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Düppel!

»An die schleswig-holsteinische Frage,« hatte im Jahr 1846 der alternde Metternich gesagt, »wird sich alles hängen, was schlecht ist in Deutschland!«

Es hat sich viel Schmutz daran gehängt, es ist viel gutes und schlechtes Blut darum vergossen worden, – viel Anmaßung und viel Lächerlichkeit dabei zutage gekommen, – zahllose politische Intrigen eingefädelt, – viel schreiendes Unrecht geübt worden – schließlich, wie immer in der Welt, hat das Schwert entschieden.

» Up ewig ungedeelt!« – das alte königliche Versprechen vom Jahre 1449 war mit seinem politischen Unsinn die Parole, unter der man gegen das hartköpfige Dänemark zu Felde zog.

Seit der Umwandlung Dänemarks in eine absolute Erbmonarchie mit weiblichem Thronfolgerecht, also seit 1660 schon, war das Bestreben der dänischen Könige dahin gegangen, die beiden zur Oberherrlichkeit der dänischen Krone gehörigen Herzogtümer auf dem Festland dem Staate zu inkorporieren, um auch den weiblichen Nachkommen des Herrscherhauses deren Besitz zu sichern, der nach deutschem Recht beim Aussterben der regierenden Manneslinie an die nächsten Erben, die Linien Gottorp und Augustenburg übergehen mußte.

Im Jahre 1839 hatte König Christian VIII. den dänischen Thron bestiegen, seine Nachkommen waren knabenlos, und die Regelung der Successionsfrage forderte daher Lösung.

In einem »offenem Briefe« vom 11. Juli 1846 versuchte der König diese zu geben, indem er kraft königlicher Machtvollkommenheit das dänische Königsgesetz der weiblichen Nachfolge auf Schleswig ausdehnte und dies einfach dem Inselstaat inkorporierte. Sein Nachfolger Friedrich VII. (20. Januar 1848) verhieß eine Verfassung für den Gesamtstaat Dänemark und erklärte Schleswig für die Provinz »Süd Jütland«. Das war die Handhabe für die deutsche Reichsversammlung in Frankfurt und den schleswig-holsteinischen Krieg, der schließlich – als Preußen für die Frankfurter und ihre Freischärler nicht mehr die Kartoffeln aus dem Feuer holen und sich in einen Krieg mit Rußland einlassen wollte, – ihm die traurige Demütigung von Olmütz zuzog.

Die Londoner Konferenzen (1851-1852) stellten den Zustand wie vor dem Krieg her, bewilligten Dänemark die weibliche Thronfolge auch über die Herzogtümer, legten dem König dagegen die Verpflichtung auf, die Zusammengehörigkeit der Herzogtümer aufrecht, und Schleswig eine ständische Verfassung mit Gleichberechtigung der deutschen und dänischen Elemente zu erhalten.

Der Herzog von Augustenburg ließ sich unter Entsagung aller Ansprüche sein Erbrecht für drittehalb Millionen abkaufen, bemühte sich damals bei Herrn von Bismarck in Frankfurt um beschleunigte Auszahlung des Geldes und kaufte dafür die Herrschaft Primkenau in Schlesien, die sein Erbprinz zwar als Erbe in Anspruch nahm, indem er zugleich aber auch den Gegenstand des Abkaufs wieder verlangte.

Die dänische Regierung hatte nach den Festsetzungen des Londoner Protokolls im Sinne der »Eiderdänischen Partei« und im Vertrauen auf die Unbeholfenheit des deutschen Bundes, die Uneinigkeit der deutschen Regierungen, und in Hoffnung auf schließliche Hilfe nichtdeutscher Mächte ihren alten Plan wieder aufgenommen: Schleswig zu danisieren und auch in Holstein das dänische Regiment einzuführen. Sie überschwemmte das Land mit dänischen Beamten, Geistlichen und Lehrern, die deutsche Sprache ward unterdrückt, dem Nationalgefühl der deutschen Einwohner Holsteins offen Hohn gesprochen, die holsteinischen Truppen wurden mit dänischen Offizieren versehen und in dänische Garnisonen verlegt und in jeder Beziehung eine so arge Willkür ausgeübt, daß schließlich selbst eine so schlafmützige Gesellschaft, wie der deutsche Bundestag, sich dagegen erhob. Schon unterm 26. Juli 1860 hatte die oldenburgische Regierung beim Bunde beantragt, daß derselbe gegen Dänemark die Androhung der Exekutive ausspreche, weil die dänische Regierung ein Staatsbudget publiziert und in Kraft gesetzt habe, ohne es den Ständen von Holstein und Lauenburg zur Genehmigung vorzulegen.

Das waren die Verhältnisse zur Zeit, als wir im ersten Teil unseres Buches von dem Kopenhagener Kabinett einen Emissär an die deutschen Höfe senden sahen zum Zweck, die Ausführung der Drohung durch den Zwiespalt der Regierungen zu hindern, und für den weiter beabsichtigten Schritt: die Einführung einer Gesamtstaatsverfassung durchzusetzen, – Freunde zu werben. –


Der Winter war vorüber, selbst in den nordischen Gegenden begann der nahende Frühling sein Wehen spüren zu lassen. Die Märzstürme brachten von Westen her mildere Lüfte, die Eismassen zwischen den Inseln begannen sich zu lösen und zu verschwinden, und an den meisten Stellen war der Schiffahrtsverkehr mit dem Festland bereits wieder hergestellt.

In der dänischen Hauptstadt war der Winter mit den gewöhnlichen Vergnügungen, der Fasching mit seinen tollen Lustbarkeiten vorübergegangen; der Streit zwischen den politischen Parteien, den eiderdänischen »Bauernfreunden« und den Anhängern des Ministeriums Hall, war womöglich noch heftiger geworden, als im vorhergegangenen Herbst.

Im Hause des Konferenzrat Halsteen hatten sich die Verhältnisse nicht geändert. – Edda hatte den Winter sehr zurückgezogen gelebt, um jede Erinnerung der Begegnung mit einem Wesen zu vermeiden, das so furchtbar in ihr Leben eingegriffen; denn durch Erzählungen, deren Anhören sie nicht vermeiden konnte, wußte sie, daß Adda seit zwei Wochen aus dem hohen Norden zurückgekehrt war, wie es hieß, mit fürstlichem Reichtum, und ein glänzendes Haus machte, das der Sammelpunkt der Führer der Opposition war. Und während sonst der stets zur Verleumdung geneigte Volksmund sie für die Maitresse eines oder des andern Führers jener Partei ausgeschrien und sie zu den Emanzipierten der schlauesten Art geworfen, – breitete jetzt ihr Gold dichte Schleier über ihr Leben und Treiben und sie war nicht mehr die Dienerin politischer Intrigen, sondern ihre Gebieterin.

Die Art und Weise, wie König Frederik nach zweimaliger Scheidung von ebenbürtigen Gemahlinnen zu seiner dritten ihn vollständig beherrschenden Gattin und der morganatischen Ehe mit ihr gekommen war, hatte ohnehin zu sehr auf die Moral des Volkes gewirkt, um nicht der Stellung einer politischen Hetäre einen gewissen Nimbus zu geben.

In ihrem innern Leben und Fühlen war mit Edda, der liebenswürdigen Tochter des Konferenzrats, eine schwere Veränderung vorgegangen. Das Gleichgewicht ihrer Seele schien gestört, – ihr ruhiges, zwar immer ernstes, aber doch unbefangenes Wesen hatte einer gewissen Schwermut Platz gemacht.

Das Verhältnis zu ihrem Bräutigam, dem Legationssekretär Hansen, hatte sich in nichts geändert. Er befand sich noch auf seiner auswärtigen Mission, und seine Dienste, die er namentlich bei den erneuten Verhandlungen in Berlin und Wien geleistet, hatten ihm die Ernennung zum Legationsrat eingetragen, deren Patent die Gräfin Danner, die Edda Halsteen in ihre ganz besondere Protektion genommen hatte, und die in der Tat ihre niedere Herkunft und ihr Verhältnis zum Könige durch ein sehr gütiges Herz für die Armen und Leidenden und einen großen Takt in der Verwendung ihres Einflusses auf König Frederik aufwog – selbst als Brautgeschenk in ihre Hand gelegt.

Diese Ernennung hatten denn auch Vater und Bräutigam wahrgenommen, um bei Edda auf die Vollziehung der beschlossenen Verbindung zu dringen. Dem Vater war Edda seit jenen Vorgängen im Januar bei aller Liebe zu ihr zu fremd und zu sehr kompromittiert geworden, als daß er nicht gewünscht hätte, sie an der Seite und unter dem Einflusse eines andern Mannes zu sehen; der Verlobte hatte in ihrem Auftreten für seinen Bruder, über dessen Angelegenheit man ihn auf die Dauer doch nicht ganz hatte in Unwissenheit lassen können, wenn auch der Konferenzrat verstanden hatte, sie ihm in einem Lichte darzustellen, das ihn zu keinen ernstlichen Sympathien für den schuldlos Angeklagten und Gemaßregelten kommen ließ, – einen neuen Grund gefunden, ihr seine Wünsche ans Herz zu legen und durch die Beschleunigung der Verbindung jeden Zusammenhang mit der politischen Gesinnung seines Bruders zu dementieren.

Edda hatte dem Verlangen von Vater und Verlobten keine direkte Weigerung entgegengestellt, es schien etwas in ihrem Innern gebrochen, eine jener geheimen Spannkräfte, die der Seele Energie geben, und sie schien die Sache als eine Bestimmung zu betrachten, der sie sich nicht entziehen könne, ja fast als etwas Gleichgültiges.

Nur hatte sie den Wunsch ausgesprochen, daß ihre Verbindung mit dem Legationsrat nicht in Kopenhagen vollzogen werden möge, sondern im Ausland, und da in dieser Zeit der Konferenzrat in einem wichtigen politischen Auftrag sich nach London und Paris begeben und dort mit dem Legationsrat zusammentreffen sollte, ihm selbst auch sehr daran gelegen war, die Hochzeit seiner Tochter nicht wieder zu einem Kopenhagener Stadtereignis zu machen, so war beschlossen worden, daß Edda ihren Vater begleiten und in Paris die Vermählung vollzogen werden sollte.

Am Abend vor der Abreise des Konferenzrats mußte derselbe noch einem Kabinettsrat beiwohnen, der in den Gemächern des Königs gehalten wurde. Die Gräfin Danner hatte Edda die Stunde vorher bestimmt, um sich von ihr zu verabschieden.

Es war gegen 6 Uhr abends, als Fräulein von Halsteen im Schlosse anfuhr, um der Gräfin ihre Aufwartung zu machen. Ihre Stimmung war sehr ernst, sie dachte an jenen Abend, als sie zur Gräfin geeilt war, nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit zu suchen für den teuren Freund.

Den Freund!

War er wirklich nur der Freund, der Bruder ihres Verlobten? Hatte sie für den Verlobten getan, was sie getan, sich der frechen Mißdeutung eines widerwärtigen gehässigen Pöbels ausgesetzt, der schneidenden Verfolgung eines Wesens, das ihr körperliches Ebenbild, in der Seele so verschieden, und das sie doch so gern geliebt hätte? In dem einfachen Seemann war ihr, der vornehm geborenen und erzogenen Dame ein Mann entgegengetreten, nicht der tadellose ritterliche Kavalier, wie die junge Seele sich vielleicht erträumt hatte, nicht ein Ideal ohne Fehler und Härten, aber ein Mann in des Wortes vollster Bedeutung, schlicht und ernst, edel und kräftig, ein Mann, vor dem vom ersten Augenblick ihrer Begegnung ihre stolze jungfräuliche Seele sich beugte. Ja, sie fühlte, sie wußte es, er konnte herausgerissen werden mit seinen Wurzeln aus dem Boden, der ihm teuer, aus dem Dasein des Menschenlebens selbst, – aber beugen konnte ihn nichts, selbst die Liebe nicht, die er im Herzen trug, und daß er sie darin trug, fest und unlöslich, ja, das fühlte sie tief in ihrem eigenen Herzen.

Edda Halsteen hatte es vermieden seit jenem letzten Blick auf das absegelnde Schiff den Namen des Mannes auszusprechen, wie oft auch täglich, stündlich der treue Diener sie daran mahnte, dessen Verbleiben im Hause und in ihrem eigenen Dienst sie mit aller Energie durchgesetzt hatte. Ja eben deswegen war er ihr Liebling, ja ihr unentbehrlich geworden, weil er eben immer und immer von ihm sprach.

Sie wußte auch, daß der »Lyimfjord« von Stockholm zurückgekehrt, daß er aber zunächst nicht wieder nach den friesischen Inseln gegangen, sondern daß er nach einer fernen Station, nach den dänischen Kolonien auf den westindischen Inseln beordert worden, um deren Verkauf eben die Regierung unterhandelte – aber sie sprach nie von dem Schiff, nie von dem Mann, und wenn ihr Vater, was er ohnehin nicht leicht tat, zufällig auf den Gegenstand kam, schwieg sie oder lenkte das Gespräch in andere Bahnen.

Einmal hatte sie an seine Mutter geschrieben, an die einfache alte Frau auf den Inseln die mit dem Wall von Eis und dunkler Sturmflut, fast unnahbar abgeschlossen waren von dem Verkehr mit der anderen Welt. Sie hatte ihr mit aller Schonung von dem falschen Verdacht, der ihren Sohn betroffen und von der Reinigung seiner Ehre gesprochen, ohne doch ihren eigenen Anteil daran zu erwähnen. Sie hatte die Hoffnung ausgesprochen, daß es ihren vereinten Bemühungen doch noch gelingen werde, die völlige Begnadigung des jungen Seemanns zu erreichen, und sprach der Mutter bis dahin Trost zu, indem sie verhieß, nach Vollzug ihrer Vermählung selbst zu kommen, um ihren Segen zu erbitten.

An das alles hatte sich Edda erinnert, als sie jetzt die Treppe emporstieg zu den Gemächern der Gräfin. Es war eine eigentümliche Unruhe, die sie den ganzen Tag schon belastet und fortwährend ihr das Bild des Gepreßten, des erzwungenen Matrosen an Bord der dänischen Brieg unter dem Kommando des ehrlichen aber rauhen und unbeugsamen Seemanns vor die Seele geführt. Was konnte zwischen zwei so eisenharten Charakteren nicht schon geschehen sein, oder noch geschehen, wenn sie – jeder im Glauben an seine Pflicht und sein Recht – gegen einander prallten.

Wie damals, an jenem verhängnisvollen Abend, hatte sie auch diesmal Herr Lundström, der erste Kammerdiener der Gräfin, in den äußeren Appartements empfangen und sie zu dem Kabinett der Gräfin geleitet.

Die Dame saß an ihrem Schreibtisch, aber sie erhob sich sogleich, als ihr das Fräulein gemeldet wurde und kam Edda aus das Freundlichste entgegen, sie zum Sitzen neben sich auf dem Divan einladend.

»Ich danke Ihnen, Fräulein Halsteen,« sagte sie huldvoll, »daß Sie trotz der vielen Geschäfte, die Ihnen gewiß die Abreise und, wie ich höre, die Vorbereitungen zu Ihrer Vermählung verursachen, meinem Wunsche gefolgt sind Sie vor dieser Reise noch einmal zu sehen. Wie mir Ihr Herr Vater sagt, werden Sie Ihren Verlobten schon in London treffen?«

»Er gedenkt hinüber zu kommen.«

»Das trifft sich alles überaus glücklich. Wie Ihr Vater mir sagt, bedurfte es ja nur noch des persönlichen Erscheinens und Legitimierens des Erben, um auf dem Indischen Amt die schöne Hansensche Erbschaft zu heben. Ich beneide Sie, mein liebes Fräulein um das Vergnügen, Ihr Trousseau in dem schönen Paris auszuwählen und zu kaufen. Beabsichtigen Sie längere Zeit fortzubleiben?«

»Das wird von dem Urlaub meines künftigen Gatten und seinem Willen abhängen. Mein Vater sprach von einer Reise nach Italien für uns.«

»Ich habe noch nicht das Glück gehabt, dies Land, von dem man doch so viel des Rühmens macht, zu sehen. Sie wissen meine Liebe, wir Ärmsten, die man oft so beneidet, sind schließlich doch nur Sklaven unserer Stellung und unserer Pflichten. Aber, liebe Edda, – Sie erlauben einer aufrichtigen Freundin, Sie so zu nennen, – wenn ich offen sprechen soll, Ihre schönen Augen sind nicht so klar wie sie früher waren, Sie sehen nicht aus wie eine junge Braut, die dem Wiedersehen und der Hochzeit entgegengeht und Sie verdienen doch so sehr, glücklich zu sein. Haben Sie in letzter Zeit vielleicht wieder von jener affreusen Person zu leiden gehabt, von der man jetzt wieder soviel spricht? – Denken Sie, es sind von gewissen Seiten sogar Versuche gemacht worden, sie in die Gesellschaft einzuführen.«

»Nein, Euer Exzellenz, – ich habe die – Dame nicht wieder gesehen.«

»Man fabelt Unglaubliches von ihrem Reichtum, den sie mitgebracht haben soll. Sie soll die Erbin eines alten Stammhäuptlings in den Lappmarken sein und der Volksmund schreibt ihr den Besitz von ganzen Silberminen zu. Jedenfalls hat sie ihre Erbschaft dann sehr schnell zu erheben und zu verwerten gewußt, denn sie kann trotz der großen Entfernung jener Gegenden und den Schwierigkeiten des Winters doch nicht mehr als zwei Monate von Kopenhagen entfernt gewesen sein; doch ich sehe, daß Sie der Gegenstand peinigt und ich würde ihn auch gar nicht erwähnt haben, wenn ich Ihnen nicht dabei hätte sagen wollen, daß die Schonung, die man diesem Frauenzimmer angedeihen läßt, durchaus nicht aus einem Mangel an Teilnahme für Sie und Ihren Herrn Vater entspringt, sondern nur aus der notwendigen Rücksicht auf ihre politischen Beschützer. Auch kann es ja materiell nur willkommen sein, wenn sie hier ihr Geld vertut, statt in Schweden. Sie kommen ihr ja nun aus dem Wege und kehren später unter ganz anderen Verhältnissen zurück, wahrscheinlich wird Ihr Gemahl auch ganz einer auswärtigen Gesandtschaft attachiert, wenigstens für einige Zeit; denn ich möchte nicht gern dauernd Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft entbehren.«

Edda Halsteen antwortete den freundlichen Worten mit einer stummen Verbeugung.

»Und nun, mein liebes Kind,« fuhr die Gräfin, sie auf die Stirn küssend, fort, – »sagen Sie mir, womit könnte ich Ihnen als mein Hochzeitsangebinde wohl eine kleine Freude machen, ehe ich Sie scheiden lasse? Haben Sie keinen Wunsch, keine Bitte, die ich erfüllen könnte? Sprechen Sie frei heraus, liebe Edda wir Frauen verstehen uns. Sollte ich mich wirklich getäuscht haben? – vielleicht ein Interesse für eine Person, daß Sie Ihre Pflicht glauben, unterdrücken zu müssen?«

Sie hatte sich erhoben und Edda war gefolgt. Der Blick der Jungfrau war zu Boden gerichtet, eine leichte Röte färbte ihre Wangen, sie atmete hörbar und schwer, aber sie gab keine Antwort.

Die Gräfin ging zu ihrem Schreibtisch und nahm ein versiegeltes Schreiben aus einem der Fächer, mit dem sie zu dem Mädchen zurückkehrte.

»Mein liebes Fräulein,« sagte sie gütig, »wenn Sie nicht wissen, was Sie sich wählen sollen, so habe ich es für Sie getan. Hier, nehmen Sie als kleines Zeichen meiner Freundschaft für Sie des Königs vollständige Begnadigung für Ihren trotzigen Freund und künftigen Schwager, und seine Entlassung aus der Königlichen Marine. Habe ich es damit getroffen, Ihnen eine kleine Freude zu bereiten?«

Das Mädchen hatte die Augen zu ihr mit einem Ausdruck aufgeschlagen, der die gütige Frau reichlich für ihr Werk belohnte. Dann beugte sich das sonst so stolze junge Mädchen tief nieder, und während ein Paar große Tränen ihren Augen entquollen, küßte sie die Hand der Von so vielen gehaßten und geschmähten Frau.

Die Gräfin umarmte sie. »Ich sagte Ihnen ja, wir Frauen verstehen uns leicht. Aber schreiben Sie mir nicht ein zu großes Verdienst zu bei der Sache, – Ihr Vater selbst hätte den König schließlich doch um diese Freigebung des jungen Seemanns angehen müssen, da, wie ich höre, bei jener Erbschaftsvollstreckung in irgendeiner Weise seine Zustimmung den Formalitäten der englischen Gesetze gegenüber nötig sein soll, und als davon in meiner Gegenwart die Rede war, beschloß ich sogleich, Ihnen eine kleine Freude zu machen und bat den König, meinen Gemahl, um die schleunige Ausfertigung der Begnadigung. Nehmen Sie dieselbe, – Sie werden von London vielleicht eher Gelegenheit zu ihrer Absendung nach Westindien haben, als wir hier. Das Schiff des Kapitän Hammer ankert im Hafen von St. Croix und wird in diesem Monat wieder auf seine alte Station an den friesischen Inseln zurückbeordert werden. – Da – nehmen Sie, armes Kind – ich wünschte, ich hätte mehr für Ihr wahres Glück tun können.«

Die schlanke Gestalt des Fräulein Halsteen hatte sich aufgerichtet, sie preßte den Brief an das Herz und richtete ihr jetzt strahlendes Auge innig auf die ältere Frau.

»Warum sollte ich es leugnen, so vielem Glück gegenüber,« sagte sie bewegt, – »ja, Euer Exzellenz haben den innersten Wunsch meines Herzens verstanden. Nehmen Sie meinen Dank in dem Gebet, daß Gott Ihnen, was Sie eben getan, lohnen möge, und in der Versicherung, daß Edda Halsteen stets ihrer selbst und ihrer Pflicht würdig, bleiben wird.«

Indem sie sich tief verneigte, verließ sie das Kabinett, bis zur Tür von der Gräfin geleitet. –

Als Edda die zusammenfallende Portiere hinter sich rauschen hörte, war ihr, als wäre eine schwere Last von ihr genommen – seit Monaten atmete sie zum erstenmal wieder heiter, fast glücklich auf.

Der alte Kammerdiener der Gräfin, der sie ins Herz geschlossen, hüllte sie sorgsam in ihren Mantel und geleitete sie selbst zum Wagen zurück, ihr mit einer steifen Reverenz Glück auf die Reise wünschend.

Edda war mit ihren Gedanken zu sehr beschäftigt, um zu beachten, daß der Portier bei ihrer Heimkehr mit einer gewissen Verwunderung auf sie sah. Sie eilte die Treppe hinauf und ohne erst die Zimmer ihres Vaters zu betreten, öffnete sie die Tür des Korridors, der zu den ihren führte und trat hinein.

Zu ihrer großen Befriedigung fand sie im Gange, wie auf sie warten, den treuen Laskaren Suky. Sie wollte ihm eben die freudige Aussicht auf die baldige Wiedervereinigung mit seinem Herrn eröffnen, als das seltsame Benehmen des Braunen ihre Aufmerksamkeit erregte. Er machte allerlei Gesten und Kapriolen, ohne daß sie deren Bedeutung erraten konnte, wies bald auf sich, bald auf sie, oder die Tür ihres kleinen Salons und legte dann geheimnisvoll den Finger auf den Mund.

»Aber was ist, Suky? was gibt es? – Hier nimm meinen Mantel. Jätta ist wohl ausgegangen?«

»Fortgegangen sein, kaufen Dinge für Reise! – Aber andere da warten hier!«

»Wer ist da?«

Der Lascare wies auf die Tür. »Andere Frau – haben mit Suky gesprochen von Herren sein, werden sehen selbst.«

Fräulein Halsteen öffnete ungeduldig die Tür und trat in den Salon, der von einer Ampel nur matt erleuchtet war.

Als sie die Tür hinter sich schloß, erhob sich von einem Sitz am Fenster eine Frauengestalt in dunklem Mantel und Kleid, von dem einfachen Hut fiel der schwarze Schleier und bedeckte ihr Gesicht. Als die Fremde langsam ihr entgegentrat und unter der Ampel stehen blieb, konnte sich Edda eines gewissen Schauers, nicht erwehren.

Die Verhüllte schlug mit einer festen Bewegung den Schleier zurück, die Augen begegneten einander, unwillkürlich trat die junge Dame einen Schritt zurück.

» Adda – Sie hier? – Sie bei mir

»Adda bei Edda!« sagte die andere mit sonorer Stimme, – »zwei gleiche – die Berechtigte bei der Unberechtigten, – das Original bei der Kopie! – findest du in dieser törichten Welt so etwas besonderes darin? – Es gab eine Zeit, wo du mich gesucht – jetzt suche ich dich!«

Das Fräulein von Halsteen rang nach Fassung; das Unerwartete, Überraschende dieser Anwesenheit hatte sie anfangs ganz bestürzt, erst nach und nach wurde sie ihrer Bewegung Herr.

»Weiß mein Vater um Ihr Hiersein?«

»Was frage ich nach ihm! Seine Zeit ist noch nicht gekommen und ich bin nicht hier, mein Erbe zu fordern! – Adda kommt zu Edda, weil sie beide denselben Mann lieben und dieser Mann in Gefahr ist.«

Das, was ihr Herz im Innersten trug, was sie vor sich selbst zu verbergen gesucht, es brach unwillkürlich hervor, nicht in der Frage: welchen Mann? sondern in dem Ruf: »Welche Gefahr? Was wissen Sie davon?«

Der Schwarze nickte. »Ich wußte es – der gleiche Leib, das gleiche Herz! – Hören Sie mich an, Edda Halsteen – es ist so, dem Mann, den wir beide lieben, droht Todesgefahr! – Ich kann nicht sagen, wo? welche? wann? aber ich weiß es – ich fühle es! Edda Halsteen, wir tragen den gleichen Leib, aber wir lieben einander nicht, wir werden nie einander lieben, wir hassen einander …«

»Ich habe Sie nie gehaßt, Adda,« sagte das Fräulein.

»Aber ich dich desto glühender! Genug davon, der Kampf ist unser Schicksal! Weißt du, Edda Halsteen, daß der Vater meiner Mutter Torne Kaitum, der weise Führer der Samulad war?«

»Ich kenne die Namen nicht, die Sie nennen, aber ich glaube zu erraten, daß Sie sagen wollen, Ihr Großvater sei ein Häuptling der Lappen gewesen. Ich habe gehört, er sei gestorben.«

»Sein irdisches Auge hat sich geschlossen, als er über das Meer gekommen ist, das Kind seines Herzens zu sich zu rufen. Der Torne-Kaitum war der große Zauberer seines Volkes – seine Macht über den Leib und den Geist ist auf sein Enkelkind übergegangen, wie immer geschieht mit den geheimnisvollen Kräften, die Baiwe und ihr Gatte Sonne und Mond. Vergl. Biarritz, Bd. 4. den Auserwählten meines Volkes gegeben haben. – Der heutige Tag war ein schlimmer – die Olmaks Die Dämonen der Lappen. haben sich um meine Seele gerissen; – ich fühle es, ich weiß es, daß dem Manne, den wir lieben, schwere Gefahr droht, und ich bin zu dir gekommen, ich, der Dämon, zu dir, der Reinen, damit wir beide ihn retten aus seiner Not. Möge denn der Kampf zwischen uns aufs neue entbrennen.«

Edda war bei diesen wilden Phantasien die geistige Ruhe wieder gekommen.

»Hören Sie mich an, Adda,« sagte sie, – »ich will offen zu Ihnen sprechen. Es wäre töricht, zu leugnen, daß ich weiß, von wem Sie reden. Aber Adda, es gibt etwas, das heißt Frauenehre und Frauenpflicht: ich bin die Braut seines Bruders und werde mein Wort halten. Ich verlasse morgen mit meinem Vater Kopenhagen, und das Schiff, das mich auf das Festland führt, führt mich zu der Verbindung mit meinem Verlobten, dem alle meine Gefühle künftig gehören müssen. Ich habe keine Verbindung mehr mit dem Schicksal dessen, von dem Sie reden, nachdem Gott mein stilles Gebet erhört und mir den Trost gewährt hat, daß ich dies noch für seine Befreiung von unwürdigen Fesseln tun darf!« und sie hielt den Brief, den sie von der Gräfin erhalten, mit freudiger Begeisterung in die Höhe.

Die Lappin stürzte sich mit Heftigkeit darauf. »Was ist's? Rede, sprich!«

»Die völlige Begnadigung und sofortige Freigebung des Kapitän Klaus Hansen aus seinem gegenwärtigen erzwungenen Dienst.«

Die Augen Adda's funkelten von seltsamem Feuer. »Gesegnet seist du von meinem Munde zum erstenmal! – Das ist's, was wir brauchen! Er muß sie haben, sogleich – ich fühle, das allein kann ihn retten.«

»Ich will durch meinen Vater oder meinen Verlobten ihm mit dem nächsten Westindiendampfer das Papier von London aus senden!«

»Törin – nein, es würde einen toten Mann treffen! Noch heute muß er es haben.«

Die junge Dame betrachtete ihre Feindin, die jetzt einen so unerklärlichen Einfluß auf sie übte, fast mit Mitleid – sie argwöhnte eine Geistesstörung, zu welcher ja das so oft exaltierte Wesen der Fremden ohnehin zu neigen schien. »Kommen Sie zu sich, Adda – Sie denken an Unmögliches! Das Schiff des Kapitän Hammer ankert auf den westindischen Inseln, in St. Croix – der ganze atlantische Ozean liegt zwischen dort und hier.«

»Was tut das? – Haben Sie Mut?«

»Mut? Was täte der hier?«

»Weil Sie Ihren Beistand leihen müssen. Ich bin nicht so gelehrt, wie Sie – was ist St. Croix, wo liegt es? Deuten Sie mir genau die Kompaßrichtung an!«

Fräulein von Halsteen sah mit einer gewissen Angst auf ihre Gesellschafterin. Die Besorgnis einer plötzlichen Geistesstörung trat ihr immer näher.

Dennoch konnte sie sich dem Einfluß, des energischen Wesens nicht entziehen. »Saint Croix,« sagte sie, »ist eine der Krone Dänemark gehörige Insel auf den Antillen in Westindien. Ich weiß von ihr auch nur, daß sich verschiedene Herrenhuter Kolonien dort befinden, und daß die Regierung in Unterhandlungen steht, sie zu verkaufen.«

»Aber die Richtung, die Richtung!«

»Sie wird von Kopenhagen ziemlich in West-Süd-West liegen, etwa dort hinaus,« und sie wies die bezeichnete Kompaßrichtung – »Aber wozu diese Fragen?«

Zum erstenmal berührte die Lappin ihre Person, indem sie sie am Arm faßte. »Hast du je von der Fähigkeit der Seelenwanderung gehört, die dem Volke der Samulad verliehen ist?«

»Ich erinnere mich, von dem Märchen sprechen gehört zu haben. Alle Menschen haben, soweit sie Gott ihnen gegeben, die Kraft, ihre Seele in die Ferne wandern zu lassen über Meere und Länder – es ist die Phantasie.«

»Ich spreche nicht von dieser – ich spreche von dem vielleicht schrecklichen Erbteil einiger unserer Familien, ihren Geist von dem Körper zu trennen und ihn selbstständig wandern zu lassen in jede Ferne.«

»Sie freveln, Adda, Gott allein bestimmt die Stunde, wo unser Geist scheidet von unserem Leib und in jene unendlichen Räume zieht, wo kein Haß ist und kein irdisches Leid, wo alle, alle sich finden werden in ewiger Liebe.«

»Sie hat nichts damit zu tun, laß uns die Zeit nicht verlieren mit Streit. Denke an die Worte des Schauspiels: Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht begreifen können. – Ich habe jene Kraft, und die Unruhe, das Fernsehen und das Ahnen, welches mich gepeinigt hat den ganzen Tag, bis es mich zu dir trieb, gehört auch zu den Geheimnissen, die mir der Torne Kaitum hinterlassen. Ich habe nichts, bei dem ich schwören könnte, ich verachte unsere Götter, wie die deinen, aber bei deiner eigenen Seele, die rein geblieben, indes die meine versunken ist im Schmutz – ich schwöre dir: Claus Hansen, der einzige Mann, den ich je geliebt, – er ist in Not und Gefahr und ich muß zu ihm, da du es nicht kannst.«

»Adda!«

»Willst du redlich an mir handeln? willst du mir helfen? entscheide dich rasch.«

Unglückliche – du machst mir Angst! Wenn es dich beruhigen kann – ich will alles tun, was du willst, wenn es nicht gegen die Religion und die Ehre ist!«

»Törin – glaubst du, jener Engländer, der vor drei Jahren an den Tornesee in das Lager des großen Noaide Die Lappen und Finnen nennen ihre Zauberer so. kam und seine Seele wandern hieß über das Meer auf das Schloß seiner Väter, habe keine Ehre gehabt, sei nicht ein Christ gewesen wie du? Ich war dabei, als er die Seele meines Großvaters auf die Wanderung schickte. Ich finde hier zwar nicht, was der Glaube meines Volkes sonst dazu verlangt, aber ich habe den Willen, und mein Wille ist stark! – Sind wir allein?«

»Sie sehen es, Adda!«

»Nein, ich meine, ob wir allein bleiben können, allein, ungestört auf Stunden, auf viele Stunden! So lange,« sie zog die Jungfrau ans Fenster und deutete auf den Mond, der hell und groß am Himmel stand, »so lange Baiwes Gatte leuchtet.«

»Ich habe meinem Mädchen erlaubt, in die Stadt zu gehen, um von ihren Verwandten Abschied zu nehmen, da sie uns morgen begleitet,« sagte Edda zaudernd, – »aber es könnte sein …«

»Du fürchtest dich, mit mir allein zu bleiben, sprich es aus! – Doch – ohnehin hast du allein nicht die Kraft dazu, der Schlaf würde auf deine Augen sinken und meine Seele zu der ewigen Wanderung verdammen im leeren Raum. Hast du jemand, einen Mann, dem du unbedingtes Zutrauen schenken, dem du vertrauen darfst?«

»Meinen Vater,« sagte zögernd das Mädchen.

»Nein! Fort mit ihm! Nenne seinen Namen nicht – er hat meine Mutter getötet, die ihm vertraut, und würde mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, mich in das nichts zu stoßen! Einen andern.«

Trotz des unheimlichen Gefühls, das Edda Halsteen bei all diesen nach ihrer Überzeugung geistesgestörten Reden überkommen war, konnte sie sich doch, nicht ihren seltsamen Einfluß entziehen und es war ihr deshalb nicht unlieb, eine dritte Person herbeizurufen.

»Haben Sie den Mann gesehen, der Sie empfing und in dies Zimmer eintreten ließ?«

»Ja! er ist ein Fremder in diesem Lande. Vertraust du ihm, kannst du dich ganz auf seine Treue und seine Verschwiegenheit verlassen?«

»Er war der treuergebene Diener und Begleiter des Kapitän Hansen und ihm verdankt dieser zum großen Teil seine Befreiung von jener schändlichen Anklage des Mordes!«

»Wäre es ihm nicht gelungen, bei den Olmaks meines Volkes, ich hätte ihn davon gereinigt!«

»Und dennoch wollten sie ihn verderben! ich fürchte, Sie waren es, die den blutgierigen Pöbel auf den unglücklichen Mann hetzte.«

»Laß uns nicht streiten jetzt um Worte und Schein! Also du traust ihm?«

»Um seiner Treue willen und seiner Anhänglichkeit an seinen Herrn, habe ich ihn trotz mancher wilden Eigenheiten in meinem Dienst behalten, bis ich ihn seinem Herrn zurückgeben kann.«

»Er hat Mut, ich weiß es – er schlug mein langes Schäfchen zu Boden und war die Ursache, daß es hinter Schloß und Riegel kam. Der Mörder Jökul in eisernen Handschellen, es muß ein kostbares Schauspiel sein!« – Sie lachte höhnisch auf! – »Rufe ihn!«

Edda ging nach der Tür. Auf dem Stuhl vor derselben hockte noch getreulich der Lascare.

»Komm herein, Suky – ich bedarf deiner!«

Der Grünbraune war mit einem Sprung an ihrer Seite. »Was befiehlt Missus? Haben schwarzer schlimmer Geist ihm übles getan?«

»Nein, Suky – aber schweig und höre!«

Sie kam mit ihm zurück. In dem Salon hatte sich die Lappin des Mantels und Hutes entledigt, sie trug darunter ein einfaches schwarzes Seidenkleid, in ihrer Hand hielt sie jene kleine mit allerlei Charakteren und Figuren bemalte Trommel, deren sich ihr Großvater bei seinen geheimnisvollen Zeremonien bedient hatte.

Der Lascare, ohnehin schon durch seine Abstammung zum Aberglauben geneigt und in dieser Ähnlichkeit der beiden Frauen etwas Dämonisches, Drohendes für seine Gebieterin argwöhnend – sah mit einer gewissen Scheu auf die schwarze Erscheinung. »Malakka-Mann,« flüsterte er seiner Herrin zu, »haben in seiner Heimat gesehen den bösen Geist der armen Indishmen. Er kennen den bösen Blick. Missus möge kreuzen die kleine Finger der Hände, wenn sie spricht mit der Obifrau aus dem Eisland.«

»Pfui, Suky, schäme dich – es ist mein eigenes Auge, dem du Schlimmes zutraust. – Wir sind hier, Adda, was verlangen Sie weiter?«

»Höre mich an! Du magst glauben oder nicht, das sei deine Sache. Ich weiß, daß ich mit dem, was ich tun will, den besten Teil jener geheimen Kräfte opfere, die auf mich gekommen sind; denn nur selten, nur mit Aufbietung einer Gewalt, die das Leben angreift in seinen innersten Fibern, ist es denen gestattet, welche die unglückliche Gabe der Wanderung haben, irdische Dinge durch die wandernde Seele von einem Ort zum andern tragen zu lassen. Zweimal warst du die Siegerin über mich – indem du ihn aus jener Anklage und den Mauern des Kerkers erlöstest und dieses Blatt gewannst, das ihn befreien kann aus aller Not, – an mir ist es jetzt, das Schwerste zu tun, und es in seine Hand zu legen. Hast du ein Gemach, wo niemand mir nahen mag als du und dieser Mann.«

»Mein Schlafzimmer.«

»Wohl – ich gebe mein Leben in deine und seine Hand. Merke wohl, der Geist wird den Körper verlassen und seine Wanderung antreten über das Meer zu dem Orte, den du mir nanntest. Den Weg der Männer schirmt die Baiwe, wir Frauen dürfen ihn nur machen, wenn ihr Gatte am Himmel steht. Es bleibt nichts von Adda, der Enkelin des großen Noaide der Samulad zurück bei euch, als ihr toter Leib, und nur der Gesang meines Volkes vermag ihrer Seele den Weg zurück zu zeigen zu ihrem irdischen Haus. Möge einer von euch um den andern seine Stimme erheben – aber hütet euch, sie beide verstummen zu lassen, ehe der Gatte Baiwes in die See versunken ist – oder nimmer wird die Seele zurückkehren zu ihrem Leib. In eurer Hand liegt meine Vernichtung.«

»Adda, ich muß es als Christin für einen Frevel halten, was Sie beginnen wollen, aber wenn es Sie beruhigen kann, ich werde bei Ihnen wachen, bis Sie selbst mich dieser Pflicht entbinden.«

Die Lappin streckte die Hand gegen den Inder. »Schwöre, nichts zu tun gegen ihren Willen!«

Der Lascare machte das Zeichen der Beteuerung, in= dem er die Rechte aus das Herz legte.

»Sie vergessen,« sagte Edda, die in dem Eingehen aus alle Phantasien der Lappin das erste Mittel zur Beruhigung ihres Gemüts zu finden hoffte, – »daß wir den Gesang ihrer Nation nicht kennen, Sie also damit nicht zurückzurufen vermögen.«

»Ein Kind kann ihn lernen. Höre!« Sie ging nach der Wand, an welcher das Pianino der jungen Dame stand und öffnete es. Ihre Hand rauschte wild über die Tasten und zeigte keine ungeübte Spielerin. Dann blieben die Finger auf einer einförmigen, kaum aus drei, vier Noten bestehenden Melodie haften und ihre schöne Altstimme sang oder murmelte vielmehr die wenigen Worte des eintönigen Liedes.

»Es ist nicht schwer, es zu lernen,« sagte sie bedeutsam; aber es ist leicht, es zu vergessen. – Versuche!«

Sie trat von dem Klavier zurück – ohne die Tasten zu berühren, wiederholte Edda die Melodie und die Worte.

Der Lascare nickte, daß er beides seinem Gedächtnis eingeprägt habe.

»Dann ist es Zeit! – Sende ihn hinweg, daß er die Aufträge vollführe, die du ihm noch zu geben hast!«

Das Fräulein von Halsteen befahl dem Lascaren, der Dienerschaft zu sagen, daß sie unter keinen Umständen an diesem Abend weiter gestört sein wolle, auch wenn ihr Vater aus dem Konseil zurückkehre. Sie wolle sich zeitig zur Ruhe begeben. Da der Lascare in dem Seitenflügel des Hauses seine Kammer allein, abgesondert von der andern Dienerschaft hatte, konnte sein Fortbleiben nicht auffallen.

Während Suky sich entfernt hatte, waren die beiden Mädchen in das Schlafzimmer Eddas getreten. Die Lappin sah sich um und öffnete einen Flügel des Fensters. »Du darfst es nicht schließen, bevor ich zurückgekehrt – der Tauwind kommt und wird die Nacht milde machen. Dieser Teppich wird genügen zu meinem Lager, damit du nicht des deinen beraubt seist. Ich möchte den Gott des Schlafes herbeirufen, ehe der Mann zurückkehrt. Hilf mir, wie eine Frau der andern tut, in wenig Minuten wird mein Geist auf der Wanderung sein.« – Sie zog einen Teppich in die Mitte des Gemachs und bat Edda, dessen Rand nicht zu überschreiten – jede Berührung ihres Körpers dagegen sei ihr gestattet, damit sie sich überzeugen möge, daß dieser ohne Leben und die Seele von ihr gegangen sei.

Dann sich in die Mitte des Teppichs setzend und mit der Hand einen eingebildeten Kreis um sich beschreibend, lehnte sie das Haupt auf ein Kissen und sah das Fräulein lange und fest an, doch ohne den gewöhnlichen, feindseligen Ausdruck an.

Gib mir den Brief jetzt und beginne, sobald du siehst, daß der Schlaf meine Glieder lähmt: Soll ich ihn grüßen von dir, Schwester Edda

Sie hatte den verhängnisvollen Brief auf die Brust gelegt und den Arm darüber fest gepreßt – ihr Haupt war auf das Kissen zurückgesunken.

Sie hatte die Trommel des alten Noaide an ihre Seite gezogen und die Finger ihrer rechten Hand rührten leicht darauf, während ihre Lippen die Worte jenes eintönigen Gesanges murmelten.

Allmählich verstummte auch das, ihr Haupt war hintenüber gesunken, die Lider ruhten schwer auf den Augäpfeln.

Als der Lascare zurückkehrte und an der Tür stehen blieb, sah er seine Herrin neben dem Teppich knien und hörte ihr leises Summen der Melodie. Sie hob die Augen zu ihm und gab ihm einen Wink, sich ruhig niederzusetzen. Dann, als ihr Blick sich auf die Schläferin wandte, bemerkte sie, daß jede Farbe aus dem Gesicht entwichen, ihre Lippen weiß waren, ihre Brust kein Atem mehr hob. Sie legte ihre Hand auf die der Schlafenden, sich über den Teppich beugend – diese Hand war bereits von jener schauerlichen Kälte, die uns an dem, was wir einst warm und lebend gefühlt, so schrecklich zurückstößt! Indem sie die Hand berührte, fuhr ihr der Gedanke an den verhängnisvollen Brief durch den Sinn – der Brief war verschwunden.

Entsetzt, erschrocken, stockte das Fräulein Halsteen in dem Gesang, – aber sie hörte, daß sogleich der Lascare die einfachen Töne aufnahm.

Edda hatte viel von magnetischem Schlaf gehört und gelesen, hatte doch die neueste Zeit sich wieder viel mit dem Gegenstand beschäftigt und ihn in der Lehre vom Medium, von dem Tischrücken und der Klopfgeisterei selbst zur industriellen Spekulation und zur frivolen Unterhaltung der feinen Gesellschaft gemacht. Sie suchte, was sie vor sich sah, mit diesem sich zu erklären, mit einer Überreizung der Nerven, aber …

Der Brief blieb verschwunden.



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