Fritz Reuter
Montecchi un Capuletti oder De Reis' nah Konstantinopel
Fritz Reuter

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Kapittel 5.

Wien un dat witte Roß in de Leopoldstadt. – Wo Herr Groterjahn einen ollen Fründ mit 'ne Sempsauß vertehrt. Wat de Propyläen tau Athen ›Popoläum‹ oder ›Propoläum‹ heiten, un wat dat en passenden Platz för Spickgaus is. – Allens verkräumelt sick bet up Fru Groterjahnen, un twei olle Frünn' begegnen sick. – Fru Groterjahnen ehr Blitz sleiht in 'ne grise Wederstang' in. – Jochen Klæhn ist hier! und der alte Jahn auch! un de olle grise Dam' führt nah Konstantinopel! – Werthers Leiden un de Fischführer mit de Trumpet. – Wat Sömmering oder Siemerling richtiger is. – Der Mensch soll den andern Menschen nicht im Schlafe stören.

Den annern Dag gung de Reis' von beide Deil' wider, Herr Jahn mit den irsten Tog, de Groterjahns mit den tweiten, Herr Jahn recht warm in en Pelz, Herr Groterjahn mit Tähnklappen in en Aewertrecker, un alle Beid' sihr untaufreden; Herr Groterjahn, dat de warme Süden nich kamen wull, Herr Jahn, dat hei nicks besonders up den Felln tau seihn kreg, denn Sachsen un Böhmen segen unner Snei un Is ok man so ut, as Meckelnborg üm dese Tid.

In Wien führte de oll Jahn in 't witte Roß in de Leopoldstadt, wil em sin Wirth in Berlin dat rekummandirt hadd; in Wien führte Herr Groterjahn ok in de Leopoldstadt, ok in 't witte Roß, wil Bädeker en Krüz dorbi makt hadd, un Herr Nemlich doruter lesen hadd, dat dor de Norddütschen ehren Tog hen hadden un dat dat dor schöne Fisch gew', unner annern ok ›Schill‹, den Herr Groterjahn nich kennte, den sine Bekanntschaft hei æwer woll maken müggte, wil dat hei æwerall sihr för Fisch was. As sei nu ankamen wiren, un de Damens sick en beten von de Reise verpust't un upklavirt hadden, treckte Groterjahn denn an de Spitz von sine Gesellschaft in dat Ettimmer 'rinner un frog sine leiwe Fru, wat sei tau ›Schill‹ meinen ded. – »Anton,« säd Fru Jeannette, »ich habe schon vor unserer Abreise die Ansicht ausgesprochen, daß es Pflicht von jedem Reisenden sein müßte, sich aus Grundsatz den verschiedenen Eigenthümlichkeiten der Individuellialitäten – es ist dies ein unangenehm langes und schweres Wort – von den verschiedenen Völkerschaften anzuschließen, auch in Speise und Trank. In Berlin habe ich deßwegen Pfannkuchen gegessen und Weißbier dazu getrunken, was mir freilich nicht sonderlich bekommen ist; hier in Wien denke ich Backhänel zu essen.« – »»Das wollen wir ja auch, mein Süßing,«« säd Anton, »»aber was meinst Du? vorher ein Stück Fisch? Schill? – Bei uns giebt's keinen Schill.«« – »Nun meinetwegen!« säd Fru Jeannette, »Du weißt, ich gebe Dir immer nach. – Aber es ist für mich ein Gräuel, die alte Dame, die mit uns in Rostock einstieg, in jedem individuellen Lande ihren Eßkober mit Mettwurst und Schinken hervorziehn zu sehn und Deine darauf gerichteten, verlangenden Blicke gewahr zu werden. – Ich glaube, Du und die alte, überlästige Dame setzten Euch ja wohl in der gebildetsten Stadt von ganz Griechenland, in Athen, auf den Po – po . . . Popoläum und äßet Spickgans.« – »»Sie meinen gewiß die Propoläen,«« säd Herr Nemlich – beten vörlud. – »Es ist möglich, daß es so heißt; aber Popoläum scheint mir richtiger und auch vornehmer, denn wir sagen nicht propulace, sondern populace. Sie können übrigens meinem Mann und meinen Kindern immer Ihre Erklärungen angedeihen lassen; für mich ist dies gerade nicht nöthig, ich werde mir dieselben nötigen Falls erbitten.« – So, Franz Nemlich! Dor hest Du nu tau 'm irsten Mal Dinen richtigen Tappen; worüm hest Du ok so schön utwennig lihrt!

De Gesellschaft satt an den Disch, un de Fisch würd bröcht, ein Jeder hadd en lütten Finzel up den Teller, un Herr Groterjahn kek sin Deil an un rep endlich: »»Kellnöhr! Wir haben ja nicht eine halbe, wir haben ja eine ganze Portion bestellt.«« – De Kellner säd: ja, dat wir ok 'ne ganze. – »»Muß ein sehr seltener und theurer Fisch sein,«« säd Herr Groterjahn un makte sick ordentlich mit Andacht an den Fisch heranner, »»denn die Portion kostet einen Gulden, twölw Krüzer.«« – »Vatting, weitst wat?« kreihte Paul, de sick an sin Deil 'ranner makt hadd, æwer den Disch 'ræmer, »dat is Sannat.« – »»Poll!«« rep de Fru Mutter em tau, wegen sine dumme Meinung un wegen sin dummes Plattdütsch. – Herr Groterjahn hadd sin Stück all so en beten unseker ankeken, un as hei nu mit Metz un Gawel doran gung, un as dat Fleisch von den Fisch so glatt von enanner bläderte, dunn würd em so swack un weikmäudig tau Maud', as süll hei einen von sine besten un langjöhrigsten Frünn' vertehren: »Helene,« frog hei, »was sagst Du?« – »»Ja, Vater, Paul hat Recht,«« lachte Helene, »»'s ist unser alter, mecklenburgischer Sannat.«« – Herr Groterjahn kek sine Fru mit en jammervullen Blick an. »Süßing, nimm das nicht übel! Ich kann auch nicht dafür. Sannat! und den nennen sie hier Schill?« – »»Anton,«« säd sine leiwe Fru un lachte dorbi so recht sülwsttaufreden, »»ich habe mich in Deinen Willen gefügt, wie ich es immer thue, obgleich ich mehr für ›Fogasch‹ gewesen wäre, von dem Bädeker auch spricht, und der mir für die kaiserlich-königlichen östreichischen Staaten individueller zu sein scheint. – Schill ist ja ein bekannter Name für uns.«« – »Doch nicht für einen Fisch,« säd Anton, »und denn der Preis, pro Portion einen Gulden, zwölf Kreuzer!« – Un dese schöne Pris smeckte em as 'ne Ort von Sempsauß bi jeden Happen dörch, as hei nu et.

As Herr Groterjahn de Fisch betahlt hadd, wat hei ümmer glik ded, un ihre de Backhänel kemen, was Paul mal 'rute gahn. Sin Backhänel lagg all lang' up sinen Teller, Herr Groterjahn hadd sinen all vertehrt un sach sick all nah den tweiten üm, mæglich ok all nah den drüdden; æwer Paul kamm nich wedder. Dit müßte denn nu sihr upfallen, denn Paul was en richtigen Meckelnbörger, wenn ok man noch en lütten; hei was an 't Brod gewennt, un wenn de Schöttel up den Disch stunn, denn wiren hei un de Fleigen ümmer de irsten, de sick doran höllen, un hei pleggte ok bet up de Letzt uttauhollen. »Er ist noch zu jung,« säd Herr Groterjahn, »und für meinen Geschmack ist er auch zu sehr in den weichen Teig umgekehrt,« womit hei dat Backhänel un nich Paulen meinte. »Aber wo ist Paulus?« frog hei. – »»Ich will ihn suchen,«« säd Helene un was all ut de Dör, as ehr Mutting ok frog, wo Poll wir, un Herr Nemlichen dorbi ankek, wil Paul em æwergewen was, un hei för em upkamen müßte. – Herr Nemlich stunn nu ok up un gung ut de Dör, un as nah 'ne Wil' Keiner wedder taurügg kamm, gung Herr Groterjahn ok herute, üm de Annern tau säuken, un de gnedige Fru satt nu ganz allein mit ehren Backhänel un mit ehren Arger, dat sei so abscheulich von ehren Mann un ehre Kinner vernahlässigt würd.

As Helene den Gang entlang nah ehr Logis tau gung, un in den hellen Schin von 'ne Gasflamm kamm, stunn 'ne grote Gestalt vör ehr, un as sei dor mit ehren lichten Faut an vörbiflitschen wull, reckten sick er en por Hänn' entgegen, un 'ne olle, true Stimm rep: »Helening!« – Sei kek tau Höcht. »»Onkel Jahn! – Herr Jahn!«« – »Worüm seggst Du Herr? – Bün ick denn Din Unkel nich mihr?« säd de olle Mann un slog sinen Arm üm ehr un bögte sick dal un küßte sei: »Min leiw', lütt Lening!« – »»Onkel Jahn! Onkel Jahn! – Wie kommst Du hier her nach Wien?«« – »Je, dat denk Di mal! – Eben, in desen Ogenblick heww ick von Paulen tau weiten kregen, dat Ji nah Konstantinopel reis't, un ick reis' ok hen, up dat sülwige Schipp, un Keiner weit 't, as Du allein.« – »»Ach Gott, was wird das aber werden? Meine Eltern und Du . . . .«« – »Gaud ward 't warden! Gaud!« rep de Oll, un schow dat junge Mäten en Schritt von sick un kek sei von baben bet unnen mit so 'ne tauversichtliche Min' an. – Dunn kamm Herr Nemlich an: »»Fräulein Helene, haben Sie Paulen . . . . – Herre Je, das is ja Herr Jahn! – Herr Jahn, wie . . . .?«« – »Je,« föll de oll Herr em in 't Wurt, »un is dat nich de Köstersæhn ut Zippelmannshagen? – Wo karrt sei der Deuwel hir nah Wien hen?« – »»Ich – ich bin engagirt als Erklärer von Herr Groterjahn.«« – »So – o – o,« treckte de Oll so lang weg, »sælen sei denn för Herr Groterjahnen de annern Lüd' erklären, oder för de annern Lüd' Herr Groterjahnen?« frog de Oll so en beten spitz, un as hei gewohr würd, dat Helene de Frag' woll weih dauhn künn, un dat Herr Nemlich sei nich recht verstunn, säd hei: »Nu gahn S' man hen nah Nummer Sæben, dor werden S' Paulen woll finnen, wenn Sei den säuken, hei vertellt sick dor en Strämel mit minen Jochen Klæhnen. – Ja,« säd hei, as Herr Nemlich nah Nummer Sæben gahn was, un reckte Helene wedder de Hänn' entgegen, »'t ward All wedder gaud warden, min Kind! – Aewer vörlöpig segg Du noch nich, dat ick mit Jug tausam reis'.« – »»Je, Onkel, aber Paul . . . .«« – »Ih, de weit nicks dorvon, denn Jochen Klæhn weit ok noch nicks.« – Hei wull doch wider wat seggen; æwer dunn pust'te Herr Groterjahn ganz ut den Athen wegen 't Treppenstigen heranne: »»Helene, wo ist . . . .? Wo . . . . wo . . . .? – wo ist? – Herr Gott, noch einmal! Das ist ja woll Jahn?«« – »Ja, Groterjahn,« säd de oll Herr ruhig, »dat is Din olle, frühere Fründ Jahn.« – »»Hm – hm –«« säd Herr Groterjahn in sine grote Verlegenheit, »»ja – ja – ja – Helene, wo ist unser Paulus?«« – »Komm, Vater,« säd Helene, »Paul ist auf Nummer Sieben und Herr Nemlich auch;« un as sei dor an de Dör 'ranner kemen, kamm Herr Nemlich ehr all mit Paulen entgegen, un Jochen Klæhn stunn in de Dör un säd: »Paul, kumm Du man ümmer wedder, ick un min Herr mægen Di girn liden; æwer Franz Nemlichen brukst Du nich mittaubringen; dat 's en groten Schapskopp! Nennt mi ümmer Sie un Herr un Herr Klähn, un wi hewwen uns ümmer mit enanner schacht?«

As Fru Groterjahnen so allein mit ehren Arger satt, denn de Backhänel was ok nich mihr dor, den hadd sei all vertehrt, un nu so allmählich de Gift un de Gall un de Nerven æwer de Rücksichtslosigkeit von de Ehrigen in ehr tau Höchten stegen, un sei ut ehre mütterlichen Ogen all de scharpsten Blitzen up de unschüllige Stuwendör schot, wo de Verbreker gegen ehre Fomilien-Ihren un Würden herinner kamen müßten, hadd dat Schicksal in sine unbegriplich Weisheit all för en Blitzafleiter sorgt. – De oll Dam', de Herr Nemlichen all in Rostock mit den Kasten arretirt hadd, un nahsten binah ümmer mit de Groterjahns in den sülwigen Wagen de Reis' mitmakt hadd, plant'te sick stiw un stur as 'ne Ort von Wederstang' tau 'm Besten von de Verbrekers an Fru Groterjahnen ehre Sid: »Guten Abend, meine Liebe! – Ich sehe, Sie sitzen hier so allein, und da wir nun doch schon so lange Reisegefährten sind . . . .,« sei wull nu noch wat Fründliches seggen; æwer Fru Groterjahnen ehre Blitze slogen babenwarts in ehre grisen Hor, fohrten an ehren ollen, magern Liw' un den grisen Ümslageldauk un dat grise Kled bet up de grawen Snürstewel dal, dat sick de oll Dam' ordentlich verfirte, ehre Fründlichkeit vergatt un ehr stats dessen mit de utverschamte Frag' grad' in dat Gesicht herinner fuhrwarkte: »Sünd Sei bös, min leiw' Dochter?« – Na, dat weit jo nu doch jeder Minsch, de jichtens mal bös west is, dat Einer irst recht bös ward, wenn hei nah sin Bössin fragt ward; un nu kamm dortau noch, dat de ungebildte, olle Dam' sei so wenig estimirte un sei mit Plattdütsch anredte un ok mit ›Dochter‹. – Dit wir nu grad' noch nich so slimm west, denn jede Fru in gewissen Johren ward sick leiwer ›Dochter‹ as ›Mutter‹ schellen laten; æwer doch woll nich von Jedwereinen.Sei, de Gaudsbesitzerin Groterjahnen, süll sick von de olle, stiwe Wederstang' von Frugenzimmer ›Dochter‹ nennen laten? Dat kunn doch up ehre gebildten Verhältnissen en snurrig Licht smiten. Sei säd also – un ehr Blitz fohrte nu mal wegen de Afwesselung von unnen nah baben an de oll Dam' tau Höchten – sei wüßte gor nich . . . . »Ick weit all, min leiw' Dochter, wat Sei seggen willen,« föll de oll Dam' in, »Sie wissen gar nicht, wie Sie zu der Ehre kommen, daß ich mich um Sie kümmere; æwer ick will Sei dat seggen, worüm: Sie haben ein paar so prächtige Kinder . . .« – De olle Dam' kamm ok nich tau de vulle Utführung von ehre Red', denn in desen Ogenblick stört'te Paul in de Dör herinner, stellte sick vör sine Mutter hen, lachte æwer dat ganze Gesicht un säd: »»Mutting, weißst was? – Jochen Klæhn is hier! – Den alten Jahnen sein Jo – chen Klæhn is hier, und der alte Jahn ist auch hier!««

'T is, grad'tau geseggt, schändlich in de Welt! – Mutter oder Dochter Groterjahnen, sei wüßte in ehre Hast ok nich mihr, wat sei eigentlich was, hadd den schönsten Trumpf in de Hand, den sei gegen de oll, utverschamte Dam' utspelen wull, un nu kamm de dumme Jung' von Paul, un achter em Helene un Herr Nemlich, in tauletzt noch ehr eigene, angetrugte Mann, Groterjahn sülwst, un säden All, de oll Jahn wir dor, un Herr Nemlich – wohrschinlich üm sick mit genauere Utkunft beleiwt tau maken, wat em æwer nich gelung – säd, de oll Jahn logirte up Nummer Sæben, un sin Bedd stünn grad' an de Wand, wo Fru Groterjahnen ehr up Nummer Acht stünn, so dat sei sick bequem afkloppen künnen. –

Fru Groterjahnen satt bi dese angenehmen Nahrichten ganz verbas't dor; allmählich verhalte sei sick æwer, un wählte ut de ganze Gesellschaft den würdigsten Gegenstand för ehren Arger un Zorn heruter un verföll natürlich ut olle Gewohnheit dorbi up ehren Ehegemahl, de so frech un dummdrist vör ehr stunn, as wir hei unschüllig, as en nigeburnes Kind. – »Groterjahn,« rep sei un schow den Teller mit de Knaken von de Backhänel in vulle Entrüstung von sick, »Du mißhandelst Deine Frau!« – Anton stamerte nu wat taurecht: hei künn jo ok nich dorför, dat de oll Jahn hir wir, un Paul kreihte dor mang: »»Mutting, weißst was ich möcht'? ich möcht', Jochen Klæhn und der alte Jahn reis'ten auch mit nach Konstantinopel.«« – »Unverschämt genug wär' er dazu,« rep Fru Jeannette, un kek de Gesellschaft de Reih' lang an, wer sick woll unnerstünn, hir gegen wat tau seggen, bet ehr Blick stiw un starr an de olle, magere Dam' hacken blew, indem sei sick dat in ehren Geist æwerläd: je, wenn 't nu würklich wohr wir, wat de dumme Jung', de Paul, in sinen Unverstand so herut slagen hadd! – »»Sei kiken mi an, mine leiwe Dochter,«« säd de olle Dam', »»an mir ist nicht viel zu sehen, und an Ihrer Verdrießlichkeit bin ich ganz unschuldig. Wie ich aber merke, ist Ihre Nachbarschaft daran Schuld, und da ließe sich ja leicht eine Änderung treffen, wir können ja mit Zimmern tauschen, in dem meinigen stehen auch zwei Betten, un ick mak mi dor gor nicks ut, mit den ollen – wo heit hei noch?«« – »Jahn,« säd Paul. – »»Poll!«« rep sin Mutter. – »Also mit den ollen Jahnen Wand an Wand tau slapen.« – »Das ist sehr freundlich von Ihnen,«« säd Helene un gung up de olle Dam' tau, un läd ehr de Hand up de Schuller, » »Mutter wird Ihr gütiges Anerbieten mit großem Dank annehmen.«« – Grot was de Dank nu grad' nich, den Mutter tau 'm Bestem gaww, 't was en gnedigstes Vöræwerbögen, wat sinen Scharnier in 't Sittgelenk hadd. – »Worüm nich? worüm nich, mine leiwe Dochter?« säd de oll Dam' tau Helenen un strek Helene ehre lütte, weike Hand mit ehre ollen, knækerigen Knæweln, »Einer muß dem Andern gefällig sein, und Sie werden 's mir noch wohl vergelten können, da wir noch lange Reisegefährten bleiben, denn, wie ich höre, wollen Sie ja auch nach Konstantinopel.« – Na, so wat krüppt doch up den bæwelsten Bæhn nich! dese olle, grise Dam' wull ok nah Konstantinopel! – Fru Jeannette kek sei denn nu ok an, as hadd sei den utverschamtesten Ingriff in ehre Rechte begahn; sei, de Fru Groterjahnen, reis'te wegen den forschen Drang nah Bildung, æwer dese olle Perßon, de noch keinen Faut in de Bildung 'rinner sett't hadd, weßwegen wull dese olle Kretur nah Konstantinopel? – Sülwst Helene verfirte sick æwer dit Unnernemen un platzte herute: »»Mein Gott, in Ihrem Alter!«« – »Ja, mine leiwe Dochter, wat Einer in sine jungen Johren versümt hett, möt hei in 'n Öller nahhalen. – Ich habe seit meiner frühesten Jugend den heißen Wunsch gehabt, Gott in der Natur kennen zu lernen und ihn in seinen Werken zu bewundern und anzubeten; aber ich mußte mich auf einen kleinen Raum beschränken – up de Wismer, min Dochter – denn mir fehlte das Geld. – Nun bin ich aber durch einen unglücklichen Sterbefall in meiner Familie – 't is mine einzigste Swester, min leiw' Döchting – in den Stand gesetzt worden, meinen Wünschen zu genügen.« – »»Haben Sie denn niemals früher Reisen gemacht?«« frog Helene dortüschen. – »Ne, ick bün ut de Wismer nich 'rute kamen. Was ich von der Welt weiß, weiß ich aus Büchern. – Ja, in meiner Jugend, als ich so alt war, wie Sie jetzt sind, da bin ich einmal von Wismar nach Sternberg gereis't, zu Ball, mein liebes Kind« – hir spelte so 'n schelmisches Lachen üm ehre welken Lippen – »ja, zum Königsschuß. – Es war ein schöner Juni-Abend, als wir aus Wismar fortfuhren – Sei möten weiten, min leiw' Döchting, Eisenbahnen und Chausseen gab es damals noch nicht; die Post ging auch nur zweimal in der Woche, ich fuhr deßhalb mit einem Fischfahrer – wir fuhren des Abends aus, dormit em de Fisch in de heiten Dag' nich stinken würden. Langsam ging's nur, denn die Räder an seinem Wagen waren nicht taktfest, wie er sagte; auch hatte er sich eine kleine Sense mitgenommen, und wenn wir an ein Kleefeld kamen, dann stieg er ab und mähte Klee und fütterte die Pferde. – 'T was Unrecht von den Gesellen, min leiw' Dochter, denn de Klewer hürte em nich. Un as wi an en Dik 'ran kemen, dunn führte hei den Wagen bet an de Ass' in den Dik – damit die Räder Wasser anziehen sollten – un hei steg ut mit sine langen Fischer-Smerstewel, un läd sick unner 'ne Wid' un slep dor en Strämel, un ick satt dor mit min wittes Ballkled un de rosenrode Scherf bi de Fisch un in en Dik. – Aber ich bin ihm nicht bös darüber, denn es war eine schöne Nacht, und die Sterne strahlten vom Himmel, und ich betete die Allmacht Gottes an. – Und als der Morgen herauf kam, fuhren wir weiter – nich den geraden Weg, min leiw' Döchting, ne, ümmer up de Kirchdörper 'rümmer, denn hei wull jo sin Fisch los warden – es war eine herrliche Fahrt, denn es war ein schöner Sonntag-Morgen, und die Kirchglocken tönten über Feld und Wald, und so kamen wir denn in ein großes Kirchdorf, da stieg ich ab und setzte mich auf dem Kirchhof auf ein längst vergessenes Grab und las in Werthers Leiden, un hei halte sick sin Trumpet ut den Wagen un blos Fisch ut, und ich weinte mich recht satt. Gegen Abend kamen wir denn auch richtig in Sternberg bei meinen Verwandten an, und ich ging zu Ball und habe recht tüchtig getanzt. Dat seihn sei mi nu nich mihr an, min leiw' Döchting. Ja, 't is ok all lang' her; aber man sagte mir doch zu der Zeit viel Schönes über mein Tanzen.«

As nu vör 't Taubeddgahn de Ümkateri mit de Stuwen besorgt was, un de olle Dam' in ehren Heldenmaud ruhig un seker in ehre Stuw' gahn was, üm Wand an Wand mit den gefährlichen, ollen Jahn tau slapen, un de Groterjahns ›Gu'n Nacht‹ seggt hadd, säd Helene bi 't Taubeddgahn tau ehre Mutter: »Mutter, was ist das für eine alte, interessante Dame! und so freundlich und gefällig und in ihrem hohen Alter noch so kindlich. Ich freue mich sehr auf ihre Reisegesellschaft, ich werde mich recht an sie anschließen.« – »»Ellen, mein Kind, Du weißt, Deine Mutter giebt nie voreilig ihr Urtheil über Personen ab; aber mit dieser alten Person war ich schon in Rostock im Klaren, als ich sah, mit welcher Rücksichtslosigkeit sie von Herrn Nemlich ihren Koffer zurückverlangte. Als wenn Jemand aus unserer Gesellschaft sie bestehlen wollte!«« – »Aber, Mutter, sie hatte doch Recht, nach ihrem Koffer zu sehn.« – »»Dann hätte sie es mit der gebührenden Rücksicht gegen uns thun können. – Nein, sie ist eine alte, ungebildete, zudringliche Person. Wie kann sie sich hier so, ohne vorgestellt zu sein, zu mir setzen? wie kann sie mich immer ›min Dochter‹, ›min leiw' Dochter‹ anreden? – Und die will nach Konstantinopel! – Denn kann ja jede Krämerfrau aus einer kleinen Stadt solche Reise machen.«« – »Mutter, unsere Großmutter . . .« – »»Hella, mein Kind, Du weißt, ich gehe gerne auf eine Unterhaltung mit Dir ein, um Dir Gelegenheit zu geben, nach jeder Richtung hin Deinen Geist zu bilden; dies Kapitel aber verbitte ich mir.«« Somit was denn nu de Unnerhollung tau Enn'; Mutter gung verdreitlich, un Helene still tau Bedd. – Mutter Groterjahnen dachte doræwer nah, woans sei den Glanz von ›ihrem Hause‹ up den Strump bringen süll, un Helene let ehre Gedanken von Süden nah Nurden trecken as flinke Swælken, de Grüß' bringen ut warme Gegend, un up ehre lichten Flüchten den Sünnenschin in 't kolle Land dragen.

Nebenan gung Herr Groterjahn mit Herr Nemlichen un Paulen ok tau Bedd. – »Vatting,« säd Paul, »weitst wat? de oll Fru, de mag ick girn liden; de kann mal spaßig vertellen.« – »»Paulus,«« säd de Oll, »»Du hast wohl bemerkt, daß Deine liebe Mutter mit der neuen Bekanntschaft nicht sehr zufrieden ist. Der Mensch soll sich nicht wegwerfen, mein Sohn.«« – »Ja, Vatting, 't schadt nich; æwer liden mag ick s' doch.« – »»Herr Nemlich,«« säd Vatting, »»wir wollen unsere Rechnung machen.«« – Un as dit nu besorgt was, un Herr Nemlich sine teihn Sülwergroschen för morgen kregen hadd, säd Herr Groterjahn: »»Also von hier reisen wir nun über den großen Siemerling.«« – »Bitte um Entschuldigung, es heißt: Sömmering.« – Dor kamm hei nu æwer schön an: Herr Groterjahn hadd sick woll markt, wo sine Fru em mit dat Popoläum aftrumpft hadd, un wat sei kunn, kunn hei ok un müßte hei ok, hei säd also: »»Sömmering ist meines Wissens gar kein Name, aber Siemerling ist ein Name, ich habe viele Geschäften mit dem Dokter Siemerling in Neubrandenburg gemacht, und so werden Sie mir doch wohl erlauben, daß ich Siemerling sage.«« – So was denn un ok hir dat Ei entwei; æwer 't wohrte nich lang', dunn slep Allens förfötsch furt; blot midden in de Nacht wakte Paul up un rep: »Vatting! Vatting! Weitst wat? – Nu will'n wi ümmer Schill un lütte, bradene Hahns eten.« – »»Paulus,«« säd de Oll, »»wie oft habe ich Dir schon gesagt, der Mensch soll den andern Menschen nicht im Schlafe stören,« un snorkte wider.


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