Clara Schreiber
Eine Wienerin in Paris
Clara Schreiber

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Pariser Carnevals-Nächte.

Ich hatte spät am Abend mit einigen Freunden ein Glas trefflichen Punsch geleert. Wir redeten beim dampfenden Glase von Schiller's Ode: »An die Freude«, in welcher der französische Publicist Wilder durchaus eine Ode »An die Freiheit« erblicken will. Er behauptet, Schiller habe nur aus Censurrücksichten »Freude« für »Freiheit« geschrieben.

»Die Freiheit in Ehren«, sagte ich, »aber warum soll die Lichtgestalt der Freude nicht einen Poeten zum Liede begeistern?«

Nachdem wir auseinandergegangen waren, holte ich mir noch Schiller's unsterbliches Lied. Der Punsch war aber gar zu gut gewesen und das Bischen Schlummer that so wohl ...

Da sah ich mein Zimmer von mildem Dämmerlicht überflutet. Vor mir stand ein Weib, schön wie die Venus von Milos, aber lebenswarm und lebensglühend. Die goldblonden Locken fielen über den schlanken Leib, das weiße Gewand umhüllte züchtig die Glieder und ließ doch jede der Formen in ihrer Schönheit hervortreten. Der rosige Fuß schien zu schweben, damit ihn der Staub der Erde nicht berühre, aus dem dunkelblauen Auge blitzte der göttliche Funke des höchsten Verständnisses, die vollen Lippen glühten zum Kusse.

Athemlos starrte ich die Erscheinung an. »Du findest mich schön«, begann sie melodisch, »schön und werth, von Deinem großen Dichter gefeiert zu werden. Kennst Du mich auch? Hast Du jemals meinen Kuß gefühlt? Nicht in einsamer Seligkeit, sondern gerade mit den Worten Deines Poeten: »Seid umschlungen, Millionen.« Hast Du Menschen gesehen, die mein Bild widerstrahlen? Weißt Du, wo ich zu finden bin?«

In der That, mir fiel es schwer auf's Herz, ich hatte so lange an die Freude vergessen und jetzt mahnte sie mich daran. Die Gestalt verschwand, ich rieb mir die Augen und erwachte. In meinem Zimmer duftete es so betäubend – oh, der Punsch, oh, diese Citronenschalen!

Ich öffnete das Fenster und blickte hinaus auf den Riesenleib der Stadt. Noch erglänzten tausend und aber tausend Lämpchen in den Fenstern, der bleiche Mondstrahl bahnte sich neugierig den Weg in die Paläste der Reichen und in die Massenwohnungen der Elenden. Ja, die Freude. Wie mochte sie wohl aussehen? Wenn ich sie in einer Pariser Carnevalsnacht suchte, würde ich sie erkennen?

In meinen warmen Mantel gehüllt, zog ich auf Abenteuer aus. Die Große Oper tauchte mit ihrem Marmorkörper aus der breiten Fluth elektrischen Lichtes empor. Die glühenden Sonnen verbreiteten Taghelle über den großen Platz. Als ich am Hauptthore Einlaß begehrte, bemerkte ich einen weiblichen Domino, der eben dem Garderobier einen abgetragenen Regenmantel reichte. Das rothseidene Kleid des Dominos deckten schwarze Spitzen, aus welchen Arm und Nacken in jenem gespenstigen Weiß schimmerten, das stets der Puderbüchse entnommen ist. Die Dame ließ den Fächer fallen und sah mich durch die Maske hindurch mit etwas stechenden, müden Augen an. Ich hob artig den Fächer auf, einen Dutzendfächer, wie ihn die großen Modemagazine zu Tausenden auf den Markt werfen. »Wollen Sie mich in den Saal begleiten?« frug der rothe Domino. »Ich bedauere,« bemerkte ich artig, »auf diese Ehre verzichten zu müssen, ich habe ein Rendezvous mit der Freude.«

»Mit der Freude? Hier? Ei, das kann interessant werden. Bitte, lassen Sie sich nicht stören.« – In dem glänzenden Opernsaal trieben sich eine Menge von Gestalten umher, die völlig dem ersten Domino glichen. Zwar waren ihre Kleider blau, gelb, weiß, schwarz oder rosa – aber sie sahen so einförmig drein, als ob jeder eine Wiederholung und keiner ein Einzelwesen wäre. Einige Pierrots versuchten in den Ernst der Situation Heiterkeit zu bringen, sie waren bezahlt dafür und vielleicht gelang ihnen die Aufgabe deshalb um so schlechter. Die Herrenwelt mit dem Monocle vor dem Auge unterdrückte mühsam das Gähnen. Es lag bleiern auf allen Gliedern. Erlaubte Langweile ist das, nicht verbotenes Vergnügen. Ich that, was viele Andere thaten, ich konnte über einige unzweideutige Zweideutigkeiten nicht lachen, ich gähnte. – Da stand der rothe Domino wieder neben mir. »Ihre Partnerin, die Freude, scheint unpünktlich zu sein,« begann sie, »vielleicht nehmen Sie mit mir vorlieb. Ich bin die Banalität.« Ich verneigte mich, schützte Müdigkeit vor und stand bald wieder in der frischen, klaren Winternacht.

Die Sterne im Aether lachten mich aus. Ich hörte aber nicht auf sie und ging weiter.

Ich trat in die Halle des Skatings oder Pallace-Theaters. »Sie erlauben, daß ich mit Ihnen eintrete,« rief eine Frauenstimme und erfaßte, ohne meine Zustimmung abzuwarten, meinen Arm. Goldrothes Haar lag in dichten Wellen auf der niederen Stirne meiner jungen »Freundin«. Die Farbe des Gesichtes wechselte. Bald schien sie matt und blaß, bald wie übergossen von Rosenschimmer. Die grauen Augen konnten jetzt lachen, dann wild funkeln, dann waren sie grün, jäh aufleuchtend. Zwischen den üppigen Lippen glänzten blendend weiße Zähne, Hals und Arme waren völlig entblößt. Aus dem schwarzen Atlaskleide hob sich der Busen fast unverhüllt empor. Der junge Körper war schön; aber der Flaum der Pfirsichblüthe fehlte. Es ging auch nicht das leiseste Zittern durch mein Herz, als ich das Weib anschaute, welches fest meinen Blick aushielt.

»Sie sind ein Neuling,« sprach es zu mir. »Wollen Sie, daß ich Sie führe? Ich bin hier zu Hause«. – »Ich danke, ich suche die Freude,« war meine Antwort. »Können Sie mich zu dieser geleiten?«

Sie verzog den rothen Mund. »Nein, wenn Sie fragen – suchen Sie nur selbst.«

Damit drehte sie sich auf den hohen Absätzen ihrer spitzen kleinen Schuhe um und ließ mich stehen.

Das Pallace Théâtre ist ein großer Saal, dessen Dritttheil den Schlittschuhläufern ohne Eis dienen soll. Das Vergnügen fand aber wenig Sympathie und schlief ein. Ein zweites Dritttheil besteht aus Fauteuils und Sitzplätzen, von denen aus man den Gesangsvorträgen zuhört, Jongleurs, Seiltänzer, Thierbändiger oder Balletmädchen bewundert. Der übrige Theil des Saales dient in den Zwischenacten der Theatervorstellung und vor und nach derselben dem Flaniren, dem glücklichen Nichtsthun, welchem aber hier die erste ästhetische Bedingung, die Naivetät, fehlt. Hier geht die bescheidene Demimonde, welche noch kein Hotel, keine Carosse besitzt, auf Siege aus ... Fort! Was suche ich hier in der Morgue der Unschuld, wo man auf ausgeglühten Herzen, auf zerrissenen Kränzen, auf beschmutzten Schleiern die Ehre zu Grabe trägt? In diesem Getümmel blieb ich freudlos und meine Freudlosigkeit strahlte mir aus den Gesichtern der Anderen entgegen.

An der Ausgangsthüre fand ich abermals die Dame, welche mich hierhergeleitet. »Suchst du noch immer die Freude?« sprach sie. »Ich bin die Frivolität, auf Wiedersehen, wenn's beliebt.«

Ich hatte Geduld und zog immer weiter. In den Folies Bergères fand ich auf einer kleinen Bühne allerlei Aufregendes für die blasirte Menge. Brüllende Löwen, in deren Rachen ein junges Mädchen den weißen Arm stoßt, einen Wunderschützen, der das Aß aus dem Kartenblatt schießt, welches seine Frau mit den Fingern hält u.s.w. »Das ist etwas für Hans, der das Gruseln suchte«, sagte ich mir. »Und ich, der die Freude finden wollte!«

Draußen muß sie sein, draußen in der Vorstadt des volkreichen Paris, dort, wo die Arbeiterviertel liegen, im Tivoli, im Eldorado und wie sie noch alle heißen mögen, die in den Romanen so sehr gefeierten Stätten der Lust.

Ja wohl, der Lust am Rohen und Gemeinen! Was ich suchte, den Arbeiter in der blauen Blouse, der im lustigen Tanz sein geliebtes Mädchen schwenkt, aus dessen Auge Liebe, Glück und Lebenslust strahlt, die Arbeiterin, die sauber und zierlich zum Tanze geht, in der frohen Hoffnung, mit ihrem dunkeln Auge den Feuerbrand in ein Mannesherz zu werfen oder auch nur eine frohe Stunde zu verplaudern, die Freude im Volke, die Freude um ihrer selbst willen, ich habe sie in Paris nicht gefunden.

Im lateinischen Viertel, einst so berühmt wegen seiner Grisetten-Bälle, dort, wo Musset und Murger ihre Sinette und Mimi Pinson fanden, ist es nicht besser. Die Grisette in der Bedeutung des Poeten ist todt. Von der Dirne flüchtet sich die Freude in das Lied. O, wer das Laster sucht in Pariser Carnevalsnächten, der kann es finden in allen Gestalten und Formen, so zahlreich, daß den Lasterhaftesten die Sehnsucht nach einem Häringschmaus der Tugend überkommt – aber die Freude? O, du einziger Ball der Wiener Wäschermädeln, sei gesegnet! ... So zerrte ich die Erinnerung an die Idealgestalt der Freude mit mir durch die socialen Gossen. Da sah ich über der Pforte eines herrlichen Gebäudes die Worte »Eden-Theater« stehen. Ich trat ein. Der Prachtbau kostete Millionen. »Es soll ein Tempel des Vergnügens werden –« hieß es allgemein. Maurische Gärten, an den Büffets schöne oder schön sein sollende Frauen als Spanierinnen, Rumäninnen, Tscherkessinnen u.s.w. Erquickungen kredenzend. Jetzt ist ganz Paris neugierig und ganz Paris und alle Fremden strömen in das Theater, welches allabendlich überfüllt ist. In dem großen Raum ist Platz für die ganze Welt und für die halbe, welche in dem Eden-Theater einen neuen Turf sieht. Man gibt das Ballet »Excelsior«. Ein Schaustück, zu dem aus Italien eine berühmte Mimikerin und 180 Balletmädchen verschrieben wurden. Decorationen und Costüme sind glänzend. Das Ballet bedeutet den Kampf des Lichtes gegen die Finsterniß. Die Fee Civilisation tanzt die Hauptrolle.

Das Ballet gibt soviel zu denken, als man bei einer getanzten Civilisation nur denken kann. Während ich im Ballet saß, war mir's immer noch, als stritten die Citronenschalen bei mir zu Hause mit Eifer ob »Freude« oder »Freiheit«? Da erbrausten vom Orchester die Klänge der Marseillaise. Auf der Bühne hatte das Licht sein Werk vollbracht. Unter den Klängen des Freiheitsliedes legten alle Nationen einig und glücklich ihre Fahnen zu den Füßen des Lichtes und der Civilisation nieder.

Die Menge im Theater hatte mich bis dahin ganz kalt gelassen. Als aber das Lied ertönte, als die Bühne das prächtige Schauspiel zeigte, da brauste es wie ein Sturm des Gefühls, wie ein Jubellaut der Empfindung durch das Haus.

Die Menge hatte einen Vereinigungspunkt gefunden: »Das Lied der Freiheit«.

Ich eilte nach Hause. Unsterblicher Schiller! Wovon du am Strande des Neckar geträumt hast, ich weiß es nicht. Ob dein Wort: »Seid umschlungen Millionen!« im Namen der Freude oder der Freiheit gesungen wurde? Wo reift sie, die goldene Traube, welche den Freudentrank durch alle Adern zieht? Am Neckar, am Rheine, an der Donau?

Im Frankenlande zehrt am Weinberg der Freude – die Phylloxera. Vater über'm Sternenzelt, erhalte mindestens den Weinberg der Freiheit!


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