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Stierhetze!

Der Tag des großen Stiergefechts zu Ehren der Schwangerschaft Ihrer Majestät der Königin Isabella – war herangekommen. Ganz Madrid war in Bewegung und die Intrigen, die man um Gewinnung eines Eintrittsbillets gesponnen hatte, waren zahllos.

Zwei Proben bei verschlossenem Zirkus mit zahmen Stieren hatten stattgefunden, die Gaseinrichtung zur glänzenden Beleuchtung des weiten, sonst nur von der Sonne erhellten Raumes war vollendet, alle Schneider und Näherinnen der Hauptstadt waren bis zur letzten Stunde in Bewegung gewesen und man versprach sich wahre Wunderdinge von dem Fest.

Während aller dieser Vorbereitungen hatte doch der Graf von Lerida immer Zeit behalten, seine Besuche bei dem Sennor Archivario fortzusetzen und dessen Vertrauen und Bewunderung in so hohem Maße gewonnen, daß derselbe ihn mit dem größten Vertrauen behandelte und stundenlang in sämtlichen Räumen des Hausarchivs seine Auszüge und Abschriften allein fertigen ließ, während er selbst seinen Arbeiten nachging.

Der Graf hatte ihm erzählt, daß er noch eine Kiste mit alten Schriften besitze, deren Inhalt er eigentlich noch gar nicht recht geprüft habe, und ihm den Vorschlag gemacht, dies gemeinsam zu tun. Zu dem Ende wolle er nächstens die Kiste in das Archiv bringen lassen, wo sie in den Ruhetagen nach der Festlichkeit die Prüfung mit Muße vornehmen könnten.

In der Posada der Contrabandista war am Dienstag Abend El Tuerto erschienen und hatte eine längere Unterredung mit dem Gefangenwärter und dem Arriero gehabt, der damals den Spion entlarvt hatte. Zwanzig der gewandtesten Burschen wurden ausgesucht, um am andern Abend, in Uniform gesteckt, zu einem eben so kecken als schlauen Streich gebraucht zu werden.

Rafael, der Portugiese und Nicolo, waren während der Tage in großer Tätigkeit, selbst der dicke Cura schwitzte große Schweißtropfen, so hetzte der Graf ihn hin und her.

Seine Vorbereitungen schienen jetzt größtenteils getroffen, der Graf saß in seinem Arbeitszimmer, sein Leibdiener Mauro stand vor ihm.

»Also der Schlingel hat seine Probearbeiten gemacht?«

»Hier sind die Schlüssel – der alte lahme Gauner, der Schlosser, behauptet, er selbst hätte sie nicht besser zurechtfeilen können.«

»Ich wußte, daß der Junge ein mechanisches Genie ist. Wo hast du die Kisten hinstellen lassen?«

»Hier im Zimmer nebenan, Mylord.«

»Und Seespinne?«

»Er steht draußen und wartet.«

»So bring ihn herein – wir müssen eine Probe mit ihm anstellen.«

Einen Augenblick nachher stand der Knabe vor seinem Gebieter.

»Die Tafel!«

Mauro brachte sie herbei. Es folgte nun wieder eine längere stumme Unterhaltung in jener Weise, die wir bereits im Verkehr des Grafen mit dem boshaften und gewandten Krüppel beschrieben haben, wobei ein von Don Juan entworfener Plan und die beiden Schlüssel, die Arbeit Seespinnes vielfach benutzt wurden. Die Instruktion mußte eine ebenso genaue als schwierige sein, denn es dauerte länger als eine halbe Stunde, ehe Lerida sich von dem gewonnenen Verständnis des Knaben vollständig befriedigt erklärte.

Jetzt führte der Graf beide in das Nebenzimmer und wies auf zwei Kisten, die in Mitten desselben auf dem Fußboden standen.

Sie schienen beide alt – wenigstens war dieses Ansehen aufs Täuschendste nachgeahmt, waren von ausländischem Holz und einander ganz gleich. Beide waren verschlossen.

»Öffne!«

Der Grieche schloß den Deckel bei beiden auf und warf ihn zurück; – sie waren anscheinend beide mit alten Büchern, Drucken und Pergamenten gefüllt.

»Welche?«

Mauro wies auf die zweite, drückte auf eine an der Rückwand verborgene Feder und sogleich öffnete sich die Seitenfläche des Koffers und fiel nieder. Ein leerer Raum zeigte sich im Innern, das also einen Doppelboden haben mußte, groß genug, einen Knaben wie Seespinne aufzunehmen.

»Kriech hinein,« bedeutete der Graf dem Kobold. Seespinne zog sich wie eine Schnecke zusammen und verschwand im Innern. Don Juan untersuchte sorgfältig die Wände, überzeugte sich, daß eine genügende Anzahl von Luftlöchern auf unmerkbare Weise angebracht war, um das Ersticken zu verhindern und schloß dann die Klappe. Nach einer Weile schüttelte er in besonderer Weise den Koffer und sofort öffnete der Knabe von innen die Seitenwand, kroch heraus und stellte sich grinsend vor seinen Herrn.

»Ich glaube, es wird gehen,« sagte dieser. »Mit einer Flasche Wasser, Feuerzeug und einigen sonstigen Vorbereitungen wird er es ohne Gefahr aushalten. Der Bursche weiß, um was es sich handelt, wir wollen mit einer oder zwei Stunden Probe machen. Hinein mit dir!«

Wiederum verschwand Seespinne in dem Koffer, der Graf verschloß ihn und ging mit Mauro zurück in sein Arbeitszimmer.

»Sieh nach, wer da ist!«

Der Diener kam sogleich wieder. »Die rote Duenna der Herzogin,« berichtete er, »Doktor Ruiz und die Paxarilla.«

»Laß die Kleine zuerst kommen!«

Mauro öffnete die eine der drei Türen und winkte dem Mädchen. Mit einem Sprunge war sie im Zimmer und hing am Halse des jungen Mannes.

»Ruhig, Kleine – jetzt ist keine Zeit für deine Extravaganzen. Bist du bei dem Türmer gewesen?«

»Gewiß!«

»Und er ist bereit, morgen abend die Uhr um eine halbe Stunde vorgehen zu lassen?«

»Ich habe ihm gesagt, ein toller Engländer habe eine Wette gemacht; ich gab ihm ein Goldstück und versprach ihm ein zweites. Bei der Seele meiner Mutter, er würde einen ganzen Tag dafür ausfallen lassen.«

»Du hast die Bänder gekauft?«

»Hier sind sie.«

Sie brachte einen ganzen Strauß von Bändern aller Farben aus ihrem Korb. Der Graf teilte sie sorgfältig in zwei Hälften von gleicher Zahl und Farbe.

»Du wirst hiervon auf die linke Achsel jedes der beiden Kostüme eine Rosette mit den lang herabfallenden Enden nähen.«

»Aber blanker Graf, die Sennores Caballeros pflegen sonst nur eine oder zwei Farben zu tragen, die Farben ihrer Dame. Ich liebe sehr die grüne Farbe!«

Don Juan lachte hell auf. »Närrchen! aus eben diesem Grunde trage ich sämtliche Farben des Regenbogens. So darf keine eifersüchtig sein auf die andere!«

Sie wandte sich schmollend ab – er faßte sie unter das Kinn. »Sei nicht albern, Vögelchen! Du wirst doch nicht die Eifersüchtige spielen wollen! Das überlaß den Duchesas und Marquesas, die nicht so hübsch sind wie du. Halten wir uns an das Ernste. Du warst in dem Hause der Calle de Pizarro?«

»Wie du befohlen hast, schöner Conde.«

»Und du hast den Kapitän Landero gesprochen?«

»Man verleugnete ihn anfangs und wollte nichts von ihm wissen. Erst als ich Signor Corteja das Zeichen der Contrabandista zeigte, fing er an, mir zu glauben. Schließlich muß ich doch wohl ein ehrliches Gesicht haben, denn man führte mich in ein Hinterhaus, wo ich in einer Stube im zweiten Stock den Kapitän mit einem Anverwandten fand. Ich sagte ihm, was Euer Gnaden mir befohlen, daß ein Freund mich sende, daß man durch einen Zufall erfahren habe, wohin man seine unschuldige Tochter gebracht, und daß ihre Ehre, vielleicht ihr Leben in der höchsten Gefahr schwebten.«

»Und was sagte er?«

»Nichts – aber seine grauen Augen funkelten, er ging nach dem Winkel des Zimmers und holte einen Degen, aber der Mann, der bei ihm war, fiel ihm in den Arm.«

»Was geschah weiter?«

»Ich sagte ihm, wie Euer Gnaden mir befohlen, daß wenn er die Klerisei und den Hof nicht fürchte, man ihm zum Besitz seiner einzigen Tochter wieder verhelfen könne, wenn er morgen abend um 8 Uhr mit so viel entschlossenen Freunden, als er auftreiben könne, an der nordwestlichen Ecke des Platzes der Salesianerinnen harren und denen folgen wolle, die ihm das Losungswort brächten.«

»Er hat es versprochen?«

»Er wird dort sein mit entschlossenen Männern, alten Soldaten, wie er sagte, die bereit sein würden, mit ihm die Hölle zu stürmen, wenn es gälte, seine Tochter zu retten. O Sennor Don Juan, dieser Sennor Landero scheint mir ein arger Ketzer zu sein, und ich fange an zu fürchten, Sie sind es nicht minder.«

Der Graf lachte. »Woraus schließest du das?«

»Weil – nun weil Sie mich dazu gebraucht haben, mich unter allerlei Vorwänden in das Kloster der frommen Salesianerinnen zu schleichen und offenbar da einen schlimmen Streich vorhaben.«

»Und dennoch hast du mir gehorcht und mir alle Nachrichten gebracht, die ich wünschte.«

»Ja. Caraï – das ist wieder etwas anderes, das kommt, weil ich dich vornehmen Taugenichts liebe und dir nichts abschlagen kann.«

Der Graf lachte. »Laß uns ernsthaft reden, Vögelchen. Komm her, setze dich auf meinen Schoß und antworte mir, wir dir's ums Herz ist. Du bist weder eine Unschuld noch eine Tugendheldin!«

»Das wissen Euer Gnaden am besten!«

»Still! Aber du warst einmal ein junges, unschuldiges Mädchen und du erinnerst dich vielleicht nicht ungern der Zeit?«

»Hm! es mag so sein! Meine Mutter wurde von meinem Vater im Streit erschlagen – er hatte es gewiß nicht beabsichtigt, es war ein Unglück und er mußte dafür auf und davongehn. Wer weiß, wo seine Gebeine bleichen. Aber ich denke gern an die Zeit, wo meine Mutter mich so lieb hatte und mit mir spielte. Schon wenige Jahre verändern die Menschen ganz und gar, Sie wissen Sennor Conde, daß die Paxarilla bei alledem kein schlechtes Mädchen ist und nur dem gehört, den sie liebt und der sie gern hat.«

»Ich weiß es Kind. Nun denke dir, daß ein Mann ein einzig Kind hat, ein junges, unschuldiges Mädchen, auf die der Vater alle Hoffnungen gesetzt hat für seine alten Tage, daß sie eine brave Gattin und gute Mutter werde; was würdest du sagen, wenn dieses junge Mädchen, diese Hoffnung seines Alters plötzlich verschwände?«

»Es ist schlimm,« meinte die Florista philosophisch, »aber sie haben es selbst gesagt, Jugend hat keine Tugend! – Der Vater wird Nachsicht haben müssen, wenn sie sich von ihrem Geliebten hat entführen lassen!«

»Aber wenn sie sich nun nicht hat entführen lassen – wenn man sie mit Gewalt entführt hat?«

»Gewalt? Das ist etwas anderes!« Die Augen des armen Mädchens begannen zu blitzen. »Der Amoroso muß sehr verliebt in die Donna gewesen sein, – dennoch …«

»Wenn nun von einem Liebhaber gar nicht die Rede ist – wenn man ein solches junges Mädchen, die einzige Freude und Hoffnung ihres Vaters seinen Armen entrissen hat, bloß um sie zur Fröhnung der Begierden eines alten, widerlichen Lüstlings für einige Tage zu benutzen und dann …«

Die Paxarilla war aufgesprungen, ihre spanischen Augen funkelten.

»Das wäre schändlich! unerhört, das müßte gerächt werden!«

»… und dann,« fuhr der Graf unerschütterlich fort, – »das arme Kind, damit das Verbrechen nicht zutage kommt, ihr lebelang in einem Kerker, oder was dasselbe ist, in ein fernes, strenges Kloster zu vergraben, wo Büßungen und Tyrannei ihr junges Leben zerstören, wenn man demselben nicht vorher schon ein gewaltsameres Ende macht?«

»Nimmermehr! Selbst das schlechteste Mädchen wäre zu gut zu solchem Schicksal. O Sennor Conde, bei der Madonna, bei dem großen Geist meiner Väter, sagen Sie mir – ist hier wirklich von einem solchen Fall die Rede, bei der Tochter des Kapitän Landero, zu dem Sie mich geschickt hatten?«

»Du sagst es!«

»Santa Madre de Dios Euer Gnaden – wenn Sie die Paxarilla brauchen können, die Ärmste zu retten oder zu rächen, gebieten Sie über mich, ich könnte einen solchen Schändlichen mit den Zähnen zerreißen!«

»Du bist außer dir, Mädchen! Beruhige dich!«

»Nein – niemals! Wenn ich auch nur eine Gitana bin, ich bin eine Spanierin, ich habe Blut in den Adern! – wenn ich mein Herz, meinen Leib dem Mann gebe, der mir gefällt, das ist mein Recht, meine Freiheit! – Ja – wenn es für feiles Geld geschieht – wer hat danach zu fragen, als die Meinen! Aber ein armes Mädchen mit Gewalt oder mit teuflischen Künsten zwingen – es mißbrauchen – verderben an Seele und Leib – Maldito! Pest und Tod – das muß gebüßt werden!«

»Wackeres Mädchen!« Der Graf küßte sie. »Wie du denken gewiß auch andere?«

»Alle – alle – selbst die Schlechtesten!«

»Und sie würden dir eine solche Schandtat rächen, die armen Opfer befreien helfen? denn ich sage dir, der Fall steht nicht allein, du weißt wie viele junge Mädchen aus allen Ständen Madrids zu verschwinden pflegen!«

»Ha – es braucht nur ein Wort von mir!«

»Gleichviel, wer die Schändlichen sind – ob vornehme Leute, oder lüsterne Pfaffen, unter dem Deckmantel der Religion?«

»Desto schändlicher, desto abscheulicher ist es! Ha – wie sie uns drücken und knechten für die geringste Sünde, die wir getan, – wie sie scheinheilig tun und die Augen verdrehen, diese Heuchler – und im stillen lüstern und frech sind – alle – alle! Sehen Sie selbst diesen elenden Cura an, diesen Weinschlauch voll Tücke und Geilheit …«

»Still – laß mir meinen Pfaffen in Frieden. Aber wenn es dir wirklich ernst ist mit deiner Entrüstung, wenn du deine Freundinnen bewegen kannst, dir beizustehen – dann will ich Euch zu einer Hetze helfen, von der Madrid lange sprechen soll! – Ich führe nicht umsonst den Namen Don Juan, ich liebe die freie Liebe, in ihrer Gewalt und Kühnheit, das Recht der Liebe, aber freie Selbstbestimmung sei dem Mann, freie Selbstbestimmung dem Weibe! Der Genuß ist das Höchste, ohne ihn kein Leben, seine Schranke allein der Wille oder die Kraft, aber Haß und Verdammnis der frevlen Gier, die in Zwang und Schändung das Höchste der Schöpfung entwürdigt!«

Sie sah ihn mit blitzenden Augen an. »Ich verstehe dich nicht ganz Conde, aber ich fühle wie du! Sage, was ich tun soll!«

»Verbreite das, was ich dir gesagt – das Gerücht, ohne Namen und Orte zu nennen – unter deinen Freundinnen. Gib ihnen morgen in den ersten Abendstunden, nicht früher, einen Wink, daß man im Begriff sei, die Mädchendiebe zu entdecken. Das Volk wird morgen abend sicher sehr zahlreich in der Nähe des Zirkus versammelt sein, um die Anfahrt und Abfahrt der Gäste zu sehen. Der Paseo de Recoletos ist nicht weit und breit genug!«

»Aber der Ort – die rechte Zeit?«

»Mauro wird ihn dir zeigen – halte dich nach 8 Uhr am Ausgang des Palastes auf.«

»Und wo werden Sie sein, Sennor Conde? Wann werde ich dich wiedersehen?«

»Suche mich morgen abend auf, wenn alles vorüber, Mauro wird dir das nähere sagen. Jetzt geh', er hat schon zweimal gepocht – ich habe noch andere Personen zu sprechen. – Dort hinaus, Paxarilla!«

Als sich die Florista entfernte, sah ihr der Graf mit eigentümlichem Lächeln nach.

» Valga me Dios!« sagte er – »ich glaube, Seine Majestät werden bei ihren kleinen Vergnügungen morgen ein ziemliches Publikum und eine tüchtige Hetze hinter sich haben. Wohl bekomm's!«

Er gab das Glockenzeichen – Mauro trat ein. »Die Sennora Camarera der Frau Herzogin! Sie will mit Gewalt Eurer Excellenza einen Brief selbst übergeben.«

»So laß die alte Hexe eintreten!«

Die Duenna trat ein – es war dieselbe, die dem Abenteurer vor einigen Nächten das Haus in den Gärten des Barrio del Salitre geöffnet hatte.

Die listigen Augen des Weibes suchten überall umher, noch ehe sie den Grafen begrüßte. »War mir's doch, als hätte ich eine Frauenstimme gehört!« sagte sie dann.

»Bist du etwa eifersüchtig, Annita? Es wäre eine neue vortreffliche Eigenschaft von dir!«

»Nicht für mich, Sennor Conde, aber wohl für eine gewisse andere Dame. Und ich fürchte, ich fürchte, sie hat sehr viele Ursache dazu. Es ist sehr töricht, daß man sich um den galanten Herrn so viele Mühe gibt!«

»Du tust mir Unrecht, Annita, du weißt, wie sehr ich Ihrer Hoheit zugetan bin – ihr – und dir!«

Die Camarera war noch keineswegs über das Alter des Gefallens hinaus, so wenig wie ihre Herrin.

»Sie sind ein Schelm, Sennor Conde – man kennt Sie. Jedes erträgliche Gesicht hat von Euer Gnaden eine Liebeserklärung zu erwarten. Aber wollen Sie nicht den Brief der Sennora Duquesa lesen?«

Don Juan seufzte – dann machte er sich über die unwillkommene Arbeit.

Es war natürlich ein Brief voll leidenschaftlicher Vorwürfe und Eifersüchteleien, denn der junge Mann hatte seit jener Nacht nichts von sich hören lassen. Den Schluß bildete die Einladung oder vielmehr der Befehl, heute zu erscheinen und sich zu verantworten, da sie morgen für eine Woche den Dienst im Palast antreten und dann nur in Begleitung der Königin denselben verlassen könne.

»Die Herzogin wird morgen doch der Corrida beiwohnen?«

»Heilige Jungfrau von San Luz, wer würde da zurückbleiben, der Gelegenheit hat, ein solches Schauspiel zu sehen? Ihre Gnaden werden in der Begleitung der Majestäten sein und deshalb eben soll ich Sie mitbringen; Ihre Gnaden besteht darauf, Sie noch vorher zu sehen.«

»Schon in der Sache selbst liegt die Antwort, schöne Annita. Ich brauche wahrhaftig heute den Schlaf, wenn ich morgen meinen Berber bändigen und dem Toro den Genickfang geben soll! Ich nehme an, daß es der Sennora Duquesa nicht um einen Liebhaber mit aufgeschlitztem Bauch und herausfliegenden Eingeweiden, wie bei den armen Tieren der Herrn Picadores, zu tun ist.«

»Abscheulich, Sennor!« meinte kichernd die Camarera.

»Du begreifst also Annita, daß es unmöglich ist, Ihro Gnaden heute meine Aufwartung zu machen, um so weniger …«

»Um so weniger, als man es zu Hause bequemer haben kann!«

»Pfui Annita – du bist boshaft. Ja, wenn es morgen gewesen wäre! – Nach der Schlacht!«

»Und warum, Sennor, sollte das nicht geschehen?«

»Du sagtest ja selbst, daß die Duquesa morgen den Dienst im Palast hat!«

»Freilich!«

»Aber dann wohnt und schläft sie dort!«

»Gewiß, und ich auch.«

»Du siehst also …«

»Was?«

»Daß die Frau Herzogin dann sich nicht entfernen kann.«

»Das ist richtig! – Aber das hindert nicht, daß Euer Gnaden sie besuchen.«

»Bei der Königin?«

»Man ist nicht immer bei der Königin – nur während des Tages, für die Nacht haben wir unsere eigene Wohnung im zweiten Stock, in dem Teil, den der König Ferdinand, der Vater Ihrer Majestät, bewohnte.«

Der Graf, der bisher bloß getändelt, um eine Ausrede zu finden, wurde aufmerksamer.

»In den Zimmern des König Ferdinand? Ich glaubte, in diesem befinde sich jetzt das geheime Archiv?«

»Gewiß, Sennor Conde. Unsere Gemächer – es sind deren drei, befinden sich dem Archiv gegenüber, nur durch einen leeren Vorsaal getrennt, auf den der Korridor und eine Treppe stoßen.«

Der junge Verschwörer wurde plötzlich sehr ernst. »Kannst du etwas zeichnen, Annita?«

»Warum nicht? Es gehört zu meinem Dienst. Ich muß häufig genug die Muster zu den Stickereien der Kleider zeichnen.«

»Und du meinst, ich könnte dort deiner Herrin einen Besuch abstatten?«

»Warum nicht? – Wir erhalten der Besuche genug bei Tage – und ich möchte nicht mein Seelenheil dafür verwetten, daß die Damen vom großen Dienst ihn nicht auch oft genug des Nachts erhalten.«

»Setze dich hierher, an den Tisch – hier, nimm dies Papier, – den Bleistift! – Laß diese Linie die Front des Palastes nach dem Manzanares sein. Nun zeichne mir die Lage Eurer Zimmer!«

Die Camarera leistete mit vielem Geschick seinem Verlangen Folge. Er beobachtete mit größter Aufregung die Striche ihrer Bleifeder – ein neuer Gedanke war in ihm aufgestiegen.

»Sehen Sie, Sennor Conde, man kann gar nicht fehlen. Hier, das sind die Zimmer, in denen der König vor sieben- oder achtundzwanzig Jahren gestorben sein soll, jetzt das Archiv. Daran stößt ein großes, leeres Vorzimmer.«

»Es ist der Weg, auf dem die drei in jener Nacht gekommen sein müssen und zu dessen Tür der König jenem Weibe den Schlüssel gab,« murmelte der Graf. »Wie der Pfaffe erzählt, hatte sie ihn trotz des Gebots des Königs ausbewahrt. Er zeigte ihn mir, um die Wahrheit ihrer Beichte zu beweisen.«

»Was sagten Sie, Sennor Conde?«

»Nichts Kind – ich überlegte nur, wo die Wohnung der Herzogin wohl sein könne?«

»Hier Sennor. Gleich neben dem Vorzimmer, von dem ich sprach, – ein Entree, das mir zum Schlafen dient, ein Salon und das Schlafzimmer der Herzogin.«

»Aber wie zu dir kommen?«

»Nichts leichter als das! – Sehen Sie doch – hier ist die Treppe, die zu den Korridoren führt, an denen die Staatsgemächer und die Gemächer der Königin liegen; die andere von dort führt hinab in den zweiten Hof.«

»Dann müßte der untere Korridor auf dieselbe Treppe stoßen, aus welcher man zu dem gewöhnlichen Eingang des Archivs und zur Wohnung des Archivars hinaufsteigt?«

» Ciertamente! – Sieh – da wissen Sie ja schon Bescheid!«

»Ich habe einmal bei dem Archivar zu tun gehabt und ein ziemliches Gedächtnis für Lokalitäten. – Aber das beseitigt die Schwierigkeiten noch nicht. Ich könnte im besten Fall doch nur sehr spät kommen, – und soviel ich weiß, darf mit dem Glockenschlag zehn Uhr niemand mehr das Innere des Schlosses betreten, ohne bei dem Offizier der Wache gemeldet zu sein.«

»Oder die Karte zu haben – da, sehen Sie her! ich habe sie zufällig bei mir, aber ich brauche sie niemals, ich bin als die Camarera Ihrer Gnaden bekannt genug.«

Sie kramte aus ihrer Tasche verschiedene Kleinigkeiten, darunter eine flache Elfenbeintafel, auf welche das königliche Wappen und die Worte » cartas de pasar« eingebrannt waren.

»Und mit diesem Ausweis passiert man alle Wachen?«

»Ohne Zweifel. Einem Caballero wie Sie kann es ohnehin nicht schwer werden – es ist nur für den Notfall. Sie können sie gleich behalten.«

»Aber – merke wohl, – ich kann erst spät kommen, und – du mußt mir gestatten, zuerst bei dir einzutreten.«

»O Sie Verräter – das müssen Sie ohnehin! Ich darf also Ihrer Gnaden versprechen?«

»Nichts! Wenn es geht, will ich sie überraschen. Du siehst, ich habe auch meine Launen. Da – nimm, zu einem Rebozo für dich! – Wenn es mir gelingt, mich von meinen Freunden morgen loszureißen und dir einen Besuch abzustatten, werde ich zweimal an deine Tür kratzen!«

»Einverstanden und meinen Dank für Euer Gnaden Großmut!« Sie versuchte ihm die Hand zu küssen, aber er küßte sie auf den Mund. Dann rief er Mauro und ließ sie durch ihn zur Straße geleiten.

»Bei allen Göttern der Ober- und Unterwelt,« lachte der Graf, als er allein war, – »ich fange an, mich zu den Glückskindern zu zählen. Die Gelegenheit läuft mir noch günstiger zu als ich sie selbst gewünscht habe. Vierundzwanzig Stunden könnten ohnehin selbst für Seespinne zu viel werden – während er die zwölf leicht vertragen kann! – Rufen wir den Doktor!«

Er ging nach der Tür und öffnete. »Doktor Ruiz darf ich bitten!«

Der jüdische Journalist erhob sich geschwind aus der sehr amerikanischen Stellung, die er auf drei Sesseln eingenommen, und eilte auf seinen Gönner zu, der sich wegen der Verzögerung nur obenhin entschuldigte: »Damen gehen vor, Doktor! Dort steht eine Flasche Madeira und Portwein – langen Sie zu, wenn's Ihnen gefällig ist.«

Der Journalist ließ es sich nicht zweimal sagen, schenkte sich von beiden Sorten ein großes Glas ein und trank sie abwechselnd.

»Euer Excellenza haben mich rufen lassen. Haben Euer Gnaden vielleicht einige Aktionäre für die » Democracia«? Ich habe grade eine Anzahl Aktien bei mir …«

»Nichts da! – Es handelt sich um Ihre Freunde, die Cennadores! Wie weit sind Sie damit?«

»Sie sind jeden Augenblick zu einem Pronunciamento bereit. Aber Sennor Conde – die Kerle trinken unmenschlich viel!«

»Ich verstehe! Die hundert Napoleons, die ich Ihnen gegeben habe, sind ausgegeben.«

»Rein fort – bis auf den letzten Real!«

Der Graf nahm eine Rolle aus einem Schreibfach seines Schreibtisches. »Hier sind weitere hundert,« sagte er. »Wenn ich dafür morgen abend einen solennen Skandal auf der Puerta del Sol habe, stehen Ihnen am Donnerstag die dritten Hundert zu Diensten.«

»Könnten Euer Excellenza sie mir nicht lieber gleich geben – Sie hatten die Güte, fünfhundert auszusetzen.«

Don Juan lachte. »Sie sollen die dritten Hundert haben – mit dem Rest gehe ich lieber sicher!«

»Und welche Tendenz befehlen Euer Excellenza? Ich kann Sie versichern, es sind verzweifelte Burschen darunter.«

»Meinetwegen schreien Sie Espartero aus, meinetwegen Don Carlos oder die soziale Republik. Das ist mir gleichgültig. Es handelt sich darum, die Guardia und das Militär für die Nacht zu beschäftigen. Dann mag die Kanaille zum Teufel gehen, wenn sie sich nicht füsilieren lassen will.«

»Wie Sie befehlen – das stimmt auch mit meinen Überzeugungen überein. Also: allgemeine Unzufriedenheit! – Ich werde einige Fahnen anfertigen lassen, etwa mit der Inschrift: »Das Volk hungert!« oder: »Nieder mit den Blutsaugern!« Das ist allgemein und verpflichtet zu nichts. Es könnte auch ein Transparent nicht schaden: »Fort mit der Pfaffenwirtschaft!« – Haben Euer Excellenza eine bestimmte Zeit?«

»Gewiß! Sie dürfen mir unsere Corrida nicht stören. Ich dächte, es wäre eine passende Gelegenheit, wenn Ihre Majestät aus dem Zirkus zurückkehrt und die Puerta passiert. Nur verbitte ich mir ernstlich, daß der Königin eine persönliche Beleidigung oder gar ein Leid zugefügt wird.«

»Ich werde dafür sorgen, daß der königliche Wagen ungehindert passiert. – Soll man Barrikaden bauen? Es würde allerdings kostspieliger sein!«

»Nichts von alledem – ich wiederhole Ihnen, es handelt sich bloß darum, die ganze Guardia nach der Puerta und den südlichen Straßen zu ziehen und dort festzuhalten. Mischt sich das Militär ein, so ist das seine Sache. Sie müssen der ganzen Sache den Anstrich einer Demonstration der Armut gegen den Luxus geben, der morgen durch die Corrida in dem Zirkus repräsentiert sein wird.«

»Aber Euer Excellenza sind ja, wie ich höre, selbst einer der Entrepreneurs?«

»Geht Sie das was an? Sie kennen jetzt Ihre Aufgabe! Ein paar Artikel morgen in den Zeitungen über die Vergeudung hoher Summen zur Belustigung des Hofes und der Aristokratie, während das Volk darbt, können die Sache einleiten. Vielleicht dabei einige Anspielungen auf geheime Amüsements der höchsten Personen unterm Schutzmantel der Kirche.«

»Ich werde sie noch diese Nacht schreiben. Wann sehe ich Sie wieder, amigo?«

Er hatte sich zum drittenmal die Gläser gefüllt. »Es ist wahr, das Volk hungert, die Genußsucht der Aristokraten ist im Steigen! Man muß etwas für die Armut tun!« Er beäugelte den Rubin des Weines gegen das Licht. »Also – wann sehe ich Sie wieder, amigo?«

Der Graf hätte ihm am liebsten mit einem Fußtritt für die Vertraulichkeit geantwortet. »Wenn Sie Ihre Bezahlung holen! – Und nun, Sennor Don Ruiz, ich glaube, Sie werden noch viel zu tun haben. Hier ist das Geld!«

»Gewiß, gewiß! Ich danke Ihnen, Sennor Conde, und empfehle mich und die › Democracia‹ Ihrem ferneren Wohlwollen. Sie sollen Ihre Freude morgen haben.«

Er streckte die Hand zum Abschied aus, aber Lerida drehte ihm den Rücken und tat, als ob er es nicht sähe. Der Journalist hatte die Türe bereits halb geschlossen, als er den Kopf noch einmal ins Zimmer steckte.

»Haben Euer Excellenza nicht vielleicht für mich ein Billett zu der morgenden Vorstellung?«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie würden es doch nur verkaufen und gehören überdies auf die Puerta.«

Der letzte, sehr unzweideutige Wink überzeugte den Literaten und er verschwand. Mauro trat wieder ein.

»Du wirst um 9 Uhr morgen früh mir den Cura herbeischaffen,« befahl der Graf. »Dann sorge, daß der Wagen an der Ecke der Casa della Moneda zur bestimmten Stunde bereit steht. Morgen früh erhältst du meine letzten Instruktionen für den Weg. – Jetzt laß uns Seespinne erlösen und sehen, wie er es ausgehalten hat.«

Der griechische Diener nahm einen Armleuchter und ging ins verdunkelte Nebenzimmer voraus, wo er die Kiste in besonderer Weise schüttelte. Sogleich wurde von innen die Seitenwand geöffnet und der taubstumme Knabe kroch ganz vergnüglich heraus, dehnte die verzerrten Gliedmaßen und suchte durch allerlei Grimassen seinem Herrn zu zeigen, daß er sich ganz gut in dem engen Raum befunden habe.

»Es geht!« sagte der Graf. »Nimm ihn mit dir und laß ihn schlafen, bis seine Zeit kommt. Um Mittag treffen die Träger der Kiste mich im Archiv. – Jetzt Mauro, laß uns Kräfte sammeln für morgen!«

Es war ein prächtiger Tag, der Mittwoch vor San Antonio, der zu der Corrida der jungen Caballeros von Madrid bestimmt war, etwas frisch, aber sonnig und heiter, kein Wölkchen am Himmel, das für den Nachmittag und Abend eine Ungunst des Wetters drohen könnte.

Don Juan war einige Zeit in seinem Kabinett eingeschlossen geblieben, alle Vorbereitungen zu treffen, nachdem er die Nachricht empfangen hatte, daß die Tiere richtig während der Nacht eingetroffen und bereits in den Ställen des Zirkus untergebracht worden wären.

Fortwährend gingen und kamen Boten, den Fortgang der Vorbereitungen berichtend. Auch der Cura hatte seine Instruktionen erhalten, nachdem er den Schlüssel aus dem Nachlaß seines Beichtkindes in die Hände des Grafen niedergelegt hatte. Dieser kündigte ihm an, daß er am Abend die Stelle des nach alter Sitte allen Stiergefechten in besonderem Raum beiwohnenden Geistlichen zu vertreten haben werde, der die Aufgabe hat, im Fall eines Unglücks dem tödlich Verwundeten die Sterbesakramente zu reichen. Bis dahin wurde ihm verboten, das Haus des Grafen zu verlassen.

Um die Mittagsstunde fand dieser sich beim Archivar ein, und als er kurze Zeit mit ihm über allerlei gesprochen und ihm das Billett zum Besuch der Corrida übergeben, wurde von zwei stämmigen Trägern der Koffer mit den Büchern gebracht. Auf den Wunsch des Grafen ließ Don Rafael die Kiste, die er mit sehnsüchtigen Augen betrachtete, in die Räume des Hausarchivs bringen und Don Juan verabredete mit ihm, daß sie am nächsten Vormittag die bibliophilen Schätze gemeinsam untersuchen wollten. Er überzeugte sich dabei nochmals von dem Umstand, daß der Ausgang nach der andern Seite nur in gewöhnlicher Weise verschlossen war, für alle weiteren Fälle hatte der Zwerg seine Instruktionen.

Schon während des Tages machte sich eine ungewöhnliche Bewegung in den Straßen und auf den Hauptplätzen des Verkehrs bemerklich, doch ließ sich diese Erscheinung leicht auf das am Abend bevorstehende nationale Schauspiel zurückführen.

So war der Nachmittag herangekommen, – die beiden Espadas hatten den Raum des Zirkus und die Tiere auf das sorgfältigste inspiziert. Mit der Ausschmückung waren Handwerker und Dekorateure noch bis zum letzten Augenblick beschäftigt, und in der Tat waren keine Kosten gespart worden.

Um 5 Uhr war das Rendezvous der Afficionados, um 6 Uhr erwartete man die Auffahrt des Hofes und damit den Beginn des Festes. Das Wetter war überaus angenehm geblieben, der Thermometer hatte um Mittag sogar 10 Grad Wärme gezeigt.

Schon am Nachmittag waren die Plätze, an der die Eingänge zum Zirkus liegen, mit Menschenwogen gefüllt. Auffallend blieb es dem ruhigen Beobachter aber allerdings, daß die Stimmung sehr gemischt erschien, und während von der einen Seite die Equipagen der anfahrenden Kavaliere und später die der geladenen Gäste mit Jubel und Vivas begrüßt wurden, von der anderen Seite sich Zischen und andere Zeichen der Unzufriedenheit bemerklich machten. Der Umstand, daß das Nationalschauspiel heute exklusiv und das eigentliche Volk davon ausgeschlossen war, mochte diese Stimmung erhöhen, um die sich freilich die Caballeros wenig kümmerten.

Don Juan hatte seine persönlichen Vorbereitungen getroffen. Er wollte das Kostüm der Quadrilla erst in dem Zirkus selbst anlegen und hatte zu seiner Garderobe das Zimmer des Padre bestimmt. Dorthin hatte Mauro die Anzüge gebracht, ein anderer Diener die Leibpferde geführt, die er reiten wollte. Zuerst prüfte er nochmals die beiden kurzen Revolver, die er bei seinen abenteuerlichen Fahrten zu brauchen pflegte, zog unter dem Hemd ein kurzes, überaus fein gearbeitetes, mit Flanell gefüttertes Panzerhemd, das nur Brust und Rücken deckte, auf den bloßen Leib und prüfte die lange Klinge des toledanischen Dolches. Die anderen Waffen waren Sache des Espada.

Der Diener meldete, daß der offene Wagen des Grafen vor der Tür halte. Don Juan steckte ein gut mit Banknoten gefülltes Taschenbuch und eine Börse mit Gold zu sich, und ließ seine Begleitung rufen. Einige Augenblicke darauf rollte der Wagen durch die Toledostraße, der Plaza Mayor und der Puerto del Sol zu.

Don Juan, obschon er sich stets nur vorübergehend in Madrid aufgehalten, war ein durch seine Eleganz, seinen Reichtum und seine Extravaganzen, sowie neuerdings als einer der Führer der Corrida der Afficionados unter dem Publikum bekannte und beliebte Persönlichkeit, und als er auf der Puerta erschien und viele ihn erkannten, wurde er mit Applaus begrüßt. Der dicke Cura saß neben ihm, Sennor Redondo hatte den Rücksitz eingenommen.

Der Wagen wandte sich durch das Gedränge langsam dem Eingang der Alcalastraße zu.

Plötzlich, inmitten der wohlwollenden und erneuerten Begrüßungen, die ihm den Sieg wünschten, erhob sich eine donnernde Stimme mit dem Ruf:

»Nieder mit den Aristokraten, va el pueblo!«

Man wandte sich mit Zeichen der Mißbilligung gegen den Rufer – einen riesigen galizischen Wasserträger in zerlumpter Kleidung, und Stöcke und Hände erhoben sich aus der Menge.

Der Graf gebot dem Kutscher zu halten und erhob sich im Wagen.

» Chiton! Paso!« rief es durch die Menge. »Der Caballero will reden!«

»Caballeros und Sennoras!« sagte der Abenteurer, »ich bitte Sie um Vergebung, daß mein Vater und der Wille Gottes mich, wie jener Sennor mir vorwirft, zu einem Aristokraten gemacht hat, was nur in Beziehung auf äußere Lebensstellung, aber sicher nicht in betreff meiner Gesinnung der Fall ist. Ich bin auf dem Wege, die Ehre des spanischen Degens mit dieser meiner Hand zu verteidigen. Ich bitte Sie daher, Caballeros, mir Ihre freundlichsten Wünsche mit auf den Weg zu geben, und Sie, liebenswürdige Sennoras und Sennoritas, mich in Ihr Gebet einzuschließen. Wenn Sie mich sonst einer Belohnung für würdig halten – meine Adresse ist bekannt und ich pflege nie ein Rendezvous zu versäumen. Und da ich nicht die Ehre haben kann, Sie sämtlich zu unserer Corrida einzuladen – ich versichere Sie auf die Ehre eines Caballero und Viejo Christiano: nur des Raumes wegen! – so erlaube ich mir, in meinem und meiner Freunde Namen wenigstens einige Dutzend Billets zur Verfügung zu stellen!«

Darauf streute er ein Packet zu diesem Zweck reservierter Billets hinter dem Wagen in kräftigem Wurf unter die Menge.

Die Handlung war ebenso toll als unverschämt, und in der Tat nur von einem Manne von dem Übermut und der Rücksichtslosigkeit des Abenteurers zu erwarten, aber sie erfüllte vollkommen ihren Zweck. Die Opposition war im Augenblick besiegt, und während ein wirrer schreiender Knäuel sich um die Billets drängte und schlug, aus dem selbst zeternde Frauenstimmen laut wurden, brach ein donnernder Applaus und ein nicht endendes Viva! aus der Menge, die Straße öffnete sich, da alles nach hinten drängte, und der Wagen fuhr mit den lachenden Insassen davon.

Vor dem Portal des Zirkus oder des Plaza de Toros brannten riesige Flambeaux – ein halbes Dutzend der berittenen Guardia hielt die Auffahrt frei und bereits begannen von mehreren Seiten die Equipagen heran zu rollen, welche die Gäste des originellen Festes herbeiführten.

Die Einrichtung des spanischen Stierzirkus – den jede größere Stadt noch heute besitzt – ist ziemlich bei allen diesen Gebäuden die nämliche und gleicht im ganzen der der altrömischen Arenen. Nur ist der spanische Circo kreisrund, meist ein ziemlich kläglicher und gefährlicher Bau, in den oberen Etagen von bloßem Holzwerk, und nur einzelne Städte, wie namentlich Sevilla, erfreuen sich eines massiven Amphitheaters. Selbst das von Madrid, obschon sehr geräumig, ist nicht viel besser.

Die Arena, der runde innere und aus festem Erdreich bestehende Kampfraum ist mit einer hohen Holzwand umgeben, hinter der ein Gang von etwa 6 bis 8 Fuß Breite läuft, dessen Podium etwas höher liegt als die Arena. Hinter diesem Gange beginnen die Zuschauerplätze und steigen in fünfzehn bis sechzehn Stufenreihen nach rückwärts in die Höhe, so daß man von jeder Reihe über die Köpfe der Vorsitzenden hinwegsehen kann. Die Sitzreihen sind einfach von Holz ohne Rücklehne, waren aber zu Ehren des Tages mit Teppichen oder Stoffen belegt, und während sie so dicht hintereinander sind, daß nach alter Sitte der Vordermann zwischen den Füßen und Knien seines Hintermanns Platz findet, fiel diesmal des vornehmeren Publikums halber stets eine Mittelreihe aus, so daß hierdurch bequemere Sitzplätze erzielt worden waren. Wo die Sitzplätze aufhören, kommen zwei oder drei bedeckte Stufenreihen und über diesen die bequem eingerichteten Logen, neben denen die gesuchtesten Plätze sich befinden. Der prächtig von dem großen königlichen Wappen von Spanien überragten Loge der Königin zur Linken befand sich die Tribüne der Militärmusik – rechts das Tor, durch welches die Quadrilla ihren Einzug hielt, gegenüber der Loge das kleine Tor zum Zwinger der Stiere.

Mit dem Laub der immergrünen Eichen und der Nadelhölzer umwickelte Säulen rings um die Barriere trugen große Gaskandelaber, während überall, wo sich das zweckmäßig anbringen ließ, Lampen und bunte Papierlaternen flammten, so daß in der Tat die glänzende Beleuchtung das Tageslicht fast ersetzte und einen prächtigen Anblick gewährte. Mit Grün, bunten Stoffen, fliegenden Wimpeln und den Wappen der spanischen Provinzen war ringsum die Estrade der ersten Sitzreihe geschmückt. Ein reicher Thronhimmel deckte die königliche Loge, in die besondere Zugänge führten. Für die Unterhaltung der Gäste sorgten zwei Musikchöre der Garnison und reiche Büffets, deren Erfrischungen von Dienern im Kostüm der beiden Quadrillen umhergereicht wurden.

Um 6 Uhr waren alle Plätze im Innern des Zirkus bereits besetzt bis auf die Loge der Königin; die Minister, die obersten Behörden des Staats, die Generalitäten, das Ayuntamiento, die Grandezza, die Gesandtschaften, das Offizierkorps, die Mitglieder der Cortes, kurz was irgend zur vornehmen oder reichen Gesellschaft von Madrid gehörte, war zugegen und die wenigen bürgerlichen Kostüme, die sich zwischen den Uniformen und glänzenden, nicht einmal durch die Furcht vor Erkältung beschränkten Toiletten verloren, machten den Eindruck der Scheu und einer gewissen Unbehaglichkeit. Die vornehme Damenwelt von Madrid war überreich vertreten und das Rauschen der Fächer, der Glanz der Diamanten und Juwelen in dem flackernden Schein der Gasflammen machten den Eindruck eines Zaubermärchens aus Tausend und einer Nacht.

Drei Böllerschüsse der aufmerksamen Posten vor dem Zugang des Stierplatzes verkündeten das Nahen der Königin, die mit ihrem gewöhnlichen prächtigen Cortège erschien und am Eingang des Zirkus von den Veranstaltern des Festes an der Spitze der beiden Quadrillas empfangen wurde.

Die Königin, von dem Herzog von Baylen, dem Majordomo major, dem Oberkammerherrn Grafen von Altamira und der Herzogin-Witwe von Alba, Camarera-Major des Palastes begleitet, schien sehr guter Laune.

»Wie Sie sehen, Sennores,« sagte sie zu dem Vicomte Digeon, der das prächtige Kostüm des Prinzen Muza mit dem blauen Federbusch der Abenceragen trug, »habe ich mich weder durch die Kirche noch durch die Politik abhalten lassen, Ihr Fest zu besuchen. Die eine ist glücklicherweise durch das Gesetz zurückgehalten, das den Klerikern bei schwerer Strafe verbietet, den Zirkus zu betreten, und den andern, der die edle Kunst wenig liebt, habe ich nach Hause geschickt, als er mir einen langweiligen Vortrag über die Anträge der Cortes halten wollte. Nur der König wird nicht lange auf Ihrem Fest verweilen können, da er sich unwohl befindet, obwohl er darauf bestanden hat, Ihnen wenigstens seinen guten Willen zu beweisen. Viva de Dios! Kinder, ihr habt ja alles prächtig eingerichtet – ich könnte nicht halb soviel Geld für mein Vergnügen ausgeben bei dem jämmerlichen Stande der Staatskassen. Wenigstens schreit mir Salaverria täglich die Ohren davon voll, obschon seine Frau die schönsten Rubinen in ganz Spanien trägt – die alte eitle Hexe!« setzte sie leise hinzu.

Ein Lächeln zuckte um den Mund des schönen Franzosen – es war eine bekannte Sache, daß der Minister der Finanzen, Don Pedro Salaverria, ein großer Freund der Engländer war.

»Euer Majestät Untertanen und Verehrer,« sagte der Graf von Lerida, der das Kostüm aus der Zeit Philipp IV. trug, wie es die zahlreichen Bilder dieses Königs von seinem Hofmaler Velasquez zeigen, »können ihre Mittel nicht besser anwenden, als zu Euer Majestät Erholung von den schweren Sorgen der Regierung!«

»Hör' auf, Herr Schelm – ich habe dir schon gesagt, daß ich mich mit dir nicht in Wortgefechte einlassen will,« sagte die Königin vorwärts gehend und ihn mit einem gewissen Wohlgefallen betrachtend. » Veramente – du siehst ganz nett aus bis auf den wahren Bänderladen, den du da auf der Achsel trägst!«

»Da mir der Respekt nicht erlaubt, die schönste Farbe zu tragen, wollte ich wenigstens keine andere Dame beleidigen.«

»Und welche hältst du denn eigentlich für die schönste?«

»Isabella, my Sennora!«

»Na – dann begnüge dich mit den anderen,« sagte trocken die Königin, »und sieh zu, daß sie dir die Augen nicht auskratzen. Übrigens nimm dich in acht, mein Intendant, Sennor Marfori ist wütend auf dich und hängt dir sicher bei Gelegenheit eins an.«

»Der Herr Palastintendant ist undankbar!«

»Warum?«

»Sennor Marfori wünschte an der Corrida der Caballeros der Gesellschaft zu Ehren von My Sennora teil zu nehmen, wir konnten doch aber unmöglich zugeben, daß am Ende ein paar Hörner in dem Haushalt Ihrer Majestät Unglück angerichtet hätten!«

Der Vicomte Digeon blieb erschrocken stehen und die Farbe des Königs, der neben der Königin ging, wurde aus dem gewöhnlichen Fahl fast grün vor Wut über die kolossale Unverschämtheit dieser offenbaren Anspielung, denn es war wohl kein Mensch in Madrid, der nicht gewußt hätte, welche Bedeutung das Wortspiel des cornudador Der Einem Hörner aufsetzt. gerade hier hatte. Die Königin allein, die keine Gelegenheit vorbeiließ, ihren Gemahl zu verhöhnen, lachte, indem sie sich zu dem Palastintendanten wandte, der sich in dem Gefolge befand.

» Viva le Dios! Du siehst, Excellenza, wie gut es der Sennor Conde mit unserem königlichen Haushalt meint; ich empfehle dir also, Frieden mit ihm zu schließen. Und nun, Caballeros, will ich Sie nicht länger Ihrer Aufgabe entziehen.«

Sie neigte vornehm das Haupt und nahm den Arm des unglücklichen Königs, um mit ihm in die Loge zu treten.

Die beiden Führer der Quadrillas eilten zurück zu ihrer Gesellschaft. »Ich hätte Sie auf der Stelle nach Ceuta geschickt,« sagte lachend der Vicomte. »Sie hätten den Giftblick sehen sollen, den Ihnen der würdige Neffe des Herrn Narvaez zuwarf!«

»Es würde mir Vergnügen machen, einmal von dort zu entspringen! – Und nun – meine Maske, Mauro – und zu Rosse meine Herrn! Der erste Akt beginnt.«

Die Königin, die in der Hofloge bereits ihre Schwester, die Herzogin von Montpensier und den Infanten Don Sebastian traf, war bei ihrem Erscheinen durch das Erheben der Versammlung und den Tusch der Musik begrüßt worden. In dem Augenblick, wo sie sich an der Brüstung der Loge niederließ, flogen die Torflügel des Eingangs zur Rechten auf, und die Quadrilla hielt ihren Einzug.

Eine Trompetenfanfare schmetterte, dann erschienen zuerst die jede Vorstellung eröffnenden zwei Alguacils zu Pferde in alter Amtstracht, das heißt in schwarzen Samtkleidern mit der großen weißen Halskrause, in der die Köpfe wie in einer Präsentierschüssel steckten. Hinter den Alguacils kam in mittelalterlicher Heroldstracht den Arm in die Seite gestemmt, Sennor Pucheta, der berühmte Espada der Königin mit stolz erhobenem Haupt. Es hatte viele Mühe gekostet, den eingebildeten Mann zu überreden, dies Kostüm statt der gewöhnlichen Majotracht der Matadore zu tragen, und nur die Drohung, sich an einen seiner Rivalen zu wenden, der weniger Eigensinn bekunden würde, hatte ihn endlich vermocht, das ungewohnte Kostüm anzulegen, das übrigens sehr bequem seine beginnende Neigung zur Korpulenz verdeckte.

Ein lautes Klingen und Pauken drang in die Arena. Hinter dem Herold kam ein berittenes Korps von acht türkischen Musikern, die mit Cymbeln und Pauken, Triangel und Halbmond einen wilden phantastischen Marsch exekutierten. Dann flog mit einem prächtigen Satz auf schönem andalusischem Schimmel der Maurenprinz Muza in die Arena, die wohl 16 Fuß lange Lanze mit der scharfen Stahlspitze schwingend.

Ihm folgten die acht Picadores der Quadrilla gleichfalls in sarazenischer Tracht, vier als Abenceragen, vier als Zegris gekleidet.

Man hatte der Quadrilla, an der ausschließlich die fremden Kavaliere teil nahmen, die Beschreibung des arabischen Geschichtsschreibers Ha-ben-Hamin zugrunde gelegt.

Die Kleidung der vier Abenceragen war weiß oder silbern und blau, die Farben des berühmten Geschlechts; die der Zegris war grün und gold. Alle trugen prächtige Silberhelme mit wehenden Federbüschen, und der einzige Umstand, der an ihre gefährliche Aufgabe als Picadores erinnerte, war der vorn und hinten dick und zu einer förmlichen Brust- und Schenkelwehr aufgepolsterte Sattel.

Hinter den Reitern kam wohl ein Dutzend Fußgänger, die Chulos oder Banderilleros in der gleichen Tracht oder dem andalusischen Majokostüm, das durch seine knappe, anschließende Form sich weit besser zu dem gefährlichen Spiel eignet.

Der Chulo und Banderillero, und ebenso der Espada, sie tragen übereinstimmend die kurze runde andalusische Jacke von Seide oder feinem Tuch, darunter die enganliegende Atlasweste, reich mit Knöpfen oder Goldstickerei verziert, in beiden Taschen weiße oder bunte Sacktücher, deren Enden herausflattern. Um den Leib ist eine dünne seidene Schärpe gewunden, die das enganliegende kurze Beinkleid, gleichfalls von feinem Tuch oder Atlas und gewöhnlich von heller Farbe, festhält. Ein weißer oder fleischfarbener Seidenstrumpf und zierliche feine Schuhe vollenden den Anzug, der überall reich mit Stickereien und Flittern und mit Unmassen von kleinen Knöpfen besetzt ist. Ein kleiner Haarbeutel mit Bandrosette bildet den Kopfputz des Torero. Die Farben der Kleidung sind nach Belieben des Trägers rot, violett, weiß, grau und himmelblau.

Die Chulos tragen in der Hand weiße oder bunte Seidentücher, – die Banderilleros dagegen zwei Fuß lange Pfeile mit eiserner Spitze und Widerhaken, die mit buntem flatterndem Papier umgeben sind.

Die Schar der Fußkämpfer der Quadrilla des Vicomte Digeon bestand nur zu einem kleinen Teil aus Afficionados, den größeren bildeten Toreros vom Fach, um in dem große Übung, körperliche Gewandtheit und Sicherheit erfordernden Dienst die Sennores Afficionados zu unterstützen.

Hinter den Chulos und Banderilleros erschienen in gleichem Kostüm mit ernster, unbeweglicher Miene zwei Espadas, der eine ein sogenannter Halbdegen, weil er noch ein Neuling in der edlen Kunst, der andere ein von Sennor Pucheta empfohlener wohl bekannter und berühmter Matador. Beide trugen in der Linken den bekannten Stab mit dem roten Tuch, das den Stier zum Ansprung zu reizen bestimmt ist, in der Rechten den etwa drei Fuß langen spitzen und scharfen Degen mit zollbreiter Klinge, dessen kleiner Griff und Bügel zum sicheren Halt der Hand mit rotem Tuch umwickelt ist.

Jetzt schmetterten Trompeten vom Eingang her einen kriegerischen Marsch, die Erscheinung der zweiten Quadrilla verkündend.

Wiederum eröffnete als Herold in den Reichsfarben Sennor Redondo den Zug, gefolgt von acht in gleiche Farben, Gelb und Rot, gekleideten Trompetern, die grauen breitrandigen und aufgeschlagenen Filzhüte mit einer langwallenden Feder geschmückt.

Auf einem schwarzen Berberroß ritt der Führer der Quadrilla mit seinen acht gleichgekleideten Caballeros in die Arena.

Sie trugen, wie bereits erwähnt, das kleidsame Kostüm aus der Zeit König Philipps IV. und Annas von Österreich, die berühmte Tracht der Mousquetaire: den kurzen enganschließenden gelben Waffenrock mit schwarzem Samt rabattiert, die kaum das Knie bedeckende weite geschlitzte Hose von rotem Tuch und die hohen Reiterstiefeln von weichem braunen Leder; als Kopfbedeckung den grauen aufgeschlagenen Filzhut mit der roten Feder. Auch sie führten statt des Schwertes die lange Lanze.

Die Schar der Chulos und Banderilleros, die den Reitern folgten, war zwar in das gewöhnliche Kostüm derselben, aber in die Farben der Reiter gekleidet und der Umstand, daß die bei weitem größere Hälfte, wie überhaupt die sämtlichen Afficionados beider Quadrillas, die enganschließende kleine Halblarve von schwarzer Seide trug, bewies – daß unter der Zahl nur wenig Leute von Fach waren, was durch den Umstand leicht erklärlich war, daß die Quadrilla ausschließlich von Spaniern gebildet wurde.

Hinter den Banderilleros folgte nur der Cachetero, der Mann, der dazu bestimmt ist, mit einem kurzen, dolchartigen Messer dem gefallenen Stier den Todesstoß zu geben. Ein Murmeln des Erstaunens und der Mißbilligung lief durch den weiten Raum, als man die zweite Quadrilla ohne Espada erscheinen sah. Der Aufzug wurde durch das übliche Gespann von drei mit bunten Geschirren, Glocken und Quasten ausgeputzten Maultieren beschlossen, die dazu bestimmt sind, die gefallenen Tiere aus dem Zirkus zu schleifen.

In langsamem Tempo bewegte sich der Zug rechts um die ganze Arena an der Loge der Königin vorüber, die von den Reitern durch das Senken der Speere, von den übrigen durch tiefe Verneigung begrüßt wurde: aber in dem Augenblick nach dem Gruß sprang der Führer der zweiten Quadrilla von seinem schwarzen Roß, warf dem daneben gehenden Pagen die Zügel zu und empfing aus seiner Hand den Degen und das rote Tuch, mit dem er sich an die Stelle des fehlenden Espada stellte und als solcher die Königin nochmals salutierte.

Jetzt folgte dem früheren Erstaunen und Murren ein donnernder Beifall, der sich noch steigerte, als der Espada vor der Tribüne der Königin nicht nur den Federhut, sondern dabei auch die kleine schwarze Larve abnahm und das wohlbekannte Gesicht des Grafen Lerida zeigte.

Die zärtliche Besorgnis übrigens, die früher das Herz mehr als einer dieser schönen Damen bei dem kecken Wagnis, als Espada aufzutreten, erfüllt hatte, war in dem eifersüchtigen Verdruß untergegangen, den schönen Don Juan nicht die eigene Farbe allein tragen zu sehen, wie sehr das kosmopolitische Mittel, alle Farben aufzustecken, auch den Humor der Männer und der Unbeteiligten erregen mochte.

Nachdem die beiden Quadrillas zweimal die Arena umzogen hatten, stellten sie sich einander gegenüber auf, die Maultiere verließen das Innere, und Herolde, Trompeter und Fußkämpfer nahmen an den Seiten der Schranken unter der Tribüne der Königin und vor der Pforte der Toros ihre Plätze.

Auf einen Wink der Herolde begannen die Militärorchester auf der Tribüne eine beliebte Quadrille und die Reiter führten eine jener equestrischen Darstellungen aus, für die aber ein spanisches Publikum, selbst das vornehmste, dem ein Stiergefecht in Aussicht steht, weniger empfänglich ist, als ein solches in Deutschland oder Frankreich. Der Beifall war nur ein solcher der Höflichkeit.

Mit der Verschlingung der Quadrille bildeten sich die Fronten der beiden Scharen, die Reihen bewegten sich unter dem Marsch der Trompeter gegen die Loge der Königin und die beiden Herolde baten Ihre Majestät um die Erlaubnis zum Beginn des eigentlichen Schauspiels.

Der mit Bändern geschmückte auf seidenem Kissen der Majestät überreichte Schlüssel zu der Tür des Stierzwingers flog aus der Hand der Königin, und eine Trompetenfanfare mahnte alle Nichtbeteiligten, das Innere der Arena zu verlassen.

Nach dem Programm mußte das Gefecht seine besondere Abwechslung haben und bald von einer, bald von der anderen Quadrilla ausgeführt werden. Die der fremden Kavaliere machte den Anfang.

Es sollte eine der alten spanischen Stierhetzen aufgeführt werden, bei welcher einer oder mehrere der Reiter mit der Lanze den Stier angreifen, und ihn töten oder so kampfunfähig zu machen suchen, daß der Cachetero nur die letzte Hand anzulegen braucht. Da es bei einem solchen Spiel natürlich weit mehr auf das Feuer und die Schnelligkeit der Pferde, sowie auf die Gewandtheit der Reiter ankommt, als dies bei der gewöhnlichen Kampfart der Picadores der Fall ist, konnte man natürlich auch jene alten und unglücklichen Rosinanten nicht gebrauchen, die von vornherein bestimmt sind, dem Blutdurst des Publikums Rechnung zu tragen, und deshalb von den Unternehmern der Corridas für möglichst geringen Preis unter den ausrangierten Kavallerie- und Luxuspferden angekauft werden.

Schon der Wert der Pferde und nicht bloß die Sicherheit der Reiter hatte deshalb bedingt, daß der Kampf seitens des armen Stiers mit stumpfen Waffen, das heißt mit stark wattierten Lederkugeln oder hölzernen Scheiben auf den Spitzen der Hörner geführt würde.

Die sämtlichen Reiter bis auf vier der Zegris und ihren Führer verließen jetzt die Arena. Die Chulos und Banderilleros der ersten Quadrilla sprangen über die Schranken und das niedere Tor des Stierzwingers öffnete sich.

Unter dem Tusch der Musik trabte der erste Stier in die Arena.

Er war ein hochbeiniger etwas langgestreckter Bursche von ziemlich trotzigem Aussehen und brauner Farbe, dessen Galle wahrscheinlich durch die Operation mit seinem Hauptschmuck sehr vermehrt worden war, denn er trug große dicke Lederkugeln auf seinen langen und breiten Hörnern.

»Geben Sie acht, Sennor Conde,« sagte der Espada seiner Quadrilla, der in dem Kleide des Herolds neben Don Juan hinter den Tablas stand, »es ist zwar nur ein Novillo, aber der Bursche ist gana terceno! Tückisch. Sehen Sie – er hat Ihren Freund, den Sennor Francese aufs Korn genommen.«

Man hörte ein Beifallsklatschen ringsum, – der Stier hatte den Vicomte ins Auge gefaßt, der ihm gerade gegenüber unter der Loge der Königin hielt, und stürzte mit gesenktem Kopfe auf ihn zu.

Aber der Franzose war ein gewandter Reiter, ein Schenkeldruck machte sein vortreffliches Halbblut, dem, wie immer bei Stiergefechten, die Augen durch Klappen am Kopfzeug verschlossen waren, links abspringen, und ein tüchtiger Stoß der scharfen Lanze traf den Stier auf das rechte Blatt.

Ein Bravo belohnte den Reiter für das gewandte Manöver und nun begann ein tolles Jagen durch den Zirkus, der Stier hinter dem Vicomte hergaloppierend, während Blutspuren seinen Weg bezeichneten, und gegen seine Flanken anspringend die Picadores-Afficionados, die seine Weichen und Bugen mit ihren Lanzenstößen bearbeiteten. Mehrmals ließ das kräftige Tier von seinem ersten Gegner ab und wandte sich gegen einen anderen Feind, den es durch die Rundung jagte, aber immer wieder waren Reiter in seiner Seite und der Stier blutete bereits aus zwanzig Wunden, ehe es ihm gelang, einen seiner Feinde zu erreichen und mit einem kräftigen Stoß Roß und Reiter in den Sand zu werfen.

»Es ist der Sennor, der mit Ihnen in der Posada war,« sagte gleichgültig der Espada zu Don Juan – »er hat noch zu wenig von unseren Stierkämpfen gesehen oder ist kein guter Reiter, sonst hätte er sich den Stier nicht an die linke Seite kommen lassen!«

»Sennor Netschajeff hat, soviel ich gehört, unter den Kosaken im Kaukasus gedient und diese gelten als vortreffliche Reiter. Passen Sie auf, Sennor Don Redondo, ich glaube, wir bekommen noch etwas Interessanteres zu sehen. Da ist Herr von Netschajeff schon wieder im Sattel.«

In der Tat hatte sich der russische Attaché, noch ehe einer der anderen Reiter oder einer der Fußkämpfer ihm zu Hilfe kommen konnte und während der jetzt noch wilder gewordene blutende Stier die ersteren verfolgte, von dem gestürzten Pferde losgemacht, und als dieses, ein sonst ganz kräftiges Tier, emporsprang, saß er bereits wieder im Sattel.

Die rasche und entschlossene Redressierung seines Unfalls, der anfangs ein Gelächter erregt, trug ihm zwar jetzt den Applaus der Damen ein, doch schien die Niederlage seine wilden Instinkte aufgeregt zu haben. Da seine Lanze bei dem Sturz weit fortgeflogen war, zog er den zu dem Kostüm der Zegris gehörenden krummen Säbel, von dem Graf Lerida wußte, daß er eine eigene Waffe des Reiters war, die er aus dem Kaukasus mitgebracht, und mit einem lauten Schrei galoppierte er vorwärts an den Jagenden und Gejagten vorüber. Im nächsten Augenblick sah man ihn an der linken Seite des Büffels dahinsprengen, lang ausgestreckt auf dem Sattel liegen, und in demselben Moment, als der Stier den Kopf und die Hörner gegen ihn kehrte, einen Hieb oder Schnitt von unten herauf tun. Im gleichen Moment schnellte er wieder in die Höhe, – der Stier aber hielt plötzlich im Lauf inne, ein gurgelnder Ton wurde gehört, während ein breiter Strom von Blut aus dem Halse strömte und dann stürzte das Tier im Todeskampf schlagend zu Boden, – die Kehle war ihm von dem echten Damaszener Stahl mit dem bekannten, aber wenigen wirklich vertrauten Hieb fast bis auf den Wirbelknochen durchschnitten.

So wenig nun auch dieser Ausgang und diese Kampfart dem Programm und den Gebräuchen bei der Tötung des Stiers entsprach, so riß doch grade das Ungewohnte und das Entschlossene der Handlung das Publikum zu lautem Beifall, und der spanische Ruf Barbaro!, der sich diesmal nicht auf den Stier, sondern auf den Reiter bezog, ließ sich selbst aus schönem Munde hören. Auch die Königin schien sehr befriedigt von diesem vielversprechenden Anfang des Schauspiels.

»Ich sagte es Ihnen gleich, Sennor Don Redondo,« meinte der Graf, seine Zigarette wegwerfend, »dieser Russe scheint mir nicht der Mann, eine Beleidigung auf sich sitzen zu lassen, weder von einem Stier, noch von einem Kaiser! Er würde einen wie den andern töten!« Er legte die Hand auf die Barriere und sprang mit leichtem Schwung in die Arena.

Die Reiter der ersten Quadrilla, die Chulos und Banderilleros, hatten sich um den Russen gesammelt. » Vraiment!« sagte der Vicomte, »Sie haben uns einige gute Lanzenstöße vorweggenommen, aber Sie haben unserer Quadrilla Ehre gemacht. Freund Lerida, Sie werden Mühe haben, Herrn von Netschajeff auszustechen!«

» Aprês vous!«

»Richtig, wir haben noch Nummer zwei im Programm, aber das geht die Herren Kavaliere zu Fuß an. – Nun, meine Herren, Ihre Majestät wird schon ungeduldig und bewegt den Fächer.«

Der Russe hatte sich zu Lerida gebeugt. »Bitte, begleiten Sie mich – ich fürchte, ich habe ein oder ein paar Rippen gebrochen bei dem vermaledeiten Sturz. Aber das braucht niemand zu wissen!«

Er hatte noch die Kraft, sein Pferd aus der Manege zu lenken, in die jetzt von allen Seiten die Chulos und Banderilleros sich schwangen. Der zweite Stier sollte in portugiesischer Weise gehetzt, das heißt nur gefangen werden ohne die Zuziehung der Reiter.

Der Graf hatte den russischen Attaché bis zu dem Raum der Ställe begleitet – dort half er ihm aus dem Sattel.

»Können Sie einige Schritte gehen, oder soll ich Leute rufen? – Ah, da ist bereits Mauro! – Stütze den Herrn auf der anderen Seite!«

Ein lautes Händeklatschen aus dem Innern des Saals bewies, daß das Schauspiel wieder begonnen hatte.

»Wenn es nicht weit ist,« sagte der Russe. »Aber ich fürchte, ich werde die Hilfe eines Wundarztes in Anspruch nehmen müssen, nur wünschte ich, daß man es nicht erfährt.«

»Dann hier herein!«

Der griechische Diener warf seinem Herrn einen besorgten Blick zu. Dieser schüttelte leicht den Kopf. »Herr von Netschajeff ist ein Mann von Ehre! Er wird die Güte haben, nichts von dem zu sagen, was er bemerkt.«

»Auf mein Wort!«

Der Graf pochte an die Tür des kleinen Seitengebäudes, in dem sich das Zimmer zur Aufnahme des Geistlichen während der Stiergefechte und ein Raum zu ärztlicher Hilfeleistung bei Verwundungen befindet. »Öffne, Spitzbube, ich bin es!«

Die Tür zur Linken wurde aufgeriegelt. Fra Antonio, der dicke Cura, stand mit gerötetem Antlitz, eine Flasche in der Hand, dahinter. » Absolvo te!« murmelte er – »wo ist der arme Sünder, daß ich ihn die letzte Beichte höre? Es ist ein sündiges Vergnügen, die Leute so auf die Hörner eines wilden Tieres zu spießen!«

Herr von Netschajeff sah sich in dem Gemach um, – es war überaus einfach möbliert und durch eine spanische Wand abgeteilt. In der Ecke stand ein Altar mit einem Betschemel davor, an einer Seite ein Tisch mit zwei niedern Rohrsesseln ohne Lehne, an der andern Seite war der Eingang zu dem Gemach des Wundarztes. Die Tür stand offen und man sah das breite, mit Linnen bedeckte Rohrbett und auf dem Tisch allerlei vielversprechende Instrumente für einen Kranken.

An dem Tisch des Paters saß ein Caballero, – bei dessen Anblick Herr von Netschajeff unwillkürlich zurückfuhr und sich zur Seite wandte, seinen Führer anzuschauen. Der Mann am Tisch war ganz genau das Ebenbild des Grafen von Lerida, bis in die kleinsten Details des Anzuges – auch die Rosette der bunten Schleifen auf der linken Achsel fehlte nicht, und was unter der kleinen Halbmaske vom Gesicht zu sehen war, glich mit dem gleichgestutzten Bart vollkommen dem des Grafen. Zu den Füßen des Caballero lag ein großer Wolfshund, eines jener kräftigen und mutigen Tiere, die man in den Pyrenäen bei der Jagd auf Bären und Wölfe zu Hilfe zieht.

»Bei der Ehre des Nichts – haben Sie Doppelgänger, Herr Graf?«

»Es könnte wohl sein! Doch erinnern Sie sich an das, um was ich gebeten. Wo ist der Wundarzt und sein Gehilfe?«

»Wo werden die Heiden anders sein, als bei dem abscheulichen Schauspiel. Die Neugierde ist ein großes Laster der Menschheit und hat schon vieles Unheil in die Welt gebracht!«

»Lange nicht so groß, wie der Trunk! Hab ich Euch nicht befohlen, dicker Weinschlauch, nüchtern zu bleiben auf Eurem Posten?«

»Bei der heiligen Madonna vom Montserrat, Sennor Conde, was machen Sie für einen Lärm wegen einer lumpigen Flasche Malaga, den die Herren Wundärzte dort auf den Tisch gestellt hatten. Es ist nicht mehr als billig, daß die heilige Kirche ihren Zehnten nimmt!«

»Doch nicht von dem Wein der Kranken! – Schenkt einen Becher ein für diesen Herrn, wenn Euer unersättlicher Schlund noch etwas übrig gelassen hat!«

»Mit etwas muß sich der Mensch doch beschäftigen,« brummte der Cura, der ziemlich mürrisch dem Befehl Folge leistete, »da dieser Sennor stumm und taub zu sein scheint und keine Silbe gesprochen hat, seit Sennor Mauro ihn hierher brachte.«

»Schweig!« – Der Graf hatte mit Mauros Beistand den Russen auf das Bett gelegt. »Trinken Sie dies Glas Wein, Herr von Netschajeff – es wird Ihre Nerven stärken.«

Der große Hund hatte sich gleich nach dem Eintritt des Grafen und seiner Begleiter erhoben und war, einen Bogen um den Cura beschreibend, den er mit mißtrauischem Auge zu betrachten schien und der seinerseits auch keine besondere Freundschaft für das schöne Tier an den Tag legte, zu dem Grafen geschritten, an dessen Bein er die Schnauze rieb.

»Ruhig, Negro, wir beide kommen sogleich dran!« Er klopfte den glatten Kopf mit dem mächtigen Gebiß.

»Sie wollen einen Stier mit diesem prächtigen Wolfshund hetzen?« fragte der Russe. »Also dies ist die unbenannte Nummer des Programms, die Sie sich vorbehalten haben?«

»Wie Sie sehen, will ich auch mein Impromptu haben, gerade wie Sie!«

»Dann wünsche ich Ihnen nur besseren Ausgang und bedauere bloß, daß ich nicht zusehen kann. Aber wie zum Henker mache ich es, unbemerkt nach Hause zu kommen?«

Don Juan hatte den Verletzten so weit entkleidet, um die Seite untersuchen zu können. »Ich verstehe einiges von der Heilkunde – soviel ich sehe, ist es nur eine starke Quetschung, doch ist es nötig, daß sofort Kompressen aufgelegt werden. Ich werde Ihnen ohne Aufsehen den Gehilfen des Doktors senden, indes mein Diener für einen Wagen sorgt. Das Hotel der russischen Gesandtschaft ist nicht weit, und der Gehilfe kann Sie dorthin begleiten, ich würde es selbst tun, wenn ich nicht hier gebunden wäre!«

»Den Stier zu hetzen! Der Teufel hole die Mähre, die mich zu Fall brachte!«

Der Graf beugte sich zu ihm nieder. »Ich habe noch ein besseres Wild zu hetzen heute abend!« sagte er leise.

»Das wäre!«

»Einen gekrönten Schelm! – Sie waren selbst zugegen, als das Wild sich stellte.«

» Shorte wos mi! Ich dachte es mir fast, daß das ganze Karussel nur ein Deckmantel wäre. Nun gute Verrichtung! wann höre ich von Ihnen?«

»Noch diesen Abend – es wird nur vielleicht wünschenswert sein, konstatieren zu können, daß Sie mich gesprochen haben.«

»Alles, was Sie wollen! Nur hetzen Sie tüchtig!«

Der Graf lachte. »Sorgen Sie nicht. Es gibt in Spanien sehr hohe Personen, die wenigstens verdienten, Skoptzen zu sein, die aber so wenig Lust dazu haben, wie Sie und ich! Also auf Wiedersehen und halten Sie sich ruhig, bis der Wundarzt kommt.«

Mauro war bereits nach einem Wagen gegangen, der Graf flüsterte seinem Ebenbild einige Worte zu, worauf sich der Mann erhob und hinter der spanischen Wand verschwand. Der Cura erhielt eine passende Warnung und dann verließ der Graf mit dem Hunde den Raum.

Im Zirkus hatte unterdes das Spiel seinen Fortgang genommen. Man hatte dazu vorsichtig einen jener Stiere gewählt, die man claro – d. h. offen – und ohne Tücke nennt, denn die Aufgabe besteht darin, daß das Tier in den Ring gelassen, von den Chulos gereizt und geneckt und dann von ihnen und den Banderilleros mit den Händen eingefangen, festgemacht und in den Zwinger zurückgebracht wird. Diese Art des Kampfes ist freilich weniger gefährlich, erfordert aber viele Gewandtheit und Kraft, und gibt oft zu ziemlich burlesken Szenen Veranlassung, da das kräftige Tier, wenn alle seine Gegner sich angehangen und es besiegt zu haben glauben, sich losreißt und sie alle in den Sand schleudert.

Da bei der Quadrilla des Vicomte Digeon die Mehrzahl der Fußkämpfer aus Toreros von Fach bestand, die mit dem Widerstand des Tieres fertig zu werden verstanden und ihren Mäcenados, wo Gefahr entstand, zeitig zu Hilfe eilten, ging das Spiel zur großen Belustigung der Zuschauer und ohne ernstlichen Unfall vorüber, was sonst nicht immer der Fall ist.

Der Graf hatte den Gehilfen des Wundarztes zu dem Russen gesendet und ihm die nötigen Instruktionen gegeben; für die Aussicht einer guten Belohnung tut ein spanischer Doktor alles.

Während Lerida im äußeren Ring der Arena stand und Sennor Redondo ihm noch einige Warnungen über den Charakter des Stiers gab, wurde ihm von einem Diener des Zirkus ein zierlich gefaltetes Billet überreicht. Er öffnete das duftende Papier, las lächelnd den Inhalt und steckte es sodann in die Brusttasche seines Waffenrockes.

Der Espada hatte den kleinen Vorgang mißbilligend bemerkt. »Verzeihen Sie mir, Sennor Conde,« sagte er, »wenn ich mir erlaube, Euer Gnaden darauf aufmerksam zu machen, daß der Kampf, den Sie bestehen wollen, kein leichter ist. Ein Torero darf, wenn er die Arena betreten hat, nur an seine Aufgabe denken und durch nichts seine volle Aufmerksamkeit abwenden lassen. Der große Montes, mein Vorgänger und Landsmann, sagt in seinem Lehrbuch der edlen Tauromachie ausdrücklich: »Ein Toreador muß mutig und leicht gebaut, aber nicht tollkühn sein. Wer nicht kaltblütig und rasch wie der Blitz den rechten Augenblick zu benutzen weiß, endet früher oder später sein Leben auf den Hörnern des Stieres. Wem aber das Herz beim Kampf nicht schneller schlägt, als beim Billardspiel, wessen Auge rasch und ruhig die kleinsten Bewegungen des Tieres verfolgen und voraus erraten gelernt hat, der spielt noch im hohen Alter mit dem wütendsten und gefährlichsten Stier, wie die Katze mit der Maus. Nun wollte ich Euer Gnaden nur zu bemerken geben, daß diese traurige Leidenschaft, die man die Liebe zu nennen pflegt, die Nerven des Mannes sehr in Unruhe zu setzen und seine Aufmerksamkeit zu teilen pflegt, so daß ein verliebter Toreador immer nur ein halber Kämpfer zu sein pflegt.«

»Aus diesem Grunde,« sagte lächelnd der Graf, »habe ich es auch vorgezogen, keinen Gebrauch von den Diensten des Torero Gomez zu machen, den Sie mir empfohlen hatten. Ich habe mich überzeugt, daß der arme Bursche ein verliebter Narr ist.«

Der berühmte Espada zuckte die Achseln. »Es ist schade um ihn. Es wäre sicher etwas aus ihm geworden, ich habe ihn stets gewarnt, aber dieses Zigeunerblut ist sehr verliebter Natur. Wahrscheinlich habe ich ihn auch deshalb seit mehreren Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen, weil er irgend einem Frauenzimmer nachläuft.«

»Die Quadrilla geht zu Ende,« sagte der Graf, »ich werde Sie sogleich verlassen müssen. Haben Sie mir noch etwas zu sagen?«

Der alte Espada schien mit sich selbst zu kämpfen, dann legte er die Hand auf den Arm des Edelmanns.

»Sennor Conde,« sagte er, – »ich weiß nicht – ich habe eine gewisse Faible für Sie – Sie sind ein echter spanischer Caballero!«

»Sehr verbunden!«

»Sie haben darauf bestanden, daß der Toro mit scharfen Hörnern erscheint?«

»Dieser und – wenn er mich nicht aufspießt, auch der Stier am Schluß, dem ich nach alter Sitte entgegentreten will, um die Ehre des spanischen Rufs zu wahren!«

»Eben deshalb, Sennor, will ich für Sie etwas tun, was ich meinem eigenen Bruder nicht tun würde, wenn er nicht Torero von Fach wäre.«

»Ich bitte darum. Sie erregen mein höchstes Interesse, Sennor Don Redondo.«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß der Stier, den Sie zu bekämpfen haben, nach meiner Beobachtung ein celoso Mißtrauisch oder mordlustig. ist.«

»Ich habe es mir gemerkt!«

»Das war meine Pflicht! – Aber was ich Ihnen setzt sage, das ist mein Geheimnis, das ich durch jahrelange Erfahrung erprobt, und das ich nicht verpflichtet bin, jemandem zu sagen.«

»Es steht ganz in Ihrem Belieben!«

»Neigen Sie gefälligst Ihr Ohr zu meinem Mund!«

Der Graf tat es, – der alte Torero flüsterte ihm einige Sätze zu. »Wenn Sie das beobachten, Sennor Conde,« sagte er, »und Auge und Hand bereithalten, so bin ich nicht bange, daß Sie als Sieger aus dem Kampf hervorgehen. Tiere dieses Schlages tun es stets! – Und nun noch eins! Ich hoffe, daß Ihr Hund tüchtig ist!«

»Negro ist ein Alter! Er hat mehr als einen Bären der Pyrenäen niedergebracht.«

»Dann merken Sie auf! Wenn der Hund den Toro über den Nacken hinweg am rechten Ohr gepackt und ihm also den Kopf nach rechts hinaufgezogen hat, so geben Sie ihm den Stoß nicht auf der linken Seite des Halses, denn in der Zuckung des Schmerzes würde er nach links fahren und den Hund, er mag noch so kräftig sein, nach rechts hinüberschleudern, – sondern auf dem rechten Halsbug. Und nun, Sennor Conde, – die Madonna del Pilar sei mit Ihnen, ich werde Ihnen ehrlich den Daumen halten!«

Der Graf schüttelte dem Espada die Hand – dann entfernte er sich eilig.

Während der kurzen Pause, die folgte, wurden Erfrischungen umhergereicht – der Vicomte von Digeon machte den aufmerksamen Wirt in der Loge des Hofes.

»Ich habe es eben zu dem Botschafter gesagt,« sprach die Königin, eine große Tasse Vanilleeis löffelnd, einer ihrer Lieblingsgenüsse, – »Ihre Corrida, Vicomte, ist vortrefflich, grade wie Ihr Eis. Der König mag darum nach Hause gehen, oder wo er sonst hin will – er kommt wahrscheinlich ums beste. Genieren sich Euer Majestät nicht, ich weiß, Sie müssen Ihre Stimme schonen! – Wenn Sie es noch nicht wissen, – ich habe heute das Dekret für Prim unterzeichnet, der Marschall und er sind seitdem die besten Freunde! – Das eine Mal, Vicomte, haben Sie den Stier famos getroffen, aber es ist doch im Grunde nur Stierballett! – Wo in aller Welt haben Sie den unverschämten Schlingel, den Lerida stecken? – Er hätte eine tüchtige Lektion verdient für sein loses Mundwerk, doch der Streich mit dem Espada hat ihm Verzeihung erkauft, – das heißt, wenn es keine bloße Prahlerei war!«

So wenig schmeichelhaft für den Vicomte auch die sichtliche Vorliebe der Königin für den Grafen blieb, war er doch viel zu sehr Diplomat, um nicht darauf einzugehen, außerdem dem Freunde wirklich dankbar für seine Hilfe bei der mexikanischen Angelegenheit. »Der Graf von Lerida liebt die Überraschungen,« sagte er. »Eure Majestät finden auf dem Programm eine anonyme Nummer, und gewiß halten ihn nur die Vorbereitungen zu dieser ab, Eurer Majestät in diesem Augenblick gleich mir seine Ehrfurcht darzubringen.«

»Papperlapapp – es wird ihm nicht so große Eile haben, er ist eigentlich ein Rebell, der bald mit meinem schlimmen Vetter in London, bald mit den Progressisten kokettiert, aber eben weil er's mit beiden tut und sie an der Nase führt, nicht gefährlich. Isturiz in London hat mich noch neulich gewarnt, aber ich bin ihm eigentlich noch einen Ersatz schuldig, da Narvaez seinen Vater etwas hastig hat erschießen lassen, ich sagte es heute noch Sennor Marfori. – Aber was ist's mit der anonymen Nummer? Doch kein Schießspektakel – ich muß etwas Rücksicht auf die Hoffnungen meiner guten Spanier nehmen!«

Die Naivität der Königin war in der Tat zuweilen so groß, daß die Diplomaten um Antwort verlegen waren. »Ich fürchte, der Graf von Lerida wird allerdings vielleicht die Nerven der Damen etwas in Anspruch nehmen. Nur sein Marschall Redondo hat Kenntnis von dem Schauspiel, das er uns jetzt bereiten will aber ich habe eben gehört, daß er dem Stier, den er bekämpfen will, die Kugeln von den Hörnern hat nehmen lassen, und daß es ein schlimmes Tier sein soll.«

Ein lauter Aufschrei erklang aus der dritten Reihe der Loge; die Königin, die eben im Begriff war, die Nachricht zu applaudieren, wandte sich ärgerlich um. »Was haben Sie, Herzogin?«

»Nichts, my Sennora! ich bitte um Entschuldigung! die Gefahr …«

»Was kümmert die uns? Für was sind die Caballeros da? – Lassen Sie das Zeichen geben, Herr Vicomte, wenn's gefällig ist.«

Der Legationssekretär der französischen Botschaft erhob, sich gegen die Königin verneigend, die Hand – in demselben Moment schmetterten die Trompeten des Orchesters eine rauschende Fanfare.

Die Torflügel zur Rechten flogen auf – ein Reiter ritt langsam in die Arena, dem Pferde zur Seite schritt ein großer grauer Hund.

Der Reiter war, wie die Bandrosette an seiner Schulter bewies, der Graf von Lerida, der Hund der alte Negro, das getreue Tier des alten Navarresen Ramiro Castillos.

Der Graf ritt nicht den schwarzen andalusischen Hengst, den er als Führer der Quadrilla bei dem Karoussel geritten hatte, sondern die Berberstute, einen Rotschimmel, sein Lieblingspferd. Er war unbewaffnet, der Hund dagegen, der ihn begleitete, trug um den dicken, starken Nacken ein breites Stachelhalsband und um den Leib einen biegsamen Panzer von Stahlringen, ähnlich den alten saracenischen Ringhemden.

Es entstand merkwürdigerweise eine tiefe Stille im Zirkus, als er langsam durch die Arena ritt, immer begleitet von dem großen Hunde, und sich dann zur Loge der Königin wandte. In der Mitte des Weges hielt er an; sogleich trat von der Seite her sein, den meisten der aristokratischen Zuschauer wohlbekannter griechischer Diener Mauro herbei und überreichte seinem Herrn zwei Speere mit scharfer stählerner Spitze, und eine jener berühmten Navajas, die in Barcelona so ausgezeichnet gefertigt werden. Das katalanische Messer war eines der kleineren, denn man fertigt sie mit dem Einschlag bis zu 5 Fuß Länge, etwa anderthalb Fuß lang, aber von ausgezeichneter Arbeit. Der Graf probierte die Klinge und steckte das Messer dann in seinen weiten rechten Stiefel. Dann nahm er ebenso die Lanzen, probierte die Spitzen und die Kraft der Schäfte und gab die eine seinem Diener zurück. Indem er sich zu ihm niederbeugte, sagte er leise:

»An deinen Posten, Mauro – der König hat sich eben entfernt!« Dann hob er sich im Sattel, wirbelte die Lanze in die Luft, und während er sie gewandt wieder auffing, zwang er das schöne Berberpferd, die Vorderfüße zu beugen und so die Königin zu begrüßen.

»Gutes Glück, Lerida!« sagte die Königin laut. Ein stürmischer Applaus in der großen Rotunde folgte diesem Wort und der Galanterie des Abenteurers. Es war in diesem Augenblick mit Ausnahme des Intendanten Marfori und des Marschall Narvaez in dem großen Zirkus wohl kaum ein Mensch, der dem ritterlichen Kämpen nicht den Sieg wünschte.

Das Seltsame des beabsichtigten Kampfes hatte die Teilnahme aller Zuschauer auf das höchste erregt. Man kannte wohl das Hetzen der Tiere durch die Reiter oder eine ganze Meute, aber das Gegenübertreten des einzelnen Reiters mit dem einzelnen Hunde war bisher noch nicht dagewesen. Der Mut, mit dem dies geschah, erregte den allgemeinen Beifall, und von verschiedenen Seiten flogen Blumen in die Arena nieder.

Ein Schenkeldruck ließ das edle Roß zusammenspringen, dann nach nochmaligem Gruß gegen die königliche Loge wandte der Reiter das Pferd kurz um und hielt unter derselben. Nur der Espada Redondo vielleicht bemerkte es, daß der Reiter sich auf den hoch erhobenen Kopf des edlen Pferdes niederbeugte und es zwischen die Mähne küßte.

Sennor Redondo erinnerte sich an seinen eigenen Rat und begriff als Andalusier, was der Kuß zu bedeuten habe.

Im nächsten Augenblicke saß der Graf fest im Sattel, die Lanze in der Faust, das Auge fest auf das Tor des Stierzwingers gerichtet.

Die Trompetenfanfare schmetterte zum drittenmal, und die schmalen Torflügel zum Zwinger der Stiere flogen auseinander.

Mit einem kräftigen Satz sprang der Stier in die Rotunde, wiederholte noch einmal den Sprung und blieb dann fast in der Mitte der Arena stehen, mit den Hufen den Boden schlagend und mit blähenden Nüstern das ungewohnte verwirrende Schauspiel ringsum betrachtend.

Der Stier war ein gewaltiges und gefährliches Tier von blaugrauer Farbe. Seine Vorderfüße waren kurz im Vergleich zu der gewaltigen Kraft, die sich ganz in dem Hinterteil des schönen Tieres zu konzentrieren schien. Der Kopf war breit, aber verhältnismäßig klein und wurde durch zwei breit geschwungene aber an ihren Spitzen wieder in gefährlicher Biegung zusammenlaufende Hörner gekrönt. Die kleinen Augen funkelten rechts und links. Noch schien es nur von dem Geräusch und dem flackernden Licht der Gasflammen verdutzt und gereizt, und seinen eigentlichen Feind noch nicht bemerkt zu haben.

Da schlug Negro an und sofort wandte der Stier den Kopf nach dieser Seite; der Graf gab dem Hunde mit der Lanze einen leichten Schlag, wie um ihn zu beruhigen und wandte sogleich dem Gegner wieder seine volle Aufmerksamkeit zu.

Es war in der Tat auch Zeit, denn der Stier stürzte mit gesenktem Haupte so toll und blind in gerader Linie gegen den Reiter an, daß es dessen ganzer Geistesgegenwart und Geschicklichkeit bedurfte, um durch einen Seitensprung aus dem Bereich der Hörner zu kommen, die mit einem förmlichen Krach in das Holz der Barriere drangen.

Der kecke Reiter hätte mit leichter Mühe und ohne Gefahr dem blindwütigen Stier jetzt einen tüchtigen Stoß in den Hals oder die Flanken versetzen können, aber er begnügte sich, ihm einen Schlag mit der Lanze über den Kopf zu geben und galoppierte dann davon, begleitet von dem Hunde, der neben dem Pferde hinlief, den Kopf zuweilen nach dem Reiter erhebend, als erwarte er von diesem die Erlaubnis, auch seinerseits den Angriff zu beginnen.

Der Stier hatte von dem gewaltigen Stoß gegen die Planke einen Augenblick wie betäubt gestanden, dann aber jagte er hinter dem Reiter wütend drein, so daß er ihn bald eingeholt hatte.

Jetzt zeigte sich die vollendete Reitkunst des Grafen. Während er bis zur Rechten die Arena umritten, und von dem Stier in dieser Richtung verfolgt worden war, warf er das Pferd rasch nach links und wechselte dadurch die Richtung, so daß er den Lanzenarm frei behielt.

Der Stier folgte. Aber im Augenblick wo er das Pferd fast erreicht hatte, schlug der Reiter eine Volte nach rechts und versetzte dem vorbeischießenden Stier einen derben Stoß in den rechten Bug, der sofort den Sand der Arena mit Blut färbte.

Dieses Spiel, so gefährlich es war, da es die höchste Aufmerksamkeit in Lenkung des Pferdes forderte, wiederholte sich, aber beim drittenmal stemmte plötzlich in dem Augenblick, in welchem der Reiter wendete, der Stier die Vorderfüße in den Boden, drehte sich nach dem Pferde und hätte ihm sicher die Hörner in die Brust gebohrt, wenn der kräftige Hund ihm nicht im selben Moment an die Kehle gesprungen wäre und sich in die Lefzen, den empfindlichsten Teil des Stiers, verbissen hätte.

Der Schmerz war offenbar so groß, daß der Stier nicht zusprang, sondern erst den Hund loszuschütteln suchte. Der Graf hob das Pferd, daß es mit den Vorderhufen die Luft schlug, drehte es auf den Hacken und setzte über die Hörner des Stiers hinweg, der seinen Feind, den Hund, gegen den Boden drückte und ihn mit den Hörnern zu erreichen suchte; aber der Reiter kehrte sofort zum Beistand seines tapfern Gefährten zurück und bearbeitete Bug und Hals des Stiers der Art, daß derselbe mit Verlust seiner halben Lefzen den Hund im Bogen weit von sich schleuderte.

Das grausame blutige Schauspiel erregte nicht etwa das Mitleid der schöneren Hälfte der Zuschauer, sondern einen wahren Sturm von Applaus, an dem sich selbst die Königin beteiligte.

Der Stier war jetzt fast toll vor Wut, es zeigte sich aber dabei sein Charakter, wie ihn der alte Espada ganz richtig beurteilt hatte. Er sprang mit allen vier Beinen in die Luft, schlug mit den Hinterfüßen aus, peitschte mit dem langen Schweif die Flanken und schleuderte den Sand der Arena mit seinen Hörnern in die Luft. Aber er stürzte nicht auf den Reiter los, sondern blieb inmitten der Arena stehen und hielt nur seine mordlustig glühenden blutunterlaufenen Augen auf ihn gerichtet. Das Blut strömte aus seinen zerrissenen Nüstern und von seinen Bugen, und das wilde gereizte Tier in seiner grimmigen, mit dem Blut dahin schwindenden Kraft gewährte einen schauerlichen Anblick.

Aber was ist einem spanischen Publikum in einer solchen Erregung Mitleid und Humanität, bei seinem Lieblingsschauspiel. Es will nur eines sehen, – den Todeskampf des Tieres oder des Menschen.

Der Graf von Lerida fühlte, daß der Sache ein Ende gemacht werden müsse.

Negro, den der unfreiwillige Sprung und Fall etwas mitgenommen zu haben schien, kauerte noch an der Schranke, bereit, jeden Augenblick wieder auf seinen Feind loszuspringen.

Don Juan faßte die Zügel seines Berbers fest zusammen und die Lanze zum Stoß. Dann tat er einen scharfen Pfiff.

Im Nu war der Hund an der linken Seite des Stiers, sprang von hinten auf seinen Nacken und faßte das rechte Ohr, das er mit aller Schwere des Gewichts rückwärts zur anderen Seite zog.

In demselben Augenblick sprengte mit eingelegtem Speer, gleich als gelte es ein Turnier des Mittelalters, Don Juan gegen den Stier und traf ihn an der linken Seite mit voller Kraft zwischen Hals und Vorderblatt, daß das scharfe Eisen wohl einen Fuß tief eindrang und von der Gewalt des Stoßes der zähe Eschenschaft zersplitterte. Einen Augenblick sah man Pferd, Reiter, Stier und Hund wie in einem verworrenen blutigen Knäuel, dann flog der Hund über den Nacken des Stieres hinweg, und Roß und Reiter befanden sich fast zwischen den Hörnern des wütenden Tieres.

Ein allgemeiner lauter Schrei des Entsetzens erklang durch den Raum, jedermann glaubte den Grafen verloren. Aber Don Juan hatte seinen gefährlichen Feind nicht aus den Augen verloren und, dem Rat des Espada gemäß, seinen Blick fest auf dessen rotfunkelnde Augen gerichtet gehalten. Jetzt sah er, daß diese vorquellenden Augen unter den Lidern sich schlossen und er wußte, daß der gefährliche Augenblick gekommen war und nur eins ihn selbst retten konnte. Der Stier hatte den Kopf zur Seite und nach unten gebeugt, und während der Reiter mit zwei schweren Spornstichen und einem scharfen Ruck der Zügel das edle Berberpferd steigen machte, schlug der Stier sein spitzes Horn von unten her tief in den Bauch des Pferdes und riß ihn fast bis zum Sattelgurt auf, daß die Eingeweide herausquollen.

Aber im Augenblick der furchtbaren Verwundung, noch ehe das Horn des Stiers in die Höhe fuhr, das ganz unzweifelhaft dann zugleich seinen Schenkel zerrissen hätte, schwang der Reiter den gefährdeten Fuß aus dem Bügel über die Kruppe des Pferdes und sprang zur Erde.

Der Sprung war so plötzlich, daß er trotz all seiner Sicherheit und Gewandtheit taumelte; aber eine rasche energische Bewegung gab ihm den festen Halt wieder und im nächsten Augenblick hatte er die Navaja aus dem Stiefel gerissen, aufgeklappt und stand nun wenigstens nicht wehrlos dem Feind gegenüber.

Aber der Stier begnügte sich, mit einem zweiten Stoß das edle im Todeskampf um sich schlagende Pferd zu zerfleischen, – dann begann er hin und her zu wanken, sank in die Knie und legte sich langsam auf die Seite.

Der Graf sah eine kurze Weile auf den sterbenden Gegner, dann warf er die Navaja auf den Körper zum Todesstoß für den Cachetero und wandte der blutigen Gruppe den Rücken.

Ein unbeschreiblicher Jubel begrüßte ihn bei dieser Bewegung. Die Damen schwenkten die Fächer und Tücher, die Männer gebärdeten sich fast närrisch vor Enthusiasmus, alle, die es konnten, eilten in die Arena, ihm die Hand zu drücken.

Das erste, was der Graf tat, der sorgfältig vermied, einen Blick nach dem edlen Pferde zurück zu werfen, war, daß er zu dem Hunde ging, der noch ganz betäubt am Boden lag. Er streichelte ihm den Kopf, richtete ihn auf und hatte die Freude zu sehen, daß das wackere Tier wenigstens ohne erhebliche Verletzung davongekommen war, vor der es wahrscheinlich nur das Panzerhemd geschützt hatte. Das Tier erhob sich langsam und folgte ihm hinkend nach, als er im Kreis der ihn beglückwünschenden Freunde zu dem ihm bereits ein Kammerherr der Königin entgegen trat, um ihn im Namen Ihrer Majestät nach der königlichen Loge einzuladen.

»Das ist ein Befehl, dem man freilich Folge leisten muß,« sagte lachend der Graf zu Vicomte Digeon. »Nach unserer Absprache war dies eigentlich Ihre Sache und ich hoffte die Stunde mich zurückziehen zu können, um meine allerdings etwas strapazierten Muskeln zu ruhen und zu stärken für den letzten Akt des Dramas. Nun, wenigstens werden meine Herren Kollegen in der Quadrilla mir erlauben, erst im letzten Augenblick wieder auf dem Platz zu sein!«

»So wollen Sie im Ernst noch den Espada zum Schluß des Schauspiels spielen?«

»Sie waren Zeuge, daß ich die Pflicht übernommen habe, und kennen die Madrilenen schlecht, wenn Sie glauben, die Damen und Herren würden einem Christenmenschen die Gefahr schenken – Nein Freund, meine schönste Hetze habe ich noch vor mir!«

Der Kammerherr öffnete die Tür der Loge und führte den Grafen zur Königin, die sich auf das Freundlichste zu ihm wandte.

»Höre Graf, du hast deine Sache vortrefflich gemacht. Ich habe lange kein schöneres Gefecht gesehen. Es ist schade, daß ich dir meinen Orden schon gegeben habe, sonst solltest du ihn heute erhalten! Aber du kannst dir eine andere Gnade erbitten – nur kein Geld, sag' ich dir, die Kirche kostet mich zu viel, und ich bin oft selber so abgebrannt, daß ich mich schäme! Schade um das schöne Pferd, es muß dich heidenmäßig viel Duros gekostet haben.«

»Es ist im Dienst der Königin gefallen!«

»Höre Graf, wenn das etwa heißen soll, daß ich dirs bezahlen müßte, dann irrst du dich. Ersinne was anderes! Und höre – gehe nicht zu allen Rendezvous, die das Reiterstück dir eintragen wird! Wenn du Lust hast, kannst du Rittmeister unter meinen Lanciers werden.«

»Mi Sennora sind die Gnade selbst, aber ich habe den Dienst bereits quittiert in der spanischen, sardinischen und englischen Armee.

»Richtig – ich erinnere mich, du hast die Nase überall gehabt. Aber ich will etwas für dich tun, – höre, ich werde dir eine Frau aussuchen, damit du solide wirst!«

»Mi Sennora halten zu Gnaden, ich bin wohl noch zu jung dazu!«

Die Königin lachte. »Der Schelm hat wahrhaftig auf alles eine Antwort. Ich bleibe dir dennoch wohlgewogen!« Sie reichte ihm die Hand, die der Graf, sich auf ein Knie niederlassend, ehrerbietig küßte.

Als er darauf sich zurückzog und dabei zufällig sein Taschentuch aus der Brusttasche nahm, fiel das Billet, das er vorhin an der Schranke erhalten hatte, auf den Boden, ohne daß er oder sonst jemand darauf achtete, mit Ausnahme des Palast-Intendanten, der in der Nähe stand.

Alle Welt sah nach der Arena, aus der die Maultiere eben den toten Stier und das Pferd schleppten, um Platz zu machen für die neuen Spiele.

Der Günstling der Königin drängte sich durch die Nächststehenden und setzte den Fuß auf das Billet. Dann, als der Leichtsinnige bereits die Loge verlassen hatte, ließ er sein Taschentuch neben den Fuß fallen und hob mit ihm zugleich das Papier auf.

Der Graf von Lerida war, nachdem er sich von seinen Freunden losgemacht und sie gebeten hatte, ihn bis zur letzten Nummer des Programms nicht zu stören, in das Gemach geeilt, das der Fra Antonio neben dem Zimmer der Ärzte inne hatte.

Er schloß hastig die Tür, nachdem ein Blick ihn überzeugt hatte, daß der russische Kavalier bereits fortgebracht worden war.

»Rasch Sennor Gomez – es ist Zeit! Hüte die Tür, Pfaff, und laß niemanden eintreten.«

Er sprang hinter die Wand und begann sich hastig mit Hilfe des jungen Espada der Oberkleider und der Stiefeln zu entledigen, während er dem Gitano zugleich die Szenen in der Arena mitteilte.

Wenige Minuten und er trat zu dem grenzenlosen Erstaunen des Cura als ein verwandelter Mann hervor.

»Jetzt Sennor Gomez, machen Sie Ihre Sache gut und Ihrer Majestät der Königin Isabella II. viel Vergnügen. Sie aber Fra Antonio, halten Sie reinen Mund, oder – bei allen Unterirdischen und Überirdischen, – ich will Ihnen denselben von einem Ohr bis zum andern aufschlitzen, daß Sie den fettesten Kapaun mit einem einzigen Bissen hineinschicken können! Komm Negro!«

Der mächtige Wolfshund folgte ihm durch die äußere Tür ins Freie, wo die schaulustige Menge noch immer sich auf dem Platz umhertrieb.


Vor dem Wachlokale des großen Gefängnisses von Madrid, dem Saladero harrte die Wachmannschaft der nahen Ablösung. Die Gefangenen, denen der Aufenthalt in den inneren Höfen gestattet ist, waren längst in die Zellen verwiesen, – die Höfe leer, nur einige Gefangenwärter schlenderten umher oder sprachen mit den Soldaten, die vor den Hauptzugängen der Gebäude Posten standen.

Der Sergeant der Wache, ein alter Schnauzbart aus den marokkanischen Kriegen, plauderte mit einem der Aufseher in der Nähe des Tors. Dieser hatte wie zufällig seine Uhr gezogen. » Caramba Sennor Sergente, es ist später wie ich dachte – die Glocke der Santa Theresa muß gleich neun schlagen.«

»Unmöglich Sennor, – als ich eben die Ronde machte und nach der Uhr sah, war es kaum halb.«

»Vielleicht geht sie zu spät – eben schlägt's!«

»Wahrhaftig – und da ist auch schon die Ablösung. Die Kameraden vom zehnten Regiment sind pünktlich, man sieht, daß sie erst seit kurzer Zeit in Madrid in Garnison stehen! An die Gewehre, Leute!«

Draußen vor dem Tore kam der regelmäßige militärische Tritt der ablösenden Abteilung näher und sie marschierte durch den gewölbten Bogen in den Hof ein. Es erfolgten die gewöhnlichen Ablösungen der einzelnen Posten, die Übergabe des Wachbuches und der Schlüssel und dann trat die alte Wachmannschaft zum Abmarsch an.

»Grüne Bursche,« murmelte der alte Sergeant, der sie kommandierte in bezug auf die Ablösenden, »haben noch nicht viel vom Dienst gesehen! – Adelante! Marsch!« Die Trommel wirbelte, die Abteilung setzte sich in Bewegung und marschierte zur Kaserne ab.

Der neue Sergeant stand neben dem Aufseher, der vorhin mit dein früheren gesprochen.

»Gehen Sie in der Richtung des hinteren Ausgangs und bleiben Sie dort stehen. Steckt der Schlüssel im Tor?«

»Hier und dort.«

»Wieviel Aufseher im Saal der Verurteilten?«

»Zwei.«

»Gut denn – entfernen Sie sich und überlassen Sie alles mir.«

Der Aufseher verlor sich nach dem Durchgang zu dem zweiten Hof.

Der falsche Sergeant hob die Hand – es war alles so reiflich überlegt, daß es eben nur der Zeichen bedurfte.

Zwei der Soldaten traten zu der Loge des Schließers, der eben von innen das Tor verschloß, und der eine nahm wie spielend und wägend das schwere Schlüsselbund in die Hand – zwei andere traten zu dem Sergeanten.

»Will sehen, ob alles in Ordnung, Sennor Carcelero!« Er ging nach dem Gebäude, in dessen Erdgeschoß sich der Saal der Verurteilten befand.

Es ist ein gewölbter Raum, an der Gegenseite der stark vergitterten Fenster eine große Pritsche mit Wolldecken zum Schlafen, in der Mitte ein langer schmaler Tisch mit Bänken rechts und links, das alles am Boden stark befestigt.

In dem Saal befanden sich an diesem Abend achtzehn Personen – von denen zwei, nach ihrer Uniform zu urteilen, zum Aufsichtspersonal des großen Gefängnisses gehörten. Sie saßen – der eine in der Nähe der Tür, der andere zwischen den beiden Fenstern, die dem Raum das nötige Licht gaben. Vierzehn von den Gefangenen, die sämtlich zu den Galeeren, das heißt zu der schwersten Arbeit auf den abgelegenen Seeforts verurteilt waren, saßen bei allerlei Beschäftigung an dem Tische, über dem eine große Lampe in Ketten hing.

Die Behandlung der Gefangenen im Saladero ist im ganzen keine sehr strenge, und wenn sie Geld oder Freunde haben, können sie sich sogar verschiedene Genüsse an Speise, Trank und Tabak verschafften. Selbst die Stunde des Niederlegens wird nicht so streng aufrecht erhalten und namentlich sind den Verurteilten, ehe sie zu ihren Straforten abgeführt werden – wo ihrer allerdings eine sehr strenge Behandlung wartet! – mancherlei Freiheiten gestattet.

Die wegen Schmuggelei Verurteilten sind aber gewöhnlich in Besitz von Geldmitteln, die ihnen von der Contrabandista zugesteckt werden, und da der größere Teil der hier Versammelten aus Schmugglern bestand, fehlte es nicht an schlechtem Wein oder dem scharfen katalonischen Branntwein, auf der Tafel, an der mit den Schmugglern in bestem Einvernehmen zwei zu den Galeeren begnadigte Mörder saßen, während den drei wegen gemeinen Diebstahls und Einbruchs Verurteilten ihre Plätze am untersten Ende angewiesen worden waren und die »Caballeros« der Gesellschaft unterhielten keinen Verkehr mit ihnen.

Noch zwei andere Gefangene schienen eine reservierte Stellung in der würdigen Versammlung einzunehmen und hielten sich auch abgesondert von dem Zechgelage, indem sie auf dem Rande der Pritsche saßen, die zu dem gemeinsamen Nachtlager diente.

Die »Politicos,« wie sie die anderen Gefangenen nannten, waren Sennor Castillos, der Bärenjäger und alte Karlist aus den navarresischen Bergen, und ein anderer Mann, der sich Don Rosario nannte, von dem aber keiner im ganzen Gefängnis recht wußte, wer er war und weshalb er eigentlich verurteilt worden. Er war vor zwei Tagen in den Saladero gebracht worden, um von hier aus dem Transport nach den Balearen angeschlossen zu werden und nur der Direktor wußte, aus welchem Gefängnis er kam und vor welchem Gerichtshofe er gestanden hatte, wenn letzteres überhaupt der Fall gewesen war, – denn entgegen der gewöhnlichen Mitteilsamkeit der Gefangenen sprach Don Rosario kein Wort darüber. Er war ein großer, hagerer Mann, dessen Alter schwer zu bestimmen war – doch konnte es nicht unter vierzig sein. Er trug, da die Einkleidung der Verurteilten erst am Ort ihres Strafaufenthalts erfolgt, dunkle schwarze Kleidung, allerdings sehr abgenutzt, aber jede seiner Bewegungen, seine ganze Haltung bewies unverkennbar, daß er nicht zu den gewöhnlichen Klassen der Verbrecher gehörte und ein Mann von höherer Lebensstellung gewesen war. Sein Haar war noch vollkommen schwarz, von jener bläulich reflektierenden Schwärze, die das Gefieder der Raben kennzeichnet. Das Gesicht war lang, hager und mit den eigentümlich starren Augen fast unbeweglich, das seltsamste daran aber die förmliche Leichenfarbe, eine Farbe, wie man sie wohl auch an lebenden Menschen findet, die lange in jenem Grabe der Freiheit und des menschlichen Rechts auf Luft, Licht und Bewegung – dem Gefängnis gewesen sind.

Die Verurteilten, so kecke und verwegene Burschen auch darunter waren, hatten doch schon nach den ersten Stunden seiner Anwesenheit eine gewisse Scheu vor ihm und wagten nicht, ihn als ihresgleichen zu betrachten und anzureden.

Der alte Bärenjäger war der einzige, mit dem Don Rosario verkehrte und auch jetzt wieder sprach.

»Ich wiederhole Ihnen, Sennor,« sagte Castillos – »man hatte mir im geheimen gesagt, daß unsere Abführung, die am Montag stattfinden sollte, verschoben werden würde, und heute haben wir Mittwoch. Die Mitteilung hat sich also bestätigt.«

»Desto besser!«

»So hoffe ich also auch, daß der zweite Teil derselben: ich möge auf eine plötzliche Veränderung meiner Lage gefaßt sein, sich bewahrheiten werde. – Eine solche Veränderung kann aber nur in meiner Freilassung bestehen.«

»Ich wünsche Sie Ihnen.«

»In diesem Fall biete ich Ihnen an, wenn Sie Vertrauen zu mir haben wollen, Ihre Freunde oder Verwandte von Ihrer Lage in Kenntnis zu setzen, damit dieselben Schritte zu Ihrer Begnadigung oder Befreiung tun können, denn ich kann mir nicht denken, daß ein Mann wie Sie wegen eines ehrlosen Verbrechens verurteilt worden sei.«

»Ich bin nicht verurteilt, und ich habe weder Freunde noch Verwandte.«

»Das ist allerdings schlimm. – Aber wie könnten Sie hier sein, wenn man Sie nicht verurteilt hat?«

»Man hat mich einfach eingesperrt, um mich fern zu halten.«

»Fern? Wovon?«

»Von Paris!«

»Das wäre allerdings seltsam. Sie müssen dann sehr mächtige Feinde haben.«

»Nicht hier!«

»Aber wo sonst? – Wir sind doch in einem spanischen Gefängnis!«

»In Paris!«

»Dann müssen Sie also in Paris etwas verbrochen haben, denn Franzose sind Sie nicht, dazu ist Ihre Aussprache zu sicher.«

»Ich bin der Schatten der Frau, die sich Kaiserin der Franzosen nennt.«

Der alte Bärenjäger sah ihn etwas mißtrauisch von der Seite an – er fürchtete, daß es mit seinem Gefährten nicht richtig im Kopfe sei.

Dieser sah ihn mit einem kalten, ruhigen Blick an. »Sie glauben, Sennor, ich wäre verrückt?«

Castillos zuckte die Achseln. »Die Entziehung der Freiheit hat schon manches Gehirn wirbeln machen.«

»Nicht das meine! Ich werde Ihnen den Beweis geben. Sie sind und waren Karlist!«

Der Alte lächelte. »Mir das zu sagen, Sennor, dazu gehört allerdings kein besonderer Verstand. Hat man mich doch unter dem Vorwand einer karlistischen Verschwörung zu den Galeeren verurteilt.«

»Sie waren es schon in Ihrer Jugend.«

»Auch das ist nicht schwer zu erraten. Jeder Mensch in Navarra und den drei Provinzen weiß, daß ich unter Zumalacarreguy diente.«

»Sie waren ein Freund des ehemaligen Corregidor von Irun, des Grafen von Lerida, der Gouverneur von Mexiko war, in Ungnade fiel und zu den Karlisten übertrat.«

Der Bärenjäger schenkte seinem Gefährten jetzt größere Aufmerksamkeit. »Wir waren allerdings Waffengefährten, Sennor. Wie kommen Sie darauf.«

»Weil er mir in der Nacht vor seiner Hinrichtung Ihren Namen nannte.«

»Ihnen?«

»Ich war damals ein sehr junger Offizier im Regiment Tolosa und hatte die Wache in dem Stadthaus, wo der Graf von Lerida als Gefangener sich befand. Narvaez hatte den Befehl gegeben, ihn mit Tagesanbruch zu erschießen. Der jetzige Graf von Reus, der sich alle Mühe gab, ihn zu retten, kam um drei Stunden zu spät.«

Der alte Karlist nickte schwermütig mit dem Kopf. »Ich sehe, daß Sie mit der Sache bekannt sind. Und wie nannte er Ihnen meinen Namen?«

»Der Graf von Lerida ließ den Offizier der Wache zu sich bitten – dieser Offizier war, wie bereits erwähnt, ich.«

»Man hat mir gesagt, daß der Offizier der Wache, unter dessen Kommando der Graf erschossen wurde, der Leutnant Diaz Cavalho gewesen wäre?«

Don Rosario antwortete nicht direkt auf die Frage. »Der Leutnant Diaz Cavalho – es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß die Cavalhos eine der reichsten und ältesten Familien Spaniens und er ihr letzter Träger war, – hat infolge dieser traurigen Pflicht seinen Abschied aus der Armee genommen! – Doch diese Sache kümmert uns nicht! – Genug, – der Graf von Lerida ließ kurz vor seinem Tode den Offizier der Wache, also mich zu sich rufen, und bat mich auf mein Wort als spanischer Edelmann um einen Dienst.«

»Ist es erlaubt zu fragen, worin dieser bestand?«

»Sie sollen es sogleich hören, Sennor. Der Graf sagte mir, daß er, obschon von seiner Frau getrennt, einen Sohn habe, einen Knaben, an den er einige Zeilen zu richten wünsche. Ob ich sein Vermächtnis bestellen wolle?«

»Sie übernahmen es?«

»Ich übernahm es. Doch fügte der Graf hinzu, daß dies – seltsam genug – nicht vor zwanzig Jahren geschehen solle, und zwar durch mich selbst oder Sie.«

»Durch mich?«

»Durch mich, durch Sie, Ramiro Castillos, oder durch Juan Prim, wer von uns dreien dann noch am Leben wäre, und zwar persönlich.«

»Der leichtsinnige Bursche hat mir nie gesagt, daß er ein solches Vermächtnis erhalten hat.«

»Er konnte Ihnen dies nicht sagen, denn er hat es noch keineswegs erhalten.«

»Wie Sennor – Sie gaben Ihr Wort?«

»Die Vorschrift lautete: persönlich! Das Schicksal hat nicht gewollt, daß ich ihm oder Ihnen seitdem begegnet bin. Seit fünf Jahren bin ich Gefangener!«

»Und worin bestand dies Vermächtnis?«

»In zwei Briefen, die er mit einigen Worten versah und vor meinen Augen versiegelte.«

»Sie sind verloren gegangen? Man hat sie Ihnen genommen?«

»Ich habe Gelegenheit gehabt, dies Vermächtnis, wie andere wichtige Papiere und mein ganzes Vermögen einem mir freilich unbekannten Mann vor meiner Verhaftung anzuvertrauen.«

»Einem Unbekannten?«

»Nicht dem Namen nach – ich meine nur, daß ich ihn früher nicht kannte. Er hieß Estevan Provedo und war Arriero, er führte damals, – es war im Jahre 1855 – Transporte über die Pyrenäen nach Frankreich.«

»Das heißt: schmuggelte?«

»Schmuggelte – Güter und Personen!«

»Ah – ich verstehe! Sie wollten heimlich über die Grenze?«

»So ist es. Ich war nach Spanien zurückgekehrt, um mein Vermögen flüssig zu machen, das ich in guten Wechseln bei mir trug, nebst einem gewissen Trauschein. – In den Pyrenäen, im Begriff die Grenze zu überschreiten, versperrten uns unsere eigenen Zollbeamten den Weg, man mußte in irgendeiner Weise Nachricht von meiner Reise erhalten haben, denn wie der Erfolg ergab, handelte es sich nur um meine Person. Ich hatte zum Glück Gelegenheit, dem Arriero Estevan Provedo meine Brieftasche zu übergeben und den Namen zu nennen, auf den allein er sie zurückgeben sollte; denn ich hatte mich ihm gegenüber Don Rosario Gusmann genannt.«

»Kannte der Mann den Inhalt der Tasche?«

»Ich sagte ihm, daß an Wert sich mehr als eine Million darin befände.«

Der alte Bärenjäger prallte zurück – sein Blick erhielt wieder etwas von dem früheren Mißtrauen über den Geisteszustand seines Gefährten. »Eine Million, Sennor, bedenken Sie, was das sagen will!«

»Nicht Realen, Sennor Don Ramiro, sondern Francs. Ich weiß vollkommen, was ich sage.«

»Eine solche Summe könnte selbst die sprüchwörtliche Redlichkeit eines Arriero in Versuchung führen. Erlauben Sie mir, von dem Namen des Mannes Gebrauch zu machen?«

»Tun Sie das! – doch kann ich Ihnen sagen, daß jenes Trauzertifikat, das sich mit den anderen Papieren in dem Portefeuille befand, mehr wert war, als die Million.«

Der alte Bärenjäger hatte seinen seltsamen Gefährten verlassen und war zu dem Tisch der zechenden Verbrecher getreten. »Erlauben Sie, Caballeros,« sagte der Karlist mit echt spanischer Höflichkeit zu den Vagabonden, »eine Frage an Sie zu richten?«

»Mit Vergnügen, Sennor. Wollen Sie wissen, wie oft ich die Navaja gebraucht habe, was mir jetzt das Vergnügen verschafft, in Ihrer Gesellschaft die Reise nach Ceuta oder den Inseln zu machen?«

»Oder wie das Innere der Schatzkammer des Herzogs von Ossuna aussieht?«

»Nichts von alledem, Caballeros. Ich wünsche einfach zu wissen, ob einer von Ihnen einen Arriero Estevan Provedo kennt?«

»O gewiß, Sennor! Ich! – Ich!«

Es hatten sich sofort vier – fünf zu der Bekanntschaft gemeldet.

» Muy bien! – Es wäre damit die Existenz des Sennor Provedo bewiesen. Aber ob er noch lebt? – Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Vor vier Monaten, kurz vorher, ehe man mich einsperrte. Sennor Provedo pflegt die Tour von Madrid nach den Häfen von Biscaya zu bereisen.«

»Es genügt Sennor, und ich danke Ihnen! Ich weiß jetzt, wo dieser Sennor Provedo zu finden ist!«

Die Gesellschaft hatte es überhört, daß während des Gesprächs der Schlüssel im Schloß der Tür sich gedreht hatte und diese geöffnet worden war.

Unter der Tür stand der Sergeant der Wache, begleitet von drei Soldaten.

»Sind die Gefangenen fertig zum Aufbruch?« fragte der Sergeant den Aufseher, der an der Tür saß.

»Warum? was meinen Sie?«

»Weil ich soeben die Order erhalten habe, diese Gesellschaft von Strauchdieben zu den Wagen zu transportieren, die sie nach der Eisenbahn bringen sollen. Die Eskorte wartet am Tor nach der Santa Engracia.«

»Aber – wir wissen nichts davon – ich denke, der Transport ist auf acht Tage aufgeschoben. Jedenfalls muß doch der Inspektor …«

»Der Sennor Inspektor wartet am Tor – er hat befohlen, daß Sie die Gefangenen dahin begleiten! Ist's gefällig? Ich habe keine Zeit, auf solche Vagabonden zu warten.«

Es erfolgte ein wildes Durcheinanderreden und Rennen der Gefangenen, die noch allerlei Gegenstände, die sie in allen Winkeln versteckt, mitzunehmen wünschten. Der Sergeant und die Aufseher, die froh waren, von ihrem Posten erlöst zu werden, mahnten unablässig zum Aufbruch. In zwei Minuten war die ganze Gesellschaft bereit.

» Adelante!«

Die drei Soldaten marschierten voran, dann folgten zu zwei und zwei scheltend und lärmend, mit Ausnahme der beiden »Politicos«, die Verurteilten, rechts und links von den Aufsehern bewacht; der Sergeant bildete den Schluß.

Man konnte von dem Ausgang des Gebäudes zwar nicht das Haupttor sehen, doch schien dort eine merkwürdige Finsternis zu herrschen, vielleicht daß eine oder die andere Gaslaterne ausgegangen war.

Vor der Türe stand die Wache, die sofort die Linie der Gefangenen zwischen sich nahm.

An dem Durchgang, der zum zweiten Hofe führte, sah man die Gestalt eines dritten Aufsehers. Der Zug bewegte sich direkt auf ihn los – er trat zur Seite und sprach einige Worte mit einem der begleitenden Aufseher. »Wie Kamerad – werden Sie heute die Halunken schon los?«

»Es scheint plötzliche Order gekommen. Da kann man doch heute abend noch in der Taberna einen Schoppen trinken.«

»Leider habe ich Dienst, sonst ginge ich mit!«

»Ein anderes Mal!« Sie waren vorüber. Als der Sergeant an dem Mann vorbeikam, flüsterte er: »Sobald wir am Tor sind – das Gas!«

»Unbesorgt!«

Der Aufseher ging in das Hauptgebäude. Da seine beiden Kollegen jetzt an der Spitze des Transports marschierten, konnten sie es nicht bemerken, wie nach und nach die Eskorte sich vermehrte durch alle Posten, die eilig von verschiedenen Seiten kamen, als hätten sie bloß auf das Passieren des Zuges gelauert.

Jetzt waren sie am hinteren Tor, aber weder der Inspektor noch sonst ein Beamter zu sehen. Der Torschließer kam, von dem Lärmen der Verurteilten herbeigelockt, heraus, sein Schlüsselbund in der Hand.

»Was gibt's denn?«

»Öffnet das Tor,« befahl der Sergeant, der jetzt an der Spitze war, »seht Ihr nicht, daß diese Caballeros der Galeras warten.«

»Halt!« rief einer der Aufseher – »ich sehe den Inspektor nicht – wir dürfen nicht öffnen, ehe er nicht die Erlaubnis gibt. Auch ist es Brauch, daß die Wagen in den Hof fahren.«

»So rufen Sie den Inspektor!«

Der Aufseher lief eilig zurück. »Öffnet unterdes, Sennor, damit die Wagen einfahren können.«

»Aber Sennor, ich habe ja noch gar keine Wagen gehört, sie müssen noch nicht gekommen sein,« sagte der Portero, indem er den Schlüssel für das große Tor aus dem Bund suchte. Der Schlüssel zur kleinen Tür steckte im Schloß, doch war diese außerdem mit einem Querbalken geschlossen.

In diesem Augenblick hörte man draußen an der Pforte drei kräftige Schläge – es war das verabredete Zeichen.

Der Arriero, der alle Umstände genau beobachtet, steckte den gekrümmten Finger in den Mund und ließ einen grellen Pfiff ertönen. Zugleich hörte man aus dem vorderen Hofe den Ruf: »Halt! Halt!«

Aber im selben Augenblick hatte auch der Sergeant den zweiten Aufseher zurückgestoßen, der sofort von ein Paar der Soldaten gepackt und festgehalten wurde, und dem Portero das Schlüsselbund entrissen.

»Verrat! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

Mit dem Ruf zugleich erloschen sämtliche Gasflammen in dem ganzen, großen Etablissement – eine unbekannte Hand mußte den Haupthahn in den Kellerräumen geschlossen haben – die Finsternis der Nacht umgab alles ringsum.

Einen Augenblick hatten die Verurteilten ganz verblüfft dagestanden, dann brach ein wilder Jubel aus, sie begriffen, daß etwas ihnen allen Unerwartetes, Unverhofftes zu ihren Gunsten geschehen sei, denn zugleich flog von der Hand des Sergeanten geöffnet, die Tür auf und vor ihnen lag der weite, freie Platz, ohne daß von den Reitern, die gewöhnlich die Gefangenentransporte begleiten, eine Spur zu sehen war.

Nur ein einzelner Mann, mit breitkrämpigem Hut, in einen weiten Mantel gehüllt, stand etwa zehn Schritt vor dem Eingang.

»Hinaus, Dummköpfe!« sagte der Sergeant – »seht Ihr nicht, daß Ihr frei seid?!«

Alles drängte und fiel fast übereinander durch die enge Pforte, die falschen Soldaten folgten, dann warf der angebliche Sergeant die Tür ins Schloß, – schloß sie von außen und warf den Schlüssel und das Schlüsselbund unter lautem Gelächter über den Tumult, der drinnen in den Gefängnishöfen begann, so weit als möglich von sich.

»Hierher!« befahl eine tiefe Stimme, und die Verurteilten und Soldaten, die sich schon bereit gemacht, sich nach allen Richtungen zu zerstreuen, blieben unwillkürlich stehen und drängten sich um den Unbekannten, der langsam den Mantel fallen ließ.

Es war hell genug von den nächsten Straßenlaternen her, um El Tuerto zu erkennen:

»Die Contrabandista,« sagte er halblaut mit tiefem Ton, »hat euch diesmal zur Freiheit verholfen. Seht zu, daß man euch nicht wieder erwischt. – Einstweilen gibt es auf der Puerta del Sol und dem Platz der Salesianerinnen Geschäfte für euch, eine kleine Rebellion und Plünderung. – Fort mit euch! – Wo ist Sennor Castillos?«

»Hier, Capitano!« der Sergeant hatte den alten Bärenjäger an der Hand gefaßt – Don Rosario war neben ihn: stehen geblieben.

»Sennor Castillos,« sagte der Einäugige, – »ich habe mich gegen einen Ihrer Freunde verpflichtet, Sie in Sicherheit zu bringen. Kommen Sie, denn noch sind wir nicht außer Gefahr.«

Er ging voran, die anderen folgten ihm schweigend, sie begriffen, daß in der unmittelbaren Nähe des Gefängnisses und an dem Zusammenfluß der fünf großen Straßen weder Zeit noch Ort zu Erklärungen war.

El Tuerto nahm seinen Weg durch öde, meist noch unbebaute Straßen; als sie von allem Geräusch entfernt an einer sehr einsamen Stelle waren, blieb El Tuerto einen Augenblick stehen.

»Jetzt denk ich, sind wir augenblicklich sicher vor Verfolgung. Sennor Capataz, Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht.«

» Caramba!« sagte der Arriero, indem er den falschen Bart abnahm, »ich versichere Sie, Capitano, es war um diesen Kerlen ins Gesicht zu lachen! Aber Sennor Castillos es war etwas unvorsichtig, dort im Gefängnis einen Namen zu nennen!«

»Welchen Namen?«

»Nun ja Sie sprachen doch im Augenblick, als ich die Tür Ihres Gefängnisses aufschloß, von Estevan Provedo, dem Arriero.«

»Das tat ich allerdings!«

» Con que! Das ist der Name eines Freundes!«

»Kennen Sie ihn persönlich?«

»Gewiß! Sehr genau! und hier der Capitano kennt ihn auch und wird sich hoffentlich für seine Zuverlässigkeit verbürgen, wenn Sie ein Geschäft für ihn haben.«

Der Bärenjäger wollte eben seine Verwunderung über das Zusammentreffen ausdrücken, aber er fühlte, wie sein Gefährte, der hinter ihm im Schatten stand, ihn leise anstieß und schwieg.

»Sie haben unsichtbare Freunde, Sennor Castillos,« sagte der Einäugige. »Man hat alles für Ihre Flucht vorbereitet, aber Sie müssen den Weg durch den Süden wählen, da man Sie sicher nach Norden verfolgen wird, wenn es überhaupt dazu kommt. Das Schiff eines Freundes erwartet Sie in Carthagena, um Sie nach Belieben zu landen. Ein Wagen steht bereit, um Sie bis zur zweiten Station zu bringen, von wo Sie ohne Gefahr die Eisenbahn benutzen können.«

»Und ist es erlaubt, nach dem Namen dieses Freundes zu fragen?«

»Ich brauche Ihnen keine Heimlichkeit daraus zu machen – es ist der tolle Graf von Lerida!«

»Don Juan da Lerida!«

»Derselbe!«

Diesmal blieb der Bärenjäger stehen. »Bei der heiligen Jungfrau vom Montserrat, das freut mich, zu hören, denn ich hatte den leichtsinnigen Burschen bereits in einem schlimmen Verdacht! – Erwartet mich der Graf in Karthagena?!« –

»Nein – er ist in diesem Augenblick noch in Madrid, aber er wird Ihnen, wenn das Glück gut ist, in vierundzwanzig Stunden folgen!«

»Und könnte ich ihn nicht vorher sprechen, ich und dieser Mann hier?«

»Ich wollte Sie vorhin schon fragen, wer dieser Caballero ist? Er steht nicht auf unserem Programm.«

»Ein Freund – ein Gefangener gleich mir, den Eure Hilfe aus dem Gefängnis befreien half. Er muß gleich mir den Grafen sprechen!«

Sie hatten den Platz vor der Münze erreicht – nirgends war ein Wagen zu sehen.

»Verdammt! – sollte man die Befehle mißverstanden haben – die Zeit muß verflossen sein.«

Die Uhr der Münze zeigte auf ein Viertel nach neun.

»Es muß etwas vorgefallen sein! – Es ist unmöglich, daß der Bursche die bestimmte Weisung falsch verstanden haben sollte. Ein Wort mit Ihnen, Sennor Capataz!« – Zugleich horchte er nach Westen hinüber – es war, als ob sich dort ein gewaltiger Lärm erhob.

Ehe der Arriero noch dem Ruf Folge leisten konnte, war der Bärenjäger dazwischen getreten.

»Es scheint, Sennor, es ist etwas in Ihren Anordnungen für meine Flucht fehlgegangen?«

»Zum Teufel ja – der Wagen mit Ihrem Begleiter ist noch nicht zur Stelle.«

»Das bestärkt nur meinen Entschluß, Sennor, ich kann Madrid nicht verlassen, bis ich den Grafen von Lerida gesprochen und über das Schicksal einer Person Nachricht erhalten habe, die mir am Herzen liegt, und die sich in dem gegen mich angestellten Prozeß als ein wackeres und braves Mädchen gezeigt hat. Ich darf sie nicht in den Händen ihrer Feinde lassen!«

»Wen meinen Sie?«

»Meine Nichte Inez Castillos, sie ist bei den Salesianerinnen nicht viel besser als eingekerkert.«

» Caramba! Sie sollen sie haben, und den Grafen dazu! – Hierher, Sennor Capataz!«

Er nahm den Arriero am Arm und führte ihn einige Schritte zur Seite. »Unser Plan hat einige Änderungen erlitten,« sagte er – »es gilt einen raschen Entschluß, denn ich muß bei dem zugegen sein, was auf dem Platz der Salesianerinnen vorgeht. Sie wissen, daß der Hof der Posada, in der wir uns trafen, an ein anderes Grundstück in der Lucasstraße stößt?«

»Es ist mir bekannt. Der Ausgang ist für den Notfall.«

»Wohl – ich muß Sie von einem Geheimnis in Kenntnis setzen. In diesem Hause – dessen Schlüssel ich Ihnen hier übergebe, befindet sich eine Niederlage der Contrabandista, die auch manchmal von Personen benutzt wird, die Ursache haben, sich zu verbergen.« Er beschrieb ihm die Lage der beiden Zimmer auf das genaueste. »Werfen Sie Ihr Gewehr und ihre Abzeichen in einen Winkel und suchen Sie die beiden Männer dort unbemerkt in jene Wohnung zu bringen, wo Sie mit ihnen bleiben mögen, bis Sie unser gewöhnliches Signal dreimal wiederholt unter den Fenstern hören, dann öffnen Sie. Was Sie in jenen Zimmern hören und sehen mögen, bleibt ein Geheimnis.«

»Auf mein Wort, Capitano!«

»Und nun fort, ehe die Straßen zu belebt werden. Lassen Sie die Haustür unverschlossen – der Schlüssel derselben schließt auch den Zugang der Zimmer. Adios Caballeros, folgen Sie unbesorgt Ihrem bisherigen Befreier, er wird für Ihre Sicherheit sorgen!«

Er hüllte sich fester in seinen Mantel und eilte nach der Seite des Circo del Prinzipe Alfonso davon.

Der Arriero warf Bandelier, Gewehr und Kopfbedeckung in eine Ecke und da er jetzt bloß den grauen Capot der Soldaten trug und den Kopf mit seinem seidenen Taschentuch umband, war er verwandelt genug, um keine Begegnung fürchten zu müssen. Dennoch ließ er keine Vorsicht aus den Augen und nahm mit seinen Begleitern einen weiten Umweg nach dem bezeichneten Hause.

Die Salesianerinnen von Madrid teilen sich in die alte und neue Kongregation. Es gibt die Salesas Reales und die Salesas Nuevas – sie beschäftigen sich angeblich mit der Krankenpflege und der Erziehung junger Mädchen und sind unter diesem Prätext der allgemeinen Aufhebung der Klöster in Spanien entgangen.

Die Sor Patrocinio, die geistliche Beraterin der Königin Isabella, gehörte zu den unbeschuhten Karmeliterinnen, die sich den Salesianerinnen zugesellt hatten, nachdem ihre Klöster aufgehoben waren.

Es ist abends 9 Uhr. Hinter dem großen Krankenhause der Salesianerinnen befindet sich das eigentliche Kloster, die Pensions- und Erziehungsanstalt junger Mädchen. Die Fenster und Türen des Klosters gehen nach dem Garten hinaus.

Ein Flügel erstreckt sich weit hinein in den parkähnlichen Garten des Klosters. In der Mitte dieses Flügels befand sich ein eigentümlicher Raum, halb Kapelle, halb Theater. Die Form war rund, er entbehrte jedes Lichtes, außer von oben durch die Kuppel. Des Abends bei Benutzung war er durch zahlreiche Wachskerzen beleuchtet, die ihm mit der einfachen Ausstattung etwas Kirchliches geben. Der Raum war in zwei Teile geteilt – in die Bühne und in den Zuschauerraum. Hier wurden von den jungen Zöglingen des Konvents die religiösen Komödien aufgeführt, mit denen das Kloster die auserwählten Gläubigen zu beglücken pflegt. Aus beiden Abteilungen führten rechts und links Türen in Nebenräume, von denen man zwei oder drei bei der später eingeleiteten Untersuchung des Klosters sehr luxuriös eingerichtet fand.

In diesem Augenblick ist der Raum nur sehr matt beleuchtet, es ist eine geistlich-dramatische Vorstellung, aber nicht des Pensionats, sondern nur der Auserwählten und für die Auserwählten.

In der Mitte des Zuschauerraums sind einige Fauteuils um einen anderen von vergoldetem Holz mit schweren, purpurnen Samtkissen aufgestellt. Eine Persönlichkeit, der wir bereits begegnet sind, ein Mann von entnervtem Aussehen, der Oberkörper unverhältnismäßig lang gegen die kurzen Beine, hager, das Gesicht nicht geistlos, aber abgelebt im höchstem Grade, sitzt auf dem Sessel. Der Mann trägt die Uniform der Generalkapitäne unter dem Mantel, der die frostigen Bewegungen der kleinen gebrechlichen Gestalt deckt. Eine angenehme, wohltuende Wärme ist in dem ganzen Raum verbreitet, und ein starker, weihrauchartiger Duft umfängt die Sinne.

Im Bereich dieses Herrn steht ein Tischchen, auf dem sich ein silberner Eisbehälter zur Kühlung von zwei Flaschen Champagner, einige leichtgerötete Tafelgläser, zwei silberne Teller mit Konfekt und ein sehr scharfer Doppelgucker befinden. Hinter dem Sessel auf beiden Seiten sitzen auf Tabourets zwei Frauen in weite, klösterliche Gewänder von dickem, gelbweißem Wollenstoff gekleidet, ohne daß es direkt Nonnenhabits gewesen wären.

Die wollnen Kapuzen sind zurückgeschlagen und zeigen bei der einen der Frauen unter der klösterlichen Binde ein früher offenbar auffallend schönes, jetzt aber durch scharfe Züge und die Zeichen des im Übermaß genossenen Lebens seines besten Reizes beraubtes Gesicht. In den funkelnden Augen liegt noch immer eine gewisse freche Lüsternheit, die – wenn nicht mehr im eigenen, – im Genuß anderer ihre Befriedigung findet, und um die feingeschnittenen Nasenwinkel ein Zug von boshafter Härte und Spekulation.

Die andere ist ein noch sehr junges und sehr schönes Mädchen von üppigen, vollen Formen, – aber die dunklen Schatten unter den Augen zeigen, daß auch sie bereits von der gefährlichen Frucht der Erkenntnis gekostet hat. Dennoch liegt über ihrem ganzen Wesen noch der Flaum der Schüchternheit und einer gewissen Zurückhaltung.

Diese beiden Frauen bedienen den vornehmen Herrn, der auf dem Sessel halb liegt, halb sitzt und bald eine frivole Bemerkung für die Ältere, bald eine eben solche Bewegung der Hand für die Jüngere hat.

Im Dunkel einer offenen Loge des Hintergrunds kann ein scharfes Auge einen Mann in der reichgestickten Uniform eines Kammerherrn erkennen.

Mit einer den völligsten Zynismus repräsentierenden Offenheit saß dagegen ein dritter Mann zwischen dem Herrn im großen Fauteuil und der Bühne vor einem etwas tiefer stehenden prächtigen Pariser Flügel, die linke Hand leicht auf den Tasten präludierend, den Kopf zur Seite nach der Gruppe des Fauteuil gewendet und sich sehr ungeniert in die Unterhaltung mischend.

Es war dies der Marfori des Königs, der in ganz Spanien berüchtigte und verhaßte navarresische Klavierlehrer Don Franziscos: Guelbenzu, der – indem er seinen Neigungen und Lastern frönte – große Summen durch seinen Einfluß zu erpressen wußte und wegen seiner Bösartigkeit und Rachsucht allgemein gefürchtet war.

»Mit welchem Gericht werden wir unser Menu beginnen, heilige Mutter?« fragte der Herr im Fauteuil mit widrig feiner, fistulöser Stimme, die ihn schon vor der Verheiratung seiner Gemahlin so widerwärtig gemacht hatte.

»Euer Majestät werden die Versuchung des heiligen Antonius von Padua sehen.«

»Sie Schelm,« sagte Don Franzisco, indem er aus dem Schaalglase, das eben das junge Mädchen an seiner anderen Seite vollgeschenkt hatte, nippte und mit lüsternen Augen über den Rand hinweg auf sie blickte. »Ich fühle, Sie haben es darauf abgesehen, mich an dem Beispiel des heiligen Antonius gegen die später folgenden Versuchungen zu stärken und zu verhärten. Und um damit den Anfang zu machen, sollten Sie Ihrer Schülerin hier befehlen, die Reize jenes wundervollen Busens, dessen Form selbst die rauhe Kutte nicht verbergen kann, nicht so sehr zu verstecken.«

»Ich erlaube dir, Tochter Klara,« sagte die Superiorin, »das Gewand über deine Schultern zurück zu schlagen. Se. Majestät werden dafür der Madonna in unserer Kapelle der guten Werke einen neuen Halsschmuck verehren!«

»O weh! da muß ich zahlen,« meinte Don Franzisco, mit seinen lüsternen Augen den Bewegungen des jungen Mädchens folgend, die nicht ohne Erröten dem Befehl ihrer Oberin gehorchte und die Kutte über die Schultern zurückfallen ließ, wodurch sie eine wundervolle Büste entblößte. »Sie lassen mich meine Kunstliebe für diese kleinen plastischen Vorstellungen zur Verhärtung des Fleisches gründlich bezahlen. Ich bin wahrhaftig oft ein sehr armer Mann.«

»Und ein sehr geiziger dazu,« meinte ohne jede Gêne der Klavierspieler, indem er aus dem Choral, den er eben variierte, in die Sicilienne aus dem »Robert« überging: »Das Gold – das Gold ist nur Chimäre!«

»Sie sind ein boshafter Narr, Guelbenzu,« sagte Don Franzisco, »wissen Sie doch am besten, daß Sie mir gestern abend im Trictac fünfhundert Duros abgenommen haben, so daß ich heute nicht einmal meinem leiblichen Schwager, dem Güell y Rente, die zweitausend Realen borgen konnte, um die er mich plagte, damit – wie der Unverschämte sagte, – die leibliche Schwester des Königs von Spanien wenigstens satt zu essen habe!«

»Der Herr Journalist ist ein wahrer Blutegel, der noch dazu für die radikale Presse schreibt, – Sie haben ihm doch gesagt, daß Sie kein Geld dafür hätten, die Torheit der Infantin, mit ihm durchgegangen zu sein und ihn geheiratet zu haben, noch nachträglich zu bezahlen?«

»Ich werde mich schön hüten, den Menschen zu reizen! Ich sagte ihm nur, was auch wahr ist, daß ich kein Geld habe und wissen Sie, was der Bursche tat?«

»Nun?«

»Er hatte die Frechheit, mir einen Napoleond'or vor die Füße zu werfen und zu sagen: ›Was – du bist König von Spanien und hast wieder kein Geld! Da will ich, ein armer Schriftsteller, dir einen Napoleon schenken!‹«

»Bah,« rief barsch der Klavierspieler, »wie konnten auch Euer Majestät so töricht sein, das Terrain zum Nordbahnhof sich nur mit zwei Millionen bezahlen zu lassen. Warum verlangen Sie nicht von der Königin Geld?«

»Lächerlich! Isabell hat selber niemals Geld – sie gibt alles fort!«

»Ja an die Sor Patrocinio und den hochwürdigsten Bischof Pater Claret,« sagte giftig und neidisch die Superiorin. Man weiß recht gut, was Sor Patrocinio für ihr Kloster in Aranjuez zieht. Es ist eine Lumperei, was wir dagegen bekommen.«

»Euer Majestät Schwiegermutter,« sprach boshaft der Virtuose, »hat das Geschäft allerdings besser verstanden!«

Don Franzisco machte ein sehr böses Gesicht; es war bekannt in Madrid, welchen Haß er gegen die Königin Christine hegte.

Don Franzisco gab der unangenehmen Unterhaltung eine andere Wendung. »Reichen Sie unserem Orchester ein Glas Champagner hinüber, meine Kleine, damit ihm der Mund gestopft wird,« sagte er, die junge Novize auf Nacken und Busen klopfend. »Seine Musik ist besser als seine Worte! Lassen Sie uns nicht zu lange auf den Beginn warten, ehrwürdige Frau,« fügte er zu der Superiorin gewandt hinzu, die eben von einem Gang auf die noch verschlossene Bühne zurückkam, »ich fühle mich jetzt vollkommen imstande, gleich dem heiligen Antonius der Versuchung Trotz zu bieten.«

»Unsere bescheidene Vorstellung wird sogleich beginnen, – nur eine kleine Störung durch jene Elevin, die Euer Majestät gerade zu sehen wünschen.«

»Was ist's? Welche Rollen haben Sie ihr denn zugeteilt?«

»Wir wollten jene heidnische Gruppe darstellen, die der berühmte Venezianer Canova für Seine Heiligkeit fertigte, ›Amor und Psyche‹ genannt, und das alberne Ding verlangte im letzten Augenblick eine lange Tunika, bis ich einschritt.«

»Sie scheint ein wilder Trotzkopf, wie ihr Vater! – Wir haben vor einigen Tagen einen Auflauf durch ihn auf der Puerta del Sol gehabt. Sie haben sie doch zur Vernunft gebracht?«

»Wir wissen mit dergleichen widerspenstigen Köpfen schon umzuspringen, – die Androhung der eisernen Rute ist ein gutes Mittel, sie zum Gehorsam zu bringen zu ihrem eigenen Besten.«

Ein giftiger Blick der Superiorin glitt über die schöne Novize an der anderen Seite des Fauteuils hin, die bei der Drohung das Haupt gesenkt hatte. – Vielleicht hatte die »eiserne Rute« früher auch ihre Bedenken beseitigt!

Eine Glocke hinter dem Vorhang gab das Zeichen zum Beginn der Vorstellung.

»Ah!« Don Franzisco griff nach dem Gucker.

Der Musiker präludierte und ging in eine jener Kirchenmusiken italienischer Meister über, deren feierliche getragene Töne einen so tiefen Eindruck selbst auf rohe Gemüter zu machen pflegen; – immer schwerer und ernster wurde die Musik – da, wie ein zuckender Blitz schoß eine üppige Cancanzote dazwischen, aber in der nächsten Wendung schon überwanden es die ernsten Töne des Miserere, die grollenden Donner de profundis – jene schwere gewaltige Musik, mit der die katholische Kirche an die Strafen der Ewigkeit mahnt.

Aber immer und immer wieder kehrten die frivolen Zoten in die ernsten Töne, – meisterhaft verstand es der phantasierende Musiker diese sinnlichen Verlockungen in die asketischen auf Tod und Grab gerichteten Gedanken zu mischen, den Kampf zwischen Körper und Geist, zwischen Heiligung und Sünde, und immer lockender und reizender die steigenden Versuchungen darzustellen, ein wahres musikalisches Meisterwerk, bis die Töne und Melodien im frechsten Tanzwirbel zusammen wirkten und auf ein Zeichen des Musikers der Vorhang der kleinen Bühne auseinander rauschte.

Das Bild, das sich zeigte, war eben so geschickt wie drastisch arrangiert. In einem ganz schwarz gehaltenen Raum saß im linken Vordergrund die von irgendeiner alten Nonne oder Laienschwester dargestellte Gestalt des heiligen Antonius am kleinen Tisch, auf dem das gewaltige Buch, Kruzifix und Totenkopf standen, den Oberkörper zurückgebogen, die Arme abwehrend von sich gestreckt gegen eine Erscheinung, auf die der volle Strahl der Lampe fiel, eine Erscheinung, die, während sie regungslos blieb, doch Leben und Bewegung zu haben schien durch die leichten Wolken des wohlriechenden Rauches, der sich zu ihren Füßen entwickelte und sie gleichsam zu tragen schien; ein Weib, einzig bekleidet mit einem Streifen blauen Flors, der sich um ihren schönen Körper wand und in jener verhüllenden Weise, die den höchsten Reiz gewährt, eben mehr zeigte, als verbarg – ein Weib von wundervoll üppiger Schönheit und idealer Haltung, den linken Arm über das Haupt gelegt, von dem in langen Wellen das goldene Haar über Hals und Busen fiel, während der rechte Arm dem so schwer versuchten Heiligen sich winkend entgegenhob.

Und dazu rauschte der tolle wirbelnde freche Tanz aus den Tasten des Klaviers und der den ganzen Raum durchziehende Duft umschleierte die Sinne.

Die Hand des Don Franzisco, die den scharfen Operngucker vor seine Augen hielt, zitterte vor Aufregung. »Köstlich! köstlich! – Reizend! – Ich sage Ihnen, hochwürdigste Frau, dieser Antonio war …«

Ein greller Mißklang, der über die Tasten fuhr und sich aus Gewitterrollen des tiefen Basses zu der furchtbaren Melodie des Dämonenchors aus dem »Robert« bildete, schnitt die wahrscheinlich sehr unheilige Äußerung ab und ließ das Bild hinter dem zusammenrauschenden Vorhang verschwinden.

»Ah ah – schenken Sie mir geschwind ein Glas Mousseux ein, meine hübsche kleine Hebe,« lispelte der Don – »meine Nerven sind in ganz fieberhafter Aufregung! Es ist ein Teufelskerl, dieser Guelbenzu, mit seinen Kontrasten! Aber ich hätte wirklich gar nicht geglaubt, hochwürdige Frau, daß Sie außer unserer lieben Klara hier noch einen so hübschen Körper in Ihrer Sammlung haben!«

»Euer Majestät können ja später den Vergleich anstellen. Aber Sie werden uns armen Klosterfrauen, die so sehr bemüht sind, Euer Majestät eine angenehme Unterhaltung zu schaffen, es nicht versagen, für die Wiedererstattung der uns so ungerecht konfiszierten Weingärten bei Alicante ein ernstes Wort einzulegen, um so mehr als der Herr Erzbischof dafür gesorgt hat, daß der Ankauf durch habsüchtige Laien mit der Exkommunikation bestraft werden würde.«

»Ich werde mit der Isabell sprechen und mit dem Minister, verlassen Sie sich darauf! – Ah – ah – ich bin noch ganz angegriffen! Kommen Sie her, Guelbenzu, und trinken Sie ein Glas!«

»Ich habe die Flasche hier stehen und keine Zeit! Was kommt jetzt?«

»Die Canovagruppe,« sagte die Superiorin und schlug mit einem Messer an das Glas, zur Fortsetzung mahnend.

Während der Vorhang aufrauschte, griff der Pianist in die Tasten und wirbelte in ganz eigentümlicher Modulation und Variation Zampas freches Trinklied: »Und wenn ein Mädchen mir gefällt.«

Der schwarze düstere Hintergrund war jetzt verschwunden und durch eine blaue Wolkendekoration ersetzt. Von dieser hob sich in hellster Beleuchtung sehr hübsch die bekannte Gruppe des berühmten italienischen Meisters »Amor und Psyche«, nicht in kararischem toten Marmor, sondern in lebendigem warmem Menschenfleisch ab, wie die langsam sich wendende Drehscheibe sie von allen Seiten den verschlingenden Augen des Don bot, der sich nicht begnügte mit dem Anschauen von seinem Sitz aus, sondern an dem Flügel vorbei hastig bis zur Balustrade der kleinen Bühne eilte und dort mit den Armen aufgestützt mit gierigen Blicken die Gruppe verschlang.

In dieser Aufregung und unter den wirbelnden Klängen des Zampa-Galopps war es unbemerkt geblieben, daß der Herr in der dunklen Hinterloge sich erhoben hatte und aufmerksam auf ein noch entferntes Geräusch zu lauschen schien.

»Deliziös, deliziös!« flüsterte die widerlich feine Stimme des Don und faßte die Hand der Superiorin, die ihm gefolgt war – »meine Nerven sind so affiziert – ich muß mich zurückziehen – ich hoffe, mein kleines Zimmer ist durchwärmt. Jene Kleine, die Psyche, scheint auch sehr affiziert, ich will versuchen sie zu beruhigen. Lassen Sie …«

Die Augen des Don mit dem unheimlich darin lodernden Feuer gewaltsamer Erregung begegneten in diesem Augenblick denen des unglücklichen jungen Mädchens, das zu der entwürdigenden Rolle der Psyche wer weiß durch welche teuflischen Mittel gezwungen worden war, wenigstens deutete der matte fast apathische Ausdruck des halbgeschlossenen Auges darauf hin. Das arme Kind war noch sehr jung, höchstens vierzehn oder fünfzehn Jahre bei jener halben Entwicklung der Formen, wie sie so süß zu der Figur der im Schlummer überraschten Psyche paßt und von dem Raffinement alter Lüstlinge so sehr bevorzugt wird. Ein Nervenschauer schien bei der Begegnung der Augen den Körper des jungen Mädchens zu durchbeben, sie machte einen Versuch, sich aus dem Arm des von einer schlanken hübschen Brünette mit Lockenkopf dargestellten Amor zu erheben, ihr Mund öffnete sich halb und sie flüsterte halblaut: » Mi padre! mi padre! zu Hilfe!«

»Geschwind mit ihr – bringt sie weg – dort hinein!«

Ohne nur das Schließen des Vorhanges abzuwarten, sprangen zwei Weiber von der Seite her auf die kleine Bühne und hoben das unglückliche halb bewußtlose Mädchen empor, sie fortzuschleppen.

Aber es war, als hätten rächende Dämonen den geflüsterten Hilferuf des Mädchens gehört, denn in demselben Augenblick stürzte der Herr aus dem Hintergrund der Loge hervor bis an die Rampe der Bühne und rief: »Um Himmelswillen, Majestät, hören Sie nicht den Tumult? Eilen wir, uns in Sicherheit zu bringen!« und schon hörte man deutlich donnernde Schläge gegen die Pforte und vergitterten Fenster nach der Gartenseite, wildes Gekreisch wie von entfesselten Furien und den Ruf: »Nieder mit den Mädchendieben! Schlagt sie tot!«

Durch eine Seitentür, dieselbe, durch welche der Don mit seinem Begleiter eingetreten war, stürzte händeringend eine Klosterfrau herein. »Heilige Maria schütze uns! Rebellion! Sie stürmen das Kloster! Sie werden uns alle ermorden, wie früher die frommen Brüder!«

Die Anwesenden hatten alle die Fassung verloren, sie wußten nicht, ob sie sich verbergen, wohin sie flüchten sollten!

Die Superiorin war wie einzige, die ihre Geistesgegenwart behielt. »Sie kommen durch den Garten, also gilt es dem Pensionat, und wir müssen in die Krankensäle flüchten. Geschwind mi Sennor, kommen Sie – es ist kein Augenblick zu verlieren!« Sie faßte die Hand des an allen Gliedern bebenden hohen Herrn und riß ihn mit sich fort, auf die Bühne klimmend, gefolgt von dem Kammerherrn und dem Musiker, der sehr wohl wußte, wie verhaßt er bei dem Volke war, den Klosterweibern nach, die bereits durch eine Tür hinter der Gardine sich salviert hatten. Diese Tür von sehr festem Holz und mit Eisen beschlagen warf die Superiorin ins Schloß und man hörte ihre Hand einen schweren Riegel vorschieben.

In dem Raum blieben nur das Käppi des hohen Flüchtlings, sein abgelegter Degen, die arme von dem Schreckensruf niedergeworfene halbbewußtlose Psyche und die im ersten Schreck zurückgelassene und dann ausgesperrte Novize zurück, die vergebens einen Ausgang zum Entrinnen suchte, während bereits die Tür der ehemaligen Kapelle unter den Axtschlägen der erbitterten Menge zusammenbrach. – –

Der Auflauf war gut in Szene gesetzt worden!

Auf dem Platz der Salesianerinnen trieben sich gegen 9 Uhr verschiedene Gruppen jener unglücklichen Geschöpfe umher, die in allen großen Städten die Bevölkerung der Tanzlokale bilden und aus der Hingabe mehr oder weniger ein Handelsgeschäft machen.

Was beobachtet schärfer als Frauenaugen? Diesen war gewiß nicht der einfache Mietswagen entgangen, der kurz vor 9 Uhr auf dem Platz hielt und aus dem zwei Männer stiegen, die in die Gasse am Garten des Klosters sich verloren.

War es Zufall, daß zwei jener Frauen ihnen in der engen Gasse begegneten, gerade als vor dem eigentümlichen Klopfen sich eine in der hohen Mauer angebrachte Pforte auftat und sie hineinschlüpften? – Zufall war es gewiß nicht, als eine der beiden Frauen, eine schlanke zierliche Erscheinung mit sprühenden Augen gleich darauf zu einem Mann trat, der tief in seinen Mantel gehüllt mit zehn Gefährten an der entferntesten Ecke des Platzes harrte.

»Donna Dolores?«

»Hier!«

»Sennor Landero – sind Sie bereit?«

»Bereit zu allem!«

»Der – der Ihnen Ihre Tochter entführen ließ, um sie zu seinen Lüsten zu gebrauchen, ist soeben in jene Höhle getreten, in der die Unschuld gemordet wird und das Laster triumphiert, weil es eine Krone trägt und straffrei ist!«

»Weib – Satan – was redest du?«

»Der König ist in das Pensionat der Salesianerinnen gegangen, wo Ihre Tochter mit anderen jungen Mädchen gefangen gehalten und ein Opfer des Verbrechens wird. Haben Sie noch den Mut, sie zu retten?«

»Zu retten oder zu rächen! Sprichst du die Wahrheit?«

»Ich schwöre es bei der Alleinreinen! – Folgen Sie mir!«

Das Mädchen schritt voran nach der Gartenmauer. Es war, als ob plötzlich der ganze weite Platz lebendig würde, überall tauchten Gruppen auf, wilde verwegene Gestalten, die Axt oder die Navaja in der Faust, einen Musketon mit weiter Mündung auf der Schulter, blasse verlebte Frauengesichter mit funkelnden Augen, mit fliegendem Haar – wilde, noch halblaute Verwünschungen auf der Lippe, die nur des Signals harrten, um zum wilden vernichtenden Sturm anzuschwellen.

Dem Mädchen nach schlichen die Männer – in kurzer Entfernung der ganze Troß!

Dreimal in den bestimmten Pausen erklang das Klopfen an der geheimnisvollen Pforte – dann schlürften die Tritte der Pförtnerin und der Schüssel drehte sich im Schloß.

»Maria und Joseph, wer ist denn noch da?«

Aus der Hand der Erschrockenen flog die Tür. Die Faust des Kapitäns lag an der Kehle der Klosterfrau. »Wo ist der nichtswürdige Wolllüstling? Wo sind die Weiber? Sprich oder du stirbst!«

Die in der Tat schon halb Erwürgte vermochte nur undeutliche Worte zu stammeln. Die Hand des erregten Vaters ließ los und stieß ihr Opfer vor sich her. »Zeig uns den Weg! Aber bei allen Heiligen, kein Wort, keinen Laut, oder du bist des Todes!«

Die Klosterfrau, die das Pförtneramt hier versehen, taumelte vorwärts – sie begriff, um was es sich handelte. Sie ging langsam voran, allerlei Umwege nehmend, den Gebäuden zu, und als die Paxarilla sich vordrängte und, den Kapitän einen Augenblick zurückhaltend, bat: »Sennor, schützen Sie die Krankensäle, damit die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen leiden!« nahm sie die Gelegenheit wahr, in einen Nebengang zu entschlüpfen und mit lautem Warnungsschrei einer Tür zuzueilen, die sie hinter sich ins Schloß warf.

Es war die Klosterfrau, deren Alarmruf im Innern die Flucht Hals über Kopf hervorrief.

Die Novize Klara hatte vergeblich ein Versteck gesucht, jetzt im letzten Augenblick sank sie auf der Bühne neben dem Körper des jungen Mädchens in die Knie, in dem Gefühl mitleidiger Scham sie mit einem Stück Teppich bedeckend und ihr eigenes Haupt in die Kapuze verhüllend, als schon Landero mit seinen Freunden und der heulenden Meute, die ihm folgte, durch die zerschmetterte Tür in den Theaterraum eindrang.

Ein Blick genügte dem alten Soldaten, zu erkennen, daß der ganze Raum bis auf die verhüllte Gruppe leer war, und daß die Schuldigen wahrscheinlich entflohen waren, nur der Tisch mit den Resten von Wein und Gebäck, der Degen, die Kopfbedeckung verriet sie.

»Zerstreut euch, Freunde, brecht die Türen auf, durchsucht alle diese Höhlen des Lasters und des scheinheiligen Trugs – wir müssen sie finden!« Mit einem Sprung war er auf der Bühne.

»Dolores! Dolores!«

Unter dem Teppich regte es sich – zwei nackte Arme streckten sich darunter hervor.

Der Kapitän hatte mit einem Griff die Kapuze der schreckensbleichen Novize heruntergerissen und die Zitternde zur Seite geschleudert.

»Vater!«

Ein zweiter Griff riß den Teppich fort – einen Blick, dann taumelte der alte Soldat wie von einem Faustschlag getroffen zurück – seine Augen schienen aus den Höhlen zu dringen, als sie auf den nackten Gliedern des jungen Mädchens hafteten, das sich in die Knie erhoben und ihm die gefalteten Hände flehend entgegenstreckte.

»Vater – rette mich! Zu Hilfe, bei dem Andenken meiner toten Mutter!«

»Ja – das will ich! Eine Landero soll keine Metze sein und wenn es die eines Königs wäre!« Eine furchtbare Ruhe hatte sich plötzlich des alten Soldaten mit den strengen Zügen bemächtigt – das noch eben so flammende Auge war starr auf das arme Kind gerichtet, die Hand hatte das Beil, das er getragen und mit dem er die Tür zertrümmert, fallen lassen, und langsam und ruhig griff sie in die Brust; im nächsten Augenblick war der Lauf eines kurzen Pistols auf die Unglückliche gerichtet.

»Erbarmen, Vater!«

Die Novize hatte sich aufgerafft – sie flog auf den furchtbaren Richter zu. »Halten Sie ein – sie ist schuldlos!«

Der Schuß krachte im selben Augenblick, wo ein kräftiger Arm den alten Kapitän von hinten umschlang, – mit einem leisen Wehruf, im Nu vom Blut überströmt, sank das junge Mädchen vornüber.

»Unglücklicher! Was haben Sie getan?«

Der abgedankte Offizier, der unglückliche Vater hatte das Pistol fallen gelassen. Als er sich nach dem Mann umdrehte, der ihn gefaßt, sah er das bärtige, von einer Binde über dem linken Auge entstellte Antlitz von El Tuerto, dem Piraten, vor sich. Mehrere Freunde, von dem Schuß aufmerksam gemacht, nachdem sie sich vergeblich bemüht, die schwere wohlverwahrte Tür in das Innere des Klosters zu öffnen, eilten herbei.

»Was ich getan? – Dem Andenken ihrer Mutter, der seeligen Sennora Landero die letzte Ehre erwiesen! – Ich gehe zum Marschall, mich als Kindesmörder zu stellen!«

Eine strenge Bewegung der Hand öffnete den Kreis der Umdrängenden und mit festem Schritt verließ der unglückliche Offizier den Raum.

Die Novize und die Paxarilla hatten das blutende Mädchen aufgehoben, zehn, zwanzig Hände der entarteten verlorenen Frauen, die mit eingedrungen, griffen mitleidig zu, und trugen auf einen Wink der Novize die Unglückliche nach jenem auf das üppigste ausgestatteten Raum, wohin man sie vorhin auf den Befehl des hohen Sünders hatte bringen wollen.

El Tuerto hatte der Unglücklichen einen Moment nachgesehen, aber über das blutende Mädchen hinweg hatten seine Augen sich bereits auf die schöne Novize gerichtet.

»Rafaël – hierher!«

Der Portugiese war augenblicklich bei dem Piraten.

»Kannst du den Doktor, der dich kurierte, herbeischaffen?«

»Er muß ganz in der Nähe sein, ich sah ihn auf dem Platz.«

»So suche ihn eilig – vielleicht ist noch Rettung. Er soll das arme Kind in sein Haus bringen lassen, denn hier ist kein Bleiben für sie, weder tot noch lebendig. Es sind Weiber genug da, zu helfen.«

Der Matrose eilte davon und El Tuerto befahl, die Novize herbeizuführen, während er selbst auf dem Fauteuil Platz nahm, auf dem vorhin Don Franzisco gesessen. Wenige Augenblicke danach wurde das Mädchen vor ihn geschleppt. Sie sank vor ihm in die Knie. »Bei der Mutter Gottes, Sennor! Gnade! Erbarmen – ich bin gezwungen worden, hier zu sein!«

»Du gehörst zu diesen schändlichen Weibern?«

»O Sennor, ich war eine arme Waise – eine Fremde in Madrid. Man hat mich hierher gebracht in dieses Kloster – ich hatte weder Vater noch Mutter mehr!«

»Sprich die Wahrheit und es soll dir nichts geschehen. Wo ist der König? kein Leugnen! ich weiß, er befand sich hier!«

»Er ist entflohen – er und die anderen!«

»Wer sind diese?«

»Der eine ist ein Musiker – er war es, der jene Bilder angab, der jedesmal kommt, wenn der König erscheinen will, nach dessen Willen die Mutter Theresa, die Superiorin alles tun muß!«

»Sicher der Spitzbube Guelbenzu! Wie schade, daß wir ihn nicht erwischt haben!« sagte eine Stimme aus dem Haufen.

»Ich glaube, so nennt er sich!«

»Wer weiter?«

»Den dritten Herrn kenne ich nicht – er kommt mit dem König! – Außer ihm und der Superiorin waren nur ich hier und die Mädchen dort auf jener Bühne, denen die Rollen in unseren geistlichen Komödien zugeteilt waren.«

Der Tuerto lachte. »Ein frommes Schauspiel, nach dem Kostüm zu schließen! Die priapischen Komödien, vor denen selbst ein Faun erröten würde! Doch ist das Sache dieser frommen Jungfrauen! Wie steht es mit dem armen Kind!«

»Sie bemühen sich noch das Blut zu stillen – noch atmet die arme Dolores!«

»Wie lange sind Sie in diesem Vipernest?«

»Zwei Jahre!«

»Dann müssen Sie um vieles wissen. Wo ist die junge navarresische Frau, die man im vorigen Herbst hierher gebracht, um sie zu Aussagen zu zwingen in dem Prozeß wegen einer carlistischen Verschwörung?«

Das Mädchen wand sich in furchtbarer Angst hin und her. »Ich weiß nicht Sennor, wen Sie meinen! …«

»Sie wissen es sehr gut und ich rate Ihnen, es sofort zu sagen, wenn ich Sie nicht der kurzen Justiz des Volkes übergeben soll!«

»Sie ist in Pönitenz!« stöhnte die Geängstete.

»In Pönitenz? Das heißt doch wohl im Gefängnis! Wir wissen daß viele weibliche Gefangene hier in verborgener Kerkerhaft gehalten werden. Vorwärts! Wo sind die Eingänge dieser Kerker?«

Wieder rang sie die Hände. »Gnade Sennor – ich weiß es nicht!«

Er hatte sich erhoben und war ihr näher getreten. »Sie wissen es, Ihre Angst verrät Sie! Wo sind die Zugänge der geheimen Kerker?«

»Ich bin verloren, wenn ich es verrate!«

Der Tuerto hatte sich über sie gebeugt und sah ihr mit brennendem Blick in die flehend auf ihn gerichteten Augen. »Sagen Sie es ohne Scheu,« flüsterte er mit merkwürdig veränderter weich klingender Stimme. »Auf mein Wort, ich schütze Sie, wenn Sie diesen Ort verlassen wollen!«

Sie sah erstaunt auf ihn. »O Sennor, wie gern! Ein Zugang muß vor uns unter der Bühne sein – wo früher die Krypte der Kapelle war! – Ich habe von dort oft Kettenklirren und klägliches Wimmern gehört, obgleich ich nie hinunter durfte!«

»Genug! – Auf Freunde! es gilt die Opfer dieser schändlichen Klostertyrannen, des Hasses geiler Mönche und Nonnen zu befreien. Denkt an die Opfer der Inquisition!«

Überall suchten Männer und Frauen umher nach dem Eingang. –

»Ein alter Grabstein – dem Fußboden gleich! Er ist leicht zu heben!« flüsterte die Novize.

Von seinem Standpunkt aus leitete der Einäugige die Nachforschung – bald ertönte der Ruf, daß man die Stelle gefunden. Die Stiele der Äxte dienten dazu, durch die Ringe gesteckt, den Stein zu heben. Eine dunkel gähnende Öffnung zeigte sich – Stufen führten hinab.

»Lichter! Fackeln herbei! und dann hinunter!«

Der Tuerto wollte sich an die Spitze der Eindringenden stellen, als die Hand der jungen Novize die seine faßte. »O Sennor, wer Sie auch sein mögen, halten Sie Ihr Wort – erretten Sie mich wie die anderen, aus dieser Hölle. Es geht die Sage im Kloster, daß seit vierzig Jahren Unglückliche in verborgenen Zellen dort unten schmachten.«

»Wir werden sie finden – ich will die feinste Spürnase in ganz Spanien auf ihre Fährte hetzen. Rühren Sie sich nicht von diesem Platze, was auch geschehen mag. Ich werde einen meiner Leute zu Ihrem Schutz senden! – Zu mir, Nicolo! Hast du Brechstange und Laterne?«

»Hier Capitano!«

»Dann vorwärts!«

Beherzte Männer waren bereits in die unterirdischen Gewölbe gedrungen und erbrachen in dem langen Gang, der sich dort fand, die Türen, die in einzelne Zellen führten, welche durch hoch angebrachte Fenster offenbar aus einem der inneren Höfe oder einem abgesperrten Teil des Gartens Luft und Licht empfingen.

In einigen dieser halb unterirdischen Zellen fand man in der Tat unglückliche Gefangene, arme Klosterfrauen, die Ungehorsam oder irgendeinen anderen Fehler oft mit monatelanger Haft hatten büßen müssen, selbst zwei junge Mädchen, die entweder zu lange Widerstand geleistet hatten und durch die Haft willig gemacht werden sollten, – oder deren Verschwinden nötig geworden, bis man Gelegenheit gefunden, sie durch Entfernung ungefährlich zu machen. Ein großes rundes Gewölbe, in das der Gang mündete, und aus dem eine Treppe nach oben – wahrscheinlich zu dem gewöhnlichen Eingange führte, bot das volle Bild dieser grausamen und schändlichen Klosterjustiz. Während an einer Wand ein Altar mit dem Bild der heiligen Jungfrau errichtet war, fanden sich an der anderen die unzweifelhaften Beweise, daß hier eine Straf- und Marterkammer eingerichtet war, raffiniert genug, um abscheuliche Qualen zu bereiten: schwere Peitschen, Geißeln und eiserne Ruten, der Block, das Halseisen und der Stachelgürtel.

Während die erbitterte Menge mit der Zerstörung und dem Fortschleppen dieser Gerätschaften beschäftigt war und die aufgefundenen Gefangenen in Freiheit setzte, war es dem Piraten endlich gelungen, die Zelle zu entdecken, in die man die Nichte des alten Carlisten eingesperrt hatte. Die arme junge Frau, zum Tode erschreckt durch den Lärm, hatte sich in einen Winkel ihres Gefängnisses geflüchtet, das nichts enthielt, als eine hölzerne Pritsche mit zwei Wollendecken, einen Wasserkrug, Stuhl und Tisch. Dennoch wagte sie es kaum, an ihre Befreiung zu glauben, und erst, als der Malteser ihr gesagt, daß ihr Oheim Castillos selbst frei sei und sie erwarte, wagte sie es, ihren Befreiern zu folgen.

Aber der Pirat schien mit den Resultaten des Klostersturmes und der Entdeckung der Gefängnisse noch keineswegs zufrieden.

»Es müssen noch andere Kerker sich hier befinden,« sagte er zu dem Schmuggler, »und wir müssen sie entdecken. Suche mein Freund, und strenge dein Gehirn an!«

Der Malteser wandte sich an die junge Frau. »Jene Treppe und die eiserne Tür am Ende – wohin führen sie?«

»In die Sakristei der Kirche!«

»Wissen Sie, ob das Kloster noch andere Kerkerzellen birgt, als die wir eben erbrochen haben?«

»Nur die Zellen der armen Wahnsinnigen!«

»Und wo befinden sich dieselben?«

»Ich weiß es nicht, Herr – aber sie müssen in der Nähe sein, – während der langen schrecklichen Nächte konnte ich deutlich das Kreischen der Verrückten in meiner Zelle hören.«

Dem Tuerto war kein Wort entgangen. »Frage, woher die Töne kamen?« befahl der Schmuggler auf Italienisch.

»Es däuchte mir, bald unter mir – bald neben mir,« berichtete die junge Frau. »Von jener Seite dort!«

Der Einäugige war in die Zelle getreten, er legte das Ohr an die Wand, an die Erde – dann fuhr er empor – was er gehört, schien ihn in Aufregung zu versetzen.

Die Zelle, in die man die Nichte des Bärenjägers eingekerkert hatte, war die letzte des Ganges gewesen und lag fast unmittelbar an der Treppe, von der Donna Ines berichtet hatte, daß sie zur Kirche emporführe.

Hier also mußte der Eingang eines neuen unterirdischen Raumes sein.

»Unter der Treppe – suche genau! – Was ist das – woher kommt der Lärm?«

Durch den unterirdischen Gang von der Kapelle her dröhnte ein wildes Schreien – Schüsse knallten, Waffen klirrten!

Der Pirat stieß einen argen Fluch aus. »Die Guardia oder das Militär! Hölle und Teufel – und in diesem Augenblick!«

»Hier ist der Eingang!« rief der Malteser – »hier, die geheime Tür!«

Der Tuerto trat hinzu – das Licht der Fackel zeigte ihm eine nur von scharfen Augen zu bemerkende, sonst ganz der dunklen Mauer unter der Treppe gleichende Pforte, die nur durch Riegel verschlossen war.

»Jetzt, Bursche, gilt es und zeige, daß du ein Mann von Mut bist! Raffe an Männern zusammen, was du kannst und halte den Gang nur fünf Minuten lang gegen die Schergen! – Ich schaffe Luft oder falle mit euch!«

Das Aufblitzen von Schüssen am anderen Ende des Korridors belehrte ihn, daß die eingedrungene Menge sich dort und wahrscheinlich in der Kapelle und dem Garten mit der Polizei oder dem Militär schlug. Er hatte dem Malteser die Fackel abgenommen und die Riegel von der Tür entfernt, während jener in den Korridor stürzte und die bereits Flüchtenden zurücktrieb.

Als der Pirat die Tür aufriß, strömte ihm eine widrige Moderluft entgegen. Dennoch sprang er ohne Zögern die zwei oder drei Stufen hinab, die zu einem noch tiefer gelegenen unterirdischen Korridor führten, der gerade unter der Kirche, neben oder unter den Grüften entlang laufen mußte.

»Ich bin die Königin! ich bin die Königin! – wo ist mein Kind? Gebt der Königin zu essen! Mich hungert und friert!«

Die Stimme klang grell – entsetzlich – der Ton des Wahnsinns; er kam aus der Tiefe des Ganges und machte selbst den wilden Mann schaudern. Dennoch wandte er die Schritte nicht gleich dahin, sondern öffnete die nächste Tür, durch deren vergittertes Fenster ein schwacher Lichtschimmer hervorleuchtete.

Der ziemlich enge Raum war gewölbt – kein Fenster darin, wenigstens nicht sichtbar – eine kleine Öllampe im Winkel vor einem Kruzifix erhellte die Zelle, die ein besseres Mobiliar zeigte, als die der früher befreiten Gefangenen.

An der Wand befand sich ein eisernes Bettgestell mit Matratze und Decken, auf dem Tisch in der Mitte stand eine zweite Lampe, die jedoch jetzt nicht brannte, neben einigen Resten von Speisen und zwei Gebetbüchern. Auf dem Bett lag angekleidet eine Frau, in eine dunkle wollene Kutte gehüllt, den Kopf auf den Arm gestützt und das Gesicht der Tür zugewendet.

Ihr Gesicht war überaus bleich und abgezehrt, zeigte aber trotz der Furchen und der Jahre, deren Zahl sich allerdings nicht leicht in diesem Zustand und im Halbdunkel der Umgebung schätzen ließ, Spuren früherer Schönheit, auch jetzt noch regelmäßige Züge, die um den Mund etwas Hartes, Drohendes hatten. Die Augen lagen tief in den Höhlen und hatten einen finsteren, trotzigen Ausdruck, aber keineswegs den einer Wahnsinnigen. Auch das bereits ergrauende Haar hing nicht lose und wirr um den Kopf, sondern war einfach unter einer schwarzen Mütze geordnet.

Die Gefangene hatte sich bei dem raschen Eindringen der wilden Gestalt halb auf dem Lager erhoben, ohne jedoch Furcht zu zeigen.

»Wer ist's? – Ha – kommen die Mörder endlich, die mich nach fünfzehnjähriger Qual befreien sollen? Stoß zu, Bandit und sieh, wie die wahre Königin von Spanien zu sterben weiß!«

Der Pirat erbebte – hatte El Tuerto gefunden, was der Graf von Lerida kaum zu denken gewagt? Aber was geschehen sollte, mußte rasch geschehen. Er näherte sich der Frau, die sich erhoben hatte. »Sind Sie die Tochter von Estella Prim?«

»Woher wissen Sie das?«

»Es handelt sich um Ihre Rettung, aber die Augenblicke sind kostbar. Antworten Sie mir – sind Sie die Tochter König Ferdinands, die Gemahlin von Edward Lauderdale, Viscount von Heresford?«

»Der Schändliche! Der Feige, der Weib und Kind verließ! Ich bin es – aber wer seid Ihr?«

»Dazu ist später Zeit – jetzt gilt es, Sie und uns zu retten. Folgen Sie mir!«

»Sei es – und wäre es zum Tode! Es ist besser, als dieses lebendige Grab!«

Er eilte aus der Zelle – blieb aber draußen einen Augenblick stehen, als ihm das kreischende Geschrei der Wahnsinnigen wieder ans Ohr schlug: »Ich bin die Königin! Ich bin die Königin! Gebt mir mein Kind!«

»Sind noch andere Gefangene in diesen Kerkern?«

»Nicht, daß ich wüßte!«

»Und jene Wahnsinnige?«

Sie schwieg einen Augenblick, ihre Brauen hatten sich finster zusammengezogen, ein Schauer durchbebte ihren abgemagerten Leib.

»Sie ist an die Mauer ihres Kerkers gefesselt – seit Jahren in wilder Tobsucht!«

»Und wer ist sie?«

Sie legte die Hände vor das Gesicht – ein Kampf schien in ihr vorzugehen – dann richtete sie sich empor und sagte kalt: »Ich fürchte – meine Mutter!«

Der Einäugige machte eine Bewegung, als wolle er zu der Unglücklichen, aber die Hand der Frau legte sich auf seinen Arm.

»Es ist vergeblich,« – sagte sie – »ihr Geist ist umnachtet, ihr Leib gebrochen. Es ist unmöglich, sie mit uns zu nehmen, wenn, wie ich aus Ihren Worten schließe, meine Befreiung heimlich geschieht. Lassen Sie uns eilen, denn Sie wissen nicht, in den Händen welcher Teufel wir uns hier befinden!«

Er fühlte die Wahrheit ihrer Worte, wenn auch ihn, dem rohen, Verbrechen gewohnten Mann diese kalte Gefühllosigkeit einer Tochter gegen die eigene Mutter widrig berührte, – er wußte, daß jeder Augenblick kostbar war!

»Kommen Sie und schweigen Sie, was Sie auch hören und sehen, es gilt unser Leben!«

Er eilte ihr voran aus dem Kerker, verfolgt von dem Geschrei der Wahnsinnigen – draußen in der Pönitenzkammer, dem Geißelgewölbe, fand er die junge Frau vor dem Altar auf den Knien liegen, umgeben von mehreren vor dem Kampf geflüchteten Weibern aus dem Volk. Noch schlug sich der Schmuggler Nicolo mit seinen Kameraden gegen die Soldaten, die zum Glück erst in geringer Zahl hier unten waren und in der Dunkelheit nicht wagten, energisch vorzudringen, während ihre Kameraden oben das plündernde Volk aus den hinteren Räumen des Klosters vertrieben. Jetzt – wo hinaus? – fast unwillkürlich hatte er die Frage laut getan.

Er erhielt Antwort und Beistand von einer Seite, von der er sie wohl kaum erwartet hatte.

»Durch die Kirche!« sagte Donna Ines.

»Wir wollen versuchen, sie zu sprengen!«

»Es ist unnötig Sennor – hinter der Tür im Winkel muß ein Schlüssel hängen, der sie öffnet – ich habe es öfter gesehen!«

El Tuerto sprang hinauf – in der Tat faßte hinter der Tür im Dunkel die suchende Hand einen schweren Schlüssel, der in das Schloß paßte.

»Triumph – jetzt sollen sie uns nicht fangen. Halten Sie zusammen, bis wir auf dem Platz sind. Aufgepaßt!« Er hielt den gebogenen Finger an die Lippen, und ließ einen eigentümlichen Pfiff ertönen, das Signal der Schmuggler, wenn es galt, sich zu flüchten.

Im nächsten Augenblick war der Malteser, der aus zwei leichten Wunden blutete, mit vier andern Männern an seiner Seite.

»Verhüllen Sie das Gesicht so gut es geht,« rief der Pirat der zuletzt Befreiten zu, ihr seinen Mantel zuwerfend, – »sorge für die beiden Frauen, Nicolo, und haltet dicht zu mir! – Vorwärts denn in des Himmels oder des Satans Namen.«

Das schwere Brecheisen in der Linken, drehte er den Schlüssel und warf die Tür auf; die Fackel, die sie trugen, erhellte den ziemlich großen Raum einer Sakristei und zeigte den Eingang zum Innern der Kirche, aber als sie die zweite Tür öffneten und hinausstürmten, prallte der Schmugglerkapitän fast zurück, denn die Kirche war nicht einsam und dunkel, wie er erwartet, vielmehr der Raum vor dem Hochaltar mit allen Kerzen erhellt und im Kreise auf den Fliesen lagen die Nonnen, Novizen und Schülerinnen auf den Knien und hatten eine geistliche Hymne angestimmt, deren Gesang sie wahrscheinlich das Öffnen der Türen und den fernen Lärm nicht hatte hören lassen.

In der Tat war es ein Mittel, sie vor der drohenden Gefahr zu schützen.

Als die Superiorin des Pensionats mit Don Franzisco und seinen Begleitern glücklich geflüchtet und dieser in rascher Verkleidung aus dem Kloster durch seine Nebenausgänge entkommen war, hatte er den Musikus nach der nächsten Infanteriekaserne geschickt, die in geringer Entfernung an der Calle de Valgame Dios sich befindet und militärische Hilfe für das Kloster herbeirufen lassen, ohne jedoch weislich seinen Namen ins Spiel zu bringen. Der kommandierende Offizier der Wache, die bereits durch das Gerücht von der Entweichung der Gefangenen aus dem Saladero und dem Volksauflauf auf der Puerta del Sol alarmiert worden war, sandte eine Abteilung zum Kloster, die sich freilich als zu schwach erwies, den Platz und die Umgebung mit Nachdruck zu räumen, und sich zunächst begnügen mußte, das eingedrungene Volk aus den Räumen des Pensionats zu vertreiben, wobei es zu Szenen des heftigsten Widerstandes kam, wie wir bereits gesehen haben.

Währenddessen hatte die Superiorin es für das klügste gehalten, sich und die Ihren durch einigen geistlichen Humbug vor der Erbitterung der Volksmenge zu schützen. Sie hatte daher eilig die frommen Schwestern und die Zöglinge des Pensionats in der Klosterkirche versammeln lassen und für alle Fälle unter den Schutz des Altars gestellt. Von der Auffindung und Befreiung der Gefangenen hatte sie natürlich noch keine Kenntnis.

Jetzt, als die wilde drohende Gestalt des Piraten mit seinen Begleitern so plötzlich in die Kirche hineinprallte, war der Schreck ein doppelter. Wie die Schafe, unter die der Wolf bricht, stürzten die Nonnen und Mädchen zum Altar, vor dem hoch aufgerichtet die Superiorin stand, die entsetzten Blicke auf die Eingedrungenen gerichtet, die jedoch weder Zeit noch Lust zu haben schienen, sich bei den frommen Damen aufzuhalten. Im Gegenteil beeilten sie sich, eine der Kirchentüren zu erreichen, von der man wußte, daß sie ins Freie und auf den Platz vor dem Kloster führt.

In diesem Augenblick, grade, als die beiden befreiten Gefangenen durch die von den Kerzen des Hochaltars verbreitete Hellung schlüpften, fiel der verhüllende Mantel des Piraten von dem Gesicht der älteren und das Licht voll auf das hagere Gesicht, daß die Superiorin es zu erkennen vermochte.

» Santa Maria purissima – haltet sie auf! laßt sie nicht entfliehen!« schrie die entsetzte Klosterfrau und eilte, jeder Gefahr trotzend, die Stufen des Altars hinab ihnen nach.

Aber der Tuerto hatte bereits die Tür gefunden und geöffnet. »Hierher! Schnell!«

Einen Augenblick noch blieb die Verhüllte stehen und wandte sich gegen die Verfolgerin, drohend die Hand ihr entgegenballend.

»Sei verflucht, Werkzeug schändlicher Tyrannei! – Verflucht, verflucht!«

Die Klosterfrau taumelte zurück – im nächsten Augenblick waren sie alle glücklich hinaus und im Dunkel des Platzes und dem Gewühl, das hier herrschte, verschwunden.

Es war übrigens die höchste Zeit; denn von der Kaserne de San Mateo her rückte eine ganze Kompagnie an und zugleich kam im Trabe ein Zug Kavallerie herbei.

Der Tuerto faßte die Hand der Verhüllten. »An die Ecke der Lukasstraße! fort!« flüsterte er dem Malteser zu und warf sich in das Gedränge. – – – – – –


Während dieser Vorgänge im Pensionat der Salesianerinnen war der Arriero mit seinen beiden Begleitern in das Haus gelangt, das ihm El Tuerto bezeichnet hatte und in dem sich die Niederlage der Schmuggler und das geheime Absteigequartier des Grafen von Lerida befand.

Den genauen Instruktionen folgend, fand er bald die Tür dieser Wohnung und sein Taschenfeuerzeug verschaffte ihm die nötige Beleuchtung, bis er sich in den Zimmern, die er noch niemals betreten hatte, orientieren und eine der vorhandenen Lampen anzünden konnte.

» Caramba!« meinte der würdige Capataz, indem er sich umschaute, »ich glaube wirklich, Seine Exzellenz halten hier einen Kleiderladen, der übrigens prächtig geeignet ist, unsere Garderobe wieder in den neuen Stand zu setzen, der uns wenigstens bei einer mißliebigen Begegnung nicht in die Hände der Polizei führt. Ich sollte meinen, Sennores, Sie würden beide gut tun, auch Ihrerseits die Kleider, in denen ich Sie entführt habe, mit anderen unverdächtigen zu vertauschen.«

Der Rat war so augenscheinlich gut, daß der Bärenjäger und Don Rosario nicht zögerten, ihn zu befolgen. Während der Capataz sich der letzten Reste seiner militärischen Verkleidung entledigte und zu seinem alten Kostüm zurückkehrte, wozu sich reichliches Material in der Garderobe befand, wählte Castillos den einfachen bequemen Anzug eines galizischen Wasserträgers, wie man sie in ihrer Beschäftigung täglich in den Straßen von Madrid sieht, und Don Rosario einen langen englischen Surtouts.

Während diese Verwandlung vorgenommen wurde und jeder sich zugleich aus dem vorhandenen Vorrat mit einer passenden Waffe versah, hatte der Arriero häufig Don Rosario mit forschenden Augen betrachtet, ohne doch bis jetzt ein Wort über die Ursache fallen zu lassen.

Jetzt, nachdem durch seine Vorsorge eine von ihm aufgespürte Flasche jenes trefflichen Portweins auf dem Tisch stand, von dem die klugen Engländer nie einen Tropfen in ihre Keller bekommen, da die schlauen Portugiesen ihnen dafür nur einen gefärbten Aufguß von Korinthen und Sprit verkaufen, während sie den wirklichen Traubensaft im Lande behalten, – setzte sich die kleine Gesellschaft an den Tisch, um bei einem leichten Imbiß sich von der Aufregung der Flucht zu erholen und die weiter zu tuenden Schritte zu beraten.

Der Arriero war der Ansicht, daß man dazu die Ankunft des Grafen von Lerida, des Herrn der Wohnung, oder wenigstens die seines anscheinend Bevollmächtigten bei diesem gelungenen Streich, des Schmugglerkapitäns erwarten müsse, der ja doch versprochen habe, ihnen hierher zu folgen.

Der immer mehr sich verstärkende Lärm auf den Straßen, der selbst in die abgeschiedene Stille dieses Aufenthalts drang, überzeugte sie überdies, daß trotz der Umkleidung ein Betreten der Straße leicht gefährlich werden könne, während sie hier ganz in Sicherheit schienen. So mochte mehr als eine Stunde vergangen sein, als das aufmerksame Ohr des Arriero die Tür nach der Straße sich schließen und bald darauf das verabredete Zeichen am Eingang hörte. Der Tuerto trat mit zwei Frauen ein.

»Führen Sie die beiden Sennoras zu den Herren, Sennor Capataz,« bestimmte der Einäugige, »und sorgen Sie für Erfrischungen und andere Kleider – zu dem ersteren werden Sie alles nötige in dem Schrank zur Linken, weibliche Kleider in dem zweiten Zimmer finden. Ist, seit Sie angekommen, jemand hier gewesen?«

»Nein, Kapitän!«

»Dann muß ich selbst denjenigen aufsuchen, der allein die weiteren Bestimmungen geben kann, und dem ich auch Sie bitte, unbedingte Folge zu leisten. Wir treffen uns später, wenn es nötig wird, in der Taberna der Gesellschaft. Einstweilen, Sennor, Dank für Ihre Umsicht und Geschicklichkeit, die ich zu rühmen wissen werde.«

Er drückte dem Capataz die Hand und war im Dunkel verschwunden, ehe derselbe eine weitere Frage an ihn richten konnte.

Der Arriero öffnete die Tür und ließ die beiden Frauen eintreten. Im nächsten Augenblick erkannte die junge Frau ihren Oheim und warf sich schluchzend in seine Arme.

» O Santa Maria purissima – wie danke ich ihrer Gnade, daß sie mich Unglückliche in deine Arme führt, Tio mio, und möge ihr Schutz uns nie wieder fehlen. Laß uns heimkehren von dieser schrecklichen Stadt zu unseren Bergen, daß ich an Tomasos Grabe weinen kann, ehe neue Verfolgungen über uns heraufziehen.«

Auch der alte Bärenjäger war tief bewegt, als er die Tochter seines verstorbenen Bruders, die er wie sein eigenes Kind geliebt und erzogen hatte, an sein Herz drücken konnte. »Beruhige dich Querida,« Herzchen. sagte er tröstend, »mit der Heiligen und wackerer Freunde Hilfe, die uns aus dem Kerker geführt, werden wir die schützende Heimat glücklich erreichen. Dir aber danke ich, daß du so wacker und treu ausgehalten und kein Zeugnis gegen unsere heilige Sache abgelegt hast. Ich fürchte, sie haben dir schlimm mitgespielt, armes Kind, denn du siehst bleich und abgehärmt genug aus – ich hoffe doch nicht, daß du krank bist?«

Sie preßte das errötende Gesicht an seine Brust – es auf eine geeignetere Stunde verschiebend, ihn von dem Geheimnis zu erzählen, das sie so schwer bedrückte. Dann begann sie ihm zu berichten, wie man auch sie nach seiner Gefangennahme und Fortführung nach Madrid gebracht und bei den früheren Karmeliterinnen, die nach Aufhebung der Bettelorden in dem eigentlich der Krankenpflege gewidmeten Kloster der Salesianerinnen ihre Zufluchtsstätte gefunden hatten. – Anfänglich habe man sie ziemlich gut behandelt und der Padre Antonio, der frühere Cura des Ohms, sie besucht und sie zu überreden sich bemüht, über alles, was sie von einer karlistischen Verschwörung gegen die Regierung der frommen und gottesfürchtigen Königin Isabella und über die Korrespondenz und den Verkehr ihres Oheims mit den Häuptern der karlistischen Agitation wisse, Aussage zu machen!

»Der verräterische Schurke,« unterbrach der ehrliche Bärenjäger die Erzählung. »Sein Rock soll ihn nicht schützen, wenn er je wieder in meine Hände fällt!«

Dann erzählte die junge Witwe, daß man sie nach ihrer Weigerung, solche Aussagen zu machen, immer strenger behandelt, zu allerlei Bußübungen verurteilt und endlich zu den Pönitentiaren in eine halb unterirdische Zelle einsam eingesperrt hätte, derselben, aus der sie an diesem Abend gewaltsam befreit worden sei.

»Ich werde diesem Tollkopf Juan auf die Ferse des falschen Pfaffen helfen,« sagte der Bärenjäger, »sobald wir mit seiner Hilfe aus Madrid entkommen sind.«

Donna Ines sah ihn fragend an.

»Wen meinst du damit?«

»Wen anders, als den Grafen von Lerida, den du ja kennst, da er mit den andern Gästen an jenem Tag vor Deiner Hochzeit mit dem armen Tomaso zu uns kam und dein Trauzeuge war.«

Die junge Witwe erbebte, sie wußte das Gefühl von Angst und Beklemmung, das sich ihrer bei dem Namen und der Erinnerung an jene Szene des Tanzes und ihrer Ohnmacht bemächtigte, sich selbst nicht zu erklären. »Was wird sich der vornehme Herr um unser Schicksal kümmern,« sagte sie unmutig.

»Pfui, Ines,« meinte der Oheim, »wenn er auch damals ohne Abschied und Beistand uns verlassen hat – wer weiß, was ihn dazu bewogen! – war doch gerade er es, der mir durch meinen klugen Hund die Warnung sandte, die ich besser hätte beachten sollen! Ich habe alle Ursache anzunehmen, daß wir durch seine Veranstaltung in der letzten Stunde noch befreit worden sind, und wenn er auch leichtfertig und unbeständig, namentlich was die Weiber betrifft, ist er doch seinen Freunden treu, wie mein alter Negro, das wackere Tier. Ich wünschte, ich wüßte, wie es ihm geht!«

Die Worte waren kaum gesprochen, als die Tür des zweiten Zimmers sich leise öffnete und ein großer Wolfshund hereinschoß und an dem Bärenjäger liebkosend in die Höhe sprang. Der Alte sah einen Augenblick ganz erstaunt auf ihn nieder, aber schon im nächsten hatte er sich überzeugt und beugte sich ebenso überrascht wie erfreut zu dem Tier nieder und küßte es.

»Negro – ist es möglich! Wo kommst du her? – Was zum Henker ist das – du blutest, oder hast vielmehr geblutet?«

»Eine kleine Schramme als Zeichen seiner Tapferkeit zu Ehren Ihrer Majestät der Königin Isabella II.,« sagte lachend eine fremde Stimme. »Beiläufig hat er Ihrem ergebenen Diener und Freund wahrscheinlich das Leben damit gerettet.«

Der Bärenjäger hatte sich aufgerichtet – unter der jetzt geöffneten Tür stand ein Caballero.

»Bei Gott, ich hätte es mir denken können, daß es kein anderer als Sie war! – Willkommen Sennor Conde und nehmen Sie meinen Dank für meine und meiner Nichte Befreiung!«

Er ging auf den Grafen von Lerida zu und schüttelte ihm kräftig die Hand.

Es war in der Tat Don Juan, der in gewöhnlichem Anzug in das Zimmer getreten war und mit einem schlauen Blick die Anwesenden musternd, sich höflich gegen sie verbeugte.

»Sennoras und Caballeros,« sagte er höflich – »seien Sie freundlichst willkommen in meinem Inkognitoquartier. Ich sehe, dieser Spitzbube, den man den Kapitän El Tuerto zu nennen pflegt, hat meine Befehle erfüllt und noch darüber hinaus das Möglichste getan. Ich bitte Sie, es sich so bequem als möglich zu machen, und dann wollen wir beraten, wie wir am besten und sichersten Ihre Wünsche erfüllen; denn ich muß Ihnen sagen, daß es heute etwas unruhig und nicht ganz gefahrlos in den Straßen von Madrid ist.«

Die Anwesenden, auch die, die ihn bisher nicht gekannt hatten, betrachteten den Abenteurer mit sehr verschiedenen Gefühlen.

Daß der alte Bärenjäger ihn mit aufrichtiger Freude empfing, war selbstverständlich. Selbst wenn jener ihm nicht einen so wichtigen Dienst geleistet hätte, würde schon der Zug, daß er den treuen Gefährten seiner Jagden, sein Lieblingstier, aus den fernen Pyrenäen hierher gebracht hatte, ihm des alten Mannes Herz ganz wieder zugewendet haben. Anders waren die Gefühle seiner Nichte, die schon bei der bloßen Erinnerung an ihn sich eines ihr unerklärlichen Gefühls der Angst, also wieviel mehr seinem wirklichen Erscheinen, nicht erwehren konnte und dennoch sich einem gewissen bestrickenden Zwang unterworfen fühlte, der sie zu ihm zog. Die junge Witwe errötete und erbleichte abwechselnd und zitterte bei der Berührung seiner Hand, als der Oheim sie zu sich rief, um dem jungen Mann zu danken.

»Ich hoffe,« sagte der Graf, »Sennora Ines wird mich jetzt zu ihren besten Freunden zählen, und wenn sie meines Beistandes bedarf, denselben bei jeder Gelegenheit in Anspruch nehmen.«

Ihre Wangen brannten bei dem Ausdruck, den er in diese Versicherung legte, und wie Beistand schon jetzt suchend, schmiegte sie sich an ihren Oheim an.

Die Frau, die man in dem Kerker der Wahnwitzigen gefunden, war nach ihrem Eintritt an der Tür stehen geblieben, in stolzer Haltung, die Arme übereinander gekreuzt. Der Graf näherte sich ihr mit einer gewissen ehrerbietigen Haltung.

»Sennora,« sagte er – »ich habe nicht die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein, aber daß man sie an jenem Ort der Tyrannei gefunden, deren Handlungen das Licht des Tages scheuen, genügt für mich, Ihnen meine Dienste zur Verfügung zu stellen.«

Sie sah ihn scharf und fest an. Dann sagte sie auf Englisch: »Sie sind der Lord von Lerida?«

»Ja – der Neffe von Edward Lauderdale, Viscount von Heresford.«

Sie nickte leicht mit dem Kopf. »Da der Diener keine Geheimnisse vor dem Herrn haben soll,« fuhr sie mit einem sarkastischen Zug um den Mund fort, »so werden Sie bereits wissen, was ich von dieser Verwandtschaft denke. Ich meine, Sie wissen, wen Sie dem Kerker entrissen haben, sonst hätten Sie mir schwerlich jenen Namen genannt, oder nennen lassen!«

Der Graf verneigte sich. »Ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen machte mich mit dem Geheimnis eines Daseins bekannt, von dem ich vor einigen Tagen noch keine Ahnung hatte. Eine Andeutung wies darauf hin, daß dieses Dasein vor fünfzehn Jahren in den Mauern jenes Klosters verborgen worden sei, und da ich ohnedem beschlossen hatte, seine schändlichen Geheimnisse an den Tag zu bringen, forschte ich auch nach jener verschwundenen Existenz. Das Glück hat Ihnen und uns wohlgewollt, Mylady sind frei!«

»Und Ihre Absichten?«

Der Graf zuckte mit den Achseln. »Ich begnüge mich, zuweilen der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit ein wenig nachzuhelfen! Ich bin wie jener wackere Mann dort und mein Vater Karlist und – ich kann Ihnen nur wiederholen, Mylady, ich habe keine Kenntnis und keine Beweise für – jene Existenz, als die zufällige Notiz eines Polizeispions, der sich José Romero nannte.«

»Ha – der Schändliche! Und wenn ich Ihnen jene Beweise geben könnte?«

»Dann würde es mir Pflicht sein – wenigstens die Verwandte zu schützen!«

Die Frau wies mit einem stolzen Neigen des Kopfes nach Don Rosario hinüber. »Jener Mann, wenn er will, kann Ihnen die Beweise der Wahrheit liefern. Fragen Sie ihn, ob er sich der Nacht des 10. August 1837 in der Kirche zum Herzen Jesu zu Azpoitia erinnert?«

Dem Conde fiel das Datum schwer auf – es stand in den Notizen des Spions.

»Wie – also wäre es wahr – wer ist jener Mann?«

»Der Kapitän Diaz Calvaho, der Trauzeuge Ihres Oheims.«

»Der Mörder meines Vaters?«

»Er war nur das willenlose Werkzeug in der Hand eines mächtigeren Feindes, des Obersten Narvaez, der wieder dem Befehl von Espartero folgte. Wegen jener Exekution trat er aus der christinischen Armee. Er hat es mir selbst erzählt – und auch, daß er noch ein Vermächtnis Ihres Vaters für seinen Sohn habe.«

Die Übereinstimmung dieser Notizen verfehlte ihren Eindruck nicht auf den Grafen. »Seltsam!« murmelte er – »welche Fäden sammeln sich da in meiner Hand. – Verzeihen Sie, Mylady, noch eine Frage. Jene Aufzeichnungen José Romeros enthalten die Notiz von der Geburt einer Tochter?«

»Giuliana – mein Kind! Wissen Sie etwas von ihr, Sennor?« Die eherne Mauer des Stolzes und der Verbitterung um das Herz dieser Frau, die vor einer Stunde noch ihrem Ich die eigene Mutter geopfert, schien doch erschüttert von der Erinnerung an ihr eigenes Kind. Ihre Hand hatte den Arm des Grafen gefaßt und sie sah ihm angstvoll ins Auge.

»Ich bedauere, daß ich Ihnen keine Nachricht von ihr geben kann. Wenn Sie mir aber sagen wollen, was Sie selbst wissen, wird es mir vielleicht möglich sein, Ihre Nachforschungen zu unterstützen – erinnern Sie sich, daß es meine Cousine ist, daß ich also ein Recht habe, zu fragen.«

Sie sah ihn mit einem finstern Blick an, ihre Finger legten sich krampfhaft ineinander. »Wenn Sie das vermöchten – ich weiß nichts von ihr, seit man sie von mir gerissen hat, als man mich vor fünfzehn Jahren in die Gefängnisse des geistlichen Gerichts zu Sevilla warf; aber ich zweifle nicht daran, daß die Räuberin meiner Rechte auf den Thron und die Natternbrut am Altar wissen, wo sie geblieben oder – untergegangen ist!«

»Beruhigen Sie sich, Mylady, und zählen Sie auf mich. Ich werde alles aufbieten, auch die geringste Spur zu verfolgen. Hatten Sie die Beweise ihrer Geburt in Händen?«

»Jene Priester, die sich zu meinen Richtern aufwarfen, haben sie mir geraubt. Aber Giuliana war damals bereits alt und charakterstark genug, daß sie wissen durfte, ihre Mutter sei die rechtmäßige Erbin des Thrones von Spanien und deshalb fürchte ich für ihr Leben. Wer weiß, wo sie längst vermodert ist. Es haben nicht alle die zähe Natur des Hasses, die mich widerstehen ließ!«

Don Juan schritt auf den früheren Offizier zu. »Sennor,« sprach er, »man hat mir gesagt, daß Sie der Kapitän Diaz Cavalho sind, vor fünfundzwanzig Jahren Leutnant in dem Regiment des Obersten Narvaez.«

Der Don sah ihn mit einigem Erstaunen an. »Dem ist allerdings so, Sennor Conde,« sagte er, »und ich wartete nur auf den Augenblick, mich Ihnen vorstellen zu dürfen. Aber ich kann in der Tat nicht erraten, wer Ihnen meinen Namen verraten haben kann, da nur mein Haftgefährte hier ihn seit einer Stunde kennt und davon noch nicht gesprochen hat.«

»Diese Dame hier, die wie Sie aus dem Gefängnis kommt, hat ihn mir soeben genannt und erinnert Sie an den 10. August 1837, wo Sie der Zeuge Ihrer Trauung mit meinem Oheim, dem Viscount von Heresford gewesen sein sollen?«

»Wäre es möglich – die Infantin Enrigueta?« Er eilte auf sie zu, sah ihr aufmerksam ins Gesicht, ergriff dann ihre Hand und küßte sie. »Verzeihung, Hoheit, daß ich Sie nicht erkannt habe, aber ich habe Sie erst einen Augenblick gesehen und war zu sehr mit mir selbst beschäftigt – und …«

»Zeit und Leiden verändern viel, Kapitän,« sagte die Lady – »außerdem sahen wir uns damals nur kurze Zeit. Dennoch ist es für mich von Wichtigkeit, daß Sie mich wiedererkennen, denn Sie sind der einzige Mensch, auf den ich mich berufen kann und ich danke Gott, daß er uns so seltsam hier zusammengeführt hat in demselben Augenblick, wo die aus dem Kreise der Lebendigen Ausgestrichene wieder in das Leben tritt, um die Rechte ihrer Geburt zu fordern, nachdem man mir jeden Beweis genommen hat.«

Der Don sah sie besorgt an. »Wie unglücklich trifft sich das – Eure Hoheit wissen, daß der Fürst und ich damals jeder eine Abschrift des Trau-Zertifikats erhielten …«

»Nein – ich wußte es nicht! Bei allen Heiligen, wo ist sie?«

»Ich habe sie lange unter meinen wichtigsten Papieren verwahrt, bis ich leider diese alle und mein ganzes Vermögen auf der Flucht nach Frankreich einem Arriero anvertrauen mußte, damit sie nicht wie ich in die Hände der Schergen der Königin Isabella fallen sollten.«

Der Capataz, der die Unterredung zugehört, tat einen Schritt vorwärts.

»Sie sind der Kapitän Diego Cavalho?« fragte er mit ernster Stimme.

»Sie hörten es eben, mein Freund!«

»Verzeihen Sie, Sennor, wenn ich mich in Ihr Gespräch mit dieser Donna dränge. Sie sprachen soeben, daß Sie auf der Flucht nach Frankreich einem spanischen Arriero Ihr Vermögen anvertraut hätten?«

»Ich sagte es – – leider!«

»Warum leider?«

»Weil seitdem mehr als sechs Jahre verstrichen sind, die ich in verschiedenen Gefängnissen Spaniens zugebracht, bis man sich endlich aus den Galeeren meiner entledigen wollte, – und so eine Million und meine Papiere längst verloren sind!«

» Quien sabe! – Erinnern Sie sich genau des Tages?«

»Es war in der Nacht zum 10. Oktober 1855.«

»Und wo?«

»Auf einem Schleichweg über den Mont Perdu, auf dem Weg nach Luz.«

»Was vertrauten Sie damals dem Arriero?«

»Mein Portefeuille, – es enthielt Briefe, Zeugnisse und mein Vermögen in Anweisungen auf London und Paris.«

»Würden Sie den Mann wiedererkennen?«

»Was würde das nützen? Ich hatte erst am Abend Gelegenheit, mich seinem Zuge anzuschließen und sein Versprechen zu erhalten, mich mit dem Transport der Waren, die er nach Frankreich schmuggelte, sicher über die Grenze zu schaffen. Der arme Bursche, er wäre wohl sicher durchgekommen, da die Zollbeamten ihm schwerlich auf den Fersen gesessen, wenn es nicht die Verfolgung meiner Person gegolten hätte.«

»Er verlor damals zwanzig Maultiere und, da er sich für ihre Ladung verbürgt hatte, sein ganzes Vermögen, das er sich in zwölf langen Jahren erspart hatte. Aber er gab es hin für den Ruf seiner Zuverlässigkeit.«

Der Don blickte den Mann erstaunt an. »Wie, Sennor, Sie haben den Arriero Estevan Provedo gekannt?«

»Ich bin Estevan Provedo!«

Der Kapitän Cavalho sah ihn einige Augenblicke bewegt an. Dann reichte er ihm die Hand. »Es ist offen und wacker, daß Sie sich selbst melden, denn ich hätte Sie nicht wiedererkannt. Da Sie Ihr Vermögen damals durch mich eingebüßt, kann ich mich nicht über den Verlust des meinen beklagen.«

»Warten Sie!« – Der Capataz wandte sich an den Grafen, der schweigend der Szene zugehört hatte. »Euer Excellenza erlauben mir eine Frage?«

»Fragen Sie!«

»Soviel ich beurteilen kann – obschon ich dies Haus niemals betreten habe, – muß dasselbe sich ganz in der Nähe der Posada der Kontrabandista befinden, so daß man unbemerkt dorthin gelangen kann.«

»Die Höfe der beiden Häuser stoßen zusammen!«

»So erlauben Euer Excellenza vielleicht, daß ich mich einen Augenblick nach der Posada begebe, ich habe mein geringes Gepäck dort.«

»Kommen Sie, ich werde Sie selbst begleiten. Überdies habe ich einen Auftrag für Sie dahin.«

Der Arriero verbeugte sich und folgte dem Grafen, der ihm voranschritt.

Die Zurückbleibenden sahen sich schweigend an, nach einer kleinen Weile kehrte der Graf zurück, doch auch er schien gespannt auf die Entwicklung und sprach nur einige gleichgültige Worte zu dem alten Bärenjäger.

Es vergingen etwa zehn Minuten, dann klopfte es an der Flurtür und Castillos, welcher sich ihr zunächst befand, öffnete.

Der Capataz trat ein, gefolgt von Mauro, dem griechischen Diener des Grafen von Lerida.

Der Arriero trug in seiner Hand eine dicke lederne Brieftasche; – der Grieche Mauro war sehr blaß und erregt.

»Sennor Kapitän,« sagte der Arriero auf Don Rosario zutretend, »der Ruf der Zuverlässigkeit und Treue der spanischen Arrieros soll durch Estevan Provedo nichts von seinem alten Ruhm einbüßen! Hier ist die Brieftasche, die Sie mir damals übergaben und die ich Ihnen zu bewahren mit meinem Ehrenwort gelobte. Ich gab meine Maultiere preis, um mich und damit Ihr Eigentum zu retten. Ich habe jahrelang vergeblich nach Ihnen geforscht – Gott und die heilige Jungfrau haben mir endlich die Gnade erwiesen, dies anvertraute Gut in die Hände des Eigentümers zurückgeben zu dürfen und so meine Ehre zu sichern!«

»Braver Mann!«

Der Bärenjäger trat zu dem Arriero und schüttelte ihm die Hand, – es bedurfte zwischen beiden der Worte nicht, um sich zu verstehen.

Don Juan hatte scharf den Griechen ins Auge gefaßt. »Was ist geschehen, daß du nicht mit dem Wagen an dem Platz der Münze warst?«

»Das Unglück …«

»Welches Unglück?«

»Im Circo, Mylord!«

»Was ist geschehen?«

»Sennor Gomez …«

»Was ist mit ihm – sprich!«

»Er ist tot!«

»Der Espada Gomez?«

»Er ist ausgeglitten als er den Stoß führte, und das Horn des Stiers hat ihn durchbohrt.«

» Caracho! – und man hat den Unglücklichen erkannt?«

»Er wehrte sich noch im Todeskampf gegen die Abnahme der Larve, bis der Herr Vicomte sie ihm mit Gewalt abriß!«

»Arme Paxarilla!«

»Sie sitzt drüben in der Posada, mit eifersüchtigen Blicken eine junge Sennorita bewachend, die Rafaël der Portugiese dahin gebracht. Sie hat noch keine Ahnung von dem Unglück.«

»Und der Espada?«

»Fra Antonio hat ihm die letzte Ölung gegeben. Die Aufregung im Zirkus war ungeheuer, man schrie und lachte und schmähte auf Euer Excellenza. Die Königin ist sofort nach dem Palazzo zurückgekehrt – in der Stadt ist es sehr unruhig, die Guardia schlägt sich auf der Puerta del Sol mit dem Volk, das die Republik ausruft, und das Militär ist ausgerückt.«

Zwischen den Brauen des kühnen Intriganten lag eine tiefe Falte, seine Rechte hatte sich fest geballt. »Verdammnis über den Ungeschickten!« murmelte er – »meine Rolle in Madrid ist ausgespielt – doch ist noch nichts verloren! Hören Sie mich an, Sennor Provedo!«

»Ich bin ganz zu Ihren Diensten!«

»Ein unglücklicher Zufall hat meine Dispositionen über die weitere Flucht des Sennor Castillos und seiner Nichte durchkreuzt. Ich muß Sie sofort verlassen. Ist es Ihnen möglich, für die Sicherheit dieser vier Personen und ihre Geleitung nach einem Hafen der Ostküste zu sorgen? Ich habe eine Jacht zu meiner Verfügung, die gegenwärtig in Carthagena vor Anker liegt und jeden Augenblick die Bestimmung aufnehmen kann, die ich ihr gebe. – Hier haben Sie die Karte, um sich zu orientieren.«

Der Arriero lehnte mit einer Handbewegung die Karte ab.

»Es ist unnötig, Sennor Conde, ich muß mich auf meine eigene Kenntnis des Landes verlassen. Ich habe die Linien von Valencia und Barcelona allerdings früher begangen, aber es sind seitdem mehr als sechs Jahre verflossen und der Bau dieser verteufelten Eisenbahnen hat alle Verhältnisse und leider auch die Menschen verändert. Wir müssen hierbei ebenso sorgsam als aufrichtig zu Werke gehen. Diese Herrschaften hier sind nach allem, was ich gehört und gesehen, wegen politischer Dinge gefangen gewesen?«

»So ist es!«

»Die Verfolgung seitens der Regierung wird also eine weit strengere und länger andauernde sein, als wenn es sich um andere Dinge handelte. Dennoch kenne ich die spanischen Obrigkeiten genug, um zu wissen, daß nach acht Tagen keine Gefahr mehr für sie ist, wenn sie erst außerhalb Madrids sind.«

»Ich bin darin ganz Ihrer Meinung.«

»Mehr oder weniger sind in allen größeren Gesellschaften Verräter und Spione. Ich bin deshalb der Ansicht, daß die Herrschaften auch in dieser ersten Zuflucht keine Sicherheit finden würden, denn zu viele Augen haben sie gesehen und wissen um ihre Befreiung. Es wäre demnach gut, wenn sie noch im Laufe dieser Nacht Madrid verlassen könnten.«

»Das wäre es allerdings. Aber wohin?«

»Wenn Sie mir vertrauen wollen, Sennor Conde – ich habe eine verheiratete Schwester, keine halbe Tagereise von hier in der Richtung der Mancha auf einem einsamen Pachthof an dem Ufer der Yarama zwischen den großen Straßen nach Zaragoza und Valencia – sie kommt zweimal mit ihrem Karren wöchentlich nach Madrid, um die Erzeugnisse ihres Pachthofes hierher zu bringen, und heute war ihr Tag. Sie fährt in den ersten Morgenstunden nach Hause, und kann die beiden Sennoras in ländlichen Kleidern leicht mitnehmen, während wir sie zu Fuß begleiten.«

»Der Vorschlag ist gut. Aber weiter?«

»Es wird zunächst darauf ankommen, wohin jeder von Ihnen will.«

»Nach Rom!« erklärte die Lady.

»Nach Navarra!« sagte der Bärenjäger für sich und seine Nichte.

»Nach Paris!« lautete der Wunsch des Kapitän Cavalho.

Der Arriero lächelte. »So verschiedenartig auch die Orte sind, wird sich doch leicht eine Vereinbarung treffen lassen, wenn Se. Exzellenz die Jacht dazu verwenden will. Da wir die großen Häfen nicht berühren dürfen, möge er bestimmen, an welchem Punkt der Küste er Sie von heute ab in zehn Tagen erwarten will, und ich mache mich anheischig, Sie sicher dahin zu führen.«

Der Graf sah auf die Karte. »Was meinen Sie zu Vinaroz unterhalb der Ebromündung? Die Jacht kann in dieser ankern und sich leicht an der Küste umsehen.«

»Einverstanden. So fehlen nur noch zwei Dinge – Kleider und Geld!«

»Von den ersteren nehmen Sie, was Sie hier finden und brauchen können. An Geld …«

»Sie wissen, daß ich bedeutende Mittel soeben durch die strenge Rechtlichkeit unseres Freundes zurückerhalten habe,« unterbrach ihn der Kapitän.

»Die jedoch in diesem Augenblick nicht flüssig zu machen sind. Ich bitte Sie demnach,« – er nahm aus dem Fach eines Wandschrankes zwei Goldrollen – »diese dreitausend Franks unter sich zu verteilen, denn Gold ist das Mittel, Ihre Flucht zu sichern und Sie mögen mir es wiederzahlen, wenn Sie in Sicherheit sind. In Vinaroz hoffe ich Sie wiederzusehen, und wenn ich über meinen Weg anders verfügen muß, werden Sie doch die ›Victory‹, Kapitän Jones' dort finden, bereit, Sie aufzunehmen. Und nun, Sennores und Sennoras, Gott behüte Sie und nehme Sie in seinen Schutz!«

Die Hand des Kapitän Cavalho hielt ihn zurück. »Einen Augenblick, Sennor Conde! – da ich auf so seltsame Weise wieder in Besitz meines Portefeuilles gekommen bin, habe ich das Glück, Ihnen ein Vermächtnis Ihres Vaters übergeben zu können, das er kurz vor seinem Tode in meine Hände niedergelegt und das ich mich mit meinem Wort als Caballero verpflichtet hatte, Ihnen zu überliefern oder überliefern zu lassen, sobald Sie in die Jahre der Mündigkeit getreten wären.«

Er nahm aus dem Portefeuille zwei Papiere, das eine überreichte er der Lady, das zweite – ein versiegeltes Briefkuvert – dem Grafen, der es, ohne es weiter zu öffnen, in seine Brusttasche schob.

»Ich danke Ihnen, Sennor, habe aber jetzt wenig Muße, mich mit dem Inhalt zu befassen!«

»Auch General Yturbe hat mir in der Nacht der unglücklichen Jagd gesagt, daß er noch ein versiegeltes Paket Briefe von einem unglücklichen Freund, Ihrem Vater, für Sie in Händen habe,« sagte der alte Bärenjäger, ihm die Hände reichend. »Die heilige Jungfrau segne Sie, Juan mein Sohn, und mache Sie endlich vorsichtig und verständig, damit Sie in Wahrheit eine Stütze der guten Sache werden, der Sie schon so manche Dienste geleistet haben.«

» Nous verrons! – ich habe da eben eine prächtige Gelegenheit vor mir!« Der Leichtsinnige trat zu der jungen Witwe. »Wird Donna Ines einem Freunde gestatten, ihr Lebewohl zu sagen und sie zu bitten, mit Wohlwollen seiner zu gedenken?«

Ines überlief es heiß und kalt, wie sich seine dämonischen Augen so unwiderstehlich in die ihren bohrten und unwillkürlich neigte sie den Kopf, wobei er einen Kuß auf ihre Stirn drückte. Dann küßte er die Hand der Lady, gab dem Arriero noch einige letzte Instruktionen in betreff des Schiffs und verbeugte sich zum Abschied gegen den Kapitän, doch ohne dessen Hand zu berühren.

» A Dios y veamonos! – Komm, Mauro!«

Die Befreiten waren allein!


Es war nach Mitternacht. Die Zimmerflucht der Königin war noch hell erleuchtet, an den hohen Spiegelfenstern sah der Mann, der in seinen Mantel gehüllt eben über den inneren Hof schlüpfte und den Aufgang einer hinteren Treppe möglichst unbemerkt zu gewinnen suchte, Schatten von Hin- und Herwandelnden sich bewegen. Im äußeren Hof hatte er im Vorübergehen die Equipage des Marschallministerpräsidenten O'Donnell gesehen – auf dem Platz vor dem Schloß standen Kürassierpiketts – Patrouillen von Militär und der Guardia civile säuberten noch immer die Straßen von der aufgeregten Menge.

» Caramba!« murmelte der Mann im Mantel – »ich gönne zwar seiner Majestät von Herzen das Bad, welches er höchst wahrscheinlich in diesem Augenblick erhalten, – aber es wäre mir doch lieber gewesen, es hätte ihn morgen getroffen. Doch jedes Ding hat zwei Seiten – da die Frau Herzogin wahrscheinlich noch im Dienst zurückgehalten ist, habe ich desto mehr Freiheit für mich!« damit stieg er die Treppe empor.

Der Eindringling hatte recht, wenn er gemeint, es gehe noch lebhaft her bei der Königin.

Wir haben bereits gehört, in wie trauriger und überraschender Weise das Karoussel der Afficionados im Zirkus geendet hatte. Daß irgendein, noch dazu unbekannter Torero auf den Hörnern des Stiers geendet, machte an und für sich keinen besonderen Eindruck auf den größten Teil der Gesellschaft, das Publikum der Stiergefechte lauert auf einen Extragenuß. Aber von weit größerer Wichtigkeit war der Umstand, daß der Verunglückte nicht, wie man anfangs nach der täuschenden Maskerade gefürchtet, der wegen seiner vorher gezeigten Bravour und Gewandtheit vielbewunderte Graf Juan da Lerida, sondern ein eingeschobener Espada war, der Torero Gomez, ein Gitano seiner Abstammung nach, wie alsbald Sennor Redondo erzählte. – Als der Stier ihn beim zweiten Stoß, – den ersten hatte er mit Meisterschaft ausgeführt, ohne doch das Tier zu töten, – durch das Ausgleiten des Fußes auf die Hörner nahm, hatte man allerdings mehrfache Angstrufe in der hohen Gesellschaft gehört und zwei der Damen, die eine davon in der nächsten Umgebung der Königin, die andere die schöne Baronin Oviedo, waren in Ohnmacht gefallen. Als aber die Gefährten des angeblichen Caballero in die Bahn stürzten, um den neben dem gleichfalls verblutenden Stier sich krampfhaft wälzenden Mann aufzuheben, und nachdem man die Halbmaske abgerissen, die Täuschung erkannt hatte, folgte sogar, zum großen Ärger der anderen Mitglieder seiner Quadrille, ein sehr spöttisches Hohnlächeln, und nur das energische Eintreten des Viscomte Digeon verhinderte eine weitere Flut von Witzen und Spottreden über den Rückzug und die geschickte Escamotage des Grafen. Ja, hätte man ihn sich nicht nach der ersten glücklichen Hetze des Stiers demaskieren sehen, würde man ihm sehr gern auch jenen Sieg bestritten haben.

»Seht mir den Schelm,« hatte die Königin gesagt, »hab' ich's nicht gedacht, daß seine Prahlerei, den Espada zu spielen eine bloße Flunkerei war? Aber por amor de Dios, Herzogin – ich hätte Ihnen stärkere Nerven zugetraut, als über ein so leicht mögliches Unglück in Ohnmacht zu fallen! – Ich werde diesem unverschämten Gecken den Kopf waschen, sobald er wieder zum Vorschein kommt! Unterdes wünsche ich, daß man sich nach dem armen Burschen, der für ihn den Hornstoß erhielt, erkundigt und ihm jede Hilfe leistet. Doktor Valadez, unser Leibarzt, möge selbst danach sehen, und hat der arme Teufel Familie, so wollen wir etwas für sie tun. Und nun, meine Herren, nehmen Sie meinen Dank für das interessante Schauspiel, das Sie uns gegeben haben, und das in der Tat durch seinen Schluß an Interesse nichts verloren hat!«

Der Aufbruch der Königin veranlaßte natürlich den Aufbruch des ganzen Hauses. Aber schon an der Treppe empfing sie der Zivilgouverneur der Stadt, der Marquis de la Vega de Amigo mit der Nachricht, daß an verschiedenen Stellen Unruhen ausgebrochen wären, und er bitten müsse, den Weg nach dem Palacio über die südlichen Rondas zu nehmen. »Ei was,« sagte die Königin, die in der Tat Mut besaß, beim Volke persönlich niemals unbeliebt war, »es wird mir kein Madrilene etwas tun. Das gilt den Ministern! – Laß immerhin über die Puerta fahren!«

Die Zuversicht der Königin bewährte sich vollkommen. Als der königliche Wagen mit seiner militärischen Eskorte die Puerta erreichte, machte die dort tobende und sich mit der Guardia raufende Menge wie auf Kommando Platz und an vielen Stellen ließ sich sogar der Ruf hören: » Viva la rayna Isabella!« aber schon die nachfolgenden Wagen waren zahlreichen Insulten ausgesetzt und die Eskorte mußte mehrfach mit flachen Hieben die Andrängenden zurücktreiben.

Die Königin hatte befohlen, von dem Gang der Ereignisse sofort Bericht zu erhalten und in ihren Gemächern die diensttuenden Damen nebst einigen Palastbeamten zurückgehalten.

Es war elf Uhr, als der Marquis de la Vega angemeldet wurde.

»Nun, Marquis – was bringst du, wie ist es mit diesen Narren, was wollen sie eigentlich?«

»Mi Sennora dürfen unbesorgt sein. Daß der Pöbel eben nicht weiß, was er will, schließt jede Gefahr aus. Die verschiedenen Klubs machen sich eben wieder einmal laut und die geheimen Gesellschaften haben die Gelegenheit des Festes ergriffen, um die Stadt in Aufregung zu versetzen ohne einen bestimmten politischen Zweck. Man hört die gewöhnlichen Rufe der Carlisten und Republikaner. Graf de la Canada hat die wichtigsten Punkte hinreichend mit Militär besetzt, und die Garnison leistet den besten Gehorsam.«

»Aber die Spektakelmacher müssen doch einen Zweck haben?«

»Es ist – wie ich bereits zu bemerken mir erlaubte, bloß ein Ausbruch des Grolls der Unzufriedenen, wenn der Auflauf nicht etwa zum Zweck gehabt hat, andere Taten zu kaschieren.«

Die Königin sah auf. »Was meinst du, Marquis?«

»Seine Exzellenz der Generaldirektor der Gefängnisse Don Garcia Jove meldet soeben, daß man heute abend aus dem Saladero in einer höchst raffinierten und wohlvorbereiteten Weise die Gefangenen befreit hat, die bestimmt waren, morgen nach dem Bagno transportiert zu werden.«

»Was waren das für Leute?«

»Schmuggler – Straßenräuber, ein alter berüchtigter Carlist aus Navarra und – ein Staatsgefangener.«

»Bitte – meine Herrschaften,« sagte die Königin, die an einem kleinen Tisch saß, auf dem eine kalte Abendkollation für sie stand, – »treten Sie ein wenig zurück. – Was für ein Staatsgefangener, Marquis?«

»Mi Sennora müssen von demselben mehr wissen als ich – Don Garcia Jove hat mir nur gesagt, daß er auf Befehl des Fiscal nach den Balearen geschafft werden sollte.«

»Sein Name, sein Name!«

»Er nennt sich selbst Don Rosario Gusmann.«

Die Königin sann einige Augenblicke nach, während sie ein Glas von dem dunkelfarbigen Alicante, dem köstlichen vino tinto, schlürfte. »Ah, – ich erinnere mich – Don Rosario – das geht Ihre Majestät von Frankreich an, ein alter zudringlicher Amoroso – laß um Himmels willen meine würdige Camareramajor, die Herzogin von Alba, nichts davon wissen, sie würde mir zugunsten ihrer Cousine den Kopf vierzehn Tage lang warm machen, und im Grunde gönne ich eigentlich dem armen Mann die freie Luft. Mag Donna Eugenia sehen, wie sie sich mit ihm auseinandersetzt, sie hat selber Prisons genug! – Ist der Streich gut, wie sie entwischt sind, so mußt du mir ihn erzählen.«

»Mi Sennora – die Befreiung der Gefangenen, die immerhin nicht geduldet werden darf, ist noch nicht alles, was geschehen.«

»Was zum Henker gibt es denn noch – soll ich denn gar keine Ruhe haben?«

»Das Kloster der Salesianerinnen ist von dem Volk zu gleicher Zeit gestürmt und es sind arge Exzesse dort verübt worden!«

»Pfui – wie abscheulich und undankbar! Eine Krankenanstalt, die so viel Gutes tut! Da muß auf das strengste eingeschritten werden! …«

»Mi Sennora halten zu Gnaden,« sagte der Gouverneur zögernd, »es ist eigentlich nicht die Krankenanstalt, der man – um der Wahrheit die Ehre zu geben, nichts getan hat, – sondern das Mädchenpensionat, die – sogenannte Erziehungsanstalt, die unter der Aufsicht von Karmeliterinnen steht!«

»Ah – das Mädchenpensionat! – Warum? weshalb? – Höre Marquis, da scheint mir etwas dahinter zu stecken, worüber du mit der Sprache nicht heraus willst. Was ist's, Mann?«

»Mi Sennora wollen mir allergnädigst verzeihen – es sollen so hohe Personen dabei kompromittiert sein, daß ich nicht wage …«

»Larifari – was kümmern mich die hohen Personen,« rief die Königin, die anfing erregt zu werden – »bin ich die Königin, oder nicht? – Heraus mit der Sprache!«

In diesem Augenblick trat der anmeldende Huissier in den Saal: »Seine Durchlaucht, der Herzog von Tetuan, Marschall O'Donnell bitten um gnädigstes Gehör!«

»Er soll eintreten – geschwind! – Nun, wirst du sprechen?«

»Hoffentlich tut es der Herr Marschall für mich. Erlauben Mi Sennora nur, Sie daran zu erinnern, daß ein Teil des Hofstaates gegenwärtig!«

»Gut, gut! Das könnte dem Marschall am Ende auch die Zunge binden, der viel zu viel Rücksichten nimmt, da war der Narvaez ein anderer Mann! – Heda, meine Herren und Damen, ich bitte Sie, einige Augenblicke mich allein zu lassen – Staatsgeschäfte!«

Die Damen und Herren vom Dienst verschwanden sogleich. Der Marschall trat ein, gefolgt von einem Mann in keineswegs hofmäßigem Anzug, der vielmehr aussah, als käme er von einer weiten angestrengten Reise.

Die Königin hatte dies sogleich bemerkt; ohne auf das ernste Aussehen des Marschalls zu achten: »He, Herzog, wen bringst du mir da? Ist das nicht Cuerta?«

Der Marschall näherte sich, während der Polizeibeamte, derselbe, der im Herbst die Verhaftung des Bärenjägers in Navarra vorgenommen, an der Tür stehen blieb.

»Mi Sennora haben recht – es ist Sennor Cuerta, welcher direkt von Triest kommt.«

»Nun?«

»Der Graf und die Gräfin Montemolin sind daselbst am dreizehnten, am selben Tage, – gestorben!«

»Gestorben?«

»Wie einige Ärzte verkünden – am Scharlachfieber! Die weitere Überwachung der beabsichtigten neuen Erhebung des Infanten ist dadurch überflüssig geworden und Sennor Cuerta zurückgekehrt.«

»Mein Gott, mein Gott!« klagte aufrichtig die Königin, »das ist ja ein schreckliches Schicksal! Am zweiten der Infant Ferdinand, jetzt wäre also nur von den drei Söhnen unsers Vetters Don Carlos noch der Infant Don Juan übrig!«

»Ja – es ist merkwürdig,« sagte der Marschall ruhig, – »daß die beiden Infanten, die sich bei den Carlisten unmöglich gemacht hatten, so rasch hintereinander gestorben sind, – oder haben sterben müssen, um demjenigen Platz zu machen, der die Anspruchsentsagung nicht unterzeichnet hatte!«

Die Königin fuhr, wie von einer Natter gestochen auf – ihr Gesicht war bleich geworden. »Was willst du damit sagen, Marschall?«

»Nichts Weiteres, als die einfache Tatsache, nicht einmal, daß Sennor Cuerta erzählt, man glaube in Triest nicht recht an den Tod am Scharlachfieber.«

Die Königin schlug die Hände vor das Gesicht. »Das wäre mehr als schrecklich. O dieser entsetzliche nie ruhende Streit, was hat er Spanien schon für Blut gekostet!«

»Mich einen Bruder!«

»Es ist wahr, Marschall, ich erinnere mich – ich war damals noch ein Kind. Hat ihn nicht der schreckliche Zumalacarreguy erschießen lassen?«

»Eigentlich der Oheim des Sennor Marfori!«

»Wie – Narvaez? – Aber dein Bruder, Marschall, focht ja doch auf der Seite der unseren!«

»Mein Bruder war bei einem Gefecht von den Carlisten gefangen genommen worden kurz vor der Belagerung von Bilbao, bei welcher Zumalacarreguy fiel, und wurde zu diesem gebracht. Er freute sich und wußte sich sicher, denn Don Thomas war sein vertrauter Jugendfreund, der ihn herzlich aufnahm und sagte, er wolle sogleich einen Parlamentär zu den Christinos senden, um eine Auswechslung der Gefangenen herbeizuführen. Der Parlamentär wurde auch wirklich abgesandt und entledigte sich seiner Mission, der Oberst Narvaez aber antwortete dem Parlamentär: »Ich will dir zeigen, wie ich mit Rebellen unterhandle!« und ließ vor den Augen des Parlamentärs sämtliche gefangene Carlisten, darunter auch, wenn ich mich recht erinnere, den Vater des Grafen von Lerida, erschießen, worauf er den Parlamentär zurückschickte.«

»Der arme Junge – ich weiß, daß sein Vater auf den Befehl von Narvaez oder Espartero erschossen wurde. – Und wie wurde es mit deinem Bruder, Marschall?«

Der Herzog hatte sich eines bitteren Lächeln nicht zu enthalten vermocht.

Zumalacarreguy hatte meinen Bruder in sein eigenes Zelt aufgenommen. Als er nach der Rückkehr des Boten wieder zu ihm trat, fragte ihn mein Bruder, warum er so verdrießlich aussehe, und der General erzählte ihm, was geschehen und fügte hinzu: »Ich sehe mich leider dadurch gezwungen, Repressalien zu üben und muß dich mit den andern in einer Stunde erschießen lassen, so leid es mir tut!« – Mein Bruder hörte es ruhig an und sagte: »Das ist ganz natürlich, du kannst nicht anders, ich würde auch so tun. Gib mir nur noch Zigaretten und Schreibmaterial, damit ich an Leopoldo – das war ich! – einen Brief schreiben kann, den du später besorgen mußt!« So geschah's – als der Brief geschrieben war, kam die Mannschaft, um die Gefangenen abzuholen, mein Bruder stand auf, schüttelte Zumalacarreguy die Hand, zündete seine Zigarette an, und ging, sich erschießen zu lassen.« Historisch! D. V.

»Was für Männer! was für Männer!« rief die Königin, die über der Erzählung wie gewöhnlich das wichtigere Ereignis vergaß. »Ich habe es ja gesagt, dieser unselige Familienzwist ist an allem Blutvergießen schuld!«

Aber der Marschall führte sie sofort auf das Thema zurück. »Der plötzliche Tod der beiden Infanten,« sagte er ernst, »ist um so auffallender, als unser Gesandter in London, wie Mi Sennora bereits wissen, gemeldet hatte, daß der Infant Don Juan seit kurzem eine besondere Tätigkeit gezeigt hat und Agenten aussendet. Ja er soll bereits nach Spanien unterwegs sein. Als einer dieser Agenten ist der junge Graf Lerida bezeichnet worden, an dem Mi Sennora so unverdient großen Anteil zu nehmen scheinen. Hiermit dürfte nicht ohne Zusammenhang die mir soeben berichtete Befreiung eines berüchtigten Carlisten aus dem Saladero sein. Ich bitte Mi Sennora, mir zu gestatten, den Grafen von Lerida verhaften zu lassen, bis er sich über seine Verbindungen und sein Verhalten am heutigen Abend ausweist!«

»Du magst den Mann nicht leiden, Marschall,« sagte halb ärgerlich, halb nachdenklich die Königin. »Am Ende machst du ihn noch zur Ursache, daß der Pöbel das Kloster meiner Salesianerinnen geplündert hat.«

»Ich wünschte, ich könnte es,« sagte der Marschall mit einem Blick auf den Chef der Polizei. »Da man mir mit der Meldung zuvorgekommen, werden aber Mi Sennora auch bereits wissen, daß leider dazu ganz andere Personen die Veranlassung gegeben haben.«

» Por amor de Dios! Nichts weiß ich – gar nichts! Der eine schiebt's auf den andern, es mir zu sagen! Zum Teufel, jetzt will ich endlich klaren Wein eingeschenkt haben! Rede du, Marschall – Du bist Soldat! Was ist's?«

»Leider, Mi Sennora, komme ich eben von einem armen Soldaten, dessen Schicksal mich tief erschüttert und für den ich die Gnade Euer Majestät anrufe!«

»Wer ist's? Was ist geschehen?«

»Es ist der Kapitän Landero!«

»Der Rebell? – Man hat mir gesagt, daß er vor einigen Abenden das Volk auf der Puerta del Sol aufgehetzt habe – Don Franzisco hat ihn deshalb verhaften lassen wollen.«

Der Marschall zuckte die Achseln. »Der Kapitän Landero hat sich vor einer halben Stunde mir selbst gestellt, – als der Mörder seiner einzigen Tochter.«

» Maria purissima! – Was ist das nun wieder? Wie ist das möglich!«

»Er hat in dem Pensionat der Klosterfrauen, – das er, wie er sich dessen rühmt! – an der Spitze des Volkes erstürmt hat, – seine Tochter, ein junges Mädchen von vierzehn Jahren, erschossen.«

»Aber warum? warum?«

»Weil er sie als eine Verworfene, Entehrte gefunden!«

»Mach mich nicht toll mit deiner Art, mir die Geschichte brockenweise zu geben! Sprich du, Marquis, die Polizei soll alles wissen. Warum hat man das Kloster gestürmt? Die guten Nonnen haben das Recht, gefallene Frauenzimmer aufzunehmen, und daß die jungen Mädels in Madrid von der verbotenen Frucht naschen, ohne daß die Väter davon erfahren, ist doch wahrhaftig nichts Neues!«

»Mi Sennora,« sagte der Beamte zögernd, »haben vielleicht erfahren, daß seit einiger Zeit häufig junge Mädchen aus der Stadt verschwunden sind, ohne daß man eine Spur von ihnen entdecken konnte.«

»Nun, sie werden mit ihren Liebhabern davongelaufen sein!«

»Der Kapitän Landero,« sprach der Marschall, »hat die Spur seiner auf diese Weise entführten Tochter nach dem Pensionat der Salesianerinnen verfolgt. Der Überfall des Klosters hat ergeben, daß man die jungen Mädchen dorthin gelockt und unter dem Deckmantel der Religion zu den schamlosesten Orgien und Schauspielen mißbraucht hat!«

»Aber zum Henker, für wen denn? Die Weiber untereinander werden doch keine Liebesspiele treiben!«

»Man nennt einen sehr hohen Namen – der gedachte Herr ist diesen Abend mit einigen Genossen an jenem Ort gewesen und hat bei seiner Flucht Mütze und Säbel zurückgelassen.«

»Ah – irgendein feiner General! Es ist doch nicht etwa der Serrano gewesen? Er sollte doch warten, bis er in der Havanna ist, da laufen die Frauenzimmer, wie ich mir habe sagen lassen, ohnehin halb nackend herum!«

Die beiden schwiegen.

»Nun – wird es endlich? Wer war es?«

»Der König!«

Die Königin schlug ein lautes Gelächter auf. »Marquis, wie kannst du solchen Unsinn glauben. Ich weiß am besten, daß er keinem Frauenzimmer was tut und ihnen lieber aus dem Wege geht, der klägliche Mensch! – Nein, Marquese, da hat man dir etwas aufgebunden, und ihm zuviel Ehre getan, indem man seinen Namen mißbraucht hat.«

»Der Kapitän Landero beschuldigt öffentlich den König und« – der Marschall wies auf den Polizeichef – »dieser Herr weiß längst, daß er recht hat. Das Volk ist aufs höchste erbittert und aufgeregt.«

Die Königin sah ganz starr auf den Gouverneur. »Bei deinem Eide – spricht der Marschall die Wahrheit?«

Der Chef der Polizei senkte den Kopf. »Ein kleines Vergnügen, was Seine Majestät zuweilen sich machen – seine Liebe für plastische Darstellungen …«

»Hol ihn der Teufel und dich dazu mit deiner Plastik, ich will ihm helfen! – Rufe den Offizier vom Dienst, Marschall – schnell!«

»Mi Sennora …«

»Nun, wenn dir's nicht paßt, werd ich's tun! – He – holla, da ist ja noch Sennor Cuerta, der den ganzen Sums mit angehört – nun, er wird ihn wohl besser gewußt haben, wie einer von uns. Geschwind nach der Wache und bringe mir den Offizier hierher!«

Der Beamte verschwand – die Königin lief ganz in Rage auf und nieder, bald pfeifend, bald scheltend und wiederum vor sich hin lachend – in Zeit von höchstens drei Minuten trat der Beamte mit dem Offizier der Schloßwache ein.

»Sofort zu Don Franzisco, meinem Mann! ich will ihn augenblicklich hier sprechen, du bringst ihn hierher, ohne Entschuldigung, bei meinem Zorn! Lügt man dir Abwesenheit vor, so durchsuche die Zimmer! fort!«

Der Offizier, ganz bestürzt, salutierte und machte kehrt. Die Wohnung des Königs Don Franzisco d'Assis befindet sich in einem ganz anderen Flügel des Palastes, als die der Königin Isabella, die überhaupt mit ihm den möglichst geringsten Verkehr hat.

Die Königin in ihrer Aufregung ging noch immer auf und ab, vergebens suchten der Marschall und der Chef der Polizeiverwaltung sie zu beruhigen. »Seh mir einer den Schleicher!« rief sie, sich die Hände reibend – »ein Kastrat, ein Eunuch ist besser als er, und treibt solche Dinge! Hat er doch nicht einmal eine Stimme wie ein Mann! O diese Bourbons! Die ganze Gesellschaft taugt …« sie hielt unwillkürlich inne und mußte über sich selbst lachen. »Wenn die armen Dinger noch Vergnügen davon gehabt hätten, aber so hat er nur mich und sich und die Kirche und den ganzen Staat blamiert und das Volk gegen mich aufgeregt, die ohnedem Mühe und Sorge genug hat, es in Ruhe zu halten. Also damit vertut er sein Geld und kann nicht genug kriegen für liederliche Weiber und Musikanten! Aber ich will ihm« – sie blieb plötzlich vor dem Marschall stehen! »Was wirst du mit dem armen Kerl, dem Kapitän Landero tun?«

Der Herzog zuckte die Achseln. »Er steht noch unter den Militärgesetzen und ich habe ihn vorläufig auf die Hauptwache bringen lassen. – Zum Glück lautet die letzte Meldung, die ich auf dem Wege hierher erhalten, daß die Kugel das Mädchen nicht tödlich getroffen hat, nur in die linke Schulter, und daß Hoffnung ist, sie zu erhalten!«

»Um Himmelswillen, Herzog, stelle den Mann geschwind wieder an und schick ihn weit weg in die Kolonien mit dem Mädel, meinetwegen nach Manilla oder mit Serrano nach Kuba, damit sie den Madrilenen aus den Augen kommen und meinem würdigen Gatten die Bewahrung seiner Tugend nicht allzu schwer wird! – Wo zum Henker bleibt er? – He, was willst du, wo kommst du her, nachdem du dich den ganzen Abend nicht hast sehen lassen?«

Die Frage galt dem Palastintendanten Sennor Marfori, der während der scharfen Verhandlung unbemerkt und ohne Anmeldung in den Salon getreten war und sehr aufgeregt schien.

»Mi Sennora wollen die Gnade haben mich zu entschuldigen. Es galt den Dienst Eurer Majestät und ist sehr dringend. Können Mi Sennora einige wenige Worte mir gestatten – die allerdings eine Ihrer Damen kompromittieren würden …« Er sah nach den beiden Würdenträgern.

»Ach was – es haben sich heute ganz andere Leute schon kompromittiert vor diesen Herren, also thu den Mund auf!«

»Mi Sennora wissen, daß ich mehrfach vor diesem Abenteurer, dem sogenannten Grafen oder Lord von Lerida gewarnt habe – – –

»Und doch hast du mit ihm Quadrille reiten wollen?«

Der Intendant überging die Unterbrechung. »Mi Sennora erinnern sich, daß jener Mann vor der großen Blamage des heutigen Abends die Ehre hatte, die Königliche Loge zu betreten. Der Herr hat dabei zufällig dies Billet verloren.«

»Ah – und du hast dich beeilt es aufzuheben und nicht zurückzugeben!«

»Ich hielt es für meine Pflicht und der Erfolg zeigt, daß ich recht getan habe.«

Die Königin riß ihm das Billet aus der Hand und las es. »Ei, ei – sieh da, Frau Herzogin, die Sie immer eine so arge Splitterrichterin spielen und die reine Tugend sind! Nicht einmal den Königlichen Palast für Ihre petits plaisirs verschonen Sie! – Also daher die Ohnmacht – und die Unruhe vorhin! – Na – wir wollen uns das merken. Was aber geht dich die Geschichte an?«

»Ich kenne wahrscheinlich die Handschriften nicht so genau, wie Euer Majestät und deshalb habe ich es für Pflicht gehalten, ein wenig die Verbindungen dieses Herrn zu beobachten und meinen Posten auf dem Vorsaal des zweiten Stocks zu nehmen, der in dieser Einladung bezeichnet ist.«

»Schau, schau! Und was hast du gesehen?«

»Daß der Graf von Lerida vor zehn Minuten in einen Mantel gehüllt die Treppe heraufgekommen ist, sich aber nicht nach dem Eingang zum Korridor der Palastdamen gewendet hat, sondern …«

»Nun?«

»Wahrscheinlich mittels Nachschlüssels den dortigen Eingang zu dem Geheimen Hausarchiv geöffnet hat und dort hinein verschwunden ist.«

» Al demonio! Das wird ernsthaft! Ist denn heute der Satan los! – Rufe die Herzogin hierher – sie muß noch dort drinnen sein!«

Der Marschall trat einen Schritt vor.

»Wollen Mi Sennora mir nicht vorher die Frage an den Herrn Palastintendanten gestatten, ob er den Grafen wieder hat herauskommen sehen, oder was er getan hat, sich darüber Gewißheit zu verschaffen?«

»Natürlich habe ich das nicht versäumt,« sagte hastig der Intendant. »Ich habe eine sichere Person aufgestellt, und eben jetzt noch den Sennor Cuerta, den ich hier im Vorzimmer traf, hinaufgeschickt.«

Die Königin trat mit dem Fuß auf und wies nach der Tür des Nebenzimmers.

»In jedem Fall,« sagte der Ministerpräsident ernst, »muß ich jetzt wiederholt Mi Sennora um Erlaubnis bitten, den Grafen von Lerida an Ort und Stelle verhaften zu lassen. – Staatsangelegenheit!«

»Meinetwegen denn! – vielleicht daß der alte Narr von Archivario eine hübsche Nichte oder Köchin hat, – der Geschmack verirrt sich jetzt gern, das zeigt der Herr da!« Sie wies mit einem gewissen Hohn auf den König, der soeben, ehrerbietig gefolgt von dem Gardeoffizier, in den Salon trat. – Durch die entgegengesetzte Tür erschien fast im selben Moment die von Sennor Marfori zitierte Herzogin.

Man bemerkte, daß der Herzog sofort auf den Offizier zuging und ihn in das Vorzimmer nahm.

Der König oder vielmehr der Königingemahl kam mit etwas schleppendem Gang auf die hochgerötete Frau zu, ein Blick hatte genügt, ihm die Anwesenheit des Ministerpräsidenten und des Polizeichefs zu verkünden und sein böses Gewissen brachte dieselbe sofort mit den Ereignissen des Abends in Verbindung, wenn nicht schon die Zitation durch den Offizier der Hauptwache ihn darauf vorbereitet gehabt hätte. Don Franzisco haschte nach ihrer Hand und fragte ziemlich gedrückt: »Haben Mi Sennora einen Wunsch für mich? ich war unwohl und bereits im Begriff, mich niederzulegen!«

Die Königin zog die Hand hinter den Rücken. »Wo waren Sie diesen Abend, nachdem Sie den Circo verlassen hatten?«

»Mein Gott, was Euer Majestät fragen können! Ich bin nach Hause gefahren über die Rondas, da es in der Stadt ziemlich unruhig schien.«

»Dann doch wahrscheinlich über die Ronda de Recoletos und haben bei den Salesianerinnen Station gemacht?«

Der König sah, daß alles verraten war, und seine unglückliche Gestalt knickte förmlich zusammen. Endlich wagte er zu sagen: »Ich verstehe Euer Majestät nicht! Ich bin allerdings über die nördlichen Rondas gefahren!«

»Heuchler – gemeiner Lügner, der Sie sind! Glauben Sie Spottbild von einem Mann, daß ich es zugeben werde, daß Sie die Madrider Mädchen von der Straße wegfangen lassen, um Ihren liederlichen und widerlichen Gelüsten zu dienen? Glauben Sie, daß ich einer solchen Vogelscheuche wegen Revolution haben will? Pfui!«

»Mi Sennora vergessen sich,« sagte der König erbittert, »und die Rücksichten, die Sie sich und mir schuldig sind! Euer Majestät sollten sich erinnern, mit welcher Nachsicht ich stets gewisse Schwächen behandelt habe, Schwächen, die weit mehr …«

Er hatte in der Tat keine Zeit zu vollenden. Die Königin, in ihrer Aufregung keine Grenzen mehr kennend, kreischte laut auf, ergriff von dem Tische eine Porzellanschale mit Früchten und schmiß sie ihm an den Kopf. Nach der allgemein verbreiteten Erzählung in Madrid. Don Francisco konnte sich wegen der Scherbenwunden längere Zeit nicht öffentlich sehen lassen.

»Was, Sie wagen es, Sie schamloser Wicht, mir vorzuwerfen, was Sie allein verschuldet?! Sie Männchen, der Sie kein Mann sind, und dem man eine Nachtmütze ins Bett legen sollte, aber keine Frau! Wo haben Sie Ihre Stimme gelassen, Sie Held? – Meinetwegen machen Sie, was Sie wollen, ich verzichte auf Ihre Gemahlschaft! aber der Teufel soll Sie holen, wenn Sie es wagen, die Töchter meiner Offiziere zu Ihren Nichtswürdigkeiten zu mißbrauchen. Hierher Marschall – nehmen Sie diesem Herrn den Degen ab, und geben Sie ihm vierzehn Tage Stubenarrest!«

Der Ministerpräsident, der wieder eingetreten war, näherte sich beschwichtigend. »Mi Sennora wollen gnädigst bedenken …«

»Bedenken? – ich habe nichts zu bedenken! Willst du oder willst du nicht? Narvaez hat ihm zweimal den Degen abgenommen, den er entehrt, und ihn eingesperrt!« Historisch. Mach's kurz, oder wir sind die längste Zeit Freunde gewesen!«

Der Marschall wußte sehr wohl, daß die Königin in solchen Augenblicken keinen Widerspruch duldete und mit ihren Entschlüssen sehr kurz angebunden war. Er trat demnach kurz entschlossen zu dem König und forderte ihm als Generalkapitän den Degen ab.

Der unglückliche Don Franzisco, der sich mit dem Taschentuch das Blut von Wangen und Nase trocknete, welche die sehr unkönigliche Liebkosung ihm arg gequetscht hatte, begnügte sich, ihm einen grimmigen Blick zuzuschleudern, und seinen Degen vor die Füße zu werfen, worauf er sich wie ein grollender Schulknabe in einen Fauteuil warf, die kurzen Beine von sich streckte und finster an den Nägeln kaute.

Die Königin hatte ihm verächtlich den Rücken gewandt, aber sie mochte wohl fühlen, daß sie sich von ihrer Hitze über die Schranken hatte hinreißen lassen, die ihr der königliche Name wenigstens hätte setzen sollen, und bedurfte eines Ableiters. Ihr Blick fiel auf die eingetretene Dame.

»Ah – sieh da, meine Liebe, kommen Sie doch ein wenig näher!«

Die Herzogin, die schon aus den boshaften Mienen des Intendanten gelesen haben mochte, daß Unheil in der Luft schwebte, wappnete sich mit möglichster Entschlossenheit, schritt auf die Königin zu und fragte drei Schritte von ihr entfernt mit einer tiefen graziösen Verbeugung: »Was befehlen Mi Sennora?«

Die Königin reichte ihr das Billett, das sie in der Hand zerknittert hatte. »Kennen Sie dies Papier?«

So sehr auch die Dame im Innern erschrak, als sie ihr im Zirkus dem ungetreuen Liebhaber übersandtes Billet erkannte, bewahrte sie doch äußerlich ihre volle Ruhe. Sie entfaltete den Brief, las ihn aufmerksam durch, um sich zu vergewissern, in welcher Weise er sie kompromittieren könnte, und gab ihn dann zurück.

»Ich bedauere, ich kann weder Ursprung noch Bedeutung erraten!«

»Aber es ist ja Ihre Handschrift!«

Die Herzogin sah nochmals in das Papier. »Es scheint allerdings viel Ähnlichkeit vorhanden – indes – dergleichen ist häufig der Fall!«

»Aber er ist Dolores unterzeichnet, und Sie heißen ja Dolores!«

»Allerdings Mi Sennora! Dolores Conception Xavera Medina, Duquesa de Santemar!«

Die Worte waren mit solcher Würde und Betonung gesprochen, daß die Königin unwillkürlich verdutzt wurde.

»Aber diese Einladung zu einem Rendezvous bezeichnet ganz deutlich Ihren Dienst und Ihre Wohnung im Palazzo.«

»Ich bedauere, Ihro Majestät nicht verstehen zu können.«

»Das ist stark! – Nun, über die Echtheit oder Unechtheit der Schrift mag der Herzog, Ihr Gemahl, entscheiden! Es ist ohnehin gut, wenn Sie es nicht sind, denn der liederliche Mensch ist ganz wo anders hingeschlichen.«

»Ha – wohin?«

Die Königin lächelte über den Selbstverrat der Eifersucht, dessen Erkenntnis sofort mit tiefer Röte das Gesicht der Dame übergoß.

»Spielen wir keine Komödie miteinander, Madame. Beichten Sie lieber und bitten Sie, dem Herzog Ihre Torheit nicht zu verraten.«

Die Dame war einen Schritt näher getreten. »Das werden Mi Sennora nicht tun!« sagte sie leise mit fast zischendem Ton.

»Und warum nicht, wenn's beliebt?«

»Weil eine Frau niemals die andere verrät, – es sei denn aus Eifersucht!«

»Na, na,« sagte die Königin, – »ich habe zwar ein Faible für den Burschen, aber ich hielt uns beide für sicher vor ihm wegen unseres Alters. Ich glaube, Sie sind ja wohl noch drei Jahre älter als ich? – Nun – trösten wir uns miteinander – ich sehe, daß ich mir daraus noch immer eine kleine Passion erlauben kann. – Aber was ich wissen will, das ist – warum ist der Bösewicht in das Archiv geschlichen, statt zu Ihrer Kammerzofe?«

»Ins Archiv?« – Die Herzogin fühlte ihre Knie unter der Seidenrobe zusammenknicken.

»Gewiß – mit einem falschen Schlüssel. Was hatte er dort zu tun? das kann ihm den Hals kosten!«

»Nein, nein, Majestät – ich …«

Das Geständnis der armen Frau wurde zu Ihrem Glück unterbrochen, indem der Huissier eintrat und dem Marschall eine Meldung machte.

»Mit Mi Sennora Erlaubnis – herein! herein!«

Die Flügeltür des Salons wurde geöffnet, und begleitet von dem Offizier der Wache, dem Palastintendanten und dem Polizeikommissar Cuerta trat der Graf von Lerida ein, gefolgt von Seespinne. Durch die geöffnete Tür sah man draußen im Vorsaal mehrere Gardisten.

Don Juan war etwas blaß, die Lippen fest aufeinander gepreßt, – sonst aber äußerlich ganz ruhig. Er verbeugte sich ehrerbietig vor der Königin und vor der Herzogin, die fortwährend angstvoll die Farbe wechselte, ohne von den anderen Notiz zu nehmen.

»Na, – da können wir ja gleich direkte Auskunft haben, meine Liebe,« sagte die Königin. »Hierher, Sennor – ich habe Sie einiges zu fragen, und verlange die strengste Aufrichtigkeit oder ich werde Mittel finden, die Wahrheit zu erfahren. – Aber Maria santissima – was ist das für eine Mißgeburt!?«

Der Graf hatte auf die Aufforderung der Königin einige Schritte vorwärts getan und Seespinne war ihm dabei gefolgt, so daß der verkrüppelte Knabe jetzt der Königin ziemlich nahe stand, sie in seiner gewöhnlichen Weise angrinsend. Er sah überdies etwas verstört aus – zerrissen und zerzaust und mit einem starken blauen Fleck über dem Auge; denn er hatte sich wie rasend bei seiner Verhaftung gegen zwei Soldaten gewehrt und ihnen die Hände bis auf die Knochen durchgebissen, was ihm einige derbe Püffe zuzog – während der Graf sich mit kalter Resignation verhaften ließ, als er sich in der Falle sah.

»Mein Leibpage, Mi Sennora! er ist taub und stumm – aber treu!« sagte der Graf.

»Wie könnt Ihr in dem Zustand, in dem ich bin, wagen, mir eine solche Fratze vor die Augen zu bringen? Schafft den Wechselbalg fort!«

»Eure Majestät erlaube ich mir zu bemerken,« sprach der Palastintendant, »daß der Herr Graf ohne diesen Schelm in das Geheime Archiv eingedrungen ist, aber mit ihm heraus kam.«

»Seespinne ist durch eine Verwechslung in jene Räume eingesperrt worden,« sagte Don Juan, um Zeit zu gewinnen, mit einem gewissen Spott, »und ich holte ihn mir wieder, das ist alles! Quel bruit pour une omelette!«

»Wie nanntest du das kleine Ungeheuer?«

» Aronna marina, Seespinne!«

»Wie eine Teufelsspinne sieht er aus. Bring mir ihn aus den Augen!«

»Mi Sennora halten zu Gnaden,« sagte der Polizeikommissar, »wir haben bei dem Burschen mehrere sehr gut gearbeitete Schlüssel oder Dietriche gefunden.« Er zeigte sie.

»War das alles?«

»Alles!«

»Euer Majestät haben recht,« sagte boshaft der König von seinem Sitz her – »es könnte ein Unglück für Spanien aus dieser Unvorsichtigkeit entstehen, Euer Majestät könnten sich versehen!«

Die Königin wandte den Kopf mit sehr bezeichnendem Ausdruck über die Achsel zurück. »Was Sie da sagen! – Aber, ich denke, es hat in dieser Weise keine Gefahr bei mir, sonst hätte ich längst Gelegenheit dazu gehabt! – – Nun, mein tapferer Espado, wo sind Sie denn heute abend gewesen, nachdem Sie uns aus dem Circo entwischt?«

»Wenn Mi Sennora die Gnade haben wollen, den Attaché der russischen Gesandtschaft, Herrn von Netschajeff befragen zu lassen, werden Mi Sennora hören, daß ich den armen Verletzten besucht habe.«

Die Königin biß sich leicht auf die Lippen – ihr Blick suchte den Marschall, während sie die Achseln zuckte.

»Aber wie kommen Sie bei Nacht in das Geheime Archiv – was hatten Sie da mit einem Nachschlüssel zu schaffen? Was haben Sie überhaupt hier im Palast zu tun?«

Der Graf legte mit einem demütigen Augenaufschlag die Hand auf das Herz. »Mi Sennora wollen sich gnädigst erinnern, daß Jugend keine Tugend hat. – Ich liebe, freilich – – – ein Wesen untergeordneten Ranges in der Gesellschaft, aber warum sollte ein Mann ein Herz verschmähen, weil es unter einer einfachen Mantille schlägt und nicht unter brabanter Spitzen!«

»Das könnte deine Anwesenheit entschuldigen, obgleich ich weiß, daß die ganze Geschichte Lüge ist! Aber wie kommst du in das Geheime Archiv?«

»Mi Sennora wollen die Gnade haben, sich zu erinnern, daß ich die Ursache bereits erklärt. Ich habe das Vergnügen, zufällig den gelehrten Archivario Don Rafael zu kennen, der ein großer Liebhaber alter Bücher ist, wie ich. Ich hatte ihm eine Kiste voll derselben versprochen und wollte mir damit einen Scherz machen, da er etwas pedantischer und furchtsamer Natur ist, und schloß deshalb jenen armen Krüppel Seespinne, einen bis auf Hören und Sprechen ganz gewitzten Burschen, in die Kiste, um beim Öffnen derselben meinem Freunde einen Schrecken einzujagen. Ein unglücklicher Zufall in meiner Abwesenheit hat die Kiste zu unrechter Zeit nach dem Archiv bringen lassen. Als ich zu Don Rafael eilte, traf ich ihn nicht mehr zu Hause und mußte zum Circo eilen, um Mi Sennora zu rechter Zeit empfangen zu können. Die Lage des armen Jungen lag mir schwer auf der Seele, wenn er auch nur ein Krüppel ist. So benutzte ich die Gelegenheit der Bewilligung eines Rendezvous, um ihn vor dem Ersticken zu retten.«

Die Königin wiegte etwas zweifelhaft den Kopf. »Ich sagte es ja, du bist nicht auf den Mund gefallen. Die Geschichte läßt sich allenfalls hören, obschon du immerhin Strafe verdienst. Aber der Nachschlüssel? Darüber kommst du nicht hinweg.«

»Ich hatte bei einem Besuch Don Rafaels zufällig entdeckt, daß ein alter Schlüssel, den ich unter merkwürdigen Umständen erhielt, genau in die Tür des Vorzimmers paßte.«

»Infame Lügen!« murmelte hörbar der Intendant.

Der Graf wandte sich rasch gegen ihn. »Was beliebt, Sennor? Wenn ich auch unmöglich die Ehre haben konnte, Sie auf der Liste unserer Quadrilla zu sehen, erlaubt mir Ihr gegenwärtiger Stand doch, Sie um Erklärung zu ersuchen.«

Der Marschall enthob Sennor Marfori der Antwort.

»Ich bitte Euer Majestät, mir die Züchtigung dieser Betisen zu überlassen. Sennor Cuerta!«

»Hoheit!«

»Ist dieser Herr visitiert worden?«

»Bis jetzt nicht, Hoheit – ich …«

»So führen Sie ihn auf der Stelle hinaus und visitieren Sie ihn, nötigenfalls mit Gewalt, bis auf die Haut, wie seinen verkrüppelten Helfershelfer!«

»Bravo, bravo Marschall!« rief der König, »jetzt verzeihe ich Ihnen die Beleidigung von vorhin!«

Der Polizeikommissar tat einen Schritt vor auf den Grafen zu – Don Juan tat einen Schritt zurück.

»Rühren Sie mich nicht an!«

Der Graf warf einen Blick auf die Königin – sie hielt die Augen niedergeschlagen. Seine Farbe war von einer todesähnlichen Blässe.

»Kommen Sie, Sennor Conde!« Cuerta streckte die Hand aus.

»Zurück! Ein spanischer Edelmann darf vom Henker nur mit dem Eisen berührt werden. Da es sich nur um meinen Kopf handelt – hier ist mein Kopf!«

Er hatte bei den Worten in die innere Brusttasche seines Rocks gegriffen und warf die Papiere, die sie enthielt, auf den Boden. Dann kreuzte er die Arme und hielt die Augen starr in die Luft gerichtet.

Der Chef der Polizei, sein Untergebener und der Palastintendant stürzten auf die Papiere, sie aufzuraffen. Aber ein befehlender Wink der Königin fesselte ihre neugierigen Augen. »Mir die Papiere – alle – sogleich!« sagte sie gebietend.

Die Königin hatte in der Tat, wenn sie wollte, etwas Imponierendes, Königliches – niemand hätte ihr dann den Gehorsam verweigert.

Der Kommissar legte die beiden Papiere, die der Graf auf den Boden geworfen, in ihre Hand. Es waren zwei versiegelte Kuverts, das eine größer und dicker als das zweite, beide mit mehreren Siegeln geschlossen.

Die Königin drehte sich um, ging zu dem Sessel zurück, den sie am Anfang dieser Szene eingenommen hatte, und setzte sich. Dann legte sie das kleinere der Kuverts auf den Tisch neben sich und nahm das andere. Eine tiefe Stille lag über dem Salon, nur der König murmelte boshaft: »Aha – nun kommt's!«

Die Königin hatte das von dickem Papier gebildete mit mehreren Siegeln verschlossene Kuvert hin und her gewendet, nachdem sie die Aufschrift gelesen. Diese lautete:


Nur auf den Befehl Seiner Heiligkeit des regierenden Papstes zu eröffnen. Im tiefsten Geheimnis zu bewahren.

Madrid, den 28. Sept. 1833.
Ich, der König.

» Por amor de Dios! – es ist die Handschrift meines Vaters – obgleich etwas unkenntlich – auch das Zeichen seiner Unterschrift,« murmelte sie. »Komme hierher, Herzog, und sieh dir dies an – weißt du etwas davon?«

Der Marschall zuckte die Achseln, während er die Königin scharf anblickte. »Haben Mi Sennora das Datum bemerkt?« sagte er leise.

»Ja – der 28. September 1833 – das ist der Tag vor dem Tode des Königs Ferdinand, meines Vaters!«

»Was schließen daraus Mi Sennora?«

»Das eben will ich von Ihnen wissen!«

Der Ministerpräsident drehte das Kuvert um und wies auf die Rückseite.

Auf derselben befand sich dreimal mit verschiedenen Daten die Aufschrift:

Auf Ehr und Eid unverletzt übernommen zur geheimen Aufbewahrung.

Der Vorsteher des Geheimen Hausarchivs.

Der letzte, der unterzeichnet hatte, war der Archivar Don Rafael Cervantes.

»Euer Majestät,« sagte der Minister, weit über den Tisch gebeugt, an dessen anderer Seite er auf einen Wink der Königin Platz genommen hatte, – »erinnern sich vielleicht von einem letzten unbekannten Testament des hochseligen Königs sprechen gehört zu haben!«

»Wenn ich's vergessen hätte, würde Seine Eminenz der Herr Nuntius des päpstlichen Stuhls Monsignore Barili es mir in Erinnerung gebracht haben bei den manchmal sehr unangenehmen Forderungen. Obschon meine Mutter entschieden leugnet, daß ein solches existiere, behauptet die Kurie, es sei im Vatikan niedergelegt und droht bei jeder Gelegenheit damit, wie mit einer Vogelscheuche. – Doch was wollen Sie damit sagen?«

»Wenn ein solches Testament existiert, dessen Inhalt wir ja nicht kennen, so glaube ich, haben wir es hier in Händen oder wenigstens ein Duplikat, dessen Kenntnis uns gestattet, unsere Maßregeln zu nehmen.«

»Ja – aber wir dürfen es doch nicht erbrechen – du hast gelesen, was darauf steht!«

Der Minister lächelte etwas seltsam.

»Vielleicht, Majestät, kommen wir zu derselben Schlußfolgerung. Warum glauben Mi Sennora wohl, daß jener Mann dort, der den Marmor einer klassischen Statue affektiert, obschon ich sicher überzeugt bin, daß er, als der nächste bei uns, mit allen Sinnen auf unsere Unterredung horcht – dieses Dokument gestohlen hat? Denn daß der Diebstahl desselben der Zweck all dieser Intrigen gewesen ist, werden Euer Majestät vollkommen einsehen.«

»Ja, ja – es mag so sein.«

»Dieser Mann,« fuhr der Marschall unbarmherzig fort, – »ist entweder ein verkappter Jesuit oder ein großer Spekulant, der in Kronen spekuliert. Jedenfalls aber kennt er den Inhalt des Kuverts. Fragen Euer Majestät ihn nur.«

Der Königin schien dies sehr willkommen. Da sämtliche andere anwesenden Personen mit Einschluß des Königs sich in der einen Hälfte des Salons befanden, während die Herzogin auf der anderen Seite taktvoll weit zurückgetreten war, befanden sich die Königin, der Minister und der Graf von Lerida allein und so abgesondert, daß eine nicht zu laut geführte Unterhaltung von den andern nicht zu hören war.

»Graf Lerida!«

Don Juan fuhr, vielleicht sehr gut gespielt, als kehre er aus einer abgeschlossenen anderen Region zurück, zusammen. »Mi Sennora?«

»Sie wissen, daß der Einbruch in das Archiv, der Diebstahl von Staatsgeheimnissen Sie dem Tode, mindestens den Galeeren verfallen läßt. Nur unbedingte Aufrichtigkeit und offenes Geständnis könnte Sie retten. – Kennen Sie den Inhalt dieser Papiere?«

»Ja!« Er war zu dem Tisch getreten.

»Und in dieser Kenntnis eben haben Sie versucht, dieselben zu rauben?«

»Ja!«

»Wollen Sie uns den Inhalt sagen, was Sie denken oder wissen?«

»Mi Sennora erlauben mir, besseres zu tun!« Er war zu dem Tisch getreten, hatte das Kuvert genommen und ehe einer der beiden ihn hindern konnte, – der Marschall bezeigte ohnehin keine Lust dazu, – die Siegel erbrochen und den Inhalt herausgezogen.

Dann – das Knie beugend – überreichte er das Papier der Königin.

»Mensch – was hast du getan! Auf solchem Frevel kann der große Kirchenbann stehen!« aber ihre Hand griff doch nach dem Papier.

Der Graf, indem er sich erhob, zuckte die Achseln. »Ich habe Euer Majestät bereits meinen Kopf dargeboten, der mir mehr wert ist als alle Exkommunikationen der Christenheit!«

Die Blasphemie wäre sicher von der Königin nicht ungerügt geblieben, wenn ihre Neugier nicht gänzlich von dem Inhalte des Dokumentes in Anspruch genommen worden wäre. Als sie es durchgelesen, sah sie nachdenkend vor sich nieder, während sie es dem Marschall reichte, der es flüchtig überflog.

»Woher erfuhrst du die Existenz und den Inhalt dieses Dokuments, Graf?« fragte sie endlich.

»Durch einen Zufall – auf meine Ehre!«

»Und was wolltest du damit machen? – auch auf deine Ehre!«

»Es dem Grafen Montemolin überbringen – ich bin Karlist!«

»Der Sennor Conde,« sagte spöttisch der Ministerpräsident, »würde da einen etwas weiten Weg gehabt haben, den ihm trotz des Dienstes, den er uns soeben geleistet hat, wahrscheinlich das Gesetz zudiktieren wird. Übrigens können Mi Sennora wegen dieses Papiers ganz unbesorgt sein, – in den Händen unserer Feinde könnte es höchstens einigen Zeitungslärm verursacht haben. Dieser Widerruf hat keinerlei rechtliche Gültigkeit, da ihm die Bestätigung der Cortes fehlt. Es war ein bloßer vorsorglicher Streich der Jesuiten. Da wir aber jetzt den Inhalt kennen, haben die mysteriösen Drohungen damit von Rom her ihren Wert verloren und ich bitte Mi Sennora, dem Marquis de Sierra Bullones den Befehl zu erteilen, sofort das spanische Geschwader von Gaëta zurückzurufen, das wird uns am besten Frieden mit dem König Victor Emanuel schließen lassen und allen Intrigen der Karlisten ein Ende machen.«

Die Königin nickte ihm Zustimmung, indes sie aufmerksam die Aufschrift des zweiten Kuverts betrachtete.

»Was diesen Herrn betrifft,« sagte der Marschall sich erhebend, – »so werde ich ihn wegen Versuchs des Hochverrats verhaften lassen.«

»Einen Augenblick, Herzog! Es ist da noch ein zweites Papier. Was soll das heißen: ›Meinem Sohn Juan – nach Vollendung seines 24. Jahres. Im Fall seiner Gefährdung an die Königin!‹ Was bedeutet das?«

»Ich weiß es nicht! – Es ist mir diesen Abend erst als ein Vermächtnis meines Vaters übergeben worden und ich hatte noch nicht Zeit gehabt, es zu öffnen.«

»Da es an die Königin adressiert ist im Fall deiner Gefährdung« – so glaube ich das Recht zu haben, es zu öffnen, denn allerdings hast du dich etwas stark gefährdet!«

Der Graf begnügte sich mit einer stummen Verneigung und die Königin öffnete das Kuvert.

Es enthielt zwei Briefblätter – als die Königin das erste zu den Augen hob, machte sie eine Bewegung des Erstaunens. Das Falkenauge Don Juans erkannte trotz der Entfernung Schriftzüge, die ihm nicht unbekannt waren – die er noch vor kurzer Zeit verglichen hatte! Seine Augen beobachteten aufmerksam die Miene der Lesenden.

Diese erschien schon nach den ersten Zeilen lebhaft bewegt, das breite gutmütige, nicht unschöne Gesicht färbte sich mit lebhafter Röte, erst lag darauf ein Anflug von Humor, dann zuckte es über dasselbe finster hin und ein blitzschneller Blick hob sich zu dem Beobachtenden, der Mühe hatte, eine gleichgültige Haltung zu bewahren; dann nahm sie kopfschüttelnd das zweite Blatt und las weiter.

Immer ernster wurde ihre Miene und in tiefem Nachdenken, wie als überlege sie, was zu tun, saß die Königin lange da.

Endlich erhob sie sich, steckte Briefe und Kuvert zu sich und winkte dem Grafen, ihr zu folgen.

Der kleine Salon der Königin stößt auf der einen Seite an ihr Arbeitszimmer – dorthin ging sie dem jungen Mann voran, mit einer gebieterischen Bewegung der Hand jede weitere Begleitung zurückweisend. In dem Zimmer setzte sie sich an den großen, mit vergoldetem roten Saffian bezogenen Schreibtisch, der in der Mitte steht, in den einfachen breiten Drehsessel, aus welchem sie die Vorträge anzuhören pflegte und machte Lerida ein Zeichen, an die andere Seite des Tisches zu treten.

»Juan Lerida,« sagte die Königin – »ich befehle dir nicht, ich bitte dich, mir in diesem Augenblick die Wahrheit zu sagen.«

»Auf meine Ehre – soweit es diese gestattet.«

»Von wem erhieltest du diesen Brief?«

»Von dem Offizier, der das Peloton kommandierte, das meinen Vater erschoß. Dieser vertraute ihm das Vermächtnis in der Nacht vor seinem Tode an.«

»Wie hieß dieser Offizier?«

»Diaz Cavalho!«

Die sonst so gutmütigen Augen der Königin funkelten. »Ich kenne den Namen nicht – wenigstens erinnere ich mich seiner nicht – aber ich werde ihn mir merken.«

»Der Teniente Cavalho,« sagte der Graf, »tat nur seine Pflicht als Offizier – er befolgte nur den Befehl des damaligen Coronel Narvaez!«

»Ha!«

»Der Coronel Cabrera befolgte, wie man mir gesagt hat, den Befehl des General Espartero – also der Königin-Regentin!«

»Meiner Mutter!« – der Ruf war fast ein Aufschrei. – »Ich war damals ein kleines Kind – ich habe nie das Nähere gehört – sprich zu mir!«

Es lag etwas Weiches, Schmerzliches in dem Ton der Königin, das auf den Abenteurer, er wußte selbst nicht, warum, einen tiefen Eindruck machte.

»Mi Sennora,« fuhr er fort, »wissen vielleicht, daß mein Vater vom Corregidor von Irun zu Anfang der zwanziger Jahre zum Gouverneur von Mexiko durch König Ferdinand gemacht worden war. Nach dem Fall von San Juan de Ulloa auf der Reede von Veracruz am 19. November 1825, der letzten Feste der Spanier, kehrte er mit Ruhm und Ehren an den Hof von Madrid zurück und hatte sich der Gunst des Königs, Ihres Vaters, und später auch der Königin, Ihrer Mutter, zu erfreuen, die er die Ehre hatte, von Neapel nach Madrid zu geleiten!«

Die Königin neigte wiederholt das Haupt. »Wie alt sind Sie, Sennor Conde?«

»Einunddreißig Jahr. Mein Vater hatte nach seiner Wiederkehr aus Amerika eine Engländerin, die Schwester des Viscount von Heresford geheiratet, doch scheint die Ehe keine glückliche gewesen zu sein; denn meine Mutter trennte sich bald von meinem Vater und kehrte mit mir nach England zurück, wo ich mit meinem Vetter von meinem Oheim erzogen wurde. Überdies scheint mein Vater nach jener Zeit am Hofe von Madrid in Ungnade gefallen zu sein, denn er zog sich nach Biscaya oder Navarra zurück und schloß sich nach dem Tode des Königs dem Infanten Don Carlos an. Er wurde von General Espartero bitter gehaßt.«

»Weiter!«

»Ich habe Euer Majestät nicht viel mehr zu berichten. Ich habe nur gehört, daß der Graf von Lerida, mein Vater, Gelegenheit hatte, dem damaligen Kapitän Prim einen Dienst zu erweisen, indem er ihn vor dem Erschießen bewahrte, als er gefangen war, eine Art der Erledigung des Streites, die damals sehr beliebt gewesen zu sein scheint. Bald darauf, es war im Jahr fünfunddreißig, fiel mein Vater in die Hände des Coronel Narvaez, und obschon Kapitän Prim selbst zur Königin eilte, um seine Begnadigung zu erreichen und Zumalacarreguy seine Auswechslung gegen die des Bruders des jetzigen Herzogs von Tetuan anbot, ließ ihn Narvaez vor den Augen des Unterhändlers mit zehn anderen erschießen, was natürlich eine Revanche zur Folge hatte, der Marschall O'Donnell verdankt, daß er keinen Bruder mehr hat und dafür wahrscheinlich eine kleine Antipathie gegen Euer Majestät gehorsamsten Diener.«

Die Königin hatte den Kopf in die Hand gelegt, sie schien die Erzählung des Grafen mit tiefer Bewegung angehört zu haben. »Ich weiß nicht,« sagte sie endlich, »welche vermeintliche oder wirkliche Kränkung ihn in die Reihen meiner Feinde trieb – aber du – warum stehst du gegen mich, warum wolltest du mich verraten, die ich dir nie Böses getan?«

»Mein Vater starb als Karlist –«

»Du bist in einem anderen Lande, in anderen Anschauungen erzogen – sprich die Wahrheit, warum stehst du auf der Seite meiner Feinde?«

Der Graf sah finster vor sich hin, dann schlug er den Blick voll zu der Königin auf.

»Ich habe meinen Vater zu rächen!«

»An mir?«

»Der Viscount von Heresford, mein Oheim, gab mir an meinem fünfzehnten Geburtstag einen Brief, als ich ihn nach meinem Vater fragte. Diesen Brief bewahre ich noch. Er ist von der Hand der Königin Christine und an den General Espartero gerichtet.«

Die Königin erhob sich. »Sage mir seinen Inhalt!«

»Der Inhalt ist kurz. Er lautet: Lasse den Lerida nach Empfang dieses erschießen! – Christine.«

Die Königin schien tief erschüttert und drückte ihr Battisttuch an die Augen.

»Die Sünden der Väter,« sagte sie bewegt, »rächen sich oft an den Kindern! Laß das Vergangene begraben sein. Ich will dir wohl, sehr wohl! – Gib die Sache der Karlisten auf!«

»Ich habe dem König Don Carlos mein Wort verpfändet!«

»Der Graf Montemolin, der sich Karl VI. nennen ließ, – ist tot!«

Lerida fuhr zurück: »Tot?«

»Am dreizehnten in Triest gestorben – er und seine Frau! Cuerta brachte diesen Abend die Nachricht von drüben.«

Ein finsterer entschlossener Ausdruck erschien auf dem Gesicht des Karlisten. »Cuerta in Triest? ein Meuchelmörder …«

»Halt ein! Törichter Mensch! Bei der heiligen Jungfrau, du tust mir Unrecht – suche, wenn eine schlimme Tat vorliegt, nach anderer Seite, und frage dich zunächst: wem nützt sie?«

Das Wort schien ihn hart zu treffen; unwillkürlich kamen ihm die Worte des Abgesandten des Infanten Don Juan ins Gedächtnis.

»Noch einmal, törichter Mensch, was können jene dir bieten? Sei deiner – rechtmäßigen Königin treu, und du sollst es nicht bereuen. Ich werde dich der Gesandtschaft in Paris attachieren lassen.«

»Euer Majestät überhäufen mich mit einer Gnade, die ich nicht annehmen kann. Da der Graf Montemolin tot ist, gehört mein Eid dem Infanten Don Juan in London.«

»Ist dies dein letztes Wort?«

»Mein letztes. Wollen Mi Sennora die Gnade haben, mir den Nachlaß meines Vaters zurückzugeben?«

»Jene Briefe?«

»Wenn Euer Majestät nichts dawider haben …«

»Diese Briefe behalte ich! – Wenn du denn nicht hören willst, so schreibe, was geschehen muß, einzig deinem Starrsinn zu. Meine erste Pflicht ist, für die Ruhe dieses Landes zu sorgen! – Komm! komm!«

Die Königin ging vor ihm her. An der Tür des Salons wandte sie sich plötzlich um, betrachtete den Grafen einen Augenblick und küßte ihn zu seiner Verwunderung auf die Stirn. Dann öffnete sie selbst die Tür und trat in den Salon.

Der unglückliche Königin-Gemahl, der noch immer an seiner verwundeten und geschundenen Nase besserte, hätte sehr gern eine boshafte Bemerkung über die geheime Audienz gemacht, aber ein sehr ernster Blick der Königin schloß ihm den Mund.

Die Königin blieb in der Mitte des Salons stehen. »Der Offizier der Schloßwache!« befahl sie.

Der Gardeoffizier trat in militärischer Haltung vor.

»Der Graf Juan von Lerida,« sagte die Königin mit lauter und fester Stimme, – »ist für immer aus Spanien verbannt. Sie werden den Grafen nach seiner Wohnung bringen, wo er seine Angelegenheiten ordnen mag, und ihn morgen mit dem ersten Bahnzug nach einem Punkt der Grenze oder der Küste begleiten, den er selbst bestimmen mag, und ihn nicht aus den Augen lassen bis er Spanien verlassen hat. Du, Marschall, magst für die Ausfertigung des Verbannungsdekrets sorgen. – Jeder Versuch einer Rückkehr geschieht auf Gefahr seines Kopfes.«

Der Gardeoffizier trat zu dem Verbannten. »Ich stehe zu Ihren Diensten.«

Der Graf von Lerida verzog spöttisch den Mund. »Meine Jacht, Sennor,« sagte er – »liegt in dem Hafen von Carthagena, wohin ich mich ohnehin morgen zu begeben dachte. Ich freue mich, dahin so gute Gesellschaft zu finden und lege Euer Majestät meine Dankbarkeit für das gnädige Urteil zu Füßen!«

Er machte eine tiefe Verbeugung und verließ, von dem Offizier und Seespinne gefolgt, den Salon, ohne auch nur einen der Anwesenden eines weiteren Blickes oder Grußes zu würdigen.

»Meine Herren,« winkte die Königin – »ich bedarf sehr der Ruhe! Sie sind entlassen!«



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