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Viertes Kapitel.
Treuga Dei

1

Cara hatte ihren Knaben, der auf den Namen Jakobus getauft worden war, und hatte in dem knospenden Dasein das natürliche Glück, mit dem es das Leben beschenkt, das es geboren hat. Der Knabe schien trotz seines weißblonden Haars, das erst später zu dunkeln anfing, um endlich braun zu werden, allen, die ihn sahen, ein Ebenbild seiner Mutter zu sein. Dann mischten sich in unmerklichem Übergang fremde Züge hinein; die Haut bekam einen Elfenbeinton, doch behielt er Caras schräges Profil und den glasklaren Blick unter langen und dunklen Wimpern, der immer ein wenig zu staunen schien, weil die Enden der Brauen leise gehoben waren. Im ersten Lebensjahr ein sehr stilles, vom zweiten Jahr an ein beredtes und gesprächiges Kind, blieb es doch zart; von denen eins, die noch lange mehr mit der Seele leben als mit dem Leibe, weil es die Flügel, auf denen es kam, nicht so rasch ablegen kann.

Die Waage mit ihren beiden Schalen voll Glück und Leid – hielt sie in den nun folgenden Jahren beide in gleicher Höhe? Leid, das sich niemals verändert, tagein tagaus durch Jahre das gleiche bleibt, wird zur Gewohnheit wie alles, und über jedem Verschwundenen schließt das weiterflutende Leben einmal lückenlos ohne Spur wie die Meeresflut. Und auch Caras Gesicht blühte gesund, so daß die Verschärfung kaum sichtbar war; Stirn und Auge hatten ihre angeborene Klarheit, aber der Mund war schmaler, das Kinn in seiner Willensenergie eckiger oder härter geworden. Nun, was Cara erlebte, war ihr mit Hunderttausenden im Lande gemein, denen die Wirklichkeit aus ihrem Leben herausgezogen war von den Männern, die in meilenweiter Entfernung in unendlichen Reihen von Gräben lagen und dort taten, was außer ihnen niemand wußte, niemand wissen wollte noch durfte. Innerhalb dieser Grenzen, die ihre andere Wirklichkeit hatten, vom Tode her, nicht vom Leben, waren alle Dinge und der Raum selber nur Schein, und die tägliche Gegenwart wurde weggefressen vom Zahn der Zukunft mit dem unablässigen Nagen des Wartens. Keiner lebte mehr recht im Raum, sondern nur noch in der Zeit.

Über dem Erdboden steht ein junger Baum, zum ersten Male voll prangend mit gelben, sich rötenden Äpfeln. Warum liegen eines Morgens drei, vier von den Äpfeln im Gras? Und wieder drei und vier am anderen Morgen? Nun ergreifst du einen am Zweig – da bleibt er in deiner Hand, und drei, vier andere fallen von deiner Berührung. Du fassest den Stamm an – da neigt sich der ganze Baum und steht schief unter dem Niederprasseln der Früchte. Greif zu und reiße ihn aus der Erde, du kannst es leicht, denn ihn hält im Erdboden keine Wurzel mehr, sondern da ist unten nur eine rote Keule wie der Stumpf einer abgehauenen Hand. Die braune Wühlmaus in ihren unterirdischen Gängen ist nur ein kleines Tier, aber unter ihrem reißenden Zahn fällt ein Wurzelwipfel in einer halben Nacht.

Oder ein anderes Gleichnis: Der Knecht Toni kam zu Cara, drei Äpfel auf seiner flachen Hand, die rund und gut, wenn auch etwas faltig aussahen. Als Cara auf seinen fragenden Blick hin einen ergriff, drückten ihre Finger ihn ein wie Papier. Er bestand nur noch aus Haut; die Wespen hatten ihn von innen her sauber ausgehöhlt.

Das war Caras Gesicht, als im März des Jahres 1918 der Friede mit Rußland geschlossen wurde, ein halbes Jahr nach der Verheißung seiner ersten Verhandlungen. Da fing Ebenezers Näherkommen an; sie konnte dem alten Robin eines Tages sagen, daß sie es spürte.

 

2

An einem Septembertage stand Ebenezer Rudorff in der Wegöffnung des Hochwaldes am unteren Rande des großen Wiesenovals und schaute zu seinem Hause hinauf.

In der späten Sonne glühte die rechte Hälfte des Daches rot; die Giebelseite mit der umrankten Altane über der Haustür lag im Schatten, aber die Sonne flutete über die Kronen des Apfelgartens schräge den Wiesenhang hinab, bis zum Waldrand der hohen Fichten, die tief erglühten. Ebener sah das Haus und die alten Bäume; er sah den Zaun von Drähten und Pfosten, der das Oval quer in der Mitte teilte, und sah die untere Hälfte durch einen gleichen Zaun inmitten geteilt. Zu seiner Rechten grasten und lagen vier gelbweiße glatte Rinder; die Koppel zu seiner Linken zeigte die kleinen Inseln von hohem Gras, die beim Abweiden zurückbleiben. Hinter dem Mittelzaun stand zur Rechten ein kleiner Junge und schaute nach den Kühen, indem er sich an dem obersten Draht hin und her wiegte. Und ganz oben am Waldrand zur Linken war klein eine männliche Gestalt in grauer Soldatenhose und weißem Hemd mit dem Rechen dabei, lange Reihen von Heu in kleine Haufen zusammenzuziehen; es mußte der dritte Schnitt sein. Alles war, wie es gewesen war, und er sah es wieder.

Der Heimgekehrte in seinem Schafpelz, den ein Riemen in der Mitte zusammenhielt, hatte, seit er die deutsche Grenze betrat, an nichts gedacht, hatte nichts gesehen als diesen Augenblick. Er stand nun ohne Bewegung vor der Unvergänglichkeit, zu der er zurückgeführt war, und nahm sie wieder in seine Brust auf. Seine Linke zog endlich die schwarze Mütze vom Kopf; er beugte ihn und bekreuzte sich mit der Rechten. Er konnte nur seine Lippen bewegen; Worte wurden nicht hörbar.

Um Ebeners Kinn und Wangen wucherte Bart, der fast grau wie sein Haar war, und sein Mund, über den er hinwegwuchs, war nicht sichtbar. Das braungraue Gesicht mit der eingedrückten Nase war eingegangen, so wie eine Form aus Ton sich verkleinert, wenn sie gebrannt wird; und kaum war noch ein Schimmern der tiefeingesunkenen Augen in der Verwüstung dreier Jahre der Gefangenschaft, der alles zerfressenden Gier nach Freiheit, des immerwährenden Seelesterbens und des leiblichen Sterbens auch in Typhus und Ruhr und dem grauenvollen Mitanschaun, wie die Tausende hinter den Stacheldrähten den Tod erlitten, der ihm vorüberging. Den Rest hatten die Monate gegeben, in denen die kleine Schar, die er führte, sich den langen Heimweg erkämpfte und dabei von dreißig auf fünf zusammenschmolz. Der Wille hatte gesiegt, und hier stand er wieder vor seinem Haus und vor seinem Gott, unwissend, was der noch mit ihm vorhatte.

Vier Jahre wurden ein Tag, von dem Morgen, als Cara fortging, bis zu dem Abend, als Ebener wiederkehrte; als er über den Grasboden zu seinem Hause emporstieg.

 

Der kleine Knabe hatte sich beim Näherkommen des fremden Mannes in die Wiese hinein etwas entfernt; als Ebener den Zaun überstieg, stand er – in seiner kleinen blauen Trägerhose – mit gesenktem Kopf vor Scheu; als aber Ebeners Stimme »Grüß Gott« sagte, wobei er im Gehen innehielt, besiegte die innere Vorschrift die Scheu, und er kam näher, ohne das Köpfchen zu heben, hielt eine kleine Hand hin und bückte sich, als Ebener sie nahm, sehr tief, auch die nackten kleinen Knie einknickend, und sagte vernehmlich: »Die-ner.«

Ebener wußte nicht, daß er es stets hinzusagte, wenn er es machte. Er beugte sich zu ihm und sah Caras Züge und ihre Augen, die kinderscheu von ihm weg und zu Boden blickten. Dann fiel auch sein Blick zu Boden.

Der Kleine stand noch gebückt, als der fremde Mann wieder fortging; doch schließlich drehte er sich um und schaute ihm nach, die kleinen Hände übereinandergelegt, bis ein vorübersegelnder Falterflug das Bild des Mannes aus der kleinen Seele fortnahm.

War es Caras Fehler gewesen, daß sie, die seit dem Morgen auf ihn wartete, ihn von dieser Seite her nicht erwartet hatte und sich erst jetzt von ihrem Ausblick jenseits des Nußbaums zum Dorf hinunter erhob, um zum Haus zu laufen? War es Ebeners Fehler, daß er den Umweg einschlug, um bei seinem Kommen sein Haus aus der Tiefe über sich zu sehn? War es überhaupt ein Fehler, was hier geschehen war?

Ebener stand jetzt vor den Stufen zur Haustür und sah, eine Hand an den Pfosten gestützt, vorgebeugt in den Flur hinein. Da trat Cara durch die Gittertür an der Hausecke rechts, und atemlos im Heranschwingen fuhr sie in allen Gliedern zusammen vor der unbekannten gebückten Gestalt, die sie dann erkannte. Wie aber die jetzt den Kopf herwandte und aus dem furchtbar entfremdeten, entstellten Gesicht ein kranker trüber Blick ihr entgegenfloß – da warf sie sich mit dem Rücken gegen den Pfosten der Altane und hielt sich an ihm und starrte auf den Mann mit offener Angst in den Augen.

Und so sahen die beiden sich wieder, in ihrem Leben zum drittenmal. Heimgekommen stand er sechs Schritte von ihr entfernt, und von ihm zu ihr führte weiter kein Schritt, noch von ihr zu ihm. Sondern von jedem ging es in die Tiefe hinab zu dem kleinen Wesen, das jetzt von dort heraufzusteigen anfing. Ebeners Kopf drehte sich weiter zurück, und er sah es. Als sein Blick dann langsam zu Cara zurückkehrte und sie noch in den unkenntlich verbrannten Zügen nach einem Rest suchte, den Liebe beleben könnte, da floß nur etwas Prüfendes aus seinen Augen um ihre Gestalt und durchdrang ihr Kleid, und dann stand sie nackend. Das war aber nicht die Nackte, die er tausend Male gesehn hatte, sondern eine von andrer Gestalt, die durch eine Wandlung gegangen war und hervorgegangen mit volleren Hüften und mit gesenktem Busen. Da stand sie nackt vor ihm, daß die Scham über sie fiel wie ein Mantel von glühendem Blut und daß ihre Hände in ihr Gesicht schlugen.

Sie riß sie dann wieder herunter, aber sie mußte nur sehn, wie in seinem Blick sich alles ergänzte: ihre Gestalt – und das Kind – und der heumachende Mann auf der Wiese unten; und wie in seinen Augen ein Entsetzen entstand. Cara schrie mit wütenden Augen: »Nein!« obgleich das wenig von Nutzen sein konnte; denn einer war es doch gewesen. Sie stand in lauter Flammen gehüllt, die Fäuste geballt, und die Blicke taten das gleiche. Ebener dagegen öffnete seinen Mund im Bart. Er wollte sprechen, aber er konnte nicht. In seine Augen trat der Blick des Mannes, unter dem der Erdboden zu bersten anfängt; der weiß, daß unter seinen Füßen die Mine im Bersten ist und daß die Erde und er und das Weltall in tausend Stücke zerstoben sein wird, ehe über seine Lippen der Schrei kam.

Auch das ging vorüber; aber nur ein Gestorbener blieb am Leben. Er drehte sich langsam um und ging fort. Er hatte in einer unendlichen Nacht dreier Jahre einen Stern gesehn, der sich ihm nun als ein Talgkerzenstumpf darstellte, im Erlöschen begriffen und dann erloschen. Er konnte nicht sehen, wie hinter ihm Caras Gesicht sich auf schauerliche Weise verkrampfte und wie ihre Gestalt dann an dem Pfosten herab zu Boden glitt, bis sie dasaß, die Hände neben sich aufgestützt, und ihr Kopf vornüberfiel.

Der alte Robin, der von seinem Fenster im Oberstock aus Ebeners Kommen und Gehen gesehn hatte, half ihr auf die Füße, und sie nahm ihren Willen zusammen, da sie den kleinen Jakobus nur ein paar Schritte weit sah, wie er hingefallen war und sich wieder aufsammelte. Sie ging dann mit ihm ins Haus und besorgte sein Essen und was sonst für ihn nötig war bis zu dem gewohnten Zauberspruch für das Einschlafen; nur war sie dabei so gegenwärtig, wie es eine Schlafwandlerin ist – bis zu dem Augenblick, wo sie auf dem Rand ihres Bettes saß und anfing, ihre Schuh auszuziehn. Da war es Nacht oder jedenfalls Dunkel im kleinen Raum. Sie hielt plötzlich inne, zog sich dann mit einer jähen Bewegung in den Winkel hinein, zog die Füße an sich und unter ihr Kleid und schlug ihre Arme so um den Leib, als wickelte sie sich hinein.

Ebener lag im Gesträuch des Niederwaldes hinter dem Hause auf dem Rücken und starrte in den Himmel oben, bis dort alles Nacht war. Dann stand er auf und ging zum Haus zurück.

Vor Caras Augen hatte das Dunkel im Raum sich gelichtet; sie sah die hellen Vierecke der Fenster, und sie sah einen Schatten draußen vorübergleiten, hörte die Schritte auf dem Kiesboden, hörte sie die Stufen heraufkommen und in den Hausflur treten. Endlich öffnete sich die Zimmertür, und als die dunkle Gestalt darin erschien, war es vor ihren Augen fast so hell wie der Tag. Da stand er und hob langsam seine Arme empor. Und da fing sie an zu schreien, einen überhohen, überschrillen, wahnsinnigen Schrei wie eine zischende Flamme, unaufhörlich weiter, während er auf sie zustürzte, eine Hand auf ihren Mund preßte, aber sie wand sich darunter fort, bäumte und krümmte sich, bis er sich mit ganzem Leib über sie warf, endlich den Mund auf ihren Mund, worauf der Schrei im Augenblick wie ein Glas zerbrach und es still war. Und da lagen sie Mund auf Mund.

 

Indes war niemand bei ihr, als Cara am andern Morgen erwachte.

 

3

Am fünften Morgen, nachdem Cara die Tage lang mit gelbem Gesicht, eingesunkenen Augen und eingekniffenem Munde umhergegangen war und die Arbeiten im Haus und für das Kind verrichtet hatte, fast ohne zu sprechen, außer mit dem Kind und auch mit ihm nur leise, doch verhielt es sich ebenso still wie sie: am fünften Morgen erschien sie aufgewacht, und die Farbe war in ihre Wangen zurückgekehrt. In den nächsten Tagen blühte sie vollends wie eine Rose auf, und eines Morgens kam sie zum alten Robin heraus, der mit seiner Pfeife neben der Haustür saß, und stellte sich neben ihn und lächelte vor sich hin.

Er wagte nicht, sie mit einer Anrede zu stören – natürlich hatte er ihr Schreien in der Nacht und das plötzliche Verstummen wohl gehört –, und sie fragte nach einer Weile:

»Was denkst du, wo Ebener sein mag?«

Er zuckte mit den Achseln und sagte, er wüßte es nicht, worauf sie versetzte, sie habe es im Gefühl, daß er nicht weit weg sei, und denke sich, er sei im Haus seiner Mutter. In ihrer Wohnung im Schulhaus wohnte längst ein anderer Lehrer mit seiner Familie. Der alte Mann erhob sich sogleich und bot sich zum Hingehen an, und Cara sagte, sie habe ihn darum bitten wollen.

Als er wenige Minuten später zum Fortgehen fertig aus seinen Zimmern herunterkam, sah er durch die offene Stubentür Cara gegenüber am Tische sitzen und schreiben. Behutsam nähergehend, erkannte er, daß sie Zahlen untereinanderschrieb und addierte und dabei wieder ihr still überlegenes Lächeln hatte. Mit ihm schaute sie zu ihm auf, während sie die Gläser von den Augen nahm, und er fragte, ob sie eine Botschaft für Ebener habe. Sie erwiderte indes: »Ich fürchte, damit wird es noch zu früh sein.

»Aber«, setzte sie hinzu, »du kannst es mitnehmen und ihm geben, wenn du es für gut hältst.«

Sie nahm ein kleines Blatt, schrieb etwas darauf und kniffte es zusammen; schlug es aber wieder auf und hielt es dem Alten lächelnd hin, indem sie sagte: »Lies es nur auch.«

Er las – da stand nur: 14. Mai.

»Das versteh ich mal wieder net«, sagte er, und Cara erwiderte, in sich hineinlächelnd: »Um so besser.«

 

Schon am Frühnachmittag kehrte der Alte zurück und dampfte von seinem Gang durch die Herbstluft. Aber er brachte Caras Zettel zurück und sagte bekümmert: »Noah schickte einen Raben aus, der nichts fand; der Rabe bin ich.« Danach berichtete er, daß er auf dem nächsten Weg, ohne Ackersdorf zu berühren, zu seinem Bienenstand hinaufgegangen sei und über den steigenden Wiesenhang die dreihundert Schritte zum Hause emporgespäht und Ebener wirklich gesehen habe, wie er im Garten grub und das Unkraut ausriß, das ihn längst überwucherte. Wie er aber hinaufging und Ebener sichtbar wurde, entfernte der sich ins Haus und gab auf kein Klopfen Antwort.

»Wenn er im Garten gräbt«, sagte Cara, »ist es gut.«

Weiter erzählte der alte Robin, daß er mit seinem Bienenmann gesprochen und gehört habe, daß Ebener sich niemand zeige. Die Leute in Ackersdorf waren, sobald seine Rückkehr ruchbar wurde, in Scharen hinaufgezogen, hatten es aber mit Feingefühl wieder unterlassen, als Ebener ihnen unsichtbar blieb. Nur die Kinder waren geblieben, und sie hatte er von Anfang an geduldet, sie auch begrüßt, wenn auch ohne zu sprechen. Sie versammelten sich an allen Nachmittagen bei ihm, und etliche besorgten Einkäufe für ihn im Dorf, die er auf Zettel schrieb. Etliche halfen ihm im Garten, die andern spielten umher, jagten sich und machten ihre Reigenspiele bis zum Abend, wo sie auf dem Rasen saßen und sangen und musizierten.

Cara sagte zwar: »Dann ist er in guten Händen«, aber das Gesicht, das sie dazu machte, war so, daß er ganz unmutig sagte: »Nun bist du schon wieder eifersüchtig auf diese Kinder.«

Darauf bezwang sie sich und sagte mit schwachem Lächeln, er sei früher nicht so kritisch gewesen gegen sie, was er natürlich nicht wahrhaben wollte.

 

Eine Woche später bat Cara den Alten an einem sonnigen Tage, wieder hinüberzugehen, aber er weigerte sich strikt, indem er sagte, sie könne Ebener wohl schon eine Weile in Ruhe lassen. Eine Stunde später ging er aber doch und sah munterer aus, als er zurückkehrte, und sagte, er habe Ebener begrüßen können, der zwar keine Antwort gegeben, aber zugelassen habe, daß er in seiner Nähe saß und rauchte. Er war mit dem Umgraben des Gemüsegartens fertig, auch mit den Blumenrabatten. Nein, er hatte nichts ausgerissen, außer was schlecht oder zu üppig war, hatte auch Johannisbeeren und Himbeeren zurückgeschnitten und die allzu wuchernden Staudenblumen zerteilt und an die Kinder verschenkt.

»Sind sie noch da?« fragte Cara.

»Nicht mehr soviel wie zu Anfang, aber an zwanzig sind es noch immer. Übrigens hat er den Schlüssel zum Haus nicht vom Bürgermeister geholt, sondern ist, weil die Fenster vergittert sind, durch das Dach eingestiegen. Und nun gräbt er das ganze Grundstück um. Er kommt langsam vorwärts; mein Bienenmann, der ihn beobachtet, meint, er wäre wohl nicht sehr kräftig, denn er gräbt immer nur kurze Zeit und sitzt oder liegt ausruhend fast länger.«

Cara fragte nach einem unruhigen Schweigen, ob er sich bei der Graberei etwas denken könne.

»Gefallt dirs net?« fragte er. »Mir gefallts schon.« Dann erklärte er Cara in seiner bescheidenen Weise, er habe in der letzten Zeit allerlei über Psychologie gelesen, nachdem er sich von so beklagenswerter Unwissenheit in menschlichen Angelegenheiten erwiesen habe; und dann setzte er auseinander, das Graben sei zweifellos eine Gleichnishandlung. Das gebe es viel bei Menschen, auch im Traum komme es vor. »Wenn einer zum Beispiel in einer verzweifelten Lage ist, und ein Freund, auf den er gerechnet hat, sagt ihm nur, statt zu helfen: Da ist guter Rat teuer, dann träumt er in der Nacht vielleicht, daß er auf dem Kinderchristmarkt von Stand zu Stand sich drängt, um etwas zu kaufen, und niemals sein Geld reicht.«

Hier lachte Cara und sagte: »Das ist recht. Ebener konnte es geschehen, wenn er sich mit einem mathematischen Problem ermüdet hatte, daß er auf einmal anfing, sich auszuziehn.« Sie lachte heftiger in der Erinnerung, indem sie hervorbrachte: er wäre einmal im Hemd zu ihr ins Zimmer gekommen und habe sie zornig gefragt: »Was ist denn los mit mir, daß ich im Hemde bin?«

Sie brauchte noch eine Weile, bis sie ihr krampfhaftes Lachen überwunden hatte und sagte:

»Aber dies Umgraben – nein, es war doch eine Ruhe in ihm. Einmal hat er selbst von ihr gesagt, sie wäre wie der Erdboden.«

»Also da siehst es doch! Der Erdboden in ihm – der ist gebrochen und geborsten, und nun gräbt er ihn vollends um, und so entsteht wohl wieder die Ordnung.«

Cara sagte: »Du bist ein weiser Mann«, und er plinkte ihr verschmitzt zu, aber sie schien nicht zufrieden.

 

Vierzehn Tage später – es war nun Oktober geworden – ging der Alte aus eigenem Antrieb hinüber. Zurückkehrend sagte er indes betrübt, er sei keine Taube geworden, und hier bringe er den Zettel endgültig wieder. Cara wurde ganz weiß vor Schreck und bekam böse Augen; ihre Zähne, die über die Unterlippe gegriffen hatten, lösten sich nur langsam, während er erzählte, daß Ebener immer noch am Graben sei und daß er – Robin – auf ihn zugetreten sei und es gewagt habe, ihm den offenen Zettel hinzuhalten. Ebener hatte einen Blick darauf geworfen, augenscheinlich Caras Handschrift erkannt, darauf sofort seine Augen geschlossen und sich umgedreht und sei fortgegangen.

»Also hat er doch gelesen?« fragte sie, worauf der Alte nur anzugeben wußte, daß Ebener eine Sekunde auf ihre Schrift gestarrt hatte. Sie seufzte und hatte augenscheinlich Mühe, ihre Ungehaltenheit zu verbergen, daß er es so ungeschickt angestellt hatte; denn als er sich deswegen anklagte, entgegnete sie nichts als ein undeutliches Gemurmel. Aber nun wurde der alte Mann gereizt und fast zornig und sagte zu ihr: »Meinem Bienenmann ist es kein großes Wunder, daß einer stumm wird mit seiner Zunge, da doch alle, die von dort zurückkommen, innerlich stumm geworden sind; und sein verlorener Arm hat ihn auch nicht redseliger gemacht. Ich hatte ihn gebeten«, fuhr er bei Caras Stummbleiben fort, »wenn er einmal einen Rat brauche, es mit Ebener zu versuchen; und er hat ihm auch – just noch vor dem Einwintern – in einem Volk eine Königin gefunden, die kaum größer als eine Arbeiterin war und seinen ungeübten Augen entgangen.«

Caras Gesicht hatte sich aufgeheitert, und er sagte: »Das kann ich dir auch erzählen, obgleich du nach ihm net fragst, net, wie es ihm geht oder wie es steht mit seiner Gesundheit, daß er schwerhörig geworden ist, und mein Bienenmann sagt, er habe wohl Typhus gehabt, dabei komme das hinterdrein häufiger vor.«

An diesem Abend hätte der alte Robin eine Gleichnishandlung an Cara wahrnehmen können, als er sie ihr Kind in den Schlaf singen hörte, so leise freilich, daß er die Worte nicht verstand, und er erinnerte sich nur, daß es ein Lied von Brahms war; sein Anfang lautete aber: »Wie bist du, meine Königin, durch sanfte Güte wonnevoll.«

 

Im November war das Wetter so ungünstig, und die Wege weichten vom anhaltenden Regen so auf, daß Caras Bote erst im Dezember, als der Schlamm überfroren war, noch einmal gehen konnte, ehe die Schneefälle begannen. Von diesem Besuch teilte er Cara nur wenig mit, obgleich sie in ihn drang, als sie hörte, daß er mit Ebener gesprochen hatte und erfahren, daß er in der Tat Flecktyphus gehabt habe und ein halbes Jahr völlig taub gewesen sei. Danach verschloß sie sich, da sie seine Zurückhaltung bemerkte, und tat keine Frage weiter.

Der Bote hatte Ebener in seiner Knabenstube auf dem Bett liegend gefunden, das mit Manuskriptblättern bedeckt war, von denen ein hoher Stoß auf dem Schreibtisch in der Mansarde lag, halb aufgestützt lesend und seine kurze Pfeife rauchend. Es war sein Werk über die Kurven, und es schien, daß die Beschäftigung mit ihm lösend gewirkt hatte, denn sein Blick war geklärt, er hatte seine Stimme wieder und sprach, wie es schien, mit seiner alten Ruhe, nachdem der alte Mann eins der Manuskriptblätter aufgehoben hatte und beim Anblick der winzigkleinen, schwer zu lesenden Handschrift geäußert hatte, Cara könne das wohl abschreiben mit ihrer klaren Schrift; sie habe genug Zeit im Winter. Er erwiderte indes, an Abschreiben sei kein Gedanke; das ganze Werk müsse stilistisch überholt werden, vielmehr noch einmal ganz neu geschrieben. Er war sehr indigniert über sich selbst, sagte, er verstehe sich selber nicht, alles habe einen unmöglichen Ton von Emotionalität, die moralischen Hauptstellen hätten ein geradezu fauliges Licht wie Bigotterie; kurzum, es müsse ganz neu werden. Er las die ausgestreuten Blätter zusammen, legte sie auf den Tisch, seine Pfeife dazu und streckte sich auf dem Bett aus. Als sein Besucher ihn nach einer Weile ansprach – auf dem einzigen Stuhl in der Mansarde sitzend –, hörte er zunächst nichts; dann fuhr er auf wie aus dem Schlafe geweckt und erklärte, das sei wirklich der Fall gewesen; immerfort einzuschlafen und nachts wachzuliegen, sei eine Wirkung der letzten Monate. Er erwähnte jetzt auch seine Krankheit und die Ertaubung. Dann aber dankte er der Gefangenschaft das kritische Auge für die Übertriebenheit des Gefühls, die freilich eine allgemeine nationale Untugend sei, wozu der alte Robin, als begeisterter Franzosenfreund, der er war, zustimmte, und so redeten sie eine Zeitlang.

Ebeners Gesicht war dem Besucher, da er flach auf dem Rücken lag, nicht sichtbar, als er mit ebenso ruhiger Stimme wie bisher nach dem Vater des Knaben fragte, worauf der alte Mann sachlich Bescheid erteilte. Ebener sagte dann:

»Sie hat Recht, ich habe Unrecht. Ich bin hingegangen, um zu töten, und habe es gut gelernt. Sie hat geboren.«

Eben das, fiel der Alte ein, hatte Cara gesagt, und er versetzte:

»Das konnte ich mir denken. Aber nun«, fuhr er fort, »bin ich zurückgekommen, und das heißt, ich bin im Kreis gegangen und bin ebenda angelangt, wo ich ausging. Du kannst das nicht verstehn, aber sie versteht es. Und so ist es nun, wie es ist.«

Ob das heißen solle, fragte Robin, daß er nicht zu Cara zurückkehren wolle; darauf versetzte er, ja, das solle es heißen.

»Aber sie erwartet dich doch.«

Da richtete er sich auf und wiederholte mit seiner dröhnenden Stimme: »Sie erwartet mich?«

»Wie denn net? Hat sie dir net den Zettel geschickt durch mich?«

Er schien sich kaum zu erinnern, warf nach einer Weile die Füße vom Bett herab und fing an, in dem kleinen Raum hin und her zu gehen. Danach warf er sich wieder hin, daß die alte Bettstatt krachte, und brachte zornig lachend hervor: »So wirds sein. Der elende Sünder wird aufgenommen in Gnaden.«

Er schnob wütender weiter: »Ave Maria, gratia plena – daß sie triumphieren kann bis zum letzten! Recht behalten, recht behalten, recht behalten! Ihr Wille geschehe! Unabänderbar, vom Wege nicht abzubringen.« So tobte er weiter auf eine Weise, die dem erschrockenen alten Mann völlig fremd an ihm war, aber vermutlich auch auf Überreiztheit durch die Gefangenschaftsjahre zu schieben. Ebener war, als er sich aufrichtete, glühend rot im Gesicht geworden, seine Lippen zitterten, die Augen hatten einen fast irren Blick. Eine Sekunde später war er aufgesprungen, um aus dem Raum und die Treppe hinab ins Freie zu laufen, wie der alte Mann hörte, der seinen Besuch damit für beendet ansehen mußte, wenn er vor dem Einfall der Dunkelheit daheim sein wollte.

 

4

Nikolai Robin hatte Caras Schrei in der Nacht gehört, aber ihm nicht anhören können, in welcher Absicht ihr Mann zu ihr gekommen war, und wie diese Absicht dann in ihr Gegenteil umgeschlagen war. Aber es dauerte nun nicht mehr lange, bis es ihm an Caras Gestalt sichtbar wurde und er auch das Datum auf dem Zettel begriff, den er Ebener hatte bringen sollen.

Mitten in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai setzte die erste Wehe bei Cara mit solcher Gewalt ein, daß sie an der Klingelschnur riß und die Wehmutter kaum bekleidet hereinstürzte; sie war am Abend eingetroffen. Cara saß aufrecht im Bett, stöhnte und sagte: »Habe ich mich verrechnet? Ach, ist noch lange bis morgen?«

Es war zwei Uhr, und von nun an kamen und gingen die Wehen halbstündlich zuerst, aber mit Tagesanbruch wie ein Uhrwerk von Viertelstunde zu Viertelstunde und mit einer gleichmäßigen Gewalt, die Caras Kräfte zusehends erschöpfte. In der Frühe kam der Arzt, fand nichts auszusetzen und blieb einige Stunden. Dann zog es ihn zu andern Patienten, er meinte, es würde noch bis zum Mittag dauern – und er kam mittags wieder, doch nichts hatte sich verändert. Die Wehen stießen gleichmäßig vor bis zum kaum noch erträglichen Druck, wo kein Pressen half und sie verebbten und Cara wie eine fast Ertrunkene, an den Strand gespült, zurückließen. Um sechs Uhr am Nachmittag erklärte der ungeduldige Arzt aufgeregt, er müßte nun die Zange nehmen, aber Cara, die nicht einen Laut von sich gegeben hatte, konnte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf schütteln. Wieder verging eine Viertelstunde des Ausruhens, während der Arzt und die Hebamme am Waschtisch sich halblaut besprachen und zum ungezähltesten Mal ihre Hände wuschen. Auf einen leisen Laut Caras wendeten sie sich zu ihr, die flach dalag, nun aber den Kopf aufhob und sagte: »Jetzt.« Und noch ehe die beiden zustürzen konnten, war es fast vorüber. Cara hatte eine Tochter geboren.

Eine Stunde später trat ihr Mann unten in das Haus. Ihn hatte die Unruhe, die ihn nachts geweckt und den ganzen Tag zu Cara gezerrt hatte, in dem Augenblick überwältigt, wo plötzlich ihr Zettel mit dem Datum des Tages vor seinem Auge erschien und zugleich die einzige Bedeutung, die es haben konnte. Er brach dann so besinnungslos auf, daß er ein Rad zu leihen vergaß und zu Fuß, fast den ganzen Weg laufend, eine Stunde brauchte. Aber nun – wäre er eine halbe Stunde eher gekommen, so hätte ihn niemand zu Cara hineingelassen. Jetzt war Stille im Haus, der Arzt gegangen; die Hebamme war redend durch die halboffene Tür des Kinderzimmers zu hören, wo sie den kleinen Jakobus zu Bett brachte. Als Ebener im schon dunklen Hausflur den Fuß der Treppe erreichte, war vor seinen Augen plötzlich schwarze Finsternis. Darin erschienen in glühend roten Linien nacheinander die verschiedenen Kurven, die sich durcheinanderbewegten – der Kreis zuerst, der sich auseinanderzog zur Ellipse, die sich an einem Ende auflöste zur Parabel, dann in zwei Ästen zur Hyperbel sich durcheinanderschob, worauf es ein Wirrwarr von sich verschlingenden Linien wurde und zuletzt eine gleichmäßige purpurrote Glut. Sie verging, während sich zugleich menschliche Züge bildeten, und als Ebener jetzt die Augen öffnete, war er nicht mehr am Fuß der Treppe, sondern er stand vor dem Säulenbett, in dem kaum erkennbar in einem Halbdunkel Caras Leib flach lag, die Arme neben sich auf dem Laken, und er sah auf ihr Gesicht herab. Ihre Hände und Füße zuckten noch immer, und ihr Kopf bewegte sich unruhig; auch war kein Blick in ihren Augen, die sich öffneten und wieder schlossen. Sie fragte: »Bist du da?«

Wie er dann bejahend sein Gesicht auf das ihre senkte, das fast unerkennbar entstellt war, kleiner als je, verzogen und fleckig und mit eingesunkenen Augen in großen violetten Höhlen, wurde es langsam ruhig. Dann war auch Ebeners Zunge nun völlig gelöst, und er sprach ihren Namen aus.

 

5

Ebenezer Rudorff blieb nicht auf dem Berghof, aber er kam von nun an öfter, an jedem schönen Tag, die allerdings selten waren, und blieb einige Stunden. Zu Nikolai Robin sagte er, sein Buch habe ihn völlig in sich hineingeschlungen, und es komme ihm vor, als ob die Atmosphäre seines Knabenzimmers die Gedanken besonders wohlgedeihen lasse. Cara ihrerseits blieb in den nächsten Wochen matt und schlief auch am Tag manche Stunde. Ebener konnte stundenlang neben dem Wäschekorb sitzen, in dem das Neugeborene, noch Namenlose lag, auf der Bank vor der Haustür, in der Betrachtung des langsam sich entfaltenden kleinen Gesichts. So saß er auch mitunter neben der schlafenden Cara, die halb erwachend bei seinem Kommen ihre Hand in die seine legte und wieder einschlief. Einmal fand sie auf ihrem Kissen ein Blatt, das er zurückgelassen, von seiner Hand beschrieben, und sie las, woraus zu schließen war, daß die zerstörte Persönlichkeit sich wieder zusammenschloß:

Wenn das ewige Licht
Und die Heere der Sterne –
Wenn des Feldes Getier
Und der große rauschende Wald –
Die Erde mit allem Gebirg, Meeren und Inseln,
In ihren Sphären schwingend –
Und der schweigende Mond
Mit der ganzen Nacht –
Wenn alles was ist, das Erschaffene – Gottes Worte –
Hinzieht durch euch,
Um wieder zu werden:
Ihr Liebenden, dann liegt ihr
Stirn auf Stirn,
Lippe auf Lippe.
Auge in Auge vergeht,
Herz im Herzen. Dann haben
Auch die Wölfe im Wald Frieden
Und die Lämmer Zuflucht; es hangen die giftigen
Schlangen von Ästen ruhig, und sie sind heil.
Aber die großen goldenen, die von jeher
Waren, die Ordnungen, hallender Kraft, die Gestirne,
Wirkende Satzungen all, die gehen
Klingend empor und wissen es, daß die Schöpfung
Gut ist. Die Ordnungen singen,
Denn sie sind erfüllt.

Liebt euch, liebt euch! Vergeßt
Nicht die noch offenen Wunden!
Der Pflug geht über die Erde,
Dann rauscht es strömend heraus,
An tausend jungen Halmen
Wogt das volle Gold.

Der alte Robin schien, als ihm Cara die Zeilen zu lesen gab, auf ihrem Bettrand sitzend, in Nachdenken zu versinken, so daß sie ihn aufstören mußte, damit er etwas sage. Von Gedichten, meinte er, verstehe er nichts, dies klinge ihm sehr schön, und er freue sich, daß der Dichter, der immer in Ebener verborgen gewesen, endlich frei geworden sei.

»Aber«, sagte sie, »was hast du eben gedacht?«

»Ja, wie sonderbar«, erklärte er nun. »Bevor er hineinging in den Krieg, sagte er, die Welt sei im Zerfallen, und nun, wie er wieder herauskommt, sagt er, sie wäre heil.«

»Ist es nicht besser als umgekehrt?«

»O gewiß. Hoffen wir nur, daß er recht hat.«

»Du scheinst leider nicht so sicher.«

»Leider gar nicht«, sagte er und zwinkerte trübe.

 

So war eine Anzahl von Wochen vergangen, als Ebener eines Tags in die Stadt fuhr, auf Caras Bitte, um Einkäufe zu machen und um endlich sein Gesicht von dem Bart der Gefangenschaft zu befreien, was er dem Dorfbarbier nicht anvertraun wollte. Für Cara war er lange ein Ärgernis, aber Ebener hing noch ebenso an ihm, wie er an Ebener. Er kehrte mit dem letzten Zuge und nach dem langen Heimweg erst bei Nacht zurück und staunte über die Beleuchtung, die aus allen vier Fenstern der Wohnstube in die Dunkelheit fiel. Ihre Vorhänge waren offen, und in jedem stand eine brennende Kerze aus gelbem Wachs. Und wie er an eines der Fenster trat, sah er noch mehr solche Kerzen im Zimmer verteilt – eine auf dem Tisch, auf dem Ofen eine und auf der Truhe – sieben waren es im ganzen. In dem rötlichen warmen, zart zerstreuten Schein, der schattenlos die Stube erfüllte, stand Cara und sprach mit dem alten Robin, der auf der Ofenbank saß, und war so festlich gekleidet wie die Beleuchtung – in einem taubenblauen Taft, der überall kupfrig glühte und sie weit in lockeren Falten umstand. Um ihre nackten Schultern und Arme lag, im Rücken herabgesunken, ein weißer Schal mit langen Seidenfransen. Halb abgewendet sprach sie und lächelte und zeigte ihm, ohne es zu wissen, ihr zartes, schräges Profil und die schön erhobene Braue und unter dem Wimpernkranze den Blick ihres klaren Auges.

Ebener hatte den schweren Rucksack auf die Bank unter dem Fenster gestellt, und über ihn gebeugt stand er und starrte hinein wie auf etwas niemals Gesehenes. Er saß dann auf der Bank und blickte in das Innerste der wieder zusammengeschlossenen Welt, das aus der Herzmitte leuchtete, und er vergaß die Zeit, die Stirn auf das Holz des Fensters gelegt.

So fanden ihn Cara und der alte Mann, als sie in die Tür über den Stufen traten, und sie konnten sehn, daß er heute erst heimgekehrt war. Der alte Mann ging zurück und in sein Zimmer hinauf, während Cara zu Ebener hinabging und ihn zu sich rief, ihre Hand in sein Haar legend.

Dann bewunderte er sie in dem Kleid und Schal, worauf sie fragte, ob er wisse, wie alt es sei, und sie zeigte ihm die Brüche und Risse in den glänzenden Falten, war aber trotzdem froh, weil sie wieder schlanker geworden war und das Kleid noch paßte. Ihre Wangen, ihre Augen glühten von Erwartung und Spannung der wieder erwachten Sinne; indes schnürte er seinen Rucksack auf, indem er sagte, er habe ihr etwas mitgebracht.

»Ach, das sehe ich längst, was du mir mitbringst«, erwiderte Cara und lachte, »deinen alten Bart.« Ebener griff an sein Kinn und mußte gestehen, daß er ihn vergessen hatte. Er erinnerte sich, er war in den Englischen Garten geraten und hatte ein Notizbuch, das er gekauft hatte, halb vollgeschrieben mit neuen Gedanken.

»Ein Wunder«, sagte Cara, »daß du wieder hergefunden hast.«

Aus dem Rucksack erschien ein großer und dicker Stoffpacken, der im Mondlicht, als er ihn entfaltete, erst schwarz erschien; als aber Ebener ihn in den Kerzenschein eines Fensters hielt, leuchtete er dunkelgrün auf mit eingewebtem Blumenmuster und einzelnen goldenen Fäden – ein schwerer Damast, den Cara für Möbelstoff erachtete, aber Ebener hatte an einen Morgenrock gedacht, weil sie in der Frühe immer leicht fröstelte. Sie stand auf und ließ zu, daß er ihre Gestalt in die schweren Falten einhüllte, die sie vorne zusammennahm, freilich zweifelnd, daß er zum Melken besonders geeignet sei.

»In Ackersdorf«, sagte Ebener, »gibt es keine Kühe.«

»O du gehst wieder zu den Kindern?«

Er erwiderte nichts zuerst – nur nach einer Weile zerstreut: »Es wird sich alles irgendwie einrichten.« Er sah unruhig umher, stand auf und setzte sich wieder. Cara glaubte zu begreifen, daß er nicht auf dem Berghof sein wollte, und sagte, daß er seinetwegen nicht in Sorge zu sein brauche. Der Toni könnte es nun allein machen, er wolle auch heiraten, die Tochter vom Wirt in Mauerkirchen.

»Der Muckentaler«, sagte Ebener, »ja, der kommt morgen herauf.«

»Warum?«

»Weil er auch Metzger ist. Du mußt es wohl erfahren – die Kalbin, die du zuletzt gekauft hast –« .

»Sie hat verkalbt? Ach, Herrgott!« Cara sank auf die Bank nieder und faltete ihre Hände. »Das ist meine Schuld! Sie war gar zu schön – die schönste Kuh, die ich gesehn habe. Doch hätte es mich stutzig machen sollen, daß die Weißbäuerin sie verkauft hat. Die hats gewußt – oh, das sind Betrüger, alle, Betrüger! Und dieser entsetzliche Bazillus Bang – du weißt noch gar nicht, wie der jetzt überhand nimmt.«

»Tut er das?« sagte Ebener. »Ja, es wird alles morsch.«

Dann war Stille. »Ebener«, bat sie leise, die Hand auf seine legend. Er sah sie an und sagte: »Kannst du es hören?«

»Was, Lieber?«

»Still – hörst du nichts?«

»Ich höre nichts.«

»Das Brausen – der große Katarakt – wir treiben darauf zu – wir – alle – alles.

»Komm«, sagte er dann liebevoll, »gehn wir hinein.«

Sie erwiderte, daß sie noch etwas umhergehen möchte, wenn es ihm recht sei, und erhob sich, den neuen Stoff auf der Bank lassend und sich in den weißen Schal einhüllend. Dann wanderten sie langsamen Schritts Arm in Arm um das Haus. Ebener hob einen Weidenzweig auf, der auf dem mondhellen Wege lag – eine lange Rute wie ein Palmwedel voll lanzettförmiger Blätter, die er am Morgen für den kleinen Jakobus geschnitten hatte. Von den alten Bäumen standen viele nicht mehr, und Cara zeigte ihm die jungen neuen, die sie gepflanzt hatte. Allmählich würde es freilich kahl um das Haus werden.

Sie saßen wieder auf der Bank. Ebener bewegte, die Ellbogen auf den Knieen, den Weidenzweig auf und nieder, während er langsam vor sich hin sprach:

»Alles, was gewesen ist, schwindet. Nichts wird wiederkommen. Nur die ewigen Dinge werden wie immer geschehen – Pflügen, Säen, Pflanzen – daran halten wir uns. Die vor uns auf dem Berghof saßen, hatten acht Kinder – und wo sind sie nun? Eine einzige Tochter ist auf dem Lande geblieben, alle übrigen wohnen in Städten.«

»Lieber«, bat Cara, »stimmt dich das Mondlicht so düster? Sieh hinein zu den Lichtern.«

»Das Mondlicht«, versetzte er, »ist schon recht. Wir werden in Deutschland lange kein andres sehen. Sieh den Weidenzweig – er gleicht einem Palmenzweige. Aber der Friede, den sie jetzt schließen –«

Cara nahm den Zweig mit sanfter Hand aus der seinen, indem sie sich an ihn schmiegte, und sagte:

»Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur was wankelmütig.«

Dann stand sie auf und stieg die Stufen zur Tür empor. Da sie sich umwendend ihn wieder gebückt sitzen sah, die Stirn in den Händen, senkte sie den Zweig zu ihm und rührte an sein Gesicht. Darauf ließ er die Hände fallen und blickte zu ihr hinauf. Seine Haltung war fast die eines Hundes, der zu seinem Herrn aufsieht, aber sein Blick der eines Menschen, der weiß, was alles ist, und der sich in das Geschehen hineinfügt, gleichviel ob es menschliche oder göttliche Hand ist, die es bewegt. So blickte er zu ihr auf.

Das schlafende Dämmerland lag in der Tiefe ohne Laut und Bewegung; im See war silberner Glanz, und das Gebirge stand dunkel unter dem lichtgrauen sternlosen Himmel und der hellen Sichel des Mondes. Das immer fließende Wasser des Brunnens plätscherte und gluckste mitunter; das war der einzige Laut.

Liebe schwieg, sanft atmend über das Land.

Als sie beide dann in ihr Haus hineingingen, hatten sie sich an manches erinnert, aber nicht an die beiden Gestalten, die sie in einer Mondnacht vor Jahren, als sie zum ersten Male zum Berghof aufblickten, in seiner Tür gesehn hatten und die sie heut selber waren.

 


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