Wilhelm Raabe
Vom alten Proteus
Wilhelm Raabe

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Drittes Kapitel.

Wo steckst du, Ernesta?«

Tief, tief im Jammer der Welt und zwar mit ihrem Verlobten, wie sie meinte; und wir wenden uns jetzt zu dem Onkel Püterich und erfahren, worin er eigentlich steckte.

Ohne Zweifel in seiner Haut; aber wenn man die dreist eine alte nennen durfte, so war man leider nicht in demselbigen Maße berechtigt, sie als eine gute zu bezeichnen.

Ihn eine alte gute Haut zu nennen, wäre das Non plus ultra phantastisch übertreibenden Wohlwollens gewesen. Es fiel dieses der Menschheit aber auch gar nicht ein; ebensowenig, wie sie ihm aufs Wort glaubte, daß er nur deshalb so eilig seine Nichte mit seinem Freunde verheiraten wolle, weil er das brennendste Bedürfnis fühle, zwei Menschen so schnell als möglich so glücklich als möglich zu machen.

Und doch war dem so! Und der erste der beiden war er selber (daß er dann noch einmal kam und also im Grunde auch der zweite war, rechnen wir nicht); der andere war freilich sein Freund, der Herr von Magerstedt! Den Letzteren hätte übrigens vielleicht auch die Welt, und wenn nur am Hochzeitstage, einen glücklichen alten Sünder genannt. – –

Ziemlich in der Mitte der Stadt lag ein von den Zeiten angeschmauchtes und benagtes, ein in seiner Würde verwitterndes Patrizierhaus, in welchem Jahrhunderte durch die Püteriche als angesehene Besitzer geschaltet und gewaltet hatten, und in welchem der Onkel Püterich auch heute noch wohnte als der letzte Träger des Familiennamens, wenn auch nicht mehr als freier Eigentümer der anstaunenswerten Gebäudezusammenhäufung, genannt der Püterichshof. Der Onkel wohnte zur Miete drin und sein Freund, der Herr von Magerstedt, auch. Jetzige Besitzerin des »Komplexes« war die große, weit über die Meere berühmte Firma Aldenberger und Kompanie, die nur ein solches oder ähnliches Haus für ihr umfangreiches Speditionsgeschäft gebrauchen konnte, jedoch ihre überzähligen Räumlichkeiten gern an allerlei zahlungsfähiges Volk vermietete und den Onkel, den Freund und sonderbarerweise auch unseren Freund Hilarion dazu rechnete. Der letztere freilich wohnte im Hintergebäude – wie schon bemerkt, mit der Aussicht über den Hof auf die Hinterfenster des Barons, wobei aber als Glücksfall für ihn zu notieren ist, daß die große Firma Aldenberger & Co. nichts von dem Genuß ahnte, den ihm diese Aussicht gewährte. Daß sie ihn andernfalls nicht gesteigert hätte, ist nicht anzunehmen.

Das Haus oder die Villa der Eltern der jungen heimtückisch Verlobten lag im Grünen an der äußersten Grenze des elegantesten Teiles der Stadt. Das Gitter, das darum ging, kennen wir bereits; aber auch die Nachtigallen sangen um die Villa her; von fernen Wiesen kam sogar dann und wann ein Heugeruch: der junge nichtswürdige Verlobte nahm von dem Gartengitter stets einen Hauch der Idylle mit nach Hause, und das alles – tut selten viel zur Sache und in vorliegendem Falle gar nichts; wir verfügen uns eben in die Wohnung des Onkels Püterich im weiland Püterichshofe. Heu wird da zwar auch gemacht, aber wahrlich nicht bloß, um es zu riechen!

Es war am Nachmittag, und die Sonne lag auf den Fenstern, doch der alte Baron hatte die Gardinen niedergelassen. Aus den Gassen tönte das mannigfaltige Geräusch des geschäftigen Menschengetriebes in das weite, bis zu halber Mannshöhe mit altersschwarzem Eichenholz getäfelte Zimmer, welchem dann eine alte schwarzblaue Ledertapete auch weiter keine Heiterkeit verlieh, was dagegen nach Kräften eine wunderliche Bildergalerie farbiger Kupferstiche des 18. Jahrhunderts (gerade nicht von der dezentesten Art) tat. Der sonstige Hausrat stammte wohl aus dem 19. Säkulo, jedoch sehr aus dem Anfang desselben. Er hatte etwas »Griechisches« an sich, so wie das französische Direktorium und noch mehr das französische Kaisertum sich eben dieses »Klassische« dachte.

Etwas Griechisches hatten die beiden würdigen Herren, die da mit einem Schachbrett zwischen sich und ihre Schnupftabaksdosen neben sich an dem Tischchen mit den drei geschweiften Bocksbeinen und Löwentatzen saßen, nicht an sich; aber Klassiker in ihrer Art waren sie. Sokrates, Plato, Aristoteles und Perikles hätten ihnen darin kaum einen Bauer, geschweige denn einen Turm vorgeben dürfen.

Wenn der Onkel Püterich einen grünen Pappschirm über den Augen trug, so geschah das nur, weil er als antiker abgefeimtester Weltweiser zu scharf sah; und wenn der Herr von Magerstedt, sein Freund, in einem trotz der Hundstage sehr dick gefütterten Schlafrock die Treppe zu seinem Freunde emporgestiegen war, so hatte das seinen Grund einfach darin, daß er so viel als möglich von den Trümmern einer alkibiadeischen Welt von liebenswürdigster Persönlichkeit für eine junge Frau zu konservieren wünschte. Zu präsumieren ist, daß Alkibiades in seinem – des Herrn von Magerstedts – Alter und mit den Rheumatismen desselben behaftet auch wohl einen flanellgefütterten Schlafrock getragen haben würde.

»Schach!«

»Hm, die Geschichte steht übel für mich,« sagte der Baron verdrießlich. »Aber ein kluger Mann findet immer noch Rat. Da! – jetzt wahre dich, mon cher

»Noch einmal Schach, mein Bester!«

»Hm, hm!«

»Ich glaube, mein Bester, ich darf matt hinzufügen; aber ich lasse dir mit Vergnügen Zeit, auf einen Ausweg zu sinnen.« Er nahm eine Prise, kicherte stillvergnügt und fügte hinzu: »Ich meine, du kennst mich in der Beziehung.«

Der Baron nahm ebenfalls eine Prise, immerfort die Elfenbeinfiguren im Auge behaltend.

»Hm, hm, hm; – ja, ich kenne dich, mon bon. Also keine Rettung? Na, übrigens hast du den jetzigen Sieg nur meiner Zerstreutheit zu danken. Hättest du mich vorhin den fatalen Zug mit dem Läufer, wie ich dich bat, zurücknehmen lassen, so –«

»So hätte ich eine größere Dummheit begangen als du. Alter Freund, ich glaube, wir sind beide in der Lebenskunst so weit fortgeschritten, daß wir niemanden eine Sottise revozieren oder redressieren lassen, wenn sie uns von Nutzen ist. Was ich nicht glaube, ist, daß du dich des Falles erinnerst, in welchem du deinerseits mich einen leichtsinnigen Zug zurücktun ließest. He, Püterich?«

Sie kicherten nun beide und wechselten die Dosen miteinander, das heißt sie boten den Inhalt derselben einander an. Obwohl sie Gastfreunde waren, wußte Glaukos in diesem Falle sich wohl davor zu hüten,

– – – – – – – – – – – – – – – – – »daß er ohne Besinnung
Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen,
Wechselte, hundert Farren sie wert, neun Farren die andren.«

Der Freund Magerstedt führte nämlich eine goldene Dose, und der Freund Püterich eine silberne, und so dumm wie hundertundneun Ochsen ist doch nicht immer ein Freund. Wie zwischen Gastfreunden, so ist zwischen Schnupfern ein derartiger Tausch ungemein selten. In der Ilias kommt der Fall nur ein einziges Mal vor und in diesem vorliegenden Opus und Epos gar nicht.

Mit voller Besinnung, die freilich von einem anderen Standpunkt aus genommen an das Gegenteil grenzte, fragte jetzt der Herr von Magerstedt:

»Nun, wie ist es?«

»Du meinst eine neue Partie?«

»Nein!« sagte der Freund, alle die das bunte diplomatische und kriegerische Spiel der Menschen bedeutenden Püppchen zusammenschiebend und sie, drei Hände voll, in ihrem Kästchen aufhäufend. »Nein und ja, mon vieux! Eine – die neue Partie; – aber nicht auf diesem Brett. Du verstehst mich?«

Der alte Baron verstand ihn auf der Stelle und erwiderte eifrig, hastig stotternd:

»Ja so! O, da sei nur ganz ruhig. Du kriegst sie, und sie nimmt dich. Ich habe dir mein Wort gegeben, und Kavalierparole ist mir immer noch heilig, der erbärmlichen Krämerwelt, in der wir zu leben haben, zum Trotz. Hast du nicht mein Wort, Magerstedt?«

»Jawohl, dein Wort besitze ich, Püterich, aber schon seit längerer Zelt; und jetzt ist wiederum ein Jahr hingegangen, ohne daß du es eingelöst hast. Bedenke, Püterich, daß du auch von mir allerlei in Besitz hast – wir wollen mal sagen leihweise. Und bedenke, daß auch das liebe Mädchen, meine gute kleine Ernesta, immer älter wird. Man wird nicht jünger, Püterich! – Püterich, man wird nicht jünger!«

Auf das Wort von dem Älterwerden des lieben Mädchens hatte der Baron den grünen Augenschirm mit einem Ruck in die Höhe geschoben, der alles sagte. Eine geraume Zeit starrte er wortlos den Freund im wattierten Schlafrock an, aber keine Miene, kein Zug in der dürren gelben Visage ihm gegenüber deutete darauf hin, daß der klassische Hüstler einen antiken Scherz mache. Und der Herr von Magerstedt machte auch durchaus keinen Scherz. Es war ihm bitterer Ernst, und dem Onkel Püterich blieb nichts übrig, als noch mehr zu erstaunen und dann zu stottern:

»Das Kind – mei–ne Nichte ist – achtzehn – höchstens neunzehn Jahre!«

»Und wird zwanzig! Bleibt keine achtzehn oder neunzehn!« erwiderte mit wahrhaft ungeheuerlicher, dumpf-nachdrücklicher Überzeugtheit der andere der lichtscheuen Euleriche. »Püterich, man wird nicht jünger! – Man wird nicht jünger, lieber Püterich!« Noch nachdrücklich-dumpfer setzte er dann hinzu: »Auch verleiht man seine Kapitalien und seinen Kredit nicht bloß, um einem alten Freunde einen Gefallen zu tun. Seinen eigenen Kredit wünscht man wenigstens gleichfalls dadurch zu erhöhen, und wenn es auch nur vor dem eigenen guten Herzen wäre.«

Was der Baron von dem Herzen seines Freundes hielt, wollen wir dahingestellt sein lassen. Seit der letztere mit seinen Anspielungen auf Kredit und Kapital herausgerückt war, hatte der Baron ein unruhig Hin- und Herrücken auf seinem Sitze begonnen; jetzt setzte er sich wieder fester, klopfte mit der Dose auf den Tisch und rief:

»Du hast sie innerhalb eines Vierteljahres – parole d'honneur! Vor acht Tagen schon habe ich meinen Trumpf ausgespielt und an der betreffenden Stelle die Nadel am kitzlichsten Punkt eingebohrt. Ich habe den guten Eltern unseres lieben Kindes ihren Standpunkt in bezug auf meine Erbschaft klar gemacht –«

»He he, he, du Tausendsasa!«

»Lache nicht, Magerstedt. Du hast mir nicht umsonst deinen Kredit geliehen. Papa und Mama haben mit selbst mich überraschender Eile Vernunft angenommen; unserem – unserem jungen Nachbar jenseits des Hofes ist das Haus verboten worden. Morgen ist Sonntag, das Wetterglas steigt immer noch; ohne eine Erkältung fürchten zu dürfen, gehen wir im Frack hin und machen unsere Aufwartung. Du sollst dir das Jawort der Kleinen holen – das der beiden Alten hast du; und meinetwegen – magst du – am Montag – Hochzeit – halten!«

»Montag wird nicht wochenalt,« kicherte der Herr von Magerstedt, sich die Hände reibend. »Wir werden sehen, wir werden sehen! Aber ein Teufelskerlchen bist du und bleibst du, Püterich. Wir sind beide Teufelskerlchen. Aber siehst du, daß ich mit dem Kredit recht hatte! Wenn ich als dein Freund, dein einziger, wirklicher, wahrer Freund nicht wüßte, was du wert bist, so möchte ich schon aus alter Anhänglichkeit die Gesichter nicht sehen, die dir die Stadt schneiden würde. Da hast du abermals meine Hand darauf, ich werde dich noch höher in der Achtung der Welt steigen lassen. Ich werde noch um ein Bedeutendes von dir besser reden. Dein Kredit – dein Kredit! Deine Erbschaft – deine Erbschaft! Es ist zu himmlisch, zu originell!«

Der Baron hatte wieder wie vorhin keine Ruhe auf seinem Sitze, aber nicht aus innerlichstem Behagen. Er versuchte es zwar, auch in das kreischende Lachen des Freundes einzustimmen, aber es kam blechern, merkwürdig blechern heraus, und er gab's auf und sagte:

»Der größeren Sicherheit und Vorsicht halber werde ich jedoch, wenn du nichts dagegen hast, noch einen Besuch in der Villa machen.«

»Dagegen hast? Nicht das geringste habe ich einzuwenden. Ganz im Gegenteil werde ich dir mit Vergnügen in den Überrock helfen und dir eine Droschke besorgen. Eile, mein Söhnchen! Ich habe ihr das Stübchen nach dem Hofe, wie du weißt, eingerichtet, daß eine Prinzessin drin sich behaglich fühlen müßte. Das Nestchen ist zwar ein wenig dunkel, und die Aussicht geht gerade nicht ins Grüne, allein was braucht sie auch ins Grüne zu gucken. Auf mich soll sie sehen, und sie wird es um so zärtlicher tun, je weniger die Außenwelt sie von ihrer Aufgabe, mich glücklich zu machen, abzieht.«

»Aber die Fenster deines Hinterstübchens korrespondieren mit denen des Assessors!« warf der Baron ein. »Auch der junge Mann gehört zur Außenwelt und in deiner Stelle –«

»Da ich ihn leider nicht in die Unterwelt befördern kann, so habe ich längst mit Aldenberger und Kompanie gesprochen. Er zieht aus, ehe mein süßes junges Weibchen einzieht. Hieltest du mich wirklich für so dumm, Püterich?«

»Jetzt bleibt nichts weiter übrig: ich muß mich zeigen!« sagte das Gespenst des Hauses. »Es ist zwar ganz gegen meine Natur, aber es geht nicht anders. Du ersparst mir auch das nicht, Philibert, und ich werde mich – andeuten!«

Ein Nagel löste sich plötzlich ohne alle äußere Einwirkung aus der Wand los, und ein Bild – das Brustbild einer vor fünfundzwanzig bis dreißig Jahren in mehr als einer Beziehung berühmten Künstlerin der königlichen Bühne fiel herab. Das Glas zersplitterte, der Rahmen zerbrach und verstreute Wurmmehl über den Boden. Die beiden trefflichen alten Knaben fuhren im jähesten Schrecken in die Höhe.

»Zum Henker, wie kam denn das?« fragte der Baron Philibert Püterich, unter seinem grünen Augenschirm hervor die Trümmer überblinzelnd.

»Ganz natürlich; in einem solchen alten Kasten von Gebäude hält zuletzt nichts mehr!« meckerte der Freund, seinem Nervensystem durch die Nase, das heißt durch eine von uns nicht gezählte Reihenfolge von Prisen zu Hülfe kommend.

 


 


 << zurück weiter >>