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Erstes Kapitel.
Rudorff

1

Sonnenschein flutete schräg von oben durch zwei kleine, weit voneinander liegende Fenster, vor denen außerhalb große Büsche Phlox mit weißen und rosigen Blütenhäuptern sich drängten, die an der Hauswand standen. Im Schatten zwischen den Fenstern stand eine Hobelbank, und das breite Stück Wand darüber war mit Reihen von Werkzeugen bedeckt – Hämmern, Sägen, Meißeln, Feilen –, die in Ordnung an Pflöcken hingen. Unten in dem hellen Geviert des Sonnenscheins auf dem roten Ziegelboden standen vor dem einen Fenster die bloßen braunen Füße eines Mannes in Sandalenriemen und kräftige braune Schenkel bis zum Knie; darüber war Schatten.

Der ganze Mann stand groß da, zum Fenster gewandt, das mit dem Schein der Mittagssonne auch ihre Juliglut in den dämmrigen Raum hereinließ; er war bekleidet mit einem offenen Kragenhemd und einer altersdunklen ledernen Kniehose mit ihren braunledernen Trägern über seinen breiten Achseln. Den Kopf mit dichten Büscheln von braunem Haar gesenkt, blickte er aus verengerten Lidern auf seine Hände herab, die einen kleinen Kreis von Draht drehend bewegten. Aus seinen zwei oder drei Windungen senkte ein mehrere Meter langes Ende sich zum Fußboden herab und verkürzte sich langsam unter dem Drehen der Finger, wobei aber das andere Ende sich herausschob, mit einem tastenden Zittern auf die Hobelbank zu. Das leise Kratzen des Drahtendes auf dem Steinboden und der langsame Tropfenfall eines Wasserhahns waren die einzigen Laute in der Stille.

Nun standen die Hände still; in dem Antlitz des Mannes gingen die Augen auf, und ihre lichtbraune Iris schimmerte goldhaltig. Von der Sonne dunkelgebräunt, war es ein unschönes langes Gesicht, mit eingedrücktem Sattel der Nase und knolligem Kinn; aber es war sehr männlich, und Stirn und Mund waren fest und lauter. Die grübelnde Starre seines Blicks löste sich nach einiger Zeit; seine Hände krümmten mit einem Entschluß das kürzere Drahtstück in den Kreis, wanden das Ende herum, und dann wurde auch das längere Stück hereingebogen und die kleine Rolle festgemacht. Danach ließ der Mann einen stillen und schweren Blick im ganzen Raum umhergehen, indem er seine große Gestalt langsam drehte.

Die Wand zur Rechten des Fensters nahm ein Brettergestell ein, dessen Abteilungen zumeist mit goldblanken Eimern verschiedener Größen und aufgestapelten Reihen von Deckelgläsern gefüllt waren. Stapel von leeren Holzrahmen – für Bienenwaben – füllten die unteren an und die übrigen ein Hunderterlei von Dingen, offene Zigarrenkästen und Pappkästen voller Nägel und Schrauben, Flaschen, Bastschnüre und Unaufzählbares mehr. Unter der niedrigen Decke entlang hingen an waagrechten Stangen Hunderte von Wabenrahmen dicht zusammengeschoben. In der Ecke stand auf drei Eisenbeinen eine mächtige Blechtrommel – die Honigschleuder; dann folgten ein hoher Stoß sorgsam geschichteter alter Säcke und eine Dezimalwaage bis zur Wasserleitung neben der Tür. Als der Blick des Mannes hier angekommen war, blieb er an dem Messinghahn haften, aus dem in gleichmäßigen Pausen ein Tropfen fiel; und nach einer Weile regte sich der Mann, ging hin und zog den Hahn fester an. Seine Hand blieb auf ihm liegen; noch fiel ein Tropfen, ein zweiter, dann keiner mehr. Darauf erschien, fast wie ein tiefer Orgelton brummend, eine Stimme im Raum, die fragte: »All das muß immer sein?«

Danach verließ er den Raum.

Hinter der ins Schloß gefallenen Tür stand Finsternis, in die aus entfernter Höhe das schwache Licht eines anderen Türspalts schimmerte. Die Füße des Mannes schoben sich auf dem Steinboden erst tastend vorwärts, erstiegen dann sicher eine Treppe, und er trat in einen breiten Hausflur, den von seinem einen Ende her eine Glastür erhellte. An einer der lichtgrün getönten Wände hingen große Landkarten; gegenüber zog sich eine leere Hakenreihe zum Aufhängen von Überkleidung hin und darunter ebenso auf dem Fußboden die ordentlichste Zeile kleiner und immer größerer Kinderschuhpaare, filzene meist und solche aus buntem Flickwerk, verbraucht und verbogen, jedoch sehr sauber und die kleinsten rührend mit einem kindlichen Ausdruck. Nun waren es diese, von denen der Blick des Mannes sich lange Zeit nicht losmachen konnte, bis er sich zu der gläsernen Tür wandte, die halb offenstand. Dahinter lag groß, hoch und hell ein Schulsaal mit sechs breiten Fenstern, doch war nur die vordere Hälfte voll gelber Bankreihen und zu den Fenstern hin eine weite Leere um den einsamen Tisch und seinen Rohrstuhl, die auf keinem Katheder, sondern auf den glänzend gebohnten Dielen standen. Und er bewegte sich zwischen den Bänken hindurch dorthin, ließ sich auf die Tischkante zu halbem Sitz und blickte zum Fenster hinaus, die Augen halb geschlossen und zwischen den Fingern die Rolle Draht, die sie mitgenommen hatten, drehend und drückend.

Alle Fenster waren in ihren tiefen Nischen mit dem stillen Leben grüner und blühender Gewächse gefüllt, die in Kästen und Töpfen wucherten, Kakteen darunter und Agavenstauden so hoch wie die Fenster. Draußen lag in der Mittagssonne eine weite grüne Wiese, die allmählich zu einem sanften Bühel hinanstieg. Die kleinen Zacken einer fernen Bergkette erhoben sich darüber in die blaue Leere des Himmels.

Nachdem der Mann eine Viertelstunde unbeweglich im Hinausschauen geblieben war, dröhnte fernher das schwere Zufallen des Haustores durch die Stille, und schlürfende Schritte folgten und Pochen an einer Tür. Aber erst als eine Weile danach Schritte herankamen, wendete er sich um.

Ein Briefträger stand in der Tür, mit seiner schweren Umhängetasche und Paketen beladen, die er auf den Boden setzte – ein kleiner Mann mit buschigem grauem Schnurrbart. Er nahm nach seinem »Grüß Gott, Herr Lehrer!« zunächst seine hellblaue Dienstmütze ab, um ihren ledernen Innenrand mit einem großen roten Taschentuch abzutrocknen; dabei klagte er mit undeutlicher Stimme über die sengende Glut und die Dürre des Sommers. Die erwidernde Stimme dröhnte, obwohl der Sprecher sie dämpfte, im leeren Saal. Nun die Mütze wieder auf dem Kopf, holte der Bote – »was zum Einschreiben« murmelnd – einen großen gelben Brief aus der Tasche und brachte ihn nebst Zettel und Bleistift. Beim Hinreichen sagte er vertraulich: »Von der Frau Gemahlin – aus Minka«, und der Empfänger schrieb seinen Namen – Rudorff – am Tische stehend. Er folgte, nachdem er Stift und Blatt zurückgereicht hatte, dem davongehenden Boten mit den Augen bis zur Tür, wo er ihn aufhielt mit dem Frageruf, ob es schon zwei Uhr sei. Er erhielt den Bescheid, es habe soeben geschlagen, und dies gab ihm einen inneren Ruck. Er zauderte noch, die Rolle Draht in der einen, den Brief in der andern Hand, erkannte nun erst jene und legte sie, den Kopf schüttelnd, auf den Tisch. Darauf holte er aus der kleinen Hüfttasche ein festes Messer mit Hirschhorngriff und lederner Scheide und schlitzte den Umschlag auf; aus einer Hülle von Seidenpapier schälte er ein flaches Quartbuch, in weiches grünes Leder gebunden, auf dem zusammengefaltete Briefblätter lagen, und ein leiser Duft stieg empor. Nun setzte er sich auf den Stuhl, entfaltete den Brief und begann zu lesen, was da geschrieben stand in einer leichten und klaren Schrift, die wie hingeflogen schien, leicht und trotzdem fest:

München, am 23. Juli 1914

Liebster:

Wenn Du diesen Brief morgen in der Hand hast, wird es eben Zeit für Dich sein, zum Berghof zu fahren, und Du wirst ihn lieber erst abends lesen. Dann kann ich Dich aus der Ferne schön bei der Lampe sitzen sehen – mit den Augen auf diesen Blättern wie auf meiner Hand ...

Der Mann faltete die Bogen wieder zusammen; den Deckel aufklappend, warf er einen Blick auf die erste Seite des Buches, auf der nur die Worte standen: »Für meinen Mann« und das Datum: »zum 24. Juli 1914«. Er tat Brief und Buch in ihre Hüllen zurück und stand auf und ging durch den Raum und zur Tür hinaus den Flur hinunter bis nahe zum Haustor. Dort stand zwischen zwei weißen Türen ein Tischlein mit Kamm und Bürsten unter einem schmalen Spiegel an der Wand; er legte den Brief darauf und verließ das Haus, das er hinter sich abschloß.

 

2

Wir können ihm nun mühelos folgen, während er – die Pedale eines alten Fahrrades in ruhigem Gleichmaß tretend – durch eine sonneglänzende Landschaft kleinen Gehügels fährt, den großen Bogen des Himmelsgewölbes über sich und fern zu seiner Rechten immer die Kette des dunstblauen Gebirges. Über staubige Wiesenwege und breitere Fahrwege rollt er dahin, und immer wieder kleine Höhen hinan, schwerer tretend, über steilere das Rad hinanschiebend; immer zwischen Wiesen, die fast weiß sind von den hohen Doldenstauden des Bärenklau, der auch Schierling genannt wird. So geht es allmählich immer höher empor, an Gehöften vorbei, die breit mit braunen Altanen in Obstgärten liegen, und die Reihen der braunen Säulchen sind oft weinberankt, und von allen hängen die Geranien, Petunien oder Nelken in üppigem, brennrotem und weißem, violettem und rosafarbenem Flor. Wo Kinder spielen, kommen sie angelaufen, um laut und lachend »Grüß Gott, Herr Lehrer!« zu schreien; manchem gelingt es, die ausgestreckte Hand des Fahrenden zu erhaschen und mitzutraben. Eine Bäuerin winkt da und dort aus der Haustür, sonst sind Menschen selten zu sehn, und das Vieh nährt sich im Stall. Nur in einem Rüben- oder Kartoffelfeld jäten sie gebückt hintereinander: der Bauer, die Bäuerin, die Söhne, die Töchter, in Kopftüchern oder breitkrämpigen Hüten.

Also fährt er bald eine halbe Stunde lang durch das stille, heiße, fruchtbare Land, das in seinem einsamen Frieden unter dem Himmel ruht; doch ist sein Weg fortwährend gestiegen, so daß er sich in beträchtlicher Höhe befindet, als er jetzt absteigend sein Rad über die Knüttelbrücke eines Baches und weiter am Rand eines aufsteigenden Tannenwaldes emporführt. Oben angelangt stand der Mann eine Weile, ausatmend und die nasse Stirn mit der Hand abtrocknend, vor einer lichten Halde von Jungwald und überschritt danach abermals einen kleinen Bach, der sich zwischen Ufergebüschen bergab wand, unsichtbar, aber murmelnd zwischen jungen Eschen und alten Waldkirschenbäumen. Linker Hand aber standen jetzt Apfelbäume, die weiterhin zu einem schattigen Obstgarten wurden; da schwebten goldene Lichtflecke auf dem dunklen Grün des beschatteten Rasens. Dort hinten weideten große weiße Schafe, und von rechts her schimmerte weiß die Wand eines Bauernhauses.

Der Mann lehnte sein Rad an einen Baumstamm und schritt unter den dichten Laubgewölben, mit Früchten beladen, auf lautlosem Rasen dem Hause zu. Schon aber glänzte eine goldene Ferne zwischen den Stämmen, und als er die letzten erreichte, stürzten die Tannenwälder schräge einer gewaltigen Tiefe zu. Offen ausgebreitet schien da die ganze Erde unter dem Himmel zu liegen, in Unendlichkeit verblauender Fernen das goldene Sonnenland. Aber diese ganze Tiefe schimmerte blau von den meilenweiten Flächen eines Sees, und das mit Himmel gefüllte Land schien zu schweben. Rechter Hand zog das Gebirge mit grünen Flächen der Hänge und bläulichen Rücken, mit felsigen Spitzen und Kämmen durch den Süden dem Osten zu, niedriger werdend und kleiner immer bis in die unerreichbare Ferne.

In den Hochwald der Tannen, der sich bergabwärts senkte, lag ein Wiesenoval von riesiger Größe eingeschnitten, nach unten hinabgesenkt. Ein Zaun teilte es in der Mitte quer, und die untere Hälfte war wiederum von einem Zaun in zwei Hälften geteilt, deren jede ein Tagwerk groß sein mochte; und in der rechts gelegenen grasten und lagen vier gelbweiße Rinder, in der zur Linken stand ein großes weißes Schaf. Der Mann blieb einige Sekunden über der Tausendfältigkeit der ausgebreiteten Erscheinungen, die in göttlich beseelter Einheit atmete; danach setzte er sich links hinüber in Bewegung, wo eine grasige Rampe zur holzverschalten, dunkelbraunen Hinterwand des Hauses und dem weit offenen Heustadel emporführte. Unweit davon war ein eingezäunter kleiner Krautgarten, und dort stand eine Frau am fließenden Brunnen, über den Trog gebeugt, der ein hohler halber Baumstamm war, um blaue Wäschestücke triefend aus der blanken Flut zu heben; ließ sie jedoch fallen, als sie den Mann erblickte, und lief, die Hände in ihrer Schürze trocknend, eilig herbei. Sie war altersgrau und lächelte zahnlos mit blauen einfältigen Augen.

Ein dunkler und breiter Mann ging unterhalb in das Wiesenoval hinab auf das Schaf zu, und der Angekommene fragte, während die Frau nicht aufhörte, seine Rechte immer wieder zu schütteln, ob etwas sei mit dem Bock.

»Nix is, gor nixen! Sagmeister hat nur gemoant, daß er ollwei zvui Zeitlang hat, ollwei alloanig«, sagte die Alte klagend, und der Mann lachte und fragte: »Stößt er net mehr?«

»Ja, freili«, versetzte sie traurig, »stoßen tut der, arg stoßen, ja, wie denn net? Umi und umi hat der Sagmeister bereits gschmissn, der Saubiffi der ölendige, der. A ganz an ausgschamts Luder – aber no, 's ist halt a Bock. A Bock ists – da muß er stoßn. Moanst net, daß der stoßn muß? Der muß stoßn, dafür ists halt a Bock.«

 

Der Mann indes vernahm ihr Aneinanderreihen vieler Worte nicht mehr, sondern begab sich mit Lachen abwinkend am Hause vorne vorüber. Der gleiche Apfelgarten wie hüben lag auch auf dieser Seite, und er ging in seinem Schatten, wo herabgefallene gelbe Früchte im Grase schimmerten, hindurch und wieder ins Freie hinaus. Dort stand etwas erhöht ein langgestreckter niedriger Schuppen von braunem Holz in der Sonne, seine Schmalseite herwendend mit einer Tür, zu der drei Stufen hinanführten. Vor seiner langen Seite war ein Gebrause von Bienen, weil aus unzähligen Fluglöchern in zwei Reihen übereinander die Scharen der Bienen aus und ein wimmelten, schwärzlichen Punkten gleich, doch oft aufblitzend in der Sonne. So strömten sie zu den weißen Bärenklauwiesen hinaus und von ihnen herein, jede beladen mit einem Tropfen von süßer Feuchte, der, winziger als menschliches Maß, zu Myriaden anderer Tropfen gefüllt zu menschenmächtigen Massen anschwoll. Über dem Dach war die Luft von den tausend Punkten der kleinen Leiber durchtummelt, die in wilder Regellosigkeit, hier in großen Schwüngen geworfen, dort blitzrasch zuckend, auf und nieder schwebten. Aber dem Emporblickenden ward es beim stehenden Orgelton des Gebrauses ein ebenmäßiges Wiegen und Schwingen, ein einziger Rhythmus von einer Gemeinsamkeits-Wonne, die vom Himmel zu stürzen schien.

Er schritt nun die Stufen empor und trat durch die Tür in einen langen Gang, in dem das Völker-Gebrause gedämpfter summte; er empfing durch viele kleine Fenster in der linken Wand ein gedämpftes nördliches Licht, aber auch hier war es glühend warm und roch herbe nach dem Bärenklau-Honig. Draußen lag die Nachmittagssonne auf der schimmernd weißen Wiese, die nach zwanzig Schritten zu steigen begann und sich sanft zu mäßiger Höhe erhob; oben streckte ein mächtiger Nußbaum den wipfeltragenden Stamm in solcher Schräge empor, daß er ständig im Sturze zu sein schien.

Auf der rechten Seite des Ganges bestand die Wand aus den braungelben Kästen, den Wohnungen der Bienen, die aneinandergeschlossen standen. Unter den Fenstern befanden sich mehrere lange und hohe Truhen, dazu eine kleine Trittleiter und andere Gestelle und Geräte, ordentlich aufgeräumt. Nun stülpte er eine umschleierte Haube über, die mit zwei Paaren lederner Ärmelhandschuh, halblangen Tabakspfeifen, besonders geformten Zangen und mehreren Gänsefittichen auf der vordersten Truhe lag. Er stopfte aus einer Zigarrenkiste eine der Pfeifen mit einem braunen Müll von Tabak und Zigarrenstümpfen und setzte, nachdem er angezündet hatte, einen Metalldeckel auf, der aus einem spitzen Mundstück den Rauch in scharfen kleinen Strahlen ausstoßen ließ. Seine Blicke wanderten schon an den Kästenreihen hinunter, die mit großen schwarzen Ziffern bemalt waren, während er noch mit Gemächlichkeit die weißen Hemdärmel über die Ellbogen hochkrempte.

Den Gang hinabschreitend, schob er eine Fußbank, aber mit den Beinen nach oben, zu einem der letzten Kästen, bückte sich über und griff hinten und vorne zu, hob mit einem Ruck die obere Hälfte herunter und stellte sie auf die vier Bankfüße; einige Bienen fielen dabei unterwärts herunter in die Bank, auch auf den Boden, wo sie umherkrochen und bald zum nächsten Fenster hinausflogen. Rasch kniete er hin und breitete, kleine Rauchstrudel niederstoßend, die emporschlüpfende Bienen wieder verschwinden machten, ein dunkles Tuch über den oben offenen Kasten und das schwarze Wimmeln; legte das Tuch vorn nach hinten zurück, gab ein wenig Rauch, faßte mit drei Fingern beider Hände behutsam rechts und links zu und zog das längliche Rechteck einer Wabe langsam ins Licht empor. Die zum Teil noch von Bienen überströmte fegte er mit sanften Strichen des Gänseflügels etwas leerer, trug sie zum Fenster hin und begann erst die eine, dann die andre Seite der tausend, mit einer hellbraunen Haut überzogenen Zellen zu betrachten, wobei er die Immen mit kleinen Rauchstößen immer wieder auseinandertrieb; endlich saßen sie alle dichtgedrängt unter dem oberen Rand und soffen in größter Eile, den offenen Honig, ehe er ihnen, wie sie fürchteten, genommen wurde. Viele liefen auf seinen Händen und die Arme empor, bevor sie sich zum Davonfliegen entschlossen. Er bohrte indes mit der Spitze eines Messers kleine bräunliche, kaum fingergliedlange Zäpfchen aus der Wabenwand und streifte die am Messer klebenden am Fensterrande nach außen ab. Einige blieben auf der schmalen Brüstung liegen und ließen in ihrer Höhlung milchweißen Saft und die weißen Larven werdender Bienen sehen. Endlich – da nach wiederholtem Abspähen auf keiner Wabenseite ein solches Gewächs mehr zu entdecken war, trug er die Wabe zum Kasten zurück, um sie knieend hineinzusenken und eine zweite herauszuheben. Er verfuhr mit ihr wie mit der ersten und ebenso mit mehreren anderen, bis die letzte bearbeitet war und der Oberteil des Kastens wieder aufgesetzt wurde; und ein aus der Hosentasche hervorgeholtes Stück Rötel verwandelte einen senkrechten Strich neben der Drei der Kastenziffer in ein Kreuz.

Nicht lautlos indes war diese Arbeit vor sich gegangen, sondern vielfach halblaut geflucht und gescholten: »Malefiztürken!« oder »Sakrische Luder verdammte!« oder auch sanfter: »Kinderlein, oh, ihr Teifi!« Jetzt an ein entferntes Fenster tretend, hob er die Haube vom Kopf und dem rot und schweißig gewordenen Gesicht, atmete auf und kratzte, an Händen und Armen suchend, einen haftengebliebenen Stachel und einen zweiten und dritten aus der braunen, geröteten Haut.

Danach stülpte er die Haube wieder über, entbrannte die erloschene Pfeife und begann den Kasten mit der Ziffer 7 wie den ersten zu bearbeiten; und weiter noch mehrere andere, bis eine Stunde vergangen war und er sich zum Ausruhen, die Haube in der Hand, in ein Fenster legte, zu dem Nußbaum emporschauend.

 

Dort saß auf dem schrägen Stamm, den Rücken herwendend, eine weibliche Gestalt; die Sonne, hoch im Südwesten über dem grünen Wipfel, breitete seinen Schatten aus, und die Gestalt hob sich dunkel klar aus der lichten Bläue der fernen Himmelswand. Er schaute geraume Zeit hin; sie bewegte sich dann und wann, aber außer ihrer Weiblichkeit war nichts an ihr zu erkennen. Nach einigen Minuten ging er dann wieder an seine Arbeit und blieb dabei, bis wieder eine Stunde vergangen war. Inzwischen hatte aber aus einem Volk beim Abheben des Oberteils eine solche gestachelte Wolke wutvoll sich auf ihn gestürzt, daß er brüllend und fluchend zurücksprang, die Pfeife aus den Zähnen riß und hinschmiß und an all seinen Körperteilen ein wildes Kratzen begann. Endlich floh er weit fort, zog seine Haube ab und kratzte Stacheln aus Stirn und Hals, schüttelte auch die Bienen, die unter den Schleier gedrungen waren, aus seinen Falten. Immer zornig vor sich hinmurmelnd, zog er dann einen weißen Kittel an, wie ihn Ärzte tragen, und die langen Ärmelhandschuhe über die Hände und Arme.

Die Fremde am Nußbaum war bis zur Beendigung seiner Arbeit nicht von dem Stamm gewichen, und er hatte in jeder seiner Pausen etwas Anderes an ihr wahrnehmen können. Einmal hatte sie sich höher gesetzt und mehr seitwärts, so daß ein junges und zartes Profil sich erkennen ließ, auch ein lockeres Flechtwerk von schwerem Haar auf dem schön gebogenen Nacken. Dies Geflecht löste sie später auf, löste auch die beiden langen Flechten von unten bis oben; und die gespreizten Finger im Nacken hineinschiebend, schüttelte sie die ganze lange braune Mähne, die unter einzelnen Sonnenpfeilen kupfrig aufglühte. Und einmal warf sie sich plötzlich herum, als hörte sie sich gerufen; da hielt sie das braune Haar unter dem Hals zusammen, und aus dem umhüllten, klein gewordenen Gesicht blitzte das Weiße und ein unbewußter großer Göttinnenblick dunkler Augen. Den Mann im Fenster schien sie jedoch nicht zu erkennen – sie wandte sich wieder ab. Das letzte Mal lag sie ausgestreckt auf dem Rand der Höhe, den Hinterkopf auf dem Stamm, von dem er aber nach einer Weile seitab glitt. Noch hob sich einmal ein nackter hellbrauner Arm aufleuchtend in die Sonne; die Finger spreizten sich spielend, und er fiel wieder hin. Von nun an blieb sie ohne Bewegung.

 

3

Ohne die Haube, den weißen Mantel vorn aufknöpfend, trat der Mann aus der Tür und die Stufen hinunter, reckte die Arme nach oben und streckte sich gähnend. Darauf ging er über den Grasteppich unhörbar zum Baum hinauf – so weit, daß seine Augen in der Höhe der Liegenden waren. Ihr blaßbraunes Antlitz – an dem nichts Göttliches war – vom Haar halb überflossen, war ihm zugewandt, jedoch mit geschlossenen Augen, und der weiße dünne Stoff der Bluse über ihrer Brust senkte sich leise und stieg mit dem Gleichmaß des Atems im Schlaf. Sekunden vergingen, dann schlug sie erwachend die Lider auf und zwinkerte, erschrak aber weiter nicht, sondern verzog die schmalen und weichen Lippen nur zu einem Lächeln, das mehr süß als verlegen war, und blickte den Mann groß an. Plötzlich aber kam ein Erkennen, und mit dem Ruf: »Jessas, der Herr Lehrer!« richtete sie sich auf; doch war ihr Erschrecken auch jetzt nicht so groß, wie sie es machte.

Er ließ ihr Zeit, das Haar aus dem Gesicht zu streichen und im Nacken zu raffen, auch die Nadeln, die aus ihrem Schoß gefallen waren, aufzulesen. Seine tiefe Stimme fragte alsdann: »Warst du bei mir in der Schul?«

»Kennens mi gar nimmer?« fragte sie. »Die Grießböck-Marei.«

»Die hat anders ausgeschaut damals.«

»Wie denn, Herr Lehrer?«

»Garstig; arg garstig; dürr.«

Sie lachte gar sehr geschmeichelt und erwiderte nichts.

»Wollens nicht Platz nehmen, Herr Lehrer?« fragte sie dann, als ob sie bei sich zu Hause wäre; und so stieg er vollends empor und setzte sich, um sie hergehend, auf den Stamm über ihr. Eine umzäunte Wiese dehnte sich hier weithin, von jungem Niederwald eingeschlossen, den dunkler Hochwald umgürtete; zur Rechten aber fiel der Berg steil in die Tiefe, und unten war fern und klein im Tale ein Dorf zu sehn an der weiß vorbeiziehenden Straße; jenseits stiegen die Hänge zu bewaldeten Höhen empor. Dort oben zog in dem blasseren Nordhimmel ein Falkenpaar seine weitschwingenden Kreise.

Der Mann sagte: »Die Grießböck-Marei – soso ... Also die Grießböck-Marei ... Sechs Jahre werden das sein. Und wie kommst du jetzt da herauf?«

Ob auch hochdeutsch redend, sprach er in der ländlichen Tonart und Denkweise, ohne sich zu bemühen, während das Mädchen zwischen den Sprachen sich hinschlängelte. Sie erzählte:

»Wie der Vater gestorm is – da war ich erscht zwölf – da ist d'Mutter zu einer Schwester von ihr gezogen – drunten in Mauerkirchen – aber das Haus könnens net sehn. Jetz die zwei letzten Jahr bin ich auf Rosenheim gewesen, kochen lernen, nähen, bügeln.«

Er versetzte nach einer Weile – wie er stets Pausen einhielt, bevor er den Mund öffnete: wenn sie kochen könne und gute Zeugnisse hätte, dürfe sie sich bei seiner Frau melden, die suche lange eine.

Das Mädchen lachte verlegen: lieber möchte sie in eine Pension gehen als Zimmermädchen. »In die Stadt ging ich lieber.«

»So eine bist du. Gar nach München.«

»Was ist schon dabei?«

»Daß die Kinder da wachsen, zwischen den Pflastersteinen, da kann eins leicht drüber fallen.«

»Naa, Herr Lehrer, da hats jetzt Asphalt.«

»Eine Gerissene bist du – ganz eine Gerissene. Zu was kommst aufn Berghof?«

»Die Milli holn von der Sagmeistern. Das tut sonst mei Schwester.«

»Wo hast deine Kann?«

»Sagmeistern leiht mir eine. Habs endlich vergessen.«

Nach einer kleinen Stille sagte sie, in ihren Schoß blickend, leiser: »I bleib erscht dahoam jetz. I bin net ganz gsund ... i woaß selber net – nur soviel müde. Deswegen bin i da eingschlaffn. Und des viele Haar druckt – am liebsten tät ichs abfetzn.«

»Wär ewig schad drum.«

»Ach für wen denn?«

Sie seufzte und wollte sich zurücklegen, kam aber zu tief mit dem Kopf und schob sich auf den Stamm, Kopf und Rücken darauf zu legen. Den Baum unter sich mit den Händen fassend, begann sie die gestreckten Füße auf und nieder zu biegen; die steckten in alten Schuhen, die aber verziert waren und mit hohen, schiefgetretenen Absätzen. Nach einer Weile drehte sie ihr Gesicht zu dem schweigenden Mann empor und betrachtete sein halbes mit dem gradaus spähenden Auge. Seine rechte Hand, die das aufgestellte bloße Knie umspannte, war rot und geschwollen, und sie sagte: »Die vielen Stich! Warum tragens koa Handschuh net?«

»Weil ich dann kein Feingefühl hab in den Fingern.«

Es war wieder still, bis das Mädchen anfing:

»Das hab ich schon lang gewußt, daß Sie'n Berghof kauft ham vom Sagmeister. Aber Bienen hat der keine gehabt. Wieviel sans denn?«

»I woaß selber net. Vierzig.«

»Da schaust her – vierzig. Ja, wie wars denn heuer mit die Impen? War ja kalt und naß bis in Juni.«

»Da heißts: mit den Immen – wenn du schon eine Kammerzofe sein willst in der Hauptstadt.«

Sie lachte und fragte: »Habens mich wohl gesehn, da beim Fenster naus, bei der Arbeit?«

»War ja Zeit genug, dich zu sehn.«

»Ich Sie aber gar net. Sie – was habens denn da gschafft? Des würd mi schon interessieren.«

»Königinzellen hab ich herausgeschnitten – wenn du noch weißt, warum man das tut.«

»Ja, wie denn net? Das hat uns doch alle sehr interessiert mit den Impen, was Sie uns gelernt ham. Ja, solch ein Lehrer, da kann man lang suchen.«

Er lachte vor sich hin über das ›gelernt‹, beugte sich über ihr Gesicht und sagte: »Also sag auf, was du noch weißt.«

»Muß ich mich hochsetzen?« fragte sie. Er äußerte nichts, und sie hielt seine über ihr ruhenden Augen sekundenlang aus. Dann ließ sie den Blick fortgleiten, ihre Lider senkten sich, und sie fing an aufzusagen und ließ keine Silbe dabei aus:

»Wenn eine Königin das dritte Lebensjahr erreicht hat, alsdann ist sie untauglich geworden zur Erhaltung des Volkes, und der Imker wird gut tun, sie durch eine jüngere Kraft zu ersetzen. Da muß also ein jeder gute Imker ein Drittel seiner Königinnen in jedem Jahr ersetzen. Die jungen Königinnen kann er jedoch nicht einfach hineinbringen, wenn die alte beseitigt ist, in das Volk. Denn das fängt gleich an, eine neue Königin selbst herzustellen aus seiner Brut, und zwar eine große Zahl, denn verschwenderisch ist die Natur. Da muß also der Imker aufachten und zur rechten Stunde die heranwachsenden Königinnen ausschneiden mit ihren leicht erkennbaren Zellen. Alsdann, weil jetzt keine junge Brut mehr da ist im Volk, so wird es bereit sein, die neue Königin anzunehmen, was am besten in Verbindung mit einer Zuckerfütterung am nächstfolgenden Abend geschieht – amen«, schloß sie und stopfte ihr Haar in den Mund, um ihr Kichern zu dämpfen.

 

Er sprang, die Füße hochwerfend, mit einem leichten Turnersprung auf die geschlossenen Sohlen, dehnte und reckte dann seinen Leib, die Fäuste am Hinterkopf, daß die Nähte des Kittels krachten. Unabsehbar westwärts gebreitet, ruhte das schönwellige Hügelland unter der feuerströmenden Sonne, die ihm zusank, von der seine Wälder rauchten und die fernhin schwindende kleine Bergkette glühte. Als der Mann vom Hinausschauen sich zum Baum zurückwandte, traf er in den vollen Blick des ruhenden Mädchens, das mit seitwärts gedrehtem Antlitz zu ihm aufsah; dann senkten sich ihre langen Wimpern, und die Stirn über der Nase schien unmerklich gerunzelt, als er jetzt herankam. Er stützte eine Hand auf den Baumstamm, ihr Kopf legte sich tiefer, und unter der Oberlippe glänzte es weiß von Zähnen. Über sie gebeugt, sah er sie mit halboffenem Munde lächeln in seinem Schatten – bis die Lippe unvermerkt wieder lang und der Schimmer darunter erloschen war.

»Alsdann – pfüt Gott, Marei«, sagte er leicht und richtete sich wieder auf. Mit zwei Fingern strich er über ihr Haar und ging, während sie keinen Laut von sich gab, unter dem Stamm sich bückend, die Senke hinunter und in das Bienenhaus. Drinnen räumte er alles Liegengebliebene sorgsam an seine Stelle und kehrte zuletzt die am Boden liegenden, zumeist zertretenen kleinen Leichname mit Wachsbröseln und Pfeifenasche im ganzen Raum zusammen und auf ein Fegeblech, um sie durch ein Fenster hinauszuwerfen. Da war die Gestalt des Mädchens sichtbar, sitzend neben dem schrägen Stamm und die Arme mit ihren Flechten, um sie aufzustecken, über ihren Kopf erhoben.

Wenige Minuten später stand er vor seinem Rade an der Grenze des Hochwalds und stieg auf, um den Weg, den er gekommen war, zurückzufahren.

 

4

Über den kiesbedeckten kleinen Vorplatz ging der Mann auf das Schulhaus zu, sein Rad neben sich, als es bereits dämmerte. Die weißen Wände der einzeln umherliegenden Gehöfte schimmerten bleich unter den dunkellaubigen tiefen Wipfeln der Kastanien und Nußbäume, und durch die fast schwarzen Stämme leuchtete brennend das Abendgold. Ein paar Kinder jagten sich um die Bäume, aber stumm mit unterdrücktem Lachen, und seine Schritte und die Reifen im Kies knirschten laut.

Das Schulhaus war, besonders breit gelagert, von einem Bauernhaus nur dadurch unterschieden, daß es keine Säulengalerien – Altane genannt – hatte. Im Flur drinnen war es hell, weil durch die gläserne Tür jenseits der ferne Abendhimmel hereinleuchtete. Der Lehrer trug sein Rad in die Finsternis des Kellers hinunter und lehnte es an die Wand. Wieder heraufgekommen, nahm er den Brief vom Tische und ging mit ihm durch eine Türöffnung gegenüber die Treppe empor, die in einen Flur mündete, wie der untere lichtgrün und von einem Fenster über der Treppe erhellt. In der Mitte stand ein Abendbrottisch weißgedeckt, aber der Mann ging an ihm vorüber auf eine von zwei über Eck liegenden Türen zu und betrat durch sie einen großen Raum.

Die beiden Fenster, der Tür gegenüber, waren noch hell, von dem fernen goldenen Gelb des Himmels erleuchtet; und so schimmerte auch noch hell das lichte Gelb der Wände, jedoch nur zur oberen Hälfte; unterhalb zogen sich mannshohe Gestelle, mit Bücherrücken gefüllt, die von glattem schwarzem Holz waren. Ein paar schöne Krüge von Stein und von Zinn standen oben darauf. Den Raum zwischen den dunkelgrünen Falten der Fenstervorhänge nahm ein schwarzer Schreibsekretär ein – von der alten Form mit herabgelassener Platte und vielen kleinen Schubläden und zwei Nischen darüber; doch unterschied ihn nicht nur sein Schwarz, sondern auch das Paar von Pilastern, das an den Ecken von unten bis oben stieg und einen schön geschnitzten Fries von Akanthuslaub über sich hielten. Die leere Mitte des Raumes deckte korngelber Teppichbelag, und nur in einer Ecke der Bücherwände stand ein runder kleiner Tisch zwischen zwei Sesseln.

Mitten im Raume stehend, blickte der Mann erst auf den Brief in seiner Hand, dann empor und umher und führte seine Hand an die Stirn, als müsse er sich auf etwas besinnen. Seine Augen glitten über die Wände hin und blieben dort haften.

Noch immer helle hingen dort fünf große weiße Blätter, in schwarze Ränder gefaßt, über den Bücherborden – zwei auf der Wand links vom Fenster, zwei gegenüber und eins neben der Tür. Auf jedem war in starken dunklen Linien die Gestalt einer mathematischen Kurve abgebildet: auf dem ersten ein Kreis mit seinem Mittelpunkt, eine Ellipse daneben, die Parabel und die Hyperbel auf dem dritten und vierten und auf dem letzten die liegende 8 der Lemniskate. Alle fünf waren in roten Linien durchquert vom Kreuz der Koordinaten.

Diese fünf, deren Gestalten jede für sich allein nur sonderbar gewirkt hätten, wirkten gegenseitig aufeinander zu einer Feierlichkeit, die streng war und den Blick nicht wieder losließ. Die fleischlosen Gebilde erschienen durch ihre Reinheit vollkommen und schön, auch stolz, weil sie das Geheimnis ihres unmenschlichen Daseins wie eine Würde hielten. Und sie schwebten noch auf ihrem leuchtenden Grund, als es im Raum schon Nacht wurde.

Die reine Gestalt der Parabel hielt den Blick des Mannes am längsten fest, bis er sich löste, zu dem kleinen Tisch in der Ecke ging und dort eine Petroleumlampe mit milchweißer Kuppel entzündete. Er nahm den Brief aus dem Umschlag und saß und war schon im Lesen, während er eine englische Pfeife stopfte und anbrannte.

München, am 23. Juli 1914

Liebster:

Wenn Du diesen Brief morgen in der Hand hast, wird es eben Zeit für Dich sein, zum Berghof zu fahren, und Du wirst ihn lieber erst abends lesen. Dann kann ich Dich aus der Ferne schön bei der Lampe sitzen sehen – mit den Augen auf diesen Blättern wie auf meiner Hand, die sie jetzt beschreibt.

Aber was nützt es? Da ist sie nun wirklich, diese leere Umarmung an Deinem Geburtstage, die ich obendrein heute schon ausführen muß, wo gar kein Geburtstag ist: daß ich nun dastehe mit runden Armen – und morgen Du dastehst – mit spitzem Mund, und der Kuß schwebt mitten: zwei Uhr nachts in der Gegend von Grafing. Weißt Du aber auch, daß dies der zehnte Geburtstag ist, den wir gemeinsam – gefeiert hätten? Es ist nicht schön, daß gerade die schöne Zahl aus unserer Gemeinsamkeit ausfällt.

Nun aber genug des Jammerns und zu dem Guten, das uns diese Tage beschert haben. Das Befinden Deiner Mutter bessert sich von Tag zu Tag, und Dr. Z. hat mir soeben anvertraut, der höchste Chef habe seine Zufriedenheit mit dem Ergebnis der Operation geruht zu äußern. (Der Mann hat sich wirklich furchtbar!) Nicht so zufrieden ist die Patientin, insofern, je mehr ihr Zustand sich kräftigt, die Kraft und die Lust am Ärgern sich erneuern. Weil aber die Klinik musterhaft ist, so kann sie mit aller Gewalt kein Ärgernis finden, und darüber grollt sie: »Ich kann mich nicht ärgern – siehst Du? Wenn ich könnte, ich fände schon was!« Also mit der von Dir ererbten Baßstimme trommelte sie ohne Ende und schloß zuletzt doch voller Wut: »Ich komme mir vor wie ein Eunuch.« Im Vertrauen, Lieber, sie ist noch sehr matt, denn auch über die Politik, die ich ihr aus den Zeitungen vorlese, kann sie sich nicht wirklich erregen und nennt alles nur Dummheiten, weil sie sich vor der Wahrheit fürchtet.

Mein Liebster, mir ist auch schwer um das Herz! Aber Du willst es ja auch nicht wahrhaben. Du willst abgewandt bleiben vom Weltgeschehen und blindlings warten, bis es über Dich stürzt. Grade in diesen bangen Tagen müssen wir nun getrennt sein! Nun seh ich Dich nur dastehn mit Deinem ehernen Mund: »Laß die Politik Sache der Politiker sein. Tue jedermann seine tägliche Pflicht, und wenn die Politiker dann eine solche Politik treiben, daß sie zum Kriege führt, so muß ich das auf mich nehmen. Und das müßte ich auch tun, wenn ich vorher geschwätzt hätte.« Das ist Deine katholische Logik, vor der mir graust, obwohl ich selber katholisch geboren bin. Ich aber sitze hier von morgens bis abends und kann nicht gegen Dich anreden. Das ist ein Geburtstag! Nun, Liebster, ich verstumme und herze nur meine Hoffnungs-Kinderlein: daß Serbien nachgeben wird; und wo nicht, Rußland nachgibt; und wo nicht, Österreich nachgibt; und wo nicht, Deutschland auf Österreich drückt und Rußland auf Serbien und England auf Rußland, und so alle zusammen. Und schließlich: Du bist zu alt und hast kein gesundes Herz, Amen.

Und nun wende ich mich zu meinem Geschenk; denn Du siehst wohl, daß es einige Erklärungen fordert.

Im Frühjahr, als ich den Blinddarmreiz hatte und eine Woche lang die Operation über mir schwebte – wollte nur Gott die Kriegswolke auch so wieder entschweben lassen! – nun, solch eine Operation ist heute zwar eine Geringfügigkeit – zumal für den Operateur. Aber die Lebensfreude wird nicht erhöht durch die Vorstellung eines aufgeschlitzten Bauches, während man langsam bis 60 zählt, oder kurz: ich dachte an meinen Tod.

Da überfiel mich auf einmal eine siedende Angst. O das Leben, auf dem ich nicht mehr zu sehn war! Dich konnte ich sehn, im Haus, unter der Menge Deiner Kinder, auf dem Berghof – ohne mich, es war nicht zu ertragen! Nicht hin zu können zu Dir, mein Verlassener, mein Geliebter, dem einzigen Mann, den ich bekommen wollte – da lag ich steif und kalt, oh, die Bilder, die Bilder!

In einer solchen Nacht sah ich von einem hohen Berge, wie vom Berghof hinunter mein ganzes Leben, kristallen klar wie die Ebenen, die Wiesen und Örter, der See und die schwimmenden Inseln, so lag es in ewiger Sonne, klar bis in die Kindheitsferne. Und eine Luft stieg aus ihm auf mit solcher belebenden Kraft, daß ich glaubte hineingreifen zu können und welches Bild ich nur wollte herauspflücken zu können wie grüne und goldene Frucht und sie Dir, Geliebter, reichen. So hättest Du doch etwas von mir, und nicht ganz würde ich Dir entschwinden.

Sieh aber an: es ging nicht. Ich hatte die Feder schon in der Hand, um Dir mein Leben zu beschreiben – allein nicht ein Bild stellte sich jetzt ein, vielmehr nein – die Bilder waren schon da, doch sie ließen sich nicht fassen; und ich wußte auch gleich den Grund. Ich konnte mich selbst nicht beschreiben als ein fühlendes Wesen; das Geschehen wohl – aber nicht die Gefühle; es kam mir vor wie Entblößung – nun, das verstehst Du wohl, wer mag sich denn selbst zergliedern?

Ich war sehr traurig, als ich mein Geschenk für Dich so zerrinnen sah. Da aber erkannte ich plötzlich vor mir das Bild, auf dem Du in meinem Leben erschienst; und jetzt ging mir ein anderes Leben auf: das Deine, zwar nicht glasklar, vielmehr nur dämmerlich, schattenhaft, oft ganz dunkel. Wußte ich doch alles Frühere allein vom Hörensagen, von Dir, auch von Deiner Mutter. Aber da kam die Verlockung, grade das aus der Dämmerung vorzuziehn in ein neues Licht – das Licht meiner Liebe natürlich; nicht zur Verklärung, nur zum Verstehen. Denn wie Du einmal sagtest: Verklären ist leicht, Verstehen ist viel schwerer.

Da brauchte mir denn nur noch Dein Geburtstag einzufallen, und daß wir uns zu diesen Tagen immer etwas Selbstgefertigtes geschenkt haben: so war ich auch schon im Schreiben, und – so nimm es denn, Du Lieber, Dein liebes, liebes Leben! Und nimm auch das meine darin, und da ich zum Heil nicht gestorben bin, so können wir nun zusammen ansehen, wie Dein Leben und mein Leben nur deshalb so werden konnten, wie sie heute sind, weil jedes auf das andere wirkte. Und daß es dadurch so geworden ist, wie Du vor zehn Jahren schon sagtest: die schöne reine Ellipse, die sich um die beständigen Brennpunkte schwingt.

Gott segne Dein neues Lebensjahr, Liebster – auch mit für Deine

Cara

 

5

Lebensgeschichte Ebenezer Rudorffs und seiner Ehefrau Cara Elisabeth, geb. Monthiver, in den Jahren 1880-1914

Du also bist, Ebenezer Rudorff, am 24. Juli des Jahres 1880 an einem Sonntagnachmittag von deiner Mutter Therese Sophie Emanuela geb. Hietzing im neunundzwanzigsten Jahr ihres Lebens geboren worden. Dein Vater, Jakobus Rudorff, nur um wenige Monate älter als sie, war damals seit fünf Jahren Privatdozent für Kunstgeschichte an der Universität München; und in dieser Stadt also kamst du zur Welt, nicht sehr willig und mit der Langsamkeit, die der Hauptzug deines Wesens wurde. Denn du brauchtest beinahe zwei Tage.

Deine Vatersväter waren bäurische Westfalen, aber der Zweig, der dich tragen sollte, schon seit Erasmi Tagen gelehrt. Deine Mutterväter waren Altbayern und ursprünglich wohl Bauern, später Handwerker. Den Namen Ebenezer, den deine Mutter gleich zu Ebener verkürzte, erhieltest du auf den Wunsch deines Vaters, weil er seit Jahrhunderten vom Ahn zum Enkel gewechselt hatte, immer in Umschicht Jakobus und Ebenezer. Und seit ich entdeckt habe, daß Ebenezer auf deutsch ›Stein der Hülfe‹ heißt, bin ich froh, daß du grad auf den Stein gefallen bist.

Von was für fremden Menschen, Ebener, werden wir doch geboren! Wir würden sie nicht lieben, wenn wir ihnen fremd im Leben begegneten. Nun aber sind wir durch das Blut mit ihnen verbunden, und was wir und wie wir zueinander sind, das bestimmt nicht unser Wille, sondern die Unauflöslichkeit der Natur. Darum – welche Fremdheit Eltern und Kinder auch entzweien mag, sie bleiben aneinander gebunden und müssen sich am Ende verzeihen.

Ich darf jedenfalls sagen, daß ich meiner Mutter verziehen habe.

Auf den Wunsch deines Vaters, sagte ich, erhieltest du deinen Namen, obwohl es ein altes Gesetz war. Denn immer hat er nur Wünsche geäußert, also auch gegen seine Haushälterin, die Emanuela, den Wunsch, sie zur Ehe zu nehmen, was sie ihm freilich nach eigenem Bekenntnis so nahegelegt hatte, daß er durchaus zugreifen mußte. Er war klein, bis zur Gebrechlichkeit zart, seine Stimme die äußerste Feinheit, wie es auch seine Hände und Füße, seine Wäsche und seine Kleidung waren. Niemand konnte daher verstehen, daß er die überlaute und rastlose Trommelstimme seines Weibes nicht nur ertrug, sondern sie gern hörte, auch wenn sie in sein Zimmer platzte und über eins ihrer hundert täglichen Ärgernisse viertelstundenlang eiferte, während er unter dem gleichmäßigen Gedröhn ruhig die gleichmäßigen Sätze seiner Vorlesungen zu Papier brachte. Ansonsten war er ein Gelehrter von der Art, die an der Luft unseres Jahrhunderts Gott sei Dank das Aussterben begonnen hat: die von der Welt beinah nichts kennt außer ihrem Fach. Eine Pflanzenart. Sein Fach enthielt die Elfenbeinschnitzereien der Renaissance, worin er saß wie der Schneck im Gehäus, und wenn er fein und lächelnd etwas geäußert hatte, so wars, als bliebe ein silberner Seim zurück wie beim Schneck. Was wäre geworden, wenn er seinen Sohn Ebenezer kennengelernt hätte? Nun, er starb im fünften Jahr deines Lebens und ließ deine Mutter in ihrer Resolutheit ungebrochen, doch in recht bedrängten Umständen zurück.

Ein großes Vermögen war da, das trug im Jahr beinah 2000 Mark Zinsen; dazu ein hölzernes Sommerhäusl im Isartal. Das war alles. Die Kolleggelder, die Honorare für ein paar Buchausgaben, für Zeitschriftenaufsätze und Gutachten – damit wars aus. Deine Mutter hätte in der Stadt wohl einen Verdienst finden können, allein sie hatte es anders im Sinn.

Was sie zu ihrem Handeln bestimmte, warst du – dazu ihr eigner Charakter. Sie verließ die Stadt, ließ das Sommerhaus an eine andere Stelle versetzen – worüber Genaueres später – und zog mit dir hinein: zwei Stuben waren es, Küche, ein kleiner Keller, eine Kammer unter dem Dach und eine große Veranda. Nahe dahinter stand hoher Wald und ebenso weiter ab zur Rechten; zur Linken ruhte die weite Tiefe eines Tals, aus dem gegenüber der waldige Bergrücken stieg. Dort unten lag, in einer Viertelstunde zu erreichen, das nächste Dorf, das auch meilenweit das einzige war. Und in dieser Einsamkeit wuchs der Knabe Ebenezer auf, beinah einem Parzival ähnlich, was auch deine Mutter wohl wußte; sie sagte aber: Ich bin net die Herzeleide! was heißen sollte, sie gedenke es besser zu machen.

Notabene: Bildung besaß sie zwar wenig, aber die natürliche Helle des Verstandes, die soviel besser ist, wie das Sonnenlicht besser ist als künstliches. Auch hatte sie immer viel gelesen und nicht, als ob sie Konfekt äße, sondern Brot, so daß sie davon gedieh und mehr davon wurde.

Noch ist zu berichten, daß sie einen Gemüsegarten anlegte und einen Obstgarten pflanzte, die sie mit Hülfe einer Magd selber bearbeitete; die brauchte sie auch, um sich an ihr ärgern und dann ›trommeln‹ zu können, wie sie selber es nannte. »Kann ich nicht trommeln, muß ich ersticken«, so sprach sie. Die Nahrung für alle entnahm sie fast nur dem Garten; Fleisch gab es nur sonntags. Und das war bereits nicht herzeleidisch, daß sie ihren Sohn, den eben fünfjährigen, abrichtete, alltäglich die Milch aus dem Dorfe zu holen und bald auch sonst die nötigen Einkäufe zu machen. Machte er etwas falsch, so schickte sie ihn unerbittlich wieder; er ging auch treulich und sorgte nicht um das Wetter.

Was hatte sie nun bestimmt zu diesem Verhalten und Verfahren? Die Langsamkeit ihres Knaben. Denn der kämpfte sich mühselig in seinen kleinen Leib und in das Leben hinein: fing an zu gehen im dritten Jahr, zu sprechen im vierten – und oh, seine Zähne! Er brüllte die Nächte lang, und seine mit Geduld nur wenig behaftete Mutter verzweifelte, daß er all seine Zähne eher beisammen hätte, als bis er anfinge, sie wieder zu verlieren. Sie brachte ihn gar zum Arzt, der sie aber alsbald in ihr Getrommel hinein mit der Frage anfuhr: »Hat sie schon einen Mann ohne Zähne gesehn?« – Darauf fuhr sie gedämpft heim und biß die ihren zusammen.

Nötig war das auch sonst. So langsam wie die leibliche kam die seelische Entfaltung auch; und das war ja die Ursache, weshalb deine Mutter mit dir in die Einsamkeit zog; um dich den Peinigungen des Schulunterrichts nicht auszusetzen und lieber die Peinigungen des Lehrens auf sich zu nehmen. Das vermochte sie mit Hülfe der Lehrbücher zwar in den meisten Fächern, da sie das Französische leidlich sprach und Latein sogar schleunig lernte; Mathematik aber und die Naturwissenschaften waren ihr unbekannte und unbegreifliche Dinge. Und deswegen versetzte sie ihr Wohnhaus von Pullach im Isartal nach Ackersdorf nahe am Simssee.

Ein Schulgenosse und Freund ihres Mannes – um einige Jahre älter – hatte Physik und Mathematik als Lebensberuf erwählt und ein beträchtliches Wissen erworben, zugleich aber am Ende auch die Einsicht, daß dieses Wissen nicht das war, was er erhofft hatte. Was hatte er aber erhofft? Sicherheit in der Welt, die er messen und wägen konnte; die Sicherheit eines unzerreißbaren Netzes von Experimenten und Beweisen. Er hatte gemeint, es müsse sich aus lauter Beweisbarkeit eine Festung erbauen lassen, die auch den Geist Gottes in ihren Mauern berge. Er hatte also eine Gralsburg geträumt und nur gesagt: auch sie ist aus Steinen gebaut worden. So sehr verließ er sich auf die Steine, daß er es nur als eine nichtige Mythe ohne Sinn belächelt hätte, daß die Götter Apoll und Poseidon die Stadt Troja erbauten. Anstatt auf solchen Zinnen fand er sich denn eines Tages, wie er sagte, mit seinen zwei Füßen auf zwei Ziegelsteinen in einem sonst unbetretbaren Sumpf. Und da blieb er stehen; da steht er noch heute.

Er gab aber den kaum begonnenen Lehrberuf als Dozent auf und zog sich aus der unmeßbaren Welt zurück in das Dorf Ackersdorf am Simssee. Unterhalb jener Halde, über der ein paar Jahre später das mütterliche Blockhaus Ebenezers stand, errichtete er ein geräumiges Bienenhaus, so reich ausgestattet und schmuck, wie er es sich leisten konnte, mit einem Arbeitsraum wie ein Laboratorium, um die Bienen nicht nur zu züchten, sondern auch zu studieren. Sein Name war Nikolai Robin. Alles für möglich zu halten – und an allem zu zweifeln; niemals glauben zu können, weil er nur an Beweise glaubte und doch jeder Beweis zerbröckelte (notwendigerweise; denn außer dem Denken ohne Glauben gibt es ein Denken mit Glauben, allein wer in dem einen geboren ist, kann in dem andern nicht sterben): so war dieser damals – als Ebener sein Schüler wurde – siebenunddreißigjährige Nikolai Robin, den wir mit nunmehr siebzig Jahren seines Lebens nicht anders kennen.

Er erschrak aber gar sehr, als Ebeners Mutter ihm eröffnete, daß sie auf seine Bienenhalde zu ziehen gedenke, damit er der Lehrer ihres Sohnes würde: nicht so sehr wegen ihrer Trommel, denn er wohnte nicht an der Halde, sondern unten im Dorf, sondern wegen seiner Weltanschauung, die ihm für ein frommes Kind nicht geeignet zu sein schien. Die fromme Mutter, unberührbar in ihrem katholischen Glauben, versetzte, daß es hier nicht auf die Weltanschauung, sondern auf die Naturanschauung ankomme. Er bezweifelte, daß die beiden sich voneinander sondern ließen, und – wollen wir einmal sehen, ob sie es getan haben?

Aber dann muß ich zuvor ein Bild unseres alten Freundes auf diesen Blättern malen – so wie er heute ist, und wie er schon immer war: lang im Stehen, sitzend nur klein, denn seine säbelartigen Beine fingen unter dem Magen an; und sein schmaler Schädel war immer so kahl wie sein Kinn, das übrigens schön geformt war wie auch die schmalen Lippen. Über sie aber hing die unüberbietbare Nase herab, die mit dem kühnsten Vorsprung begann, aber jäh niedergebrochen fiel mit langer und dünner Spitze, ein gewaltiger Haken. Nachdenkend pflegte er sie in die Hand zu nehmen, indem er den Daumen darunterlegte und den Zeigefinger darüber. Die klugen, dunklen Augen saßen nur klein daneben, in Vogellidern, mit denen er gerne plinkte.

»Zum zweitenmal, o mein Schüler«, sprach er, um sich selbst ein Air als Lehrer zu geben, »betrachten wir heute des Menschen Kopf. Das haben wir schon gestern erkannt, daß er erhoben ruht auf dem aufrechten Halse, während er beim Tier vom Rückenwirbel herabhängt – zu welchem Zwecke – Schüler?«

»Damit er ihn zu gebrauchen vermag als Werkzeug«, erfolgte die Antwort nach einer halben Minute.

»Recht. Für den Menschen aber ist er kein Werkzeug mehr. Sondern bei genauer Betrachtung wirst du erkennen, daß der Kopf nicht mehr und nicht weniger ist als noch einmal der ganze Mensch.

»Denn da ist zuerst die Stirn: das ist der Kopf selber, der Raum der Denkkraft mit den Fenstern der Augen, denen von der Amöbe bis zum Aldebaran nichts auf Erden und am Himmel entgeht. Darunter die Nase – hier bietet sie sich zur Betrachtung – mit den zugehörigen inneren Teilen: das ist die Brust. Zum Atmen nämlich brauchst du deinen Mund nicht, sondern nur zum Sprechen und Schlucken. Und so wie die Nase mit ihren zwei Flügeln eine Wiederholung der Lunge mit ihren zwei Flügeln ist, so ist der Mund, der die Speisen vorkaut, ein Vorbild des Bauches mit den Organen der Verdauung. Über diesem Mund der knochige Oberkiefer: das sind die Arme; der Unterkiefer, das sind die Beine, und die Füße stehen im Kinn. Denn die beiden sind die Organe des Willens: das Kinn und die schreitenden Füße.

»Somit kannst du, o Schüler, im Haupte ein Bild des Menschen erkennen – dem Buddha gleich, wenn er meditierend sitzt – ich werde dir eine Abbildung zeigen –, nur daß er dabei seine Hände auf die Knie gelegt hält.«

So sprach der Lehrer zu seinem Schüler, in etwas den Sprechstil des Buddha nachahmend, der für ihn die höchste Leuchte der Erkenntnis war. Und nun: ob weltanschaulich oder naturanschaulich: anschaulich war die Methode jedenfalls. Und die Vorstellung des im Menschenhaupt sitzenden und sinnenden Buddha traf in dem damals elfjährigen Ebener eine Saite, die nicht wieder zu klingen aufhörte. Wer Buddha war und was Meditieren, konnte er längst nicht begreifen; aber in jenem Jahr fand seine Mutter ihn zum erstenmal so, als sie ihn suchte: am Waldrand sitzend auf den untergeschlagenen Schenkeln, in der Betrachtung, wie es schien, einer gelben Arnikablume. Erst als die vergeblich Rufende seine Schulter anrührte, schaute er auf. Ihre Frage, was er da treibe, beantwortete er nach der bei ihm üblichen Frist mit dem Worte: »Nichts.« Das entsprach auch der Wahrheit. Tat er aber wirklich nichts, wenn er so dasaß?

Nun, auch was man mechanisch tut und betreibt, das wird alsbald anfangen, auf den Geist zu wirken. Ebener hatte, weil ihn irgend etwas dazu reizte, die Haltung der Meditation angenommen, und die Folgen blieben nicht aus. Nicht als ob er das Bewußtsein aufgegeben und dafür ein anderes Bewußtsein unter die Stirn heraufgehoben hätte; aber was geschah, war, daß er nach einiger Zeit das Rauschen und das Dunkel des Waldes hinter sich, das Schmettern der Buchfinken und die Sonnenstrahlen und das Spiel der Schatten: daß er das alles in sich hineinnahm und mit alledem auf eine nicht zu beschreibende Weise verschmolz, so daß es alles in ihm und er in allem lebte. Er ging in sich ein zu einer tiefen Ruhe, wo kein Gedanke mehr war, sondern nur tief atmendes Sein. Als er es viel später in Worte zu fassen vermochte, drückte er es so aus: Ich werde wie die Schale einer Kugel von unerfaßbarer Weite und zugleich ihr innerster Mittelpunkt; aber nicht ich allein, sondern mit mir alles, was um mich her ist: ich und es werden Raum.

In diesem Raum inmitten befand sich aber auch das, was er gerade betrachtete, was irgendein Gewächs, ein Baumstumpf, ein toter Vogel, ein Stein sein konnte. Das wurde vor seinem Anschaun so, als wäre es einzig und allein auf der Welt, so wirklich! Und in seiner Wirklichkeit nahm es zu und wuchs zu einer Erhabenheit und lebensgewaltigen Wahrheit, daß er es zuletzt nicht ertrug und davonging, traumwach und gesättigt mit Ruhekraft und in einem heiteren Gleichgewicht aufrecht. Ich denke mir aber, der Augenblick, in dem er fortging, war der, bevor er das Gebilde so erblickte, wie es von Gott geschaffen war. Das konnte er natürlich nicht sehn, denn daran wär er gestorben.

Er fand keine Antwort auf eine Frage, noch die Lösung eines Rätsels; aber er gelangte auf eine Weise in die Wirklichkeit der Dinge hinein, in ihrer Wahrheit zu leben. Er hat die Fähigkeit dazu leider im späteren Leben verloren, aber – bist du sicher, daß dir nicht etwas zurückgeblieben ist?

Sein Atemgang war noch Stunden danach so gleichmäßig wie der eines Schläfers, aber fast nicht wahrzunehmen für ihn selbst und für einen anderen gar nicht.

*

Nun, Ebener Rudorff, wir sind in deinem Werdegang eine Strecke vorausgekommen und wenden uns zurück zu der Stelle, wo du noch gar nichts warst als ein schwer begreifender und unwissender, überdies fauler und unbotmäßiger Bengel. Mehr ist nicht zu sagen, es sei denn, daß du noch stumm wie ein Fisch warst. Zwar unter seinesgleichen konnte er das Nötige äußern, wenn es die dörfliche Jugend zu dummen Streichen zu verführen galt. Auch da war er kein Schreier, sondern zum Führer, besser Verführer, machte ihn gerade seine Sparsamkeit mit Worten oder die hinterhältige Stille, aber auch die Ruhe, die nicht ins Wanken zu bringen war. Die Mutter ließ er auf sich eintrommeln, bis die Zunge ihr lahmte; und seine ganze Antwort war der still zufriedene Blick, der sagte: Nu ists gar. Sie überwältigte ihn ein einziges Mal, als sie nach dem hundertsten Zornausbruch über sein unausrottbares Schuleschwänzen in Tränen ausbrach. Da stand er fassungslos und sagte nur, wie sie mir erzählte, mit einem ganz merkwürdigen Ausdruck: Mutter. Er hatte zum erstenmal begriffen, daß es ihr Ernst war, danach auch keine Unterrichtsstunde wieder geschwänzt.

Darüber hinaus kannte er allerdings keine Verpflichtung an, und leider war das Haus so beschaffen, daß es kein Einsperren darin gab. Seine Weltanschauung war, daß seine Zeit ihm gehörte, daß er frei war zu kommen und zu gehen, und es blieb seinen Lehrern endlich keine Wahl, als den Unterricht so einzurichten, daß er sonst keine Aufgaben zu machen hatte. Denn er machte sie nicht. Die Langsamkeit, mit der er vorwärtskam, geht über alle Vorstellung, und seine Mutter dankte täglich Gott für die Eingebung des Alleinunterrichts: im Gymnasium wäre er als Primaner noch in Quarta gesessen. Besser war es nur in Geometrie und Naturkunde mit ihm, weil ihn der Lehrer und die Gegenstände zu fesseln schienen. Er äußerte nichts darüber, wie er ohne Äußerung überhaupt war und hinnahm, was auch immer ihm geboten wurde, ohne eine Bemerkung, eine Frage, eine Freude, ohne Neigung und Abneigung.

Für alles das hatte er sein eigenes Leben, dem Haus und dem Auge der Mutter fern, an den Bächen, im Walde, in den Ställen der Bauern, bei Sonnenschein oder Regen und Schnee, jede Witterung war ihm gleich. Er hatte die Geduld, viele Stunden lang auf dem Bauche liegend, das Spiel des Fuchses oder Dachses mit ihren Jungen vor dem Bau zu beobachten. Er sah bei Nacht so gut wie am Tage, und Geduld und Gelenkigkeit brachten es fertig, daß er lautlos im Verlauf einer Stunde einen Baum erstieg, um sich einem Uhu zu nähern. Er war nicht so faul, daß er nicht seiner Mutter Rucksäcke voll Beeren und Pilze heimgeschleppt hätte. Er lief auch meilenweit bis an den Chiemsee, um darin zu schwimmen, nur weil er größer war; seine Mutter hatte es längst aufgeben müssen, sich um ihn zu ängstigen, wie hätte sie sonst leben können? Aber wie, wenn sie erfahren hätte, daß der Zwölfjährige es unternahm, zur Herreninsel hinüberzuschwimmen, und dem Tode der Erschöpfung nahe von einem Ruderboot aufgefischt wurde? Die Herzschwäche, die später offenbar wurde, ist gewiß auf jene Stunde des Todeskampfes zurückzuführen; ihn selber kränkte es nur, daß er die Entfernung so falsch geschätzt hatte, und er behielt es als Warnung.

So war dieser Knabe Ebener wirklich ein Unebener für seine Erzieher – nein, ein Ebener eigentlich: alles glitt an ihm ab. Nehmen wir seine Erscheinung hinzu: groß von Gestalt trug er auf seinem kräftig schönen Körper ein unschönes, knollig braunes Gesicht, wo Stirne und Kinn noch ungeläutert waren und das noch häßlicher wirkte im Profil, weil die Nase eingedrückt war. Daß ihm Ausdruck und fast die Bewegung fehlten, rührte von seiner geistigen Langsamkeit her; denn er kam mit seinem Begreifen immer zu spät und hat sich daher angewöhnt, nicht mehr hinzuhören, wenn andere sprachen. Ist das nicht auch schrecklich, wenn einer fünf Minuten über einen Spaß nachdenken muß, um endlich zu lachen, wenn die andern gerade von einem tödlichen Unglücksfall reden? Er pflegte damals auch niemand anzusehn und ging blicklos umher; und nur wenn er sich im Nachsinnen vergaß, dann konnte seine Mutter den goldenen Schimmer in seinen Augen sehn, der zwar immer da war in den goldhaltigen Kreisen um seine Pupillen, aber die das Leben von innen berühren mußte, damit sie glänzten.

Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr war er so; dann gab es zunächst zwei äußere Veränderungen: auf den Wunsch seiner Mutter fing er an, bei Nikolai Robin das Cellospiel zu erlernen (das der selber fast vergessen hatte, und er ächzte über die Zumutung) und auf seinen eigenen Wunsch bei einem Schreiner im Dorf dieses Handwerk. Immer blieb ja zu befürchten, daß die Fähigkeiten zu einem Studium fehlen würden, eine unmögliche Vorstellung zwar für die Mutter, aber dies paßte ihr nun, um vorzusorgen. Beide Versuche gelangen über Erwarten gut. Zum erstenmal wurden Neigung und Freude sichtbar, so daß er freiwillig jeden Tag seine Stunde übte; und mehr noch nahm ihn die Schreinerwerkstatt gefangen. In ihr verbrachte er stundan jede freie Minute, und er wurde im Verlauf eines halben Jahres ein anderer Mensch. Nikolai Robin schob es allein auf die läuternde Macht der Töne; aber – auch was man mechanisch tut und treibt, das fängt an, auf den Geist zu wirken. Ist nicht schon die körperliche Bewegung beim Cellospiel ähnlich der beim Sägen und Hobeln? Beide ergänzten sich jedenfalls zu einer belebenden Wirkung. All sein freiwilliges Tun war bisher zügellos, fast rohe Natur gewesen und das unfreiwillige harter Zwang. Schauen und Beobachten, Lauschen und Horchen, das war immer sein Leben; aber ihre Ergebnisse schwanden spurlos in ihm, um erst viel später im Leben wieder aufzuleuchten als Schatz der Erfahrung. Nun aber konnte er die Übung von Auge und Ohr anwenden und sie hörbar und sichtbar machen; seine Sinne, seine Hände – sein ganzer Mensch brachte etwas zustande, und inneres Leben trat schön zutage im Klang und rein und genau im Werk. Auf einmal wurde eine erzwungene Verschlossenheit aufgetan und das innen Geballte gelöst und sanft nach außen gewendet. Der Bogen so wie der Hobel, genau und behutsam geführt, schmolzen eine Verhärtung, lockerten Leib und Seele, sie fingen an, ihn zu bilden. Auf einmal nahm sein Begreifen eine schnellere Gangart, und er konnte geselliger werden; wie er es aber anfing, so wirkte es auf ihn selber zurück, und seine Miene erhellte sich, die Muskeln belebten sich, er konnte endlich lachen; seine Züge gewannen Ausdruck und formten sich klarer. Gingen auch Jahre darüber hin, das Eis war gebrochen, er taute auf. Und nun hatte der Blick seiner Augen diesen Schimmer gewonnen, der einen Zauber sinken ließ in jedes Augenpaar, über das er sich senkte, und das heißt natürlich besonders mein eigenes armes Geschlecht.

Trotz vieler Freuden, die er nun hatte, an seiner Hobelbank und an seinem Cello, wurden die drei Jahre von seinem sechzehnten an peinvoll hart. Drohend war ja nun die Frage herangerückt, welch ein Bildungsabschluß erreicht werden konnte; zur gymnasialen Reife fehlte es am Griechischen, zur realgymnasialen außer dem Englischen an Physik und Chemie, wozu es ein Laboratorium gebraucht hätte; und ohne eine der beiden kein Studium. Doch blieb der einzige Weg, das Griechische nachzuholen, wozu Nikolai Robin und auch Ebener selbst sich bereit erklärten. Armer, armer Ebener! Deiner Frau, die sich im gleichen Lebensjahre einst an die gleiche Aufgabe machte und es hart genug hatte, obgleich sie dreimal so flink war, sträuben die Haare sich heute noch, gedenkt sie an deine Mühsal. Und dann führte sie doch zu nichts. Wie – ein Bauernklotz, der nie durch eine Schule geschliffen war, das war für den Schulrat nur ein Klotz des Anstoßes, der aus dem Prüfungszimmer schleunig zu räumen war. Ebener brachte ingrimmig noch ein Jahr seines Lebens zum Opfer und zog nach Rosenheim in die Freudlosigkeit, um das Gymnasium zu besuchen, und fiel abermals durch das Examen.

Für ihn selber war es zunächst eine Erleichterung. Er hatte redlich das Seine getan, schob nun das Ganze von sich, tauchte in seine Werkstatt und vollendete sein Gesellenstück, das vor einem Jahr liegengeblieben war – und übrigens nach dem Urteil seines Meisters schon so gut wie ein Meisterstück war: ein Rokokoschreibtisch, schlichter als die Bezeichnung klingt, aber mit bunter Furnitur auf den schön gebauchten Schubkästen und einem Intarsia-Stern auf der schrägen Schreibtischplatte. Seine Mutter, der er ihn als Geschenk brachte, freute sich sehr, tat aber dann die trübe Frage, ob er nun wirklich Schreiner werden wollte. Ihrer Gewohnheit nach rührte sie die Trommel so lange über dem Gegenstand, daß Ebener Zeit hatte, sich zu besinnen und zu antworten: Schreiner zu werden, das erscheine ihm schön und notwendig, doch ein Leben lang Schreiner zu sein, könne er sich nicht vorstellen. Und er setzte hinzu, so sei es auch mit dem Studium. Er möchte Theologie wohl studieren, doch als Pfarrer könne er sich nicht denken.

Die gute Mutter war darüber sehr betroffen. Ihr Sohn, der seit seiner Firmung mit keiner Gewalt in eine Kirche zu bringen war – was auch schwerhielt, denn das nächste Kirchdorf war Meilen fern, und sie selber ging nur zum Osteramt – ihr Sohn wollte Theologie studieren? Sie nahm indes mit stiller Innenfreude die unverhoffte Enthüllung an, daß in diesem verschlossenen Schrein ein Schatz ruhte, der ernster und wertvoller war, als sie hätte träumen können. Sie tat weiter keine Frage, auf die sie auch keine Antwort erhalten hätte. Aber nach ein paar Tagen und nachdem sie sich mit Nikolai Robin besprochen hatte, sagte sie zu ihrem Sohn, er solle in Gottes Namen zur Universität gehen, wo er als Gast hören könnte, soviel er wollte. Die Zeit würde offenbaren, was wirklich in ihm sei, erst solle er sich weiterbilden und lernen.

Das war seine Meinung auch. Und so zog denn Ebener, zwanzig Jahre bereits alt, zu Oktober des Jahres 1900, nach München. Seine Mutter hatte es fertiggebracht, in fünfzehn Jahren so viel zu sparen, daß es bei bescheidener Lebensart für ein jahrelanges Studium reichte.

*

Nun muß ich etwas erzählen, das sich noch im Sommer jenes Jahres zutrug.

In Ackersdorf wurde eine Hochzeit gefeiert – große Hochzeit eines wohlhabenden Bauernsohns und einer Gastwirtstochter, mit allem Gepränge des Kirchgangs, hundert Gästen und unermeßlichem Essen und Trinken. Und wenn die älteren Mannsbilder und Weiberleut in städtischer Kleidung kamen: die Jungburschen zeigten sich in den schönsten schwarzen und grüngestickten Lederhosen mit breiten gestickten Ledergürteln, schneeweißen Hemden und grauen Joppen auf der Achsel und dem schiefgesetzten grünen Hütlein. Und dann saßen da dreißig Dirnen, jede wie ein Blumenbeet anzuschauen: in den hellblauen großen Seidenschürzen überm zinnoberroten Faltenrock, den hellblauen, buntgestickten Schultertüchern mit langen Seidenfransen, und überm schwarzsamtenen Mieder vorn das silberne Geschnür voll klingender großer Münzen; und die Busen gleich wie Vasen voller Blumensträuße. Es war eine Pracht, in der auch die Unansehnlichste, schön frisiert und silberne Pfeile im Haar, lieblich und reizvoll wurde. Abends blieb im Saal nur ein kleines Geviert inmitten zum Tanzen frei, umdrängt von den langen Tischen und Bänken der Esser und Trinker und Raucher. Ziehharmonika, Klarinette und Geige durchdrangen nur mit schwachem Quieken das Stimmengetöse, Gestampf und Gejuchze; und nur mit dünnem gelbem Schimmer die Petroleum-Hängelampen den Nebel von Tabaksqualm und Staub. Ebener, dem Aussehen nach ein Bursch wie die andern, drehte fleißig eine Holde nach der andern im Walzertakt oder im Rheinländer; und eben eine neue ins Auge fassend, die er nicht kannte, war er ungehalten, als die Braut ihn ansprach mit der Bitte, einmal mit einem Stadtmädchen zu tanzen, der Tochter von Sommergästen in ihrem Gasthaus. Ihre Mutter lasse sie nämlich nicht mit Bauernlackeln tanzen, und da habe sie es ihr gesteckt, daß Ebener ein Professorssohn und selbst ein Studierter wäre. Ebener sah von fern durch den Qualm nur undeutlich ein bebrilltes Gesicht und die eingesunkene Haltung eines halben Kindes und murmelte: »Eine Brillenschlange«, während die eifrige Braut ihn schon fortzog. Höflichkeit zierte ihn nicht, und so wartete er fast ohne hinzusehn am Rande des Tanzgedränges, bis eine schüchterne Hand sich zu seiner Schulter erhob.

Indes – ich folge seiner Aussage! – kaum im ersten Kreisen des Walzers erstaunte es ihn, daß er weniger einen Menschen als eine Feder in die Arme bekommen hatte; solch eine schmale Leichtheit, die beinah körperlos an ihm schwebte, war ihm bis dahin unbekannt. Dabei war sie nicht klein; ihr Haar, auf das er nun herabsah, war dicht an seinem Kinn, und es war von heller rötlicher Farbe, kraus, aber fest von Stirn und Schläfen zum Nacken gestrichen, wo ein kleiner Knoten sich bauschte. Als dann seine Augen zu ihrem geneigten Antlitz hinabglitten, war da keine Brille mehr, sondern nur breite und fein ausgezogene Brauen und breite Augendeckel mit langen und dunklen Wimpern. Die Nase sprang von der schmalen Stirne in einer Krümmung vor, die ebenso zart wie stolz war, und weiter vor sprangen ganz leicht Kinn und Mund; der war halb geöffnet und weich und blühte verlockend; und das ganze Antlitz, kaum angebräunt vom Sommer, schimmerte flaumzart in einer sechzehnjährigen Unberührtheit.

Ebener vergaß sich über dieser Betrachtung so, daß er mit seinem Rücken an einen andern prallte und die eben ihm zugeflogene Kostbarkeit an seine Brust. Sie schlug die Augen auf, um mit einem Blick: es tut nichts! zu sagen, worauf die Wimpern sich sogleich wieder senkten. Aber sie mußten sich Sekunden danach wieder heben, denn sie hatten etwas erkannt; und sie sind dann erhoben geblieben. Mit einem Seufzer der Seele gab ihr ganzer Leib nach und legte die Schläfe an seine Schulter.

Sechzehn Jahre? Sie hatten beide kein Alter mehr. Jeder war aus seinem Leben gelöst, in das andere Leben hinüber, und da schwebten sie, eins geworden, bei einer fernen Musik in der Mitte der Erde; der Quell des Lebens glänzte jedem aus einem anderen Augenpaar. Der eigene Körper war nicht mehr – der andere war noch nicht; es war eine Schwebe aus beiden in diesem ungesprochenen, unaussprechlichen Du der Augen und der Lippen.

Schließlich aber – wem verdanken wir das? Nur der Eingebung, meine Brille von der Nase zu nehmen, nicht wahr?

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Das also war Cara Monthiver, eben erst sechzehnjährig, ein Kind – ja, Lieber, das war nun ich. Meine Beschreibung von mir zwar – kannst du dich erinnern, daß ich dich unlängst gebeten habe, einmal mich zu beschreiben, wie ich dir damals erschien? Und weiß doch kaum, wie ich es eben fertig bekommen habe. Ja, wenn Blume und Seligkeit zu Papier werden könnten – gottlob, sie können es nicht und bleiben in sich, was sie waren. Wenn ich die Augen schließe, ist noch alles wie heut – deine Augen über mir, unser Anschaun, die Füße, an denen kein Boden mehr ist, die Knie, die in Flügeln gingen, die Liebe! Du – ich habe, solange unser Tanz dauerte, nicht gewußt, daß du ein Mann warst. Das kam erst hinterher, o sehr, schrecklich sehr – zermalmend. Das habe ich dir niemals gesagt, wie mir das bewußt wurde – in meinem Zimmer, eben als ich Licht machen wollte, da fiel mir das brennende Streichholz aus der Hand, und ich konnte kein neues anzünden, hab mich im Dunkel ausgekleidet und war eiskalt, wie ich in mein Bett schlüpfte, daß ich geschlottert habe und mich in mein Kopfkissen gewühlt, bis ich glühte und wieder wußte, daß die ganze Nacht mit allem darin du warst, und so schmal ich mich machte, ich konnte dir nirgend entrinnen, wäre am liebsten gestorben. Das war viel tiefer als Scham – selige Unerträglichkeit! Du – hast du das jemals verstanden, wie die Daphne aus Angst vor Apollo zum Baum wird! Kein Mann kann das verstehn; aus Angst wurde sie Wonne des Baums, daß sie aufsprießen konnte im nackten Stamm und mit ausgebreiteten Armen voller Laub, das rauschte und alles verhüllte. Oh, die ganze, allüberquellende Lust, als Pflanze zu sein, was sie als Weib nicht durfte.

Und du, Ebener, du hast mich an dem Abend geliebt. Nur an dem einen Abend, niemals wieder so. Du weißt, daß es so ist – und auch, daß ich immer es weiß. Ich schäme mich nicht, es heut zu sagen. Denn bis an mein Lebensende werde ich mir wiederholen: daß du mich in jenen Minuten geliebt hast; und daß in diesen Minuten die Wurzel unseres Lebens ist.

Das Schicksal, das mit uns Besseres im Sinn hatte, als wir damals hätten ausführen können, ließ uns den einen zeitlosen Augenblick des Anschauens ungetrübt. Danach war die kleine Cara wieder das Kind ihrer Mutter, die zu ihr sagte: ihren Willen hätte sie nun gehabt, und längst wäre es Zeit zum Heimgehen. Cara gab zur Mutter-Verwunderung wortlos nach. Sie war ja so erschöpft! Kein Gedanke war in ihr, außer vielleicht der, nur nicht sprechen zu müssen, daß dieses Erlebnis ihr unzerstört bliebe. Daß sie am nächsten Tag mit den Ihren das Dorf verließ, war längst bestimmt; und ich glaube nicht einmal, daß es schmerzte. Was Cara begegnet war, das war so erschreckend, so viel größer als sie! Es mußte erst mit der Zeit die Maße des möglichen Lebens bekommen, daß auch die gewöhnlichen Gefühle wach werden konnten. Cara tat auch keine Frage nach dir und hatte so schlecht hingehört, daß sie nicht einmal deinen Namen in sich vorfand, als sie zu spät nach ihm suchte.

Aber wozu ein Name? Cara war sechzehn, und du, Liebster, warst ihr also kein Mann, sondern ein Ereignis. Und wie das gewirkt hat, das wollen wir nun sehn.

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Du also, Cara Monthiver, warst sechzehn Jahre zuvor von deiner Mutter Therese Marie geb. Gräfin Lambsdorff auf dem Familiengut Mauern in der Nähe von Landsberg geboren. Dein Vater hatte es erheiratet und damit einer kaum begonnenen diplomatischen Laufbahn – bei der beuglenburgischen Gesandtschaft in München – ein Ende bereitet. Mutter war damals Hofdame, und nach den Erzählungen von ihr und Bildern hatte sie die Schönheit einer Fee; die Arme, sie hatte keinerlei Feenkräfte und ist frühe verblüht.

Die von Monthiver saßen seit den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts im damaligen Herzogtum Trassenberg. Emigrant war der Gründer der deutschen Linie insofern nicht ganz, als er es fast ebenso gemacht hatte wie hundert Jahre später sein Nachfahr, Caras Vater, da er in diplomatischen Diensten am beuglenburgischen Hofe seine Frau kennengelernt hatte, schon ein paar Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution, wo er dann teils mit eigenem, teils mit dem Vermögen seiner Frau ein Gut im Trassenbergischen erwarb und ein Deutscher wurde.

Um nun zu dir, kleine Cara, zu kommen, so wird mir eben eine Ursache klar, die mich hinderte, dein Leben zu beschreiben. Denn erstens gelang mir damals wie jetzt das Ich nicht, sondern ich kann nur du zu dir sagen, wie zu einer Freundin oder Schwester. Zweitens aber sehe ich nun, daß dies Leben, so reich es in tausend lieben Erinnerungsbildern vor mir liegt, reich und schön ist nur durch meine Liebe und weil es das meine ist, sonst aber gar kein Erzählen wert. Denn es ist nur das Leben irgendeines kleinen Mädchens unter zehntausend, dem das Glück widerfuhr, bei liebevollen Eltern sorgenfrei aufzuwachsen, auf einem großen Gut, zwischen Äckern und Wäldern, auf dem Rücken von Pferden und im herzlichen Umgang mit Rindern und Schweinen, Gänsen, Hühnern und Puten. Ausnahmhaft war daran nur das Geringe, daß die Liebe zum Nutzgetier und zum Lande besonders tief war und mit Eifer, Fleiß und Verstand und frühem Tätigkeitsdrang verbunden, so daß sie bessere Kenntnisse erwarb als sonst ihresgleichen. Aber wie groß dieses Glück war, das erfuhr Cara erst beim Verlust, dem ersten, noch leichten, in ihrem siebenten Lebensjahr, wo ein Mädchenstift in München sie unter seine zweihundert schwarzbekleideten und schwarzbehuteten Zöglinge einreihte und sie dann lernte, was man ihr vorsetzte wie die täglichen Mahlzeiten, heimlich im Bett billiges Konfekt mit den Freundinnen verschlang und die erfreuliche Gabe entwickelte, den Stil ihrer Aufsätze zu verschönen und Märchen und lange Romane tiefe Nächte lang zu erzählen.

Einen von diesen muß ich hier erwähnen, weil eine Gestalt seine Heldin war, die, tiefer als Cara selbst wußte, vorbildlich für sie wurde. Es war ihre Urgroßmutter, jene sagenhafte Gudula, Prinzessin von Trassenberg, die im Jahre 1795 geboren, erst 1901 gestorben ist, einhundertundsechs Jahre alt, zu Caras damaliger Zeit also noch am Leben war. Cara entdeckte die kleine, zu ihrem hundertsten Geburtstag verfaßte Lebensbeschreibung im elterlichen Bücherschrank hintergeklemmt und stahl sie, witternd, daß sie ihr dort verhehlt war. Denn die nun Ehrwürdige war ja neunzehnjährig mit einem jungen Bildhauer namens Drolshagen nach England entflohen, um ihn dort zu heiraten; und ihr erstes Kind mußte, obwohl die Biographie keine Daten angab, früher als recht ist zur Welt gekommen sein. Sie lebte dann bei der Mutter ihres Mannes in Weimar in größter Armut, indem sie ihr Brot als Dienstmagd verdiente, da ihr Mann den Feldzug von 1815 mitmachte und erst spät, halb irre und mit nur einem Arm zurückkehrte. Auch von seiner Heilung und Wiederbelebung mit Goethes tätiger Teilnahme bot die Beschreibung nur dürftige und nüchterne Angaben, aber Handhaben genug für Caras Phantasie. Denn von einem sozialistischen Freunde der alten Gudula verfaßt, dem die Jugendromantik wenig behagte, brachte sie fast nur die zweite Lebenshälfte zur Darstellung: die als Sozialistin und Vorkämpferin der Frauenrechte tätige Frau, die ihren demokratisch gesinnten Mann anno 1848 auf der Barrikade verlor – im Verkehr mit den sozialistischen Größen ihrer späteren Zeit. Deswegen hatte sie für Caras Eltern keine Existenz; und erschwerend – freilich nur für Caras Mutter – kam hinzu, daß der Vater ihres Mannes, Ewald Monthiver, eine der vielen Gudula-Töchter – Söhne hatte sie noch mehr – in Berlin auf der Straße erblickte und in die holdselige Erscheinung dieser Drolshagenschen sich augenblicks so verschaute, daß er ihr nachging und nicht nachließ, bis er sie bekam. Leider verlor er sie im Kindbett schon zwei Jahre später und hat sich dann noch einmal ›besser‹ verheiratet.

Nun, wir sehn, diese Gudula war eine Romanfigur; ich habe indes nicht vergessen, wie eins der Mädchen, als ich mit Nachtgeflüster diese köstlichen Geheimnisse ausspann – Armgard von Ribaudpierre war ihr Name – erklärte, daß sie nichts Großartiges daran fände, wenn eine Prinzessin mit einem Künstler oder Kutscher davonginge und Dienstmädchen würde, sondern das wäre bloß eine Herzensschlamperei und weiter gar nichts. Ich habe kaum etwas Sinnvolles darauf antworten können und sicher nicht das, was ich erst durch gereifte Erfahrung wissen konnte: daß es bei einer Person, wie diese Gudula war, nicht auf Standesfragen ankam und ob sie mit einem Kutscher oder Kellner davonlief, sondern daß sie eine ungenügende, ihr gegebene, ja aufgenötigte Form des Lebens mit eigener Hand zerbrach und selbst eine neue aufbaute, notabene leidvoll genug. Daß aber, ob noch so unbewußt, das Vorbildhafte für Cara eben darin lag, das brauche ich kaum zu erwähnen. Aber noch dies sei gesagt, daß der Name der Gudula-Tochter, Caritas – ich weiß nicht, ob auf des Vaters oder des Großvaters Wunsch – wieder auflebte, allerdings gleich zu Cara verkürzt von der Mutter.

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Obgleich das Gut in der Stiftszeit für Cara nur noch während der Sommerferien Leben gewann, war es ein tiefer Schmerz, als es verkauft wurde. Damals zählte sie vierzehn Jahre, und was alles sich da zugetragen hat, ist ihr niemals bekannt geworden, weil sie zu seiner Zeit nichts erfuhr und später nicht mehr danach fragte. Es scheint aber, daß einerseits der Papa kein sehr guter Landwirt war und das Gut schon niedergewirtschaftet, als ein Bruder Mamas ihn zum Bürgen für eine Schuld machte und sich dann erschoß, worauf der Verkauf des Gutes nur zur Tilgung der Schuld reichte und wir ganz verarmten. Papa bekam ein bescheidenes Amt bei Hofe, das er treu und fleißig ausfüllte; doch fing er zu kränkeln an – ein müde lächelnder, stiller, vornehmer Mann, so schwand er endlich hinweg – da war Cara achtzehn. Daß er Protestant war, vergaß ich zu sagen; ich glaube, es war ihm ein Kummer, daß er ohne Sohn blieb und die einzige Tochter im Bekenntnis der Mutter folgte.

Das erste Eigene, das erste Wehen eines Willens erhob sich bei jener Verarmung in Cara – da sie das Stift zu verlassen verlangte, um etwas Handfestes zum Geldverdienen zu lernen. Die Entrüstung der Mama, die von dem Schicksalsschlage noch fassungslos war, überschlug sich beinah, so entartet kam ihr Kind ihr bereits vor. Wollte es vielleicht Putzmacherin werden? Und es erwiderte patzig: Warum nicht? – Ja, was gab es sonst für Aussichten? Es war im Jahr 1898.

Cara beschied sich und hatte zwei Jahre später Ursache, der Verarmung dankbar zu sein, da sie die Eltern in die billige Sommerfrische im entlegenen Ackersdorf brachte. Danach wieder in der Stadt hat es nur wenige Tage gedauert, bis sich die eine Klarheit und Feste in Cara bildete: daß sie fort mußte, von den Eltern und aus dem Stift. Ja, nur erst fort – und wohin? In das Unbekannte, wo der war, den niemals zu vergessen ihr fester Wille, ihr Morgen- und Abendgebet wurde. War ihr doch ein Wort mit einer Weisung verblieben, das Wort ›ein Studierter‹, was für Cara hieß, ein Student, nicht, ein Schüler. Lag aber nicht die Universität dem Stiftsgebäude gegenüber, nur durch die Breite der Ludwigstraße von ihr getrennt? Und konnte es da einen anderen Traum geben als den eines langen kahlen Korridors, wo aus den Türen der Hörsäle Cara immerfort Studenten entgegenkommen; und – plötzlich – unter einem glühenden Blitz durch die Brust, fern, doch augenblicklich erkannt, die eine Gestalt?

Heute mag Cara fragen, wie du, Schwesterlein, das damals vereintest, solchen Traum und Sehnsucht mit der Möglichkeit des Studierens, die in jenen neunziger Jahren noch eine Unmöglichkeit war und die Erfüllung des Traumes jedenfalls erst nach Jahren bringen konnte. Die Antwort ist wohl, daß alles Traum war; aber Träume sind raumlos und zeitlos und können das Getrennteste leicht verbinden, so wie ein Herz es will.

Freilich, Kindchen, daß du deinen Entschluß wirklich vollführtest, das hatte eine heilige Wurzel, die in deinem Erdreich verborgen saß. Du warst zum Leben erwacht, und wie die Gudula mit einem Künstler davonlief, so liefst du einem Studenten nach, aber die Wahrheit war dein erster Schritt auf dem Wege, der Lernen hieß. Eine Gier nach Lernen verschlang dich und riß dich hin, ein Lebenswille, weit stärker als Liebeswille und kindlicher Trotz. Ein Kind sagt zu seinen Eltern, es wolle jetzt Lehrerin werden und begehre in der nachmittäglichen Freizeit statt der unnützen Gesangstunde Unterricht in Latein und Griechisch und vor allem in Mathematik zu erhalten, wofür eine Begabung längst offenbar war, die der Stiftslehrer zu seinem eigenen Leidwesen nicht befriedigen konnte. Diesen Unterricht wollte Cara von ihrem Spargeld selber bezahlen.

Die Eltern schlugen es ab, darauf mußte es hart auf hart gehn. Am ersten Morgen wieder im Stift, begab sich Cara durch das Tor und über die Straße in die Universität und einem einsamen weiblichen Wesen nach in einen Hörsaal – todesbang und verzweiflungsmutig. Und sie verbrachte so den Vormittag bis zum Essen. Und so Morgen für Morgen; irgendein Hut und Mantel fanden sich stets, als ihr die eigenen entwendet wurden; bis dann die Vorsteherin ihre Eltern bat, das nicht zu bändigende Geschöpf aus ihrer Anstalt zu entfernen.

Nur ein halbes Jahr später war Caras Zeit darin ohnehin abgelaufen, allein es hat wohl jene erste Willensverhärtung gebraucht, um den ganzen Weg leisten zu können. Und nun war auch die erste Mauer niedergerissen, schon zeigte sich ebener Boden. Nun, Lieber, wenn ein Wille recht ist, wenn die Füße ihren Weg wissen, dann muß sich alles fügen. Mutter war freilich so entsetzt, daß sie tagelang kein Wort mit der Tochter sprach; Vater nahm sie dann eines Abends in sein Zimmer, zu einem Gespräch, das er mit bekümmerter Strenge von seinem Schreibsessel aus begann und das unter beider Tränen auf seinen Knieen endete. Zwar hatte er seiner Tochter das Geheimnis nicht entreißen können, das er hinter dem unbegreiflichen Eigensinn argwöhnte, aber den Ernst des Willens hatte er erkannt, und er wußte ihn zu ehren; sah wohl auch, daß sein einziges Kind – obwohl weiblich beschaffen, stärker war, als er, der Mann, es gewesen, und daß es sich eine Zukunft bereiten wollte, statt als armes Adelsfräulein jungfräulich zu altern und in einem anderen Stift zu enden. Am folgenden Tage ging er mit ihr zu dem Direktor des nächstgelegnen Gymnasiums, und der war zu Caras Glück ein sehr guter Mann und noch mehr: ein sehr großer Mathematiker, dessen Licht in seiner Schule längst unter dem Scheffel brennen mußte. Er prüfte das absonderliche adlige Frauenzimmer ein wenig, verschaffte ihr dann einen guten Lehrer in den Sprachen und übernahm selber die Mathematik. Freue dich heute noch, Cara, daß du dem kranken Mann die Freuden bereiten durftest, die seine Primaner ihm nicht gönnten; und daß du ihm so schon vorher das Glück vergelten durftest, zu dem er dich fähig machte.

Mein Lieber, ich habe eben die Feder hinlegen müssen und, wieder einmal, dich und mich fragen, was aus mir und, mehr noch, aus dir geworden wäre, hätte ich diesen Mann damals nicht kennengelernt. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen, die solches erfahren, von Zufall reden können; aber sie erfahren wohl solches nicht. Aber was heißt erfahren? Es heißt nicht nur, daß einem etwas zustößt, sondern daß man seine Bedeutung erfaßt. Sie erfahren es nicht – das heißt dann, daß sie keinen Überblick haben über ihr eigenes Leben, die Zusammenhänge, die Verknüpfungen, die Fügungen, die Notwendigkeiten daher nicht sehen und also Erfahrungen nicht machen.

Was wäre aus uns geworden, wenn ich diesen schon alten und kranken Mann nicht getroffen hätte, der eben noch so viel Zeit im Leben hatte, um die Botschaft, die er bekam, an mich weiter zu geben, damit sie zu dir gelangte? Wer oder was also war es, das die Schritte meines Vaters lenkte, der doch zu irgend jemand hätte gehen können oder nach einem Mathematiklehrer herumfragen, statt dessen einfach zu der nächstgelegenen Schule ging und so auf den Mann traf, der seine Mathematik nicht wie sonst alle herausgelöst sah aus aller Menschlichkeit und aus aller Göttlichkeit des Geistes, nicht als ein leeres, abstraktes, nur intellektuelles Betreiben, sondern in tiefem Zusammenhang, tief eingebettet in Religion und Sittlichkeit – so wie die Griechen, wie Pythagoras oder Plato es sah. Wenn sie die Zahlen ansahen wie Götter, wenn eine Zahl wie die 7 ihnen auf andere Weise die Göttin Athene verkörperte, was sprach sich darin anderes aus als das Streben nach der Vollkommenheit, nach dem absolut Reinen – ein tief Sittliches also? Und so lehrte er mich auch, die ewig reinen Figuren der Kegelschnitte nicht als Erfindungen des Verstandes anzusehen, sondern als Manifestationen der Sittlichkeit, die ihren Ursprung nicht im Gehirn hatten, sondern im Ethos des Menschen, und das heißt, in der Ewigkeit des Gesetzes, nach dem dieser Planet mit uns darauf seine Bahn angetreten hat.

Aber nun – wenn mir das auch einleuchtete und mich tief erfreute, so galt es im Grunde doch dir; es war – Botschaft, die ich dir bringen sollte. Aber ich will nicht vorgreifen.

Drei Jahre hat ihn Cara gehabt; dann starben er und Vater kurz hintereinander – nachdem er noch die Freude genossen hatte, sie an einer Reifeprüfung seiner Prima teilnehmen zu lassen; vielmehr sie wie eine Reifen durchspringende Kunstreiterin vorzuführen, mit schallenden Bravos und kindlichem Händeklatschen. Noch von seinem Krankenlager aus setzte er es durch, daß die auf eigene Faust von ihm vorgenommene Prüfung die ministerielle Genehmigung erhielt, die Cara hochschulreif machte.

»Du gehst nun, mein liebes Kind, von mir den Weg zurück, den ich gekommen bin: möchtest du nur so glücklich werden, wie du mich Alten gemacht hast. Behalte du nur die Parabel im Herzen! Du kannst, wenn es sein muß und dich Todes-Verzweiflung überkommen wird auf dem Lebensweg, Gottes vergessen, der mitunter zu hoch und zu groß erscheint. Wenn du nur die Parabel unvergeßlich im Herzen hast, so wirst du nicht fehlgehn.«

Den geheimnisvollen Wink zu befolgen, hat Cara es leicht gehabt – bis heute. Was er bedeuten sollte, werden wir später erkennen.

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Notzeit kam für Cara freilich sogleich. Vater starb monatelang und litt so entsetzlich, daß die arme schwache Mama versagte, und Cara konnte von der Pflege kaum die Zeit zur letzten Examensvorbereitung abstehlen. Das wird Cara wohl nie vergessen, wie sie mittags an das Krankenbett trat und in den ängstlichen Frageblick aus dem kleingewordenen Gesicht ihr leises »Bestanden« sagte; und wie es sich dann verklärte und die Worte hörbar wurden: »Ich – bald – auch.«

Die Witwenpension war so gering, daß sie eben für Mama allein ausreichte; Cara hätte sich durch Unterrichtgeben das Studium verdienen können, aber nicht auch den Lebensunterhalt dazu; und was wäre das für ein Leben geworden mit der erst vierzigjährigen, welken, vergrämten Frau? Sie wagte daher einen Schritt, den die Not wohl rechtfertigen konnte, und wandte sich um Hülfe an eine ihr ganz fremde Person, obwohl sie eine Kusine ihrer Mutter war, die in Dresden lebte, mit der aber Caras Eltern keine Verbindung unterhielten. Ich muß ihre Geschichte kurz erzählen, denn ihre Hand griff in Caras Leben tief genug ein.

Als junges Mädchen wurde sie lungenkrank – und bald von den Ärzten aufgegeben. Sie war um fast ein Jahrzehnt älter als Mutter, klein und zierlich und kaum hübsch zu nennen; aber ein Mädchenbildnis in einem Album ihrer Eltern hatte Cara mit seinen dunkel übergroßen und geisterhaften Augen immer sehr angezogen. In ihrer Todesnähe brachte sie nun die Bitte hervor, nach einem jungen Arzt zu schicken, der sie als erster behandelt und als Todgeweihte erkannt hatte; der ließ aber sagen, es wäre hoffnungslos, und er käme nicht her, nur um ihr Sterben zu beaufsichtigen. Die berühmteren Ärzte hatten ihr nur noch vier Wochen gelassen, allein nach vier Wochen lebte sie durchaus noch. Sie nötigte durch ihre Eltern abermals jenen Arzt, der nun kam, aber nur um festzustellen, daß sie nicht länger als einen Monat mehr leben könne. Darauf hat sie ihn mit der verzweifelten Selbstsucht solcher Kranken gebeten, sie zu heiraten – und er willigte ein, indem er wohl dachte: vier Wochen. Aber auch diese vier gingen hin, und sie blieb am Leben, und dann reiste ihr Mann, obwohl ihm eben eine Praxis aufgeblüht war, mit ihr nach Madeira. Dort ist sie in anderthalb Jahren völlig gesund geworden. Sie kehrten nach Deutschland zurück; auf der Überfahrt aber verlor ihr Mann bei der Rettung eines über Bord gefallenen Kindes sein Leben.

Die Mutter des Toten, die ihn und sie in Bremen erwartete, nahm sie mit nach Dresden. Ihre Familie war so ungemein aristokratisch, daß sie die unstandesgemäße Heirat nicht vertrug. Zwanzig Jahre war sie erst alt, und für eine Weile verdunkelte sich ihr Geist. Doch hat sie nach einigen Jahren zum zweiten Male geheiratet, wieder einen Arzt, und ist seine Helferin geworden und hat schließlich als eine der ersten Frauen in Deutschland den medizinischen Doktor gemacht. Zehn Jahre später übernahm sie nach dem Tode ihres Mannes einen Teil seiner Praxis.

Cara wußte von alledem nur dies letzte; aber das und das geisterhafte Augenpaar und ihr eigener guter Geist gaben ihr ein, die fremde Verwandte mit einfacher Mitteilung ihrer bisherigen Schicksale zu fragen, ob sie ihr helfen könne. Die Antwort bestand in der Mitteilung, das könne sie, wenn ich nach Dresden käme – in so wenigen und dürren Zeilen, daß ich weiß nicht was für ein Geheimnis daran gewesen sein muß, um Cara zu der Reise zu bewegen.

Sie empfing mich am Bahnhof – eine kleine, ausgemergelte Frau von fünfzig Jahren, deren schwarze Augen nicht geisterhaft, sondern steinhart geschliffen waren, so daß ihr erster Blick mich durchbohrte. Der zweite Blick war – ich kann nur sagen: von einer Milde der Nacht. Es war Sonntagmorgen um neun Uhr, als ich ankam, und sie sagte zu mir, sie habe nichts dagegen, wenn ich schlafen oder zur Kirche gehn wollte; wollte ich aber auf beides verzichten, so würde sie mich dahin bringen, wohin jeder Mensch in Dresden zuerst ginge.

Dies gefiel mir wieder nicht; es klang so übertrieben, irgendwie deutschtümlich, weißt du; denn jedermann hieß natürlich, jeder, der den Anspruch erhebt, ein gebildeter Mensch zu sein. Bei meinem damaligen Wahrheitseifer hätte ich ins Bett verlangen sollen, angegriffen von der Pflege meines Vaters und der Nachtfahrt, wie ich war. War aber doch diszipliniert oder höflich genug, ja zu sagen. Sie ließ mich im Bahnhof erst frühstücken; dann haben wir noch eine halbe Stunde auf der Brühlschen Terrasse gesessen, und ich weiß noch gut, wie die Weite des gelben Stromes und eines märzlichen Himmels mit zartem süßem Blau und langen weißen Wolkenfittichen mich erquickte.

Dann führte sie mich in die Gemäldegalerie; aber so wie die Treppen hinauf, ging sie mir durch Säle und Kabinette in einer bestimmten Richtung rasch voran, daß mir angst wurde, weil das etwas bedeuten mußte, mir aber trotz Kopfzermarterns nicht einfallen wollte, welch besondere Sehenswürdigkeit es hier gab. Für die Künste hatte die Zeit mir gefehlt; und wenn ich zur Erholung an Regensonntagen mit Papa durch eine unserer Galerien gewandert bin, so hatte ich das mehr wie einen Gang durch eine schöne Landschaft gemacht, in der ich mich allgemein wohlfühlte. Vor Aufregung beschlug mir mein Kneifer, den ich damals noch beständig trug, und ich weiß noch, wie ich ihn im Gehen am Jackenärmel putzte – und wie ich dann nicht dazu kam, ihn aufzusetzen.

In dem kleinen Raum, in dem ich stand, war zuerst nur die Blendung des hellen Fensters und die Gewaltigkeit des hoch über mir ragenden Bildes, auf dem ich Raffaels Madonna erkannte, die große Gestalt im blau und roten Gewand, mit dem erdbraunen Kopfschleier, ihren Knaben im Arm, und tiefer zu ihren Seiten die knieende Heilige in ihrem Stolz und der Goldmantel des bärtigen Greises. Die Gestalten, die Farben leuchteten einmal hoch auf und – möcht ich sagen – wie eine laute starke Musik. Denn danach wurde es eigentümlich still.

Dann wars auf einmal kein Bild mehr. Es war lebendig, und dann war sie es selbst, eine Himmlische und ein Mädchen wie ich. Die Erde war um mich her dunkel, und ich war unten in einer Tiefe, sie aber leuchtete über mir in einer solchen Größe, daß ich kaum atmen konnte. Ich konnte nur dastehn und schauen. Und dann, nach einer Weile, ereignete sich das, was ich noch heute so wenig begreifen kann wie damals. Ihre Augen fingen zu lächeln an, und ich hörte sie klar und deutlich zu meiner knieenden Seele sagen: »Schwester.« Und noch einmal: »Schwester.«

Danach ist sie dann langsam wieder zur Erde herabgekommen und zum Bilde geworden.

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Als eine leise Berührung an meiner Schulter mich aus der Weltvergessenheit wieder zu sich rief – die Hand meiner Tante –, war, wie sie mir dann sagte, fast eine Stunde vergangen. Sie sah, daß ich geweint hatte, äußerte aber nichts. Wenn sie aber am Nachmittag Cara, als sie sich ausgeschlafen hatte, ihr Leben erzählte, so durfte sie den Grund zu einer solchen Mitteilsamkeit wohl erraten. Tante Isabel hatte eine Unfähigkeit zu sprechen, die sie im Umgang fast stumm machte, ausgenommen sachliche Erklärungen, die sie mit außerordentlicher Genauigkeit abgab. Und auf solche Weise erzählte – vielmehr teilte sie Cara ihr Leben mit. Danach machte sie ihr den Vorschlag, bei ihr zu wohnen und Geburtshülfe und Säuglingspflege zu lernen, um ihr später in der Praxis zu helfen. Medizin zu studieren, hielt sie mich für nicht geeignet, und da hatte sie recht. Geld hatte sie keins; das ging von den reichen Patienten nur durch ihre Hand zu den ärmeren. Cara bedang sich nur aus, mathematische Vorlesungen am Polytechnikum zu hören.

Drei Jahre sind für ein junges Leben eine sehr lange Zeit; und längst war das, was mehr ein Ereignis gewesen als ein Mann, Erinnerung geworden, ein unverlierbarer Schatz in der Kammer des Herzens, über dem ein Schattenbild ohne Namen schwebte. Jetzt, als das neue Ereignis mit seiner Größe und Heiligkeit in der Brust seine Stätte erhalten sollte, wachte das erste seltsam zum Leben auf, als müßte es sich wehren. Cara erwachte in jenen Wochen mehrmals von ihrem eigenen Schrei; was sie geträumt hatte, wußte sie nicht – wie sie auch nicht erriet, weshalb sie beim Zubettgehen mitunter in Tränen ausbrechen mußte. Neunzehnjährige Mädchengedanken haben bestimmte Grenzen; und der Gedanke, daß die Madonna zu ihr Schwester gesagt hatte, weil sie Mutter war, lag jenseits von diesen Grenzen. Dann hat der Kampf in ihrem Innern sich wohl versöhnt – und zurück blieb eine Glücksempfindung, die so unfreiwillig wie jene Tränen mitten am Tage sie überfallen konnte, sich weit ausdehnend bis zu einer leisen Angst, wie sie als Kind es gekannt hatte, am Winterabend, wenn die Glocken vom Dorf Advent läuteten, eine kindlich-bängliche Spannung und Erwartung.

Und hier in Dresden, in der winzigen Dreizimmerwohnung, wo die neunzehnjährige Cara, glücklich in ihrer Freiheit, auf dem Wachstuchsofa des Ordinationszimmers schlief, wollen wir sie verlassen und zurückkehren zu Ebener Rudorff.

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Gottesgelehrsamkeit – so nannte er es damals; und was stellte er sich darunter vor?

Nun, alle Gedanken über das Göttliche, wie die Gelehrten aller Zeiten sie aufgespeichert hatten; und die Belehrung über alles, was bis dahin sein Inneres mehr in den göttlichen und heiligen Gestalten belebt hatte. Anzuschauen – das war ein Grundzug seiner Natur. Die Gestalten der Biblischen Geschichte und des Neuen Testaments waren schon früh bei ihm eingetreten und hatten sich wohnhaft gemacht; sie fast allein, da er nur selten ein Buch las. Ist es zuviel gesagt, daß er mit einem Mißtrauen gegen das Gedruckte geboren wurde? Wald und Feld, in denen er aufwuchs, müssen jedenfalls stärker gewesen sein als die Welt der Märchen und Mythen. Und dann hat das, was wir Zufall nennen, weil wir keine Zusammenhänge von unserer Art darin erkennen können, es gefügt, daß er – kaum erst des Lesens kundig – bei Nikolai Robin eine Bibel fand im lutherischen Text, und der volle Klang ihres ersten Wortes: ›Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde ...‹ das ewige Gefühl in ihm traf und ihm sagte: Dies ist das Buch der Bücher. Als seine Mutter von Nikolai Robin erfuhr, daß er ihn bibellesend gefunden hatte, verbot sie es ihm nicht (obgleich sie katholisch war), und diese ihre Freiheit war allerdings ein Glück, das die Zufälligkeit aufhob – da Nikolai Robin in der Tat alles andere eher las als die Bibel und sie nur hervorgeholt hatte, um etwas darin nachzuschlagen. Daß Ebener sich wirklich hindurchlas – im Lauf vieler Jahre – hat übrigens keiner der beiden erfahren; denn das Buch verschwand ihren Augen, weil Ebener es versteckte, und sie haben es dann vergessen.

In seinem Innern war Raum für die weiteste Weite: für die Steppen, wo Abrahams Kamele zogen, und die Weiden von Jakobs Schafen, das Pyramiden-Land und das gelobte, aus dem die Kundschafter eine Riesentraube an einer Stange zwischen sich hertrugen, wie auf einem Bild zu sehen war. König David mit seiner Harfe und Salomo in seiner Herrlichkeit saßen da so lebendig, wie Kain über seinem erschlagenen Bruder kniete und aufsah mit dem schrecklichen Mal vor der Stirn; und so stand auch der Versucher neben dem Heiland auf dem Berg, Johannes schrie in die Wüste, und Petrus kämpfte sich durch die nächtige Flut, über die Gottes Sohn in einem milden Leuchten heranschritt. Dies und das tausendfache Mehr – bis hin zu der umschließenden Wiederkehr des Eingangs ›Im Anfang war das Wort‹ – erschien ihm in seinem ursprünglichen Glanz und der unbezweifelbaren Einzigkeit der Wahrheit – in keiner Ferne der Vergangenheit und der Landfremde; es erschien ihm dort, wo er ging und saß und stand. Ein paar Büschel verdorrten Grases, ein Stück hoher Sommerwiese, eine braune Fläche Heidekraut dehnten vor seinen Augen sich zur Steppe oder zur Wüste aus; jeder Busch konnte vor ihnen im Feuer stehn und jede stille Wasserfläche im Schilf zu dem heiligen See werden, über dem die göttliche Stimme schwebte. Und bald auch tauchte zwischen den menschlichen Erscheinungen dieser heiligen Welt Das Wort auf; das Wort Gottes, das zu Christus geworden war und nun wieder menschenhaft aus seinen Reden und Gleichnissen tönte, die immer wieder Gottes Geheimnis aussagten. Aber der eigentliche Gewinn dieser Bibellektüre war dies: daß die Menschen der Bibel alle die Menschen waren. Nicht Israeliten, nicht das Volk Israel war es, sondern einfach das Menschenvolk, dessen Geschichte er hörte, seit Anbeginn der Welt – eine Geschichte, die von Gott gewollt, von Gott gelenkt und von ihm erfüllt war: alle diese Menschen und all dieses Volk, sie lebten nicht um ihrer selbst willen, sondern um Gottes willen. Das war für ihn der Sinn der Geschichte und der Grund der Geschichte. Ihr Geschehen war göttliches Geschehen und hatte nur dadurch Sinn.

Solange Ebener Knabe und Jüngling war, blieb ihm das Anschauen genug. Als aber sein Verstand zur Denkkraft erwachte, wollte er freilich wissen, und nun tauchten all die Fragen auch in ihm auf, die das Menschengeschlecht je bewegt haben, die Fragen nach dem Leiden, nach der Schuld und der Gnade, der Sünde, der Vergebung, der Erlösung. Und warum Christus kam, warum gerade zu jener Zeit, in jenem Land und Volk, und wie er und es zusammenhingen. Und dann freilich ging es über Golgatha hinaus in eine Menschenwelt hinein, die nicht mehr so wie die frühere verstanden werden konnte. Denn der eine, starke, große, der biblische Zusammenhang fehlte jetzt. Nun hieß es Geschichte, und nun schien kein Zusammenhang, kein Gesetz, keine Sicherheit schien mehr vorhanden. Während vorher alles Gottes Gesetz war und von ihm gewußt, bestimmt und geführt, war da lauter Verwirrung und Unsicherheit. Hatte Gott es fallen gelassen, und was entstand, das geschah aus seiner eigenen Freiheit und Möglichkeit, ohne Gewähr, ohne Gewißheit? Er konnte leider nicht wissen, daß seine alte biblische Sicherheit die Frucht seiner reinen Knabengläubigkeit war: Geschichte läßt sich nicht glauben.

Und nun – obwohl die Gestalt Christi auch in den Zeiten nach ihm noch die einzige und die Mitte zu sein schien, um die das Menschengeschehn kreiste: um sie her war ein weiter leerer Raum, und nichts war, das sie erreichte. Das war ihm das Unbegreiflichste: daß die Linie, die ununterbrechbar und mit göttlicher Sicherheit von dem ersten Menschenpaar bis zu Gottes Sohn führte, nun verschwand. Bis hin zu ihm hatte das Menschengeschehn sich in einem großen Strome bewegt; nun stand es still. Es sah so aus, als sei der Herr in seine Kirche gegangen; aber wo er dort war, konnte Ebener nicht sehn. Er sah jetzt nur die Kirche und sah sie in einer Unbeweglichkeit, die alles Kreisen und Wirbeln der Menschheit niemals löste. Es war da nichts mehr notwendig in dieser Welt; es war alles nur möglich.

*

Wie wird es nun einem ergehen, der wie Ebener ist, wenn er zur Universität kommt und Exegese der Bibel vortragen hört und Dogmengeschichte oder auch ›die Geschichte der Leben Jesu-Forschung‹? Einem, der zu allem andern von solcher geistigen Langsamkeit ist? Da saß er im Hörsaal, und es erging ihm – nach seinem eigenen Wort – wie einem, der im Stall unter der Luke zum Heuschober steht, aus der es unaufhörlich Ströme von Häcksel über ihn regnet. Nicht mehr Heu, nicht mehr Stroh, nicht mehr Korn – Häcksel. Redlich und bemüht, wie er war, hoffte er, daß es sich mit der Zeit bessern würde; und geduldig und bis zur Trägheit zäh, wie er war, verbrachte er wahrhaftig mehrere Semester mit Anhören und Nachschreiben, soviel er erraffen konnte, immer in der Hoffnung, es würde ihm einmal klarwerden – du, wenn ich dich jemals bewundert habe: für diese Geduld habe ich dich bewundert! Freilich gab es auch immer Einzelheiten – Gedanken, Aussprüche, Ideen und Lehren der Kirchenväter und Religionsphilosophen, die aufleuchteten und aus dem Gewölk von Dämmernis und Wetterlichtern weite Klarheiten öffneten.

Dann wurde er mit Erschrecken inne, daß er in Jahr und Tag nichts gewonnen hatte; nur Wirrnis und Getös um ihn war wie eines großen Orchesters beim Stimmen, aber noch keine Ahnung der möglichen Musik. Auch die reinen alten, die ewig festen Klänge der Kindheit und der unwandelbare Orgelpunkt: die waren jetzt untergemischt, von dem Gewirr überzogen, kraftlos sich herauszulösen und klar zu erklingen wie einst. Die lauteren Gestalten waren verschimmernde Schatten, Wirklichkeit Möglichkeit geworden, und die einst strahlende Natur leidend und krank. Ebener erfuhr, daß die Menschen Religion wollten, nicht Gott; daß sie nicht auf ihn zugehen wollten, sondern an ihm her; und daß ihre Religion eine lange Parallele war, die ihre Schwester niemals berührte, außer vielleicht nach dem Tod. Trümmer stürzten viele in jenem Jahr, und wenn der Sturm der Freiheit durch einen jungen Menschen fährt, so fragt er wenig, ob das Stürzende gut oder ungut war, sondern er sagt: wenn es fallen kann, wie konnte es fest sein? Wenn aber nach dem zerstörenden Jahr das Jahr des Erbauens kommt, dann lassen auch die Steine der alten Gebäude sich in das neue fügen, wie es einmal mit wirklichen Pyramiden und Tempeln getan worden ist. So blieben auch von Ebeners Kirche damals nur die Grundmauern fest; das Gefüge des Verstandes, Quader und Ziegel der Dogmen, mußte vorerst zerfallen – die antichristlichen Züge, ohne die freilich keine Kirche auf Erden erscheinen kann. Denn was allein die Vernunft hervorbrachte, das kann andre Vernunft angreifen und es zerstören oder verwenden. Nur im Werdenden ist die Gottheit; im Gewordenen ist der Tod, und darüber gewinnt Ahriman leicht die Macht. Der Fels ist auch not; woanders hätte Mosis Stab den Quell herausspringen lassen? Doch der Quell ist mehr als der Fels, und Johannes ist mehr als Petrus, die Liebe ist mehr als der Glaube, und mehr als die Kirche ist Gott.

Ebener gab den Kampf nicht etwa auf. Er meinte, er wisse noch nicht genug oder nicht richtig Bescheid, kehrte aber den Hörsälen den Rücken und fing an, sich selbst zu belehren über die Menschheit und die Menschen. Die Bücher dazu nahm er von seinen Freunden, wo und wie er sie fand und bald der, bald jener Titel ihn reizte, jetzt nur gierig nach Kenntnissen, so wie ein Hungriger nur seinen Bauch füllen will, ohne Plan noch Vorschrift. Freunde hatte er inzwischen eine Menge gefunden, die nicht nur Theologen waren; und hatte teilgenommen an ihren Disputen, zwar beinah ohne zu sprechen und nur aufsaugend auch hier, was er einzufangen vermochte. Sie übrigens bedurften seiner trotz seiner Schweigsamkeit; denn sein stilles Verhalten und der Schimmer seiner aufmerkenden Augen wirkten mit ihrem geheimen Leben, das unredselig tiefer war als das ihre, so daß sie das Beste hergaben, was sie hatten, als ob sie sich verteidigen müßten vor einem unbestechlichen Richter. Er war nichts so wenig wie das, aber nach außen schien er immer die Ruhe und Zuverlässigkeit selbst, so unstet er innen schwankte.

Wiederum zäh und schwer, wie er war, versank Ebener nun in die zauberische und trügerische Welt der Bücher – eine Halbwelt, wenn wir die reine Dichtung ausnehmen – zur einen Hälfte wirklich, zur andern unwirklich, halb ideal, halb real, halb Traum, halb Erfahrung, und oft am tiefsten Traum und Einbildung gerade da, wo die Verfasser am allerrealsten zu sein behaupten. Nicht Romane meine ich – die las Ebener beinah gar nicht –, sondern jene Erzeugnisse der ›reinen Objektivität‹ oder ›materiellen Sachlichkeit‹, deren wahrer Name Hypothese lautet, ja Fiktion, denn ihr Vater heißt Wunsch oder Wille. Die Werke also der Philosophen, der Geschichts- und Natur- und Gesellschaftsforscher, von denen ein jeder sagte: So ist es, während es immer nur heißen durfte: Oh, daß es so wäre! Sie bauten zum Himmel auf felsenfestem Grund, und wer hineintrat, sah alle Wände voller Risse und spürte das Schwanken der Tiefen. Aber sie bauten doch, und immer hinter dem Trug und Selbsttrug schimmerte durch die Risse das eine Licht. Immer, immer, immer war es so: Wer Gott ein Haus baute, der baute keins für die Menschen; wer aber für die Menschen baute, der baute ohne Gott.

Ebener las langsam und doch viel; er las und sann, las und sann; und wenn über seinem Lesen – zusammengekrümmt auf seinem zu kurzen Sofa – die Dunkelheit einbrach, so blieb er liegen und dachte körperlos, raumlos, zeitlos weiter.

Von den Denkern und Forschern ging Ebener allmählich zu Lebensbeschreibungen, Memoiren und Briefwechseln über, wo er dann aufhörte zu denken und nur noch sein Verlangen nach Menschlichkeit stillte, nach der Kenntnis der Menschen. Gottlob, daß es nur dahin kam, zu dieser Erschöpfung des Denkens in Stumpfheit und Gleichgültigkeit. Aber woran lag es denn, daß er zu nichts kam, daß er es nicht machen konnte wie die Hunderte seinesgleichen und aus den edlen Steinen, die er doch fand und für sich behauen konnte, sein Bauwerk und seine Heimstatt errichten? Dazu hätte er Glauben haben müssen wie sie, aber gottlob, ihren Glauben hatte er nie. Niemals konnte er ein Ding oder einen Gedanken deshalb für wahr halten, weil er ihm einleuchtete. Da war alles nur denkbar und möglich. Ach, du hattest deine Unschuld lange verloren, dein heiliges Eigentum des Anschauens und der persönlichen Verwirklichung, als du nur das in dich aufnahmst, was in dir Wahrheit werden konnte durch die belebende Kraft des Glaubens. Seine Unschuld, wenn das zu sagen erlaubt ist, verliert jedes Mädchen, das sich einem geliebten Mann hingibt; das Leben der Liebe läßt sich mit einem andern Preis nicht erkaufen. Allein Ebener – wenn er sich auch nicht an das dirnenhafte Denken seiner Zeit verlor, das sich jeder Möglichkeit preisgibt, wenn sie nur mit materieller Realität zahlt, so hatte ihm doch die verlorene Unschuld auch keinen Gewinn gebracht. Denn sie war nicht geopfert, sondern bloß verloren – und er war entkräftet, die Denkkraft stumpf, die Schwinge der Seele schlaff. Was konnte noch kommen, da er noch jung war und im Saft?

Oh, kommen konnte noch viel; denn der Glaube war ja geblieben.

*

Schon waren Jahre dahin – Ebener selbst zählte dreiundzwanzig; doch das war um nicht mehr zu spät, als er immer zu spät gekommen war, zum Zahnen, zum Gehen, zum Reden. Also ließ er jetzt sein Inneres Inneres sein und ging nach außen, mit keinem besonderen Antrieb, es sei denn Ekel vor dem Gedruckten. Seele und Geist waren ihm verdorrt, mußte da nicht, was Pflanze und Tier in ihm war, um so üppiger aufquellen? Menschen waren genug um ihn, die seine Beliebtheit ihm zugebracht hatte; der ganze übliche Blumenstrauß der sogenannten Boheme: Maler und Dichter, Studenten und Dozenten und die zugehörigen Weiberleut. Davon werde ich aber nicht viel erzählen – warum? Überflüssige Frage – bin ich nicht eine legitime Frau? Also was soll ich erzählen? Die weiblichen Geschöpfe, die sich da tummelten, waren Ebener fremdartig; sie benahmen sich wie Männer und wollten doch Weiber sein; sie benahmen sich wie Weiber und waren wie die Kinder; sie waren weiblichen Geschlechts – doch weder Frauen noch Mädchen. Und er ging noch im Schatten seiner Mutter, die er ehrte, ohne es zu bedenken – so wie ein Kahn den Rhein befährt im Schatten des Domes. Unvergessen war vielleicht auch ein Gesicht, in dessen Anschaun er einmal sein Ich verloren hatte, und nur der Schmelz auf einer noch kindlichen Lippe war und der Glanz in einem weiblichen Auge. Das konnte ihn jetzt nicht davor bewahren, die Früchte zu speisen, die ihm schon überreif in die Hände sanken; er wäre am Ende mit dreiundzwanzig Jahren noch kein Mann geworden. Aber es bewirkte immerhin, daß sie ihm nach einiger Zeit unschmackhaft vorkamen.

Schlimmer war, daß er sich nun in das Ganze verstrickt hatte. Daß er sich in einem Raum drehte, ähnlich dem Tanzsaal damals in Ackersdorf, in Getös und Klarinettengequiek und Gelächter und im Qualm und Staub vergehender Lichtfunzeln; nur daß hier die Lustbarkeit unecht und die Tänzerin, die bei jedem Tanz in seinem Arm wechselte, nicht einmal so viel wie eine gesunde Bauerndirn wert war. Darum war es am Ende nicht einmal schwer, diesen Raum durch die Ausgangstür zu verlassen, und er tat es auch.

Da war draußen das Schlimmste. Nämlich nichts.

*

Bevor ich hier abbreche, will ich endlich nachholen, was ich schlechte Erzählerin bisher nicht in meinen Fluß hineinlenken konnte: daß Ebener in jenen vier Jahren niemals aufgehört hatte, Schreiner zu sein – nämlich folgendermaßen.

Der Meister in Ackersdorf, bei dem er das Handwerk lernte, wollte in seiner Jugend höher hinaus, ging zur Hauptstadt und trat bei einem Meister ein, der die Möbelschreinerei mehr als Künstler betrieb und vor allem die Nachahmung alter Stile, des Biedermeier und des Barock. Der Ackersdorfer wurde von ihnen zu den echten Stücken der Vergangenheit gelenkt, die er erst bei Trödlern und achtlosen Besitzern aufstöberte und die ihm später von Kennern, Kunsthändlern und Museumsleitern zugebracht wurden, da er in ihrer Erneuerung eine erstaunliche Geschicklichkeit und wachsenden Ruhm gewann. Seine ganze Liebe wurden die kostbaren Ruinen, eine Renaissancetruhe oder ein Frankfurter Schrank, die, heillos zerstoßen, unter einem jahrhundertalten Überzug von Ölfarbe oft nur seinem Auge noch kenntlich waren: diese zu erlösen und im Glanz ihrer feurigen Maserung und Intarsien, der Schnitzkapitäle und edlen Profile auferstehen zu lassen. Es wurde ein großer Betrieb, dem Greis endlich zu groß, und er überließ ihn seinem Sohn und kehrte in sein Heimatdorf zurück, wo er auf dem eigenen Hof, den schon ein Enkel bewirtschaftete, sich ein kleines Haus mit einer Werkstatt errichtete. Denn er konnte nicht ruhen und fuhr fort, besonders schwierige, hoffnungslos aussehende Fälle, die sein Sohn ihm schickte, zu behandeln. Und von ihm hat Ebener die Kunst des Alten – und auch die Liebe des Alten gelernt, soviel davon in vier Jahren sich erreichen ließ.

In München war dann Ebeners erster Weg zur Werkstatt des Sohnes, dem er mit den Empfehlungen seines Vaters die Zeichnungen seines Gesellenstückes vorlegte, um anzufragen, ob er ihn halbtäglich, an den Nachmittagen, beschäftigen wolle, worauf jener nach einer Probezeit einging. Den Verzicht auf die nachmittäglichen Vorlesungen schlug Ebener gering an gegen den handwerklichen Gewinn, zumal für das erste Jahr, und im zweiten verließ er die Hörsäle ohnehin. Und wie tief er sich sonst auch verlor: die Werkstätte gab er niemals auf; und als sonst alles versagte, erschien er eines Morgens früh in der Werkstatt und wurde Schreiner.

Das war im Anfang des Jahres 1904. Die Universitätsferien waren nah, und Ebener hatte vielleicht vor, dann heimkehrend seiner Mutter den Zusammenbruch seiner Hoffnungen zu gestehen, wovon sie nichts wußte, was sie aber hat ahnen können. Er dachte jedoch weiter nicht voraus, wie er auch nicht etwa entschlossen war, von nun an Schreiner zu bleiben. Er vermochte nur nicht untätig zu sein; das Handwerk beschäftigte und ermüdete Geist, Sinn und Körper auf noble Weise; und er war, gedankenleer und in seelischer Öde, stumpf zufrieden wie einer, der in Amerika Schiffbruch erlitten hat und, auf dem heimatlichen Friedhof herumwandernd, dankbar ist für die Sonne auf seinem Rücken.

*

Am Donnerstag, den 12. April 1904, Gründonnerstag, erwachte Cara Monthiver spät mit dem Vorsatz, da der Tag unterrichtsfrei war, wieder einmal die Sixtinische Madonna aufzusuchen. Sie hatte es bereits am Sonntag vorher gewollt, hatte sich aber körperlich so elend befunden, daß sie ihr Bett nicht verließ. Auch ging es ihr schon seit Monaten nicht gut; der Tod und die Pflege ihres Vaters nach der blinden Wut der Lernjahre und jetzt wieder Übereifer des Lernens von früh bis tief in die Nächte hinein, immer unter dem Sporn, es den Mannsbildern voraustun zu müssen: die Folgen davon mußte der neunzehnjährige Körper erfahren, so daß sie an Müdigkeit litt, oft an Migräne und auch an Magenkrämpfen, und in Tränen ausbrechen mußte bei einem kleinen Fehler. Auch an dem Donnerstagmorgen brachte sie sich nicht in ihrem Bett hoch, bis um neun Uhr die ersten Patienten der Sprechstunde sie vertrieben und sie unter einer kalten Dusche leidlich zu sich kam. Aber noch auf dem Wege von der Dresdener Neustadt her hielt eine unbeschreibliche Unlust sie an den Knieen fest; und statt am Torgang der Galerie fand sie sich zum eigenen Erstaunen auf der Elbbrücke, die Arme und Hände im Muff auf der Brüstung, im Niederschaun auf die kalte, gelbe, wandernde Fläche des Stroms, bis die Augen ihr tränten. Sie gähnte unaufhörlich; eine Uhr schlug, da war es bereits elf statt zehn, und nun sagte sie sich verzichtend, daß der Raum jetzt für ihre Andacht zu menschenvoll sein würde. Denn lieber war sie allein darin, obwohl dort immer eine feiertägliche Stille herrschte. Die Kalten warfen einen Blick auf das Bild und entfernten sich wieder; wer aber blieb, der blieb lange.

Nur das Pflichtgefühl trieb sie endlich davon; aber nun war die Treppe kaum zu ersteigen, der Weg durch die Bildersäle schien wie im Traum meilenweit. Als sie endlich in dem kleinen Raum der hohen Fensterhelle gegenübertrat, saß doch nur ein einzelner Gast in der Ecke der Polsterbank, die Ellbogen auf den Knieen und den Kopf gesenkt. Aber sie wußte gleich, wer es war.

*

Himmlischer Vater, in was für eine Winzigkeit von Zeit hattest du alle Entscheidung zusammengedrängt!

Da stand sie in ihrer Schwäche; die Glieder zerrannen ihr, nicht einmal vor Glück! Warum sank sie aber um vor Schwäche, als ob alles Übermaß der vier Jahre sie in dem Augenblick zerbräche? Weil in ihr etwas Größeres vorging, als sie aufnehmen konnte; weil sie schon wußte, daß der Mensch, den sie in diesem Raum traf, der einzige Mensch war. Die ganze Vergangenheit – und die ganze Zukunft –, die stießen in ihr zusammen wie zwei Ströme und rissen sie in ihrer Vereinigung weg. Ihr war schwarz vor den Augen, dann blendend hell, und sie sah, daß er sich aufrichtete. Ihr lichtes Jackenkleid hatte den Schein des Fensters aufgefangen, und er blickte sie an, erkannte sie aber nicht. Nach einer Sekunde wandte er seinen Blick, nahm seinen Hut und stand auf.

Was sollte jetzt geschehn? Einen fremden Mann ansprechen sie, Cara Monthiver, ein Mädchen? Und mit welchen Worten? Ihr Kopf brauste – dann eine stimmlose Frage: Bitte – kennen Sie mich nicht? Ein fremder Mann hier – und da der gesamte Hochmut von Geburt und eigener Leistung, von Freiheit hier und Mädchentum da. Und wenn er sich weigerte, dich zu erkennen, was dann? Wie ihn an eine Stunde erinnern, die – na, das wäre denn doch schamlos gewesen.

Als es aber hinter ihrer Stirn völlig leer geworden war, da konnte sie wieder das ihr heilige Bildnis sehn und verstehn, daß er und sie nirgendwo in der Welt sich getroffen hatten, sondern hier. Sie war nicht am Sonntag gegangen, sondern heut. Der Augenblick der Entscheidung reichte noch, um sie den ganzen Herweg zurückgehen zu lassen und wieder sich selbst auf der Brücke zu sehn und über der Weite der Auen und des Stroms im kühlblauen Märzhimmel ein dichtes Meer weißer Lämmerwolken, die hoch oben in Gold vergingen. Sie wurden dann eins mit der Wolke von Engelsköpfen, aus der die Himmelskönigin hervortrat, ihr Kind auf dem Arm, und mir scheint, darauf wurde Cara klein und einfach genug, wie es sich auf der Erde gehört, und um eine gewöhnliche Frage zu tun, wie sie nötig ist, damit die menschlichen Dinge in Gang kommen: »Bitte – kennen wir uns nicht?« nur mit der kleinen Vertauschung des »Sie« und »wir«.

»Nein«, sagte deine Stimme nach einer Weile, »ich kann mich net besinnen.«

Lieblich tönt ein heimischer Laut im sächsischen Lande. (Schau an, dies ist ein Vers, ein Hexameter!) Langsam drehte ich mich um und zog meinen Schleier bis über das Kinn herab. War ich froh! Mit meinem Kneifer darunter solltest du mich nun gewiß nicht erkennen. Mit meinen Schultern wußte ich im Hinausgehen, daß du mir folgtest. Ich hatte das Meine getan, und bald hörte ich auch deine Stimme hinter mir, die zu mir sprach: Cara – nein, das doch nicht; sie bat nur um Erlaubnis, mit mir gehen zu dürfen, und ich habe wohl genickt, wenig liebenswürdig, wie es dazumal Caras Art war. Aber dich erfüllte noch der Anblick einer andern Gestalt.

*

O wie anders, Cara, Mädchen, war dir jetzt, als du unten aus dem Tor in die Freiheit des großes Platzes tratest, wo umher unbekannte schöne Gebäude und Glockentürme im Licht standen und weithin im Frühlingsglänzen Brücke hinter Brücke sich schwang über einen goldenen Strom, und Uferterrassen schimmerten in königlichen Bögen fernhin, zu den violetten Hügeln jenseits des Stromtales, von denen ein Lichtgewimmel himmlischer Herden den allmächtigen blauen Bogen emporzog. Wie anders als eben vorher, als du kamst und den bösen Geist mitschleppen mußtest, der dich an deinen Knieen festhalten wollte noch im Tor: die Angst vor der Lebenswende, vor dem Niemehralleinsein. Nun warst du nur ein Geschöpf und die Erfüllung der Erde und des Himmels, die sie versprochen hatten. Und nun war es eine andere Angst, die Seligkeits-Angst, ein weiblicher Mensch zu sein und voll von einer Liebe, die niemals ein Mann begreift. Und wäre sie dazu da? Ach, dann hätte wohl jeder sie von Caras Mund ablesen können, wie sie jetzt neben dir ging – dir, der Cara nicht einmal wiedererkannte.

Nein, das Kind von damals konntest du wirklich nicht erkennen, auch wenn es nicht um vier Jahre älter geworden wäre und mit Damenhaftigkeit bekleidet und einem blauen Schleier. Neben dir gehend sah ich mich plötzlich im Spiegel, wie er morgens im Badezimmer bei einer Bewegung mein Gesicht mir zuwarf; da erschreckte die Härte des glasklaren Auges mich selbst, mehr noch als die Schärfe der Nase und abgemagerter Wangen, die ganze Willensverhärtung des anmutarmen Gesichts, bis in die Entschlossenheit des verbreiterten Kinns. Meine einzige Rettung war nun der Schleier, daß ich nicht doppelt so hübsch geworden war, wie ich älter und häßlicher geworden. Aber das Geheimnis unserer ersten Begegnung solltest du mir nicht mit glühenden Zangen entreißen!

So gingen wir die Uferstraße zusammen, ich so erleichtert, um nicht zu sagen leicht, und zugleich so gebunden, neben deinem langsamen ruhigen Schritt. Nun war deine tiefe Stimme auch mein, und mein wurde auch dein Gang und die Haltung, die weder einen Stock brauchte wie die andern Mannsbilder, noch Taschen, um die Hände unterzubringen, Hände, die nichts mehr hervorbringen, sie wissen kaum, wozu sie da sind. Aber die deinen hingen so ruhig frei, wie du deinen Kopf auf dem geraden Leibe trugst, nicht vornüber, nicht hintenüber, einfach gerade und vorausschauend, die menschenmögliche Ruhe von oben bis unten, die auch aus dem leise schimmernden Auge blickte. Ja, nun verkläre ich wohl doch? Warum soll ich mal nicht? Aber ich male auch nur mit Liebe genau, so wie Raffael gemalt hat und van Eyck, und wie alle gemalt haben, die nicht ihre Malerei lieben, sondern das, was sie malen. Beiläufig warst du sonst unhold genug mit deiner verdrückten Nase und dem Stoppelkinn seit Sonntag, und dein Schlips hing vorn über die Weste, und dein Anzug war grün und zerknittert von der Nachtfahrt von München bis Cara.

Fern genug von der Stadt, irgendwo in dem weiten Wiesengelände des Stromufers stand eine Bank, bei der wir anlangten. Weißt du noch? Der Grasboden war noch überall dunkel, doch schauten einzeln weiße Tausendschönchen hervor, auf ganz kurzen Stielchen mit fast roten Blüten, wie auf schüchtern gebogenen Hälslein. Auch die gelben kleinen Lattichblüten bebten im leichten Wind des April; auf der Insel im Strom schimmerte das erste grüne Gesträuch, die hohen Pappeln standen kahl vor der großen Himmelsbewegung im überall blau durchbrochenen Weiß des Gewölks ... und oh, der reine Atem der Lüfte!

Aber du sahest das alles ebensowenig wie mich, obgleich du gradesitzend, die Hände auf den Knieen, hineinschautest; vor deinen Augen war noch immer ein anderes Bild. Dann streifte dein Blick zu mir hin; und jetzt, die Ellbogen auf den Knieen, schlugst du mit heftig gefalteten Händen zweimal. Schließlich kamen aus deiner Sprachlosigkeit nur wieder die ersten Worte:

»Ich kann mich net besinnen.«

Dann fügtest du hinzu: »Haben denn Sie mir dies zugeschickt?«

Das bunte kleine Blatt, das du aus der Tasche nahmst und mir reichtest, war solch ein Bildchen, wie es die Missionare verteilen; ein Brustbild der Madonna Raffaels, mit dem Namen darunter in winziger Schrift und der Angabe Dresden; und im freien Raum darunter stand das Mariengebet in englischer Sprache.

Ich bewegte nur leise den Kopf, und du sagtest:

»Warum sitzen wir dann hier zusammen?«

Du mußtest es fragen, ich wußte es wohl; blieb aber still.

Den Kopf in die Hand gestützt, fingest du bald darauf an zu sprechen, mit deiner ruhigen tiefen Stimme:

 

»Am vorgestrigen Abend ist das gewesen, in München, wo ich daheim bin, als Student; aber ich bin auch Schreiner.

»Mir ists net gut gegangen zuletzt, net wegen äußerer Not, sondern innen. Hab kein Weg mehr gesehn, net gewußt, zu was ich da bin, nur mein Tagwerk geleistet. Das Leben ist gestockt.

»Die Werkstatt ist außen gelegen vor der Stadt – so ein großer Hof mit drei Seiten, lauter Werkstätten und Remisen, Schuppen und außerhalb nur die Wiesen.

»Wie der Lehrbub, der letzte, schon aufgeräumt hat, bin ich allein geblieben; hab noch Klingen zu schleifen gehabt, Hobel und Meißel, net in der Schleiferei. Meine Klingen hab ich mir selber geschliffen; da war ein Drehstein zum Treten, ein alter, unter dem Vordach, den hat sonst keiner benutzt.

»Da tret ich also mein Rad – ist bereits dunkel geworden und Nebel über den Wiesen. Alsdann kommt ein Mann aus der Ferne her, kommt bis zu mir und schaut mir zu, was ich da mach. Einen Mantel hat der angehabt und den Kragen hoch, auch den Hut in der Stirn; hat aber freundlich gegrüßt. Und wie ich bereits fertig bin, sagt er, daß er da eine Gelegenheit hat, sein Messer zu schärfen – und gibt mirs schon, indem daß er den Mantel aufknöpft – wenn ich so gut sein will.

»Ich schau mirs an – so ein festes Messer mit einer Scheide, der Griff aber schwarz mit Metallringen, der war exotisch. Der Klingenrücken ist auch breiter gewesen als unsre Solinger Messer, und er sagt – wie ich da fast im Dunkel den Stahl ausschleif, der ganz schartig ist – sagt er, es ist ein Negermesser, Rhinozeroshaut, und er erklärt mirs, daß es lauter kleine Scheiben sind, auf eine Stange geschoben und gepreßt, also holzhart.

»Die Stimme ist weich gewesen von dem Mann, in unserer Mundart, aber mehr fränkisch. Und wie ich dann fertig bin, hat er sich bedankt und noch zugeschaut, bis ich aufgeräumt hab und das Licht in der Werkstatt gelöscht, und ich hab ihn auf die Straßen gebracht – da ist er gegangen.

»Vorgestern ist das gewesen. Alsdann – gestern in der Früh, geht mir eine Hobelklinge ab; endlich, wie ich sie draußen beim Wetzstein such, liegt sie da – und daneben das Bildl – das hier. Das hat der Mann aus seiner Taschen verloren, muß ich mir sagen.

»Am Mittag komm ich dazu, wie einer an einer Litfaßsäule einen roten Zettel anklebt. Darauf ist ein Mord angezeigt, den einer verübt hat an seiner Frau. Ein Mann ist aus Afrika gekommen, hat die Frau beim andern gefunden – hat sie erstochen. Wie der beschrieben ist – und das Messer, ich hab den wohl erkannt.

»Alsdann – das war ja zu sehn: einem Mörder hab ich sein Messer geschliffen.«

Du schwiegst; ich sagte leise: »Und er hatte das Bild in seiner Tasche.«

Da lächeltest du ein wenig und sagtest: »Ihm hat es net geholfen.«

Dann sprachst du weiter und sagtest:

»Wie mir ist zumut gewesen, das ist einfach zu sagen. Ich bin so heruntergekommen bereits; grad gut bin ich gewesen, einem Mörder das Messer zu schleifen. Das war mein Platz unter den Menschen.«

Cara konnte nicht sprechen.

*

Doch richtetest du dich auf und fingst von neuem an; und aus der Verdunkelung deines Auges kam ein langsames Leuchten auf, das endlich stet wurde – ein Licht:

»Meine Arbeit am gestrigen Tag hab ich ohne Besinnung geleistet. Das kleine Bild ist mir dabei im Weg gewesen immerfort; hab das wohl auf die Hobelbank gelegt gehabt – da muß ich es wegnehmen, wenn ich ein Arbeitsstück aufleg, und legs auf ein anderes Stück; wie ich das hernehm, flatterts am Boden hin, daß ich es aufheben muß – und so immer wieder. Wie ich fortgeh zuletzt auf die Nacht, liegt es wieder da zwischen den Spänen, und ich nehms auf und schau mir das an. Englisch versteh ich net, aber daß es das Gebet ist, kann ich leicht raten. Und alsdann – auf einmal – les ich Dresden, wie unter einem Brennglas, ganz groß. Pfeilgrad zum Bahnhof bin ich gegangen.«

Du lächeltest, schwiegst wieder und sagtest:

»Von Raffael das Bild – das hab ich ja oft gesehn, und wer kennt das net? – auf Stubenwänden, in Mappen. Auch Maler sind mir bekannt – wenn das Bild vorgekommen ist beim Blättern und Anschaun, so gingen sie drüber hin. Einmal – ein Mädchen hat das gesagt: Das Kind hat so tiefe Augen. Und einer hat die Antwort gegeben: Volksruhm – der ist schwer zum Ergründen. – Mir hats auch nix gesagt.

»Jetzt – wie ich da eintret, sehe ich gleich das Bild, wie mir das schon bekannt ist, nur halt größer – die Madonna, wie sie da schwebt, und auch das tiefäugige Kind und die beiden Anbeter – alles ist dagewesen.

»Einen Augenblick hat das gedauert. Darauf geschieht etwas – das kann ich noch net begreifen.

»Von der linken Seite her hat sich ein anderes Bild geschoben, über das Bild, was da war. Und es hat eine Zeit gedauert, während die Bilder sich überdeckten, daß es geflimmert hat vor meinen Augen – bis das erste Bild aufgelöst worden ist und in die Luft hin.

»An seiner Statt – da ragte das andre Bild; und das ist das wahre gewesen. Das war net gemalen; das war da, in einer Kraft, net zum sagen. Und das war ein einziges Schweben, in einer solchen Höhe, daß ich dagesessen habe, und in mir sind die Worte gesprochen:

»Ich elender Sünder.

»So ist das gewesen. Dazu bin ich hergekommen. Denn das ist lang her, daß ich in einer Kirche gewesen bin; und die Worte hab ich net hergestellt, die kamen von selbst aus der Wahrheit, daß diese Jungfrau so hoch war und eine solche Majestät – und in der Tiefe war ich.

»Ich elender Sünder – das hab ich gedacht, und das war nicht eine Zerknirschung; das war eine große Erlösung.«

*

Ebener, du schwiegst; und heute erst, wo du diese Blätter liesest, weißt du, was damals in mir vorging. Denn erst aus diesen Blättern hast du erfahren, was für eine Bedeutung die Madonna für mich selbst hatte. Hast du dich gewundert beim Lesen und dich gefragt, warum ich es dir geheimhielt? Nun, Lieber, erinnere dich: Damals, als du gesprochen hattest, konnte ich da sagen: Mir ist auch etwas begegnet – oder dergleichen? Das war doch unmöglich. Ich hatte übrigens auch gar nicht das Verlangen danach. Mir war es genug, zu wissen, daß die Madonna uns beide vereinigt hatte, jeden auf seine Weise, doch in der gleichen, unirdischen Tiefe. Das war wirklich so viel – ich weiß, daß ich aufgestanden bin und mit blindnassen Augen in die verschwimmende Weite gradeaus gegangen bin bis an das Ufer des Stromes. Da kreisten die kleinen gelben Wirbel heran, und weiterhin die stilleren Strudel gingen um sich selbst in der gewaltigen wandernden Fläche; und die machte es dann wohl wieder eben in mir – das dreifache Glück: daß ich dich wiederfand, und an welcher Stelle der Welt, und in welcher Erschütterung.

Mein Geheimnis behielt ich, und ich habe dafür nicht gewußt, daß meine Gestalt auf der dunklen Wiese für dich auch eine Lichterscheinung war; und daß Caras fortwandelnde Gestalt dir verlockender aufging als Caras verhärtetes und verschleiertes Antlitz.

Später im Leben hast du nie mehr von deiner Stunde vor dem Bilde gesprochen, und ich fand niemals den Anfang, um von der meinen zu sprechen. Nun, es ist auch richtig, daß jeder Mensch sein eigenes Geheimnis hat. Es ist mir auch jetzt, als ich es dich wissen ließ, einen Augenblick vorgekommen, als ginge mir etwas verloren. Aber durfte ich es hier, wo ich von dir soviel sage, dir verschweigen?

Nun weißt du es also. Liebster, daß uns die Madonna getraut hat und daß mir deshalb die zweite Trauung nicht so wichtig wurde, wie sie eigentlich hätte sein sollen. Aber – o Gott, so weit sind wir noch nicht!

Sondern Cara kommt erst über die Winterwiese zurück, nachdem sie es gewagt hat, ihren Schleier emporzuschieben und ihre Gläser abzunehmen. Denn der Mittag ist warm geworden, und sie fühlt ihre Wangen gerötet, und sie will es nun darauf ankommen lassen und jedenfalls jetzt hübsch sein. Erst beim Näherkommen erkannte sie, daß du mit ausgebreiteten Armen saßest, die freilich auf der Banklehne ruhten; aber um nicht hineinzugehen, bog sie zur Seite und blieb stehen, abgewandt, als du jetzt kamst, und sie sagte, daß sie jetzt heimgehen müsse. (Ich weiß nicht, warum ich das sagte, denn ich war Herr meiner Zeit.) Und so wie sie den Weg hergegangen ist, folgsam, neben deiner Einsilbigkeit, so ging sie ihn nun zurück. Erst als wir uns der Augustusbrücke näherten, tatest du deinen Mund auf und sagtest: du glaubtest, in einem Unrecht gegen mich zu sein, daß du mich nicht erkennen könntest. Zu fragen wagtest du nicht mehr, hofftest aber, ich würde dir noch Zeit geben, der Erinnerung aufzuhelfen. Nur, setztest du hinzu, müßte es noch heute sein, denn du müßtest am Abend zurückfahren.

Ich glaube, das war der Augenblick, in dem ich wußte, daß ich dich liebe. Das Wort Rückfahrt zerschnitt mich in zwei Stücke, und obwohl ich jetzt müde zum Umsinken war und nur in einem Dunkel zu liegen verlangte, machte ich mit dir aus, daß du mich in zwei Stunden vor dem Hause erwarten würdest. Und dann habe ich in diesen zwei Stunden geschlafen, so rein und tief und erquicklich wie sonst in keiner ganzen Nacht. Da war es Morgen, als ich ganz neues Mädchen aus der Tür in die helle Nachmittagssonne und gerade vor dich hintrat. Du schienst gar nicht von der Stelle gewichen und gabst auch auf meine erschrockene Frage nach deinem Mittagessen fröhlich zu, nur ein Stück Brot gegessen zu haben, und du wärest die ganze Zeit vor meiner Tür hergegangen, was aber nicht wahr war, denn die Stoppeln an deinem Kinn waren verschwunden.

Wir sind dann in der Wärme des guten Tags und in der Unbedürftigkeit oder Einfalt der Liebenden, die nichts brauchen als sich selbst, den Weg des Vormittags stillschweigend zurückgegangen, zu der gleichen vereinsamten Bank, der äußersten in den Uferwiesen. Menschen kamen selten in unsere Nähe; eine Kinderschar trieb eine Zeitlang ihr Spiel am Ufer – die Rufe und das Lachen verhallten unter dem Himmel. Nun senkte sich die Sonne zu unserer Linken den westlichen Hügeln zu; auf ihren dunkelvioletten, zartgrün getupften Rücken lagen einzelne weiße Wolken, die sich nicht bewegten; stille Brüder und Schwestern, die uns im Auge hatten, obschon sie nicht nach uns sahn.

Mein Geliebter, mein Mann – zehn Jahre ist das nun her! Was wir damals waren, ist noch unvergangen in uns, doch können wir es heute sehn, wie wir es damals nicht konnten. Wir können nun hinter diese beiden treten, die dort beieinandersitzen, einsame dunkle Gestalten, die nichts bedürfen als den Himmel, der sie bescheint. Wir können hören, was sie nun sprechen werden, wir können in ihrem Innern auch das noch zitternde, furchtsame Wesen sehn, den Anfang und das Unaufhaltsame, das sie einander nähert, ängstlicher und drängender nah mit jeder Frage und jeder Antwort, ob sie gleich ruhig nebeneinandersitzen.

So ruhig, wie nun eine tiefe geliebte Stimme spricht:

»Da gehn wir umher – und suchen viel in der Welt, einsam und nächtig. Aber zuweilen – an einem fremden Strom am Mittag – treffen sich zwei in der Fremde ...«

Dein Mund lächelte; dein Auge spähte still gradeaus, und du sagtest: »Net wahr, Sie kommen auch aus dem Süden herauf? Und was tun Sie dahier?«

Caras helle Stimme erwidert darauf in ihrer damals wegwerfenden Art: daß sie Säuglingspflege und Geburtshülfe lerne – und etwas Mathematik.

Darauf ein Schweigen. Über Geburtshülfe führt kein Weg ins Gespräch, und du sagtest:

»Mathematik. So – Mathematik. Alsdann – ich hab gemeint, die ist vom Teufel.«

Antwortete Cara empört, wie ein Mensch etwas so Dummes glauben könnte, und Ebener fragte: »Warum ist es dumm?«

»Weil der Teufel noch nie was gemacht hat. Weil er sich nur einer Sache bemächtigen kann.« Und du sagtest: »Schon recht. Alsdann sind das die Mauren gewesen, die haben die Algebra erdacht, die Ungläubigen –« sagtest du und lachtest, aber dann fragtest du, ob ich es dann so verstehn wollte, daß die Mathematik auch von Gott sei.

Fragte Cara dagegen: »Was ist von ihm nicht?«

Ebener schwieg. Er sagte: »Ich habe das auch geglaubt. Dann habe ich es vergessen. Aber nun die Madonna – da hat er, scheints, noch einmal die Hand gelenkt, und es ist eine Wahrheit geworden.«

Cara sagte: »Ich weiß.« Dann sprach sie eilig weiter: »Mathematik – die Menschen sagen: das ist die reine Zahl. Aber es ist net wahr; es ist bloß schwer zu erkennen.«

In ihrem Eifer sah sie ihn dringlich an, senkte aber rasch ihr Gesicht, als sie ihn sagen hörte: »Ich habe Sie ja auch nicht erkannt.« Und sie konnte nichts erwidern.

*

Ebener sprang plötzlich auf, streckte die Arme von sich und sagte mit einer dröhnenden Stimme:

»Wer das wieder könnte! Wieder alles das abstreifen, was sich drübergehängt hat – was die Menschen reden, was die Wissenschaft redet –« Er brach ab und setzte sich dicht neben Cara und sagte mit einem sarkastischen Mundwinkel, der aber nicht echt war:

»Stimme eines Predigers in der Wüste – ich bin die Wüste.«

Und da ich trotzdem nicht anfing, so tatest du es und sagtest:

»Die reine Zahl – die ist ja net immer gewesen. Von den Arabern ist sie gekommen – und was ist vorher gewesen bei uns?«

Ich sagte: »Geometrie.«

»Die ist von den Feldmessern gekommen.« Du atmetest auf und sagtest: »Schaun Sie, das läßt sich fassen: da gibts Vierecke, Dreiecke, Rhomben. Da seh ich den Menschen wieder, er mißt, er baut, Pyramiden, Häuser, Tempel, alles das ist endlich. Aber die Unendlichkeit – woher ist die gekommen?«

Darauf sagte Cara: »Der Kreis ...«

»Freilich, der ist unendlich. Aber die Menschen sagen: ein mathematischer Punkt, der ist ohne Ausdehnung.«

Sagte Cara: »Und was ist doch der Kreis andres als ein Punkt, der sich überall ausgedehnt hat?«

»Überall ausgedehnt, wunderschön, und wieso hat er dann angehalten?«

Cara sagte: »Aber das ist doch der Mensch! Von Kind auf dehnt er sich aus, mit Leib und Seele und Geist, dehnt sich nach allen Seiten, nimmt immer und immer zu. Und die unendliche Gottheit auch – dehnt sich dem von allen Seiten entgegen, von außen her, bis zu dem Menschen hin.

»Von seiner Mitte her, das unendliche Wachsen, und von ringsumher, das unendliche Wachsen: wo sich die beiden begegnen, wenn wir all diese Punkte verbinden, dann gibt es einen Kreis.«

Ebener sagte: »Mädchen.«

Er stockte, zweifelte und fragte: »Woher wissen Sie dieses?«

»Von meinem Lehrer, zum Teil, und auch von mir selbst.«

»Solche Lehrer gibt es?«

Cara sagte fröstelnd: »Er ist tot.«

Ebener sprang wieder auf: »Der einzige, der es gewußt hat, nun ist der wieder gestorben! Nein – Sie wissen es auch, Sie sind am Leben – Johannes – ich elender Sünder – und dahinten sinkt die Sonne. Huflattich heißt diese gelbe Blume. Ich kenne alles, was hier wächst, und kann es mit Namen nennen – warum hab ich es vergessen?«

Danach drehtest du dich um, warfst dich auf die Bank und saßest da lange zusammengesunken; endlich erhobst du den Kopf, und deine Augen blickten mich forschend an.

»Die Parabel«, sagtest du langsam, »was die ist, das möcht ich jetzt wissen.«

Cara – ich glaube, ihr fiel der Kopf auf die Brust, wie sie innen zusammenzuckte. Denn vor langer Zeit schon war vor ihrem inneren Auge das Gesicht ihres Lehrers erschienen, die gewölbte Stirn, die blauen gewölbten Augen; und hinter seinen Zügen, die in der Luft dämmerten, schwebte groß in starken Linien das klare Kreuz der Koordinaten, und neben seinem senkrechten Balken rechts die ›leitende Linie‹ in Rot und das liegende halbe Ei der Parabelfigur, deren gebogene Kurven sich rechtshin in den unendlichen Raum verloren. Aber der Brennpunkt schimmerte darin wie das leise Gold eines Auges, und oben auf der Parabelbahn bewegte sich ein Punkt – der war, wie aus weiter Ferne gesehn, ein winziger wandernder Mensch.

Nun sagtest du: »Die Parabel«, und du setztest hinzu, weil Cara stumm blieb:

»Ich mein – die Parabel, net wie die entsteht, und daß die ein Kegelschnitt ist – das weiß ich. Wenn des aber recht ist, daß alle Dinge zwischen Mensch und Gott in der Mitte schweben und daß sie daher ihren Bestand haben – was ist dann die Parabel?«

Cara sagte darauf, indem sie zu lächeln versuchte:

»Wissen Sie auch noch, was ein Brennpunkt ist?«

Ebener nickte und sagte: »Der, wo alle Strahlen sich sammeln, also – das Auge Gottes.«

»Und die Leitlinie«, fragte Cara, »was ist das?«

»Das ist – die leitende Linie, die durch das Leben leitet, durch den Wirrwarr – die gibts, und das läßt sich denken.«

»Und nun«, sagte Cara, »nun ist auf der Bahn der Parabel jeder Punkt – immer gleich weit entfernt – von der Leitlinie und dem Brennpunkt. Was ist das?«

Ebener blickte angespannt auf die unsichtbaren Linien in ihrem Kleidschoß, die ihre Hand beim Sprechen gezogen hatte, und schwieg. Sie schöpfte noch einmal Atem und wiederholte:

»Was ist das? Ein Mensch, der – auf seinem Lebensweg – verbunden bleibt unbeirrbar – mit dem Lebens-Herzpunkt und mit der leitenden Linie. Was ist das für ein Mensch?«

Ebener lachte leicht und sagte: »Das sind Sie.«

Ihre Stirn sank vornüber; durch ein goldenes Brausen hörte sie seine Stimme sagen:

»Guter Gott, nun kann ich wieder sehn. Da seh ich Sie wieder gehn, wie heute morgen zum Ufer hin.«

Caras Hand, die auf ihrem Knie lag, zitterte zweimal heftig und ein drittes Mal; sie wollte schon die andere nehmen, um sie zu halten, diese, die damals eine Mädchenhand war, schmal und noch durchsichtig und unwissend, daß sie mit jedem Fingerglied und jedem Knöchel eine Lockung ihrer Hülflosigkeit war. Dann legte seine Hand sich hinein, und alle Finger schlossen sich ineinander.

Ihre Augen schlossen sich auch; durch ihren ganzen Leib rieselte Himmel, und sie hörte ihn sagen:

»Nun kann ich wieder atmen.«

Wieder kam nach einer Zeit seine Stimme:

»Nun will ich etwas zeichnen.

»Dieses«, sagte er, und sie sah mit kaum offenen Augen seine andere Hand, die den Finger auf ihre beiden Knie setzte: »dieses sind zwei Brennpunkte. Da ziehe ich rund umher die Bahn der Ellipse.

»Es sind die Pole der einen und ewigen Spannung, die mit Anziehn und mit Widerstreben das All in der Schwebe hält. Und zu jedem Punkt auf der Bahn der Ellipse – ist die Summe ihrer Entfernungen – immer gleich weit.

»Zwei Wesen – sie sind nicht gleich, nein, sie sind sehr verschieden. Aber sie können vereint in ihren Kräften schweben – und wie sie auch stehn zueinander, ob nah oder fern: die Summe ihrer Entfernungen – von dem Einen Punkt, die ist immer die gleiche. Was ist das?«

Cara konnte nicht sprechen. Nach einer unendlichen Blindheit, wo rieselndes Licht in all ihren Adern zu einer brennenden Angst wurde, hob sie ihr Gesicht unter das seine empor und sah in seine Augen. Sie sah ihn zum zweitenmal an.

Da war alles Liebe. Und da wurde ihr Gesicht durchlässig vor seinen Augen, und ein ganz andres Gesicht schob sich über das ihm bekannte, das vier Jahre jüngere Gesicht, das wahre Gesicht. Und zu ihm sagtest du aus der Tiefe der Brust: »Ach – du bist es!«

*

Wiedererkannt – oh, wiedererkannt zu werden vom sehenden Auge der Liebe! Jetzt nur blind sein, nur noch Mund sein, Lippen, die in Lippen zerschmelzen und das Wort Du sprechen, so daß endlich das Ich aufhört und jeder zu seinem Du wird.

Eine Stirn liegt auf meinen Knieen, meine Hände liegen in fremdem Haar, und Brust und Schoß zitterten von Gesang. Das war im Pappelgezweig die ferne Stimme der Amsel. Das waren die Wolken, die sich von den Hügeln erhoben und uns allein ließen. Das war der versinkende Gott des Lichts, der uns der Nacht überließ. Das war der erste zitternde Stern und die dunkle Erde, die vom Winter noch hart und bitter war und sich eben in kleinen weißen Blumen versüßte. Das war der große Strom, der an unserer Insel vorüberrauschte. Und eine Stimme sprach: »Cara!

»Ich habe dich gesucht auf allen meinen Wegen. Es war nicht Weisheit, nicht Wissen, nicht Gott. Denn den findet keiner, der nicht erst einen Menschen fand. Dein Anschaun, du Geliebte, dein Anschaun!

»Du hast mich sehen gelehrt. Du hast mich atmen gelehrt. Du hast mein Herz –« Du verstummtest und fandest die Worte nicht und wiederholtest daher nur diese: »Du hast mein Herz, du hast mein Herz.«

Ich hatte meine Botschaft abgeliefert – du hattest sie angenommen. Als es Nacht geworden war und wir uns in den Armen lagen, im Taumel der Küsse, und als du sagtest: »Wir werden uns nie mehr trennen, nicht eine Stunde!« da stand Caras Atem einen Augenblick still. Aber Willen hatte sie keinen mehr, und sie erwiderte nichts und legte die Stirn an deine Schulter.

*

Wir fuhren die Nacht durch nach Süden, und als die trübe Lampe über uns erlosch und hinter den bleichen Scheiben das Morgen-Blau aufging über den Ebenen der Donau, waren wir schon sehr miteinander vertraut. Dann fuhren wir weiter an deinen großen See, der dich als Knaben vom Tode begnadigt hatte, und Cara schauderte, als du sie im Boot über die Stelle rudertest. Aus der Stille des Sees wanderten wir in die weite Stille des Landes, wo die Berge noch im Schnee glänzten, aber die graugelben Wiesen schon leise von Schneeglöckchen wehten. Im Walde schwebten kleine Scharen von Anemonen rosigweiß über dem braunen Vorjahrslaub unter den kahlen Buchen, während im Tannenschatten noch bleiche Schneestreifen lagen; und von den hohen Fichten, unter denen wir gingen, löste oft unser Schritt große weiße Kissen, die lautlos fielen. O das keimende Jahr, so süß und so kühl! O unser blausilberner Tag, zärtlich sinternde Wärme voller Verheißungen, und Meisengezwitscher im stillen Wald, und du, Abgrund der Nacht, in der nur der Brunnen unter dem Fenster rauschte.

In jenen Tagen, Ebener, bist du nicht wieder zum Knaben geworden, so knabenhaft jung du warst. Aber die falsche Schlacke fiel ab, und neu, aber anders fest, wurde der alte Glaube an das, was wahr ist, und an den gewissen Ursprung der Dinge. In jenen Tagen ist auch Cara nicht wieder sechzehn geworden; aber die knöcherne Maske fiel von ihrem Gesicht, und es wurde wieder weich, willenlos offen nur dem Willen der Liebe, selig ihn zu erfüllen und durch die Erfüllung erst beseligt zu werden. In jenen Tagen sah ich allmorgendlich das gleiche Spiel beginnen: vor der Tür des Hofes im Dorf setztest du dich auf die Bank in der Sonne, stecktest deine Pfeife in Brand und sagtest: »Nun laß ich die Kinder zu mir kommen.« Weit und breit war da kein Bein von Kindern zu sehn. Auf einmal stand eins da, hatte den Finger im Mund und starrte dich an. Auf einmal waren es drei – und nicht fünf Minuten vergingen, so saß eines links von dir, eines rechts, und vor dir stand ein Halbkreis. Mitunter konnte ich aus dem Fenster zuhören. Ein Junge prahlte mit einer Heldentat, die er ausgerichtet, und du hörtest sachlich zu, nahmst die Pfeife in die Hand und sagtest nicht, daß er gelogen hatte. Du erzähltest ganz ruhig beinah dieselbe Geschichte, nur daß sie noch viel großartiger war – und so immer weiter: aus trocknem Munde kamen so ungeheure Lügen hervor, daß die Balken sich über mir bogen und mir der Mund offen blieb. Aber nur auf diese Weise machtest du Prahler zuschanden: du logst unüberbietbar. Und die Kinder wollten sich totlachen.

Konnte wohl irgendein Mensch, der dich so wie ich im Umgang mit Kindern gesehn hatte, konnte der verstehn, daß du nicht Schullehrer geworden warst? Was konnte ich jedenfalls anderes sagen, als du dich eines Tages vor mich hinstelltest, mit halbem Lachen und der verzweifelten Frage: »Was soll nun aus mir werden?«

Was sollte aus dir werden? Ein Examen hattest du nicht, vier Jahre des Lernens hatten keine Kenntnisse eingebracht, die für einen Beruf nützten, und den Weg zum Geistlichen versperrte nunmehr Cara. Du selber hattest kein Verlangen als Mathematik von ihr zu lernen, noch einmal von Anfang herauf den ganzen Weg der Zahlen zu gehen, Auge in Auge und Mund zu Mund mit einem Menschen, so daß noch in die letzte Abgestorbenheit der Erdferne, in die dünne Eisesluft am Pol der Zahl noch der warme menschliche Quell pulste und im geschliffenen Kristall höchster Reine noch der Hauch eines menschlichen Mundes hing. Das hat uns die Schicksalsgüte in den langen Jahren erfüllt, wenn auch das Werk ›Über die geschlossenen Formen der Geometrie‹, wie es scheint, ein biblisches Leben verlangt, um fertig zu werden.

Nun aber – wovon leben? Die Lust am Handwerk war für geraume Zeit an dem Abend erstorben, als du einem Unbekannten das Messer schliffest; und wirklich, zum Handwerksmeister warst du nicht geboren, obwohl es keinen Unterschied der Stände für dich gab und jedermann zu dir immer sprach, als wärest du seinesgleichen. Dafür warst du ein Sonntagskind, daß du jede Sprache verstehen und reden konntest, die des zahnlosen alten Wurzelweibes so gut wie noch zahnloser Kindlein. Ach, dies dein kostbarstes Gut, Ebener, die selbstverständliche Freiheit, zu sein, du selber zu sein und doch jedermannsgleichen – wie dich Cara darum beneidet, die nach heißem Bemühn so vieler Jahre die angeborene Fremdheit und Überlegenheit ihrer Herkunft nicht hat abstreifen können. Und in diesem deinem Besten das Allerbeste: dein Umgang mit den Kindern, auf dem Goldgrund der Überzeugung, daß Kinder Glückliche sind. Daß man Kindern also nichts geben kann, sondern nur von ihnen empfangen. Daß man sie freilich lenken muß, weil sie unwissend sind in der Realität, und sie auch nicht mit Strafen verschonen darf, damit sie die Befriedigung des Wiedergutseins empfinden. »Wenn du zu Kindern gehst, ziehe dich in dich selbst zurück; lasse sie zu dir kommen, strebe nicht, ihnen etwas zu sein – sie brauchen es gar nicht. Deine Größe stört sie vielmehr und deine Ahnungslosigkeit in ihrer Welt, und sie haben eine Menge Mißtrauen zu überwinden. Darum tu, als wärest du allein, locke sie eher durch Gleichgültigkeit an, dann werden sie um so eher glauben, daß du etwas hast. Und vor allem: sei nie überlegen!«

Wie ich dir aber den Vorschlag machte, Lehrer zu werden, warst du sprachlos. Dann wolltest du dich totlachen und sagtest: »Dees is g'feit« und »I – Schulmoasta soll i wern – ja gibts denn dees a?« Als du mich ernst bleiben sahest, brachtest du allen Ernstes den Gegengrund auf: daß man aus einer natürlichen Gabe keinen Beruf machen dürfe, was der Augenscheinlichkeit des Lebens denn doch allzusehr widersprach. Gab es vielmehr eine schönere Lösung als diese, eines Berufes aus angeborener Begabung, der dir auch so viel freie Zeit lassen würde, die meisten Nachmittage im Jahr und die langen Sommerferien, zumal auf dem Land? »Wenn es glückt, auf ein Dorf zu kommen«, meintest du zweifelnd. Ja, darauf kam es an.

*

Den Verlauf der nächsten drei Jahre darf ich wohl abgekürzt wiedergeben. Den Lehrgang von eigentlich zwei Jahren half deine Bildung in anderthalb Jahren zu bewältigen – mit Cara als Einpauker, denn das Einprägen von Lernstoff blieb einmal deine Achillesferse. Auf Regensburg, wohin wir Mutters wegen gingen – denn ich mußte, damit wir zusammenbleiben konnten, eine Stelle in einer Klinik annehmen, was ich Mama und den Verwandten in München nicht antun konnte – und sie hat später die Mitteilungen meiner Verlobung und Heirat unbeantwortet gelassen – auf Regensburg folgte Fürth, die anderthalb grauen Jahre, wo du in der untersten Klasse einer großen Schule nach dem Schema unterrichten mußtest, dazu Kinder, die keine Glücklichen mehr waren, Kinder von Hörigen des Kapitals, vergiftet von ihrer Umwelt; und Kinder eines Elends oft, in dem ich mit wankenden Knieen umherging und nicht glauben wollte, was meine Augen sahn.

Du nähmest es als dir zugewiesene Aufgabe an und glaubtest aushalten zu müssen, so krank du schon warst von Heimweh nach den Bergen und nach einer Arbeit, die Früchte trüge, während dich hier die Aussichtslosigkeit lähmte, daß die gefrorenen kleinen Seelenblüten, die in deiner Wärme eben aufgetaut waren, nicht unter der nächsten Hand rettungslos eingingen, die sich eisig darüberlegte. Trotzdem, Lieber – heute darf ich es gestehn –, wenn Cara es war, die den eigenmächtigen Schritt zu deiner Befreiung getan hat: sie hat ihn ebensoviel um ihrer selbst willen getan.

Schau, ich will gar nicht reden von den Schwierigkeiten und Häßlichkeiten, die der uneheliche Zustand für sie bewirkte; da war es schon schlimmer, daß du all das wohl beklagtest oder darüber zürntest, aber niemals an die einfache Abhülfe dachtest. Das hat Cara mit der Zeit natürlich innerlich wund gemacht. Daß sie ihrer Liebe gefolgt war – das war Natur; und es wäre ihr auch nie gelungen ohne die Überzeugung, daß die Madonna uns für das Leben getraut hatte. Und auch du hattest, als du auf meinen Knieen die Ellipse maltest, Ehe gedacht und nicht Liebe. Nein, es war nicht nur die Sitte, außerhalb derer ich leben mußte; ich war zur Liebe da – aber nicht zur Geliebten, und ich habe von Anfang an geglaubt, du müßtest es wissen, daß Cara nur als Frau leben konnte mit einem Mann. Anscheinend wußtest du es also nicht, und – nun, es war ja nicht schlimm und nahm dann auch ein Ende.

Eigentlich war das Schlimmste, daß ich mich in dem Brief, den ich der Einfachheit halber an den Unterrichtsminister schrieb, um ihn für dich um Versetzung an eine ländliche Stelle zu bitten, mit deinem Namen unterzeichnete. Kannst du dich noch erinnern, wie sein freundlicher Antwortbrief kam und ich beim Lesen erblaßte und ihn dir nicht gezeigt habe, sondern auf die Straße gelaufen bin und am Abend erst wieder zu dir kam? Dieser Brief, der dich an die Stelle des im gleichen Augenblick verstorbenen Lehrers in Ackersdorf versetzte? Und kannst du nun verstehen, weshalb ich in so übermäßige Tränen ausbrach, als du ruhig sagtest, nun könnten wir wohl heiraten?

Und nun begann unser Tag.

Schade eigentlich, daß unser guter Schulrat diese Zeilen nicht zu lesen bekommt; er verlangte immer nach einer Darstellung deiner Unterrichts-Methode, von der du behauptetest, daß es sie gar nicht gebe; hier sei also beschrieben, wie sie zustande kam.

Das Schulzimmer – Gott, wenn ich daran denke! Es lag im Gemeindehaus und war so klein, daß nur die Hälfte der Kinder sitzen konnte, die übrigen mußten stehn. Es kamen ja aus vier Dörfern und einer Unmenge von Weilern und Einödhöfen über vierzig zusammen. Ein altes Weib hatte es zu säubern, eine Riesin von Wuchs – aber sie tat es nicht, wollte ihre Kräfte wohl sparen. Gegen Abend kamen wir an, und wir dachten im Anblick des Saustalls, mit unseren zu Berge stehenden Haaren, wenigstens die jahrelang ungeputzten Fenster zu säubern. Aber dann sagtest du: »Lassen wir das!« und: »Das machen morgen die Kinder.« Also begann die Schule für sie mit dem Reinigungsfest, das sie veranstalten durften – du lieber Gott, wie ich heute noch in dem undurchdringlichen Nebel von Staub die lachenden roten Gesichter sehe, und die Elfjährige, die schwach von Verstand war, aber mit unerbittlichem stummem Fleiß auf ihren Knieen lag und Diele um Diele blank scheuerte, mit einem Blick der Ergebenheit, wenn sie zu dir aufsah, den ich nie vergesse. Dies Hallo und Gejuchz und Gesinge, diese geschleppten Eimer und Wasserfluten und die ins Freie getragenen Bänke, die sachverständig mit eisernen Bürsten geschabt und himmelblau angestrichen wurden. Drei Tage dauerte das Fest – und als der Fußboden tannengrün, die Wände lichtgelb und die klaren Fensterscheiben hinter Blumenstöcken glänzten, da wagten sie dieses Heiligtum kaum zu betreten und sahen ein, daß es nur mit blinksauberen Schuhen geschehen durfte und daß die Sauberhaltung fortan ihre Pflicht war, während die Riesin sich weiter in Sparsamkeit übte. Nun, da war der Grund der Methode bereits gelegt, der natürliche Grund der Gemeinsamkeit zwischen ihnen und dir. Und sie kannten deinen Blick und deine Stimme – den Blick, der bei einer wahren Bosheit unentrinnbar gelbe Metallringe in deine Augen machte, und die Stimme, die keine Grenzen der Geduld und Ruhe kannte, wenn sie auch nur wenig erhoben Mark und Gebein durchdröhnte. Und nun ergab sich das, was mit einem gewissen Recht Methode genannt werden kann, aus der Enge des Raums. Nachgedacht hattest du nie darüber, sondern du sagtest: »Jede Methode darf nur Ergebnis der Praxis sein: selbst der besterdachten wird die Praxis so viele Anpassungen aufnötigen, daß man vernünftiger vom andern Ende angefangen hätte.« Dieses Ende war denn der Platzmangel. Aber freilich – wem außer dir hätte er eingegeben, daß die Kleineren sitzen mußten, die Größeren daher in der Ecke sich um dich sammeln, wo sie ein Stück weit belehrt wurden und das Gelernte frisch an die Kleineren weiterzugeben hatten. Du selber bliebest an deinem Tisch, beständig umdrängt von einer Schar, die fragte oder Geschriebenes vorlegte – fragen durfte immerdar jedes, soviel und sooft es wollte – und die gelobt oder verbessert, denen geholfen oder geantwortet wurde, ein ununterbrochenes Ab und Zu, Hin und Her; und der Raum war erfüllt mit einem Gesumm, das beständig im Anschwellen war, bis ein ruhig dröhnendes Ochsenbrummen deiner Stimme es sinken ließ – für eine Weile. Diese Unterweisung der Jüngeren durch die Älteren nebst dem beständigen Fragen-dürfen kann also Methode genannt werden. Ich meinerseits nenne es eine Anstrengung, und zwar eine aufreibende, für einen, der bei unaufhörlicher Ablenkung, beim unausgesetzten Wechseln von einem Gegenstand zum andern, einem Kinderverstand, einem Temperament, einer Seele, einer Fassungskraft zur andern, doch nie die Geduld verliert. Und das Mittel, den Geist der Verträglichkeit zu erzeugen, der alles durchdringt, wenn er auch nicht immer herrscht – nun, das Mittel kann auch ein anderer haben, aber lernen läßt es sich kaum. Wenn ich noch sage, daß der Unterricht, sowie die Witterung es ermöglichte, in der Sonne auf der Wiese stattfand oder im Schatten des Obstgartens oder auf Wanderungen durch Land und Wald; und daß Gemüse gebaut, ein Steingarten angelegt und, von allem das Beste, ein Orchester gebildet wurde, in dem auch die Jüngsten mit Flöte, Triangel und Trommel ihre Stimme bekamen, so habe ich so viel gesagt, wie auf diesen Blättern sich sagen läßt.

*

Im dritten Jahr war Ebeners Stellung in der Gemeinde so gefestigt, daß sie ihm mit fiskalischem Zuschuß und nach seinen Plänen das neue Schulhaus baute, dessen schöne helle Wohnräume uns nach den winzigen dunklen Käfterchen, die wir bis dahin innehatten, sehr beglückten.

Beglückte – das waren wir, ob auch die Art deines Unterrichts dich in den ersten Jahren recht ermüdete und die erhoffte Freizeit besonders durch den vielen Musikunterricht zusammenschmolz; doch besserte es sich durch Gewöhnung. Unterdessen hatte deine Frau mit Mamas rätlicher und tätlicher Unterstützung auf gepachtetem Grund einen Gemüsegarten angelegt, auch Beerensträucher gepflanzt, von allem soviel, daß es das ganze Jahre über reichte. Bald kamen Bienen hinzu, in deren Zucht Nikolai Robin sie belehrte – nun schon den sechziger Jahren nah – und genannt von uns Onkel Bien, wie Ebener einst beim Sprechenlernen die letzte Silbe des Namens mit seinen Bienen verbunden hatte. Allmählich wuchs Ebener in alles das auch hinein, wenn auch erst nur mit Händen und Füßen beim Graben und Hacken; denn zum Überdenken und Planen fehlte die Zeit und im Kopf der Raum. Fehlte auch die Fähigkeit, ein praktisches Betreiben aus Büchern aufzufassen und die Theorie in das Leben zu übertragen; er konnte nur aus dem Tun selber lernen.

Beglückte waren wir sehr durch den Reichtum inneren Lebens – und auch das äußere war nicht arm. War das Gehalt auch klein: bei freier Wohnung und Heizung, bei dem Ertrag des Gartens und der Bienenvölker in guten Jahren und schließlich – wenn auch nur in Naturalien geschenkweise – Caras Entlohnung für Säuglingspflege und als Hebamme – soweit die steinalte ansässige es erlaubte: wir behielten noch übrig für Bücherkäufe und kleine Reisen und große Wanderungen. Liebster, und was geht über das Gespräch zweier Menschen, die sich lieben und einig sind, auch wenn sie streiten; und denen zum ewigen Gespräch die ganze Menschen- und Götterwelt sich bietet, von Indien bis Island, von den Pyramiden bis zu den Wolkenkratzern Chikagos, von den großen Propheten bis zum großen Goethe und von Hofmannsthal bis Homer. So mußte die unendliche Ellipse des Weltalls um unsere sinnenden Herzen schwingen, und immer waren zu jedem Punkt unserer Welt unser beider Entfernungen verschieden, aber die Summe gleich. Und das gemeinsame Lesen der heiligen und unheiligen Bücher, und wie sich nun auch Caras Lernjahre in den alten Sprachen mit ihrer immerhin exakteren Kenntnis nützlich erwiesen und nun aus Gestrüpp und Dickicht von Grammatik und Syntax, worin auch sie die Bäume kaum hatte sehen können, die hohen Gewaltigen traten, die Dichter selbst, und die strahlende Schar ihrer Geschöpfe – Götter, Halbgötter und Menschen – die unsterblichen Träume der Menschheit: alle zu zweit zu lieben, zu zweit anzuschauen, zu zweit zu deuten und ihre Unwahrheit oder Wahrheit zu verstehn.

Ach, daß von diesem allem so wenig, daß von dem Leben selber nur ein so erbärmlicher Abglanz sich auffangen läßt, da es doch werter wäre, beschrieben zu werden als vielleicht manches auf diesen Blättern. Aber so ists mit uns Menschen: das Unzulängliche, die Mühsal, das Wollen, Versuchen, Streben, Mißlingen – das läßt sich mitteilen; aber das einfache Sein, das ruhig holde oder das schwebend leichte – davon läßt sich nur schweigen, davon läßt sich nicht sprechen – und nun erst das Glück! Wenn es noch so schwer und lange erkämpft wurde, es scheint doch darüber zu schweben; nicht emporgestiegen von unten, nein, immer sich senkend von oben, unverdient, ein Geschenk, und wie die Götter selbst ohne Verbindung mit der Mühsal des Werdens. Das Glück allein ist immer da für sich selbst, hat in sich Anfang und Ende; es kann nicht verdaut werden wie Nahrung; es schenkt sich den Menschen für eine Zeit und »schüttelt den Staub vom Gefieder und kehrt zur Sonne zurück«.

*

Nun beginne ich das letzte Kapitel.

Nach dem Tode meiner Mutter überraschte uns vor drei Jahren die Mitteilung ihres Testaments mit einer Erbschaft, die ihr selber erst kurz zuvor zugefallen war und die annähernd fünfzehntausend Mark betragen sollte. Der gute Freund, dem Mutter die Verwaltung anvertraut hatte, wußte ein gut Teil davon so vorteilhaft in einem zwanzigprozentigen Gewinn verheißenden Lombardgeschäft anzulegen, daß es just in dem Augenblick, wo wir es erhalten sollten, spurlos verschwunden war. Aber auch der sicherer angelegte Rest ergab mit seinen Zinsen einen hübschen kleinen Zuschuß; nur erschreckte uns in unserer Finanzunkenntnis die Aufgabe der Verwaltung unter dem Schatten jenes Verlustes; und wir mochten eigentlich beide kein Geld haben.

Drei Wochen danach war es ein Oktoberabend, an dem sich die Merkwürdigkeit ereignete, daß wir beide auf einer Heimfahrt von München nicht an unserer Bahnstation den Zug verließen, sondern an der davorliegenden, beide überzeugt, daß es die richtige wäre. Die Stationsgebäude ähnelten sich zwar, und es war dunkel; aber wir hatten uns schon während des Einfahrens erhoben; nun erkannten wir unseren Irrtum erst, als wir das Sperrgitter hinter uns hatten und der Zug schon wieder anfuhr.

Die Stationen liegen an jenem Bahnstreifen weit auseinander; unser Dorf war von der unsrigen anderthalb Gehstunden entfernt, von dieser falschen mochten es drei sein, falls wir nicht Richtwege fanden, was aber Nacht und Nebel erschwerten. Zu unserem Glück verdünnte sich der Nebel, als wir den Aufstieg aus dem ersten Tal begannen, und über uns erschien die Silberscheibe des Mondes, der nur wenig zu ihrer Vollendung fehlte. Es wurde hell um uns her, du glaubtest, unsere Richtung am Stande des Mondes erkennen zu können, und wir schlugen einen Wiesenweg hügelwärts ein.

Diese Gegend ist heute noch viel weniger besiedelt als die unsrige, und wir wußten es; sonderbar kam es uns doch vor, daß wir in einer unendlichen Zeit des Wanderns – durch Wald und an Wäldern her, durch Wiesentäler, an Graskuppen hin, über Bäche in tiefen Mulden – nicht ein Gehöft antrafen, geschweige einen Menschen. Nur die Rehe traten über uns aus dem Tann, sicherten und liefen den Hang hinab und ästen still. Schön war durch die Stille der Nacht dieses Gehen, das aus tiefem Dunkel der oben gestirnten engen Waldsteige immer wieder in die blaue Helle des Mondes führte. Nebelstreifen schwammen in den Senken, und wir waren endlich anderthalb Stunden gegangen, ohne daß wir jetzt wußten, wo wir uns befanden.

Wir gingen dort unter dem Fichtenbehang eines Waldes her, der zu unserer Rechten hügelan stieg, während links von uns Wiesenhänge zu einem Bachtälchen sanken; und ich meinte, als jetzt ein Pfad in das Dickicht abzweigte, er würde uns auf eine Höhe mit freiem Ausblick bringen. Du folgtest, wenn auch ungläubig; und wir traten nach einigen Minuten des Steigens im Waldesfinster wieder ins Freie.

Da öffnete sich – schräg über uns ansteigend – ein weites, weites Oval von Wiese, rundum in Hochwald eingeschlossen und hell im Glanz des hinter uns stehenden Mondes. Die grauen, regelrecht gereihten Stämme zu unserer Rechten standen im großen Bogen feierlich wie eine wartende Schar von Gewappneten da. Und dann erkannten wir hoch oben ein Haus; seine kalkweiße Giebelseite schien hell mit einer Altane, die auf Pfosten ruhte und weinberankt war; hell schimmerten auch die Blätter der Reben, und zu beiden Seiten der Haustür blitzten die kleinen Fenster im Mondlicht. Der ganze Anblick im Schimmer der verschwiegenen Nacht und der Einsamkeit wirkte so, daß wir andächtig stillstanden.

Auf einmal erkannten wir, daß Gestalten dort oben waren. Die Haustür war nicht mehr geschlossen, und es stand jemand darin, hoch und weiblich, niederblickend auf einen Mann, der rechts von ihr auf dem Ende der Bank saß. Aus unserer Ferne ließ sich in dem Halblicht erkennen, daß er bärtig war und die Hände zusammengelegt hielt, während er zu der über ihm Stehenden aufsah. Die erschien uns hoheitsvoll, ihren Kleidrock in den Händen raffend, aus deren einer ein Zweig emporstieg, an ihrem Kopf vorüber.

Sie bewegten sich nicht, solange wir uns nicht bewegten. Aber wir hatten erst wenige Schritte getan, als die beiden droben ihre Haltung lösten, die Frau sich ins Haus wandte und der Mann sich erhob und ihr folgte. Wir brauchten geraume Zeit, bis wir dort anlangten und die Haustür über zwei Stufen, die noch während unsres Steigens ihre dunkle Öffnung gezeigt hatte, geschlossen fanden, mondhell im grün und weißen Anstrich.

Dies haben wir, Ebener und Cara, gemeinsam am 13. Oktober des Jahres 1911 mit unseren Augen gesehn – wenn wir auch schon während unseres Aufsteigens wußten, daß die beiden Gestalten nicht wirklich waren.

Seltsam war noch dies: daß wir nach der Prüfung der verschlossenen Tür unter den Wipfeln des Apfelgartens zu einer anderen Tür an der Seite des Hauses gingen, die gleichfalls verschlossen war, bis endlich die in der Rückwand gelegene uns einließ. Und daß wir inzwischen jene beiden Gestalten vergaßen und ihrer uns nicht eher erinnerten, als bis wir im Bett lagen, schon im Dunkel, wo dir plötzlich die Erinnerung aufdämmerte und du sie beschriebst.

*

Das also war der Berghof, in dessen Stall wir jetzt eintraten. Eine winzige Lampe glomm in seiner Dunkelheit, und du schienst mit dem Kopf an die schwarze Decke zu stoßen. Drei gelbweiße Rinder von ausgesuchter Häßlichkeit zeigten uns ihre mistbeklebten Kehrseiten, und ein weißbuntes Monatskalb drehte sich nach uns um. Dumpfes Brummen scholl, aber kein Mensch war zu sehn, bis sich dann unter der Kuh ganz zur Linken eine Hockende erkennen ließ, die molk, mit langsamen, gleichen Strichen. Cara empörte sich sogleich über die Frau, die nachts um zehn Uhr ihre Milch abzog, und deren Munde entquoll ein klagender Wortschwall in so tiefem Oberbayrisch ohne einen einzigen Konsonanten, daß Ebener ihn übersetzen mußte. Die Frau hatte mit ihrem Mann einen Sonntagsbesuch gemacht und den Zug verpaßt; sie mußten mit dem unsern gekommen sein und einen näheren Weg gegangen. Nun erschien eine männliche Gestalt in der Tür gegenüber, kurz und breit wie ein schwerer Gnom, in abgerissener Kleidung, die überall und am offensten da stand, wo sie am geschlossensten sein sollte. Sein Gesicht erschreckte, als er in den Lampenschein kam, nicht nur mit wildem Gestrüpp dunkler Stoppeln und Bartborsten über dem Mund und dicken Büschen der Augenbrauen: die Augenlider waren nach innen gedrückt und nur so weit geschlitzt, daß etwas Dunkles darin glitzerte. Er sprach aber mit einer weichen Stimme fast reines Hochdeutsch in einem Singetone und jede Silbe so klar wie auf der Bühne; jeden Satz wiederholte er mit kleinen Variationen dreimal.

Sie haben uns dann das Erdgeschoß des kleinen Hauses gezeigt, das auf der einen Seite zwei Kammern, auf der andern Küche und Wohnstube enthielt – alle Räume auffallend durch saubere Ordnung und reine Luft. Auch den herrlichen Apfelgarten zeigten sie uns, der das Haus auf drei Seiten einschloß, mit seinen mächtigen alten Stämmen und schwerbeladenen Wipfeln, und was an Wiesen und Wald noch hinter dem Hause zum Hof gehörte. Sie saßen seit fünfundzwanzig Jahren darauf und hatten acht Kinder großgezogen; jetzt aber mußten sie verkaufen. Die Kinder hatten sich in alle Winde zerstreut; der Mann war jetzt dreiundsechzig, die Frau, wie so häufig die Ältere, fünfundsechzig, und sie konnten die Arbeit nicht mehr leisten, zumal auf der schrägen Wiese. Mähen konnten sie noch, aber wie den Mist hinunterbringen und das Heu herauf? Sie mußten es in Netzen auf dem Rücken tragen, die Kühe waren ihnen zum Einspannen zu schade. Cara fragte nach allerlei Erkundigungen endlich, was der Hof kosten solle. Der Mann fing darauf an zu deklamieren, indem er die i-Laute wie ü sprach.

»Oinundzwanzig Tagewerk sind es ja, und sie hängen alle zusammen, und der Boden üst gut. Sehr gut üst düser Boden, das kann jedermann sehn, wie gut düser Boden schon üst. Und also werden es oinundzwanzig Tagewerk sein, wovon neun Tagewerk guter Wald üst, jawohl, von düsen oinundzwanzig Tagewerk sind neun schöner Wald, und düser Wald üst sehr gut. Das andere aber üst Wüse, Korn – das gübt es nücht in düser Gegend, das behagt düser Gegend nücht, und da gübt es also kein Korn. Apfelbäume sind aber vürundsechzig zu zählen, auch Kartoffeln bauen wür an und Futterrüben; das üst auf dem Acker zu sehn; deutlich zu sehn üst das auf dem Acker, wü wür dü Rüben da zühn.«

»Wenn ihr kein Stroh habt, womit streut ihr denn ein?«

»Mit Dachsen streuen wir oin, auch mit Laub. Und wür streuen auch oin mit Sägmehl.«

»Ach, du lieber Gott – Sägmehl und Tannenzweige! Kauft ihr kein Stroh, wenn ihr schon kaufen müßt?«

»Da gübt es kein Stroh zu kaufen in düser Gegend, gewiß nücht, das kann jedermann sehn, daß Stroh da koines zu kaufen üst, weshalb wür das Sägemehl streuen, und düses Sägemehl ist gut und trocken.«

»Also was wird er kosten, euer Hof?«

»Ja, was wird er denn kosten? Wer kann schon sagen, was der kosten wird, solch ein Hof? Das Haus ist ja sehr gut, ein ausgezeichnetes Haus muß das sein, weil das aus Holz ist und deswegen im Winter sehr warm, und es sind Jahrhunderte über dies Haus gegangen und haben es nicht verändert. Also was kostet ein solches Haus? Das wird ja nicht viel kosten, nein, viel kostet das gewiß nicht, viel nicht, das ist gewiß.«

Wir haben den Kaufpreis erst bei unserm dritten Besuch erfahren. Ebener, der stets geradezu so heikele Fragen tut, daß ich mich rotschäme, weil er weiß, daß einfache Leute es lieben, von ihrem Leiden zu erzählen, fragte den Mann nach seinen Augen und erhielt bereitwillig eine lange Erzählung. Seine Mutter war im siebenten Monat mit ihm vom Heuwagen gefallen; da hatten sich seine kleinen Fäuste in die Augen gebohrt, und als er zur Welt kam, waren sie hineingewachsen. Ein guter Arzt ließ es gleich operieren; die Lider wurden aufgeschlitzt, aber ein Auge war zerdrückt; mit dem andern konnte er, wie er sagte, zehn Schritte weit noch ein Haus und Bäume erkennen. Nun, er hatte doch eine Frau bekommen und acht Kinder.

Das also waren Sagmeisters, die guten bösen, die nun unseren Berghof bewirtschaften, indem sie so Unendliches über jede Arbeit reden und so ungern eine tun.

*

Unser Heimweg sollte eine gute Stunde dauern, allein Caras Kraft war zunächst am Ende. Oben an der Hochwaldgrenze, wo die Sagmeisters uns den Anfang des Weges gezeigt hatten, setzte sie sich auf einen Baumstumpf; und da gab es das folgende eheliche Gespräch, an das ich mich gut erinnere.

Ja, wie sehe ich dich noch heute im Waldschatten stehn, deine grade Pfeife im Mund, auf die du mit gekrümmtem Daumen und Mittelfinger das brennende Streichholz hieltest, so daß wieder und wieder die Flammenzunge emporleckte, dein Gesicht rot beleuchtend mit einem zugekniffenen Auge – bis du sie ausbliesest und auf einmal im Dunkel standest. Über dir war der schwarze Wald und der helle Mond; und nachdem wir erst lange stumm geblieben waren in der blauen Stille, fingen wir beide zugleich an zu sprechen und beide auch mit dem gleichen Worte:

»Wenn ich irgendwo begraben sein möcht«, fingest du an, »dann möcht ich in einem Kuhstall liegen.« Und ich sagte:

»Wenn alles nur net gar so verwahrlost wär.« Wir lachten über den charaktervollen Unterschied, und du fragtest:

»Möchtst ihn kaufen, den Hof?«

»Warum sagst du net wir?«

»Weil ich nichts versteh von der Landwirtschaft.«

»Mein Lieber, das ist doch nur eine Frage der Zeit. Hast du vom Gemüs was verstanden, von Obst, von Bienen, von Mathematik? Und heut verstehst du das meiste besser als ich.«

»Du faselst.«

»Ich fasele, denn das bin ich, die das Werk über die Kurven schreibt. Liebster, weißt du, was das Schönste ist an dem Hof?«

»Das werden die Apfelbäume sein. Die freun mich schon sakrisch. Ein Apfelbaum gehört mit dem Menschen zusammen, er wird grade so alt, siebzig Jahr. Darum ist er ein Bruder des Menschen, und da stehen die vierundsechzig um das Haus wie eine Schar von Vätern und Vatersbrüdern.«

»Deswegen, fürcht ich, wird die Freude daran nicht mehr lang währen, wenn auch noch manches Jahr. Nein, ich finde das Schönste, wie wir ihn gefunden haben, durch unser verkehrtes Aussteigen, als ob ein Geist uns geführt hätte; wie wären wir je in diese Gegend gekommen? Mit dem Rad können wir ihn in zwanzig bis dreißig Minuten erreichen, also jeder Zeit hinfahren.«

»Und er ist arrondiert.«

»Was das allerbeste ist. Das ist ja schauderhaft hierzuland, wie die Gründe meilenweit voneinander zerstreut liegen, und deswegen haben sie diese dumme Stallfütterung.«

»Ja, weiden lassen muß man, alles einzäunen und weiden.«

»Der Boden muß gehörig zertrampelt werden; war ja schon ganz vermoost, wo wir heraufgingen.«

»Hast des gesehn bei dem Mondlicht?«

»Gesehn net, gespürt – du etwa net? Wie das gefedert hat?«

»Gefedert hats freilich, doch ich hab mir nichts dabei gedacht. Aber der Hof da, mit seinen dreieinhalb Stück Vieh, ist das die Erfüllung von deinen Träumen als Gutsfrau?«

»Du sprichst wie ein Mathematiker. Vier Kühe, oder vierzig Kühe, das ist gleich, wenn die Kuh gut ist und mehr Milch gibt als diese Rosinanten dahier. Der Hof kann auch sechs Rinder tragen, wenn er wieder imstand ist.«

»Waren die so schlecht?«

»Schlecht? Hast du denn nie keine Kuh net gesehn? Hinten so spitz wie vorn, und die Rücken wie Berg und Tal. Sieben Liter gibt die eine, die andere fünf – aber die sind hierzuland stolz, wenn eine Kuh zwölf gibt. Bei Papa war nicht eine Kuh unter fünfzehn.«

Wir schwiegen wohl eine Weile, bis du sagtest:

»Bei Nacht, wenn du in einen Stall kommst, da ists wie in einem Bergwerk, ganz unterirdisch. Die Erdkräfte kannst du spüren, wie sie große gute Tiere geworden sind. Das unterscheidet auch die Kuh vom Schaf und der Ziege, daß sie liegt. Die andern können es auch im Stehen und Gehen; aber die Kuh braucht Ruhe.«

»Die Sagmeisters könnt ich erschlagen deswegen; die ihrigen, sagen sie, legen sich fast nie.«

»Warum?«

»Sie wissens net, aber ich. Wie sie dagestanden sind, wie auf Treppenstufen, ein Bein oben, eins unten; da sind die Bodenbretter bereits am Zerfallen und wahrscheinlich so naß, daß kein Molch darauf liegen möcht. Geld wird das kosten. Die Stalldecke ist auch am Einfallen.«

»Aber im Haus ists sauber.«

»Sauber schon – was man sieht. Und hast du die Wasserleitung gerochen? Sie stank wie ein Klosett. Ein Raum für die Streu müßt auch her.«

»Warum warst du so entsetzt über das Sägemehl?«

»Liebster, das sagst du dir doch selbst, wie das bei so viel Oberfläche pappen und kleistern muß – und harzig, wie es ist. Stroh werden wir kaufen müssen; das ist ja der Fehler der Grashöfe. Denn Laub ist auch nicht viel besser, weil es zu langsam zerfällt.«

»Ja, die Einseitigkeit ... Aber der Boden ist wie ein Organismus mit viel Gliedern, die müssen sich alle beschäftigen. In Amerika gibt es Farmer, die bauen nur Korn; ich versteh net, wie die noch Bauern sind, das ist eine Fabrik. Kühe gehören daher, die gewähren die innere Ruhe, daß der Mensch alles Wetter, die ganze Gleichgültigkeit der Natur und die Ungerechtigkeit auch mit Gleichmut erträgt. Du kannst sehn, wie sie ruht auf der Wiesen. Sie ist net auf den Boden gelegt, der erhebt sich mit ihr zum Berg, und die Säfte steigen aus ihm in ihren Leib und schaffen da wie in der Erde: sie ist ihr Verdauungsorgan. Die alten Griechen, die haben das Göttliche drin gesehn; den Heutigen ist das zum Lachen, wenn sie von ihrer höchsten Göttin sagen, daß sie Kuhaugen hat. Denn da ist eine Lampe der Erde und ein Erdgötterlicht, groß wie der Mond, aber dunkel wie die Nacht, und das leuchtet dich in die Ruhe hinunter.«

*

Wir schwiegen; ich hätte dir gern gesagt, wieviel mehr du doch weißt als ich, weil ich nur Kenntnisse habe, du aber eine Erfahrung, die älter ist als du selbst. Ehe ich aber dann eine Frage tun konnte, die mir lange schon auf der Zunge lag, fingest du an – mit einem Zweifel, ob wir aus der Entfernung die Arbeit bewältigen könnten, allein die vielen Obstbäume, die so verwahrlost waren in Moos und Flechten bis in die Wipfelspitzen, daß sie nur noch kleine Früchte hervorbrachten; und wir sprachen miteinander durch: daß uns das Weiden des Viehs viel Mühe ersparen würde; daß die Sagmeisters gerne bleiben würden, froh, daß sie ihre Heimstätte behielten. Und wir würden allmählich erst von zwei Kühen zu mehr übergehen und lieber Schafe hintun, die großen friesischen, die nicht nur die feinste Wolle geben, sondern auch Milch. Papa hatte eben damit angefangen, als alles ein Ende nahm, und meine winterlichen Tage verlangten noch eine Füllung, so daß ich Lust hatte, spinnen und weben zu lernen. Nun durfte ich denn von mir wieder zu dir ablenken, und ich wagte die Frage: ob es recht wäre, wenn ich dächte, daß du nicht mehr so gern Lehrer bist wie im Anfang. Du bliebest darauf eine Zeitlang still, nach deiner Art, ehe du sagtest:

»Ist es merkbar geworden?«

»Wenn ich es nicht eher gespürt hätte, so hätte ich es eben tun müssen: wie du die Ruhe gelobt hast vom Vieh.«

Du schwiegest wieder, ehe du sagtest: »Bin ich solch ein unrastiger Mensch? Alle paar Jahr etwas andres. Ich kenn mich selber net aus – woran hast du es erkannt?«

»Woran erkennt man das? Ein Fenster glänzt auch spiegelblank, wochenlang, auf einmal ist es blind.«

»Die Gewohnheit«, sagtest du in dich hinein, »ist ein schlimmes Ding. Da hat der Teufel die Hand drin.«

»Früher«, sagte ich, »warst du niemals zerstreut. Ich meine – du konntest wohl tief in Gedanken sein, wenn dann einer dich ansprach, warst du sogleich gesammelt und ganz für ihn bereit. Jetzt ists zu sehn, wie du dich oft mühsam losringst. Oder – es sind solche Kleinigkeiten ... Vorgestern kam ich dazu – du hattest den Drahtzaun geflickt und bist dagestanden, einen langen Draht in den Händen, den du aufrollen wolltest. Aber wie du das eine Ende zum Kreise bogst, schob sich das andre heraus – bis du es merktest und das andre Ende nahmst – da verlängerte sich wieder das erste. Und daß ich vor dir steh und net begreifen kann, was du machst, das merkst du erst, wie ich anfange zu lachen.«

»Ja, ich erinnere mich. Also da siehst dus, Cara, was ich dir gesagt habe vor sieben Jahren: daß man aus einer Neigung keinen Beruf machen soll. Denn die Routine zerstört die Neigung. Die Kinder – die haben mich nie enttäuscht und werden mich nie enttäuschen.«

Wir schwiegen. Dann begannst du von neuem:

»Bin ich solch ein unrastiger Mensch? Die Bienen, denk ich mir, die werd ich niemals müde. Aber – da lernst du niemals aus. Haben wir nicht alles vergessen gemußt, nach den ersten fünf Jahren, was wir gelernt haben, und wieder von vorn anfangen? Andererseits die Erde – da ists vollends das gleiche: umgraben, Mist untergraben, hacken, säen, pflanzen, jäten – alleweil das gleiche im Jahr. Aber – die Körner in den Boden legen und mit Erde bedecken – nichts ist mehr zu sehen; aber nach zwei Wochen, da grünt es in dünnen Reihen. Da wirkt eine geheime Macht, daß sich der Mensch auch erneuert mit dem erneuerten Jahr; und wenn ich das nicht hätte, so wäre mein Denken bereits lange stumpf und alt und abstrakt.«

»Ja«, sagte ich, »wenn die Denker und Schreiber auch Gärtner und Bauern wären, so gäb es keine Literaten und Theologen.«

»Der Geist«, sagtest du langsam, »der Geist kommt nicht aus der Erde, und der Boden ist so dumm wie das Blut. Wo er aber eingeht in einen Kopf, der in der Luft hängt und keine Arme und Füße hat für die Erde, da ists wie eine Phiole mit dem Homunkulus.«

»Also, Liebster, kannst du mir das erklären: warum wir heute verkehrt ausgestiegen sind? Warum wir den Berghof gefunden haben, wo der grade verkäuflich ist? Warum wir grade das Geld haben, das uns sonst eine Last wäre?«

»In sieben Jahren«, sagtest du grübelnd, »häutet sich der Mensch und erneuert sich durch und durch. Heut bin ich fünfunddreißig; noch zweimal sieben, dann ists sieben mal sieben; dann ist ein Umlauf vollendet. Alsdann – solang bleib ich Lehrer.«

Du standest auf und tratest neben mich, um nach dem Mond zu schauen über die Tannenspitzen. Du legtest deine Hand auf mein Haar, indem du sagtest:

»Der Mond ist im Zunehmen; das ist verheißungsvoll.«

»Siehst du! Aber wenn du doch traurig bist?«

»Wenn ich traurig bin, so bin ich es über mich, nicht über den Berghof. Denn wenn seine Apfelbäume weg müssen, weil sie zu alt sein werden – für wen pflanz ich neue?«

Ich erwiderte nichts; denn für das hatten wir niemals Worte.

*

So wohlfeil, wie wir es in der Mondnacht träumten, haben wir den Berghof nicht bekommen; wohlfeil nur die Sagmeisters, die es wieder nicht träumten, daß sie dableiben durften. Und außer Decke und Boden des Stalls mußte der ganze Dachstuhl erneuert werden, ausgenommen die dreihundertjährigen eichenen Tragebalken. 1696 stand auf dem Firstbalken in Spiegelschrift; als ich es ablas, schlug Sagmeisterin die Hände zusammen und rief: »Des hot nianit an Mensch lesn kinn', und die Frau Lehrer hots glei lesn.« Eine neue Jauchegrube, neue Wasserleitung, neue Zentrifuge, zwei neue Kühe, Schafe, Ferkel, Hühner, um alles recht auszunutzen, und eine Rampe zum Heustadel empor über dem Stall: alles zusammen überstieg unser Vermögen. Wir handelten, rechneten, grübelten, bis deine Mutter durch Nikolai Robin Wind von der Sache bekam und sich nicht zurückweisen ließ. Mit ihrem einzigen, schon zehn Jahre alten Paar Hochschäftiger, ihrer Küchenseife und der Schlemmkreide, die für ihre Toilettenkünste genügten, hatte sie schon wieder so viel gespart, daß sie den Berghof allein hätte kaufen können. Und sie überraschte uns noch mit ihrem Gelegenheitskauf eines vollständigen Bienenhauses mit vierzig Völkern. Das Jahr reichte eben zu allem Bauen hin – Anfang Dezember glänzte die Vollendung im frischroten Dach, im frisch geweißten Stall, in den lichtgrünen Wänden unserer Eckstube, den kleinen dunkelrot karrierten Vorhängen der vier Fenster, in der weißen Lindenholzplatte des Tisches, den du geschreinert hattest, wie im Firnis deiner dunkelbraunen Ofenbank und der schönen Einlegearbeit der Truhe. Das zweischläfrige Bett mit hölzernem Himmel und geschnitzten Säulen wurde zwar erst im Frühjahr fertig; aber im Februar schneite der Berghof ohnehin unerreichbar ein. Mit dem März wurde er wirklich unser. Und als wir nun viele halbe Tage der Woche und jedes Wochenende und alle Ferien dort verbrachten, da fing deine und meine Hoffnung an, sich zu erfüllen: daß du in allen Schulstunden dich freuen konntest auf den Berghof; und vom Berghof aus dich freuen konntest auf die Schule. Die Dauer im Wechsel, und die Ruhe im Wechsel, die machte er uns zum Geschenk.

*

Dies war nun unser letztes Kapitel – auf diesem Papier, denn in Wirklichkeit hat es erst kaum begonnen. Ist es Mühe und Arbeit geworden? Dann ist es auch köstlich geworden. Ebener, mein Immergeliebter, mein Mann – ich muß schließen, denn was kann ich noch sagen? Darf ich sagen, daß wir glückliche Menschen sind? Darf ich es ohne Vermessenheit sagen –

– weil immerdar, über allem Glanz unserer Tage, der eine Schatten liegt, der jahrelang immer tiefer gewordene Schatten, daß wir allein sind ...

Aber solange das Leben im Wachsen ist, darf die Hoffnung nicht sterben.


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