Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Vierter Aufzug

Erster Auftritt

Kreusa Es sei drum, länger halt ich es nicht aus.
O diese Angst ist tausendfacher Tod!
So will ich lieber hier die Stirn ihm bieten,
Daß er mit einem Streiche rasch mich treffe
Und von der Qual mich lös' und von der Schmach.
Die lange Stunde hab' ich hier und dorthin
Versteckt umher gezittert, wie die Hindin,
Wenn sie den jungen Löwen brüllen hört.
Ich hört' ihn brüllen: Wald und Felsenklüfte
Beschwor er, ihm mein Haupt doch zu verraten,
Das er mit aller Götter Fluch belud.
Ringsum verdoppelte der Widerhall
Die Stimme des Verfolgers, und dann riefen
Ihm Ion! Ion!« die Gefährten zu,
Als wäre dieser Nam' ihr Jagdgeschrei,
Womit sie mich von allen Seiten schreckten.
Da riß ich endlich mich hervor: Ich wag' es,
Und stelle mich dem Licht des Tages dar.
Was hau' ich wohl zu wagen? Ach Kreusa!
Unseliges, verzweiflungsvolles Weib:
Nach dem, was du getan und was erlitten,
Ist dir noch andres übrig auf der Welt,
Als gleichen Mutes deinen Tod bestehn?
Wie hat dich denn die Feigheit übermannt?
Doch nein, ich will nicht fälschlich mich verklagen;
Es ist der Tod nicht, dessen Blick ich scheue:
Daß ihn des Jünglings Hand mir geben soll,
Das, das fällt mich unüberwindlich an,
Verwirrend, scheucht in Raserei mich fort;
Und wie ich auch mit angeschwelltem Stolz
Die Brust von innen mir zu stählen suchte,
Sooft ich sie dem Pfeil entgegentrug,
Zerrann des kalten starren Muts Ägide
In Furcht und weiche Lebenshoffnung wieder.
Laß sehn, ob uns dies Heiligtum beschirmt.
Wie sollt es? Mich verfolgt ja sein Bewohner.
Gleichviel, ich wähle dennoch diesen Sitz,
Erwarte hier mein Schicksal, unablöslich
Mit meinen Armen den Altar umstrickend.

(Sie setzt sich auf die Stufen des Altars und umfaßt ihn)

(Sie sinkt in Ermattung)

Und wenn ich sterben muß, so soll mein Blut
Die Opferstätte wenigstens beflecken,
So gräßlich sie beflecken, daß kein Weihrauch
Und keine Reinigung sie je entsühnt.
Mein letzter Schrei soll durch die Lüfte dringen
Zum selgen Göttersitz, so herzzerreißend,
Daß er, der mich verdirbt, erblassen muß.
Das ist die einzge Rache ja des Weibes,
Hilflos und sterblich, ihre Jammerseele
Vor des Vernichters Antlitz auszuatmen.
Weh! Lohnst du so der Geliebten, Apoll?
O wie anders gelobt hast du mir damals,
Als ein arglos Kind jungfräulichen Tritts
Ich allein lustwandelt' auf Frühlings Aun
Und der Blumen, des Laubs hellfarbigen Putz
In das faltig geschürzte Gewand las.
Da erschienest du mir holdselig und groß,
Goldlockig das Haupt in ambrosischem Duft,
Lächelnd in ewiger Jugend und Schönheit,
Und ergriffst süßschmeichelnd mit Worten die Hand,
Daß der blumige Schatz, unschuldig beklagt,
Der sich Sträubenden, ach, aus dem Busen entfiel.
Sanft riefst du mir zu: Nymphe, getrost! Laß
Den verwelklichen Schmuck auf den Boden sich streun,
Lieblich und zahllos schwellen ja selbst dir
Auf den Lippen die purpurnen Blüten der Lust,
Neu sprossend, sooft sie ein'n Kuß da pflückt.
Die laß sich entfalten, und siehe, wie schön
Liebe sie dir zum unsterblichen Kranz flicht.
So umhauchtest du mich mit berauschendem Wahn,
Nicht half ohnmächtiges Rufen, wie rasch
Zu der Höhle des Pan du mich hinzogst.
Weh, wehe dir, Tag! Heimliches Lager du,
Götterumarmungen, schwanger mit Unheil!
Weh, weh euch gesamt!
Wie ein Meer wild braust, so umdrängten mich bald
Träumende Wehmut, hinschmachtender Gram,
Die errötende Scheu und erblassende Angst.
Der Verwaisten gebrach weiblicher Zuspruch,
Still trug ich allein des Geheimnisses Last
Und des Lebens, das Tod mir zu drohn schien.
Wes Mund spricht aus der Gebärerin Not,
Der Verlaßnen von Göttern und Sterblichen ganz?
Und sodann, o Schmach! Wie Verbrechen und Raub
Zu verleugnen Apolls heiligen Sprößling!
Kundige Felskluft, wo ich ihn hintrug,
Zu dem Lager, das erst ihm den Ursprung gab,
Schweigen und Finsternis, Mitwisser allein!
Zeuget mein endlos wehklagendes Leid,
Ihr vernahmt es ja, da der Knabe nach mir
Ausstreckte die Händchen, begehrend die Brust,
Die auf immer von ihm grausam sich losriß.
Doch ich ließ ihn dort wie ein köstliches Pfand,
Nicht wie ein unnütz lästiges Besitztum,
Welches in Eil auf die Straße man hinwirft;
In die Windeln gehüllt, die ich emsig gestickt,
Oft sie mit Tränen genetzt bei der Arbeit.
Auch manch Kleinod legt' ich ihm bei noch
Und die Schlangen von Gold, des erhabnen Geschlechts
Urkundlich Bild,
Die mich selbst ehmals in der Wiege bewacht.
Du aber, Apoll, hast ihn verwahrlost,
Undankbar dem liebenden Lager und mir,
Wie der rauhste Barbar nie hätte getan;
Gabst Raubtieren des Waldes dein Kind
Und den Vögeln des Himmels zum Gastmahl,
Während du ruhig im heitern Olymp dort
Knüpfend die traubigen Locken des Haupthaars,
Anstimmest der Zither geselliges Spiel,
Das melodische Herz mit Gesänge dir labst
Und der Musen unsterblichen Chor führst.
Noch nicht genug! Da lange kinderlos
Ich endlich den gerechten Stolz vergesse
Und dem Orakel nah' um Rat und Trost,
Beschließt der große Gott mich wegzuräumen,
Weil meine Gegenwart ihn hier beschämt.
Dem Gatten, dem ich duldend mich gesellt,
Weist er als Sohn zu seinen Tempeldiener,
Den ich mit Wohlgefallen töricht sah,
Der schmeichlerisch erst mein Vertraun entlockt.
Doch bald bestellt ihn Phöbus mir zum Mörder
Und überläßt, wie ein zu kleines Ziel,
Die einst geliebte Brust dem falschen Knaben.
O allzu schmähliche Erniedrigung!
Bin ich nicht einen deiner Pfeile wert?
Hier sitz' ich, biete deinem Zürnen Trotz:
Triff mich mit deinen blitzenden Geschossen
Erbarmungsvoll und ende meine Qual!
Denn alles, was einst Niobe gefühlt,
Als du ein Volk von Kindern ihr erwürgt
Und grausam auch nicht eines übrig ließest,
Das fühl ich um den Säugling, deinen Sohn.
Ach, dies zu denken, ist's, was mich versteinert!
Schon stockt der harte Marmor mir im Herzen
Und wächst durch meine Glieder eisig fort.
Wenn ich den schnellen Tod vergeblich rufe,
Soll hier mein Auge diese Pforte hüten,
Als schaut ich gegenüber dir ins Antlitz,
Bis ich ein tränenvoller Fels geworden,
Zum Denkmal deiner Liebe, deiner Lust!

(Sie sinkt in Ermattung)

Zweiter Auftritt

Kreusa, Pythia hervortretend unter dem Säulengang des Tempels

Pythia Was hör ich? Ja, die Hoffnung trog mich nicht,
Es wird mir Licht gewährt. Ich kann nicht zweifeln:
Sich ohne Zeugen wähnend hat die Arme
Ihr Innres ohne Rückhalt offenbart.
Nun erst begreif ich ganz des Spruches Sinn,
Durch mich erteilt. Gesegnet diese Stunde,
Die alles freundlich löst. Ich geh, ich eile,
Das Denkmal der Geburt des teuren Pfleglings
Herbeizuholen, das die jetzt Erbitterten
Zum engsten Liebesbund vereinen wird.

(ab)

Dritter Auftritt

Kreusa, Ion

Ion Vergeblich alles! Jede schroffe Spitze
Hab' ich erklommen, stieg in jede Schluft hinab,
Kein zweifelhaft Gebüsch und Dickicht ließ
Ich undurchspäht, und nirgends ihre Spur!
Verschlang die Erde sie? Hat sie verzweifelnd
Von des Parnassus Gipfeln sich gestürzt
In unermeßnen Abgrund, oder hat
Der Himmlischen einer mir die Verfolgung
Vereitelt, um die Straf ihr abzuwenden?
Doch seh' ich recht? So ist's. – Kreusa, höre!
Dich ruf ich, dich.

Kreusa (sich aufrichtend:)
Was soll ich noch vernehmen?

Ion Ich heiße diese Stätte dich verlassen.

Kreusa Als Schutzgenossin faß' ich den Altar.

Ion Errötest du nicht vor des Tempels Stirn?

Kreusa Eh sollte Phöbus wohl vor mir erröten.

Ion Du fügst zum Frevel noch den Übermut.

Kreusa Und dich verblendet unbelehrte Jugend.

Ion So jung ich bin, erkenn' ich doch das Recht.

Kreusa Denkst du an mir es durch Gewalt zu üben?

Ion Fort von geweihter Stätte, noch einmal!

Kreusa Nicht einem Knecht gehorcht die Königin.

Ion Doch reinem Priesterwort die Mordbefleckte.

Kreusa Mit welchem Mord hätt' ich mich befleckt?

Ion Mit meinem, wandt' es anders nicht der Gott.

Kreusa Du siehst, er beut auch der Verfolgten Zuflucht.

Ion So willst du nicht freiwillig sie verlassen?

Kreusa Heil oder Tod trifft mich entschlossen hier.

Ion Ich reiße dich mit stärkerm Arm herab.

Kreusa Wie schön der Tempeldiener seinen Herrn doch ehr

Ion Nun wohl: Auch dort ereilet dich mein Pfeil.

Kreusa Der Flehnden Blut wird den Altar besudeln.

Ion Es wird ihm als willkommnes Opfer fließen.

Kreusa Ich bin bereit. Jetzt naht sich mein Verhängnis.
Lisch, Sonnenlicht, mir aus! Empfange mich,
Nie aufgehelltes Dunkel, Nacht des Erebus!

( Sie verhüllt sich )

Ion Ihr, hohe Parzen, lenket meine Hand.

(Tritt zurück und legt einen Pfeil an den Bogen)

Vierter Auftritt

Die Vorigen, Pythia mit einer Dienerin, die ihr einen Korb nachträgt.

Pythia (tritt zwischen sie:)
Halt ein, verwegner Jüngling! Lehrt' ich so
Dich die Asyle deines Gottes ehren?
Ion Befrein ja will ich eben dieses da
Von ihr, der Schuldgen, die es frech entweiht.
Denn weilt sie hier, so zieht die blutge Spur
Stiefmütterlichen Mordes bald ihr nach
Die Rachejungfraun aus der Nacht uraltem Reich,
Ein scheußlich Graun in diesen lichten Hain.

Pythia Dir ziemt es nicht zu richten noch zu strafen,
Denn dich empört der Jugend heftig brausend Blut.
Dankopfer und Gelübde solltest du
Dem Sohne Latonens bringen, welcher dich,
Vorschauend, an des Orkus Toren warnte
Und denen, die dir Feindliches ersannen,
Wer weiß, von welches Dämons Wahn besessen,
Die endlos namenlose Reu erspart.
Laß jetzt die Waffen und dein wild Beginnen,
Und hör', da du nun bald aus Delphi wanderst,
Mein scheidend Wort, und nimm die letzte Gabe.
Bei diesem greisen, längst verblichnen Haar!
Wie eine Mutter hab' ich dich von Anfang
Geliebt, gepflegt, im Herzen dich getragen.
So hofft ich, auch als Sohn dich zu erwerben:
Das ist ja süßer Ehrenlohn der Eltern,
Auch sterbend noch fortblühen sich zu sehn;
Der Tod kommt wie in Freundesnäh ein Schlummer,
Wenn Kindeshand die müden Augen zudrückt.
Ich hoffte, hier dich einem frommen Leben
Zu hinterlassen, wenn ich bald nun schiede;
Nicht einsam selbst nach dir zurückzubleiben.
Der Götter Rat beschloß es anders. Wohl!
Apoll, der stets dich väterlich versorgte,
Hat unter Sterblichen dir einen Vater
Nun zugewiesen, dem du folgen mußt.
Noch bist du mutterlos: Drum siehe hier,
Was dir die Mutter finden helfen kann.
Bisher hielt ich es sorgsam dir verborgen,
Damit dich nicht ein unruhvoller Trieb
Auf blinde Abenteu'r ins Weite risse;
Auch bangend, das Geheimnis deiner Abkunft
Möcht' unerfreulich, heillos sich enthüllen.
Doch des Gebieters Wink vom Dreifuß heißt
Auch diesen Zeichen einen Mund mich leihn:
Jetzt mögen sie dir sagen, was sie können.
Da nimm das Körbchen zur Begleitung mit
Auf deinen Weg, worin ich erst dich fand,
Samt allem, was es Köstliches enthielt:
Dich, einzig Kleinod, nahm ich nur heraus.

(Die Dienerin setzt das Körbchen vor Ion nieder)

Ion Wie dank ich dir, du Segensspenderin?
Was du mir weise vorenthalten, Pythia,
Gewährst du gütig, da die Zeit gekommen.
O süße Wiege! Kleiner Nachen du,
Worin ich, auf des Lebens wüsten Meeren
Bewußtlos ausgesetzt, umhergeschwankt,
Wie einer, der vom Schiffbruch kaum sich rettet!
Seh' ich dich wieder? Bist du 's wahrhaft auch?
Ich grüße dich mit liebevollen Augen,
Die über dir von milder Ahnung taun:
Denn Bürge bist du mir und Pfand, daß ich
Nun meine Mutter bald umarmen werde.
Ich muß den Deckel heben, um von innen
Dich zu betrachten. Sieh, da sind die Windeln,

(Er kniet hinter den Korb und nimmt die beschriebenen Sachen heraus.)

Die meine schwachen Glieder erst umhüllt.
So zart von weiblich kluger Hand gestickt!
Ein Zeichen, daß, die mich gebar, die Müh'
Nicht schonte, mich zu pflegen, wenn sie nur
Ihr seid mir teurer, kindische Gewänder,
Als golddurchwirkter Purpur, den fortan
Ich als der Sohn des Herrschers tragen soll.
Was find ich hier? Geschmeide, Perlen, Spangen,
Wie königliche Jungfraun sie besitzen.
So reich war sie und doch so unbeglückt;
Gezwungen, ihren Erstling auszustoßen!
Da, hier ein Ölzweig; wie? Was deutet der
Wohl anders an als die Herkunft aus Athen,
Der ölbegrenzten Stadt der hohen Pallas?
Und frisch noch, nach so viel verfloßnen Jahren?
Von welchem Wunderbaum ward er gepflückt?
Zwei goldne Schlangen endlich hier, beweglich
Geringelt, gleich als wenn sie Leben hätten;
Was muß ich denken, und wie löst sich dies?
Hört' ich nicht erst, im Erechthidenstamm
Sei 's Sitte, die den Kindern beizulegen?
Ich staun' und staun' und kann es nicht enträtseln.

Kreusa (die gegen das Ende der vorigen Rede aufmerksam geworden ist, sich entschleiert und aufgerichtet hat, stürzt sich vom Altar herunter in Jons Arme:)

Mein Sohn! Mein Sohn!

Ion Wie ist mir? Du, Kreusa!

Kreusa Sieh deine Mutter, Ion.

Ion Ja, du bist's.

Kreusa Mein und Apollos Sohn!

Ion O hohes Wunder!

Kreusa O Wonn' und Jubel!

Ion Freudenreiches Licht!

Kreusa Ich halte dich, du lebst.

Ion Fand ich dich wirklich?

Kreusa Dir wollt' ich einen Todesbecher reichen!

Ion Nach diesem Busen hat mein Pfeil gezielt!

Kreusa Kannst du mir je verzeihn?

Ion Ach süße Mutter!

Kreusa Fast nahm ich dir zum zweiten Mal das Leben.

Ion Du gabst es mir und, was ich bin, ist dein.

Kreusa Noch quillt die Lieb in ungehemmten Strömen.

Ion Und hat des Zornes Gluten längst gelöscht.

Kreusa Entzücken, unaussprechliches Entzücken!
Wie Lüfte der glückselgen Inseln haucht es
Um meine Brust und hebt und wiegt mich fort
In taumelnder Bezaubrung aller Sinne.
Bin ich es noch? Die schwer verworrnen Träume
Sind wie im Lethe weggespült, vergessen
Ist alles sonst, nur eines halt ich fest:
Daß du mein Sohn, Apoll dein Vater ist.

Ion Die so sich freut, muß meine Mutter sein.
Ich glaub auch, ja ich glaube stolz und kühn
Mich aus des Welterleuchters Lieb entsprossen,
Zu dem stets kindlich mein Gemüt sich wandte,
Die Wolken durch, dem blauen Äther zu.
Doch wie es zuging, kann ich noch nicht fassen.
Hast du von einer Freundin nicht erzählt,
Die aus Apollos heimlicher Umarmung
Ein Kind empfangen und es ausgesetzt?

Kreusa Die war ich selbst, versteckt mich dir verratend,
Ich sprach mit dir von dir und wüßt' es nicht.

Pythia Ich war dir unvermutet nah, Kreusa,
Als einsam du in schmerzlich Angedenken
Und, wie verschmäht, in Klagen dich ergössest.
O hättest du dich früher einer Freundin
Vertrauen mögen, die, bejahrt und ruhig,
Gern ein geängstigt Herz der Last entledigt!
So hättest du in der Verblendung nicht
Die Nächsten dir entfremdet und beinah
Um ein Erröten all dein Glück verscherzt.

Kreusa Dir unterwerf ich willig meine Schuld:
Nicht bloß der Zukunft weise Deuterin,
Ich seh in dir die hohe Schicksalsgöttin,
Die, was sie prophezeit, selbst erfüllt.
Drum walte, Pythia, ferner über uns.

Pythia Sprich, denke von der Sterblichen mit Maß,
Die dadurch nur Unsterblichen sich nähert,
Daß sie in Demut ganz dahin sich gibt.

Ion Wie ich's betrachten mag und drüber sinnen,
Stets mit der Freud' erneut das Wunder sich.
Wie kam mit mir dies Körbchen her nach Delphi,
Wenn du mich in Athen ans Licht gebarst?
Gabst du's vielleicht vertrauten Händen mit?

Kreusa Ich bracht' es selber in die Grotte Pans,
Empfahl es da der Obhut aller Götter,
Vor allen deines Vaters, der, so scheint's,
Von dort zu seiner Wohnung dich entrückte.

Ion Und wann geschah's, daß wir uns so verloren?

Kreusa Die vorge Nacht erfüllte sechzehn Jahr seitdem.

Ion So lang ist's grade, seit mich Pythia
Frühmorgens auf der Tempelschwelle fand.
So weit her kam ich in so kurzen Stunden!

Pythia Den Göttern, Kind, ist noch viel Größres leicht

Ion Allein, wenn Apollo mich zu sich nahm
Und aufzog als den Seinen, ihm zum Dienst:
Wie führt' er jetzt dem Xuthus mich entgegen,
Als dessen echten leiblichen Erzeugten?

Pythia Nicht trüglich war des Gottes Ausspruch, aber
Voreilig hat ihn Neigung mißgedeutet.
Er hieß den Gatten deiner wahren Mutter
Als Sohn dich nur erkennen, weil bei deiner
Geburt die Fackel Hymens nicht gestrahlt,
Auf daß dir ein Geschlecht und Erbteil würde;
Und Xuthus wünscht' und wähnte dich sein eigen.

Ion So laß uns, teure Mutter, zu ihm eilen,
Auch ihm zu lösen, was sich uns gelöst.
Ich bin nun euer beider: dein geboren
Und ihm geschenkt durch des Erzeugers Wahl.
Ich, der ich wider Willen euch entzweit,
Muß euch zur schönsten Eintracht neu vereinen.

Kreusa Mitnichten, holder Knabe! Hoffe nicht
Das auszugleichen, was unheilbar ist.
Ich habe dich, du wirst von mir nicht lassen,
Und nimmer kehr ich zum Gemahl zurück.
Dich zu verderben strebt' ich Rasende,
Da du, mir fremd, von ihm entsprossen schienst;
Nun, da sich's wendet und ans Licht hervortritt,
Daß ich dich zwar Verlornen heimlich hatte,
Nicht kinderlos zuvor, bei ihm es blieb,
Und des vertrauten Betts Genossenschaft
Seit der Vermählung so viel Jahre täuschte:
Wie kann ich Xuthus' Antlitz je noch sehn
Ohn' unauslöschlich brennendes Erröten?

Ion Weh mir! So schämst du mein, des Armen, dich?

Kreusa Du, Götterjüngling, bist mein Stolz und Ruhm,
Der sterbliche Gemahl beschämt mich nur.
Schon der Gedanke ist mir unerträglich.
O laß uns fliehn, eh' er uns überrascht!

Ion Wohin entfliehn?

Kreusa Fort zu entfernten Städten.

Ion Dein Vaterland, den Thron willst du verlassen,
Bedürftig, hilflos in die Fremde wandern?

Kreusa Du bist mir Reichtum, bist mir Heimat nun,
Bist mir des Erichthonius Heldenhaus
Und aller schutzverwandten Götter Tempel.
Mit dir bedarf ich keines andern Glücks.

Pythia Zum zweiten Male, Königin Athens,
Reißt heute schon Verblendung und der Eifer
Des stolz mißtrauenden Gemüts dich fort.
Die besten Gaben, hast du selbst erfahren,
Verkehrt ein Sinn, der sie nicht still empfängt.
Es wird dich, mir zu folgen, nicht gereun.
Wenn du dich mit dem Sohn vom Gatten wendest,
Verschmähst du ihn nicht bloß, du lehnst dich auf
Des Gottes deutlich kundgegebnen Willen.
Er hieß den König selbst ja seinen Ion
An Sohnes Statt aufnehmen in eur Haus,
Um euer aller Bündnis zu begründen.

Kreusa Doch wird mir Xuthus glauben, dieser Jüngling
Sei wahrhaft aus olympischem Geblüt?
Und daß ich nicht die irdsche Schuld zum Wunder
Jetzt zu verklären suche? Hab ich doch
Kein andres Zeugnis als die eignen Schwüre.

Pythia Er wird gewiß. Die wundervolle Rettung
Des Säuglings; seine Pfleg' im Heiligtum;
Apollos Sorg und Obhut, die, entlassend,
Ihn einem edlen Vater übergab;
Eur Wiederfinden, eur Erkennen, hier
Am selben Ort, der Jons erstes Los bestimmt,
Wie vor des Gottes huldgesenktem Antlitz;
Und selbst der Zeiten Kreislauf, dieser Tag:
Das alles spricht mit vieler Zeugen Mund.
Wohl nichts von solchem schnellen Wechsel ahnend,
Wird Xuthus die erkornen Bürger Delphis,
Noch eifernd, wie er drohte, rufen zum Gericht.
Geh, Ion, such ihn auf: Erzähl' ihm alles,
Wie sich 's begeben, und bered ihn her.
Wir wollen die Versöhnung dann vollenden.
Indes erhole du, Kreusa, dich,
Von Leid erschüttert und gewaltger Lust.

(Alle ab)


 << zurück weiter >>