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Zweites Kapitel.
Der letzte Juli

1

Die Sonne streifte mit dem letzten goldroten Flammenglanz zwischen den Gehöften und Bäumen hindurch über den Platz vor dem Schulhause und tauchte die Wipfelspitzen in Gold. Sonst war alles im Schatten und schattenbedeckt auch der Gemüsegarten, der fünfzehn Schritte breit und einige dreißig lang sich neben dem Hause und weiterhin erstreckte. Ein Drahtzaun mit einer Tür darin schloß ihn hinten gegen den Obstgarten ab, der noch in voller Sonne lag, denn die jungen Wipfel ließen in ihren weiten Reihen den Schein überall durch. Weiße Hühner wandelten dort abendruhig umher, aus der Sonne in den Schatten und wieder aufleuchtend im Schein.

Ebenezer Rudorffs große Gestalt, barbeinig und nur in Hosen und Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, schritt vom großen Wassergefäß an der Hausecke mit zwei geräumigen Gießkannen in den Händen, aufrecht trotz ihrer Last an seinen muskelgespannten Armen, die so braun waren wie Beine und Antlitz, zwischen den Beeten hindurch; die eine niederstellend, ließ er aus der andern die breite Brause des Wassers strömen, das den Tag über gestanden hatte. Der Abend war noch sehr warm, und seine Stirn perlte. Um ihn her grünte üppig der Garten; die mächtigen grauroten, wie aus Eisen geschmiedeten Blätter vom Rotkohl und die metallen grünen und krausen des Wirsings drängten sich hoch mit weit entfalteten Blättern und eben sich rundenden Köpfen darin; und fast ebenso hoch standen die Mangoldreihen, breitblättrig und hellgrün. Die höchsten Ranken der Stangenbohnen, die sich über ihre Speere hinaus in die Lüfte schwangen, schimmerten noch sonnevergoldet. Wenn die volle Silbergarbe des Wassers in die dichten grünen Reihen der Karotten hineinbrauste, bogen die Federbüsche sich tief und blieben lange Zeit liegen, ehe sie sich blankbeperlt wieder aufrichten konnten. Ein starker erdiger Duft und frische Kühle breiteten sich über den Garten aus, und in hellerem Grün leuchteten die kleinen Jungpflanzen, die auf der dunkler gewordenen Erde standen. Das Auge des tränkenden Mannes glitt mit einer stillen Genugtuung darüber.

Durch die Abendhelle der Obstbaum-Reihen kam nun, seinen Schatten lang vor sich her schiebend, die hohe Gestalt Nikolai Robins, vornübergebogen, doch noch weitschrittig mit seinen siebzigjährigen Beinen, die bloß, aber noch dunkler braun waren als Ebenezers. Um seinen hageren Leib hing eine verwaschen blaue Leinenjacke faltig offen, und seinen Kopf bedeckte eine schwarzwollene Zipfelmütze trotz der Wärme. Diese und das alterskleine Gesicht, die Vogelaugen und die unter der Nase baumelnde, halblange Pfeife ließen ihn einem alten Bauern gleichsehn. Ein Paket Zeitungen zum Gruß erhebend, legte er sich über die Gartentür, so daß Nase und Pfeife darüberhingen, und seine etwas näselnde Stimme fragte, ob er helfen könnte; aber Ebener dankte, er sei gleich fertig; gegen die Trockenheit sei nicht mehr anzukämpfen, er gieße nur noch die Jungpflanzen, die älteren müßten sich selbst helfen, und Morgentau wäre reichlich.

Er fuhr fort, die geleerten Kannen in das fast ausgeschöpfte Wassergefäß zu tauchen und die triefend herausgeholten fortzutragen. Der alte Mann schaute mit bekümmertem Ausdruck zu; auf die Frage nach dem Befinden von Ebenezers Mutter erhielt er dessen Bescheid: seit dem letzten Brief seiner Frau vor einer Woche habe er nur eine Postkarte erhalten; sie hoffe, in einigen Tagen heimkehren zu können.

»Gut! Bravo!« Der alte Mann nickte und schüttelte abwechselnd den Kopf. Der Lehrer stellte seine Kannen neben der Tür an der Hauswand ab, trocknete seine Stirn und streckte die erleichterten Arme. Er ging dem jetzt Eintretenden zwischen den Beeten entgegen; das mit stummer, trüber Frage ihm hingehaltene Zeitungspaket drückte er halb lachend von sich, indem er sagte: »Ist ja schon adressiert. Schick es nur selbst an Cara, i plag mi nimmer mit eure Times und Matins.«

»Es ist eh gleich, was noch drin steht«, seufzte jener und fing an, den Wohlstand der Beete zu loben; dann ließ er den andern raten, welche Honigmengen er bereits ausgeschleudert habe, und der traf mit fünfzehn Zentnern genau das Rechte; beide lobten das gute Jahr und die heißen Nächte und die üppige Blüte des Schierlings.

So waren sie mit Gehen und Stehen bis zum vorderen Gartenausgang gekommen und gingen zu einer der zwei weißgestrichenen Bänke, die links und rechts von der Haustür standen. Nun leuchtete nur noch die gelbe, stillbrennende Spätglut hinter den schwarzen Stämmen. Zur Linken fiel vom Rande des Platzes der Wiesenhang unter dem Stamm eines riesenhaften, weitausgebreiteten Eichbaumes. Dahinter war nur fern die jenseitige Wand des Tals zu erkennen, rot überhauchte Wiesenhänge, weiße Gehöfte und höher waldige Rücken, die sich überstiegen. Ebener stopfte seine kurze Pfeife. Ein Bauer kam aus seiner Haustür im Dunkel der Kastanien und verschwand im Schatten, wo Kinder sich um die Stämme jagten. Sonst war Stille trotz des lauten Jubels der Schwalben, deren viele schwarze Punkte oben durch den vergoldeten Himmel schossen; manche warfen sich zu tiefem Schwung, laut schreiend, dicht am Boden den beiden Männern vorüber, so daß sie die kleinen Augen funkeln sahen. Ebener sagte: »Wir sitzen wohl besser im Freien; sonst kannst du auch Caras neues Zimmer anschauen – es ist eben fertig.«

Der Alte murmelte, dazu sei später noch Zeit; und dann saßen sie rauchend stumm, die Füße von sich gestreckt, während der Tumult der Schwalben allmählich stiller wurde, die Glut hinter den Bäumen erlosch und die weißen Hauswände bleicher schimmerten.

»Da sitzen wir«, sagte halblaut der Alte, »in dem Frieden. Heulen möcht ich, wenn ich wieder die menschliche Dummheit himmelan steigen seh, wo es grad auf die feinste Klugheit ankäme.«

»Du siehst es«, fragte Ebener nach einer Weile, »vom Standpunkt der Klugheit aus?«

»A jeder halt von dem seinigen.« Er lachte sarkastisch und fuhr fort: »Da find ich die Klugheit eben an einer Stelle, wo sie mir wenig behagt. Wegpflanzen, wenn ich sie könnt, an eine nützliche Stelle! In einem Werk über die vatikanische Politik des letzten Jahrhunderts, da find ich bei diesen Kardinälen und Bischöfen eine Klugheit und eine überlegene Klarheit des Wollens und Wissens: herausnehmen sollt man die aus ihrem katholischen Raum und in die Kabinette Europas austeilen; säh die Geschicht am Ende anders aus.«

»Da schau her«, lachte Ebener, »ein Protestant.«

»Kannst des net verstehn? Der Protestantismus, das ist die Freiheit meines Verständnisses und die Anerkennung.«

»Aber die Richtigkeit net.«

»Traun, was muß ich hören? Du spottest meiner gar?«

»Alsdann geh her und nimm die Klugheit heraus aus ihrem katholischen Raum – was wird bleiben? Gar nichts als eine gewöhnliche Klugheit.«

»Warum jetzt des?«

»Weil es von dem Raum kommt, daß sie klug ist.«

»Das läßt sich hören.«

»Klugheit ist nämlich stets die gewöhnliche Klugheit. Aber hast du nicht selbst gesagt: die Klarheit des Wollens und Wissens? Das ist net Klugheit, oder das ist ihre Klärung durch den Raum der Kirche. Und die diplomatische oder die staatsmännische Kunst der Weitsicht, auch der Behandlung der Menschen – ich nenne das eine Kühnheit, die sich auf dem sicheren Boden der Kirche erheben kann.«

»Könnt schon wahr sein.«

»Und wenn es wahr ist, Onkel Bien, übertrags auf die heutigen Tage. Die Klugheit ist da – aber wo der Raum, wo der sichere Boden für die weite Sicht und die Kühnheit? Es wird –«

Er stockte und sprach nicht weiter. Mit übergeschlagenen Knieen sitzend, machte er mit dem Oberkörper einen Ruck vornüber und blieb in einer Haltung, als ob er horchte, während er langsam seine Pfeife aus dem Mundwinkel nahm. Der Alte, kleiner als er im Sitzen, schaute erstaunt zu ihm auf, der nach einiger Zeit lächelte und sagte: »Verzeih die Unterbrechung. Meine Frau ist eben gekommen.«

»Cara? Wo denn?« Er schaute zum Eichbaum hin, wo der Weg von unten herauf kam.

»Sie ist auf der Bahnstation«, sagte Ebener.

»Woher willst du das wissen?«

»Ich spür es innen.«

»Du spürst das? Und bist fest überzeugt?«

»Wir haben es oft geprüft. Du kannst warten, Onkel Bien, sie nimmt ein Fuhrwerk, in drei Viertelstunden ist sie hier.«

Der Alte meinte unruhig, dann müsse etwas geschehen sein, mit seiner Mutter vielleicht, was aber Ebener verneinte, denn dann würde Cara sie nicht verlassen. Nach einer Weile des Schweigens fragte der alte Robin: »Geprüft, sagst du? Also habt ihr das öfter?«

»Ich bin das, der es hat. Wenn Cara auf dem Berghof ist zum Beispiel, weiß ich stets, wenn sie fortfährt.«

Der alte Robin prüfte ihn bedenklich. »Telepathie?« sagte er dann und rümpfte die Nase. »Du hast das und sie net?«

»Sie hat dafür andere Dinge«, erwiderte Ebener; er bat dann, ihn für kurze Zeit zu entschuldigen und ging in das Haus hinein, während der alte Mann seine Uhr zog und darauf sah. Eine Viertelstunde verging, bis der Lehrer zurückkehrte, seinen Platz wieder einnahm und seine Pfeife entbrannte. Auf der Erde fing es zu dämmern an, aber der Himmel war noch hell.

»Als im Petersdom«, fing der Alte an, »anno siebzig, über die Infallibilität des Papstes beraten ist, da hat eine Anzahl Bischöfe bis zum letzten Augenblick widerstrebt; und der Ketteler soll den Papst unter Tränen fußfällig angefleht haben.«

»Wenn das nicht eine protestantische Legende ist –«

»Wenn schon Legende, keine Lügende. Wie aber die Majorität gesiegt hat, da sprach er ihm seine innige Freude aus. Also was ist mit der Kühnheit? I sehs net.«

»I aa net. Aber die Sicherheit. Kannst du nicht sehn, wie das zusammengemauert ist?«

»Ich nenne das Unterwürfigkeit.«

»Ich habe nichts dagegen, denn ich finde, daß eben, wer sich so unterwirft, die Sicherheit gewinnt, um darauf die Kühnheit zu pflanzen.«

»Eine merkwürdige Anschauung.«

»Du weißt doch, wie der elektrische Strom ist – positiv-negativ. So ist der Mensch auch, zwischen zwei Pole gespannt, positiv-negativ, eins immer durch das andere. Er wäre nicht sittlich, könnt er nicht unsittlich sein. Es ist das Böse, das ihn gut macht – und umgekehrt.«

»Das glaubst du?«

»Das glaube ich freilich. Ich glaube daher auch, daß der Mensch seine Angst, seine Schwäche, sein Verlangen nach Halt, seine Feigheit – daß er die ablegen kann, indem er sich beugt und nachgibt, an ein Größeres als er, um dann tapfer zu werden.«

Beide schwiegen, da Nikolai Robin keine Antwort gab. Nach einer Weile zog er seine Uhr und blickte lange darauf. Alles war nun in Schatten und Stille gehüllt, aber das Schwirren der Grillen nun laut hörbar geworden.

Der alte Mann richtete sich aus seiner versunkenen Haltung auf und murmelte: »Tapferkeit – wir werden s' brauchen, wenn der Krieg wirklich kommt.«

»Denn das wird ein schrecklicher Krieg sein«, sagte Ebeners tiefe Stimme. Er verstummte, stand auf und blickte zu dem Eichbaum hin, der seine schwarze Mächtigkeit, zerklüftet und strotzend von Kraft, im Zwielicht erhob, danach zu dem ersten Stern, der am noch erleuchteten Südwesthimmel flimmerte. Der alte Robin hinter ihm sagte, er habe auf das Wort ›schrecklich‹ einen besonderen Ton gelegt, und was er damit habe sagen wollen.

Ebener setzte sich wieder, klopfte seine Pfeife an der Bank aus und sagte, in den leeren Kopf von oben hineinschauend, indem er ihn hin und her drehte, er wollte damit sagen, daß es kein Machtkrieg sein würde wie die kleinen Kriege bisher und auch kein Religionskrieg wie die großen.

»Religionskrieg«, murmelte der Alte, »der Siebenjährige zum Beispiel und der Vierhundertjährige zwischen England und Frankreich.«

Ebener gestand, daß er sich zu knapp ausgedrückt habe. Er habe nicht sagen wollen, wegen der Religion, sondern aus Religion, aus Verschiedenheit der Religion. »Seit Christi Geburt«, sagte er, »haben wir dies Zeitalter, das durch seinen christlichen Glauben bestimmt ist – oder war. Da waren die Völker, und da war jeder Mensch von Religion durchdrungen und lebte in seiner religiösen Welt – wir nennen das heut Weltanschauung, und der Unterschied ist freilich, daß man für die Weltanschauung net mehr stirbt.«

»Aber«, sagte Nikolai Robin, »für den Alten Fritz.«

»Jawohl, und zugleich für den Geist des Protestantismus gegen das römische Österreich.«

»Mit Pr fängts freilich an«, sagte der Alte, »aber es heißt Preußen.«

»Das kannst du auch sagen; auch für 66 und 70.«

»Eine schöne Geschicht.«

Ebener lachte. »I habs net gmacht.«

»Scheinst aber einverstanden.«

»Ja und nein, Onkel Bien, ja und nein.«

»Was willst du damit sagen?«

»Persönlich nein, unpersönlich ja. Daß ich nämlich einverstanden net bin im Sinn, daß es mir wohlgefällt; aber daß ich einverstanden bin in dem Sinn, daß ich einseh, daß dies der Gang der Geschichte ist, seit dem Anfang mit Martin Luther und dem neuen Glauben und den nördlichen Völkern und Fürsten, woraus dann zugleich Protestantismus und Preußen immer klarer und stärker hervortraten mit dem Gesicht gegen Österreich, gegen Frankreich.«

»Und jetzt, ja, was ist jetzt?«

Ebener gab keine Antwort. Unter dem dunklen Baum in der Dämmerung stand eine rosenhelle kleine, weibliche Gestalt, und Nikolai Robin rief aus: »Ist das Cara?«

 

2

Sie stand unter dem dunklen Baum und glich, so klein wie sie da war, einer Erscheinung, wie sie mit der blassen Rose ihres Kleides das letzte Licht auffing, auf zarten weißen Füßen, deren einer angehoben war, stehend – für die Augen der beiden Männer – mit einer solchen Haltung weiblichen Schwebens, als ob sie schwerelos aufsteigen könnte. Bei einer Bewegung des kleinen Gesichts, das von Haar braunrötlich umschlossen war, flog der Blitz eines quellklaren Auges auf, und die Welle von Stirn und Nase, Kinn und Mund zeichnete sich einen Augenblick hin – wie eine Gebärde von Anmut und stolzer Trauer.

Cara selber wußte von alledem nichts; ihre klingende Stimme rief über den Platz: »Ach, ihr seid es?«

Dann kam sie, während ihr Mann ihr entgegenging, schlankfüßig herangestürmt, die Arme im Fluge breitend, die sie aber im Gefühl der Gegenwart eines Dritten vor seiner Brust zusammenpreßte mit dem aufgebogenen Leibe, heftig atmend, dann die Stirn an seine Schulter drückend mit einem haschenden Laut. Unter den begütigenden Worten seiner Stimme wurde sie gleich ruhiger, legte die Hände auf seine Schultern und blieb still an ihm.

»Meine Cara«, sagte er nun, »was ist geschehn?«

Sie seufzte und bewegte die angelehnte Stirn. »Ich dacht es mir«, sagte sie leise, »daß ihr nichts wißt.« Ihre Schläfe wieder anlehnend, bat sie: »Laß mich so – nur ein Weilchen. Ihr saht so fremd aus, mit meinen kurzen Augen konnt ich euch gar nicht erkennen. Und dann um euch her der Frieden ...«

Als sie nach einer Weile zurücktrat, kam eben auch der alte Robin wieder, der zum Gartenzaun gegangen war, und sie reichte ihm die Hand, zog dann die angekettete Handtasche von ihrem Arm, holte ein zusammengeknittertes Blatt heraus und hielt es ihrem Mann hin. Er schlug es auseinander und sagte nach einem Blick darauf:

»Nun ist es entschieden. Der Kriegszustand für das bayrische Korps.«

Der alte Mann, der das Blatt nehmen wollte, stieß an seine Pfeife, so daß sie zu Boden und in ihre hölzernen Teile zerfiel; Cara half ihm, sie aufzulesen, und er brauchte mit unsicheren Händen eine Weile, bis er Kopf und Rohr zusammengesetzt hatte. Keiner der drei sagte etwas. Cara stand mit gesenktem Kopf, ihr Taschentuch unter die Nase drückend; ihr leinenes leichtes Jackenkleid war von der Bahnfahrt zerknittert, ihr Gesicht blaß; das Unirdische ihrer Erscheinung war verflogen und nur das weiblich Hülflose übriggeblieben.

»Darum bist du gekommen?« fragte ihr Mann. Sie nickte nur, und er sagte: »Du kommst rascher von der Bahn, als ich dachte.«

Ihr Auge leuchtete auf, aber sie erwiderte nur: »Ich hab selber gefahren.« Sie lächelte: »Da sind die Gäul gelaufen. Unten am Berg bin ich hinausgesprungen und heraufgerannt. Und dann«, schloß sie leiser, »bin ich dagestanden und hab mich nicht regen können, mit dem Krieg in der Hand.

»Sei nicht bös«, bat sie näher an ihm. »Deiner Mutter gehts wirklich gut, und morgen fahr ich zurück, gleich in der Frühe.«

Darauf bat sie die Männer, ins Haus zu gehn, sie wolle sich etwas zu essen holen. Es war nun dunkel geworden, und sie ging auf ihren leichten schnellenden Füßen die Stufen empor. Eine kleine Wandlampe erhellte den Flur, und wie sie darin einige Schritte ging bis zur Tür, die sie weniger mit der Hand zu öffnen schien als mit der Biegsamkeit ihres Leibes, der sich hineindrängte, war das so weiblich und leicht aus klarer Natur, daß der alte Robin den Jüngeren am Arm festhielt und sagte:

»So was macht nun der liebe Gott – und was nützt es?

»Aber«, setzte er böse hinzu, »die hat recht. Die hat immer recht. Ich sage: die braucht nur zu gehn – und die übrige Erde ist –

»Scheußliche Finsternis«, setzte er an die Stelle des verschluckten Wortes und wandte sich der Treppe zu.

Im oberen Flur dauerte es eine Weile, bis Ebener eine Spirituslampe mit einem grünen Stoffschirm entzündet hatte; als er sich dann mit ihr zu der Treppe begab, die in die Luke der Decke emporführte, fragte der alte Robin, ob Caras Zimmer jetzt unter dem Dach sei; und er folgte mit ungehaltenem Kopfschütteln dem Voraussteigenden, der zur Antwort gab, der Mansardenraum sei als Schlafzimmer zu klein und im Sommer zu heiß geworden. Er wartete mit der Lampe in der Hand, bis der alte Mann oben war, öffnete eine Tür und trug sie gleich linker Hand zu einem kleinen runden Tisch, den drei tiefe dunkelgrüne Sessel umgaben; in der Ecke dahinter ragte die weiße Säule eines hübschen alten Kachelofens. Im Schein der mildgrünen Lampenkuppel schlossen sich die lichtweißen Wände des kleinen Raumes freundlich zusammen. Leichte weiße Gardinen waren hinten vor der Öffnung der Mansarde seitwärts gerafft, wo im Schatten die Blumenstöcke im Fenster, ein Nähtisch zur Linken und rechts der Schreibtisch mit leise blinkenden Messingbeschlägen und Griffen schimmerten. An der linken Wand des Raumes stand ein niedriger Diwan mit dunkelgrüner Decke und einem Haufen farbiger Kissen, und darüber hing ein einfaches altes Bild, ein Feldblumenstrauß. Die Wand gegenüber nahm ein niedriges Büchergestell ein, ebenfalls dunkelgrün, auf dem eine schwarze Standuhr und eine Anzahl von Vasen und Töpfen standen; sie waren mit großen lockeren Büschen Phlox und Löwenmaul gefüllt, lachsrot und violettweiß die einen, die andern in unzähligen Farben – samtrot und lichtgelb, graurosa und feuerfarben und orange. Und ein ähnlicher Strauß stand auf dem kleinen Tisch, durchglüht vom Lampenschein. Caras kleiner Webstuhl nahm den Raum ein hinter der aufgeschlagenen Tür.

Während Ebener die Vase auf dem Tischlein, ein paar Bücher, Aschenschalen und eine Handarbeit zur Seite räumte, sah der Alte sich um und äußerte sein Mißvergnügen, weil das Zimmer so klein sei; die Möbel waren ihm bekannt, und die Mansarde nannte er ein Vogelbauer. Auf dem Hocker vor dem Webstuhl sitzend, klimperte er da und dort und bewegte den Kamm. Als Ebener später sah, daß er eine kleine Zigarre zwischen den Lippen drehte, gab er ihm Feuer; und nun wurden Caras Füße auf der Treppe hörbar, und sie erschien in der Tür, einen Teller mit Brotschnitten in der einen, eine kleine Schüssel mit gelben Aprikosen und großen hellroten Pflaumen in der andern Hand. Beim Anblick des neuen Zimmers blieb sie stehn, die Augen kurzsichtig zusammenziehend, trug dann erst die Teller zum Tisch und näherte sich ihrem Mann und nahm seine Hand, nur dankbar nickend, während er fragte, ob es so geworden sei, wie sie es sich vorgestellt hatte.

»Und die Blumen«, fragte sie, »sind die immer schon dagestanden?«

Ebener erwiderte, er habe ja drei Viertelstunden Zeit gehabt am heutigen Abend. »Du bist gut«, sagte sie leise und setzte sich dann, eine zärtliche Bewegung unterdrückend, auf einen der Sessel und fing an zu essen.

Bald kam der alte Robin, von dem Obst angezogen; er hing seine kummervolle Nase darüber und nickte, als Cara an der Schüssel rückte, zog einen Sessel näher und schob eine Frucht nach der andern in seinen großen Mund. Dabei vergaß er sich so, daß er nicht merkte, wie sie ihm ihren Teller hinhielt für jeden Kern, den er darauflegte. Die Schüssel war beinah geleert, als sie lächelnd »Schmeckt es?« fragte, worauf er erschrocken »O Gott!« sagte und sich zurückwarf, nun abwehrend mit beiden Händen. Sie nahm dann selbst eine Pflaume, ließ sie aber wieder fallen und glitt in den Sessel zurück, der eine hohe gerade Rückwand hatte; die Finger der linken bog die andere Hand noch eine Zeitlang in den Gelenken empor; dann saß sie, die Schläfe am Lehnenpolster, still.

Der Blick des Alten ging von diesen Händen, die lang und schmal und noch mädchenhaft waren, aber braun und auch voll Willen, insgeheim zum Gesicht hinauf, das zur Seite geneigt jetzt nur müde war, ein wenig welk und dadurch ein wenig hart. Aber die perlklare Stirn und die Schläfe im lockeren Haar, das die Jahre gedunkelt hatten, die unberührten Fittiche der Brauen und das langsame Auf und Nieder der dunklen und langen Wimpern – das ganze kleine Haupt schien noch das eines Mädchens von zwanzig Jahren. Allein wie der weiße Blusenstoff unter der offenen Jacke sich beim Atmen senkte und hob und ein unbewußter Blick das klare Auge aufglänzen ließ, war sie von dargebrachter und empfangender Liebe atmend vom Mund zu den Knieen. Schöne der Blume und reine Süße der Blume, die weder weiß, daß sie blüht, noch weiß, daß sie duftet.

 

3

Das Schweigen dauerte immer noch; Cara bewegte den Kopf vor, um hinter der Rücklehne ihres Sessels in das Zimmer zu spähn; aber ihr Mann, der am Fenster in der Mansarde saß, war für ihre Augen dort nicht sichtbar, und sie fragte mit matter Stimme: »Bist du eigentlich da?«

Seine tiefe Stimme erwiderte: »Ich bin hier«, und er kam zwischen den Gardinen hervor und ging langsam zum Webstuhl hinüber, setzte sich auf den Schemel und blickte auf seine kalte Pfeife, die er zwischen den Händen knetete. Unter ihren Wimpern fing es zu glänzen an, dann rollte die erste Träne über ihre Wange, und andere folgten nach, ohne Laut oder Bewegung. Allein vor dem Aufschluchzen sprang sie auf ihre Füße und rief:

»Sagt doch etwas! Sprecht doch etwas! Warum soll ich das auch noch ertragen, daß ihr dasitzt mit zugewachsenem Mund, und das ganze Land jubelt. Jubelt!« Sie lachte verzweifelt. »Ists nicht zum Irrwerden? Ein Sterben soll angehn, wie es Jahrtausende nicht gesehn haben, und sie jubeln. Sprecht doch ihr, sagt doch ihr wenigstens, daß es Wahnsinn ist und daß ihr es nicht wollt!«

Ihr Mann hob das Gesicht zu ihr auf; aber er senkte es wieder, ohne gesprochen zu haben. Erst als sie sich in ihren Stuhl zurückgeworfen hatte, um verzweifelt in ihr Taschentuch zu beißen, sagte der alte Mann: »Du sagst Wahnsinn, aber dein lieber Mann ist net dieser Meinung, sondern er meint, daß es ein Religionskrieg wird.«

»Du hältst es für keinen Wahnsinn?«

Ebener hatte bei Nikolai Robins Worten rasch das Gesicht zu ihm herumgedreht, verdutzt und ungläubig; danach glitt ein Lächeln flüchtig über seine Züge, und Cara, da er keine Antwort gab, fuhr fort: ob das kein Wahnsinn sei, daß Völker in Blut sinken sollen, weil ein Mann ermordet ist. Weil angeblich die Ehre einer Nation von einer Verbrecherbande angegriffen wurde. Weil in den Kabinetten von Paris und London die kalte Gewissenlosigkeit –

»Weil ein Zar«, übertönte der alte Robin sie wutentbrannt, »kommandiert, und drei Millionen heben das linke Bein auf. Weil einer mit einem Schnurrbart so lange mit dem Säbel gerasselt hat, daß die andern jetzt ihren ziehn.«

Ebener sagte: »Das kannst du glauben?«

»Ich glaub, was ich seh.«

»Das kannst du sehn, daß Völker in ihren Tod marschieren, weil einer kommandiert? Ich kann das net glauben, auch wenn der eine Jesus Christ wäre.«

»Warum kannst es net glauben?«

»Weil kein Volk tut, was es nicht selber will.«

»Will – will – wollen? Hat ein Volk einen Willen? Einer winkt mit dem Finger, und sie ducken sich. Sie haben keinen, sie können keinen haben, denn sie sind Mist.«

»Sie sind was?«

»Mist, sage ich, Mist, der sich treten läßt.«

»Dann«, sagte Ebener, »weiß ich net, warum du dich ihretwegen aufregst.«

»Aber Ebener«, ertönte Caras schwache, verzweifelte Stimme, »ist es denn nicht so? Sind es denn nicht diese Kabinette oder diese Despoten, die das Unglück anrichten?«

»So ist es allerdings«, sagte er, »wenn du Zeitungen liest. Dann sieht es so aus.«

»Ebener«, rief sie, mit seinem Sarkasmus die Worte selbst überhörend, »gibt es einen Menschen im Volk, in allen Völkern, der das will – nein, der das weiß, was an Bündnissen und Abkartungen verhandelt wird in den Geheimkabinetten? Einen Menschen im Volk, der das will?«

»Freilich, Cara, die gibts. Die in den Geheimkabinetten.«

»Ebener!«

»Cara! Ja, gehören die nicht zum Volk? Wie sind sie denn hineingekommen in ihre Kabinette, woher denn? Net aus ihrem Volk? Und das Volk selber – warum jubelt es denn?«

Da hörte sie nur das Wort ›jubeln‹ und schien aufschreien zu wollen; dann brach sie aus: »Ich kann mir die Augen zuhalten, ich könnte sie mir ausstechen, wenn ich machen könnt, daß ich das nicht mehr seh: wie sie zerrissen werden, wie sie daliegen halbzerfetzt und schreien wie die Kinder, und wie sie tot sind und tot, tausend, zehntausend, lauter Kinder von Müttern, und Gebrüll und Getobe und – Tote, Tote, Tote.« Sie schrie: »Ich will keinen Tod! Ich will keinen Tod!«

»Ich weiß«, sagte er ergriffen, »so mußt du es sehn.«

»Warum siehst du es nicht so?«

»Du sagtest doch, sie jubeln.«

»Weil sie Unwissende sind. Glaubst du es nicht?«

»Ja und nein.«

Aus dem Hintergrund grollte die Stimme des alten Mannes: Ja und nein, das habe er schon einmal gesagt, indes flog Cara jetzt von ihrem Stuhl an seine Brust und flehte:

»Sei doch nicht so, Liebster! Warum bist du so fremd? Sage mir, wie du es siehst, ich bin ja nur darum gekommen, in der Herzensangst, wo ich nichts hatte als die Zeitungen, dies Papier.« Er fing an, begütigend über ihr Haar zu streichen, und sie weinte: »Wo sind wir denn, Ebener, wo sind wir bloß? Sind wir nicht mehr in Europa? Ist Europa ein Traum gewesen und fliegt nun in Fetzen davon? Sind es denn nicht mehr die gleichen Menschen, die jetzt aufeinander losgehen wollen: Bauern, Kaufleute, Arbeiter, Anwälte, Ärzte – wie kann es ihnen denn einfallen, plötzlich Tiger zu werden und sich aufeinander zu stürzen?«

»Weil sie Tiger sind«, ergrimmte der alte Robin, »da hast es«, und Ebener trat von ihr zurück, um fast heftig zu sagen: »Wie denn soll ich sprechen? Du hast doch an dies verdammte Papier geglaubt, und er glaubt, daß ich an Religionskriege glaube.«

Über Caras Gesicht lief eine böse, fast grün zu nennende Welle. Dann bewegte sie sich auf den Diwan zu, und wie von ihren Kräften verlassen, warf sie sich darüber hin, grub ihr Gesicht ein und jammerte:

»Ich habe keine Kinder! Ich kann sie nicht an mich reißen und den Menschen zeigen, was Liebe ist! Aber – Lüge ist alles, Lüge! Keine Mutter liebt ihr Kind, kein Vater liebt seinen Sohn, das ist alles Lüge, Mutterliebe, Vaterliebe! Sonst gäbe es das nicht! Sonst gäbe es das jetzt nicht!«

 

Die Stimme ihres Mannes sagte, als sie anfing ruhiger zu werden, mit schonendem Ausdruck:

»Cara – wie haben denn wir gelebt? Wir haben uns liebgehabt und unsere Arbeit getan, die uns Freude war. Wir haben gelebt wie alle, nur daß wir schöner und freudiger leben konnten als die meisten. Wir waren glücklich und haben uns um nichts gekümmert.

»Nun bricht es herein, was wir nicht gewollt haben – was niemand gewollt hat. Und nun es da ist, klagst du die andern an. Cara –«

Sie hatte ihm zugehört mit gesenktem Kopf, die Hände neben sich aufgestützt; jetzt hob sie das verweinte Gesicht und sagte mit härterem Auge, ohne ihn anzusehn:

»Ich will es nicht. Ich will nicht dulden, daß hunderttausend, die nichts von Politik wissen, ja kaum von Gott – Jesus Maria, wenn ich an diese russischen Bauern denke! – daß sie zur Schlachtbank getrieben werden, und das Beil fällt am laufenden Band.«

Nun empörte sich auch wieder der alte Robin und rief, ob es nicht eine unmenschliche Schande wäre oder der helle Irrsinn, daß Millionen von Sechsen getrieben würden.

»Ach, du alter Mann«, rief Ebener ärgerlich lachend, »kannst du das wirklich glauben, und du auch, Cara, daß Völker hinrennen und auf Kommando tun, was sie nicht wollen?«

»Sie haben jahrtausendelang nichts andres getan«, beharrte der alte Robin, während Cara kühl aufblickend fragte: »Warum sprichst du zu uns, als wären wir Kinder?« und dann wieder der alte Mann seine Hände erhob und stöhnte: »Er weiß ja nicht, was er sagt, er widerspricht sich ja selbst.«

Ebener, von vorne und hinten angegriffen, warf sein Gesicht zu dem alten Mann herum mit zusammengezogenen Augen, die heiß geworden waren. Er stand, sich beherrschend, auf, schob die Hände in die Taschen seiner Lederhose und ging zur Mansarde hin, wo er sich mit dem Rücken an die Wand lehnte. Von dorther kam seine Stimme nach einer Weile, fragend:

»Wieso widersprech ich mir selbst?«

»Vorhin hast du gesagt, daß sie es nicht wollen, und nun sagst du, daß sie es doch wollen.«

»Ja, Ebener, wie sollen wir das verstehn?«

»Wenn ihr es net versteht, so liegt es net an mir, sondern an der menschlichen Natur, die zwei Willen hat und net einen, ja vielleicht noch mehr.«

»Das soll ein Mensch verstehn!«

»Onkel Bien, beantworte mir eine Frage:

»Wenn ein Feuer ausbricht und du kommst dazu und weißt, daß Menschen in Not sind: willst du dich dann in die Flammen stürzen und retten? Ist das dein Wille?«

»I glaub net.«

»Aber dann besinnst du dich, und etwas erwacht in dir, und du sagst dir, daß du eine Pflicht zu erfüllen hast. Und dann gehst du hinein, wider deinen Willen?«

»So wirds sein.«

»Also wessen Willen erfüllst du dann, wenn du ins Feuer gehst? Willst du sagen, du tusts ohne Willen? Gewiß nicht, sondern du weißt, daß du den Willen deines sittlichen Menschen erfüllst. Aber dein unsittlicher Mensch ist dagegen.

»Und jetzt nimm an, daß du nicht Nikolai Robin bist, sondern ein Bauernlackl, der Angst hat. Aber du gehst her und brüllst ihn an: »Du Lackl, wirst einigehn, wirst du?« Da spuckt er und ruckt seine Schultern und geht hinein und verwandelt sich in einen Helden drinnen und kriegt das Eiserne Kreuz. Hat er es gewollt, oder hat er es nicht gewollt?«

»Und was willst du damit beweisen? Ein Bauernlümmel, ich selbst – wir sind nicht die Nation.«

»Aber die Nation ist wie ihr. Ja, ich kann die Völker net anders sehn als wie Individuen, als Ganzheiten, als Organismen. Ich kann da nicht drei oder sechs herausnehmen, Diplomaten, Minister – ich begreife net, wie ihr das könnt. Diese Beamten oben – sind sie keine Deutschen, Russen, Franzosen? Wenn sie auf ihren Posten stehn, haben sie sich dahin gestellt? Sind sie nicht hingestellt worden auf Grund der Verfassung, der gesamten Staats-Organisation? Sind sie also nicht einfach das, was beim Individuum das Bewußtsein ist? Was das Ganze will, unbewußt, das sprechen sie aus, und dann breitet das Bewußtwerden sich durch das Ganze aus, und – was es nicht will, das tut es, weil es muß, weil es – im Tiefsten – gewollt hat.«

»Ebener! Weil es gewollt hat? Den Krieg, die Zerstörung, den Wahnsinn, das sollen die Völker gewollt haben?«

»Wenn net sie, Cara, wer dann? Haben die Römer nicht die Punischen Kriege gewollt und die Franzosen nicht die Revolution? Gut, dann mußt du wohl sagen: Gott hat es gewollt. Oder du glaubst, daß kein Wille ist in der Welt, du glaubst wirklich an Wahnsinn.«

»Ach, Ebener, deine unbeirrbare Ruhe, mit der du dir immerfort recht gibst. Wenn du doch einmal aufbegehren würdest und aufschrein!«

»Und was hättest du davon, wenn ich deinetwegen aus meiner Haut führ?«

Er hatte ruhig gesprochen, doch blickte der alte Robin suchend umher, sah seine schwarze Mütze auf dem Fußende des Diwans liegen und streckte die Hand nach ihr aus, worauf Cara rief: »Siehst du wohl, er geht jetzt, weil wir uns zanken, und du hast ihn angeraunzt.«

»Ich habe ihn angeraunzt?« fragte Ebener verwundert. Danach erstarrte sein Gesicht. Der alte Mann sagte: »Ja, mei, 's ist halt der Krieg.« Und Ebener sagte:

»Ja, der ist schon lange in diesem Zimmer.«

Er und Cara sahen sich fremd in die Augen.

 

Sie ließ ihren Blick sinken und schüttelte leise lächelnd den Kopf, doch war es kein gutes Lächeln, nur ein besserwissendes, überlegenes, das dann langsam verging, indem ihr Gesicht starr wurde und in sich verschlossen, während Ebener wieder zu sprechen anfing.

»Wahnsinn«, sagte er, »das ist nun euer Wort, und doch wißt ihr, daß kein Mensch wahnsinnig geworden ist, sowenig wir es geworden sind. Also warum sagt ihr es? Was ist euer Gewinn? Eine Verachtung der Menschen. Und daß ihr mit dem Wort die Verantwortung von euch schiebt – wie Pilatus.

»Weil ihr hier in Ackersdorf sitzt und zu leben habt; weil die Wiesen immer tragen und dahier kein Bauer verschuldet ist; weil ich einen freigewählten Beruf habe, den ich liebe, meint ihr, so wäre es allerwärts, und so müßte es bleiben.

»Wieviel Menschen im Land lieben ihr Tun wohl so, daß sie nichts Höheres träumen können, als tagaus tagein, jahraus jahrein – Zahlen untereinander zu schreiben oder andern Leuten Stoppeln aus dem Gesicht zu kratzen? Stehn sie damit auf der Höhe ihres Menschentums? Gar nicht zu reden von den Millionen, die sich zerschinden für Hungerlöhne, die, aufs Rad der Maschine geflochten, Leib und Seele in Fetzen gerissen bekommen? Wer im ganzen Volk – wer verfluchte nicht morgens und abends diese Hölle von Betrieb, das unaufhaltbare Tretrad, in dem er herum stampft, den Kopf nach unten wie das Getier, ohne Blick in die Sterne? Haben die keine unsterblichen Seelen und wissen es, daß sie sie haben? Aber wenn sie es nicht mehr wissen, ist es nicht noch schlimmer, ist es dann nicht Verfall und Zerfall? Seht ihr aber sonst einen, der zufrieden ist mit seinem Lose? Bleibt der Bauer auf seiner Scholle und läuft nicht scharenweis in die Großstädte? Und die in den Städten – warum sind sie denn so gereizt und ohne Geduld, warum ist denn diese rasende Sucht, daß es schneller gehe, noch schneller, im Laden, am Schalter, in der Fabrik, am Telefon, im Lift, in der Bahn und im Auto? Wohin rasen sie alle? Daß sie sich nur selber davonrasen könnten! Und in ihren Wohnungen, ihren ungestörten Heimen, da schwellen sie über von Gezänk, von Feindschaft, von einem Fieber der Reizbarkeit. Haben sie keinen Schatz von Liebe in ihrer Brust? Nein, Gold auf der Bank, das sie nie zu sehen bekommen, sondern nur ihre papierenen Scheine. Denn alles ist unecht geworden, alles Schein, alles Verfall.

»Ich sage euch«, fuhr die ruhig dröhnende Stimme fort, »unter uns hier prasselt der Boden von einem Feuer der Unlust und des Unsegens, des Seelenmords und der Knechtung. Da wundert ihr euch, daß es ausbricht? Alle sind Sklaven – sollen die nie ihre Ketten zerreißen?

»Kain hat seinen Bruder Abel erschlagen – warum? Sein Feuer brannte schlechter. Hätte er nicht besser sich selbst erschlagen? Ja, wenn einer das könnte! Aber wer sieht denn sich selbst? Die Schuld hat immer der andre – der Nachbar, die Frau, der Vorarbeiter, der Kollege, der Vorgesetzte, der – Russe, der Serbe, der Franzose. Und alles das sind nichts als Vorwände. Denn in jedem von uns ist das Chaos.

»Nein, da will niemand töten, aber – sie wollen einmal zerstören, zerreißen dieses Netz, alles worin sie hängen, das laufende Band, die Routine, worein sie verwickelt sind. Sie wollen einmal heraus und frei sein vom Alltagsgesetz und höheren Gesetzen gehorsam. Sie wollen nicht mehr verlorene einzelne sein, sondern Deutsche, Franzosen, Briten, in eine Verbrüderung eintreten, der ein Gesang entströmt, die in einem Takt dahinbraust, der es erlaubt ist, alles in Stücke zu schlagen und zu verbrennen. Sie wollen ihr Blut wiedersehn, daß es wirklich noch rot ist und fließt, sie wollen am Ende töten.

»Dann wollen sie wieder vor ihren Gott hintreten, ja, hinein in die flammende Furchtbarkeit Gottes, wenn das Dach ihrer Kirchen zerspringt und ihr eigenes Blut über den Altar strömt: Sünder sein, Sünder sein und aufstehn und wieder begnadigt werden.«

Ebener hatte, auf dem Schemel sitzend, gesprochen, die Ellbogen auf den Knieen, die Augen glühend zusammengezogen und den Blick so in die Lampe gerichtet, und auch Cara und der alte Robin hatten sich nicht bewegt. Sie saß, die Füße empor und unter ihr Kleid gezogen, in den Kissen, den Kopf an die Wand zurückgelehnt, die Lider gesenkt, unter denen mitunter ein unruhiger Blick emporzuckte. Nun, nachdem es eine Weile still geblieben war, sagte der alte Robin:

»Das ist mir zu romantisch.«

»Romantisch?« fragte Ebener. »Weil ich die Dinge seh, wie sie wirklich sind?«

»Ja, was heißt, wie sie sind? Wir Deutschen sehen sie vielleicht so – wir unheilbaren Deutschen. In uns mögen diese Empfindungen der – Ungenüge vorhanden sein, dieses schlechte Gewissen.«

»Schlechtes? Ich find es das gute. Christus war auch solch Romantiker – er sagte: Eins ist not. Aber damit wirst du recht haben, daß dies deutsche Gedanken sind, wie denn net? Ich bin ein Deutscher, und wenn der deutsche Mensch zu etwas nütze war und einen Sinn gehabt hat in der Welt, so war es der, in die Tiefe zu sehn und nicht in die Breite.

»Net wahr?« fragte er beinah unsicher im Verlangen nach einer Bestätigung zu Cara hinüber, erhielt jedoch nur ein kühles: »O sicher« zur Antwort. Nach einer Weile und nach einem dunklen Blick auf die Abgewandte unter seinen Lidern hervor stand er auf und ging wieder zur Mansarde. Im Raum stand das Schweigen.

»Du mußt wissen, Cara«, wurde seine Stimme hörbar, »daß ich in diesen Wochen seit dem 28. Juni beinah nichts getan habe, als nachzusinnen über all dieses – auch wenn ich die Zeitungen nicht gelesen habe.«

»Drei von den Wochen«, klagte sie leise, »mußten wir voneinander getrennt sein, und nun weiß keines mehr, was in dem andern vorgeht.«

»Was ich denke, Cara, ist nur die Fortsetzung meines früheren Denkens, das du immer geteilt hast. Und du selbst, Cara, bist auch keine andre geworden, sondern nur ganz und gar, was du bist; nämlich eine Frau.«

»Ach Gott, Liebster, denken – was kommt dabei heraus?«

»Nichts für dich, allerdings, denn du bist, was ich sagte, eine Frau, oder Liebe. Du willst lieben, aber – wo deine Liebe net hinreicht, da hast du nur Abscheu, Verachtung. Du willst es net wahrhaben, es soll wieder weg aus der Welt. Denn du lebst nur in deiner Welt und siehst dies als Einbruch an.

»Aber in Wahrheit ist dies die Welt, und du stehst mitten darin. Und wenn sie nun im Zerfall ist?«

»Im Zerfall? Warum soll sie zerfallen?«

»Weil –« er wandte sich zu Nikolai Robin um, der, die Hände über dem Leib gefaltet, dasaß, den Kopf auf die Brust gesenkt – »weil dies kein Religionskrieg ist eben. Da hast du mich mißverstanden. Sondern hier ist alles vermengt, hier ist kein Sinn zu sehn, hier sind Preußen und Österreicher, Russen, Serben, Franzosen, wahrscheinlich auch Briten, Katholiken und Protestanten, alles durcheinandergemengt – ein Wirrwarr, der Turm von Babel. Religion gilt nichts mehr. Das ist es, das nenne ich den Zerfall – so wie vor zweitausend Jahren dreihundert Religionen da waren und kein Gott mehr am Leben. Denn da war keine Lebenskraft mehr, und Hellas und Rom zerfiel.«

»O Gott, was geht uns Hellas und Rom an?«

»Nichts – und doch so viel, daß es zerfallen ist und versunken, so wie Babel, Jerusalem und Memphis zerfallen sind. Wollt ihr ewig leben?«

»Sagst du das?« rief Cara mit fast schriller Stimme. Sie hatte sich vorgesetzt, blaß und mit verdunkelten Augen. »Das ist Selbstmord!« riefen sie beide wie aus einem Munde.

»Selbstmord?« Er lachte bitter. »Ja, was ist denn los mit euch? Ist es Selbstmord, wenn ich weiß, daß ich sterben muß, wenn ich siebzig Jahr alt bin? Europa ist zweitausend.«

»Ist das ein Grund, daß Europa zugrunde geht?«

»Ich kann net verstehn, was dich aufregt. Ist Rom zugrunde gegangen, so ist es auch auferstanden, für das heidnische ein christliches Rom. Und wenn jetzt Europa zugrunde geht –«

Er verstummte und sagte nach ein paar Sekunden mit seiner dunkel tönenden Stimme die Verse:

»Unsterblich ist der Flammengeist
Und fliegt dahin, wenn sein Gehäus zerbrochen.«

Bald darauf erhob sich der alte Mann, indem er murmelte, es gehe auf elf Uhr, höchste Zeit zum Zubettgehn.

 

4

Als Ebener den alten Robin durch Gemüse- und Obstgarten auf seinen Wiesenpfad unter den Sternen geleitet hatte und im Haus die Treppe wieder hinanstieg, rief Caras Stimme aus der halboffenen Tür des Badezimmers, sie habe sich inzwischen abgebraust und komme sogleich. Er stieg indes weiter in das Dachgeschoß hinauf, wo der Lichtschein aus Caras Zimmer in den kleinen Flur fiel, und fing drinnen an Ordnung zu machen, indem er die Tabakasche aus den Schalen in ein Deckelgefäß leerte und mit den Überresten von Caras Abendbrot auf einen Tisch in den Flur hinaustrug, dann die Sessel zurechtrückte und die Kissen auf dem Diwan glättete und gefällig legte. Schließlich zog er die schwarze Standuhr auf dem Büchergestell auf, ging zur Tür, horchte in das Treppenhaus, wo alles still war, und setzte sich endlich auf den Schemel vor Caras Webstuhl, an dem er dann eine Unordnung bemerkte und aufzulösen begann. Darüber erschien dann Cara in einem leichten graublauen Morgenrock mit Spitzen am Hals und den halben Ärmeln; ihr erfrischtes Gesicht blühte von zarter Röte, und die Augen hatten den Glanz der Liebenden. Da ihr Mann von seiner Beschäftigung nicht aufsah, trat sie hinter ihn, legte die Hände auf seine Schultern, dann ihre linke Wange an seine rechte und sagte mit einem zärtlichen Murren: »Mußt du das jetzt machen?«

»Muß wohl«, versetzte er, »wenn bei dir ›gleich‹ immer noch heißt: eine halbe Stunde.« Sie lachten. Cara glitt, seine Hände von den Fäden wegdrückend, auf seine Knie, legte die Arme um seinen Hals und fing an, ihre Wange an der seinen zu reiben, indem sie leise gurrte und über die Härte seiner Bartstoppeln klagte.

»Ich war sehr dumm«, sagte Ebener, »mich mit ihm einzulassen. Ich sollt längst genug wissen, daß er das weiteste Herz hat, aber sonst nur einen kurzen Verstand, mit dem er nirgend hinlangt. Er hat mich fast durcheinandergebracht.«

»Und dann liebt er mich halt.«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß er halt ritterlich fühlt, wenn er glaubt, daß du mich angreifst.«

»Habe ich dich angegriffen?« fragte er erstaunt.

»Natürlich nicht – außer jetzt.«

»Jetzt? Alsdann –« Da sprang sie auf ihre Füße, hob die Arme leicht, sich drehend, und sagte schmollend: »Du siehst gar nix.«

»Da schau her – der neue Schlafrock!« Gegen die hinter ihr stehende Lampe schattete sich die schlanke Vasengestalt ihres Leibes unter dem dünnen Stoff dunkler ab, und er sagte bewunderungsvoll: »Stoff und Farbe – Lehrersfrau; aber die Form und die Spitzen ...«

»Du hast aber schlechte Augen«, erwiderte sie lachend und strich über die gelbliche Spitze am Hals. »Urgroßmutterspitzen sind das, und das ist jetzt der vierte Morgenrock, den sie verzieren.«

Dann hob sie die Arme und legte sich an seine Brust, ihren Mund emporhebend. Beider Umschlingung wurde minutenlang enger und inniger, bis sie sich wieder löste und mit gesenktem Blick fragte, ob er schon müde sei, sie möchte ihm sonst noch etwas sagen, etwas Persönliches.

Sie ging dann zum Diwan hinüber und legte sich in die Kissen, einen Arm neben sich aufstützend, so daß er neben ihr sitzen konnte. Eine Weile ordnete sie noch an den Spitzen über ihrer Brust, streckte dann eine Hand nach ihm aus und sagte, ihn klar anblickend:

»Ich muß ein Geständnis ablegen.«

»Du mir?« fragte er, und sie lachte. »Warum erschrickst du? Untreu bin ich dir nicht geworden.«

Er gab zurück: »Aber ich dir.«

»Na, Ebener – das sagst du so einfach.«

»Das ist auch einfach gewesen.«

»Sagmeisterin am Ende? Woher kam dir sonst die Gelegenheit?«

»Die Grießböck-Marei, wenn du dich erinnerst?«

»Die war ein Kind, dürr wie ein Stock und braun.«

»Du hättest sie jetzt sehen sollen – eine Dryade. So ist sie auf einmal an dem Nußbaum gesessen, wie ich im Bienenhaus arbeite, vor einer Woche. Nachher ist sie eingeschlafen, wie ich hinaufgeh, um zu sehn, wer das ist. War halt schon sehr hübsch und grad so kokett, daß es net städtisch dirnenhaft war, sondern –«

»Dryade.«

»Ja. Ich hab dann geredet mit ihr, geplauscht, eine halbe Stunde. Alsdann – das ists gewesen.«

»Und deswegen«, sagte Cara entrüstet, »spannst du mich auf die Folter?«

»Bin aber erst gegangen«, versetzte er, »grad wie sie gemeint hat, ich bleibe.«

»Hat die gemeint, daß sie mich ausstechen kann?«

»Wird net viel gemeint haben, die.«

»Und wie edel du warst, zu gehn, nachdem du sie erst betört hast mit dem Schlangenblick deiner Augen.«

»Ich hätt sie betört? Warum auch net. Kann schon sein. Die hat mich aber schon sehr angezogen, muß ich sagen.«

»Und ich«, lachte sie auf, »ziehe ich dich nicht an?«

»Was ist das für eine Logik?«

»Einmal soll eine anziehende Frau dich anziehn, einmal soll sie dich nicht anziehn. Liebst du mich wegen der Anziehungs-Kunst, alsdann bitte, nimm meinen Schlafrock, aber nicht mich.«

»Also wenn du es so anschaust«, erwiderte er, über ihr Wortspiel lächelnd, »dann laß mich jetzt dein Geständnis hören.«

»Lieber, das wird ernster.«

Er entgegnete nichts, und sie sagte unter gesenkten Lidern:

»Ich habe mich nun doch untersuchen lassen.

»Es war«, fuhr sie bei seinem verwunderten Blick hastig fort, »ein großer Gynäkolog in der Klinik, schon ein alter Herr. Deine Mutter hat angefangen und mit ihm gesprochen, ohne mein Wissen, und – nachdem sie nun zehn Jahre uns zuliebe geschwiegen hat, holt sies jetzt nach mit Trommeln, wegen meiner Schamhaftigkeit, bis ich nachgebe. Denn die war ja auch nicht mehr der Grund, zuletzt. Wir haben es doch beide nicht mehr gewollt.«

»Weil es besser ist«, sagte ihr Mann, »daß keiner die Schuld hat.«

»Ja, und nun, daß ich es gleich sage: gefunden haben die nichts. Geprüft haben sie mich – das war nicht mehr schön. Und dann haben sie sich gratuliert, daß sie einmal eine Frau sehn, die gesund ist.

»Lieber, sei nicht bös! Es kann trotzdem an mir liegen. Aber – was hast du wieder zum Lachen mit deinen Goldaugen!«

Er versetzte: »Weil ich auch so eine Prüfung bestanden hab. Nämlich in meinem dreiundzwanzigsten Jahr – von denen in Schwabing eine – Malerin ist die gewesen; die hat ein Unglück gehabt, so im fünften Monat.«

»Ja, aber – Ebener? Wars denn gewiß von dir?«

»Heiliger Thomas!« sagte er voll Bewunderung, »du bist schlau. Gar net gwiß ist das gewesen, sogar sehr ungewiß. Das ist gar net zum Aussprechen, wie ungewiß.«

Den Satz erstickten ihre Küsse und ihr Gelächter, das lange nicht wieder aufhören wollte und in Schluchzen und Tränen überging. Als sie, ihr Tuch auf den rinnenden Augen, ausgestreckt lag, warf sie sich plötzlich wieder hoch und sagte, hart vor sich hinstarrend:

»Was ist das jetzt mit mir? Unsinnig lachen oder weinen; meine Mitte hab ich verloren.«

Sie legte sich wieder hin; ihre linke Hand lag in seiner rechten, und er fing an, seine Hand an ihrem bloßen Arm emporzuschieben, in ihren losen Ärmel über dem Ellbogengelenk, das er von innen umspannte. Sie blieb still. Aber nun zog er seine Hand wieder hervor; über ihre liegende Gestalt hinweg seinen Arm auf ihre andere Seite stützend, hob er sein Gesicht langsam nach oben und sagte:

»Wie hast du es nur vermocht, Cara, unsere Geschichte zu schreiben?«

Sie nahm ihr Taschentuch, schneuzte sich und sagte zaghaft, sie könne ihn nicht verstehn.

Er versetzte: »Ich habe dir geschrieben und dir gedankt, soviel einer danken kann, der mit sehender Liebe so überschüttet wird. Aber – es hat mich zugleich überwältigt – dies Fertigsein. Dieses Zuendegeführtsein des Lebens, das nun daliegt, übersichtlich und folgerecht; aber nun so ohne Werden und Weiterwachsen wie vor dem Tod.«

»Hat es so auf dich gewirkt?«

Er schwieg, und sie sprach bittend leise: »Lieber, es wird sich ändern. Wir werden doch Kinder bekommen.«

Sie streichelte seine Hand, in der es abwehrend zuckte, und sagte: »Ich kann dir nur wiederholen, was der alte Professor gesagt hat: Man muß niemals die Hoffnung aufgeben.«

Auch jetzt erwiderte er nichts. Endlich begann er:

»Das ist es doch gewesen – bei dem Mädchen im Nußbaum: diese Verführung, daß etwas Neues käme, wenn auch ein Ungeratenes; gegen dich, gegen mich – uns beide. Und hätte sie dann geboren –«

Cara stöhnte, ihr Gesicht flammte auf, sie warf sich auf die Seite und biß in ihr Taschentuch. Als sie wieder Macht über sich hatte, brachte sie hervor:

»Zerstören – Ebener – nun fange ich an zu verstehn.«

Es blieb still; nur das Ticken der Uhr schwang mechanisch und leicht im Raum.

 

»Du erinnerst dich, Cara, was du in deiner Beschreibung erwähnt hast –«

Er stockte, denn sie setzte sich empor, preßte die Hände an ihre Schläfen und sagte:

»Das ist in mir auch gewesen. Diese Abgeschlossenheit – alles sagen und an ein Ende führen. Ich habe es auch gewollt.«

Da sie vor sich niederstarrte, konnte sie den prüfenden Ausdruck nicht sehn, mit dem sein Blick auf ihr ruhte. Dann sagte er:

»Weil ich es sehe, darum mußt du es nicht sehn.«

»Warum würde ich es sonst sagen?« fragte sie aufblickend.

»Weil es bei dir keinen Grund hat. Oder doch nicht meinen Grund.«

Sie legte sich wieder zurück, schloß die Augen und sagte nach einer Weile: »Sprich weiter, ich hatte dich unterbrochen.«

 

»Ich wollte dich erinnern an das Stück Draht, das du mich in den Händen drehen sahest.«

»Ja, ich erinnere mich.«

»Ich las es abends in deiner Beschreibung; aber am Mittag vorher hatte ich mich selber ertappt, über einem gleichen Stück Draht, das ich drehte, ohne es zu wissen.«

»Jesus Maria, Ebener, willst du sagen –«

Er hob die Hand. »Nicht, Kind, daß ich nun wieder des Berghofs müde wäre. Nein, diesmal ist es das Ganze. Nicht erst seit gestern und vorgestern. Es ward mir nur klar an dem Draht, an diesem kleinen Kreis – da wie dort ein gleichförmiges Ende, das sich herausschob. Ein einfaches Bild des Lebens – dieser Kreislauf; und Vergangenheit hier – Zukunft dort, eine der andern gleich.

»Wie hätte ich auch sonst die Menschen verteidigen können? Ich sprach aus mir selbst.«

Es blieb lange Zeit still. Er hatte die Stirn in eine Hand gelegt, jetzt schob Cara sich zum Fußende des Diwans, saß dort einen Augenblick und stand auf. Sie ging zwischen zwei Sesseln gegen die Mansarde hin, wo sie stehenblieb, die Hände zu ihrem Haar erhob und daran ordnete. Schließlich ließ sie die Hände fallen und sagte:

»Ja – warum haben wir keine Kinder?«

»Ich weiß net, ob es dann anders wäre.«

»Für dich nicht.«

»Ich kanns net beurteilen, da ich es net im Leib habe wie du.«

»Freilich nicht.«

»Ich weiß dafür etwas anderes. Die Ungenüge – ich habe das erst aus deiner Beschreibung erfahren – diese Ungenüge am heiligen Leben, das lauter Güte, Liebe und Segen ist, die ist: weil ich es net von mir habe.«

Cara war langsam wieder zum Tisch gekommen, setzte sich nun auf den vorderen Rand ihres hochlehnigen Sessels und fragte: »Nicht von dir, Ebener, von wem denn?«

»Erst gab es und lenkte es mir meine Mutter. Dann hast du es mir gegeben und gelenkt.«

»Du bist nicht klug!«

»Cara, du weißt, daß es dein Wille war. Du hast zu mir gewollt, und du hast mich erreicht.«

»Und die Madonna, Ebener?«

»Gewiß, sie hat es bestätigt.«

»Ich würde gesegnet sagen.«

»Bisher doch nicht, Cara – verzeih!«

Aufblickend sah er, wie sie mit einem unklaren Laut sich zur Rückenlehne des Sessels schob und ihre eine Hand sich zur Faust ballte. Ein schwarzer Schatten flog durch ihre Augen, und es schien, als ob sie zitterte. Sie legte Schläfe und Wange an die stoffene Wand, schloß die Augen und sagte: »Sprich weiter.«

Er sagte: »Du hast mich wiedergeboren; du erst hast mich männlich gemacht – zu einem denkenden Geist. Dann hast du mich zum Lehrer gemacht, hast mich nach Ackersdorf gebracht, mich zum Gärtner gemacht, zum Landwirt. Der Berghof –«

Er hielt inne, und sie sagte, die Augen aufschlagend, mit einer anderen Stimme:

»Mutterstelle an dir vertreten. Fassest du so die Madonna auf?«

Er horchte auf bei dem Laut ihrer Stimme und sagte: »Warum sprichst du in diesem Ton, Cara? Du hast mich sehen gelehrt, hast mich atmen gelehrt. Du hast mir dieses ganze Leben zuerteilt, in dem ich –«

»Nein!« schrie sie aufgebracht und sprang auf ihre Füße, wiederholend: »Nein! Nein und nein! Nichts hab ich getan und gegeben, alles das war in dir, und ich war das Organ, das Instrument, weiter nichts. Vielleicht ja, eins – Liebe bin ich gewesen, immer Liebe.«

»Ich weiß nicht, Cara, warum du es heut net wahrhaben willst. Damals –«

»O mein Gott, erinnere mich nicht an damals!«

»Nun verstehe ich dich net mehr.«

Er sah sie sitzen, die Finger an ihre Schläfen gedrückt, den Kopf gesenkt, mit verdunkelten Augen, und er sagte:

»Verstehst du mich nicht mehr? Klage ich dich an? Da sei Gott vor! Wenn es dein Wille gewesen ist, so ist es doch Segen geworden – wie konnte der Wille dann schlecht sein? Versteh mich doch, wie ich es meine. Du hast mir die Dinge erworben – mir sind sie zugefallen. Einmal war eine kurze Frist, wo ich vor einer Mauer stand – da zeigtest du mir schon das Tor. Ist das alles net wahr? Wo ist mein Verdienst? Ich habe für keinen andern, und auch nicht für mich selbst, gelitten, geopfert, gemüht.«

Er verstummte, denn er sah ihr Auge jetzt irre emporfliegen; sie rang Hände und Arme vor ihrer Brust empor, bis die Finger sich unter dem Kinn falteten, und es drückte sich darauf, daß die Muskeln sich spannten; so wurde sie langsam still ...

Sie sagte: »Du willst von uns fort.«

»Ich muß in diesen Krieg.«

»Du hast ein krankes Herz.«

»Was für Einbildungen, Cara! Du weißt, daß es lange gewesen ist. Ich trage meinen Zweizentnersack wie irgendein Bauer.«

Sie warf den Kopf empor und biß die Zähne zusammen, während er fortfuhr: »Wenn es mich jetzt forttreibt, Cara, muß ich dem Himmel nicht danken, daß er mir in diesem Augenblick etwas Großes hinlegt?«

»Ach, also wieder wer anders, wenn auch diesmal der Himmel.«

»Er legt es in die Welt, ich brauche es nicht zu nehmen. Bei meinem Alter könnte ich lang zuwarten, bis ich geholt werde. Nur wenn ich freiwillig gehe.«

»Freiwillig!« Sie biß auf ihre Lippe. »Und warum, Ebener, warum, wenn dies ein Chaos ist, ein Zerfall, ein Weltuntergang oder was weiß ich – was hast dann du damit zu tun?«

Ebener erhob eine gläserne Aschenschale, setzte sie hart wieder hin und sagte:

»Was hat dich jetzt in meine Feindin verwandelt? Du kannst nichts mehr von mir verstehn.«

Sie beherrschte sich mühsam, um mit kühler Stimme sagen zu können: »Und was verstehst du von mir?«

»Verzeih, ich sagte das nur, weil von mir eben die Rede war. Und wenn ich fortfahren darf, Cara: daß ich das Weltgeschehen sehe, objektiv, als Betrachter, das ist eins, und das hindert nicht, daß ich ein Herz habe. Daß ich Europa zerfallen sehe, läßt mich nicht aufhören, ein Deutscher zu sein und Deutschland in Not zu sehn. Muß ich noch mehr sagen, Cara?«

Er stand auf und trat zu ihrem Stuhl, wie er aber die Hand nach ihr ausstreckte, schien sie am ganzen Leib zu erstarren und steif zu werden, während sie sagte: »Rühr mich nicht an.«

Danach sank sie zusammen und sagte:

»Ich habe gewußt, daß du mich nicht liebst.«

»Nun, Cara –«

»Nicht so wie ich dich. Warum liebst du mich, kannst du mir das sagen?«

Er setzte zum Sprechen an, doch dann drehte er sich um, setzte eine Faust vor die Stirn und sagte: »Wie kann ich dich lieben, wenn ich dich jetzt verlasse?«

Sie versetzte: »Es ist die Art, wie Männer Frauen lieben.«

Er hörte die Worte wohl kaum; es dauerte einige Zeit, bis er sich in der Gewalt hatte und hinter ihren Stuhl trat, eine Hand auf die hohe Rückwand legend. Er sagte:

»Muß Liebe immer gleich sein? Gibt es nur eine Art? Die Menschen sind auch net gleich. Von mir kann ich nur sagen, daß du mir der gelöste Wille warst, zu Klarheit geworden. Als ich dich gehen sah, an dem Strom, wie du zum Ufer gingst, da war dein Gang schwebend. Da war kein Wollen mehr, es war in Kraft und Gewißheit verwandelt.

»Und wenn es auch nicht so geblieben ist«, fuhr er fort, »besonders in Fürth –«

»Weil ich die Ehe gewollt habe.«

»Ja, du sagst es. Aber hier in Ackersdorf hat es sich vollzogen: wieder der schöne Gang, der dann immer geblieben ist, und die Parabel – höre zu, Cara, laß mich es auch sagen, nachdem du so viel gesagt hast.«

»Ich? Ich habe gesagt? Sprichst du nicht den ganzen Abend schon?«

»Ich meinte in deiner Beschreibung.«

»Ach so. Nun ja, Ebener, sprich weiter.«

 

Ebener sprach weiter:

»Du hast mich in deiner Beschreibung mit soviel Liebe erkannt. Nur eins war nicht ganz richtig, daß ich nämlich langsam im Denken wäre, was du freilich net wissen konntest. Ich bin aber im Denken net langsam, sondern im Gegenteil zu schnell – so daß es mich langsam im Ausdruck macht. Es ist so, daß bei jedem Stoß an mein Denken ein Gewirbel von Bildern, Anklängen und Möglichkeiten entsteht, so daß ich innerlich ratlos und äußerlich sprachlos wurde. Ich sage wurde, denn durch die Denkdisziplin in den letzten Jahren hat es sich gegeben.

»Nur in den Stunden der Sammlung, die ich als Junge erfunden hab, wurde ich die wunderbare Erscheinung gewahr, daß die reine Anschauung, ich möchte sagen heilend wirkte; so daß der Wirbel von Gedanken und Bildfragmenten sich glättete und stillte und die klare Anschauung langsam sich heraufhob wie ein Spiegelbild in einer beruhigten Flut. Darin konnt ich dann eingehen, in das wahre Bild und die Ruhe.«

Er war wieder in den Raum hineingegangen und sprach halb abgewandt still vor sich hin, während sie vornübergebeugt dasaß wie schon vorher, die Finger auf die Schläfen gedrückt.

»Hättest du das sehen können«, fuhr er fort, »was damals – in Dresden – auf unseren ersten Wegen zu der Bank in mir herumstrudelte, hundert Erinnerungsbilder, die ich nach dir absuchte ... Ich hätte dich anschauen sollen, aber – du weißt, in welchem Zustand ich damals war, so heillos in mir verdröselt und in mich verkapselt.«

»Ein wahres Wunder, daß du mich überhaupt gesehn hast.«

»Warum diese Bitterkeit, Cara? Habe ich dich nicht gesehn und erkannt? Und später dich erst richtig anschauen gelernt und nie aus dem Anschauen verloren? Du warst der erste Mensch, den ich angeschaut habe. Und davon bin ich ruhig geworden. Deine Klarheit, Cara, die wird in mir zu Ruhe.

»Ja, und ich weiß erst seitdem, daß unten in mir eine letzte Ruhe ist. Die ist wie der Erdboden, und bis zu der hinab ist es noch niemals gekommen.«

 

Es war lange Minuten still im Raum, bis Caras Stimme mit einem spitzen Ton hörbar wurde:

»Von wem sprichst du eigentlich?«

»Von wem ich spreche? Ich dachte, ich sprach von uns beiden, indem ich von mir sprach und von deiner Wirkung auf mich.«

»Und das sollte dann wohl eine Erklärung deiner Liebe sein?«

»Das sollte es wohl – soweit sich Liebe erklären läßt.«

»Ja, du kannst Liebe erklären.«

»Ich bitte dich, Cara, verdrehe jetzt meine Worte nicht! Ich habe eben das Gegenteil gesagt, nämlich daß Liebe sich nicht erklären läßt.«

»Aber du hast sie doch eben erklärt, du hast selbst eben gesagt –«

»Ich habe gesagt, nachdem du gesagt hattest, ob es eine Erklärung meiner Liebe sein sollte – nein, Cara, entschuldige, aber so red ich net weiter mit dir. Ich bin net gewohnt, so zu sprechen, am wenigsten mit dir.«

»Jedenfalls wirst du zugeben, daß du deine Liebe zu erklären versucht hast.«

»Gewiß, soweit –«

»Nun, soweit oder soweit – ich kann dir nur sagen, daß das keine Liebe ist.«

»Das weißt du, Cara?«

»Daß es keine Liebe ist, die Gründe hat, die sich erklären läßt, bereden läßt. Daß das keine Liebe ist – nicht meine Liebe ist.«

»Ja, Cara – wenns dir net genug ist? Es ist das, was ich hab, und mehr hab ich halt net.

»Ich dachte«, setzte er nach einer stummen Weile hinzu, »du hättest das gewußt.«

Cara gab keine Antwort. Sie hatte sich zur Wand umgedreht und zerrte an ihrem Taschentuch. Endlich sagte ihre Stimme:

»Ja, meine Liebe war anders.«

Und nach ein paar Sekunden:

»Aber es ist ja wahr: ich habe kein Kind von dir.

»Ich glaubte, daß sie uns getraut hätte – sie mit dem Kind auf dem Arm. Sie führte uns doch zusammen.«

»Und warum glaubst du es nicht mehr?«

»Nun, du willst es doch nicht.«

»Ich will nicht – was will ich nicht?«

»Du willst fortgehn. Und dann kommst du nicht wieder.«

»Das weißt du schon?«

»Nicht, wenn du freiwillig gehst. Ebener!« Sie warf sich herum, »bitte, fange jetzt an zu begreifen! Wenn sie dich holen werden, dann – ich weiß nicht, was dann wird, ist ja auch gleichgültig – Gott wird es wissen. Aber dann kann ich dir verzeihen, daß du ein Mann bist.«

»Verzeihen, das mußt du – Cara, nun werd ich bald lachen.«

»Ja, für dich ists zum Lachen.«

»Cara!« sagte er, jetzt mit einem tiefen Drohen in der Stimme, »höre jetzt auf! Ich weiß, daß du sogar deiner Mutter verziehen hast, es war schlimm genug, das zu lesen.«

»Willst du mich anhören oder willst du mich nicht anhören?«

»Ich will dich nicht anhören, und ich bitte dich aufzuhören, wenn du anfängst, Dinge zu sagen, die du nicht verantworten kannst.«

»Du mußt aber anhören, was ich zu sagen habe! Denn ich sage dir, wenn du freiwillig gehst, dann magst du sterben oder am Leben bleiben, dann hast du den Faden zerrissen, den sie angeknüpft hat, dann hast du dich versündigt. Ebener!« rief sie verzweifelt, »du stirbst, wenn du gehst, und alles war umsonst!«

Sie lag dann, das Gesicht in die Kissen gepreßt, den ganzen Leib von wütendem Schluchzen geschüttelt, während er mit gesenktem Kopf und zweifelndem Blick auf sie starrte. Ebenso plötzlich, wie sie begonnen hatte, war sie dann wieder still, trocknete ihr Gesicht, stand auf und ging mit harten Bewegungen auf den Webstuhl zu, stieß dabei an den Schemel, hob ihn auf und setzte ihn vor den Webstuhl hin und sich selbst darauf. Ein Silberklang durchschlug die Stille – die Uhr, die Eins geschlagen hatte. Es klang für Menschenohren so deutlich als Mahnung, sich auf die Zeit zu besinnen, daß Ebener gleich darauf zu ihr gewendet sagte:

»Bittest du mich, daß ich bleibe?«

Es dauerte eine Weile, bis ihre Stimme hörbar wurde: »Darauf gebe ich keine Antwort.«

Er sagte:

»Ich muß es freiwillig tun. Denn Gott will die Freiheit. Auch hätte ich so nicht reden dürfen, vom Krieg und von Deutschland, wenn ich nicht auch so handle. Glaubst du, er bietet einem das zweimal an, was er mir jetzt bietet? Mein eigenes Bedürfen – und das des Vaterlandes – in eins?«

»Ja, nun heißt es Vaterland, vorher hieß es Europa, die Menschheit –«

»Ich habe dir gesagt, daß eines das andere net ausschließt.«

»Du schließest aus, du schließest ein, wie es dir in den Kram paßt.«

»In – den – Kram –«

»Und mich ebenfalls. Mal Liebe – mal keine Liebe. Und wenn du das Liebe nennst –«

»Wenn ich das Liebe nenne?«

»Dann geh doch hin zu deiner Dryade und mach ihr ein Kind! Mach ihr drei Kinder! Kannst dus – was brauchst du mich dazu?«

Aufgesprungen warf sie sich mit dem Rücken gegen den Webstuhl zurück und packte mit wilden Händen hinter sich, Bündel von Fäden zusammen, an denen sie riß. Sie starrten sich an, ihre Brust keuchte, keiner sprach.

Ebener sagte: »Wie sprichst du?«

»Ich spreche wie eine, die endlich weiß, wie sie dran ist. All die Jahre hab ich geglaubt und gehofft, habe nur dir gelebt, habe dir alles gegeben, dich überschüttet, rückhaltlos dir gegeben – wie du es gefordert hast! Nicht ein Gedanke, nicht ein Funken von Leben war in mir, der nicht du war! Und du nimmst es und wirfst es hin – verbraucht, und gehst deiner Wege. Du wagst von Liebe zu sprechen? Du? Du hast ja gar kein Herz!«

Er fuhr zusammen, wie von einem Schuß getroffen. Seine Augen gingen unnatürlich weit auf und wurden zugleich ganz leer; dann sammelte sich langsam das Leben wieder darin, doch es bildeten sich gelbe, harte Ringe, und er sagte:

»Weißt du, was du eben gesagt hast?«

Sie starrte ihn nur mit glühenden Augen an; ihr Mund war ein schiefer Strich.

»Willst du es wiederholen? Du sagtest: Ich habe kein Herz?«

»Nein!« sagte sie. Ihre Augen, ihr ganzes kalkweißes Gesicht war eine geballte Maske des Äußersten, eine kalte Flamme Wildheit und Willen der Vernichtung.

Er wiederholte: »Ich habe kein Herz?«

»Nein!«

»Cara, zum letzten Male: ich habe kein Herz?«

»Nein!«

Im nächsten Augenblick hatte er sie an der Kehle gepackt und so gewürgt, daß sie in die Knie sank. Da ließ er sie los, stand einen Augenblick wie ohne Besinnung und fiel in einen Sessel hinein, wo er schlaff da lag und keuchte.

»Ja«, sagte Cara triumphierend, indem sie vom Knieen aufstand, »töten – töten, das kannst du! Töten – ja, das.«

Den Mann überlief ein Schauder.

 

Eine Weile später fand Ebener sich allein. Er stand auf, sah, daß die Lampe nur noch schwach brannte, trug sie in den Flur hinaus und löschte sie aus. Er stieg im Dunkel tastend die Treppe hinunter, trat in sein Arbeitszimmer und stand eine Zeitlang wartend, bis es heller vor seinen Augen wurde. Die weißen Rechtecke der mathematischen Figuren erschienen auf den Wänden, und er trat unter die Parabel und sah eine Weile zu ihr empor. Endlich ging er zu dem Stuhl vor seinem Schreibtisch, und er saß dort, aufrecht an der Rücklehne, eine Stunde lang unbeweglich.

Dann legte er die Arme auf die Platte und die Stirn auf den Arm, und so schlief er ein.

Wieder erwachend sah er die Morgenhelle in den offenen Fenstern; Hähne krähten, und der Frühgesang einer Schwarzdrossel tönte leise aus einer Höhe.

Er stand mit versteiften Gliedern und müde auf, verließ leise den Raum und ging zur Treppe, die er hinaufspähte, doch oben war es dunkel. Er zog seine Schuhe aus und stieg in seinen Strümpfen fast lautlos die Treppe empor, öffnete, so leise er konnte, die Tür zu Caras Zimmer und fand es im Morgengrauen leer, so wie er es in der Nacht verlassen hatte. Der Diwan schien in der Ordnung seiner Kissen unberührt. Im nächsten Augenblick stand er in der Mansarde und beugte sich aus dem Fenster.

Draußen war es schon hell; unter ihm lag der kleine Platz, von den Bäumen und Gehöften umgeben, und er sah fern die jenseitige Flanke des Tals mit ihren Wiesen und Waldrücken schon lichtübergossen von der Morgensonne, und die Felsengipfel glänzten weithin. Und dann sah er Cara zur Rechten unter dem Eichbaum stehn, eine kleine rosenblasse Gestalt vor dem gewaltigen Stamm und dem weitausgreifenden Geäst voller Laubmassen. Sie stand dort lichtlos im Morgenschatten, hinter sich fern das Leuchten, und schaute zu ihm herauf. Sie sahen sich beide an, waren aber zu weit entfernt voneinander, als daß er ihre Züge erkennen konnte und ihre kurzen Augen mehr von ihm als einen Schatten und Schein. Nach einer Weile senkte sich ihr Gesicht, und sie ging fort.

Er trat vom Fenster weg, plötzlich tränenblind, und kniete dorthin, wo sie in der Nacht zusammengesunken war, legte das Gesicht auf den Schemel, und mit ihrem erstickten Namen zerbrach das schreckliche Schluchzen des Mannes, der Weinen nicht kennt, seine Brust. So lag er, bis der Klopfer am Haustor scholl und sein Tag anfing.


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