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Der Sünden Ernte.

Der Ball.

Die Polonaise aus Meyerbeers »Prophet« rauschte durch den goldenen Saal des Fürstenschlosses zu Bithoor.

Von dem Orchester brausten die Klänge – ein Preuße, der Berliner Damerow, dirigierte die englische Militär-Kapelle, die er geschaffen in dem fremden Weltteil.

Ein buntes Gewühl von glänzenden europäischen Uniformen, Damentoiletten und orientalischen Trachten erfüllte den weiten prächtigen Saal.

Volle sieben Monate waren vergangen seit jener Nacht, da der Nena ein Thug geworden. Der Palast von Bithoor hatte seine goldenen Thore längst wieder dem leichten Volk der Schmeichler und den gelangweilten stolzen Gebietern des Landes geöffnet.

Niemals seit jenem Abend, an welchem die beiden Offiziere auf Befehl des kommandierenden Generals von Cawnpur den flüchtigen Sikh-Prinzen im Bungalow Nena Sahibs suchten, hatte das Auge eines Engländers die unglückliche Gattin des Maharadschah wieder erblickt. Der Fürst war am andern Tage in Cawnpur erschienen, um bei den Behörden strenge Verfolgung der Bheels zu verlangen, von denen nach seiner Anzeige viele Mitglieder zur Sekte der Phansigars gehörten und deren räuberischen Streichen er die Entführung und die Vergiftung seiner Gattin zuschrieb, infolge deren ihr Verstand und ihr Gedächtnis zerstört sei. Der ehrliche Zorn General Wheelers, unterstützt durch den Eifer des Residenten, der jeden Verdacht von sich ablenkte, hatte die strengste Untersuchung gegen die in der Dschungel von Dscheddagoor an jenem Abend gefangenen Bheels eingeleitet, aber die Männer leugneten trotzig jede Wissenschaft an dem Raube der Irländerin wie an der Flucht des Prinzen von Lahore, und gingen mit der Gleichgültigkeit der Asiaten zum Tode, als man zur Satisfaktion des Maharadschah ohne weiteres eine Anzahl von ihnen zum Galgen verdammte. Das öffentliche Interesse an der Kranken, die sich auch in ihrem Glück nie der besonderen Teilnahme der hochmütigen englischen Damen erfreut hatte, war seitdem gänzlich geschwunden, und man begnügte sich um so leichter mit der Auskunft, daß sie noch immer leidend sei, als der Maharadschah bald darauf die bisherige Abgeschlossenheit aufgab und die frühere verschwenderische Gastfreundschaft wieder eröffnete.

Das heutige Fest galt der Anwesenheit eines wichtigen Mitgliedes des großen Rates von Indien, Sir Lytton Mallingham, der nach Cawnpur gekommen, um mit dem Maharadschah persönlich in einer wichtigen Angelegenheit zu unterhandeln, die dieser seitdem bei dem obersten Gerichtshof der Kompagnie anhängig gemacht. Es handelte sich um die durch wichtige Dokumente unterstützte Forderung auf Anerkennung seines Erbrechts an dem Nachlaß seines in England verstorbenen Verwandten Dyce Sombre. Der Gouverneur von Audh, Sir Thomas Lawrence, mit einem großen Teil der Offiziere der Garnison von Lucknow, General Wheeler und seine Familie und viele eingeborene Fürsten und angesehene Personen hatten der Einladung zu dem Feste Folge geleistet, das, neben der allgemeinen Lust, den Charakter diplomatischer Verhandlungen und Zwecke trug.

Sir Lytton Mallingham begleitete seine zweite Gemahlin, und in dem glänzenden Äußern, in dem stolzen hochmütigen Auftreten und der gänzlichen Beherrschung ihres Gemahls hätten wohl nur wenige die ehemalige demütige und intrigante Gesellschafterin der unglücklichen Lady Helene, das schlaue Werkzeug des Kabinetts der Tuilerien wiedererkannt. Sie, die sonst an den Augen, an den Launen ihres Gebieters zu hängen schien, galt jetzt als die Königin des Festes, die britischen Damen umgaben sie mit hundert Beweisen der Freundschaft und Zuvorkommenheit, und ältere und jüngere Offiziere huldigten ihrem Geiste und ihrer Schönheit.

Ein Kreis eleganter und schöner Frauen umgab sie, viele darunter später bekannt geworden durch ihr späteres entsetzliches Schicksal: Editha Highson, die Nichte, und Miß Julia Wheeler, die Tochter des Generals; die reizende Miß Soldie, Mistreß Dorin, die Gattin des Kommandierenden vom 10. Audher irregulären Infanterie-Regiment, Lady Inglis, bekannt durch ihr Tagebuch über die Belagerung Lucknows, Mistreß Bryson, Miß Palmer, die Tochter des Obersten vom 48. Regiment, die Oberstin Case und andere.

Unter den Männern, die diesen schönen Kreis edler Frauen in ernstem und heiterm Geplauder umstanden, befanden sich zahlreiche, deren blutiger Tod oder heldenmütige Thaten in der Verteidigung der Hauptstadt des Audh ihnen ein langes Gedächtnis in der Geschichte Indiens sichern sollte: Kapitän Hayes, Major Gall, Leutnant Grant, Cornet Raleigh, Farqueharson, der tapfere Longueville Clarke, die Kapitäne Orr, Folton, Farquson, Major Andersen, Kapitän Graydon, Weston, Sinclar, Francis, Ramsay und der Brigadier Inglis! Wie viele dieser Tapfern sollte der Tod unter die Ferse der Verachteten und Geschmähten werfen, ehe der Mond zweimal seine Sichel erneut.

Aber nicht das Abendland, das stolze und mächtige Britannien allein, hatte in die goldenen Säle des Maharadschah von Bithoor die Vertreter der Schönheit und Tapferkeit gesandt – auch das Heimatland Indien war darin vertreten.

Vor allem waren es zwei Frauen, die die allgemeine Aufmerksamkeit fesselten. Die eine war die Rani von Jhansi, imponierend durch die kühne stolze Schönheit, die sie auszeichnete, die andere die Begum von Audh, die Gattin des von der Kompagnie entthronten Monarchen, der in Kalkutta in einer Art von stiller Gefangenschaft gehalten wurde, obschon es hieß, daß er dort nur seine Pension verzehre.

Viel zu wenig hatten die Briten auf den Geist und die Energie der indischen Frauen gerechnet, in denen sie nur gewohnt waren, Geschöpfe noch untergeordnetern Ranges als die Männer dieses Landes zu sehen, beschäftigt nur mit Harems-Intriguen, mit Eitelkeit und Sinnenlust, und leicht zu beherrschen.

Das Beispiel der großen Begum von Somroo hätte sie eines andern belehren sollen. Wenn auch erzogen in jener traditionellen Abhängigkeit der orientalischen Weiber vom Mann, unterscheidet die Frauen Indiens doch vieles von der weiblichen Bevölkerung anderer Teile Asiens.

Zunächst erlaubt der Hinduglaube den Frauen an und für sich eine freiere Bewegung als in den Ländern, wo ausschließlich der Mohammedanismus regiert.

Sie bewegen sich frei auf den Straßen und im geselligen und Verkehrsleben mit Männern, zum Teil selbst ohne die äußere Verhüllung ihrer Reize.

Überdies empfangen sie durchgängig eine bessere Erziehung und höhere Bildung, als die Frauen der Türken und der Araber; die Frauen der höheren Stände sind meist der Feder mächtig, und das Lesen der Dichter und das Briefschreiben ist eine ihrer Hauptvergnügungen.

Der beste Beweis aber für die wichtigere und freiere Stellung der Frauen in Indien ist der Umstand, daß sie nach der uralten Sitte des Landes berechtigt sind zur Regierungsfolge. Nur selten tritt bei der Minderjährigkeit eines eingeborenen Thronerben eine männliche Vormundschaft ein, wenn die Witwe Mut und Kraft genug hat, die Zügel der Regierung zu übernehmen, und wo keine männlichen Erben vorhanden, erbt die Frau, die Mutter oder die Tochter die Gewalt, und das Heer stellt sie jubelnd an seine Spitze.

In der vertriebenen Königin von Lahore, der Rani von Jhansi, und der Begum von Audh sollten der britischen Herrschaft die gefährlichsten Gegner erwachsen.

Die letztere war eine Frau in höheren Jahren, vollbusig und stark, wie es die orientalischen Damen infolge des müßigen Lebens im spätern Alter zu werden pflegen, ihr fleischiges Gesicht zeigte jedoch den Ausdruck scharfen Verstandes und einer gewissen Schlauheit. Sie war mit großer Pracht gekleidet, doch weniger amazonenhaft als die schöne Rani von Jhansi, die zum Zeichen ihrer Würde als Gebieterin über tapfere Krieger einen goldenen, reich mit den kostbarsten Steinen besetzten Säbel an der Seite, und auf ihrem Turban einen hohen durch eine Brillantagraffe gehaltenen Strauß von Reiherfedern trug.

Um diese schöne und kühne Frau hatten sich die englischen Offiziere gesammelt, die damals jene unglückliche Tigerjagd an den Grenzen von Gwalior mitgemacht – nur Mowbray fehlte in ihrem Kreise; die Spitzaxt des Herrschers der Thugs hatte dem falschen Vertrauten der Lüste und tyrannischen Handlungen des Residenten ein Ende gemacht. Dieser selbst bewegte sich mit der frechen Sicherheit und dem Übermut der Macht in der Gesellschaft. Das Ausbleiben jeder Anklage des Nena, und der Bericht seiner Spione hatten ihm die Gewißheit gegeben, daß das unglückliche Opfer seiner Lüste in der That unfähig geworden, durch seine Aussage Verdacht gegen ihn zu erwecken. Freilich war es seinen sorgfältigsten Nachforschungen nicht gelungen, eine Spur des jungen Holländers aufzufinden, dessen Gestalt sich unerwartet so drohend vor ihm erhoben, aber er achtete zuletzt dieses Gespenstes der Vergangenheit nur wenig, da er sich nötigenfalls im Bewußtsein seiner Macht sicher fühlte, und der Maharadschah ihm mit dem größten Zutrauen und schmeichelnder Höflichkeit begegnete. In seiner insolenten gebieterischen Weise machte er der Gebieterin von Jhansi den Hof, deren stolze Schönheit seine Sinne gereizt, und auf deren Eroberung sein Ehrgeiz noch tiefere, weitergehende Pläne gebaut hatte. Nicht zum erstenmal in der Geschichte des ostindischen Reiches wäre es gewesen, daß ein Europäer die Witwe oder Tochter eines indischen Fürsten geheiratet und dadurch auf den Thron eines jener vielen kleinen Reiche erhoben worden, denen die Kompagnie unter dem Namen von Schutzstaaten einen Schein von Selbständigkeit gönnte.

Diese Pläne waren es auch, die Major Rivers bewogen hatten, vielen sonst gewiß nicht von der Kompagnie geduldeten Handlungen und Einrichtungen der Rani seinen Schutz zu gewähren, worin er an dem Einfluß Sir Robert Mallinghams auf die Regierungs-Angelegenheiten Unterstützung fand.

Die Bewerbungen des Residenten um die fürstliche Witwe waren in der letzten Zeit offener hervorgetreten und begannen die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Benehmen drückte die übermütige Gewißheit des Sieges aus und in seinem finstern Auge, während er neben dem Diwan stand, auf dem die schöne Frau lehnte, lag ein boshafter Triumph, als es den Offizier suchte, den sein Instinkt ihm als Rival bezeichnete.

An einen der Spiegelpfeiler in der Nähe gelehnt, halb von einem Boskett blühender und wohlriechender Blumen verborgen, stand Kapitän Delafosse im Gespräch mit Major Maldigri, dem Befehlshaber der Leibwache der schönen Fürstin von Jhansi.

Auf diese waren seine glühenden Blicke unverwandt gerichtet und nur unachtsam hörte er auf die Worte seines Gesellschafters. Eine tiefe, glühende Leidenschaft hatte sich seit jenem Tage, als er sich in die Flammen stürzte, dem Scheiterhaufen seine Beute zu entreißen und der Fremde ihm zuvor kam, seines Herzens bemächtigt. Vergeblich war er damals bemüht gewesen, sein Wort zu lösen und dem armen O'Sullivan ein Rächer, seiner unglücklichen Schwester ein Retter zu werden; der Dienst rief ihn zurück nach Lucknow, ehe es ihm gelungen war, irgend eine Spur der Vermißten und des an ihr verübten Verbrechens zu entdecken, aber er hatte mehrfach die Gelegenheit benutzt, mit dem angeblichen Sardinier in brieflichem Verkehr zu bleiben und das unter so seltsamen Umständen begonnene Freundschaftsbündnis zu unterhalten. Wiederholt war er von diesem eingeladen worden, Jhansi wieder zu besuchen, aber teils die ungünstige Jahreszeit, mehr noch der Dienst als Adjutant des General Lawrence hatte ihn gehindert, dieser Einladung Folge zu leisten.

Es war das erste Mal, daß er seitdem die Fürstin wieder sah, und jeder Blick, den er auf sie warf, steigerte die leidenschaftliche Bewunderung in seiner Brust.

Die Fürstin selbst, der Gegenstand aller dieser Pläne und Leidenschaften, zeigte stolze Ruhe. Nur einmal, als der Resident in seinen dreisten Andeutungen zu weit ging, traf ihn ihr stolzes Auge und wies ihn in die Schranken zurück, dann setzte sie, als wäre nichts geschehen, gleichgültig ihr Gespräch mit der Begum von Audh fort.

Außer den beiden Fürstinnen befanden sich noch verschiedene andere indische Frauen in der Gesellschaft, die Familien der reichen Wechsler und Kaufleute, mehr oder weniger verschleiert, scheu an dem Ende des Saales zusammengedrängt, das die indischen Gäste des Maharadschah eingenommen.

Dieser selbst, und zuweilen auch Major Maldigri schienen den Verkehr zwischen den Repräsentanten der beiden Völkerschaften, den Herrschern und den Beherrschten zu vermitteln. Maldigri hatte seine angebliche Verwandte, seine schlaue Bundesgenossin bei dem Auftrag, der ihm geworden, begrüßt und sie seiner neuen Gebieterin vorgestellt. Die Gewandtheit der Marquise hatte sich dabei in ihrem vollen Lichte gezeigt. Ohne der Würde ihres Gemahls und dem übermütigen Stolz, mit welchem die englischen Gebieter selbst die vornehmsten Eingeborenen behandeln, etwas zu vergeben, hatte sie es doch verstanden, der Fürstin auf besondere Weise zu schmeicheln, ihre Regierung, ihren männlichen Mut und ihre Schönheit öffentlich zu rühmen, während zugleich einige ihrer versteckten Anspielungen der Rani bewiesen, daß sie mit den Geheimnissen des bereits über das ganze Land verzweigten Bundes der Chupatties oder heiligen Kuchen wohl vertraut sei, und man auf ihren Beistand zählen könne.

Ein Tanz war soeben beendet, die Offiziere und Gentlemen führten ihre Damen zurück zu den Plätzen, und die Unterhaltung wogte aufs neue durch den Saal. Die Schar der in kostbarer Tracht gekleideten Dienerschaft des Maharadschah, zum Teil schwarze Sklaven, eilte, den Gästen kostbare Labung, den Sangarih, den eisgekühlten Scherbet, die zahllosen Konfitüren und köstlichen Früchte zu reichen.

Die großen Thüren und Fenster des prächtigen Saales waren zum Teil geöffnet und gestatteten der warmen Luft und den balsamischen Düften des Gartens freien Eingang. Der Garten selbst strahlte im Feuerschein unzähliger bunter Lampen und chinesischer Ballons, die Strahlen der Springbrunnen blitzten wie bunte Diamanten, und ein zweites Orchester, unter den Bosketts versteckt, wechselte in süßen Harmoniken mit den lustigen Klängen der Musik, die aus dem Saale niederrauschte. Lustwandelnde Gruppen erfüllten die Verandas, stiegen die breiten Marmortreppen auf und nieder und bewegten sich durch die lange Reihe der prächtigen Gemächer.

In dem letzten derselben, in einem der beiden Flügel, die das offene Viereck des Gartens begrenzten und sich nach dem Bungalow erstreckten, das die gewöhnliche Wohnung des Maharadschah bildete, füllte die Hinterwand eine um mehrere Stufen erhöhte, mit kostbaren Vorhängen verschlossene Bühne, auf der bei den Festen des Maharadschah gewöhnlich chinesische Schauspieler oder Bayaderen in den Pausen des Tanzes Vorstellungen gaben. Die Einrichtung der Bühne ließ glauben, daß auch diesmal ähnliche Unterhaltungen der Gäste vorbereitet waren, aber der Vorhang war mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt geschlossen und zwei schwarze Diener, auf beiden Seiten aufgestellt, wiesen die Schaulust der Neugierigen zurück.

Wie in den Räumen, die seinen vornehmen Gästen gewidmet waren, zeigte sich die verschwenderische Gastfreundschaft des Nena auch in der Umgebung des Palastes und auf den von der Dienerschaft der Fremden und der herbeiströmenden Bevölkerung eingenommenen Plätzen in vollem Glanz. Große Feuer brannten vor der Front des Palastes auf der Landseite, Feuerbecken mit wohlriechendem Harz sandten Wolken duftigen Rauches aus; in dem offenen Parterre des prächtigen Gebäudes drängte sich die Schar der Diener, die Seyces, Pferdeknechte und Palankinträger, und auf den langen Tafeln waren Lebensmittel und Getränke aller Art für Europäer, Hindus und Mohammedaner aufgestellt, damit jeder nach den Bräuchen seines Glaubens und den Bestimmungen seiner Kaste davon Gebrauch machen möge. Besonders aufgestellte Diener verteilten fortwährend Gaben an die Bettler und Arme, damit sie die Freigebigkeit des Maharadschah preisen und für sein Glück beten möchten.

Gaukler und Tänzer hatten an verschiedenen Stellen ihre wandernde Schaubühne aufgeschlagen und belustigten mit ihren Künsten die Menge, ja selbst die vornehmen Gäste auf der äußeren Veranda des Palastes; Märchenerzähler hatten Kreise gläubiger Zuhörer um sich gesammelt und wandernde Sänger deklamierten die Verse des Hafiz oder die tausend Wunder der Kadambari.

Während so alles umher Leben, Lust und Freude war und dem Vergnügen huldigte, schritt der Gebieter aller dieser Herrlichkeiten durch die glänzenden Räume, bald hier und dort seine Gäste anredend und für ihr Vergnügen sorgend.

Der Nena trug, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, die indische Tracht und sein Anzug strahlte von Diamanten und Juwelen, deren Besitz den Neid und den Wunsch mancher stolzen europäischen Schönheit erregte. Seine Stirn war glatt, sein Auge heiter und aufmerksam, selbst der schärfste Beobachter hätte in diesem blassen Gesicht nicht die geringste Spur der Leiden und furchtbaren Leidenschaften gefunden, die sein Inneres zerfleischten.

Hier sprach der Fürst Offiziere an, von seinem Lieblingsthema, dem Sport, mit ihnen plaudernd oder eine Jagdpartie verabredend – dort überreichte er mit der vollendeten Galanterie eines Kavaliers einer Dame die duftende Rose, die er soeben von ihrem Zweige gebrochen. Aber immer waren es die europäischen Gäste, denen er fast ausschließlich, bis zum unbedeutendsten Fähnrich herab, seine Aufmerksamkeit widmete, und für welche er die größte Sympathie zeigte. Nur wenn einer oder der andere der Europäer selbst einen Hindu oder eine hindostanische Dame ins Gespräch zog, oder wo das unbedingt seine Pflicht als Wirt erforderte, beschäftigte er sich sichtbarer mit seinen Landsleuten. Vor allem waren es der Baronet und die beiden Residenten von Lucknow und Cawnpur, denen er seine Aufmerksamkeit und seine Zeit zu widmen bemüht war.

In diesem Augenblick nahte eben wieder der Nena der Gruppe der hohen Offiziere und Beamten, die an einer Thür der äußeren Veranda in der Nähe der Lady Mallingham stand. Der Baronet hatte soeben seiner Gemahlin einen Herrn vorgestellt, dessen Kleidung zeigte, daß er der englischen Geistlichkeit angehöre.

»Euer Hochwürden,« sagte der Rat, »haben mir eine große Freude gemacht, daß Sie, der notwendigen Ermüdung der Reise Trotz bietend, noch diesen Abend mich ausgesucht haben. Die Nachrichten von Kalkutta müssen jetzt stets von hoher Wichtigkeit für uns alle sein; denn wenn ich auch keineswegs die Besorgnisse einiger ängstlichen Gemüter hege, daß die Spuren von thörichter Unzufriedenheit und religiösem Eigensinn, die sich unter einigen Sepoy-Regimentern gezeigt und sogar Verbrechen erzeugt haben, von Bedeutung werden könnten, so wird es doch immer beruhigend sein, zu erfahren, daß die Regierung energische Maßregeln zur Unterdrückung solcher Symptome ergriffen hat.«

»Wann haben Euer Hochwürden Kalkutta verlassen?« fragte die Dame.

»Am achten, Mylady. Da ich allein reise, machte ich den Weg ziemlich schnell und ohne Aufenthalt bis Allahabad, bis wohin mich das Dampfschiff brachte. Ich hoffe in fünf bis sechs Lagen in Delhi bei den Meinen einzutreffen, denn ich muß gestehen, ich teile die Ansicht Ihres Herrn Gemahls über die Bedeutungslosigkeit der letzten Vorgänge nicht ganz.«

»Sind neuere, wichtigere Ereignisse in Kalkutta bekannt, Sir?«

Der Fragende war der General Sir Henry Lawrence, der Gouverneur von Audh. Der General war ein Mann nahe an Sechzig, von hoher Gestalt. Sein lockiges, blondes Haar, stark mit Grau gemischt, hing achtlos um die knochige Stirn, das Gesicht war hager, Mund und Kinn durch einen dick und lang herabfallenden Schnauz- und Knebelbart bedeckt. Die tief in den Höhlen liegenden Augen schienen auf den ersten Anblick einen finsteren, strengen Ausdruck zu haben, bei näherer Betrachtung aber ergab es sich, daß dieser Ausdruck mehr der einer gewissen Melancholie und Schwermut war.

»In Barakpur und Burampur haben aufs neue zwei Sepoy-Regimenter den Gehorsam verweigert,« berichtete der Geistliche, »unter Wiederholung des Vorgebens, daß die Patronen für die neu eingeführte Endfieldbüchse mit Rinder- und Schweinefett bestrichen worden. Man hat vergeblich den Soldaten erklärt, daß sie sich im Irrtum befinden und daß die Patronen nur in eine Komposition von Öl und Wachs getaucht waren; es ist eine traurige Erfahrung, Excellenz daß die Unwissenden und Ungebildeten, wenn sie einmal sich dem Verdacht hingegeben, schwer davon abzubringen sind. Überdies fürchte ich, man hat sich kaum die Mühe gegeben, ihnen Beweise zu liefern, die sie von ihrem Irrtum überzeugen konnten. Man hat ihnen befohlen, zu glauben, und – mit einem Befehl schafft man den Glauben nicht um.«

»Aber was hat man mit den Widerspenstigen gethan?« fragte General Lawrence.

»Zwei Regimenter sind gänzlich aufgelöst, die Sepoys in ihre Heimat zurückgeschickt worden, das Schlimmste, was diesen Menschen geschehen kann.«

»Das ist eine Maßregel, die ich nicht billigen mag,« sagte heftig der Gouverneur von Cawnpur. »Mit solchen Schritten verbreitet man nur eine Schar unzufriedener Müßiggänger in den Provinzen, die entwöhnt sind, sich ihren Unterhalt auf andere Weise zu erwerben und zum Vagabondieren und zur Wegelagerer greifen. Goddam! Wir haben solchen Gesindels bereits genug in diesem Lande. Wir haben hier ähnliche Vorgänge gehabt, aber –«

»General Wheeler hat es verstanden, durch rechtzeitige Strenge die thörichten Beschwerden zu unterdrücken und die Sicherheit des Landes aufrecht zu erhalten,« unterbrach eine fremde Stimme die Rede. Der Maharadschah hatte sich der Gruppe unbemerkt genähert und begleitete seine Worte mit einer höflichen Verbeugung gegen den General.

»Sie haben recht, Hoheit,« entgegnete dieser. »Strenge beizeiten hindert oft argen Schaden nachher. Wir können darin von unserem großen Feinde Napoleon lernen, der bei den ersten Zeichen eines Aufstandes in Paris mit Kartätschen feuern ließ und seinem Bruder Joseph auf die Besorgnis, daß hundert Menschen das Opfer sein könnten, erwiderte: er rette tausenden damit das Leben!«

»So haben sich auch hier Spuren der Aufregung unter den Sepoys gezeigt?« fragte eifrig der Geistliche.

»Die Gebräuche dieser Narren sind so hundertfach verklausuliert, jede Kaste hat ihre eigenen Sitten und Rechte, daß man mit dem besten Willen dagegen bei jedem Tritt anstößt. Doktor Bryce, unser lustiger Arzt vom Einundsiebzigsten, den Sie dort bemüht sehen, die Witwe eines reichen Babu zu überreden, mit ihm eine Polka zu versuchen, hatte die von ihm selbst verschriebene Medizin eines kranken Brahmanensoldaten gekostet. Der Narr starb lieber, als daß er den durch die Christenlippen verunreinigten Heiltrank genommen, und seine Kameraden erhoben ein großes Geschrei deshalb.«

»Und was thaten Euer Excellenz?«

»Ich ließ den Hauptschreier, einen gewissen Mungul Pandy, im Bungalow-Lager aufhängen, den Burschen zur Warnung,« entgegnete der alte Offizier heftig, »und gewiß, ich that recht, denn die Subordination muß aufrecht erhalten werden, möge man sonst so human über die Indier denken, wie möglich.«

Die Erwähnung des harten Urteils verursachte eine augenblickliche Stille, die erst durch die Stimme des Maharadschah unterbrochen wurde. Es klang ein leichter Spott hindurch, als er antwortete: »Euer Excellenz haben ganz das rechte Mittel gewählt; bei Halbbarbaren, wie meine Landsleute noch sind, kann nur die Gewalt, der Strick oder die Kugel Gehorsam erzwingen. Für die Treue der Sepoys von Cawnpur und Bithoor stehe ich deshalb ein. Indes hätten Euer Excellenz meiner Ansicht nach noch einen Schritt weiter gehen sollen; dieser Mungul Pandy hat einen Bruder – warum hat man ihn nicht gleichfalls gehängt?«

»Aber er hatte nichts verbrochen, soviel ich weiß.«

»Was thut das? Dasselbe böse Blut fließt auch in seinen Adern. Doch darf ich Euer Excellenz bitten, mich dem Sahib Padre vorzustellen?«

»Verzeihen Sie, Hoheit, daß ich es versäumt,« sagte der General, etwas betroffen über den versteckten Vorwurf, den er erhalten. »Erlauben Sie mir, Sie unserm gastfreundlichen Wirt vorzustellen, Sir. Seine Hochwürden der Dechant von Delhi, Master Richard Hunter, auf der Rückreise von Kalkutta begriffen, ist uns hierher gefolgt, um uns Nachrichten aus der Hauptstadt zu bringen.«

Der Nena begrüßte den Gast mit der ausgesuchtesten Höflichkeit.

»Der Ruf der Frömmigkeit des ehrwürdigen Herrn,« sagte er, »ist selbst bei uns armen Heiden verbreitet, gleich dem der Milde und Menschenfreundlichkeit seiner edlen Gemahlin. Darf ich fragen, ob Mylady Sie begleitet?«

»Meine Gattin,« entgegnete der Dechant, »ist in Delhi zurückgeblieben, ich wollte sie den Anstrengungen der weiten Reise nicht aussetzen, da ihre Gesundheit leidend ist. Entschuldigen Sie, Hoheit, daß ich, auf den Ruf Ihrer Gastfreundschaft vertrauend, die Wunder des Palastes von Bithoor mit eigenen Augen schauen wollte und meinen Landsleuten hierher gefolgt bin, da ich hier alte Freunde zu begrüßen hatte. Ich sehe, man hat mir nicht zu viel gesagt, und alles, was dies gesegnete Land an Edlem und Glänzendem aufzuweisen hat, scheint hier vereinigt.«

»Wenn mir recht ist, hochwürdiger Herr,« sprach der General, »genoß ja auch Leutnant Sanders, mein Adjutant, gleich meinem Neffen Pond, zum Teil das Glück Ihrer Erziehung und Ihrer Begleitung aus dem Mutterlande?«

»Der Wunsch, ihn wiederzusehen, ist mit eine der Ursachen, die mich die Gastfreundschaft des Fürsten in Anspruch nehmen ließen. Wir haben Gefahren zusammen bestanden, und ich habe mit Freuden gehört, daß er einer noch schlimmeren glücklich entgangen ist, nachdem man ihn schon verloren gegeben, und sogar das Glück gehabt hat, Euer Excellenz Familie einen Dienst zu leisten.«

»Ganz recht! Sie meinen das geheimnisvolle Abenteuer mit den Thugs. Nun, der junge Herr hat sich den Dank bereits selbst genommen. Alfred,« rief er seinem vorübergehenden Sohn zu, »suche Leutnant Sanders und bringe ihn mit Editha hierher, ein lieber Freund erwartet ihn. Wenn sich, ehrwürdiger Herr, in den Depeschen des General-Gouverneurs, die Sie uns mitgebracht, vielleicht die Ernennung Ihres Zöglings zum Kapitän, die wir erwarten, finden sollte, können Sie gleich bei uns bleiben, um die Trauung des Paares zu vollziehen.«

»Wie, Sir, Leutnant Sanders und –«

»Wir feiern heute, wie Sie sehen, auf sehr glänzende Weise seine Verlobung mit Miß Highson, meiner Nichte.«

»Ich vermag Sanders nicht zu finden, Vater,« berichtete der junge Wheeler. »Das Gedränge ist zu groß.«

»So will ich Sie unterdes unserem Wirt übergeben, damit er Sie mit den indischen Notabilitäten unseres Kreises bekannt mache. Die Begum von Audh und die kecke Amazone von Jhansi sind Personen, die Sie vielleicht interessieren werden.«

Der Maharadschah verstand den Wink, daß die Generäle ihre Unterhaltung mit dem Rat fortzusetzen wünschten und führte den Dechant nach dem anderen Ende des Saales, um ihn den Fürstinnen vorzustellen.

Während dessen hatte sich in dem Gewühl der Gäste unbemerkt eine Scene ereignet, die Schuld war, daß der Sohn des Generals weder seine Cousine noch den Verlobten fand.

Editha war am Arm des Geliebten nach dem Tanz im Saal eine der breiten Marmortreppen hinunter nach dem Garten promeniert, um die köstliche Kühle der frischen Luft zu genießen.

Allein unter den Hunderten mit sich und seinem Glück, wandelte das junge Paar durch die duftenden Bosketts, zwischen den Girandolen bunter Lampen und Becken wohlriechenden Feuers, und suchte die möglichste Einsamkeit, um den freundlichen Scherzen der Freunde und Freundinnen zu entgehen.

»Teures Mädchen,« sagte der junge Mann, den Arm der Geliebten an sein Herz drückend, »wie glücklich macht mich dieser Tag, der mir Ihren Besitz sichert. Wer von uns beiden hätte geglaubt und gehofft, damals in jenen schrecklichen Stunden, die uns zuerst einander nahe gebracht, daß uns noch sonnige Tage des Glückes kommen, daß jener Kerker voll Mord und Schrecken den Himmel der Liebe uns öffnen würde.«

Sie waren im Gespräch an die Myrtenwand gekommen, hinter welcher das eherne Gitter den einsamen und dunklen Garten des Bungalow von dem glänzend erleuchteten Park des Palastes schied. Fast unwillkürlich von dem Wunsche getrieben, der rauschenden Festlichkeit zu entfliehen, legte sich die Hand des Offiziers auf den Griff des Schlosses – die Thür gab nach und öffnete den Eingang in die einsamen Alleen und Bosketts des Gartens.

»Der Zufall ist uns günstig, Editha,« fuhr der junge Mann fort, »lassen Sie uns einige Augenblicke dem Geräusch dieses Festes entfliehen und uns selbst und unserm Glück leben. Kommen Sie unbesorgt, der Nena ist unser Freund, und wir begehen keine Indiskretion.«

Er zog sie mit sich fort und einige Augenblicke wandelten sie schweigend Hand in Hand durch die Gänge, bis das leise Plätschern der Fontäne sie anzog und sie sich auf eine Rasenbank im Schatten duftiger Jasminbüsche niederließen, während das Geräusch des Festes, durch die Entfernung gemildert, zu ihnen herüberdrang.

Ihre Hand drückte leise die seine – so saßen sie, ohne bemerkt zu haben, daß eine andere Gestalt ihre Einsamkeit teilte, ein Mann in der Tracht eines indischen Babu, der schon lange ihrem Wege gefolgt und hinter ihnen durch die Thür in den Garten des Bungalow eingetreten war.

In den weiten indischen Mantel gehüllt, stand der Fremde hinter dem Stamm einer alten Cypresse verborgen, und jedes Wort der Liebenden drang zu seinem Ohr und wie ein Dolchstoß in sein redliches, trauerndes Herz.

»Ich weiß es nicht, woher es kommt,« sagte die junge Dame, »ich sollte froh und glücklich sein, und dennoch lastet es wie eine drohende Wolke auf meinem Herzen. Ist es das bangende Gefühl, daß alles Glück des Menschen auf Erden doch nur vergänglich, ist es die Ahnung eines neuen drohenden Unheils? – ich weiß es nicht! Aber ich habe, seit ich in diesem Lande bin, noch nie eine recht frohe Stunde gehabt. Ein unerklärbares Gefühl flößt mir Angst ein vor den Bewohnern dieses Landes. Ich war gewohnt, unter freien Menschen zu leben, nicht unter Sklaven und ihren Gebietern. Es liegt etwas Furchtbares in diesen Verhältnissen, die mir vorkommen, wie der üppig grünende Boden eines Vulkans, den das unterirdische Feuer in jedem Augenblick zerreißen kann.«

»Was kümmern uns diese Verhältnisse, teure Editha,« rief der junge Mann. »Ihr Geist, noch befangen von den schrecklichen Scenen, die Sie erlebt, wird durch die Nachricht von einigen zufälligen Unruhen, wie sie alle Augenblicke unter diesem Gesindel vorkommen, aufs neue geängstigt. Verbannen Sie jede Furcht, keine Gefahr bedroht uns mehr, nur glückliche, sonnige Tage liegen vor uns. Was kümmern Sie und mich die Verhältnisse dieses Landes? Wir haben sie nicht gemacht und müssen sie nehmen, wie sie sind. Meine Liebe wird Ihnen in der neuen Heimat das Haus bauen und Sie alles andere vergessen machen.«

Ihre sanften blauen Augen wandten sich fragend auf ihn. »Und ist diese Liebe auch wirklich so groß und ausschließend? Hat nicht bloß die Gefahr und der ritterliche Mut, der Sie antrieb, die Verlassene, ohne Sie Verlorene zu schützen, Ihr Herz für Editha geöffnet? Wird dasselbe ganz und gar für alle Zeit von Editha gefüllt sein, die dem Mann ihrer Wahl nicht leidenschaftliche Glut, sondern nur treue Neigung und Dankbarkeit entgegenbringen kann?«

»Zweifeln Sie in dieser Stunde? – nach allem noch, was geschehen?«

»Eben in dieser Stunde noch möchte ich offen mit Ihnen sprechen, Stuart, über eines, das schon lange schwer auf meiner Seele liegt. So schlicht und einfach dies Herz ist, verlangt es doch in der Liebe ein ungeteiltes. Erinnern Sie sich jener Erscheinung am Ufer des Ganges an dem Fest der Lichter, das die Hindufrauen begingen?«

Der Offizier schwieg. »Ich erinnere mich,« sagte er endlich leise, »ein zufälliges Ereignis, das Sie beunruhigte …«

Edithas Hand lag auf der seinen. »Nein, Stuart, lassen Sie uns wahr und aufrichtig gegeneinander sein. Ich habe jenes Ereignis nie gegen Sie erwähnt, aber die Frau, die unser Spiel unterbrach – Sie kannten sie …«

Er wich ihrem Blick aus und wandte das Gesicht ab.

»Kein Geheimnis darf zwischen uns sein, Stuart – sagen Sie es mir, jene Hindufrau war …«

»Anarkalli!«

»Anarkalli – die Tänzerin, die Furchtbare! Ich ahnte es! Sie sind stets der Erwähnung dieses Namens ausgewichen, wie schwer er auch schon in unser Leben eingegriffen hat. Stuart, um unseres künftigen Glückes willen – sagen Sie mir alles! Sie liebten diese Frau, Sie kennen sie noch, und die Furchtbare, die mir Grauen einflößt, obgleich sie auch mein Leben retten half – hat vielleicht heilige und ernste Rechte auf Sie?«

»Nimmermehr! Ich will Ihr keusches Ohr nicht beleidigen, Editha, mit dem, was jenes Weib ist! Wie können Sie meine Liebe zu Ihnen mit solchen Verbindungen vergleichen, die der Leichtsinn der Männer unter diesem heißen Himmel für kurze Zeit mit einer indischen Phryne schließen mag? Jenes Weib ist meinem Herzen nichts und nie werde ich sie wieder sehen.«

»Aber Sie folgten ihr. Sie vertrauten ihrem Schutz, ihrer Hilfe das eigene Leben!«

»Es war der einzige Weg, ihren Beistand auch Ihnen zu sichern, Editha!«

»Und kein Versprechen, keine Verpflichtung bindet Sie noch an die Furchtbare? Als Ihre Verlobte habe ich das Recht, danach zu fragen.«

»Was denken Sie von mir, Editha? Jenes Weib hat nie Anteil an meinem Herzen gehabt und ihr Gewerbe ist zu verächtlich, um Ihnen auch nur einen Gedanken der Sorge zu machen. Mögen wir nie wieder von ihr hören. Ihnen allein, Editha gehört meine Liebe und hat sie vom ersten Augenblick an gehört, da mich das Schicksal in Ihre Nähe führte!«

»Meineidiger Faringi! Lügner mit der gespaltenen Zunge und dem schwarzen Herzen voll Undank und Trug!« unterbrach eine tiefe zürnende Stimme seine Beteuerungen, und wie aus der Erde erstanden, erhob sich eine dunkle Gestalt vor ihnen. Sie warf den Feredschi zurück und das Halbdunkel der Sommernacht zeigte den phantastischen Anzug und die leidenschaftlich erregten Züge, die flammenden Augen Anarkallis, der Bayadere.

Mit einem Schrei des Entsetzens faßte die Engländerin den Arm ihres Begleiters und drängte sich an ihn, aber sie fühlte, daß sein eigener Körper erbebte, und als ihr Auge sich von der gefürchteten Fremden auf den Mann ihrer jungfräulichen Liebe wandte, sah sie, daß sein Gesicht bleich, sein Auge unstät war.

Die Tänzerin lachte grell auf. »Die Bhawani sendet die Pfeile ihrer Rache in die Brust des Hindumädchens, das die Opfer ihrem Altar entzogen. Fluch meiner Thorheit, die glauben konnte, in dem Herzen eines weißen Mannes wohne die Dankbarkeit! Bleiches Mädchen mit den Haaren von rotem Gold, Du fragst, ob Anarkalli ein Recht hat auf diesen Mann? Sieh' in sein Antlitz, das sich von Scham erfüllt zu Boden wendet vor der, die ihm mehr als ihr Leben geopfert, tausendmal mehr, als Du ihm geben konntest, denn sie gab ihm ihre Seele und lud den Fluch ihrer Götter auf sich zu ewigem Verderben!«

»Fort von mir, Freche!« rief der Offizier sich ermannend, »ich will nichts zu thun haben mit der Genossin blutiger Thugs! Deine Höllenkünste hatten meine Sinne bestrickt, aber Du selbst zerrissest jedes Band, indem Du mich in die Hände der Mörder liefertest.«

»Und wer hat Dich wieder aus ihnen befreit?« fragte die Bayadere, sich stolz emporrichtend. »Wer setzte sein Leben ein für Deine Rettung? Hast Du vergessen, was Du gelobt, damit ich jene dort retten möge? Hat Deine Seele keine Erinnerung mehr für die neuen Schwüre, die Du dem armen Hindumädchen geleistet, als nichts um uns war, denn die Tiefen der Erde? Als sie den Tau des Himmels für Dich, den Verschmachtenden, sammelte und mit ihrem Leibe Dich schützte vor den Kugeln ihrer Feinde? Dreimal rettete ich Dein Leben, und wo Deine Seele, undankbarer Christ, es nicht ahnte, stand Anarkalli zwischen Dir und dem Tode. Wagst Du zu leugnen, daß Du geschworen, diese hier zu meiden und mir, mir allein zu gehören?«

Der Offizier schaute finster vor sich hin, ohne zu antworten.

»Was hat sie gethan, das sich mit Anarkallis Liebe messen könnte? Ist meine Farbe auch die der heißen Sonne, mein Herz ist rot wie das des stolzesten Christenmädchens, und in meinen Adern fließt das Blut der alten Fürsten dieses Landes. Treuloser Faringi, ich warne Dich! Die Hand der Bhawani ist über Dir, und Anarkalli allein vermag Dich zu retten. Gieb es auf, das blasse Weib, und fliehe mit der, die Dich mehr liebt, als ihr Dasein, und der Du gehörst für jetzt und immer!«

Sie hatte seinen Arm ergriffen und wollte ihn fortziehen.

Er suchte sich mit Gewalt von ihr zu befreien. »Fort von mir, unverschämte Dirne! Deine Frechheit hebt jeden Dank auf, den ich Dir schulde! Wage es nie wieder, mir und dieser Dame nahe zu treten!«

»So soll die Schlange, die ich um Deinetwillen gerettet, schändlicher Christ, auch das erste Opfer meiner Rache sein!« schrie die Bayadere, und ein Dolch funkelte in ihrer Hand, als sie sich auf die halb ohnmächtige Jungfrau stürzte.

Die That geschah so rasch, der Angriff des wütenden Weibes war so heftig, daß der Offizier schwerlich seine Verlobte zu retten vermocht hätte. Aber ein anderes Auge, eine andere Hand wachte über ihr. Mit der Schnelle des Blitzes hatte der fremde Mann in Hindukleidung, der dem Paar aus dem Gewühl in die Einsamkeit gefolgt, sich zwischen die Engländerin und die Bayadere geworfen und den Arm der letzteren mit kräftiger Faust gefaßt. Von ihrem gewaltigen Druck fiel die drohende Waffe klirrend zu Boden und ein kräftiger Stoß schleuderte die Bayadere zurück.

»Wahnsinnige! Gott der Allmächtige, der diese Schuldlose aus den finsteren Tiefen der Würger-Kerker gerettet, wird sie auch ferner schützen! Entferne Dich, Unglückliche, oder ich rufe um Hilfe!«

»Wahnsinniger Du selbst!« zürnte die Tänzerin in hindostanischer Sprache. »Was entziehst Du die Falsche meiner Rache, während der Engel der Vernichtung bereits über ihnen allen schwebt? Ich sage Dir, ihr, die Du beschützest, statt Dich selber wie ein Mann an ihrem Undank zu rächen, wäre besser gewesen, mein Dolch hätte ihr Herz durchbohrt, statt des Schicksals, das sie in den Klauen des Tigers erwartet!«

Sie wandte sich noch einmal zu dem Paare und schüttelte drohend die Hand gegen dieses. »Verfluchte, die Ihr seid!« rief sie auf Englisch, »ehe Surya sein Angesicht schaut in dem Spiegel des heiligen Flusses, wird meine Rache dennoch gesättigt sein. Denkt an Anarkalli, die Betrogene, wenn der schwarze Jammer über Euch ist!«

Sie war in den Gebüschen verschwunden, der Offizier aber, der die ohnmächtige Braut in seinen Armen hielt, rief: »Wer Sie auch sein mögen, Sir – und Ihre Stimme scheint mir die eines Freundes – nehmen Sie meinen Dank für die Rettung des Teuersten, was ich besitze, und stehen Sie mir bei, meine Braut von hier zu entfernen!«

Ohne auf ihn zu achten, hatte der Fremde bereits seine Hilfeleistungen begonnen. Er hatte die Ohnmächtige zurück auf die Rasenbank gelehnt und Wasser aus dem Springbrunnen geholt, mit dem er ihre Schläfe benetzte.

Die junge Dame atmete schwer, dann schlug sie die Augen auf und blickte verstört umher.

»Was ist geschehen mit mir? wo ist die Entsetzliche, die mich ermorden will? O mein armes Herz, was habe ich hören müssen!«

»Beruhigen Sie sich, teure Editha,« bat der Offizier. »Sie sind bei Freunden, die Sie schützen.«

Sie stieß seine Hand zurück. »Lassen Sie mich, Sir, wir haben nichts mehr gemein miteinander! Sie gehören einer anderen, die Sie nimmer frei geben wird!«

»Beste Editha, kommen Sie zu sich! Sie werden anders denken über das, was geschehen, wenn Sie sich erst beruhigt. Lassen Sie mich Sie zu den Ihren geleiten!«

Er versuchte, sie emporzurichten und bot ihr den Arm. Aber wiederum stieß sie ihn zurück und stand jetzt aufgerichtet, und ihr Auge, als es forschend auf den Fremden fiel, zeigte Ruhe und Fassung.

»Sie sind es, Sir, der mich vor dem Dolch jener Rasenden schützte. Wer sind Sie?«

Er nahm den falschen Bart, den er um Lippen und Wangen trug, ab: »Ihr Freund, Miß!«

»Doktor Clifford?«

Der Ruf freudigen Erstaunens tönte zugleich von beider Lippen.

Walding – oder Clifford – reichte stumm der Lady und dem Offizier die Hand.

»Aber wo kommen Sie her, mein Freund und Retter, in dieser Verkleidung?« fragte der Leutnant. »Seit Sie nach jener unangenehmen Untersuchung über die Flucht des Sikh-Prinzen Cawnpur verließen, haben wir nichts wieder von Ihnen gehört.«

»Doch glauben Sie deshalb nicht,« sprach die Jungfrau, indem auch sie seine Hand erfaßte, »daß wir Sie vergessen. Editha Highson wird stets ihres Retters mit Dank gedenken. Sie hatten recht, als Sie sich einen Freund nannten; denn nie hat die arme kanadische Waise einen edleren und aufopfernden gekannt!«

»Und stellen Sie Stuart Sanders in die zweite Reihe?« fragte der Offizier gekränkt, »rechnen Sie die Liebe des Mannes, dessen Gefühle Sie geteilt, dem Sie sich freiwillig verlobt, für geringer?«

Der Arzt fühlte die Hand des Mädchens, ihren ganzen Körper erbeben. Sie brach in Thränen aus und lehnte sich weinend an die Schulter des älteren Mannes.

»Ein unglückliches Zusammentreffen hat Sie erschüttert,« sagte er mit mildem Trost, obschon sein eignes Herz dessen bedürftig war, »der leidenschaftliche Zorn dieser Frau hat Sie verletzt; Sie werden ruhiger denken über das, was Sie gehört und vergeben, wenn – Sie Zeit dazu behalten!« setzte er flüsternd hinzu. »Um Ihrer selbst willen, geben Sie mir Gelegenheit, Sie allein zu sprechen.«

Das Mädchen hatte sich zu fassen gesucht und die warmen Thränen getrocknet, die sie der verlorenen Ruhe ihres Herzens geweint.

»Gehen Sie, Sir,« sagte sie zu dem Verlobten, »und lassen Sie mich allein unter dem Schutz dieses Freundes. Ich kann und mag in diesem Augenblick nicht zu den Heiteren und Glücklichen zurückkehren und kann ebensowenig über das mit Ihnen reden, was mir das Herz zerrissen. Gehen Sie und vermeiden Sie, daß man mich sucht, denn ich bedarf einige Augenblicke der Einsamkeit, um mich zu fassen.«

»Aber kann ich Sie nach dem, was soeben geschehen, hier allein lassen. So hoch ich Doktor Clifford ehre …«

»Ich schwöre Ihnen,« unterbrach ihn dieser, »Miß Highson wird hier unter meinem Schutz sicherer sein, als in jenem glänzenden Saal unter den Augen und dem Schutz von hundert Ihrer Waffenbrüder.«

»Wenn Edithas Bitte Ihnen noch als Befehl gilt – ich will es! Gehen Sie! Doktor Clifford wird mich in jenen Garten zurückgeleiten.«

Der Offizier verbeugte sich und entfernte sich, ohne noch ein Wort zu seiner Entschuldigung zu sagen.

Als sie allein waren, faßte das Mädchen beide Hände des Arztes, brach aufs neue in lautes Schluchzen aus und lehnte ihr schönes Haupt an seine Brust.

»O Sie, mein bester, mein uneigennützigster Freund! Sie, der Sie die arme Unbekannte mit Gefahr Ihres Lebens den Händen der Mörder entrissen und mit der Zartheit einer Mutter für sie sorgten – raten Sie mir, denn mein Herz ist schwer gebeugt von dem, was es hören mußte. Nicht der Dolch jenes dämonischen Weibes bedrohte Edithas Glück, sondern das, was sie hören mußte aus jenem Munde.«

»Aber sie ist nichts als eine öffentliche Tänzerin, ein Weib, der Schmach und Verachtung preisgegeben, ein armes Hindumädchen?«

»Und wäre sie niedriger, als der niedrigste Paria, sie ist ein Weib, das ihn liebt, das ein Recht auf ihn hat, nicht durch die Gefahren, denen sie sich um seinetwillen ausgesetzt, sondern durch den Schwur der Liebe und Treue, den er ihr geleistet. Darf das Wort eines Mannes von der Zufälligkeit abhängen, ob Gott seine Geschöpfe unter einer heißern Sonne geboren werden ließ?«

Er drückte sie, im Innersten bewegt, leise an sich. »Sie sind ein edles Mädchen, Editha,« sagte er, »und glauben Sie mir, jenes glühende, leidenschaftliche Wesen ist mehr zu beklagen, als zu verachten. Lassen Sie uns hier niedersetzen, Miß Highson; ich habe Ihnen wichtiges zu sagen und – jeder Augenblick Verzug vermehrt die Gefahr.«

Sie folgte ihm erstaunt zu der Rasenbank zurück und ließ sich an seiner Seite nieder; noch immer hielt er ihre Hand in der seinen.

»Wie Sie sehen,« sagte der Deutsche, »habe ich dieses Land nicht verlassen. Ich weiß, daß ich Ihrem Einfluß, Ihren Bitten und Ihrem Dank für die geringe Hilfe, die ich einst Ihnen zu leisten imstande war, die Niederschlagung der Untersuchung gegen mich und die baldige Entlassung aus der Haft verdanke, die der Verdacht der Teilnahme an der Flucht des Lahore-Prinzen mir zugezogen. Dieser Verdacht, Miß, war nicht grundlos; die Flucht des Jünglings geschah mit meiner Hilfe, und ich freue mich meines Anteils daran, denn, Miß, es geschieht viel in diesem unglücklichen Reiche von Ihren Landsleuten, was die strafende Hand Gottes und die furchtbare Rache der Unterdrückten auf sie hernieder rufen muß. Aber wenn ich auch Cawnpur verlassen mußte, ich habe mich viel und lebhaft mit Ihnen, Editha, beschäftigt und mit – mit Freude gehört, daß Sie glücklich zu werden hofften an der Hand der Liebe. Jetzt aber, Editha, ist es nicht die Zeit, an das Glück der Ruhe zu denken – ein schwerer, entsetzlicher Sturm, der über dies unglückliche Land daher rauscht, bedroht auch Ihr Glück, mehr als die Eifersucht jener Rasenden, ja selbst Ihr Leben, und Sie zu schützen bin ich hier und suchte Sie diesen Abend, dem ein schrecklicher Morgen folgen wird.«

»Barmherziger Gott, Sie erschrecken mich! was ist … was soll …«

»Fragen Sie nicht, Editha – denn wie damals, als ich Sie aus den Mordgewölben der Thugs führte, bindet ein Schwur meine Ehre und meine Zunge! Sie gaben mir damals unbeschränktes Vertrauen, Editha, wollen Sie mir auch jetzt es gewähren?«

»Ich vertraue Ihnen, wie meinem Vater – nein,« sie errötete leicht, »wie ich meinem Bruder vertrauen würde, wenn ich einen hätte.«

»Dann glauben Sie blindlings dem, was ich Ihnen sage. Sie müssen fliehen mit mir, noch in diesem Augenblick, es gilt Ihr Leben!«

»Aber mein Oheim, meine Cousine, meine Landsleute, Stuart, sind sie auch bedroht – oder gilt die Gefahr mir allein?«

Der wackere Deutsche verhüllte schweigend das Gesicht mit den Händen.

»Ich vermute,« fuhr die Engländerin dringend fort, »daß Sie von einem plötzlichen Ausbruch jener Empörung der Sepoys auch hier sprechen, von der ich reden gehört. Sie übertreiben aber vielleicht, aus Sorge für mich, die Gefahr. Jedenfalls sind wir doch hier sicher.«

»Täuschen Sie sich keinen Augenblick, Miß, jene tapferen Männer und schönen Frauen Ihres Landes, die in den goldenen Sälen sich der Lust hingeben, tanzen auf dem Krater eines Vulkans, dessen Flammen nur des Signals warten, um, alles vernichtend, emporzulodern.«

»Entsetzlich! – aber lassen Sie mich fort; ich kann sie warnen; der Mut meiner Landsleute, die Erfahrung meines Oheims werden einen Weg der Rettung finden!«

»Unmöglich! Sie selbst – das geringste Wort der Warnung von Ihren Lippen würden den zündenden Funken in das Pulverfaß werfen.«

»Und wollen Sie mindestens die Meinen retten – wie mich?«

»Ich vermag es nicht – Sie allein kann ich beschützen, retten!«

»So will ich mit denen sterben, zu welchen mich Gott und die Natur gestellt haben. Der Tod kann nach den bitteren Erfahrungen, die ich gemacht, nicht so schmerzlich sein! Leben Sie wohl, mein Freund und nehmen Sie den Dank eines unglücklichen Mädchen für alles, was Sie ihm gethan haben.«

Sie wollte sich erheben, um sich zu entfernen, aber der Deutsche warf sich vor ihr nieder und umfaßte ihre Kniee. »Bei den Gräbern Ihrer Eltern beschwöre ich Sie, ändern Sie Ihren Entschluß, Editha! Sie wissen nicht, welchem furchtbaren Schicksal Sie trotzen, zehnfach furchtbarer, entsetzlicher, als rascher Tod! Der Tiger der Wildnis ist barmherzig, fürcht' ich, gegen die entfesselte Wut dieser Männer! Erbarmen Sie sich um meinetwillen und folgen Sie mir!«

Sie sah ihn an – über ihre angstvollen Züge schwebte wie ein Sonnenblick im Gewittersturm ein mildes, freundliches Lächeln, ihre Hand berührte leise das Haupt des Knieenden.

»Sie lieben Editha, mein armer Freund?«

»Ja, ich liebe Sie, Editha, aufrichtig, aus treuem, redlichen Herzen, dessen Blut für Ihr Glück willig dahinströmen würde. Warum sollte ich in dieser schrecklichen Stunde das heilige Gefühl verleugnen, das meine Brust seit jener Nacht erfüllt, in der Sie im Gemach der furchtbaren Würgerburg an meinem Herzen entschliefen? Aber niemals würde ein Zeichen dieser trauernden Liebe Ihr Glück und Ihren Frieden gestört haben.«

»Und dennoch, mein Freund,« flüsterte die Jungfrau mit holder Anmut, »kannte ich sie. Glauben Sie denn, daß ein Weib so lange der sorgenden Liebe des besten und edelsten Mannes anvertraut sein konnte, ohne sein innerstes Gefühl zu verstehen und zu trauern darüber, daß sie ihm nur Dank und Freundschaft, nicht Liebe dafür zu bieten vermochte? Für Ihr Zartgefühl, für Ihr Schweigen schätzte Sie Editha Highson und hält Sie bis zum Tode für ihren treuesten Freund.«

Er küßte ihre Hand und fühlte den warmen Druck derselben. »Dann lassen Sie mich auch Sie schützen und retten.«

»Nicht allein, nicht ohne jene, an die mich Pflicht, Liebe und Glauben fesseln. O, wenn Sie mich lieben, wenn wirklich so treu und mächtig die heilige läuternde Flamme in Ihrem Herzen glüht, so suchen Sie ein Mittel, meine Brüder und Schwestern zu retten, und Editha wird Sie segnen, auch wenn sie selbst als Opfer fallen müßte!«

Er war emporgesprungen und preßte ringend und verzweifelnd die Hand an die Stirn.

»Ich kann nicht glauben,« fuhr das Mädchen fort, »daß der Mann, der mich liebte, den ich stets so edel und treu sah, zu jener Rotte falscher Mörder gehört, die das Leben derer bedrohen, denen sie so lange geschmeichelt, deren Wohlthaten sie so lange genossen haben. Sie sind unser Landsmann, Engländer wie jene …«

»Der angenommene Name täuscht Sie, Editha, und jede Täuschung soll ferner von mir sein. Ich bin kein Brite, sondern ein Deutscher.«

»So sind Sie doch desselben Stammes, desselben Glaubens und haben die heilige Pflicht, zu uns zu stehen in der Stunde der Gefahr. Brechen Sie das schreckliche Schweigen, sagen Sie alles, was uns bedroht …«

»Sie haben recht, Editha, ich bin kein Genosse von Meuchelmördern, wenn ich auch ein Feind der Briten bin, deren Tyrannei auch schwer auf mir gelastet. Aber wenn ich auch in letzter Stunde zum Verräter an dem finstern Geheimnis werden, wenn ich alles vergessen wollte, ich selbst vermag nichts zu thun – ein furchtbarer Eid fesselt mich an die Feinde der britischen Herrschaft. Ich kann nur Sie retten. Sie allein, denn Sie sind ein Weib, und England ist nicht Ihr Vaterland!«

»Britannien ist überall, wo seine siegreiche Flagge weht! Ich bin eine Britin und werde es mit meinem Tode besiegeln. Leben Sie wohl!«

Seine Hand hielt die Entfliehende zurück. Indem er dies that, fühlte er zufällig den Druck des Ringes, den er am Finger trug und den Mahe Tschund, die entthronte Königin von Lahore, ihm gegeben hatte für die Rettung ihrer Tochter vor dem giftigen Zahn der Cobra.

»Weilen Sie! um des Himmels willen! vielleicht sendet mir Gott ein Mittel der Rettung!«

Sie blieb zitternd neben ihm stehen, die Augen ängstlich harrend auf ihn geheftet.

»Ich wiederhole Ihnen, ich darf, ich kann nichts thun, ohne uns alle zu vernichten. Jetzt aber, da Sie so viel wissen, ist es kein Verrat mehr, Ihnen mehr zu vertrauen, um Sie von jeder Unvorsichtigkeit abzuhalten. Kein Europäer wird dies Fest frei – ich fürchte, lebend verlassen. Das fünfte eingeborene Regiment, das die Garnison von Bithoor bildet, ist im Begriff, sich zu empören, und die Truppen von Cawnpur erwarten nur das Signal zu gleichem Thun. Deshalb hat das Fest des Nena hier fast alle Offiziere, fast alle Ihre Landsleute versammelt. Selbst wenn von Cawnpur Hilfe kommen könnte, kein Bote kann es erreichen, denn alle Wege sind besetzt.«

»Und alle, alle diese Soldaten, die so lange der britischen Fahne gefolgt, sie haben sich zu unserm Untergang verschworen?«

»Alle, nur die Sikhs schwanken noch. Sie harren ihres jungen Führers. Haben Sie Mut, Editha?«

»Wenn es die Rettung der Meinen gilt, wie eine Löwin!«

»Wohlan! Gott hat mir vielleicht den Gedanken eingegeben. Kein Mensch auf Erden kann den Ausbruch der schrecklichen Gefahr mehr abwenden, aber vielleicht ist es noch möglich, den Streit zwischen Hindu und Faringi in einen ehrlichen Kampf zu verwandeln und sie alle wenigstens glücklich in den Schutz von Cawnpur zurück zu bringen. Das Weitere liegt in der Entscheidung des Allmächtigen. Sind Sie zufrieden, wenn dies gelingt?«

»Ich bin es – nur wehrlos sollen die Mörder meine Landsleute nicht überraschen. Geben Sie uns redlichen Kampf, und Englands Kinder werden alle Leiden, die sein Gefolge bilden, willig ertragen.«

»Sehen Sie, durch die Cypressen hindurch, den Schimmer jenes einsamen Lichts in dem Bungalow?«

»Wie ich höre, ist dort die gewöhnliche Wohnung des Fürsten, unsers Wirts.«

»So ist es – doch ist sie in diesem Augenblick leer, und nur ein Mann befindet sich dort; aber es ist der, der allein uns helfen kann. Sie selbst müssen ihm das Versprechen entreißen.«

»Aber wie?«

»Nehmen Sie diesen Ring,« er zog ihn von seinem Finger und gab ihn ihr, »und übergeben Sie ihn dem Mann, zu dem ich Sie führen werde. Sind Sie imstande einige indische Worte zu merken?«

»Ich hoffe.«

»Es wird gut sein, wenn er Sie zuerst für eine Hindufrau hält, er wird nicht anstehen, aus der Hand einer solchen den Ring zu empfangen und ihr das Versprechen seines Schutzes zu gewähren.«

Der Arzt sagte ihr hierauf einige Wort im Hindostani vor, und sie wiederholte dieselben.

Zugleich teilte er ihr auf das genaueste mit, was sie zu thun habe, um jene Zusage zu gewinnen.

»Kommen Sie jetzt, Miß, und vertrauen Sie auf mich – ich bleibe in Ihrer Nähe und zu Ihrem Schutze bereit.«

»Einen Augenblick noch, mein Freund,« sie hob den Stahl auf, der der Hand der Bayadere entrungen worden und im Grase zu ihren Füßen blinkte, und verbarg ihn in ihrem Kleid. »So – nun bin ich bereit, und die Ehre Editha Highsons ist nicht mehr in der Hand wilder Rebellen.«

Er schritt schweigend voran durch die Gänge von Blumen und duftigen Sträuchern bis an den Flügel des Bungalow, der die Gemächer der Zenanah enthielt, und aus dem das einsame Licht schimmerte.

Die Jalousieen des bis zum Boden reichenden Fensters standen offen und gewährten den freien Einblick. Auf einem Rohrdiwan ruhte ein Mann in prächtiger orientalischer Kleidung, den roten Bund der Sikhs um den Kopf geschlungen, die Stirn gedankenvoll in die Hand gestützt, während die andere an dem reich mit Perlen besetzten Griff des Säbels spielte.

»Warten Sie hier einen Augenblick und betrachten Sie jenen Mann,« flüsterte der Arzt, »von ihm hängt die Möglichkeit Ihrer Rettung ab.«

Er verschwand um einen Vorsprung der Veranda, kehrte jedoch schon nach wenigen Augenblicken mit einem großen indischen Yaschmack oder Schleier zurück und hüllte die Engländerin hinein, so daß sie auf den ersten Anblick sich wenig von einer Hindufrau unterschied.

»Jetzt, Miß, ist das weitere Ihre Sache, und Gott gebe, daß er den Ring aus Ihrer Hand annimmt. Haben Sie die Worte behalten?«

Er wiederholte sie ihr leise zweimal, und all ihre Gedächtniskraft zusammennehmend, sprach sie dieselben deutlich und richtig nach.

»So ist es gut, und jetzt …« er wies nach dem Eingang des Gemachs, indem er zugleich ein kurzes Pistol aus seinem Gürtel zog und den Hahn spannte.

Die Jungfrau öffnete leise die Jalousiethür und trat in das Zimmer. Der Krieger auf dem Diwan war so vertieft in seine Gedanken, daß er das Geräusch nicht einmal merkte und erst erstaunt empor fuhr, als die Dame bereits vor ihm niederkniete, ihm den Ring entgegenhielt, und in indischer Sprache die Worte sagte:

»Im Namen Gottes und im Namen Mahanas – ich und die Meinen bedürfen Deines Schutzes und Deiner Hilfe!«

Fast unwillkürlich hatte Murad Khan, denn der junge Sikhhäuptling war es, der hier den Gedanken und quälenden Zweifeln um die verlorene Geliebte nachgehangen, den Ring genommen und betrachtete erstaunt bald diesen, bald die Frau. Im ersten Moment hatte eine freudige Überraschung ihn durchzuckt, er glaubte Mahana selbst vor sich zu sehen, aber ein Blick auf die höhere Gestalt und die Worte der Bitte überzeugten ihn alsbald, daß sein voreiliges Herz sich geirrt.

»Das ist der Ring Mahe Tschunds, der Königin von Lahore, und kein Sikh wird verweigern, was in ihrem Namen gefordert wird,« sprach er hastig. »Wer Du auch seist, Dame, Murad Khan ist Dein Diener, so lange Du diesen Ring trägst, und Du und die Deinen stehen unter seinem Schutz, wie der geheiligte Gast unter dem Dach seines Wirtes!«

Die Engländerin hatte zwar die indische Antwort des jungen Kriegers nicht verstanden, aber sie begriff aus dem Ton derselben und der Annahme des Ringes sogleich, daß er ihr seinen Beistand gewähren wollte, und kühn entschlossen warf sie, sich erhebend, den Schleier zurück und redete ihn in englischer Sprache an.

»Ich bin eine Faringi, Sir, und komme, mich und die Meinen da unter Ihren Schutz zu stellen, wo man schändlich die heilige Sitte des Gastrechts mit der Ermordung unschuldiger Menschen verletzen will. Man hat mir gesagt, daß der Besitzer dieses Ringes von einem tapfern Krieger der Sikh jeden Dienst fordern dürfe. Es ist nicht das erste Mal, daß ich Sie sehe, ich weiß, daß Ihr Herz edel und voll Großmut auch gegen den Feind ist, und ich fordere von Ihnen, daß Sie den schändlichen Verrat, den man an uns zu üben beabsichtigt, verhindern und uns möglich machen, Cawnpur zu erreichen. Dann möge ein ehrlicher Kampf zwischen uns und den eingebornen Söhnen dieses Landes stattfinden, wenn diese glauben, von den Engländern gekränkt zu sein.«

Er sah sie noch immer mit Erstaunen an, aber die edle, vertrauende Miene der Jungfrau, ihr offenes, kühnes Auftreten imponierte seinem ritterlichen Sinn.

»Wer bist Du, Mem-Sahib? Du sagst, Du habest mich früher gesehen, aber ich kenne Dich nicht!«

»Ich bin die Nichte des Generals Wheeler und – ich war die Braut des Faringi, dem Murad Khan sein Roß in der Thür ließ, um ihn zu retten.«

Der junge Krieger sah nachsinnend vor sich hin; offenbar kämpfte in ihm der Haß gegen die Faringi mit den edleren und hochherzigeren Gefühlen seiner Natur.

»Ich habe gehört,« fuhr die Engländerin fort, »der tapfere Sohn des weisen Gholab Singh liebe ein holdes und edles Mädchen. Bei der Liebe zu der Jungfrau aus seinem Volke möge er die beschützen, die eine weiße Haut tragen, aber gern Mahana ihre Schwester nennen würden!«

Der junge Krieger erbebte bei dem Namen und sein dunkles Auge erglänzte in wildem Feuer. »Bei dem goldnen Thron des großen Rundschid,« schwor er, »Du sollst nicht vergeblich den Beistand Fattih-Murad-Khans angerufen haben, Mädchen. Es ist genug, daß der Schutz dieses Daches geschändet ist durch den Verlust der einen, die Murad Khan mehr liebt, als den Apfel seines Auges. Der Ring der Mutter Mahanas soll mit Murads Blute ausgelöst werden, und – bei meinem Schwert! Du und jeder der Deinen soll ungekränkt den Palast von Bithoor verlassen!«

Seine Lippen waren fest auf einander gepreßt, seine dunklen Brauen zusammengezogen, und eine tiefe Falte stolzer Drohung und mächtigen Willens lag zwischen ihnen.

»Dame,« fuhr er fort, »Du kannst ruhig zu den Deinen zurückkehren. Murad-Khan wird bei Dir sein in der Stunde der Gefahr. Woher Du auch diesen Ring empfangen – ich will es nicht wissen; aber sage dem, der ihn Dir gab, daß Murad seine Pflicht zu thun bereit ist. Sobald ich den Gebrauch davon gemacht, den Du verlangst, werde ich ihn in Deine Hände zurückgeben; vielleicht mag er noch einmal Dir Dienste leisten. Man sagt, der Glaube der weißen Mariam heische von seinen Kindern, daß sie auch für ihre Feinde beten. So bete denn auch Du für Murad und seine Liebe!«

Und mit ritterlicher Galanterie faßte er des Mädchens Hand und geleitete sie zum Eingang des Gemaches zurück, wo er mit einer Verbeugung von ihr schied.

Wenige Minuten darauf sah Editha, bereits wieder im Schutz des deutschen Arztes, das einsame Licht des Bungalow erlöschen. Der Khan hatte ihn verlassen.


Vor dem Portal des Palastes hielten zwei Soldaten der Reiterabteilung, welche die Ehrenwachen der beiden Generäle bildete und sie von Cawnpur begleitet hatte.

Sie gehörten zu dem Sikhregiment, das seit etwa zwei Monaten in Cawnpur stand und wie alle andern Regimenter von Eingeborenen in den höheren Stellen durch britische Offiziere befehligt wurde. Der Oberst desselben war, wie dies eben so gewöhnlich, in einer höheren Civilbedienstung in Kalkutta abwesend und hatte sein Regiment noch nie zu Gesicht bekommen.

Die Sikhs sind ein kühner, stolzer Männerschlag, geborne Krieger und Reiter. Da ihre Religion ein Gemisch des Mohammedanismus und Hinduismus, halten sie sich über beiden Sekten stehend und verachten beider Gebräuche. Sie sind die indischen Prätorianer, die auf ihren Schilden den Tapfersten und Glücklichsten zur Herrschaft erheben. Sie bilden die besten und zuverlässigsten Truppen unter den eingebornen Soldaten der Kompagnie, und obschon keineswegs Freunde der Faringi, hassen sie doch noch mehr die Sepoys, weil mit deren Hilfe die Engländer das Pendschab unterjochten und die Sikhs ihrer so lange bewahrten Freiheit beraubten.

Indem Fattih-Murad Khan, der Sohn des nach Rundschid glücklichsten und klügsten Parteigängers der Sikh, seinen Weg vom Bungalow außerhalb der Gärten nach dem Platz nahm, wo die Eskadron der Sikhreiter um ein gewaltiges Feuer biwakierte, begegnete ihm Alamos, der Mexikaner, eines der Mitglieder der Kohorte des Nena.

Der Khan hatte eine Vorliebe für den kecken Spürer und Reiter gefaßt, der ihn bei der Flucht des Lahore-Prinzen begleitet hatte, und bei seiner Ankunft vor zwei Tagen im Bungalow des Nena zu seinem Bedauern erfahren, daß der Mann in Geschäften seines Gebieters abwesend wäre.

Um so überraschender war ihm die Begegnung des Mexikaners, den er weit entfernt glaubte.

Jetzt aber aufgeregt und beschäftigt durch sein der Engländerin gegebenes Versprechen, redete er ihn absichtslos an: »Du bist also zurück, Freund?«

»Seit diesem Morgen, Senjor.«

Die Antwort fiel dem Khan auf, weil er den Prinzen noch am Mittag nach dem Mann gefragt und eine ausweichende Antwort erhalten hatte.

»Deine Reise scheint anstrengend und lang gewesen zu sein, denn Dein Fuß ist nicht wie sonst der der Antilope, und Deine Glieder sind matt!«

» Valga me Dios! Der Weg von Delhi hierher ist auch kein Kinderspiel in sechs Tagen und sechs Nächten. Und wäre nicht ein unglücklicher Zufall gekommen, der die Relais unterbrach, die der Prinz gestellt, so wäre ich zwölf Stunden eher eingetroffen.«

»So warst Du in Delhi?«

»In Mirut und Delhi. Ich zog mit dem Serdar und dem 3. Regiment nach der Stadt und verließ sie erst, nachdem der Sieg uns gesichert war. Doch Ihr werdet das Nähere ja von Seiner Hoheit gehört haben.«

Der Khan sah ihn erstaunt an. »Was sprichst Du, Mann – in Mirut und Delhi wäre ein Kampf ausgebrochen?«

»Wie, Senjor – Ihr wißt es nicht? Am zehnten Mai erhoben die Reiter vom dritten die Fahne des Kampfes, zwei Infanterie-Regimenter waren mit uns, halb Mirut ging in Flammen auf, und wir schlugen uns sechs Stunden lang mit den schuftigen Jägern vom sechzigsten und den Dragonern der Garde. Tantia-Topi und der Mann, den sie den Derwisch Sofi nennen, obschon er ein geborner Soldat sein muß, thaten Wunder der Tapferkeit, aber wir mußten dennoch die Stadt räumen und zogen nach Delhi, wo alles zum Ausbruch bereit war.«

»Und in Delhi?«

» Caramba! der Mogulprinz erwartete uns und im Augenblick ging der Spektakel los. Der Kommissar flüchtete in den Palast von Saman Badsch, aber der Tanz war unser und was Engländer hieß, verloren. Per dios! Senjor, ich bin an Rebellionen gewöhnt aus meinem eignen Lande, und weiß, daß, wenn das Blut erhitzt ist, manches geschieht, was nicht gut ist – aber was ich dort erlebt, macht mir in der Erinnerung die Haut schaudern.«

»So war der Kampf in Delhi vorbereitet?«

» Demonio! Akbar-Jehan, obschon nichts als ein Hinduprinz, wie sie zu Dutzenden hier umherlaufen, mit Respekt vor Euch zu sagen, Senjor Khan! hatte die Sache trefflich in Gang gebracht mit dem alten französischen General, ganz nach dem Willen und dem Rat Seiner Hoheit des Maharadschah. Die Engländer wurden überrascht, daß sie ihre Hälse abgeschnitten fanden, ehe sie nur sagen konnten: Goddam!«

Die Augen des jungen Kriegers sprühten Flammen, seine Zähne waren fest auf einander gebissen.

»Also mißtraut meiner Treue, getäuscht, betrogen,« murmelte er, während seine Faust sich krampfhaft ballte »und Mahana sicher der Preis dieses Knaben, bloß weil er den Namen einer Fürstenreihe führt? Ha, bei Astraoth – sie könnten sich täuschen in ihren Plänen und Murad-Khan wird nicht mit sich spielen lassen.«

Dann zu dem Mexikaner sich wendend, der ihn erstaunt betrachtete in dem Glauben, der Khan bedaure, daß er nicht selbst bei dem Kampf zugegen gewesen, befahl er: »Suche einen der Hausdiener des Nena und laß ihn seinem Herrn sagen, Fattih-Murad-Khan begehre ihn zu sprechen und werde ihn an dem Springbrunnen des Bungalow erwarten.«

Joaquin Alamos verbeugte sich und schlug den Weg nach den Hallen des Palastes ein, der Khan aber setzte den seinen nach der Stelle fort, wo das Kommando der Sikhreiter in stolzer Absonderung von den Hindus und Mohammedanern sich unter einem riesigen Tamarindenbaum gelagert.

»Wo ist der Subadar, der die Gortschura Leibwache. befehligt?« fragte er die ersten, auf die er traf.

»Im Schloß, Sahib, bei dem Fest.«

»So rufe den Jemedar oder den Unteroffizier, der bei Euch ist! Ich habe mit ihm zu reden.«

Der Mann erschien sogleich. Er war ein Mali, ein Angehöriger der wildesten Horde der Sikhs.

»Kennst Du mich?«

»Wer sollte Fattih-Murad-Khan, den Sohn des weisen Gholab nicht kennen, die einzige Hoffnung der Sikhs! Du bist unser wahrer Herr und Gebieter, nicht der Faringi-General, der fern von seinen Kriegern ist.«

»Du hast die Chuppaties der Hindu gegessen?«

»Wir wissen, was geschehen wird, aber sie verunreinigen uns nicht mit den Anbetern der Kuh. Wir sind bereit, zu thun, was unsere Offiziere uns sagen.«

»Bana bak! so wirst Du meinen Befehlen gehorchen. Ist Rustram-Singh, der Subadar-Major, Der höchste indische Offizier bei den Nativ-Regimentern. mit auf dem Fest?«

»Nein, Tuwen-Sahib, er ist in Cawnpur zurückgeblieben.«

»So nimm Dein Pferd und reite schneller als der Monsoon über die Dschungel braust, zurück nach Cawnpur und gieb Nustam-Singh dieses Kleinod und diese Botschaft.«

Er schrieb auf ein Blatt Pergament, das er aus dem Bund seines Turbans nahm, wo die Orientalen gewöhnlich Sachen von Wert aufbewahren, mit einem Silberstift einige Worte. »Sage ihm, er soll schnell sein, wie der Blitz. Vertraue keinem der Posten der Sepoys, die Du passieren wirst, Deinen Auftrag, und ehe Du reitest, sende einen Mann nach jenem Palast, und lasse Nassir-Sing, Deinen Subadar, herausholen, ich muß ihn sprechen.«

»Du übernimmst die Verantwortung, Khan, daß ich meinen Posten verlasse?«

»Geh' unbesorgt!«

Der Unteroffizier trat zu den Reitern zurück und erteilte einen Auftrag. Gleich darauf sah man ihn in der Richtung von Cawnpur davon sprengen, indes der Khan ungeduldig am Feuer auf- und niederschritt.


Major Rivers neigte sich zu der fürstlichen Amazone, an deren Seite er stand.

»Wie lange wird unser Freund, der Maharadschah, das Glück haben,« fragte er mit vertraulicher Höflichkeit, »die Krone der Frauen zu bewirten?«

»Sobald die Begum aufbricht, werde auch ich die Haudah meines Elefanten besteigen. Ich denke, daß morgen schon die Geschäfte meiner Freundin beendet sein werden und auch die meinen.«

»Ich wüßte nicht,« sagte der Resident mit Betonung, »daß die schöne Rani von Jhansi Geschäfte hat, um deren willen sie hierherkommen mußte. Sie weiß sehr wohl, daß ich stets bereit bin, ihr den Weg zu ersparen und sie in ihrer Stadt zu besuchen.«

»Mein Geschäft war, dem Sahib Rat und seiner Begum meinen Besuch zu machen und dem Maharadschah Glück zu wünschen, daß er die Wolke der Trauer von seinem Haupte entfernt.«

»Der Nena, schöne Dame, sieht ein, daß es thöricht wäre, der Trauer über ein Unglück nachzuhängen, das nicht zu ändern ist. Möge die schöne Rani von Jhansi sich erinnern, daß ich schon früher ihr dasselbe gesagt, als ich Gelegenheit hatte, ihre eigene Trauer über den Tod eines alten ungeliebten Gatten zu bekämpfen, und sie vor den Flammen der Sotti rettete.«

Die Rani wandte sich rasch zu ihm und maß ihn mit einem spöttischen Blicke. »Wie, das alles hätte Major Rivers gethan?«

»Wenn ich auch nicht selbst die schöne Rose von Gwalior aus den Flammen holte,« erwiderte der Resident mit brüsker Unverschämtheit, »und diesen Dienst untergeordneten Personen überlassen mußte, so war ich es doch, der schon vorher Einspruch dagegen gethan und im letzten Augenblick noch die Sotti verbot.«

»Dennoch wäre das Verbot des Sahib-Residenten zu spät gekommen, wie er wohl weiß, wenn ein Tapferer nicht sein Leben geopfert, es auszuführen. Das Leben Schandas, der Rani von Jhansi, ist nicht das Geschenk der Faringi, sondern jenes dort.« Sie erhob die Linke und wies mit dem verstümmelten Finger auf Maldigri, den Befehlshaber ihrer Leibwache, der noch immer neben dem englischen Kapitän stand, von Zeit zu Zeit sich in unruhiges Sinnen verlierend.

Der Resident verzog den Mund. »Ich will Major Maldigris Verdienst keineswegs schmälern,« sagte er, »indes ich sollte meinen, das viel beneidete Vertrauen, mit dem die Fürstin von Jhansi ihren Diener beehrt und die Stellung, die sie ihm gewährt, wäre des Lohns genug für die kleine Ritterthat, ohne deshalb das Verdienst noch ergebenerer Freunde schmälern zu müssen. Ich werde die Ehre haben. Sie nach Jhansi zurück zu begleiten.«

»Der Vertreter unserer Herren in Kalkutta,« erwiderte die Rani kalt, »ist auch Herr in Jhansi. Die Thore meines Schlosses sind ihm stets geöffnet!«

»O nicht so, schöne Frau; ich möchte diesmal nicht als Offizier der Kompagnie erscheinen, sondern in einer willkommeneren Gestalt. Es ist Zeit, Hoheit, daß es endlich zwischen uns klar wird, und meine Bewerbungen um Deine Gunst eine entscheidende Antwort und Erhörung finden.«

»Ich verstehe nicht, was Major Rivers verlangt,« sagte die Dame kühl.

»Dann müßte die schöne Gebieterin von Jhansi keine Frau sein,« bemerkte der Resident, indem er gegen alle Sitte des Orients ihre Hand erfaßte. »Es ist Dir nicht unbekannt, Fürstin, daß ich schon lange mich um Deine Liebe und Deine Hand bewerbe, und diese Gelegenheit, mir das Glück zu bewilligen, nach dem ich strebe, ist so gut, wie jede andere.«

»Wenn Sahib Rivers die Hand einer Frau will,« entgegnete spöttisch die Rani, »so pflegt er sie zu nehmen, wie ich eben bemerke. Das Gerücht sagt, daß der Resident der Kompagnie dies schon so oft gethan, und viele Verlassene nach der Rückkehr seiner Liebe seufzen.«

»Laß das Gerücht sagen, was es will. Die Sitten Deines Vaterlandes werden Dich nicht eifersüchtig machen auf die vergangenen Freuden eines Mannes. Deine Reize sind groß genug, um ihn allein zu fesseln, und ich verspreche Dir, daß Du als meine rechtmäßige Gemahlin allein über meine Liebe und meine Person gebieten sollst.«

»So will Major Rivers wirklich einer armen Hindufrau die Ehre anthun, sie zu seiner Gattin nach den Gebräuchen seines Glaubens zu erheben?«

»Ich stehe keinen Augenblick an,« erklärte hastig der Resident, getäuscht von der zustimmenden Rede der Fürstin, »es verstößt zwar eigentlich gegen die anglikanische Kirche, indes der Fall ist schon früher vorgekommen, und ich habe Einfluß genug, alle Bedenken und Hindernisse zu beseitigen. Später magst Du dann zum Christentume übertreten, wie es die Begum von Somroo gethan. Meine Macht, reizende Schanda, soll Dich zur beneidetsten Frau Indiens machen. Ich werde sogleich mit Sir Lytton Mallingham sprechen und mir seinen Einfluß sichern. Wir können die Gelegenheit des Festes benutzen, um gleichfalls unsere Verlobung anzuzeigen, der die Verbindung dann, sobald die Zustimmung des Direktoriums eintrifft, folgen soll.«

Die Fürstin entzog ihre Hand dem feurigen Druck des hoffnungsreichen Bräutigams.

»Und wie gedenkt Major Rivers, was er eben beschlossen, seinen Landsleuten zu verkünden?«

»Ganz einfach: Edmund Rivers, Major der Königlichen Armee und Resident der britisch-ostindischen Kompagnie, zeigt seine Verlobung mit Schanda, der Fürstin von Jhansi, an.«

»Eitler Thor! Die Stimme Schandas, der Rani von Jhansi, würde augenblicklich ihrem Volke erwidern, daß sie eher noch einmal den Scheiterhaufen besteigen, als die Gattin eines Spions der Tyrannen ihres Vaterlandes werden würde!«

Ihr fester Blick begegnete mit verachtendem Stolz dem Ausdruck des Erstaunens und der Erbitterung, mit der sie der getäuschte Bewerber anstarrte.

»Bedenke, was Du thust, Weib, und mit wem Du Dein freches Spiel zu treiben wagst,« knirschte er bleich vor Zorn, »die Hand, die so lange Dich und Deinen Übermut geschont und geschützt, kann Dich niedriger stellen, als die geringste Deiner Tänzerinnen steht. Willst Du nicht die Gattin Rivers' werden, so sollst Du froh sein, seine Maitresse zu heißen, ehe das Jahr noch gewechselt hat! Mögen sich jene wahren, die Du mir vorzuziehen wagst!«

»Schändlicher Faringi,« sagte die Rani stolz, indem sie mit einer raschen Gebärde den Schleier über ihr Gesicht zog und sich erhebend ihm verächtlich den Rücken kehrte, »wahre Dich selbst, denn das Schwert des Gerichts schwebt über Deinem Haupt!«

Und ohne seiner weiter zu achten, winkte sie Maldigri zu sich heran, der, wenn er auch den Inhalt des halblaut geführten Gesprächs der beiden nicht zu hören vermocht, doch erstaunt über die Zeichen, die dasselbe begleiteten, näher getreten war. Kapitän Delafosse folgte ihm und legte mit einem zornigen, herausfordernden Blick auf seinen früheren Waffengenossen die Hand an den Degen.

In diesem Augenblick, ehe die Männer ein Wort der Frage oder Erklärung wechseln konnten, kam der Nena mit dem englischen Geistlichen durch den Saal und schritt auf die Sitze der Begum und der Rani zu.

»Seine Hochwürden, der Dechant von Delhi, auf der Rückreise von Kalkutta nach seinem Sprengel begriffen,« sagte er in indischer Sprache, die dem Geistlichen bereits geläufig war, »wünscht die Bekanntschaft der erhabenen Königin von Audh und der mächtigen Fürstin von Jhansi zu machen. Mögen sie die Sonne ihres Antlitzes ihm freundlich zuneigen, denn er ist ein Heiliger unter seinem Volke und bringt den armen Hindus die Segnungen des Glaubens seines weißen Propheten.«

Der Dechant verneigte sich höflich vor der entthronten Königin und ihrer jüngeren und schöneren Gefährtin.

»Seine Hoheit, unser Wirt, mißt mir einen Namen bei, den ich nicht annehmen darf. Ich bin ein unwürdiger Diener des Evangeliums und dessen, an den wir alle glauben, ob wir ihn Gott den Allmächtigen, Allah oder Brahma, den schaffenden Urgeist, nennen.«

»Das ist keine Gelegenheit, Vater,« beharrte die Fürstin, »um mit Dir über Allah, Brahma oder den Christengott zu streiten. Ich wundere mich nur, einen frommen Mann, wie Dich, hier zu sehen; denn ich hörte wohl, daß die Priester der Faringi reiten und jagen, aber ich wußte nicht, daß sie auch tanzen, wie jene Thörichten, die sich abmühen im Schweiße ihres Antlitzes, statt dies den Sklaven und Bayaderen zu überlassen.«

Der Dechant lächelte, sowohl über den nicht unbegründeten Vorwurf in betreff des Treibens eines großen Teils der englischen Geistlichkeit, als über den Irrtum wegen des Zwecks seiner eigenen Anwesenheit. »Es ist nicht Sitte, daß die Priester unserer Kirche tanzen, Fürstin,« belehrte er freundlich, »obschon das zu den Gebräuchen manches heidnischen Kultus gehört, aber es giebt auch keinen Grund, weshalb sie nicht einem anständigen Vergnügen und einem Fest der Fröhlichen beiwohnen sollten. Aber – täuschen mich meine Augen nicht – Verzeihung, Hoheit, ich glaube einen Freund zu sehen, hier im fernen Indien und in fremder Tracht – Kapitän Grimaldi, Sie, der lang Beweinte unter den Lebendigen hier …«

Er öffnete dem Freunde die Arme und der Grieche, unfähig sich zu verstellen und seine Person zu leugnen, sank an das Herz des Mannes, der ihm das Liebste genommen, was er auf der Welt besessen.

»Wenn Sahib Maldigri einen Freund gefunden,« sagte die Rani, »so möge er diesem gehören, so lange es das Schicksal ihm erlaubt. Die Stunden der Freude sind oft nur kurz. Seine Hoheit, der Maharadschah möge uns unterdes zu den Freuden des Gartens geleiten.« Sie sah sich vergeblich nach ihm um; der Nena, von einem der Diener gewinkt, hatte sich entfernt – ihr Auge begegnete dem ihres stillen Anbeters und ihn freundlich näher winkend, bat sie ihn, die Dienste ihres Offiziers zu versehen und sie und die Begum durch die Kühle des Gartens zu geleiten.

Kapitän Delafosse bot ihr nach europäischer Sitte den Arm, und leicht darauf gestützt, ging sie mit stolzem Schritt und Blick an dem Residenten vorüber, dessen Zorn und Erbitterung diese öffentliche Zurücksetzung noch steigerte, und der ihr mit boshaftem Ausdruck nachschaute, obschon ihn ein eben gehörtes Wort veranlaßte, an seinem Platz zu bleiben.

Unterdes hatte der Oberst der Gortschura der Rani, tief bewegt von widerstrebenden Gefühlen, den Arm seines englischen Freundes genommen und ihn aus dem Gewühl des Festes geführt, um einen stillen Ort zu suchen, wo sie ungestört ihre Fragen und Erinnerungen austauschen könnten.

»Und ist es denn Wahrheit?« fragte der Dechant, als sie jenen Saal erreicht hatten, in dessen Hintergrunde die geheimnisvolle Bühne aufgeschlagen und in diesem Augenblick bis auf die beiden schwarzen Wächter des Vorhanges verlassen war, »hab' ich Sie wirklich wieder. Sie, den vor unseren Augen die Brandung des Adriatischen Meeres unter den grausamen Schüssen jener deutschen Soldaten verschlungen? O, welcher Kummer, welche schmerzlichen Erinnerungen wären mir und einem teuren Wesen erspart worden, wenn wir gewußt, daß sie glücklich jenen Gefahren entkommen, in die Sie sich um unseretwillen gestürzt hatten!«

»Ich erwachte selbst erst zum Bewußtsein am Bord des französischen Schiffes, wohin mich die mutigen Matrosen, die mich aus dem Meere gerettet, gebracht hatten. Ich fand keine Gelegenheit, Sie damals von meiner Rettung zu benachrichtigen, und – ich hielt es für besser, daß Sie dem Toten Ihre Erinnerung, als dem Lebenden Ihre Sorge schenkten.«

»Aber wie kamen Sie nach Indien? Wie lange sind Sie hier und warum haben Sie mir hier nicht Nachricht gegeben, oder mich aufgesucht, und wie kommen Sie zu dieser Tracht?«

»Vorerst – lassen Sie uns Italienisch sprechen, Freund,« bat der Grieche, »denn es könnten Ohren in der Nähe sein, die unsere Erinnerungen nicht hören dürfen. Man kennt mich hier nur unter der Veränderung meines Namens in Maldigri, und glaubt, daß Piemont meine Heimat gewesen. Seit fast fünf Jahren bin ich in Indien, zuerst in der Präsidentschaft Madras, jetzt im Dienst der Rani von Jhansi. Aber ehe Sie irgend eine weitere Frage thun – ist Lady Adelaide Ihre Gattin und – wo ist sie?«

»Adelaide ist mein Weib – ich sagte vorhin bereits, daß sie meinen Schmerz um Sie geteilt. Aber ihre Gesundheit ist leidend von dem Klima Indiens, und sie konnte mich auf der Reise nach Kalkutta nicht begleiten, so sehr sie es auch wünschte.«

»Barmherziger Gott – und sie ist in Delhi zurückgeblieben?«

»Nicht gerade in Delhi. Sie ist bei einer Freundin in Ludhiana an der Grenze des Pendschab, in einer höher und gesünder gelegenen Gegend. Von dort erhielt ich ihre letzte Nachricht. Aber was ist Ihnen – was haben Sie?«

»Dem Ewigen sei Dank für seine Barmherzigkeit. Ihre Worte nehmen eine schwere Last von meiner Seele. Ludhiana ist befestigt und sicher – oh, möchte sie seinen Schutz keinen Augenblick verlassen!«

»Um des Himmels willen, was ist geschehen – was meinen Sie?«

»So wissen Sie nicht – nein, es ist unmöglich! Fragen Sie mich nicht weiter, aber danken Sie Gott, der Lady Adelhaide gerettet, und hüten Sie sich selbst, denn – was Engländer in diesem Lande heißt, steht auf dem Krater eines Vulkans!«

»Ich fürchte selbst, aber erklären Sie mir als Freund, als Christ …«

»Ich kann und darf nicht. Sie wissen, daß ich zu den Gegnern Englands gehöre, und ein Eid bindet mein Schweigen. Aber seien Sie unbesorgt, ich stehe für Ihre Sicherheit.«

Die raschen Tritte eines Nahenden störten die weiteren dringenden Fragen des bestürzten Dechanten. Es war Leutnant Sanders, welcher eilig herbei kam auf die Nachricht, daß sein Erzieher und Freund unerwartet in Bithoor angekommen.

Die Begrüßung war herzlich und zeugte von der aufrichtigen Freude beider, einander wiederzusehen, obschon der Geist des jungen Offiziers durch die Scene im Garten des Bungalow und die Strenge seiner Verlobten bedrückt, und auch der Geistliche durch die eben gehörten Andeutungen einer drohenden Gefahr zerstreut war.

Nachdem der erste Austausch der Grüße und Fragen vorüber war, heftete sich der Blick des Offiziers erschrocken auf den kaum beachteten Griechen.

»Um des Himmels willen, Sir, wer ist dieser Mann?«

Der Geistliche faßte seine Hand. »Ich sehe, auch er erkennt Sie wieder, Freund,« sagte er, »obschon es mich wundert, daß es nicht längst geschehen. Doch waren Sie ja damals nur kurze Zeit und in aufregender Gefahr zusammen. Aber besorgen Sie nichts, er ist ein wackeres und biederes Herz, ich bürge für sein Schweigen.«

»Sir,« sagte der junge Offizier hastig, ohne die Rede des Geistlichen zu beachten, »es sind länger als fünf Jahre, und dennoch glaube ich mich nicht zu täuschen. Sie sind Kapitän Grimaldi aus Korfu, auf dessen Haupt die britische Regierung einen Preis gesetzt?«

»Und der uns und unsere Freunde rettete vor den Dolchen der Banditen, vergessen Sie das nicht, Stuart,« bat besorgt der Dechant.

»Beruhigen Sie sich, mein würdiger Freund! Es handelt sich allerdings um Gefahr, aber ich frage im Interesse dieses Herrn, den ich bisher nur flüchtig beachtete und deshalb nicht wieder erkannte.«

»Ich bin der Mann, den Sie als Kapitän Grimaldi in Italien gekannt, Sir,« erklärte der Grieche.

»So hat meine Unvorsichtigkeit Sie absichtslos in Gefahr gestürzt?«

»Was ist geschehen?«

»Man sagte mir, daß Sie, mein verehrter Lehrer und Freund, unerwartet in Bithoor angekommen wären und bereits nach mir gefragt hätten. Indem ich Sie in der Nähe der indischen Fürstinnen suchte, denen Sie vorgestellt sein sollten, begegnete mir Major Rivers, der Resident. Er fragte, ob ich mich von früher nicht eines Major Grimaldi erinnre und in welcher Verbindung derselbe mit Ihnen gestanden? Ohne Arg sprach ich von der heldenmütigen Aufopferung dieses Herrn, den ich für tot hielt, bis das triumphierende Lächeln des Majors und die Worte: ›Grimaldi – Maldigri! jetzt hab' ich sie beide!‹ mich zuerst aufmerksam machte und ich forteilte, Sie aufzusuchen.«

»Ich kann unmöglich glauben,« beruhigte der Dechant, »daß hier auf der andern Seite der Erdkugel nach so vielen Jahren noch die Proskription der Regierung Bedeutung haben und Ihnen, mein Freund, Gefahr bringen könnte, es sei denn, daß – –.« Sein Blick wurde besorgt, denn er gedachte der geheimnisvollen Andeutungen, die ihm so eben der Major gemacht hatte.

»Wenn es nötig ist, daß Sie flüchten, Sir,« erklärte der Offizier, »so biete ich Ihnen meine Hilfe und meinen Schutz an. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ein Mann, dem ich wahrscheinlich mein Leben schulde, durch mich in Gefahr gebracht worden.«

»Ich erkenne Ihrer beider Freundschaft und danke Ihnen,« sagte der Grieche. »Aber glauben Sie mir, ich bin besorgter um Sie, als um mich, und die Bosheit des Residenten, von dem ich allerdings glaube, daß er mich haßt, kann mich nicht erreichen. Die Entdeckung meines wahren Namens macht es nötig, daß ich mich einige Augenblicke mit einer anderen Person unterhalte; ich bitte Sie aber beide, diese Stelle nicht zu verlassen, bis ich zurückkehre, ich beschwöre Sie darum, um Ihrer selbst willen!«

Ehe noch die Engländer ihn näher befragen konnten, entfernte er sich schnell.

In der Thür kamen ihm die Generale Sir Lytton Mallingham und der Resident mit der Begum von Audh entgegen. Der Rat winkte ihm freundlich zu, als der Major zur Seite trat und sich dann entfernte.

»Dieser Ort,« meinte der General Wheeler, »wird zu unserer Unterredung der geeignetste sein, da er der entlegenste vom großen Saal ist. Entziehen uns Euer Hochwürden Ihre Gesellschaft nicht,« fuhr er zu dem Dechanten fort, der sich entfernen wollte, »wir werden Ihres Rates und Ihrer Kenntnis des Landes vielleicht bedürfen. Leutnant Sanders, ich bitte Sie, unseren Wirt aufzusuchen und ihn zu bitten, mit der Rani hierher zu kommen. Dann sorgen Sie dafür, daß wir auf eine Viertelstunde nicht gestört werden.«

Der Offizier verließ auf diesen Befehl den Saal, während sich die eingetretene Gesellschaft um einen Tisch niederließ und Sir Lytton Mallingham einige Papiere darauf ausbreitete.

Major Grimaldi hatte unterdes den großen Saal erreicht und war in die Nähe seiner angeblichen Verwandten gelangt. Ein Blick benachrichtigte sie, daß er wichtiges mit ihr zu sprechen habe. Die gewandte Frau verstand sogleich den Wink.

»Die Aussicht auf die Volksgruppen ist in der That interessant,« sagte sie, sich den hohen Bogenfenstern der vorderen Veranda nähernd, »sehen Sie, Monsieur Colonel, das Spiel der Mondbeleuchtung mit den Reflexen der Feuer? Bitte, reichen Sie mir meinen Shawl, Kapitän, ich möchte jene Spiele der chinesischen Jongleurs in größerer Nähe besehen.«

Indem sie die beiden nächsten ihrer Anbeter beschäftigte, winkte sie dem Major. »Treten Sie näher, schöner Cousin, und leihen Sie mir Ihren Arm, wenn Ihre wilde Amazonen-Königin nicht etwa Ihre Dienste begehrt. Sie haben mich in der That zu lange vernachlässigt, und ich werde Sie dafür bestrafen, indem Sie mir eine ganze Viertelstunde lang von Ihren Elefantenjagden und Tigerkämpfen erzählen sollen.«

Und ihn scherzend mit dem Fächer auf die Hand schlagend, lehnte die Dame sich auf seinen Arm und ließ sich von ihm nach der Balustrade der Veranda führen.

»Sprechen Sie Italienisch,« flüsterte sie. »Diese Puddingköpfe reden ein so korrumpiertes Französisch, daß kaum einer unter ihnen ist, der den Unterschied merken wird.«

»Ein unglücklicher Zufall, Madame, hat vor wenig Augenblicken meinen wahren Namen verraten. Ich fürchte, daß Sie dies kompromittieren wird.«

»Wer weiß ihn?«

»Zwei zuverlässige Freunde bis jetzt, aber außerdem Major Rivers.«

»Der Mensch ist gefährlich und seine Bosheit fürchtet nur das Ansehen des Baronets. Lassen Sie hören – war die Rede von unserer Verwandtschaft?«

»Nein, er weiß bloß, daß ich Ionier und von der englischen Regierung geächtet war.«

»Sehen Sie dort jenen Burschen, Lady Inglis, wie er die Kugeln in die Luft wirbelt, vraiment! wunderbar! er balanciert dabei das Bajonett der Muskete auf der Stirn; diese Leute machen merkwürdige Dinge. – Beruhigen Sie sich, dann kann er uns nicht schaden. Der Baronet ist ganz in meiner Gewalt. Die Griechen der Inseln sind verwandt mit vielen Familien Italiens, die Ihres Namens besonders. Ich werde sagen, daß Sie ihn auf meinen eigenen Wunsch geändert.«

»Sie sind unterrichtet, Mylady – das genug!«

»Heben Sie mein Tuch auf, das ich fallen lasse. Es ist ein Papier darin für Sie, die Abschrift des geheimen Traktats mit dem Premier von Nepal, und die Notizen über den Bestand der Bank von Kalkutta und die Stärke der neuen Garnison. Geben Sie sie an Ihre Freunde, und lassen Sie mich morgen vor unserer Abreise Ihren Bericht über die Fortschritte der Empörung empfangen. Ich habe Gelegenheit nach Pondichery.«

»Ich fürchte, das Gerücht wird unseren Nachrichten vorauseilen. Delhi und Mirut sind in vollem Aufstand!«

»Mein Gott! und das lassen Sie mich so spät erst hören? Dann kann der Baronet unmöglich seine Reise nach dem Norden fortsetzen. Am Ende droht uns hier schon Gefahr!«

»Waffnen Sie sich mit all Ihrem Mut, Mylady; ich fürchte, Sie werden seiner bedürfen.«

»Sie erschrecken mich, man wird mit dem Ausbruch der Emeute doch warten, bis wir in Sicherheit sind? Sie sind verantwortlich für mein Leben und Sir Lytton ist uns zu wichtig, als daß er gefährdet werden dürfte.«

»Ich werde Sie schützen, aber die entfesselte Leidenschaft dieser Männer wird nichts schonen. Sie spielen ein gefährliches Spiel, Madame, der Brand, der unsere Hand leider schüren half, kann uns alle vernichten!«

»Wie – bedauern Sie die Dienste, die Sie der Sache Frankreichs geleistet?«

»Ich fürchte, ich habe unrecht gehandelt, indem ich meine Hand bot, das Feuer zu entzünden. Ich bin ein Soldat und werde mit denen fechten und fallen, die gegen die Unterdrücker meines eigenen Vaterlandes kämpfen. Aber das Spiel der Intrigue selbst wird mir mit jedem Tage verhaßter, und ich werfe die Kette von mir, die ich nicht länger tragen will.«

»Unsinniger! Sie sind verliebt in die schöne Amazone! Meinetwegen, erringen Sie sich ein Fürstentum, aber seien Sie nicht undankbar gegen die Absichten dessen, in dessen Auftrag wir nach Indien gekommen. Hüten Sie sich, noch einmal meine Pläne zu durchkreuzen, wie damals in Madras. Wenn ich meinen Schutz Ihnen entziehe, sind Sie bei der Eifersucht dieser Briten gegen alle Fremden verloren.«

»Ihr scharfer Blick, Madame, hat Sie dennoch getäuscht. Ich werde meine Pflicht erfüllen gegen den Kaiser, aber auch gegen die Fürstin, in deren Dienst ich getreten bin. Die Schrecken ehrlichen Kampfes sind an sich schon groß genug, nicht daß es noch der Greuel einer sizilianischen Vesper bedarf, und – ich traue dem lauernden Auge des Tigers nicht, der noch schlimmere Rache als wir zu üben hat. Seien Sie auf alles gefaßt, Madame, der Nena sinnt auf Furchtbares!«

Brigadier Inglis trat herbei und beendete das Gespräch durch ein anderes über die Ausbildung der Truppen der Rani, die der Grieche leitete.

Der Maharadschah selbst, der Wirt des Hauses, hatte auf die Botschaft, die ihm der Diener zugeflüstert, den Saal verlassen, und indem er sich durch die Menge wand, gelangte er an den Eingang des abgesperrten Gartens zum Bungalow.

Der Blick, den er von hier aus sich umwendend nach seinem eigenen Palast zurückschleuderte, war furchtbar. Das ganze Äußere des Nena schien sich mit dem Schritt, den er aus der Gesellschaft that, wie mit einem Zauberschlage verändert zu haben! Die schmeichelnde gefällige Haltung verwandelte sich in eine drohende, die Gestalt schien zu wachsen, und auf seiner breiten Stirn lag unsäglicher Schmerz, gepaart mit unbeugsamem Willen, während aus seinen Augen die Mordlust des Tigers funkelte.

So trat er zu dem Khan, der ungeduldig seiner am Rande des Bassins harrte. »Du hast mich sprechen wollen, ehe das Große geschieht, Fattih-Murad-Khan,« sagte der Maharadschah. »Eile, denn der Augenblick naht, in welchem Schiwa jenes Gezücht von Faringi vernichten, und der Feuerstrom, der mein Inneres durchtobt, in ihrem Blute gekühlt werden soll. Hast Du Dich bedacht und wirst Du teilnehmen an dem den Göttern wohlgefälligen Werk, oder verharrst Du noch in dem trägen Schmerz, der die Manneskraft schwächt?«

»Srinath Bahadur,« entgegnete der junge Mann mit entschlossenem Ton, »ehe ich Dir Antwort gebe auf Deine Frage, noch einmal, steh' Du selbst mir Rede! Wo ist Mahana, die Prinzessin von Lahore, die ich dem Schutze Deines Daches anvertraute?«

»Thörichte Frage! Du weißt so gut, wie ich, daß sie verschwunden ist am Tage der Abreise ihrer Mutter, und daß wir erst glaubten, sie habe diese begleitet. Auch der Franke, mein Diener, war mit ihr fort, und alle Nachforschungen vergeblich; wir können nicht anders glauben, als daß beide tot oder daß Verrat im Spiel und das Mädchen von den falschen Faringi geraubt worden ist und wie ihr Bruder in Gefangenschaft gehalten wird!«

»Verräter Du selbst, Du und dieser Mahe Tschund, die mein Geschlecht stets betrogen!« rief der junge Sikh. »Du hast sie an Akbar Jehan, den Prinzen von Delhi, verkauft als Preis für seinen Beistand zu Deinen Zwecken!«

»Wahnsinniger Knabe! So wahr Du auf diesem Boden stehst, ich habe die Gewißheit, daß der Leib Deiner Geliebten tot und ihre Seele auf den neun Wanderungen begriffen ist!«

Den Khan schauderte, als empfinde unbewußt seine Seele die Ahnung, daß er mit seinem Fuß in diesem Augenblick selbst auf dem Grabe der so heiß Geliebten stand, und mit der gleich unbewußten Antipathie des Hasses gegen ihren Mörder entgegnete er: »Und wenn es wäre, so trägst Du die Schuld allein; denn Deine Pflicht war es, für ihre Sicherheit zu sorgen, indes ich fern von hier war. Aber Du lügst, falscher Hindu, warum sonst verschwiegst Du mir, daß Delhi die Standarte des Moslem-Propheten gegen die Faringi schon erhoben hat und den Kampf begann?«

»Wie? Du weißt bereits, was ich Dir eben mitteilen wollte?«

»Willst Du mir in den Bart lachen, Srinath Bahadur? Besudele Deinen Mund nicht mit falschen Worten! Seit gestern weißt Du, was in Mirut und Delhi geschehen und daß Akbar Jehan – verflucht sei sein Name – den Aufstand begonnen und die Faringi aus Delhi vertrieben hat. Längst besprochen und eingeleitet war das Geschehene, und für die gefahrlose That hast Du dem bartlosen Knaben der Moslems Mahana, die Rose von Lahore, gegeben, die ein heiliges Versprechen mir verlobt hat!«

»Du redest irre, Khan, Mahana ist tot, ich schwöre es Dir bei den heiligen Broten! Daß in Mirut und Delhi der erste Schlag geschehen, war ein Zufall. Du weißt, daß heute das große Werk hier begonnen werden sollte. Streite nicht mit Deinen Freunden gegen das Kismet, das sich nicht ändern läßt.«

Der Sikh-Häuptling wandte sich verächtlich von ihm. »Der Hindu bleibt ein Lügner gegen den Krieger des Pendschab, wenn er den Mund öffnet! Ich war ein Thor, daß ich glatten Worten traute, während meine jungen Augen gesehen, wie die verräterischen Sepoys bei Ferodschah das Blut ihrer Sikhbrüder für die Faringi vergossen! Aber höre, Maharadschah, was Dir Fattih-Murad-Khan, der Sohn Gholab-Singhs, zu sagen hat. Einmal hast Du den geheiligten Brauch der Gastfreundschaft verletzt und das Mädchen, das Dir anvertraut war, schutzlos den Händen der Räuber und Mörder preisgegeben! Nicht zum zweitenmal sollst Du das heilige Recht des Gastes auf den Schutz seines Wirtes mit Füßen treten – ich will, daß Du jene Faringi Männer und Frauen, die Du geladen unter Dein Dach, ungekränkt nach Cawnpur zurückkehren läßt. Dann laß uns morgen offen die Fahne des Kampfes erheben, und ich und die Krieger der Sikhs werden an Deiner Seite stehen!«

»Thörichter Knabe – ich sollte das Werk lange gepflegter Rache selbst aufgeben, die Ferse, die über der Schlange schwebt, ihr den Kopf zu zertreten, wie ein Feigling zurückziehen?«

»Ich warne Dich, Srinath Bahadur!«

»Nimmermehr! Bei den Unterirdischen und allen Dämonen der Hölle! Wer sollte mich daran hindern?«

»Ich!«

Der Maharadschah zuckte verächtlich die Achseln. Dann, nach dem Palast zurückdeutend, fragte er mit drohend zusammengezogener Stirn:

»Weißt Du, Knabe, daß in jenem Hause dort der Tod weilt?«

»Ich weiß es!«

»Und Du wagst es, mir vorzuschlagen, meiner Rache zu entsagen?«

»Deine Rache ist die Befreiung Indiens, der Tod der Schuldigen – nicht der Mord des geheiligten Gastes!«

»Thor! Wer erlaubt der Schlange, die uns gebissen, sich zurückzuziehen, wenn sie in unserer Gewalt ist! Geh'! Ich werde mein Werk auch ohne Dich und Deine falschen Sikhs vollbringen. Du und der kaltherzige Franke, auf den die Rani vertraut, seid nicht die Männer, eine große That zu vollbringen. Srinath Bahadur bedarf Eurer Hilfe nicht!«

»So werde ich Dich hindern daran, zur Ehre Deines Namens!« sagte entschlossen der ritterliche Sikh.

Der Hindufürst wandte sich zu ihm, sein Auge sprühte Flammen, seine Hand fuhr unwillkürlich an den juwelenbesäten Griff seines Handjars. Aber dem kühnen, furchtlosen Blick des jungen Kriegers begegnend und von dem Gedanken an das Leid, das er ihm zugefügt, erfaßt, änderte er im Augenblick seinen Entschluß.

Seine Antwort war: »Versuche es!« Dann wandte er ihm den Rücken und schritt zurück nach dem Schauplatz seines Festes.

Im Garten des Palastes kam ihm Leutnant Sanders entgegen, ihn und die Rani von Jhansi zu der Konferenz zu bescheiden, welche der Rat und die Generäle begonnen.

Wenige Augenblicke darauf erschien der Maharadschah, wieder ganz der höfliche, die Oberherrlichkeit der weißen Gebieter knechtisch verehrende Hinduwirt, mit der Rani in dem Saal, während der junge Offizier vor dem Eingang Platz nahm, um den Eintritt Unberechtigter zu verhindern.

Nachdem der Maharadschah und die Rani Platz genommen, eröffnete der Rat sogleich die Verhandlungen.

»Da ich morgen bereits wieder nach Agra reisen muß, habe ich geglaubt, daß wir ebensogut hier die Angelegenheiten besprechen können, wegen deren ich zum Teil hierher gekommen. Damit keinerlei Mißverstehen und Mißdeutung stattfinde, wünschte ich, daß die Verhandlung vor beiderseitigen Zeugen geschehe, und die anwesenden, mit den Verhältnissen bekannten Personen werden genügen.«

Diese verneigten sich sämtlich zum Zeichen der Zustimmung.

»Zunächst,« fuhr der Rat zur Königin von Audh fort, »wende ich mich an Ihre Hoheit. Durch die Proklamation vom 7. Februar vorigen Jahres hat die Kompagnie, unter Bewilligung einer Pension von 150 000 Pfund Sterling, die Regierung von Audh an sich genommen. Wir wollen über die Ursachen nicht einen längst beendeten Streit wiederholen, genug, die Einverleibung ist Thatsache und muß demgemäß betrachtet werden. Zu ihrem Bedauern müssen die Kompagnie und der General-Gouverneur dagegen erfahren, daß Ihre Hoheit, der man bewilligt hat, statt Ihren Gemahl nach Kalkutta zu begleiten im Palast zu Audh zu bleiben, fortwährend neue Intriguen und Proteste gegen die Regierung der Kompagnie anspinnen.«

»Sage mir, was ich gethan, Sahib, und ich werde Dir antworten,« entgegnete die Königin. »Es gehen viele Lügen aus dem Munde meiner Feinde, und der Wind hat sie zu Deinem Ohr getragen.«

»Zunächst ist hinter dem Rücken der Kompagnie die Mutter Ihres Gemahls nach England gereist in Begleitung Ihres Sohnes, um bei dem Parlament und der Königin Beschwerde über die Annexion zu führen, der der König selbst sich doch unterworfen hat.«

»Das ist falsch! Du sprichst Wind, Sahib. Der König, mein Gemahl, ist der Gewalt gewichen, aber er hat seinen Turban in die Hand des Sahib Outram gelegt und keinen Vertrag unterschrieben. Soll der Beraubte nicht das Recht haben, sich zu beklagen gegen seine Unterdrücker?«

»Die hohe Kompagnie,« sagte der Rat ruhig, »unterdrückt niemand. Aber der zuchtlosen Wirtschaft in Audh, bei der das Volk zugrunde ging, mußte ein Ende gemacht werden. Es ist der Regierung sehr wohl bekannt, woher der Widerstand des Königs kommt, der ein schwacher, nur von Weibern und Eunuchen beherrschter Fürst ist. Du selbst, Hoheit, bist die Ursache, Deine fortwährenden Aufreizungen und Ermahnungen stacheln ihn zum Eigensinn, ja zu Umtrieben und Verschwörungen gegen die Regierung, die ihn das Leben kosten können!«

»Die Kompagnie möge beweisen, was sie durch Deinen Mund sagt!«

Der Rat öffnete ein Portefeuille und nahm zwei Briefe heraus, die er ihr vor die Augen hielt.

»Kennst Du diese Schreiben?«

Einen Augenblick entfärbte sich die entthronte Fürstin, dann – einen raschen Blick auf den Maharadschah werfend, wie um sich Beistand zu sichern – entgegnete sie mit Hohn: »Ich wußte nicht, daß die Faringi-Regierung Briefe stiehlt!«

Der Rat errötete bis über die Stirn und sah die kecke Frau drohend an: »Wenn es die Interessen des Staates gilt,« sagte er ziemlich heftig, »hat die Regierung das Recht, die Korrespondenz verdächtiger Personen zu überwachen. Ja, es ist ihr sogar die Anzeige zugekommen, daß Ihre Hoheit dem Mißvergnügen, das sich bei einigen Sepoy-Regimentern gezeigt, nicht fremd sein sollen. Ich bin hier, um Sie zum letztenmal zu warnen, und Sie aufzufordern, diese Entsagungsakte auf den Thron von Audh für sich und Ihre Familie zu unterzeichnen.«

»Und wo ist die Unterschrift des Königs, meines Gemahls?«

»Der König wird sich nicht weigern zu unterzeichnen, wenn Ihre Hoheit ihm mit Ihrem Beispiel voran gegangen. Die Kompagnie verpflichtet sich. Ihnen außer der Pension ihres Gemahls, 60 000 Rupien jährlich auszusetzen.«

»Aber wenn ich mich weigere?«

Die Stirn des Rates furchte sich. »So wird man Mittel finden, Ihre Hoheit zu zwingen.«

»Welche, Sahib Rat?«

»Man wird die Pension des Königs einziehen und ihm und Ihnen den Prozeß wegen Hochverrats machen. Hier ist das Dokument, Hoheit, vollständig ausgefertigt, und hier die Urkunde der Pension; ich bitte, unterzeichnen Sie.«

»Möge die Hand verdorren, die es thut!« rief kräftig die Begum. »Glauben die Faringi, daß eine Hindumutter das Erbe ihrer Kinder verkauft?«

»Ich sagte es Ihnen im voraus, Sir,« bemerkte General Wheeler, der genug indisch verstand, um den energischen Protest der Begum zu begreifen. »Das Weib ist störrisch wie ein wildes Pferd, und die Nachsicht Seiner Herrlichkeit des General-Gouverneurs mit ihrem Treiben hat sie vollends verdorben.«

»Urteilen Sie nicht streng, Excellenz,« fiel begütigend der Dechant in französischer Sprache ein. »So notwendig die Annexion dieses Landes gewesen sein mag, so hart muß sie den Betroffenen erscheinen, und Sie wissen, man urteilt in Europa selbst sehr verschieden darüber.«

»Was weiß man in Europa von unseren Verhältnissen?« erwiderte der Rat barsch. »Wir haben unsere Privilegien, und man wird sich hüten, dieselben noch weiter zu verletzen.«

»Aber das Privilegium der Kompagnie läuft mit dem Jahr Achtundfünfzig ab.«

»Genug, ehrwürdiger Herr! bis dahin wenigstens – und ich hoffe zur Ehre der Gerechtigkeit der englischen Nation auch noch länger – sind wir die Herren dieses Landes, und gerade nur diese falsche Humanität wäre das Mittel, es zu verlieren! Sie haben bis morgen Mittag Zeit, Hoheit, sich zu bedenken,« wandte er sich an die Königin. »Ich breche nach der Siesta auf und werde bis dahin Ihre Unterschrift erwarten. Weigern Sie dieselbe, so zahlt die Kompagnie die Pension nicht weiter und General Lawrence hat die nötigen Instruktionen in betreff der Überwachung Ihrer Person. Diesem Spiel orientalischer Intrigue muß ein Ende gemacht werden.«

Die Begum sah ihn mit einem höhnischen Blick an, bewahrte aber ein stolzes Schweigen.

»Es thut mir leid, Hoheit,« fuhr der Rat fort, zu dem Maharadschah gewandt, »daß ich in Ihr schönes Fest politische Verhandlungen und die Strenge der Regierung gegen eine Dame mischen muß, die wir gern schonen möchten. Ich bin überzeugt, daß unsere eigenen Angelegenheiten bei Ihrer Anhänglichkeit für die Sache der britischen Herrschaft sich leichter ordnen lassen werden.«

Der Maharadschah legte die Hand auf das Herz und verneigte sich mit falschem Lächeln. »Möge die glorreiche Kompagnie noch tausend Jahre leben und die armen Hindus gebildet und glücklich machen! Die Faringi werden keinen treuern Freund in diesem Lande haben, als Srinath Bahadur, den Sohn Bazie Rûs,« beteuerte er, sich der englischen Sprache in der ihn betreffenden Unterredung bedienend. »Ich verlange nichts als Gerechtigkeit.«

»So sagen sie alle,« meinte der Rat, »ohne zu bedenken, daß den Interessen des Staates oft die persönlichen Ansprüche nachstehen müssen. Ich bedauere, Ihnen sagen zu müssen, Hoheit, daß Sie Feinde zu haben scheinen, die gegen Ihre Wünsche auftreten und selbst Ihre Treue zu verdächtigen bemüht sind. Doch beruhigen Sie sich – General Wheeler hat Ihnen das beste Zeugnis ausgestellt und sich dafür verbürgt.«

»Mein Leben gehört der Sache der Faringi,« fuhr der Nena in seiner Beteuerung fort. »Was wären wir ohne sie? Bosch – nichts! Ich liebe die weißen Männer, ihre Sprache und ihre Sitten! Der Sahib Resident ist mein bester Freund und wird mir helfen, Euer Excellenz von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnung zu überzeugen.«

Der Rat lächelte kaum merklich bei dieser absichtlichen Berufung und Major Rivers zeigte eine leichte Verlegenheit, die er jedoch mit seiner gewohnten Frechheit bald überwand. »Ich muß bestätigen,« sagte er, »der Maharadschah zeigt große Sympathie für unsere abendländischen Sitten, und ich habe mich über seine Ergebenheit nicht zu beklagen. Ich möchte wünschen, daß seine Ansprüche geneigtes Gehör fänden.«

»Diese Ansprüche sind es, auf die ich zu sprechen kommen will,« sprach der Rat. »Sie haben wiederholt auf Verleihung des Peischwa-Titels und der Pension angetragen, die der verstorbene Peischwa von Bithoor bezogen.«

»Ich verlange nichts als Gerechtigkeit, Sahib Rat. Ich bin der Sohn Bazie Rûs.«

»Aber nur sein Adoptiv-Sohn, Sir.«

»Die Rechte der adoptierten Kinder sind geheiligt durch tausendjährige Sitte. Kein Indier wagt sie zu bezweifeln!«

»Aber nicht nach unseren Anschauungen und Sitten. Die Kompagnie hat bei der Abtretung der Herrschaft des Landes dem verstorbenen Peischwa den Titel und die Pension gesichert, aber nicht das Recht, sie auf jeden Fremden zu übertragen. Bedenken Sie selbst, welche Lasten für alle Zukunft sich die Kompagnie durch solche Konsequenz auflegen würde.«

»Sahib Rat, ich war der Sohn Bazie Rûs noch ehe jener Vertrag geschlossen ward – der Fall steht demnach anders als Euer Excellenz folgern.«

»Die Sache wird sich gewiß ausgleichen lassen, wenn wir über die zweite Angelegenheit uns verständigen. Sie haben eine Klage bei dem obersten Gerichtshof der Kompagnie eingeleitet auf Herausgabe des Erbes eines Verwandten des Peischwa, also angeblich auch Ihrer selbst, des verstorbenen Dyce Sombre, des Enkels der Begum von Somroo.«

»Ich will nur Gerechtigkeit, Sahib Rat.«

»Gerechtigkeit und immer wieder Gerechtigkeit! Ich versichere Sie, es ist der Wille der Regierung, daß dem geringsten Mann in diesem Lande Gerechtigkeit zu teil werde!«

»Ich werde Euer Excellenz an diesen Ausspruch erinnern.«

»Verstehen wir uns recht: Ich halte Ihre Ansprüche in dieser Sache für keineswegs rechtlich begründet. Zunächst wiederhole ich Ihnen, daß Ihre Verwandtschaft mit dem Verstorbenen nur auf den indischen Sitten beruht, aber von keinem englischen Gerichtshof anerkannt werden würde.«

»Der Teil des Erbes, den ich hauptsächlich beanspruche, liegt in Indien, nicht in England.«

»Aber es ist Ihnen bekannt, daß Sir Dyce Sombre zur Zeit der Testaments-Aufnahme gar nicht testierungsfähig war, daß man ihm wegen Geistesstörung die Disposition über sein Vermögen genommen hatte.«

»So behauptet die dabei interessierte Verwandtschaft seiner Gattin, obschon selbst in England namhafte Ärzte das als ein schändliches Unrecht erklärten. Auch ist das Testament nicht in England aufgenommen, sondern in Paris, und wissenschaftliche und amtliche Autoritäten haben die volle Dispositionsfähigkeit meines unglücklichen Verwandten bestätigt.«

»Das Testament ist auf eine so seltsame Weise jetzt zum Vorschein gekommen, nachdem es den amtlichen Feststellungen nach in London unter geheimnisvollen Umständen plötzlich verschwunden, daß die Regierung Aufklärung darüber verlangen muß, auf welche Weise Sie in dessen Besitz gekommen sind.«

»Der indische Diener meines Vetters, Tukallah, überbrachte es mir nebst allen dazu gehörigen Dokumenten.«

»Wo ist der Mann? können Sie ihn als Zeugen stellen?«

»Euer Excellenz wissen, daß das Zeugnis eines Indiers wenig gelten würde vor einem britischen Gerichtshof. Ist Ihnen der Name Tantiah-Topi bekannt?«

»Ein Mahrattenhäuptling, wenn ich mich recht erinnere, nicht vom besten Ruf und stets mit den Feinden der Kompagnie unter einer Decke!«

»Er ist, nebst dem ältesten Sohne Gholab Singhs, dem Murad Khan, ein Vertrauter der flüchtigen Rani von Lahore,« fügte der Resident bei, »und man hat genügenden Grund ihm die Entführung Dhulip Singhs und noch manche andere Verbrechen Schuld zu geben.«

»Tukallah,« sagte der Fürst ruhig, »und Tantiah-Topi sind ein und dieselbe Person.«

»Dann, Hoheit, erlauben Sie mir die Bemerkung, daß der Name wenig zu Gunsten Ihrer Sache spricht.«

»Ich verlange einfach mein Recht, Sahib Rat.«

Der Baronet wühlte einige Augenblicke in seinen Papieren, dann, ohne auf den Einwand des Hindu zu antworten, sagte er: »Sie fordern die großen Besitzungen der alten Begum in Indien, über die, wie Sie wissen, die Kompagnie längst verfügt hat, und außerdem einen bedeutenden Anteil der Erbschaft in England, zu der dort drei rechtmäßige Erben vorhanden sind.«

»Ein Erbe, Sir. Der Gattin des Verstorbenen steht nur die ihr bei der Verheiratung ausgesetzte Summe zu, und die eingereichten Dokumente beweisen, daß die eine Schwester nicht die rechtmäßige Enkelin der Begum und von dieser enterbt war.«

»Ich muß Ihnen bemerken, Hoheit,« sagte der Rat so mild, als ihm möglich war, »daß Ihren Ansprüchen die Interessen angesehener und einflußreicher Familien entgegenstehen, und daß im besten Fall Ihre Klage zur Entscheidung der Chancery Der durch seine über viele Menschenalter fortlaufenden Verschleppungen berüchtigte Gerichtshof für die Erbschafts-Prozesse in London. kommen müßte.«

»Der rasche und unbestechliche Gang der englischen Gerechtigkeitspflege, wo es die Rechte der Erben zu vertreten gilt, ist bekannt,« erwiderte der Maharadscha mit Hohn. »Lassen uns Euer Excellenz auf meine Ansprüche an die indischen Güter zurückkommen. Nicht mein angeblich wahnsinniger Vetter, sondern schon seine Großmutter, die Begum von Somroo, bestimmte darüber.«

»Aber die Bestimmung war thöricht. Der Erbe der Güter soll davon eine Universität in Bengalen gründen und unterhalten. Gesetzt auch, Ihre Rechte auf dieses Erbe wären zu beweisen, so kann die Kompagnie niemals gestatten, daß ein so wichtiges Institut von dem Willen und dem Einfluß eines eingeborenen Privatmannes abhängt. Überdies ist eine Universität in Audh bei dem gegenwärtigen Kulturzustand der Bevölkerung ein Unding, ja geradezu gefährlich. Es ist schon traurig genug, daß die Frechheiten der Presse geduldet werden. Es wäre weggeworfenes Geld. Die Regierung hat in sämtlichen Präsidentschaften Schulen errichtet, und kaum der fünfte Teil der Kinder benutzt sie. Die Regierung hat über die Besitzungen seit länger als zehn Jahren verfügt, und aus einer neuen Aufnahme der abgethanen Sache kann nur Nachteil entstehen. Sie müssen Ihre Klage zurücknehmen, Hoheit.«

»Wenn es die Kompagnie befiehlt – ich bin ihr Knecht.«

»Die Regierung wünscht es. Sie ist bereit, dafür bei dem Direktorium Ihre Ansprüche auf den Peischwa-Titel nochmals zu befürworten.«

»Und mein Recht auf die Pension?«

»Im Augenblick erfordern die Finanzen der Kompagnie die möglichste Sparsamkeit. Die Anforderungen, die man von England aus an uns macht, steigern sich mit jedem Tage. Wir werden später die Sache in Berücksichtigung ziehen. Kann die Regierung in irgend einer Weise Ihnen sonst gefällig sein, so äußern Sie Ihre Wünsche. Wir haben mit Bedauern das Unglück gehört, daß Sie in – einer Freundin betroffen.«

»In meiner Gemahlin, Sahib Rat,« unterbrach ihn der Maharadschah.

»In Ihrer Gemahlin denn, Fürst. Ich hoffe, daß die Herstellung der Dame bald so weit erfolgt sein wird, daß ihre Aussagen auf nähere Spuren des Verbrechens leiten können. Ich verspreche Ihnen die strengste Gerechtigkeit und energische Verfolgung der Bösewichter.«

Der Maharadschah erhob sich. »Ich nehme Euer Excellenz Versprechen an, und werde Sie daran erinnern! – Darf ich unsere Gäste einladen, einzutreten und das anzusehen, was ich mit meinen geringen Künstlern der hohen Gesellschaft zu bereiten bemüht war?«

»Einen Augenblick noch, Hoheit, ich habe noch einige Worte dieser Dame zu sagen.« Er nahm ein neues Papier aus seinem Portefeuille und wandte sich zu der Rani von Jhansi.

»Ihre Hoheit zeigen sich unzufrieden mit den Anordnungen der Regierung. Sie protestieren in dieser Schrift gegen die Handlungen unsers bestellten, hier gegenwärtigen Residenten und beschuldigen ihn einer unberechtigten Einmischung in Ihre Angelegenheiten?«

Rivers warf einen überraschten und gehässigen Blick auf die Rani, dem diese mit einem stolz herausfordernden begegnete.

»Was geschrieben ist, ist geschrieben,« sagte sie mit erhobener Stimme. »Ich verlange Gerechtigkeit von der Kompagnie für die freien Fürsten Indiens statt Tyrannei und Unterdrückung!«

»Du sprichst kühn, Dame,« warnte finster der Resident. »Die Regierung ist zwar gewillt, alle mögliche Nachsicht gegen Dich zu üben, aber sie verlangt Unterwerfung und Dankbarkeit, nicht Trotz und Übermut!«

»Unterwerfung?« fragte die Fürstin stolz. »Schanda, die Rani von Jhansi, ist eine freigeborene Fürstin, nicht die Sklavin habsüchtiger Faringi! Sie ist niemand Rechenschaft schuldig von ihrem Thun, als dem Scindia, ihrem Lehnsherrn, und ihrem Gewissen. Dank – wofür? Daß man einen Spion in mein freies Land geschickt und jede meiner Handlungen von angestellten Spähern beschränken läßt?«

Die Generale hatten sich, gleich dem Baronet, unwillkürlich erhoben bei dieser kühnen Sprache der Rani. Das bleiche Gesicht des Rates, dies strenge, marmorkalte Gesicht, das jeden Schein des Empfindens verlernt zu haben schien seit jener furchtbaren Nacht, die ihm den Glauben an Weib und Kind und diese selbst raubte, es rötete sich von dunklem Zorn, und die Adern seiner Stirn schwollen.

»Verwegene! ist das die Sprache gegen Deine Herren, deren Mitleid allein Dich auf Deinem Scheinthron duldet? Die Natter des Aufruhrs und des Verrats zischt aus Dir, und beim Kreuz von Sanct Andreas – sie soll zertreten werden! Das ist der Dank für die Wohlthaten, die England diesem Volke erwiesen!«

»Wenn die Weiber bereits solcher Sprache sich erdreisten,« stimmte der Gouverneur von Cawnpur bei, »was haben wir von den Männern zu erwarten? Das kommt von der Nachsicht, mit der man dieser Närrin das Soldatenspielen erlaubt hat.«

»Es möchte leicht sein, die Quelle zu sagen, aus der so rebellische Gedanken kommen,« sagte der Resident, sein Auge mit Bedeutung auf den Rat heftend. »Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl der Umgebung der Fürstin.«

Die Rani hatte mit festem, flammenden Blick diesen Worten zugehört. Auf ihrer Stirn lag der Hohn des Triumphs und der Haß eines Jahrhunderts der Unterdrückung.

Mit majestätischer Gebärde streckte sie den Arm gegen ihre Gegner aus.

»Meine Herren! Stolze Faringi, die Ihr Euch die Herren und Gebieter in diesem Lande zu sein anmaßt – höret das freie Wort einer Frau, da den Mund der Männer die Furcht und der Verrat geschlossen hält. Frei und mächtig war der Hindu in seinem Lande, ehe der weiße Mann mit der gespaltenen Zunge an seine Küste kam. Der Ruhm Hindostans erklang durch alle Welt, und was Brahma den Menschen an Schätzen und Wissen gegeben, war in diesem Lande. Da kamen die Europäer und baten um Duldung an unseren Küsten, zuerst die Portugiesen, die Holländer und die Franken, zuletzt die verachteten Juden unter den Völkern, die Faringi! Voll Gastfreundschaft nahmen die Hindostani sie auf, aber aus den Gästen sind die Herren, aus den Sklaven die Gebieter geworden. Die Krämer, die Handel treiben, sind die Tyrannen! sie, die feilschten um die Annahs, sie haben den Fuß verräterisch auf den Nacken freier Völker gesetzt. Mit Betrug und List habt Ihr die Macht gewonnen, und mit dem Fluch von Millionen erhaltet Ihr sie. Betrogen habt Ihr die Fürsten um ihr Eigentum – unterdrückt die Rechte der Nationen. Nicht der Mann am Kreuz, sondern die Gewalt und das Gold ist Euer Gott! Ihr schändet die Frauen und würget die Kinder als Opfer Eures blutigen Glaubens! Betrug, Habsucht und Verrat sind Eure Waffen – aber reif ist die Ernte, und blutig soll die Saat aufgehen, die Ihr gesäet! Ich, ein Weib, deren Rechte Ihr unterdrücken gewollt, künde Euch offen und frei den Krieg! Ich trotze Eurer Herrschaft und will die schützen, die zu furchtsam sind, ihre eigenen Rechte zu wahren!« Ihre Hand erfaßte die Entsagungsakte der Begum, und in zwanzig Stücke zerrissen schleuderte sie das Papier vor die Füße der Erstaunten. »Wie ich den Zeugen der Willkür vernichte, möge Eure Herrschaft in diesem Lande in Stücke gehen! ich, Schanda, die Rani von Jhansi, biete Trotz der Macht der Faringi und will meine Freiheit mit der Schneide meines Schwertes verteidigen gegen den Frechen, der es wagte, die Hand einer freien Fürstin zu verlangen, wie gegen alle Tyrannen meines Volkes!«

»Wahnsinnige! Nur als Gefangene sollst Du die Schwelle dieses Palastes verlassen!«

»Wage es, stolzer Faringi, mich anzutasten! Wahre Dein eigenes Leben, denn Du atmest in der Höhle des Tigers, der kein Erbarmen kennt!«

»Wache herbei! Rufen Sie Ihre Offiziere, Excellenz! so unerhörter Trotz darf nicht ungestraft bleiben!«

General Wheeler eilte nach dem Eingang des Saales, während der Gouverneur von Audh, ein milder und nachsichtiger Charakter, den Zorn des Mitglieds des großen Rates von Indien zu beschwichtigen suchte und das Benehmen der Fürstin von Jhansi als das einer fanatischen und durch irgend einen Umstand zum Ausbruch der Leidenschaft gereizten Frau darstellte.

In diesem Augenblicke – noch ehe General Wheeler einen Befehl erteilen konnte, flogen die Portieren der beiden Bogenthüren zur Seite, und auf den Arm ihres Wirtes gestützt, der bei dem Ausbruch des gefährlichen Streites sich rasch entfernt und das geeignetste Mittel, ihn zu enden, ergriffen hatte, trat Lady Mallingham ein, gefolgt von der ganzen Gesellschaft, die im Augenblick den Saal einnahm und für das angekündigte Schauspiel sich plazierte. Diener trugen Sessel herbei für die Damen, der Strom der Konversation überwältigte jede Einsprache, und der Rat und die Generale sahen ein, daß dies nicht der Augenblick sei, um den Streit weiter zu führen, und verschoben die Ergreifung strenger Maßregeln, gewiß, daß die Trotzige ihrer Strafe nicht entgehen könne.

Unbekannt mit dem, was vorgegangen, lud ein Wink der Lady die beiden indischen Fürstinnen ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen, während sich die Damen im Halbkreis gruppierten. Der Rat, die beiden Generale und der Dechant hatten gleichfalls im Kreise Platz genommen, und hinter den Sesseln sammelte sich die Menge der Offiziere und der vornehmen Eingebornen, die der Sahib zu dem Feste geladen.

Bei der steten Absonderung, die zwischen den englischen und den eingeborenen Offizieren selbst in einem und demselben Regiment herrschte, konnte es selbst einem weniger unbefangenen Auge, als es der größte Teil der Gesellschaft für den Umstand hatte, nicht auffallen, daß die Sepoy-Offiziere sich im Hintergrund zusammendrängten, gleichsam die Ausgänge besetzt hielten, und bedeutsame Blicke und heimliche Reden mit einander wechselten.

»Nun, Hoheit,« sagte die Lady Baroneß zu dem Maharadschah, »wir sind voll Erwartung des Schauspiels, das Sie uns versprochen. Man hat mich versichert, daß Sie ein großer Verehrer der Dichter Frankreichs und Englands sind. Ich hoffe, Sie werden uns doch nicht eine der langweiligen Tragödien Racines oder gar ein Drama Shakespeares zum Besten geben, sondern ein indisches Original, etwas Nationales, Besonderes?«

»Mylady, Sie müssen vorlieb nehmen mit dem, was wir armen ungebildeten Hindu zu geben vermögen. Aber, auf meine Ehre, ich verspreche Ihnen, es ist ein Original.«

»Bitte, geben Sie mir das Programm dazu. Was wird es sein – ein Schauspiel – der Versuch einer indischen Oper, in der chinesische Sänger unsere Ohren zerreißen? Eine indische Göttermythe oder eine malayische Gaukelei?«

»Es ist eine Chapsodie, Mylady, deren Text ich selbst den Versuch gemacht habe, in englische Verse zu übertragen. Sie ist dem Kadambari Ein berühmtes indisches Liebes- und Heldengedicht. des Vanabhatta nachgebildet und wird nach der Sitte der Franken durch stumme Gruppen dargestellt werden.«

»Also lebende Bilder, und Sie selbst der Dichter, Hoheit? das ist reizend. Ihr Fest läßt nichts zu wünschen übrig. Ich gebe Ihnen zum Dank dafür die Erlaubnis, meine Hand zu küssen, Prinz, und bedaure nur eines bei meinem Besuch.«

»Und darf ich fragen, welcher Umstand so unglücklich gewesen ist, Ihrer Herrlichkeit Mißfallen zu erregen?«

»Nicht mein Mißfallen, Hoheit, verändern Sie meine Worte nicht! Ich spreche nur mein Bedauern aus, daß es mir nicht vergönnt war, neben diesen indischen Damen auch die Schönheit unserer Wirtin kennen zu lernen, der es gelungen, die Liebe des berühmten Maharadschah von Bithoor so wunderbar zu fesseln.«

Der Hindufürst verneigte sich. »Ich werde die Ehre haben, Mylady, meine Gattin Ihnen vorzustellen, ehe das Fest zu Ende ist.«

»Wie, Hoheit, ich glaubte, Lady Margareta sei durch Krankheit abgehalten, hier zu erscheinen?« fragte verwundert die Dame.

»Die Fürstin von Bithoor, Mylady, kennt ihre Pflicht zu gut, um nicht in diesen Hallen mit mir ihre Gäste empfangen zu haben.«

Die Antwort des Maharadschah war so laut und fest gesprochen, daß außer der Lady Mallingham verwundert mehrere der Umsitzenden aufhorchten und den Mund zu Fragen öffneten.

In diesem Augenblick rief General Wheeler herüber: »Den Titel Ihres Schauspiels, Freund Bahadur? Sie haben uns dessen Namen noch nicht gesagt.«

Der Nena trat zurück und näherte sich der Bühne. »Es ist ein Gedicht des Subandhu, Sahib Excellenz, und führt den Titel: Die Rache des Liebenden! Srinath Bahadur hat die Ehre, die hohe Gesellschaft um die Erlaubnis zu bitten, sein Spiel beginnen zu dürfen.«

In der tiefen geflissentlichen Demut, mit der er sich verbeugte, lag ein unverkennbarer Sarkasmus und Hohn, und während er die Hand erhob, das Zeichen zu geben, begann sein dunkles Auge sich zu entschleiern und flog mit dämonischer Freude über den glänzenden Halbkreis, der ihn umgab.

Drei Schläge des Tamtams erschütterten die Nerven der Hörer, und dann schmetterte eine rauschende wilde Musik durch den Saal von Cymbeln und Flageoletts, Hörnern und der indischen Trommel, vermischt mit dem schrillen Ton der Becken und des Triangels, wie sie der orientalische Geschmack liebt bei seinen Festen und Aufzügen.

Und aus dem wirren Getön dieser Musik, verborgen von dem Vorhang der Bühne, erhob es sich in sehnsüchtigen, lockenden Klängen, wie der Gesang der Budurubul, des Vogels der tausend Lieder, ein flötender Klarinetton, herzdurchbebend, träumend in süßer Melancholie, als malten Töne die Erinnerungen einer süßen und unglücklichen Liebe. Hinter dem Vorhang hervor trat eine ernste Greisengestalt, gehüllt in weiße wallende Gewänder, den schmalen Goldreif der indischen Barden um das lang flatternde Haar, den weißen Bart bis auf das rote Brahminenzeichen herabfallend, welches das Gewand auf der linken Brust schmückte. Und während die schmelzenden Töne wie im fernen Echo verklangen, kauerte der greise Sänger sich zur Seite des Inderfürsten auf der Rampe der Bühne nieder, und seine Finger rauschten über die Saiten der Laute, die er im Arm trug.

Dann, in dem einfachen, halb singenden Rhythmus indischen Rezitativs entströmte der Wortlaut der Ghaselen in hindostanischer Sprache seinen Lippen.

Alles schwieg, neugierig durch den seltsamen Eingang des versprochenen Schauspiels. Jetzt erhob der Maharadschah die Hand, und auch der indische Sänger schwieg. Aus seinem Arm nahm der Nena die Laute, mit kräftigem Akkord griffen seine Finger in die Saiten und das Auge zur Decke erhoben, gleich den römischen Improvisatoris, wiederholte seine volle wohltönende Stimme die Ghaselen in freien englischen Versen nach dem Muster Byron, seines Lieblingsdichters:

»Golden sind Surikhas Locken
Wie der Sonne lichter Strahl,
Der der Blüten duft'ge Glocken
Küßt im Himalaya-Thal.
Ihre Augen sind Saphire,
Eine Palme die Gestalt,
Und dem Säuseln der Zephyre
Gleicht des Lächelns Allgewalt.
Weiße Perlen sind die Worte,
Die aus der Rubinen-Pforte
Ihrer Lippen, den Korallen
Ihrer Zähne süß entfallen.

An des Indus gelben Wellen,
In dem fernen Lande Sindh,
Unterm Zelt aus Löwenfellen
Lebt der Khan von Samarkind.
Stolz entsprossen aus dem Samen
Mächtiger Helden, ist der Namen
Tarapidas hoch bekannt
Durch das weite Inderland.
Seine Faust erschlägt den Tiger,
Nur im Wohlthun sucht er Lohn,
Und als treubewährter Krieger
Steht er an des Sultans Thron.«

Wieder rauschte die wilde Musik hinter der Gardine in den kriegerischen Klängen der Cymbeln und Becken auf, als wollten sie den Ruhm des jungen Helden verkünden, den das Lied des Inderfürsten besang, der jetzt dem greisen Barden die Laute reichte, fortzufahren in seinem Text.

Und wiederum übersetzte er der Gesellschaft die Verse, den Tonfall mit leichtem Ausdruck wechselnd:

»Und von Kashmirs schönem Kind
Hört der tapfere Held von Sindh.
Da entbrennt in Liebesglut
Ihm das Herz, wie jäh die Flut
Von des Monsoons Hauch gefüllt
An Suratas Küste schwillt.
Und er zieht zum fernen Land
Und er holt mit tapfrer Hand
Von dem Fuß des Dwalagir
Sich die Rose von Kashmir!
Und der Löwe aus dem Sindh
Wird zum schuldlos frohen Kind,
Denn des Cama Der Gott der Liebe. Huld verhieß
Ihm der Liebe Paradies.
Von Kammari Die südlichste Spitze Indiens. bis Kabul
Singt die süße Burubul
Keinen Glücklichern ihr Lied,
Als Surikh' und Tarapid!«

Unter den zarten Molltönen des Flageoletts rauschte der Vorhang zur Seite, und ein staunendes Ah! der Versammlung begrüßte das reizende Bild, das sich den Blicken zeigte.

An dem breiten Stamm einer Banane auf grünem Rasenteppich ruhte zwischen Rosen- und Geranienbüschen ein Liebespaar, der Mann, eine prächtige Kriegergestalt in der malerischen Tracht der ritterlichen Afghanenstämme, Säbel und Schild zur Seite, das Haupt im Schoß eines schönen Mädchens mit köstlich blondem Haar, in die weiche blaue Tunika der Frauen der tibetanischen Hochgebirge gehüllt.

Wer Major Rivers beobachtet und gesehen hätte, wie er auf das blonde Frauenbild starrte, würde bemerkt haben, wie sein Antlitz sich mit fahler Blässe überzog.

Das Antlitz dort oben auf der Bühne unter dem Bananenbaum und dem Goldschleier des Gewebes von Tibet war ein ihm bekanntes – es glich Narika, der Odaliske von Kaschmir, die dem Brand der Zenanah entflohen war!

» Ma foi! Sehen Sie, meine Liebe, das Gesicht jenes Afghanen-Kriegers gleicht es nicht zum Erstaunen unserm liebenswürdigen Wirte selbst?«

»Ich glaube, es ist Baber Dutt, sein Bruder, der die Rolle übernommen,« erwiderte Miß Wheeler.

»Und das reizende Geschöpf, das die Heldin des Gedichts darstellt, wahrhaftig, das Bild ist entzückend und könnte in den Salons von White Hall oder der Tuilerien dargestellt werden!«

Zusammen rollte der Vorhang und verhüllte die Gruppe vor den Augen der Zuschauer. Wieder rauschte der Akkord der Saiten und die Hindostani-Verse flossen von den Lippen des greisen Barden.

Und der Bahadur übersetzte die Verse, während wie in weiter Ferne die wilde Musik seines Volkes hinter dem Vorhang erklang.

»Die Dämonen sind dem Glücke
Feindlich, das uns Cama giebt,
Und in ihrer Bosheit Tücke
Hassen Sie, was treu sich liebt.
Hin zu seinem Sandelthore Die berühmten und kostbaren Thore des Tempels von Lahore aus Sandelholz, die bei der Eroberung des Pendschab von den Engländern geraubt wurden.
Ruft der Sultan von Lahore
Seinen Krieger Tarapida.
Und er läßt zurück Surikha,
Auf den Schutz des Bruders bauend,
Und der Treu' des Freundes trauend.
Hassan war, wie er, ein Krieger,
Und er hatte Zelt und Mahl
Mit dem edlen Hindusieger
Schon geteilt wohl hundertmal.
Doch im Stillen neidet er
Seiner Liebe Glück ihm schwer,
Und als Tarapida fern,
Raubt er seines Lebens Stern! –
Jene zarte Frau'n-Gestalt
Bricht des Schändlichen Gewalt,
Tückisch stürzt er ins Verderben
Ihren Bruder, dessen Sterben
Freiheit erst schafft seinen Lüsten,
Und er schwelgt an ihren Brüsten
Und beschimpft den zarten Leib
Und entehrt des Freundes Weib!«

Wilder und wilder rauschten die Akkorde! –

»Nicht die Schande selbst bereuend,
Doch der That Vergeltung scheuend,
Birgt er in dem Schoß der Erde,
Daß sie nimmer kundbar werde,
Jetzt Surikha, bis der Götter
Wort den Rächer und den Retter
Ihrem Jammer endlich weckte,
Den des Wahnsinns Nacht bedeckte!«

Wie ein Beben ging es durch den Saal – kein Laut – denn selbst auf den stolzen und kalten Männerherzen lag es wie furchtbare Ahnung des Kommenden, lag die Gewißheit, daß die Verse des Hindufürsten eine entsetzliche Bedeutung hätten!

Bleiche Frauengesichter sah man im Kreise, und in den Augen Edithas glänzten Thränen des Mitgefühls, während ihre Blicke angsterfüllt in dem Kreise der Männer die Gestalt des Retters suchten, der ihr und den Ihren Schutz gelobt vor der Rache des Nena.

Auch das Antlitz des Residenten war bleich – aber die Lippen zusammengepreßt, die Stirn in dunklen Falten und das Auge mit trotziger Drohung auf seinen Gegner geheftet, stand er, auf den Säbel gestützt, regungslos in der Mitte der Offiziere.

Ohne dem indischen Barden die Laute zurückzugeben und seinen Gesang abzuwarten, that der Hindufürst einen Schritt auf den Kreis der Gäste zu; aus seinem Angesicht schien das Blut gewichen, in seinen Augen glühte es, als habe ihn selbst der Wahnsinn gepackt, einen schrillen Akkord riß seine Hand über die Saiten, und dumpf und dennoch verständlich, bis in die fernsten Ecken des Saales, grollte seine Stimme, als er in dieser dämonischen, erschütternden Improvisation fortfuhr:

»Wollt Ihr schau'n das Ungeheure,
Wollt Ihr seh'n, Ihr zarten Frauen,
Wie das Liebste und das Teure
Untergeht in Leid und Grauen?
Fragt Ihr, was in düstren Tagen
Tarapidas Herz erfüllt?
Weibern nur gehört das Klagen
Doch dem Rächer jenes Bild

Auseinander fuhr der Vorhang: in dunklem Kerkergewölbe, auf feuchter Binsenmatte kauerte die Jammergestalt der Hindufrau mit dem bleichen Angesicht, den starren Blicken des Wahnsinns, die zerstörten blonden Locken durch die hageren Finger gleiten lassend, und von den weißen Lippen schien Ophelias Schmerzenslied zu zittern.

Und ihr zur Seite standen zwei Männer, einer in der einfachen Tracht der Gangesschiffer, den blanken Stahl drohend geschwungen in der Rechten, die Linke den weiten arabischen Mantel erfassend, der die scheu fliehende Gestalt des Zweiten verhüllte.

Ein Schlag des Tamtam durchdröhnte gellend den Saal!

Nieder fiel der Mantel des Fliehenden, seine Kleidung, sein Antlitz wurden sichtbar den hundert fragenden Augen.

» Goddam! Das ist Rivers, wie er leibt und lebt!«

Der Ruf des Doktor Brice schien wie ein elektrischer Schlag die allgemeine Erstarrung zu lösen.

Die Generale und der Rat erhoben sich; Unwillen in den rauhen, von Alter und Strapazen verhärteten Zügen, trat der Gouverneur von Cawnpur auf den Nena zu, dessen Auge mit starrem, furchtbarem Ausdruck auf dem Verfemten haftete.

»Ich muß gestehen, Hoheit, das ist kein Spiel für ein Fest! Ich habe Ihre Launen und Exzentrizitäten immer mit Nachsicht behandelt und Sie protegiert, aber diese offenkundige Beleidigung eines britischen Beamten und Offiziers geht zu weit. Ich muß Erklärung fordern – was beabsichtigen Sie mit dem Mummenschanz?«

» Gerechtigkeit

Die Stimme des Nena dröhnte durch den Saal, als er das eine Wort sprach.

»Gerechtigkeit? Seine Excellenz der Herr Rat hat Sie vorhin bereits darauf aufmerksam gemacht, daß das Wort eine vage Bedeutung hat. Für was und gegen wen verlangen Sie Gerechtigkeit?«

»Gegen die Entführer meines Weibes, Sir!«

»Wir beklagen alle Ihr Unglück, aber Sie selbst wissen, daß die Dacoits, welche das Verbrechen wahrscheinlich begangen, noch nicht zu ermitteln waren.«

»Die Verbrecher sind hier!«

»Hier? Enden Sie endlich die Rätsel, Hoheit, in denen es Ihnen zu sprechen beliebt. Wo sind die Schuldigen?«

»Dort!«

Seine Hand wies auf den Residenten.

»Also doch? Sie wagen es, die Anklage Ihres Bildes mit Worten zu wiederholen?«

»Ich wage es! Bei den heiligen Broten! bei dem Gekreuzigten der Christen! dieser Faringi ist der Räuber und Mörder meines Weibes!«

»Der Mörder?«

»Ja, Sahib General! Meinst Du, Srinath Bahadur werde das Lager seines Weibes verlassen, um den Fremdlingen seine goldenen Säle zu öffnen, wenn ein Hauch des Lebens noch auf den Lippen der Geliebten war? Schaut hin und seht das Opfer der Lüste eines weißen Mannes!«

Er streckte die Hand nach der Bühne; die Gruppe von vorhin war verschwunden, nur der Hindu-Schiffer zeigte sich noch den Blicken und neben ihm ein offener Sarg von Sandelholz mit den weißen und roten Blüten der Orangen und des Lotus. Auf dem Blumenkissen, in das weiße Gewand gehüllt, lag eine bleiche, abgezehrte Gestalt, das Auge geschlossen, die blonden Locken um das Totengesicht – Margarethe O'Sullivan, die Gattin des Maharadschah von Bithoor!

»Es ist falsch – erlogen, was er spricht!« schrie der Resident durch die grauenhafte Stille, die sich bei dem Anblick über die ganze Gesellschaft gelagert. »Wird man der Lüge eines verräterischen Schwarzen mehr glauben, als dem Wort eines britischen Offiziers? – Wo sind die Zeugen für seine wahnsinnige Anschuldigung? Soll diese Tote es sein, die ihres Verstandes beraubt gestorben ist?«

»Die stummen Gräber nehmen die Toten auf, aber sie geben sie auch wieder zurück zur Stunde des Gerichts,« sagte der Maharadschah ernst. »Und die Gräber sollen sprechen, um Deine Tücke anzuklagen und zu verdammen für Zeit und Ewigkeit!«

Und hinter dem Sarg der schändlich geknickten Blume des grünen Irlands erhob sich eine seltsame Gestalt, ein Mann, bleich und leidend, kein menschenähnliches Angesicht mehr und dennoch fast jedem bekannt in den Reihen der erschrockenen Gäste. Frei und offen war die schöne Männerstirn, von blondem, lockigem Haar umspielt, das blaue Auge voll Gram, der obere Teil der Wangen und die Nase schön und edel geformt in unverkennbarer Ähnlichkeit mit dem Leichenantlitz der Toten. Aber eine dunkle Höhlung gähnte statt des Mundes, ein Gewebe zerrissener und vernarbter Muskeln und zerschmetterter Knochen bildete den unteren Teil des Gesichts statt Schlund und Kinn, entsetzlich anzuschauen.

Die Gestalt, im europäischen Anzug eines Gentleman-Reiters, aber ein großes Tigerfell mit silbernen Klauen wie einen Mantel um die Schultern geschlungen, trat langsam hinter dem Sarge hervor und mit schwankendem Schritt die Stufen der Bühne nieder, gerade auf den Residenten zu, der entsetzt, wie vor der Erscheinung einer anderen Welt, zurückwich und die Lehne eines Stuhls mit zitternder Hand erfassen mußte, um sich aufrecht zu erhalten.

Dann blieb die Jammergestalt, die sich nahete, auf ihrem Wege stehen und hob die Arme gen Himmel.

Jetzt sah man, daß beide Ärmel leer waren vom Ellenbogen-Gelenk – dem Manne fehlten die Arme und Hände.

»Der Teufel soll mich holen,« sprach Doktor Brice, indem er die Gläser seiner Brille abwischte, »wenn da nicht wirklich das Grab seine Beute herausgegeben hat! Ned, mein Bester, wer hat die wundervolle Kur an Ihnen gemacht?«

»Eduard O'Sullivan,« tönte die Stimme des Nena, »armer, unglücklicher Bruder! zeige uns den Mörder Deiner Schwester!«

Und der Verstümmelte wankte weiter auf den Residenten zu, der zerrissene Schlund bewegte sich, als wollte er Worte von sich geben, aber nur der pfeifende Atem der Brust war zu hören, nur in den Augen flammte der Strahl dessen, was die Lippe nicht mehr zu stammeln vermochte.

So trat er dicht heran an den Mörder seines Lebens und legte die beiden verstümmelten Arme auf dessen Brust.

Mit Gewalt hatte der Resident seinen Trotz und seine Fassung zurückgerufen. Ein egoistischer Bösewicht in jeder Faser, war er doch ein Mann von großem persönlichem Mut und nichts fürchtender Kühnheit, wo es die Verfolgung seines Willens galt, wie wir ihn bereits an den Ufern des Somo gesehen. Er fühlte, daß er von Todfeinden umgeben, und daß nur der Trotz der Frechheit sein Spiel zu retten und seine Gegner zu entwaffnen vermöge.

Mit diesem Bewußtsein hatte er auch seine volle Kaltblütigkeit wiedergewonnen, und sein trotzig höhnender Blick überflog und prüfte die Zahl dieser Gegner, um einige Augenblicke Zeit zu gewinnen.

In der That, sie war nicht klein! Dort der Maharadschah mit den das Furchtbarste verkündenden Falten der Stirn, an die Wand der Bühne gelehnt der Schiffer der arabischen Praua, gleich dem Löwen der Kaffern-Thäler zum Sprunge bereit auf seinen Feind, dort an den Nena gedrängt der Babu, der Vater des Mädchens, das er in seinen Harem geschleppt, die Jammergestalt des so teuflisch geopferten, vertrauenden Freundes – und da der triumphierend stolze Blick der Hindufürstin, der er noch vor kaum einer Stunde Hand und Namen geboten, und deren höhnende Verwerfung seine Schande begonnen. »Es freut mich, Ned, daß Sie dem Tode entgangen sind, wenn auch übel zugerichtet,« sagte Rivers mit kalter Entschlossenheit. »Warum zum Teufel ließen Sie Ihre Freunde so lange in dem Glauben, daß Sie nicht mehr unter den Lebendigen wären?«

»Schamloser Bösewicht,« schnaubte der Nena, »wagst Du es, in der Nähe der Toten zu spotten?« Seine Hand lag an dem Juwelengriff seines Säbels. »Richtet Ihr selbst, stolze Krieger der Weißen, zwischen mir und jenem und sprecht Euer Urteil, ob er mir gehört? Gebt Gerechtigkeit, wenn Ihr selbst auf Erbarmen des Tigers hofft!«

Der Resident blickte um sich. Die Mehrzahl der britischen Offiziere war von ihm scheu zurückgetreten, er stand allein in dem Kreise, und in vielen Gesichtern erkannte er den offenen Ausdruck der Verachtung und der Mißbilligung.

»Es ist Zeit, daß die Komödie zu Ende geht, denn ich sehe, diese Herren scheinen geneigt, ohne Untersuchung der frechen Verleumdung eines Hindu den Landsmann zu opfern, bloß weil jener ihnen prächtige Feste und Mahle giebt. Ich fordere Ihren Schutz, Excellenz, gegen die Anklage der Bosheit. Der Maharadschah von Bithoor ist ein Verräter, ich klage ihn an des Einverständnisses mit den Feinden Englands! Jener Mensch dort, den er zu seinem Possenspiel gebraucht, ist ein Deserteur des 74. Regiments, ein Genosse der aufrührerischen Boers und Kaffern am Kap, Peter Prätorius, wie Kapitän Delafosse bezeugen wird. Und der Führer der Leibwache jener Fürstin, die noch so eben ihren Haß gegen England kundgegeben, ist ein verwegener Abenteurer und Rebell, auf dessen Kopf Lord Ward in Korfu einen hohen Preis gesetzt, kein Sardinier, wie man seine Beschützer glauben macht, sondern der Ionier Marcos Grimaldi. Mit diesen Rebellen stehen meine Ankläger im Bunde, und der Zweck der Anklage ist, denk' ich, deutlich genug!«

Diese geschickte und dreiste Wendung war der Meisterstreich eines gewandten Fechters, und die Aufmerksamkeit und Teilnahme, bisher dem furchtbaren Geschick der unglücklichen Irländerin zugewandt und die allgemeine Stimmung gegen Rivers kehrend, änderte sich rasch zu dessen Gunsten.

Ein unerwarteter Zwischenfall kam dem dreisten Leugnen des Bösewichts zu Hilfe.

Vom Eingang des Saales her forderte eine gebieterische Stimme laut den Durchgang: »Depeschen für Seine Excellenz den Gouverneur! Geben Sie Raum, meine Herren!«

Durch die sich öffnenden Reihen der Militärs und Damen kam hastig ein fremder Offizier in der Uniform des 6. Garde-Dragoner-Regiments Ihrer Majestät. Sein ganzes Aussehen zeugte von den furchtbaren Anstrengungen einer langen und eiligen Reise. Seine Kleidung und sein Gesicht waren mit Staub und Schmutzkrusten förmlich bedeckt, die Augen blutunterlaufen, eine schwarze Wundbinde um die Stirn bewies, daß er vor kurzem noch einen Kampf bestanden.

»Wo ist Sir Henry Lawrence, der Gouverneur von Audh? Wichtige Depeschen vom General Barnard!«

»Ich bin General Lawrence. Wo kommen Sie her?«

Der Offizier salutierte. Man sah ihm an, daß er so erschöpft war, daß er sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte.

»Von Delhi, Excellenz. Die Briefe besagen das Nähere und fordern schleunige Weiterbeförderung. Ich habe den Weg in fünf Tagen und fünf Nächten zurückgelegt!«

»Dann muß ein Unglück die Ursache sein. Entschuldigen Sie, meine Damen!« Der General riß das Couvert der Depesche ab und durchflog sie mit den Augen – man sah sein freundliches Gesicht immer ernster werden, die Falten seiner Stirn sich furchen und ein leises Beben der Hand. Die Anklage des Residenten, der Tod der schönen Margarete, der falsche Sardinier Maldigri, wie der drohende Zorn des Nena – alles war vergessen vor dem Interesse an der Botschaft des fremden Offiziers, und die Engländer umdrängten fragend den General.

»Die Sache steht schlimmer, als wir befürchtet haben,« sagte dieser, dem Gouverneur von Cawnpur und dem Rat die Depeschen reichend. »Verheimlichung würde wenig nutzen; die Sepoy-Regimenter im Norden sind im vollen Aufstand, Mirut und Delhi sind von den Rebellen genommen, die schändlichsten Morde sind an unseren Landsleuten, an Männern, Frauen und Kindern verübt und der abgesetzte Mogul ist zum Kaiser von Indien ausgerufen worden. General Barnard fordert aufs schleunigste alle disponiblen Truppen zur Verstärkung!«

Die schreckliche Nachricht, mit Blitzesschnelle sich auch zu den entfernter Stehenden verbreitend, erweckte allgemeine Aufregung. Man umringte den Offizier, der sich ermüdet auf einen Stuhl niedergelassen, und bestürmte ihn mit Fragen und Aufforderungen nach weiteren Mitteilungen. Er schilderte mit fliegenden Worten die Greuel, deren Augenzeuge er gewesen, die heldenmütige Aufopferung der englischen Offiziere und die Explosion des Pulvermagazins, das diese selbst in die Luft gesprengt.

»Danken Sie Gott, Sir,« wandte sich Oberstleutnant Stuart zu dem Dechanten, der mit Entsetzen die Schilderungen anhörte, jetzt erst den Sinn der Andeutungen seines Freundes begreifend, »daß Lady Hunter sich glücklich in Ludhiana befindet, wie Sie uns erzählten; welch schreckliches Los wäre sonst wahrscheinlich auch ihr zu teil geworden!«

Der Dragoner-Offizier wandte den Kopf, »Lady Hunter, die Frau des Dechanten? Ich weiß nichts von ihrem Schicksal, aber ich sah sie zwei Tage vorher, ehe das Unglück ausbrach, bei einem Besuche des Lazaretts.«

Der Geistliche sprang auf ihn zu. »Barmherziger Gott! täuschen Sie sich nicht, Sir? Lady Adelaide, meine Gattin, in Delhi? Himmlischer Vater, dann ist sie ermordet von den blutigen Ungeheuern!«

Der Offizier sah ihn teilnehmend an. »Verzeihen Sie, hochwürdiger Herr, wenn ich absichtslos Ihnen eine traurige Nachricht gebracht – ich erkannte Sie nicht gleich und konnte unmöglich Ihre Anwesenheit ahnen. Leider ist es wahr, daß Lady Hunter sich in Delhi befand, sie traf in voriger Woche von einer Reise dort ein. Aber noch ist nicht alle Hoffnung verloren; ich hörte nichts von ihrem Schicksal. Vielen Frauen und Familien ist es gelungen, sich glücklich aus der Stadt zu retten, andere sollen noch von den dankbaren Eingeborenen verborgen gehalten werden. Lady Hunter steht auch bei diesen wegen ihrer aufopfernden Güte und Menschenfreundlichkeit in so hoher Achtung, daß ich unmöglich glauben kann, man habe ihr Leides gethan.«

Alle fühlten die geringe Sicherheit des gut gemeinten Trostes, und der Dechant selbst schüttelte zweifelnd das Haupt. »Wo der Mensch, zu fanatischer Raserei entflammt, die Schranken der gewohnten Ordnung durchbricht und in dem Blute seiner Brüder sich badet, da kennt er nicht Achtung noch Dankbarkeit und wird zum wilden Tier! – Gott der Allmächtige,« fügte er gewaltsam sich fassend hinzu, »hat die teure Gefährtin an das Herz des Gatten gelegt und sie wieder zu sich genommen! Möge ihr Ende ein leichtes gewesen, und ihre Seele bei ihm sein.«

Während dessen hatten die Generale, der Rat und mehrere der älteren Offiziere eine rasche Beratung gepflogen und beschlossen, daß General Lawrence sofort nach Lucknow aufbrechen, und der Rat in seinem Schutz sich nach der Hauptstadt des Audh begeben solle.

»Meine Herren und Damen,« erklärte General Wheeler mit erhobener Stimme, »die erhaltene Nachricht macht es uns zur Pflicht, aufs schnellste nach Cawnpur zu eilen. Nach den Ereignissen, die leider schon kurz vorher die Eintracht zwischen den beiden Nationen zu stören gedroht, kann unseres Bleibens überhaupt nicht länger sein. Erteilen Sie Ihrer Dienerschaft die nötigen Befehle zum Aufbruch.«

» Gerechtigkeit, Sahib General!« erklang über alles Geräusch der allgemeinen Bewegung hin die mahnende Stimme des Nena.

»Das ist keine Zeit, um Ihre Klagen anzuhören und zu entscheiden, Sir,« sagte der General mit Strenge, »selbst wenn Sie dieselben auf eine passende Art angebracht hätten. Später wird sich Gelegenheit finden, Ihre Anschuldigungen zu untersuchen, bis dahin aber warne ich Sie, Rebellen oder verdächtigen Personen Schutz zu gewähren.«

Er wollte sich entfernen, der Nena aber stellte sich ihm in den Weg.

»Ihre erste Pflicht ist, Sahib General, Gerechtigkeit für das Verbrechen zu üben! Niemand wird diesen Saal verlassen, ehe der Mörder mir nicht freiwillig ausgeliefert ist!«

»Sie gehen zu weit, Fürst,« ermahnte General Lawrence, »beruhigen Sie sich, wir ehren Ihren Schmerz, und ich selbst verspreche Ihnen, daß die Sache später ohne Ansehen der Person untersucht werden soll.«

»Sie mißbrauchen unsere Nachsicht!« rief der Gouverneur von Cawnpur heftig. »Gehen Sie aus dem Wege, und danken Sie es meinem früheren Wohlwollen, daß ich die Beschuldigung des Majors Rivers nicht zunächst untersuchen und Sie verhaften lasse bis zum Ausweis über jene verdächtigen Persönlichkeiten, Sie samt jener Rebellin!« Er wies auf die Rani von Jhansi und schritt vorwärts.

»Sahib General – Du weigerst Dich? Bedenkst Du, was Du thust?«

»Aus dem Wege, Sir, ich dulde keine Frechheit!«

Sir Hugh Wheeler legte zürnend die Hand an das Gefäß seines Degens.

Der Nena lachte höhnisch auf und sprang zurück.

» Ram! Ram! Mahadeo

Der wohlbekannte Schlachtruf der Hindus, den er ausstieß, fand sein Echo in dem donnernden Gegenruf der zahlreichen Sepoy-Offiziere auf allen Seiten des Saales:

» Jai – jai – kar

Zugleich entstand unter den letzteren eine allgemeine Bewegung, sie zogen die Säbel und stellten sich vor die Ausgangsthüren des Saales.

»Was bedeutet das?« schrie der General. »Verrat – Empörung?«

»Ja, Empörung,« rief der Nena, »und dieser Schurke soll die erste Sühne des befreiten Hindostan sein!«

Und gleich dem Tiger, ohne seine Waffe zu ziehen, stürzte er sich auf den Residenten, erfaßte ihn am Kragen und versuchte ihn aus den Reihen der Engländer zu reißen.

Die That, der ganze Ausbruch der so lange und so geschickt verhehlten Gesinnung des Maharadschah kam allen so unerwartet, daß Schrecken und Erstaunen selbst die Entschlossenheit der Mutigsten fesselten.

Im ersten Augenblick glaubten die Generale, daß nur das heißer durch die Adern wallende Blut den Nena zu einen Ausbruch der Erbitterung über die vereitelte Rache verleitet hätte, aber die Überlegung weniger Augenblicke bewies ihnen, daß dieser Widerstand, diese Auflehnung gegen die englische Autorität eine vorbedachte und vorbereitete Sache sei, deren Folgen höchst gefährlich werden könnten.

»Zu den Waffen, Landsleute! Zeigt den Verrätern, daß britische Offiziere sich vor meineidigen Rebellen nicht fürchten!« befahl General Wheeler.

»Männer, seid Ihr wahnsinnig?« rief Sir Hugh Wheeler die Sepoy-Offiziere an. »Steckt die Waffen ein bis auf die Befehle Eurer Oberen! Jeder Ungehorsam würde mit dem Tode bestraft werden!«

Nur das tumultuarische Geschrei und der Ruf: » Jai – jai – kar!« antwortete ihm. Die britischen Offiziere hatten ihre Säbel und Degen gezogen, die meisten aber waren gänzlich unbewaffnet, da sie jene zum Tanz, und um im Gedränge und der Hitze unbelästigter zu sein, in den Vorzimmern abgelegt. Die Frauen wurden ängstlich, begannen nach ihren Männern und Verwandten zu rufen, und sich aneinander zu drängen, obschon die durch eine so lange Reihe von Jahren der unbestrittenen britischen Herrschaft gewonnene Sicherheit und der Übermut europäischen Stolzes noch in keines Sinn die Furcht vor wirklicher Gefahr aufkommen ließ.

Lady Mallingham, deren Gatte noch keine Zeit gefunden, sie wegen der Anklage des Major Rivers gegen ihren angeblichen Verwandten zu befragen, der aber jetzt die Andeutungen des letztern verständlich geworden, suchte ängstlich mit den Blicken Grimaldi, um sich nötigenfalls unter seinen Schutz zu stellen. Sie fand ihn, während alle indischen Mitglieder der Gesellschaft sich von den Engländern getrennt hatten und abgesondert hielten, nahe bei sich und dem Dechanten stehen, die Vorgänge aufmerksam und mit entschlossener Miene bewachend.

Sie legte die Hand auf seinen Arm. »Vetter Maldigri,« flüsterte sie, »Sie bürgen für meine Sicherheit!«

Er winkte ihr ungeduldig, ohne sie anzusehen. Seine Blicke waren fest auf die Begum von Audh gerichtet, die gleichfalls mit der Rani, seiner Gebieterin, nach der rechten Seite getreten war, während die Engländer auf der linken sich zusammenscharten.

Seine Hand hielt die Hunters, der in seinem Schmerz fast gleichgültig gegen die Vorgänge um ihn her, seinen Platz nicht verlassen hatte.

Die Vorgänge spielten sich so rasch und so gleichzeitig ab, daß die Gefahr des Residenten kaum von seinen Landsleuten bemerkt und von wenigen beachtet wurde.

Zufällig stand der Verlobte der schönen Editha, Leutnant Sanders, der bisher vergeblich sich bemüht hatte, der Dame sich zu nähern, in seiner Nähe. Rasche Entschlossenheit war eine der glänzenden Eigenschaften des jungen Offiziers, den ein längeres Leben, als ihm von seinem wahrhaft furchtbaren Geschick bestimmt war, gewiß zu einer Zierde der englischen Armee gemacht hätte.

Mit einer raschen Bewegung war er an der Seite des Bedrohten; ein kunstgerechter Boxer-Faustschlag zwang den Hindu, sein Opfer loszulassen und machte ihn zurücktaumeln. Ehe er seinen Handjar ziehen oder ehe einer seiner Mitverschworenen ihm zu Hilfe kommen konnte, hatte der junge Offizier den Residenten in die Mitte der Engländer gezogen.

Das Antlitz des Nena hatte sich bei dem Schlage mit dunkler Glut gefärbt.

Er schüttelte seine Hand drohend gegen den Offizier. »Fluch Dir, Faringi! Hundertfachen Tod sollst Du sterben, weil Du gewagt, der Rache Srinath Bahadurs in den Weg zu treten!« Er sprang zurück an den Aufgang der Bühne. »Faringi!« schrie er laut, daß seine Stimme allen Lärm übertönte, während seine Hand sich nach dem Sarge streckte, »stolzes Geschlecht feiler Tyrannen – Eure Zeit ist gekommen, Eure Herrschaft über das tausendjährige Geschlecht der Hindostani zu Ende! Bei jenem Leichnam, dem Teuersten, das ich auf der Welt besaß, gelobe ich, kein Mann und kein Weib, die eine britische Mutter geboren, soll lebendig das Haus Srinaths verlassen, wenn Ihr nicht freiwillig den Verbrecher seinem Zorn überliefert!«

»Nimmermehr, frecher Heide!« zürnte General Lawrence, »wir sind britische Offiziere, nicht feige Söldner, die ihr eigenes Blut verleugnen. Lieber den Tod, als ehrlosen Schimpf! Nehmen Sie die Frauen in Ihre Mitte, Gentlemen, und lassen Sie uns den Ausgang erzwingen!«

»Zum letztenmal! gebt Rivers, den Mörder, den Mörder!« heulte der wütende Hindu.

»Fest geschlossen! vorwärts!« kommandierte der greise General an der Spitze der Offiziere, die mit militärischer Disziplin unter zustimmendem Ruf eine Art von Karree um die zitternden und weinenden Frauen gebildet hatten, und die Bewaffneten voran, zum Ausgang des Saales drängten.

Der Nena schwang mit gellendem Hohnlachen seinen Turban.

Ein Kommandowort erscholl.

Die Sepoy-Offiziere wichen zu beiden Seiten zurück und gaben den Raum zwischen den Säulen, welche die Zugänge bildeten, frei – die Engländer drängten rasch darauf hin.

Da flogen die schweren Teppiche, die als Portieren dienten, zur Seite, und hundert Gewehrläufe und glänzende Bajonette starrten ihnen entgegen, dahinter die bronzedunklen wilden Gesichter, die weißen Rache und Tod drohenden Augen der aufrührerischen Sepoys.

Bestürzt wichen die Engländer zurück, ihre Blicke flogen umher, einen anderen Ausweg zu suchen.

Der Nena klatschte in die Hände.

Auf dies Zeichen ging die hintere Gardine der kleinen Bühne auseinander, und etagenweise hintereinander aufgestellt erblickte man eine rote Wand von Sepoys, die Musketen im Anschlag, die Tod drohenden Mündungen nach dem Saale gerichtet.

Ein Schrei des Entsetzens erscholl, selbst den Tapfersten bebte das Herz.

Wiederum ertönte grell und schneidend die Stimme des Nena:

»Liefert den Mörder aus! den Mörder!«

Ein Augenblick des Schweigens, des Zauderns erfolgte, während dessen sich aller Augen auf General Lawrence, den Höchstkommandierenden, wandten, aber auch nur wenige Sekunden dauerte das Schweigen und Zaudern, dann klang fest und entschlossen der männliche Ausspruch des alten Kriegers:

»Nimmermehr! Die Fahne Englands soll durch keine Handlung der Feigheit in diesem Lande entehrt werden. Entlasse die Frauen sicher und ungekränkt, Bösewicht, und wir, die Männer, wollen mit Dir und jenen Verrätern kämpfen um unser Leben!«

Der Nena lachte höhnisch auf. »Erniedrigen will ich die stolze Fahne Englands zum tiefsten Staube! Nicht kämpfen um Euer Leben, das mir verfallen! Sterbt denn in Eurem Trotz, Ihr Verfluchten!«

Er wandte sich nach dem Hintergrund, um den blutigen Befehl zu geben, aber plötzlich änderte sich die Scene aufs neue.

Mit einem Sprung war der tapfere Führer der Leibwachen der Rani von Jhansi nach der Stelle gestürzt, wo diese und die Königin von Audh standen. Er hatte die letztere umfaßt und mit Blitzesschnelle mitten in den Saal und vor die bestürzten Engländer getragen, indem er sie hier den drohenden Gewehren der Sepoys entgegen hielt.

»Wer es wagt, auf jene Frauen und Schuldlosen zu schießen,« donnerte seine mächtige Stimme, »der wird das Herz seiner Königin durchbohren. Kämpft mit den Faringis, Hindostani-Kameraden, aber mordet nicht die Wehrlosen!«

Zugleich mit der raschen und entschlossenen Bewegung Grimaldis hatte sich ein anderer Mann in orientalischer Kleidung vor die Bedrohten geworfen, Walding, der deutsche Arzt, der, bisher unter der Menge verborgen, sich schützend vor Editha Highson stellte. Neben ihm erschien, wie sein Schatten, Kassim der Thug, sein Mayadar.

»Bei dem Andenken an die Geschiedene, Fürst, vergieße nicht das Blut der Unschuldigen!«

Sein machtloser Ruf jedoch wäre an der Leidenschaft des Hindu unbeachtet verschollen, wenn die Kenntnis der Sitten und Verhältnisse, die der kühne Grieche bereits besaß, nicht ein wirksameres Mittel erwählt hätte, als den Aufruf an die Menschlichkeit und die Ehre erregter Orientalen.

Die Person der entthronten Königin galt den Sepoys, deren Heimat größtenteils das Audh war, für heilig und unverletzlich. Sie erhofften in ihr die Wiederherstellung des alten und glänzenden Reichs und begriffen, daß bei einem allgemeinen Feuer auf die dichtgedrängte Gruppe der Faringi das tödliche Blei unzweifelhaft auch sie durchbohren mußte.

Viele der Gewehre senkten sich, die wilden Krieger wußten nicht, was sie thun sollten und harrten eines neuen Befehls des Nena.

»Seid Ihr Feiglinge und Verräter gleich jenen Faringi, daß Ihr um einer Drohung willen Eurer Rache entsagt?« brüllte dieser. »Nieder mit jedem, der uns in den Weg tritt!«

Das Gemurmel: »Die Königin! schützt die Königin!« ging durch die Reihen der Sepoys. Noch hatten diese nicht das Blut ihrer bisherigen Gebieter und Kameraden getrunken und waren noch nicht aus Menschen zu wilden Tieren geworden.

Der Hindufürst bemerkte, daß er bei dem ersten Ausbruch des blutigen Kampfes, dessen Führer er werden sollte, in Gefahr war, seinen Einfluß, sein Ansehen zu opfern.

»Schont das Pulver! Stoßt sie mit dem Bajonett nieder und hütet die Königin,« befahl er.

Dieses Auskunftsmittel genügte vollkommen; die Sepoys verließen ihre Stellung und rückten langsam von beiden Seiten nach der Mitte des Saales vor. Schon blitzten die Klingen, um sich im nächsten Augenblick in einem Kampfe zu begegnen, der nur mit dem Verderben aller Europäer enden konnte.

Plötzlich fesselte ein lautes: »Zurück!« die andringende Menge.

Zwischen den beiden Parteien, ohne daß man wußte, woher er in diesem gefährlichen Augenblicke gekommen, richtete sich die Gestalt des jungen Khans der Sikh auf und streckte beide mit Pistolen bewaffnete Hände den Sepoys entgegen.

»Zurück!« wiederholte er, »daß keiner wage, diesen Männern und Frauen ein Leid zu thun, bis sie Cawnpur erreicht. Sie stehen unter dem Schutz Fattih-Murad-Khans!«

»Elender Sikh, wagst Du es, mir in meinem eigenen Hause zu trotzen?«

»Ich trotze Dir, Srinath Bahadur, der Du das von Jahrtausenden geheiligte Recht des Gastes Deiner blinden Leidenschaft opfern und Deine eigenen Götter beschimpfen willst. Beginne morgen Dein blutiges Werk, aber heute sollen diese ungekränkt Dein Dach verlassen, bei dem Haupte meines Vaters!«

»Ich speie auf das Haupt Deines Vaters und besudle die Gräber Deiner Vorfahren!« schrie der Nena in rasender Wut. »Tötet den Verräter, wenn er uns zu trotzen wagt! Vorwärts, Brüder, vorwärts, oder jene Faringibrut entgeht unserer Rache!«

Die blutige Mahnung war begründet und veranlaßt durch die besonnene Thätigkeit, welche die Generäle während des Streites um die eigene Rettung entwickelt hatten.

Auf ihre Weisung hatten sich die britischen Offiziere und Gentlemen, welche auf dem Fest des Nena sich befunden, enger geschart, die Frauen an die schützende Wand gebracht und mit den Sesseln und einigen anderen Möbeln verbarrikadiert, indem sie sich bereiteten, selbst den Kampf zu beginnen.

Der Khan hob die eine Pistole zur Decke des Saales und feuerte in die Luft. Im nächsten Augenblick klirrten die Scheiben der Thürfenster, die nach der äußeren Veranda liefen, und eine Anzahl von Kriegern sprang in den Saal und sammelte sich mit Blitzesschnelle um den jungen Häuptling.

Sie trugen die Uniformen der leichten britischen Kavallerie, doch statt der Kasketts oder Helme grünumwundene Turbans, und in ihren energischen dunklen Gesichtern leuchtete entschlossener Mut. Es waren die Sikhstreiter von dem Kommando, das den Gouverneur als Ehrenwache nach Bithoor begleitet hatte.

Wie als Antwort auf die Hilfe, welche den Verteidigern der Faringi geworden, hörte man von dem Platz vor dem Palast das tausendstimmige Gebrüll: » Ram! Ram! Mahadeo!« den Schlachtruf der Hindu-Sepoys, die ihre Kaserne verlassen und in gedrängten Massen den Palast umgaben. Dazwischen tönte der Ruf: »Tod den Sikhs!«

»Du siehst, Knabe,« höhnte der Maharadschah, »daß Du trotz jener Verräter in meiner Gewalt bist. Fluch über Dich, der mich zwingen will, das Blut unserer Brüder zu vergießen! Aber bei Schiwa, dem Zerstörer, wenn Du nicht weichst, ehe dreimal diese Hand das Tamtam berührt, sollen die Kugeln der treuen Hindu Dich und sie alle vernichten!«

Der Khan schleuderte ihm aus seinen dunklen Augen einen Blick des Hasses und der Verachtung zu. Der kurze Streit dieser wenigen Augenblicke rettete die britische Herrschaft in Ostindien, denn er regte aufs neue allen Haß der beiden Völkerschaften, der Sikhs und Hindus, auf, und erhielt der Regierung ihre tapfersten und besten Truppen, die Sikh-Regimenter, deren Abfall und Vereinigung mit den Hindu-Sepoys die Engländer, trotz aller krampfhaften Anstrengungen des Mutterlandes, unbedingt vernichtet und für immer aus Indien vertrieben hätte.

Bei diesem Auftritt war keines der besonnenen Häupter der großen Hindu-Verschwörung, wie Tantiah-Topi oder der unter dem Namen des Derwisch Sofi bekannte geheime Leiter der Bewegung zugegen, um die Leidenschaft des Nena zu zügeln, und Major Grimaldi war zu empört über die befohlene Niedermetzelung der Frauen, als daß er anders, als mit dem Schwert in der Hand ihm begegnet wäre.

Viele der englischen Offiziere hatten sich bereits mit den überflüssigen Waffen der treuen Sikh-Reiter bewehrt; sie hatten jetzt wenigstens die Aussicht, nicht ungerächt zu sterben, wenn sie auch gegen die unverhältnismäßige Übermacht sicher unterliegen mußten.

Als Major Grimaldi erkannte, daß es kein bloßes Morden, sondern ein Kampf werden sollte, widerstrebte es seinem Ehrgefühl, eine Frau zum Schild gegen die Mörderrotte zu brauchen; er gab die Begum frei und ließ sie zu ihren Freunden eilen.

Ein Jubelruf der Hindus begrüßte sie – nur eine Stimme schwieg, die Stimme der kühnen und hochherzigen Rani von Jhansi.

Sie blickte mit Bewunderung auf den Franken, den Führer ihrer Krieger, denn sie begriff sein tapferes und männliches Benehmen.

In den Jubelruf der Sepoys, der die Königin begrüßte, erklang wie zum Hohn das Kommando ihrer Offiziere in englischer Sprache:

»Gewehr auf! – Fertig zum Feuern!«

Die Gewehre klirrten empor – bei dem Nationalhaß der Hindus gegen ihre Brüder jenseits des Sedletsch zögerte kein einziger.

»Schlagt an!«

Wie ein Schlag rasselten die Gewehre an die dunklen Wangen der Krieger, und die todbringenden Mündungen harrten aufs neue auf ihre Opfer.

Die Hand des Nena schwang seinen Handjar gegen das eherne Tamtam, das an der Wand der kleinen Bühne hing. Sein Angesicht glühte, seine Augen sprühten, die Blutgier eines Tigers, eines Teufels sprach aus ihnen.

Der Schlag dröhnte durch den Saal!

»Fest, Männer, sowie die Schurken zu feuern wagen, gebt's ihnen zurück und dann auf sie!«

Man hörte das Knacken der hundert Flintenhähne, die gespannt wurden.

Zum zweitenmal hob sich die Hand des Hindufürsten, zum zweitenmal erklang das Todessignal.

Viele der Frauen beteten, andere schluchzten, Lady Mallingham schrie laut auf und sank in Ohnmacht. Einige aber standen fest und mutig zu ihren Gatten und Vätern.

Zum drittenmal schwang der Nena das todbringende Zeichen, das Frohlocken der Hölle lag auf seinen entstellten Zügen, wie sie jetzt im Triumph der Rache sich nach dem Opfer der grausamen Weißen, der Leiche Margaretens, richteten.

Jetzt – – –

Da zitterte ein Laut durch den Saal, ein Ruf, leise und doch jedem Ohr hörbar in der furchtbaren Spannung.

Ein wilder entsetzlicher Schrei, halb Jubel, halb Schrecken, antwortete ihm. Im nächsten Moment sah man den Nena vor dem Sarge knieen und seine Arme wie wahnsinnig emporbreiten.

In dem Sarg aufgerichtet saß eine weiße Gestalt, ihre hageren Hände bittend über der Brust gefaltet, die blassen Lippen leise Worte murmelnd, während aus den großen blauen, jetzt nicht mehr vom Fieber des Irrsinns unnatürlich glühenden Augen sich große Thränen lösten und über die weißen eingefallenen Wangen rollten.

Zugleich aber hörte man aus der Ferne ein donnerndes Geräusch eilig näher und näher kommen, wie den Galopp einer großen Reiterschar.

»Margarete! Geliebte meines Herzens! Hat Dich Lakschmi aus den Hallen des Edens zurückgeführt zu uns Sterblichen, oder bist Du die Peri, die kommt, ihren Diener zu rufen zu den göttlichen Wanderungen?«

Ihre zarten Finger legten sich auf sein Haupt und kühlten seine glühende Stirn.

Alles um ihn her, jeder andere Gedanke schien verschwunden für ihn.

»Nena – teurer Freund – wo bin ich? – Die Angst zersprengt mir das Herz! Habe ich geträumt oder alles das Entsetzliche wirklich gehört? Blut um meinetwillen?«

Er hielt sie bereits in seinem Arm. »Geliebte, Du lebst! Die Götter haben Dich erweckt aus Deinem Todesschlaf und mir zurückgegeben! Du wirst die Meine sein und niemals mehr mich verlassen!«

Draußen auf dem Platz vor dem Palast schmetterten britische Reiter-Signale, die Erde schien zu beben vor dem rasenden Ansprengen einer Kavallerie-Masse.

Das Kommandowort: »Halt!« fesselte die Reihen, noch waren die britischen Offiziere nicht sicher, was sie zu hoffen hatten, aber dennoch löste jener Kommandoruf eine Felsenlast von ihrer Brust.

Es waren die tapferen Sikhreiter, die da unten hielten, das Regiment, das die Botschaft des Khan von Cawnpur herbeigerufen!

Jetzt standen sie dort, den Reihen ihrer gehaßten Rivalen, der Sepoys, gegenüber, beide bereit, im Augenblick aufeinander zu stürzen, des Signals zum Kampfe harrend. – – – – – – – – – – – – – – –

Doktor Walding, der Arzt, stand bereits an dem Sarg der so wunderbar zum Leben Erwachten, um den sich die Freunde des Nena drängten.

Eine Frau war ihm gefolgt, die einzige, die hier ein Vergessen der Gefahr, eine himmlische Aufopferung übte, Editha Highson. Sie unterstützte die Kranke, deren leichte Schattengestalt der Nena mit kräftigem Arm aus dem Sarge gehoben und auf den Stufen der kleinen Bühne niedergelassen hatte, mit der liebenden Sorgfalt einer Schwester, obschon sie dieselbe zum erstenmal in ihrem Leben sah.

Walding hielt mit leichtem Finger ihren Puls, sein Auge blickte besorgt auf die Erstandene, mit schmerzlicher Teilnahme auf den Nena.

»Die gnädigen Götter haben sie mir wiedergegeben,« jubelte der Maharadschah. »Freund! Bruder! erhalte sie mir, und alles, was ich besitze, soll das Deine sein!«

Auf dem blassen, abgemagerten Antlitz der armen, mißhandelten Frau lag himmlischer Friede, in ihren sanften und doch energischen Augen der ganze heiße Strom der Liebe, den ihr junges Leben dem Sohn des Orients geweiht hatte von jener Stunde an, als er über die Schranke des Cirkus sprang, dem bedrohten Bruder zu Hilfe.

Dieser Bruder, eine jammervolle Schreckensgestalt unter den Lebenden, hatte nicht gewagt, der Schwester zu nahen; er stand unter der umdrängenden Gruppe hinter dem Sarge verborgen.

»Ich hörte Deine zürnende Stimme, ich hörte einen Ton, wie die Posaunen des Weltgerichts,« flüsterte die Erwachte, ihre Hand in der des Gatten, »und ich sah Dich in einem Meer von Blut. Auf mir lag es wie ein schweres drückendes Band, das meine Augen und meinen Atem schloß; nur mein Ohr war geöffnet, und ich vernahm das Entsetzliche! O mein Geliebter, was willst Du thun? Was kümmern uns jene Männer und Frauen? – was ist geschehen – wo ist Edward, mein Bruder – wo sind unsere Freunde?«

Der Nena schluchzte laut, über ihre Hand gebeugt, vergeblich winkte ihm der deutsche Arzt, sich zu fassen.

Der Khan war zu den Generalen getreten, die bei dem unerwarteten Ereignis einen Augenblick unentschlossen waren, was zu thun sei.

»Sahib General,« sagte er zu Sir Thomas Lawrence, »die Krieger des Pendschab sind bereit, Dich und die Deinen zu schützen – aber wenn ich Dir raten darf, brich auf so rasch als möglich, ehe der Tiger aufs neue seine Krallen nach Dir streckt. Wenige sehen die Sonne wieder, die ihn in seinem Lager gereizt, und die Übermacht ist gegen uns.«

Der General reichte ihm die Hand. »Ich danke Dir, junger Mann, und England wird niemals vergessen, was Du heute gethan. Du sollst unser Führer sein. Voran, meine Herren, nehmen Sie die Frauen in Ihre Mitte!«

Der Khan trat zurück, als bemerkte er die dargebotene Hand nicht. Dann die gespannte Pistole in der Faust, schritt er auf den Ausgang zu.

» Hell and damnation!« prahlte der Resident. »Sind wir Männer und Engländer? Sollen wir wirklich von hier weichen, jetzt, wo wir die Macht in Händen haben, ohne jenen Verräter unschädlich zu machen? Jene feigen Sepoys werden nicht wagen, uns Widerstand zu leisten, wo ein Regiment tapferer Sikhs unseres Rufes harrt! Im Namen der Regierung fordere ich Sie auf, den Verräter und seine Genossen mir verhaften zu helfen!«

Er schritt kühn auf den Nena zu, der seiner nicht achtete, als das Auge seines unglücklichen Opfers ihn traf und zurückbeben machte.

Die Hand Margaretens O'Sullivan fuhr nach ihrem Herzen, ein krankhaftes Beben erschütterte ihre ganze Gestalt. »Heiliger Gott – schütze mich vor dem Entsetzlichen! Nena, mein Gatte,« jammerte sie in herzzerreißendem Ton, »habe Erbarmen mit mir! meine Seele ist schuldlos und Gott wird meinem Jammer gnädig – – gnädig –« ihre Lippen öffneten und schlossen sich krampfhaft, ihre Brust keuchte.

»Bhawani – Dunkeläugige – übe Barmherzigkeit! sie stirbt! sie stirbt! Zu Hilfe! rettet!« heulte der Maharadschah wie wahnsinnig, indem er sich auf den Körper der Geliebten warf.

General Lawrence hatte heftig den Arm des Residenten gefaßt und ihn zurückgerissen, obschon mehrere der jüngeren Offiziere, und selbst General Wheeler, bereit schienen, seiner frechen Aufforderung zu entsprechen. »Danken Sie Gott, Sir, daß Ihnen die Stunde des Gerichts noch nicht geschlagen und Zeit zur Buße gegeben wird für die Schuld, die Sie auf sich geladen. Vorwärts, Gentlemen – das ist kein Ort ehrlichen Kampfes für einen Briten!«

Die Sepoy-Offiziere und die eingeborenen Soldaten am Eingänge waren unwillkürlich zur Seite gewichen, bestürzt über den unerwarteten Beistand, den die Engländer gefunden, zweifelhaft, was sie thun sollten, da die Stimme des Anführers fehlte.

Unbehindert eilten die Briten, Männer und Frauen, durch ihre geöffneten Reihen und die glänzenden Räume des Palastes, der Haupttreppe zu, welche die Sikhs von ihren Feinden geräumt und besetzt hatten.

Walding berührte leise die Schulter der jungen Miß, die im Gedränge des Augenblicks von ihren Verwandten vergessen worden und den Kopf der Leidenden hielt, worauf er sie emporhob und fortführte. »Schließen Sie sich Ihren Freunden an, Miß, so lange es noch Zeit ist,« bat er. »Hier können Sie nicht helfen – der erste Blick zeigte mir, daß es nur ein letztes kurzes Aufflammen der bereits erstarrt geglaubten Lebensgeister der Unglücklichen ist. Keine menschliche Wissenschaft vermag dem traurig zerstörten System zu helfen.«

»Dann ist meine Stelle dort,« sagte eine ernste Stimme neben ihnen, und alsbald sah man die Gestalt des Geistlichen neben dem Nena und seiner Gattin knieen und die Sterbegebete der englischen Kirche mit feierlichem Tone beginnen.

»Wo ist der Arzt? wo ist der Arzt?« rief der Nena, »um des Himmels willen, helft!«

Aber Walding hatte richtig geurteilt. Leiser und leiser wurde der Atem, während ihr Gatte sie in den Armen hielt, und der Arzt die letzten Symptome beobachtete. Um sie her knieten der Dechant, ihr Bruder und Narika, das Mädchen von Kashmir, ihre einzige Freundin im Kerker der Wollust und Entehrung, während die beiden indischen Fürstinnen, die Babus und vornehmen Hindus, stumm und ernst daneben standen, und um die traurige Gruppe her die Reihen der Sepoys, gleich dunklen Bronzestatuen auf ihre Gewehre sich lehnend, die noch vor wenig Augenblicken hundert kräftigen, frischen Leben den Tod gedroht.

Von dem Vorplatz des Palastes her aber schmetterten in die heilige Stille der Sterbescene die Fanfaren der Reitertrompeten, die zum Aufbruch riefen, klang der Lärm der Diener, der Ruf der Palankinträger, das Schnauben der Rosse bei dem eiligen, fast einer Flucht ähnlichen Rückzug nach Cawnpur; denn von Minute zu Minute wuchs draußen die Schar der aufrührerischen Sepoys und die drohende Haltung der Bevölkerung.

Walding legte sanft die Hand der Irländerin nieder, die er in der seinen gehalten.

»Gott – Brahma – oder Allah – der allmächtige Lenker dort oben, der uns das Leben gegeben, nimmt es wieder auf in seine Hände, wenn es Zeit ist. Beugen Sie sich seinem Willen, Hoheit – Ihre Gattin ist bereits ein Engel im Himmelreich!«

Ein heiseres, dumpfes Schluchzen aus der Brust des Hindufürsten antwortete dieser Ankündigung.

Der Dechant machte das Zeichen des Kreuzes über der Leiche, deren Lippen im Tode wieder jenes sanfte, vertrauensvolle Lächeln umschwebte, das ihr Antlitz im Leben so reizend gemacht.

»Das aufrichtige Gebet des Dieners auch einer andern Kirche, als die Deine war, arme Dulderin,« sprach er fromm, »möge Deine Sterbestunde nicht schwerer gemacht haben. Gehe ein zu Seiner Herrlichkeit, wo der ewige Lohn ist für alle Leiden dieser Erde!« – Er trat einen Schritt zurück von der Leiche und sah sich im Kreise um, der einzige Engländer, der noch hier verweilte.

»Ich bin in Ihren Händen,« sagte er ergeben, »thun Sie mit mir, was Sie wollen!«

Die Hand Grimaldis faßte seinen Arm und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Saal und zur Treppe des Palastes.

Das Geräusch des Zuges der Faringi verlor sich bereits in der Ferne.

»Folgen Sie Ihren Landsleuten, ich werde für sichere Begleitung sorgen. Leben Sie wohl, Freund, und denken Sie freundlich meiner in dem großen Kampfe, der sich zwischen den Völkern bereitet!«

»Gott schütze Sie, Marcos, und helfe mir das Unglück ertragen, das mich selbst zu Boden schmettert. Adelaide – mein Weib – –«

»Wenn sie noch unter den Lebendigen ist, soll sie gefunden werden. Leben Sie wohl! In einer Stunde bin ich auf dem Wege nach Delhi!«


Das goldene Delhi.

Die verhängnisvolle Nachricht, die der Kurier des Generals Barnard auf der großen von den Engländern gebauten Militärstraße von dem Aufstand in Mirut und Delhi nach Bithoor gebracht, bestätigte sich nur zu sehr.

Ralph Ochterlony, der unversöhnliche Feind der Engländer, und Tantiah-Topi hatten sich nach dem Norden begeben, teils ungeduldig über die Zögerung des Maharadschah, der, nachdem er sich die Oberleitung der Verschwörung gesichert, in finsterer Unthätigkeit am Krankenbette seines unglücklichen Weibes verharrte, teils weil es notwendig war, daß an einem so wichtigen Punkte des großen indischen Reiches Männer von Energie und militärischer Einsicht die Operationen leiteten. Ein Zusammentreffen von Umständen, während beide Männer sich in Mirut befanden, gab ihnen Veranlassung, nicht länger zu zögern, sondern hier das Signal zum Ausbruch der Empörung zu geben.

Mirut liegt 35 englische Meilen nordöstlich von Delhi und bildet eines der Bungalowlager der indischen Armee. Es standen hier unter Befehl des Generals Hevitt das 1. Bataillon des 60. Königlichen (Jäger-) Regiments, die 6. Königlichen Garde-Dragoner (Karabiniers), das 3. Bengalische Reiter- und das 11. und 20. Bengalische Infanterie-Regiment. Bereits am 6. und 7. Mai hatten sich unter dem 3. Kavallerie-Regiment offene Spuren der Widersetzlichkeit gezeigt, indem 75 Reiter einer Schwadron sich weigerten, mit den neuen, aus England gekommenen Patronen zu laden. Sie erklärten, daß dieselben mit Rinds- und Schweinefett bestrichen seien, das erste ein Greuel für die Hindus, denen die Kuh heilig, das andere für die Mohammedaner, denen wie den Juden das Schwein unrein ist. Die Sepoys behaupteten, die Patronen seien der Anfang, ihnen das Christentum aufzunötigen, Die Widerspenstigen wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und zur Einsperrung verurteilt.

Am 9. Mai wurde das Urteil vor versammeltem Regiment verlesen, die Arrestanten wurden gefesselt und nach dem Gefängnis in Mirut abgeführt.

Am Morgen des 10. erfuhr Tantiah-Topi, daß einem der eingesperrten und degradierten Unteroffiziere nicht zu trauen sei, und daß derselbe eine Unterredung mit einem der englischen Oberoffiziere verlangt habe, wahrscheinlich, um Geständnisse zu machen.

Es galt rasches Handeln.

Auf die von Mund zu Mund gegangene Botschaft der Häupter der Verschwörung rückten gegen Abend das 11. und 20. Regiment ohne Befehl der europäischen Offiziere bewaffnet auf den Paradeplatz vor den Hütten, auch der Rest des 3. Kavallerie-Regiments erschien dort zu Pferde, in der Mitte der Reiter Tantiah-Topi und der Derwisch Sofi, mit flammenden Worten die Sepoys zur Befreiung ihrer Kameraden auffordernd. Mehrere europäische Offiziere, darunter der Oberst des 11. Regiments, Finnis, eilten herbei. Er war ein harter, bei den Sepoys verhaßter Mann, und gellendes Geschrei erhob sich in den Reihen bei seinem Anblick.

Oberst Finnis, der von einem Adjutanten begleitet, zu Pferde erschienen war, sprengte vor die Front des Regiments, und den unbekannten Derwisch erblickend, befahl er zornig, ihn zu verhaften und in die Bungalows zurückzukehren.

Hohngelächter antwortete ihm.

Er zog ein Pistol aus dem Halfter und richtete es auf den nächsten Jemedar, als auf einen weithin schallenden Ruf des Mahratten-Serdars die ganze Linie der Sepoys die Gewehre auf ihn anschlug. Oberst Finnis hatte kaum Zeit, sein Pferd herumzuwerfen und ihm die Sporen zu geben, als auch schon die Salve erfolgte und er, von sieben Kugeln durchbohrt, zu Boden stürzte, sein Pferd über ihn. Noch zwei der britischen Offiziere wurden erschossen, die anderen flohen, so rasch sie konnten, davon, dem Lager der englischen Truppen zu, ohne daß die Meuterer sie dahin verfolgten.

Mit wildern Triumphgeschrei zogen diese nach Mirut, erbrachen das Gefängnis und befreiten die Gefangenen, wobei der des beabsichtigten Verrats Verdächtige mit Bajonettstichen ermordet wurde.

Hierauf begannen sie die Bungalows der britischen Offiziere und Beamten zu plündern und niederzubrennen, und ermordeten jeden Europäer, der in ihre Hände fiel, auf das Grausamste.

Der Aufstand brach gegen 6 Uhr aus. Es ist der stärkste Beweis für die Ratlosigkeit oder die Verkennung der Gefahr seitens der Engländer, daß erst gegen 9 Uhr das 60. europäische Jäger-Regiment und die Garde-Dragoner erschienen, um die Empörung zu unterdrücken.

In dem sich hierauf entspinnenden Gefecht wurden die Indier nach heftigem Widerstande zurückgedrängt und mußten das Lager räumen. Sie zogen sich auf der Straße nach Delhi zurück, ohne daß die englischen Truppen sie zu verfolgen wagten.

Delhi, die Hauptstadt des ehemaligen Reiches der Großmogule, liegt am rechten Ufer der 900 Fuß breiten Dschumna, des Nebenflusses des Ganges. Zur Zeit der Empörung lagen hier, das heißt in den drei englische Meilen nördlich von der Stadt belegenen Kasernements, das 38., 54. und 47. Bengalische Infanterie-Regiment und eine starke Abteilung eingeborener Artillerie.

Ausgedehnte Weizenfelder zwischen zahlreichen und großartigen Ruinen umgeben im Norden und Westen die Stadt, die auf einer felsigen Hügelkette liegt. Der höchste Punkt auf diesen Hügeln ist der Felsen, auf welchem der Metcalf-Turm steht, und von hier aus genießt der Ankommende eine wahrhaft erhabene Aussicht auf die Wunder der versunkenen Größe Hindostans.

Das alte Delhi ist nur noch der Schatten vergangener Größe. Es hat mit den Ruinenfeldern der alten Stadt einen Umfang von fast 7 deutschen Meilen und zählt jetzt noch eine Einwohnerzahl von 200 000 Seelen, während zur Zeit seines Glanzes diese sich auf zwei Millionen belief.

Nach indischen Sagen ist es von einem Radschah gleichen Namens gegründet. In dem Mahabharata wird es unter dem Namen Indraprastha als die Residenz der Pandus und Sonnenkinder aufgeführt, deren Reich lange vor der christlichen Zeitrechnung als das mächtigste Indiens galt. Die Straßen waren mit Gold gepflastert und wie die Sage erzählt, mit den köstlichsten Essenzen benetzt, die Bazars voll Kostbarkeiten, und der Palast der Pandus strahlte von Diamanten und anderen Edelsteinen.

Nach dieser Zeit der Pracht kamen im Lauf der Jahrhunderte manche harte Schicksalsschläge und schwere Prüfungen über die Stadt, bis endlich die Engländer nach dem Sieg über Sindia 1802 auch Delhi besetzten und ihren Besitzungen einverleibten.

Die Kompagnie ließ den alten Beherrschern Indiens nichts als den leeren Titel, den riesigen Kaiserpalast und die Familiengüter (Tajul), nebst einer jährlichen Pension von 12 Lack Rupien (840 000 Thaler), während sie unter die Aufsicht eines von ihr eingesetzten Residenten gestellt wurden.

Der letzte Großmogul von Delhi beim Ausbruch der Empörung führte den Titel Abul Mozffer Sarajuddye Mahomed Bahadur Schah Badscha-i-Ghazie.

Die Wechsel der Dynastieen und die wiederholten Zerstörungen der Stadt haben auch deren Lage vielfach verändert, so daß der ungeheure Flächenraum, den sie einnimmt, drei Perioden zeigt. Die neue Stadt, von Schah Jean 1631 erbaut und auch Dschehan Abad genannt, liegt auf der nördlichen Seite der Ruinen der Platanenstadt, die mit den Trümmern des alten Indraput vor dem Thore nach Agra in unübersehbarer Größe sich ausdehnen. Das heutige Delhi, das noch immer einen Umfang von ein und einer halben deutschen Meile hat, ist mit senkrechten Mauern und einem Graben umgeben, und zählt sieben durch runde Bastionen geschützte Thore, im Norden das Kaschmir- und Mohur-Thor, auf der Westseite das Lahore-Thor, südlich das Ajmer-, Turkmari- und Delhi-Thor und nach der Seite des Dschumna das Kalkutta-Thor, von dem eine Schiffbrücke über den Fluß führt. Die umgebenden Mauern sind mit starken Wachttürmen besetzt und laufen in acht ziemlich feste Bastionen aus.


Etwa fünfzehn junge Mädchen im Alter von 10 bis 18 Jahren waren am Morgen des 11. Mai, eines Montags, in einem ziemlich großen Saal eines selbst in seinem Verfall noch großartigen Palastes versammelt. Es war der der Prinzessin Dschehanara, die von den Moslems als Heilige verehrt und deren Grabmal in der schwarzen Moschee gezeigt wird. Von der an den im ersten Stock gelegenen Saal stoßenden offenen Veranda übersieht man Chandy-Choak, das berühmte Silberviereck, Dauri Serail, den gewaltigen »Kaiserpalast«, dessen hohe Mauern eine Stadt in der Stadt einschließen und die Straße nach dem Jamma Musjid, der großen Moschee, dem Wunder der Welt, also die wichtigsten Punkte des neuen Delhi.

Die Jalousieen der Fenster und Thüren waren nur halb geschlossen; noch machte der Stand der Sonne nicht die gänzliche Abschließung und das Dunkel zur Notwendigkeit, auch ertrug die weibliche Neugier willig einige Beschwerden.

Und diese Neugier schien die meisten der schönen Bewohnerinnen zu beleben und aus der apathischen Ruhe zu scheuchen, der sie sonst so gern sich hingeben möchten. Das weite Gemach schien eine Art Versammlungs- und Arbeitszimmer der jungen Damen und war nur spärlich möbliert. Auf einem großen Steintisch in der Mitte standen einige mit köstlichen Früchten gefüllte Körbe.

Verschiedene Proben weiblicher Beschäftigungen, angefangene und halb vollendete Stickereien, ein Album und ein Zeichenapparat – eine zierliche Briefmappe und künstliche Blumen lagen auf der großen Tafel oder auf Rohrsesseln und gleichen Diwans, die an den Wänden oder um den Tisch her standen.

An einer Ecke des Saales befand sich ein für Indien seltsamer Schmuck, ein ungewöhnliches Zeichen in der Umgebung von Engländerinnen, ein schönes Wachsbild der heiligen Jungfrau mit dem Jesusknaben, mit den köstlichsten Blumen Indiens in seiner Nische geschmückt.

Eben so auffallend war die Erscheinung von zwei Frauen, einer ältern, etwa fünfzigjährigen, und einem jungen Mädchen von kaum zwanzig Jahren, die sich von den fünfzehn oder sechzehn anderen Damen durch ihre Tracht und ihre Benehmen unterschieden.

Die letzteren waren nach ihrer Kleidung und der Farbe ihrer Haut sämtlich Engländerinnen bis auf eine, deren tieferes, fast goldgelbes Kolorit und bescheidene demütige Haltung eine Tochter Hindostans vermuten ließ. Die jungen Damen trugen alle weite Morgenkleider aus indischem Musselin. Obgleich diese einen einfachen gleichförmigen Schnitt hatten, ließ sich in der Haltung der älteren Mädchen, in der Art, wie die einfachen Kleider getragen wurden, und in einigen Schmucksachen eine gewisse Koketterie, brennende Lebenslust und eine Art Hochmut nicht verkennen.

Noch schärfer trat dieser in dem Benehmen der jungen Damen, selbst derer, die noch dem Kindesalter angehörten, hervor. Fünf oder sechs indische Dienerinnen befanden sich außer ihnen im Saal, meist junge, zierliche Geschöpfe, mit nichts bekleidet, als dem weißen Linnenhemd und dem bunten, blauen oder gelben Rock, der von den Hüften bis auf die Knöchel ihrer nackten, kleinen Füße fiel. Ein rotes oder gelbes Seidentuch umschlang ihr schwarzes Haar. Sie kauerten auf dem Fußboden, gewärtig des Winks ihrer Herrinnen, wobei jede von ihnen ihre besondere Verrichtung hatte und um keinen Preis für die ihrer Gefährtin eine Hand gerührt haben würde.

Die eine war bestimmt, die Wollenknäule oder die Tücher, die den lässigen Händen der jungen Damen entfielen, aufzuheben; eine andere, ihnen Wasser und Früchte zu bringen; die dritte, die Panka zu drehen, die in der Mitte des Gemaches von der Decke hängt; die anderen, ihnen Luft zuzufächeln oder die Nadeln zu fädeln u. s. w.

Die beiden Frauen, die sich durch ihre Kleidung von den jungen Damen unterschieden, trugen das ernste schwarz und weiße Gewand der Ursulinerinnen, denn der alte Palast war das Pensionat der französischen Nonnen, in dem eine Anzahl vornehmer und reicher junger Engländerinnen erzogen wurde.

Die ältere Nonne, Soeur Angelique, hatte ihren Platz unter dem Muttergottesbilde genommen und las den jungen Damen aus einem französischen Buche vor.

Sie war durch den langen Aufenthalt in Indien fast so gelb und ausgetrocknet worden, als sei sie eine Tochter des Landes selbst. Das faltenreiche Gesicht war bleich und kränklich und sprach von körperlichen Leiden, aber der feste, ernste Blick und die feine, schön gebogene Nase zeigten Willenskraft und einen starken und mächtigen Geist.

Die junge Nonne, die bisher die Vorleserin gemacht und in der ziemlich ermüdenden Beschäftigung von ihrer älteren Gefährtin abgelöst worden war, bildete einen lieblichen Gegensatz zu dieser. Sie hatte eines der reizenden, sanften und edlen Gesichter, deren Jugendfrische das stuartähnliche schwarze Nonnenhäubchen mit der steifen, weißen Krause nur noch mehr zu heben scheint, dem Beschauer unwillkürlich Bedauern einflößend, daß so vieler Liebreiz in klösterlicher Einsamkeit verblühen soll.

Ihre Gestalt war unter Mittelgröße und besaß noch all die zierliche Rundung der Französinnen, denn Soeur Marion zählte kaum zwanzig Jahre und war erst vor einem Jahre aus einem Kloster der Touraine in Indien angekommen. Sie hatte große Augen von etwas schwärmerischem Ausdruck, eine edelgeschnittene Nase, einen feingewölbten Mund und einen hellen Blutteint, der zu ihrem lichtbraunen Haare schön kontrastierte. In diesem Augenblicke befand sie sich, um frische Luft zu schöpfen, auf dem äußeren Balkon, dessen Gitterwerk von Stein, sie vor zudringlichen Blicken von der Straße her schützte, während es doch die Aussicht nach allen Seiten hin in die Wunderwelt der großen Kaiserstadt frei ließ.

An ihrer Seite, die Hand der jungen Nonne in der ihren, kniete die junge Indierin, die Tochter eines der reichsten indischen Babus in Delhi, die jedoch, trotz des Ansehens und der Schätze ihres Vaters, nur durch die Fürsprache einer edlen Frau, der Gattin des Dechanten, Aufnahme in der Erziehungsanstalt gefunden hatte und von den jungen Engländerinnen wie ein Eindringling behandelt wurde.

Das Auge der jungen Nonne überflog in unschuldigem Wohlgefallen das bunte Gewühl der Straße zu ihren Füßen.

Diese, vom Palast des Großmoguls ausgehend, durchschneidet die Stadt von Osten nach Westen und hat die im Orient ungewöhnliche Breite von mehr als 40 Schritt. Ein gemauerter Kanal fließt in der Mitte derselben und verbreitet in heißen Tagen Kühle und Erfrischung. In ihr liegen die reichsten Bazare und hier ist das größte Leben und Treiben, das stete Wogen einer geschäftigen Menge, denn in neuester Zeit hatte sich der Wohlstand und die Blüte der gesunkenen Stadt wieder gehoben, und ein lebhafter Handel mit Kaschmir, Kandahar, Kabul, Bengalen und entfernteren Ländern schien den alten Glanz wieder an Delhis Mauern fesseln zu wollen.

Das ganze interessante Leben der indischen Volkswelt stellte sich dem Blicke dar. Die Chandy-Choak besteht aus zwei- oder dreistöckigen, von Sand- und Backsteinen erbauten Häusern, in deren unteren Etagen sich die offenen Bazare, in den oberen die Wohnungen der reichen Kaufleute und Wechsler befinden. Irgend ein noch unbekanntes Ereignis, eine spannende Erwartung schien die Bevölkerung zu erregen, denn an offenen Fenstern, Balkonen oder Erkern der altertümlichen arabischen Häuser sah man Frauen und Mädchen festlich geputzt die Menge beobachten. Kopf an Kopf drängte sich das Volk von Bude zu Bude, Elefanten und Kamele suchten beständig sich durch diese Menschenmassen den Weg zu bahnen. Hier priesen die Verkäufer, auf der Schwelle ihrer Buden hockend, ihre Waren an, dort sah man schöne Frauengestalten in ihren weißen, luftigen Gewändern unter Lachen und Scherzen sich der Freude und dem Frohsinn überlassen. Musik, das Tamburin, die Cymbel und die Kesseltrommel ertönten, während Tänzerinnen und Gaukler einen kleinen Kreis um sich versammelt hatten, der mehr in Gebärden als in Worten seinen Beifall zu erkennen gab. Ein schlauer Fruchthändler bot seine Hukah jedem Vorübergehenden, um Käufer an sich zu locken; Wasserträger zogen durch die Menge, das wohlthätige Element zum Verkauf ausrufend; Juwelenhändler öffneten von Zeit zu Zeit ihre Kästchen und zeigten den schönen Schmuck an Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen. Der thätige ernste Parse, der wilde Afghane, der Perser mit seiner hohen Mütze von Lammfell und dem blauen Kaftan, der Ghurka, der Bewohner der Berge von Nepal, der Shawlhändler aus dem Himalaya und der schlaue bewegliche Chinese, Araber, Mohren und Juden, Derwische und Fakirs, der arme Kuli und Läufer neben geputzten Bayaderen, ernsten Brahminen und rotröckigen Sepoys, alles drängte sich in Gruppen zusammen, bis der Rüssel eines Elefanten bedächtig den Menschenknäuel auseinander schob oder der Ruf der Palankinträger, die irgend eine vornehme Dame oder einen trägen Europäer durch die Menge schleppten, eine Bahn in dem Gewühl öffnete.

Doch schien selbst dem unbefangenen Auge der französischen Nonne heute weniger als gewöhnlich das Interesse des Handels oder das Vergnügen diese Menge zu bewegen. Sie bemerkte, wie sich wiederholt Gruppen um einzelne Erzähler bildeten und sogleich auseinander stoben, wenn zufällig ein Europäer auf seinem Wege sich ihnen näherte. Die Sepoys bewegten sich ernst und schweigend in dieser Menge, blieben beieinander stehen, oder tauschten Zeichen beim Begegnen und maßen die Europäer mit finsteren Blicken. Die Kreise um die Märchenerzähler und Tänzer wechselten rascher als gewöhnlich, und die Blicke des Volkes wandten sich wiederholt nach dem Platz vor dem Palast, in den zwischen Gärten und der hohen Palastmauer die Straße mündet, die von der Schiffbrücke her führt.

Über das Drängen und Treiben hinweg flog das Auge der Nonne die enge gerade Straße entlang nach den großartigen, die niederen Häuser überragenden Massen der Jammamoschee, dieses vollendetsten Baues des byzantinisch-arabischen Stils, das der Muselmann als das Wunderwerk der Erde preist und zu dem er aus weiter Ferne wandert.

Miß Viktoria ließ ungeduldig den Seidenknäuel und die Nadel fallen, mit der sie an einer Stickerei gearbeitet. »Sehen Sie noch nichts von dem Zuge, Soeur Marie?« fragte sie, die Lektüre der älteren Nonne rücksichtslos unterbrechend. »Es muß bald acht Uhr sein und die Hitze beginnt unerträglich zu werden.«

Schwester Marie winkte ihr verneinend zu und deutete nach der älteren Aufseherin; aber die junge, etwa achtzehnjährige Dame, die älteste der Pensionärinnen, achtete des Winks nicht.

»Papa läßt unverständig lange warten! Ich hoffe doch, daß die Schuld nicht etwa an dem Radschah liegt, den er uns vorführen will, es wäre dreist von dem Nigger, So nannten die Engländer häufig die Hindus. unsern Teint der Mai-Sonne in diesem Lande auszusetzen, bloß um seinen Flitterstaat zu bewundern. Ich bitte Sie, Soeur Angelique, hören Sie auf mit der Lektüre von der heiligen Ursula – wir wissen die Geschichte bereits auswendig, und unsere Freistunde hat begonnen!«

Ein leichtes Rot färbte das blasse Gesicht der alten Nonne; sie schloß das Buch, erhob sich und trat zu der dreisten Sprecherin. »Es würde Ihnen nichts geschadet haben, Mademoiselle,« sagte sie ernst, »wenn Sie zu Ihrem bevorstehenden Austritt aus dieser Anstalt jenes erhabene Beispiel christlicher Ergebung in Leiden angehört hätten, die der Himmel auch den Stolzesten und Mächtigsten senden kann.«

»Sie wissen, Madame,« entgegnete das schöne Mädchen, erglühend über den erhaltenen Verweis, »daß ich nicht Ihrem Glauben angehöre, die Geschichten Ihrer Heiligen also nicht anzuhören brauche.«

»Ich bin die Schwester Angelique für Sie, Miß Frazer,« sagte die Erzieherin mit Strenge. »Sie wissen sehr wohl, daß wir in diesem Hause niemandem unsern heiligen Glauben aufdrängen, aber die Angehörigen der jungen Damen, die uns anvertraut werden, schenken uns das Vertrauen, daß wir ebenso wissen, wie wir unsere Lehren zu geben haben. Scheuen Sie sich, von der Legende einer heiligen Märtyrerin Vorteil zu ziehen, so bietet Ihnen Ihr Stickrahmen Gelegenheit zu einer nützlichen Beschäftigung, und Sie haben nicht nötig, die Achtung gegen eine Ihrer Lehrerinnen aus den Augen zu setzen.«

Die hellblauen Augen des schönen Fräuleins füllten sich mit Thränen, nicht solchen der Demut und Reue, sondern des stolzen Zornes über die Demütigung, die ihr geworden. Sie griff hastig nach der ihr entfallenen Wolle, welche die vor ihr knieende Dienerin ihr reichte und stach sich bei der heftigen Bewegung die entgegengehaltene Nadel tief in die Hand.

»Ungeschicktes Tier,« zürnte die Miß und ein heftiger Schlag ihrer Hand traf das Gesicht des Hindumädchens, so daß dieses teils von dem eigenen, teils von dem Blut der schlagenden Hand gefärbt wurde.

»Pfui, Miß Frazer,« zürnte die Nonne, »Sie vergessen sich und mich! Was kann diese arme Hindu für den Verweis, den Sie sich zugezogen? Den Augenblick bitten Sie sie um Verzeihung!«

»Was fällt Ihnen ein, Madame? Die Tochter des Oberst Frazer sollte eine Nigger um Verzeihung bitten? Nimmermehr!«

»Ich gehe, Ihr Betragen der ehrwürdigen Mutter zu melden,« sagte die Erzieherin mit Ruhe. »Sie wird darüber entscheiden.«

»Ich kann heute ebenso gut die Pension verlassen, als es ohnehin morgen geschehen soll,« entgegnete schnippisch die Tochter des Residenten, »und werde meinen Vater bitten, sobald er von seinem Besuch bei dem Könige zurückkommt, mich abholen zu lassen. Mich dünkt, ich bin alt genug, um endlich die Schülerin abzulegen.«

Die alte Nonne blieb in der Thür stehen und wandte sich nach der leichtsinnigen Sprecherin um, indem sie bedeutungsvoll die Hand erhob. »Dem Himmel sei es geklagt, Miß, daß die Vorbereitungen, die Sie für das Leben erhalten, nicht bessere Früchte getragen. Ich will zu Gott und den Heiligen bitten, daß er Sie erleuchten und Ihnen das nicht anrechnen möge, was Sie eben gethan!«

Sie verließ, ihren Rosenkranz fassend, den Saal, während ihre junge und schöne Gegnerin in der Mitte desselben in trotzender Haltung stehen blieb, im Innern selbst mit sich unzufrieden, und dennoch zu hochmütig, um dies zu zeigen.

Die Nonne hatte kaum die Thür geschlossen, als alle die jungen Mädchen eilig von ihren Plätzen sprangen und ihre Gefährtin im wirren Durcheinandersprechen über den Vorfall umringten. Die älteren zollten ihrem Widerstande Beifall und beneideten sie um die bald erlangte Freiheit, während die jüngeren noch nicht wagten, eine so kühne Meinung laut werden zu lassen und sich begnügten, von den Folgen zu schwatzen.

An die arme Mißhandelte dachte niemand.

Da faßte eine Hand die der trotzigen und hochmütigen Miß.

»Sie thaten Unrecht, Viktoria,« sagte eine sanfte Stimme. »Schwester Angelique verdient Ihre Achtung, und die arme Aurunga hat Sie sicher nicht mit Willen verletzt.«

Es war die junge Nonne, welche so freundlich zu der Erregten sprach, und augenblicklich beruhigte sich deren Leidenschaft. »O, mit Ihnen ist es etwas anderes, Soeur Marie,« rief die junge Miß, ihr um den Hals fallend, »Sie wissen, wie lieb wir Sie alle haben und daß, was Sie sagen, uns Gesetz ist, obschon Sie nicht viel älter sind, als wir selbst. Aber die bigotte Strenge der Schwester Angelique mag ich nicht, sie quält uns halb zu Tode mit ihren guten Lehren und möchte am liebsten lauter Fromme aus uns machen, die sich von diesem Niggervolk alles Mögliche anthun ließen. Als ob die braunen Geschöpfe Rechte hätten, wie wir! Da, nimm das als Schmerzensgeld und belästige uns nicht länger mit Deinem Geschrei!« Sie warf der Hindudienerin einige Silberstücke zu, indem sie jetzt erst das arme Geschöpf eines Blickes würdigte.

Die Geschlagene kauerte, ohne daß ihre Gefährtinnen ihr genaht wären oder ihr Beistand geleistet hätten, in einem Winkel, und das Blut lief immer noch aus der Nase, während die junge Indierin, die vorher mit der Nonne auf dem Balkon gestanden, sich bemühte, mit ihrem eigenen in Wasser getauchten Taschentuch das Blut zu stillen.

Die Geldstücke rollten über die Marmorquadern bis zu den Füßen der Gemißhandelten; aber entgegen der habsüchtigen Gewohnheit der Indier nahm sie dieselben nicht auf.

Sie erhob sich vom Boden, kreuzte die Arme über der Brust zum Salem gegen ihre junge Landsmännin, und indem sie einen drohenden Blick voll Haß auf Miß Frazer schleuderte, verließ sie das Gemach.

»Sieh da, ein Wunder,« lachte jene, »eine Nigger läßt das blanke Silber liegen, das man ihr geschenkt. Ei, seit wann sind Deine Landsleute so zartfühlend geworden, kleine Irma, daß sie englisches Geld verschmähen?«

»Sie haben Aurunga ein unersätzliches Leid zugefügt, Mam Sahib,« entgegnete das junge Mädchen schüchtern, »sie ist von einer hohen Kaste, und Ihr Schlag hat sie dieser beraubt.«

»Nun, was weiter, Miß? meinetwegen mag sie einer Kaste angehören, welcher sie will, was kümmern mich Ihre indischen Narrheiten?«

Das freundliche Gesicht der jungen Hindu färbte sich mit dunklem Rot.

»Mancher stolze Faringi, Mam Sahib,« sagte sie ernst, »hat es schon bereut, die heiligen Sitten meines Volkes verhöhnt zu haben. Aurunga bleibt eine Brahminentochter, wenn sie auch eine Dienerin geworden, und ihr Auge drohte Ihnen Rache, als sie den Saal verließ. Nehmen Sie sich in acht vor ihr.«

»Sie vergessen, Mademoiselle,« entgegnete die Engländerin stolz, »daß ich die Tochter des Obersten Frazer bin, und daß dieser in Delhi befiehlt.«

»Sie dürfen die Sache doch nicht so leicht nehmen, Viktoria,« bemerkte die junge Nonne. »Ich habe gehört, daß ein Hindu den Verlust seiner Kaste nie vergiebt, und es wird sich hoffentlich ein Mittel finden, Aurunga zu beruhigen.«

»Bah! Was kann sie mir thun? irgend eine kleine Bosheit, vor der ich mich hüten werde. Kommen Sie näher, meine Damen, ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges und Erfreuliches mitzuteilen.«

Die Mädchen umdrängten sie. »Was ist es, was haben Sie uns zu sagen? Geschwind heraus damit, ehe Schwester Angelique zurückkehrt.«

»Nun so hört. Ihr wißt, daß ich morgen die Pension verlasse, da übermorgen der Geburtstag meines Papas ist?«

»Leider ja!«

»Ich wünschte, wir könnten Dich begleiten!«

»Die Reihe wird auch an Euch kommen. Nun hören Sie. Papa giebt am Mittwoch zur Feier seines Geburtstages und, um den Besuch des Raja von Bhurtpur zu ehren, einen Ball. Die Offiziere von Mirut, und viele von Aligur sind geladen.«

»Ei, da wird Leutnant Willougby auch dabei sein?«

»Und der schöne Angelo Elton?«

»Und Procter?«

»Versteht sich, alle Offiziere der Garnison sind geladen und alle Familien, die auf Fashion Anspruch machen können. Auf diesem Ball werde ich zum erstenmal meine Stellung als Dame des Hauses ausfüllen.«

»Sie Glückliche!«

»Sehen Sie, was ich hier habe?«

»Ei, das sind Karten, vielleicht Einladungskarten zum Ball?«

»Gewiß! Und zwar Einladungen für Sie, für die sechs Ältesten.«

»O wie schön, – aber was nützt uns dies? Wir dürfen ja nicht hin. O das ist abscheulich, uns so zu foppen!«

»Auch daran ist gedacht – alles ist bestens besorgt. Ich erwarte jeden Augenblick Lady Hunter, meine Tante. Sie wissen, daß diese großen Einfluß auf die ehrwürdige Mutter hat, und sie überbringt die Bitte meines Vaters, daß meinen Freundinnen aus der Pension gestattet werden möge, an unserem Fest teilzunehmen. Sie werden Urlaub erhalten, meine Lieben, ich bürge Ihnen dafür, so wahr mein Papa Resident in Delhi ist! Wie schade, Soeur Marie, daß Sie uns nicht begleiten können.«

Ein leichtes trauriges Lächeln der Entsagung stahl sich über das schöne Antlitz der jungen Nonne. »Ich kenne die rauschenden Freuden der Welt nicht,« sagte sie milde, »und deshalb vermisse ich sie auch nicht. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück in dieser mir fremden Welt, Miß, und vor allem, daß Sie Ihre Heftigkeit zu zügeln wissen und lernen mögen, daß jeder Mensch Anspruch auf die Nachsicht seines Nächsten hat.«

Ein Diener der Hauses öffnete die Thür und meldete: »Die Mam Sahib Hunter, die Frau des großen Priesters!«

Lady Adelaide trat ein und alle eilten ihr entgegen, denn trotz des verschiedenen Glaubens war die Dame eine besondere Beschützerin der Nonnen und in dem Pensionat sehr geehrt.

Irma, das junge Hindumädchen, eilte auf sie zu und küßte ihr die Hand. Die Lady reichte die ihre der jungen Nonne und begrüßte freundlich die Mädchen.

Lady Adelaide hatte nur wenig von ihrer Schönheit verloren, obschon auf ihrem blassen, fast durchsichtigen Antlitz die Spuren inneren Leidens und des krankhaften Zustandes, den das Tropenklima hervorgerufen, deutlich sichtbar waren. Ihre schönen Augen hatten die eigentümliche Klarheit und Größe angenommen, die man häufig gerade bei ihren Landsmänninnen findet, wenn die entsetzliche Geißel der Krankheit, die auf ihrer Nation lastet, ihre Krallen auf das erwählte Opfer legt. Ein engbegrenzter Anflug fieberhafter Röte auf den zarten Wangen, ein kurzer die Brust beengender Atem waren Symptome, die den erfahrenen Arzt besorgt gemacht hätten.

»Ich komme im Auftrag Deines Vaters, mein Kind,« sagte sie zu Miß Frazer, »Deine Freundinnen zu dem kleinen Fest auszubitten, das der Oberst übermorgen geben will. Lasse der ehrwürdigen Mutter meine Ankunft melden und sie um eine Unterredung bitten, denn ich habe Eile, da ich der armen Mistreß Elkinson noch einen Besuch machen will und um zehn Uhr im Lazarett erwartet werde.«

»Mistreß Elkinson ist krank?«

»Seit drei Tagen, sie kann das Bett nicht verlassen, und die Ärzte hegen Besorgnis. Dazu ist ihr Mann abwesend, und die Aufsicht über ihr Kind nur fremden Dienern anvertraut.«

»Sie schonen Ihre kostbare Gesundheit zu wenig, Madame,« sagte die junge Ursulinerin. »Die Leidenden nennen Sie nicht umsonst den guten Engel von Delhi, und tausend Kranke und Hilflose segnen Sie als Retterin, aber Sie vergessen sich selbst darüber. Jede Anstrengung ist in dieser Jahreszeit und in diesem Klima doppelt gefährlich.«

Die Lady richtete eine kurzen aber ausdrucksvollen Blick nach dem Bilde jener Schmerzensreichen, die mit himmlischer Ergebung die tiefsten Leiden der Erde trug, und lächelte sanft: »Jede von uns, Soeur Marie, hat den Kreis ihrer Pflichten, und der Ihre ist auch nicht mit Rosen bekränzt. Ich war sechs Wochen von Delhi entfernt, mein Gemahl wollte es so, da er glaubte, die frische Luft von Ludhiana würde meiner Brust wohl thun. Aber ich sehnte mich zurück nach meinen Kranken, und ich hoffe, sie freuen sich meines Wiederkommens.«

»So sollten Sie mindestens vermeiden, liebe Tante, sich in den Hütten der Hindus und bei den widrigen Krankheiten der Eingeborenen fortwährender Gefahr auszusetzen,« wandte Miß Frazer ein. »Ich begreife nicht wie man sein Mitleid an solche Geschöpfe verschwenden mag. Sie können sich den Tod dort holen.«

Die Lady legte mit einer unwillkürlichen Bewegung die zarte durchsichtige Hand auf die Brust. »Auch jene armen Heiden, Viktoria, sind unsere Brüder und Schwestern,« sagte sie, »und bedürfen unserer Hilfe mehr, als die, denen das Licht des Christentums leuchtet. Laß uns das höchste Gebot des Schöpfers erfüllen, der seine schöne Welt nicht bloß den Weißen gegeben.«

Sie liebkoste freundlich das Hindumädchen, das sich an sie gedrängt und mit Blicken der Verehrung und Bewunderung zu ihr emporschaute, als der Schall von Trommeln und Militärmusik und das laute Geschrei der Volksmenge von der Straße heraufdrang.

»Sie kommen! sie kommen! geschwind!« riefen die jungen Mädchen und eilten nach dem Balkon der Veranda.

»Es ist der Oberst, Dein Vater, ich begegnete dem Zug bereits in der Kaschmirstraße,« sagte freundlich die Lady. »Laß Dich nicht abhalten, das Schauspiel anzusehen, und auch Sie, meine liebe Marie, widmen Sie immerhin einen Blick demselben, Sie sind noch zu jung, um allen Freuden der Welt zu entsagen! Ich will unterdes Ihre Oberin aufsuchen.«

Sie drückte dem jungen Mädchen die Hand und entfernte sich in das Innere des alten Palastes.

Die jungen Damen und Mädchen waren in die Veranda geeilt, um den Zug des Residenten und des Rajah von Bhurtpur nach dem Dauri-Serail, dem Palast der Großmogule, mit anzusehen.

Ein dichtes Menschengedränge wogte in der Chandy-Choak, über dessen Köpfe her die langen Hälse der Kamele und die mächtigen Rücken der Elefanten sichtbar wurden. Zuerst kam eine Anzahl Peons und Polizeimannschaften, die mit ihren langen breiten Stöcken ohne weiteres die Leute auf die Köpfe schlugen und beiseite schoben, um dem Zuge Platz zu machen. Dann folgten die Sowars oder Kameelreiter des Rajah, und auf prächtig geschirrten Pferden seine Hausdiener und Offiziere, sämtlich in lange weiße Frauenröcke gekleidet, mit roten, spitz zulaufenden Turbanen, den Schild auf dem Rücken, den Säbel in der Faust. Eine Schar von Musikanten schritt vor der Hauptgruppe des Zuges her, einen wahrhaft entsetzlichen Lärm mit Cymbeln, Kesseltrommeln, Becken und Flageoletts vollführend.

» Fi donc!« schalt Miß Forrest, sich die Ohren zuhaltend, »das ist so abscheulich, und klingt fast ebenso, als wenn die kleine Irma Klavier spielt. Sehen Sie, Viktoria, da kommen die englischen Offiziere. Angelo ist darunter, und Kapitän Gordon Butler.«

»Da, neben Oberst Ripley, reitet Smith vom 74sten. Aber wo ist Ihr Bruder, Wally?«

»Ich glaube er hat die Wache im Arsenal.«

»Ah seht, wie Willougby heraufblickt. Glückliche Viktoria, der Gruß gilt Dir!«

Ein junger Offizier hob sein schönes Vollblutpferd, gerade als er dem Balkon gegenüber war und salutierte mit dem Säbel. Es war eine schlanke, hohe Gestalt, das Gesicht gebräunt von der Sonne Indiens, von einem dunklen Backenbart umgeben.

Die Miß verbeugte sich über den Steinrand des Balkons und ließ den Strauß duftender Blumen, den sie aus einer der Vasen genommen, auf die Straße fallen.

Zugleich mit ihm flog eine einzelne weiße Rose nieder.

Noch ehe die Blumen den Boden erreicht, warf der Offizier sein Pferd zur Seite und mitten in die an der Seite des Weges drängende Volksmenge, so daß dieselbe eilig zurückwich und der Strauß und die Blume fast vor den Füßen seines Rosses auf die weißen Marmorquadern des Pflasters niederfielen.

Der Leutnant warf sich mit einer den wilden Sikhreitern nachgeahmten Bewegung an der Seite des Sattels nieder, ohne diesen zu verlassen, so daß seine Hand bequem den Boden berühren konnte.

Als er wieder emporschnellte und das edle Tier unter seinem Sporenstich zugleich mit einem gewaltigen Satze vorwärts sprang, hielt seine Hand beide Zeichen, das Bukett und die Rose.

Das kleine Abenteuer war so rasch vorübergegangen, daß es kaum von den nachfolgenden Gruppen des Zuges bemerkt worden war. Desto genauer hatte man es auf dem Balkon der Pension der Ursulinerinnen beobachtet.

Miß Frazer wandte sich hastig um. »Wer warf die Rose – wer war es, der die Blume warf?«

Ihr Auge forschte fragend umher und blieb mit Erstaunen zuletzt auf der jungen Nonne hängen, die dicht hinter ihr gestanden, und deren hübsches Gesicht jetzt mit dunklem Purpur übergossen war, und die Augen beschämt zu Boden schlug.

»Wie Sie, Schwester Marie, Sie warfen die Rose?«

»Verzeihen Sie, Miß,« sagte mit tiefer Verwirrung, aber doch nicht ohne das Erbteil aller Evatöchter, der raschen Geistesgegenwart in solchen Fällen, die junge Nonne. »Verzeihen Sie, Miß, ich sah nicht, daß Sie bereits Blumen hatten und wollte Ihnen zu Hilfe kommen.«

»Nun, es wäre auch gar zu komisch,« lachte Wally Forster, »wenn Soeur Marie, unsere liebe Lehrerin, Viktorien ihren Anbeter abspenstig machen wollte. Aber seht, Kinder, da kommt der Oberst und der Rajah – puh, was der für ein gelbes, grimmiges Gesicht macht in all dem Staat, den er angelegt.«

In der That nahte soeben die Hauptgruppe des Zuges. Der Rajah von Bhurtpur erschien auf einem kolossalen, prächtig geschmückten und zierlich in Blau, Rot und Gelb bemalten Elefanten, auf dessen Kopf ein goldener Pfau sich erhob. Dessen ausgespreiztes Gefieder strahlte im Licht der Sonne von Edelsteinen, so daß das Auge den Glanz kaum zu ertragen vermochte. Ein in weiße und rote Gewänder gekleideter Kornak saß auf dem Nacken des Tieres und leitete mit einem Spitzstock seine plumpen, aber majestätischen Bewegungen. Der Rajah selbst, der nach Delhi gekommen, um bei der erwarteten Ankunft Sir Mallinghams diesem seinen Besuch zu machen, und bis dahin mit seinem zahlreichen Gefolge auf dem großen Ruinenfeld sein Lager aufgeschlagen hatte, saß in einer silbernen Haudah, hinter welcher ein Diener kauerte, der einen großen Sonnenschirm von Pfauenfedern über dem Haupt des Gebieters hielt. Der Rajah war ein noch junger Mann von etwa 25 Jahren, groß, stark, aber von Blatternarben entstellt. Er war unter der speziellen Aufsicht der Engländer erzogen worden und erst vor kurzem, nach dem Tode seines Vaters, eines besonderen Freundes der Engländer, zur Regierung gekommen, weshalb er auch die Gelegenheit benutzen wollte, dem einflußreichen Abgeordneten der Regierung in Kalkutta seine Achtung zu bezeugen. Er trug ein blauseidenes, langes Gewand, mit Goldborten besetzt und reich mit Juwelen geschmückt. Dicht hinter ihm auf Kamelen und Elefanten kamen seine beiden Brüder in grünseidenen Kleidern und seine neunzehn Barone und Minister in grellbunten Gewändern.

Neben dem Rajah ritt, gleichfalls auf einem Elefanten, der Resident, Oberst Frazer. Hinter dem Gefolge der beiden kam ein Trupp der Soldaten des Rajah zu Pferde, mit Lanzen, Schildern und Schwertern bewaffnet: eine Kompagnie Sepoys vorn 74. Regiment bildete den Schluß.

Oberst Frazer grüßte, als er an der Erziehungsanstalt vorüber kam und die jungen Damen auf dem Balkon bemerkte, freundlich hinauf, und auch der Rajah, von ihm aufmerksam gemacht, gab seinen Salem, indem er mit der Hand die Stirn und Brust berührte.

Der Zug setzte ohne Aufenthalt seinen Weg nach dem Platz vor dem Dauri-Serail fort und schwenkte sich um die westliche Seite desselben, um durch das große Thor seinen Einzug zu halten.

Der berühmte Kaiserpalast von Delhi ist von einer 60 Fuß hohen Mauer von rotem Granit und einem großen Wallgraben auf drei Seiten eingefaßt, auf der vierten stößt er an die Dschumna. Er übertrifft an Größe bei weitem den berühmten Kreml von Moskau und umschließt eine Menge von Gebäuden, Moscheen und Bädern.

Am Eingang des Thores empfing sie Kapitän Douglas, der Befehlshaber der Palastwache, der über dem Thore seine Wohnung hatte. Die Leibwache, nach dem europäischen Reglement eingeübt, aber in orientalischer Kleidung und mit Luntenflinten bewaffnet, bildete im Innern zu beiden Seiten Spalier.

Der Hof, in den die Elefanten und vornehmsten Reiter jetzt eingetreten waren, während die Krieger des Rajah und die Sepoys auf dem Platz vor dem Palast zurückblieben, war etwa 300 Fuß lang, von einem kleinen Kanal durchschnitten, und bildete den Stallhof. Die Reiter mußten hier die Elefanten und Pferde verlassen, da die Etikette bei Besuchen des seinen traurigen Scheinprunk mit ängstlicher Sorge festhaltenden Fürsten vorschrieb, daß man nur zu Fuß den Kanal überschreiten und die inneren Höfe betreten durfte.

Während des Absteigens näherte sich Kapitän Douglas dem Residenten.

»Haben Sie weitere Anzeichen zu berichten, Kapitän,« fragte dieser, »oder hat der alte Thor mit seinen Söhnen sich zum Nachgeben bequemt? Goddam! ich will ihn und das ganze Gesindel lehren, Umtriebe anzuzetteln und uns zu trotzen. Die Regierung thäte am gescheitesten, der ganzen Herrlichkeit ein Ende zu machen und die Familie davon zu jagen.«

»Der alte Mann,« entgegnete der Kapitän, »ist eine bloße Null, und hat nicht einmal Kraft genug, um seine Weiber in Ordnung zu halten. Der Gefährlichste der Familie ist und bleibt Prinz Jehan. Er ist ein kühner Mensch, besitzt die Liebe der Sepoys und wagt es, uns offen Trotz zu bieten.«

»Hat er sich in der letzten Zeit aufs neue entfernt? Die lange Abwesenheit vor Beginn der letzten Regenzeit, über die er nur ungenügende Aufschlüsse gegeben, hat ihn verdächtig gemacht. Ich hoffe, Sie haben ihn streng beobachten lassen!«

»Man hat ihn seit einigen Tagen viel mit einem Mahratten und mit einem fremden Derwisch, die in einer Karawanserei am Delhi-Thor wohnen, verkehren sehen. Ich sandte gestern morgen eine Wache ab, um die Leute holen zu lassen und zu befragen, aber sie waren verschwunden. Doch, Colonel, dies ist es weniger, was mich besorgt gemacht hat.«

»Was sonst? – reden Sie!«

»Ich weiß nicht, mir kommt es vor, als zeige sich ein eigener trotziger Geist unter der ganzen Bevölkerung. Blicken Sie diese schwarzen Kerls an, die gewohnt sind, jedem Wink meiner Augen rascher zu gehorchen, als den Befehlen des Königs. Sie sehen finster und verdrossen aus, und ich habe bereits ihrer fünf heute zum Arrest schicken müssen wegen Ungehorsams. Auf der ganzen Stadt scheint mir seit gestern ein anderer Geist zu liegen.«

»Sie haben recht, Kapitän, das Benehmen des Volks ist nicht das gewöhnliche. Es herrscht ein ungewohntes Schweigen unter der Menge, und doch ist alles in Bewegung und Aufregung.

»Lassen Sie uns auf der Hut sein, Sir, ich fürchte, es geht etwas vor, von dem wir nichts wissen.«

»Bah! Irgend vielleicht eine ihrer religiösen Narrheiten, die ein unwissender Bursche verletzt hat. Sie werden bald genug mit ihrer Klage ankommen. Unterdessen will ich Ihnen hier Gehorsam verschaffen und den alten Narren mit seinem Harem zur Ordnung bringen. Ich sehe, der Rajah ist bereit, lassen Sie uns vorwärts gehen. Wo erwartet uns der König?«

»In den Gärten am Fluß, Oberst!«

Auf ein Zeichen, das der Kapitän gab, setzte sich der Zug in Bewegung, überschritt den Kanal und gelangte durch ein großes Portal in den zweiten, ein Viereck bildenden Hof, in dem der äußere Thron angebracht ist. Er steht in einer aus weißem Marmor gebauten Säulenhalle, dem Eingange gegenüber. Zwanzig Säulen in zwei Reihen bilden die Front auf beiden Seiten; der Thron selbst ist oder war vielmehr ein marmorner Sessel. Vor ihm erteilten die Großmogule den Gesandten und den Vornehmsten des Reiches Audienz, wenn diesen anbefohlen war, auf Elefanten zu erscheinen, deren hier an 200 Platz hatten.

Jetzt wird der Hof zum Empfange der Besucher durch die Schobedars und die Hausdiener des Schattenkönigs benutzt, die hier die, welche zur Audienz kommen, mit der Tschoga oder dem Ehrenkleide versehen.

Aus dem Hof des äußern Thrones gelangten der Resident und sein Begleiter durch ein kleines nördlich gelegenes Thor in einen mit weißen Marmorplatten ausgelegten Hof nach dem Dewan-Kost, dem aus weißen Marmor gebauten offenen Audienz-Saal.

An der Stelle des einst so prächtigen Thrones, der einen Wert von mehr als 50 Millionen Thalern gehabt haben soll, stand nur noch ein einfacher Sessel auf hohem Fundament, bedeckt mit dünnen Goldplatten, Perlen und Edelsteinen von geringem Wert. Ein Himmel, von silbernen Säulen getragen, schwebte darüber, und wie wertvoll in europäischen Augen auch noch diese Nachbildung gelten mochte, so klang doch die Inschrift zur Seite in arabischen Lettern: »Wenn je das Paradies auf Erden, so ist es hier! so ist es hier! so ist es hier!« in der Erinnerung an die vergangene Herrlichkeit jetzt nur wie ein Spott!

Südlich von Dewan-Kost, längs des Flusses, liegen die Marmorpaläste des Königs und seiner Frauen, nördlich die Bäder, Gärten, die Wohnungen der Prinzen und eine kleine Moschee. Alles ist aus weißem Marmor mit eingelegter Edelsteinmosaik erbaut, wobei Pracht und Üppigkeit mit Bequemlichkeit wetteifern.

Aber auch damals schon, noch ehe die Kugeln der erbitterten Engländer einen großen Teil dieses prachtvollen Baues zerstörten, war vieles in traurigem Verfall.

Zwei große Fontainen warfen ihre Strahlen in der Mitte des Gartens in die Höhe, durch welchen der oberste Stabträger des entthronten Monarchen den Residenten und den fremden Fürsten, nachdem er ihnen gleichsam alle Herrlichkeiten des Palastes auf dem Wege zur Schau gestellt hatte, vor seinen Herrn führte.

Der alte König von Delhi, jetzt ein Mann in den Siebzigen, befand sich in einem arabischen Kiosk mit vergoldeter und emaillierter Kuppel, die sich nach den Gärten in einer Säulenhalle öffnete, während die breiten balkonartigen Fenster nach dem Dschumna hinausgingen und den Blick auf die Schiffbrücke und das andere Ufer gestatteten.

Abul Mahomed, der letzte Großmogul von Delhi, saß auf einem mit Goldstoff überzogenen Diwan, umgeben von seinen Söhnen und Verwandten, seinen sogenannten Ministern, Dienern und Eunuchen. Er war ein Mann von unförmlich dicker und plumper Körpergestalt, und gutmütigem, apathischem Gesichtsausdruck. Er trug ein Gewand von roter Seide mit Goldborten verbrämt, nach Art eines Weiberrockes, und einen kostbaren Shawl um die Schultern. Sein Turban war rot und mit einer kostbaren Agraffe von Smaragden geziert, die einen kleinen Busch von Reiherfedern hielt. Die dicken, kurzen Finger waren fast bis zu den Spitzen mit wertvollen Ringen bedeckt, und zwischen den Lippen hielt er das Mundstück einer Hukah, deren langes, gewundenes Rohr mit Perlen und Edelsteinen besetzt war.

Einen eigentümlichen Kontrast zu dieser orientalischen Pracht bildete das einfach weiße Gefieder von zwei Tauben, die auf der Schulter und dem Arm des Nachkommen der mächtigsten Beherrscher Indiens ohne Scheu vor der umgebenden Menge saßen und von ihm von Zeit zu Zeit geliebkost und gefüttert wurden.

Andere Tauben flogen durch die offene Halle ab und zu, und ein ganzer Schwarm, der auf den Gesimsen und auf dem Rande des Springbrunnens saß, erhob sich bei der Annäherung des Zuges und flog umher, denn eine Unzahl dieser im Orient ohnehin für heilig gehaltenen Vögel bewohnte den Garten und den Palast des Großmoguls, der eine große Vorliebe für sie hatte.

Der Resident sah, daß die Favorit-Begum des Moguls, Sinat Mahal an seiner Seite saß, tief in Schleier gehüllt, während ihr junger Sohn Dschumna Bukh zu ihren Füßen kauerte, und ihr alter Vater neben ihr stand. Die vierzehn anderen Söhne des Kaisers, darunter Akbar Jehan, der Gefährlichste und Entschlossenste der Familie, Bukthur und Timor Aly, standen hinter ihrem Vater.

Als der oberste Schobedar sich dem Sitze des Kaisers näherte, warf er sich nieder und berührte dreimal mit der Stirn den Boden. Dasselbe Ceremoniell wiederholten alle Hindus, auch der Rajah, dessen Familie von geringerer Abstammung war, als die des Moguls, wogegen viele andere Fürsten-Familien Hindostans, z. B. der Rajah von Jeypur, von weit älterer und vornehmerer Familie abstammten und daher sorgfältig vermieden, Delhi zu betreten, um nicht einem Geringeren ihre Ehrfurcht bezeugen zu müssen.

Die Engländer begnügten sich mit drei tiefen Verneigungen, wobei der oberste Schobedar mit lauter Stimme ausrief: »Sehet die Zierde der Welt! Sehet die Zuflucht der Völker, den König der Könige! Den König Abul Mahomed!«

Hierauf traten der Schatzmeister des Rajah und der Sekretär des Residenten vor und legten auf einem weißen Tuche zu den Füßen des Königs die Totschakana, oder das übliche Geschenk nieder, denn es ist Brauch, daß bei jedem Besuche indischer Fürsten, sowohl unter sich als von den Engländern Geschenke ausgetauscht werden, die zum Teil in Ehrenkleidern, Waffen, Juwelen u. s. w. und in Goldstücken bestehen. Um diesen Gebrauch zu regeln, hatte die ostindische Kompagnie bestimmt, daß alle ihren Beamten gemachten Geschenke abgeliefert werden müssen, und der Erlös dafür einer besonderen Kasse zugute kommt, aus der wieder die Gegengeschenke bestritten werden.

Die Totschakana des Rajah von Bhurtpur bestand in mehreren wertvollen Shawls, Edelsteinen und Goldstücken, von letzteren empfing auch der künftige Thronfolger eine geringe Anzahl.

Die Augen der Sinat Mahal und der Söhne des Moguls maßen mit Begier die Größe der Geschenke und in vielen Gesichtern zeigte sich Verdruß und Zorn, als der Resident nur ein Geschenk von zehn Goldstücken auf das Tuch werfen ließ und die Prinzen gar nicht bedachte.

»Rohanna Rû, der Rajah von Bhurtpur,« sagte der Oberst, der des Hindostani vollständig mächtig war, nicht ohne Spott, »wünscht dem mächtigen Schah Abul Mahomed seine Ehrfurcht zu bezeugen. Da er in Gesellschaft seiner und Deiner Freunde, der Faringi kommt, so hoffe ich, Du wirst ihm das Licht Deines Angesichts zuwenden, obschon früher Eure Familien in Zwist lebten.«

»Er ist mir willkommen, Sahib,« sagte der alte Mann, »und Ihr möget die Hukah des Friedens mit dem Lichte der Welt rauchen.«

Der Rajah und der Resident wurden hiernach von den Babus oder Schatzmeistern des Moguls in ein Nebengemach geführt und dort mit dem Gegengeschenk des Königs, einer Tschoga von flitterhaftem und wertlosem Aufputz bekleidet. Der Turban des Rajah wurde mit einem goldgestickten Schleier umwickelt und ebenso der Hut des Residenten.

Als sie in die Halle zurückgekehrt waren, brachten die Diener auf goldenen Platten Scherbet und allerlei Süßigkeiten und reichten sie umher, während vor jedem der Gäste eine Hukah niedergelegt wurde.

Der Rajah von Bhurtpur war als ein sehr schweigsamer Mann bekannt, und die Unterhaltung daher eine sehr spärliche.

Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sich der Rajah zum Abschied, und sein Auge traf fragend den Residenten, als dieser ruhig sitzen blieb.

»Verzeihe, Hoheit,« sagte Oberst Frazer, »daß ich Dich nicht begleite, ich habe mit dem ›Schatten der Welt‹ noch zu reden, und Kapitän Douglas wird meine Pflicht erfüllen. Morgen werde ich Dich in Deinem Lager besuchen.«

Der Mogul tauschte einen besorgten Blick mit seinen Söhnen und seinen Ministern bei dieser Erklärung des Residenten, doch er konnte der angekündigten Unterredung nicht ausweichen. Die Augen Akbars und der Sinat Mahal aber begegneten sich mit Bedeutung, und der Sohn des Moguls trat an die hohen offenen Fenster des Pavillons, die nach der Dschumna hinaus gingen.

Ein triumphierendes Lächeln überzog sein braunes Gesicht, als er die Gegend überblickte, und er hob einen Finger seiner linken Hand in die Höhe, seinen Vertrauten als Zeichen.

Unterdes hatte sich der Rajah verabschiedet, und unter demselben Ceremoniell, wie er gekommen, den Gang eines trabenden Elefanten nachahmend, wie es die Etikette der indischen Höfe vorschreibt, verließ er mit seinem Gefolge den Pavillon und den Garten, begleitet von Kapitän Douglas.

Oberst Frazer und Leutnant Willougby blieben unter den Hindostani zurück.

»Ich habe Deiner Majestät zu melden,« sagte der Resident nach kurzer Pause, »daß die Regierung Ihrer Majestät der Königin Viktoria und das Direktorium der hohen Kompagnie sehr unzufrieden mit Deinem Verhalten sind. Es ist mir die Nachricht zugekommen, daß Deine Familie und Deine Diener Trotz und Ungehorsam gegen die Befehle des Kapitän Douglas zeigen, und bei jeder Gelegenheit ihre Unzufriedenheit mit den Anordnungen der Kompagnie an den Tag legen. Sie weigern sich, die Leute, die den Palast betreten, einer Prüfung zu unterwerfen, und überreden die Leibwache, daß sie nur den Befehlen der Prinzen Gehorsam schuldig seien.«

»Wallah, Sahib, was kann ich thun, ich bin ein alter Mann und die Knaben lachen mir in den Bart,« entgegnete der Sultan, »das Licht der Welt, der Sohn Akbar Schahs ist bosch, nichts, in ihren Augen. Du selbst weißt es am besten, da ich nicht einmal einen Eunuchen töten lassen darf, der meine Augen besudelt hat.«

Der alte Mann spielte auf ein Ereignis an, das kurz vorher vorgekommen war. Er lebte mit seiner Familie nicht im besten Vernehmen und mit seinen sogenannten Ministern in fortwährendem Streit, und besaß in der That so wenig Gewalt, daß er noch wenige Tage vor der Audienz sich genötigt gesehen hatte, den Beistand des britischen Residenten in Anspruch zu nehmen, um seinen Hausminister aus dem Palast werfen zu lassen, den dieser nicht freiwillig verlassen wollte. Eben so ging es ihm in seinem Harem. Eines seiner Kebsweiber wurde, ihm unbewußt, guter Hoffnung, bald darauf eine zweite, und es ergab sich, daß ein als Eunuch gekaufter Wächter des Harems die Ursache war. An dem Sklavenhändler konnte sich der ergrimmte Kaiser nicht rächen, und den angeblichen Eunuchen durfte er nicht mit dem Tode bestrafen, da ihm solche Gerechtigkeitspflege streng von den Engländern untersagt war. Erst nach vielen Bitten bei der über seine letzte Heirat erzürnten Familie erlangte er es, daß der Pseudo-Eunuch mit Peitschenhieben aus dem Palast gejagt wurde.

»Was geschieht, geschieht in Deinem Namen,« erklärte der Resident, »und Du weißt, daß Kapitän Douglas bereit ist, Dir bei jedem billigen Begehren Hilfe zu leisten, auch wenn Du jene Männer,« er wies auf die Schar der Söhne, »ein für allemal aus Deiner Nähe entfernen willst. Die Regierung von Indien hat auf meine Bitte eines ihrer obersten Mitglieder hierher gesandt, um die Sache zu untersuchen, denn ich weiß, daß Deine Söhne mit der vertriebenen Mahe Tschund, der früheren Königin von Lahore, und den Räubern der Thur in Verbindung stehen. Sir Robert Mallingham ist auf dem Weg hierher.«

»Ai! ai! Das ist schlimm,« jammerte der alte Mogul. »Es sind böse Buben, aber ich bin in ihrer Gewalt. Sie verlangen Geld von mir, und die Faringi geben mir keines. Ich bin ein geplagter Mann.«

»Du erhältst regelmäßig, was die Regierung Dir ausgesetzt hat, die Wirtschaft in dem Palast aber ist eine so liederliche, daß das Geld nicht für die Hälfte der Zeit ausreicht, und täglich neue Schulden bei den Babus gemacht werden. Ich weiß, daß schon viele Kostbarkeiten verkauft, und die Güter des Tajul Familienschatz. verpfändet worden sind. Das aber ist gegen den Vertrag.«

»Ist der Enkel Aureng-Zebs, der Sohn der Herrscher Indiens, ein Sklave der Faringi, daß er nicht mehr wagen darf, über sein Eigentum zu verfügen?« zürnte Prinz Jehan, indem er sich kühn gegen den Residenten wandte.

»Ich kenne Deinen aufrührerischen Geist,« entgegnete streng der Oberst, »und rate Dir wohlmeinend, zu schweigen, bis die Reihe an Dich kommt. Ein Kerl, Chuni mit Namen, Dieser trat später in dem Prozeß gegen den alten König als Zeuge auf. Die Verbreitung seines Journals findet in der oben angedeuteten eigentümlichen Weise statt. Nachdem Chuni sein Journal geschrieben hat, geht er zu seinen Abonnenten, die entweder nicht lesen können, oder zu bequem sind, um es selbst zu thun, der Reihe nach umher, und liest jedem das Manuskript vor. der sich den Herausgeber einer indischen Zeitung nennt, läuft mit seinen Schreibereien in der Stadt umher, und liest dem Volk vor den Moscheen, den Pagoden und in den Kaffeehäusern mißvergnügte Artikel vor, die er im Auftrag des Königs geschrieben zu haben vorgiebt. Sie enthalten Klagen über die Engländer und fordern unsinniger Weise die Wiederherstellung des alten Reiches der Großmogule.«

»Inshallah! was kann ich thun! Der Chuni ist ein Lump, obschon er sehr gute Geschichten erzählen kann. Laß ihm die Bastonade geben. Es müßte freilich ein schönes Ding sein, wenn der Thron meiner Väter wieder so mächtig würde, als zur Zeit, da Ihr Faringi in dies Land kamt.«

»Wallah! Gut gesagt! Sehr wohl!« murmelte der gesamte Hofstaat.

»Deine Väter haben den Thron nicht gegen ihre eigenen Vasallen beschützen können und Du solltest den Engländern Dank wissen, daß sie Dich für so viele Verrätereien wenigstens in dem Rest Deines Eigentums beschützen,« entgegnete der Resident, der keine Lust hatte, sich über die Rechtmäßigkeit der englischen Besitznahme zu streiten. »Jener Kerl von Zeitungsschreiber ist bereits festgenommen und die Folter wird ihm das Geständnis abzwingen, was wahres an seiner Behauptung und wer der Urheber jener Aufreizungen ist. Vorerst habe ich Dir, bis das General-Gouvernement weiter entscheidet, mitzuteilen, was ich für nötig halte!«

» Ai gusum! Licht meiner Augen! was werde ich hören müssen?«

»Ich verlange von Dir, daß diejenigen Deiner Söhne und Verwandten, denen die Regierung Ursache hat, zu mißtrauen, und deren Namen auf diesem Papier verzeichnet sind, mit ihren Familien sofort Deinen Palast und Delhi verlassen, sich auf die Landgüter jenseits der Dschumma begeben und nicht ohne meine ausdrückliche Erlaubnis sich von dort entfernen dürfen.«

»Inshallah, was muß ich hören?« jammerte der alte Herrscher. »Bin ich ein Vater und habe Kinder, daß ich sie verstoßen soll? Die Esel werden mein Grab besudeln, wenn ich gestorben bin!«

»Nimmermehr!« rief Bukthur, der zweite Sohn des Königs. »Kommt dieser Faringi hierher, unserm Vater in den Bart zu lachen? Wir sind in unserm Eigentum, und er hat kein Recht, uns daraus zu vertreiben!«

Die Ankündigung der strengen Maßregel hatte unter der ganzen Familie allgemeine Bewegung hervorgebracht, aber der Resident kümmerte sich im Gefühl seiner Macht wenig darum, sondern fuhr fort:

»Das zweite, was ich für notwendig finde, ist die Entlassung des Gesindels, das Du Deine Leibwache zu nennen beliebst. Kapitän Douglas klagt über den Geist von Widersetzlichkeit, der sich unter ihm zeigt. Ich werde mit Brigadier Graves die nötigen Verabredungen treffen, daß von morgen ab eine Kompagnie Sepoys die Wache des Palastes übernimmt.«

Der König warf seinen Turban zur Erde. »Ich bin ein geschändeter Mann,« rief er. »Der Schatten des Unglücks ist über mir, ich werde Asche auf mein altes Haupt streuen.«

»Schweig', Vater, oder antworte diesem stolzen Faringi, wie ihm gebührt,« schrie der Prinz Jehan, indem er an die Seite seines Erzeugers sprang. »Ihr habt die Enkel Timurs zum Schatten ihrer alten Größe gemocht und wollt sie auch des letzten Zeichens ihrer Macht berauben, damit der Thron Aureng-Zebs der Schemel Eurer Füße werde! Brüder und Freunde, wollen wir noch länger die Erniedrigung der Herrscher des goldenen Delhi durch die schmutzigen Kaffirs Kaffir-Gjeuer, Ungläubiger. dulden?«

»Nieder mit ihnen! nieder mit der Herrschaft der Faringi!« riefen zahlreiche Stimmen.

Der Oberst war aufgesprungen und hatte seine Hand an den Degen gelegt, Leutnant Willougby stand ihm bereits zur Seite.

»Das ist offenbarer Aufruhr,« rief der Resident, »und übersteigt meine Nachsicht. Ich verhafte Dich, Akbar Jehan, im Namen der Regierung! Du wirst sofort Dich auf die Thorwache begeben und meine weiteren Befehle dort erwarten.«

Der Hindu-Prinz lachte höhnisch auf. »Sieh zu, ob die Krieger Abul Mahomeds, des Großmoguls von Delhi, seinen Sohn fangen und halten werden.«

»Zu Kapitän Douglas, Willougby,« befahl der Resident. »Er soll sofort eine Abteilung Sepoys von der Hauptwache hierher kommandieren.«

Prinz Jehan hohnlachte. »Laß alle Soldaten, die Du hast, elender Kaffir, gegen uns ziehen, die ganze Macht Deiner weißen Königin wird Dir nicht helfen gegen den neuen Glanz des alten Thrones von Dewan-Kost. Brüder und Freunde, der Augenblick ist gekommen, uns zu rächen, und der Strahl der Sonne Der Fluß Dschumna ist nach der indischen Mythe die Tochter der Sonne und die Schwester Yamas des Todesgottes. führt die Söhne des Todes in unsere Mitte.«

Sein ausgestreckter Arm wies triumphierend durch die hohen Bogenfenster der Veranda nach der entfernten Schiffbrücke über den Fluß.

Die Staubwolke hatte sich genähert und einen langen dunklen Strom von Reitern aus ihrer Mitte geboren, der auf Pferden und Kamelen über die Brücke nach der Stadt eilte. Waffen blitzten im Sonnenlicht. Eine Masse Volks umdrängte die Reiter, und bis hierher drang das jubelnde Geheul der Menge.

»Was bedeutet das? wer hat die Wache an der Brücke, Willougby?«

»Leutnant Waterfield. Doch die Sache hat keine Gefahr, Oberst Ripley muß von der Begleitung des Rajah bereits zurück und in der Stadt sein. Kommen Sie mit, Sir, ich darf Sie hier nicht allein lassen.«

Man hörte den schwachen Knall entfernter Schüsse, gleich darauf den starken Ton einer ganzen Salve.

»Inshalla! was geht mit mir vor? was ist geschehen? Habe Mitleid mit den armen thörichten Buben, o Sahib!« flehte der alte König, indem er seine Freunde, die Tauben, abschüttelte, sich trotz seiner Schwerfälligkeit in Angst erhob und auf den Residenten zuwankte.

Seine Söhne sprangen dazwischen.

»Erniedrige Dich nicht vor dem elenden Kaffir, Kaiser von Hindostan!« schrie Akbar Jehan. »Möge er fliehen, damit sein Blut nicht den Boden Deines Palastes beflecke! Jene Krieger, die über die Dschumna strömen, sind die Reiter von Mirut, welche die Faringi erschlagen und uns zu Hilfe eilen.«

»Nimmermehr soll der Kaffir lebendig entkommen,« schrie der wilde Bukthur und riß ein Pistol aus dem Gürtel, es auf den Residenten erhebend, aber die Sinat Mahal warf sich schreiend dazwischen.

»Es ist kein Augenblick zu verlieren! Fort, Sir!«

Der Leutnant faßte den vor Schreck und Staunen über die so gänzlich unerwartete Wendung der Dinge sprach- und willenlosen Residenten am Arm und zog ihn eilig aus dem Kiosk und durch den Garten, verfolgt von dem wilden Geschrei der Söhne und Diener des Königs.

Der junge Offizier war zum Glück mit den Wegen des Palastes genau bekannt und erreichte mit seinem Begleiter glücklich den Dewan-Kost.

Hier stürzte ihm, von einem Säbelhieb im Gesicht blutend, Sergeant Soyce, ein Engländer im Dienst des Kapitän Douglas, entgegen.

»Aufruhr, Mord, Gentlemen!« schrie der Mann. »Eilen Sie, sich zu retten! Kapitän Douglas sendet mich, er hält das äußere Thor!«

Jetzt hatte auch Oberst Frazer seine Geistesgegenwart und die volle Erkenntnis der Gefahr wieder erlangt.

»Wo sind die Pferde, Soyce? Wo sind meine Diener?«

»Im Hof der Elefanten, Sir, aber die Leibwachen haben ihnen befohlen, sich zu entfernen.«

Die drei flogen, von dem Lärm geleitet, durch den niederen Bogengang in den äußeren Hof, wo sich ihnen ein unendlicher Tumult zeigte.

Die Leibgarden des entthronten Königs waren noch unter Waffen, aber ihre Reihen hatten sich in wilde Unordnung gelöst. Ein Teil von ihnen hielt das innere Thor besetzt, andere standen auf den Mauern und jubelten und schrieen, ein dichter Haufe hatte sich um die zitternden indischen Diener des Residenten gesammelt, die mit dem Elefanten und einigen Pferden im Hofe hielten und wahrscheinlich längst die Flucht ergriffen hätten oder der Aufforderung der Soldaten, sich ihnen anzuschließen, gefolgt wären, wenn der Mahoud, ein dem Obersten treu ergebener Mensch und seit vielen Jahren in seinen Diensten, sich nicht standhaft geweigert hätte, den Platz zu verlassen, auf dem er seinen Herrn erwarten sollte.

Die beiden britischen Offiziere trugen über ihren Uniformen noch die Tschoda, das indische Ehrenkleid, das sie zur Audienz bei dem Könige hatten anlegen müssen und dieser Umstand rettete vorerst wahrscheinlich ihr Leben. Ehe einer der Meuterer auf sie aufmerksam geworden, waren sie mitten in der Gruppe, und der Resident rief dem Mahoud einen Befehl zu, während Leutnant Willougby die Hand auf den Bug seines edlen Rosses legte und mit einem Satz in den Sattel sprang.

In demselben Augenblick hatte er auch den Zügel der haltenden Hand des erschrockenen Dieners entrissen, rief dem Sergeanten zu, sich eines anderen Pferdes zu bemächtigen und tummelte das seine zur Seite des die Vorderkniee beugenden Elefanten, um die herbeieilenden Soldaten aufzuhalten und dem Residenten möglich zu machen, die Haudah zu erreichen.

Es war keine Zeit, zu diesem Zweck sich der gewöhnlichen Leiter zu bedienen. Auf ein Wort des Mahoud streckte das durch seine Gelehrigkeit in ganz Delhi bekannte Riesentier jetzt seinen Rüssel zur Seite aus, Oberst Frazer, der das Tier liebte und häufig fütterte, setzte seinen Fuß auf den Rüssel, schwang sich mit Hilfe des Mahoud auf den Rücken und erreichte die Haudah. Sofort erhob sich der Elefant und schritt auf das Thor zu, als sage ihm der Instinkt den Willen seines Herrn.

»Gebt Raum, Ihr schwarzen Schurken, und wehe dem, der eine Hand zu erheben wagt!« schrie der Leutnant und sprengte auf das Thor zu, das eine dichtgedrängte Menge der Leibwachen unter drohendem Geschrei versperrt hielt.

Sei es, daß die jahrelang gewohnte Autorität sie noch in Schranken hielt, oder daß sie erst den Befehl eines Anführers erwarteten, sie begannen in der That, Platz zu machen.

In diesem Augenblick erschienen in dem Thor zum Dewan-Kost die Söhne des Königs, und der wilde Bukthur, die Flucht der Gefährdeten erkennend, sprang vor und rief, seinen Säbel schwingend: »Bei dem Barte des Propheten! laßt die unreinen Tiere nicht entkommen! sie sollen sterben in diesen Mauern!«

Einer aus der Leibwache warf sich dem jungen Offizier entgegen und faßte die Zügel seines Pferdes, aber Willougby beugte sich vornüber, schlug ihn mit dem Säbelgriff ins Gesicht und spornte sein Pferd. Das edle Tier hob sich, sprang über den taumelnden Soldaten weg in den Bogen des Thores und galoppierte vorwärts.

Zugleich schob der Rüssel des Elefanten die dichtgedrängten Männer mit einem kräftigen Ruck zur Seite und machte den Weg in dem Thorbogen frei. Als kenne er seine Kraft und wisse, daß er den Rückzug decken müsse, ließ der Elefant den verwundeten Sergeanten, dem es gelungen, ein Pferd zu besteigen, voran und folgte ihm.

»Schießt auf sie, Ihr Feiglinge! Nieder mit ihnen!« schrie der wilde Hinduprinz; sein Bruder Akbar dagegen entriß einem der Soldaten, die sich fürchteten, den Elefanten zu reizen, das Luntengewehr und eilte die Mauer hinauf, den Nächsten zu folgen befehlend.

Die drei Reiter hatten unterdessen das Thor passiert und die Brücke erreicht, die über dem Graben nach dem Platz vor dem Palast und dem Chandy-Choak führte, wo eine große Volksmenge mit Geheul und Geschrei sich versammelt hatte und eben einen englischen Kaufmann verfolgte, der in Todesangst über den Platz flüchtete, die ganze Meute hinter sich.

Auf der Brücke stand Kapitän Douglas, den Säbel in der Faust, mit zwei europäischen Korporalen, die den Dienst mit ihm im Palast versahen. Alle drei waren bemüht, mit Worten und Hieben auf der einen Seite die Thorwache anzuhalten, die Brücke zu sperren, auf der andern das Herüberdrängen des Pöbels zu verhindern.

»Der Teufel ist los, Oberst,« rief diesem der brave Schotte zu, als er ihn erblickte, »ich glaube, das Gesindel macht Ernst. – Sie werden uns ermorden, ehe Ripley noch uns Hilfe senden kann.«

»Sie opfern unnütz Ihr Leben hier, Kapitän, der Verrat ist im Palast wie auf den Gassen, meuterische Sepoys von Mirut dringen über die Schiffbrücke! Lassen Sie uns eilen, die Residentur zu erreichen.«

Ein entsetzlicher Schrei, das Heulen der Menge übergellend, unterbrach ihn vom Platz her. Der unglückliche Europäer, nach dem die tobende Menge Steine, Messer und was ihr zur Hand war, geschleudert, war, von einem Steinwurf getroffen, zu Boden gestürzt. Im Augenblick warfen sich Hunderte wie ein lebendiger Berg über den Unglücklichen her. Tulwars, Handjars und Messer funkelten durch die Luft, jener Schrei war der Todesschrei des armen Opfers, das buchstäblich in Stücke gerissen wurde. Die Menge schwenkte jubelnd die blutigen Glieder und ein wilder Behischty oder Wasserträger hob den abgeschnittenen Kopf auf seiner Stange empor.

»Vorwärts, Gentlemen, oder wir haben das Schicksal jenes Unglücklichen,« rief Willougby und machte sich bereit, die Sattelpistole in der einen, den Säbel in der andern Hand, auf die Menge einzusprengen, die sich bereits auf der andern Seite des Kanals mit drohenden Gebärden versammelte.

Da knallten plötzlich mehrere Schüsse hinter ihnen und wildes Triumphgeschrei erhob sich auf der Höhe der Mauer, als einer der Korporale tödlich getroffen zu Boden stürzte. Umblickend sahen sie auf der Zinne des Thores Akbar Jehan mit mehreren Soldaten beschäftigt, aufs neue ihre Gewehre zu laden, während andere hinauf eilten, und aus der Wölbung des Thores unter der Anführung des Prinzen Bukthur ein Haufen meuterischer Leibwachen hervorstürzte.

»Retten Sie sich, Kameraden,« rief Kapitän Douglas, »ich bin verwundet und werde auf meinem Posten sterben.« Er sank am Geländer der Brücke zusammen, eine der Kugeln hatte ihm den Schenkel durchbohrt.

Der Resident beugte sich über die Haudah.

»Manakjy,« sagte er zu dem Mahoud, »laß Moll helfen, den Kapitän zu retten!«

Der treue Diener rief dem Elefanten einige Worte zu, das verständige Tier näherte sich sogleich dem Ort, wo der brave Offizier von der Kugel der Meuterer gesunken war, schlang den Rüssel um ihn und hob ihn so leicht empor, als wäre es ein Kind.

Die Soldaten auf den Mauern und der Pöbel auf dem Platz stießen ein wildes Jubelgeschrei aus bei diesem Anblick, denn sie glaubten im ersten Augenblick, der Elefant werde ihren Feind in die Luft schleudern; aber der Jubel verwandelte sich augenblicklich in ein Wutgeheul, denn das treue Tier reichte behutsam den blutenden Körper des Offiziers über seinen Kopf weg nach der Haudah, in die ihn der Oberst und der Mahoud hoben.

»Jetzt, Manakjy, vorwärts nach Saman-Batsch und nieder mit allem, was uns in den Weg tritt. Soyce, sucht die Bungalows zu erreichen und holt Beistand, und Sie, Willougby, so rasch als möglich ins Arsenal!«

»Sie entfliehen! Feuer! Feuer auf sie!« schrie der Prinz Jehan von der Höhe der Mauer. Speere wurden nach ihnen geschleudert, eine Anzahl Luntenflinten auf sie abgeschossen, aber die Kugeln flogen glücklich an ihnen vorüber und die eine, die den Elefanten traf, diente nur dazu, das riesige Tier in Zorn zu setzen. Es folgte, ein trompetenartiges Geschrei ausstoßend und den Rüssel schwingend, in plumpem Trabe dem jungen Offizier, der den Sergeanten zur Seite, auf seinem edlen Pferde in gestrecktem Galopp über die Brücke und mitten in den heulenden Pöbelhaufen flog.

Den Einzigen, der Mut und Gewandtheit genug hatte, sich ihm in den Weg zu werfen, denselben Kerl, der das Haupt des unglücklichen Kaufmanns auf seiner Stange trug, schoß er nieder, und über ihn hinweg setzte das Pferd in kräftigen Sprüngen weiter und verschwand im nächsten Moment an der Ecke des Platzes.

Auch dem Sergeanten, obschon ihn einige Steinwürfe trafen, gelang es, die Menge zu durchbrechen und den Eingang des Chandy-Choak zu erreichen, der jetzt verhältnismäßig leer war und über den er unaufgehalten dem Lahore-Thore zu jagte.

Obschon er, abgesehen von seinem Degen, ohne alle Waffen war, hegte Oberst Frazer doch keine Besorgnis, denn er kannte die Kraft und den Mut seines Tieres, und indem er sich und den Verwundeten soviel als möglich hinter den niederen Wänden der Haudah zu schützen suchte, rief er bloß »Saman-Batsch«, den Namen des Palastes, der zur Residentur diente und zwischen Gärten im nördlichen Teile der Stadt, in der Nähe des Kaschmir-Thores lag.

Moll, der Elefant, kannte, nachdem der Mahoud ihm den Namen wiederholt, vollkommen seinen Weg und trabte mit großer Schnelligkeit, wiederholt sein schmetterndes Geschrei ausstoßend, über den Platz, was ihm in den Weg kam unter seinen riesigen Füßen niederstampfend. Alles flüchtete vor der Kraft des Tieres und begnügte sich, die Flüchtenden mit Schüssen, Flüchen und Steinwürfen zu verfolgen und in gefahrloser Entfernung ihnen nachzurennen.

Der arme Korporal, der vergeblich versucht hatte, mit den drei Reitern sich zu retten, und zurückgeblieben war, wurde von der Bande Bukthurs in Stücke gehauen.

Das Geschrei, das von dem nahen Kalkutta-Thore her drang, auf das die Schiffbrücke über die Dschumna mündet, belehrte den treuen Mahoud, daß dort Gefahr für sie sei; er lenkte den Lauf des Tieres rasch durch die engeren Gassen zur Linken und gelangte glücklich auf den Platz, in dessen Mitte der prächtige Palast des berühmten Wessirs Akbars des Großen liegt. Der Platz war fast leer von Menschen, denn alles strömte bei dem Tumult, der sich in der Stadt erhoben, an jene Orte, wo die Verwirrung und der Lärm am größten waren. Das Thor des Palastes war zwar geschlossen; auf den Ruf des Herrn jedoch wurde es von dem diensthabenden Sepoy-Unteroffizier geöffnet, und Oberst Frazer mit seinem Gefährten verließ im Hofe die Haudah des Elefanten.

Bevor er den Hof verließ und dem Kapitän, den er bereits in ein Gemach des Palastes hatte bringen lassen, folgte, rief er den Mahoud zu sich.

»Manakjy,« sagte er zu ihm, »ich kenne Dich als den treuesten meiner Diener, und Du hast Deine Ergebenheit in der Stunde der Gefahr bewährt. Hast Du den Mut, für mich Dich einer neuen Gefahr zu unterwerfen?«

»Sprich, Sahib, Manakjy ist Dein Diener und wird Dir gehorchen.«

»Du weißt, wo Miß Viktoria, meine Tochter, sich befindet?«

»Die Mam Sahib ist in dem Hause der frommen Frauen.«

»Ich glaube zwar nicht, daß sie dort etwas zu befürchten haben, überdies muß General Graves bereits unterrichtet sein und jeden Augenblick mit den Truppen eintreffen, um die Unsinnigen zu züchtigen. Indes wird Viktoria sich unnötig ängstigen und könnte sich leicht zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lassen. Eile zu ihr und beruhige sie über meine Sicherheit, und wenn ihr Gefahr droht, so führe sie hierher oder in die Kantonnements der Truppen.«

»Soll ich Kubadar Moll mit mir nehmen, Sahib?« fragte der Mahoud.

»Nein, laß ihn hier, es würde nur die Aufmerksamkeit dieser Schurken auf Dich lenken. Ich vertraue auf Dich, Du wirst meine Tochter beschützen.«

»Ich habe mit der Mam Sahib als Knabe gespielt,« sagte der Mahoud, »ich werde thun für sie, was ein Mann für den andern zu thun vermag. Aber es ist schade, daß Moll nicht mit mir gehen darf, er hat den Verstand von zehn Männern und die Kraft von hundert.« Mit diesem Lobe seines geliebten Tieres machte der Mahoud sich auf den Weg, seinen gefährlichen Auftrag auszuführen.


Der Elefant, von dem hier die Rede ist und der in den Kriegsberichten der englischen Armee mehrmals erwähnt wird, war seit etwa zehn Jahren im Besitz des Obersten Frazer und diesem von dem entthronten König von Audh noch zur Zeit seines Glanzes geschenkt worden, samt dem Mahoud, einem noch jungen Mann von etwa einundzwanzig Jahren.

Es war im Jahre 1837, bei einem Besuch des neuen General-Gouverneurs von Indien, Lord Auklands, in Lucknow, als der König von Audh, Nassir-ed-Daula, zu Ehren seines Gastes große Tierkämpfe veranstaltete, bei denen Kubadar-Moll die bedeutendste Rolle unter den hundertfünfzig Elefanten des Königs spielte. Er war bereits in hundert Kämpfen Sieger geblieben und besaß schon damals nur noch einen der mächtigen Fangzähne, denn der andere war ihm Stück für Stück in den furchtbaren Kämpfen abgebrochen worden.

Kubadar Moll war damals ein furchtbarer schwarzer Bursche und wahrhaft schrecklich, wenn er sich in aufgeregtem Zustande befand. Es war eben die geeignete Jahreszeit der Brunft und ein anderer riesiger Elefant, ebenso schwarz, war zu seinem Widersacher erkoren. Wenn sich zwei männliche Elefanten in der Wut begegnen, beginnt der Kampf sogleich und es bedarf keines Antriebes. Jedes dieser Tiere hatte seinen eigenen Mahoud, der ihm im Nacken sitzt und die einzige Person ist, die sich ihm in solcher Zeit nähern darf; aber unter der Hand seines Mahoud ist das Ungetüm so fügsam wie ein Kind. Für den Wärter bedarf es keiner Vorbereitung zum Kampfe, als eines starken Riemens vom Nacken des Elefanten bis zu dessen Schwanz, um in diesem beim Kampfe einen festen Halt zu haben und nach Belieben vorwärts und rückwärts rutschen zu können, ohne herunter zu fallen. Daß die Lage des Mahouds während der Dauer eines solchen Gefechts keine angenehme ist, läßt sich denken, dennoch ist jeder Wärter auf den Ruf seines Elefanten so eifersüchtig, daß er es als die größte Schmach betrachten würde, seinen Posten zu verlassen. Der Sieg ist für ihn so rühmlich, wie für das gigantische Tier, welches er führt und für dessen Ehre er besorgt ist. Das scheint jeder der kämpfenden Elefanten auch sehr wohl zu begreifen; denn während der feindliche manchen Schlag nach dem Mahoud seines Gegners richtet und ihn ohne Zögern unter seinen Füßen zerstampfen würde, wenn er das Unglück hätte, von seinem Sitz herunterzufallen, beschützt der eigene Elefant seinen Freund, der sich, wie der Schiffbrüchige an der Planke, an dem Riemen festklammert, auf das Sorgfältigste und pariert die Schläge, die ihm gelten.

Bei der Gelegenheit, wo Moll zur Belustigung des britischen General-Gouverneurs, des Königs und seines Gefolges in die Schranken treten sollte, befanden die hohen Zuschauer sich in einem Palast, der dicht am Ufer des Gumty lag. Von der auf der Wasserseite erbauten Terrasse mit hohem Balkon konnten sie ohne eigene Gefahr den schmalen Fluß und das jenseitige Ufer, einen offenen Park, in welchem das Gefecht stattfinden sollte, gut übersehen. Auf ein von dem Könige gegebenes Zeichen näherten sich die beiden Elefanten einander von zwei verschiedenen Seiten, jeder mit seinem Mahoud im Nacken. Als sie einander ansichtig wurden, hoben beide ihre Rüssel und ihre Schwänze in die Höhe und trabten aufeinander zu, gleichzeitig eine laute Herausforderung trompetend. Moll und sein Feind stießen mit solchem Ungestüm aufeinander, daß man den Zusammenstoß der Köpfe weithin dröhnen hörte. Eine breite Stirn an die andere, die Rüssel senkrecht erhoben und die Zähne zwischeneinander, setzten sie ihre Füße fest auf den Boden und stießen sich mit den Köpfen fort und fort, nicht mit entschlossener, lang anhaltender Anstrengung, sondern mit schnell wiederholten kurzen Stößen, wobei sich die Rücken wechselweise krümmten und ebneten. Die erst im Nacken sitzenden Mahouds verließen schnell ihre Plätze und jeder, seinen Kämpfer anfeuernd, schrie wie toll und handhabte seine Treibmittel, die elfenbeinernen Stachelstöcke, tüchtig auf den Schädeln der Tiere.

Gewöhnlich bleibt bei solchem Zusammenstoß dem stärkeren Tiere der Sieg, oft aber auch trägt die größere Beweglichkeit und Kampfgeübtheit denselben davon. Das Ende des Kampfes ist, daß der Sieger den schwächeren zu Boden wirft, oder ihm, wenn er sich zur Flucht wendet, die Zähne in den Leib stößt.

Lange schwebte der Kampf zwischen Moll und seinem Gegner, doch endlich begann der erstere in Vorteil zu kommen. Der eine Vorderfuß des andern Elefanten hob sich, und man erkannte bald, daß er an den Rückzug denke. Molls Treiber sah die Bewegungen und wußte, was sie bedeuteten. Sein Geschrei klang wahrhaft dämonisch, indem er den Schädel seines Tiers mit dem Stachel bearbeitete. Doch Moll bedurfte keines Antreibers. Er war ein zu alter Kämpfer, um nicht zu wissen, daß bald ein neuer Lorbeer zu seinen früheren kommen werde, seine Kraft schien mit dieser Überzeugung zu wachsen und er begann eben so hitzig zu werden wie sein Wärter. Die Streitenden standen während des Kampfes nur wenige Schritte vom Ufer des Gumty entfernt; der weichende Elefant zog sich langsam nach dem Wasser zurück, verließ plötzlich mit einem Sprunge rückwärts seinen Gegner und warf sich vom Ufer in den Fluß. Sein Mahoud kletterte am Strick über seinen Rücken und saß bald wohlbehalten auf dem Nacken, während der Elefant dem andern Ufer zuschwamm. Moll war wütend über die Flucht seines Gegners; sein Wärter mahnte ihn zwar, zu folgen, aber er wußte entweder, daß es vergeblich war, oder er war zu wild, um zu gehorchen und schaute sich zornig nach einem Gegenstand um, den er angreifen konnte. Der unglückliche Mahoud, ihn noch immer stachelnd und anschreiend, verlor bei der plötzlichen Wendung des Elefanten das Gleichgewicht und fiel zur Erde, gerade vor das Tier nieder, das er erst so wild und ungelenksam gemacht hatte. Kaum hatte man den Mann herabfallen und unten auf dem Rücken liegen sehen, mit einem Beine unter sich und das andere ausgestreckt, beide Arme in die Höhe gehoben, als der eine gewichtige Fuß des Elefanten auf seine Brust trat und man das schreckliche Krachen der Knochen hörte. In wenig Sekunden war der Mann nur noch eine formlose Masse, aber das wütende Tier war damit noch nicht befriedigt. Mit dem Fuß fest auf dem Leichnam stehend, faßte es mit dem Rüssel den Arm, riß ihn vom Körper los, als wäre es ein Seidenfaden, und warf ihn hoch in die Luft, daß das Blut weit umherspritzte. Dann faßte es den andern Arm, um das Gleiche damit zu thun.

Das Entsetzen, das die Zuschauer dieser schrecklichen Scene versteinerte, vermehrte sich noch, als man ein junges indisches Weib mit einem Kinde auf dem Arm aus der Gegend, wo Moll hergekommen, so schnell, als es ihre Last erlaubte, herbeilaufen sah.

Der General-Gouverneur sprang empor. »Um Himmels willen! Die Wahnsinnige rennt in ihr Verderben! Kann nichts geschehen, sie zu retten?«

»Es ist des Mahouds Weib,« entgegnete kaltblütig der König, indem er den Rauch seiner Hukah von sich blies, »ihr Verstand ist bosch, was kann ich thun?«

Der mit anwesende Resident, Oberst Law, hatte aber bereits Befehl gegeben, daß die Reiter mit ihren langen Spießen den Elefanten forttreiben sollten. Leider ging das nicht so schnell. Schon durch das Überbringen des Befehls war Zeit verloren, dann mußten die Leute vorsichtig sich von verschiedenen Seiten nähern, und ehe dies geschehen und sie ihre Spieße gegen den bei der Aufregung des Tieres um so empfindlicheren Rüssel richten konnten, rannte schon das arme Weib, ohne die Folgen zu bedenken, auf den Elefanten los.

»O Moll! Moll! Du grausames, böses Tier, was hast Du gethan,« schrie die Frau, indem sie sich vor ihm niederwarf. »Du hast die Hand, die Dir wohlgethan, vernichtet. Du hast das Dach eingerissen, nun brich auch die Wände nieder! Möge die grausame Seele, die in Dir wohnt, niemals in das Paradies eingehen! Du hast meinen Gatten getötet, der Dich so lieb hatte, nun ermorde auch mich und sein Kind!«

Damit warf sie den kleinen nackten, etwa zweijährigen Knaben vor die Füße des Elefanten nieder. Man erwartete, das wilde Tier werde sich von dem verstümmelten Leichnam des Mannes nun zu dem Weibe und dem Kinde wenden und auch sie töten, ehe die Reiter heranzukommen vermöchten, aber Molls Wut war vorüber. Der Koloß fühlte nun gleichsam Gewissensbisse über das, was er gethan hatte, sein Kopf beugte sich wie beschämt nieder, während er den Fuß von dem Körper des Getöteten wegzog. Die Frau warf sich nun selbst auf die Reste ihres Mannes, und der Elefant stand dabei, als ob er ihren Gram verstehe. Die Unglückliche jammerte laut, sich dann und wann zu dem Elefanten wendend, um ihm Vorwürfe zu machen, während das seiner Schuld bewußte Tier betrübt zu ihr hinblickte und das Kind, ein Knabe von zwei Jahren, mit seinem Rüssel spielte, wie es wahrscheinlich schon oft gethan. Es war in der That ein rührender Anblick.

Jetzt nahten sich die Spießträger auf Pferden, welche schon an dieses Manöver gewöhnt waren. Sie kamen von beiden Seiten und berührten erst sanft den Elefanten, um ihn zum Fortgehen zu bewegen. Kubadar Moll warf die langen Ohren zurück und sah sie mit drohenden Blicken an. Wenn ihn auch das Weib des Mahouds, den er getötet, beleidigen durfte, so sollten jene ihm doch nicht nahen, das konnte man an seinen entschlossenen Bewegungen und dem Funkeln seiner kleinen Augen sehen. Sie stachen ihn wieder und diesmal schärfer. Da erhob er den Rüssel, stieß ein herausforderndes Brüllen aus und ging auf die Reiter zur Linken los. Sie flohen in aller Eile und Moll folgte. Die frühere Wut des Elefanten kehrte zurück und als die Bande, die ihn angegriffen, Schutz gefunden und hinter den Bäumen verschwunden war, wendete er sich gegen die andere, die von ihm verfolgt, gleichfalls so schnell als möglich entfloh.

»Laßt das Weib ihn zurückrufen,« befahl der König, »er wird ihr folgen.«

Die Frau rief seinen Namen und Moll folgte gehorsam ihrem Ruf und stellte sich ruhig an ihre Seite, wie ein Hund gethan haben würde.

»Das Weib mag mit dem Kinde das Tier besteigen und es fortführen,« sagte nun der König, und als ob der gewaltige Riese der Tierwelt diese Worte verstanden hätte, schlang er die Spitze des Rüssels mit der Sorgfalt einer Amme um den kleinen nackten Knaben und hob ihn auf seinen Nacken, wo der Bube, wie er bei Lebzeiten seines Vaters schon oft gethan, an den Ohren des Elefanten sich festhielt.

Die Frau legte ihre Hand leicht auf den Rüssel des Elefanten, und gehorsam ließ sich das Tier von ihr wegführen und in seinen Stall bringen.

Von diesem Tage an waren sie und der Knabe seine Wärter, seine Mahouds. Er litt keine andern. Wenn Moll noch so aufgeregt, noch so wild war, so brauchte sie ihm nur zu befehlen und er gehorchte; eine Berührung seines Rüssels durch ihre Hand reichte hin, die heftigsten Ausbrüche seiner Wut zu beruhigen, und sorgfältiger wie die eigene Mutter hütete der Elefant den Knaben und spielte mit ihm.

Das war zwanzig Jahre her und Kubadar Moll jetzt bereits 74 Jahre alt. Der Mahoud aber, der ihn führte, war Manakjy, der Knabe, den seine Mutter einst vor die Füße des wütenden Tieres geworfen hatte.


Der treue Mahoud bedauerte bald noch mehr, daß er seinen wackeren und starken Freund hatte zurücklassen müssen; denn die aus den Straßen der inneren Stadt auf den Platz vor dem Residentur-Palast hervorströmende Menge versperrte ihm den Weg und zwang ihn, mit ihr umzukehren. Er hegte große Besorgnis um das Schicksal seines Herrn und vielleicht nicht weniger um das seines Tieres und beschloß, vorerst sich Kenntnis von jenem zu verschaffen, ehe er seinen Auftrag ausführte.

Während der wegen seines anmaßenden Charakters weder bei der Bevölkerung Delhis noch bei seinen Dienern beliebte Oberst Frazer in seinem Bureau beschäftigt war, die wichtigsten Papiere zusammenzupacken und Geldrollen und Banknoten in ein geheimes Behältnis zu verschließen, hörte er näherkommenden Trommelschlag, vermischt mit wildem Geschrei und sprang nach einem vorderen Gemach des Palastes, das die Aussicht über den Platz bot. Von der Sankt Jakobskirche her, die in der Richtung des Kaschmir-Thores liegt, rückte ein Teil des 38. bengalischen Infanterie-Regiments und eine Abteilung Artilleristen, an der Spitze Oberst Ripley, im Sturmschritt auf den Platz, während sowohl von der Schiffbrücke als aus dem Innern der Stadt sich eine dichte Schar von Meuterern und ein Teil der Kamelreiter von Mirut heranwälzten. An der Spitze der letzteren tummelte Prinz Jehan sein schwarzes Roß, während seine Hand die grüne Fahne des Propheten durch die Luft schwang und seine Worte den Haß und Blutdurst der Reiter nur noch mehr entflammten.

»Jetzt werden die verräterischen Kanaillen ihren Lohn empfangen,« rief der Resident dem schottischen Kapitän zu, der auf einem Diwan mit dem Verbinden seiner Wunden beschäftigt war. – »Ripley läßt seine Artilleristen schwenken, um sie abzuschneiden. Burrowes, der wackere Burrowes, befiehlt fertig zum Feuern. Ich höre die Ladestöcke rasseln! – Brav, Burrowes – keine Schonung den Verrätern!« Er riß die Jalousie auf und ließ sein Tuch wehen.

Man hörte das englische Kommando: »Fertig! – Schlagt an! – Feuer!«

»Was ist das? – was soll das heißen?« Das Gesicht des Residenten war blutlos geworden, als er vom Fenster zurückfuhr.

Kein Schuß war gefallen.

Die Offiziere der Sepoys sprangen erstaunt vor und redeten die Leute an. Aber von der anderen Seite sprengten die Reiter herbei, voran der Prinz, der wenige Schritte vor der Front der Sepoys sein Roß parierte.

»Männer von Hindostan!« erscholl deutlich vernehmbar die Stimme des Prinzen über den Platz, »es ist nicht genug, daß Ihr Euch nicht befleckt mit dem Blute Eurer Brüder vom Dritten! Folgt ihrem Beispiel und werft die Ketten ab, welche jene Faringi um Eure Brust geschlungen, damit sie Euch zu ungläubigen Kaffirs machen, wie sie selber sind! Nieder mit ihnen, mit den Feinden unserer Freiheit und unseres Glaubens, damit die besudelte Erde Delhis in ihrem Blute gewaschen werde!«

»Schändlicher Empörer,« schrie Kapitän Burrowes und stürzte mit erhobenem Degen auf ihn zu, »Du mußt sterben!«

Die Kugel eines seiner eigenen Sepoys traf ihn im Rücken und machte ihn taumeln. Akbar Jehan erhob sich in den Bügeln, zog ein Pistol und schoß den Wankenden mitten durch die Stirn. Er stürzte ohne Laut tot zu Boden.

Der Schuß war das Signal zu einer wilden Mordscene. Die Sepoys feuerten auf ihre Offiziere und mehrere derselben stürzten; den Leutnants Hyslop und Reveley und Kapitän Gordon Buttler gelang es, mit der blanken Waffe sich durchzuschlagen und nach dem Kaschmir-Thor zu entfliehen.

Der Resident sah auch den Kommandeur der Truppen, Oberst Ripley, fallen, als aber die Sepoys sich auf ihn stürzen wollten, um ihn mit Bajonettstichen vollends zu töten, widersetzten sich die Artilleristen und gestatteten, daß er von zwei anderen ihrer Offiziere nach der Hauptwache gebracht würde, wogegen sie jeden andern Gehorsam verweigerten und die Sache der Meuterer zu der ihrigen erklärten.

Kapitän Douglas hatte sich bei dem Erschrecken seines Freundes und den Flintensalven von seinem Wundlager empor zu richten versucht. »Was ist geschehen, Frazer? Flüchten die schwarzen Schufte bereits?«

Der Oberst schloß das Fenster und trat zu ihm. Aber man hatte ihn bereits auf dem Platz bemerkt, wie das erhobene Geschrei und die drohenden Gebärden der Menge bewiesen.

»Wir sind verloren, Douglas,« sagte der Resident, »wollen uns aber wenigstens wie Männer gegen die Schurken verteidigen. Ripley ist erschossen, die Sepoys haben gemeinschaftliche Sache mit den Empörern gemacht und ich fürchte, Akbar Jehan führt sie hierher.«

»Tod und Verdammnis über die Blindheit, die uns so lange verhindert hat, der Schlange den Kopf zu zertreten!«

»Es ist zu spät zum Klagen! Nehmen Sie diese Pistolen, ich verlasse Sie, um am Thor die Verteidigung gegen die Rasenden zu leiten. Mein Gott! wenn es nur Manakjy gelungen ist, meine arme Tochter zu retten!«

Er riß eine Doppelflinte von der Wand und sprang hinaus. Der schottische Kapitän bemühte sich, mit Hilfe der Sessel sich bis zum Fenster zu schleppen, um zu sehen, was vorging. Dabei löste sich der flüchtige Verband und das aus der Wunde strömende Blut überschwemmte die Matten des Fußbodens.

Auf dem Platz war alles Tumult und Verwirrung. Schüsse knallten, Geschrei, zwischen dem Pulverdampf grinsten die von Blutdurst erhitzten Gesichter fanatischer Mörder.

Jubelgeschrei erhob sich in der Nähe, zwei Schüsse fielen dicht hinter einander im Hause, dann wurde die Thür aufgerissen und Oberst Frazer, blutend am Kopf und an der Schulter, das rauchende Gewehr noch in der Linken, stürzte herein und verschloß die schwache Thür.

»Die verräterischen Schurken! ich kam zu spät – der Unteroffizier hat das Thor geöffnet – Gott erbarme sich unser und meines Kindes!«

Vor der Thür heulte die Meute der Verfolger, zwei, drei Stöße – und das leichte Holz flog in Trümmer. Die Menge stürzte herein, der Delhi-Prinz voran, und füllte das Gemach.

»Verfluchte Mörder!« rief der Schotte und schoß beide Pistolen in den dicht gedrängten Haufen ab, im nächsten Augenblick fiel er von zwanzig Säbelhieben und Bajonettstichen zerfleischt, glücklicher in dem raschen Soldatentod, als sein Gefährte.

Dieser versuchte mit der Linken mit einigen Degenstößen sich zu verteidigen, aber die Waffe wurde zur Seite geschlagen und die Menge riß ihn zu Boden.

Über dem Gefallenen stand der Prinz, drohend sein Tulwar schwingend.

»Daß keiner wage, ihn anzurühren ohne meinen Befehl,« heulte der Wütende. »Mein ist der Kaffir und soll mir büßen für die Schmach, die er uns gethan!«

Der Resident rang unter den Fäusten der Menge.

»Töte mich, Elender, ich weiß als Soldat und Brite zu sterben!«

»Hamed!«

Ein kräftiger Schwarzer drängte sich aus den Ruf aus dem Haufen. Er hielt ein bereits bluttriefendes Messer in der Faust und sein gelbes Auge glänzte in Bosheit und grausamer Freude.

»Was befiehlt der Sohn des Herrn der Welt?«

»Reiße dem Faringi die freche Zunge aus dem Hals, mit der er das Haus Timur zu beleidigen gewagt! – Halt – zuvor durchsucht seine Taschen1«

Die Mörder rissen den Inhalt heraus und fielen über die Goldstücke her, die der Resident zu sich gesteckt.

»Ich weiß,« sagte der Prinz, »daß Du mehr als ein Lack im Hause haben mußt. Gieb das Gold heraus, Kaffir, wo ist es?«

Der Resident schwieg.

»Wallah! der Bursche ist störrig! Kitzle ihn mit Deinem Messer, Hamed, daß er seine Zunge braucht, so lange er sie noch hat!«

Der Mohr packte die linke Hand des Unglücklichen und begann einen der Finger abzuschneiden, indem er mit seinem Messer an dem Gelenk sägte.

Der Oberst preßte die Zähne zusammen, um jeden Schrei des Schmerzes bei dieser grausamen Operation zu unterdrücken.

»Sprich, Kaffir! – Du willst nicht? Weiter, Hamed – geschwind, wir haben mehr zu thun heut!«

Der Mohr sägte grinsend an der Hand, daß die Adern und Sehnen herunterhingen, bis der Gemarterte laut aufbrüllte.

»Töte mich, schändlicher Bösewicht, aber niemals sollst Du erfahren …«

Unter dem Jubel der Sepoys schleppte der ehemalige Hukabedar des Residenten die Kassette in das Zimmer, die er, mit den Geheimnissen seines Herrn vertraut, mit den im Palast plündernden Sepoys aus ihrem geheimen Versteck geraubt.

Die Augen der habgierigen Mörder weideten sich an dem Anblick des Goldes, auf das der Delhi-Prinz seinen Fuß setzte.

»Es ist das Eure, aber es muß in den allgemeinen Schatz kommen und redlich verteilt werden. Jetzt, schmutziger Faringi, halte ich Deine Seele, der Du um jede Rupie mit den rechtmäßigen Gebietern dieses Landes geiztest. Verderben über Dich, Sohn eines Hundes! Thue, wie ich Dir befohlen, Hamed!«

»Erbarmen, Prinz – töte mich – aber –«

Der Mohr stieß dem Unglücklichen den Griff seines Messers in den Mund. Dann, unter dem Geschrei seines Opfers, streckte er die schwarze Faust so tief als möglich in den Schlund des unglücklichen Offiziers und erfaßte wie eine Zange das zuckende Glied – ein gewaltiger Ruck, und ein Strom von Blut folgte dem an seinen Wurzeln aus dem Halse gerissenen Fleisch.

Der bestialische Mörder warf das Glied auf den Boden und grinste zu seinem Herrn empor, wie um Lob für sein gräßliches Schlächterstück, während der Verstümmelte sich im Todeskampf am Boden wälzte.

»Nun, Schlange, zische noch einmal Deinen stolzen Übermut gegen die Söhne Timurs!« schrie der Prinz in fanatischem Jubel, der durch den Anblick des Gräßlichen noch erhöht schien. »Fahre zur Hölle, stolzer Kaffir, und erinnere Dich im Todeskampfe, daß Akbar Jehan das Kind Deines Blutes den niedrigsten Lastträgern zur Beute vorwerfen wird, damit selbst Dein Name geschändet sei!«

Ein verzweifelnder, Erbarmen flehender Blick aus den Augen des Sterbenden traf ihn und Ströme von Blut quollen aus dem zerrissenen Munde bei den krampfhaften Zuckungen, unter denen der Unglückliche flehend die Hände erhob.

»Jetzt, Brüder, nach dem Zollhaus und dem Arsenal, Bukthur zu Hilfe. Dort sind Gold und Waffen für uns alle!«

Akbar Jehan stieß den Körper des noch vor wenig Stunden in ganz Delhi Gefürchteten mit dem Fuß zur Seite und wandte sich zum Ausgang.

Ein furchtbarer, entsetzlicher Donner erschütterte plötzlich die Luft!


Inzwischen hatte Leutnant Willougby in Karriere durch die sich sammelnden Volkshaufen die Straße nach dem Arsenal gewonnen und dies glücklich erreicht.

Das Arsenal von Delhi bestand aus mehreren von einer Mauer umgebenen Gebäuden und Magazinen, zu denen drei Thore führen und lag in der Nähe des Martelloturms an der Brücke, die hier über einen schmalen Arm der Dschumna zur Verbindung mit der großen Schiffbrücke geht. Es war daher sehr natürlich, daß sofort nach dem Überschreiten der Brücke ein Teil der Rebellen von Mirut sich nach dieser Seite wandte. Prinz Bukthur, der zweite Sohn des Königs, stellte sich an ihre Spitze und führte sie und einen zahlreichen Pöbelhaufen gegen das Arsenal, in dem bedeutende Vorräte von Waffen, Geschütz und achtzehntausend Pfund Pulver aufbewahrt wurden.

Als Willougby das Thor des Arsenals erreichte, traf er dort auf Sir Charles Metcalfe, den Neffen des Besitzers des großen Hauses auf den Anhöhen im Norden der Stadt, wo später die Batterieen der Engländer aufgepflanzt wurden, im Begriff, sich in das Innere der Stadt zu begeben, um nach der Ursache der Schüsse zu forschen. Der Offizier sprang vom Pferde, ließ es laufen und rief ihm zu, zurückzubleiben, aber Metcalfe eilte davon und wurde in einer der nächsten Straßen erschossen.

In dem Arsenal kommandierte Leutnant Forrest, bei ihm befanden sich seine Frau und seine drei Töchter, die Kondukteure Buckley und Scully, der Unterkondukteur Crow, der Sergeant Steward und ungefähr zwanzig andere Europäer, teils militärische Posten bekleidend, teils Aufseher und Arbeiter in den Magazinen, nebst einigen Artilleristen von den Ghurkas oder Bergbewohnern von Nepal.

Willougby fand den Leutnant bereits im Hofe und berichtete mit flüchtigen Worten über die Gefahr. Beide Offiziere beschlossen sofort, das Arsenal gegen jeden Angriff der Meuterer zu halten, und Leutnant Forrest sandte seine Gattin und seine Töchter unter dem Schutz eines europäischen Artilleristen und zweier Ghurkas, denen er trauen zu dürfen glaubte, aus dem Arsenal, um sich durch das Kaschmir-Thor nach den Bungalows zu flüchten. Glücklich gelangten die Frauen bis zum Thor, wo sich bald mehrere Flüchtlinge unter dem Schutz Major Abbotts sammelten.

Schnell wurden die Thore geschlossen und vor jedes ein Sechspfünder mit doppelter Kartätschen-Ladung gestellt, so daß sie den Zugang beherrschten. Der Kondukteur Crow und der Sergeant Steward übernahmen die Leitung der Verteidigung an den Nebenthoren.

Zwei Sechspfünder wurden innen vor dem Hauptthor postiert, das durch eine Reihe spanischer Reiter geschützt war, zwei andere so, daß sie gleichzeitig das Thor und die benachbarte kleine Bastion beherrschten.

Während der Ingenieur des Arsenals, Forrest, diese Anstalten in aller Eile traf, widmete sich Willougby, trotz seiner Jugend ein Mann von kühnster Entschlossenheit, einer noch furchtbareren That.

Das Pulvermagazin des Arsenals lag links von dem Hauptgebäude zur Seite des Thores.

Der Leutnant nahm den Kondukteur Scully mit sich und öffnete den Turm, der in seinen Gewölben die Pulverfässer enthielt.

»Lassen Sie viermalige Doppel-Ladung für jedes Geschütz nehmen, Kondukteur,« befahl der Offizier.

»Ja, ja, Sir!«

Der alte Artillerist gehorchte und die Cartouchen mit dem Pulversack wurden fortgeschleppt.

Als der Kondukteur von dem Transport zurückkehrte, fand er den Offizier auf einem der Fässer sitzen, dem er mit einem Beilhieb den Boden ausgeschlagen.

»Fertig, Sir,« meldete der Kondukteur.

Der Leutnant hob den Kopf und sah ihn scharf an. »Sie haben keine Familie, Scully?«

»Nein, Sir!«

»Ich auch nicht, wir haben also nur an unsere Pflicht zu denken. Nach dem, was ich gesehen, fürchte ich, daß wir uns auf die Garnison nicht verlassen können. Wollen wir ungerächt sterben, wenn das Arsenal genommen wird?«

»Den Teufel, Sir! wir müssen so viele der verdammten Niggers zur Hölle schicken, als möglich!«

»Das ist auch meine Meinung, und Sie sind mein Mann. Haben Sie das Nötige bei sich, Scully, um eine Zündlinie zu legen?«

»Ein guter Artillerist ist nie ohne sein Handwerkzeug,« lachte der Alte. »Jetzt verstehe ich Sie, Sir, obschon ich, Goddam, niemals gedacht hatte, daß ein so guter Gedanke in einem so jungen Kopf auftauchen könnte. Ich hörte immer, Sie liebten die Weiber, den Meßtisch und die Rennbahn mehr, als das Exerzieren.«

»Jedes zu seiner Zeit, Alter,« sagte lächelnd der Offizier. »Legen Sie hier Ihre Zündlinie ein und zur Thür hinaus auf die Rückseite des Thurmes, daß die Schurken die Überraschung nicht zu frühzeitig merken. So! Nun zeigen Sie mir, wie ich am sichersten das Feuerwerk in Gang bringe, wenn der Augenblick gekommen?«

»Wie, Sir, Sie wollen das Pulver in Brand setzen?«

»Versteht sich, ich werde niemand anderm die That zumuten.«

»Halt, Leutnant, das geht nicht. Sie sind nicht Artillerist und ein Versehen könnte alles verderben. Gehen Sie auf Ihren Posten bei der Verteidigung, dort kann Ihr Mut mehr nützen, und geben Sie nur das Signal, wenn Sie glauben, daß es Zeit ist.«

»Aber wer soll den Zunder in Brand setzen?«

»Wer anders als ich. Nur für den Fall, daß mich eine Kugel zum Tode trifft, merken Sie, wo das Ende liegt. Sobald Sie Ihr Tuch schwenken, zünde ich an.«

»Braver Mann, es ist gewisser Tod!«

»Das weiß ich, aber besser, als unter den Händen der schwarzen Henkersknechte zu enden. Ich hoffe, wir haben's nicht nötig, und die Schurken wagen sich nicht an unsere Kanonen.«

Ein wildes Geheul und Geschrei antwortete ihm und zeigte, daß der Feind sich nahe. » Goddam! Da sind sie wahrhaftig schon. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, Sir, und vergessen Sie das Tuch nicht. Ich bediene die Kanone auf dieser Seite. Noch eins,« sagte er, die Hand auf den Arm des Offiziers legend, der nach der Bastion eilen wollte, »Sie sind jung, Leutnant, und das Leben ist für die Offiziere schöner, als für Unsereinen!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Nichts, als daß Sie sich erinnern mögen, daß das Pulver nicht nach unten drückt. Wen die Explosion verschont, der mag leicht im Dampf und der Verwirrung zu den Unseren entkommen.«

Er ging zu seinem Geschütz, nachdem er den Eingang geschlossen, und der Offizier eilte nach der Bastion, auf deren Krone Forrest und die meisten anderen Europäer versammelt waren. Bei der Kürze der Zeit war es leider unmöglich gewesen, Geschütze dort hinauf zu schaffen, und tief bedauerten die Offiziere jetzt die Sorglosigkeit, die einen so wichtigen Verteidigungspunkt seit Jahren schon im Gefühl übermütiger Sicherheit von jeder Armierung entblößt hatte.

Die Meuterer hatten es wohl begriffen, daß es eine ihrer nächsten und wichtigsten Aufgaben sein müßte, sich des Arsenals zu bemächtigen, um mit den darin befindlichen Vorräten ihre Anhänger und die niedere Bevölkerung der Stadt zu bewaffnen. Der Haufe, den die Offiziere sich jetzt auf das Arsenal stürzen sahen, war daher der zahlreichste und bestand aus Soldaten von Mirut, den Leibwachen des Königs und einer zahllosen Pöbelmenge. Ein Blick auf die fanatisierten Massen bewies ihnen, daß es hier einen harten Kampf gelten würde, wenn sie nicht bald Unterstützung der Truppen bekämen, welche die Damen Forrest und ihre Begleiter herbeirufen sollten.

Mehrere Schüsse, die aus der nahenden Menge auf sie fielen, nötigten die Offiziere, ihre nutzlos exponierte Stellung zu verlassen und sich in das Innere des Hofes hinter die Geschütze zurückzuziehen.

Im nächsten Augenblick donnerten die Waffen der Empörer an das Thor und die Stimme Bukthurs verlangte Einlaß, indem sie die Drohung ausstieß, daß alle im Innern Befindlichen den schrecklichsten Tod erleiden sollten, wenn dem Befehl nicht sofort Folge geleistet werde.

Der Ingenieur-Offizier warf einen Blick auf seine kleine Schar, in allen Gesichtern drückte sich Mut und Entschlossenheit aus, selbst die Ghurkas, ohnehin keine Freunde der Hindus des Binnenlandes, sahen gleichmütig der drohenden Gefahr entgegen.

»Geht zum Teufel, Kanaillen,« antwortete der Offizier mit erhobener Stimme, »und seht zu, daß Euer Gehirn nicht an diesen Mauern verspritzt, noch ehe die Regimenter anrücken. Wer den Hof zu betreten wagt, betrügt den Galgen um sein Futter!«

Ein gellendes Wutgeheul begegnete der Schmähung des Briten, wilde Schläge und Schüsse donnerten gegen das feste Thor, durch den Lärm hörte man das Kommando der Anführer, welche Leitern herbeizuholen befahlen.

Die Engländer hatten sich mit Waffen aus den Vorräten des Arsenals versehen, mit Gewehren, Pistolen und Munition, um ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen wenn es zum Einzelkampf kommen sollte. Leutnant Willougby hatte zwei Revolver in den Gürtel gesteckt und eine Patronentasche mit Munition umgehängt; in der Hand trug er ein Gewehr. So postierte er sich bei den beiden Geschützen gegenüber dem Thor, deren Kommando der Genie-Offizier ihm anvertraut hatte.

»Kameraden,« sagte dieser, »haltet ein wachsames Auge auf die Mauern und den ersten, der den Kopf darüber hebt …«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Willougbys Gewehr an die Wange fuhr und sein Schuß krachte. Lautlos, durch die Schläfe getroffen, stürzte der Sowar, der sich als der erste von der Leiter auf die Mauer schwingen wollte, zurück.

Das Rachegeschrei der Stürmenden folgte dem glücklichen Schuß. Kugel auf Kugel warf jetzt die unter dem Allahruf und Kampfgeschrei: »Ram! Ram! Mahadeo!« an den Mauern Emporklimmenden nieder, aber die kleine Schar der Europäer vermochte nicht so rasch zu laden, als die Zahl ihrer Feinde auf Mauer und Bastion wuchs, Schüsse krachten von hüben und drüben, Leutnant Forrest wurde an der Hand verwundet, Buckley durch die Schulter geschossen, einer der Ghurkas getötet, schon sammelte sich ein Haufe innerhalb des Thors und bemühte sich, die Sperrbalken zu lösen.

»Feuer, Willougby, Feuer auf die Schurken, oder sie öffnen das Thor!«

Der Kartätschenhagel prasselte in der Entfernung von höchstens siebzig Schritt in gerader Linie auf die Steinquadern; das wilde Todesgeheul der Getroffenen erfüllte die Luft, zugleich löste Kondukteur Scully das die Bastion bestreichende Geschütz, über die in dichten Massen die Meuterer herauf drangen.

»Ruhig, Leute, ruhig geladen, ehe Ihr den andern Schutz gebt!« klang die Stimme Forrests.

Auf dem Pflaster des Hofes wanden sich die Verstümmelten im Todesgeheul oder versuchten, sich mit den zerrissenen Leibern in einen Winkel zu flüchten vor den Tod bringenden Schüssen der weißen Männer.

Die Laute des Schmerzes und Todeskampfes wurden durch ein Freudengebrüll von außen her übertönt. Zwei der Eingedrungenen war es gelungen, den schweren Sperrbaum aus den Krampen zu heben, gleich darauf schlug eine der Kartätschen gegen das Schloß und sprengte die Riegel – ein gewaltiger Anlauf der Menge, und die Flügel des Thores wichen.

Willougbys zweites Geschütz riß eine Gasse in den dichten Haufen, der durch die geöffnete Pforte hereinstürzte wie unaufhaltbare Meeresflut.

Über die Bastion her drang ein zweiter Strom und besäete mit seinen Leichen den Weg hinab.

Aber über die Toten und Verwundeten eilten neue Scharen vorwärts. »Jai! jaiikar! Tötet! Tötet! klang der tausendstimmige Ruf, in den das Krachen der Geschütze sich mischte, mit denen zweimal Forrest die Eindringenden in der Flanke faßte, daß der Kartätschenhagel wie eine riesige Sense die blutige Saat mähte.

Mit heroischer Kaltblütigkeit arbeiteten die Kondukteure und Mannschaften an ihren Geschützen, ausgesetzt den Kugeln der Empörer, die jetzt von der Höhe der Mauer, von den Wällen der Bastion und zehn Stellen im Hofe, wo sie Posto gefaßt, auf sie feuerten.

Über die Hälfte der kühnen Verteidiger war bereits verwundet, mehrere gefallen, dennoch kämpften sie wie die Teufel in den Feuerströmen, die um sie her blitzten.

Die Bedienung der Geschütze rechts, welche den Thorweg bestrichen, hatte viermal gefeuert, als ein wütender Anprall der Sowars sie vertrieb und auf die Geschütze vor dem Hauptgebäude zurückwarf. Glücklicher Weise gelang es den Männern, ehe sie weichen mußten, die Kanonen umzustürzen.

Der alte Kondukteur, der die Geschütze zur Linken kommandierte, sah auf den jungen Offizier fragend herüber, während er mit Wischer und Ladestock hantierte, aber der Leutnant arbeitete im Pulverdampf, ohne sich um ihn zu kümmern, und seine Kartätschen brüllten eben zum drittenmal den Feinden den Tod zu.

Noch ehe der Rauch emporgewirbelt, warfen sich die Männer wieder auf die Geschütze, um aufs neue zu laden. Der erste, der mit der Cartouche vortrat, stürzte, von einer Kugel getroffen, zu Boden, der zweite hatte dasselbe Schicksal – Sergeant Steward eilte vor und stieß die Patrone in die Mündung – es war die letzte und seine letzte Handlung – ein Lastträger aus der Menge war im Pulverdampf bis zu den Geschützen gedrungen und stieß ihm den Tulwar durch den Leib. Noch im Fallen umschlang der tapfere Soldat seinen Gegner und riß ihn mit sich zu Boden.

»Nieder mit den Faringi!« donnerte die Stimme Bukthurs, der auf Gibraltar, dem Pferd Willougbys, an der Spitze einer geschlossenen Schar der Leibwachen sich über Leichen und Sterbende hinweg vom Thor her Bahn brach. »Auf sie! auf sie! tötet sie!« Eine dunkle Wolke von Kriegern drängte hinter ihm her und füllte den Eingang, von den Mauern, von der Bastion her warfen sich ganze Scharen in den weiten Hof.

» Old England for ever!« Forrest hieb die Lunte auf das Geschütz, Scullys letzte Salve schlug von der Seite in die dicht gedrängte Menge – der Boden war mit Leichen besäet.

Hoch auf seinem Roß schwang unverletzt der wilde Prinz den Tulwar. » Chalo Bhai! Vorwärts Brüder! Das Paradies ist denen, die sterben für den Glauben!« Er spornte sein Pferd über die Leichenhaufen.

»Es ist zu Ende mit uns! Lebt wohl, Kameraden! Gott sei uns gnädig.«

»Auf den Boden alle! werft Euch nieder, rasch!« schrie Willougby.

Fast unwillkürlich gehorchten die meisten. Das edle Roß Gibraltar, von seinem wilden Reiter gestachelt, stutzte dicht vor den Geschützen und hob sich in die Luft, als weigere es sich, den Feind gegen seinen Herrn zu tragen. Der Offizier hob den Revolver, aber der Anblick seines Lieblingstiers ließ ihn den Entschluß bereuen, er sprang mit Blitzesschnelle vor die Kanone, hinter der er sich gedeckt, griff dem Pferd in das Gebiß und stieß es zurück, Während sein Reiter zum Schlage ausholte.

Das Pferd hieb einen Moment mit den Hufen durch die Luft und überschlug sich.

»Allah Akbar! Zum Kampf! zum Kampf!« Die Menge stürzte heran.

Ein Blick durch die Lichtung des Dampfes zeigte ihm den alten Artilleristen, der auf den Stufen des Pulverturms stand, die Lunte in der Hand, und nach ihm herschaute.

»Gott helfe uns, Freund Scully!« Er schwang das Tuch durch die Luft und warf sich zu Boden, dicht neben den vom Sturz besinnungslosen Feind und das Pferd, dessen Hufschläge Raum hielten in der andringenden Menge.

Ein furchtbarer Schlag erschütterte die Luft und machte die Erde erbeben, als risse sie aus ihren Grundfesten – ein Flammenstrom schoß breit in die Höhe und dichte Finsternis hüllte minutenlang den Hof ein.

Durch diese Finsternis, durch diese greifbaren Wolken von dickem Qualm, stürzte ein Regen von Mauertrümmern, Balken, menschlichen Gliedern und Waffen.

Die Mauern des Pulverturms waren wie von dem Erdbeben rasiert; die Geschütze, die in seiner Nähe gestanden, weit über die Bastion und das große Magazingebäude hinweggeschleudert, dessen Mauern wankten und zusammenstürzten. Der Thorbogen, eine große Strecke der Umfassungsmauer, lag in tausend Stücke zerstreut, mächtige Quadern des Turms waren bis über den Nebenarm der Dschumna geschleudert.

An tausend Menschen waren teils in Atomen in dieser schrecklichen Wolke mit emporgeflogen, teils von dem Luftdruck erstickt, von den fallenden Trümmern erschlagen oder verstümmelt worden. Mit wildem Schreckensgeheul flohen die Überlebenden von der blutigen Stätte.

Als Leutnant Willougby von der Betäubung wieder zum Bewußtsein erwachte, kreisten noch immer Dampfwolken über dem Platz. Er begriff, daß wenn er auf Rettung hoffen wolle, er rasch und entschlossen handeln müsse. Seine Glieder waren unverletzt, nur von der Stirn rann aus einer leichten Wunde warmes Blut, ein Stein hatte im Fall ihn gestreift, aber der Körper des zitternden und keuchenden Pferdes ihn geschützt. Umhertastend fühlte er die Brust seines letzten Gegners unter seiner Hand sich leise heben und senken, er lebte gleichfalls noch. Der Griff des Dolches, den jener im Gürtel trug, kam in seine Finger, und er hob ihn einen Augenblick zum Stoß – im nächsten aber bedachte er, daß die That nicht besser als Mord sein würde, und steckte den Dolch zu sich. Dann bemächtigte er sich noch des Turbans des Prinzen und erhob sich. Da er eher hoffen durfte, zu Fuß unbemerkt zu entkommen, verlor er keine Zeit damit, sich um den Zustand seines Pferdes zu bekümmern, und der Trieb der Selbsterhaltung gestattete ihm eben so wenig lange Zeit, nach dem Schicksal seiner Kampfgefährten Nachforschungen anzustellen.

Indem er sich rasch seiner Uniform entledigte, um sich allein in die Tschoga zu hüllen, die er noch immer trug, fiel aus jener ein weißer Gegenstand zur Erde. Er hob ihn auf, es war die weiße Rose, die die Ursulinerin vor kaum einer Stunde vom Balkon des Palastes der Chandy-Choak ihm zugeworfen. Die einfache Blume eröffnete eine rasche Flucht von Gedanken in seinem Sinn; er preßte sie an seine Lippen und barg sie im Gürtel, sein Entschluß war gefaßt. Die Patronentasche, die Revolver und den Dolch des Prinzen unter dem weiten indischen Kaftan verbergend, den Turban tief in das von Blut und Pulverdampf geschwärzte Gesicht gedrückt, wagte er es, über die Trümmer und Leichen zu steigen und die Stätte der furchtbaren Explosion zu verlassen, wozu die allgemeine Verwüstung ihm hundert Wege bot.

Wie sich später ergab, war fast die Hälfte vom Rest der kleinen Besatzung, wenn auch nicht unverletzt, durch das rechtzeitige Niederwerfen der Vernichtung entgangen. Leutnant Forrest hatte sich mit einigen nach dem Lahore-Thor gerettet und dasselbe glücklich erreicht, während andere im Schrecken und in der Verwirrung in das Innere der Stadt zurück gerieten.

Dahin, nach dem Chandy-Choak, wandte auch Leutnant Willougby seinen Weg, indem er unterm Schutz seiner Verkleidung und Entstellung den Kanal überschritt und über den großen mit Cypressen und Tamarisken besetzten Begräbnisplatz eilte, der den alten Palast der berühmten Begum von Somroo, den Bagh Begum Simreh, umgiebt und an die nördliche Häuserreihe des Chandy-Choaks oder Silbermarkts stößt.

Er hatte den Platz kaum betreten, als er Manakjy, den treuen Mahoud des ermordeten Residenten, neben seinem riesigen Tier herlaufen und dieselbe Richtung einschlagen sah. – – –

Als der Zug des Residenten die Chandy-Choak passiert hatte, blieben auf dem Balkon der Erziehungs-Anstalt der französischen Nonnen die jungen Mädchen zurück, plaudernd über das Ereignis und den Zug so lange wie möglich mit den Augen verfolgend.

»Seht, die Begleitung des Rajah bleibt auf dem Platz,« sagte Miß Frazer, das Glas vor dem Auge. »Auch Ripley kehrt wieder um. Ich glaube, das Schauspiel hat halb Delhi auf die Füße gebracht, es ist ein Gewühl, wie am Moharremfest.«

»Ach ja, damals, als wir mit Willougby und Leutnant Forster auf dem Elefanten durch die Straßen ritten, und ich mich vor Moll so gewaltig fürchtete!«

»Närrchen! Das Tier ist so gehorsam wie ein Schoßhund. Es folgt dem leisesten Wink Manakjys.«

»Wer ist Manakjy?«

»Ei, der Mahoud meines Vaters, der Wärter Molls, Ihr kennt ihn ja.«

»Sagtest Du nicht, daß er der Verlobte Aurungas ist, die Du vorhin gezüchtigt, und daß wir einer indischen Hochzeit beiwohnen würden?«

»Bah! Er will allerdings die Niggerin heiraten, aber ich werde meinen Vater bitten, seine Einwilligung zu versagen. Aurunga soll zur Strafe ihres Ungehorsams den Mahoud nicht haben.«

»Wie, Miß Viktoria!« rief die junge Nonne empört, »Sie wollten zwei Herzen von einander trennen, die sich vielleicht aus innigste lieben, bloß weil Sie selbst sich einen tadelnswerten Ausbruch Ihrer üblen Laune vorzuwerfen haben? Das wäre grausam.«

»Als ob diese Nigger ein so zartes Gefühl hätten! Manakjy kann der Mädchen genug bekommen, und ich werde ihn ausstatten. Was wissen Sie denn auch von der innigen Liebe solcher Geschöpfe?«

Ihr scharfer Blick fixierte dabei so fragend und nicht ohne Bosheit die arme kleine Nonne, daß diese unwillkürlich tief errötete. Wally Forster, fast von gleichem Alter und gleicher Gestalt mit der schönen und stolzen Tochter des Residenten, kam der jungen Lehrerin vom Balkon aus unbewußt zu Hilfe.

»Es muß etwas Besonderes vorgehen in der Stadt und dem Palast,« rief die Miß, »alle Welt strömt dahin die Kaufleute schließen ihre Läden –«

In diesem Augenblick erschien ein Diener an der Thür des Saales und zeigte der kleinen Irma mit bedeutsamer Gebärde einen Brief; sie verließ eilig den Balkon.

Zugleich kehrte Lady Hunter in Begleitung der Schwester Angelique in das Gemach zurück. Auf ihrer bleichen, schönen Stirn lag eine unwillige Trauer, als sie auf ihre Verwandte zuschritt.

»Ich kam auf den Wunsch Deines Vaters hierher, Viktoria,« sagte sie ernst, »um Dir und Deinen Freundinnen ein Vergnügen zu bereiten. Leider muß ich von dieser würdigen Dame erfahren, daß Deine Aufführung keine solche ist, die mir erlaubt, Dir eine Freude zu bereiten. Du hast Dich von Deiner Heftigkeit und Deinem Hochmut hinreißen lassen, ein unschuldiges Mädchen zu schlagen, und weigerst Dich, die unweibliche und ungerechte Handlung durch Abbitte zu sühnen.«

»Ich bitte keine Dienerin, keine Nigger um Verzeihung!« entgegnete die Miß trotzig.

»Gott gebe, eigensinniges Mädchen, daß Du nie in die Lage kommst, an das Volk, über das Du Dich so erhaben dünkst, noch andere Bitten richten zu müssen, als eine solche, die der Fehlenden nur zur Ehre gereicht. Die Vorsteherin dieses Hauses hat entschieden, daß zur Strafe für Dich keine Deiner Freundinnen Deine Einladung annehmen darf!«

»Das wollen wir sehen,« rief widerspenstig die junge Miß, »ich werde meinen Vater bitten, sein Ansehen zu brauchen. Sie nehmen bei jeder Gelegenheit diese Hindus in Schutz, Tante, und zerstören den Respekt, den sie uns schuldig sind.«

»Der Zug kommt zurück,« rief eines der Mädchen aus der Veranda, »nein, ich irre mich, es sind nur die Indier – mein Gott, was geht dort vor?«

Ein entfernter Schuß wurde gehört, ein Geheul der Volksmenge auf der Straße und dem Platz antwortete.

Alle Frauen eilten auf den Balkon, um zu sehen. Die Begleiter des Rajah, und dieser selbst jagten bereits an der Mauer des Palastes entlang nach dem Delhi-Thore zu.

In diesem Augenblick stürzte die junge Hindu, die Tochter des reichen Babu, in den Saal; der durchsichtige, goldgelbe Teint ihres kleinen reizenden Gesichts hatte einer fahlen Blässe Platz gemacht.

»Möge Lackschmi uns beschirmen,« rief sie, auf die Frau des Dechanten zueilend, »Cartikeia hat die Bande des Friedens gesprengt und zieht auf seinem Feuer-Wagen durch die Stadt!«

»Was ist geschehen, was hast Du, mein Kind?«

Die Pensionärinnen drängten sich um sie her.

»Es ist Kampf in der Stadt zwischen den Faringi und den Männern meines Volkes,« schluchzte das Mädchen. »Der Babu, mein Vater, schreibt mir, daß große Gefahr, und daß ich mich verbergen solle, bis er kommen könne, mich zu holen.«

Eine Flintensalve von dem Dauri-Serail her und das Geheul der Volksmenge bestätigte den Schreckensbericht des Mädchens.

»Das ist ein Volksauflauf, der sich bald beruhigen wird,« besänftigte die Lady. »Lassen Sie für alle Gefahr die Thür nach der Straße schließen, Soeur Angelique, Militär ist in der Nähe, die Wachen des Königs und die Peons werden bald die Ruhe wieder herstellen.«

»Gerechter Gott! wenn nur meinem Vater kein Unglück geschieht!« Miß Viktoria flog zurück auf den Gitterbalkon.

Pulverdampf wirbelte von dem Thor des Dauri-Serail auf, auf der Brücke sah man Moll, den Elefanten des Residenten, der den Verwundeten zur Haudah emporreichte.

»Willougby! das ist Willougby auf dem Gibraltar! er sprengt hierher! barmherziger Himmel! er wird in die Hände dieser Rasenden fallen!«

»Nein, er wendet sich zur Rechten – jetzt ist er verschwunden!«

Ein tiefer Atemzug, wie aus befreiter Brust, war deutlich hörbar. Die Hände auf das Herz gepreßt, totenbleich, lehnte die kleine Nonne an einem der steinernen Pfeiler.

»Ein andrer Reiter jagt hierher, wahrhaftig, durchbricht die Menge, er hat die Straße gewonnen – um Gottes willen, wer ist das?«

Schüsse knallten hinter dem Sergeanten drein, der in Karriere die Straße entlang flog.

»Vater! Vater!« schrie Miß Frazer und streckte die Arme aus, als könne ihre Stimme in dieser Entfernung sein Ohr erreichen.

»Beruhige Dich, Kind, er ist gerettet, das treue Tier trägt ihn sicher durch die Menge – und dort erreicht er eben die Straße nach dem Palast.« Die edle Frau war schreckensbleich, wie die anderen, aber sie behauptete ihre Fassung und Ruhe, während die übrigen Nonnen mit den jüngeren Pensionärinnen und die Äbtissin herbeieilten.

In der Verwirrung, die jetzt entstand, und die die Lady vergeblich durch ihr besonnenes Zureden zu beruhigen strebte, fühlte sie sich am Gewand gezogen.

Es war Irma, das junge Hindumädchen, das sie zur Seite winkte.

»Du siehst, was da draußen geschieht, Mem Sahib!« sagte die Kleine.

»Leider! es ist Aufruhr, Tumult, und es wird zum Blutvergießen kommen. Die armen betörten Menschen, sie werden den Ausbruch der Leidenschaft schwer zu büßen haben. Wenn die Truppen nur bald kommen, damit größeres Unheil verhütet wird.«

»Du irrst, Mem Sahib,« sagte das Mädchen mit funkelnden Augen. »Nicht das Blut der Hindus wird fließen, wohl aber das der weißen Männer. Ehe die Sonne untergeht, werden die Hindostani frei sein. Mein Vater befiehlt mir zugleich, meine Freunde zu warnen; sie sollen fliehen, da es noch Zeit ist. Kein Sepoy wird die Waffe erheben gegen die Befreier seines Landes und die Kämpfer seines Glaubens!«

»Welche unbesonnenen Worte muß ich von Dir hören, Kind! Die Macht der Engländer ist fest begründet in diesem Lande, und wenn sie auch manchmal gemißbraucht worden, so genießt Deine Nation unter dem Scepter Englands doch Ruhe und Wohlstand.«

»Worte sind Wind, wenn es gilt, zu handeln,« rief das Mädchen. »Mein Vater ist ein weiser Mann und achtet die Faringi, – er würde die Warnung nicht senden, wenn nicht die blutige Bhawani über Delhi schwebte. Bei Deinem und meinem Gott, Mem Sahib, beschwöre ich Dich, fliehe aus der Stadt und nimm jene mit Dir! Heilige Götter! Es ist zu spät!«

Wildes Geheul, gellendes Hilfegeschrei scholl aus der Chandy-Choak herauf. Die Lady, von Irma gefolgt, eilte nach dem Balkon, während die anderen Frauen und Kinder sich wie eine Schar geängstigter Tauben zusammendrängten.

Ein Blick hinunter belehrte Adelaide, daß der Babu, Irmas Vater, die Gefahr nicht übertrieben. Der Pöbel begann bereits verschiedene von Europäern gehaltene Läden auf dem Silbermarkt zu plündern. Die unglücklichen Besitzer mit ihren Familien wurden herausgerissen und grausam unter tausend Mißhandlungen ermordet. Ihr Jammergeschrei klang entsetzlich durch den Lärm, die Schüsse, das Geheul, das von allen Seiten sich zu erheben begann.

Auf dem Platz vor dem Dauri-Serail entwickelte sich ein andres Schauspiel, das über den Charakter der Scenen, über die Wahrheit der Nachricht des Hindumädchens keinen Zweifel lassen konnte.

Reiter und Fußvolk von Mirut zog in dunklen Haufen vom Fluß her und vereinigte sich mit den Leibwachen des Königs. Von den Mauern des Palastes schwenkten viele Hände den Halbmond, die glühende Sonne spiegelte sich in zahllosen Waffen. Auf der Mitte des Platzes hielten zwei Männer hoch zu Pferde, der eine ein graubärtiger Krieger, in der malerischen Tracht der Beludschen, der andere in dem fliegenden zerlumpten Mantel eines Derwisches. Von den beiden schien die Macht, die Leitung auszugehen, ihr Befehl sandte Haufen auf Haufen der bewaffneten Krieger, denen sich zahlloses Volk anschloß, nach allen Seiten. Boten flogen herbei, den Führern Bericht zu bringen, selbst Akbar Jehan und der wilde Bukthur schienen ihren Anordnungen Gehorsam zu leisten und eilten in der Richtung, die ihnen angewiesen, mit ihren Scharen davon.

Jetzt öffnete sich das Thor des Palastes, und auf seinen ersten Verschnittenen gestützt, schwankte die unförmlich dicke Gestalt des alten Königs von Delhi, unter Vortritt von Becken- und Trommelschlägern, heraus, gefolgt von Sinat-Mahal, seiner Favorit-Begum, ihrem Sohne Dschumna Bukh und den älteren Söhnen, den Ministern und Dienern des Herrschers ohne Reich.

Die beiden Reiter sprangen von den Pferden und gingen dem alten König entgegen, tausendstimmiger Jubel erhob sich von dem Platz und begrüßte den Großmogul von Delhi.

Die Lady trat entsetzt zurück; dann eilte sie rasch entschlossen auf die Äbtissin zu. »Irma hat recht – das ist kein bloßer Volkstumult, das ist eine Empörung, eine allgemeine Revolution. Sie müssen versuchen zu fliehen, Irma kann Sie geleiten und hoffentlich schützen. Leben Sie wohl, und möge der Himmel mit Ihnen sein!«

Sie winkte dem Mädchen einen Abschiedsgruß zu und schritt entschlossen nach der Thür.

»Um der gebenedeiten Jungfrau willen, Mylady, wo wollen Sie hin?« Die Äbtissin, die Nonnen, die Mädchen warfen sich ihr in den Weg.

»Mit Gottes Beistand meine Pflicht erfüllen,« sagte die Lady mit erhobener Stimme. »Sie alle vermögen zu fliehen, aber die arme Mistreß Elkinson und meine Kranken können Delhi nicht verlassen. Bei ihnen ist meine Stelle.«

Vergebens waren die Bitten und Vorstellungen der Geängstigten, die Lady beharrte auf ihrem heldenmütigen Entschluß und bat die Äbtissin, Befehl zu geben, daß ihr die Pforte des Hauses geöffnet werde.

Es geschah, hinter ihr schloß sich sogleich wieder die Thür, doch nicht eilig genug, um zu verhindern, daß auch Aurunga, die indische Dienerin, das Haus verließ.

Jetzt sahen die Nonnen und die jungen Mädchen, die trotz der eigenen Gefahr die Teilnahme und die Neugier auf die Veranda getrieben, das seltsame Schauspiel, daß eine wehrlose Frau freiwillig sich mitten unter eine fanatische, zur höchsten Wut entflammte Bevölkerung wagte, die im Begriff war, ihre Landsleute zu ermorden und zu bekämpfen.

Als sich die Pforte des schützenden Hauses hinter ihr schloß, blieb die Lady kurze Zeit auf der Schwelle stehen, um nach ihren Palankinträgern auszuschauen.

Weder die Diener noch der Palankin waren zu sehen, eine tobende, brüllende, blutgierige Menge erfüllte den breiten Markt und mit jeder Minute gossen die Seitenstraßen neue Massen in den schrecklichen Strom.

Rasch entschlossen schlug Lady Hunter den Schleier ihres Hutes zurück und schritt auf die Straße, die Richtung nach der schwarzen Moschee oder Futepure Musjed einschlagend, in deren Nähe die verlassene Kranke, die Frau eines Kompagnie-Beamten, wohnte.

Im ersten Augenblick schien die Menge, die eben einen neuen Laden erbrochen, ihre Anwesenheit nicht zu bemerken, aber im nächsten schon erscholl der brüllende Ruf: »Tötet die Faringa! nieder mit der Faringa!« und hundert Hände streckten sich gegen sie, Waffen wurden erhoben, ein Sepoy schlug sein Gewehr auf sie an und einer der Reiter von Mirut, der sich in dem tobenden Haufen befand, spornte sein Pferd und schwang seinen Säbel, um der kühnen Frau das Haupt zu spalten.

Lady Adelaide sah, daß sie sterben müsse, und faltete die Hände, ihr Blick harrte mit Ruhe dem Todesstreich entgegen.

In dieser furchtbaren Gefahr erscholl der kreischende Ruf einer Frauenstimme:

» Der Engel von Delhi! Schützt den Engel von Delhi

Eine Hindufrau, ihrer Kleidung nach den unteren Ständen angehörend, stürzte sich gleich einer Furie zwischen den Sowar und die Bedrohte. »Unglücklicher, was willst Du thun? Es ist der Engel von Delhi, den Dein Tulwar bedroht! Möge Agni jedes Glied Deines Körpers hundertfach verzehren, wenn Du wagst, ein Haar ihres Hauptes zu krümmen!«

Jetzt erkannten mehrere aus der Menge die Lady, und der Ruf ihrer Mildthätigkeit, ihrer Güte und ihres Wohlthuns war so weit verbreitet, daß der allgemeine Ruf: »Ehre der Heiligen! Schutz dem Engel von Delhi!« wie ein Lauffeuer durch die Masse ging.

Der Sowar wurde vom Pferde gerissen und wäre ermordet worden, wenn die Lady nicht selbst schützend die Hände über ihn gebreitet hätte.

»O meine Freunde, unglückliche verblendete Menschen, was thut Ihr?« sagte sie mit sanfter Stimme. »Werdet Ihr das Leid, das Ihr traget, durch den Mord Schuldloser ändern? Ich beschwöre Euch bei dem Gott, der über uns allen wohnt, überlaßt ihm die Gerechtigkeit und befleckt Eure Hände nicht mit Aufruhr und Verbrechen!«

Ein augenblickliches Schweigen lag auf der Menge, dann sprach die Megäre, deren Hände selbst von Blut trieften, das sie grausam vergossen, während sie wenige Augenblicke darauf ihr eigenes Leben für eine Tochter des gehaßten Volkes wagte:

»Engel von Delhi! Deine Stimme klingt wie der Gesang der Burubul, und Dein Herz ist weiß wie der Schnee auf dem Gipfel des Dhalawagiri, den noch kein Fuß eines Menschen entweiht hat. Wir alle wissen, daß Dein Gott Dich mit dem Geist der Güte und des Wohlthuns gesegnet hat, obschon Du eine Faringa bist. Es ist kein Mann meines Volkes in Delhi, der nicht zu Wischnu, dem Erhalter, für Dich betet, während er Deine Brüder verflucht und bereit ist, seine Hände in ihr Blut zu tauchen. Wandle Deinen Weg des Segens, Engel von Delhi, wir werden Dein Gedächtnis ehren, wenn Du von uns gehst, wir werden glücklich sein, wenn Du bei uns, Deinen braunen Kindern, bleiben willst, und kein Haar Deines Hauptes soll berührt werden von frevelnder Hand! aber schließe Deine Augen vor dem, was um Dich her geschieht, denn der Tag der Rache der Kinder Brahmas ist angebrochen, und selbst Dein Wort vermag den Tulwar nicht zu bannen, der seine Scheide verlassen hat!«

Das zustimmende Gemurmel der Menge zeigte der Lady, daß das Weib die Gefühle aller ausgesprochen. Sie beugte das Haupt und erkannte, daß über jene Grenze hinaus selbst ihr Einfluß machtlos sei und jeder neue Versuch nur das Gute gefährden würde, das sie zu wirken hoffen durfte.

»Sprich, Mem Sahib,« sagte das Weib, »wohin Du Deine Schritte lenken willst? Paravana, deren Knaben Deine Pflege dem Yama entrissen, als ihn die boshaften Faringi, die seinen Vater gemordet, für ein geringes Vergehen zum Tode gemißhandelt, sie wird Deinen Weg ebnen und vor Dir herschreiten, damit Du siehst, daß die Kinder der heißen Sonne ein dankbares Herz im Busen tragen.«

Die zitternde Lippe der Lady nannte den Namen und die Wohnung der kranken Engländerin, zu deren Schutz sie den furchtbaren Gang gewagt, und zugleich senkte die Megäre das blutige Beil, das sie in der Hand hielt, nach jener Richtung und schritt durch die Gasse voran, welche die Menge zu beiden Seiten öffnete.

Viele der Männer und Frauen aus dem leidenschaftlich erregten Volk beugten die Knie, als die Lady, ihrer Führerin folgend, vorüberkam, und berührten, Segenswünsche murmelnd, ihr Gewand.

Hinter dem Engel von Delhi aber schloß sich die Menschenwoge aufs neue, das Geheul der Rache und Mordlust gellte zum Himmel empor, und der Strom der Wütenden stürzte sich wieder vernichtend auf die Unglücklichen Europäer.

Man sah jetzt unter den Haufen, die sich nach allen Seiten wandten, um neue Opfer ihrer Wut, ein neues Feld der Zerstörung zu suchen, ein anderes Weib, ein Hindumädchen, jung und hübsch, aber das Auge blutunterlaufen und Spuren von Blut noch im Gesicht, auftauchen und die Mörderhaufen anreden. Ihre wilden Gebärden deuteten nach dem Palast der Prinzessin Dschehanara, und ihre Worte glichen lodernden Funken, die den Brand entzündeten.

Mit gellendem Geheul warf sich ein Haufen der blutenden Mörder auf die bisher so friedliche Stätte des segensreichen Wirkens der schuldlosen Nonnen. Das Versprechen, daß Gold und Weiber dort zu finden, daß sie in Christenblut ihre Rache kühlen könnten, entflammte noch mehr die wilden Gemüter.

Stangen, Waffen aller Art donnerten an die schwere Pforte und verlangten Einlaß – Schüsse knallten nach den Fenstern empor, und Kugeln zerschmetterten die Jalousieen oder platteten sich an dem mächtigen Steinwerk. – – – – – – – – – – – – – – –

Die Hände ringend, schreiend, wehklagend stürzten in den Räumen des Palastes die Frauen und Kinder durcheinander. Schwester Maria hatte vom Balkon aus, die Lady besorgt mit ihren Blicken verfolgend, Aurunga, die gemißhandelte Dienerin in der Frau erkannt, welche die Wut der Mörder aufs neue anregte und gegen ihr stilles Asyl wandte. Die Nachricht zog einen Sturm von Verwünschungen der eigenen Freundinnen, die noch vor kurzem sie um ihr Glück gepriesen, auf das Haupt der armen Viktoria, die zitternd in Angst um das eigene und des Vaters Leben, jetzt verlassen und hilflos dastand, mit Mühe nach Fassung ringend.

In dieser Not, wo keine Rat und Hilfe wußte und die Schläge der Mörder bereits an das Thor donnerten, erschien Irma nebst einer der Hindudienerinnen mit einem Berge von jenen langen indischen Schleiern und Feredschis beladen, in die sich die eingeborenen Frauen des Landes beim Verlassen des Hauses zu hüllen pflegen.

»Hier,« rief sie und warf die Last auf den Boden, »nehmt rasch, hüllt Euch alle darein, es sind soviel, als ich habe finden können, und Ganesa hat mir den Gedanken eingegeben, um Euch zu retten. Zuleima und ich werden Euch durch die Gärten geleiten, bis Ihr in Sicherheit seid.«

Sie stürzten alle auf die Schleier und Mäntel, die Kleinen wurden in die Schleier der Nonnen gehüllt, die Erwachsenen verbargen sich unter der Hülle der Yaschmacks und Feredschis, und Zuleima, die Dienerin, die einzige, welche Mut und Treue genug besessen, in der Stunde der Gefahr auszuhalten, indes die anderen Diener durch die hinteren Ausgänge des Palastes entflohen waren, eilte mit der Äbtissin und einer der älteren Nonnen, die Kinder an den Händen führend, davon, um die Gefahr zu teilen und die Aufmerksamkeit nicht auf die Menge der Fliehenden zu richten.

Marion hatte mit eigener Aufopferung überall hilfreiche Hand geleistet, ohne an sich selbst zu denken, während auf der Straße immer wilder und wilder der Lärm wuchs, und Schuß auf Schuß durch die Fenster fuhr. Die zitternde Schar der Mädchen war in dem hinteren Flur des Palastes versammelt, um sich durch den Garten zu retten, als der Blick Irmas auf die junge Nonne fiel.

»Bei dem Haupte Wischnus, eile, Maria! wo ist Dein Schleier? Miß Viktoria, spute Dich!«

»Sie hat Schleier und Mantel thörichterweise an die alte Nonne gegeben,« sagte die Tochter des Residenten unwillig. »Für mich und sie hat Eure Eigensucht nichts übrig gelassen!«

In der That waren alle glücklich mit den Verkleidungen versehen, bis auf die junge Nonne und Miß Frazer; die Aufopferung der einen und der Stolz der andern hatten es verschmäht, sich beizeiten der Kleider zu bemächtigen.

Während jene ratlos umherschaute, hörten sie vorn die Stöße eines schweren Balkens gegen die Pforte krachen, die in ihren Angeln zu wanken begann.

»Fort, um der heiligen Jungfrau willen, rettet Euch!« rief Marion, »sie werden es nicht wagen, der Tochter des Residenten ein Leides zu thun! Ich suche uns Schleier und wir folgen Euch!«

Sie drängte die Mädchen mit Schwester Angelique, die bei ihnen zurückgeblieben war, und die widerstrebende Irma hinaus, und rannte zurück in die vorderen Räume, andere verbergende Gewänder für sich und Miß Frazer zu holen.

Diese folgte ihr.

Die beiden Mädchen hatten eben die vordere Halle erreicht, aus welcher die steinernen Treppen emporführten zu den oberen Stockwerken, als das mächtige Thor in seinen Angeln wich und in Stücke zertrümmert in das Innere stürzte.

Die blutdürstigen Gesichter der Menge, die funkelnden Waffen erschienen vor den Augen der Unglücklichen, die junge Nonne warf sich vor die Pensionärin und sank in die Knie, den Tod erwartend.

In diesem Augenblick, als sich die Vordersten des Haufens anschickten, in das Innere zu dringen, erzitterte die Luft von einem gewaltigen Druck, und ein Krachen, als stürze das Himmelsgewölbe zusammen, ließ sich hören.

Es war die Explosion des Pulvermagazins im Arsenal.

Ein gewaltiger, vom Zahn der Zeit gelockerter Steinblock des über dem Eingang schwebenden Altans löste sich von der mächtigen Erschütterung und stürzte, den über ihm schwebenden Pfeiler mit sich hinabreißend, zermalmend unter die Stürmenden.

Ein Jammergeschrei mischte sich mit dem Echo des Donners und dem Wutgeheul der Menge, Staub und Dampf wirbelte empor und schied in dichten Wolken die Mörder von den Bedrohten. – – – – – – – –


Auruga, als sie ihr Werk gethan und die tobende Schar auf das Haus ihrer Gebieter gehetzt, eilte um die Mauern des Palastes, nach der Seite der Gärten, um jede Flucht der Weißen zu hindern, die sie zu Opfern ihrer Rache für die erlittene Schmach bestimmt.

Sie hatte noch nicht die Seitengasse verlassen, welche den alten Palast der Tochter und Pflegerin des unglücklichen Schah Dschehan, der Schwester Aureng-Zebs, von den nächsten Palästen trennt, als der Schlag der Explosion sie zu Boden warf. Sie erhob sich bald wieder, und erreichte jetzt den mit Cypressen und Cedern besetzten Platz, welcher die Gärten des Dschehanara-Palastes von dem Palast und dem Grabmal der Begum von Somroo scheidet.

Indem sie, die Pforte im Auge, aus welcher bereits die Nonnen mit den Kindern geflohen waren, weiter eilte, stieß sie auf Manakjy, ihren Geliebten, der neben seinem Tier herrannte.

»Der Gott des Krieges hat seine Schwingen entfesselt, die dunkeläugige Bhawani streckt ihre Hand über Delhi und fordert ihre Opfer,« rief ihr der Mahoud entgegen. »Gesegnet sei Cama, der mein Auge Dich wiederschauen läßt!«

»Was ist geschehen, Manakjy, wo willst Du hin?« fragte das Mädchen, sich mit ihm der Pforte nähernd.

»Unglück ist über uns, die Faringi haben einen Feuerberg in die Luft geschleudert, um sich zu retten. Der Sahib, mein Gebieter, ist erschlagen von dem Sohne des Königs, und sein letztes Wort an die Treue Manakjys hat mich gesandt, die Tochter seines Blutes zu retten und unversehrt zu den weißen Männern, ihren Brüdern, zu führen!«

»Nimmermehr! Die Mem Sahib muß sterben, wie ihr Vater. Ihre Hand hat das Weib Deines Herzens entehrt und ihrer Kaste beraubt!«

»Das ist schlimm, Aurunga,« sagte der ehrliche Mahoud, indem er mit seinem Tier stehen blieb, »aber ich habe des Sahib Brot gegessen, bevor ich das heilige Wasser mit Dir trank. Er war gut gegen Manakjy, und Manakjy und Moll werden halten, was sie gelobt. Wenn Du mir nicht helfen willst, die Mem Sahib zu retten, so bleibe bei Moll, indes ich mich in den Palast schleiche.«

»Die Rache der Hindostani ist auf den Fersen der Weißen,« rief triumphierend das Mädchen. »Die Tapferen meines Volkes haben meine Worte gehört und bringen bereits der Bhawani ihre Opfer!«

»Dann muß ich desto mehr eilen, sie zu retten,« meinte der treue Diener. »Moll, mein Freund, harre meiner hier, und laß niemand Dir nahe kommen.«

Der Elefant bewegte den Kopf, als habe er die Weisung seines Führers verstanden.

Aurunga, die fürchtete, um ihre Rache zu kommen, und doch nicht wagte, ihrem Geliebten weiteren Widerstand zu leisten, war mit der Schnelle des Windes, während er sich noch mit dem Elefanten beschäftigte, dem Mahoud nach dem Ausgang des Gartens vorausgeeilt, denn sie hatte zwischen den Bäumen hindurch gesehen, wie eine Anzahl von Frauen, in indische Schleier und Gewänder gehüllt, scheu durch die Pforte schlüpften und über den Platz eilten.

Ihr Verstand, durch das Rachegefühl geschärft, begriff sogleich, daß unter dieser Verkleidung die Frauen und Zöglinge des Pensionats Rettung suchten, und ein Messer in der Hand, das sie in der Chandy-Choak aufgerafft, eilte sie den Flüchtigen mit den Sprüngen einer Pantherin nach und warf sich ihnen in den Weg.

»Wo ist die Tochter des Faringi-Sahib? Gebt sie heraus, oder Ihr alle sollt sterben,« schrie sie ihnen entgegen, die blitzende Klinge schwingend.

Die Flüchtlinge drängten zusammen, selbst die mutige Irma erbebte vor der Drohung.

»Um des Himmels willen, Aurunga, laß uns fliehen! Die Dich mißhandelte, Viktoria, ist noch im Palast!«

»Zeigt Euer Antlitz!«

Die Schleier wurden auf den Befehl gelüftet, die Hindu überzeugte sich, daß keines der angstbleichen Gesichter ihrer stolzen Feindin gehörte.

»Geht,« sagte sie, »und nehmt meinen Fluch mit Euch!«

Sogleich aber schien sie sich eines andern zu besinnen. Sie faßte die Hand Miß Forsters und hielt das zitternde Mädchen zurück, während sie den anderen ungeduldig sich zu entfernen winkte.

Sie flohen wie von Furien gejagt in der Richtung des Lahore-Thores davon.

Aurunga wandte sich zu ihrer Gefangenen. »Sie eilen ihrem Verderben entgegen,« sagte sie finster. »Du allein kannst Rettung finden, wenn Du thust, was ich Dir sage.«

»O rette mich vor dem schrecklichen Tode,« flehte das Mädchen, die goldene Kette, die sie trug, vom Halse reißend und der Hindu bietend. »Alles, was ich besitze, soll Dein sein. Meine Eltern werden Dich belohnen …«

»Still,« gebot die Dienerin, die jetzt die Herrin geworden. »Hülle Dich in Deinen Schleier und antworte auf keine Frage, als mit einem Ja oder dem Neigen Deines Hauptes. Man muß Dich für die halten, die Du Deine Freundin nennst, sonst bist Du verloren.«

Sie riß das Mädchen mit sich fort und schleppte sie zur Gartenthür zurück, wo eben der wackere Mahoud anlangte.

Manakjy hatte die Flucht der Frauen gesehen, aber durch die Gewänder getäuscht, legte er kein Gewicht darauf.

Aurunga warf die Pforte ins Schloß und stellte sich vor sie. »Lakschmi ist mit uns gewesen,« sagte sie, »Du brauchst Dich nicht in die Gefahr zu stürzen, hier ist, die Du suchst – um Deinetwillen möge sie gerettet werden!«

Obschon der Mahoud die Tochter seines Herrn von Kindheit auf gekannt, hatte er sie doch in letzterer Zeit weniger gesehen, und durch die gleiche Gestalt und das europäische Gewand unter dem Feredschi getäuscht, begnügte er sich mit der Frage: »Bist Du die Mem Sahib?«

»Ich bin Viktoria, rette mich,« erwiderte das Mädchen, das ihre Rolle begriff und das ihre Todesangst Verstellung lehrte, in englischer Sprache. Sie reichte dem Mahoud die weiße Hand, und dieser, vollständig überzeugt, daß ein glücklicher Zufall ihm seine Aufgabe erleichtert, führte eilig den Elefanten herbei, hieß ihn niederknieen und half dem Mädchen die Haudah erreichen, worauf er selbst seinen Platz auf dem Rücken des Tieres einnahm und dieses zum raschen Lauf aufstachelte. Der kluge Koloß gehorchte dem Willen seines Führers und in wenig Augenblicken war seine riesige Gestalt zwischen den Bäumen und angrenzenden Straßen verschwunden.

Mit Hohn schaute Aurunga ihm nach, dann lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Mauerpforte, entschlossen jeden Weg der Flucht mit ihrem Körper zu versperren.

Mit Erstaunen und ohne sie zu verstehen, hatte Leutnant Willougby die Scene aus einiger Entfernung mit angesehen. Jetzt schritt er entschlossen auf die Pforte zu, die, wie er wußte, in die Gärten des Dschehanara-Palastes führte, und vor der Aurunga, die treulose Dienerin Wache hielt, um den Gegenstand ihrer Rache nicht entfliehen zu lassen.

Aber eine andere Person kam ihm zuvor, es war Irma, das junge Hindumädchen, die ihre, von einer umhertobenden Schar der Meuterer auseinander gescheuchten, aller Besinnung beraubten Gefährtinnen verlassen hatte. Durch die Farbe ihrer Haut hinlänglich als Eingeborene kenntlich und daher keine Gefahr für sich selbst befürchtend, kehrte sie zurück, um die geliebte Lehrerin zu retten, die sie nur in der ersten Angst verlassen hatte.

Sie trug den Schlüssel der Thür in Händen, den sie besonnenerweise mitgenommen und versuchte jetzt, Aurunga mit Bitten und Versprechungen von ihrem Platz zu verdrängen.

»Du weißt, daß der Babu, mein Vater, reich ist,« sagte sie – »er wird Dir und Manakjy eine Aussteuer geben. Lasse mich hinein, Mädchen; wenn sie noch zu retten sind aus den Händen der blutigen Devi, muß es sogleich geschehen.«

»Was kümmert Dich das Schicksal der Faringa?« erwiderte hartnäckig die Dienerin. »Ihr Schlag hat die Tochter meines Vaters zum Paria gemacht, dem der Himmel Brahmas verschlossen ist, sie muß sterben, damit ich in ihrem Blut die Schande abwasche.«

»Sie that es im Zorn und hat durch Todesangst ihr Vergehen gebüßt! Bedenkst Du nicht, daß noch eine bei ihr ist, die in derselben Gefahr schwebt und die stets Gutes Dir gethan, Schwester Maria, unsere Mutter und Freundin, mit dem Herzen, das Cama ihr gegeben?«

Aurunga schien einen Augenblick zu schwanken; wie alle Dienerinnen des Hauses liebte sie die junge Nonne. Aber im nächsten Augenblick gewannen Haß und Rachsucht wieder die Oberhand in ihrer Seele, und sie stieß das Kind zurück.

»Tochter des Babu, Deine Worte bethören mich nicht! Sie mag sterben mit ihr, sterben wie alle Weißen!«

Das Kind stürzte sich auf sie, mit Gewalt sie von dem Platze hinwegzudrängen, aber Aurunga war stärker und behauptete den Platz, als dem jungen Mädchen plötzlich Hilfe kam. Die starke Hand Willougbys erfaßte Aurunga und warf sie zur Seite. Wo ist die Nonne? wo sind die Frauen?« herrschte seine Stimme der Kleinen zu, von deren Lippen er den Namen Marias gehört hatte. »Fort! führe mich zu ihr!«

Die Thür war bereits, trotz des Widerstandes Aurungas, von ihm geöffnet, und er stürzte in den Garten, denn von dort tönte lautes Hilfegeschrei.

Obschon Irma in dem von Pulver und Blut entstellten Manne den vermeintlichen Anbeter Miß Frazers nicht erkennen konnte, sah sie doch, daß es ein Faringi war und mit dem Ruf: »Wenn Du ein Christ bist, rette Maria! rette Viktoria!« eilte sie ihm nach.

Es war die höchste Zeit, daß die Hilfe erschien, denn die beiden Mädchen schwebten in der höchsten Gefahr. Miß Viktoria mit dem starken trotzigen Geist, der ihr eigen, hatte sich zuerst von ihrem Entsetzen erholt, mit dem die furchtbare Explosion sie zu Boden geworfen, und den Dampf und den Schrecken der Menge, die sie bedrohte, sich zu Nutze machend, entfloh sie mit ihrer Gefährtin aus dem Garten, um den Vorausgeeilten auf alle Gefahr hin zu folgen. Aber sie fand die Thür verschlossen, und jetzt, von Todesangst erfaßt, rannten die beiden Mädchen durch die Lorbeer- und Myrtenhecken des Gartens, um irgend ein Versteck zu suchen, denn bereits hörten sie das wüste Geschrei ihrer Feinde, die jetzt den Schreck überwunden und über die Trümmer der Thür in das Innere des Palastes gedrungen waren und, von Raub- und Mordgier erfüllt, alle Räume durchsuchten.

Einige Minuten gelang es ihnen, sich zwischen den dichten Hecken der Gesträuche und Orangenbäume zu verbergen, aber das weiße Gewand Viktorias verriet sie den Blicken der Mörder, und mit wildem Jubel verfolgten diese ihre Beute.

Viktoria, im Laufe strauchelnd, fiel etwa hundert Schritte von der Pforte des Gartens zu Boden, und mit heldenmütiger Ergebung gab die französische Nonne die weitere Flucht auf, und sank neben ihr in die Kniee.

Die Verfolger und der Retter waren fast gleich weit von den Unglücklichen entfernt, und jene stürzten mit Geschrei und geschwungenen Waffen aller Art herbei, als der vorderste, von einer Kugel aus Willougbys Revolver getroffen, zu Boden stürzte. Eine zweite, eine dritte Kugel schlug in den dichtgedrängten Haufen, der bestürzt inne hielt. Irma hatte die Miß emporgerichtet, sie streckte ihre Hände nach dem Offizier aus, den ihr geübteres Auge erkannte. »Retten Sie mich vor diesen Mördern, Willougby, und ich bin die Ihre!« Der vierte und fünfte Schuß stürzte aufs neue zwei der Verfolger zu Boden, sie stoben erschrocken auseinander und wichen zurück. Der Leutnant warf den abgeschossenen Revolver zur Erde und riß den zweiten aus seinem Gürtel, den Rest der Feinde, die vor dieser ohne Ende den Tod speienden Waffe Entsetzen ergriff, in die Flucht zu jagen; aber der Hahn schlug auf, ohne daß ein Schuß sich entlud, ein Blick belehrte den Mutigen, daß auf den zweiten Revolver die Pistons nicht aufgesetzt waren.

In dieser furchtbaren Lage gellte der Ram- und Allahruf von verschiedenen Seiten her, und über die Felder des Gartens stürzten neue Haufen fanatischer Mörder herbei.

»Richard! rette mich! ich liebe Dich!«

Die Augen des jungen Offiziers, den die stolze Tochter des Residenten von Delhi anflehte, schwankten einen Moment lang zwischen den beiden Jungfrauen, von denen die eine die Arme nach ihm ausstreckte, die andere, die frommen braunen Augen todergeben und schwärmerisch zu ihm wandte, dann sprang er vor, umfaßte die Nonne und hob sie wie eine Feder leicht auf seinen linken Arm.

»Folgen Sie uns, Miß!« rief er der Bestürzten zu, und eilig sprang er mit seiner Last nach der offenen Pforte. Von dem Instinkt der Lebenserhaltung getrieben, folgte ihm die Tochter des Residenten, so schnell sie vermochte, die Hand auf das Herz gepreßt, als habe ein tiefer Schmerz dieses getroffen.

Schon hatten sie, die Verfolger von allen Seiten hinter sich, die Thür fast erreicht, die Irma voranfliegend geöffnet hielt, als sich Aurunga mit wütender Gebärde dem Offizier in den Weg warf und das Messer schwang.

Der Offizier faßte das Pistol am Laufe und ein schwerer betäubender Kolbenschlag schmetterte nieder auf das Haupt der Hindu, die zu Boden taumelte. Aber noch im Fallen umklammerte sie ihre Feindin, der sie Verderben geschworen, und riß sie mit sich zur Erde.

Der Offizier mit seiner Last sprang durch die Pforte ins Freie, Irma aber schlug mit Geistesgegenwart die schwere Thür zu und drehte den Schlüssel im Schloß.

Jetzt erst bemerkte Willougby, daß Miß Frazer nicht bei ihnen, und das gellende Triumphgeschrei der Empörer belehrte ihn, daß sie bereits in ihrer Macht war. Er wollte umkehren, aber das Hindumädchen zog ihn mit sich fort nach der Seite, wo breite Oleander- und Geranienbüsche zwischen den Bäumen sie mehr den fremden Augen verbargen.

»Die Bhawani hat gesprochen,« rief das Kind, »sie will ihr Opfer! Dein Leben gehört dieser, die Dich mehr liebt, als die stolze Faringa!«

Trotz der drängenden Not des Augenblicks konnte der Offizier sich nicht enthalten, einen erstaunten, fragenden Blick auf das Kind und die zarte Gestalt zu werfen, die er auf seinem Arme trug. Er bemerkte, daß das Antlitz der jungen Nonne sich mit tiefem Purpur übergoß. Aber Irma zog ihn eilig weiter.

»Wohin nun – was sollen wir thun?« fragte der Offizier.

»Kennst Du das Grabmal der großen Begum im Simreh Bagh?« antwortete das Kind.

»Ich kenne es, ich war mehrmals dort!«

»So suche es im Schutz der Bäume und Büsche zu erreichen und verbirg Dich dort. Niemand wird Euch an dem einsamen Orte des Todes suchen, wenn man Dich nicht eintreten sieht. Lebe wohl und Lakschmi sei mit Euch! Ich suche den Babu, meinen Vater, er allein vermag Euch zu retten.«

Sie reichte ihm den Revolver, den er bei dem Angriff im Garten weggeworfen, und den sie aufgehoben, küßte die Hand der Nonne und eilte davon.

Willougby erkannte, daß es das beste sei, dem Rat des Kindes zu folgen, und als er die Nonne jetzt niedersetzte und mit der einzigen Aussicht zur Rettung bekannt machte, suchte Schwester Maria zunächst ihre Kleidung so zu ordnen, daß sie möglichst wenig auffiel. Dann schlichen sie zwischen den Bäumen und Büschen entlang, und es gelang ihnen glücklich, in der allgemeinen Verwirrung einen der Eingänge des großen, von den Engländern zum Teil zu Magazinen benutzten, sonst aber leer stehenden Palastes der Begum von Somroo zu erreichen.

Der Palast, den diese merkwürdige Frau sich in Delhi erbaut, und in dem sie den letzten Teil ihres so abenteuerlichen Lebens zugebracht, bildet ein großes von Mauern umgebenes Viereck, auf dessen östlicher Seite, der Dschumna zugewendet, sich das Grabmal der Begum befindet.

Es erhebt sich zwischen riesigen Cypressen auf einem breiten Unterbau von Marmorquadern, zu dem von vier Seiten Stufen hinanführen, in Form einer Moschee, von zwei schlanken Minarets überragt, anscheinend ohne Verbindung mit dem Innern des Palastes. Der Eingang befindet sich auf der Seite des Palastes, und der innere Bau, der von oben her durch eine durchbrochene Kuppel sein Licht erhält, bildet eine prächtige Rotunde von Marmor und Mosaiken, in deren Mitte sich der Sarkophag der alten Fürstin, aus grünlichem Gestein gemeißelt, erhebt.

Der abenteuerliche Charakter der Begum und die Erinnerung an ihre Gewaltthaten, fortlebend im Munde des Volkes, haben in seiner Phantasie diesen Ort mit Dämonen und bösen Geistern bevölkert. Er war aber umsomehr verödet, als sich keine religiöse Pietät an dieses Grab knüpfte, da die Begum, die schon lange Zeit vor ihrem Tode nach der Gewohnheit vornehmer und reicher Hindus sich das Grab errichtet hatte, in den letzten Jahren zur katholischen Religion übergetreten war und zum Zeichen ihres Glaubenswechsel und zum Ärger aller gläubigen Hindus und Mohammedaner ein großes Kreuz von weißem Marmor zu Häupten des Sarkophags stand.

Unter dem Schutz der Mauer und des dunklen Grüns der Cypressen erreichten die Flüchtlinge die Stufen der Plattform, die sich mehrere Fuß über die Mauer selbst erhob, und einen günstigen Augenblick benutzend, gelangten sie in den engen Eingang des Tempels.

Erst hier, auf den Steinsarg der Begum gestützt, wagten sie es, Atem zu schöpfen und sich dem Gefühl der augenblicklichen Rettung hinzugeben.

Die Ruhe konnte indes nur kurz sein, denn der von Minute zu Minute anschwellende Lärm, das Schießen und gellende Geheul der rasenden Volkshaufen von den benachbarten Straßen und Plätzen her bewies, daß die Rebellion sich immer weiter verbreitete und gleich einer Lawine anwuchs.

Bis jetzt hatte der Offizier von Augenblick zu Augenblick noch das Eindringen der regulären Truppen von den Bungalows her in die Stadt und einen Angriff gegen die Rebellen in den Straßen erwartet, bei dem er mit seiner Geretteten sich den Freunden anschließen könnte. Als aber Zeit um Zeit verrann, ohne daß die britischen Trommeln, das britische Kommando sich hören ließen, als die Schüsse nur unregelmäßig und vereinzelt allein die Wut der Feinde gegen ihre Opfer bewiesen, begann die furchtbare Wahrheit seiner Seele klar zu werden, daß nämlich die Truppen mit den Rebellen gemeinschaftliche Sache gemacht hätten.

Das nächste, was der Offizier vornahm, war, den Ort, den sie sich zur Zufluchtsstätte gewählt, einer genaueren Besichtigung zu unterwerfen, um die Mittel weiteren Verbergens oder einer Verteidigung darin zu prüfen.

Die runde Halle war leer, nur in der Mitte von dem Sarkophag unterbrochen, an dessen Kopfende an der Wand der schwache Strahl einer kleinen Fontaine, wie solche überall in den Palästen und Bauwerken der reichen Orientalen zur Kühlung der Luft und zu den Ceremonieen der Abwaschung angebracht sind, aus vergoldeter Röhre mit leichtem Rauschen in ein Marmorbecken fiel, aus dem das Wasser durch eine andere Röhre seinen Abfluß nach außen fand.

Zur rechten Seite dieser Fontäne befand sich die Thür zur Treppe des einen Minarets, die sich spindelförmig in steinernen Stufen in die Höhe wand.

Der Offizier untersuchte die Thür, sie war unverschlossen.

Auf der anderen Seite des Springbrunnens nach dem zweiten Minaret, das nur etwa 6 bis 8 Fuß von dem ersten in der Luft entfernt war, war die Mauer glatt und fest und zeigte keine Spur eines Zugangs.

Dies Minaret mußte demnach nur der Gleichförmigkeit wegen erbaut und im Innern leer sein.

Der Eingang des Grabmals war allerdings durch eine große eiserne Thür verschließbar, aber diese stand so fest eingerostet in ihren Angeln und war von so kolossaler Schwere, daß der junge Offizier vergeblich seine Kraft anstrengte, sie zu bewegen.

Er hatte während dieser Untersuchungen die junge Nonne auf die Stufen des Sarkophags niedergelassen, wo sie jetzt, den Kopf an den kalten Stein des Sarges gelehnt, saß, bleich und halb ohnmächtig von den Anstrengungen, und dem Schrecken.

Richard Willougby schöpfte in der Höhlung seines Turbans Wasser aus dem Becken der kleinen Fontäne, kniete neben dem jungen Mädchen nieder und benetzte ihre Stirn und ihre Schläfe mit dem erfrischenden Element.

Das eintönige Rauschen des kleinen Quells schien die heilige Stille des Todes noch zu vermehren, während draußen der wilde Lärm der entfesselten Leidenschaften tobte.

»Marion, teures, liebes Mädchen, erwachen Sie, fassen Sie sich, oder alles ist verloren,« flehte halblaut mit innigem Tone der junge Offizier. »Gottes Hand hat uns sichtlich in diesen furchtbaren Gefahren bisher beschützt, sie wird uns auch ferner nicht verlassen, wenn wir selbst es nicht thun. Bei diesem allmächtigen Gott schwöre ich Ihnen, daß Richard Willougby bereit ist, sein Leben für Ihre Rettung zu opfern!«

Er küßte leidenschaftlich die kleine Hand, die in der seinen lag. Plötzlich überlief dunkle Glut das reizende Gesicht der Nonne, und sie zog rasch die Hand aus der seinen, während ihre Augen sich mit dem Ausdruck sanften Vorwurfs erhoben.

»Heilige Jungfrau, vergieb mir,« flüsterte das junge Mädchen. »Was thun Sie, Sir! O lassen Sie mich nicht bedauern, daß Ihr Edelmut mich vor jenen Gräßlichen errettet hat, und erinnern Sie sich, daß ich eine Braut Gottes bin, und schon die Berührung eines Mannes eine Sünde für mich ist.« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu weinen.

»Hören Sie mich an, Marion oder Soeur Marie, wie Sie genannt zu werden gewohnt sind,« sagte mit tiefer Erregung der junge Mann. »Die Macht einer furchtbaren, gemeinsamen Gefahr hat die Schranke gebrochen, die Sie bisher umgeben und mich sonst wahrscheinlich auf immer von Ihnen geschieden hätte. Wenn es der Tod so vieler Unglücklichen gestattete, möchte ich diese Gefahr segnen, denn sie hat erfüllt, was ich nicht einmal in Träumen zu hoffen wagte, sie hat mich mit dem vereint, was mir das Teuerste auf der Welt geworden. Sie sind in diesem Augenblick nicht mehr die Nonne vom Kloster des heiligen Herzens, sondern Marion Lapierre, die Tochter Frankreichs, die Geliebte meiner Seele, die ich mir aus den Flammen und den Schwertern der wilden Feinde gerettet habe!«

Ein heftiges, ängstliches Schluchzen hob krampfhaft den Busen der Jungfrau, und der Thränenstrom benetzte durch ihre Finger hindurch den Marmorboden.

»Ja, Marion,« fuhr der junge Mann fort, »die nächste Minute schon kann unser Verderben sein, aber vorher darf und will ich Ihnen sagen, daß ich Sie liebe, daß ich Sie geliebt, seit Sie diese Stadt betreten und ich zum erstenmal Ihr sanftes Auge sah. Wenn ich sterben muß unter den Waffen der Mörder, so wird es jetzt wenigstens mit leichterem Herzen geschehen, als das war, mit dem ich seither gelebt habe.«

Die Nonne entfernte rasch die Hände von ihren weinenden Augen und sah ihn mit einem Blick an, in dem sich Angst mit einem Gefühl vereinte, dessen Ausdruck das Herz des jungen Mannes freudig erbeben machte. »O nicht so, Sir,« sagte sie flehend. »Sie sollen, Sie dürfen nicht sterben! Es ist genug, zu viel schon, was Sie gethan haben für ein so armes, unbedeutendes Wesen, das bis zum Augenblick ihres Todes Sie segnen und Ihrer mit – mit Dankbarkeit gedenken wird. Gehen Sie, lassen Sie mich jetzt, Sir, bei allen Heiligen beschwöre ich Sie darum, und versuchen Sie sich unter dem Schutz des Gewandes zu retten, das Sie tragen!«

»Wie, Marion,« rief der Offizier erstaunt und verletzt, »Sie können glauben, daß ich Sie hier allein zurücklassen werde?«

Sie sah schüchtern zur Erde. »Warum mußten Sie durch einen Irrtum mich retten, Sir, warum nicht die arme Viktoria, deren Tod ich Ärmste nun verschulde?«

»Ich bedaure das traurige Schicksal Miß Frazers,« entgegnete fest der Offizier, »aber nicht um sie zu retten verließ ich die Flammen des Arsenals und eilte nach dem Chandy-Choak! Nicht Viktoria Frazer war es, die mein Roß Gibraltar unter den Balkon des Palastes von Dschehanara zog, sondern die Hand, die diese Blume warf!« und er zog die weiße Rose aus seinen Gewändern und drückte sie an seine Lippen. – – –

Ein gellendes Triumphgeschrei, näher als bisher und anscheinend in der nächsten Umgebung des Grabmals der Begum, ersparte der zitternden, glühenden Nonne die Antwort.

Der Offizier lauschte einen Augenblick nach dem Lärm, in den sich jetzt das Krachen naher Schüsse mischte, dann faßte er ihre Hand, die sie ihm zögernd überließ und zog sie rasch nach der Thür zur Treppe des Minarets.

»Diese Halle,« sagte er, »ist nicht sicher genug für uns; der Turm bietet ein besseres Versteck, in dem ich, wenn es zum Schlimmsten kommt, uns mit Erfolg verteidigen kann. Fassen Sie Mut, Marion, Gott ist mit uns und meiner Liebe!« Er schloß die Thür hinter sich, faßte sie um den Leib und trug die Willenlose, nur leise Widerstrebende, die Stufen des Minarets hinauf.

Auf der Höhe der steinernen Galerie, welche zum Ausrufen der Gebete des Muezzim die Spitze der Minarets umgiebt, sperrte eine Fallthür von schwerem Holz die Treppe. Der Offizier bat das Mädchen, sich ruhig auf den oberen Stufen niederzusetzen, während er selbst aus dem höheren Teil des schlanken Türmchens mit Vorsicht die Umgebung rekognoscieren und sehen wollte, ob Gefahr sich nahe.

Die Nonne gehorchte, Willougby trat in die kaum Raum für zwei Menschen bietende Spitze des Minarets und schaute durch die Öffnung der auf die Galerie mündenden Thür hinaus auf den Platz.

Von dieser Stellung aus konnte er die ganze Scene sehen, die sich auf dem Platz zwischen dem Palast der Begum von Somroo und dem gegenüber liegenden Hause des Kischangar Radscha abspielte.

Von den Gärten des Dschehanara-Palastes her wälzte sich eine Volkswoge, Männer und Weiber des niedersten Pöbels, die Hände in Blut getaucht, die Augen funkelnd von Mordlust und Rachgier. Die nachfolgende Scene, empörend, abscheulich und grauenvoll ist, wie der Verfasser ausdrücklich hervorhebt, kein Erzeugnis seiner Phantasie, sondern entsetzliche Wahrheit. Diese Wahrheit hat, wie der Verfasser ebenfalls ausdrücklich bemerkt, ihm die Feder in die Hand gezwungen, um von der furchtbaren Vergeltung zu berichten, wie er von der furchtbaren Schuld berichtet hat.

In der Mitte dieses Haufens wurde ein bleiches, schönes Mädchen in weißem Kleide daher geschleift. Blonde Haare hingen aufgelöst um das in Todesschrecken erblaßte Gesicht.

Willougbys scharfes Auge erkannte die Unglückliche, es war Viktoria Frazer, die stolze Tochter des Residenten, die ihn selbst noch vor kaum einer halben Stunde mit dem Geständnis ihrer Liebe um Hilfe und Rettung angefleht.

Das Herz des jungen Offiziers erbebte. Er machte eine Bewegung hinabzueilen, die Unglückliche aus den Händen der Mörder zu retten, aber kraftlos sank er zurück an die Mauer – das Bewußtsein der Unmöglichkeit, der Vergeblichkeit seines Opfers überkam ihn mit erschütternder Überzeugung.

Von der Seite der Saman-Badsch her sprengte eine Reiterschar, an ihrer Spitze auf edlem Roß Akbar Jehan, der Delhi-Prinz. Hinter ihm drein kam es wie ein bunter Strom von Waffen und bunten Trachten, dazwischen die roten Uniformen der Sepoys, die mit den Empörern gemeinschaftliche Sache gemacht, ihre langjährigen Waffenbrüder und Tyrannen zu bekämpfen.

Der Prinz parierte sein Pferd und erwartete den nahenden Volkshaufen.

»Männer von Delhi! Der Sieg ist unser, die Faringi sind vernichtet oder entflohen. Es lebe der Großmogul von Delhi!« Ein Jubelgeschrei der zahllosen Menge antwortete

Der Prinz winkte mit der Hand Ruhe.

»Hindostani!« fuhr er mit weithallender Stimme fort, »ob Ihr den heiligen Lehren des Korans gehorcht oder den tausendjährigen Gesetzen Buddhas, unser gemeinschaftlicher Feind ist das verfluchte Geschlecht der Faringi. Möge es von dem Angesicht der Erde vertilgt werden, wie der Schnee des Himalaya von Surya! Nieder mit allem, was dem Volk der Faringi gehört! Selbst das Kind im Leibe der weißen Frau mög' Eure Rache nicht verschonen, damit der Same der Verfluchten nie wieder sein Haupt erhebe an den Ufern der heiligen Ströme. Schmach und Tod den Faringi!«

Und »Schmach und Tod den Faringi!« heulte der Ruf der fanatischen Menge, und die Hände wilder Mörder zerrten das unglückliche Mädchen herbei und warfen sie vor die Hufe des Pferdes.

»Ein weißes Weib?« fragte der Prinz, der im ersten Augenblick die verstörten Züge des Mädchens nicht erkannte. »Warum tötet Ihr sie nicht?«

»Es ist die Tochter des Sahib Residenten, Hoheit,« berichtete eine Stimme aus der Menge. »Wir erkannten sie, als Yama Der Gott des Todes. bereits seine Hand über sie streckte, und wir bringen sie Dir, um Gericht über sie zu halten!«

Der Prinz bog sich über den Hals seines Pferdes und betrachtete die Unglückliche. Ein teuflisches Lachen befriedigter Rachgier zuckte über sein Gesicht.

Es war nicht unbekannt in Delhi, daß er vor etwa einem Jahre, bevor er in der Versammlung der Verschwörer auf der Burg der Thug als Bewerber um die Sikh-Prinzessin auftrat, durch einen Vertrauten dem mächtigen Residenten von Delhi sich zum Gatten seiner schönen Tochter angetragen hatte.

Solche Verbindungen sind, wie schon erwähnt, in Indien nicht ungewöhnlich. Die Ehre, sein einziges Kind mit einem Sprößling des Blutes Timur des Großen zu vermählen, der nicht einmal der wirkliche Erbe dieses Schattenthrones war, konnte jedoch den Residenten nicht verlocken, und er hatte mit beleidigendem Hohn den Vorschlag zurückgewiesen.

Der Augenblick abscheulicher Rache war jetzt gekommen. Der Orientale vergißt nie eine wirkliche oder vermeintliche Beleidigung – er wartet seiner Zeit und dann wehe denen, die sein Haß getroffen.

Akbar Jehan zog eine Börse aus seinem Shawlgürtel und warf sie den Männern und Weibern zu. »Allah vergelte Euch, meine Freunde, Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen!«

Dann wandte er sich, um sein Opfer zu höhnen, an die Miß.

»Du bist die Tochter Sahib Frazers, des Residenten der Faringi in Delhi und trägst den Namen Deiner weißen Königin?« fragte er.

Die Jungfrau in ihrer Angst hatte ihn erkannt. Sie erhob sich auf die Knie und streckte flehend die Arme nach ihm aus. »Prinz, retten Sie mich vor diesen Entsetzlichen! Bringen Sie mich zu dem Residenten, meinem Vater, und er wird Ihnen ewig dankbar sein für den Schutz, den Sie seinem Kinde gewährt haben!«

Der Delhi-Prinz winkte zurück nach seinem Gefolge.

»Laßt den Sahib-Residenten mit eigener Zunge ihr sagen, daß die Macht der Faringi ihr Ende genommen!«

Mit teuflischem Hohngelächter streckte einer der Mörder der Unglücklichen das verstümmelte Glied auf der Spitze seiner Lanze entgegen, ein anderer das blutige Haupt ihres Vaters.

Mit gellendem Schrei fiel das Mädchen zu Boden.

»Akbar Jehan hat dem stolzen Sahib der Faringi geschworen, seinen Namen und sein Gedächtnis zu schänden! Der Hund, der sein Blut zu gut hielt, sich mit dem Samen Timurs zu vermischen, soll im Tode noch sich schämen des eigenen Kindes. Reißt dem Weibe die verhaßten Gewänder der Faringi vom Leibe!«

Zwanzig Hände rissen die Unglückliche empor und die Kleider ihr in Fetzen ab. Vergebens sträubte und wand sich das Mädchen und flehte um Erbarmen – Erbarmen von Tigern in Menschengestalt! O wie entsetzlich wahr hatte vor einer Stunde erst das prophetische Wort ihrer Verwandten gewünscht, daß sie nimmer in die Lage kommen möge, von jenen Menschen anderes zu bitten, als Vergebung für ein begangenes Unrecht!

Jetzt rang sie und flehte um den Tod, aber der Tod wäre Barmherzigkeit, wäre Mitleid gewesen, und wo ist Mitleid und Barmherzigkeit bei der entfesselten Leidenschaft eines Orientalen zu finden?!

In Fetzen flog jedes Stück ihrer Kleidung, den sich windenden nackten Leib der Jungfrau drückten freche Hände zu Boden, wilde Megären ihres eigenen Geschlechts hielten die zuckenden bäumenden Glieder – –

Der Prinz war vom Pferde gesprungen, und unter dem teuflischen Hohngelächter, unter dem höllischen Jubel der Menge, die in wilden Sprüngen ein Bacchanal der Dämonen zu feiern schien, warf er sich auf die Unglückliche – – –

Zehnmal schon hatte die Hand des Offiziers die Waffe erhoben, die Kugel der Mißhandelten zu Hilfe zu senden, und jedesmal sank kraftlos der Arm nieder vor der Überzeugung, daß seine Hilfe vergeblich, daß sein tötendes Geschoß nicht die Hälfte des Raumes durchmessen könne, der ihn von der schrecklichen Scene trennte.

Ein Aufschrei, der im Augenblick, als das unglückliche Mädchen zu Boden gerissen wurde, sein Ohr traf, lenkte seinen Blick zur Seite.

Es war Maria, die junge Nonne, die, von Angst getrieben, zu ihm emporgeklommen war, totenbleich mit weitgeöffneten, geisterhaften Augen das furchtbare Schauspiel anstarrte und die zitternden Hände nach ihm ausstreckte.

»O Sir, wenn es wahr ist, wenn Sie mich lieben – retten Sie die Unglückliche!«

Der junge Mann nahm sie in seine Arme und zog sie an seine Brust, was sie widerstandslos geschehen ließ. »Das ist kein Ort für Sie, Maria, der selbst das Männerherz vor seinen Schrecken erbeben läßt! Es ist unmöglich, der Ärmsten Hilfe zu bringen – Gott allein kann sie retten und rächen. Aber er zeigt mir den Weg meiner Pflicht: daß mein Leben Ihnen gehört, um Sie vor dem Schrecklichsten zu bewahren!«

Sie lag in Thränen aufgelöst an seiner Brust, während dort unten der greuliche Jubel zum Himmel aufschrie. »O töten Sie mich, Richard, töten Sie mich! Lieber den Tod, als solche Entehrung!«

»Bei dem Gott, der über uns ist, und der seine Sonne scheinen läßt über jenen entsetzlichen Frevel,« schwor der Offizier, »diese Hand wird selbst den Stahl in Ihre Brust stoßen, ehe Sie den Händen jener Männer verfallen sollen.«

Er umfaßte sie, um sie hinab zu tragen aus dem Bereich der empörenden Schauspiels, als der Knall mehrerer Flintenschüsse seinen erhobenen Fuß zurückhielt, und seine Blicke wieder nach jener Seite wandte.

Vor dem Haus des Kischangar Radscha kräuselte Pulverdampf in die Höhe, zwei der tanzenden Mörder um die schmachvolle Gruppe hatte das tötende Blei zu Boden gestreckt, andere taumelten und schrieen im Schmerz der plötzlichen Verwundung.

»Verrat! Die Faringi sind über uns!« ertönte das Geschrei, und die feige Menge begann nach allen Seiten zu entfliehen. Aber bald sammelte sie sich von ihrem Schreck und erkannte, daß der Angriff nur von einer Anzahl von Flüchtlingen ausgegangen sein konnte, die sich in jenes Haus gerettet haben mußten.

Dem war in der That so. Eine Anzahl von vierunddreißig Europäern mit Frauen und Kindern, darunter mehrere der geflüchteten älteren Pensionärinnen des Klosters, hatten, als sie sich nicht mehr aus der Stadt zu retten vermocht, sich in das steinerne Haus des Kischangar Radscha geflüchtet und dessen Zugänge verbarrikadiert. Die Gelegenheit, welche die dicht gedrängte Menge um das mißhandelte Mädchen zum Angriff bot, war zu verlockend, als daß der Mut und die Erbitterung der Europäer sich dieselbe hätte entgehen lassen können, da sie wußten, daß es in wenig Minuten doch zum Kampf kommen würde, und sie eröffneten daher denselben mit einer wohlgezielten Salve.

Akbar Jehan hatte sich erhoben, sein Antlitz strahlte in teuflischem Triumph, als er höhnisch auf sein halb bewußtloses Opfer niedersah.

»Seid Ihr feige Parias, daß Ihr vor einer Handvoll dieser weißen Hunde entflieht? Unter ihren Augen soll Schande über ihr Geschlecht kommen, damit sie sehen, welches Schicksal sie erwartet! Schleppt die weißen Weiber, die so stolz auf schwarzes Blut herabzuschauen pflegen, in den Schutz jener Cedern,« befahl er, als von verschiedenen Seiten drei oder vier andere Europäerinnen herbeigeschleift wurden, »schändet ihr weißes Blut, bevor Ihr sie tötet!«

Er stieß die Unglückliche, den reizenden weißen Leib, den er soeben entehrt, mit dem Fuße den Männern des Pöbels, den wütenden Fanatikern zu. »Nehmt die Hündin, die Tochter eines Hundes, und besudelt die Gräber ihrer Väter! Zu den Waffen, Brüder! Kampf und Tod den Faringi!« Er schwang seinen Säbel gegen das Haus des Kischangar Radscha, das ein Teil der aufrührerischen Sepoys bereits umzingelt hatte, und wo Schuß auf Schuß gewechselt wurde.

»Ram! Ram! Mahadeo!« schrie der Prinz, »der Feldruf der Hindostani sei Eure Hochzeitsmusik! Chalo Bhai! Die Houris des Paradieses sind für die Kämpfer des Glaubens!« Unter dem Ram-Geschrei der Krieger stürmte er nach dem Kampfplatz, der Zuruf der entfesselten Dämonen begleitete ihn.

Jetzt stürzte sich der niederste Pöbel auf die unglücklichen Frauen. Das wimmernde Mädchen wurde an den Haaren hinter den mächtigen Stamm eines Baumes geschleift, der Schutz gab gegen die Kugeln der Faringi, die ohnehin jetzt ein anderes Ziel suchen mußten, als die Bedränger der Frauen. Die Unglückseligen wurden jeder Hülle beraubt, zu Boden geworfen, und Lastträger, Soldaten, Männer der niedersten Kasten und des scheußlichsten Aussehens warfen sich auf sie und befriedigten an ihren widerstandslosen Leibern – nicht ihre Lüste und Begierden, sondern den wütenden, grimmigen Haß einer Nation! Und wie so häufig das Weib, wenn es sinkt und zur Wut entflammt, in seiner Leidenschaft zum scheußlichsten Abschaum wird, tierischer als das Tier, so umtanzten und umheulten Weiber die fürchterliche Orgie, trieben die Männer herbei zu dem ruchlosen Werk und halfen in der entsetzlichen Schändung ihres eigenen Geschlechts.

Und wenn die Gier und der Sohn dieser Wollust genug gebüßt war, wenn selbst der niedrigste Gesell des Pöbels sich mit Ekel abwandte von dem entwürdigten Körper, dann waren jene Megären es, die hundertfache Marter für den noch vor wenig Stunden so reinen und keuschen Leib erfanden, welche die Busen aufschlitzten und mit den gierigen Händen in dem zuckenden Fleische wühlten; welche einzeln die nach Hilfe umherkrampfenden Finger der Unglücklichen, ihre Nasen, Lippen und Zehen abschnitten, die Augen ihnen ausdrückten und mit den scheußlichsten Grausamkeiten indischer Tortur ihren Todeskampf verlängerten.

Mitleidiger als seine Gefährten, hatte ein Sepoy das Bajonett erhoben, um dem kraftlosen Leibe des schönen Mädchens, das sich einst Viktoria Frazer nannte, den Todesstoß zu geben, als eine jener Megären sich zeternd und schützend über diesen Körper warf und mit dem Ruf, daß die Faringa ihr gehöre, den Soldaten vertrieb.

Das Weib war selbst schön und jung, nicht viel älter als das Opfer, dessen Kopf sie jetzt in ihren Schoß zerrte. Aber ihr Gesicht war von dämonischer Wut verzerrt und von einer breiten, klaffenden Wunde entstellt, die der Hieb mit einem stumpfen Gegenstand ihr zugefügt haben mußte.

Sie hob die blutunterlaufenen Augen und ließ sie mit Frohlocken im Kreise umherrollen. Willougby erkannte sie mit Entsetzen, es war Aurunga, die Dienerin, die sich ihm im Garten des Klosters entgegengeworfen und die sein Schlag bewußtlos zu Boden gestreckt, noch im Fall die Feindin mit sich ziehend. – –

Schuß auf Schuß fiel von dem Hause des Kischangar Radscha, die eingeschlossenen Europäer wehrten sich mit dem Mut der Verzweiflung. Drei Stürme der Sepoys und der Pöbelschar waren von ihnen bereits abgeschlagen worden, mehr als dreißig Hinduleichen deckten ringsum den Boden.

Unter dem Jubelgeheul der Menge wurden zwei Geschütze herbeigeschleppt und gegen das Haus gerichtet, das die Empörer an allen Seiten in Flammen zu setzen versuchten. Aber die Kugeln prallten ohne besonderen Schaden aus der Entfernung an die Steinmauern, da sich die Artilleristen weislich aus der Schußweite der englischen Büchsen hielten. –

»Mem Sahib,« sagte die Hindudienerin voll grimmigen Hohnes zu dem leise wimmernden Mädchen, »die Schönheit, auf die Du so stolz gewesen bist, hat Dich zur Bayadere gemacht, deren Leib jedem Manne sich preisgießt. Du machst dem stolzen Sahib, Deinem Vater, Schande. Es ist Zeit, daß Dein Gesicht seine Larve ändere, da Du so gut weißt, ins Gesicht einer anderen zu schlagen!«

»Erbarmen, Aurunga!« flehte das unglückliche Mädchen. »Erbarmen für das, was ich Dir gethan, wenn Du selbst auf die Barmherzigkeit des Himmels hoffst!«

Aber die Furie schlang das lange blonde Haar der jungen Engländerin um ihre linke Hand und ritz das Haupt ihres Opfers wieder zurück, indem sie mit der Rechten ihr Messer schwang. »Seht her, Hindostani,« rief sie, »wie eine Brahminentochter die Schmach vergilt, die eine Faringi ihrem Antlitz angethan!« Und während ein Kreis von menschlichen Ungeheuern gleich ihr sich um sie her bildete und der Körper der Unglücklichen festhielt, machte sie mit dem Messer einen tiefen Einschnitt quer über die weiße Stirn der Gefangenen und rund um ihren Kopf mit der Sicherheit eines skalpierenden Wilden aus den Einöden des Rio-Grande.

Dann während das Geschrei der Gemarterten sich zu einem markdurchdringenden Geheul steigerte, rissen ihre Finger diese so weiße, jetzt blutgetränkte Stirnhaut vom zuckenden Fleisch und dem ganzen Gesicht, daß dieses nur eine blutige, scheußliche Masse von entblößtem Fleisch und Adern war.

Nicht genug mit dieser unmenschlichen Grausamkeit, zog die Hand, um welche die blonden Locken des Mädchens geschlungen waren, mit kräftigem Ruck die Schädelhaut von dem blutenden Haupt, das jetzt einen wahrhaft entsetzlichen Anblick bot. Es ist eine eben so furchtbare als wunderbare Thatsache, daß die Unglückliche, das junge, zarte, jedes Sybaritismus indischen Lebens gewohnte Mädchen diese entsetzliche Marter ertrug, ohne daß der Tod ihre Leiden sofort endete.

Mit dem Jauchzen von der Hölle entstiegenen Dämonen rissen diese Teufel in Menschengestalt die Verstümmelte empor und trieben sie unter Hohn und Spott durch die Straßen der Stadt, während die glühende Mittagssonne der heißen Jahreszeit auf das blutende Fleisch brannte.

Vergebens flehte die Unglückliche um den Tod – mit den Spitzen ihrer Spieße und Messer trieben die Teufel sie vorwärts. – – –

Der junge Offizier hatte das Entsetzliche mit angesehen, zuletzt gedankenlos, abgestumpft, unempfindlich. Eine geheime Macht schien seinen Fuß an der Stelle, sein Auge auf jenem schrecklichen Schauspiel festzubannen, während er das teure Haupt der Geliebten, in sein Gewand gehüllt, an die Brust preßte, um sie vor jenem Anblick zu schützen, den sein Wort ihr nicht einmal zu beschreiben wagte.

Aber ein Gedanke, ein heiliger Schwur erfüllte sein Inneres: daß ein rascher Tod das ihm so teure Wesen vor solchen Schrecken bewahren sollte. – – – – – –

Erst gegen Abend ließ das Feuer und der tapfere Widerstand der Europäer in dem zu einer Feste umgeschaffenen, jetzt von den Kanonenkugeln halbzertrümmerten Hause des Kischangar Radscha nach – ihre Munition war zu Ende, und damit ihr Mut gebrochen.

Den Sepoys gelang es jetzt, das Holzwerk an einer Stelle in Brand zu stecken, und von den Flammen bedrängt, erhoben die Christen, an einem Flintenlauf gebunden, ein weißes Tuch zum Zeichen, daß sie unterhandeln wollten.

Der Delhi-Prinz versprach ihnen das Leben und ungefährdeten Abzug aus der Stadt, wenn sie ihre Waffen und alle Kostbarkeiten, die sie bei sich führten, ausliefern wollten. Sie verlangten die Anerkennung dieser Bedingung von dem König selbst, den die beiden fremden Leiter der Empörung bereits in den Straßen der Stadt zum Großmogul oder Kaiser von Delhi hatten ausrufen lassen. Man führte den alten, schwachen Herrscher in der Haudah seines Elefanten auf den Platz, und er gelobte mit der Hand auf dem Koran die Bedingungen des Vertrages.

Jetzt verließen die thöricht Vertrauenden den Schutz des Hauses und Übergaben ihre Waffen und ihre Habe den Empörern. Aber kaum war das geschehen, als auf ein Zeichen des wilden Bukthur, der nach der Plünderung des Zollhauses und der Erstürmung der Hauptwache herbeigekommen, die Sepoys sich auf die Unglücklichen warfen und sie trotz des Geschreis und der Gegenbefehle des alten Königs grausam ermordeten.

Die furchtbare Scene des Mittags wiederholte sich; während die Männer, von hundert Wunden bedeckt, fielen, wurden die Frauen geschändet und dann grausam verstümmelt und zu Tode gemartert. Kinder wurden in die Luft geschleudert und mit den Bajonetten aufgefangen, oder ihnen die Glieder einzeln vom Leibe gerissen. Eine Offiziersfrau, die ihrer Niederkunft entgegensah, wurde geschändet, mit Dolchen aufgeschlitzt und das aus ihrem Leibe gerissene Kind samt der Mutter in die Flammen des Hauses geschleudert, das die Empörer vollends angezündet hatten. Einer andern jungen und schönen Frau wurde ein mit Pulver geladener Flintenlauf in den Leib gestoßen und losgebrannt – die Mörder schrieen jubelnd dazu, das seien die Zimmermannskäfer, mit denen die englischen Steuereinnehmer ihre Weiber und Töchter gepeinigt!

Das war die gräßliche Vergeltung eines wilden, von der Nation, die angeblich Freiheit und Menschenrechte auf dem Erdball verteidigt, seit einem Jahrhundert mißhandelten Volkes.


Inzwischen war das 54. Regiment bereits vollständig zu den Empörern übergegangen und von dem 38. und 74. Regiment desertierten die Mannschaften fortwährend haufenweise. Die Offiziere suchten die noch übrigen Truppen, so gut es ging, zusammen zu halten und postierten sich auf dem Artillerieplatz bei der Batterie des Kapitäns Teissier und am Metcalfe-Turm. Eine Anzahl Europäer, namentlich Frauen, hatten sich aus der Stadt und den Landhäusern gerettet, und obschon die Zahl der waffenfähigen Europäer dort kaum dreißig betrug, behielten sie doch den Posten am Kaschmir-Thor, um Flüchtlingen Gelegenheit zu geben, zu ihnen zu stoßen, während nur 50 Schritt von ihnen entfernt Haufen der aufrührerischen Sepoys lagerten, ihnen das Eindringen in die Stadt verwehrend, wo Kampf, Raub und Mord tobten.

Major Abbot und Kapitän Procter hatten am Kaschmir-Thor die Wache. Unter den Geretteten befanden sich außerdem Doktor Wood, die Offiziere Hyslog, Smith, Reveley, Osborne, Kapitän Gordon, Butler, Angelo Elton und andere, wogegen unfern des Thores, mit aus irgend einem Hause weggenommenen Damenkleidern bedeckt, die Leichen der Kapitäne Smith, Edwards, Waterfields und vieler anderer lagen.

Die Sonne ging unter, als die Majore Patterson und Elton ans Thor kamen und erzählten, daß sie von der Hauptwache entflohen wären, wo die Sepoys alle Offiziere niedergeschossen. Das Zollhaus, die Hauptwache, das Arsenal, alle öffentlichen Gebäude und die sämtlichen Forts befanden sich bereits in den Händen der Empörer, der Derwisch Sofi hatte seine Zeit nicht verloren. Brigadier Graves, der Kommandeur der Besatzung von Delhi, erkannte, daß die Lage der Dinge hoffnungslos war, und befahl den Rückzug.

In diesem Augenblick, als bereits die Dunkelheit eingetreten war, erschien Manakjy mit seinem Elefanten und dem geretteten Mädchen – er hatte sich in den Ruinen vor dem Lahore-Thore so lange versteckt gehalten, noch immer in dem Glauben, daß die junge Dame Miß Frazer sei, da sie ihm nur durch Zeichen geantwortet. Erst als sie sich an die Brust ihrer mit ihren beiden jüngeren Schwestern geretteten Mutter warf und ihr Schleier fiel, erkannte der treue Diener die Täuschung, die ihm Aurunga bereitet. Er warf sich zu Boden, zerraufte sein Haar und mußte mit Gewalt von der Rückkehr in die Stadt zurückgehalten werden.

Noch hielt ein Teil des 38. und 74. Sepoy-Regiments bei den Offizieren aus, obschon die Leute sich weigerten, auf ihre Kameraden zu schießen. Da keine anderen Fuhrwerke zu haben waren, bestiegen die Frauen einige Kanonenwagen und der Rückzug begann nach den Kantonniederungen zu, indem man den Meuterern noch die letzte Position überließ. Jetzt aber liefen die Sepoys zu Hunderten aus ihren Linien weg und entrissen den Offizieren die Fahnen. Vergeblich warf sich ihnen der Brigadier Graves entgegen und forderte sie auf, ihn zu erschießen. Viele sagten, sie hätten keine böse Absicht gegen ihre alten Offiziere, aber sie müßten sich ihren Kameraden anschließen, um für die Befreiung Indiens vom englischen Joch zu kämpfen. Alle Bande der Ordnung waren nun gelöst und jeder flüchtete auf seine Hand oder mit wenigen Gefährten. Die Offiziere rissen ihre Epauletten ab, warfen ihre Uniformen fort, um nicht erkannt zu werden, und versteckten sich in Erdlöcher und dem hohen Dschungelgrase, wenn sie die nach Faringi suchenden, umherstreifenden Haufen der Mordgierigen rufen hörten.

Als die Wagen der Frauen den Kantonnements sich näherten, wurden sie von einem mörderischen Feuer empfangen, das mehrere von ihnen verwundete. Sie flüchteten nach Sir T. Metcalfes Haus, wo ihnen die Diener einige Speise reichten und sie an das Ufer des Flusses führten, sie in dem hohen Grase verbergend. Kapitän Procter, Forrest, die Herren Salfeld, Vibart und Wilsen waren bei ihnen. Kurze Zeit nach ihrer Entfernung wurde das Metcalfe-Haus von den Meuterern mit Geschütz beschossen, weil sie Europäer darin vermuteten.

In diesem Versteck blieben die armen Frauen und Verwundeten während des ganzen anderen Tages, den brennenden Sonnenstrahlen, dem Hunger und Durst ausgesetzt, jeden Augenblick in Todesfurcht, von einer der umherstreifenden Banden entdeckt zu werden.

Erst am andern Nachmittag stießen der Brigadier, ein Offizier und der Handelsmann Marshall zu ihnen, denen es gelungen war, mit Hilfe einiger mitleidiger Brahminen sich zu verbergen. Die Gesellschaft bestand jetzt aus dreizehn Männern, und da sie mit Gewehren und Säbeln bewaffnet waren, hielten sie sich dem zufälligen Begegnen einer umherstreifenden Meutererbande gewachsen.

Als der Abend hereinbrach, erschienen die Brahminen wieder, brachten ihnen Chuppaties und Milch und versprachen, sie an eine Furt der Dschumna zu geleiten. Sie mußten drei Meilen stromaufwärts marschieren, um diese zu erreichen, und der Mut entschwand ihnen, als sie ihre Blicke auf den breiten und schnellen Strom richteten. Zum Glück war der Wasserstand niedrig. Zwei Eingeborene gingen voran, in der Mitte sahen nur ihre Köpfe noch aus dem Wasser, ein großer Mann konnte dasselbe durchwaten, ein kleiner mußte schwimmen oder ertrinken. Aber in dem Übergang über den Fluß lag ihre einzige Rettung. Die Damen entschlossen sich zu dem Versuch und die Männer nahmen sie, von den Brahminen unterstützt, auf ihre Arme. Mehrmals wurden die Gruppen getrennt, von der heftigen Strömung fortgerissen, und nur verzweifelte Anstrengungen retteten ihr Leben. Endlich hatten alle das schützende Ufer erreicht, sie entließen, reich beschenkt, ihre Retter und traten den Weg in das Innere an. Erst nach drei Tagen voll Schrecken, Not und Anstrengungen erreichten sie die europäischen Truppen zu Mirut.


Der Tag war vergangen, ohne daß es einer Seele eingefallen war, das Mausoleum der Begum von Somroo zu betreten.

Irma konnte auf dem Wege zu ihrem Vater verunglückt, es konnten Ereignisse eingetreten sein, die den Babu, den angesehensten Kaufmann der Stadt, verhinderten, augenblicklich etwas für sie zu thun.

Es galt also, geduldig dieser Hilfe zu harren – welche andere Aussicht blieb auch den Flüchtlingen im Minaret des Mausoleums, es sei denn, daß sie sich den Mörderrotten überliefern wollten, um hier den Tod oder – noch Schrecklicheres zu finden!

Es war Abend und Nacht geworden unterdes. Von der Höhe des Minarets sahen Willougby und Marion die Flammen auflodern, welche die Kantonnements verzehrten. An verschiedenen Orten der Stadt flammten andere Feuer in die dunkle Nacht, Freudenfeuer auf den öffentlichen Plätzen, um die der Pöbel und die Sepoys Dämonen gleich tanzten, oder Häuser verhaßter Faringi, die die wütende Menge bis auf den Grund vertilgen wollte.

Beide hatten seit dem Morgen, mit Ausnahme der Erfrischung durch das Wasser des Springbrunnens, keine Nahrung zu sich genommen, und das Bedürfnis danach machte sich jetzt geltend. Marion ließ zwar keine Klage laut werden und unterdrückte mutig die Anwandlungen von Schwäche, aber der Offizier bemerkte sie wohl, und die Überzeugung kam ihm, daß etwas geschehen müsse, um ihre Lage zu sichern und zu erleichtern.

Sie saßen auf den oberen Stufen des Turmes und er hatte ihre kalte Hand in die seine genommen. Das arme Mädchen hatte nach all den Schrecknissen, die im Laufe des Tages an ihr vorübergegangen, keinen Widerstand mehr.

»Haben Sie Mut, Marion? Haben Sie festes Vertrauen zu mir?« fragte der Offizier mit zärtlichem Ton.

Ein leiser Druck der Hand gab ihm die Antwort. »Wie könnte ich zweifeln an Ihnen, der mein einziger Schützer ist,« flüsterte verschämt das junge Mädchen. »Warum fragen Sie mich danach?«

»Es muß ein Entschluß gefaßt werden, uns zu sichern und mit Nahrungsmitteln zu versehen, bis Irma von sich hören läßt,« fuhr der Offizier fort. »Ihre Kräfte sind zu Ende – Sie ertragen es nicht länger!«

»O ich –« flüsterte das Mädchen, indem sie die Hand gegen die Brust drückte – »sorgen Sie nicht um mich – ich fühle mich stark genug –« Ihr Erbleichen, das Zittern ihrer Stimme verriet das Gegenteil.

»Hören Sie mich an, Marion,« erklärte der junge Mann. »Wenn ich glaubte, daß Gefahr für Sie damit verbunden wäre, würde ich mir eher jedes Glied von jenen Schurken zerreißen lassen, als Sie auch für noch so kurze Zeit zu verlassen. Aber Sie sind vorläufig sicher in diesem Versteck, und damit wir hier bleiben können, bis uns Hilfe von außen wird oder die erste Blutgier und Ausschweifung jener Mörder sich gelegt hat, ist es nötig, daß ich die noch herrschende Verwirrung benutze und mich auf eine Stunde hinaus wage. Ich werde suchen, das Haus des Babu zu erreichen. Bleiben Sie hier im Minaret, dessen Thür Sie hinter mir schließen müssen, und öffnen Sie nur, wenn Sie meine Stimme vernehmen. In einer Stunde bin ich zurück, wenn – ich noch unter den Lebenden bin!«

Das Mädchen hob bebend die Hände zu ihm empor. »O Sir, bedenken Sie, wenn Ihnen ein Unglück begegnete, was soll aus mir werden! Um meinetwillen stürzen Sie sich nicht in Gefahr!«

Er blickte fest auf sie, das helle Licht des Mondes, der sich jetzt über die Wipfel der Cypressen erhoben, ließ ihn ihr liebliches bleiches Gesicht deutlich sehen. Er nahm die eine der Pistolen und reichte sie ihr. »Wenn ich binnen zwei Stunden nicht zurück bin, Marion,« sagte er ernst, »so ist mir ein Unglück begegnet. In diesem Fall – ist der Tod besser für Sie, als Leben, und die Gewißheit, daß Sie jenen Abscheulichen nicht zum Opfer fallen werden, wird mir selbst den Tod erleichtern. Schwören Sie mir, daß, ehe Sie in ihre Hände fallen, Sie selbst – Ihren Leib retten und ihre Seele Gott übergeben wollen!«

Die Nonne erbebte. »Ich bin eine Christin, Sir! Unser heiliger Glaube lehrt uns, daß Gott allein das Ziel unseres Lebens bestimmt!«

»Gott sieht in das Herz der Menschen, Maria, er will, daß sie rein in sein Himmelreich eingehen. Den Tod zu wählen, um der Sünde, um der Schmach zu entgehen, ist kein Verbrechen gegen seine Gebote.«

Sie beugte das Haupt. »Ich schwöre es!«

Der Offizier ordnete seine Kleidung, um sein Aussehen so sehr als möglich einem Eingeborenen ähnlich zu machen, Maria half ihm dabei, indem sie ihr weißes Kopftuch noch dazu verwendete.

Dann geleitete sie ihn die Stufen hinab bis zum Sarkophag der Begum, der, von einem durch die Decke fallenden Strahl des Mondes beleuchtet, sich gespenstisch aus dem einsamen Dunkel umher abhob.

»Gehen Sie, Sir,« flüsterte die Nonne, »Gott und mein Gebet werden Sie begleiten.«

Sie sank an dem kalten Steine nieder auf die Knie, seine Lippen berührten wie ein Hauch ihre reine und keusche Stirn, zum ersten – vielleicht zum letzten – mal im Leben. Dann verließ er vorsichtig das Mausoleum.

Er lauschte am Eingang – nichts ließ sich hören in der Umgebung des Grabmals, nur aus den Straßen der Stadt, von den über den großen Platz des Palastes ziehenden Menschenhaufen, tönte Lärm und Jauchzen, untermischt mit Pistolen- und Flintenschüssen, herüber. Gehört es doch zu den Liebhabereien und Sitten des Orientalen, bei jeder Gelegenheit zwecklos sein Pulver zu verknallen!

Willougby trat in den Schatten der hohen Mauern, ließ sich an der Seite des Plateaus hinabgleiten und schlich unter dem Schutz der großen Oleander, Geranium- und Myrtenbüsche, welche den verwilderten Garten bildeten, nach der Pforte der Mauer, durch die er mit der Nonne in den Umkreis des Palastes eingetreten war. Es gelang ihm, sie wiederzufinden, sie stand offen, und er schlüpfte hinaus auf den Platz.

Vorsichtig ging er weiter im Schutz der hohen Bäume. Plötzlich stockte sein Fuß, seine Nerven schauderten – der Strahl des Mondes fiel auf zwei gräulich verstümmelte weibliche Leichen, er befand sich auf der Stelle, wo die Entehrung und Ermordung der unglücklichen Geschöpfe geschehen war.

Erst nachdem er seine Fassung wieder gewonnen, vermochte er seinen Weg fortzusetzen.

Er erinnerte sich, daß das Haus des Babu Durjan Saul in Jehan Abad unweit der Dschumna-Moschee lag, und um dasselbe zu erreichen, mußte er den Chandy-Choak oder den offenen Platz vor dem Palast kreuzen. – Es gehörte der Mut der Verzweiflung dazu, um das Wagstück zu unternehmen.

Den Turban tief in das noch immer von Blut, Pulverdampf und Staub geschwärzte Gesicht gedrückt, die Tschoga um sich geschlagen und die Hand am Griff seines Pistols, schritt er vorwärts und befand sich bald mitten im Gewühl der Straßen.

Niemand dachte während dieses Tages, während dieser Nacht an Ruhe. Ganz Delhi beging ein Fest teils des Blutes, teils der Freude über die Befreiung von der Herrschaft der Faringi. Die Häuser, die Straßen waren erleuchtet, wie an den Tagen des Moharrem-Festes, Ein indisches Fest, das im Februar stattfindet. wo die Häuser der Vornehmen wie der Armen für jedermann geöffnet sind, der Hausherr von seinen Angehörigen umgeben, auf einer Ottomane in dem hellerleuchteten, mit Blumen geschmückten und mit Teppichen ausgelegten Räumen sitzt und dem Eintretenden seinen Salem zuruft, während Tänzerinnen und Musikanten ihr Spiel treiben, und Scherbet und Süßigkeiten umhergereicht werden. Wie bei jener Gelegenheit, trieb sich das Volk auf den Straßen umher, Männer, Frauen und Kinder, Musiker, Elefanten und Fackelträger. Aber statt der Papierlaternen, der Bilder, Blumen und Palmzweige, trug diese Menge jetzt Waffen aller Art, die sie unter wildem Geschrei zusammenschlug, auf den Spitzen der Lanzen erhob sich hin und wieder das blutige, verstümmelte Haupt eines Europäers, und statt des Tabut, bei dessen Vorüberkommen sonst alles Jubel und Gesang ist, zog unter dem fanatischen Jauchzen der Menge, von seinen Söhnen und Dienern geleitet, der alte, willenlose König auf seinem Staats-Elefanten durch die Straßen.

Auf vielen Stellen brannten mächtige Feuer, um die in wilden malerischen Gruppen die Sepoys und die Sowars lagerten und den wilden Tänzen der Bayaderen zusahen. Zuweilen auch tönte ein wildes Geschrei in der Menge, ein gellender Todesruf, wenn es einer Rotte blutgieriger Fanatiker gelungen war, das Versteck eines armen Christen auszuspähen und das unglückliche Opfer hervorzuholen.

Dann drängte und ballte sich die Menge zu einem Knäuel zusammen, in dessen Mitte der gellende Hilferuf zu einem Röcheln des Schmerzes, des Todes erstarb.

Ohne erkannt zu werden war der Leutnant glücklich über den Silbermarkt bis in die Gegend der großen Moschee vorgedrungen. Obgleich er das Hindostani nur unvollkommen verstand, konnte er aus den um ihn her geführten Gesprächen doch entnehmen, daß die Weißen aus Delhi vertrieben worden, die eingeborenen Truppen sämtlich sich den Empörern angeschlossen hatten, und daß von sachkundiger Hand alle Anstalten getroffen wurden, die Stadt des Großmoguls in Verteidigungszustand zu setzen und zum Mittelpunkt der großen Empörung zu machen. Die Thore waren gesperrt, die Wälle und Bastionen mit Schildwachen besetzt, und er sah keine Möglichkeit, mit seinem Schützling die Stadt zu verlassen.

Eine tiefe Entmutigung, ein herber Schreck überfiel ihn, als er sich dem Hause des Babu Durjan Saul nahte und sah, daß dieses von dem Pöbel, wie viele andere Häuser und Paläste, in denen Engländer oder solche gewohnt hatten, die für Freunde der weißen Männer galten, geplündert oder halb zerstört worden war. Die Thore waren eingeschlagen, das Innere verwüstet, das Hausgerät zerschlagen oder gestohlen, und von den Bewohnern des Hauses keine Spur zu erblicken. Sie mußten getötet oder entflohen sein, und mit Bedauern gedachte der Offizier des mutigen jungen Hindumädchens, das so aufopfernd ihm beigestanden, die Geliebte zu retten.

Es blieb ihm jetzt nichts übrig, als zurückzukehren zu seinem Versteck und zu versuchen, unterwegs sich einiger Lebensmittel mit List oder Gewalt zu bemächtigen.

Indem er sich dem westlichen Ende des Chandy-Choak und der schwarzen Moschee nahte, trat er in einer Seitengasse zu dem offenen Laden eines Bäckers, legte ein Geldstück hin und nahm zwei Brote. Aber eben diese Vorsicht und Eile, mit der er sich entfernen wollte, ohne auf das Wechseln des Geldes zu warten, weckte den Verdacht des Bäckers, und da in diesem Augenblick ein Fackelträger herbeilief, erkannte jener im Schein dieser Fackel die weiße Hand des Käufers und einen Teil seiner europäischen Bekleidung, der durch die Bewegung des Kaftans sichtbar geworden war.

Mit dem Ruf: »Ein Faringi! Tötet den Kaffir!« ergriff der Indier das Schürfeisen seines Backofens und eilte dem Flüchtling nach. Der Ruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer in die benachbarte große Straße, und ehe einige Minuten vergangen waren, waren hundert fanatische Verfolger auf den Fersen des Flüchtigen.

Willougby eilte mit der Schnelle des Hirsches vorwärts und stürzte sich in dieses Gewirr von Gassen und Gäßchen, das gleich einem Labyrinth die schwarze Moschee umgiebt. Zu kämpfen wäre hier Thorheit gewesen, Flucht war das Einzige, was retten konnte. Aber das Gewirr dieser so engen Gassen, das weder den Strahl der Sonne bei Tage, noch das Licht des Mondes zur Nachtzeit hineindringen ließ, und das höchstens die Eingeborenen kannten, war ihm gänzlich unbekannt, und er mußte sich auf sein gutes Glück verlassen, während ihm bei jedem Schritt neue Verfolger zu erwachsen schienen.

Plötzlich ersah er in dem matten Dämmerschein der Nacht, daß er in eine Sackgasse geraten war, und vor ihm eine Mauer von Mannshöhe seinen Weg versperrte.

Schon hörte er das Geschrei, die Tritte seiner Verfolger dicht hinter sich, eine Pistolenkugel zischte an seinem Kopf vorbei und plattete sich an der Mauer ab.

Der Offizier, der bis jetzt die Brote trotz seiner eiligen Flucht mit sich getragen, ließ diese jetzt fallen, legte die Hände auf die Mauer und schwang sich mit verzweifelter Anstrengung in die Höhe und über die Mauer hinweg. Als seine Verfolger herbeistürmten, war er bereits aus ihrem Bereich, und bei der geringen Sehnenkraft der Hindus vermochte keiner ihm das Kraftstück nachzumachen.

Während sie in das Haus stürzten und einen Eingang zu dem Garten oder Hof suchten, den die Mauer umgab, flog der Offizier über diesen Raum hinweg und schwang sich mit gleicher Kraft und Gewandtheit über die Wand auf der entgegengesetzten Seite. Er befand sich jetzt in einer ziemlich einsamen Gegend, wohin der Lärm der Verfolgung noch nicht gedrungen war, und indem er vorsichtig vorwärts eilte, konnte er sich bald als der Gefahr glücklich entgangen ansehen und einen Augenblick von der gewaltigen Anstrengung ausruhen.

Er vermochte sich freilich in der ihm im Dunkel unbekannten Stadtgegend noch nicht zu orientieren, doch kümmerte ihn das weniger, da die Stellung des Mondes ihm die Himmelsgegend angab, und er beim Vorwärtsgehen in dem hellen Licht desselben bald auf bekanntere Teile stoßen mußte. Was ihn am meisten schmerzte und beunruhigte, war der Verlust der Brote, da er nicht noch einmal wagen durfte, sich auf gleiche Weise Nahrung zu verschaffen.

Indem er nach kurzer Erholung seinen Weg fortsetzte, fand er sich zu seiner Freude auf einem der großen Friedhöfe, die sich im Innern der Stadt an beiden Ufern des Kanals bis in die Nähe des Simreh-Palastes hinziehen. Er folgte der Richtung, die er jetzt einzuschlagen hatte, als das Vorüberstreifen einiger menschlichen Schatten zwischen den Bäumen und Gräbern und das Geheul der Hunde ihm den Zweck ins Gedächtnis rief, zu welchem die Ausgestoßenen des Menschengeschlechts und die herrenlosen Tiere zur Nacht die Stätte der Gestorbenen durchziehen.

Es ist ein jahrtausendalter religiöser Gebrauch der Hindu, auf den Gräbern ihrer Lieben Speisen und Nahrungsmittel auszusetzen für die Geister, die in der Zwischenzeit der Wandlungen durch das Weltall schweifen.

Am Morgen finden sie dann die Schüsseln geleert, die Krüge rein; nicht die Geister der Toten haben die Gabe der Freunde und Lieben davon getragen, sondern die Parias; die armen Auswürflinge und Verstoßenen, durch deren Nähe und Berührung schon ihr glücklicher Bruder sich verunreinigt glaubt, und die menschliche Gesellschaft fliehen müssen wie die Leperos Mexikos oder die Aussätzigen Ägyptens, sie finden ihre Nahrung und ihren Unterhalt auf diesen Gräbern.

Freilich müssen sie auch um diese Nahrung oft noch kämpfen mit den gierigen Hunden, die in Unzahl umherschwärmen und ihnen die Gaben der Barmherzigkeit streitig machen.

Der Gedanke durchzuckte ihn, daß die Hand Gottes ihn an diese Stätte geführt, wo alles Leiden und alles Hassen der Menschen den stillen Schlaf schläft. Er sollte ein Räuber werden an dem Erbe der Ärmsten, aber es galt für sie, die er mehr liebte als das Leben, und er stürzte sich auf die Gräber, verjagte mit Fußtritten die heulende Meute und suchte mit seinen zitternden Händen auf den Grabsteinen nach den Opfern für die Toten.

Das Glück, die Vorsehung ließ ihn an zwei oder drei Stellen eine Anzahl Chuppatties oder Kuchen aus Weizenmehl, an einer andern ein Säckchen mit Reis und verschiedene Früchte finden. Er war glücklicher, als hätte er einen großen Schatz aufgethan – in diesem Augenblick war das Brot mehr wert für ihn, als alle Schätze Golkondas.

Mit seinem Reichtum beladen, den er sorgfältig in das Tuch der Nonne einknotete, machte er sich jetzt auf den Weg, die Verlassene und ihr gemeinsames Asyl wieder zu erreichen. Schon hatte er glücklich die ihn von dem Platz des Simreh-Bagh trennenden Straßen durschritten und sah zwischen den Wipfeln der Cypressen im Licht des Mondes die weißen Marmormassen des Palastes und die Spitzen des Minarets schimmern, als aus dem dunklen Schatten vom Fuß einer der mächtigen Bäume her ein klägliches Stöhnen sein Ohr traf.

Der Gedanke, daß einer seiner unglücklichen Landsleute hier hilflos liegen könne, durchfuhr seine Seele; er näherte sich entschlossen dem Ort und fragte mit leiser Stimme in schlechtem Hindostani, wer dort sei.

Erneutes Stöhnen antwortete ihm, dann vernahm er zwischen schmerzlichem Wimmern die Worte in englischer Sprache: »Wer Du auch seist, Christ oder Hindu! Wenn Du auf die Barmherzigkeit Deines Gottes hoffst, so ende meine Leiden und töte mich!«

Die Haare auf seinem Haupte sträubten sich empor – diese Stimme war ihm nicht unbekannt; jede Rücksicht auf seine eigene Sicherheit aus den Augen setzend, sprang er auf die Stelle zu, wo die wimmernde Gestalt lag, hob sie empor und trug sie an das Licht des Mondes.

Entsetzlicher Anblick! diese mit Schmutz und Blut bedeckte Gestalt war ein nacktes Weib, dieser scheußliche, nicht mehr menschenähnliche, der Haut und des Haares beraubte Kopf, es mußte der Viktorias – des schönen glänzenden Mädchens sein, dessen Rang und Reize noch vor wenig Stunden ihr alle Freuden, allen Glanz des Lebens versprachen.

Als die Unglückliche ihre, der Lider beraubten Augen aus den blutigen Höhlen zu ihm richtete, da schauderte es wie Eis durch die Adern des Mannes, seine Knie wankten, die Muskeln seiner Arme erschlafften, und er mußte den verstümmelten Körper auf den Boden setzen. Dann warf er sich nieder vor ihr auf die Kniee und ein Strom von Thränen benetzte ihre blutenden Füße.

»Allmächtiger Gott, erbarme Dich dieser Ärmsten und vergieb mir, daß ich sie in ihrer Not verlassen mußte!« betete der gebeugte Mann.

»Richard! Richard Willougby!« flüsterte die heisere Stimme der Geschändeten. »Dich habe ich geliebt, so erbarme Du Dich mein, da Gott kein Erbarmen für mich hatte. Gieb mir das einzige, was Du noch geben kannst, den Tod!«

Er weinte laut.

»O wie es brennt! wie heiß! wie glühend! Flammen verzehren mein Gehirn und der Frost bebt durch meine Glieder!« wimmerte das Mädchen. »Barmherziger Himmel – Wasser, Wasser! – Kühlung für diese Glut!«

Der Mann sprang empor – er dachte nicht mehr an sich selbst, nicht an die Geliebte. Er riß den Kaftan von seinen Schultern und hüllte den verstümmelten Leib darein, hob die Unglückliche auf seine Arme und rannte mit ihr quer über den Platz durch Schatten und Mondschein nach der Pforte des Hofes um den Palast der Begum.

Wenige Augenblicke darauf stand der Offizier, ohne daß der Blick eines Spähers oder eines zufälligen Verräters ihn belauscht, atemlos am Eingang des Grabmals, lauschte vorsichtig nach dem Innern und betrat dann mit seiner Last die Rotunde.

Hier ließ er sie nieder auf die Stufen des Sarkophags und in seinem Schatten und trat dann an die Thür des Minarets. Er fühlte, daß nur Frauenhand hier nützen könne, und daß er das junge Wesen, das sich ihm anvertraut, auf den furchtbaren Anblick vorbereiten müsse, der seiner harrte.

Er klopfte dreimal an und nannte den Namen der Nonne. Sogleich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die zierliche Gestalt der Französin erschien in dem dunklen Rahmen.

»Den Heiligen sei Dank, die Sie glücklich zurückgeführt,« sagte das Mädchen. »Ich habe mich fast zu Tode geängstigt über Ihr langes Fortbleiben, Sir, und nur das Gebet war mein Trost.«

An der Wärme ihrer Worte hätte der junge Offizier zu seiner Freude das Gefühl beurteilen können, das ihr Herz bewegte, wenn das seine nicht in diesem Augenblick von anderen Empfindungen zu sehr erfüllt gewesen wäre. Statt die Nonne in die Rotunde hereinzuführen, trat er in den engen Treppenraum, drängte sie leise zurück und faßte ihre Hände.

»Noch einmal, Marion, muß ich Sie fragen, haben Sie Mut, Mut, etwas Schreckliches zu ertragen?«

Sie erbebte, faßte sich aber bald. »Mit der heiligen Jungfrau Hilfe und, wenn Sie mich nicht verlassen, will ich alles ertragen, das Gott über uns verhängt.«

»Dann bereiten Sie sich auf ein Werk der Barmherzigkeit vor, auf einen erschütternden Anblick, auf ein Leiden ohne Namen! – Ich bin nicht allein zurückgekehrt.

Ein schweres Seufzen vom Sarkophag her bestätigte seine Worte, dann folgten, von dem Stöhnen des Schmerzes unterbrochen, die Worte: »Wasser! Wasser! Richard Willougby, verlasse mich nicht noch einmal!«

Die Nonne drängte den Offizier zur Seite. »Heilige Ursula! das ist Viktorias Stimme!« So flog sie an ihm vorüber der Stelle zu, von der die Schmerzenslaute gekommen waren.

»Viktoria! liebe, teure Viktoria!« rief die Nonne, »Gott der Herr hat Ihre Leiden gesehen – seine Gnade wird mit Ihnen sein!« Sie bemühte sich, die Unglückliche in den vom Mondlicht erhellten Raum zu ziehen, als sie plötzlich entsetzt zurückbebte.

Das hautlose Antlitz mit dem blutigen Fleisch, das infolge der Sonnenhitze des Tages bereits an vielen Stellen zu schwären begonnen, starrte ihr gleich einem Medusenhaupte entgegen. Sie bedeckte die Augen und brach zusammen.

Die Verwundete stieß sie heftig zurück. »Fort! Zu all meinem Elend auch noch Deinen Anblick! – Du bist es, die er gerettet, um mich den Mördern zu überlassen. Deine Rose! Deine Rose! – Fluch Dir und allem, was den Namen Mensch trägt!« Dann sank sie zurück, von den Schmerzen überwältigt. »Hilfe! Hilfe! Ich verbrenne!«

»Hören Sie nicht die Worte der Unglücklichen!« stammelte vernichtet der Offizier. »Der Todesschmerz beraubt sie ihrer Sinne und läßt sie einem Engel fluchen.«

Marion eilte zu dem Marmorbecken der Fontäne, zerriß ihre Kleider und tauchte die Stücke in das kühlende Element. Im nächsten Augenblicke schon kniete sie neben Viktoria und benetzte die entsetzlichen Wunden mit dem klaren Wasser. Das Gefühl der Frische that der Unglücklichen offenbar wohl, und sie ließ alles geduldig mit sich vornehmen, was die Nonne für zweckmäßig hielt.

Marie winkte dem Offizier jetzt, sie einige Augenblicke mit der Kranken allein zu lassen. Willougby begriff, daß sie eine Pflicht der Weiblichkeit, der edlen Schamhaftigkeit an ihr zu erfüllen hatte, und er benutzte die Gelegenheit, um die erbeuteten Lebensmittel in dem Minaret in Sicherheit zu bringen und von der Höhe desselben sich zu überzeugen, daß kein Verfolger ihre Zufluchtsstätte entdeckt habe und sie bedrohe.

Während der Zeit setzte die junge Nonne ihr Werk der Barmherzigkeit fort. Ohne Scheu vor den entsetzlichen Wunden wusch und verband sie dieselben, so gut sie es vermochte, dann entkleidete sie sich ihres eigenen Obergewandes und hüllte den Körper des armen Mädchens darein, statt des ungenügenden Männer-Kaftans. Miß Frazer ließ alles ohne ein Wort, ohne einen Blick des Dankes geschehen; der unendliche Jammer, den sie erlitt, gab bis jetzt nur dem Gefühle der Verzweiflung, der Erbitterung Raum in ihrer Seele.

Plötzlich stürzte Willougby die Treppe des Minarets herunter, sein ganzes Wesen zeigte die höchste Aufregung, den Schrecken vor einer drohenden Gefahr.

»Um Gotteswillen schnell fort von hier, Miß,« flüsterte er, »geschwind in den Turm, Fremde sind vor dem Mausoleum, ich fürchte, sie kommen hierher!« Er sprang auf die Leidende zu, hob sie in seinen Armen auf und eilte mit ihr in das Innere des Minarets. Marion, mit Geistesgegenwart alles schnell zusammenraffend, was sie verraten konnte, folgte ihm.

Der Offizier verweilte einen Augenblick, um die Thür zu schließen, dann trug er das unglückliche Opfer, von der Nonne unterstützt, nach der Galerie des Minarets, indem er beide Frauen bat, jeden Laut des Schreckens oder des Schmerzes zu unterdrücken, der sie verraten könne.

Durch die Öffnungen der Galerie konnten sie genügend den Platz vor dem Denkmal übersehen.

Eine Anzahl Sowars, ihrer Gesichtsbildung nach zum Stamme der wilden Beludschen gehörig, Männer mit finstern Bronze-Gesichtern und bis an die Zähne bewaffnet, hielt zu Pferde vor den Stufen des Mausoleums, die nach außen auf den Platz führten. Der Schein der Fackeln, die fünf oder sechs Fackelträger zwischen ihnen erhoben, erhellte in Verbindung mit dem Mondlicht die Umgebung und spiegelte sich an den weißen Marmorwänden des Mausoleums.

In der Mitte des Halbkreises, den die Krieger bildeten, hielten zwei Reiter, dieselben, welche die Nonne sich erinnerte, am Vormittag auf dem Platz vor dem Dauri-Serail gesehen zu haben. Befehle austeilend und den König begrüßend.

Es waren in der That der Derwisch Sofi und Tukallah, der Mahratten-Häuptling.

Beide betrachteten mit Aufmerksamkeit das ernste Gebäude, es schien den Versteckten, als vermöchten die Blicke dieser Männer die steinernen Mauern zu durchdringen, so fest und forschend ruhten sie auf ihnen, während sie miteinander sprachen.

Dann wandte sich der Serdar um zu den Kriegern.

»Der heilige Mann von den Ufern des Vaters der Ströme, der die Kaaba von Mekka gesehen, den heiligen Stein geküßt hat und von dem Großherrn aller Moslems gesendet ist, damit er unsere Brüder und uns, die wir von Buddha stammen, von der Herrschaft der Kaffirs befreien helfe, er wird mit mir in das Grabmal der Begum eintreten, unser Gebet für das Heil Indiens dort zu verrichten. Daß niemand es wage, der Stätte zu nahen, das Gelübde, das wir erfüllen, zu stören! Bei Eurem Leben! Wo ist der Oberaufseher des Palastes?«

Ein Mann trat aus der Menge, welche sich um die Krieger her zu sammeln begann und machte demütig seinen Salem.

»Wenn Du es erlaubst, mächtiger Gebieter, der Du ein Held bist gleich Krischna, Dein Sklave hat die Ehre, der Aufseher des Bagh Begum Simreh zu sein.«

»Gieb die Schlüssel des Grabmals!«

»Der heilige Ort ist geöffnet allen Gläubigen, wie Du siehst, Herr, seit vielen Jahren, und es war unnötig, ihn zu schließen; die Geister, die zwischen Tag und Nacht die Welt durchfliegen, bewachen ihn. Aber der Schlüssel muß sich dennoch an diesem Bunde befinden, seht, da ist er!«

Er reichte dem Serdar einen großen Schlüssel von Kupfer. Der Mahratte nahm ihn und steckte ihn in seinen Gürtel. Dann wandte er sich zu seinem Begleiter.

»Komm!«

Die beiden Männer schritten die Marmorstufen hinauf zu dem Plateau, das freistehend auf allen Seiten das Mausoleum trug, nachdem jeder von ihnen eine Fackel genommen. – – –

Der britische Offizier hatte alle ihre Bewegungen mit den Augen verfolgt. »Kein Laut!« flüsterte er, »die Gefahr ist da! Marion, denken Sie an Ihren Schwur!«

Ein leiser Seufzer, der nicht aus der Brust der Nonne kam, antwortete ihm. Er glitt, jedes Geräusch vermeidend, die Wendelstiege hinunter und befand sich in einem Augenblicke an der inneren Seite der verschlossenen Thür.

Zu gleicher Zeit erschienen der Derwisch und der Mahratten-Häuptling im Eingang des Mausoleums. Der Schein ihrer Fackeln erhellte die Rotunde und spiegelte sich an dem grünen Marmor des Sarkophags.

Willougby konnte deutlich durch die kleine Gitteröffnung der Thür jeden Vorgang im Innern des Mausoleums sehen und die beiden Fremden beobachten.

Der Mahratte steckte seine Fackel in einen Ring an der Mauer und durchforschte mit einem Blick den Raum. Dann ging er geradeswegs auf die Thür des Minarets zu und legte die Hand auf das Schloß.

Hinter der Thür kauerte der Engländer, die Hand am Drücker seines Revolvers, entschlossen, mit seinem Leben die beiden Frauen zu verteidigen.

Tantiah-Topi rüttelte an der Thür und legte das Auge an die Öffnung derselben. Das tiefe Dunkel, welches das Innere des Minarets erfüllte, und der Widerstand der Thür überzeugten ihn jedoch, daß diese verschlossen, und ein Lauscher von dieser Seite nicht zu fürchten sei. Er kehrte zurück nach dem Eingang des Mausoleums, und kaltblütiger als der junge Offizier, oder besser vertraut mit solchen Einrichtungen, beseitigte er leicht das Hindernis, das die Schließung des Thores verhindert hatte, indem er die Ketten öffnete, welche die ehernen Flügel an den Marmorquadern der Wand festhielten.

Das Thor drehte sich jetzt leicht in seinen Angeln und wurde von der Hand des Mahratten verschlossen.

Willougby hatte bereits sich überzeugt, daß der geheimnisvolle Besuch des Grabmals durch die beiden Fremden nicht seiner Verfolgung und Entdeckung gelten konnte, sondern einen anderen Zweck haben mußte. Aber seine Aufmerksamkeit blieb dieselbe.

Der Mahratte war zu dem Derwisch zurückgekehrt, der, die Arme über einander geschlagen, vor dem Sarkophag stand und diesen in trüben Gedanken versunken betrachtete.

»Es ist Zeit!« sagte der Serdar.

Der Derwisch fuhr aus seinen Träumen empor. »Einen Augenblick noch, Tukallah,« sprach er. »Bei dem Anblick dieses Grabes, das die Gebeine einer merkwürdigen Frau umschließt, tauchen so manche Gedanken in der Erinnerung auf. Welche seltsame Verbindung von Personen und Namen hat unser Schicksal hier vereint. Der Glaube der Moslem, deren Gewand ich trage, an das Kismet, an jene ewige und furchtbare Vorherbestimmung – er ist das einzig Wahre!«

Der Mahratte antwortete nicht, sein Äußeres bewahrte die finstere Gleichgültigkeit, die ihm eigen war.

»Sie war die Freundin,« fuhr der Derwisch fort, »eine Tradition sagt: eine Zeitlang selbst die Geliebte meines Großoheims, des Generals Ochterlony, dessen Name noch in ganz Indien lebt, dessen Denkmäler seinen Ruhm verkündigen. Seine tapfere Hand half den Briten dies Land unterwerfen und ihre Macht befestigen. Jetzt steht an dieser Stelle der Nachkomme seines Blutes, gerüstet, das Werk zu zerstören, das er gebaut, der erbitterte Feind derer, für die er gekämpft und geblutet!«

»Es war Dein Kismet,« sprach eintönig der Mahratte.

»Ja wohl, mein Schicksal, und ich werde ihm folgen, wenn auch bei den Greueln, die heute mein Auge gesehen, mir das Herz erbebt ist. Aus diesem Grabe heraus hat diese Tote ihren fleischlosen Arm hinübergestreckt über die Weltmeere und das Opfer aus dem Blut ihres alten Freundes bezeichnet, dessen sie bedurfte. Sie sandte Dyce Sombre über das Meer und machte mich zu seinem Freunde und dem Erben seiner Rache an dem grausamen England. Die Hand der Toten vermischte mein heißes Blut mit dem jener Frau, welche die Glut des Südens nach dem kalten Norden brachte und deren heiße Leidenschaften nur der Tod erlöschen konnte!«

»Georgia!«

Der Derwisch hatte die rauhe Mütze von Lammfell zu Boden fallen lassen, auf seiner Stirn, deren oberer Teil noch die weißere Farbe des Europäers zeigte, perlten die Schweißtropfen hoher Erregung. Er zuckte zusammen bei der Nennung jenes Namens durch seinen Gefährten. »Seltsames Verhängnis,« fuhr er fort, »das mich zu dem Sarge der Frau führt, deren Enkelin diese Hand getötet haben soll, diese Hand, die so oft in Liebe und Leidenschaft um jenen schönen Hals geschlungen war, den sie erdrosselt haben soll! Noch liegt der Schleier jener geheimnisvollen und furchtbaren That auf meiner Seele. Ohne sie wäre der Name Ochterlony nicht beschimpft, ohne sie hätte ich offen und mutig den Kampf für das unterdrückte Irland, für die mißhandelten Freunde, für Recht und Freiheit gegen das stolze England führen können, statt daß, wie jetzt, der Fluch von Millionen sich mit diesem Namen verbinden muß, und das Blut tausend Unschuldiger, die seiner Farbe, seines Glaubens waren, gegen ihn zum Himmel schreien wird!«

Ein Lächeln verachtenden Hohns zog über das eherne, faltige Antlitz des Guru. »Kapitän Ocherlony,« sagte er finster, »ist gestorben. Nur der Derwisch Sofi, der Todfeind der Faringi, steht vor mir. Wer das mächtige Werk der Rache vollbringen und das Volk der Hindus befreien will, dessen Ohr muß taub sein für die Leiden der einzelnen, und sein Auge geschlossen für die Ströme von Blut. Er muß ein Sohn Schiwas des Zerstörers sein, nicht bloß mit dem Kleide, sondern auch mit der Seele!«

»Und ich will es sein!« rief der Irländer aus, seine Hand nach dem Sarkophag ausstreckend. »So wahr und wahrhaftig dieser Sarg den Körper der Begum birgt, deren Friede mit England nur den Haß verbarg, den sie ihren Erben über das Grab hinaus hinterlassen, so wahr will ich meine Seele Härten gegen alles, was Mitleid heißt für die Nation der Tyrannei! Aber Fluch und Wehe auch denen, die mich dazu getrieben, Fluch der Hand, die den Mord vollbracht, der den Namen Ochterlony den Mördern und Empörern zugesellt!«

Der Mahratte sah ihn mit funkelndem Blick an. »So bewahrt Ihr die Rache für den, welcher Lady Savelli, Eure Feindin, getötet?«

»Sie war einst meine Freundin! Bei diesem Kreuze: Wehe dem Mörder, wenn die Hand Gottes jemals den Schleier seines Geheimnisses lichtet!«

Der Mahratte wandte sich ab. »Es ist Zeit, daß wir an unser Geschäft gehen. Du hast das Dokument aus der Kiste der Begum?«

»Hier ist es.«

»Und hier ist der Sarkophag, von dem es spricht! Laß uns beginnen.«

»Seltsame Frau,« sagte der Derwisch, indem er ein Stemmeisen und einen Hammer aus seinem Gewande zog, und das erstere an den Marmorkitt setzte, der den steinernen Deckel des Sarkophags mit dem unteren Teil verband. »Lange Jahre die Freundin und Bundesgenossin der Engländer, hat sie den Tag vorausgesehen, an dem Indien sich gegen die Herrschaft der Fremden erheben würde.«

Sein Schlag löste den Mörtel, nach der Arbeit von etwa einer Viertelstunde, deren Geräusch der Mahratte durch das laute Hersagen von Gebeten übertönte, war die Verbindung gesprengt.

Die beiden Männer faßten den Steindeckel des Sarkophags, ein Ruck, er löste sich, und sie hoben ihn ab.

Eine Decke von Asbest verhüllte die Stätte des Moders.

Der Mahratte schlug mit der Ruhe, welche die Orientalen den Schauern des Grabes gegenüber auszeichnet, das unvergängliche Linnen auseinander, der Schein der beiden Fackeln fiel auf die Leiche.

Sie war in kostbare Seiden- und Brokatgewänder eingehüllt, die von dem Zahn der Zeit bereits zu zerfallen begannen. Der Körper der alten Begum selbst war zur Mumie zusammengetrocknet und wohl erhalten. Die leeren Augenhöhlen allein zeigten das Werk der Verwesung.

Die Kleidung und die Attribute der Leiche verkündeten den seltsamen Charakter dieser Frau und ihr abenteuerliches Leben. Während die fleischlosen, mit kostbaren Ringen bedeckten Hände ein Kruzifix der katholischen Kirche hielten, der sie sich in den letzten Jahren ihres Lebens zugewendet, waren rings um sie her indische Götzenbilder und Amulette aufgehäuft. Zu ihren Füßen lagen ihr Säbel, ihr Dolch und ihre mit Gold und Perlmutt ausgelegten Pistolen, Waffen, deren sie sich so oft zu Thaten des Heldentums oder der wildesten Grausamkeit bedient hatte.

Lies das Pergament jetzt noch einmal,« sagte der Mahratte, »es ist nötig, daß wir auf alle Zeichen achten.«

Der Derwisch trocknete seine bleiche Stirn. Dann nahm er ein Pergament aus dem Busen, öffnete es und las:

»Im Namen des allmächtigen Gottes der Christen, im Namen Allahs, im Namen Brahmas, Wischnus und Schiwas. Ich Zeeb al Rissah, Zierde ihres Geschlechts, der Beinamen, den die Begum von Schah Aulam erhalten. genannt Sumrih, die Begum von Scherdhana, habe dieses geschrieben am sechsten Tage des Monats Zilkaddé im Jahre 1237 der Hegira und dem 1822sten Jahre nach der Zeitrechnung der Faringi. Da ich fühle, daß ich in die Wandlungen des Paradieses eingehen werde, gedenke ich an das Volk, dem ich angehöre. In fünf mal fünf Jahren nach meinem Tode wird etwas Weißes von den Ufern der heiligen Ströme verschwinden! Wenn der Mann, dem Gott mein Erbe gegeben, dann ein Herz für sein Volk hat, möge er meinen Sarg öffnen. Er wird in meiner linken Hand finden, was helfen mag, Indien seinen eingeborenen Fürsten zurückzugeben; denn es ist nicht gut, daß die Kinder der heißen und der kalten Sonne zusammen wohnen. Möge der Gott der Christen mir verzeihen, was ich für die Söhne des Propheten und Buddhas, meine Brüder, thue. Betet für die Begum von Sumrih, Ihr, die Ihr diese Schrift lesen werdet!«

»Die Hand der Toten hält das Zeichen, das ich hasse,« sagte der Serdar. »Möge mein Bruder, der ein Christ ist, obschon sein Herz das eines Hindu, selbst nachsehen.«

Der Derwisch überwand seinen Widerwillen und löste die Hand der Toten von dem Kruzifix. Ein kleiner goldener Gegenstand fiel heraus.

»Das ist ein Schlüssel, aber wozu führt er, welches Geheimnis soll er uns öffnen?«

»Du hast die Pergamente alle geprüft, die sich in dem Kasten fanden, den der Nena für Dyce Sombre, meinen unglücklichen Mayadar, als Erbe bewahrt hatte?«

»Der Nena selbst, Doktor Walding und ich haben auf das genaueste die Dokumente gelesen. Außer den Juwelen und den Urkunden der Güter enthielt er nur diese Handschrift der Begum.«

»So müssen wir weiter suchen.« Er prüfte den Schlüssel genau. »Sieh her!« Er zog aus der Höhlung desselben einen fein gerollten Pergamentstreifen. »Lies!«

»Das Blatt enthält nichts als eine rote Zeichnung. Wenn ich mich nicht täusche, soll sie den Umriß dieses Steinsarges darstellen.«

Der Mahratte besah genau das Blatt. »Da ist eine Hand, die nach einer Richtung zeigt. Auf dieser Stelle befindet sich ein Punkt, laß uns suchen an dem Stein, ob wir ihn finden!«

Mit Hilfe der Fackeln untersuchten beide Männer auf das genaueste das Grabmal.

» Very well!« rief der Derwisch, »hier ist eine Öffnung, in die der Schlüssel passen muß.«

Es war der erste Ausruf in englischer Sprache, der dem Begleiter Tantiah-Topis entschlüpfte, denn bisher hatten beide sich im Gespräch des Hindostani bedient.

In der That hatte das scharfe Auge des ehemaligen Kapitäns, nachdem einmal sein Gefährte ihn auf die Lösung der Hieroglyphen gebracht, in einer der vergoldeten kupfernen Verzierungen, welche die Ecke des Steingestells mit den Stufen verbanden, das Loch entdeckt.

Der Serdar probierte den Schlüssel, er paßte. Nach einigen Versuchen hörte man ein Klappen von Federn, das aus dem Innern des Grabmals zu kommen schien, aber es zeigte sich keinerlei Öffnung, wie die Männer erwartet hatten.

Willougby hielt das Auge an das Gitter gedrückt, damit keine Bewegung ihm entgehen möge.

Der Derwisch hatte noch einmal die Zeichnung zur Hand genommen und sie geprüft. Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen. »Hier ist ein Kreis gezeichnet – das ist's! Laß uns von dieser Seite unsere Kräfte probieren!« Die beiden Männer stemmten ihre Schultern gegen die Seite des oblongen, etwa vier Fuß hohen Piedestals, das den Sarg trug, – ein schnarrendes Geräusch ließ sich hören, der mächtige Steinblock begann sich zu bewegen, drehte sich wie auf einem Zapfen und ließ eine eiserne Fallthür zwischen den Stufen des Unterbaues zum Vorschein kommen. Der Mahratte zog den Ring und hob sie in die Höhe. Ein trockener, dumpfer Luftzug strömte aus der Öffnung und drohte einige Augenblicke die Fackeln zu verlöschen.

»Hast Du die Lampe bei Dir, Tukallah?«

Der Mahratte zog eine kleine eherne Lampe von antiker Form aus seinem Gürtel, öffnete sie und zündete sie an dem Licht der Fackel an. »Laß uns hinuntersteigen, das Erbe der Begum zu beschauen,« sagte er. »Der Weg ist geöffnet.«

Beide Männer nahmen ihre Handjars zur Hand, dann stieg der Mahratte, die Leuchte hochhaltend, voran die Stufen hinab, die in die gähnende Öffnung führten; der Derwisch folgte ihm.

Es verging eine Viertelstunde – durch kein Geräusch unterbrochen.

Dann stahl sich der erste matte Schein der Lampe aus der Tiefe auf die obersten Stufen der geheimen Treppe.

Zugleich fühlte Willougby leise seinen Arm berührt und hörte ängstliche Atemzüge dicht an seinem Ohr.

Er wandte sich um, der schmale, dämmernde Lichtstrahl, der durch die vergitterte Öffnung der Thür fiel, ließ ihn das bleiche Gesicht der Nonne erkennen.

»Um der Heiligen willen, was geht vor, Sir? – Warum kehren Sie nicht zurück? Ich ängstige mich zu Tode mit ihr allein!«

Er preßte die kleine Hand. »Still, Marion! keinen Laut! Sehen Sie selbst!«

Aus der Tiefe stiegen zuerst der Derwisch, ihm folgend der Mahratte. Jeder von ihnen trug einen anscheinend schweren Beutel von Ziegenleder. Als sie ihn auf die Stufen des Sarkophags niedersetzten, tönte jener helle, feine Klang durch die Rotunde, an dem man das edelste Metall, das Gold, erkennt.

»Laß uns zuerst alles in Ordnung setzen,« sagte der Mahratte, indem er sich gegen den Stein stützte und diesen wieder in seine Fugen drehte, »dann müssen wir beschließen, wie wir den Schatz in Sicherheit bringen.«

»Wir haben hier zwei Lack Rupien in goldenen Mohurs,« meinte der Derwisch, »das wird für die Kosten der Befestigung und andere Ausgaben genügen, während die Babus den Sold der Truppen bezahlen müssen. Laß uns sogleich dem Nena Botschaft senden von dem, was wir gefunden. Der Schatz muß in Sicherheit gebracht werden, um den Zweck zu erfüllen, zu dem die Begum ihn gesammelt. Der Araber mit seiner Praua, der Dhulip Singh befreien half, möge seine Segel nach Delhi spannen, er ist ein Mann, dem man vertrauen kann, und er kann unbemerkt das Gold nach Bithoor schaffen; denn ehe der Mond wächst, werden wir die Faringi und ihre Sklaven rings um Delhi haben, und die Habsucht des Königs und seiner Söhne ist groß genug, um dem Besitz dieses Goldes die Freiheit Indiens zu opfern.«

»Du hast recht,« sagte der Mahratte, »das Gold muß in Sicherheit gebracht werden. Tod jedem, dessen unberufenes Späherauge in das Geheimnis dringt.«

»Das Grab selbst möge sein Wächter sein. Der Ort ist verrufen als durch Dämonen bewohnt, und nicht leicht betritt jemand das Innere des Mausoleums.«

»Ich kenne Männer,« sagte finster der Guru, »die auf einen Wink von mir auf der Schwelle der Thür schlafen werden, und wehe dem Unberufenen, der ihr naht. Es wird sich ein Vorwand finden, einen Posten Tag und Nacht an die Pforte dieses Ortes zu stellen, und der Schlüssel bleibt in unseren Händen.«

Sie schlossen den Mechanismus und legten den Schlüssel wieder in den Sarg; dann hoben sie dessen Steindeckel auf, schoben den abgesprengten Mörtel zur Seite und stellten die Lampe in einen Winkel.

Die Fackeln waren fast niedergebrannt, als sie die schweren Goldbeutel in ihre weiten Gewänder verbargen und sich dem Ausgang nahten.

Willougby hatte von der Unterredung genug begriffen, um die Gefahr zu erkennen, die sie aufs neue bedrohte. Noch war er zu keinem Entschluß gekommen, als die Pforte bereits in ihren Angeln knarrte, ein Augenblick, sie schloß sich hinter den beiden Männern und man hörte das Knirschen des Schlosses, das seine Riegel vorschob.

»Der heiligen Jungfrau sei Dank,« sprach schwer aufatmend das Mädchen, »die Gefahr ist vorüber, wir sind gerettet!«

»Unglückliche, Du irrst! Nur ein Wunder kann uns retten – wir sind lebendig begraben!«


Von allen Seiten strömten jetzt die bewaffneten Horden und Scharen meuterischer Sepoys nach Delhi, sobald der Ruf der Erhebung durch das Land erscholl. Die Umsicht und Thätigkeit des Mannes, der unter dem Namen des Derwisch Sofi bekannt war, unterstützt durch das Ansehen Tantiah-Topis, richtete sich hauptsächlich darauf, die Stadt zum Widerstande gegen den täglich erwarteten Angriff der europäischen Truppen fähig zu machen. Indes General Hevitt, anstatt mit den englischen Regimentern von Mirut und den Umballah-Truppen, die größtenteils aus Sikhs und Ghurkas bestanden und daher treu geblieben waren, die Rebellen zu verfolgen und einen Angriff auf Delhi zu unternehmen, sandte erst Botschaft an die Generale Bernard und Anson, den Kommandeur der Armee von Bengalen, und die Zögerung des letzteren, der erst wochenlang bemüht war, Truppen bei Kurnaul zusammenzuziehen, ließ den günstigen Augenblick verstreichen, und schon nach wenigen Tagen war die Zahl der Aufständischen in Delhi auf zehntausend Mann gestiegen, so daß die Empörung nicht mehr durch einen tapferen Handstreich, sondern nur durch einen Feldzug und eine Belagerung besiegt werden konnte.

Die aufständischen Sepoys behielten auf die Anordnung des Sofi, der alle seine Maßregeln hinter dem Ansehen des Königs und seiner Söhne verbarg, ihre Regimentseinteilung und ihre eingeborenen Offiziere bei, an denen es nicht fehlte, da jede Kompagnie deren drei zählt. Obschon die Mauern Delhis nicht mehr so stark waren, wie vor der Zerstörung durch Mahomed Togluk um das Jahr 1325, zu dessen Zeit sie nach der Schilderung des gelehrten Reisenden Ibu Batula eine Dicke von 11 Ellen Etwa 7¼ Meter. hatten, waren sie doch stark genug, um einen ersten Angriff zu widerstehen. Der Sofi ließ sie auf 24 Fuß erhöhen, den Graben bis zu 20 Fuß Breite und 16 Fuß Tiefe erweitern, die Bastionen ausbessern und den Brückenkopf der Brücke über die Dschumna befestigen.

Den sämtlichen Truppen wurde ein zweimonatlicher Sold ausgezahlt, und die Tagesrationen wurden festgesetzt. Man hatte Überfluß an Geschütz und Munition, da die Arsenale und Magazine, mit Ausnahme des in die Luft gesprengten, mit all ihren Vorräten in die Hände der Empörer gefallen waren. Einen Mangel an Lebensmitteln und Fourage brauchte man gleichfalls nicht zu besorgen, da für jetzt alle Zugänge frei waren, und selbst beim Heranrücken der Briten ihre Macht nicht so stark sein konnte, um die Zufuhr abzuschneiden.

Während auf diese Weise im Innern für die Verteidigung der Stadt gesorgt wurde, durchzogen Abteilungen der Reiter die Gegend, wiegelten die Garnisonen der benachbarten Städte auf, zündeten die Häuser der Europäer an, ermordeten die Steuereinnehmer und raubten aus dem Schatze in Gurgohe 784 000 Rupien, die sie nach dem Kriegspalast in Delhi brachten, in dem man bald über zwei Millionen Rupien aufgehäuft hatte.

Im Innern der Stadt war jetzt größere Ordnung und Sicherheit hergestellt, so daß die reichen Kaufleute und Babus, von denen sich viele geflüchtet und verborgen hatten, wieder zum Vorschein kamen und mit ihren Mitteln die Verbreitung der Erhebung unterstützten. Am elften Tage nach der Vertreibung der Engländer aus Delhi versammelte der König die Babus, und sie verstanden sich dazu, jedem Soldaten in Delhi täglich 4 Annahs 1 Annah = 1? Silbergr. oder 14 Pfennig; der sechszehnte Theil einer Rupie. an Sold zu zahlen. Es war jetzt kein Haufen von Empörern mehr, der den Engländern gegenüberstand, es war eine geregelte Armee. – –

Tantiah-Topi und der Derwisch Sofi hatten, um das Geheimnis des Sarkophags desto sorgfältiger zu bewahren, ihre Wohnung im alten Palast der Begum selbst aufgeschlagen. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, hatten sie das Grabmal nicht wieder betreten, aber einen Posten aus der Schar der Thugs, die Tukallah mit leichter Mühe wie eine Leibwache um sich gesammelt hatte, und die seinem Willen blind ergeben war, hielt Tag und Nacht Wache vor dem verschlossenen Thore des Mausoleums.

Willougby hatte wohl recht, als er mit der Sperrung der Thür sich und die Seinen lebendig begraben wähnte. Der Platz um das Mausoleum und den Palast glich seitdem einem Heerlager, aber im Innern dieser kleinen, von den Menschenwogen umgebenen Rotunde wohnte der Tod und der Jammer. Diese stete Nähe zahlloser Feinde zwang die Eingesperrten zu um so größerer Vorsicht. Nur im Dunkel der Nacht durften sie wagen, auf der Galerie des Minarets frische Luft zu schöpfen.

Die Lebensmittel, welche der Offizier so glücklich gewesen war, in der ersten Nacht auf den Gräbern der Toten zu erbeuten, und die zum Glück mit Ausnahme der Früchte nicht dem Verderben unterworfen waren, reichten bei der größten Sparsamkeit nur für etwa acht Tage.

Noch immer hofften die Unglücklichen auf ein glückliches Ereignis, auf eine Hilfe von außen, auf Irma und ihren Vater!

Die Hitze in dem engen Raum des Minarets, da sie sich nur von Zeit zu Zeit in den größeren Raum des Mausoleums wagten, war in dieser Jahreszeit unerträglich, die Luft dumpf und schwül, und das Leiden der drei Personen wahrhaft entsetzlich.

In dieser furchtbaren Lage zeigte sich die Geduld, die aufopfernde Christenliebe der jungen Nonne in ihrer ganzen Größe. Kein Wort der Klage entschlüpfte ihrem Munde. Trost und Ergebung war allein auf ihren Lippen, Aufopferung in ihrem Herzen und in all ihrem Thun. Mit jener Umsicht und zarten Sorge, die allein Frauenhand zu leisten vermag, suchte sie die Leiden ihrer Gefährtin zu mildern, ohne an sich selbst zu denken.

Die Leiden der jungen Engländerin überstiegen jede Beschreibung. Infolge der glühenden Hitze, der ihre schrecklichen Wunden durch die barbarische Grausamkeit des Pöbels während eines ganzen Tages ausgesetzt gewesen waren, begann das seiner Bedeckung entblößte Fleisch zu faulen. Diese Fäulnis wurde zu einem einzigen ekeln, lebenden Geschwür, und der Geruch, den diese Verwesung bei lebendigem Leibe ausdunstete, war entsetzlich.

Am fünften Tage trat der Brand in die Wunden; der Anblick, den die Kranke bot, war ebenso grauenhaft für das Auge, wie ihre Nähe für die anderen Sinne.

Dennoch verließ die Nonne sie keinen Augenblick. Willougby trug ihr fortwährend Wasser aus der Fontäne des Mausoleums zu. Jedes irgend entbehrliche Stück ihrer Unterkleider hatten beide verwendet, um Kompressen und Binden für die Kranke zu machen.

Während sie so die körperlichen Leiden der Unglücklichen zu lindern versuchte, verrichtete die junge Nonne zugleich das heilige Amt des geistlichen Trösters.

Der Offizier hatte sich entschlossen, das Geheimnis jener beiden Männer, die in der ersten Nacht das Gold aus den Gewölben des Mausoleums geholt, zu verfolgen, in der Hoffnung, dabei vielleicht eine Ausweg aus dem Gefängnis oder irgend eine Hilfe zu entdecken. In einer Nacht, während die Nonne den fieberhaften Schlaf der Kranken und die Umgebung des Grabmals auf der Höhe des Minarets bewachte, zündete er mit Pulver die Lampe an, die der Mahratte in dem Gebäude zurückgelassen, und versuchte, die verborgene Feder zu finden, die das Steingestell des Sarkophags in Bewegung setzte und den unterirdischen Eingang öffnete.

Obschon er nur unvollkommen hatte beobachten können, gelang es ihm in der That, die Öffnung des Schlosses zwischen den vergoldeten Metallverzierungen zu finden. Zwar fehlte ihm der Schlüssel, von dem er nicht wußte, was die Männer mit ihm gemacht, als er aber einige kleine Schlüssel, die er bei sich führte, probierte, paßte der eine, und er hörte bei dem Umdrehen dasselbe Geräusch im Innern des Grabmals. Indem er seine Kraft gegen den Stein anwandte, gelang es ihm, diesen in seinen Angeln zu drehen und den unterirdischen Zugang zu öffnen.

Willougby streckte den Arm mit der Lampe aus und begann, die Stufen hinabzuschreiten. Er zählte deren fünfundvierzig. Die letzte schloß sich an einen Gang, der in gerader Richtung etwa zwanzig Schritt fortführte. An seinem Ende befand sich eine eherne Thür. Der Offizier fand sie unverschlossen und stieß sie auf, er trat in ein rundes kellerartiges Gewölbe.

Bei der großen Trockenheit des Erdbodens zeigte der unterirdische Raum nur wenig von Moder und Feuchtigkeit. Der junge Engländer hob die Leuchte in die Höhe, und nachdem er sich einige Augenblicke an das Halbdunkel gewöhnt, erkannte er, daß er sich in einem runden, etwa zehn Schritt im Durchmesser haltenden Gemach befand, dessen Quaderwände leider keinen anderen Ausgang zeigten.

Rund umher an den Wänden standen offene Kisten, bis an den Rand mit Silbermünzen, silbernen und goldenen Gerätschaften aller Art, oder Beuteln gleich denen gefüllt, welche der Mahratte und sein Begleiter mit sich genommen, und die nach dem Klange Gold enthielten. Auf einem Steinsitz am anderen Ende des Gewölbes befand sich ein kleiner Koffer von schwarzem Eichenholz mit Silber beschlagen, dessen Deckel, wahrscheinlich von seinen beiden Vorgängern, geöffnet war. Indem er näher trat und das Licht der Lampe darauf fallen ließ, blitzte ihm der hundertfache Farbenglanz prächtiger Edelsteine und Geschmeide entgegen. Das grüne Feuer kostbarer Smaragde, der blaue Glanz der Saphire, das Himmelblau der Türkisen, das Feuer der Diamanten sich vermischend mit den Schlangenfarben der Opale von Ceylon und dem Rosenlicht der Rubinen – das alles betäubte förmlich im ersten Moment die Augen des jungen Soldaten, die in diesem Lande doch an den Glanz von Gold und Edelsteinen gewöhnt waren.

Inmitten dieser Schätze, deren Wert mindestens vier bis fünf Cronen Eine Crone = 1 Million Rupien. betragen mußte, glaubte er sich in die Zauberhöhle Aladins versetzt und betrachtete mit einem gewissen Bangen diese Haufen von Gold und Silber, die dazu dienen sollten, das Blut seiner Landsleute zu vergießen.

Nachdem er sich auf das genaueste an den Wänden überzeugt hatte, daß kein Ausgang weiter vorhanden, beschloß er, umzukehren. Eine kurze Überlegung ließ ihn bedenken, daß er nicht versäumen dürfe, sich hier vielleicht die Mittel für eine glückliche Eventualität ihrer ferneren Flucht zu sichern, und er hatte genug von dem Gespräch und dem Brief der Begum verstanden, um jede Bedenklichkeit über das Recht zum Eingriff in dieses fremde Eigentum zu beseitigen.

Er füllte daher seine Taschen mit goldenen Mohurs, und indem sein Blick nochmals auf den Juwelenkasten fiel, nahm er eine Agraffe und ein Band von Diamanten und Rubinen, die er für die kostbarsten der Schmucksachen hielt, und steckte sie zu sich.

Alles was er dem Feinde entzog, war offenbar ein Gewinn für die Sache seiner Landsleute.

Hierauf stieg er die Treppe wieder hinauf, drehte den Sarkophag an seine Stelle und vertilgte sorgfältig jede Spur seines Eindringens.

Er konnte den Frauen die Nutzlosigkeit seines Versuches nicht verhehlen, mit jeder Stunde schwand ihre Hoffnung immer mehr, wurde ihre Lage immer furchtbarer.

Oft in der Nacht durchtönte das Wimmern der Kranken, ihr klagendes Ächzen die Mauern des Mausoleums. Dann erbebten der Offizier und die Nonne bei dem Gedanken, daß diese Laute zu Verrätern werden und die Feinde herbeiziehen möchten, während ihre Menschlichkeit, ihr Mitgefühl für die Leidende ihnen doch nicht gestattete, ein Unterdrücken ihrer Klagen von der Kranken zu verlangen.

Aber die Hinduwache, die vor dem ehernen Thor des Grabmals lagerte, erbebte noch mehr, als die Eingeschlossenen, wenn die stille Nacht jene Laute des Schmerzes zu ihren Ohren trug. Das war der ruhelose Geist der Begum, der um sein Grab wandelte und in den Wipfeln der mächtigen Cypressen stöhnte in Reue und Jammer, daß er dem Glauben des Propheten untreu geworden und zum Kreuz der Franken geschworen habe.

Am siebenten Tage nahte für die Tochter des Residenten die Erlösung. Seit mehreren Stunden schon war der Schmerz verschwunden – das sichere Zeichen des herannahenden Todes nach dem Eintritt des Brandes. Die Miß selbst schien es zu fühlen, daß Gott der Allmächtige ihre Gebete, ihre Seufzer nach dem Ende erhören wolle. Sie hatte wohl zwei Stunden still und stumm gelegen, ihr Geist mit sich selbst beschäftigt, während die Nonne an ihrer Seite betete.

Es war bei dem Scheiden des Tages als sie flüsternd Schwester Maria bat, den Offizier zu rufen. Beide trugen auf jede Gefahr hin die Sterbende in den Raum der Rotunde und betteten sie auf die harten Stufen des Sarkophags.

»Ich fühle es,« sagte die Kranke, »meine Stunde ist gekommen. Der Wille Gottes hat sie lange verschoben, damit mein Herz sich demütigen sollte vor ihm. Maria, können Sie der Unglücklichen, so unerhört über Menschenkräfte Geprüften, verzeihen, daß sie an Ihnen gefrevelt und in dem Engel des Lichts, den der Himmel ihr gesandt, die Feindin gesehen hat?«

»Arme, liebe, unglückliche Viktoria,« flüsterte die Nonne, »dieses Herz hat nur Liebe für Sie, und Gott weiß es, mein Leben wollte ich willig hingeben, wenn ich Ihre Leiden mildern könnte!«

»Richtet mich auf,« bat die Sterbende, »durch den Blutschleier vor meinen Augen schau' ich dort oben das letzte Glühen des scheidenden Sonnenstrahls. Die Nacht kommt, die furchtbare Nacht! Willougby, liebe sie, liebe sie mit allen Kräften Deiner Seele! Möge mein Tod Euch die Freiheit und das Glück erkaufen! Flieht! flieht dies Land, das doppelt verflucht ist! – Deine Hand, Richard Willougby, den mein Herz liebte! – Deine Hand, Maria, über die ich mich so erhaben wähnte – –«

Sie faßte mit krampfhaftem Zucken um sich; beide reichten ihr die Hände, die sie zusammenzog und festhielt.

»Seid im Tode gesegnet – – ewig – ewig –«

Die Stimme der Nonne murmelte die Sterbegebete. »Vergieb, auf daß Dir wieder vergeben werde, wenn Du eingehst zu dem Lichte des Herrn! Der Erlöser am Kreuz segnete seine Feinde!«

»Amen! Amen! – Aurunga! – Gott sei mir gnädig!« Ihre Stimme erlosch, ein leises Zucken der Hand nach dem verstümmelten Haupt, aus dem die Augen gräßlich hervorstarrten – ein Seufzer – dann war alles still. Der wunde, elende Körper des einst so schönen Mädchens rührte sich nicht mehr – ihre Prüfung war zu Ende.

Von der Spitze des Minarets schwand der letzte Sonnenreflex – die Dunkelheit trat ein.

Der Offizier hatte die abgezehrte Hand ergriffen und nach dem Puls geforscht, jedes Zeichen von Leben war erloschen.

»Sie ist tot – wohl ihr!«

Nur das leise Weinen der jungen Nonne antwortete ihm. Die bis zum letzten Augenblicke in gewaltsamer Spannung erhaltenen Nerven fanden Beruhigung in dem so lange unterdrückten Thränenstrom. – – –

Die Tote hatte überstanden – die furchtbarste Prüfung der Überlebenden sollte jetzt erst beginnen!

Am neunten Tage waren die Lebensmittel zu Ende, auch die letzte Krume der Chuppaties war verzehrt.

An der Leiche der jungen Engländerin, im Angesicht dieses grausigen und entsetzlichen Schicksals hatte der Offizier das junge Mädchen an sein Herz gedrückt und sich selbst und ihr gelobt, mit ihr zu leben oder zu sterben.

Dieser Liebe, diesem Entschluß gegenüber fand die Nonne nicht mehr die Kraft des kalten Widerstrebens und der Erinnerung an das Gelübde, das sie von der Liebe schied.

Ihre strömenden Thränen, ihr zitterndes Anschmiegen zeigten ihm, daß jener Wurf der Rose die Botschaft einer stillen, aber wahren und tiefen Neigung gewesen.

Dann kamen die Stunden des gemeinsamen Leidens, der Gemeinschaft der versinkenden Hoffnung, der ermattenden Kraft, nicht mehr unterbrochen und gestört durch die Sorge um die sterbende Freundin.

In diesen Stunden der Sorge und des Schmerzes öffneten sich die beiden jungen Herzen, und indem sie von Gott sprachen, zu dem sie gehen wollten, erinnerten sie sich des Glückes und der Seligkeit, welche die Erde bietet.

Sie liebten einander, sie lebten mit einander und waren bereit, mit einander zu sterben. Die gegenseitige Aufopferung, dies Sorgen und Mühen, den letzten Bissen der Nahrung sich selbst zu entziehen und dem geliebten Wesen aufzunötigen, wäre dem unbeteiligten Zeugen ein rührendes Schauspiel gewesen.

Dann kam der körperliche Schmerz – der Hunger!

Seit zwei Lagen fehlte den beiden Liebenden jede Nahrung – das Wasser der Fontäne war alles, was sie genossen.

Die Kräfte des jungen Mädchens schwanden, ihr sanftes Auge war bereits matt und unstät.

Hand in Hand auf der obersten Stufe der Treppe des Minarets sitzend, sprachen sie davon, zu sterben. Zehnmal schon, wenn sein Auge auf die bleichen, fahlen Züge der Geliebten fiel, war der Offizier versucht und halb entschlossen, die indische Schildwache am Eingang des Tempels anzurufen und sich den Feinden zu überliefern, um, wenn es sein müßte, selbst durch ihre Dolche dem schrecklichen Hungertode zu entgehen.

Aber der Gedanke an das schreckliche Schicksal, das vor seinen Augen die blühende Tochter des Residenten erlitten, scheuchte die Idee, den Entschluß zurück, noch ehe seine Ausführung versucht werden konnte.

Jetzt aber sprachen sie beide entschlossen vom Tode.

Sie waren übereingekommen, bis zum nächstfolgenden Abend die Qualen zu ertragen, und wenn bis dahin kein günstiger Zufall eingetreten, mit einander zu sterben. Marion hatte jetzt selbst von ihrem Geliebten verlangt, daß seine Hand ihr den Tod geben solle, um sie der Schmach zu entziehen.

Willougby hatte seine beiden Revolver untersucht und die Augen des duldenden Mädchens waren seinen Bewegungen gefolgt. Der Offizier zeigte ihr den Mechanismus der Ladung und ließ das todsprühende Schloß unter ihrem zarten Finger kreisen.

Im Laufe des Tages hatten sie häufig vermehrte Bewegung in der Stadt wahrgenommen, neue Zuzüge fremder Krieger strömten herbei – das sachverständige Auge des jungen Soldaten erkannte, daß mit Eifer an den Maßregeln der Verteidigung gearbeitet werde.

Es war an dem Tage eine alles erdrückende Hitze gewesen, 109 Grad, Fahrenheit = 35 Grad Réaumur. eine schwüle Luft, welche die Brust belastete und den beiden Europäern kaum das Atmen gestattete. Gegen Abend türmten sich Wolkenberge an der Dschumna herauf und feurige Blitze zischten wie züngelnde Schlangen durch das Dunkel.

Eines der heftigen Gewitter, wie sie nur die Tropen kennen, zog herauf. Etwa eine Stunde vor seinem Ausbruch, gleich einer dreisten Herausforderung der Donner Gottes, schmetterten Trompeten, Fanfaren und der scharfe Klang der Metallbecken durch die Abendluft, eine Schar von 50 Reitern in reichen orientalischen Gewändern und Waffen kam im Galopp von der Brücke her über den Platz und ritt vor dem Palast der Begum auf. Der Offizier, den trotz seiner verzweifelten Lage und seiner körperlichen Leiden jedes militärische Schauspiel auf das Lebhafteste interessierte, bewunderte die außergewöhnlich gute Haltung dieser Krieger, an deren Spitze sich ein stattlicher, kostbar gekleideter Reiter von soldatischem Aussehen befand. An seiner Seite stand ein Mann in der Tracht eines arabischen Schiffers.

Der Derwisch und der Mahrattenfürst, die am ersten Abend das Mausoleum betreten und den Palast der Begum zu ihrem Wohnsitz genommen, kamen den Fremden am Thor des Palastes entgegen und bewillkommten sie. Dann lagerten sich die Reiter auf dem Hof und im Schutz der großen Hallen, während die Führer sich in das Innere des Gebäudes zurückzogen.

Der sich erhebende Sturm trieb rasch das Gewitter näher; das ferne Grollen des Donners verwandelte sich in gewaltige Schläge, welche die Grundfesten des Palastes zu erschüttern schienen. Die Wipfel der Cedern und Cypressen beugten sich unter der Gewalt der empörten Luft, und die Blitze übergossen mit Tageshelle von Minute zu Minute die Stadt.

Bei dem Rollen der Donnerschläge hatte sich die junge Nonne fest an ihren Geliebten geschmiegt und das junge Paar sich vor dem tobenden Unwetter in das Innere des Mausoleums geflüchtet.

Plötzlich glaubte der junge Soldat, sich nähernde Stimmen und Schritte zu hören.

Das Schloß der ehernen Pforte des Grabmals rasselte, der Schlüssel drehte sich in demselben und die schweren Flügel öffneten sich.

Der Offizier hatte kaum Zeit gehabt, die Geliebte zu erfassen und mit sich fortzureißen nach dem Innern des Minarets, wo sie die Treppe hinauf flüchteten.

Es war keine Zeit mehr, die Thür zu verschließen und zu verriegeln, denn schon traten drei Männer in das Innere des Grabmals, und jedes Geräusch hätte ihre Anwesenheit verraten.

Der Sturm brach durch die geöffnete Thür und streute die Funken der Windfackeln, die zwei von ihnen trugen, in feurigem Regen umher, nur mit Mühe gelang es der vereinten Kraft der Männer, die Flügel wieder zu schließen.

Willougby war, nachdem er das Mädchen in Sicherheit gebracht, zu der Thür des Minarets zurückgekehrt, um zu beobachten. Das Innere des Mausoleums war jetzt erhellt, er konnte die Eingetretenen deutlich erkennen, es waren der Derwisch, der Mahratte und der fremde Krieger, der Anführer der vor kaum einer Stunde eingetroffenen Reiterschar.

Als dieser Mann jetzt im vollen Licht der Fackel erschien, konnte der Engländer keinen Augenblick daran zweifeln, daß er trotz der orientalischen Kleidung ein Europäer sei.

Seine Gestalt war hoch und stattlich, sein Gesicht bleich und abgespannt, wie von der Ermattung übermäßiger Strapazen. Er trug eine Art von kappenartigem, rundem Silberhelm, von einem feuerroten Turbanband umschlungen und mit einem Busch kostbarer Reiherfedern geschmückt. Unter dem gleichfalls roten, fliegenden Kaftan umschloß ein weißes Gewand die Brust. Pistolen und ein Säbel von europäischer Form bildeten seine Bewaffnung.

»In diesem Augenblick,« berichtete der Fremde seinen Gefährten in englischer Sprache, »muß Cawnpur bereits in den Händen der Unseren sein, und der Nena vor Lucknow stehen.«

»Und warum nicht in Lucknow selbst?« fragte ungestüm der Mahratte. »Die Zahl der Faringi in Audh ist nur gering. Ich hätte mehr von der Thätigkeit des Prinzen erwartet.«

»Das Beispiel Murad Khans hat böse Folgen gehabt, die Sikhregimenter erklären sich überall gegen uns. In Benares, Firospur, Agra, Heiderabad und Allahabad werden sie nicht mit uns, sondern gegen uns kämpfen.«

»Der Verräter!« murmelte der Serdar, »warum hat die Bhawani nicht seine schwarze Seele getroffen!«

Der Derwisch maß mit finsteren Blicken seinen Gefährten. »Es liegt unter diesem Verrat ein Geheimnis verborgen, das ich nicht zu enträtseln vermag. Dein eigener Bericht, Tukallah, hat den jungen Mann früher als einen der eifrigsten und kühnsten Anhänger der Sache der Freiheit dargestellt.«

»Persönlicher Haß gegen den Nena scheint ihn von uns abwendig zu machen,« meinte der Fremde. »Der Tod oder das Verschwinden seiner Braut, der Tochter der Königin von Lahore, hat seine Gesinnung geändert und uns seinen Arm entzogen.«

»Der Thor glaubt, daß sie Akbar Jehan, seinem Nebenbuhler, gegeben worden ist, während Schiwa, der große Vernichter, sie aus den Reihen der Lebenden genommen. Was ist ein Krieger, dessen Schwert an dem Odem eines Weibes hängt? Bosch! Nichts! Es war ihr Schicksal, keinem zu gehören, und wir werden mit den Sikhs kämpfen, wie wir mit den Faringi kämpfen werden!«

Der Derwisch schüttelte besorgt das Haupt. »Indien wäre unser, ehe ein Monat vergangen ist, wenn dieses Unglück nicht geschehen. Ohne die Sikhs und Gurkas konnten die Engländer sich nirgends halten. Auch Mahe-Tschund ist seitdem von uns abgefallen.«

»Ich biete Dir eine andere, bessere, die rechtmäßige Herrscherin des Audh,« sagte ungestüm der Mahratte. »Die Krieger des Scindia und des Holkar erheben die Waffen gegen die Tyrannen.«

»Ich bürge für sie. Die Rani versammelt bereits die Soldaten von Gwalior unter ihren Fahnen.«

»Und warum,« fragte der Derwisch ernst, »ist Major Maldigri, der Paladin der Rani, in diesem Augenblick nicht an ihrer Seite? Glaubt er uns allein nicht kräftig genug, Delhi zu behaupten?«

Der Ionier, denn er war der Fremde, errötete. »Ich bin mit dem Willen des Nena und auf den Befehl der Rani hier,« sagte er stolz, »um die Kriegerschar den Verteidigern Delhis zuzuführen. Der Nena selbst verlangte, Laß ich die Krieger begleite auf die Botschaft, die Ihr ihm gesendet.«

»Wozu der Streit,« rief der Mahratte, »dieser Mann ist uns willkommen, obschon er ein Franke ist. Er wird das, was die Götter uns zum Beistand gegeben, dem Nena sicher zuführen. Laßt uns den Eingang öffnen, damit wir ihm das Erbe der Begum zeigen.«

Er trat zu dem Sarkophag und winkte dem Derwisch, ihm zu helfen, den Steindeckel abzuheben.

Der Offizier hinter der Thür des Minarets erbebte bei dieser Bewegung.

Die beiden Männer hoben den Oberteil des Sarges. In diesem Augenblick machte ein greller Blitzstrahl das Licht der Fackeln erbleichen, welche das Innere des Mausoleums erhellten, und der heftige Donner ließ die dicken Mauern erbeben.

In das Krachen dieses Donners mischte sich ein schwerer, dröhnenden Fall, ein Klang von Stein auf Stein, ein Ausruf des Entsetzens.

Der Sargdeckel war den Händen der Männer bei dem Anblick, der sich ihren Augen bot, entfallen und zerschellte auf den Stufen des Sarkophags.

Ihnen entgegen starrte nicht die vertrocknete Mumie der einstigen Herrin dieses Palastes, sondern ein Medusenhaupt, die scheußliche Verwesung einer anderen Leiche – der gräßliche Anblick des Körpers der unglücklichen Tochter des ermordeten Residenten von Delhi.

»Verrat!« schrie der Mahratte, »Fremde sind an diesem Orte gewesen, sie kennen unser Geheimnis! Der Schatz ist gestohlen!«

»Ruhe, Freunde,« klang die Stimme des Irländers, »laßt uns genau untersuchen – wir müssen entdecken, woher dieser verwesende Körper gekommen!« Er hob die Fackel und warf das Auge forschend umher.

»Dort! dort!« schrie er, »die Thür ist offen! Tod dem Spion!«

Er stürzte auf die Thür des Minarets zu, welche der Offizier, von dem Eintritt überrascht, nicht mehr zu schließen gewagt hatte.

Ein Schuß blitzte – der Derwisch öffnete die Arme und fiel rücklings zu Boden.

Mit der Schnelligkeit des Blitzes warf der britische Offizier die Thür ins Schloß und drehte den Schlüssel. »Wer sich naht, ist des Todes! Nur unsere Leichen sollt Ihr haben!«

Eine zweite Kugel pfiff an dem Mahratten vorbei, der nach der Pforte des Mausoleums gesprungen und sie zu öffnen bemüht war.

»Das sind Flüchtlinge, Faringi! Wache herbei!« übertönte seine mächtige Stimme das Brausen des Sturmes und das Rollen des Donners.

Es war ihm gelungen, das Thor zu öffnen, der anprallende Wind warf selbst die Flügel auseinander, fegte in das Innere und verlöschte die Fackeln. Nur der schwache, durch den Sarkophag geschützte Schein der Lampe, die der Mahratte vorher angezündet, um ihnen in die Tiefe zu leuchten, verbreitete noch ein mattes Licht in der von dem Moder der Verwesung jetzt erfüllten Rotunde.

Die beiden Krieger, die in der Vorhalle des Mausoleums Wache gehalten, traten zitternd näher.

»Möge die Dunkeläugige uns schützen,« murmelte der eine, »das Heer der Dämonen ist entfesselt in dieser verfluchten Nacht. Die Begum ist aus ihrem Grabe erstanden, uns alle zu töten!«

Der Mahratte stieß ihn mit der Faust zurück. »Die Bhawani verderbe Dich, Feigling! Faringi sind in dem Minaret. Herbei mit Deinen Kameraden, damit die Verfluchten nicht entrinnen!«

Er riß dem Krieger das Gewehr aus der Hand und schoß es gegen die Thür des Turmes ab, aber die dicke Planke schützte den Offizier, der tapfer auf seinem Posten aushielt.

Grimaldi, nicht achtend der Gefahr, war zu dem Gefallenen gestürzt, hob ihn empor und schleppte ihn aus der Rotunde. Bei dem Leuchten der Blitze erkannte er, daß der Getroffene die Augen aufschlug; der Wind und der Regen, die in sein Gesicht peitschten, gaben ihm die Besinnung zurück.

»Bist Du gefährlich verwundet, Freund?« fragte der Grieche, für den der Sofi noch immer der indische Derwisch, einer der Führer der großen Empörung geblieben war, da außer dem Nena nur der Mahratte und der deutsche Arzt das Geheimnis desselben kannten – »das Unglück, das uns durch Deinen Verlust treffen würde am Beginn des großen Kampfes, wöge schwer!«

Der Sofi that einen tiefen Atemzug und fuhr mit der Hand nach der Mitte der Brust. »Hier – hier – aber ich hoffe – es geht vorüber – der Panzer hat die Kraft der Kugel gebrochen.«

In der That hatte ein Panzerhemd, das er unter den Lumpen des Fakirs auf der Brust trug, ihn geschützt, und nur die Kraft der Kugel, in solcher Nähe abgeschossen, ihn betäubt und zu Boden geworfen.

Die Schüsse, der Ruf der Wachen und des Mahrattenfürsten hatten unterdes Alarm gegeben. Trotz des tobenden Unwetters stürzten von allen Seiten indische Krieger, die Thugs Tukallahs, die Reiter aus Jhansi herbei.

»Tod den Faringi!« heulte der Serdar, »stürmt – stürmt! tötet sie!« Mit geschwungenem Handjar trieb er die schaudernden, in ihrem abergläubischen Schrecken widerwilligen Krieger in das Innere des Mausoleums, gegen die Thür des Minarets.

Hinter derselben, zum äußersten entschlossen, mit der britischen Kaltblütigkeit in der Todesgefahr, stand der junge Offizier, und die Kugeln seines Revolvers, von fester Hand gezielt, warfen die beiden vordersten Sepoys nieder.

Der anstürmende Haufe wich bestürzt zurück, ein dritter fiel unter dem Schuß des Offiziers.

Dieser sprang zurück und reichte der Nonne, die, hinter dem Steinpfeiler der Wendeltreppe geschützt, ihm nahe war, das abgeschossene Pistol.

»Mut, Maria, nicht ungerächt wollen wir sterben! Versuchen Sie, die Waffe zu laden, hier ist Munition!«

»Geben Sie her, Sir,« sagte das Mädchen, »diese Hand soll nicht zittern bei dem Werk – nicht um Menschen zu töten, sondern um Sie zu verteidigen, so lange es Gott gestattet!«

Der Offizier war bereits wieder an der Thür mit dem zweiten Revolver, indem er in Gedanken die Hand Irmas, des jungen Hindumädchens, segnete, welche die Waffe bei dem Kampf im Garten aufgehoben und ihm bewahrt hatte.

Hätte sein Auge in diesem Augenblick die steinerne Schranke der Mauer, das Dunkel der Nacht durchdringen können, er würde gesehen haben, daß kaum hundert Schritt von der Stelle entfernt, wo er sich mit dem Mut der Verzweiflung schlug, das junge Hindumädchen, an das er soeben gedacht, in Begleitung eines Mannes und einer hohen Frau, die in dichte Schleier gehüllt war, am Fuß einer der riesigen Cedern des Platzes stand, und die drei sich eifrig berieten, während der Lärm, der sich unter dem Zürnen der Natur um die Stätte des Friedens erhoben hatte, sie zu schrecken und zu verhindern schien, sich zu nähern.

Dann, als ob sie einen Entschluß gefaßt, trennte sich der Mann von ihnen und eilte durch den strömenden Regen dem Eingang des Palastes zu.

Ein vierter Sepoy, durch die Schläfe geschossen, stürzte vor der Thür des Minarets zusammen, die seine Hand bereits berührt hatte.

Wieder ein Schuß, keine Kugel vergeblich! Die Leichen und Verwundeten häuften sich auf den Steinfliesen des Mausoleums – die Thür des Minarets schien Tod und Verderben zu sprühen.

Tantiah-Topi heulte vor Wut und trieb mit grimmen Flüchen die Krieger immer aufs neue zum Angriff. Der Wahn, daß sie mit den Geistern des Grabes zu kämpfen hätten, war ihnen jetzt zwar genommen, aber die unaufhörlich fallenden Schüsse gaben ihnen die Überzeugung, daß eine starke Zahl von Engländern das Minaret besetzt halten müsse und hemmte ihre Kraft.

Der Derwisch war nach und nach wieder zur Besinnung gekommen, aber noch schwach und halb betäubt lehnte er an den Marmorsäulen des Eingangs, von dem Griechen unterstützt. Diesem widerstand es, an dem Kampfe gegen Unglückliche teilzunehmen, die ihr Leben verteidigten. Auf den Rat des Sofi ließ der Serdar jetzt ein scharfes Flintenfeuer auf die Öffnung der Thür unterhalten, während zwei starke Krieger, mit Beilen bewaffnet, an den Wänden entlang, von diesen geschützt, zur Thür drangen und mit gewaltigen Schlägen sie aufzusprengen versuchten.

Der tapfere Engländer mußte die Verteidigung des Eingangs aufgeben, ein Streifschuß hatte ihm bereits die Wange verletzt, es war unmöglich, sich länger hier zu halten – er drängte die Nonne, die mit entschlossener Ruhe im Lichte der Blitze, das durch die schmalen Öffnungen des Minarets drang, den abgeschossenen Revolver glücklich aufs neue geladen, die Stufen der Wendeltreppe hinauf, sorgfältig wachend, daß der Steinpfeiler sie schütze.

Unter den Schlägen der Äxte brach die Thür in Stücke, über sie hinweg drangen die durch den Tod der Ihren entflammten Krieger in den Turm.

Aber den ersten, der die Treppe betrat, warf aus dem Dunkel der Höhe die Kugel des Engländers zu Boden, der zweite fiel auf der dritten Stufe, die er erreicht.

Das Blut floß aus dem Eingang des Turmes und vermischte sich mit den Lachen, die den Marmorboden des Mausoleums bereits deckten.

»Chalo Bhai! Vorwärts! vorwärts!« heulte die Stimme des Mahratten.

Schritt vor Schritt, Stufe um Stufe zog sich der junge Held zurück, selbst bereits aus mehreren leichten Wunden blutend. Mit dem nahenden Ende schien ihm die Kraft des Widerstandes zu wachsen. Jeder Schritt vorwärts, den die drängenden Feinde thaten, fällte einen der Ihren.

Aber die Masse der Feinde an der Kampfesstätte selbst, um das Mausoleum her, wuchs mit jedem Augenblick. Das Gebrüll der Wütenden übertäubte den Donner des Himmels.

Ein Sepoy, durch den Leib geschossen, wurde von seinen Kameraden aus dem Turm nach dem Ausgang getragen und in der Nähe des Sofi niedergelegt. Dieser befragte ihn, ob er die Zahl der kämpfenden Faringi zu unterscheiden vermocht.

»Die bösen Geister sind mit den Kaffirs,« stöhnte der Sterbende, »nur das Feuer ihrer Geschosse sieht man. Eine Zauberin oder ein Weib ist unter ihnen – ich sah ihr weißes Gewand flattern hinter dem Stein!«

Maldigri ließ seinen Gefährten los, ein Gedanke durchzuckte seine Seele.

»Ein Weib sagst Du? – Haltet ein, haltet ein! – Laßt mich voran!«

Er stürzte durch die Rotunde nach dem Eingang des Minarets.

»Zurück, Mörder! es ist ein Weib unter ihnen – gebt Pardon!« – Er warf die Nächststehenden zur Seite und drang in den Turm, die Stufen hinauf. »Ergebt Euch! Ich bin ein Europäer wie Ihr und bürge für Euer Leben!«

Das fahle Licht eines Blitzes zeigte ihm in der That ein weißes Gewand, aber in demselben Augenblick streckte sich ein dunkler Arm gegen ihn aus und eine Stimme dröhnte in seine Ohren: »Fluch dem Abtrünnigen! Fluch dem Feinde seiner Landsleute!« und mit dem krachenden Donner vereinte sich der Knall des Schusses.

Der Grieche stürzte rücklings über die blutgetränkten Stufen hinab.

Willougby drängte die Nonne auf die Galerie des Minarets und sprang ihr nach – hinter ihm fiel die schwere Fallthür dröhnend in ihre Fugen. – – –

Durch die Menge vor dem Grabmal stürzte wehklagend ein Mann, der arabische Mantel wehte um seine Schultern. »Einen Hakim! einen Arzt – schafft einen Arzt! zu Hilfe! Kapitän Grimaldi stirbt!«

Ein einziger Aufschrei antwortete ihm, dann flog eine Frau durch die Menge – die Stufen des Grabmals hinauf. »Wo? – wo?« Der Schein der angezündeten Fackel zeigte ihr unter der Säulenhalle einen Mann am Boden, ein bleiches Gesicht, brechende Augen, einen Strom von Blut aus der Brust.

» Markos Grimaldi! Ewiger Gott – er stirbt!«

Der Verwundete, das Haupt im Schoß der Frau, schlug die Augen empor – ein Schauer der Freude ging durch seine Glieder, seine Lippen erbebten in dem zitternden Laut:

» Adelaide

»Der Engel von Delhi!« murmelten die Krieger, und ihr Kreis wich zurück von der Gruppe. – – –

Der Serdar selbst mit den kühnsten der Jhansi-Reiter, die den Fall ihres Führers rächen wollten, drang in den Turm, den Silberschild, den er einem von ihnen entrissen, schützend über dem Haupt.

Aber kein Schuß fiel mehr, über die Leichen, in dem Blut ihrer Gefährten flogen ihre Füße die Stufen hinauf. Ein Beilhieb sprengte die Fallthür, die kräftige Faust des Mahratten warf sie in die Höhe, wutentflammt sprang er auf die Plattform der Galerie.

Die Galerie war leer – kein Raum umher, in dem sich ein Kind hätte verbergen können – und dennoch von den Verteidigern des Minarets keine Spur.

Sie waren verschwunden! – – –


Der Blutbrunnen zu Cawnpur.

Der Ausbruch der Empörung in Bithoor bei dem Ball im Schlosse Nena Sahibs war das Signal zur Erhebung des Audh und ganz Central-Indiens.

Während am andern Morgen die Königin von Audh eilig nach ihrem alten Herrschersitz aufbrach, um Lucknow und das Rohilcand in Flammen zu setzen, eilte die kühne Rani von Jhansi zurück nach ihrer Residenz und erhob offen die Fahne des Kampfes gegen die Engländer. Die Truppen des Scindia von Gwalior, ihres früheren Lehnsherrn, verließen diesen, der zu den Briten hielt, und stellten sich unter den Befehl der Rani. Ebenso geschah es mit dem Kontingent des Holkar von Indore.

Die Nachricht von der Befreiung Delhis und der Erhebung des Nena ging wie ein Lauffeuer durch das Land, und bald hatte die Empörung so überhand genommen, daß eine Unterdrückung derselben mit den vorhandenen Kräften der Kompagnie nicht mehr möglich war, obschon fast durchgängig die Sikhregimenter und die Gurkas, die nepalesischen Bergbewohner, unansehnliche, aber kühne und ausdauernde Soldaten, treu geblieben waren.

Man beobachtete in alten Garnisonen die Sepoys und versuchte, wo ihre Treue verdächtig wurde, sie zu entwaffnen. Oft halfen dabei selbst noch Truppen, die wenige Tage darauf sich gleichfalls empörten.

In Jhansi waren sämtliche Europäer, fünfzig an der Zahl, darunter Frauen und Kinder, ermordet worden.

Wir haben bereits erzählt, daß General Lawrence, der Gouverneur von Audh, sich von Bithoor eilig nach der Hauptstadt Lucknow zurückzog, von Sir Mallingham und seiner Gattin begleitet. Lucknow war ein wichtiger Punkt, und der General traf eilig seine Vorbereitungen. Mehrere Tage blieb die Ruhe ungestört, doch die Sicherheit war trügerisch. In der Nacht vom 30. zum 31. Mai begann das 71. Nativ-Infanterie-Regiment die Meuterei, indem es die Bungalows der Europäer in Brand steckte, mehrere Offiziere erschoß, und den Versuch machte, sich der Kanonen zu bemächtigen. Der General war, wie gesagt, vorbereitet. Zweihundert Europäer, einige Kompagnieen des 48. und 13. einheimischen Infanterie-Regiments und die einheimische reitende Artillerie, sowie das 7. Reiter-Regiment waren hinreichend zur Vereitelung des Angriffs auf die Geschütze. Am Morgen des 31. Mai suchten die Empörer sich zu organisieren, wurden indes von der Artillerie, der britischen Infanterie und den Reitern vom 7. Regiment zersprengt und bis nach Mudkipur, zehn englische Meilen von Lucknow, verfolgt, wobei viele von ihnen getötet und gegen hundert gefangen wurden.

Aber kaum von diesem Siege zurückgekehrt, empörte sich das 7. Reiter-Regiment zum größeren Teil, das 13. Nativ-Regiment ging gleichfalls zu den Feinden über, und von dem 48. blieben nur etwa 100 Mann treu.

So sah sich Sir Henry Lawrence genötigt, die weitläufige Stadt aufzugeben und sich in die stark befestigte Residenz und in das von ihm erbaute Fort Mutschi-Baban zurückzuziehen. Lucknow zählte, wie alle großen orientalischen Städte, eine bedeutende Anzahl von Müßiggängern, welche allen Christen fanatisch feindlich gesinnt und stets zu Angriffen auf ihr Leben und Eigentum bereit waren. Diesen predigte ein von Bithoor gesandter Fakir den Krieg gegen die Ungläubigen; sie rotteten sich zusammen, ermordeten in der Nacht zum 1. Juni einen Engländer, der unbesonnen sich aus der Residenz in seine frühere Wohnung gewagt hatte, entfalteten dann die grüne Fahne des Propheten und nahmen, verstärkt durch zwei empörte Sepoy-Kompagnieen, 2000 Mann stark, in Hooseinabad, westlich der Stadt an den Ufern des Coomten, welcher Lucknow im Norden begrenzt, eine Stellung. Hier wurden sie von dem Kapitän Carnegie, der mit einigen treu gebliebenen Truppen und den Peons gegen sie marschierte, zersprengt, und als sie sich in der Nacht wieder an einer anderen Stelle der Stadt gesammelt, nochmals auseinander getrieben, wobei sie viele Tote und Gefangene verloren.

General Lawrence verkündigte jetzt das Standrecht, zwei permanente Kriegsgerichte wurden eingesetzt und eine Menge Aufrührer unmittelbar nach ihrem Verhör gehenkt. Die kräftigen Maßregeln wirkten, die Bazars in der Stadt öffneten sich wieder, das Vertrauen kehrte zurück. Am 2. Juni wurden die Polizei und die treugebliebenen einheimischen Offiziere mit Geld belohnt, und die kleinen europäischen Posten in der Nachbarschaft zur Sicherung der Stadt herbeigezogen. Alle christlichen Einwohner schlossen sich den Truppen als Freiwillige an. Die Ruhe schien wieder hergestellt. Sir Robert Mallingham blieb auf Betreiben seiner Gattin in Lucknow. als dem sichersten Ort, da eine Reise durch das empörte Land zu gefährlich war. Denn täglich gingen Nachrichten über die weitere Ausdehnung der Empörung ein. In Allahabad und Benares war gleichfalls der Aufstand ausgebrochen.

Allahabad ist militärisch wie kommerziell ein sehr wichtiger Punkt für die britische Herrschaft, da die Stadt am Zusammenfluß des Ganges und der Dschumna liegt und einen Wallfahrtsort der Hindus bildet, an dem jährlich über 200 000 Pilger zusammentreffen. Die Empörung brach hier am 5. Juni aus. Ein Regiment Sepoys, das sich zuerst treu bewiesen und sogar gegen Delhi geführt zu werden verlangt hatte, schlug plötzlich um und ermordete in der Nacht gegen 50 Offiziere, die außerhalb des Forts eben am Meßtisch saßen, darunter zehn junge Kadetten, die kurz zuvor aus England eingetroffen waren. Die Empörer bemächtigten sich der Brücke, die hier über den Ganges führt, und begannen dann mit dem Pöbel die Stadt zu plündern. Ein Mohammedaner stellte sich an ihre Spitze, nannte sich den Statthalter des Kaisers von Indien und ließ alle Europäer, die ihm in die Hände fielen, hinrichten. Auch ein Sikhregiment beteiligte sich an der Meuterei.

Auf diese Nachricht eilte Murad Khan, der tapfere junge Häuptling der Sikhs, herbei. Mit seiner Hilfe gelang es der Energie des Obersten Neil, der in Allahabad kommandierte, des Aufstandes Meister zu werden. Er hatte für diesen Zweck nur eine Handvoll Engländer, eine Kompagnie Madras-Füsiliere und ein treugebliebenes Sikh-Bataillon, sowie eine Anzahl bewaffneter Civilisten, die sich ihm als Freiwillige anschlossen. Durch den Willen und die Überredung Murad Khans bezwungen, verließ das Sikh-Regiment die Reihen der Empörer und kehrte zum Gehorsam zurück. Als man in die Straßen vordringen konnte, wurden alle Eingeborenen, welche irgend Widerstand zeigten, niedergestochen. Nachdem die Stadt beruhigt und besetzt war, schifften sich die Europäer auf einem Dampfer zur Verfolgung der längs des Flusses hin fliehenden Insurgenten ein, töteten alle, welche sie erreichen konnten und zündeten jedes Dorf an, wo sie Bewaffnete trafen. Dann wurden Kommissionen zur Aburteilung der Schuldigen niedergesetzt, und eine Woche lang wurden täglich Dutzende derselben gehenkt.

Ebenso gelang es, den Aufstand in Benares, der heiligsten Stadt der Hindus, die zu Ausbrüchen des Fanatismus besonders stets geneigt war, mit Energie niederzuschlagen, indem die Artillerie das empörte Fußvolk mit Kartätschenlagen zu Paaren trieb. Der Galgen war hier permanent, und seine drei Stricke wurden selten leer. Ein Radschah mit seinen beiden Wessieren waren die ersten, die daran aufgeknüpft wurden, bloß weil sie im Verdacht standen, die Unruhen zu begünstigen.

Aber an hundert anderen Orten siegte die Empörung, und wurden die Engländer vertrieben oder ermordet. Selbst in der Nähe von Kalkutta, in Barakpur, meuterten die Regimenter, und um die Mitte des Juni waren bereits zwei Dritteil der Armee von Bengalen in vollem Aufstande.

In Cawnpur, dem Punkt, der zunächst von dem Ausbruch der Empörung im Audh bedroht war, wurden von beiden Seiten Fehler begangen. Es war eine große Unvorsichtigkeit von seiten des Generals Lawrence, daß er das Sikhregiment, das in Cawnpur garnisonierte, auf die Botschaft des Generals Barnard in Delhi marschieren ließ und nach Lucknow eilte, statt sich sofort mit allen treu gebliebenen Truppen gegen das allerdings durch seine natürliche Lage sehr feste Bithoor zu wenden und den Nena anzugreifen. Da dieser sich aber anfangs, von den Scenen des Balles tief erschüttert und in einem halb wahnwitzigen Zustande nach dem Tode der Geliebten, ruhig verhielt, glaubte man Cawnpur nicht gefährdet oder kräftig genug, Widerstand zu leisten. Erst nach der Unterdrückung des ersten Aufstandes in Lucknow und auf die Botschaft, daß die Sepoys der Garnison bereits zum großen Teil zu den Empörern übergegangen waren, sandte der Gouverneur von Audh 84 Europäer dem General Wheeler zur Verstärkung.

Nena Sahib hatte gleichfalls, im Tiefsten seiner Seele durch das schreckliche Ende der Gattin verwundet, die Zeit verstreichen lassen, statt sofort die erste Überraschung der Engländer zu benutzen und sich auf Cawnpur oder Lucknow zu werfen. Ein Fieber mit gräßlichen Phantasieen voll Tod und Blut fesselte ihn fast zwei Wochen lang ans Lager, das Doktor Walding bei Tag und Nacht kaum verließ. Da die großen Führer und Lenker des Aufstandes: Tantiah-Topi und der Derwisch Sofi, sowie Major Grimaldi, sich in Delhi befanden, leitete Baber Dutt, fein Bruder, die Anstalten und mußte sich begnügen, das Heer der Aufständischen zu verstärken, das sich in Bithoor sammelte.

Erst in den letzten Tagen des Mai erhob sich der Nena, ein verwandelter Mann, von seinem Krankenlager. Das finstere Schweigen, das seit dem Verschwinden Margaretens seine Seele befangen, sein Wesen gleichsam umschattet hatte, war einer fieberhaften Thätigkeit gewichen, einer Überreizung der Sinne und des Geistes, die ihn keinen Augenblick rasten ließ.

Mit Walding hatte sich Anarkalli, die Tänzerin, in die Pflege des Kranken geteilt. Sie wechselten in den Wachen an seinem Lager, ihre Hand reichte ihm sorgsam zur bestimmten Stunde die Medizin, und ihr Auge schien jede Spur der fortschreitenden Genesung mit Gier zu verschlingen.

Während dieser sorgfältigen Pflege fand sie, wie der Arzt bemerkte, Zeit und Gelegenheit, täglich mit fremden Personen des verschiedensten Standes: Hindufrauen, Sepoys, Fakirs, Kaufleuten und Bettlern zu verkehren, die ihr Nachrichten aus Cawnpur brachten.

Während der ersten Tage des bewußtlosen Zustandes des Nena war die Leiche seiner unglücklichen Gattin der Erde übergeben worden.

War es Zufall oder Verhängnis – der Arzt, der die Anstalten leitete, hatte denselben friedlichen und schönen Platz gewählt, der die sterbliche Hülle der jungen Prinzessin der Sikhs barg. Ohne Ahnung von dem schrecklichen Opfer der Thugs, dessen Tod so weit reichende und traurige Folgen für die Befreiung Hindostans haben sollte, gruben die Männer das Grab der Gattin des neuen Peischwa dicht an der Ruhestätte Mahanas und des alten Schotten, der ersten Opfer der Herrschaft des Nena über die Kinder der Finsternis.

Als der Bahadur am elften Tage die Augen aufschlug, die Hand an die Stirn legte, und sein erstes Wort mit dem Blick voll Haß und Rachgier der Name »Rivers« und eine Verwünschung des Verdammten war, legte die Bayadere den Finger auf seinen Mund.

»Möge die Hoffnung Hindostans schlafen und in der Ruhe neue Kräfte gewinnen. Sein Feind hat die Mauern Cawnpurs nicht verlassen. Er ist in seiner Hand und wird seiner Rache nicht entrinnen. Die Krieger des Srinath umgeben die Stadt auf allen Seiten.«

Der Nena zog einen kostbaren Diamant vom Finger und reichte ihn der Tänzerin. Mit diesem Trost, den er erhalten, sank der Kranke in neuen Schlummer; mit diesem Trost erholte er sich wunderbar von Stunde zu Stunde. Am fünfzehnten Tage nach dem Ball bestieg er sein Roß und sprengte gen Cawnpur, sechs Stunden nachher war die Stadt ringsum von einer Postenkette der Sepoys umgeben, die der Nena selbst aufgestellt und revidiert hatte.

Jede der Abteilungen war von einem seiner Vertrauten, einem jener furchtbaren Kohorte befehligt, die er selbst sich gezogen, den Männern von Stahl und Eisen, den geborenen Feinden der Engländer, bis auf Gibson, den Tigerjäger, den die Liebe zu seinem Zögling und der gewohnte Gehorsam, gleichgültig gegen sein Vaterland gemacht hatte.

Als der Nena wieder im Schloß zu Bithoor anlangte, ließ er den unglücklichen Bruder seines Weibes kommen.

»Edward O'Sullivan, mein Bruder,« sprach er zu ihm, »die Stunde der Vergeltung ist gekommen, die uns noch einmal die bösen Götter aus der Hand gewunden. Freue Dich, Bruder Margaretens! Bei dem Tod, der im Verborgenen trifft! Ehe der Mond wechselt, will ich die Zunge des Verräters ausreißen und Dir geben, will ich seine Arme unter tausend Martern vom Leibe hauen und an die Stelle der Deinen setzen, und wehe dem, der es noch einmal wagt, dem Tiger von Bithoor seine Beute streitig zu machen!«

Ein drohender, furchtbarer Blick streifte bei den Worten das ruhige, feste Auge des Arztes, dem der Nena sonst mit großer Achtung und Freundschaft begegnete.

Von diesem Augenblick an durfte der Verstümmelte den Nena nicht mehr verlassen.

Gleich seinem bösen Dämon stand Anarkalli, die Bayadere, an der Seite des Bahadur. Sie genoß sein volles Vertrauen, und er pflegte stundenlang geheime Unterredungen mit ihr. Das in ihrem Haß jetzt wie einst in ihrer Liebe leidenschaftliche Weib schien sich zu vervielfältigen im Dienst dieses Herrn und ihrer Rache. Mit geheimem Schmerz und wachsender Besorgnis sah der deutsche Arzt, wie sie täglich Spione aus Cawnpur empfing, wiederholt selbst unter unkenntlichen Verkleidungen auf halbe Tage und Wochen verschwand, und wenn sie wiederkehrte, der höllische Triumph des Hasses auf ihrem schönen Gesichte lag.

Sie war ganz die Sutha, die Verlockerin, die Lieferantin der unglücklichen Opfer, aber nicht mehr des einzelnen Opfers, das sie unter den Küssen der Wollust dem drohenden Seidentuch überlieferte, nein, ein Dämon im großen, der seinem Herrn und Gebieter eine ganze Bevölkerung, tapfere Krieger, edle Frauen, unschuldige Kinder zu liefern bemüht war.

Der Arzt erbebte, wenn er sie sah, sie, deren Leib er einst begehrend umfangen in der Würgerburg der Wüste, ehe eine heilige und keusche Liebe seine Seele erfüllte. Er wußte, daß sie jenem furchtbaren Bunde angehörte, daß sie eine Sutha sei; aber hätte er geahnt, daß der Mann, dem sie und er dienten, das Oberhaupt jenes Bundes war, er hätte auch die letzte Hoffnung aufgegeben, die er jetzt noch hegte, auf das Herz des Nena zu wirken in der Stunde der Not.

In der Nacht nach dem Tage, an dem der Peischwa, denn diesen Titel gaben ihm jetzt alle, die sich ihm nahten, die Postenkette Cawnpurs besichtigt hatte, sah man in der Stadt eine große Feuersbrunst, auch das letzte der drei Nativ-Regimenter 5, 31 und 56, welche mit den Sikhs die Besatzung von Cawnpur ausgemacht, zündete seine Bungalows an und ging zu den Empörern über.

General Wheeler erkannte die Unmöglichkeit, die Stadt zu halten. Nach kurzem Kriegsrat wurde, hauptsächlich auf den Rat der tapferen Offiziere Ashe, Moore und Halliday, deren Name der Leser zum Teil bereits in diesem Buche begegnet ist, beschlossen, das Fort aufzugeben und das auf dem höchsten Punkt des Ufers belegene Lazarett mit der anstoßenden Kaserne zu befestigen.

Hierhin zog sich General Wheeler mit seinen geringen Streitkräften zurück, etwa 50 englischen Artilleristen, 80 Mann, die ihm nach der Unterdrückung des ersten Aufstandes in Lucknow Sir Henry Lawrence unter dem Kommando der Leutnants Thompson und Delafosse zu Hilfe gesandt, und an 50 Offizieren verschiedener Regimenter, die, aus ihren Garnisonen vertrieben, sich hier versammelten, nebst den europäischen Beamten und Kaufleuten der Stadt. Die Zahl der waffenfähigen Europäer betrug etwa 250 bis 260, die Zahl der Frauen und Kinder, die zu ihnen gehörten, 240.

Noch während der Krankheit des Nena, in der letzten Hälfte des Mai, hatte General Wheeler durch einen Indier einen anonymen Brief erhalten, in dem ihm der Schreiber in englischer Sprache anbot, die Frauen und Kinder sicher nach Allahabad zu geleiten, und versicherte, daß Baber Dutt, der Bruder des Peischwa, diese Flucht gestatten wolle. Die Handschrift schien dem General nicht unbekannt; als Editha sie sah, wurde sie tief bewegt, denn sie hatte einen gleichen Brief erhalten, aber zu aufopfernd und edel, um ihre Verwandten in der Stunde der Gefahr zu verlassen, verschwieg sie, daß sie wohl wußte, man könne auf die Redlichkeit des Schreibers bauen, und General Wheeler, die Gefahr nicht so groß wähnend und sicher auf baldigen Ersatz hoffend, schlug das Anerbieten aus. Nur eine Frau mit zwei Kindern fand sich an der im Briefe bezeichneten Stelle ein; sie wurde von Ralph, dem Bärenjäger, und Gibson empfangen und über die Wachen der Sepoys hinaus an die Ufer des Ganges gebracht, wo sie ein Schiff aufnahm und sicher nach Allahabad brachte.

Diese Bewilligung war das Geschenk Baber Dutts an den deutschen Arzt für die Pflege seines Bruders, und Walding verstand wohl die Warnung in den Worten des Nena. Er vermochte nichts mehr zu thun und mußte das Weitere dem Willen Gottes überlassen.

Die Verschanzung der Briten in Cawnpur war 500 Fuß lang und 200 Fuß breit und von 16 leichten Kanonen verteidigt, aber leider schlecht mit Munition und Lebensmitteln versehen. Der Nena wußte, daß zwischen diesen Wällen sein Todfeind Rivers sich befand, dem sein Stolz nicht erlaubt hatte, bei Zeiten sich zu retten, obschon er von fast allen seit jener entsetzlichen Erklärung auffallend gemieden wurde.

Vergeblich hatten daher die Empörer von Lucknow auf die Hilfe des Peischwa gerechnet und Botschaft an ihn gesandt nicht um den Besitz von ganz Indien wäre der Srinath von der Stelle gewichen, wo er sein Opfer wußte.

Am 5. Juni zog Nena Sahib unter dem Triumphgeschrei des fanatisierten Volkes, das ihn als seinen Helden als den Befreier Indiens begrüßte, in Cawnpur ein. An seiner Linken ritt Edward O'Sullivan, dessen Pferd die riesige Gestalt Ralphs, des Bärenjägers, führte. Achttausend Sepoys, Reiter und Fußvolk mit 35 Kanonen begleiteten ihn.

Die Engländer im Innern ihrer Verschanzungen hörten das Geschrei des Pöbels, sie sahen von den Parapets ihrer kleinen Bastion die drohende Wolke der Feinde sich im Halbkreis um die Stadt ringeln, dessen Sehne die breite Fläche des heiligen Stromes war. Auf die Waffen und Schaufeln gestützt, mit denen die Abteilungen abwechselnd seit zwei Tagen und zwei Nächten an den Verschanzungen gearbeitet, während Frauen und Kinder durch Herbeitragen von Erde und Steinen halfen, schauten sie mit trotzigem Blick auf diese Masse, die sie in ihrer Umarmung zu erdrücken drohte.

General Wheeler selbst, angegriffen von den Anstrengungen der letzten Tage, gebrochen in seinem Innern von Besorgnissen und dem Vorwurf, blind gewesen zu sein gegen die drohende Gefahr, lag krank in den gewölbten Räumen des Lazaretts, von seiner Tochter und seiner Nichte gepflegt, während sein Sohn die Dienste eines Adjutanten versah und mit seinen Kameraden die Armierung der kleinen Wälle leitete.

Noch in der Nacht begann der, Kampf, indem die Artillerie des Nena das Feuer gegen die Verschanzungen eröffnete.

Der Nena selbst hatte nicht in einem der Häuser oder Paläste von Cawnpur Wohnung genommen, sondern sein Zelt an der Stelle des früheren Bungalow des Residenten Rivers aufgeschlagen, jenem Orte der Schande und des Verderbens unschuldiger Geschöpfe, dem Orte des schändlichen Gefängnisses der Frau, die er allein geliebt auf der Welt.

Hier, auf seinen Teppichen sitzend, in die weißen Musselin-Gewänder mit dem roten Zeichen auf der linken Seite gehüllt, den Tilluk auf der Stirn, In dieser Stellung zeigte ihn das seinerzeit in Europa sehr bekannt gewordene Bild. die mit Edelsteinen bedeckte Hukah zwischen den Lippen, brütete er finster, seine rollenden Augen auf den Dampf der Batterieen geheftet, über seiner Rache. Dann wieder sprang er plötzlich empor, verlangte sein Pferd, umkreiste in rasendem Galopp die kleine Feste, die seinen ganzen Haß einschloß, und entflammte seine Krieger mit Belohnungen und Drohungen zu neuen Anstrengungen.

Die Kanonade dauerte mit kurzen Unterbrechungen den ganzen Tag fort. Die große Geschicklichkeit der europäischen Artilleristen wurde durch das schwere Kaliber der Artillerie des Nena wieder aufgewogen, die aus größerer Entfernung feuern und sich dadurch vor den wohlgezielten Schüssen der Belagerten sichern konnte, nachdem sie in dieser Beziehung blutige Erfahrungen gemacht hatte.

Dagegen thaten die Endfield-Rifles der Engländer den Sepoys fortwährend bedeutenden Schaden. Die zahlreichen Offiziere schossen mit dieser furchtbaren Waffe mit großer Sicherheit und auf weite Entfernung, und wo sich ein Sepoy unvorsichtig zu zeigen wagte, war er die sichere Beute der Schützen.

Der Tag verging so unter gegenseitigem Plänkeln – jedermann begriff, daß es nur das Vorspiel blutigen Ernstes war.

Das Kommando hatte Oberstleutnant Stuart übernommen. Die Journale haben uns einen Teil der Namen der tapferen Verteidiger der improvisierten Feste mir ihrem blutigen Geschick aufbewahrt.

Außer Oberstleutnant Stuart und den beiden Wheeler gehörten dazu unter anderen Major Conelly und Moore, die Kapitäne Ashe, Lowe, Forbes, der Brevet-Kapitän Edward Delafosse, Leutnant Sanders und Halliday, der Quartiermeister Follington, Doktor Tod-Brice und Oberst Williams. Unter den Frauen befanden sich die Töchter des Generals Wheeler und seine Nichte, Miß Editha Highson, sowie Miß Soldie, eine schöne und reiche Erbin.

Der Tag ging rasch in die Nacht über, und die Belagerten stellten ihr Feuer ein, um nicht ihre ohnehin geringe Munition unnütz zu schwächen, während der Feind in seiner Kanonade fortfuhr. Oberstleutnant Stuart befahl, die sechzehn Kanonen des Forts mit Kartätschen zu laden. Im Schutz der Dunkelheit gelang es, sechs von dem kleinsten Kaliber auf das flache Dach der Kaserne und des Hospitals zu schaffen. Die Posten waren verdoppelt, die nicht im Dienst befindlichen Männer nahmen einige Nahrung zu sich und warfen sich im Schutz der massiven Mauern auf den Boden, ihre Waffe zur Seite, um einige Ruhe zu suchen nach den Anstrengungen des Tages und der Nacht.

Von Zeit zu Zeit schlug eine Vollkugel der nächsten Hindu-Batterie gegen die festen Mauern oder fuhr in den Erdwall, die Bresche erweiternd, die das Feuer des Tages bereits gerissen. Eine Anzahl von Männern, von zwei zu zwei Stunden sich ablösend, war unter Leitung des Leutnant Halliday beschäftigt, die schmale Schranke auszubessern, die sie allein vor den Säbeln der Feinde schützte.

Der Offizier, dessen Leichtsinn und Übermut wir einst die religiösen Gebräuche der Sepoys beleidigen und nicht wenig zur Schürung des geheimen Feuers beitragen sahen, erfüllte jetzt mit der größten Aufopferung und Kühnheit seine Pflicht.

Es mochte gegen 11 Uhr sein, als zwei Frauengestalten, in schwarze Mäntel gehüllt, aus der Thür des Hospitals traten, in dem die Kranken, die Frauen und Kinder untergebracht waren. Sie trugen kleine Körbe am Arm und trippelten über den freien Platz hinweg nach dem Wall, an dem die dunklen Schatten der arbeitenden und wachehaltenden Männer sich abzeichneten.

In der Nähe der Bresche trat ihnen ein Offizier entgegen. »Was wollen Sie hier, meine Damen? Es ist Befehl gegeben, daß die Frauen das Hospital nicht verlassen sollen. Der Platz hier ist gefährlich, der Feind hat sein Feuer noch nicht eingestellt, und es könnte eine Kugel hier einschlagen. Kehren Sie zurück in die Gebäude.«

Die Stimme machte eine der Frauen erbeben. »Leutnant Sanders,« sagte sie leise, »wird uns nicht hindern wollen, auch unsererseits eine Pflicht zu erfüllen. Wir wollen den Männern, die so angestrengt für unsere Sicherheit arbeiten, eine Stärkung bringen.«

»Ei was, glauben Sie es nicht, Sir, das ist bloß ein Vorwand,« lachte die silberhelle Stimme der jungen Miß Wheeler, »Hugh schnarcht wie ein Bär, und die Angst und Neugier litt uns nicht länger in dem Zimmer des Generals. Alle anderen Räume sind mit Menschen und erstickender Luft gefüllt. Wir wußten Personen hier außen, die wir lieben, und für deren Wohl zu sorgen wir gewisse Verpflichtungen haben – das ist die Ursache, daß wir die Order brachen.«

Der Offizier hatte bei dem ersten Wort, das sie sprach, seine Verlobte erkannt. Nach jener Erklärung im Garten des Palastes zu Bithoor hatten die Ereignisse, die militärischen Pflichten, aber auch die Absicht der Dame selbst jedes weitere Gespräch unter vier Augen verhindert, ja, Editha hatte es so viel als möglich zu vermeiden gewußt, Sanders zu sehen. Die Verhältnisse aber, die von Tage zu Tage wachsende, alle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmende Gefahr hatten ihrer Umgebung unmöglich gemacht, die eingetretene Spannung und Kälte zu bemerken.

So war es das erste Mal, daß der Offizier der Geliebten ohne andere Zeugen als ihre Cousine nahe war.

»Miß Highson,« sagte er mit einiger Verlegenheit, »wird sicher meine Besorgnis gerechtfertigt finden, nachdem ich sie erkannt. Ich kann nicht dulden, daß sie sich solcher Gefahr aussetzt. Ich danke ihr auf das Innigste für diesen Beweis ihrer Teilnahme, den ich kaum erwartet hätte.«

»Meine Teilnahme, Sir,« entgegnete Editha kalt, »gehört jedem unserer tapferen Verteidiger in gleichem Maße. Wir sind die Töchter von Soldaten und hegen keine Furcht.«

»Und wollen auch die Frauen von solchen werden, wenn der abscheuliche Nena uns nicht etwa allen den Hals abschneidet, ehe der Entsatz kommt,« spottete die junge Miß. »Ich für meinen Teil gestehe, daß ich den ganzen Tag wie Espenlaub gezittert habe, obschon ich eine Generalstochter bin. Editha hat alle Mühe gehabt, mich zu bereden, mit ihr zu gehen, und ich sehe daher gar keinen Grund, jetzt zu verschweigen, daß unser Gang hauptsächlich einer sehr unliebenswürdigen Person galt, die man Leutnant Sanders zu nennen pflegt!«

Der Offizier erbebte freudig überrascht. »Wie, teure Editha, darf ich glauben …«

»Ich wünschte allerdings Sie zu sprechen; wenn es sein kann, auf einige Augenblicke allein, und da dies nicht in dem Hospital geschehen kann, haben wir Sie aufgesucht.«

»Und Sie scheuten die Gefahr der Kugeln nicht – Sie …«

Das Mädchen machte eine stolze und ungeduldige Bewegung mit der Hand.

»Wenn Sie Halliday oder etwa Forbes einen kleinen Wink geben wollen, daß ein Wesen wie Julia Wheeler in der Welt existiert und zwar in der Nähe dieser abscheulichen Erdhaufen,« lächelte ihre Begleiterin, »so wird sich vielleicht eine Gelegenheit finden, das tête-à-tête meiner hübschen und so erschrecklich ernsten Cousine nicht allzusehr zu stören.«

»Das Feuer des Feindes hat nachgelassen, es fallen nur noch einzelne Schüsse,« sagte der Offizier, »Halliday wird seine Anweisungen erteilt haben und abkommen können. Ich eile, ihn zu rufen, indem ich bitte, mir Ihre freundlichen Gaben anzuvertrauen.«

Er nahm die beiden Körbe und ging nach der Bresche. Bald darauf kam er in Begleitung eines zweiten Offiziers zurück. Halliday begrüßte erfreut die Tochter des Generals und zog sich mit ihr unter den Schutz der aufgehäuften Faschinen und Erdkörbe zurück, während Editha ihrem Verlobten einen Wink gab, ihr zu folgen.

Sie stieg furchtlos zum Parapet des Walles hinauf und ging auf diesem entlang trotz der dringenden Bitten des Offiziers.

»Ich wiederhole Ihnen, Sir, ich fürchte mich nicht, und vielleicht ist das Schicksal, hier von einer Kugel getötet zu werden, ein glücklicheres, als das, was uns erwartet. Dieser verlassene Ort eignet sich am besten zu dem, was ich Ihnen zu sagen habe. – Schicken Sie den Mann dort fort!« – Sie wies auf einen Soldaten, der an einem Geschütz lehnte.

Der Offizier trat zu der Schildwache, bedeutete ihr, daß er einstweilen den Posten versehen werde, und schickte sie nach der Bresche hinunter, ihren Teil an den dorthin gebrachten Erfrischungen zu empfangen.

Als sie allein waren, wandte sich der Leutnant zärtlich zu der Geliebten. »Teure Editha,« sagte er, indem er ihre Hand zu fassen versuchte, »wie glücklich machen Sie mich durch die Verzeihung eines Leichtsinns, der Sie betrübt hat. Ich schwöre Ihnen …«

Die Dame zuckte ungeduldig die Schultern. »Keine Täuschung, Sir! Der Grund, wegen dessen ich Sie aufsuchte, ist nicht der Wunsch, unser Gespräch von Bithoor zu erneuern. Mein Entschluß in dieser Beziehung ist gefaßt, und ich bitte Sie, nicht wieder darauf zurückzukommen.«

»So wollen Sie niemals verzeihen, was …«

»Hören Sie mich an, Sir, und beantworten Sie mir die Fragen, die ich an Sie thun will. Ich kenne Sie als einen tapferen, mit dem Charakter unserer Gegner vertrauten Soldaten. Was halten Sie von unserer Lage? Aber antworten Sie mir, wie Sie einem Manne, einem Krieger antworten würden.«

Der Offizier zögerte einige Augenblicke. »Was ich Ihnen sagen könnte, ist nicht viel Tröstliches – ich fürchte, wir sind in einer bösen Klemme.«

»Und der Entsatz, von dem mein Onkel spricht, auf den alle hoffen?«

»Ich halte ihn für mehr als zweifelhaft. Die Ruhe in Lucknow ist trügerisch, ebenso in Allahabad und Benares. Das schlimmste ist, daß man die Gefahr unserer Lage nicht einmal ahnen wird.«

»Hat man denn keine Botschaft an unsere Freunde, an unsere Landsleute gesandt?«

Der Offizier machte eine bedauernde Bewegung. »General Wheeler, Ihr Oheim, Miß, hielt sich anfangs für stark genug, der Gefahr zu begegnen. Er glaubte nicht an die rasche Ausdehnung der Meuterei und an den Verrat aller seiner Truppen. Es war ein Unglück, daß wir das Sikh-Regiment marschieren ließen. Als er erkannte, daß Cawnpur nicht zu halten war, war es zu spät und alle Verbindung durch die Empörer abgeschnitten.«

»Und glauben Sie, daß, wenn die Nachricht von unserer gefährdeten Lage auf eine oder die andere Weise nach den benachbarten Garnisonen gelangen könnte, wir uns so lange zu halten vermöchten, bis Entsatz eintrifft?«

»Es wird alles darauf ankommen, Miß, wie bald uns dieser Entsatz wird. Seit vier Tagen, seit die geringe Unterstützung von Lucknow angekommen, ist uns jede Verbindung nach außen abgeschnitten – wir wissen nicht, wie die Verhältnisse stehen, was wir zu hoffen oder zu fürchten haben.«

Die Miß sann eine Weile nach. »Sie wissen, Sir,« sagte sie dann, »daß vor acht oder zehn Tagen dem General das Anerbieten gemacht wurde, alle Frauen und Kinder sicher nach Allahabad zu geleiten?«

»Ich weiß es, und ich bedauere jetzt schwer, daß ich nicht ernstlicher in Sir Hugh drang, das Anerbieten anzunehmen.«

»Aber Sie wissen auch, von wem dieses Anerbieten ausging?«

»Das Schreiben war anonym, wahrscheinlich von einem der Babus, die uns verpflichtet sind und auf die Zukunft rechnen. Vielleicht auch war es eine Falle, und die unglückliche Mistreß Mac-Pherson hat für ihre Eile, uns zu verlassen, büßen müssen.«

»Der Vorschlag war aufrichtig und wahr. Ich kenne den, der ihn machte und vertraue ihm.«

»Wie, Miß – Sie erkannten ihn – und Sie zögerten, sich und Miß Wheeler zu sichern?«

»Unsere Stelle ist an der Seite unserer Verwandten.«

»Und wer war es – wenn ich fragen darf?«

»Es war ein Mann, der sich Ihnen und mir bewährte in der Stunde der Gefahr, ein Edler, der zehnfach sein Leben gewagt hat, die Ehre und das Leben Editha Highsons zu schützen – derselbe, dessen Rat uns allein aus den Händen des Nena rettete, als wir der Rache zum Opfer fallen sollten für die fluchwürdige That, mit der man sein Herz zerrissen.«

»Doktor Clifford, ein Verräter seiner Landsleute, das Werkzeug und der Vertraute des Nena, unser Feind?«

»Clifford oder Walding,« sagte die Miß mit Festigkeit, »welchen Namen er auch führen mag, er ist ein edler Mann und vielleicht unser Gegner, aber gewiß nicht unser Feind!«

»Ich will nicht mit Ihnen streiten, Miß, aber, welche großen Dienste uns auch Doktor Clifford erwiesen hat, ich liebe die Männer nicht, die ihrer Farbe, ihrem Glauben untreu und die Freunde unserer Feinde sind. Der Anteil des Doktors bei der Flucht des Sikhprinzen ist außer allem Zweifel.«

»Dennoch ist er der einzige Freund, den wir haben. Er ist kein Engländer, und wenn ich manche seiner Worte richtig gedeutet habe, hat er von England schweres Unrecht erfahren; erinnern Sie sich auch, daß er nicht zu unseren Fahnen geschworen und den Dienst als Hospitalarzt nur stellvertretend auf den Wunsch meines Oheims übernommen. Nicht jeder, der in seinen Freundschaftsbanden von seiner Farbe und seinem Glauben abweicht, verdient deshalb unser Mißtrauen.«

Die Nacht verbarg die dunkle Glut, die bei diesen Worten das Gesicht des Offiziers übergoß.

»Wessen sich Miß Highson so warm annimmt,« sagte er nicht ohne Empfindlichkeit, »der muß auch in meinen Augen gerechtfertigt erschienen. Darf ich fragen, in welchem Zusammenhang Doktor Clifford – unter anderm Namen kenne ich wenigstens den Herrn nicht – mit dieser Zusammenkunft steht? Ich darf Sie ohne genügenden Grund nicht länger an solcher Stelle der Gefahr aussetzen, welch große Ehre auch für mich eine längere Unterhaltung mit Miß Highson ist.

»Ich wiederhole Ihnen, Doktor Clifford ist der einzige Freund, und nach dem, was Sie mir über unsere Lage gesagt haben, vielleicht der einzige, der uns retten kann. Ich habe viel über meine Pflicht nachgedacht und bin zu der Überzeugung gekommen, daß sie darin besteht, den geringen Einfluß, den ich vielleicht – auf Doktor Clifford besitze, zum besten meiner Verwandten und Landsleute zu benutzen.«

»Aber was kann ich dabei thun, Miß?«

»Ich wandte mich an Sie, Sir, weil Sie allein den Edelmut und die Aufopferung dieses Mannes würdigen konnten, und ich daher hoffte. Sie würden mir raten und beistehen.«

»Ich begreife noch immer nicht, Miß, wie es mir möglich sein soll …«

»Ich habe ihm geschrieben,« unterbrach ihn das Mädchen, »hier ist der Brief. Es ist nötig, daß er heimlich in seine Hände gelange. Vielleicht kennen Sie unter der Garnison einen Mann, der Kühnheit und Gewandtheit genug besitzt, sich in das feindliche Lager zu wagen und diesen Brief zu überbringen.«

Der Offizier sann einige Augenblicke nach. Wie unangenehm es ihm auch persönlich sein mochte, zu einem Verkehr seiner Verlobten mit einem Manne die Hand zu bieten, dessen biedere und treue Hingebung für ihn den Charakter einer beschämenden Last anzunehmen begann, und in dem er unwillkürlich den Nebenbuhler ahnte, so fühlte er doch, daß es zu wichtig sei, im feindlichen Lager Verbindungen zu haben, als daß er nicht jedes Bedenken hätte unterdrücken sollen.

»Weiß der General, Ihr Oheim, um Ihre Absicht, Miß?«

»Keine Seele! Ich habe kein Recht dazu, Geheimnisse, die wir beide allein über Doktor Clifford wissen, zu verraten, und je weniger Personen um meine Absicht wissen, desto besser wird es für deren Erfolg sein.«

»Wohlan denn, wenn Sie nicht mich oder einen andern Offizier mit der Botschaft betrauen wollen, so kenne ich nur einen einzigen Mann, der mir Kühnheit und Schlauheit genug zu haben scheint, um den gefährlichen Gang mit einiger Aussicht auf Erfolg zu unternehmen.«

»Und wer ist dies?«

»Der Soldat, den ich soeben von diesem Posten entfernte, Mickey, den irländischen Sergeantmajor Stuarts – Sie müssen den dummdreisten und dabei doch unendlich schlauen Burschen, der überall ist, bemerkt haben.«

»In der That, ich glaube ihn zu kennen. Versprechen Sie ihm jede Belohnung. Damit Sie wissen, was dieser Brief enthält, bitte ich Sie, ihn zu lesen.«

»Sie werden erlauben, daß ich mich dessen weigere, Miß,« erwiderte der Offizier stolz. »Übrigens wird es nötig sein, die erste günstige Gelegenheit zu benutzen, womöglich noch in dieser Nacht.«

»Das eben dachte ich – die Bitte, daß Sie Kenntnis nehmen möchten von dem Inhalt dieses Briefes entsprang aus dem Wunsch, Ihrer reifern Erfahrung das zu unterbreiten, was ich von Doktor Clifford erbitte.«

»Es wird genügen, wenn Sie mir die Ehre anthun, es mir mündlich zu sagen.«

»Ich bat ihn, mir auf irgend einem Wege Nachricht zukommen zu lassen, ob wir von Allahabad oder Lucknow Hilfe zu erwarten haben. Vielleicht ist es ihm möglich, den Maharadschah, dessen Gunst und Vertrauen er zu besitzen scheint, zum Rückzug zu bewegen.«

Der Offizier schüttelte den Kopf. »Wenn der Orientale die Übermacht hat, pflegt er sie auf das grausamste zu brauchen. Erinnern Sie sich, Miß, daß der Todfeind des Nena sich in unserer Mitte befindet.«

»Und sollten wegen des einen, der ein Bösewicht ist, so viele Unschuldige leiden?«

»Es ist wahr, Major Rivers hat es etwas arg gemacht; indes, er ist ein Engländer, und unsere Ehre gebietet uns, ihn zu schützen. Bei Jove! ich wünschte, wir würden auf andere Weise ihn mit guter Manier los – das Gesicht der armen wahnsinnigen Frau in ihrem Sarg könnte mir den Arm fesseln, wenn ich einen tüchtigen Hieb gegen einen dieser schwarzen Halunken thun will. Doch da kommt der Mann zurück, den ich Ihnen empfohlen habe. Wenn ich ihn recht kenne, ist er keineswegs der Bursche, ein Abenteuer dieser Art auszuschlagen.«

In der That kam Mickey, der Sergeantmajor und Proviantmeister des 31. Regiments, von dem Teile des Walles langsam dahergeschlendert, dem sich die beiden Damen zuerst genaht hatten.

Der Irländer kam daher, eine Flasche in der Hand, deren Löwenanteil er auf irgend eine Weise seinen Kameraden abzulisten verstanden hatte.

Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, sie prüfend gegen den Himmel haltend und dann wieder einen Schluck daraus nehmend.

»Akuschla, mein Liebling,« sagte er, behaglich sie streichelnd wie ein kleines Kind. »Der Rum, den die schwarzen Höllenhunde brauen, ist wahrhaftig ein nützliches Getränk, um die Augen offen zu halten in solcher vermaledeiten Nacht! – Jedem das Seine; der Leutnant hat da so 'nen schmucken Unterrock, wie nur je einer um die Waden von Betty O'Flanaghan gehangen hat – bei Jäsus! es ist billig, daß ich für den Rest der Wache die Flasche behalte.«

Er war unterdes herangekommen und blieb in einiger Entfernung von dem Paar stehen, bis der Leutnant ihn näher rief.

»Mickey Free,« sagte er, »es giebt zehn Pfund zu verdienen, und uns allen einen großen Dienst zu leisten, der vielleicht die Garnison retten kann, wenn Ihr einwilligt.«

»Jäsus, zehn Pfund sagen 'r Gnaden? So viel Geld hat meiner Mutter Sohn lange nicht beisammen gesehen. Und was soll ich thun dafür? Soll ich dem Kerl, dem Nena, vielleicht den Schädel mit dem Kolben einschlagen?«

»Nicht ganz so viel, Sergeantmajor. Ihr sollt bloß einen Brief überbringen.«

»Und an wen? wenn's 'r Gnaden gefällig ist?«

»Ihr erinnert Euch an Doktor Clifford?«

»Gott, mein Härre, werd' ich nicht? Er pflasterte mir meinen Kopf zusammen, als ihn der Schurke Korporal O'Connas vom 56sten wegen der kleinen Merry, der Kammerjungfer, eingeschlagen hatte. Aber so wahr meiner Mutter Beine den besten Hopser tanzten, der je in Galway getanzt worden ist, ich tränke es dem Burschen ein.«

»Ihr versteht das Hindostani etwas?«

»All Ihr Heiligen! was werd' ich nicht? Muß ich nicht für Oberst Stuart und die Offiziere mich genug herumzanken mit den schwarzen Halunken, um alle Tage eine Mahlzeit auf den Meßtisch zu stellen?«

»Ich meinte, ob Ihr genug Hindostanisch verständet, um Euch allenfalls in das Lager der Rebellen wagen zu können, ohne sofort erkannt zu werden?«

Der Irländer kratzte sich hinter den Ohren. »In das Lager der Pandys, Schimpfnamen, den die englischen Soldaten den empörten Sepoys gaben, nach dem Ersten (Mungul Pandy), der wegen Verdachts der Meuterei gehängt wurde. meinen 'r Gnaden?«

»Ja wohl; der Mann, den Ihr zu sprechen suchen, und dem Ihr den Brief übergeben sollt, ist Doktor Clifford und er befindet sich in der Umgebung des Maharadschah von Bithoor.«

»Je nun – wenn's nicht anders sein kann – ich glaube, die Schufte mögen mich noch am besten leiden von allen, die weiße Gesichter haben. Muschla – ich habe da einen Kerl, er nennt sich Nudschur Dschewarri, wenn ich das Kauderwelsch recht verstehe, den könnt' ich beinahe einen Freund heißen, wenn der Halunke ein Christenmensch wäre. So ist er freilich nichts, als ein schmutziges schwarzes Vieh. Aber das thut nichts, er war der beste Korporal im ganzen Einunddreißigsten.«

»So wollt Ihr das Abenteuer wagen? Es handelt sich darum, sobald als möglich den Brief in des Doktors Hände und uns Antwort zu bringen.«

»Heiliger Sankt Patrik, was werd' ich nicht. Wenn 'r Gnaden mir nur Urlaub verschaffen wollen, damit ich nicht als Ausreißer gelte, will ich wahrhaftig den Rauch von des Nena Hukah in der Nase haben, eh' noch der Kerl seinen Rosenkranz beten kann!«

»Ich werde sofort für Eure Ablösung sorgen und Euch bei Oberst Stuart rechtfertigen. Trefft demnach Eure Vorbereitungen, um einen günstigen Augenblick benutzen zu können. Vertrauen Sie gefälligst dem Mann den Brief an, Miß, und lassen Sie uns gehen.«

»Wenn ich den Sergeantmajor recht verstanden habe,« sagte Miß Editha, »so will er sogleich sich auf den Weg machen. Lassen Sie mich hier bleiben, Sir, während Sie einen Mann zur Ablösung befehlen.«

Der Offizier verneigte sich schweigend und entfernte sich – er verstand, daß die Dame mit dem Boten allein zu sein wünschte.

Diese benutzte in der That die Gelegenheit.

»Wenn Sie Doktor Clifford sprechen, mein Freund, so geben Sie ihm diesen Ring zurück, er wird ihm zeigen, wer Sie sendet, und sagen Sie ihm, daß ich all meine Hoffnungen auf ihn gesetzt habe, und daß, wenn seine Anstrengungen uns nicht zu retten vermögen, Editha Highson auch in der Stunde des Todes seiner noch mit Achtung und Freundschaft gedenken wird. Gott geleite Sie auf dem gefährlichen Wege und sei Ihr Schutz!«

Der Irländer, mit mehr Takt und Gefühl, als man seiner rohen Natur hätte zutrauen sollen, beugte sich über die Hand, die sie ihm reichte, und küßte ehrerbietig die Fingerspitzen.

»Ich will dreimal länger im Fegefeuer braten, als Pater O'Donnoghue, der alte habsüchtige Hund, mir in meiner Jugend zugesprochen wegen der paar lumpigen Äpfel, die ich aus dem Priestergarten stahl, wenn ich nicht jetzt lieber den Brief besorge, seit ich weiß, daß er von Ihnen kommt. Merry Dikson, der jungen Lady Kammerjungfer, hat mir viel Gutes von Ihnen erzählt, und die schwarzen Bursche sollen Mickey Free in einem Ölkessel sieden, wenn er sich nicht dankbar beweist für die Freundlichkeit, die Sie gegen das arme Mädchen gehabt haben. Sollten die Pandys mir ihren Hanf zu kosten geben, so mögen Ihr Gnaden der amen Merry sagen …«

Eine Hand legte sich auf seinen breiten Mund, eine dunkle Gestalt, wie aus der Erde gestiegen, erhob sich zwischen dem Geschütz und der Brustwehr aus dem tiefen Schatten, der sie bisher den Blicken der Sprechenden verborgen.

»Still – keinen Laut!« flüsterte die Stimme des Fremden, mit den englischen Worten wenigstens die Erschrockenen beruhigend, die anfangs einen eingedrungenen Feind zu sehen geglaubt. »Nieder auf den Boden, Miß Highson, damit Ihr lichtes Kleid uns nicht verrät! Keine Bewegung, so lieb Ihnen Ihr Leben ist!«

Der Fremde hatte beide in den Schutz der Brustwehr gedrückt. An der Stimme erkannte jetzt die Dame den Sprecher. »Major Rivers …« flüsterte sie erstaunt und bestürzt.

»Er ist es, Lady, und bedankt sich für die freundliche Rücksicht, die Sie auf seine Sicherheit nehmen,« sagte der Resident spöttisch. »Jedenfalls will ich freundlicher auf die Ihre bedacht sein. Blicken Sie durch die Enceinte der Brustwehr dort hinaus nach dem Fluß zu. Was sehen Sie?«

»Die Nacht ist zu finster,« entgegnete erschrocken das Mädchen, »nur die vielen Feuerfliegen erhellen das Dunkel der Mangobüsche zwischen hier und dem Ufer.«

»Sie irren, Miß, das sind keine Leuchtkäfer, sondern die Luntenflinten der schwarzen Schurken, die nach Ihrem Leben trachten so gut als nach dem meinen. Ehe fünf Minuten vergangen sind, werden wir sie hier haben – nein – Goddam! sie sind näher als ich dachte!«

Er riß die Lunte, die in der Erde steckte, heraus und sprang empor. »Der Feind, Kameraden! Zu den Waffen! zu den Waffen!« schrie er mit aller Kraft seiner Lungen. Im selben Augenblick zischten ein Dutzend Flintenkugeln um ihn her, ohne ihn zu treffen, und ein wildes Geschrei, als sei eine Legion von Teufeln losgelassen, erfüllte die Luft.

»Wartet, Kanaillen, ich will Euch die Überraschung verderben!« murmelte er, indem er die Lunte hob.

Im nächsten Moment sprühte ein Feuerstrahl aus der Enceinte des Walles und ein Hagel von Kartätschen rasselte über den Boden jenseits des schmalen Grabens, den die kleine Besatzung am ersten Tage des Rückzuges rings um die unsichere Verschanzung aufgeworfen.

Stöhnen des Schmerzes, Jammerruf von Sterbenden und Verwundeten antwortete dem Schuß, der wohlgezielt in die dichtesten Rotten der Anstürmenden getroffen hatte. Als die Sepoys sich entdeckt und die Besatzung zu ihrem Empfang vorbereitet sahen, denn dem Schuß des Residenten folgte sofort eine Kartätschenladung von dem Dach des Hospitals, und von allen Seiten stürzten die Engländer auf die Wälle, brachen sie in Wutgeschrei aus, und unter dem Schlachtruf: »Ram! Ram! Mahadeo!« stürzten sie in den Graben und begannen am Wall hinaufzuklimmen.

Zugleich ertönte auch von der Seite der Bresche her wildes Angriffsgeschrei.

Die Empörer hatten mit großer Schlauheit ihren Überfall geleitet. Während den ganzen Abend über ein schwaches Feuer gegen die am Abend geschossene Bresche auf der Seite nach der Stadt zu unterhalten worden war, hatte das 31. Nativ-Regiment unterm Schutz der Dunkelheit und der Mango- und Rohrgebüsche sich am Ufer des Ganges bis an die entgegengesetzte Seite der Verschanzungen geschlichen und war hier auf ein Signal vorgerückt, um die Briten, die sie von den Anstrengungen des Tages ermüdet glaubten, von hier aus zu überfallen. Nur der Umstand, daß das 31. Regiment auf Befehl des Gouverneurs bereits in den ersten Tagen des Juni entwaffnet worden und daher viele der Sepoys nur mit alten Luntengewehren versehen waren, verhinderte das Gelingen des Überfalls, indem die regelmäßige Bewegung der wandernden Funken zeitig genug die Aufmerksamkeit und den Verdacht des Major Rivers erregte, der, von den anderen Offizieren gemieden, sich finster und über Pläne zur Vernichtung seines Feindes brütend, im Schatten des Walles zur Ruhe niedergeworfen hatte.

Wahrscheinlich wäre sonst der Überfall gelungen, da im Augenblick, wo die Verteidiger nach dem zuerst angegriffenen Punkte eilten, eine starke Schar sich auf die Bresche selbst stürzen und den Eingang erzwingen sollte.

Jetzt, da der Plan mißlungen, warf der Maharadschah, der sich mit seiner Kohorte selbst unter den Kämpfenden befand, seine Scharen zugleich gegen die Befestigung, und der Kampf begann auf der ganzen Ausdehnung der Erdwälle.

Es war ein Glück, daß die Kartätschenladung, welche der Resident zuerst dem heranschleichenden Feind entgegengesandt, diesen einige Augenblicke stutzen gemacht und sogleich durch das Feuer von dem Dach des Hospitals unterstützt worden war, denn die Stelle blieb mehrere Minuten lang nur von Rivers und dem Irländer verteidigt. Und, wie strafbar und schändlich auch sonst der Charakter und die Handlungsweise des Mannes sein mochten, er bewies sich, wie schon oft im Augenblick der Gefahr, als ein kühner und tapferer Soldat, der, ohne seines Lebens zu schonen, mit der größten Bravour Umsicht und Entschlossenheit vereinigte.

Das Geschütz noch einmal zu laden, dazu war keine Zeit. Der Major stieß mit seinem Degen den ersten Sepoy nieder, der an dem Wall emporkletterte, während Mickey den Wischer der Kanone gleich einer Keule handhabte und auf die Köpfe der Emporklimmenden niederschmetterte.

»Ha – Freund Pandy,« sagte er bei dem Blitzen der Schüsse – »ich glaube, ich kenne Dein vermaledeites schwarzes Fratzengesicht. Bei der Seele meiner Mutter, 'r Gnaden, es sind unsere Schelme vom 31sten, die undankbarerweise auf mich schießen. Wart', schwarzer Halunke, ich will Dich lehren, noch einmal Hühner zu stehlen, die für den Tisch der Sahibs bestimmt sind, damit ehrliche Leute in Verdacht kommen, als hätten sie das Geld dafür in die Tasche gesteckt. Ich sagte es Oberst Stuart gleich, daß er den Halunken hängen lassen sollte, aber er hörte auf guten Rat nicht. Nun muß ich selbst dem schwarzen Teufel den Kopf einschlagen!« Damit hatte er bereits das Wort mit der That besiegelt, und dem einstigen Hühnerdieb den Schädel zerschmettert.

Unterdes waren zu der Stelle des ersten Alarms mehrere Soldaten und Offiziere herbeigeeilt und beteiligten sich an der Verteidigung. Unter den ersten, die herbeistürzten, befanden sich Sanders und Halliday.

»Um Gottes willen, wo ist Miß Highson? Ist sie verwundet?« Der Ruf des jungen Offiziers erregte in dem Herzen des Mädchens, das im Schutz der Brustwehr des Walles zu den Füßen der beiden tapferen Verteidiger kauerte, den warmen Strom der früheren Gefühle, als sie sah, daß er, gleichgültig gegen Tod und Gefahr, nur an sie dachte, und sie streckte die Hand nach ihm aus, aber Rivers, der einen Augenblick Zeit gewonnen, wandte sich zu ihr. »Fliehen Sie geschwind, Miß, die Gelegenheit ist günstig, und dieser Platz wird bald zu heiß für Sie werden! Wenn es uns gelingt, den Sturm zurückzuschlagen, ist die Gelegenheit die beste für Ihren Boten, die er finden kann!« Er hob die Zitternde auf und trug sie den Wall hinab bis an den Eingang des Hospitals. Dann sah man ihn im Scheine der Laterne, die im Eingang brannte, seine Brieftafel aus der Tasche ziehen, im dickten Kugelregen einige Zeilen kaltblütig auf ein Blatt schreiben, dies zusammenfalten und wieder ins Gefecht eilen.

Dies war jetzt, wie erwähnt, auf der ganzen Ausdehnung des Walles allgemein geworden. Die kleine Garnison verteidigte sich mit eben so großer Tapferkeit als Ruhe und trieb die emporklimmenden Feinde mit Kolbenschlägen und der blanken Waffe zurück, während von den Dächern der Kasernen und des Hospitals herab ein scharfes verderbliches Feuer auf die dunklen Massen der Stürmenden unterhalten wurde.

Die auf die Plattform des Hauses geschafften leichten Geschütze erwiesen sich jetzt als ganz vortrefflicher Beistand und warfen ihren Kartätschenhagel mit unwiderstehlicher Gewalt in die Reihen der Feinde. Die Offiziere schlugen sich wie die Löwen.

General Wheeler hatte sich von seinem Krankenlager erhoben und leitete vom Eingang des Hospitals her die Verteidigung. Das Geschrei der Kinder, das Geheul der Angreifenden, das Knallen der Flinten- und Pistolenschüsse, der scharfe Klang der blanken Waffen, dazwischen der Donner der schweren Geschütze – das alles bot eine Verwirrung und einen Lärm, der die Sinne betäubte. Und zwischen den pfeifenden Kugeln, zwischen diesem Höllengewühl eilten die Soldatenfrauen furchtlos hin und her, ihren Männern und Freunden Munition zutragend oder die Verwundeten unterstützend und in den Schutz der Gebäude zurückgeleitend.

Aber es waren nur wenige, die diese Hilfe annehmen mußten oder vielmehr annahmen, denn mit der Bulldoggennatur, die dem Engländer innewohnt, wichen die Soldaten, selbst aus mehreren Wunden blutend, nicht aus dem Kampf.

Von Zeit zu Zeit stieg eine Rakete von dem Dach der Kaserne, mit ihrem Funkenregen die Scene erleuchtend, oder eine Leuchtkugel warf minutenlang ihren hellen und klaren Schein weit über die Gegend.

In diesem Licht übersahen die höher stehenden Verteidiger der kleinen Feste die Wogen von Feinden, die immer aufs neue, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, gegen sie anfluteten.

Aber ein zweites emporflammendes Blaufeuer ließ diese geheimnisvolle Ursache deutlich erkennen; es war der Nena, der auf einem dunklen Pferde sitzend, umgeben von seinen Getreuesten, nicht weit von der Stelle, wo der erste Angriff geschehen, den Sturm leitete und Schar auf Schar gegen die Wälle sandte.

An seiner Seite stand ein Weib in der glänzenden Kleidung der Bayaderen. Ihr Auge war zufällig auf die Stelle des Walles gerichtet, und ein lauter Schrei, selbst durch das Kampfgetöse hörbar, ertönte aus ihrem Munde

»Dort – dort – da sind sie!«

Der Nena wandte sein dunkles Gesicht, seine Augen funkelten wie zwei Blitze herüber und kreuzten sich mit den Blicken seines Todfeindes, der einen Moment erbleichend zurücktrat.

Dann spornte der Maharadschah wütend sein Roß, das mit gewaltigen Sprüngen durch den Kugelregen bis an den Rand des Erdgrabens setzte, der die Verschanzung umgab.

Aber so schnell das Roß auch war, die Bayadere blieb an seiner Seite, denn sie hatte neben dem Residenten den britischen Offizier erkannt, den ihre Liebe aus den unterirdischen Kerkern der Würgerburg befreit.

Die Augen der beiden Feinde blieben fest aufeinander geheftet, der Resident streckte die Hand zurück. »Ein Gewehr, rasch, ein Gewehr!« zischte seine Stimme durch die fest aufeinander gepreßten Zähne. Er wußte nicht, wer es ihm reichte, aber er fühlte die Waffe in seiner Hand und mit teuflischer Freude hob er sie zur Wange empor.

Der Nena streckte drohend die geballte Faust gegen ihn aus. »Verfluchter, Du mußt sterben!«

»So geh' voran!« Die Flinte lag fest und unbeweglich an der Schulter des Schützen – der Finger berührte den Drücker.

In demselben Augenblick erhob sich das Roß des Maharadschah zum Sprung – der Schuß krachte und Pferd und Reiter rollten übereinander in den Graben.

Der Resident warf zornig das Gewehr zu Boden. »Verdammt sei der Zufall!« Über den gefallenen Maharadschah her ballte sich ein Knäuel von Kriegern, mit ihren Leibern ihn deckend, kämpfend gegen die jubelnden Engländer, bemüht, den Führer tot oder lebend unter der Last seines Rosses hervorzuziehen und ihn aus dem Getümmel zu schleppen. Aus diesem Gewühl tauchte ein funkelndes schwarzes Augenpaar, ein entstelltes Frauengesicht plötzlich vor Leutnant Sanders auf – »Anarkalli!«

Die Lippen schienen sich zu einer Verwünschung zu öffnen, die Hand, mit einem Dolche bewaffnet, erhob sich und stieß nach ihm. Nur durch eine rasche Wendung entging er dem sicher geführten Stoß, der leicht seine linke Schulter verwundete.

»Der Teufel hole das Weibstück! Muschla, meine Liebe, ich glaube, Ihr möchtet einen britischen Gentleman an Eurer Nadel da aufspießen. Geht zum Henker, schwarze Vettel!« Damit stieß der Irländer, der neben dem Leutnant focht, ziemlich unsanft seine eigentümliche, aber wirksame Waffe gegen die Bayadere und stürzte sie von der Höhe des Walles hinab.

Faust an Faust, Auge in Auge wütete hier der Kampf noch einige Minuten um den zu Boden gestreckten Hindufürsten fort, während der Ruf: »Der Peischwa ist erschlagen! Rächt den Peischwa!« an den anderen Stellen den Mut und den Eifer der stürmenden Sepoys minderte, während die rasch sich verbreitende Nachricht den Widerstand der Belagerten erhöhte – kurze Zeit noch, und ihr Triumphgeschrei verkündete von mehreren Orten zugleich, daß der Feind im Weichen begriffen sei.

Das scharfe Auge des Residenten hatte wohl erkannt, daß das Bäumen des Pferdes im entscheidenden Augenblick wahrscheinlich seine mit so großer Sicherheit abgesandte Kugel verhindert hatte, ihr Ziel zu erreichen. Indem er mit einem abscheulichen Fluch die Hoffnung aufgab, daß nur die Leiche seines Feindes der Lohn der Anstrengungen seiner Krieger sein würde, benutzte er einen Augenblick des allgemeinen Ringens, sprang auf die Brustwehr und, den Hieb eines Säbels parierend, erfaßte er dessen Eigentümer, einen kecken, in fliegende orientalische Gewänder gehüllten und daran kenntlichen Hinduoffizier an der Kehle. Unter dem herkulischen Druck seiner Finger öffnete sich der Mund des Unglücklichen, nach Luft schnappend, seine Augen verdrehten sich und die Arme hingen schlaff am Leibe herunter, während der kräftige Arm des Briten ihn zu sich zog und über die Brustwehr in das Innere der Verschanzung schleuderte.

Eben so rasch hatte er den Arm des Irländers ergriffen und ihn aus dem Kampfgewühl gezogen, indem er den halb bewußtlosen Hindu ihm zuwarf.

»Du und ich, mein Bursche, haben genug hier gethan und können jetzt an unsere Interessen denken. In fünf Minuten werden die schwarzen Schufte uns für diesmal den Rücken wenden, also hilf mir diese Beute in Sicherheit bringen.« Der Irländer hob den leichten Hindu wie ein Kind empor und schleppte ihn nach dem Hospital, aber Major Rivers, der ihm folgte, hielt ihn zurück.

»Nicht dorthin, Sergeantmajor! Zuerst laßt uns unsere eigenen Geschäfte verfolgen, dem Galgen entgeht der Kerl nicht. Bindet ihm Hände und Füße – hier ist mein Tuch, und dann herunter mit seinem Rock und seinem Turban, und hülle Dich selbst darein.«

Mickey hielt erstaunt in der ihm befohlenen Arbeit inne und sah fragend auf den Offizier.

»Nun, verstehst Du nicht? Ich meine, wenn Du das Geschäft ausführen willst, das die Lady Dir aufgetragen, wird es hundertmal leichter und sicherer sein, Du hüllst Dich in die Tschoga dieses Gentleman, als daß Du mit rotem Rock und steifer Halsbinde unter seine Gefährten läufst!«

Der Irländer schlug sich vor den Kopf. »Weiß Gott, Eu'r Gnaden, was meines Vaters Sohn für'n Dummkopf war! Sie haben recht – so wird's gehen, und es müßte mit dem Infernalischen zugehen, wenn die Bursche mich nicht für einen der Ihren halten sollten!«

»So tummelt Euch, Sergeantmajor! Ihr müßt mit den Nachzüglern zuletzt die Wälle verlassen.«

Es bedurfte der Ermahnung nicht. Mickey streifte mit Gewandtheit und Eile dem unglücklichen Hindu, einem Jemedar vom 31. Regiment, das Gewand ab. In wenig Momenten hatte er Beinkleider, Tschoga, Turban und Gürtel des Hindu in der Hand und wollte beginnen, sich damit zu bekleiden.

Der Resident hatte nach dem Wall hingehorcht und mit Befriedigung die wachsenden Zeichen von der Niederlage des Feindes vernommen.

»Ihr werdet am besten thun, Kamerad,« sagte er, »wenn Ihr die Verkleidung außerhalb des Walles anlegt, denn sonst könnte leicht eine Kugel oder ein Bajonettstich eines der unseren allen Euren Abenteuern im voraus ein Ende machen. Für den Rat und die Hilfe, die ich Euch geleistet, fordere ich einen Dienst. Einstweilen nehmt diese Börse, Ihr werdet sie brauchen!«

»Euer Gnaden mögen befehlen. Ich sehe, die Leute haben 'r Gnaden verleumdet. Sie sind wirklich nicht so schlecht, als sie sagen.«

Der Offizier biß sich auf die Lippe. »Wenn es Dir glückt, in der Stadt Dich aufzuhalten und dem Doktor den Brief der Lady zuzustellen, so suche in das Haus des Babu Tippo Singh zu gelangen, den Du kennen mußt, und Nurjesan, seiner Tochter, dies Billett zuzustecken.«

Der Ire sah ihn mißtrauisch an, indem er sich hinter den Ohren kratzte. »Den Teufel, 'r Gnaden, man erzählte sich so eine Geschichte in der Stadt, als ob Euer Gnaden dem Vater und der Tochter einiges Schlimme zugefügt hätten.«

»Narr! Das Mädchen ist ganz auf unserer Seite und wird uns helfen, wo sie kann. Die schönste Hindu macht sich eine Ehre daraus, die Maitresse eines weißen Mannes gewesen zu sein. Doch nun fort, oder es ist zu spät.«

So eilten beide, in dem Lärm und Gewühl unbeachtet, nach dem Wall zurück. Die Niederlage der Sepoys war jetzt vollständig, und die Kanonen auf den Wällen, deren sich die Verteidiger jetzt wieder bedienen konnten, steigerten mit jedem Schuß die Verwirrung und lösten jede Ordnung des Rückzuges zur wilden Flucht auf.

Den wütenden Anstrengungen der Leibwächter des Nena war es gelungen, ihn bewußtlos und blutend unter dem Pferde und dem Leichenhaufen hervorzuziehen und fortzubringen. Als am Morgen die Belagerten von Major Rivers geleitet, sich aus den Verschanzungen wagten, fanden sie nur das tote Roß des Maharadschah, und der Donner der Batterieen verkündete ihnen bald, daß ihr unversöhnlicher Feind aufs neue an ihrem Verderben arbeitete.

Noch während des Siegesjubels der Soldaten half der Resident, dessen tapferes Verhalten eine Annäherung der Kameraden, abgesehen von Delafosse und einigen anderen, zur Folge hatte, dem Irländer, ohne daß dieser nochmals mit Leutnant Sanders gesprochen hatte, die Außenseite des Walles hinabzugleiten. Wenige Augenblicke nachher war der Sergeantmajor, über den mit Leichen bedeckten Boden weiter kriechend, den Augen des Nachschauenden entschwunden.

Indes war dieser erste ermutigende Sieg der Engländer nicht ohne schwere Verluste erkauft worden. Erst nachdem der Kampf geendet und wenigstens für diese Nacht jede Gefahr beseitigt war, konnte man sie übersehen, und das Hospital wurde in der That jetzt eine Stätte, die diesem Namen entsprach. Doktor Brice war in voller Thätigkeit, Wunden zu verbinden, die Blei und Stahl geschlagen, und die Frauen halfen ihm. Aber gar mancher lag draußen an den Wällen, dem weder die Sonde des Doktors, noch die Sorgfalt der Frauenhand helfen konnten, kalt und tot, das starre Auge, das die Kameraden noch nicht Zeit gefunden, zu schließen, hinauf in den Nachthimmel gerichtet.

Unter diesen Leichen war auch Oberst Stuart, der alte wackere Gönner Mickeys.


Des Irländers Ende.

Die heiße und trockene Jahreszeit nahte ihrem Ende – sie dauert in Indien von Mitte März bis Mitte Juni – und die Zeit der Regengüsse mußte in wenigen Tagen eintreten.

Als Vorboten trübten bereits einzelne Wolken und Nebel den sonst so klaren Himmel, und unter ihrem Schutz war auch der Überfall des Nena aus die Verschanzung der Briten ausgeführt worden.

Der wackere Irländer, der noch nichts von dem Tode seines alten Offiziers und Gönners wußte und sonst gewiß nicht das kleine Fort verlassen hätte, war glücklich über den Umkreis gelangt, innerhalb dessen das heiße Gefecht getobt hatte, nicht ohne daß er unterwegs den Vorteil mit der Ehre verband und einigen Leichen, an denen er vorüber kam, sorgfältig die Turbanbinden, die Gürtel oder Taschen plünderte. Nachdem er sich in das nächste Mangogebüsch geschlichen, machte er aus seiner Uniform ein Bündel, versteckte dies unter den Zweigen und zog die Kleider des gefangenen Sepoy-Offiziers an. Indem er sich Gesicht und Hände mit nassem Pulver einrieb, vermehrte er die Unkenntlichkeit des ersteren, das schon Pulverdampf und Schweiß entstellt, noch mehr, und machte sich dann guten Mutes nach der Stadt auf den Weg.

Die kleine Verschanzung der Engländer um das Hospital lag auf der Nordseite der Stadt, unfern der Straße von Bithoor. Mickey wußte, daß die Familienhütte seines indischen Freundes oder Bekannten Nudschur Dschewarri sich auf der Ostseite befand. Da er diesen als einen aufrichtigen Mann kannte, der sich nicht gern unnütz in Gefahr begab, so hoffte er ihn, statt unter seinen Kameraden in der Stadt und in den Kantonnements, bei seiner Familie zu treffen, zu der der verheiratete Sepoy sich gern nach dem Dienst zurückzieht, um während seiner freien Zeit statt des englischen Soldaten den indischen Gentleman, das heißt den privilegierten Müßiggänger zu spielen.

In der Stadt und deren Umgebung, die er passieren mußte, herrschte nach dem Kampf und der Niederlage noch lebhafte Bewegung. Die Sepoys hatten eine Menge verwundeter Kameraden zurückgeschleppt, und in dem Schein großer Feuer, die vor den Pagoden und Moscheen brannten, war man beschäftigt, die Leidenden zu verbinden, oder waren Gruppen gelagert, welche die Ereignisse der Nacht besprachen.

Ein dichter Kreis solcher Lagernden umgab die Stelle, auf welcher der Nena sein Zelt hatte aufschlagen lassen.

Der Irländer kreuzte, indem er sich soviel wie möglich im Dunkel hielt, glücklich die Menge und gelangte auf den Weg, der nach der Hütte des Sepoys führte, den aufzusuchen er beschlossen hatte. Sie stand zwischen Bananenbäumen in einem Maisfeld, und nur, weil Mickey den Ort kannte, gelang es ihm, sie aufzufinden. Alles war dunkel in der Hütte und deren Umgebung, und es hatte den Anschein, als sei sie verlassen, oder als habe keiner ihrer Bewohner eine Ahnung von allem, was bereits in dieser Nacht geschehen.

Meister Free wußte jedoch sehr wohl, was er von dieser Ruhe zu halten hatte. Er öffnete die aus Bambusstäben gefertigte, nach der Volkssitte unverschlossene Thür und drang ohne weiteres in das Innere. Hier tastete er auf dem Boden umher, bis ihm ein Fuß und ein Bein in die Hand kam, von dem er sich jedoch bald überzeugte, daß es dem Weibe seines würdigen Freundes angehörte. Daneben fand er endlich die richtige Spur, ergriff die Füße des Hausherrn und zerrte ihn ohne Ceremonie über die schreienden Kinder und die kreischende Frau zur Thür hinaus ins Freie.

»O Chalo, was thust Du mir?« jammerte der Sepoy, »Ganesa hat Dir Weisheit genug gegeben, um zu erkennen, daß die Glieder Nudschur Dschewarris gelähmt sind und Cartikeia kein Wohlgefallen an ihm gehabt hätte, wenn er mit Euch gezogen gegen die verfluchten Faringi!«

Der Irländer verstand genug Hindostanisch, um den Sinn der letzten Worte zu begreifen. »Akuschla, mein Liebling, Du verdammter Schuft,« schrie er auf Englisch, indem er seine Worte mit einem gehörigen Tritt in die Seite des Indiers begleitete, »ich will Dich H…sohn lehren, auf die Faringi schimpfen. Weißt Du nicht, daß ehrliche Irländer drunter sind? Steh' auf, Bursche, und laß ein Wort mit Dir reden!«

Der Indier war wie von einer Feder geschnellt in die Höhe gesprungen. In dem Glauben, daß die Engländer Cawnpur wieder erobert, begann er einen Strom von Verwünschungen in ihrer Sprache über seine eigenen Landsleute auszustoßen, bis der Blick auf Mickey, von dem er im Dunkel nur die Kleider erkannte, ihn wieder stutzig machte.

»Nutz' Dein Maulleder nicht länger ab mit Deinem Wischiwaschi, Kerl,« brummte der Sergeantmajor, »Du würdest morgen beim Sonnenschein Dich nur ärgern, wenn Du siehst, daß wir noch ebenso in der verfluchten Mausefalle sitzen, wie nur je zuvor. Ich frage Dich, Nudschur Dschewarri, der Du mich um manche blanke Rupie beim Einkauf betrogen hast, ob Du mich kennst?«

»Wie, Sahib Micko? Meine Augen müssen mit Blindheit geschlagen gewesen sein, daß ich nicht erkannt habe den Sahib. Wo kommen mein Gebieter her in dieser Kleidung? Was ist geschehen?«

»Laß uns einen Augenblick beiseite gehen, guter Freund,« sagte vorsichtig der Irländer. »Ich glaube zwar nicht, daß die Schönheit, Dein Weib, noch Deine Ferkel von Kindern sonderlich viel Englisch verstehen, aber besser ist besser, wie Pater O'Donnaghue sagte, wenn er eine Schüssel mit geröstetem Lammsbraten neben einer Platte Kartoffeln stehen sah. Also komm' hierher, ich habe mit Dir zu reden.«

Er zog ihn eine Strecke fort, unter den Stamm einer riesigen Banane, wohin der Indier ihm mit keinem besonderen Vergnügen über das Wiedersehen zu folgen schien.

»Nudschur wundern sich, daß Sahib Micko sich hierher wagen,« meinte der Sepoy, »schlimme Zeit jetzt für Sahib Faringi. Der Nena, großer Peischwa, hassen alle weißen Männer und wollen sie tot machen mit Weib und Kind!«

»Der Teufel segne es ihm! Höre, Mann – Du wirst Dich erinnern, daß Du es immer gut gehabt hast im Regiment und daß der Sahib-Major Dich sogar unverdienterweise zum Korporal gemacht hat. Ich hoffe, daß eine dankbare Seele in Deiner schwarzen Haut steckt!«

»Nudschur Dschewarri ist ein großer Freund der Sahib Faringi, lassen sein Leben für sie und haben nicht gegen sie gekämpft.«

»Nun, das spricht für Dich! Du wirst Dich des Hakim erinnern, von dem die Leute erzählten, daß er bei der Flucht des Sikh-Prinzen aus dem Fort die Hand im Spiele gehabt hat, das in der Zeit der Not nicht einmal gut genug war, uns gegen die Schufte, Deine Kameraden, zu schützen.«

»Nudschur kennt den Hakim! Er hat ihn gestern gesehen mit dem großen Peischwa der Hindostani.«

»Das erleichtert die Sache. Ich möchte mit ihm sprechen; Du mußt mir eine Unterredung mit ihm verschaffen.«

Der Indier kraute sich verlegen am Kopf. »Sahib Micko weiß, daß mein Leben zu seinem Dienste steht. Aber Nudschur haben nur einen Hals, und der Nena haben ein böses Auge. Der Hakim sein ein großer Mann im Rate des Peischwa geworden, und es könnte mir übel ergehen, wenn ich meine Hand mischen wollen in fremde Sachen. Warum Sahib Micko nicht selber gehen?«

»Bei Jäsus – der Kerl ist verrückt! Wenn das Deine Freundschaft für die Faringi ist, Du schmutziges Vieh, dann kann sie mir gestohlen werden.«

Der Hindu hatte sich vorsichtig zwei Schritte zurückgezogen. »Nudschur Dschewarri,« meinte er, »sagen nicht, daß er es nicht thun wollen, aber Sahib Micko mögen bedenken, daß die Gefahr groß für einen Mann, der nichts haben als sein Leben. Was bekommen Nudschur dafür, wenn er mit dem Hakim sprechen?«

»Ah, ist es so gemeint? Gott verdamm' Deine Seele, Du schwarzer Schurke,« sagte der Micko ärgerlich, »wo soll ich das Geld hernehmen? Ihr habt uns alles gestohlen und ganz Cawnpur dazu!«

Der Hindu schüttelte schlau den Kopf. »Sahib General werden Sahib Micko nicht hierhergeschickt haben mit Botschaft für den Hakim, ohne ihm mitgegeben zu haben viel goldene Mohurs. Sahib General wissen, daß Nudschur ein armer Mann und brauchen Geld!«

»Du Spitzbube!« zürnte der Irländer, »ich weiß, daß Du fast so reich bist, wie ein Babu, aber Du verscharrst all Dein Geld. – Möge Deine Mutter, die schwarze Kuh, verdammt sein. Du sollst zehn bare Schillinge haben, wenn Du den Doktor zur Stelle schaffst.«

»Es gehn nicht, Sahib Micko, es gehn durchaus nicht!«

»Höre, Kerl,« sagte der Irländer, »hier ist eine blanke goldene Guinee, wie Du sie gar nicht zu sehen verdienst, und des Teufels Großmutter segne Dir Deinen schwarzen Undank. Aber nun mach', daß Du fortkommst!«

Allein der Indier rückte und rührte sich nicht von der Stelle; er hatte den Klang von mehreren Goldstücken gehört, als Micko das eine aus der Börse nahm, die ihm der Resident gegeben, und nicht eher, als bis der Irländer ihm fünf Guineen auf die Hand gezählt und unter tausend bitteren Verwünschungen ebenso viel versprochen hatte, wenn er den Doktor bringen würde, wurden sie Handels einig.

»Aber nun sprich, Du schwarzer Gauner,« grollte der Irländer, »wie willst Du die Sache anfangen, und wo soll ich unterdes bleiben?«

»Sehr leichte Sache, Sahib Micko,« meinte verschmitzt der Sepoy, der wußte, daß er seines Geldes sicher wäre, »der Hakim sein sehr guter Mann. Sahib in meiner Hütte liegen gehen, krank und verwundet, Nudschur sagen zu Sahib Hakim: kranker Mann liegen in seiner Hütte, und sicher sein, gleich mitzubringen!«

»Was das Vieh für Verstand hat,« brummte der Irländer. »Aber höre, hier ist noch ein Auftrag. Du kennst das Haus des reichen Babu Tippo Singh und seine Tochter Nurjesan?«

Der Indier bejahte.

»Nun, wenn Du diesen Brief ihr zustecken kannst, will ich noch einen Mohur auf das Sündengeld drauf legen, das Du mir abgegaunert.«

»Für was haben Nudschur Dschewarri ein Weib? Die Frau können bringen diesen Brief ohne Gefahr, wenn Tag erscheint, und die Tochter mit ihren Weibern die heiligen Waschungen macht.«

Mit diesem Versprechen kehrte der würdige Korporal nach seiner Hütte zurück, holte seine Frau und Kinder heraus, bedeutete der ersteren, was sie zu thun hätte und jagte die anderen ohne weiteres in das Gehölz, um sich dort einen anderen Schlafplatz zu suchen mit dem Befehl, sich vor dem nächsten Abend nicht wieder blicken zu lassen. Dann zeigte er dem Irländer einen Fußpfad in die Maisfelder, wohin er sich zurückziehen könnte, wenn Gefahr nahen sollte, und wies ihm sein eigenes Lager von Rohrmatten an, indem er der Frau befahl, bei Tagesanbruch nach den Badeplätzen zu gehen, wenn er bis dahin noch nicht zurück sein sollte.

Es mochten noch etwa zwei Stunden bis Tagesanbruch sein, und es war dem Irländer gar nicht unbehaglich, nach den Anstrengungen einiger Ruhe pflegen zu können. Die noch junge und ziemlich hübsche Frau des Sepoy nahm ganz unbefangen an seiner Seite wieder ihren Platz ein, und da weder die Moralitätsbegriffe noch das Zartgefühl bei Meister Mickey besonders stark waren, und er den Bruch der Gastfreundschaft mit dem unglücklichen Irrtum von vorher bei sich entschuldigte, verfehlte er nicht, die Gelegenheit zu näherer Bekanntschaft aufs beste zu benutzen.


Bald nach dem Anbruch des Tages begann, wie schon früher erwähnt, die Beschießung der englischen Verschanzung aufs neue. Der Irländer wurde von dem Donner der Kanonen aus dem tiefen Schlaf geweckt, in den er, trotz der Gefahr seiner Lage, gefallen war. Er fand sich allein in der Hütte, die Frau des Besitzers hatte sich bereits seit länger als einer Stunde entfernt, und obgleich die Zeit verrann, und die Sonne immer höher stieg, kehrte weder der eine noch die andere zurück. Der Aufenthalt in der engen Hütte wurde durch die wachsende Hitze nachgerade unerträglich, und Mickey begann zu fürchten, daß sein indischer Freund entweder zum Verräter geworden sei, oder durch Flucht abgehalten werden könnte, zu ihm zurückzukehren.

Endlich vernahm er herannahende Schritte, er faßte die Dschambea, die er einem der erschlagenen Indier abgenommen hatte, um sein Leben so teuer als möglich zu erkaufen, aber ein leises Pfeifen überzeugte ihn, daß es Nudschur Dschewarri, sein Bote sei, und ein Blick durch die Spalten der Hüttenwand belehrte ihn, daß jener nicht allein, sondern daß wirklich der Arzt mit ihm war.

Der ehrliche Bursche, der sich bereits verloren gegeben, mußte sich mit Gewalt halten, die Rolle des Kranken fortzuspielen, statt aus der Hütte zu stürzen und den Doktor zu bewillkommnen. Doktor Walding ahnte überdies nicht, wer ihn erwartete. Nur seine Menschenliebe und seine Pflicht als Arzt hatten ihn bewogen, dem Sepoy nach seiner Wohnung zu folgen, als es diesem endlich gelungen war, ihn zu finden und seine Bitte vorzutragen.

Um so größer war daher sein Erstaunen, als der Kranke sich plötzlich aufrichtete und ihn auf englisch begrüßte. »Der Härre segne Ihr Gesicht, Doktor Clifford,« sagte er, »ich freu' mich, meiner Seele, Sie wieder zu sehen, obschon es nimmer hübsch ist, daß ein weißer Christenmensch mit den schwarzen Halunken zusammen hält! – Na 's ist Ihre Sache und 's ist immer gut, wenn einer auch beim Höllenfürsten 'ne Fürsprach' hat. Schicken Sie den schwarzen Kerl hier aus der Hütte, dann will ich Ihnen was übergeben, das von so 'ner schönen Dame kommt, als nur je eine ihr Gesicht in diesem verwünschten Lande bloß gezeigt hat! He, ich merke. Sie kennen mich nicht, und verwundern sich, und da wird es gut sein, wenn ich Ihnen sage, daß Sie mit Mickey Free, Oberst Stuarts rechter Hand, zu thun haben, der oft genug den Meßtisch versorgte, wenn Sie mit dem lustigen Doktor Brice daran speisten!«

»Mickey Free, der Sergeantmajor, ich erinnere mich!« rief Doktor Walding erstaunt, »aber um Gotteswillen, wo kommen Sie her, Mann – sendet Sie Doktor Brice?«

»Nicht daß ich wüßte, Doktor, 's ist was Besseres als von so 'nem Salbenschmierer. Da, nehmen Sie den Brief und lesen ihn, und die Lady läßt Ihnen sagen, daß sie nimmer Ihrer vergessen wird, auch wenn Sie ihr nicht helfen könnten!«

Walding ergriff hastig den Brief und öffnete ihn; sein ernstes Gesicht zeigte tiefe Bewegung, als er die Worte und Bitten der jungen Dame las, der seine stille Liebe gewidmet war, und für die er bereits wiederholt sein Leben eingesetzt hatte. »Die Unglücklichen!« murmelte er, »warum haben sie mein Anerbieten nicht angenommen, ehe es zu spät war. Sagen Sie mir, Freund, haben Sie Miß Highson noch nach dem Sturm dieser Nacht gesehen? War sie sicher und keiner Gefahr ausgesetzt? ich bitte, sagen Sie mir alles, was Sie über die Lage Ihrer Landsleute wissen. Sie dürfen mir ganz vertrauen!«

Er setzte sich neben den Boten und ließ sich von diesem alles erzählen, was er über den Hergang des Gefechts und die Lage der kleinen Garnison wußte. Dann versank er in langes, tiefes Nachdenken. »Ich fürchte,« sagte er, »ihre einzige Hoffnung wird die Gnade des Nena sein, und diese ist gering, denn die Tigernatur in ihm ist entfesselt! Aber ihr Vertrauen soll sie nicht täuschen, er dankt mir sein Leben und keine Gefahr der Welt soll mich abhalten, jeden Versuch zu ihrer Rettung zu machen.«

Darauf verabredete er das Nötige mit dem Boten. Sie kamen überein, daß Mickey bis zum Eintritt der Dunkelheit in der Hütte bleiben und dann mit Hilfe des Nudschur sich wieder auf den Weg zu den Seinen machen sollte. Der Doktor wollte ihn am Nachmittag noch einmal besuchen und ihm dann einen Brief für die Lady bringen; der Indier sollte ihn wieder zu dem Besuch abholen, da bei der Menge der verschlungenen und sich kreuzenden Pfade in den Reis- und Maisfeldern er die Hütte sonst schwerlich gefunden hätte.

Hierauf nahm Walding von dem Irländer Abschied und kehrte nach der Stadt zurück, um durch seine Abwesenheit nicht die Aufmerksamkeit des Nena zu erregen.

Allein am Thore der Stadt, noch ehe der Nudschur ihn verlassen, begegneten sie der Bayadere, die mit einigen ihrer Genossinnen im Lager umherstreifte. Walding selbst teilte ihr mit, daß er einen in den Hütten liegenden Schwerverwundeten besucht hätte. Aber der Argwohn Anarkallis, deren Auge ohnehin seit jenem Abend des Festes zu Bithoor ihn streng bewachte, wurde durch seine Befangenheit rege, und er hatte sie kaum verlassen, als sie sich von ihren Gefährtinnen losmachte und ihre Nachforschungen begann, indem sie dem Sepoy heimlich folgte.

Dem wackern Irländer wurde in der That die Zeit gewaltig lang in seinem Versteck, und mehr als einmal war er versucht, eine kleine Streiferei auf eigene Hand zu unternehmen. Denn auch der Appetit fing an sich bei ihm zu melden, und es war nichts in der Hütte, als ein Paar schlechte Kürbisse. Endlich, als die Sonne beinahe im Zenith stand und mit ihren versengenden Strahlen alles Leben tötete, erschien der Indier, keuchend unter der Last von Lebensmitteln, mit denen er sich auf den Wink des umsichtigen Arztes und auf dessen Kosten versehen hatte. Die beiden Freunde machten sich nun eilig daran, jeder seine eigene Mahlzeit zu bereiten, denn der strenggläubige Hindu hätte dies um keinen Preis gemeinschaftlich mit seinem Gast gethan. Die Hindu-Sepoys der Armee von Bengalen halten streng auf die Beobachtung ihrer Religionsgebräuche selbst im Felde und kochen ihre Mahlzeiten daher abgesondert von den Muselmanen und Christen. Nur die Sepoys von Madras – aus den verschiedensten Menschenrassen der Tropen zusammengesetzt – zeigen sich gleichgültig gegen die Vorschriften der Religion.

Der Sepoy grub vor seiner Hütte einen Erdkreis, in dessen Mitte er – dadurch gleichsam abgesondert von seinem Kameraden – ein Feuer anmachte. Er ließ dann seinen Reiskessel brodeln, in den er kleine Würfel des mitgebrachten Hammelfleisches warf, während der Irländer am Stamm der Banane sein Fleisch röstete und mit Wohlbehagen den Geruch des Bratens in die Nase zog.

»Der Teufel soll mich holen, Freund Nudschur,« sagte er, »wenn meine Koteletten nicht ein ganz ander Ding sind, als Dein magerer Reispudding. Sei gescheit und lang bei mir zu.«

Damit streckte er ihm den hölzernen Spieß, an dem er nach orientalischer Sitte seine Fleischstücke geschmort, entgegen, aber der Indier wandte sich mit Abscheu davon, spuckte grimmig aus und sagte: »Sahib Micko ein schlimmer Mann, wollen seinen besten Freund beleidigen!«

»Na, sei kein Tölpel – ich wollte nur Dein eigenes Bestes! Aber es kann kein Mensch verlangen, daß ein Schwein ein seidenes Halstuch trägt. Jäsus, meine Seele, ich wollt' meine ganze Aussicht auf die nächste Monatslöhnung geben, wenn wir eine Flasche ehrlichen Whiskey im Bereich der Hand hätten, um diese Fettigkeit 'nunter zu spülen!«

Der Sepoy sah ihn schlau von der Seite an. »Was möchten Sahib Micko für einen guten Krug Jagory Jagory oder Totty ist ein berauschendes Getränk, das aus Palmensaft gemacht wird. dem armen Nudschur geben?«

»Bei der Seele meines Vaters, ich wette, dieser schwarze Schuft hat eine ganze Vorratskammer davon! Heraus damit, Freund Nudschur, eh' ich Dir den Hals umdrehe, und Du sollst eine richtige silberne Krone für Deinen Krug haben.«

Der Indier, der ihr Gelag nicht zufälligen Späherblicken aussetzen wollte und seinen Reis verzehrt hatte, nötigte seinen Freund, in die Hütte zurückzukehren, und brachte aus einer im Gebüsch versteckten Grube einen mächtigen Krug des gegorenen Palmensaftes zum Vorschein. Ehe er diesen jedoch zum besten gab, ließ er sich von dem Irländer nicht nur den versprochenen Preis des Getränkes, sondern auch das Geschirr bezahlen, in das er den Anteil desselben schüttete, da, nachdem dasselbe durch die Lippen des Christen berührten worden, es von ihm nicht wieder gebraucht werden durfte.

Beide begannen nun ein Gelage, bei dem zwar der Indier sich einer größeren Mäßigkeit befleißigte, der aber auch auf ihn wenigstens den Einfluß äußerte, daß er die bisherige ängstliche Besorgnis verlor und der muntern Laune seines Gefährten nach und nach freien Zügel schießen ließ.

Es dauerte nicht lange, so war der würdige Irländer auf dem besten Wege, sich zu berauschen. Er begann, seinem indischen Freunde allerlei Geschichten von Grün-Erin und der schönen Betsy O'Flanaghan oder dem lustigen Pater des Kirchspiels zu erzählen, und wie er im Krimfeldzuge, einem Lande, wo es so kalt sei, daß die Suppe im Topf gefroren, ein ganzes Bataillon bärtiger Russen allein zusammengehauen, und in die Flucht gejagt habe.

Zwei dunkle Augen lauschten durch die Spalten der Bambuswand, ohne daß ein Geräusch die Nähe des Horchers verriet.

»Betsy ist die schönste Maid
Durch ganz Galway weit und breit.
Tally ho! Tally ho!«

»Oder was meinst Du, schwarzer Bursche, zu dem Liede von Jim Connor und den englischen Rotröcken? Jim war der beste Bläser im ganzen Süden und ein schnurriger Bursche dazu, der auch unter den Weißkappen gedient! Meiner Six! es muß eine lustige Zeit gewesen sein in Grün-Irland, als die Orangemänner Nacht für Nacht auf den Straßen durchgebleut werden durften, und ein Parlament in Dublin saß. Höre, ich will Dir das Lied von Jim dem Bläser zum Besten geben!« Und mit einer Stimme, welche die leichten Wände der Hütte erbeben machte, begann er die Ballade:

»Mutter Margreth' sprach zum Liebling:
Putz' die Pfeife, putz' die Pfeife,
Morgen gibt es ein Begräbnis,
Denn die blinde Stute schnaubt sich
Und die Unke schreit im Teich!«

»Zum Teufel mit der alten Hexe! Sie irrt sich! Es sollte eine Hochzeit sein! Ich weiß es – der Leutnant heiratet die Lady, die mir den Brief gegeben. Laß uns anstoßen, Bruderherz, schwarzer Halunke, auf die Braut! Des Satans Großmutter hole den Nena! Wir wollen ihn durchbleuen, daß es eine Art hat, wenn er sich nicht davon macht!«

Der Indier hatte sich erhoben – obschon auch auf ihn das berauschende Getränk nicht ohne Wirkung geblieben war, befand er sich doch noch im Besitz seiner Überlegung und glaubte es an der Zeit, daß er sich wieder zum Doktor begeben müsse.

»Sahib Micko haben Zeit zu schlafen,« sagte er, »gehen erst fort, wenn schwarze Nacht da sein, Nudschur aber müssen zu Sahib Hakim gehen, wie er befohlen, und sich beim Jemedar melden.«

»Nun, so geh', Bruderherz, und hol' meinetwegen den Pflasterkasten! Der Teufel hole alle Eure Jemedare, Subhedare, und wie die Kerle alle heißen. Dein Weib läuft fort, Du gehst fort – den Henker wißt Ihr, was sich schickt gegen einen irischen Gentleman!«

Der Sepoy nahm sein Gewehr von der Wand, und nachdem er seinem Gefährten empfohlen hatte, in seiner Abwesenheit sich ruhig zu verhalten, verließ er die Hütte. Als er auf den freien Platz unter den Bäumen trat, glaubte er ein Rauschen zwischen den Maisstauden zu hören und die Federn der Ähren sich bewegen zu sehen, wie von einem Körper, der sich hindurchdrängte. Aber durch den Genuß des Getränkes weniger achtsam auf die Gefahr, glaubte er, daß irgend ein naschhafter Affe das Feld besucht habe und begnügte sich mit dem Ausstoßen von einem verscheuchenden Geschrei. Er wandte sich zu der kleinen Cisterne, die unfern den Bäumen angebracht war und tauchte seinen Kopf einige Male in das trübe Wasser, ein Manöver, das weniger zu seiner Reinigung, als dazu diente, sein Gehirn wieder in den richtigen Stand zu bringen. Dann, nachdem er dreimal nach der Seite ausgespieen, wo er eben mit einem Christen getafelt, machte er sich eilig auf den Weg zur Stadt.


Gibson, der Haushofmeister des Peischwa, trat in das Gemach, in dem der deutsche Arzt in Erwartung des Nudschurs eben seine Siesta hielt, und beschied ihn eilig zu seinem Gebieter. Walding fand den Peischwa auf seinem Kissen sitzend, an seiner Seite Anarkalli, die Bayadere, deren wogender Busen und heißes Antlitz einen raschen Lauf oder heftige Bewegung verriet. Vor ihm stand Danilos, der Uskoke, der Herr der arabischen Praua, der ihm Briefe überbracht zu haben schien, denn der Nena hielt einen solchen noch in der Hand.

Sein Gesicht, durch den Blutverlust und die Verwundungen, die er bei dem Sturz erhalten hatte, bleicher noch als gewöhnlich, zeigte unter dem Verband, der seine verletzte Stirn umgab, den Ausdruck freudigen Triumphes. Nur in der düstern Falte zwischen seinen Brauen lag finsterer Ernst, als aus seinen schwarzen Augen ein fast drohender Blitz auf den Eintretenden schoß.

»Was befiehlst Du, Hoheit?« fragte dieser, die kaltblütige Herrschaft des Arztes seinem Patienten gegenüber annehmend, obschon ihm im Innern unbehaglich unter dem scharfen Blick des Nena zu Mute war, und der Brief, den er bereits geschrieben und bereit hielt, auf seinem Herzen brannte. »Ich habe mir erlaubt, Dir ausdrücklich für den heutigen Tag ungestörte Ruhe zu verordnen, damit das Wundfieber nicht heftig werden möge und Deine Heilung verzögere. Aber ich bemerke leider, daß meine Verordnungen keine Folge gefunden haben.«

»Es ist jetzt nicht die Zeit, müßig zu ruhen, Sahib Doktor,« entgegnete mit einem leichten Hohn der Maharadschah. »Gönnst Du doch selbst Dir keine Rast und Ruhe für unsere heilige Sache und scheust nicht die Mühe, das Lager der Verwundeten bis in die fernsten Teile der Stadt zu besuchen, obschon Du diese Nacht an meinem Lager zugebracht, und meinen Kriegern Beistand geleistet hast.«

»Das ist meine Pflicht als Arzt und Mensch, Hoheit,« sagte der Doktor nicht ohne Verwirrung. Er begriff, daß die Worte des Nena sich auf seinen Gang am Morgen bezogen, bei dem er der Tänzerin unglücklicher Weise begegnet war. »Jeder, der meine Hilfe verlangt, hat Anspruch darauf!«

»Dann wirst Du sie um so weniger einem Freunde verweigern. Ochterlony sendet uns einen Kranken, es ist der Wessier der Leibwachen der Rani von Jhansi, unsrer Verbündeten, ein Christ wie Du mit dem Herzen des Hindu, der schwer in Delhi verwundet wurde. Tantiah-Topi und der Derwisch haben ihn dem Rais anvertraut, da sie von Deiner Geschicklichkeit überzeugt sind. Er befindet sich in Bithoor, und ich bitte Dich, mit dem Rais und Gibson sogleich dahin aufzubrechen – die Pferde stehen bereit.«

Der Arzt errötete leicht – der Wunsch oder besser der Befehl des Maharadschah, dem er sich schwerlich entziehen konnte, drohte ihn der Gelegenheit zu berauben, den Boten der Lady nochmals zu sehen. »Ich weiß nicht, Hoheit,« sagte er zögernd, »ob meine nähere Pflicht gegen Dich mich nicht nötigen sollte, bei Dir zu bleiben, besonders da Du so ungern dem Rat des Arztes Dich fügst und nur den Bitten des Freundes Gehör giebst.«

»Wenn Du Dich als den treuen Freund Srinath Bahadurs erweisen willst,« entgegnete dieser mit Bedeutung, »so thue, was ich verlangt habe und mache Dich eilend auf den Weg nach Bithoor.«

»Aber Du selbst …«

»Hab' keine Sorge um mich, Franke. Das Mittel, Srinath Bahadur seine Kraft wieder zu geben, und flösse sein Blut aus tausend Strömen, ist der Schatz, den jene elenden Wälle der Faringi ihm umschließen! Geh'! und Lackschmi geleite Dich für Deine Treue, bis wir uns wiedersehen! Dieser Rais wird Dir Nachrichten aus Delhi von dem Sieg unserer heiligen Sache bringen!«

Es blieb dem Doktor nichts übrig, als zu gehorchen, wenn er nicht das leicht erregte Mißtrauen des Fürsten wach rufen wollte. Nachdem er ihm noch einige dringende Vorschriften für seine Gesundheit gegeben, die der Nena mit Ungeduld anhörte, verließ er daher mit Danilos das Zelt, vor dessen Eingang sie Gibson bereits mit drei gesattelten Pferden erwartete.

Der Vorhang des Eingangs war kaum hinter ihm gefallen, als der Maharadschah von seinem Lager emporsprang. »Du hast recht,« sagte er, »auf seiner Stirn lag die Angst des bösen Gewissens! Wehe ihm, wenn auch in seiner Seele der Verrat wohnt – der Dank für mein Leben würde ihn nicht schützen!«

»Er ist ein weißer Mann und unter weißer Haut lebt immer die Falschheit. – Ich eile zu thun, wie Du mir besohlen hast.« Die Bayadere verließ das Zelt.

Walding hatte unterdes die Gelegenheit benutzt, unter dem Vorwand, daß er einige Arzneien und sein Besteck mit sich nehmen wolle, noch einmal nach seiner Wohnung zurückzukehren. Der Uskoke und Gibson begleiteten ihn dahin und warteten vor der Thür, an der der Arzt zu seiner Freude Nudschur Dschewarri, den Sepoy-Korporal, seiner harrend fand.

Eilig trat er in sein Gemach, wickelte hier die Antwort an Lady Editha, die er bereit hielt, in ein Paket mit einer Arznei, steckte einiges Nötige zu sich und verließ dann wieder das Haus. An der Thür that er, als ob er den Sepoy eben erst bemerkte und rief ihn, schon im Sattel sitzend, zu sich.

»Es thut mir leid, Freund,« sagte er laut, »daß ich Deinen Kranken nicht mehr besuchen kann, aber der Peischwa sendet mich eilig nach Bithoor. Gieb ihm die Medizin, die dieses Päckchen enthält. Es ist wichtig, daß er sie bald bekommt. Trage Sorge für ihn. Sobald ich zurückgekehrt bin von Bithoor, werde ich Deine Hütte wieder besuchen.«

Ein bezeichnender Blick verständigte den Sepoy, in dessen Hand der Arzt zugleich ein Goldstück gleiten ließ; dann gab er seinem Pferde die Zügel und sprengte mit seinen Begleitern auf der Straße nach Bithoor davon, ohne zu bemerken, daß die Bayadere in der Nähe des Hauses jede seiner Bewegungen belauscht.

Der Sepoy machte sich alsbald auf den Weg, aber er hatte noch nicht die Stadt verlassen, als ein Jemedar mit einer Wache ihn einholte und ihm zu folgen befahl. Der Hindu sah sogleich, daß ein Zufall ihn verraten haben müsse und gleichgültig fügte er sich seinem Schicksal. Der Jemedar führte ihn nach dem Zelt des Nena, gefolgt von einer Menge Volkes, das die Verhaftung versammelt hatte. Vor dem Eingang des Zeltes wurde das Roß des Maharadschah von seinem Soyce bereit gehalten; eine Anzahl Reiter hielt, auf die Befehle des Gebieters wartend, rings umher.

In demselben Augenblick, als der Sepoy, fortgestoßen von seinen Kameraden, das Innere des Zeltes betreten wollte, fiel sein Auge auf ein angsterfülltes Antlitz in der Menge, seine Arme waren auf den Rücken geschnürt und er vermochte kein Zeichen damit zu geben, aber es genügte ein rascher Blick mit einer bedeutsamen Wendung des Kopfes, und noch ehe der Teppich sich hinter ihm schloß, konnte er sehen, daß die Person, welcher der Wink gegolten, sich rasch aus dem Gedränge verlor.


Der würdige Bote Editha Higsons hatte nach dem Fortgange seines Gastfreundes noch keineswegs sein fröhliches Gelage aufgegeben. Er fuhr mit seinem Singen und Trinken unbesorgt fort, bis der Boden des Kruges ihm bewies, daß auch der letzte Tropfen des edlen Getränkes geschwunden war. Es schwebte ihm dunkel vor, daß er bis zur Nacht Zeit haben werde, auszuschlafen, und daß er sich daher keine Sorge zu machen brauchte. Es dauerte in der That nicht lange, so sank er auf die Bastmatte, und lautes Schnarchen verkündete, daß er in tiefen Schlaf gefallen war.

Es mochte eine Stunde vergangen sein, als eine junge indische Frau in fliegender Hast den Fußpfad daher geeilt kam, sich häufig umschauend, als fürchte sie Verfolgung, und in die Hütte stürzte.

Sie faßte den Arm des Schlafenden und schüttelte ihn heftig, indem sie die wenigen englischen Worte, die sie kannte, in ihre Rede mischte. »Sahib Faringi müssen fort, geschwind, große Gefahr drohen dem Sahib und arme Tetukanah und arme Nudschur! Nudschur gefangen beim Peischwa – Peischwa kommen, um Sahib Faringi zu fangen!«

Der Irländer rieb sich, nachdem es ihr endlich gelungen war, ihn aufzurichten, schlaftrunken die Augen. »Was zum Teufel schwatzt die Närrin von Peischwa und gefangen? Laß mich schlafen – oder noch besser, komm' her und küß' mich, Du kleine hübsche schwarze Katze!«

Aber die junge Frau entriß sich seinen Armen. »Tetukanah,« rief sie, »will Dich retten, weil Du an ihrem Herzen geruht, und Du sie nicht verachtet hast, obschon Du ein weißer Mann bist. Nudschur Dschewarri ist von den Kriegern des Nena gefangen genommen, diese Augen sahen ihn in das Zelt des Peischwa schleppen, und er winkte mir. Lakschmi möge sich unserer erbarmen, wenn sie Dich finden – das Leben eines Armen ist nichts! ein Hauch des Pavana in den Augen des Mächtigen! Auf, Fremdling! Folge mir!«

Der Irländer – obschon seine angemaßte Kenntnis des Hindostanischen sich auf die Ausdrücke im Verkehr mit seinen Untergebenen beschränkte, hatte doch die Mitteilung der jungen Frau jetzt begriffen, und die Kenntnis der Gefahr ernüchterte ihn vollkommen. Er sprang empor, griff nach seiner Waffe und ließ trotzig das Auge umher rollen, als suche er den Feind.

Aber Tetukanah zog ihn halb mit Gewalt mit sich fort, indem sie ihn anflehte, ihr zu folgen, da Flucht und Verbergen allein noch sie retten könne.

»Sahib müssen in den Hain der stummen Leute; Affen. der Ort ist heilig, und niemand wird ihn zu betreten wagen, wenn Sahib sich dort verborgen halten bis zur Nacht. Tetukanah wird wiederkehren, ihren Freund zu suchen, wenn Surya sein Licht unter die Weltschüssel verborgen hat und Soma über den Bogen des Himmels zieht!«

Sie hatte hinter den Hütten einen engen und furchenartigen Weg eingeschlagen, der mitten durch das Maisfeld führte. Nachdem sie sich eine Viertelstunde durch die hohen, sie ganz verdeckenden Halme hindurchgedrängt, gelangten sie an das Ende des Feldes, das in einem jähen Erdsturz zu einem schluchtartigen Wege führte, der zwischen dichtem Gebüsch verkrüppelter Tamarisken und Mangroven weiter führte.

Die Frau floh auf diesem Wege fort, und Mickey, dem die Gefahr die größte Behendigkeit verlieh, folgte ihr eben so eilig, denn er glaubte, in der Ferne Geschrei zu vernehmen.

In der That war dies der Fall; die Hindufrau wandte sich zu ihm und sagte: »Die Krieger des Nena haben die Hütte erreicht, aber Lakschmi sei Dank, wir sind am Ziel!« Sie hielt jetzt vor einer hohen und dichten Hecke an, die von den dicken Blättern und Zweigen des stacheligen Feigen-Kaktus gebildet war, doch keine Öffnung zeigte.

»Innerhalb dieser Wand ist der heilige Hain der stummen Leute,« sagte sie hastig, »die Stelle ist weit genug entfernt von dem Tempel der Priester, so daß Dich diese nicht bemerken werden. Kriech durch die Hecke und verstecke Dich im Gebüsch, bis die Nacht gekommen. Wenn Du dreimal das Geheul des Schakals an dieser Stelle hörst, werde ich zurückgekehrt sein, um Dich zu holen.«

Mickey schaute verdutzt die von langen Dornen starrende Wand an, ohne zu wissen, wie er hinüber oder hindurch kommen sollte. Seine Märtyrerlust war keineswegs so groß, daß er sich gesehnt hätte, nähere Bekanntschaft mit den fußlangen Stacheln zu machen. Aber Tetukanah zog ihn mit Gewalt nieder, riß ihm das weiße Obergewand vom Körper und hüllte ihm Kopf und Hände ein. »Bist Du ein Mann, Faringi, daß Du den kurzen Schmerz fürchtest, wo es gilt, Dein Leben zu retten? Eile! denn die Feinde nahen!«

In der That erklang ein gellender Ruf lauter und näher als die früheren, und man hörte ihn deutlich von verschiedenen Seiten erwidern. Der Irländer steckte mit einem Coup der Verzweiflung seinen Kopf, als den Teil seines Körpers, welcher unstreitig die beste Bahn brechen und die härtesten Schläge vertragen konnte, in das Dickicht voran und schob mit heldenmütigem Entschluß durch die elastischen und nachgebenden Zweige seinen Körper nach. Zwar waren Gesicht und Hände durch die Vorsicht der Indierin so ziemlich geschützt, aber an hundert anderen Stellen drangen die spitzen Dornen in sein Fleisch und Mickey steckte wie in einem der höllischen Instrumente des Mittelalters, das man die spanischen Stiefel nannte, bis es ihm durch einen gewaltsamen, von einem Fluch begleiteten Ruck gelang, sie zu durchbrechen. Kopfüber fiel er in einen flachen Graben, der die Hecke auf der innern Seite begrenzte. Er hörte noch, wie Tetukanah ihm zurief, sich von der Hecke zu entfernen und dann die flüchtigen, hastigen Schritte, mit denen sie selbst entfloh.

Sie war erst wenige Augenblicke in dem Dickicht der Mangrovebüsche verschwunden, welche den Hohlweg säumten, als diesen im vollen Galopp mehrere Reiter heraufgesprengt kamen, an ihrer Spitze der Peischwa selbst.

»Möge die Bhawani alle Verräter verderben, der Ungläubige ist auch hier nicht zu sehen!«

»Die Blume der Tapferkeit wolle seinem Diener ein Wort gestatten,« sagte einer der Offiziere zu dem Fürsten, der sein Roß unweit der Stelle parierte, an welcher der Irländer durch die Kaktuswand geschlüpft war, »sein Lager war noch warm wie das Nest des Hasen, als wir die Hütte betraten. Der Kaffir kann unmöglich weit sein – er muß sich in den Feldern verborgen halten!«

»So stelle Wachen aus, entlang der ganzen Strecke, Mustapha, und sorge, daß der Hund nicht entwischt! Alamos und die Tänzerin sind auf seiner Fährte – der Mexikaner hat die Witterung eines Hundes und wird sie nicht verlieren.«

In der That hatte der Nena kaum ausgesprochen, als an derselben Stelle, an welcher Mickey mit seiner Führerin das große Maisfeld verlassen hatte, Joaquin Alamos, der Pfadfinder, erschien, gefolgt von dem Kanadier Adlerblick und der Bayadere nebst mehreren Sepoys.

»Wo ist der Spion? Habt Ihr den Faringi gefangen?« schrie der Peischwa sie an.

Der Mexikaner schüttelte verneinend den Kopf. »Noch nicht, Hoheit,« entgegnete er, »aber wir sind auf ihrer Spur.«

Der Nena ritt näher zu ihnen heran. »So sind ihrer mehrere?«

»Nein, Sennor Principe – es ist ein Europäer und ein indisches Weib. Sie muß ihn gewarnt haben vor der Gefahr und ihm den Weg zur Flucht zeigen.«

»Woraus schließest Du das?«

Der Mexikaner lächelte. »Den Mann hat die Sennora hier gesehen und ihn als einen Weißen erkannt. Es muß ein Faringi-Soldat sein, denn er ist ein unmäßiger Trinker und wir fanden, wie Du weißt, einen geleerten Krug an seinem Lager. Der Boden in den Maisfeldern ist weich: die Spuren eines Weiberfußes sind wohl zu erkennen, auch wenn er noch so leicht ist, und sie sind die eines nackten und kleinen Fußes mit Ringen an den Zehen. Die Frau, die den Engländer führte, muß also jung, eine Hindu und von niederem Stande sein.«

Der Nena nickte zustimmend. »Und wohin führen die Spuren?«

»Hierher, Hoheit, sie treten hier aus dem Felde.«

»So suche weiter, der elende Sohn einer Hündin kann nicht weit entfernt sein. Bringt den Gefangenen hierher!«

Von mehreren Seiten waren jetzt Sepoys aus dem Felde herbeigekommen, die dasselbe nach allen Richtungen durchsucht, einer der Trupps führte den gebundenen Gastfreund des Irländers mit sich und schleppte ihn auf einen Wink vor den Nena.

»Dreifacher Sohn eines Hundes, der Du Deinen Glauben und Dein Land verrätst,« schnob der Peischwa ihn an, »gestehe, wen Du abgesandt hast, den Faringi zu warnen und ihn zu verbergen?«

»Möge der Schatten Deiner Gnade auf Deinen Sklaven fallen,« winselte der Nudschur, zu den Füßen des Pferdes sich windend; »ich kann nur sagen, daß ein Mann diesen Morgen in meine Hütte gekommen, der sich für einen Kaschmirer ausgab und unsere Sprache spricht, wie das Wasser des Quells sprudelt. Er sagte mir, er sei krank, und befahl mir, den Hakim des Peischwa zu holen. Bei dem Haupte Krischnas, dem der Peischwa an Macht und Tapferkeit gleichkommt, ich war bei ihrer Unterredung nicht zugegen und habe nur gethan, was sie mir befahlen. Er wird ein Sohn des Teufels gewesen sein und ist verschwunden, wie er gekommen.«

»Schurke, wagst Du Deine Lügen mir nochmals ins Antlitz zu speien?« tobte der Peischwa, »ich will Deinen Leib in Stücken auf die Gräber der Ungläubigen werfen lassen, wenn Du nicht gestehst!«

Der Ruf des Mexikaners unterbrach den Zornausbruch des Hindufürsten. »Ich habe die Spur, Hoheit, hier haben sie sich getrennt – das Weib ist nach jener Richtung entflohen!«

»Möge die Dunkeläugige auf ihren Fersen sein! Was ist aus dem Manne geworden?«

Der Mexikaner zeigte ihm einen Fetzen weißen Stoffes, der an den Dornen des Kaktus hängen geblieben.

»Er ist hier hinein!«

»Das ist unmöglich; die Wand ist dicht wie eine Mauer und hoch. Hat er die Flügel eines Vogels, um darüber weg zu fliegen?«

»Es ist wie ich sage, Sennor Peischwa,« erklärte der Mexikaner. »Diese Dornen sind nach innen abgebrochen, an diesem Blatte ist frisches Blut und dieser Stein ist durch einen Fuß von der Stelle gerückt, der sich dagegen gestemmt hat. Die Angst hat ihm die Kraft gegeben diese Wand zu durchbrechen!«

»Stell' Wachen aus, Mustapha, und fort zu den Tempel der stummen Leute. Dieser Sohn eines Hundes und einer Hündin soll sterben, ehe Suryas goldne Scheibe noch das Meer der Weltschlange berührt!«

Er sprengte im rasenden Galopp weiter, gefolgt von der Schar zu Pferd und zu Fuß, den Weg verfolgend, der, aus der Schlucht hervortretend, an dem Wäldchen entlang bis zu einer großen Pagode führte, welche den Eingang zu dem parkähnlichen Gehege bildete, das den Wohnort der »stummen Leute« oder der heiligen Affen bildete.

Es ist bekannt, daß der Glaube der Hindus die Pflege oder wenigstens die Duldung einer Menge von Tieren seinen Bekennern zur Pflicht macht, und man sieht daher in allen indischen Orten Vögel und Vierfüßler der verschiedensten Art sich ohne Scheu in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen umhertreiben. Der Geier und der Hund suchen in dem Schmutz der Wege ihr Futter, der Kranich und der Ibis stehen nachdenklich auf einem Bein auf Mauern und Vorsprüngen, und die heiligen Kühe durchwandeln an manchen Orten in so großer Zahl die Straßen, daß sie selbst den Eingeborenen zur Last werden.

Zu diesen durch den Glauben der Seelenwanderung geschützten Tieren gehören auch die Affen, die an verschiedenen Orten Indiens besondere ihrem Unterhalt geweihte Stiftungen haben. So ist das Dorf Durgagund in der Nachbarschaft von Benares den heiligen Affen geweiht, und die Einwohner teilen alles, was sie besitzen, mit diesen Tieren.

Eine ähnliche Einrichtung bestand an der Pagode in der Nähe von Cawnpur. Der Nena sprang vor dem Eingange von dem Pferde und trat, ohne sich um die Vorschrift zu kümmern, wonach mit Waffen niemand das Innere betreten darf, durch die Pforte des Tempels in das Gehege, indem er seinen Begleitern befahl, den Ausgang zu besetzen und ihm zu folgen.

Das Gerücht und Geräusch der Menschenjagd hatte sich noch nicht bis hierher erstreckt. Als der Nena den inneren Raum betrat, fand er mehrere Brahminen, Fakire, Bettler und Gläubige um den Rand des gemauerten Bassins versammelt, in das die Marmorstufen der Freitreppe der Pagode führen, und wohin die Affen, deren es viele Hunderte von allen Gattungen in diesem Bezirk giebt, kommen, um zu trinken und sich zu baden.

Die Priester und Gläubigen waren beschäftigt, eine Anzahl von Affen zu füttern, die mit der größten Unverschämtheit ihren Ernährern die Speise aus den Händen rissen und sie kratzten und bissen, während andere auf den nächsten Bäumen ihre mitunter sehr anstößigen Possen trieben.

Das plötzliche Erscheinen des Nena brachte unter Menschen und Tieren große Bewegung hervor. Die Priester wollten mit Geschrei gegen den Eintritt Bewaffneter protestieren, aber einer der Brahminen erkannte den Peischwa und beugte sein Knie vor ihm, worauf sich alle zu Boden warfen. Da aber die Tiere weniger Respekt vor einem Hinduprinzen haben, so näherte sich ihm in diesem Augenblick ein großer Affe und langte mit Grimassen nach dem von Gold und Steinen funkelnden Säbel des Peischwa; ein tüchtiger Kolbenstoß des Kanadiers jedoch stürzte das wimmernde Tier in das Bassin, und die ganze Rotte zog sich schnatternd und zähnefletschend zurück.

Einige kurze Fragen reichten hin, den Peischwa zu überzeugen, daß der Verfolgte den Ausgang noch nicht versucht hatte. Indem er seine Befehle erteilte, waren die Krieger und die ganze Versammlung, die erfahren, daß es galt, auf einen Faringi Jagd zu machen, im Begriff, sich in dem Gehege zu verbreiten, als aus einem entfernten, mit Gebüsch und Bäumen dicht besetzten Teil desselben ein eigentümlicher Lärm herübertönte und mit jedem Augenblick zunahm.

Das Gehege war mit prächtigen Mangos, Akazien, Bananen, Pingalas und Tamarinden besetzt, über deren reich und üppig belaubte Kronen hin und wieder eine Palme ihre mächtigen Fächer spannte, oder die schlanke indische Fichte ihre Riesenbogen und Säulengänge schlug, während ein Heer von Mimosen, Aroideen, Farn und Orchideen ihre Ranken um die Stämme wand und in Trauben und Behängen von Baum zu Baum lief.

In dieser prächtigen tropischen Vegetation hauste das Heer von Affen und Meerkatzen, vom großen Schimpansen bis zum kleinen Löwenäffchen, in ungestörter Freiheit, aber ewig unter sich selbst in Streit und Zank, und nur dann einig, wenn es galt, sich gegen einen gemeinsamen Feind zu wenden.

Was daher an »stummen Leuten« in der Nähe des Bassins sich befunden hatte, eilte jetzt in grotesken Sprüngen der Gegend zu, woher jenes Geschrei ertönte. Der Lärm, den die Affen erregten, das Quieken und Schnattern, Bellen und Zetern war in der That ohrzerreißend, und bekundete nichts weniger, als ihren Anspruch auf den Namen, den die Hindus ihrem Gehege gegeben. All ihr Zorn, all ihre Erbitterung schien sich auf einen Gegenstand zu konzentrieren, der sich in dem dichten und dunklen Laub einer indischen Fichte verborgen haben mußte, denn von allen Seiten wurden Steine, Früchte und Holzstücke nach jener Stelle geschleudert, und die Mutigsten und Kräftigsten liefen an den Stämmen auf und nieder und fletschten nach ihrem verborgenen Feind die Zähne, während andere Haufen auf dem Boden, wie von der Tarantel gestochen, umherhüpften und die merkwürdigsten Kapriolen vollführten.

Am Fuße eines mächtigen Pingalabaumes lag ein ziemlich großer Affe mit eingeschlagenem Schädel, und die Leiche ihres Kameraden bildete den Mittelpunkt der Hauptgruppe, aus der förmlich menschliche Schreie und Klagen ertönten.

Als der Nena und seine Begleiter dieser Scene sich eilig näherten, konnten sie schon in einiger Entfernung zwischen dem Geschrei der Affen die kräftigsten Verwünschungen einer Männerstimme in englischer Sprache hören, die immer lauter und verständlicher wurden, je näher sie kamen.

»Dem Teufel seine Gevatterskinder mögt Ihr sein, aber keine ehrlichen Tiere!« klang die Stimme des Irländers. »Heiliger Patrik! Im ganzen gesegneten Irland ist keine Kreatur so boshaft, daß sie einen armen Kerl, der auf der Flucht ist, verraten und fangen würde! Ha, ich kenne Dich ganz gut. Du blaunäsiger Schurke, Du magst Dich verstellen wie Du willst, ich weiß, Du warst diese Nacht mit unter den Verrätern beim Sturm auf den Wall! Komm mir nicht zu nahe, Du stutzohriger Ohnehose, oder ich hau' Dir die Hand vom Rumpfe!«

Es war offenbar, daß der ehrliche Mickey sich in dem Glauben befand, daß viele der Affen verkleidete Hindus wären, auf der Jagd nach ihm begriffen. Dies ging noch mehr aus den nachfolgenden Worten hervor, die den Purzelbaum eines Affen von einem ziemlich hohen Ast begleiteten.

»Bei der Seele meiner Mutter, ich habe Dir's gesagt. Du schwarzer Halunke, daß Du mir nicht zu nahe kommen sollst! Jäsus, mein Härre, daß ein Christenmensch wie ich, auch unter solches Gesindel fallen muß! Wenn ich nun einmal dran muß, möcht's meinetwegen in einem tüchtigen Handgemenge sein, nicht wie eine Elster im Sprenkel auf 'nem Baumzweig! Gottes Segen, da kommen die anderen, nun wird der Tanz mit meiner Mutter Sohn losgehen!«

In der That hatten sich seine gefährlicheren menschlichen Gegner dem Zufluchtsort genähert, den er unglücklicherweise gewählt, indem er statt im Gebüsch sich zu verstecken, einen Baum erklettert und so eine Familie großer Schimpanses gestört hatte.

»Dort, dort ist er – zwischen den Blättern,« rief die Bayadere, deren scharfer Blick den armen Kerl bald entdeckt hatte. Die Menge umgab die Stelle, und aller Augen richteten sich nach der Krone des Baumes.

»Komm herunter, Kaffir, oder Dein Tod soll ein schrecklicher sein!« befahl die sonore Stimme des Nena.

Mickey, statt dem Befehle Folge zu leisten, begnügte sich damit, noch höher in den Wipfel des Baumes zu steigen und einen besseren Versteck zu suchen.

In der That bot das dicke Gewebe von Ästen und Zweigen auf der Höhe der in ihrem unteren Teil glatten und geraden Stämme einen ziemlich guten Schutz, aus dem ein Mann nur durch einen persönlichen Angriff oder einen glücklichen Schuß zu vertreiben war.

»Nä, Härre,« parlamentierte der Irländer, »wenn's Ihnen gleich ist, möchte ich lieber hier oben erst einige Worte mit Ihnen reden, es wäre denn, daß Sie einem armen Kerl auf das Wort eines schwarzen Schentleman schwören wollten, seiner Haut nichts zu leide zu thun!«

Die Erbitterung des Peischwa stieg durch die seinem Zorn sich in den Weg stellende, eigentlich ziemlich lächerliche Situation, und er wandte sich mit flammenden Augen zu seinen Begleitern, indem er einigen befahl, die Bäume zu erklettern und Jagd auf den Irländer zu machen, um ihn lebendig zu fangen.

Sofort warfen vier oder fünf der gewandtesten Sepoys ihre Musketen nieder und begannen an verschiedenen Stellen die dünneren Stämme der Fichte zu erklimmen.

Der Stamm der indischen Fichte schießt gerade und glatt bis zu einer gewissen Höhe empor, breitet dann wagerecht seine mit dicht belaubten, dunklen Zweigen bedeckten Äste aus, deren Spitzen sich wieder zum Boden herabsenken, dort neue Wurzeln schlagen und einen Nebenstamm bilden, der sich in gleicher Weise fortpflanzt. Das Gewebe der Zweige in der Höhe ist so dicht, daß ein Mann wie auf elastischem Boden darüber hinwegschreiten kann, und das Laubdach dieses Blätterdoms so groß, daß oft viele hundert Menschen unter seinem Gewölbe Platz finden.

So erklärt es sich, daß die Jagd auf den Irländer trotz der Zahl seiner Verfolger keineswegs eine so leichte war. Mickey kletterte wie eine Katze und fand nachgerade ein Vergnügen daran, seine Feinde zu narren, während jene Feigheit, welche die Sepoys meist im einzelnen Handgemenge einem Europäer gegenüber zeigen, sie abhielt, ihm allzu nahe zu kommen, da er ebenso, wie sie, mit einer blanken Waffe zur Verteidigung bewehrt war und bereits einer der Sepoys einen Hieb davongetragen hatte. Dennoch konnte es Mickey nicht verhindern, nach den jüngeren, weniger dichten und schützenden Bäumen hingetrieben zu werden.

»Schießt den ungläubigen Hund herunter!« befahl endlich der immer ungeduldiger werdende Fürst, aber keiner der Sepoys wagte es, das Gewehr zu erheben, alle blickten mit scheuer Furcht bald auf den Nena, bald auf die Priester, da ein strenges Gesetz verbietet, im Bezirk der unter dem Schutz des Tempels stehenden Tiere eine Feuerwaffe abzubrennen.

Der Nena wandte sich erzürnt zu dem Kanadier in seiner Begleitung. »Diese Feiglinge sind schlimmer als die Tiere, um deren Willen sie sich zu Thoren machen. Bei der Dunkeläugigen, ich muß diesen Mann haben. Schieß ihn herab!«

Adlerblick hob zögernd die nimmer fehlende Waffe. » Mordioux!« sagte er rücksichtslos, »das ist keine Arbeit für mich Monseigneur! Der Bursche kann sich nicht verteidigen gegen mich, und es wäre so gut, wie ein Mord aus dem Hinterhalt.«

»Wagst Du es, über meine Befehle zu mäkeln, Schurke?« schnaubte der Nena ihn an. »Schieß, sag' ich, oder fürchte meinen Zorn!«

Der ehemalige Trapper, der sich auch nicht das geringste Gewissen darüber gemacht haben würde, den Irländer aus jenem Versteck nieder zu schießen, wenn dieser nur selbst ein Gewehr in der Hand gehabt hätte, schwankte noch, da er auf der anderen Seite den Charakter seines Gebieters zur Genüge kannte, als ihm ein glücklicher Gedanke zu kommen schien. In diesem Augenblicke wurde nämlich die volle Gestalt des Verfolgten sichtbar, als er einen der Sepoys zurückwehrte; wie ein Blitz fuhr die schwere Flinte an die Wange des Schützen, der Schuß krachte, und die Dschambea flog aus der Hand des Irländers, so daß von der Gewalt des Stoßes ihm fast das Gelenk auseinandergerissen wurde.

Die Sepoys in den Ästen des Baumes stießen ein Triumphgeschrei aus und eilten, sich auf ihren Gegner zu stürzen. Aber mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens eilte dieser auf dem Ast entlang und stürzte sich plötzlich mit einem Sprung herunter mitten unter seine Feinde und zwar gerade auf den Schützen, der ihn soeben entwaffnet.

Der Stoß war so unterwartet und so schwer, daß der Kanadier trotz seiner Größe und Stärke wie von einem Felssturz getroffen laut- und regungslos zusammenbrach, Mickey aber, dessen Fall eben dieser Umstand gemildert, war im Nu mit der Elastizität einer Stahlfeder wieder auf den Füßen, und den Mexikaner und einen der Sepoys über den Haufen werfend, brach er in gewaltigem Anlauf durch den gefährlichen Kreis und floh in weiten Sprüngen durch den Waldgrund der Pagode und dem Eingang des Geheges zu.

Ein gellendes Geschrei, Verwünschungen und Drohungen erschollen hinter ihm, und alsbald war die ganze Meute auf seinen Fersen. Aber die Todesangst verlieh dem Verfolgten eine wahrhaft wunderbare Muskelkraft, und als er das Bassin und die Freitreppe der Pagode erreichte, waren seine Feinde noch weit hinter ihm.

Der Irländer war mit einem Sprung auf der Höhe der Stufen, warf einen alten Brahminen, der ihm entgegentrat, zu Boden und stürzte durch das offene Thor des Tempels ins Freie.

Mehrere Diener und Soldaten hielten vor der Mauer des Vorhofs die Pferde des Peischwa und seiner Begleiter; das Erscheinen des Flüchtlings war aber so plötzlich und von dieser Seite so unerwartet, daß keiner aus dem zahlreichen Haufen Entschlossenheit genug fand, ihn aufzuhalten.

Das Aussehen des Armen war überdies furchtbar genug, um selbst das Herz eines mutigen Mannes erbeben zu machen, wenn er ihm gegenüber treten sollte. Seiner Oberkleider entblößt, mit bloßem Kopf und wirrem Haar hatten die langen Dornen sein Fleisch an vielen Stellen zerrissen und Schultern, Brust und Arme förmlich mit blutigen Schrammen bedeckt. Sein Gesicht war von Schweiß, Pulver und Blut auf das scheußlichste entstellt, die Augen, blutunterlaufen, begannen von der furchtbaren Anstrengung hervorzuquellen und aus dem weitgeöffneten Munde keuchte ein mit jedem Schritt kürzer werdender heißer Atem.

Dennoch hielt er keinen Augenblick in diesem fruchtbaren Lauf um sein Leben inne, sondern stürzte vorwärts, indem er sich nach der Richtung wandte, in welcher die Befestigung der Engländer lag.

Aber das Schicksal wollte die heldenmütigen Anstrengungen des braven Burschen nicht unterstützen. Zwischen dem Gehege der »stummen Leute« und der Verschanzung der Engländer war eine weite Strecke aufsteigenden freien Landes, nur an einzelnen Stellen von Mangrove- und Karylbüschen und wenigen Bäumen unterbrochen, aber hin und wieder mit Wassergräben zur Befruchtung der Felder durchzogen, die seinen Lauf hinderten. Als er wild um sich schaute, gewahrte er, daß von zwei verschiedenen Seiten Haufen von Sepoys, durch den Lärm und die jetzt hinter ihm drein fallenden Schüsse aufmerksam gemacht, herankamen und ihm den Weg nach dem Fort abzuschneiden suchten.

Der Nena hatte unterdes gleichfalls mit seinen Begleitern den Ausgang der Pagode erreicht, sein Antlitz schien förmlich schwarz geworden vor Zorn, und mit dem einzigen Wort: »Lebendig!« an Alamos, der ihm zur Seite war, wies er auf sein eigenes Pferd.

Erbittert über die ungenierte Art, mit welcher ihn der Irländer bei seiner Flucht zu Boden geworfen, sprang der Mexikaner mit einem Satz auf das treffliche Vollblutroß seines Gebieters, und indem er ihm die Fersen in die Flanke preßte und es zu vollem Galopp antrieb, begann er mit geschickter Hand den Lasso loszumachen, den er um seinen Gürtel gewickelt trug.

Noch eine verzweifelte Anstrengung machte der Irländer, den Sieg zu gewinnen. Er befand sich etwa noch zehn Minuten von den schützenden Wällen entfernt, und konnte bereits die dichten Haufen der tapferen Verteidiger erkennen, welche das eigentümliche Schauspiel auf die Schanzen und die Dächer gelockt, obschon nur wenige dessen Ursache begriffen. Daß dies aber von verschiedenen Personen geschah, und er erkannt wurde, bewies ihm das Wehen eines Frauenkleides von der Höhe des Lazarettgebäudes und das Schwenken eines weißen Tuches. Gleich darauf donnerte ein Kanonenschuß, und eine Vollkugel ricochettierte in langen Bogen nach der Richtung, in der einer der Sepoyhaufen herbeirannte, um ihm den Weg abzuschneiden.

Wenige Minuten noch, und er wäre gerettet gewesen, denn auch die andere Schar hatte einen gleich weiten Weg, wie er selbst, zu machen, um ihn abzuschneiden, als er sich plötzlich an dem Rand eines breiten Grabens sah, den er selbst im Vollbesitz seiner Kräfte nicht zu überspringen vermocht hätte. Diese waren vielmehr jetzt zu Ende, die keuchende Brust fand kaum noch Atem und hinter sich hörte er das Triumphgeschrei seiner Feinde und den Galopp der herankommenden Pferde.

Da blieb er stehen, kehrte sich um und die Fäuste geballt und vorgestreckt, erwartete er wie der Büffelstier, der, zum Tode getroffen, das Horn gesenkt sich gegen die Jäger wendet, seine Verfolger.

Im nächsten Augenblick parierte in der Entfernung von etwa zehn Schritt von ihm Alamos der Mexikaner das Pferd des Nena mit so gewaltigem Ruck, daß es sich fast auf die Hacken setzte, hob sich in den Bügeln und ließ die gefährlichen Kugeln im engen Kreise um seinen Kopf sausen, eine Bewegung der Hand – und sie flogen durch die Luft und umschlangen die Füße des Irländers. Im selben Moment von der Hand des geübten Reiters um sich selbst gedreht, sprang das Pferd empor und der um den Sattelknopf geschlungene Riemen riß den Unglücklichen zu Boden und schleifte ihn im wilden Lauf über den Boden hin, während der Siegesruf des Gaucho sich in das Gebrüll des Gemarterten mischte.

Unter einer stattlichen Tamarinde außerhalb der Kanonenschußweite der Befestigung hielt der Nena auf einem anderen Roß, und hierher schleifte der Mexikaner seinen Gefangenen, dessen Aussehen kaum noch menschlich zu nennen war.

Auf einen Wink des Peischwa wurde die Schlinge von seinen Füßen gelöst, und er aufgehoben. Mickey war in den ersten Minuten so schwach, daß er nicht allein zu stehen vermochte, und seine Augen rollten wie bewußtlos im Kreise umher, während seine schaumbedeckten Lippen sich wiederholt öffneten und schlossen.

Bei diesem Anblick trat plötzlich ein Mann aus dem Kreise und schritt auf den Unglücklichen zu; es war Ralph, der Bärenjäger. Der Riese öffnete eine Jagdtasche, zog eine lederne Flasche hervor, die wahrscheinlich Arrak oder Toddy enthielt und reichte sie dem Gefangenen. »Da – trink,« sagte er, »Du magst zwar ein Spion sein, aber Du hast Dich als braver Kerl gezeigt und wirst Stärkung brauchen!«

Der Irländer sah ihn mit einem halbverwunderten Blick an, dann strich er sich die blutigen Strähnen der Haare aus dem Gesicht, ergriff die Flasche und that einen langen Zug daraus. Noch einmal hob er sie gegen das Licht, beliebäugelte ihren Inhalt und wiederholte schmatzend den Zug, der sie bis zu Boden leerte. »Nimm's nicht übel, Kamerad,« sagte er mit freundlichem Grinsen, »es wird wahrscheinlich das letzte Mal gewesen sein, daß Mickey Free einen kühlenden Tropfen auf dieser Welt schluckt, und im Fegefeuer soll's noch heißer brennen, wie in diesem spitzbübischen Lande. Hab' Dank! Ich erkenne Dich, Du bist einer von des Nena Männern, und der da mit den rollenden Augen ist der Satan selber!«

Der Bärenjäger nahm schweigend die Flasche und trat in den Kreis zurück, ohne sich viel um den finsteren Blick zu kümmern, den der Peischwa auf ihn warf. Das scharfe Getränk schien die Kräfte und Lebensgeister des unglücklichen Irländers in der That neu gestärkt und ihm den alten Mut wiedergegeben zu haben, denn er stand jetzt allein und sein Gesicht nahm einen Ausdruck von kühnem Trotz an.

Das Auge des Nena ruhte durchbohrend auf ihm. »Du bist ein Spion,« sagte er, »Du kommst aus jener Verschanzung der weißen Hunde – Du mußt sterben!«

»Ich fürchte selbst, Eu'r Gnaden,« entgegnete Mickey, der sogar in diesem schrecklichen Augenblick seine gewöhnliche Redeweise behielt, »Eu'r Gnaden müßten denn bei besonders guter Laune sein, was aber nicht zu erwarten steht. Was aber den Ausdruck Spion betrifft, so – –«

»Was thatest Du hier? Wer schickte Dich ab? Jener Sohn eines Hundes, den die Kafirs General Wheeler nennen?«

Der Irländer guckte bald rechts, bald links, bald nach dem Wipfel des Baumes.

»Wer mich geschickt, Eu'r Gnaden? O ich kam auf eigene Faust!«

Der Nena stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Bringt den Verräter her!«

Einige Sepoys schleppten ihren Kameraden Nudschur Dschewarri herbei.

»Kennst Du diesen Hund?«

»Hm – es ist ein Korporal vom 31. Nativ-Regiment – der Schurke hat mich oft genug betrogen bei den Einkäufen; ich kenne viele Gesichter hier umher, so schwarz sie die Verräterei auch gemacht haben mag.«

»Du brachtest ihm Nachrichten aus dem Fort, Du hast ihn erkauft und durch seine Hilfe mit dem Franken-Hakim verkehrt!«

»Muschla, was Eu'r Gnaden nicht alles sagt! Ich weiß kein Wort von der ganzen Geschichte und habe den Nudschur seit einer Woche nicht mehr zu Gesicht bekommen.«

»Lügner! Hier ist der Brief des Franken-Hakim an diejenigen, die Dich gesandt haben!«

»Euer Gnaden mögen ihn bestellen lassen. Sie werden vielleicht den Leuten einen Dienst damit erweisen.«

»Sohn eines Hundes, wahre Deine Zunge, oder ich lasse sie Dir aus dem Halse reißen! Wenn ich Dir nicht Glied um Glied von Deinem unreinen Leibe hauen lassen soll, so gesteh', mit wem hast Du sonst hier verkehrt und wem noch Botschaft gebracht, außer dem Hakim?«

Der schlaue Irländer merkte sofort, daß der Peischwa von den einzelnen Umständen seiner Mission durch den Nudschur noch keine Kenntnis erhalten, und überzeugt, daß er auf Gnade ohnehin nicht zu rechnen habe, dachte er zu hochherzig, um auch nur durch ein Wort zum Verräter an seinen Landsleuten zu werden.

»Ich beteur' Eu'r Gnaden bei allem, was Sie wollen, ich weiß von keiner Botschaft und bin bloß zu meinem Vergnügen nach der Stadt gekommen!«

»Sind die Faringi, Deine Brüder, in jenen steinernen Häusern mit Brot versehen? Wieviel Männer zählen sie?«

»Heiliger Patrik, ich sollte meinen, Euer Gnaden hätten in dieser gesegneten Nacht Gelegenheit genug gehabt, sie zu zählen! Ich habe gehört, Euer Gnaden hätten 'nen Unfall gehabt, was mir sehr leid thun sollte.«

Die Farbe des Nena änderte sich fast ins Grüne bei dieser Erinnerung. Er wandte sich ohne Antwort zu den Männern, die ihn umgaben.

Einen Augenblick schien er nachzusinnen über die Strafe, die er einer solchen Keckheit auferlegen wolle, dann winkte er den Mexikaner herbei.

Seine Hand wies nach zwei jungen schlanken Palmen, die in kleiner Entfernung, etwa zehn Schritt weit voneinander, ihre Kronen in der Abendluft wiegten. Sie gehörten dem Geschlecht der Caryotas an, die ein besonders zähes und elastisches Holz haben.

»Siehst Du die beiden jungen Bäume dort?«

»Ja, Sennor Peischwa!«

»Vermagst Du mit Deinen Schlingen ihre Wipfel zur Erde zu beugen?«

»Wenn mir einige dieser Tagediebe helfen wollen – gewiß, Sennor!«

»So thue es!«

Der Mexikaner winkte drei oder vier der Sepoys und ging mit ihnen der kleinen Baumgruppe zu.

Der Irländer hatte von dieser Unterredung, bei der sich der Peischwa des Hindostani bedient, nur wenig verstanden, doch zweifelte er keinen Augenblick, daß es sich darum handle, ihn aufzuknüpfen, und er fuhr sich unwillkürlich mit der Hand an den Hals. »Zum Henker mit dem Gezauder,« murmelte er, »was sie für Vorbereitungen bedürfen! Können sie einem ehrlichen Kerl nicht einen raschen Soldatentod gönnen!«

Der Peischwa wandte sich zu ihm und deutete nach dem Hügel, auf welchem sich weit sichtbar die befestigten Gebäude erhoben, welche gegenwärtig den Schutz der Engländer bildeten. Die Entfernung war nicht so groß, daß man nicht bei der Klarheit der südlichen Luft selbst ohne Glas von einer Stelle zur andern mit scharfem Auge die Handlungen der Gruppen hätte sehen können. Während der Jagd und der Vorgänge, die wir eben beschrieben, war die Sonne immer tiefer zum Horizont gesunken und ihre letzten Strahlen ruhten jetzt vergoldend auf der Höhe jenes Hügels, den Erdwällen und den Mauern der beiden Gebäude.

Auf der Terrasse des Daches des Lazaretts wurde eben ein Balken mit einem Querholz errichtet, und seine dunkle Linie war deutlich erkennbar. Eine Menschengruppe umdrängte seinen Fuß.

»Die Kafirs, Deine Brüder,« sagte der Nena spöttisch, »errichten einen Galgen für einen der Gläubigen. Wer auch in ihren Händen sein mag, er wird zu sterben wissen für die Freiheit. Der Gott der weißen Männer vermag nicht Dein Leben zu retten – Du mußt sterben. Aber wenn Du antworten willst auf meine Fragen, sollst Du sterben wie Nudschur, Dein Genosse, und nicht wie ein ungläubiger Hund unter qualvollen Martern!«

Der Irländer kratzte sich hinter den Ohren. »Ich kann mir denken, wen sie da hängen wollen, obschon ich davon nicht wieder lebendig werden möchte! Major Rivers langte sich einen der Jemedare bei dem Gefecht dieser Nacht. Das beste, was Eu'r Gnaden thun können, ist, daß Sie ein Ende machen – die Zeit, auf den Strick zu warten, ist gerade nicht sehr behaglich und ich hab' Eu'r Gnaden nichts zu sagen!«

Der letzte Strahl der Sonne war verschwunden und die Dunkelheit trat ein.

Auf den Befehl des Nena wurden jetzt einige Äste harzigen Holzes angezündet, um als Fackeln bei der Exekution zu dienen. Der Mexikaner und seine Gefährten waren beschäftigt, die zweite Palme zu beugen und ihren Wipfel mit einem schweren Steine am Erdboden fest zu halten.

»Bindet seine Arme!« befahl der Nena.

Zwei Sepoys warfen sich auf den Unglücklichen und schnürten ihm die Hände auf den Rücken.

Der Peischwa schaute ungeduldig nach dem Werk der Männer an den Palmen, das ihm zu lange währte. Er deutete auf den Baum, unter dem er hielt.

»Hängt unterdes diesen Verräter seines Glaubens und seines Landes an jenen Ast! Der ungläubige Hund mag an seinem Gefährten lernen, was seiner wartet!«

Auf den Schultern eines anderen kletterte einer der Sepoys zu dem Ast empor, setzte sich rittlings darauf und schlang einen Strick von den Fasern der Kokosnuß darum, an dessen Ende sich eine laufende Schlinge befand. Man schleppte den Nudschur Dschewarri herbei und stellte ihn unter die Schlinge. Der Korporal machte keine Bewegung sich dem ihm drohenden Schicksal zu entziehen, sondern überließ sich den Händen der Henker. Nicht einmal ein anklagender Blick erhob sich zu dem Manne, dessen Genossenschaft er den Tod dankte. Er hatte sein Geld genommen, obschon er wußte, welche Gefahr damit verknüpft war – seine Philosophie fand es daher in der Ordnung, daß er die Folgen tragen müsse.

Nicht so der Irländer, dessen Rechtlichkeitsgefühl sich gegen die Bestrafung des Nudschur empörte. »Es ist 'ne Sünd' und Schande, so wahr der Härre lebt,« sprudelte er, »daß so 'ne arme Kreatur hängen soll, bloß weil sie ihrer Natur nachgegeben und aufs Kommando ihres Sergeanten und für 'ne Hand voll Gold den Pflasterschmierer geholt hat. Lassen sich Eu'r Gnaden an Mickey Free begnügen, wenn Sie denn doch einmal hängen wollen! Der arme Kerl hat Weib und Kinder, und um mich wird niemand eine Thräne vergießen, es sei denn Betsy O'Flanaghan, wenn ihr die Geschichte zu Ohren kommt, da sie 'n gutes Mädchen und obendrein 'ner Lady Kammerjungfer ist!«

Die Einsprache Mickeys würde seinem Schuldgenossen wenig genützt haben, wenn nicht eine solche zugleich von einflußreicherer Seite gekommen wäre.

Die Bayadere nämlich trat zu dem Peischwa, deutete auf den Verurteilten und dann nach der Gegend der Verschanzung und sprach eifrig zu ihm. Der Nena hörte sie finster an, aber das, was sie sagte, schien Eindruck auf ihn zu machen; denn über sein Gesicht fuhr ein grimmiges Lächeln und, als schon der Korporal von seinen Henkern in die Höhe gehoben und die Schlinge um seinen Hals gelegt war, erhob er die Hand und rief:

»Halt! Bringt ihn hierher!«

Während gehorsam die Henker den Strick lösten und den Sepoy herbeiführten, erstrahlte plötzlich in der Richtung der Verschanzung ein helles Blaulicht. Man erblickte in seinem Schein deutlich die Parapets der Wälle und die Dächer der Gebäude – an dem Galgen, der auf der Terrasse des Hospitals errichtet war, hing eine menschliche Gestalt in den letzten Todeszuckungen.

Der Nena lachte bitter auf, als er nach jener Seite hindeutete. »Deine Brüder, die Hunde, geben uns das Beispiel, und bei dem Schlangenhaar der Khali, es soll nicht verloren sein! Geh,« fuhr er zu dem Sepoy gewendet fort, »ich schenke Dir das Leben, aber bedenke, daß das Auge des Peischwa auf Dir ruht und seine Gerechtigkeit über Dir schwebt!«

Der Nudschur warf sich vor den Hufen des Pferdes in den Staub und beteuerte seine Treue und Ergebenheit. Dann zog er sich hastig in den Haufen seiner Gefährten zurück.

»Was giebt es? was flüstert Ihr?« fragte der Nena, dessen Falkenblick bemerkte, daß die beiden ehemaligen Trapper der Felsgebirge eifrig miteinander sprachen, denn Adlerblick war jetzt gleichfalls herbeigekommen.

»Hoheit,« sagte Ralph, »dieser Kanadier meint, er habe in dem Licht, das die Engländer soeben über die Ebene warfen, zwei dunkle verdächtige Schatten sich bewegen sehen, und mir selbst kam es so vor, obschon meine Augen nicht mehr so gut sind, wie zur Zeit, als ich noch mit den Apachen und den tapferen Comanches den grauen Bären in den Klüften der Felsgebirge jagte.«

Der Nena dachte einen Augenblick nach – es schien ihm nicht unlieb zu sein, einen Vorwand zu finden, um die beiden weißen Krieger zu entfernen. »Nehmt ein Dutzend dieser Männer mit Euch und durchstreift die Ebene bis zur Batterie des Subadar Vaillant, damit jene Söhne von Hunden und Eseln es nicht wagen, uns zu überfallen. Doch höre, wie lange sagtest Du, daß Du einen Gefangenen hättest leben sehen, den die braunen Krieger der Einöden Deines Landes zwischen den Wipfeln der jungen Bäume ausgespannt?«

Der rauhe Trapper schauderte, denn er erkannte jetzt die grausame Absicht des Hindufürsten.

»Drei Tage und drei Nächte, Hoheit,« sagte er kopfschüttelnd, indem er einen Blick der Teilnahme auf den Irländer warf, »aber es ist eine That, wie ich sie nicht mehr in meinem Leben zu sehen hoffe, und wie sie sich nur für die roten Teufel der Prairieen schickt. Ich hatte –«

»Geht und vollführt meine Befehle!« unterbrach ihn der Nena gebieterisch. Dann, während die beiden Trapper mit einem Haufen Sepoys davonschritten und sich bald in der Dunkelheit verloren, wendete er sein Pferd zu den Palmenbäumen hin, indem er winkte, den Irländer ihm nachzuführen.

Mit Hilfe des Lassos war es dem Mexikaner gelungen, die Wipfel beider Bäume zur Erde zu beugen und an einander zu befestigen. Als der Nena herankam, waren diese Vorbereitungen gerade vollendet.

»Man wird von der Behausung jener Hunde auf diese Stelle sehen können?«

» Carambo, Sennor Peischwa, ich bürge dafür. Wir sahen bei dem Licht, das sie warfen, deutlich den Galgen, den sie errichtet haben!«

»Ein Galgen ist des andern wert,« sagte mit Hohn der Nena. »Schnürt diesen Kaffir mit Händen und Füßen fest an die Spitzen der Palmen, und laßt sie ihn empor in die Luft schnellen. Wenn Surya seine ersten Strahlen über die Erdscheibe gießt, werden seine Brüder diese Frucht unserer Bäume sehen.«

Mit einem Jubelgeschrei warfen sich die Henkersknechte des Peischwa auf den unglücklichen Irländer und diesen zu Boden. Er begann jetzt zu ahnen, daß etwas Ungeheuerliches mit ihm vorgenommen werden sollte, und begrüßte, da ihm die Hände gebunden waren, den ersten, der sich ihm näherte, mit einem kräftigen Fußstoß. Aber die Übermacht war zu groß – der Mexikaner selbst scheute sich nicht, zu dem scheußlichen Werk mit Hand anzulegen, da ihm der Engländer nur als Feind galt, und er bei ähnlichen Grausamkeiten in den ewigen Bürgerkriegen seines Vaterlandes oft genug mit geholfen. Trotz seines Sträubens, seines weit über die Ebene hin dringenden Gebrülls, seiner Bitten und Verwünschungen ward der Sergeantmajor mit festen, unzerreißbaren Baststricken an den Gelenken der Füße und Hände an die ihrer Blätter beraubten Baumspitzen geschnürt.

Todesangst und Verzweiflung malte sich jetzt in furchtbaren Zügen auf dem Gesicht des braven Burschen, der so oft dem Tode getrotzt, ohne daß sein Geist irgendwie aus der gewöhnlichen Fassung gekommen. Aber das Unbekannte, Furchtbare dieser Marter, mit der man ihn bedrohte, schien all seine Standhaftigkeit vernichten zu wollen.

»Heilige Mutter Gottes,« brüllte er, »schütze mich vor diesen leibhaftigen Teufeln und erbarme Dich meiner Seele. Laß mich beten, sag' ich, ein einziges Paternoster, wenn eine Mutter Euch geboren, laßt meine Beine los, Ihr gottvermaledeiten Schurken, einen Soldatentod, einen ehrlichen Soldatentod! – Mord! Mord! Zu Hilfe, Oberst Stuart! Betsy, arme Bet – zu Hilfe, Kameraden – –!«

Der tapfere Offizier, an dessen Seite er in blutiger Schlacht gestritten, und zu dem er halb bewußtlos in diesem furchtbaren Augenblick um Hilfe rief, war ihm vorangegangen in die Ewigkeit! Der Nena gab ein Zeichen und der Mexikaner zerhieb die Bande, welche die Wipfel der Bäume zusammenhielten.

Ein entsetzlicher gellender Schrei, der nichts Menschliches hatte – man sah eine dunkle Gestalt in der Form eines Andreaskreuzes in der Luft zittern und hin- und herschwanken, von der elastischen Schwungkraft des zähen Holzes bewegt; fast im nämlichen Augenblick der Knall eines Schusses – eine konvulsivische Bewegung jenes dunklen Körpers am Nachthimmel – –

»Was ist geschehen? wer that den Schuß? Bei Yama dem Unterirdischen – wehe dem unvorsichtigen Schützen!«

Die Bayadere hatte einem der Fackelträger diese aus der Hand gerissen und streckte sie hoch hinauf zu dem Unglücklichen, dessen Glieder auf das grausamste von der Spannkraft der beiden Palmen auseinander gerissen wurden.

Aber kein Laut, kein Schrei des unsäglichen Schmerzes kam mehr von seinen Lippen, das Haupt des armen Dulders hing kraftlos zur Seite, ein Strom von Blut rann aus der zerschmetterten Stirn – der Irländer war tot, getötet in dem Augenblick der grausamen Marter von der Kugel aus eines Freundes Rohr.

Der Nena stieß einen grimmigen Schrei der Wut aus, als er sein Opfer auf diese Weise so plötzlich aller Marter entrückt sah. Er legte die Hand an den Griff seines Säbels, und sein drohendes Auge suchte im Kreise der Männer den verwegenen Schützen.

Rascher, als noch ein Wort des Zornes sich seinen Lippen entwand, fiel in einiger Entfernung ein zweiter Schuß, der gellende Ram-Ruf wurde hörbar, ein wirres Gewehrfeuer, und man vernahm ein Geschrei wie den Lärm eines Kampfes und einer weitern Verfolgung.

»Das sind die Sepoys der Engländer!« rief der Nena, »zu den Waffen, Männer, die Feinde haben einen Ausfall gemacht!«

Aber ein näher kommender Jubelruf der Hindukrieger benachrichtige ihn alsbald, daß keine Gefahr zu fürchten sei, und die dunkle Gruppe, die sich nahte, aus Freunden bestände.

Adlerblick und der ehemalige Bärenjäger, die Gewehre in der Hand, traten in den Lichtkreis der Fackeln. Hinter ihnen her drängte sich das kleine Kommando Sepoys, das sich auf den Befehl des Nena ihrem Spähergange angeschlossen hatte – in seiner Mitte, von zehn Händen gehalten, eine fremde Gestalt.

Der Nena sprengte gegen die Gruppe.

»Was ist geschehen? gebt Antwort! Wo sind die Faringi?« herrschte er ihnen zu.

»Wir sahen ihrer nur zwei, Monseigneur,« sagte der Kanadier, »die sich in die Nähe gewagt. Der Blitz des Schusses, den der eine nach jenem Körper dort that, verriet sie, und wir bringen einen Gefangenen, der andere ist entkommen!«

Der Bärenjäger stieß den Kolben seiner Büchse auf den Boden. »Ich wünschte, der andere wäre es auch,« murmelte er, »und verdammt sei das Gesindel, das ihn auffing. Es war ein wackeres Stück, hierher zu kommen und jenem armen Kerl die tagelange Höllenmarter zu ersparen.«

»Wo ist der Gefangene?«

Die Sepoys stießen ihn in den Lichtkreis – die Tänzerin schlug mit einem Schrei wilden Frohlockens die Hände zusammen und sprang auf ihn zu.

Der Gefangene war Leutnant Sanders, der Verlobte Editha Highsons, ihrer Nebenbuhlerin!


Der Verrat.

In dem Zelt, das der Peischwa noch immer auf der Stätte des Bungalows des Residenten bewohnte, saß der Nena an einem niederen, mit Papieren bedeckten Tisch, sein Auge ruhig darauf geheftet oder zu seiner Vertrauten, Anarkalli der Bayadere, aufschlagend, die ihm gegenüber auf dem Diwan kauerte und lebhaft zu ihm sprach.

Von Zeit zu Zeit horchte der Nena auf den dumpfen Donner eines Kanonenschusses; denn obschon neunzehn Tage seit dem ersten Sturm auf die Verschanzung der Engländer und der Hinrichtung des armen Mickey vergangen waren, hielt sich das improvisierte Fort noch immer gegen die Übermacht des Feindes.

Wenn je ein Heldenkampf geführt worden, der den Namen braver Soldaten in der Geschichte aller Zeiten berühmt gemacht hat, so war es die Verteidigung dieser schwachen Erdwälle und einfachen Gebäude durch eine Hand voll Krieger gegen eine fast dreißigfache Übermacht – diese Verteidigung fast ohne Munition, ohne Proviant; unter der glühenden Sonne Indiens, unter dem Pesthauch der Krankheit.

Längst schon hatten die Belagerten die Erwiderung des schweren Geschützfeuers aufgeben müssen, womit Tag und Nacht die Batterieen der beiden französischen Offiziere des Nena, Cordillier und Vaillant, sie bedrängten. Die Munition war nur noch so spärlich vorhanden, daß sie kaum zur Abwehr der häufig wiederholten Stürme hinreichte und mit jedem Tage mehr schmolz. Der ganze Proviant, den die Besatzung besaß, bestand aus Mehl, und auch dieses in so geringer Menge, daß schon nach den ersten Tagen alle auf halbe Rationen gesetzt werden mußten.

Man hatte sich der Hoffnung hingegeben, daß, wenn es ihnen gelänge, sich nur einige Tage gegen die Übermacht des Peischwa zu halten, die Nachricht von ihrer Bedrängnis bald Lucknow und Allahabad erreichen und ihnen von dort Hilfe und Ersatz kommen würde. Das Gerücht, daß der Sergeantmajor es unternommen habe, Kundschaft aus dem Lager des Feindes zu bringen, hatte sich am Morgen nach dem ersten Sturm rasch in der kleinen Garnison verbreitet, aber selbst, als am Abend das schreckliche Schauspiel seiner Verfolgung und der Vorbereitungen zu seiner Hinrichtung vor ihren Augen sich entwickelte, gaben sie die Hoffnung auf baldigen Entsatz nicht auf.

Während General Wheeler, trotzend auf diese Hoffnung und zum äußersten entschlossen, als Drohung gegen den Nena den gefangenen Jemedar aufknüpfen ließ, hatten sich Sanders und Kapitän Halliday entschlossen, auf eigene Gefahr sich Überzeugung von dem Schicksal des armen Burschen zu verschaffen und vielleicht etwas zu seiner Rettung zu thun. In dem Schatten der einbrechenden Nacht ließen sie sich von den Wällen gleiten, und es gelang ihnen, vorsichtig über die Zwischenebene bis in die Nähe der Bäume zu gelangen, unter denen der Nena das grausame Strafgericht vollzog. Mit Schmerz in den wackeren Herzen erkannten sie, daß der Unglückliche aus den Händen der Mörder nicht zu retten wäre, aber die sichere Büchse Hallidays gab im verhängnisvollen Augenblick ihm wenigstens den raschen Soldatentod.

Wir wissen, daß unglücklicher Weise die Rakete, welche die Belagerten warfen, sie dem scharfen Auge des Kanadiers verraten hatte. Obschon weder Adlerblick noch der Trapper große Lust hatten, die wackere Freundesthat, als sie dieselbe bemerkt, mit einer Ergreifung der beiden kühnen Abenteurer zu vergelten, zwang sie doch die Gegenwart der Sepoys zur Verfolgung, bei der Halliday in der Dunkelheit glücklich entkam. Er brachte die Nachricht von der That des Nena und von dem Falle des Leutnants, den er unter den Schüssen der Sepoys glaubte stürzen gesehen zu haben, in das Fort.

Aber Tag auf Tag verrann, ohne daß die ersehnte Hilfe sich blicken ließ, und die Einschließung des Feindes wurde immer enger, immer gefährlicher, die oberen Teile der beiden gewölbten Gebäude bildeten nur noch einen Schutthaufen, und Bresche auf Bresche lichtete die schwachen Erdwälle, die nur mit der unsäglichsten Anstrengung während der Nacht wieder hergestellt werden konnten.

Vier schwere und blutige Stürme hatte die heldenmütige Tapferkeit der kleinen Besatzung in der Zeit der neunzehn Tage abgeschlagen, und mancher tapfere Mann hatte das Kriegerschicksal Oberst Stuarts bereits geteilt.

Und nicht die Kugeln und der Hunger allein waren die grimmen Feinde, die an der kleinen Schar zehrten und täglich neue Opfer forderten: die Leichen, die um die Wälle moderten, und die keine der beiden Parteien zu begraben wagte, verbreiteten im glühenden Sonnenstrahl den Pesthauch der Verwesung, und die Harpye Krankheit legte ihre Krallen auf die Geängstigten. Wenn jetzt der Geier über dem eklen Fraß schwebte und die Hyäne, der freche Räuber der Gräber, oder der Schakal heulend während der Nächte um die Wälle strich, sandten die Belagerten ein Dankgebet zu Gott für diese entsetzliche Hilfe.

Und in dieser Not, in dieser Gefahr entwickelten die Frauen einen Heroismus, der den Mut der Männer überstrahlte, oder vielmehr allein ihn aufrecht erhielt.

Den größten Teil der Zeit war General Wheeler an das Krankenlager gefesselt gewesen, nur von Zeit zu Zeit gelang es ihm, sich auf den Wällen zu zeigen und die Verteidigungsmaßregeln zu besichtigen. Sein Geist wurde von Tage zu Tage mißmutiger und finsterer, und die beiden jungen Wesen, die ihm nahe standen, übten mit unerhörter Aufopferung ein doppeltes Samariterwerk, indem sie ihn pflegten und zugleich allen Frauen der kleinen Besatzung in den Pflichten der Selbstverleugnung, in der unermüdlichen Sorge für die Kranken und Verwundeten, ja selbst in der Thätigkeit auf den Wällen, wenn sie, die zum Tode ermatteten Männer ablösend, an ihrer Stelle mit Muskete und Degen Wache hielten, ein leuchtendes Vorbild waren.

Seit einigen Tagen fühlte der General jedoch sich wohler, sein Auge blitzte wieder streng und entschlossen wie sonst, sein Schritt war fest, und mit Gewalt schien er der Schwäche zu gebieten. Am Morgen desselben Tages hatte man im Innern der kleinen Feste einen Pfeil gefunden, an dessen Schaft ein Brief gebunden war, dessen Adresse an den General lautete. Sämtliche Offiziere der Besatzung waren um den General zu einem Kriegsrat versammelt, nachdem während des ganzen Tages alles, was Arme und Beine rühren konnte, mit der Instandsetzung der Waffen beschäftigt gewesen, und der Rest der Munition und der Lebensmittel unter die Männer und Frauen verteilt worden war. – – – – – – – –


»Bei der Dunkeläugigen, Mädchen,« sagte der Nena höhnisch, »Dein Witz scheint sich diesmal geirrt zu haben. Wir hätten eben so gut den eigenen Brief dieses Faringi an die Hunde, seine Brüder, schicken können, als die Schrift, die Du so trefflich nachgeahmt.«

»Möge der Peischwa, die Zuflucht der Hindostani, bedenken, daß der falsche Brief des Gefangenen erst diesen Morgen in ihre Hände gekommen. Die Faringi vermögen nicht bei der Hitze des Tages zu fechten, sie werden die sinkende Sonne erwarten. Wenn ein Funke von Mut in der Brust der Kaffirs ist, werden sie die Gelegenheit nicht vorüber gehen lassen, und der Gebieter Indiens wird die Rache an seinen Feinden befriedigen können.«

»Hast Du heute den Engländer gesehen, Mädchen?«

Die dunklen Augen der Tänzerin funkelten in boshaftem Triumph. »Anarkalli sieht ihn alle Tage, wenn Surya aus dem Wasser der Weltschlange taucht und wieder zu ihr niedersinkt. Sie setzt sich in den Winkel seines Gemachs, und ihr Anblick erinnert ihn an seine Undankbarkeit, während ihre Erzählungen von dem Geschick seiner Brüder in ganz Hindostan sein Herz durchbohren.«

»Und wie trägt er seine Gefangenschaft, die längst mit den Martern des Todes geendet, wenn Du nicht sein Leben erhalten hättest, wie das Leben jenes Verworfenen, der es wagte, mit den Kaffirs zu verkehren?«

Die Züge der Bayadere nahmen den Ausdruck tödlichen Hasses an, ihre kleinen Hände ballten sich krampfhaft. »Er ist stolzer, wie Krischna, und sein schwarzes Herz verachtet es, ein Wort der Bitte an die Blüte der Granate zu richten, die ihm einst teuer war. Er ist ein Krieger und ein Mann, ich gestehe es, aber ich will sein Herz brechen sehen, und sein Auge weinen, wenn ich die glänzende Schlange vernichte, die mir seine Liebe geraubt!«

»Ich habe Dir geschworen mit dem Eide, den wir beide kennen, daß Du wählen sollst unter den Gefangenen, wenn Dein Anschlag gelingt. Der Gedanke, ihm jenen Hund Nudschur Dschewarri zum Wächter zu setzen und diesen sich als einen heimlichen Freund der Faringi ihm zeigen zu lassen, war gut, aber ich fürchte, jene Memmen hinter den Wällen, die allen unseren Anstrengungen trotzen, wagen den Ausfall nicht, zu dem Dein falscher Brief sie in seinem Namen aufgefordert.«

»Die Bhawani wird ihre Diener nicht verlassen. Wer kann den weißen Männern trauen – ihr Sinn ist veränderlich. Die Nachricht, daß morgen die Reiter von Lucknow eintreffen, während sie bereits diese Nacht gekommen, und daß Du ihnen entgegen gezogen, wird sie verlocken. Hat der Stern Hindostans von dem Kaffir-Hakim in Bithoor gehört?«

»Er sendet mir täglich Briefe, die ich die Flamme verzehren lasse. Er soll morgen den kranken Wessier der Rani nach Jhansi begleiten, bis dahin ist er ein Gefangener, der das Gebiet von Bithoor nicht überschreiten darf! Kassim, sein Mayadar, bewacht jeden seiner Schritte!«

»Nur das Grab ist die Kette, die immer bindet, und gehört jedem Verräter!«

»Schweig!« herrschte unwillig der Nena. »Nur der blinde Zorn ließ mich Finsternis auf sein Haupt häufen. Ich danke ihm mein Leben und mehr als das – er war der Freund jener, die ich nicht nennen will, bis sie gerächt ist in Strömen von Blut.«

»Und dennoch hat er sie nicht wieder in Deinen Arm gelegt. Die weisen Männer der Christen rühmen sich, alles thun zu können – warum machte er die Blume Deiner Liebe nicht wieder ihre Blätter erheben?«

Der Nena sah sie mit finsterm Blick an. »Jede Wissenschaft hat ihre Grenzen. Die Pforte des Todes bleibt verschlossen vor den Hakims der Kaffirs, wie vor den Weisen der Brahminen. Es ist so, wie es ist, und es ist gut. Wenn die Lilie des Feldes geknickt ist von dem giftigen Hauch des Monsoon, kann sie nie wieder ihr Haupt erheben. Du bist eine Bayadere, deren Leib jedem feil bleibt und weißt nicht, was die Reinheit und die Treue eines Weibes bedeuten!«

Dunkle Glut überzog das Angesicht der Tänzerin, und sie schien im Begriff, eine bittere Antwort zu geben, als der Teppich des Eingangs sich hob und die verstümmelte Gestalt Eduard O'Sullivans eintrat. Seine Augen machten der Bayadere bedeutungsvolle Zeichen und sein verstümmelter Arm deutete nach der Seite, wo das Fort der Engländer sich befand.

Anarkalli sprang empor. »Sahib Eddo bringt Botschaft – es ist Nachricht da, daß die Faringi in die Falle gehen, die wir ihnen gestellt!«

Der Nena schlug mit seinem Dolch auf eine silberne Glocke, die vor ihm stand. Ein Hindu-Offizier trat ein und verneigte sich, die Arme auf die Brust gekreuzt, vor dem Gebieter.

»Was giebt es, Maheb Sirdanok

»Der weiße Sahib Subadar der Kanonen ist vor dem Zelt, er verlangt die Zierde des Weltalls zu sprechen!«

»Laß ihn kommen, geschwind!«

Der Offizier hob den Teppich und ließ Kapitän Cordillier eintreten, der erhitzt und bestaubt aussah. Er trug die Kleider der Eingeborenen, wie seit dem Ausbruch der Empörung alle Angehörigen der europäischen Gortschura des Nena bis auf Ralph und den Kanadier die sich beharrlich geweigert, ihrer amerikanischen Jägerkleidung zu entsagen.

Der Nena wechselte sofort die Sprache und fragte ihn hastig auf französisch: »Was bringen Sie, Kapitän? geschwind!«

»Es zeigt sich verdächtige Bewegung in der englischen Verschanzung, Hoheit; die Wälle sind gefüllt mit ihren Leuten! – Ich glaube, sie bereiten einen Ausfall vor.«

»Diesen Ring für die Nachricht! Sie wissen, daß Ihre Geschütze nur in dem Fall eines Angriffs auf die Batterie feuern dürfen!«

»Der Befehl ist erteilt, Hoheit!«

»Wo ist Aga Mustapha? Herbei mit ihm und den Offizieren! Führt meine Pferde vor!«

Alles war Leben, Feuer, Energie an dem noch eben so ruhigen apathischen Orientalen.

Der Vorhang des Eingangs flog zur Seite, vor dem Zelte drängte es sich von Sepoy-Offizieren der Infanterie- und Reiter-Regimenter, die dunklen Bronzegesichter waren lebendig geworden in der Aussicht auf den Kampf. Baber Dutt stürmte herbei: »Weiß der Peischwa, mein Bruder, es schon, daß die Faringi ihre Schanzen verlassen?«

»Zu Pferd, Aga Mustapha, und führe Dein Regiment durch die Schlucht an der Pagode der stillen Leute. Erst wenn die Kaffirs handgemein sind am Thore der Stadt, brichst Du hervor und sperrst ihnen den Rückweg!«

Der wilde Moslem-Reiter flog davon.

Die Gestalt des Nena schien zu wachsen, indem er nach allen Seiten seine Befehle erteilte.

»Wo ist mein Helm, wo ist mein Panzer, Sohn eines unreinen Tieres? Fort, Rao Sahib, mit den Männern vom 31. Regiment, ihnen entgegen und locke sie ins Plänklergefecht zwischen die Bungalows! Besetze die Straße nach Bithoor, Mir-Sobdar, und gieb ihnen Dein Feuer von der Seite her!« Während dessen waren die Diener beschäftigt, ihm den silbernen Kettenpanzer anzulegen.

Fernes Schießen wurde hörbar, ein Reiter kam inmitten einer Staubwolke daher gejagt.

»Die Faringi! die Faringi!« heulte er schon von fern, »sie haben den Hügel verlassen, sie dringen gegen die Stadt!«

Der Peischwa riß dem Diener den Turbanhelm mit den Pfauenfedern aus der Hand und drückte ihn aufs Haupt. »Zu Roß, Männer von Hindostan, und färbt Eure Säbel in dem Blut der Verhaßten!« Er legte die Hand auf den Rücken des edlen, mit Gold und Purpur gezäumten Pferdes, das man herbeigeführt, und war mit einem Sprung im Sattel. »Die Lanze, reicht mir die Lanze! – Wo stehen die Reiter vom Fünften?«

»Am gelben Haus, Hoheit, am Bithoor-Thor!«

Das Pferd des Nena flog in gewaltigen Sätzen davon.

Unterdes hörte man das Gewehrfeuer immer lauter und näher. Der falsche Brief, welcher auf den tückischen Rat der Bayadere den Engländern zugesandt worden, hatte seine Wirkung gethan. – – – – – – – – –

In dem Kriegsrat, den General Wheeler mit den Offizieren der Besatzung gehalten, war es ziemlich stürmisch hergegangen, da die Ansichten über den Inhalt des Briefes geteilt waren. Derselbe lautete:

 

»Sir!

Seit neunzehn Tagen bin ich gefangen und streng bewacht, und erst jetzt gelingt es mir, Ihnen eine Nachricht zu geben. Der Nena bricht heute mit der Hälfte seiner Leute auf, um eine Abteilung unserer Landsleute aufzuhalten, die von Allahabad heranrückt. Lucknow ist in den Händen der Feinde, binnen zwei Tagen werden die Reiter von Audh hier sein und dann ist alles verloren. Was geschehen soll, muß gleich geschehen; ein Angriff auf Cawnpur kann den Nena zwischen zwei Feuer bringen und uns mit unseren Freunden vereinigen. Mein Gefängnis ist im gelben Hause am Bithoor-Thor; ein uns ergebener Sepoy verspricht mir, diese Zeilen in Ihre Hände gelangen zu lassen. Gott nehme Sie in seinen Schutz!«

 

Der Sepoy-Korporal, den das Wort der Bayadere vom Strick errettet, hatte sich auf den von der Drohung eines martervollen Todes begleiteten Befehl das Vertrauen des gefangenen Offiziers zu gewinnen gewußt und ihm versprochen, einen Brief an seine Freunde im Fort gelangen zu lassen. Dieser Brief war mit der eigentümlichen Fertigkeit, welche viele Orientalen in mechanischen Nachahmungen besitzen, benutzt worden, um in der Handschrift des Offiziers das obige Blatt zu schreiben.

General Wheeler, unzufrieden über die Unthätigkeit, zu welcher er bisher gezwungen gewesen, hatte sofort beschlossen, noch am selben Tage den Versuch zu machen, sich durch die Rebellen zu schlagen und die Straße nach Futtehpoor und Allahabad zu erreichen, da in der That infolge der verräterischen Maßregeln des Nena die Zahl ihrer Feinde sich bedeutend vermindert zu haben schien. Es galt nur noch, die Art und Weise zu beraten, in welcher der Angriff geschehen sollte. Der General war der Meinung, alles auf einen Wurf zu setzen und die Frauen und Kinder in die Mitte der Kolonne zu nehmen, während Oberst Williams und Kapitän Ashe sich dem widersetzten. Endlich einigte man sich dahin, die Kolonne zu teilen, die Mehrzahl der unverwundeten kampffähigen Männer, etwa hundertfünfzig an der Zahl, einen Angriff gegen die Sepoys und den Versuch machen zu lassen, den Feind aus der Stadt zu vertreiben. Dort konnte man wenigstens sicher sein, Lebensmittel, Munition und Schiffe zu finden, mit denen man auf dem Ganges eine südlichere, noch in den Händen der Engländer befindliche Station erreichen konnte. Der Rest von etwa fünfzig Kranken und Verwundeten sollte mit den Frauen unter dem Befehl der Kapitäne Ashe und Delafosse in der Verschanzung zurückbleiben, um den Erfolg des Kampfes abzuwarten, und sich ihnen anzuschließen oder den Rückzug zu decken.

Als Zeit des Ausfalls hatte man die sechste Nachmittagsstunde bestimmt, um noch beim Licht des Tages zu kämpfen, während zu dieser Zeit doch bereits die größte Hitze des Tages vorüber war. Der General hoffte dann im Schutz der Nacht desto leichter den sich wieder sammelnden Feinden zu entkommen.

Jeder einzelne hatte seine genaue Instruktion, da jeder Mann für zehn, für zwanzig gelten mußte. Die fremden Offiziere, die sich in der kleinen Garnison zusammengefunden, hatten die Ehre für sich verlangt, als Tirailleure die Avantgarde zu bilden, Major Conelly kommandierte sie; jeder that die Dienste des Gemeinen, und trotz ihrer geringen Zahl waren sie eine gut bewaffnete, zum äußersten entschlossene und daher nicht zu verachtende Schar. General Wheeler mit den Artilleristen und dem Rest der Mannschaft bildete die Haupt-Kolonne.

Als die Stunde herankam, nahmen alle von ihren Kameraden, von ihren Weibern, Töchtern und Schwestern Abschied, Knaben drängten sich in ihre Reihen und verlangten trotzig, mitzuziehen, Soldatenfrauen, die Thränen gewaltsam zurückpressend, reichten mit zitternden Händen Muskete und Säbel ihren Männern. Bleich, aber mit entschlossenem Mut sagten die Damen ihren tapferen Verteidigern Lebewohl; die Strenge der Konvenienz brach der Ernst dieser Stunde und manches lang verschlossene Gefühl verkündete die bebende Lippe.

Editha Highson trat zu dem ehemaligen Residenten, der sich bei der Beratung des Ausfalls ganz neutral verhalten und seit Sanders Gefangennahme dessen Adjutanten-Dienst bei General Wheeler übernommen hatte. »Sir,« sagte sie, »Sie werden sich erinnern, welches Gebäude Leutnant Sanders als sein Gefängnis bezeichnet hat. Es wird mich glücklich machen, ihn aus Feindeshand gerettet zu wissen, da mein Auftrag die Veranlassung war, welche jenen unglücklichen Mann ins Verderben stürzte und ihn zu dem Wagnis trieb. Die Ruhe hat seitdem meine Seele geflohen.«

Der Major verneigte sich. »Unser erster Angriff soll jener Stelle gelten, verlassen Sie sich darauf. Miß Highson!«

»Toby, mein Junge,« sagte der Doktor, indem er im Vorübergehen dem langen, vom Elend und Hunger noch hagerer als früher aussehenden Fähnrich die Hand drückte, »das ist eine verwünscht gute Gelegenheit, um der Cholera zu entgehen. Der Henker hole den Alten, der nicht will, daß ich mit Ihnen fechte und glaubt, ich sei zu nichts gut, als Wunden zu flicken oder eine Kugel zwischen den Rippen hervor zu holen. Marschieren Sie immer getrost voran, der Teufel soll mich holen, wenn die spitzbübischen Sepoys Sie nicht für Ihr eigenes Gespenst ansehen und es der Mühe wert halten, Blei an Sie zu verschwenden!« Der Fähnrich ließ ein klägliches Lächeln schauen. »Ich wünschte, Doktor, die schöne Zeit am Meßtisch wäre erst wieder da; möchten Sie mich auch immerhin schrauben, wie's Ihr leidige Gewohnheit war!«

Ein kurzer Trommelwirbel gab das Signal. Der südliche Zugang der Verschanzung wurde geöffnet, die bereit gehaltene Bohlenbrücke über den Graben geworfen, und die Schar stürmte ins Freie.

Auf den Wällen sammelten sich die Zurückgebliebenen, die Frauen und Kinder. Der Waffenvorrat war an sie verteilt worden; an den mit der letzten Munition, mit Stücken Eisen, Steinen, ja mit Knöpfen und Schmucksachen bis an die Mündung geladenen Kanonen, welche den Eingang beherrschten, standen die Männer; aller Augen verfolgten die Ausziehenden, aller Herzen schlugen in banger Besorgnis, und viele Kniee beugten sich und viele Hände streckten sich zum Himmel im Gebet für die Teuren, die in den Tod gingen.

Da blitzte es hier, da, dort im Gebüsch auf, und der leichte Rauch kräuselte empor in die durchsichtige Luft – die Tirailleurs schwärmten über die Ebene und waren bereits im Gefecht mit den feindlichen Vorposten.

Unaufhaltsam drangen die braven Offiziere vor, im Laufe jede Deckung benutzend, jeder Schuß der geübten erfahrenen Jäger fällte einen der Feinde, die Vorposten der Sepoys zogen sich zurück, bald wurde der Rückzug zur Flucht!

»Hurra für Alt-England! Drauf, Kameraden! ein Wettrennen nach den Halunken!«

Der tapfere Conelly schwang den Säbel, bereits war man den Bungalows der Vorstädte so nahe, daß man den Wirbel der Trommeln, das wirre Geschrei der Menge innerhalb der Thore hörte, aus denen einzelne Haufen der Sepoys ohne Ordnung und Kommando zum wüsten Plänklergefecht daher gerannt kamen.

»Vorwärts! vorwärts, Kameraden!« schrie der greise General, der wie ein Jüngling an der Spitze seiner Truppen herankam. »Wir überraschen sie vollständig, die Stadt wird unser sein im Handumdrehen!«

Da krachte es von den Gärten der Bungalows an der Flußseite her, ein regelmäßiges Pelotonfeuer und der Mahadeo-Ruf heulte aus jedem Gebüsch. Jeder Strauch, jede Hecke, das ganze Feld schien lebendig zu werden, hinter jedem Baume blitzte ein Gewehr hervor und knallte ein Schuß.

Der General taumelte an der Spitze der Kolonne und stürzte zu Boden. Eine Kugel hatte ihm beide Kniee zerschmettert.

»Das ist Verrat! Sie sind vorbereitet auf den Angriff,« sagte kaltblütig Major Rivers. »Vier Mann von den Gewehren eine Bahre gebildet und den General darauf! Fest im Feuer, Leute: Hornist, das Signal zum Rückzug für die Plänkler. Ruhig zurück, Männer! ruhig zurück! und schließt Eure Glieder! Höll' und Teufel, dort kommen die Reiter!«

Die tiraillierenden Offiziere kamen, von den Sepoys gedrängt, eilig zurückgerannt und vereinigten sich mit der Hauptkolonne, Leutnant Quin wurde von einer Kugel ereilt und stürzte – im Nu warfen sich die Feinde auf ihn und nach wenigen Augenblicken steckte sein Kopf auf einem emporgehaltenen Bajonett.

Vom Bithoor-Thor her blitzte es von Gold, Waffen und Farben durch den Staubwirbel, der mit rasender Schnelligkeit sich daher wälzte, Lanzenspitzen, Reiherfedern, blinkende Säbel.

»Quarré! Formiert Quarré! Nieder das erste Glied und fällt das Gewehr – fest, Ihr Männer, sonst seid Ihr verloren! Nicht eher, als beim Kommando!«

Der brave Conelly hatte das Kommando übernommen. Da fast die ganze Schar aus Offizieren, Unteroffizieren und Sergeanten bestand und nur wenige Civilisten darunter waren, wurden die Befehle mit größter Schnelligkeit und Präzision ausgeführt.

Gleich einem Sturmwind kam die Reiterschar, das siebente irreguläre Kavallerie-Regiment von Oude, herangebraust – der Nena an ihrer Spitze.

»Mahadeo! Mahadeo! – Tod den Faringi!«

Auf zwanzig Schritt Distanz erfolgte das Feuer der kleinen Phalanx, jede Kugel traf in den dichtgedrängten Reihen, Pferde überschlugen sich, Reiter stürzten und wurden von den Hufen zertreten – Todesgeschrei und Verwirrung – die Kolonne öffnete sich und stob rechts und links, nur wenige Reiter vermochten ihre Lanzen mit den Bajonetten zu kreuzen, eine neue Salve aus dem Innern des Quarrés jagte sie in die Flucht.

Der Nena, dessen Leben gefeit schien im dichtesten Kugelhagel, schleuderte mit kräftiger Faust seinen Speer zwischen die Feinde, einen Sergeanten durchbohrend, ehe er sein Roß auf den Hinterbeinen drehte und mit einem gräßlichen Fluch davon sprengte.

»Ruhig, Männer! um Gotteswillen Ruhe! – Ladet die Gewehre – keinen Schritt eher – jetzt zurück – dicht an einander – so rasch Ihr könnt! Halten Sie die Glieder in Ordnung, Gentlemen!«

Die Kolonne eilte im Sturmschritt den Weg zurück, den sie gekommen, um zwischen den Gärten der Bungalows das freie Terrain wieder zu erreichen. Eine Wolke von Schützen war um sie her; in dem unaufhörlichen Heckenfeuer war kaum das Kommando zu verstehen.

General Wheeler war von dem Krachen der Schüsse aus seiner Ohnmacht erweckt. »Laßt mich hier sterben, Kameraden; gedenkt der Weiber und Kinder – jeder Mann ist jetzt unentbehrlich!«

Wieder kamen die Reiter des Peischwa herangestürmt, diesmal in drei Schwadronen, vorsichtiger geworden durch den ersten Verlust, aber von gleicher Wut beseelt.

Auf einen Wink des Majors wurde der General auf den Boden niedergesetzt, und die Phalanx hatte sich im Nu wieder gebildet. Zweimal galoppierten die Speerreiter heran und brachen rechts und links aus, erst beim dritten Lauf stießen sie auf das Quarré. Der Anprall war fürchterlich, die Kaltblütigkeit der Briten – das Feuer im letzten Augenblick umgab die kleine Schar mit einem Wall von Leichen der Pferde und Menschen, aber noch die Stürzenden suchten sich heranzudrängen und mit Speer und Yatagan ihre Feinde zu durchbohren.

»Fest an einander! – fällt das Bajonett! Vorwärts!«

Mit dem Stahl brach die Heldenschar sich Bahn durch den Gürtel der Feinde über Leichen und Sterbende hinweg – wiederum flohen die Reiter und ein donnerndes: England for ever! begleitete sie.

Zwei Männer umfaßten den Körper des Generals unter den Schultern; es war kein Marsch mehr, es war ein Rennen, mit dem sie zurückeilten, dennoch aber möglichst fest geschlossen, die Offiziere auf den Flanken.

Zwanzig Mann ließen sie zurück auf dem Felde des zweiten Angriffs, jeder Schritt kostete ein Leben, eine Wunde.

Hinterdrein schwärmte der wütend tobende Feind.

Ein flacher Hügel lag vor ihnen auf dem Weg; hatten sie seinen Rücken erreicht, so konnten sie die Verschanzung sehen, mußten von den Freunden gesehen werden. Ein rascher Lauf und sie waren oben – was stürzt, stürzt! wer nicht weiter kann, ist in wenig Augenblicken die Beute der jubelnden Feinde.

Jetzt sind sie auf dem Rücken des Hügels – da stockt der eilende Fuß, da läuft ein Murmeln des Entsetzens von Mund zu Mund; denn der Kriegerstolz preßt die Lippen zusammen, daß es nicht zum lauten Schrei werden kann.

Zwischen dem Hügel und dem Fort schwenkt ein zweites Reiter-Regiment ein, ihnen den Weg versperrend! seine Waffen blitzen im Strahl der sinkenden Sonne, sein wildes Geschrei macht die Luft erbeben, als es die Engländer erblickt, und findet tausendfaches Echo auf der Seite der Verfolger.

Einen Augenblick steht die tapfere kleine Schar ratlos, verzweifelnd, aber es ist nur ein Augenblick; denn über die Turbane der Reiter hinweg, die ihnen den Weg sperren, sieht das Auge in der Entfernung von etwa 2000 Schritt die halb zerstörten Wälle des Forts, bedeckt mit den Gestalten der armen Frauen und Kinder, und ihr Entschluß ist gefaßt.

Der wunde General streckt seine Hand nach jener Richtung aus. »Kameraden, Ich beschwöre Euch nochmals, laßt mich hier sterben und zögert keinen Augenblick, mit dem Bajonett Euch Bahn zu brechen – es ist der einzige Weg!«

Rivers schwingt den Säbel: »Schande dem Soldaten, der seinen Führer im Stich läßt! Conelly, das Kommando – ich sorge für den General!« und mit einem Heldenmut, der in den Augen der Briten das Andenken mancher schändlichen That für immer verlöscht, schwingt er riesenkräftig, wie er ist, die hagere kranke Gestalt des Generals, der heroisch die Schmerzen seiner Wunden verbeißt, auf seinen Arm und stellt sich in die Mitte der Kolonne.

»Die Hälfte Kehrt gegen die Stadt!« kommandiert Major Conelly, »Feuer auf die Schurken, um sie in Respekt zu halten, und dann vorwärts auf jene Reiter! Gebt ihnen Eure Kugeln, wenn Ihr dicht an ihnen seid, und dann geschlossen mit dem Bajonett auf sie!«

Eine wohlgezielte Salve treibt die verfolgenden Sepoys von dem Fuß des Hügels zurück, dann wirft sich die tapfere Schar mit einer Wendung nach rechts, als wolle sie den Hohlweg und das Gehölz erreichen. Eine Abteilung der Reiter sprengt dorthin, um ihnen den Weg zu versperren.

Aber plötzlich ändert die Kolonne ihre Richtung und stürmt gegen die Kavallerie Aga Mustaphas. Eine Salve dicht an den Köpfen der Pferde, dann ist alles Rauch und Verwirrung, die kleine Schar verschwunden in der Woge von Reitern, die sie umgiebt, und die Krieger des Nena, die über den Hügelkamm dringen, jubeln Triumph: » Jai! jaii – kar!«

Aber plötzlich sieht man jenseits dieses Ringes der Vernichtung blutbedeckt die Heldenphalanx der Engländer hervortauchen, zwar decimiert, fast auf die Hälfte ihrer Zahl geschmolzen, aber ungesprengt, ungebrochen, und ein donnerndes Hurra erschüttert die Luft.

Der Peischwa rast, mit seinen neu gesammelten Reitern stürzt er sich im Karriere die Hügelseite hinab zur Verfolgung, aber die Verwirrung des Reiter-Regiments von Lucknow ist so groß, daß die Reiter einander selbst bei jedem Angriff hinderlich werden, die befreundeten Kämpfer auf einander stoßen, kein Befehl mehr gehört werden kann, und alles hier- und dorthin sprengt.

Unterdes ist der Lauf der Engländer bereits zum Rennen geworden, zum Rennen um Tod und Leben, sie hören schon den Zuruf der Ihren, sie sehen ihr Winken, sie sind dicht an dem Fort.

Da erst gelingt es dem Nena, sich nochmals mit seine« Schwadronen auf sie zu stürzen, er hat den Todfeind in der Mitte der Tapferen erkannt, er will ihn haben um jeden Preis.

Aber die Verfolgten, die keine Zeit mehr haben, sich zu formieren und über die schnell von den Verteidigern geworfene fliegende Brücke in das Fort zu gelangen, stürzen sich auf den Zuruf der Kapitäne Ashe und Delafosse in den Graben, und die anstürmenden Reiter empfängt das letzte Kartätschenfeuer der Hüter des Forts, verstärkt durch Gewehrsalven; denn jede Frau, jedes Kind, das eine Flinte zu halten vermag, entladet sie in die dichten Reihen der Feinde, die Väter, Söhne und Brüder zu retten.

Die Reiter des Nena wenden sich zur Flucht, ihre Gefallenen decken den Boden, der Strom reißt gewaltig den wutschäumenden Führer mit sich zurück, die Schar der Engländer ist gerettet – und hundert Arme strecken sich von den Wällen nieder, die Emporklimmenden herauf zu ziehen.

Auf der Höhe des Walles schwenkt Halliday höhnend die Büchse gegen den fliehenden Feind:

» Old England for ever!«

Sie sind gerettet – noch einmal!



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