Peter Prosch
Der freiwillige Hofnarr
Peter Prosch

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Dreizehntes Kapitel

Reise nach Paris. – Die französische Diligence. – Ich hungere und muß fürs Essen zahlen. – Schlechte Nacht mit einem Franzos in einem Haspelbett. – Gutes Leben beim Marggrafen von Anspach in Paris. – Versailles. – Audienz bei der Königin Marie Antoinette. – Heimkehr nach Deutschland. – Der Fürstbischof von Regensburg möchte meine Pariser Avanturen hören und von mir französisch lernen. – Daheim bin ich das Wundertier, das ich in Paris war. – Zum Schluß: ich lach über Schlösser.

Ich hatte aber im Taxach bei meinem Zapflwerk und Brandweinhüttel wenig zu tun, und konnte meinem Handel und Wandel nachleben, wie ich wollte: ich kaufte daher zu Innspruck Handschuhe ein, und reiste wieder.

Ich ging nach München, und kam zu Fürstenried bei meiner Kurfürstin an: wir waren recht wohlauf, bis die Kurfürstin nach Starenberg auf die Jagd gehen wollte; ich sollte auch dahin gehen; allein unversehens erhielt ich einen Brief von Anspach, in welchem man mir die Nachricht erteilte, daß der Marggraf mir schon vor vier Wochen durch meine Schwägerin Lucia habe zu wissen machen lassen, er werde den 12ten Weinmonat nach Paris reisen, und, wenn ich mitkommen wollte, ich in Anspach erscheinen sollte.

Ich zeigte der Kurfürstin den Brief, welche mir sagte: wenn dich der Marggraf mitnimmt, so kann es dir nicht fehlen; vielleicht bist du glücklich; wenigstens kannst du vieles sehen. Ich packte also zusammen; die Kurfürstin und alle übrigen wünschten mir Glück, und sagten, ich sollte nur nicht gar zu französisch zurückkommen.

Ich kam zu Drießdorf beim Marggrafen glücklich an; ich küßte ihm die Hand, und entdeckte ihm mein Verlangen, Paris zu sehen. Er sagte lächelnd: auf mein Wort, du sollst es sehen.

Er trat wirklich in einem viersitzigen Wagen die Reise nach Paris an; ich hatte aus gewissen Ursachen keinen Platz dabei; er versprach mir aber, aus Straßburg zu schreiben, wann ich nachkommen sollte.

Der Abschied war betrübt; er reisete fort; die Marggräfin ging nach Schwaningen, und ich mit ihr: wir waren daselbst über drei Wochen, bis endlich die Nachricht kam.

Es war zu Ende Oktobers, und fing schon an ziemlich kalt zu werden. Die Kavalier wollten mir also für diese weite Reise einen Pelz machen lassen: der Herr von Discau berief einen Kürschner von Wasserdritting, der mir den Pelz anmessen sollte: man handelte um 14 fl. aus, und in acht Tagen sollte er fertig sein; aber nach 8 Tagen kam erst ein Bot, der mich fragte, ob der Pelz schwarz oder weiß sollte ausgeschlagen sein. Der Herr von Discau antwortete, er solle ihn nur also verfertigen, wie jener war, den er gesehen hätte.

Bei der Marggräfin zu Schwaningen befanden sich der Herr Oberamtmann von Freyenberg, Herr von Eib, und Discau; diese plauderten mir von der Bastille zu Paris den Kopf voll an, und behaupteten, daß, wenn ich dahin ging, ich gewiß in die Bastille kommen würde. Eben um diese Zeit war Madame de la Motte darinnen. Bei diesen Reden fing mir der Appetit und die Begierde, Paris zu sehen, ziemlich an zu vergehen: ich hatte keine große Lust mehr, zudem kam der Kürschner von Wasserdritting wieder, der mich fragte, ob der Pelz von vorne, oder von hinten aufgehen sollte. Alles dieses machte mir Grillen in den Kopf, und ich hielte es für üble Zeichen.

Da kam aber vom Marggrafen aus Paris die Nachricht an die Marggräfin, ich sollte alsogleich nachkommen, er habe schon zu Straßburg bei Monsieur Deutsch die Diligence für mich bezahlt. Ich fragte also die Marggräfin im Ernste, was ich tun sollte; sie lachte, und sagte: tu du, was dir der Marggraf schafft; er hat dich gern, und es wird dir nicht übel gehen.

Ich küßte ihr die Hand, und sie gab mir an den Marggrafen einen Brief mit: Pelz hin, Pelz her! ich ging nach Anspach, und kaufte bei dem Kaufmann Löw statt des Pelzes einen Mantel, den die Herren Kavalier hernach zahlen mußten. Der Bankier Feyerl gab mir ein Kistl mit weißem Zeug und Servietten gefüllt für den Marggrafen mit, wie auch eine Adresse an Monsieur Frank in Straßburg, und an Monsieur Selonf in Paris: sie waren meine Bankier, wenn mir etwas fehlen sollte.

Ich nahm 6 Dutzend schöne weiße Frauenzimmerhandschuhe, und meinen rot und grün mit Gold bordierten Fürsttaxischen Uniform, samt einiger weißer Wäsche zu mir, und fuhr auf dem Postwagen im Namen Gottes über Stuttgart und Radstadt nach Straßburg.

Ich ging alsbald zum Monsieur Frank, der sich sehr über meinen tyrolischen Aufzug, und die gute Bekanntschaft mit dem Marggrafen verwunderte; er machte meine Sachen bei dem Mautamte richtig, wo ich für die 6 Dutzend Handschuhe 42 Livres bezahlen mußte: er gab mir auch Geld zur Zehrung, weil ich sah, daß ich mit dem meinigen nicht auslangen würde.

Dem Prinz Max von Zweibrücken erzählte ich mein Vorhaben, nach Paris zu reisen; er lachte darüber, und fragte: kannst du französisch?

Nein, kein Wort.

Da wird was schönes herauskommen; was willst du darinnen machen?

Ich will der Königin Handschuhe geben.

Da kann ich dir helfen: ich gebe dir einen Brief an den Duc de Polignac mit; denn seine Frau ist Gouvernante du Dauphin: diese kennt mich gut, und kann dir verhülflich sein, daß du zur Königin kommest. Ich blieb einen Tag und zwo Nächte in seinem Palast: wir waren recht lustig; denn seine Gemahlin hatte mich auch gern. Ich ging alsdann zum Monsieur Deutsch im schwarzen Raben, der mich gleich kannte, und mir zu essen gab: ich mußte ihm vieles von dem Marggrafen erzählen, der für mich schon alles bei ihm bezahlt hatte.

Am Dienstage um 5 Uhr frühe ging die Diligence ab; aus den zehn Personen, die sich darin befanden, verstand der Kondukteur allein etwelche deutsche Wörter, ich aber kein französisches Wort. Wir kamen nach Zabern und Pfalzburg, wo man zu Mittag speisete. Beim Essen ging alles durcheinander; ein jeder schöpfte sich heraus, was ihm beliebte: ich wollte nicht grob sein, und getrauete mir nicht etwas zu nehmen, sondern wartete, bis man mir vorlegen würde; aber da durfte ich lang warten: kein Mensch gab mir etwas, sie aber fraßen und soffen, wie Luder. Es wurde eingespannt, man mußte bezahlen, die Person drei Livres. Ich war voll Hunger und Durst: eingespannt und abgefahren nach Sarburg, St. Nicolas, und andere Örter, die ich nicht mehr zu nennen weiß. Endlich kamen wir nach Nancy, eine große schöne Stadt. Das Mittagessen war noch nicht fertig; ich ging daher geschwind ein wenig in der Stadt und den Hauptgassen herum, etwas zu sehen: ich kam auf den großen Platz Royal, da sah ich schöne Statuen, Paläste, und das überaus große und schöne Rathaus. Die Zeit ging geschwind herum; meine Auberge konnte ich bald nicht mehr finden. Endlich kam ich hin, und es war schon wieder eingespannt; kaum ließ man mir Zeit meine drei Livres zu bezahlen: man fragte mich aber nicht, ob ich gefressen, oder nicht. Eingesessen und fortgefahren.

Um 10 Uhr nachts kamen wir nach Chalons in Champagne. Die Wirtin war eine große, starke, dicke Frau: ich hatte noch zwei Karolins in meinem Beutel und dachte mir, wer weiß, wie es dir in Paris ergehen wird; ich will also sparen, und heut zu Nachts nicht essen; ich gehe auch um 24 Sols nicht ins Bette, weil es ohnehin bald 11 Uhr ist, und man um 3 Uhr abfährt, sondern ich bleib beim Kamin sitzen, trinke eine Bouteille Wein, und esse mein Brot; ich fragte: Madame! was kostet eine Bouteille Wein? – Monsieur! vingt sols. – Bring mir eine Bouteille Wein und Brot.

Die andern Passagier waren beim Tische, aßen und tranken brav darauf, und ich verzehrte in einem Winkel meinen Wein und mein Brot. Sie gingen schlafen; die Frau kam zu mir, und sagte: Monsieur! voulez vous dormir?

Nä; ich bleib da sitzen, und gehe nicht ins Bette.

Non, non, Monsieur! auch dormir. Ich gab ihr ein drei Livres-Stückl, und sagte: gib mir heraus!

Eh bien, Monsieur! du mußt payer d'avantage.

Warum dann, du S..Leder! hast du nicht gesagt, die Bouteille Wein kostet vingt sols?

Ich machte sie aus, wie es mir ins Maul kam. Sie aber lachte darüber, und sagte: Oui, Monsieur! für Bouteille Wein, und manger, und boire, und table d'hôte, und dormir mach quatre livres, cinq sols. – Im Zorn sagte ich: du maitre Can ...! ich hab nichts gefressen und getrunken, und will auch nicht schlafen, warum soll ich so viel bezahlen? So viel ich verstand, sagte sie: ob ich esse, oder nicht, wer mit der Diligence kommt, muß halt bezahlen. Ich sagte: so will ich auch fressen! Sie brachte mir noch etwas; ich mußte bezahlen, was sie verlangte, und wider meinen Willen ins Bette gehen, wenn ich nicht Schläge darzu haben wollte. Frühmorgens fuhr man wieder ab, und wir kamen endlich an einem Sonnabend den I7ten Novemb. Anno 1736 um 9 Uhr abends in Paris an. Eine ganze Stunde fuhren wir durch die Vorstadt bis zur Porte St. Martin: da sperrte ich Maul und Augen auf; ich hörte in den langen Gassen, die mit großen Lampen behangen waren, nichts als das Geknirr, das Geschrei, und Gerassel der Wägen. O lieber Gott! nun reuete es mich das erstemal, daß ich aus Deutschland gegangen bin, und ich sah doch noch keine Bastille. Endlich kamen wir durch diesen Lärm im Hauptkontor der Diligence an. In einem Augenblick war abgepackt, und alles an seinem Ort: da stand ich, und mehrere als 50 Bursche um mich herum, von denen ich nicht verstand, was sie sagten, oder was sie wollten.

Endlich sah ich den Kondukteur, bat ihn, er möchte mich doch in ein Wirtshaus führen lassen: er sagte es einem von diesen Burschen, diesem mußte ich 12 Sols geben, und er führte mich ins hôtel grand Bourbon in der Rue Montmartre. Wir gingen hinein, und ein Weibsbild fragte mich: Eh bien, Monsieur, wo pletti loger & dormir? quatre livres. – Meinetwegen, ich kann nicht helfen: gib mir eine Bouteille Wein und Brot. Sie brachte es mir, ich aß und trank, wußte aber nicht, wie mir geschah: ich zahlte, und wollte schlafen gehen.

Ein Weibsbild nahm ein Licht, führte mich und ein anders Mannsbild über vier Stiegen in ein Zimmer, in welchem nur ein einziges Haspelbett unter einem rottüchenem Baldakin war: das Mensch ging ihre Wege, der Franzos zog sich aus, und legte sich ins Bette, ließ mir aber einen Platz übrig; ich zog auch Stiefel und Rock ab, löschte das Licht aus, und legte mich mit Furcht und Zittern, aus Sorge, er möchte mich umbringen, neben ihm ins Bette. Er fing mit mir zu diskurieren an; vielleicht hat er mich gefragt, woher ich käme, wer ich sei, und dergleichen: er erzählte mir noch allerhand Sachen, wovon ich doch kein Wort verstund; ich sagte nur immerdar: Woi Monsieur, woi Monsieur. Er mag es gemerkt haben, daß ich nichts verstand; endlich tat er ein paar recht grober Grölzer. Ich dachte mir, er hat gewiß einen Rausch, vielleicht wird er noch speiben müssen: ich rückte also weiter von ihm weg; die Bettstatt bekam aber das Übergewicht, und ich fiel auf den Boden hinaus; der Franzos kam nach, die Bettstatt war halb um, Rouleau, Decke, und und Matratze lagen auf dem Boden.

Nun fingen wir zu fluchen an, ich auf deutsch, und er auf französisch; ich hörte nur immer: F... B... garçon alemand, baisez mon cul! Ich sagte: S... sch..., wer hat es dir befohlen, daß du auch herausfallen sollst; doch aus Furcht, er möchte mich umbringen, dachte ich auf das, was mich die Frau von Ostitz gelehret hat, und was ich sagen sollte, wenn ich mit jemand Händel bekommen würde; ich sagte dann immer: Mi pre pardon, Monsieur! mi pre pardon. Er sah, daß mir leid war, und daß es nicht mit Fleiß geschehen sei. Wir stunden also auf, hoben die Bettstatt auf, richteten das Bett in Ordnung, und legten uns wieder zusammen. Er brummte noch eine Weile fort, ich schlief aber die ganze Nacht hindurch keinen Augenblick lang.

Sobald es Tag ward, ging ich auf die Gasse, und glaubte, ich werden den Marggrafen alsbald erfragen. Ich fragte einen: Monsieur! wo logiert der Marggraf von Anspach?

Quesquedit?

Monsieur! wo logiert der Marggraf von Brandenburg, Anspach?

F... B... alemand und er ging seine Wege.

Ich stund da, und betrachtete meinen elenden Zustand. Gähling kam ein Mann mit zween Wasserkübeln hinter mir her; ich war in meinen Gedanken vertieft, als er erbärmlich schrie: à l'eau, à l'eau! ich machte einen Seitensprung, weil ich nicht wußte, was es wäre. Bald darauf sah ich einen Menschen mit einer Portechaise auf Rädeln daherfahren; ich wich vielleicht zu wenig aus, er gab mir also mit seinem Ellenbogen einen so starken Stoß in die Rippen, daß ich übern Haufen fiel: ich blieb auf der Erde sitzen, und sah ihm nach; er aber fuhr den graden Weg fort. Ein so grobes Volk hab ich nie angetroffen: ich dachte mir, wenn es so fortgeht, hab ich Paris bald genug gesehen; aber, warum bliebst du nicht in Deutschland?

Ich ging hernach bei einem Koffeehaus vorbei, wo an einem Fenster geschrieben stund: Deutsche Zeitung. Da ließ ich mir Koffee geben, und gab Obacht, wer diese Zeitung las: ich sah ihn, grüßte und fragte ihn, ob er mir nicht ein deutsches Wirtshaus zeigen könnte? Hier, sagte er, rechter Hand das fünfte Haus ist das hôtel de Bavière, in welchem ein deutscher Wirt ist. Wie froh war ich auf diese Nachricht; ich zahlte den Koffee, ging dahin, und ließ mir eine Bouteille Wein einschenken; dem Wirt erzählte ich, wie es mir ergangen wäre, wer ich sei, und warum ich in Paris wäre.

Er war von Mindelheim gebürtig, und sagte mir: sei du froh, daß du bei mir bist; ich gebe dir ein eigenes Zimmer, und du darfst mir täglich nur 1. fl. zahlen; das übrige wollen wir auch schon in Ordnung bringen.

Die Adresse an Herrn Bankier Selonf hab ich aus Vergessenheit bei Herrn Frank in Straßburg gelassen: ich fragte also den Wirt um den Marggrafen und seinen Bankier; er wußte mir aber weder von einem, noch dem andern etwas zu sagen: ich bat ihn, mir einige aus den Bankiers zu nennen; unter andern nannte er den Monsieur Selonf: ja, sagte ich, der ist's. Nun ist es gut, erwiderte der Wirt, er logiert nicht weit von dem wälschen Spektackel.

Montags frühe ging ich in ein geradehinüber gelegenes Koffeehaus, in welchem ein deutsches Mädl von Straßburg war, die ich kannte: ich trank Koffee, unterhielt mich mit ihr und ging in mein Wirtshaus zurück.

Am folgenden Tage trank ich wieder bei ihr Koffee; um 9 Uhr aber schickte mein Wirt um einen Fiaker, der mich zum Bankier Selonf führen sollte: ich mußte ihm 36 Sols bezahlen. Wir fuhren unter einem beständigen Gewühl und Geschrei eine Gasse hin, die andere her bei anderthalb Stunden. Der Fiaker, weil er den Namen vergessen hatte, fragte mich, wohin er fahren sollte? ich wußte es auch nicht; er verstand mich nicht, und ich ihn auch nicht; er fing auf dem Bock an zu fluchen, und ich in der Kutsche zu weinen. Endlich hab ich ihm so viel sagen können: Monsieur! retournarete la auberge. Wir kamen also durch ganz andre Gassen nach 3 Stunden wieder in das alte Wirtshaus; der Wirt zankte freilich mit ihm, er aber fluchte, und fuhr davon.

Nun schickte der Wirt einen Kommissar mit mir, mit dem ich zu Fuß, wiewohl in größter Furcht, zu Monsieur Selonf ging; dieser ließ mich alsbald zu sich kommen, und sagte mir in deutscher Sprache, der Marggraf habe schon zweimal meinetwegen Nachfrag gemacht, er habe einen eigenen Palast, und logiere außer der Barriere auf einer Menagerie zu Issi: er gab mir ferners eine Bouteille Burgunderwein und Brot, und verwunderte sich sehr über meinen Aufzug; er schickte auch einen seiner Bedienten samt dem Hausknecht nach dem Mautkontor, um meine Sachen abholen zu lassen. Während dieser Zeit mußte ich ihm allerhand Sachen erzählen, und ließ mir dabei den Wein schmecken. Als meine Sachen von der Maut angekommen, bestellte er mir einen Fiaker, welcher mich zum Marggrafen führen sollte.

Da wir in der Vorstadt St. Germain bei einem Wirtshaus vorbeifuhren, taumelte ein besoffener Mensch zur Haustür heraus; er fiel, und kam unter unsre Pferde; das vordere Rädl ging ihm über das dicke Bein: alsbald liefen viele Leute zusammen, die uns arretieren wollten. Ich war schon bereit zum Schlag herauszuspringen, und davonzulaufen; denn ich bildete mir ganz sicher ein, daß ich in die Bastille werde geführt werden: aber mein Kutscher hielt mich zurück, und sagte mir: l'excus, Monsieur, l'excus. Sie zogen den Mann heraus, stellten ihn auf, sahen aber, daß er besoffen wäre, und nicht stehen konnte; mithin ließ man uns weiter fahren, und endlich kam ich in dem Palais des Marggrafen an.

Sein Kammerdiener, Thomas, war der erste Bekannte, den ich sah; er embrassierte mich vor Freuden. Der Reisestallmeister, Abraham, ging gleich mit mir ins Wirtshaus, wo wir aßen und tranken; da wir ins Schloß zurückkamen, empfing mich der Kammerherr von Wellwart mit vielen Freuden, und sagte: es ist mir nur leid, daß der Marggraf noch nicht zu Hause ist; du siehst schon erbärmlich französisch aus; wie bist du dann nach Paris gekommen? Herr Vetter, sagte ich, heut nichts von meiner Reise, ich habe der Ruhe vonnöten. Man wies mir ein Zimmer an, ich zog mich aus, legte mich nieder, und blieb zwo Nächte, und ein und einen halben Tag in der Ruhe liegen.

Der Marggraf schickte mir zweimal eine Suppe; ich konnte aber vor starkem Schlafe, und vor großem Vergnügen, daß ich noch lebendig aus Paris gekommen und nun in Sicherheit wäre, kaum danken. Endlich erhob ich meinen Leib, zog mich ganz frisch an, und ging zum Marggrafen; er zeigte mir eine große Freud, gab mir aber zugleich einen kleinen Verweis, daß ich so lange ausgeblieben bin. Ich überreichte ihm den Brief von der Markgräfin, und erzählte ihm alle meine gehabten Fatalitäten, worüber er nicht wenig gelacht hat; er sagte mir: nun bist du bei mir zu Paris, sei also ruhig und wohlauf.

Es wurde mir alsbald meine Kost angeschaffen, und befohlen, daß ich nicht allein ausgehen sollte: der Kammerherr von Wellwart lieh mir Geld, so ich aber nicht mehr zu bezahlen gedachte, weil mir der Marggraf solches zu entlehnen erlaubt hatte.

Alle Tage sollte ich in der Stadt etwas neues sehen, damit ich, wenn ich nach Deutschland zurückkäme, vieles zu erzählen wüßte. Ich ging dann alle Tage mit einem aus seinem Gefolge in die Stadt; ich sah daselbst die prächtigsten Plätze und Palais: ich kam öfters ins Palais royal, welches ich nicht genug beschreiben kann; da gleicht es einer immerwährenden Messe, wo man immer einige tausend Menschen Tag und Nacht spazieren gehen sieht. Ich kam in die französische und wälsche Opera auf dem Boulevard, und in allerhand Komödien und Spektackel beim Nicolet; ich sah die Kirchen Nôtredame und S. Genevieve, das Invalidenspital, die Bastille in der Insel, und andre vornehme Kirchen und Gebäude: wir gingen auch bisweilen in deutsche und französische Wirtshäuser, und sahen schöne – – – . Zu Nachts fuhren wir mit einem Fiaker nach Hause, wo ich für uns alle bald einen Kalbsschlegel, bald Fleischknödeln, oder Kässpatzen zurichtete: ein jeder hatte eine Bouteille Wein und Brot für einen Sols, und so saßen wir bei unserm Souper in großer Herrlichkeit, bis der Marggraf nach Hause kam, dem ich alsdann erzählen mußte, was ich gesehen hab, und was den ganzen Tag hindurch Herrn, Geld, Essen und Trinken genug, und keinen geschehen ist. Auf solche Art hatte ich einen guten Dienst, und nichts zu besorgen dabei: diese waren meine besten Tage in meinem Leben, ich werde auch dergleichen nicht mehr bekommen.

Den 12ten Dezember ging der Marggraf und Herr von Wellwart nach Versailles; ich gab ihm den Brief vom Prinz Maxen an den Duc de Polignac, und bat ihn, er möchte meine Gesandtschaft gut ausrichten, und mich rekommandieren; er tröstete mich, und abends um 4 Uhr kam er zurück; wir waren eben in der Garderobbe, als der Marggraf gleich beim Eintritt rief: Peterl! morgen sollst du nach Versailles gehen, die Königin will dich sehen.

Ich nahm also den folgenden Tag einen Fiaker; der Marggraf gab mir den Kammerlakei Luwin als Dolmetsch mit; ich nahm meine Handschuhe, ein Billett vom Marggrafen, und fuhr nach Versailles: ich fand aber den Duc de Polignac nicht zu Hause, und der Schweizer sagte mir, er käme erst um 5 Uhr zurück. Wir gingen unterdessen ins hôtel del Boeuf, wir aßen und tranken, um mir ein Courage zu kaufen. Um 6 Uhr gingen wir wieder zum Herzog; ich gab mein Billett ab, und er ließ mich alsbald mit meinem Dolmetschen zu sich kommen: er empfing mich ganz höflich, und sagte in französischer Sprache, die Königin komme heut ins Konzert, da wolle er mich aufführen, daß ich mit ihr reden könne. Ein Kammerdiener führte uns hernach durch etwelche Zimmer, stellte uns in einen schönen Saal, und gab mir ein kleines Tischel: ich packte meine 6 Dutzend Handschuhe aus, und wir blieben dabei stehen.

Mehr als 200 große Herrschaften, mit Geschmuck und Brillanten gezieret, versammelten sich. Ein vornehmer Herr nahm alsbald ein Dutzend Handschuhe, und wollte sie zum Präsent verehren; ich nahm aber eine nebenbei liegende Karte, und schlug ihnen sachte auf die Tatze, sprechend: laß sie liegen, die Handschuhe gehören für die Königin. Alle herumstehende lachten; er ließ die Handschuhe fallen, ging zurück, und lachte auch.

Ein großer Haufen stund um mich herum, sie betrachteten mich und meinen Aufzug: ich zog ungefähr meine Perücke herab, welche sie ehevor für meine natürliche Haare ansahen, und sagten: ce bon peruque du Wien. Der Duc de Guise, welcher ein wenig deutsch reden konnte, fragte mich, ob ich auch die Königin kenne: ich antwortete, daß ich sie noch in der Jugend zu Wien gesehen, und wohl gekannt habe.

Um halb 7 Uhr kam die Königin, von dem Comte d'Artois, dem Monsieur, und 7 oder 8 Damen begleitet. Sie war ganz schneeweiß gekleidet, und hatte eine schwarze Gürtel mit Brillanten um den Leib, einen schwarzen Hut, und 3 weiße Federn darauf. Alles stand in Parade; sie ging bei mir vorbei, ich machte meine Kniebeugung, und sie sagte zu mir: Grüß dich Gott, was macht meine Schwester zu Innspruck? ist sie wohlauf? – – Ja: und sie läßt dich schön grüßen. Nun war sie schon durch die Tür hinein, alle Herrschaften gingen nach, und ins Konzert.

Ich und mein Dolmetsch stunden da, und glaubten, es wäre schon alles vorbei; als ein Kammerdiener uns auch ins Konzert hineinführte. Es war große Musik; die Königin sang selbst zwo Arien. Während dieser Zeit wurden in dem Saal, wo meine Handschuhe lagen, Tische gestellt mit Koffee, Limonade, Tee, Konfekt, Obst, und allerhand Erfrischungen.

Das Konzert war zu Ende; wir gingen heraus, alle Herrschaften kamen nach, und endlich auch die Königin. Der Duc de Guise, als Schwiegersohn vom Hause, schenkte der Königin eine Tasse Tee ein, und präsentierte sie ihr: sie nahm solche, trank, und ging unter den Herrschaften herum. Der Comte d'Artois und mehrere Herren begleiteten sie. Endlich kam die Königin zu mir, und fragte mich französisch durch meinen Dolmetschen: Hast du meine Mutter gekannt?

Das glaub ich, sie hat mir ein Häusl bauen lassen, und ich hab ihr viele Jahre hindurch Handschuhe geliefert, da du noch ein kleines Diendl warest.

Habt ihr sie auch gern gehabt?

Ja, Königin! ein solches Weibsbild trägt die Erde nicht mehr, als unsre unsterbliche Kaiserin Maria Theresia gewesen ist: vom Größten bis zum Kleinsten hat sie alles geliebt; denn sie war eine wahre Mutter aller ihrer Länder, so, daß man sagt, sie wäre das beste Mensch auf der ganzen Welt gewesen: eine so gute Kaiserin bekommen wir nimmermehr; Gott tröste sie.

Die Königin sagte ferners: Das freuet mich.

Und mich noch mehrers, daß ich in dir das lebendige Porträt meiner Kaiserin sehe. Hier hast du ein paar Dutzend Handschuhe, nimm sie an.

Der Duc de Guise nahm und trug sie fort; die andre vier Dutzend nahmen der Comte d'Artois, und Duc de Polignac. Die Königin ging, ich machte meine Verbeugung, und der Duc de Guise brachte mir in einem Papier zum Präsent und Angedenken meine gute Bezahlung dafür.

Wir nahmen um 9 Uhr abends einen Fiaker, und fuhren nach Paris. Der Marggraf war noch nicht im Bette; ich mußte ihm dann alles erzählen, er zuckte die Achseln, lachte, und wir gingen schlafen.

An dem Christtage bekam ich vom Marggrafen einen neuen grün und rot mit Gold bordierten Uniform zum Christkindl: in diesem ging ich, wie andre Menschen, öfters durch die Stadt spazieren, und trank bald Koffee, bald Likör. Einige hielten mich für einen Jaquet, andre für einen Savoiard: bald war ich ihnen zu propre, bald sagten sie, ich hätte doch kein Schmieß an. Was vor mir war, blieb stehen, und was hinter mir war, lief mir nach, so, daß ich von einem Schwarm der Menschen umgeben war. Wer das Palais royal kennt, kann sich diese Menge Volks leicht einbilden, aber beschreiben kann ich es nicht.

Endlich hatte ich alles Sehenswürdige gesehen, meine wenigen Handschuhe waren verkauft, und ich sehnte mich wieder nach Deutschland: ich bat also den Marggrafen um die Erlaubnis, zurück zu reisen, und um einen Brief für die Marggräfin; allein es gingen wohl 8 Tage vorüber, bis er fertig wurde. Was ich an Geld bekommen, behielt der Marggraf, der mir einen Wechsel an den geheimen Kabinettssekretär Schmied mitgab, damit ich es in Anspach wieder erholen könnte. Was ich in Paris verzehret hatte, bezahlte der Markgraf, wie auch die Diligence, und er gab mir noch sieben Karolins Reisegeld mit. Wäre dieser Herr nicht gewesen, hätte ich fürwahr bei meiner Reise nicht viel profitiert. Er wollte, ich sollte auf ihn warten, um ohne Unkösten reisen zu können; aber ich wollte lieber in Deutschland zu meiner Marggräfin gehen. Er gab mir endlich den Brief an Höchstdieselbe; ich bedankte mich, und ging dem 17ten nach Paris. Die Kammerdiener gaben mir das Geleit bis zum hôtel de Bavière; wir tranken zum Abschied einige Bouteillen Wein, sie gingen zurück, und ich fuhr dem andern Tage auf der Diligence mit guter Gesellschaft von Paris ab.

Hätte ich nur ein wenig Französisch zu reden gewußt, welches zu lernen ich bei dem Marggrafen Gelegenheit genug hatte, wäre ich gewiß glücklich gewesen, und wäre von Paris so bald nicht weggekommen; aber wenn man gar nichts versteht, ist es zu hart.

Auf der Diligence befanden sich drei junge russische Kaufleute aus Petersburg, welche gut Deutsch redeten, ferners zween Offiziers, und zween Schweizer.

Nun schnaufte ich schon leichter, als ehevor, da ich in Frankreich reisete, weil ich nicht mehr Pantomime spielen durfte. Wir waren durcheinander ganz lustig, und kamen über Nancy nach Straßburg, Radstadt, Karlsruhe, Durlach, Stuttgart, Schwäbischgmünd, und endlich dem 13ten Tag auf dem Abend zu Anspach glücklich wieder an. Meine ganze Reise dauerte 3 Monate.

Dem andern Tage früh ging ich zu meiner lieben Markgräfin, welche eine überaus große Freude zeigte, mich zu sehen, und von ihrem besten Herrn eine Nachricht zu erhalten: ich übergab ihr den Brief, und erzählte ihr von einigen meiner Fatalitäten, worüber sie nicht wenig lachte, weil sie mein Courage kannte. Sie sagte: itzt mußt du ausruhen, und vier Wochen lang, bis auf den Geburtstag des Marggrafen, hier bleiben; welches auch geschehen.

Wir waren recht lustig, und ich mußte ihr jedesmal bei der Tafel etwas von meiner französischen Reise und Geschichte erzählen. Plötzlich empfing ich vom Herrn Hofrat Depras aus Regensburg einen Brief, in welchem er mir meldete, daß der Fürst-Bischof gern sähe, wenn ich bald zu ihm nach Regensburg kommen würde, er möchte gern von meiner Pariser Reise, und gehabten Aventüren etwas hören, und von mir Französisch lernen; er warte sehr hart auf mich, weil er etwas unpäßlich, und einer Aufmunterung bedürftig wäre.

Ich antwortete alsbald, ließ dem Fürsten die Hand küssen, und versicherte ihn, daß, sobald des Marggrafen Geburtstag vorbei wäre, und die Marggräfin mir es erlaubte, ich ohne Verschub ihm in Regensburg aufwarten würde. Aber, leider! zween Tage vor dem Geburtstage bekam die Marggräfin einen Brief aus Regensburg, daß der Fürst-Bischof gestorben sei; sie gab mir aber solchen erst nach dem Geburtstage beim Koffeetrinken zu lesen. Ich erschrak, fing an zu heulen, und zu weinen; die Marggräfin weinte auch mit mir, weil sie ihn selbst wohl kannte.

Ich wußte mir weder zu helfen, noch zu raten; denn ich hatte wieder einen meiner besten Fürsten verloren, der mich in die 30 Jahre wie ein Vater liebte, und einer meiner größten Guttäter war; mit ihm hab ich also von meiner Hülfe und meinen Revenüen vieles verloren. Ich war deswegen äußerst niedergeschlagen, nahm bei der Marggräfin Abschied, änderte meine Reiseroute, und ging mit meiner Handelschaft nach Würzburg; da konnte ich jederzeit von meinen Waren das meiste verkaufen, weil die Herrschaften mich wohl leiden konnten, und begierig waren, etwas von meiner Pariser Reise zu hören.

Ich ging zum Obermarschall von Gebssattel, und fragte mich an, ob ich nach Hof gehen dürfte; er erlaubte es mir alsbald, und ich bekam bei den Knaben und der Marschalltafel mein Essen und Trinken, wie ehevor. Der Fürst war gesund und wohlauf, und ließ mich öfters beim Konfekt zur Tafel kommen, wo ich ihm vieles von meiner Reise erzählen mußte. Der Fürst und alle Herrschaften lachten nicht wenig darüber. Ich blieb eine Zeitlang zu Würzburg, verkaufte meine Handschuhe, ging über Mergenthal, Wallerstein, Nördling, Dischingen und Dillingen nach Augsburg, und kam zu Fürstenried bei meiner verwitweten Kurfürstin an, welche eine Freude hatte, mich als vôtre ser sumble serviteur ganz auf französische Art empfing.

Ich mußte meine ganze Reisegeschichte erzählen: alle lachten nicht wenig darüber, und verwunderten sich, daß ich, ohne ein Wort Französisch zu verstehen, überall so gut durchgekommen bin. Man sagt nicht umsonst, sprach die Kurfürstin, je größer der Schelm, je besser das Glück.

Während dieser Zeit hatte mein Sohn vier Schulen studiert, Französisch und Italiänisch gelernt, und die Kurfürstin hatte die Gnade, ihn bei der Handlung anzustellen: dieses kostete mir nichts, weil die gnädigste Frau alle Unkösten auf sich nahm, und ihn mit Kleidern und allen Notwendigkeiten versah.

Meine Garderobbe war in einem Koffer zu Fürstenried geblieben; ich aber ging unterdessen nach Haus ins Tyrol, bis ich und mein Schwiegersohn auf Höchstdero Namenstag wieder nach Fürstenried kamen. Die Gräfin von Seefeld, als meine Säckelmeisterin, hatte den Schlüssel zu meinem Koffer, gab mir solchen, und ich fand darin einen ganz charmanten neuen Uniform, braun und grün, mit Gold reich bordiert, samt aller Zugehör: er war mir so recht auf dem Leib, als wenn er mir wäre angemessen worden.

Servantius Servacis.

Frohlockt und freuet euch, und danket in der Still, Und schweigt dem Peterl z'lieb, der jetzo reden will.

Heut am Namenstages-Feyer
Alles jauchzt, und jubiliert:
Darum hab ich meine Leyer
Auf tyrolisch eingeschmiert.

Ihr wißt selbsten, daß der Witz,
So in den Gebirgen wohnt,
Von dem Wortgepräng entfernt,
Nur der Sprach des Herzens frohnt.

Mathematisch soll ich reden;
Aber dieß ist mir zu glatt:
Darum red ich, wie Poeten,
Die Tyrol gebohren hat.

Hoffentlich wirst ja nicht zanken,
Wenn ich red nach meinem Sinn;
Wie's mir kömmt in die Gedanken,
Sag ich meine Wünsche hin.

So viel Rollen hat ein Budel,
Und es Fisch giebt in der See,
So viel als in Bayern Nudel,
Und in Indien Koffee:

So viel Flöh die Jungfern plagen,
So viel Nüß ein Zirbelbaum
Pflegt in beßtem Jahr zu tragen,
Millionen klecken kaum:

So viel Kröpfe, Böck, und Ziegen,
So viel Schnecken in Tyrol,
So viel Jahre mit Vergnügen
Dir der Himmel geben woll'.

Ja, Sie sollte ewig leben!
Ruft der Peterl Tag und Nacht;
O! das woll' der Himmel geben!
Ruft sein lieber Tunig nach.

Unsre kleine Marionetten
Tun just, was der Vater will,
Freuen sich, und lernen bethen,
Sind anheut gewiß nicht still.

Diese ruft, und jene lallet:
Sie leb' viel dergleichen Jahr!
Gott, dem dieser Wunsch gefallet,
Sprich: ich will, es werde wahr.

Dieß ist, was bey dieser Feyer
Dir heut opfert meine Leyer;
Und mit diesem schliesse ich:
Lebe länger, als wie ich!

Peter Prosch, bayerischer verwittweter Hoftyroler.

Die Kurfürstin, die Herzogin, und alle übrige Herrschaften zeigten eine Freude daran, und lobten sehr meine grausame Gelehrsamkeit. Die Kurfürstin befahl mir nach der Tafel zu ihr ins Kabinet zu kommen, wo sie mir zu meiner bereits empfangenen Pension eine Zulag gab, daß ich davon bey meiner Residenz in Fürstenried zu leben hatte. Sie sagte ferners: du hast deine Sache brav gemacht; führ dich immer gut auf, so darfst du alle Jahre kommen. Sie gab mir die Hand zu küssen, und versicherte mich ihrer Gnade solang Sie leben, und NB. ich mich gut aufführen würde. Ich bedankte mich, und bekam von den Herrschaften mein jährliches Deputat.

Nachdem wir Abschied genommen, gingen ich und mein Schwiegersohn nach Hause. Alle meine Bekannten und Nachbarn hatten schon aus den Zeitungen, und auch sonst vernommen, daß ich in Paris gewesen bin. Sie wußten nicht, was oder wo Paris wäre; vielleicht glaubten einige, es liege gar in einem andern Teile der Welt: ich war also sogar in meiner Heimat und meiner ordentlichen Tyrolerkleidung ein Wundertier, wie in Paris. Alles lief zu, und wollte mich sehen, und bewillkommen.

Die Stube wurde so voll, daß man nicht mehr sitzen konnte; jedermann wollte mir zutrinken, ich aber sollte Bescheid tun, und von meiner Reise, wie auch von allen Sachen, die ich gesehen, erzählen. Sie konnten sich nicht genug verwundern, daß ich so weit in der Welt herum gekommen bin. Ich hatte ehevor braungelockte, itzt aber gelbe glatte Haare; sie konnten es sich aber nicht beifallen lassen, daß es eine Perücke wäre; sie wußten, daß ich unter ihnen geboren, aufgewachsen, und der Koppen Peterl wäre, konnten aber nicht begreiften, daß ich itzt so galant und ausländisch aussähe.

Nun bin ich in dem 44ten Jahre meines Alters, Handschuhhändler, Bierwirt, Branndweinbrenner, und ein Vater von 6 Kindern. Einer ist in München bei Ihro Durchlaucht der verwitweten Frau Kurfürstin: eine Tochter zu Innspruck bei der Gräfin von Trapp: drei sind zu Hause, und eine auf dem untern Wirtshaus an meinen Schwiegersöhn verheuratet, durch welche ich Anno 1786 von einem Diendl, und Anno 1787 von einem Buben in meinem 44ten Jahre schon Großvater bin.

Wessen ich mich von meiner Jugend bis auf die gegenwärtige Zeit mit Wahrheit erinnern konnte, alles dieses hab ich in dieser meiner Lebensbeschreibung getreu und wahrhaft angezeiget, aller kleinen Streiche nicht zu gedenken. Mein Schicksal ist sicher wunderbar, und vielerlei, dabei ich mit tiefen und langen Betrachtungen mich nicht aufhatten will und darf.

Betrachte ich einerseits viele meiner Kameraden, unter welchen ich aufgewachsen bin, meine Geburt, meine Armut, und zugleich meinen gegenwärtigen Zustand, so bin ich ziemlich glücklich: wenn ich aber andrerseits überlege, wie viele gute Gelegenheiten ich gehabt habe, bei Großen, nämlich bei Kaiser, König, Kur- und ander Fürstens-Personen, mit welchen ich die höchste Gnade genossen, manche Stunden in ihren Kabinettern und im Vertrauen zu sprechen, mein Glück so gut zu machen, daß ich in meinen alten Tagen hätte hoffen sollen recht wohl versorgt und vergnügt leben zu können; dieses aber noch niemals gänzlich habe erlangen können, da doch viele Menschen, wenn sie nur die Gnade hatten, eine und die andre Stund, oder wenige Augenblick lang mit einem Großen allein zu sprechen, herrliche Bedienstungen, reichliche Versorgung und große Gnaden erlangen, dardurch sie für ihre ganze Lebenszeit glücklich sind; so muß ich mich mit der göttlichen Vorsehung trösten, und denken: überlaß dich fernerhin demjenigen, der dich solang erhalten, und für dich in Glücks- und Unglücksfällen so väterlich gesorgt hat. Nach diesem hoffe auf deine Freunde und Gönner, von welchen, wie dein verflossenes, also auch dein künftiges Schicksal abhängt. Unterdessen ist nichts bessers, als wenn man mit dem vergnügt und zufrieden ist, was man hat, und dabei fröhlich singt:

Menschenschicksal ist wunderbarn;
Tugend ist des Herzens Lohn.
Dieses hab ich schon erfahr'n:
Ohne sie, was ist ein Thron?

Ich lache über Schlösser, vom G'schütz bewachet,
Verhöhne den Kummer, der an Höfen lachet,
Verhöhne des Geizes in verschlossnen Mauern,
Einfältig's Trauern.

Freunde! laßt uns Golddurst, Stolz und Hochmut hassen,
Und Kleinigkeiten Großen überlassen.
Der Schöpfer ruft uns: Kummt zum Sitz der Freuden
Auf meine Weiden.

Ende.


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