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Der Untergang der Amazone.

Wer hat nicht gehört und gelesen von den Halligen, jenen Vorposten des alten Dithmarsen- und Friesenlandes gegen das Meer. Die Insel Amrum, zu klein, um sich wie Sylt oder Pelworm und Nordstrand der Mühe des Menschenkampfes gegen die See zu lohnen, schützt wenigstens noch die hinterliegenden Halligen von Langenees, Oland, Gröde oder Hooge, jene seltsamen auf altem Grund künstlich geschaffenen Hügel, auf deren Spitze die hölzernen Häuser stehen, von deren Dach bei großen Springfluten, wie sie stets zur Winterzeit kommen, die kühnen Bewohner hocken, während zwischen ihnen hindurch in gewaltigen Rinnen das Meer flutet.

Die Insel Amrum, die damals, unter der dänischen Herrschaft, dem jütischen Amte Ribe zugeteilt war, grade wie die Spitze der deutschen Insel Sylt und die Westküste von Foehr, war nur noch auf Mitte und Ostküste bebaut und zählte ein einzig Kirchdorf mit seinem Gotteshaus, nach Westen, Norden und Süden hin nur öde Sand-Dünen bildend, die allein ihre Existenz hielten. Die langen Watten, jene trügerischen Vorgelände des Festlandes, gestatten reichen Austernfang und hierin besteht der Erwerb und Unterhalt der Insel; denn die Austernbänke von Husum, damals Eigentum der dänischen Königskrone, erhielten von hier den größten Teil ihrer vielbegehrten Schaltiere.

Der Spätherbst des Jahres 1861 war zwar ziemlich rauh und an schweren Wettern reich. Dennoch wanderte alltäglich ein Frauenpaar, eine alte Friesin, welche die wenigen Bewohner des nahen Dorfes Nebel bei dem Begegnen ehrerbietig als Frau Pastorin begrüßten, und ein junges Mädchen in der wenig kleidsamen dunklen Landestracht hinaus auf die westlichen Dünen, die höchstens selbst während des Sommers einige spärliche Halme des Sandhafers schmücken, und schauten auf die unendliche dunkle Fläche der Nordsee. Tag um Tag schauten die beiden Frauen nach den fern vorbeiziehenden Segeln, denn alles, was aus dem Skager-Rack von der Ostsee her durch Kattegatt, Sund oder Belt kommt nach der großen Heerstraße zwischen England und dem europäischen Festland, oder von der alten Küste der Normannen, von Norwegen her nach Hamburg oder Bremen, muß hier seinen Weg an der friesischen Inselreihe vorübernehmen, natürlich in respektvoller Ferne; denn die Nähe der flach aufsteigenden Küste ist gefahrdrohend genug, und das Schiff, das der von Island her heulende Nordwest ohne gehörige Sicherung gegen sie wirft, ist der Brandung so leicht ausgesetzt, wie an dem berüchtigten Schiffer-Kirchhof, der öden Spitze von Skagen.

Erwarteten die beiden Frauen die Ankunft von Schiffen, von Freunden von dieser Seite, während doch bloß im Binnenmeer die Insel zugänglich ist, oder vom nahe gelegenen größeren Föhr her, oder beobachteten sie bloß die Barken, die der kühne Fischer aus den Dünen heraussteuert auf das unendliche Meer, um sich und den Seinen den kärglichen Gewinn der Tiefe zu holen? – Nein, in der Tat waren es die in der Ferne vorüberziehenden Segel der großen Schiffe, denen sie mit ihren Blicken folgten, und denen sie ihre Gedanken für die Fremde und weitentfernte Menschen vertrauten.

An diesem Tage aber war es unmöglich gewesen, die etwa eine Viertelstunde von dem Ende des Kirchdorfs entfernte westliche Düne zu erreichen und beide Frauen hatten den gewohnten Weg abbrechen und zu dem kleinen Haus zurückkehren müssen, das sie am nördlichen Ende des Dorfes bewohnten. Es lag fern dem gleichfalls künstlich erhöhten Hügel, auf dem Kirche, Pfarrhof und Kirchhof standen, und war das Auszughaus für die Prediger-Witwen. Jetzt war es schon viele, viele Jahre im Besitz der verwitweten Prediger Hansen, denn der neue Geistliche, der zweite, der ihrem Gatten gefolgt, war ein noch junger, zäher Däne, der größtenteils auf Föhr wohnte oder gar auf dem Festland, und sich herzlich wenig um seine Gemeindeglieder kümmerte, die seine dänischen Predigten nicht besuchten und nicht verstanden. Bekümmerte er sich doch auch nicht um die Witwe des alten deutschen Geistlichen, der noch immer in gefeiertem und gesegnetem Andenken bei den einfachen Schiffer-Familien stand.

Die Pastorin war wieder in das kleine Häuschen getreten, das der Sturm so gewaltig umtobte, daß ihre junge Begleiterin helfen mußte, die Tür zu schließen. Die beiden Frauen saßen jetzt in der großen Stube, die links von der Tür und vom Flur bis auf ein Kämmerchen die ganze Hälfte des Hauses einnahm. »Ihr könnt unmöglich heute schon zurück nach Föhr, Niels,« sagte sie auf dem Wege durch den Flur zu einem alten Mann in der ärmlichen Kleidung der Strandläufer, den der Lederbeutel, den er über dem Rock von grober Wolle trug, als den Postboten bezeichnete, der alle Monate einmal, wenn es Wetter und Gelegenheit erlaubte, den gefährlichen Weg von Bredstedt oder Tondern nach den Inseln machte, um die wenigen Briefe zu befördern, die nicht mit irgend einem der Nachbarn gesandt werden konnten. »Der Wind hat sich verstärkt und treibt selbst mit Eis und Schneeflocken, daß kein Mensch auf den Dünen oder im Freien verweilen kann. Und was mir noch weniger gefällt, das ist der blanke Hans Die See. selbst; er sieht so bleigrau aus – hab' ihn nur wenige Male so gesehen seit den vielen Jahren, daß ich mit meinem seligen Eheherrn hier herüber gezogen war, und es ist immer eine schlimme Nacht für Amrum und die Halligen, wenn die See so ausschaut! Ihr dürft nicht fort, Niels, diese Nacht, dazu seid Ihr mir zu lieb und ein zu treuer Mann. Habt Ihr Euch doch nur meinetwegen herübergewagt von Föhr.«

»War doch meine Pflicht und Schuldigkeit,« meinte der Alte. »Halt' ich den Brief doch schon drei Tage in der Tasche, nachdem ihn mir der Posthalter zugesteckt hinter dem Rücken des jungen Sekretärs, der ein arger Däne ist und immer spioniert, ob er niemand anzeigen kann beim Amtmann.«

»Wie, Niels? Sie werden doch wenigstens das Briefgeheimnis achten in ihrer Wut, alles dänisch zu machen!«

»Glaub's kaum, Frau Pastorin. Die Zeiten werden immer schlimmer drüben auf dem Festland. Sollen doch die Kinder in der Schule die Bibel nur noch dänisch lesen. 's ist drum immer gut, wenn die Adressen auf den Briefen dänisch geschrieben sind, sonst möchte mancher nicht an seinen Mann geraten. Namentlich, wenn er so dick ist und von drüben aus Deutschland her kommt. Sie wissen, der Posthalter in Bredstedt ist ein deutscher Mann, und so steckte er mir den Brief heimlich zu, damit ich Gelegenheit suche ihn zu befördern, statt zu warten bis zum gewöhnlichen Randgang, wo der Däne mir die Briefe zuweist. Seitdem das dänische Kriegsschiff wieder drüben im Hafen liegt, sind die Dansken ganz oben auf und suchen jede Gelegenheit, wo sie uns Deutsche aus dem Dienste bringen können, und sei es auch nur ein armer Postbote. Hätte ich nicht den Weg nach Wyk machen müssen, weil der Däne dort grade ankerte und die Briefe an ihn bestellt werden müssen, hätte es lange dauern können, bis Sie den Ihren erhielten.«

»Eben darum besteh' ich drauf, Niels, daß Ihr bis morgen hier bleibt, denn die Flut kommt in zwei Stunden, und es könnte Euch auf dem Weg ein Unglück passieren, Ihr seid ein alter Mann und nicht so rüstig mehr auf den Beinen, wie zurzeit Eurer Jugend. Deshalb laßt's Euch gefallen, die Nacht hier am Herdfeuer zu bleiben, bis morgen bei hellem Tageslicht Ebbe ist. Ihr sollt Tee mit uns trinken und uns Neues vom Festland erzählen!«

»Dann wird's wohl nicht anders werden, obschon ich meinen Dienst riskiere. Gegen den blanken Hans kommt niemand auf, selbst der dänische Kapitän nicht, der froh sein wird, wenn ihn das Eis nicht faßt, ehe er den Husumer Hafen erreichen kann.«

»Wie heißt er und sein Schiff?«

»Es ist der Flottillen-Kommandant selbst und war schon früher einmal auf Sylt; Hammer heißt er und sein Schiff der »Lyimpfjord«. Während des Sommers war er drüben in Westindien sagen die Leute, und soll jetzt wieder hier auf seinem Posten bleiben!«

»Der Lyimpfjord?«

»So heißt die Brigg, Fräulein, kennen Sie das Schiff?«

»Nein!«

Es war das Mädchen, das mit der alten Pastorin von dem vergeblichen Weg nach den Dünen zurückgekehrt war, die den Ausruf getan. Die alte Frau hatte sie gleichfalls aufmerksam angesehen und winkte ihr jetzt, ihr in die Stube zu folgen, die beider gewöhnlicher Aufenthalt war.

Sie hatten Platz an dem großen ovalen Eichentisch genommen, auf dem das kleine Dienstmädchen, das am Herde des Küchenflurs dem Postboten Gesellschaft geleistet hatte, jetzt den Teekessel setzte, während das Mädchen aus einem Wandschrank die einfachen Speisen herbeiholte, die als Imbiß und Abendbrot zu dem Tee dienen sollten, und dann seine Arbeit, das Stricken einer wollenen Brustjacke ohne Ärmel fortsetzte, indes die Witwe zu einem der riesigen groben Strümpfe griff, die von der Bevölkerung während des Winters getragen werden.

»Adda Torne,« sagte die Frau, einen klaren Blick des ehrlichen Auges auf ihre Gesellschafterin werfend, »ich möchte fast die Frage des alten Postboten wiederholen, kennst Du den »Lyimpfjord« und seinen Kapitän?«

»Nein, Mutter! Aber ich weiß, daß der Kapitän Hansen, Ihr Sohn, ihn kennt, und es wäre gut, wenn er ihm nicht wieder begegnete. Im übrigen« – und sie bot der alten Frau herzlich die Hand, – »fragen Sie mich nicht darum, es gehört dies zu den Geschichten meiner Vergangenheit, von denen Sie Ihr Sohn gebeten hat, nicht mit mir zu reden. Lassen Sie es bei dem alten Abkommen bleiben, das wir trafen, als ich hierherkam und Sie mich aufgenommen haben in Ihr Haus und in Ihren mütterlichen Schutz, dessen ich mich seither würdig gezeigt zu haben glaube.«

»Das hast Du, Kind. Was auch Deine Vergangenheit sein mag, Du bist mir in den drei Monaten, die Du meine Einsamkeit teilst, bereits eine liebe Tochter geworden, die ich um keinen Preis missen möchte. Das hindert freilich die Frage nicht, die sich mir aufdrängt, woher Du meinen Sohn kennen magst?«

»Ich habe Ihnen damals gesagt, daß ich Gelegenheit gehabt habe, Ihrem Sohn einen kleinen Dienst zu leisten, als er in Bedrängnis war, und daß seine Dankbarkeit es ist, die mir, als ich ihn später in einem anderen Lande wiedertraf und selbst in Bedrängnis war, den Vorschlag machte, hier unter Ihrem Schutz unbeachtet eine Zuflucht gegen die schlimmen Stürme des Lebens zu finden. So lassen Sie mich bleiben, und, wie ich es für die schlichten Bewohner dieser Insel bin, die arme Verwandte sein, die Ihr Mitleid zu sich genommen, da sie sonst nirgends Blutsfreunde hat, bei denen sie Beistand finden könnte.«

»Sei es so, nur gewöhne auch Du Dich nach der Sitte unserer Inseln, an das vertrauliche Du, denn Du bist mir in Wahrheit eine Tochter, und wenn ich zuweilen mich noch vergesse, zu fragen, so geschieht es nur aus der unendlichen Liebe der Mutter zu ihren Kindern, zu denen Du jetzt auch gehörst. Aber sorge nicht, daß Klaus dem wilden Manne begegnet, von dem der Ruf nicht viel Freundliches sagt, selbst wenn der Brief, den wir über Lübeck her erhielten, die Wahrheit meldet und er in diesem schlimmen Wetter die Ostsee verlassen hat.«

»Das eben ist es, was ich fürchte. Dein Sohn, Mutter, ist ein kühner Schiffer; sollte er nicht wieder versuchen, an den Inseln entlang zu fahren und uns ein Zeichen seiner Nähe zu geben, wie damals, als ich kaum bei Dir war, und er von Hamburg kam?«

»Es ist wahr, Kind, Dein ahnungsvoller Geist hatte uns nicht getäuscht, als der Brief, den wir von Schweden her bekamen, es meldete, daß jenes Signal seiner Heimat gegolten hatte und von ihm kam.«

»Um so besorgter bin ich jetzt. Denn Du selbst sagst, daß es schlimmes Wetter ist für jedes Schiff in der Nordsee.«

»Schlimmes Wetter sicher, und Gottes Gnade schütze die armen Seeleute, die auf den trügerischen Wogen sind. Wir wollen Niels hereinrufen und fragen, ob von Sylt oder Föhr Schiffe gen Süden in Sicht gekommen sind.«

Die junge Frau legte die Hand auf den Arm der Witwe, die sich eben erheben wollte. »Noch nicht, Mutter, lassen Sie uns erst einmal den Brief durchlesen.«

»Du hast Recht, Adda; man kann solche Briefe nicht oft genug lesen, und es ist ohnehin so manches darin, was ich nicht recht verstehe und was am Ende mehr Dir gilt, als mir.«

Die Pastorin, zusammenschaudernd bei dem heftigen Windstoß, der eben wieder an der Ecke des Hauses rüttelte, war aufgestanden und zu dem kleinen dreieckigen Glasspind gegangen, das in der Ecke des Gemachs nach der anstoßenden Kammer hin stand. Es war überhaupt sehr einfach möbliert, das kleine Zimmer, und hatte doch trotz dieser Einfachheit, ja Spärlichkeit, den Anstrich des Gemütlichen. Die Wände waren von starken Balken, über die nach innen Planken und Bretter genagelt worden, die selbst mit einer schlichten Tapete überzogen waren, während die Außenseite mit Moos oder Seetang in den Spalten sorgfältig gegen den Frost geschützt war und einen rotbraunen Anstrich hatte. Die Fenster waren klein und jetzt mit Läden gegen das Wetter geschlossen, die Decke niedrig, von schwedischen Tannenplanken, und konnte von einem etwas stattlichen Mann leicht mit der Hand erreicht werden. Fast den vierten oder wenigstens fünften Teil des Raumes nahm der große nordische Kachelofen ein, dessen grüne Glasur von der breiten drei Seiten entlang laufenden Holzbank abstach, der aber von außen geheizt werden konnte, was in den gewöhnlichen Häusern dieser rauhen Küste nicht vorkommt. Ein altes steifbeiniges Sofa mit Federkissen und buntem Zitzbezug stand hinter dem Tisch, während die junge Frau auf einem ähnlichen alten Großvaterstuhl Platz genommen hatte, dem gewöhnlichen Sitz des verstorbenen Gatten, den die Pastorin als ihr Eigentum mit aus dem Pfarrhaus gebracht hatte, und den der neue Pastor ohnehin als gar zu unmodern nicht gemocht hätte. Einige Holzstühle, eine große Kommode von braunem Holz, deren Laden mit blankgeputztem Messingbeschlag und Porzellanschildern geziert waren, unter einem kleinen Spiegel mit Glasrahmen zwischen den beiden nach vorn schauenden Fenstern, die kurze Vorhänge von gleichfarbigem Zitz wie das Sofa zeigten, und auf der gehäkelten, aber sehr sauberen Zwirndecke eine Anzahl offenbar vielgebrauchter Bücher, in der Mitte eine Bibel im Lederband und ein Gesangbuch, zwei alte Pfeifen, die dem verstorbenen Pastor gehört hatten, rechts und links vom Spiegel an die Wand befestigt, war fast alles; das erwähnte Eckschränkchen zeigte aber durch seine schmalen Glasscheiben des oberen Teils Tassen und Kannen von wertvollem japanischen Porzellan und bot in dem unteren von Holztüren geschlossenen Raum gleiche Teller, Näpfe und Kannen. Es waren die Geschenke der Seeleute, die sie ihrem Pastor von weiten Seereisen mitgebracht hatten. Ähnliche, seltsame und zum Teil sehr merkwürdige Gaben enthielten die einfache Holzborte, die unter der Decke rings um das Zimmer liefen, während alles grobe Geschirr für Küche und Stube in den Küchenflur verwiesen war. Der Fußboden war mit getrocknetem und gesiebtem Dünensand bestreut, ein Luxus, für den die Pastorin während des Sommers sorgte, und unter dem Tisch standen sorgfältig poliert zwei sogenannte Feuerstübekens, wie sich ihrer die holländischen und friesischen Frauen zur Erwärmung der Füße bedienen, von der Mitte der Decke aber hing an einer Hanfschnur das sauber geschnitzte und gearbeitete Modell eines vollständigen getakelten Dreimasters, wie solche häufig die Seeleute während der Wintermonate zu fertigen und an die Magazine von Sankt Pauli oder Altona zu verkaufen pflegen. Wenige einfache Schildereien, teils religiösen, teils maritimen Inhalts, schmückten die Wände, und die leeren deutlich sichtbaren Stellen bewiesen, daß früher noch einige andere dort gehangen hatten, wahrscheinlich aber wegen jetzt mißliebigen Inhalts für die politischen Machthaber von dem bei aller Festigkeit der Überzeugung friedfertigen Sinn der Pastorin lieber entfernt worden waren.

Aus dem Glasschränkchen hatte die alte Frau den Brief geholt, den sie dort in eine Teebüchse gesteckt und breitete ihn jetzt auf dem Tisch unter der Lampe aus, die eben das kleine Dienstmädchen, die Tochter einer armen Schifferfamilie aus dem Norddorf und die einzige Bedienung der Witwe, hereingebracht hatte. Zugleich aber steckte der alte Postbote seinen weißen Kopf durch die Tür und fragte bescheiden, ob er hereinkommen dürfe.

»Komm immer her, Niels,« sagte die Witwe, »Du weißt, daß ich vor Dir kein Geheimnis habe, und Adda wird Dir ein starkes Glas Tee mischen. Der Sturm wird immer ärger, und ich glaube, die Flut kommt am Ende schon, obgleich es kaum Zeit dazu ist, so donnert es von der Düne herüber.«

Der alte Mann warf einen Blick nach der hölzernen Kuckucksuhr, die an der Wand neben dem Ofen hing, lehnte es aber bescheiden ab, sich auf den Holzschemel zu setzen, den ihm die Hausfrau am Tisch anwies, und begnügte sich mit einem Platz auf der Ofenbank. »Wenn mir die Frau Pastorin eine Gunst erweisen wollen,« sagte er mit einem Blick auf den bereits geöffneten Brief, »so möchte ich wohl wissen, ob er vom jungen Kapitän kommt oder, wie der vorletzte, vom Herrn Legationsrat in Kopenhagen und seiner Frau Liebsten?«

Die Augen der beiden Frauen wandten sich bei der Erwähnung des Alten gleichzeitig auf ihn, und ein lichtes Rot flog über beider Gesichter.

»Nein, Niels,« sagte die Pastorin, »diesmal ist er wirklich vom Kapitän und seinetwegen will ich ein paar Fragen an Dich richten.«

»Darf ich wissen, woher der Kapitän schreibt, oder ist es Geheimnis?«

»Der Brief ist aus Memel und durch Einlage nach Lübeck gegangen. Klaus hat an der Ostseeküste überwintern wollen, aber eine Depesche seines Schiffpartners, die aus Frankreich gekommen ist, hat ihn nach Marsaille gerufen und verspricht ihm Fracht aus anderer Gelegenheit.«

»Also der Kapitän fährt jetzt sein eigenes Schiff, wenn ich recht verstanden habe?« fragte neugierig der Alte.

»Es ist wenigstens auf seinen Namen registriert in der Hamburger Handelsmarine, wenn ihm auch ein Freund, wie es so oft vorkommt, wohl das Geld dazu geliehen und deshalb hat er meiner Meinung nach auch die Pflicht, auf den Wunsch eines solchen braven Mannes zu hören, der ihm soviel Vertrauen geschenkt hat, selbst wenn Vorteil oder Gefahr für ihn dagegen ins Gewicht fiele. Wie nennt er doch seinen Partner, Kind?«

»Kapitän Lautrec von Martinique.«

»Das ist ja wohl eine französische Insel in Westindien?«

»Ja, Mutter! Kapitän Lautrec hat von Neapel durch seine Agenten in Havre an ihn telegraphieren lassen, nachdem er des Kapitäns Anzeige erhalten hatte, wohin sein Schiff in Fracht war.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Ist eine lange Fahrt von Memel herauf in dieser Jahreszeit. Hätte aber, mit Verlaub, kaum geglaubt, daß ein Franzmann ein so wackerer Gesell wäre, um einem Deutschen solch schönes Geld anzuvertrauen, wie ein Schiff kostet, und Kapitän Hansen wird sich sicher kein schlechtes ausgesucht haben, er versteht seinen Dienst. Darf ich fragen, von welchem Datum der Brief ist?«

»Vom Ersten dieses Monats!«

»Hm! Da könnte sein Schiff fast heran sein, wenn er am selben Tage ausgesegelt ist; schreiben heut den Fünfzehnten.«

»Was ich Euch eben fragen wollte, Niels! Habt Ihr nicht gehört, ob man dieser Tage Schiffe in Föhr oder Sylt bemerkt hat, die von dem Skager-Rack herkamen und nach Süden steuerten?«

Der Alte sann einige Augenblicke nach. »Hab' von zweien gehört, und die Männer wünschten, sie hielten sich bei dem Wetter mehr nach der See zu, denn wenn der Wind umsetzte und zum Sturm umschlüge, gehöre genaue Kenntnis unsers Fahrwassers dazu, um nicht auf die Untiefen vor den Inseln zu geraten, wie alle Jahre Fahrzeugen geschieht, die von Nordwesten oder von der holländischen Küste kommen. Aber das erste Schiff, das vorgestern passierte, – die Leute behaupteten, es müsse ein Kriegsschiff gewesen sein, so hochgetakelt wär's gewesen, – hielt nach Helgoland zu, als wollte es die rote Insel auf Backbord lassen. Muß sie jetzt schon passiert haben.«

»Und das andere?«

»Weiß nichts von ihm, soll noch weit nach Norden gestanden haben! Das Wetter wird noch immer schlimmer und ich danke dem Herrgott dort oben, der mich Ihrem Rat folgen ließ. Wär' höchstens bis zum Norddorf gekommen und hätte dann doch unterkriechen müssen. Möcht nur einmal die Nase einen Augenblick lang hinausstecken, um zu sehen, wie's steht, – der blanke Hans tobt gar zu grimmig, und es ist mir bang um die Leute in den Wootsdörfern. Ist wenigstens auf Amrum noch fester Grund!«

»So geht denn, Niels, seht zu, ob die Teertonne auf der Bake auch brennt und kommt bald wieder – Ihr könnt bei der Meta bleiben am Herdfeuer – denn ich fürchte, von Schlaf wird die Nacht wenig genug die Rede sein. Heiliger Gott – was war das?«

Sie waren alle aufgesprungen, der Postbote war bereits im Flur.

»Das war ein Schuß!«

»Dann ist ein Schiff in Gefahr – o Adda – wenn es Klaus wäre!«

»Nein, Mutter – er ist es sicher nicht – das ist dänisch Gewässer hier – er geht nicht auf das Gebiet des Königs von Dänemark!«

»Kind, Du erschreckst mich! Du verbirgst mir etwas! Was achten Wind und Wogen, wenn sie ein Schiff zwingen, Zuflucht zu suchen, auf das Gebiet des Königs von Dänemark? Wenn nur der Niels käme – da – war das nicht schon wieder ein Schuß? Es ist ein Schiff, das strandet auf den Untiefen! – Tochter, laß uns beten, denn die Hand Gottes allein vermag in solchem Wetter zu retten, nicht Menschenhand!«

Sie kniete nieder am Tisch – Adda folgte ihrem Beispiel. Aber die Ursache, die sie verzehrte, litt sie nicht lange in dieser Stellung. Bald sprang das Mädchen empor und sah hastig umher. »Ich muß hinaus, Mutter, zu wissen, was es gibt. Wo ist die Regenkappe?«

»Barmherziger Gott – was kannst Du tun? Da ist selbst Männerkraft vergeblich. Du kommst nicht zehn Schritte weit! – Horch! – da heult die Glocke vom Turm, welche die Lotsen aufruft und die Männer, wenn große Not ist!«

»Ich muß, Mutter! Denke daran, – wenn es Klaus wäre?«

Das Mädchen eilte in den Flur und suchte die Tür zu öffnen. Aber indem sie noch die Tür zu halten suchte, die der Sturm fast ins Innere warf, stürzte der alte Postbote wieder herein.

»Haltet Euch nicht auf, Fräulein! – Wo ist die Pastorin?«

Diese hatte den Ruf schon gehört und öffnete eilig die Zimmertür. »Was gibt's, Niels, was geschieht draußen?«

»Erschreckt nicht, Frau! Der selige Pastor war bereits hier, als die große Springflut kam im Jahr fünfunddreißig. Erinnert Ihr Euch nicht, wie hoch das Wasser damals stieg und ob dies Haus sicher war vor den Wellen?«

»Es steht schon über fünfzig Jahr – aber ich erinnere mich, daß das Meer viele Fuß hoch in der Stube gestanden hat – nur das Pastorenhaus auf der Werft wurde nicht überschwemmt.«

»Dann müssen wir dieses zu erreichen suchen, so schlimm auch das Wetter ist. Die Leute aus dem Dorf eilen alle dahin, und die Männer sagen, es sei eine Sturmflut, die käme – sie werde die ganze Insel unter Wasser setzen. Gott schütze die Halligen!«

»Und das Schiff?«

»Es muß allerdings ein Fahrzeug sein draußen vor den Dünen! Aber wer kann an Hilfe denken in solchem Wetter, wo es gilt, nur das eigene Leben zu retten. Kommt Frau, daß wir die Kirche erreichen, ehe die Überflutung kommt!«

Die Pastorin hatte rasch den wollenen Mantel ergriffen, dachte aber nur daran, ihren Schützling darein zu hüllen. »Wie Gott will – wir müssen alles lassen, wie es steht und liegt. Brennen die Feuer, Niels?«

»Sie können uns allein den Weg weisen, denn es ist ganz finster draußen, obschon es kaum sieben Uhr ist. Wenn es den Männern nur gelingt, sie bei dem Sturm in Brand zu halten, denn sie werden das einzige Merkzeichen sein für viele! – Kommt, Frau Pastorin, und haltet Euch fest an meinem Arm, ich bin zwar alt, aber noch kräftig genug. Halt Dich an die Meta, Fräulein, und Du schrei nicht, Dirne! Die Deinen im Norddorf werden die Gefahr so zeitig gemerkt haben, wie wir und können sich retten.«

Die Pastorin hatte jetzt die frühere Ruhe wieder gewonnen. »Geh voran, Niels, und laß uns alle Türen verschließen, das Wasser hat doch nicht die Kraft, als wenn es frei durchflutet.«

Die drei Frauen hatten das Häuschen verlassen, draußen erst empfanden sie, wie furchtbar das Wetter tobte. Es schien, als wolle der Wind das Haus aufheben und aus seinem Grunde reißen. Es war unmöglich, eine Laterne mitzunehmen, der Wind blies sie schon in der nächsten Minute aus, sie mußten sich alle vier dicht aneinander schließen, um nur nicht zu Boden geschleudert zu werden, und strebten so zusammen der Erhöhung zu, auf der die Kirche an der Ostseite der Insel mit dem Pastorenhaus und dem Kirchhof lag. Durch die Luken des niederen aber festen Turms leuchtete Feuerschein und flog oft in Funken heraus in die Nacht, in anderen Augenblicken schien er ganz zu erlöschen, wurde aber immer wieder angefacht von den wackern Männern, die ihn zu unterhalten übernommen hatten. Wohl merkten die Flüchtlinge, daß auch von anderen Seiten Menschen dem sichernden Halt zuströmten, aber es war unmöglich, sie zu erkennen, oder sich mit ihnen zu verständigen, jeder hatte mit sich selbst zu tun, bis sie endlich in den Schutz der Kirche und auf deren nach der Binnensee und dem Lande hingekehrten Seite gelangten.

Hier war wenigstens einiger Schutz gegen das tobende Wetter, wenn er auch nur gering war, da Amrum die äußerste der friesischen Inseln auf der Westseite ist und eben nur durch die natürliche Sand-Düne gegen das offene Meer geschützt ward, nicht wie manche andere, wie z. B. Langeneeß, Pelworm und Nordstrand noch durch künstliche Dämme. Die dänische Regierung hatte für diese gefährdeten Eilande so gut wie gar nichts getan – ihre Bewohner trotzten ja der Danesierung mit festem deutschen Sinn, und erst seit der Besiegung des Danebrogk, seit sie unter preußische Herrschaft gekommen sind, werden ernste Versuche gemacht, dem zersetzenden Element Halt zu gebieten und die Bewohner zu schützen, weil die Regierung erkennt, welches wertvolle Material grade in solchen Menschenleben liegt.

Die jammernden Frauen und Kinder waren in der Kirche untergebracht worden, der neue dänische Geistliche, der zufällig grade in seinem Sprengel anwesend war, ging blaß und hilflos umher, aber die wackeren deutschen Strandbewohner kümmerten sich nicht viel um ihn und seinen giftigen Groll, als sie, wo es galt, sich Rat und Trost holten bei der alten deutschen Pastorswitwe. Der Ruf: Ja wenn Pastor Hansen noch lebte! oder: wenn Kapitän Klaus hier wäre! klang gar manches Mal in seine Ohren und diente grade nicht sehr dazu, seine Freundschaft für die Witwe und ihr kleines Hauswesen zu erhöhen. Nur die bekannte Tatsache, daß ihr ältester Sohn in der dänischen Regierung in Kopenhagen stand, hatte sie ohnehin bisher vor mancher Unbill geschützt, unter der die anderen deutschen Bewohner so oft zu leiden hatten.

Aber selbst ihre Beliebtheit und ihr Ansehen hatte nicht vermocht, die kühnsten, seeerfahrenen Strandbewohner zu vermögen, etwas anderes zur Rettung des nach den gegebenen Signalen gefährdeten oder bereits in die Untiefen an der Westseite der Insel geratenen unbekannten Schiffes zu tun, als daß die wackern Männer mit aller Kraft das Feuersignal auf ihrem Turm gegen Wind und Wetter flammend erhielten. Die kecksten Lotsen erklärten, daß es unmöglich sei, mit einem Rettungsboot in See zu gehen, und daß jedenfalls der nächste Morgen abgewartet werden müsse.

Dazu kam jetzt, die Schrecken der Nacht vermehrend, daß von mehreren Seiten her die Nachricht gebracht wurde, daß die Flut nicht bloß von dem Nordweststurm gegen die Insel gepeitscht werde, sondern in wirklicher Springflut zu steigen und auf der offenen Seite vom Binnenmeer her das Land zu übersteigen begänne. Schon standen die niederen Häuser des Kirchdorfs unter Wasser, das also längst die beiden nördlich und südlich gelegenen Dörfer überschwemmt haben mußte.

Mit einem selbst die Männer beschämenden Mut, hatte die angebliche Muhme der Pastorswitwe außerhalb der Kirche dem Wetter und allen Gefahren Stand gehalten, der Beratung der Seeleute gehorcht und ihren Mut angefeuert. Der alte Postbote blieb an ihrer Seite und auch die Pastorswitwe war jeden Augenblick, wo es ihre körperliche Kraft erlaubte, wieder aus dem schützenden Obdach getreten. Übrigens hatte man seit einer Stunde kein Zeichen mehr gehört, daß das gefährdete Schiff an der Westseite noch gegen die Gefahren kämpfte. Immer höher und höher war die Flut gestiegen und das Spritzwasser schlug bereits bis über die Kirchhofsmauer und zu dem Gotteshause heran, als plötzlich einer der Fischer nach der Seite des Binnenmeers deutete. »Schaut dorthin – da ist ein Schiff!«

Über die hochgehenden Wogen der Innenflut sah man es in der Tat wie das mühsame Licht einer Laterne schwanken – erscheinen und verschwinden. Im Augenblick hatten sich die Männer zusammengedrängt, die Pastorin war mitten unter ihnen. Alle starrten betroffen auf die merkwürdige Erscheinung.

»Das muß eine feste Hand sein, die dieses Steuer geführt,« sagte endlich ein alter Seemann, dem das weiße Haar lang unter dem Südwester herwehte. »Das kann, so wahr ich Cristen Jansen heiße und ein Deutscher und kein Jüte bin, nur ein Mann sein, der von den Inseln selber ist und ihr Fahrwasser kennt, wie seine eigene Tasche. Ich glaube wahr und wahrhaftig, daß es das Schiff ist, dessen Notsignal wir vorhin gehört haben.«

Man einigte sich zuletzt dahin, daß es in der Tat das gefährdete Schiff sein müßte, denn von einer andern Insel oder vom Festland her konnte das Licht unmöglich sein. Aber die aufgeworfene Frage, wie es von der offenen See hier herüber kommen konnte, als habe es der Sturm über die Insel weggeblasen, da doch kein Fahrwasser hier herüberführte, beschäftigte die Gruppen, bis der alte Niels die Lösung andeutete.

»Denkt an die Sturmflut, Leute,« sagte der Mann. »Der Weg zwischen der Laurenti-Kirche auf Föhr und der Nordspitze, der bei der gewöhnlichen Flut nur mit der Fähre zu passieren ist, muß bei diesem hohen Stande der Flut dicht über die Sandbänke auch für ein großes Schiff fahrbar geworden sein. Freilich hat ein kühnes Herz dazu gehört, und wenn Euere Feuerbake dort oben nicht einem Landsmann geleuchtet hätte, wäre das Schiff längst gestrandet. Sie können Gott danken, daß sie das Lee der Inseln erreicht haben, sei es durch Zufall, sei es durch kundige Hand, und wenn es ihnen gelingt, an der richtigen Stelle Anker zu werfen, können sie in der Tat gerettet werden!«

Die Meinung fand raschen Beifall, und als es sich durch die Stellung kund gab, daß das fremde Fahrzeug in der Tat an der richtigen Stelle zu ankern versucht hatte, von der aus die Fähre abgeht durch die Windungen der Sandbänke des Binnenwassers nach Langeneeß und den rechts liegenden Halligen hinüber, konnte kein Zweifel mehr sein, daß es nur eine der Bänke ganz kundige Hand gewesen sein konnte, die das Schiff geführt und im letzten Augenblick vor dem sonst unvermeidlichen Untergang gerettet hatte.

Doch war es damit keineswegs außer Gefahr, und wenn auch die Springflut um Mitternacht ihre höchste Höhe erreicht zu haben schien, ein Abtreiben des Ankers auf dem sandigen Grunde konnte selbst unterm Lee der Insel das Fahrzeug, das man nicht einmal sehen und nur durch die schwankende Schiffsleuchte erraten konnte, immer noch auf eine der Untiefen werfen und sein Scheitern veranlassen. In dieser Besorgnis blieben alle Bewohner an der Kirche versammelt, da ihnen ohnedies die Dunkelheit der Nacht und der noch immer fortdauernde Sturm jede andere Tätigkeit und selbst den Versuch, nach dem Zustand ihrer eigenen Häuser auszusehen, versagte.

Die beiden Frauen aus dem Pastorenhäuschen im Dorf waren mit dem ersten Morgengrauen im Freien, obgleich der dänische Pastor nicht umhin gekonnt, ihnen Aufnahme in seinem Hause anzubieten. Erst jetzt, bei dem steigenden Licht des Tages ließen sich die entsetzlichen Folgen der so plötzlich hereingebrochenen Springflut erkennen. Noch stand ringsum die ganze Insel in ihren flacheren Teilen unter Wasser, das aber nunmehr rasch zu sinken begann. Zwei der Häuschen waren ganz verschwunden, von der Flut mit fortgespült worden, und fast kein einziges war ohne Beschädigung geblieben. Auch in der Wohnung der Pastorswitwe mußte die Flut wenigstens bis zu den Fenstern eingedrungen sein, aber nicht dahin hatten sich die Augen der Witwe und ihrer Pflegebefohlenen zuerst gekehrt, sondern nach dem Binnenwasser hin, wo auf den Wellen, jetzt deutlich sichtbar, sich ein stattlicher Fregattschooner wiegte, von dessen Gaffel erkennbar die Hamburger Flagge wehte.

»Gott segne die deutsche Farbe!« sagte der alte Postbote, der neben der Witwe stand. »Würde doch selbst der gestrenge Rat, Dein Herr Sohn, der mit seiner jungen Dänenfrau drüben in Kopenhagen wohnt, wie Du mir sagtest und im Rat des Königs sitzt, stolz darauf sein, daß ein deutsches Schiff es ist, das solche Gefahren durchwettert hat. Aber schwerlich wird vor mittag der blanke Hans so ruhig sein, daß ein Boot hinüber oder herüber gehen kann. Der Däne da drüben scheint übrigens ebenso neugierig zu sein wie wir, denn wenn mich mein altes Auge nicht täuscht, hat er sich auf seinen Dampf verlassen und kommt hierher um zu sehen, welches Unheil Sturm und Wasser hier angerichtet haben. Wünschte fast, sie hätten ihm den schwarzen Schlot von seinem Deck geblasen, auf dem's schlimm genug ausschauen mag nach solcher Nacht!«

In der Tat hatten auch die beiden Frauen bemerkt, daß im Norden von Föhr aus eine Rauchsäule sich in die Luft hob, doch schien sie bei der starken Rückströmung der Wellen vom Festland her sich nur langsam zu nähern. Auch der Hamburger schien den Dampfer bemerkt zu haben und plötzlich schien es an seinem Bord lebendig zu werden. Zur Verwunderung aller um die Kirche her immer noch versammelten Seeleute und Dorfbewohner schien er sogar den sichernden Ankergrund verlassen zu wollen, denn um das Gangspill sah man plötzlich eine Anzahl Matrosen versammelt; auf der Kuppe erschien deutlich die kräftige Gestalt des Kapitäns, das Fernrohr in der Hand, das er zur Insel herüber richtete, und das Schiff selbst schien in dem Sturm der Nacht durch seine geschickte Hand sogar nur wenig Havarie gelitten zu haben, denn Spieren und Raaen bedeckten sich trotz des noch immer starken Windes mit Segeln – einen Augenblick noch, dann kam aus einer der Luken Blitz und Dampf eines Signalschusses, es schien als ob der Mann auf dem Quarterdeck in den Wanten stehend mit der Hand grüßend und dankend für den gewährten Schutz herüberwinkte, und dann drehte sich der Schiffsschnabel gen Süden und das Fahrzeug flog im vollen Segeldruck in die offene Fahrgasse, die zwischen der Südspitze von Amrum und Hooge hinausführt in die freie Nordsee, aufs neue beweisend, daß der Führer des Dreimasters dieser Gewässer ganz kundig sein mußte.

Die beiden Frauen lagen einander in den Armen, der alte Postbote aber schwang, als das Schiff sich gedreht und nun seinen Spiegel dem Ufer zukehrte, während schwerfällig der Dampfer herankam, den alten Filzhut um die weißen Locken.

»Hurrah, jetzt wissen wir, wie der nächtliche Gast hieß, der unserem Danske da drüben das Nachsehen läßt. Möge er glücklich den Hafen erreichen. Ein Hurrah, Ihr Männer, für die »Edda!«


In derselben schlimmen Nacht geschah es, daß weiter nach Süden hin, den Halligen und Inseln der Wesermündung gegenüber ein anderes Schiff mit weniger Glück gegen die stürmische See zu kämpfen schien, als der Fregattschooner des deutschen Kapitäns, und dennoch war es auch ein deutsches Schiff, ein Kriegsschiff sogar, mit lebensvoller jugendlicher Mannschaft, deren Gesichter bleich und abgemattet aussahen, wenn die Blitze des hier tobenden winterlichen Gewitters mit ihrem falben Schein über das Verdeck flogen.

Das Schiff schien arge Havarie gelitten zu haben, denn der Fockmast war von einem Blitz getroffen, seiner Stengen und Raaen beraubt, und der Klüver fehlte, den an dem Rest des Bugspriets mit aller Anstrengung eine Anzahl jugendlicher Matrosen zu ersetzen versuchte. Aber die Sturzwellen, die immerwährend das Schiff trafen, verhinderten die Erneuerung des wichtigen Baums, der so nötig war, um das Fahrzeug wieder luven zu können, damit es vor Topp und Takel liegen, das heißt mit den andern Masten vor dem Sturm laufen könnte, denn daß dies die einzige Rettung war, das hatte der Kapitän, der mit zwei Matrosen auf dem Oberdeck selbst am Steuerrad stand, längst eingesehen.

Seit fast zwei Tagen hatte jede regelmäßige Ablösung der Wachen und Verteilung des Proviants eingestellt werden müssen, denn Tag und Nacht waren alle Hände auf Deck gebraucht, und ein kalter Grogk mit einem Stück Zwieback war das einzige gewesen, was zur Stärkung der Bemannung hatte gereicht werden können. Die Lage war ohnehin so gefährlich, daß wohl nur wenige an das körperliche Bedürfnis gedacht hatten. Dennoch hatte die junge Mannschaft das übermenschliche getan, und obschon nur wenige über zwanzig Jahre zählten, mit Verachtung aller Lebensgefahr gearbeitet, als seien sie lauter wettererprobte seeerfahrene alte Matrosen voll Kraft und Übung.

Es war die »Amazone«, das preußische Übungsschiff für den Stamm der künftigen Marine, die jetzt vor dem Winde schwankte. Sie hatte am 29. Oktober von der sichern Danziger Rhede trotz mancher Warnungen und ahnungsvoller Gegenstimmen die Übungsfahrt nach Lissabon angetreten und war am 3. November aus dem Hafen von Helsingoer ausgesegelt, ohne den deutschen Fregattschooner noch angetroffen zu haben, der von Memel kam und in Helsingborg – gegenüber – anlegte. Dessen Kapitän hätte dem Offizier, als er von den schwedischen Lootsen von seinem früheren Nachbar auf der Vorder-Elbe vor Hamburg hörte, bei dem eigentümlichen Umschlag des Wetters und seiner genauen Kenntnis dieser Küste und ihrer Gefahren, gern gewarnt, jetzt aber hatte er nichts anderes tun können, als der Richtung des preußischen Kriegsschiffs eine Zeitlang folgen, bis die seltsamen Anzeichen der Atmosphäre und des Barometers ihn zwangen, auf die eigene Sicherheit mehr Bedacht zu nehmen.

Es war der Korvette gelungen, die Insel Helgoland im Lee zu kreuzen, und die Abtriftung des Schiffes bei dem sich erhebenden Nordwest hatte wohl anfangs keine so große Besorgnis erregt, indem der Kapitän hoffte, bei erhöhtem Sturm die Jahde oder Ems erreichen zu können oder in offener See zu bleiben, als das furchtbare Wetter am 14. und 15. das Schiff traf und der Blitzstrahl es zum Wrack machte.

Schon war in dem Sturm und vom Andrang der Wellen, die über das Verdeck stürzten, bereits ein Teil der Bollwerke und manches Mitglied der todesmutigen Schar der 114 Jünglinge und Männer weggeschwemmt worden, als unterm Lee sich Griff um Griff, Hand um Hand eine elastische Gestalt vom Vorderschiff bis zum Heck schob und dicht am Kapitän sich aufrichtete.

»Herr Kommandant!«

»Leutnant von Dobenegk – Gott sei Dank, daß Sie kommen, Sprachrohr und Stimme sind machtlos in diesem Brüllen des Windes. Wie steht es vorn am Schiff?«

»Schlimm, Herr; alle Mühe, einen Klüver aufzurichten ist vergebens. Die Kadetten von Ising und Zirzow sind eben über Bord gespült worden!«

»Keine Hülfe, kein Tau möglich?«

»Fragen Sie sich selbst! Der Bootsmann Mitzlaff mit den älteren Matrosen arbeitet für drei – aber es ist unmöglich, den Balken anzulegen.«

»Dann wissen Sie, daß wir verloren sind! Wir hätten wenigstens stranden können und dann mit dem Kutter und der Barkasse die Rettung versucht.«

»Ich sah die Barkasse, als ich vorüber kroch, fortgespült vom Deck. Selbst das starke Kabel muß gerissen sein.«

Sie hatten beide, der Kommandant und sein Offizier, mit Aufbietung aller Kraft ihrer Lungen gesprochen, um sich nur einander verständlich zu machen und dennoch war es in dem Brausen der See und des Windes kaum möglich. »Die Masten!« sagte endlich der Offizier.

»Ich habe längst daran gedacht, sie zu kappen, aber der Besahn ist unsere ganze Hoffnung, wenn es gelingt, das Schiff vor den Sturm zu bringen. Dann fliegt es wenigstens über die leichtern Bänke hinweg, denn ich fürchte, wir treiben im Lee den Inseln unrettbar zu. Ist es möglich, ein Logg zu werfen?«

»Nicht daran zu denken, Kommandant.«

»So versuchen Sie's noch einmal am Fock mit dem Klüver, und wenns nur ein Jagerbaum ist. – Wer hat das Kommando in der Batterie?«

»Kadett von Zastrow

»Ein braver Bursche, aber er ist kaum zwei Jahre im Dienst. Es kommt alles darauf an, daß die Geschütze festgelegt sind und sich nicht lösen können bei Schlagseiten. Lassen Sie sie nochmals laschen Festmachen.. Das Wetter ist uns zu furchtbar plötzlich über den Hals gekommen. Auf Ihren Posten, Baron von Dobenegk! Wen haben Sie noch im Vorderschiff?«

»Graf Klinkowström und Matuschka. Voß und der Kadett von Kanitz sind mit in der Batterie!«

»Und wenn die Hälfte der Wackern geopfert wird, – wir müssen den Klüver haben! – Leben Sie wohl, Kamerad!«

»Auf Wiedersehen in einer anderen Welt! – Sehen Sie dort!«

Es war etwas heller geworden im fahlen Licht der Blitze. Der Offizier, sich forthalfternd, wies nach Westen. Wie eine dunkle schwarze hohe Mauer kam es von dort herüber, auf der Höhe derselben eine weiße helle Krone, der Gischt!

»Wir sind verloren, wenn sie uns faßt, es ist die Springflut! Alle Mann zum Steuer! Luvt, luvt um das Leben!«

Er stürzte sich selbst auf die Speichen des Rads – auch der Leutnant sprang wieder zurück und faßte hinein.

Noch einmal war es gelungen, mit der Hilfe einer günstigen Welle das Schiff zu wenden, so daß die Spitze der schrecklichen Flut entgegenstand. Einen Blick nur hatte der tapfere Kommandant zur Höhe des Mittelmastes emporgeschlagen; es war, als wäre die weiße Linie auf der schwarzen Wassermauer bis über den Mars gestiegen, und dann stürzte sie über das Deck des in tiefer Höhlung liegenden Schiffes und begrub dasselbe unter ihrem Schaum. Einen Moment lang schien die Korvette bereits in den Abgrund hinabgedrückt, aber die rasche Wendung hatte sie noch einmal gerettet, und im nächsten Augenblick hatte sie sich wieder gehoben. Als der Kommandant in dem fahlen elektrischen Schein um sich sah, war sein erster Leutnant nicht mehr an seiner Seite. Der Schlag einer Stenge hatte ihn getroffen und ihn hinausgeschleudert dem wirbelnden Gischt nach – ob lebend, ob bereits tot – wer hätte es sagen können!

Aber freilich war es nur ein Augenblick der Rettung. Im nächsten schon war die Korvette abgefallen und bot ihren Backbord der tosenden See – und von dort her …

»Lebt wohl, Maten – laßt uns als Männer sterben, als Preußen, wie in der Schlacht!«

Riesiger noch als die erste Wand der Springflut kam die zweite daher, eine schwarze dunkle Masse nur vom phosphorischen Licht ihres Kammes glänzend; – sie hingen an den Resten der Wanten, der Reelings, an allem, was noch einen höheren Halt bot auf Deck; sie lagen auf den Planken, knieend, die Hände der Gefahr entgegenstreckend – – die noch stehenden beiden Masten schwankten wie taumelnd nach der Leeseite – einen Augenblick noch, dann hatte die furchtbare Wassermasse der Springflut die Breitseite des Schiffes erfaßt – ein Krachen, die Stengen der beiden Maste mit ihren Raaen tauchten in das Wasser im Lee, die ganze Macht der Wellen schien auf dem Schiff zu liegen – vielleicht hätte es sich noch wieder gehoben, noch einmal getrotzt – da polterte es und donnerte es in seinen Tiefen, daß es selbst den Sturm und das Wogengeheul übertönte, es war wie ein mächtiges Rollen – es krachte, als führen alle Planken aus ihren Verbindungen, aus ihren Nahten – durch die Mittelluke, während die eine Hand das Tuch zur Seite schob, tauchte ein jugendliches Haupt, die Hand an den Rand geklammert, hob die schlanke Gestalt in der Kadettenuniform heraus, obschon sie sich in der Lage, wo das Deck fast senkrecht nach der Windseite stand, ihr nicht weiter emporhelfen konnte, – die andere Hand zog den Stock einer Standarte hinter sich her – »Hurrah für Preußen! Die Kanonen sind los – sie schlagen die Wand ein! Es lebe das Vaterland, es lebe der König!« Die jetzt frei gewordene Hand des Jünglings, des Kommandanten der Batterie, hatte die gerettete Standarte befreit und schwang sie jetzt über dem Deck! – »Hurrah für Preußen – das ist der Tod!«

Die dritte Woge der Springflut, es ist eine seltsame Regelmäßigkeit selbst in dem ruhigen Heranwogen des atlantischen Ozeans, wie man es so oft an den westlichen Küsten beobachten kann, daß hier drei langgestreckte Wände hinter einander herankommen – die dritte Woge der Springflut warf sich auf das unglückliche Schiff und drückte es nochmals in die dunkle Tiefe, ein Gurgeln, ein schriller Todesschrei aus so mancher Kehle – dann verschwand seine letzte Planke von der wildbewegten Fläche – ein Opfer der Tiefe. – – –


Vier Tage später – die blasse Novembersonne ließ ihre weißen Lichter tanzen über die wieder beruhigte gründunkle Fläche, nur leicht noch als sei es der Odem einer kräftigen niemals gänzlich schlummernden Brust, die nicht rastet noch ruht – rauschten die Wellen und zogen zu dem Dünenstrande der friesischen Inseln, die den Eingang zum Zuyder See decken, vier Tage später war es, als der Hamburger Dreimaster, die »Edda« Kapitän Klaus Hansen, in der Höhe der holländischen Insel Texel das deutsche Meer furchte. Das Schiff hatte nur wenig Schaden genommen in dem vorhergegangenen schlimmen Wetter und achtundvierzig Stunden unter der tätigen Sorge des jungen Kapitäns hatten genügt, an einer der Inseln, ohne wirklich zu landen alle Havarie auszubessern. Jetzt eilte die »Edda« mit vollen Segeln dem Kanal, der großen Wasserstraße zu, um in Havre vielleicht weitere Instruktionen zu suchen und zu finden und Proviant einzunehmen, ehe sie die Bay von Biscaya kreuzte und das Mittelmeer erreichte, wohin ihre Bestimmung lautete.

Der Kapitän des stattlichen Fahrzeugs stand auf der Campagne des Hinterdecks und mochte an die gefährliche Fahrt denken, die er zurückgelegt, und wie die Edda eine andere so waghalsig begrüßt hatte, wie kaum ein Schiff jemals an diesen Küsten. Nicht weit von ihm, ohne daß er in seinem eigenen tiefen Sinnen darauf achtete, stand der Laskare Suky, der seine Genugtuung kaum bergen konnte, wieder nach dem sonnigen Süden zu kommen, wenigstens näher der tropischen Zone, und der in gewöhnlicher Weise, wenn er seinem Herrn sich näherte, Gelegenheit suchte, in irgendeinem Wort von seiner verehrten Herrin, der Missis Edda, die doch der Missus Adda so zauberhaft ähnlich sei, zu reden, bis ihm der Kapitän den Mund verbot, um all den fantastischen Aufstellungen nicht weiter zuzuhören. Diesmal hielt sich aber der Laskare ziemlich schweigsam, schaute, die Hand über das scharfe Auge breitend, auf das Meer, und sagte dann: »Bei der großen Schlange, Massa Hansen, meine Gucker sind schlecht geworden, oder da drüben treibt ein Boot oder ein Hühnerkorb von einem Schiff. Haben Kapitän nicht das Glas zur Hand, mit dem man die Dinge sieht, als wären sie dicht bei uns, obschon sie in Wirklichkeit so manche Seemeile entfernt sind?«

»Wo meinst Du, Suky?«

»Dort drüben West zu Nord, zwischen dem Besan- und Kreuzmast – zwei Strich nach Mitternacht hin.«

Du magst vielleicht Recht haben, aber mein Auge, so gut es auch ist, reicht doch nicht so weit als das Deine. Heda, Mars! Der Laskare hier behauptet nach Nordwest hinüber ein gekentertes Boot oder einen ähnlichen Gegenstand zu sehen. Kannst Du was bemerken?«

Der angerufene Marsgast antwortete in der gewöhnlichen schleppenden Weise der Matrosen. »Ja, ja, Herr – kann's aber nicht unterscheiden, was es ist – vielleicht ein Seehund, der bis hier herunter gekommen ist!«

»Mein Glas, Stewart – auf dem Tisch in der Kajüte!«

Suky verschwand in der Deckkajüte und kehrte gleich darauf mit dem Fernrohr des Kapitäns zurück, das dieser nach der angedeuteten Stelle richtete.

»Seltsam – in dieser Gegend kann doch unmöglich eine Boje oder Ankerboje liegen, und doch ist's offenbar wie ein Signal auf einer Tonne oder ein anderer beweglicher Gegenstand. – Holla! Anker herum und laßt das Gigk am Spiegel nieder. Es genügt, wenn Suky und der Littauer mich begleiten.«

Der letztere war in Memel geheuert worden, der Kapitän mußte seine Absicht haben, daß er zwei Matrosen bestimmte, die nicht zu der fast durchgängig in Hamburg neu geworbenen Mannschaft gehörten.

Der Stewart hatte sich gewandt in das Boot geschwungen, das unterm Spiegel hing, und ließ es an den Rolltauen nieder. Gleich darauf lag es an der Seite des Schiffs, nicht am Fallreep, sondern am Ende des Knotentaues, an dem der echte Seemann sich niederläßt.

Eine halbe Stunde lang mochte das Boot, dessen Steuer der Kapitän selbst geführt hatte, auf dem Wasser gewesen sein, als es sich wie die an Bord Gebliebenen sahen, dem Gegenstand näherte, der noch immer, wenn auch unerkennbar, auf den Wellen trieb. Auch Hansen hatte ihn schon lange betrachtet, und je näher das Gigk gekommen war, desto ernster wurde sein Gesicht, desto schweigsamer sein Mund.

»Seltsam – ich kann mich nicht täuschen!« murmelte er, – »und dennoch wäre es unrecht, zu früh eine Hiobspost daraus zu machen! – Die Ärmsten, wenn es wirklich so wäre! Obschon kein Wunder bei dem Sturm; wird leider nicht das einzige Opfer sein!«

Über die beiden Seeleute hinweg, die gleichgiltig mit dem Rücken nach dem Ziel der Fahrt ihre Riemen gestrichen, hatte sein Auge längst den Gegenstand erkannt. Es war eine Standarte am Stab, dessen unterer Knopf durch einen schweren Gegenstand in der Tiefe unter dem Wasserspiegel gehalten sein mußte, und der sie auf und nieder schwanken ließ im schaurigen Spiel. Die leichte Brise, die über die Wellen strich und die oberen Segel blähte, rauschte auch in den Falten der treibenden Fahne und ließ ihre Farben leicht erkennen: Schwarz Weiß – ein Kreuz – das Ehrenkreuz der Männer, die vor fast fünfzig Jahren in mancher blutigen Schlacht Deutschland vom Erbfeinde jenseits des Rheines befreien halfen – im Mittelschild der schwarze Adler der Hohenzollern!

»Großer Gott – also doch! Was soll aus dem deutschen Vaterland werden, wenn seine jüngsten Hoffnungen solchem Fatum unterliegen! Dichter heran, Männer, daß ich es fassen kann! Noch einen Strich Backbord, Suky!«

Der deutsche Kapitän lehnte sich weit hinaus über den Rand des kleinen Bootes – neben dem aufrecht die Standarte auf den Wellen zu schwanken schien, – seine Hand griff nach dem Stabe und faßte ihn – sein Auge suchte das trübe Wasser zu durchdringen, als wolle es erkunden, welches Gewicht Stock und Flagge in dieser Stellung hielt, – etwas Helles, Weißes schien sich mit dem schwarzen Stabe, als er ihn an sich zog aus den Wellen zu heben, dann ihn loszulassen und in die Tiefe zu versinken, ehe es emportauchte, ehe er selbst danach greifen konnte.

»Eine Hand – sollte es eine Hand gewesen sein?« Und noch weiter hinaus, soweit das Boot ihn nur tragen konnte, hatte er sich über Bord gelehnt – aber was es auch gewesen war – es war verschwunden, noch ehe er es deutlich erkennen konnte – verschwunden auf immer!

»Wendet, Burschen! Zurück zum Schiff!« –

Als der Kapitän wieder an sein Bord stieg und der Schnabel des Schiffs aufs neue die Richtung zum Süden nahm, hatte er die der Fläche des deutschen Meeres enthobene Flagge unter seinen weiten Rock geborgen, und trug sie stumm in seine Kajüte, wo er sie sorgfältig verschloß.


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