld. Und ich wußte es nicht! O, o! Wenn ich es mit einem Taschentuch umwunden hätte, so wäre mir das nicht widerfahren!«

Komatsu, als sie seinen Schrecken erspähte, hob wieder an:

»Die Unglücksfälle häufen sich. Ich kann nicht anders als sterben.

So ist die Reihenfolge der Dinge:

Wenn ich mir durch einen anderen die Freiheit verschaffen lasse und am Leben bleibe, so muß ich notwendig in die Heimat zurückkehren. Wenn ich in die Heimat zurückkehre, so muß ich mich notwendig vermählen. Deswegen ist es mein Wunsch, durch eure Hand zu sterben. Fürwahr –: ich bin die Tochter eines Kriegers und besitze ein Notschwert. Dieses, damit er mich töte, bringe ich dem Jüngling und lasse mich führen zu den Göttern des Todes. Dort wird unsere Vereinigung sein.«

»Wenn ich wieder von euch getrennt werde, so habe auch ich auf dieser Welt keine Hoffnung mehr. Es war bei einer schwimmenden Wolke, daß ich die hundert Tael von Stein oder Ton verschieden glaubte. Es ist besser: ich sterbe.«

»So werdet ihr mit mir zugleich der Freude teilhaftig werden. Habt Dank. Was den Gast dieses Abends betrifft, so bewirten ihn jetzt die Gebieter, denen ich diente in der Halle seit Mittag, und er ist noch nicht hier. So lange, als er glücklicherweise noch niemanden gesehen hat.«

Hier rief eine Stimme aus dem in Bereitschaft gehaltenen Vorzimmer:

»Komatsu, Komatsu, der Herr Gast ist da!«

Die erschrockene Komatsu versteckte Sakitsi schnell in die Sacktür.

Sie selbst sammelte sich und nahm eine Miene an, die keinen Vorwurf aussprach. Sie suchte schnell die Reinheit der Stimme und die Klarheit des Verstandes zu gewinnen.

Sie öffnete den Wandschirm von weißem Papier.

Ohne vor dem eintretenden Gast ihre Züge erkennen zu lassen, sprach sie:

»Wenn euch etwas unangenehm ist, so werde ich zur schicklichen Zeit gleich aus der Halle zurückkommen. Wohl möchte ich mich gern genau erkundigen, wohin heute der Aufwärter des Hauses gegangen ist; jedoch da ich nicht bekannt bin, so gebe ich es auf.«

Bei diesen Worten bezwang sie ihre Miene und bedeckte mit dem Ärmel die Bretterküche.

Der Gast, ohne sich das geringste davon erklären zu können, ließ die Blätter des Fächers tönen und streckte das Gesicht vorwärts.

Wofana, in der Furcht, daß Komatsu so sprechen werde, als ob hier nicht das offene Auge eines Menschen wäre, fragte furchtsam:

»Komatsu, kennt ihr denn diesen Menschen nicht?«

»Ja – das ist der Gast, den ich heute zweimal gesehen habe. Doch da er ein ruhiger Mensch ist, so mögt ihr dort hineingehen.«

»O nein, das ist es nicht. Der Mann, der euch entgegen gekommen, ist der Herr Riusuke ...«

»Also ihr ... O, ich bin sehr beschämt!«

Indem sie dieses sprach, erhob sie sich halb und rief kummervoll weinend:

»Nein, nein! Durch euch wird mir diese Schmach nicht widerfahren!«

Jener beruhigte sie.

»O, nein! Verscheucht den Kummer eures Herzens! Getrennt von eurer Heimat Kamakura, deren ihr nicht bedurftet, verrichtetet ihr niedrige Handlungen. Da niemand es weiß, so nenne ich das keinen Flecken eures Namens.

Ich bin Jukimuro Riusuke, jetzt in Diensten des Hauses Momono J, der Sohn eurer Amme und ehemals euer Milchbruder und euer Hausgenosse. Wenn die Geschäfte, die ich verrichtet habe, in eurem Inneren Beschämung erwecken, so ist es ein Auftrag, den ich infolge der Verabredung erhielt. Indessen, da ich wußte, daß ich den Sinn von dem, was Frau Fanajo mir sagte, nicht verstehen werde, erkundigte ich mich an verschiedenen Orten und hörte so, daß eine Virtuosin namens Komatsu die Nichte des blumigen Hauses sei.

.

Der Krieger Jukimuro Riusuke

Als Beobachter begab ich mich zu euch als Gast, und nach vier bis fünf Tagen zweifelte ich nicht mehr an dem jugendlichen Gesicht in dem äußeren Saale, wo ihr saßet.

Durch das Distriktsamt verschaffte ich mir das Geld. Jetzt eben sprach ich mit dem Herrn des Hauses Tokuwaka, löste euch aus und empfing die Urkunde.

Von heute abend an seid ihr frei. Ihr habt das Trictrac und das Kugelspiel um kleine Muscheln gespielt. Da es mir zufiel, euch entgegenzugehen, so mögt ihr die Scham ablegen und unverzüglich eine Miene annehmen, als ob ihr vor großem Unglück bewahrt bliebet.

Ja, das, was ihr um jeden Preis vor anderen geheimhalten wolltet, habe ich, zum Verdruß der beiden Gatten, erfahren.«

Also sprach er mit entschiedener Stimme.

Als Misawo ihm wieder keine Aufmerksamkeit schenkte, sprach endlich Wofana ohne jede Zurückhaltung:

»Da ich euch die Ursache gesagt habe, warum ich Misawo dienen ließ, so habt mit meinem Fehler, einerlei, weswegen ich ihn auch begehen mochte, Nachsicht und meldet ihn nicht als solchen.

Obwohl sie jetzt Gelegenheit hat, sich wieder nach ihrem Geburtsort in der Provinz zu begeben, so war doch unterdessen bei diesem Mädchen eine von einem Gast geschickte Unterhändlerin, die nicht zurückgewiesen werden konnte.

Ließe es sich durch eure Bemühungen nicht ermöglichen, daß in die Provinz demgemäß berichtet wird und daß, nachdem sie sich mit diesem Manne vermählt, beide hier in Naniwa blieben?«

Bei dieser Bitte weinte und schluchzte Komatsu.

»Wenn auch das nicht sein sollte, was sie sagt, so gleicht es doch nicht den Bergen und dem Meere. Da ich von den Eltern diese Gunst erhielt, so ist es mein Wunsch, daß mein Leib, voll Sehnsucht nach Vereinigung am Morgen und am Abend, hier zurückbleibe und die Seele im Busen meiner Mutter wohne.

Doch es soll nicht ausbleiben, daß die Welt, die wenig weiß, erfahre, was es heißt: die Tochter eines Kriegers zu sein.

Werde ich von etwas gebunden, so sei es nur von Naniwas Erde. Um was ich euch bitte, sagt: Misawo ist krank, sagt: sie ist gestorben! und laßt mich immer hier. Nur nicht in die Provinz!«

Als sie dieses mit gefalteten Händen seufzend gesprochen hatte, erwiderte Riusuke, mit Tränen in den weit geöffneten Augen:

»Durch Erziehung ursprünglich eine Wasserlilie mit verschämten Blättern, hat eure Person einen Flecken erhalten. Ihr habt euch an die obere Welt gewöhnt und besitzt ein verändertes Herz, das die Eltern und die Heimat vergißt.

Die edle Gemahlin ließ mich zu sich rufen und sprach:

Da ich alt bin, hätte ich gern das Haar ablegen und Nonne werden mögen. Doch damit nicht Misawo vielleicht traurig werde, wenn sie zurückkehrt und diese Veränderung sieht, halte ich es für ein Glück, inzwischen noch so geblieben zu sein. Bringt sie mir schnell zurück.

Ich verlasse mich auf den Herrn Riusuke.

So fügte der Gebieter hinzu und hielt sich an seinen Hausgenossen wie an einen Hoffnungszweig. Soll ich, während sie eure Liebenswürdigkeit mit Ungeduld erwarten, auf einmal traurig und allein zurückkehren? Ich weiß nicht, ob euer Herr Vater, wenn seine Worte, daß er in der Provinz ein Verlöbnis zustande gebracht habe, als Lüge erscheinen, sich nicht das Leben nimmt.

Da Frau Fanajo nicht mit mir gemeinschaftlich zur Rückkehr nach Kamakura ermahnt, so wird er von seinem Entschluß, sie in der Ferne vermählt zu lassen, wieder abgebracht werden. Er schickt seine Tochter einem der Reishändler Dozimas, einem Bürger, der einen Reichtum von zehntausend Tael besitzt, und ich bin zurückgerufen, die Geschäfte dieses Bräutigams zu besorgen.

Soll ich diese Personen beiseite setzen und auf die hier in Naniwa wohnende Hausfrau achten?

Wenn ich mich so ereifere, so ist es wegen der Hochachtung, die ich für Fräulein Misawo hege.

Ach, eure Frau Mutter, die von diesem Vorfall nichts weiß, zählt die Tage an den Fingern und fragt sich, ob es heute sei oder morgen, und wartet. Seht hier ihren Brief und zieht es in reifliche Erwägung!«

Hier reichte er ihr den Brief.

Komatsu nahm ihn und betrachtete die Aufschrift:

An das Fräulein Misawo von ihrer Mutter.

Dieser Brief, durch den sie mir ihre Grüße sendet, schließt in sich die vergangene Zeit.

In meinem vierzehnten Jahre nach Jamato gekommen – warum sollte ich nicht das Antlitz der Eltern sehen wollen, die ich acht Jahre nicht verehrt? Wenn eure Worte mich in eine tödliche Krankheit fallen lassen, so verderbe ich durch die Zärtlichkeit der Mutter meine letzte Stunde. Indem ihr mich streng beurteilt wegen der Schande, die ich euch machen werde, – tadelt mich nicht zu sehr, als hätte, ich die Sache der Eltern vergessen!

Sie drückte den Brief ans Herz und zerschmolz vor Wehmut.

»Der Weg und der Wandel verdunkeln meinen Ruf. Ich habe sie beide verändert. Und noch bleibt etwas übrig.«

Ihr Nachdenken war zu Ende. Sie sprach, indem sie die Tränen trocknete:

»So kann mir der Mann die Eltern nicht ersetzen. Ich habe darüber reiflich nachgedacht. Weil ich morgen in die Provinz zurückkehre, so will ich heute abend von dem bisher unbesorgten Menschen mit Muße Abschied nehmen. Ihr könnt deswegen nach Hause gehen.«

Der ehrliche Riusuke hielt das alles für wahr und war sehr erfreut.

»Wohl, ihr seid zu Ende. Morgen also, noch vor Tagesanbruch, werde ich die Sänfte kommen lassen und euch abholen. Sollte irgendwelche Zudringlichkeit etwa dazwischen kommen, so erbiete ich mich zu jeder Abwehr. Auch wenn ihr Geld nötig haben solltet, braucht ihr bei mir ohne Sorgen zu sein.

Da ich mit Frau Fanajo noch verschiedenes zu sprechen habe, so werde ich sie bis zu ihrer Herberge begleiten.«

Er entfernte sich mit Wofana im Gespräch.

Da ein Kleiderstock vorgestellt war, erschien das Papier des Wandschirmes nicht für sich allein, und es fiel kein schräges Licht.

Sakitsi öffnete die Sacktür und sprach seufzend:

»Komatsu!«

»Sakitsi!«

»Ja.«

Mit diesen Worten ergriff er ihre Hand.

Nachdem sie sich vorher verborgen hatten, folgten sie den Föhren; hierauf liefen beide längs des Ufers, zu dem sie niederstiegen, in die Ferne.

»Die Welt ist entschwunden.
In Nacht entschwunden,
Wandelt zum Tod.
Wenn du vergleichst den Leib:
Auf jenes Feldes Wegen der Reif
Einen Schritt um den anderen
Schmelzend vergeht.
Träume von Träumen
Werden sein Teil.
Willst du sie zählen:
Bei der Morgendämmerung
Siebentem Glockenschlag,
Wenn der sechste ertönt,
Des noch übrigen einzigen
Eben schwebenden
Glockenschlags Widerhall
Sich begräbt im Ohr ...«

So tönte der monatliche Altangesang des Storchsumpfes an der Brücke des Pflaumenfeldes.

Als die beiden, zu deren seelischem Zustand diese Worte ganz paßten, in den Schatten des Ufers traten, blickte Sakitsi in die Ferne und sprach:

»O Komatsu, während ich soeben dachte, daß wir, die wir geradezu in die Ferne eilen, die Gelegenheit versäumen werden, uns in der Nähe verborgen zu halten, kommt uns in der Dunkelheit eine Laterne des Hauses Utakawa entgegen.

Wir sind zu dem blumigen Haus gekommen. Und da es scheint, daß Tofei und Wofana hinausgegangen sind, uns zu suchen, so können wir uns in ihre leere Wohnung begeben und dort mit Ruhe die letzte Stunde erwarten.«

Hier hieß er Komatsu sich verbergen und blickte allein in das blumige Haus.

»Wojosi, Wojosi! So spät in der Nacht schläfst du noch nicht?«

Das Kind, zu dem er dieses sprach, antwortete unbefangen:

»Heute abend hörte ich den Gesang des Lehrers aus der Nachbarschaft. Da kam jemand her, der sagte: daß Komatsu entfliehen wolle, und der Vater und die Mutter eilten ihr nach.

Jetzt möchte ich gerne gehen, doch ist niemand, der das Haus bewacht.

Es ist gut, daß ihr den Altan antrefft und sie morgen entfliehen lasset.«

Sakitsi nickte mit dem Kopf:

»Ich bleibe hier. Darum, wenn du zuhören willst, so tue es.«

»O ja. Also habt die Güte, die Wohnung zu bewachen.«

Sie lief in die Nachbarschaft.

Sakitsi blickte ihr heimlich nach und ergriff die Hand Komatsus. Er ging dann in das innere Zimmer und zog, ohne ein Geräusch zu machen, den zusammengelegten Wandschirm von allen Seiten auseinander.

Der nahe Gesang drang deutlich genug durch die Mauer:

»Die Wolke ist das ungeduldige
Antlitz des Wassers.
Den Krug des Nordens,
Das Sternbild des großen Bären bergend.
Wandeln die Schatten,
Den Sternen verbrüdert;
Der Milchstraße Himmelsfluß
Knüpft an des Pflaumenfeldes
Brücke die Elsterbrücke:
Wie lange noch sind
Dort für mich und für dich
Der Einigung Sterne?«

»Diese Verse sind ja von Wofatsu Tokubeje!

Diese kunstreiche Kulisse, zu einem Wandschirm gemacht, auf dem die Menschen miteinander wandeln, umfaßt noch immer die Brücke des Pflaumenfeldes.

Daß die toten Gegenstände, die ich unverständigerweise verlachte –:

Wehe, wehe! was noch gestern,
Was bis heute
Mir nicht geltend ward gesagt –:
Morgen werde auch ich
In den Kreis des Rufes treten –

jetzt zu einem toten Leben geworden sind, ist eine wunderbare Fügung.«

Komatsu, als sie dieses gehört hatte, sprach weinend:

»Das Wunderbare ist mein böses Geschick.

Euch, die ihr euch schnell mit mir verbinden wolltet und von keiner Schuld belastet seid, mache ich zum Gefährten durch die Schatten der Unterwelt. Dieser Gedanke ist mir unerträglich.

Ich denke wohl, ich klage.
Doch die Welt und das Leben
Sind nicht in meinem Denken.

Also müssen Dinge von äußerer Wichtigkeit den Menschen töten?

Sterben aus Not wegen Gold und Silber ist gewöhnlich in der Welt.

Dahin ist es mit mir gekommen. Die Freiheit hat ein Ende.«

»Ich besaß die hundert Tael. Aber ein elender Hund fuhr im Schatten wütend auf mich los. Daher kommt es, daß ich den Entschluß zu sterben faßte. Auch der dumme Mann, der sich hinsichtlich des Gegenstandes seiner Zuneigung im Irrtum befand, hat das Hundekästchen hier im Zimmer, eure Güte nicht zu vergessen, so hoch, wie die Götterlampe aufgestellt.

Doch für mich hat der Hund eine traurige Eigenschaft – er bellte mich an.

Wenigstens will ich mit der Faust das Hundekästchen auch auf das Feld des Buddha schleudern!«

Hier schlug er das unschuldige Hundekästchen zu Boden. Aus ihm rollte heraus:

das Paket mit hundert Tael.

»Ei, ei! Dieses ist das Geld, das ich verloren. Wie kam es doch hierher? Nun gebe ich dem Gedanken immer weniger Raum: daß euer Verlöbnis unseren gewaltsamen Tod herbeiführen könne.

Lest doch einmal den Brief eurer Mutter und seht, was sie euch schreibt!«

Sie zeigte ihn eilig vor.

»Ach, was Riusuke sagte: daß zwei Krieger miteinander ein Verlöbnis verabredet, ist kein leeres Wort.

Diesen Brief lege ich mir auf den Leib, um ihn in der anderen Welt zu lesen.

Ich besitze ihn zwar früher. Doch wenn ich Vorwürfe in ihm finde, ist mir das Auge dunkel und die Buchstaben zerfließen im Nebel. Ich lese ihn vergebens. Und diese Welt ist entschwunden.«

Sie zerschnitt das Siegel, gleich den Banden zwischen Eltern und Tochter, und entfaltete den Brief.

»Ha, ein Glätteisen und eine Schwiele!

Wißt ihr nicht, daß bei dem Fest, das eben jetzt fällt, ein gerader Weg zu der Unterwelt führt?

Obwohl es meiner beschäftigten Mutter gewöhnlich im höchsten Grade zuwider ist, einen ihre Kräfte anstrengenden langen Brief zu schreiben, so hat sie doch aus Zärtlichkeit für ihre Tochter so ausführlich geschrieben:

›In der Erwartung, daß du bald glücklich von der Reise ankommen werdest, feiere ich das Fest. Dein Vater ist sechzig Jahre alt, und alle seine Genossen wurden geladen. Sobald ich diese Zeilen geschrieben habe, werde ich mit Muße am Versammlungsort die Schüsseln für das Totenfest am fünfzehnten Tag des siebenten Monats bereiten.‹

Wenn ich auch beim Totenfest anwesend sein werde, so bin ich es nur als Geist. Der Becher, von den Eltern der Tochter gereicht, wird sich verwandeln in ein Geschenk vom Tau der Narzisse; und wenn es getragen wird vom Dache der Halme, wird die Wehklage der beiden mich mit Rührung erfüllen ...

Alle diese Dinge werde ich dir augenblicklich in einem erfreulichen Lichte darstellen – erfreulich, herrlich ...

Das ist eine erfreuliche Sache:

fern von der Heimat zu sein; und wenn der Traum etwa schlecht sein sollte, morgen wahrsagen zu lassen und einen anderen zu träumen. Ob ich einen anderen träume, ob ich bete –: ich kehre nicht zurück, und die Reue kommt zu spät. O zärtlicher Vater, o unvergeßliche Mutter!«

Hier verging sie vor Schmerz und weinte.

Sakitsi nahm den Brief und las weiter:

»Ferner:

›Der Sohn des Herrn Midzuma Ugenda, Herr Simano Suke, mit dem ich dich in deinem dritten Jahre verlobte und der den bleibenden Zorn des Gebieters sich zugezogen hatte, erhielt diesmal Verzeihung. Die Nachforschungen, den Ort seines Aufenthaltes zu erfahren, haben jetzt zum Ziel geführt; und wenn dieser Herr Simano Suke zurückkehrte, werde ich dich mit ihm trauen lassen. Indessen –«

Indem er so las, ließ Sakitsi das Haupt auf die Seite sinken.

»Komatsu, ihr seid die Tochter des Herrn Kadzumura Teidaifu in dem Hause Abosi! Fünf bis sechs Jahre sind es, daß ich euch kenne, und ihr habt mir eueren Namen nicht gesagt?«

»O, ihr kennt ihn sehr gut!«

Während sie sein Gesicht beobachtete, öffnete sich der Wandschirm, und herein trat Tofei.

»Ach, worauf ich wartete: ihr beide träfet alle Vorbereitungen zum Tode.

Das Recht, ein Verlöbnis zustande zu bringen, wird auf unserer Seite sein.

Weil ich, hinter eurem Rücken verborgen, am Ufer des Pflaumenfeldes euch erblickte, ging ich auf der Stelle nach Hause und hörte, was es gebe.«

Hier holte er einen tiefen Seufzer.

Sakitsi sammelte sich und sprach:

»Nehmt euch das nicht zu Herzen! Das Versprechen, das ein Mann zur Zeit meiner Jugend gab, wird nicht rückgängig gemacht. Denn ein bekanntes Lied sagt:

›Sehend wird man nie den Hals abschneiden.‹

Während die sterbende Gestalt, die sie zeigte, als sie von anderen Banden gefesselt war, nur dazu diente, mir die Aufrichtigkeit Komatsus zu beweisen, bin ich zum Glück der zum Bräutigam erkorene Simano Suke selbst.

Wegen einer Erörterung über eine gewisse Pfeilspitze zog ich mir den Zorn des Gebieters zu; und ohne jemandem etwas von meinem Vergehen zu sagen, infolgedessen ich nicht in seinen Diensten blieb, überließ ich mich den Torheiten der Welt; jedoch die Gnade des Herrn und die Güte des Vaters vergaß ich nicht einen Augenblick.

Wenn ich, von Liebe zu meiner Heimat erfüllt, diesen Brief nicht gesehen hätte, wie lange noch hätte ich nicht gewußt, daß ich zurückkehren könne!

Ich würde mit der Geliebten im Tode vergehen.

Auch durch dieses erfuhr ich, was in der Wahrheit eure verborgensten Gedanken seien.«

Komatsu, als sie dieses hörte, sprang vor Freuden auf, und auch Tofei faßte Mut und sprach:

»Während ich an der Uferseite des Hauses Utakawa auf Gäste wartete, ward plötzlich etwas gleich einem Stein hereingeworfen, das die Laterne meines gedeckten Bootes zerschmetterte.

Als ich es aufhob und betrachtete, war es ein Paket mit hundert Tael.

Ich hielt das für ein Wunderding.

Nachdem ich hinter dem Wandschirm eure Worte gehört hatte, verwahrte ich es als euer Geld, das ihr statt des Steines nach dem Hunde geworfen.

Das Hundekästchen lieferte die Erklärung dafür: wo der Hund niederfällt und der Schatz zum Vorschein kommt; und das blumige Haus, das einst traurig darüber das »Einst« wiederholte, wird jetzt auf einmal aufblühen.

Fräulein Komatsu, die über eine glückliche Vorbedeutung erfreut sein wird ...«

Indem er emporblickte und innehielt, traten Riusuke und Wofana ein, die des Suchens müde waren.

Als sie den Hergang der Sache erfuhren, freuten sie sich über den unerwarteten Ausgang und ihr gemeinschaftliches Zusammentreffen.

Von dem nahen Altan ertönte der Verlobungsgesang:

»Die Zeit ist an der Mauer
Die hohe Efeuranke:
Sie endet nicht, sie haftet nicht.
Zählt tausend, tausend Jahre.
Sie zählt sie. Und darum
Sei immer sie erfreulich.«

Somit reisten Sakitsi, Komatsu und Riusuke schleunigst nach Kamakura.

Die Freude der lange voneinander getrennten Eltern und Kinder beim Wiedersehen war durch Worte kaum zu beschreiben.

Auch die Freude des Gebieters hatte keine Grenzen. Er besorgte aufs beste die Vermählung des ursprünglich sogenannten Midzuma Simano Suke mit der zurückgekehrten Komatsu.

Tofei und Wofana übernahmen den Reishandel.

Und alle, durch Liebe zu ihren Eltern ausgezeichnet, erhielten Söhne und Töchter und taten fortan nur erfreuliche Dinge.

Erfreulich! Erfreulich!

 

Ende.


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