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Sagen der Bergstädte Klausthal und Zellerfeld.

*

1. Sagen vom Bergbau.

 

I.

Es ist einmal ein Venediger gewesen, der wurde auf Klausthal zum Steiger gemacht. Wenn die Leute nach Haus zu gehen wünschten, ließ er sie sogleich gehen, weil er alle Arbeit für sie that. Wegen seiner Nachsichtigkeit mit den Bergleuten erhielt er viele Strafe und wollte deshalb nach Venedigen zurück. Er entließ alle seine Leute, behielt nur den Anschläger und fragte, ob er mit ihm wolle. Der sagte ja. Da machten sie miteinander ins Gesenk hinein, wo die Tonnen hineingehen, und der Steiger besetzte die ganzen Löcher so weit, daß sie losgehen mußten, um den Stollen zu nichte zu machen. Sein Zorn war so groß, daß er mit dem Stollen auch noch einen Bergmann, der da arbeitete, in die Luft sprengte, wiewol der Anschläger um dessen Leben bat. Da frühstückten sie miteinander und dann ging's immer im Felsen entlang und überall war der schönste Weg. Als sie lange genug gegangen waren, kamen sie ins Venedigenland, in einen großen schönen Garten bei des Steigers Haus. Dem Anschläger gefiel es da sehr gut, als er aber eine Zeit lang da gewesen war, fragte ihn der Steiger: ob er einmal wieder nach dem Harz wollte. Er sagte: das wolle er gern, nahm sein Grubenlicht, und sie gingen immer in dem Felsen entlang. Weil in den Bergen Alles eingestürzt war, konnte er sich auch von da an nicht mehr finden, wo sie gefrühstückt hatten, und der Steiger brachte ihn ganz aus der Erde heraus und ging dann zurück nach Venedigenland. Als der Anschläger aber nach Klausthal kam, kannte ihn da Niemand mehr und seine Frau und Kinder waren auch nicht mehr dort. Da wurden die Altenthümer aufgeschlagen und darin stand, daß dieser Bergmann vor einigen hundert Jahren verschwunden war. Er hatte aber geglaubt, nur einige Jahre in Venedigenland gewesen zu sein.

 

II.

In dem vorigen Betriebe der Silbernaaler Gruben haben sie einen Kunstknecht gehabt, der hat am Sonnabend, als die Bergleute Schicht gemacht haben, dem Kunstjungen Alles übergeben, ist nach Zellerfeld gegangen und hat da sich verweilt bis den Montag Nacht um Zwei. Dem Jungen hat er angekündigt, es möge geschehen, was da wolle, so solle er nicht hineinfahren. Wie er nun zurückkam, stand das ganze Gesenke (die Tiefe) voll Wasser und da sind sie eingefahren, er hat aber dem Kunstjungen angekündigt, es möge geschehen, was da wolle, so möge er nichts sagen, sondern nur immer Acht geben, auf daß er's auch so machen könne, wenn er einmal Kunstknecht wäre. Als nun der Kunstjunge zusah, so ging das Wasser ohne Weiteres an den Wänden herauf. Da sie nun herauskamen, war das ganze Gesenk schon leer und da waren auch schon die Frühschichter, die fuhren hinein und konnten ohne Weiteres ihre Arbeit beginnen.

Der Kunstjunge hatte auch Niemand etwas verrathen, wiewol die Leute in Zellerfeld wußten, daß der Kunstknecht zu Haus war und sich in der Zeit nicht um die Kunst bekümmerte. Endlich drohte aber der Geschworner dem Kunstjungen mit Ablegen (Dienstentlassung), wenn er nicht bekenne, und da hat er gesagt, was er gesehen hat. Sobald er's aber ausgesprochen hat, ist er todt zu Boden gestürzt. Der Kunstknecht aber ist verschwunden und soll auch der alte Markscheider mit ihm fortgegangen sein, der den Dammgraben angelegt und, wie das Volk sagt, verpfuscht hat, und der soll alle die alten Kunstrisse vom Harz mit sich genommen haben.

 

III.

Es erzählte ein Knabe: Mein Großvater hieß Friedel Märten und arbeitete in den Gruben auf dem Klausthal mit einem Kameraden, der hat Christian geheißen. Da sagte Christian zum Friedel: »Weißt du was, Friedel, ich will an Lasebuch mitbringe, wollen an Teifel für uns locken.« Am andern Morgen bringt Christian auch ein Lesebuch mit und wie sie den Abend da nun lesen, kommt so ein Gebollwerke und ein Ungestüm im Schacht herauf und hin vor die Stubenthür. Das ist der Teufel gewesen, der ist im Schacht heraufgekommen, hat die Stubenthür aufgemacht und hereingeguckt. Da hörte nun Christian auf zu lesen und guckten alle Beide vor sich nieder. Da fuhr der Teufel wieder im Schacht herunter und nun war es still. Christian aber sagte: »Weißt du was, Friedel, morgen Abend will ich noch mal an ander Lasebuch mitbringen, woll'n wer an Teifel noch näher für uns locken.« So brachte Christian denn auch wieder ein Buch mit, und als sie den Abend darin lasen, kam wieder so ein Rumoren im Schacht herauf und der Teufel erschien wieder, kam in die Stube, trat vor den Christian und sagte: wenn er das wieder von rückwärts lesen könne, was er von vorwärts gelesen hätte, so wäre ihm das Leben geschenkt, aber wenn er das nicht könnte, so müßte er sterben. Da las der Christian es von rückwärts und da ist der Teufel wieder im Schacht herunter gefahren.

 

IV.

Vor langen, langen Jahren, da der Zellerfelder Teich gemacht wurde, arbeitete daran auch ein Grabenarbeiter, Namens H......, ein pfiffiger und vermessener Bursche. Der saß an einem Nachmittage mit seinen Kameraden und vesperte. In ihren Gesprächen kam die Rede auch auf das Grabenhaus, das nicht weit unterhalb des Teufelsteiches auf dem Graben stand, zur Theilung des Wassers nach der Bockswiese und nach dem Spiegelthale. Schon oft hatte der Grubenarbeiter, welcher die Wasser weg- und hineinmachen mußte, trotz des festen Schlosses, das an der Grabenhausthür war, bemerkt, daß eine Aenderung der Wasserleitung gemacht und dadurch großer Nachtheil für die betreffenden Werke herbeigeführt war. Trotzdem, daß häufig gewacht und das Haus beobachtet wurde, auch Niemand gesehen war, war doch kurze Zeit, nachdem der Grabenwärter weg war, die Wasserstimmung anders gewesen, als sie sein sollte. Man kam endlich dahin überein, es müsse im Grabenhause nicht richtig sein und das fand so viel Anklang, daß die meisten Leute sagten: Im Grabenhause spukt's. Mein pfiffiger Grabenarbeiter nahm einen kräftigen Schluck Branntwein und sagte, wie er seinen Kameraden den Bergspiegel hinreichte: »Dissen Ohmd will ich de Wasser emol schtimme; der Karel soll mer de Schlissel gahn.« – »Na«, sagten die Andern, »nimm dich in Acht, dort ist's nicht geheuer; du kannst den Kürzern ziehen.« – »Ach was! Possen! Den will ich sehen, der mir an den Theiler kommt! ohnehin ist Mondschein.« – »Na! Na! wir sagen nichts. Wenn du einen Klapphandschuh davonträgst, hilft dir ihn Keiner tragen.« Der eine der Grabenarbeiter sagte: als er neulich sich beim Stukenroden verspätet habe und die Nacht hereingebrochen sei, so habe er im Vorbeigehen eine luftige weiße Gestalt im Graben unter das Haus hinschlüpfen sehen; er habe sich aber weiter nicht darum bekümmert, am andern Morgen seien aber die Wasser, statt nach der Bockswiese, nach dem Spiegelthale gekommen. Ein Anderer sagte: als er voriges Jahr spät aus den Heidelbeeren gekommen sei von den drei Birken, habe er in der Nähe des Grabenhauses eine feurige Schlange im Graben liegen sehen und die sei im Graben fort unter das Haus hingeschwommen und darunter verschwunden, und am andern Tage sei das Wasser unrichtig gezogen gewesen. Ein Dritter sagte, den Bau des Grabenhauses habe der Teufel nicht haben wollen, und da die Menschen ihm den Willen nicht gethan haben, so mache er ihnen immer Schabernack. »Kurz und gut«, sagte der Aelteste, der Pfiffikus, »ich mache diesen Abend die Wasser hin nach der Bockswiese, trotz Höll' und Teufel«, und nachdem noch zwei Stunden gearbeitet war, sagten die übrigen dem H.....: »es gieh der wull« und gingen nach Hause, als eben der Grabenwärter kam, Wasser nach der Bockswiese hinzumachen. »Karl«, sprach H..... zu ihm, »laß mich heut Abend mal deine Arbeit thun. Ich will diesen Abend mal Wasser herummachen, du kannst dich drauf verlassen. Ich will auch dabei bis wenigstens um elf Uhr wachen, daß uns kein Schabernack dabei gemacht wird.« – »Nun, wenn du willst«, sagte der Grabenwärter, »ich habe Nichts dabei. Nimm dich aber in Acht. So kann ich diesen Abend mal ein bischen früher zu meiner Braut.« Er gab dem H..... die Schlüssel und sprach: »Nu mach's gut; es gieh der wull«, und ging nach Hause. H..... ging nun gleich hin nach dem Grabenhause, zog das eine Geschütz auf und setzte das andere zu, schloß danach das Haus zu, probirte, ob es auch fest zugemacht war, und nachdem dies geschehen, stopfte er sich eine Pfeife und legte sich in das grüne Gras mit dem Worte: »Nun will ich doch Den sehen, der mir den Kram verderben will.«

Zu Hause wartete aber seine Mutter mit dem Abendbrote. Es schlug sieben und er kam nicht; es schlug acht und er war nicht da; es schlug neun und zehn und seine Mutter wartete immer vergeblich. Endlich ward ihr angst und bange. Sie ging nach einem seiner Kameraden, klopfte den auf und fragte besorgt, ob er nicht wisse, wo ihr Sohn sei. »Doch«, sagte er, »der ist beim Grabenhause geblieben und hat dem Grabenwärter heute seine Arbeit abgenommen.« Wie ein Stein fiel das der Mutter aufs Herz. Sie, in ihrer Angst, lief gleich hinaus und – welch ein Anblick! Zwanzig Schritt vom Hause beschien der Mond einen Todtenschädel, der sie anglotzte, vier Schritt davon lag der Rumpf, den Kittel noch an, und ohne Arme und Beine, weiterhin lag ein Bein und ein Arm, und am Hause war ein Bein an die Thür und der andere Arm an den Giebel des Hauses angenagelt. Voll Schreck lief die Mutter nach Hause, und nachdem man hinausgegangen und die Sache näher untersucht hatte, hat es sich gefunden, daß das alles Theile des zerstückelten Körpers von dem Grabenarbeiter H..... gewesen sind. Es ward Alles sorgfältig in einen Sarg gethan und H..... wie ein Umgekommener mit allen bergmännischen Ehren beerdigt. Das Haus wurde bald nachher abgerissen und seit der Zeit hat sich nichts Verdächtiges da wieder hören und sehen lassen.

 

V.

Zu Anfang der Zeit da man schrieb 1700 ist ein Bergmeister gewesen, der hat Hinten geheißen und eine Haushälterin gehabt. Der hat er anbefohlen, ihn nicht vor der bestimmten Zeit zu wecken, wenn er am Nachmittage eingeschlafen sei. Sie soll ihn aber auch keine Minute länger liegen lassen. Wie er nun eingeschlafen ist, setzt sich die Haushälterin aus Vorsicht neben ihn hin und sieht genau nach der Uhr und dann nach ihrem Herrn. Auf einmal kommt ihm eine Maus aus dem Munde gekrochen, läuft an ihm hinunter und verschwindet auf der Erde. Wie die Weckzeit näher kommt, eine Minute vor der Zeit, kommt die Maus zurück und kriecht dem Bergmeister wieder in den Mund. Der Bergmeister wacht mit einem Schnarcher auf, zieht rasch sein Fahrzeug an und fährt nach. Und sicherlich hat er jedesmal durch die Maus Nachricht bekommen, daß die Leute falsch gearbeitet haben oder ausgerissen sind, denn er ist nie vergeblich gefahren. Nun ist auch einmal ein Bergmann vor Ort, der hat Schramm geheißen. Sie haben auf den Durchschlag gearbeitet. Es ist gerade Freitag gewesen und sie machen sich auf die Fahrt, um auszureißen. Wie sie ans Fahrloch kommen, sitzt der Bergmeister auf dem Fahrloche. So ist's ihnen dreimal gegangen. Das kommt den Bergleuten wunderlich vor, und sie erkundigen sich bei dem Gaipelaufseher, wie das wol zugehen mag. Aber der hat nichts gesehen. Also forschen sie die Haushälterin des Bergmeisters aus, aber die sagt, er sei gar nicht aus dem Hause gegangen. Und doch haben ihn die Gedinghauer gesehen. Nach dem dritten Male kommt der Bergmeister, nimmt ab und sagt: wenn sie wieder ausreißen würden, so würden sie nie wieder aufs Geding kommen.

 

VI.

In alten Zeiten hat ein Puchjunge eines Morgens verschlafen. Er wohnt am Zellbache auf dem Klausthal und läuft deshalb gleich hinten aus seiner Gartenpforte über die Bremerhöhe nach seinem Thalspuchwerke zu. Wie er eben aus seiner Pforte tritt, stolpert er über Etwas. Wie er sich umsieht, erblickt er einen Maulwurfshaufen, der glänzt wie Silber. Er fährt mit der Hand so hindurch, und was er damit fassen kann, das steckt er in seine Tasche und beeilt sich dann, daß er an Ort und Stelle kommt. Er denkt an dem Tage gar nicht wieder an den Vorfall. Wie er aber des Abends nach Hause kommt, so klingelt's in seiner Westentasche, und wie er sie auszieht, siehe da! es sind lauter blitzblanke silberne Näpfchenpfennige. Von diesen hat die Familie noch bis auf diesen Tag mehrere zum Beweis der Wahrheit aufbewahrt.

 

VII.

Ein Bergmann auf dem Klausthal träumte in der Nacht, daß er am folgenden Tage Schaden nehmen würde, darum fuhr er an diesem Tage nicht an, blieb daheim und legte sich auf das kleine Sopha, das in seiner Stube stand. Da fiel aber das Plätteisen herunter, das über ihm am Balken hing und erschlug ihn. Von der Zeit an fahren die Bergleute noch unverzagter als zuvor in den tiefen Schacht und sie sagen, man sehe aus dieser Begebenheit, daß man überall in Gottes Hand stände und daß sie Den, den sie erreichen wolle, auch auf dem Sopha zu finden wisse.

*

2. Der Bergmönch vom Klausthal und vom Zellerfeld.

 

I.

Der Bergmönch, der sich auf Klausthal und Zellerfeld zeigt, ist früher ein Bergmeister gewesen, der solche Freude an dem Bergbau gehabt hat, daß er im Tode den lieben Gott gebeten hat, er möge ihm statt der seligen Ruhe im Himmel lieber die Erlaubniß geben, bis auf den jüngsten Tag in Berg und Thal und Gruben und Schachten umherzufahren und den Bergbau zu beaufsichtigen. Diese Bitte ist ihm gewährt. Der Bergmönch erscheint den Menschen in der Kleidung eines Bergmeisters mit einem silbernen Grubenlichte. Seine Beschäftigung ist diese: er durchfährt alle Stollen, durchspürt jeden Bau, geht auch am Tage (das heißt auf der Oberfläche der Erde) an solchen Stellen, unter denen Erzgänge liegen, hin und her, und zwar bald langsam, bald schnell wie der Blitz. Bisweilen setzt er sich auf die Kunstgänge, oder er hält sie auf, oder er drillt auch die Wasserräder, je nachdem seine Laune ist, oder je nachdem er den Schützer leiden mag oder nicht. Er tritt manchmal aus dem festen Gestein heraus in den Gruben, und das feste Gestein thut sich vor ihm auf, und ist er hineingetreten, schließt es sich hinter ihm so fest, daß keine Spur bleibt. Man hat ihn des Nachts oft aus alten Stollenmundlöchern und aus alten Pimpen, auch aus den engsten Räumen der Radstuben herauskommen und in denselben verschwinden sehen. Wem er gut ist, dem thut er manchen Gefallen, macht ihm Geschenke und erscheint ihm in Menschengestalt und in Menschengröße. Wem er böse ist, oder wo er sich unbeachtet glaubt, oder sich um das Auge der Menschen nicht kümmert, erscheint er in seiner wahren Gestalt. Dann ist er riesengroß, gekleidet wie ein Geschworener. Seine Augen sprühen Flammen und sind wie Kutschenräder, sein silbernes Grubenlicht ist so groß wie ein Scheffel, und die Flamme desselben ist von entsprechender Größe und Helle, seine Beine sind wie Spinnengewebe. Wenn ein Bergmann seine Pflicht nicht thut, gibt er ihm den Rest.

 

II.

Das Mönchsthal bei Klausthal hat seinen Namen vom Bergmönch, der hat hier seinen Lieblingsaufenthalt gehabt. Es hat auch hier früher sehr reiche Gruben gegeben. Da ist der Bergmönch manchmal in der Grube erschienen, ja wol gar in die Bucht gekommen, und die Bergleute haben sich an ihn gewöhnt, daß sie eben keine Furcht mehr vor ihm gehabt haben. Aber manchmal hat er auch seine Launen gehabt, hat die Schütteln aufgehoben, daß man die Wasserräder nicht hat zum Stehen bringen können, oder hat die Kunst aufgehalten und die Bergleute erschreckt durch allerlei abenteuerliche Spiele und Neckereien. Dadurch ward er endlich den Bergleuten zur Last und sie haben ihn gern los sein wollen. Endlich folgten ihm einmal ein paar Bergleute nach und legten, so wie sie gingen, Kreuze vor sich hin. Da ging der Bergmönch zuletzt in eine Schlucht hinein, welche hinten durch eine nackte Steinwand geschlossen wird. Der Bergmönch blickte sich noch einmal um und sah ganz zornig aus. Darauf rührte er den Stein an. Sowie er den angerührt hatte, that er sich voneinander und der Bergmönch trat hinein. Gleich darauf schloß sich die Wand wieder fest zusammen.

Seit der Zeit ist der Bergmönch nicht wieder in die Gruben gekommen, aber diese sind auch alle überschwemmt und man hat sie auflassen müssen und bis auf diesen Tag sind die Wasser im Mönchsthal nicht zu gewältigen und keine Grube hat Glück. An der Stelle, wo der Bergmönch in den Fels gegangen ist, auf der nämlichen Felswand ist das Bild eines Bergmanns zu sehen; man kann aber den Stein jetzt nicht mehr finden.

 

III.

Es hieß eine Grube »der alte Segen«, darin arbeitete ein Bergmann, der kam Abends, als er heimkehren wollte, in einen Gang und ging lange darin hin. Zuletzt wollte sein Licht ausgehen, da kam der Bergmönch, gab ihm ein ordentlich Stück Inselt (Unschlitt) und winkte ihm, nur noch weiter in dem Gange hinzugehen. Zuletzt kam er in einen Schacht, den er gar nicht kannte, und sah Gold und andere edle Erze. Sein Licht aber verminderte sich gar nicht und sein Kamerad fragte ihn, woher er es hätte. Endlich erzählte, er's, aber als es heraus war, schmolz sein Licht schon zusammen und von dieser Zeit an ist auch das ganze Gold und Stufferz, das in diesem Gange gewesen ist, wie das Talg zerschmolzen und wie in die Luft gespritzt.

 

IV.

Einem Bergmann Ahrend, dem der Bergmönch auch Inselt gegeben hatte und der es gegen die Kameraden ausplauderte, stellte der Bergmönch nach. Am Weihnachtsheiligenabend wollte der Bergmönch ihm in einer Grube etwas anthun, da kam aber seine Frau, die sammelte im Sommer heilsame Kräuter und hatte einen Kräuterbeutel auf der Brust hängen. Da warf der Bergmönch den Ahrend lebendig aus der Grube und sagte zu der Frau ärgerlich:

Hättest du nicht Dill und Dust,
So hätt' ich es wol gewußt,

d. h. er hätte wol gewußt, was er sonst gethan, nämlich, daß er dem schwatzhaften Bergmann ein Leid zugefügt hätte.

 

V.

Der Bergmönch hat einem Weilarbeiter gesagt, daß er nicht eher arbeiten solle, bis drei Tage vor der Abnahme. Immer drei Tage vor der Abnahme wolle er kommen und das Geding richtig machen. Er dürfte es aber Niemand sagen. Er wolle ihm Oel auf seine Lampe gießen, das solle so lange brennen, als er lebe, wenn er reinen Mund hielte. Da ist er verschwunden in die Kluft hinein, wo Alles geblitzt und geblänkert hat. Der Bergmönch machte nun stets die Arbeit für den Weilarbeiter. Als dieser aber beim Trunk die Sache erzählte, verdörrte das Licht und der Bergmönch kam nicht wieder, um für ihn zu arbeiten.

 

VI.

Es ist einmal ein Bergmann gekommen, der hat Arbeit gesucht und die ist ihm angewiesen an einer Stelle, wo es sehr schwer gewesen ist, das Erz loszuhauen. Als es nun an die Arbeit gehen sollte, sagte er zu seinem Kameraden, der schon längere Zeit herangefahren war: nun laß du mich nur machen, jetzt wollen wir uns noch eine Zeit lang hier draußen verweilen, dann aber geh' ich hinein und besorge die Arbeit allein. Dazu versteht sich der Bergmann endlich, und so hat der Fremde die Arbeit lange Zeit allein besorgt. Zuletzt hat aber den Bergmann die Neugierde so geplagt, daß er sich nach dem Gange geschlichen hat, wo er und sein Kamerad die Arbeit gehabt haben, und da hat er gesehen, wie sein Kamerad ganz ruhig am Gestein gelehnt, und ein Geist, welcher der Bergmönch gewesen ist, aus Leibeskräften für ihn gearbeitet hat. Darauf hat er sich wieder fortgeschlichen, bald ist aber sein Kamerad ihm nachgekommen und hat ihm eine tüchtige Backpfeife gegeben, und von der Zeit an hat er müssen wieder selbst arbeiten.

 

VIII.

Es ist einmal ein recht armer Bergmann gewesen, dessen Frau kam nieder mit dem siebenten Kinde. Das hat ihm nun große Sorge gemacht, denn er hat schlechte Strosse gehabt und also hat der Lohn nicht reichen wollen. Eines Abends saß er mit seiner Frau trübselig zusammen, da klopfte es an die Thür. Gleich darauf trat Jemand recht fest auf und der Bergmönch kam herein, gab Beiden die Hand und sprach! »Ihr seid ehrliche Leute, ich weiß es, darum will ich euch aus der Noth helfen.« Damit gab er der Frau einen Packen Flachs, klar wie die Sonne, dem Manne aber gab er ein Stück Unschlitt, befahl ihnen auch Niemand etwas davon zu sagen. Damit verschwand er. Der Flachs aber hat nicht abgenommen und der Unschlitt ist nicht verbrannt.

 

IX.

Zwei Nachtschichter standen vor Ort, aber der Bohrer wollte nicht bohren und es war als bohrten sie auf lauter Hornstein. Am nämlichen Abend machten ihre guten Freunde sich lustig und da beschwatzte der Eine den Andern, daß sie hinausfahren wollten. Sie fuhren also auf einem Stollen nach einer andern Grube hin und wollten da hinausfahren. Als sie durch den Stollen waren, kehrte auf einmal der Vordermann um und schrie: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« und machte, daß er vor seinem Kameraden vorbeikam. Da sah der den Bergmönch, der stand vor dem Stollen und hatte ein silbernes Grubenlicht in der Hand, so groß wie ein Scheffel und die Flamme ging bis an die Stollenklappen und seine Augen waren so groß wie Wagenräder und seine Beine waren wie Spinnengewebe. Und wie er seine Hand ausstreckte und den Beiden den Hals umdrehen wollte, da stürzten sie fort und fuhren zurück. Aber der Bergmönch lachte aus vollem Halse. Die Nachtschichter fuhren in vollem Laufe bis nach ihrem Schachte und da hinaus. Wie sie noch eine Fahrt hatten, da stand der Bergmönch quer über dem Fahrloche und wie der erste den Kopf hinausstreckte, klemmte ihn der Bergmönch zwischen seine Beine, zog ihn aus dem Fahrloche heraus und drehte ihm den Hals um. Wie der andere Nachtschichter das sah, fuhr er wieder hinein, aber der Bergmönch folgte immer nach. Da dachte er, sollst nur gleich wieder an deine Arbeit gehen, vielleicht thut er dir nichts; fuhr gleich wieder zurück, und wie er vor Ort war, fing er an zu hämmern. Aber er hatte so harte Strosse, daß das Feuer nur immer so gestrahlt hat vom Bohrer und daß er allein so einige Stunden hat bohren müssen, und der Bergmönch stand immer dabei, und wie der Nachtschichter fast nicht mehr das Fäustel regieren konnte und dachte, er wolle sich einen Augenblick erholen, da hob der Bergmönch die Hand auf und wollte ihm eine Ohrfeige geben. Da hat er wohl oder übel hämmern müssen, bis er sein Loch nieder hatte, und der Bergmönch hat noch dazu gelacht, daß die ganze Strecke geschallt hat. Wie das Loch nieder war, blieb der Bergmönch noch immer stehen. Kurz von der Sache zu reden. Der Bergmann mußte auch noch schießen. Da warf's denn einen Haufen herein, daß es was Ungeheures war. Und der Bergmönch wollte immer noch nicht weg. Und es konnte Alles nichts helfen, der Bergmann mußte aufräumen. Wenn er nun eine Masse Berge aufgemauert hatte an den Wangen, lag noch wieder eben so viel auf dem Haufen und das Ausgemauerte war weg und der Haufen ward nicht kleiner. Zuletzt konnte er nicht mehr, es ward ihm ganz schwarz vor den Augen und er sank in Ohnmacht. Da ging der Bergmönch ins Feste. Wie der Nachtschichter aufwachte, war Alles aufgemauert und alle Arbeit gethan. Er hat nachher die Geschichte oft erzählt.

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3. Die Bremerhöhe.

Die Höhe bei Klausthal, auf welcher die Windmühle steht, heißt die Bremerhöhe und hat ihren Namen von einem Manne, dem sie gehört hat. Dieser Mann ist sehr reich gewesen. Der ganze Wald sammt dem Berg hat ihm gehört. Aber einmal geht er an einem Frühlingsmorgen in seinem Forst spazieren. Da hört er den Kuckuck schreien. Ei, denkt er, sollst doch auch einmal hören, wie lange du noch zu leben hast. Also fragt er den Kuckuck, wie lange er wol noch zu leben habe. Da schreit der Kuckuck: Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! – I, denkt der Bremer, wenn du nur noch drei Jahre zu leben hast, so sollst du dir's auch recht zu Gute machen; fängt also an zu wirtschaften, daß er nach drei Jahren keinen Baum mehr hat, viel weniger einen Forst. Alles ist durchgebracht. Und so hat denn der arme Schelm sein Brot vor anderer Leute Thüren suchen müssen, noch lange Jahre. Wenn er nun Jemand um ein Almosen angesprochen hat, so hat er gesagt: Seid doch so gut und theilt einem armen Manne etwas mit, den der Kuckuck betrogen hat.

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4. Die Schnapphähne.

Wenn zwei Harzer gemeinschaftlich aus einem Glase Schnaps trinken, so beobachten sie dabei diesen Brauch, daß Derjenige, welcher eben getrunken hat, indem er das Glas dem Andern zuschiebt, neben dem Glase mit dem Finger auf den Tisch klopft. Der Andere antwortet auf die nämliche Weise. Davon erzählt man sich Folgendes. Im Dreißigjährigen Kriege hat es auf dem Harze viele Bergleute gegeben, die haben auf ihre eigene Faust mit dem Kaiser Krieg geführt und weil die Herzöge von Braunschweig es auch mit den Papisten gehalten, auch gegen die braunschweigischen Behörden. Doch haben sie dem Bürger nichts zu Leide gethan. Aber kaiserliche Soldaten haben sie erschossen auf dem Marsche und auch in ganzen Scharen Gefechte geliefert und kaiserliche Beamte aus den Ortschaften entführt, Kassen weggenommen und Pferde und Munition geraubt. Diese Leute hat man Schnapphähne genannt. Und Tilly hat Preise auf ihren Kopf gesetzt und sie wie Räuber behandelt. Sie haben sich aber bei Tage, oder wenn sie nichts im Schilde geführt haben, bald hier bald da ganz einzeln aufgehalten, und weil ihrer Viele gewesen sind, so haben sie ein Zeichen verabredet. Wenn nämlich ein Schnapphahn in einem Wirthshause oder sonst wo gewesen ist, wo er mit Andern Branntwein getrunken hat, so hat er bei jedem Schluck mit dem Finger auf den Tisch leise aufgeklopft. Ist nun noch ein Schnapphahn dagewesen, so hat der's gleich ebenso gemacht. Und daran haben sie sich erkannt. So haben sie sich überall schnell zusammenfinden und ihre Anschläge sich mittheilen und verabreden können, ohne daß Andere sie erkannt haben. – Der Brauch vom Aufklopfen vor dem Trinken herrscht übrigens auch außerhalb des Harzes in Niedersachsen.

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5. Die Haulemutter.

 

I.

Auf Zellerfeld war ein Bergmann, der ging Abends spät nach Hause, da saß die Haulemutter da und haulte, und hatte das eine Bein auf einem Zaune an der einen Seite des Fahrweges und das andere Bein auf einem Zaune an der andern Seite. Weil der Bergmann nun sehr beherzt war, so ging er gerade unter der Haulemutter durch. In dem Augenblicke aber schlug sie ihm den Hut vom Kopfe. Der Bergmann ließ den Hut liegen; als er aber nach seinem Hause kam, so wohnte dort eine Frau, der sagte er, er habe seinen Hut verloren, den möge sie ihm doch langen, er müsse dort zwischen den beiden Zäunen liegen. Die Frau ging hin und nahm den Hut auf; aber kaum war sie damit in dem Hause angelangt, so war auch schon die Haulemutter draußen und haulte ganz furchtbar und bedrohte das ganze Haus. Da haben sie ihr den Hut aus dem Fenster geworfen und damit hat sie sich beruhigt, aber der Hut ist am andern Morgen auf der Straße in lauter Fäden zerrissen gewesen.

 

II.

Ein Bergschmied vom Klausthal fuhr vor fünfzig bis sechzig Jahren eines Morgens früh um ein Uhr an. Wie er am Zellbach durch das sogenannte Prachtgäßchen kam, hörte er eine feine und dünne Stimme, welche zu ihm sprach: »Bleiste schtiehn! bleiste schtiehn.« Weil er aber wußte, daß die Frau, welche in dem kleinen Hause an der Straße wohnte, eine Hexe war, so dachte er gleich, das ist die Hexe, die dir einen Schabernack anthun will, und lief was er laufen konnte, daß er fortkam. Aber gleich hörte er hinter sich ein Trappeln und Rappeln, Jauchzen und Schreien, daß ihm Hören und Sehen verging, und doch sah er nichts. Mit einem Male that's einen Satz und er fühlte auf seinen Schultern eine schwere Last, gleich als wenn sich ein Mensch darauf setzte und mit den Beinen vorn herunterhinge. Er fühlte auch, wie die Finger gleich Krallen in die Haut eingeschlagen wurden. Und das Ding verließ ihn nicht eher, bis er die Gaipelthür aufgemacht, an welcher er matt und erschöpft aus dem untern Burgstädter Zuge ankam. Dann aber gab's ihm einen derben Schlag in den Rücken, daß er ohnmächtig im Gaipel hinstürzte und erst nach einigen Stunden sich von seiner Noth erholen konnte. Des Abends, als er nach Hause kam, hatte er noch die schwarzen Flecke auf Schultern und Rücken.

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6. Der Geisterseher.

Ist auch einmal auf dem Zellerfeld Einer gewesen, der ist an einem Sonntage geboren, des Nachts zwischen elf und zwölf Uhr; der hat auch Geister sehen können, und wenn er Einem begegnet ist des Nachts, hat er mit ihm gesprochen. Aber nur mit guten Geistern hat er zu thun gehabt, denn er ist ein frommer Mann gewesen, mit bösen Geistern hat er sich nicht abgegeben. Nun war einmal Fastnacht. Da war er auch in der Kirche. Und wie der Pastor auf der Kanzel stand und legte Gottes Wort aus und sagte, wie ein Bergmann sich verhalten müsse, wenn er Gott lieb und angenehm sein will, da saßen auch Zwei auf der andern Emporkirche, Dem gegenüber, der hat Geister sehen können. Die schwatzten miteinander und lachten, und hörten gar nicht darauf, was der Pastor sprach. Und hinter ihnen stand der Herr Urian (der da hat Geister sehen können, hat's mit seinen leiblichen Augen gesehen) und hatte eine Kuhhaut und eine große Feder in der Hand. Und mit der Feder schrieb er auf die Kuhhaut Alles, was die Beiden schwatzten, mit großen Buchstaben, daß es der Andere hat lesen können. Wie der Pastor aufhörte zu predigen und das Vater Unser betete und den Segen sprach, hörten die Beiden noch nicht auf zu schwatzen und zu lachen; und der Böse konnte es nicht Alles auf die Kuhhaut bringen. Da trat er mit dem einen Fuße auf die Kuhhaut und mit den Händen zog er sie an sich, und wie er so zog mit aller Gewalt, rutschte ihm die Kuhhaut unter dem Fuße weg. Da fiel der Böse rücklings nieder und streckte die Beine gen Himmel. Das fiel dem Bergmann so ins Lachen, daß er sich nicht halten konnte, und er lachte so laut, daß die ganze Kirche davon schallte. Der Pastor hat ihn aber gleich gesehen und erkannt und hat ihn sich gemerkt, und wie die Leute aus der Kirche gingen, stellte er sich ins Kirchenhaus, wartete, bis der Bergmann herauskam, und sagte zu ihm: er möchte doch ein paar Augenblicke mit ihm gehen, er hätte ein paar Worte mit ihm zu sprechen. Gut das Ding! Wie sie beim Pastor ins Haus getreten waren, ging er mit dem Bergmann gleich auf seine Studirstube und da hielt er ihm Gottes Wort vor, und hielt ihm eine Strafpredigt, die ist aus dem FF gewesen: ob er sich denn nicht der Sünden schäme, daß er sogar an seinem höchsten Feiertage im Gotteshause vor allen Menschen den Segen verspottete. Dafür könne es ihm nun und nimmermehr wohlgehen. Wie der Pastor fertig war, sagte der Bergmann: nun, Herr Pastor, sind Sie fertig? Sagte der Pastor: ja. »So erlauben Sie mir wol auch, daß ich spreche.« Sagte der Pastor: Wenn Er was zu sagen hat, mag Er's sagen. Da erzählte ihm der Bergmann Alles, was er gesehen hatte und sagte ihm Alles wieder, was der Böse auf die Kuhhaut geschrieben hatte, und gab ihm die Hand drauf. Wie das der Pastor hörte, sagte er gleich zu ihm, so möchte er ihm doch den Gefallen thun und nur noch ein paar Augenblicke verziehen; und schickte hin und ließ die Beiden rufen. Wie sie kamen, ließ er den Bergmann in das Nebenzimmer treten. Darauf fragte er die Beiden, was sie heute Morgen unter der Predigt gesprochen hätten. Da sagten die Beiden, sie hätten nicht gesprochen. Fragt er sie noch einmal, ob sie leugnen könnten, daß sie gesprochen hätten, und sagt ihnen Alles wieder, was sie gesprochen haben. Aber sie blieben dabei, sie hätten nicht gesprochen. Da machte der Pastor die Thür auf, und der Bergmann, der da hat Geister sehen können, trat in die Stube und sagte so und so, das und das, und erzählte auch, wie's der Böse gemacht. Da erschraken die Beiden und bekannten, und nun wollten sie es auch in ihrem Leben nicht wieder thun. Da war's gut, und der Pastor gab ihnen noch manche gute Lehre mit auf den Weg. Den andern Sonntag saß der Bergmann, der ein Sonntagskind war, wieder in seinem Stuhle und gegenüber saßen die beiden Andern. Wie der Pastor auf der Kanzel stand und legte Gottes Wort aus, richtig stand wieder der Böse hinter den Beiden und hatte seine Kuhhaut und seine große Feder. Aber die Bergleute sprachen kein Wort und hörten aufmerksam zu. Und wie der Pastor das Vater Unser betete und den Segen gab, beteten sie recht andächtig mit. Da nahm der Herr Urian seine Kuhhaut zwischen die Zähne und zerriß sie, und seine Feder zertrat er mit den Füßen und stürzte wüthend durch den Gang und die Treppe hinunter und zur Kirche hinaus. Und alle Menschen haben den Lärm gehört, aber Keiner hat gewußt, wo er herrührte. Aber der da hat Geister sehen können, hat Alles gesehen und hat's nachher oftmals erzählt.

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7. Die Stiefmutter.

Einem Bergmanne ist seine Frau bei ihrem zweiten Kinde im Kindbette gestorben. Er hat aber bald darauf wieder geheirathet. Aber die Stiefmutter ist mit den beiden Kindern ganz unbarmherzig umgegangen. Das ältere hat sie gepeinigt mit Arbeit, die es noch nicht hat verrichten können, und hat ihm die Nahrung vorenthalten, und wenn das arme Kind nicht hat thun können, was die Stiefmutter gewollt, so hat es Schläge, aber nichts zu essen bekommen und oft hungrig zu Bette gehen müssen. Dem kleinsten Kinde hat aber die Mutter keine Nahrung gegeben, hat's auch nicht gewartet und nicht reinlich gehalten, in der Meinung, es solle auf diese Weise sterben. Aber das kleine Kind ist ihr zum Trotze gediehen. Denn als einmal auch das ältere Kind nichts zu essen bekommen, aber desto mehr Schläge, hat es geweint und gejammert und ganz laut gerufen: Ach Mutter! Mutter! ach meine liebe Mutter! Da sprang die unbarmherzige Mutter auf das Mädchen los, um es noch mehr zu schlagen; indem that die Kleine einen lauten Schrei, flog auf den Vater zu und zog ihn hinter sich her, daß er hinter den Ofen sehen mußte, wo die Wiege stand. Und da sah er, wie bei der Wiege seine verstorbene Frau saß und das Kind im Arme hatte und es säugte mit ihrer Brust. Die Stiefmutter aber, wie sie das sah, erschrack fast zu Tode, bat das arme geschlagene Mädchen um Verzeihung und es möge doch in Zukunft nur nicht seine Mutter rufen, und sie ist seitdem eine gute Mutter für die Kinder geworden, und da hat auch der Geist der Mutter Ruhe gehabt und hat sich nicht wieder sehen lassen.

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8. Mer soll dn Teifel net porren.

 

An Rathsel.

(Im oberharzischen Bergmannsdialekt, der sog. Harzsprache.)

Is ämol ä Barkmann gewest. Wenn dar hot vor Ort geschtanden und hot sich epper geschnieft oder darkleinig, su hot er gesagt: Da Teifel, dan sost du hahn. Dos hot er lange Zeit su getriem. Aemol schlicht er ahch vor Ort un schnieft sich un saht: Da Teifel, dan sost du hahn! Su wiere dos gesaht hot, schlicht a der Teifel vorne. »Was hoste do gesaht, Karrel! Dos prowier mer noch ämol, soste sahn, wie dersch gieht.« – »Haha«, sahte dr Barkmann, »en wos woste du mir thun? Du host an mir kä Thäl.« – »Na, ich sah dersch«, schpricht der Teifel, »thuste mersch noch ämol, ich will net häßen, wie ich häß, giehtersch ene Värtelschtunne schlacht.« Und do dermit verschwindter. De annre Nacht wie dr Barkmann wieder vor Ort schtieht, klatsch! »Da Teifel, dan sost du hahn!« Schwuppdich is dr Teifel wieder do. »Ich sahdersch! Mach mich net zacket! kann su wos net leiden. Loßmersch unterwahng!« – »Haha! du alwerner Teifel! Ich bin hie in män Beruf. Kannst mir nischt thun. Schar dich deine Gäng!« – »Na ich sahdersch in Guten. Namm dich in Acht.« Do drauf verschwindter. De annre Nacht is dr Barkmann wieder vor Ort. Klatsch! »Da Teifel, dan sost du hahn.« In Ahmblick is dr Teifel do: »Karrel ich sahdersch zum letzten Mol. Loß mich zufrieden, oder es giehter schlacht.« – »Haha! du sost mich wull lahm loßen. Schar dich deine Gäng.« – »Ich hohdersch zum letzten Mol gesaht. Prowiermersch net wieder.« Wack isser. De annere Nacht wie mei Barkmann wieder vor Ort schtieht, klatsch! »Da Teifel, dan sost du hahn!« Dr Teifel is wieder do, un is glatt unriehmsch vor Wuth. »Wart, Jerg! Nu will ich dersch eindränge. Du sost mich zum letzten Mol gefoppt hahn!« Do dermit verschwindter. Mei Barkmann oder lacht sich schef und ähtschtne wos aus. Gut das Ding. In der namling Nacht macht sich dr Herr Uriäng nong Klasthol, nimmt ä paar Fansterscheim ausen Kerringfanster, fährt in dr Kerch nein un langt de silwern Lächter von Altar un prackteziertse dan Barkmann ins Haus un unter sän Bett. Dr Barkmann kimmt gehng Morring häm un legt sich zu Bett un hot aus nischt wos Arges. Na! gans frieh an Morring wärds all publiek, daß de Kerch beschtuhln is, un 's kimmt a dr Owrigkät ze Uhren. De Herrn hin nohch dr Kerch un sahn de Beschäring. Nu isses oder Winter gewast, un es is von dr Kerch aus ene Schpur gange nohch dr Schulgaß zu. Dar Schpur ward nohchgange, un weil se ahm in dan Barkmann sän Haus fiehrt, ward kleich nein gemaschiert un fluck gefissentiert. Dar Barkmann is ahm aufgeschtanden, un weil er noch de Schlof in de Ahng hot un sich das net ze reime wäß, su schmeißt er de Piedels un dn Herrn gleich ä Schock Dunnerwatter an Kopp un will wissen, wosse in sän Haus ze suchen hahn. Dos wier sich finden, häßt's. Forsch ärschte sollt er ju sei Maul halten. Wos willer machen? Har muß es sich gefallen lassen, lett sich's a gefallen un denkt: wardtich schneiden! saht oder: »Wenner oder nischt findt, saht, Karrels, kännter das Ding? ('s is ä Axtenhalm gewast) sollich ä Watter regieren.« Oder dos Ding kimmt annerscht, wieer ich lächtsen denken kännt. Untern Bett waren de Lächter gefunden. Un im trawalljeh la portt, Marsch! in dn Pfardieb seiner Schtet! Drauf ins Verhär. Hie verzehlter wosne mit dn Teifel begähnt is. Oder de Herrn lachenna in de schieren Zähn, un denken: dar Karrel wäß wull wie's elfte Gebut häßt, oder hie kimmste an de unrachten. Wart, häßt's hie, dir soll dr Schpaß balle vergiehn. Marsch mit dir of dr Tracktur! Na, dar muß all ä Karrel sein, dan do net es Läkeln vergiehn soll. Har kann's net aushalten un bekännt, ja har hette de Lächter geschtuhlen. Na, wie da es Ortel gelaut hot, kännter ich lächtsen vierschtellen. Es Ortel häßt: har sull gehängt waren. Na prost!

De Nacht vor dr Ecksekuzion kimmt dr Teifel zum Barkmann in dn Pfardieb seiner Schtet: »Na, Jerg, wie gefelltsder in dr Fisitenschtuh? Hoste endlich genunk? oder hoste a Lust zum hanneftne Fanster?« – »Dn Teifel offen Kopp«, saht dr Barkmann, »ich sah wull, du bist ä Erzgeneralschpitzbub, un war dich porrt, dan kost's Hals un Krahng.« – »Na, ich sah, du bist klieker geworren. Här, ich willder an Vierschlohk machen. Verschreibmer deine Seel, su soste dei bissel Lahm behalten.« – »Was? icha? meine Seel? dan Teifel willichder verschreim!« – »Na besinn dich! Forwahr, es is ene verdammte Himmelfahrt, wu dr Mäster Hammerling druhm of dr wartt und dir mit dn Schtrick dn Willkummerts gitt. Loß dich net ä Mol hänge. Mer kann's net zwä Mol prowieren.« – »Heija! Loß dich obmohle of Leschpapier mit Elfarwa, biste zwä Mol ze sahn!« – »Na här, an verdammt harten Kopp hoste denn oder doch. Verschprachmer, daß de mer su deschpecktierlich net wieder begähne witt, su soste deine Seele un a dei Lahm behalten. Giehste dos ein?« – »Nu ja, dos is wos annerscht; dos will ich eingiehn.« – »Na gut. Dos is dei Gelick. Wennste nu morring offen Galling schtiehst un dr Schinderschknacht will dr de Schling iwern Kopp schmeißen, denn gieh mant schlank wack, offen Galling hin un schteig dr Fahrt nob. 'S wärd dich käner hinnern.« Na gut das Ding. Dn Tohk drauf, 's Nohchmittogs, wiere seine Armesinderschmohlzeit ahm in Leiwe hot, wärder ausen Gefängnis rausgefiehrt. Offen Mark is ä Rummel Menschen, daß es gans wos grundluses gewast is. Gans Klasthol is of dn Bänen, die guckenne ahn, es wie ä wild Gethierg. Mitten offen Mark is ä Gebrickrich aufgefiehrt, do sitzen de Herrn droffe in vullen Schtaat. Do wärdne noch emol es Ortel viergelasen un gefragt, epper wos derwieder einzewenden hot? Oder har saht kä Wort. Alsu, »das Ortel is geschprochen, der Schtock der is gebrochen.« Do fiehrensen wieder nunter in dn Krähsch, dan de Zaldaten gemacht hahn. De heiling Engels schmeißenna of än Karrn of ener Kuhhaut. Dr Schriftgelehrte mit sän Alkoran setzt sich beina un schwatztne was vier, wure net drauf hart. De grußen Schilersch vor dn Karrn, de Korrent derhinter, schtimme dn Lieningtansermarsch ahn. Je Fuchs! Vorwärts gieht's zu dr Schtadt naus, nong Galling. Na, es Harz hot ne denn doch oder gepuckert, wierre dr Fahrt nauf schteigt. Zunt schtiehter of dr deitschen Siewena, un dr heilige Engel denkt all: nu hoste dei letzt bissel Brud in Leiwa. Oder wiene dr Musche Plicks de Ehs iwern Kopp schmeißen will, wutsch, do bickter sich, wutschtne untern Arm wack, gieht of dr deitschen Siewena hin nohch dr Fahrt un schteigt nob. Wierre unten is, guckter nohch emol su von ohnegefahr zurick. Wierre sich umguckt, wos dan Dunnerwatter, do schtieht dr Teifel bei dn Schinderschknacht un hot än Schtruhwisch un hältn in dr Ehs nein, un zeigt dn Leiten, was kä Gesicht is. Wiere dos ane Weil ahngesahn un sich saht gelacht hot, giehter mitten dorch dan Rummel Menschen dorch. Käner haltne ahn, daß er ungeschuren häm kimmt. Do schtoppter sich äne un guckt zum Fanster naus. Na prost!

Endlich kumme de Leit wieder zurick von der Ecksekuzion. Su wie de Aerschten vor sän Haus kumme un sahn, daß dr arme Sinder zum Fanster raus guckt, Harr Jeses, schrein de Leit, dr Dellequent gieht all wallen! Har leit in sän Fanster un schmökt, daß es pafft! De Aerschten reißen aus wie Schoflader. Oder wies publiek wärd, daß dr Dellequent zum Fanster naus guckt, kömme immer meh ahn. Un zuletzt wärd vor dan Haus ä Tullmult un ä Schawul, as wenn de Walt ze Grund giehn soll. Har bleit ruhig in Fanster lieng un fletscht, as wenner än Lork an Schtrick hot. Endlich, wieer sän Schpaß lang genung gehat hot, redter de Leit ahn: »Kinnersch un ihr Leit! wos hotter denn vier? Seid doch gescheit! Kummt doch rein! Ich bin doch kä Geschpenst! Ae Geschpenst kann doch net schmöken. Un de Geschpenster giehn doch ahch an Tohk net wallen.« Oder Käner hot dn Hannel getraut. Drim is a Käner zune ins Haus ganga. Endlich kimmt a sei Kammerad. Dar faßt sich ä Harz un redtne ahn: »Bengel! bistes oder isses dei Gäst?« – »Ach sei doch gescheit! Wenn's mei Gäst wär, kännt ich ju net schmöken.« – »Ja sah mant, Bengel, wasde gemacht hast? Du hängst ju leibhaftig an Galling!« – »Is net wahr.« – »Harr Jeses, hoste denn mit dn Teifel ä Verbindnis gemacht?« – »Ach! Schwatzewark! Wenn ich mit dn Teifel ä Verbindnis gemacht hette, wier dar mich hie sitzen lossen? Kumin rein, su will ich dersch verzehln.« Na su gieht denn sei Kammerad nein zune in de Schtuh, un weil alle Leit sahn, dassersch salwer is un net sei Gäst, so kummese ah rein, daß de Schtuh geschtoppte vull wärd. Un do hatter allen Leiten de Geschichte von vornst ahn verzehlt, wie ichse eich verzehlt hah. »Oder wie is doch des mant mieglich?« saht sei Kammerad, »du sitzt hie un labst un mer hahn dich doch alle an Galling bummeln sahn un net än Schtruhwisch,« – »War wäß wos ihr gesahn hat. Satt doch noch emol zu, ob ihr mich noch drahn satt.« Genunk, es giehn weche hin nong Galling. Wos sahnse? Aen Schtruhwisch! –

Satt! su is mei Barkmann dis Mol noch mit' an blan Ahg dervon gekumme, oder ihr geläbtmersch, dasser zitter dar Zeit dn Teifel net wieder geporrt hot. Un ihr thutt ahch an gescheitsten, wenner su was unterwahnglott. Denn wenner dn Teifel an dr Wand mohlt, su kimmt er.

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9. Bau der zellerfelder Kirche.

Wie die zellerfelder Kirche abgebrannt ist und wieder hat aufgebaut werden sollen, da hat Jeder gegeben, wie er's gekonnt und gehabt hat. Da ist aber ein armer Schelm gewesen, der hat Nichts gehabt und hätte doch auch gern seinen Pfennig gegeben. Wie er so darüber nachdenkt, was er wol macht, da fällts ihm ein: I! wenn du einen Korb Schwämme holtest! Gibt's nicht viel, gibt's wenig und es gibt Einer wol einen Groschen mehr, wenn du sagst, was du mit dem Gelde machen willst. Also geht er stante pede in den Wald und verirrt sich, bis er auf einen freien Platz kommt, wo er sich umsieht und nachrechnet, wo er wol sein mag. Wie er so sich umsieht, auf einmal haben ihn drei verlarvte Männer gepackt. Die halten ihn fest und verbinden ihm die Augen und führen ihn mit sich weiter und er merkt endlich, daß es eine Treppe hinab geht. Endlich wird stillgehalten und es wird ihm die Binde von den Augen genommen Da ist er in einem großen Saal, der ganz köstlich ausstaffirt ist und viele Lichter brennen, so hell wie der Tag. Er hat sich nicht lange besinnen können. Denn da sitzen viele Männer, Alle verlarvt, und Einer verhört ihn. Da erzählt er aufrichtig, wie's ihm gegangen ist und sagt, sie sollten ihm doch nun auch wieder seine Freiheit geben. Seine Frau und Kinder warteten gewiß mit Schmerzen auf ihn. Aber er wird nicht entlassen, sondern in ein anderes Zimmer geführt, wo man ihm Speise und Trank gibt und sagt, er solle sich nur erst erquicken, und sich dann ruhig schlafen legen, morgen wolle man mehr mit ihm reden. Das Zimmer ist auch ganz prächtig gewesen und das Essen und der Wein und das Bette ist eben nicht gewesen als ob's Spitzbuben gehörte. Nachdem er sich erquickt hat, legt er sich zu Bett und denkt: Na! das ist eine schöne Geschichte! Wo bist du denn nun eigentlich? Spitzbuben sind's gewiß nicht; die wären nicht so manierlich mit dir umgegangen. Bist wol gar unter die Venediger gerathen. Hm! Da wärst du ja gerade recht gekommen. Am andern Morgen, das heißt, wie er geweckt wird, bekommt er erst wieder einen Trunk Wein und Backwerk dazu, und darauf wird er wieder vor die Herren geführt. Die sind da nicht mehr verlarvt und sind ganz ansehnliche Leute gewesen. Die fragen ihn, ob er nicht Lust hätte die Welt zu sehen; wenn er ehrlich wäre, konnte er ein reicher Mann werden. Ja, sagt er, das ginge so nicht, er wisse ja auch nicht, wer die Herren wären, aber er dächte, sie müßten wol Venediger sein, und da müßte er ja Frau und Kind verlassen und das wäre doch unrecht. Nun, sagt da Einer, wir sehen, daß du eine ehrliche Haut bist und wenn du dir etwas wünschest, nun so sag's. Ja, sagt er, wenn sie ihm ein paar Groschen geben wollten, es wäre ihm doch so verdrießlich, daß er gar nichts geben könnte für die Kirche. Die Sammler kommen heute und am Ende konnte man denken, er sei nur so lange ausgeblieben, um nichts geben zu dürfen. Die Herren wären ja so reich, könnten wol auch etwas thun für den Aufbau der Kirche. Da gibt's ein lautes Gelächter. »Na, so suche dir etwas aus.« Da führt ihn ein Mann in ein anderes Zimmer, und zeigt ihm ganze Fässer voll Pistoletten. »Nun, willst du nicht zugreifen?« – »O ja! werde mich hüten; hieße am Ende gar, ich hätt' es gestohlen!« – »Nun, des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Da, weiter haben wir nichts für dich.« Damit gibt ihm der Mann eine blecherne Henne. Auch gut, denkt mein Bergmann, und bedankt sich. Darauf werden ihm wieder die Augen verbunden und so wird er wieder abgeführt. Wie ihm die Binde abgenommen wird, befindet er sich aus einem Wege. Er kennt ihn, es ist der Weg nach Zellerfeld gewesen. Er nach Haus. Na, Gottlob! ruft seine Frau, aber wo hast du denn so lange gesteckt? Na, nur stille! mir ist's wunderlich gegangen. Und da erzählte er. Aber was sollen wir denn nun mit dem Dinge machen? heißt es. Und während sie das Ding so um und um betrachten und betasten, da auf einmal öffnet sich unter dem Bauche der Henne ein Kläppchen, und es fallen lauter Goldstücke heraus, alle wie kleine Küchlein gestaltet. Da ist's Freude gewesen im Hause, und der arme Schelm ist auf einmal reich geworden und hat die zellerfelder Kirche gebaut. Und zum Wahrzeichen hat er die Glucke mit den Küchlein über den Kirchthüren in Stein abbilden lassen.

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10. Die Buttermilchsbetstunde.

Es ist auch einmal in Zellerfeld ein Superintendent gewesen, Namens C.....r, dessen Frau ist sehr geizig gewesen. Wenn ihr Mann ins Fenster Pfennige gelegt hat für die Armen, so hat sie dieselben unterschlagen und versteckt. Wenn sie am Donnerstage gebuttert hat, hat sie die Buttermilch mit Wasser vermischt, und wenn sie Butter verkauft hat, hat sie immer eine falsche Wage gehabt und so die Leute betrogen.

Wie sie gestorben ist, hat sie keine Ruhe gehabt und ist walten gegangen und man hat im Hause nicht bleiben können vor Geheul und Lärm, das sie gemacht hat. Endlich hat man einen Pater aus Goslar kommen lassen, um sie zu bannen. Der hat sie citirt, und wie sie kömmt, sagt er Allen, die dabei sind, sie sollten sie ja nicht anrühren. Aber Einer hat's doch gethan, wie sie ihm die Hand hingestreckt hat. Da haben ihm gleich die Finger gebrannt. Der Pater fragt sie, was ihr Begehr sei. Ach ich brenne im höllischen Feuer, jammert sie, und habe keine Ruhe. Im Keller ist das Geld, um welches ich die Armen betrogen habe. Darauf hat sie der Pater verbannt, und ihr verboten, jemals hier wieder zu erscheinen. Das Geld aber ist gefunden, ein großer Kessel voll, im Keller vergraben. Dieses Geld ist auf Zinsen gelegt worden und die Zinsen werden alle Donnerstage nach einer Betstunde an die Armen verteilt. Die Wage aber ist in der Kirche aufgehängt. Die Betstunde nennt man in Zellerfeld die Buttermilchsbetstunde.

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11. Das vertriebene Gespenst.

Ueber den zellerfelder Kirchhof führt ein Weg, der sonst wenig gegangen wurde, am allerwenigsten aber des Abends und des Nachts zwischen elf und zwölf. Denn eine lange weiße Gestalt, wie eine weißgekleidete Jungfrau, hat früher diesen Weg bewacht und Jeden zurückgeschreckt, der ihn hat gehen wollen. Wie man sich einmal davon unterhält, daß die weiße Gestalt mit einem Bunde Schlüssel da alle Nacht stehe, und Jedem den Rest gäbe, der da durchgehe, entschließen sich zehn kräftige und muthwillige junge Burschen, der Sache auf den Grund zu kommen, und begeben sich mit Stöcken bewaffnet nach dem Gottesacker. Als sie oben beim Hospital angekommen sind, verlieren sie aber Alle, bis auf einen untersetzten, aber sehr kampflustigen kleinen Mann den Muth. Dieser spricht zu seinen Kameraden: gebt mir einen tüchtigen Stock für meine kleine Eiche, dann will ich allein hingehen und sehen, was es gibt. Man gibt ihm einen tüchtigen Knüttel und muthig und trotzig geht er über den Kirchhof. Es ist gerade des Nachts zwischen Elf und Zwölf gewesen. Da, wo der Weg bald aus der Mauer vom Kirchhof herabführt, steht die weiße Gestalt. Er geht darauf zu und sagt laut und deutlich: »Guten Abend!« bekommt aber keine Antwort. Er wendet sich wieder um und spricht: »Guten Ohmd ho ich gesaht!« Wieder keine Antwort. Da geht er wieder zurück und spricht: »Guten Ohmd ho ich gesaht. Seid ihr denn epper tahb?« Die Gestalt antwortet nicht. Da wird er zackig, greift nach dem Schlüsselbund und schlägt mit dem Stocke nach der Gestalt. Da ist Alles verschwunden, und hat sich seit der Zeit nichts wieder auf dem Gottesacker sehen lassen.

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12. Das Gespenst mit der Mütze.

Aus Klausthal war ein Mädchen, die mußte bei einem Spiel vom Gottesacker aus dem Gewölbe einen Hut wegholen. Auf dem Kirchentritt saß auch ein Mann, der hatte eine weiße Strohmütze auf, die nahm sie ihm auch weg. Den Hut trug sie in derselben Nacht wieder hin, die Mütze behielt sie. In der nächsten Nacht rief es immerfort von Elf bis Zwölf vor ihrem Hause: »Hannemargrethe, meine Mütze!« So ging es drei Nächte lang. Nun sprach sie zur Geistlichkeit und die sagte, sie müsse dem Manne die Mütze wieder aufsetzen an der Stelle, wo sie dieselbe weggenommen. Die Pastoren gingen selbst mit, als aber das Mädchen dem Gespenst die Mütze aufsetzte, bekam sie von dem Männlein eine Ohrfeige, daß sie todt niederfiel.

Aehnlich wird in Wildemann von einem Mädchen erzählt, das spät aus der Spinnstube heimgekehrt sei. Als sie über den Gottesacker ging, stand da eine weiße Gestalt und hatte nach Landessitte ein Tuch um den Kopf gewunden. Sie glaubte, es sei ihre Kameradin, lief rasch hin, riß ihr das Kopftuch ab und sprang davon, mußte aber auch diesen Muthwillen mit dem Leben büßen.

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13. Das klausthaler Mädchen in Amerika.

Es ist ein Bräutigam auf dem Klausthal gewesen, der ist hingegangen nach Amerika. Von da schrieb er an seine Braut, wenn sie hinkommen wolle, so möge sie kommen, sonst möge sie hier bleiben. Da packte die Braut auf und ging hin, da war der Bräutigam sogleich an der See und arbeitete da und sagte, er könnte sie nicht behalten. Da ging dies Mädchen fort und kam vor so ein Schloß, da ging es hinein. Da sagte der Herr zu seinen Dienern, nun sollten sie dem Mädchen gleich ein gutes Zimmer anweisen, wo es schlafen könnte. Und da hat sie so ein schönes Bett bekommen, das hat einen solchen Schwung gehabt von den schönsten Schwungfedern, daß es immer in die Höhe geflogen ist. Das Mädchen aber hat gedacht, sie wäre bei Räubern und diese wollten sie tödten. Allein am andern Morgen ließ der Herr sie rufen und fragte, ob sie freien wolle, und da sagte es, es könnte nicht freien, es hätte kein Bett und nichts. Da sagte der Herr, es solle nur sagen ob es freien wolle, da sagte es: ja, es wollte freien. Da freite der Herr sie und sie hat von da an immer im Bett mit Sprungfedern geschlafen, hat auch müssen sagen, was ihr untreuer Bräutigam für einen Tod sterben solle, und da hat er diesen Tod sterben müssen.

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14. Der Rabe vom Klausthal.

Auf Klausthal war ein Herr, der hatte einen Raben und ein Dienstmädchen. Der Rabe schleppte alle silbernen Löffel fort und der Verdacht fiel auf das Dienstmädchen; sie sagte auch in der Tortur aus, daß sie schuldig sei. Da sollte sie bei der Ziegelhütte gerichtet werden und vor ihrem Tode sagte sie noch, sie sei unschuldig, es war aber da schon zu spät. Nachher wurde an dem Hause des Herrn ein neues Dachgerenn gemacht, da hat es sich gefunden, daß der Rabe Alles dorthin getragen hat. Da ist das Mädchen von der Richtstelle wieder aufgegraben und hat ein ordentliches Begräbniß erhalten.

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15. Die Rebhühner.

Es ist einmal ein Kaufmann von Klausthal nach Osterode gegangen. Wie er in die Gegend hinkommt, die jetzt der Heiligenstock genannt wird, sprengen zwei Menschen auf ihn los und greifen ihn an. Der Kaufmann ist unbewaffnet gewesen und hat sich gegen die beiden Räuber nicht wehren können. Er bittet sie daher, sie möchten ihm doch das Leben lassen, das Geld möchten sie nehmen. Aber die Räuber sagen: Wenn wir dir das Leben lassen, so verräthst du uns. Du mußt sterben. Er schwört zwar hoch und theuer, daß er sie nicht verrathen will, aber vergeblich. Wie sie ihm die Kehle abschneiden wollen, indem fliegt ein Schwarm Vögel vorbei. Da sagt der Kaufmann: Nun, wenn ihr denn keine Barmherzigkeit haben wollt, so sollen euch diese Vögel verrathen. Aber die Räuber lachen und schneiden ihm den Hals ab. Darauf gehen sie nach Klausthal zu. Wie sie vor die Ziegelhütte kommen, sagt der Eine: Weißt du was? Wir wollen erst Einen nehmen. Gut das Ding! Sie gehen also hinein. Wie sie in der Stube sind, fragen sie den Wirth, was er Gutes zu essen habe. Hübsche Vögel, eben erst gefangen. Gut! bringt uns ein Gericht! Das thut auch der Wirth. Wie sie die Vögel fast aufhaben und auch einen Tüchtigen dazu genommen haben, werden sie lustig und fangen an verblümterweise miteinander zu reden und zu spotten, und der Eine sagt zuletzt: Am besten im Bauch, da können sie's nachher dem A...t verrathen. Darüber fangen sie höllisch an zu lachen. Nun hört nur zu, wie das Ding noch kommt! Hinter dem Ofen da liegt der Knecht und hört dies, und bei Gelegenheit macht er sich auf und steckt's dem Wirth. Der denkt Halt! das ist nichts Richtiges, schickt den Knecht nach Klausthal, und hält die Räuber durch allerlei Gespräch am Tisch, bis die heiligen Engel (die Gerichtsdiener) von Klausthal kommen und den Räubern frei Quartier im Gefängniß anweisen. Nach vier Wochen haben sie schon am Galgen gehangen. So haben doch die Vögel die Spitzbuben verrathen. An der Stelle aber, wo der Mord geschehen ist, hat man ein Kreuz aufgerichtet und davon hat der Ort den Namen Heiligenstock erhalten.

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16. Die Glühwürmer.

Ein Zimmermeister hatte zur Winterszeit Zimmerleute im Walde, um Bauholz hauen zu lassen. Eines Tages hatte er die Gesellen im Walde besucht, um ihnen die Arbeit anzuweisen. Gegen Abend ging er wieder nach Hause. Da führte ihn sein Weg über einen Kohlungsplatz, und er sah mitten auf dem Platze, mitten im Schnee, einen hellen Schein. Ei, dachte er, was hat denn das zu bedeuten? und ging darauf zu. Was fand er? Mitten im Schnee einen ganzen Haufen Glühwürmer. I, dachte er, das ist doch wunderlich. Glühwürmer im Winter, und mitten im Schnee, und auf dem Harze; das glaubt dir doch auch Niemand, wenn du es erzählst; da mußt du doch ein paar davon mitnehmen zum Wahrzeichen.

Er zog also seine blecherne Tabacksdose aus der Tasche und legte einige von den Glühwürmern hinein. Zu Hause erzählte er seiner Frau was er gesehen, und wie er zur Bekräftigung seine Tabacksdose öffnete, fanden sich statt der Glühwürmer Goldstücke. Am andern Tage ging der Zimmermeister wieder in den Wald nach den Glühwürmern, hat aber keine gefunden.

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17. Der Heerwurm.

Auf Klausthal erzählt man vom Heerwurm, welcher lang und dick ist und viele Köpfe hat. Legt er sich vor den Frachtfuhrleuten her über die Straße, so bedeutet dies Krieg.

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18. Kaiser Heinrich und die Vogelsteller.

 

l.

An Heinrich I. erinnern bekanntlich noch zahlreiche Vogelherde auf dem Harze, an deren jedem er die Kaiserkrone empfangen haben soll. Von dem Vogelherde, genannt: der Kaiser Heinrich, bei Schulenberg auf dem Oberharz erzählte mir ein Vogelsteller auf Klausthal: »Dort hat Herr Heinrich gerade Vögel gefangen, da ist Extra gekommen, daß er zum deutschen Kaiser erwählt sei. Herr Heinrich wäre aber lieber bei seinen Vögeln geblieben.« Ausführlicher erzählte der Schmied, der jetzt in der tiefsten Waldeinsamkeit auf Kaiser Heinrich wohnt und das Vogelstellen nur nebenbei betreibt: »Der Kaiser Heinrich hat gar viele Finkenherde auf dem Harze gehabt, auch Holztaubenherde in den Thälern, deren hier herum noch immer neue aufgefunden werden, welche alle vom Kaiser Heinrich herrühren. Hier aber ist ihm die Kaiserkrone angetragen und da, wo in meinem Garten die Vertiefung ist, hat seine Bucht (Vogelhütte) gestanden. Von Abend her ist er gezogen gekommen, ehe er diese Stelle entdeckt hat, und hat das Wasser im schulenberger Thal im Vorbeiziehen wegen seiner Klarheit das weiße Wasser getauft, welchen Namen es noch bis auf den heutigen Tag führt. Wo jetzt mein Haus steht, hat er seinen Pferdestall gehabt, und auch ein kleines Stübchen daneben, worin er sich mit seiner Frau aufhielt, wenn er hier war. Von diesem Stalle lag noch eine alte Schwelle dort, daraus habe ich mir eine Zither gemacht, weil man zur Zither altes Holz am besten gebrauchen kann. Die habe ich mitgenommen, als ich nach Texas auswanderte, und glücklicher wieder heimgebracht als mein Vermögen, das ich dort einbüßte. (Er zeigte sie auch vor und spielte eine hübsche Weise darauf, wozu seine Frau ihr Kind auf den Armen tanzen ließ.) – Als die Reichsboten in diese Bergschlucht kamen, sahen sie die Bucht des Herrn Heinrich vor Wald nicht und mußten deswegen in das Horn stoßen, um ihn zu rufen. Da wurde ein Zug Finken verscheucht, welcher bereits im Netze war, das er eben hat rücken wollen. Darüber ist er anfangs sehr ungehalten gewesen und hat gesagt, die Krone werde ihm nicht so viel Freude bringen als dieser Zug Finken. Von der andern Seite ist eben auch Herrn Heinrich's Bruder gekommen und hat einen Wolf erlegt gehabt. Wäre die westfälische Regierung (!!) geblieben, so hatte sie vor, hier zum Andenken an diese Begebenheit ein Denkmal zu setzen.«

 

II.

Noch bis auf den heutigen Tag betrachten die Vogelsteller oder, genauer gesprochen, die Herdsteller auf dem Harze den Kaiser Heinrich gewissermaßen als ihren Schutzpatron. Es ist ein Herdsteller gewesen, der hat wollen zur Himmelfahrt zum Nachtmahle gehen und spricht zu seiner Frau: »Hanne, ich kann mir nicht anders helfen, ich muß vorher ein paar Stunden nach dem Vogelherd gehen.« Und als er hinauskommt, fängt er so viele Vögel, daß er nicht weiß wohin damit, und es drängen sich immer noch mehr in das Netz. Nun aber kommt die Zeit heran, wo er zu dem Gottestische gehen muß. Seine Frau lauert auf ihn zu Hause, er aber kann sich nicht trennen von den vielen Vögeln, die sich immerfort in sein Netz drängen. Vergißt also den Gottestisch und fängt an diesem Tage so viele Vögel, daß er sie kaum tragen kann. Wie er aber heim kommt und schüttelt die Vögel auf den Tisch, ist es eitel Pferdemist gewesen. Dies sind keine Lügen; der Herdsteller Schier, der's erzahlte, hat's von seinen Vorgängern gehört.

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19. Die drei Brüder vom Zellerfeld.

Auf dem Zellerfeld waren drei Brüder, die waren Jäger und gingen miteinander nach der Schalk auf die Jagd. Da bekam der Jüngste drei Rebhühner zu sehen, und schoß nach dem einen. Er glaubte es getroffen zu haben, es lief aber fort und er verfolgte es bis nach der Höhe des Berges an die Stelle, welche »beim Neunbrunn« heißt. Allda ist das Huhn verschwunden. Der Jäger nimmt die Stelle in nähern Augenschein und findet eine Oeffnung, die bezeichnet er sich, geht zurück und pfeift seinen Brüdern. Alle Drei gehen nun zu der Oeffnung hinein und kommen unter der Erde in ein geräumiges Zimmer, worin Tische und Stühle sind, der Tisch aber ist gedeckt und voll allerhand guter Speisen. Die drei Brüder setzen sich da nieder, essen und trinken und lassen sich es wohlschmecken. Nach dem Essen kommen drei herrliche wohlgekleidete Damen, welche sie anreden um Standhaftigkeit und kund thun, daß sie hier verwünscht wären. Wenn sie drei Jahre hier verharrten, ohne das Tageslicht zu schauen, so wären sie befreit. Versprachen ihnen auch, während der Zeit für gutes Essen und Trinken zu sorgen. Auch luden sie die drei Jäger ein, um ihnen ihre Schätze zu zeigen. Da führten die Damen die Jäger ins Nebenzimmer, zeigten ihnen drei Fässer mit Gold und thaten ihnen kund, daß sie von nun an wohl schwarz werden und sich nur alle Jahre einmal sehen lassen würden. Sobald das erste Jahr verflossen ist, kommen die Drei wieder, da sind sie schon etwas weißlicher geworden. Sie ermahnten die drei Jäger aber noch einmal, nur standhaft zu bleiben. Das zweite Jahr kamen sie wieder, da waren sie schon wieder etwas weißlicher. Da ermahnten sie die drei Jäger nochmals, nun auch noch das letzte Jahr auszuharren. So verging denn auch das erste halbe Jahr glücklich, im dritten Vierteljahre aber wurde der älteste Bruder unzufrieden und sprach: »Wozu wollen wir hier länger weilen?« Der jüngste vermahnte ihn aber mit ihm auszuharren. Auch der zweite Bruder wurde endlich wankelmüthig, und so beschlossen die Beiden endlich fortzugehen. Sie drohten, den Jüngsten zu ermorden, wenn er nicht mit wollte, und um sein Leben zu retten, gab der nach. Der Aelteste sprach nun weiter: »Wir wissen ja das Geld, so nehmen wir mit, soviel wir schleppen können.« So thaten sie auch und gelangten mit ihrem Gelde glücklich nach dem Zellerfeld, wo Alle die Drei schon verloren gehalten haben. Die haben sich unterwegs beredet, von der ganzen Sache nichts auszusagen, und sie gaben vor, daß sie auf Reisen gewesen seien und sich da durch Gelegenheit ein ansehnliches Geld verdient hätten. Sie legten auch die Jägerei nieder und nun lebte der Aelteste als ein Freiherr, der Zweite kaufte sich eine Wirthschaft und der Jüngste eine Mühle, alle Drei aber nahmen Weiber und lebten als verheirathete Männer.

Nun hat der Aelteste in Saus und Braus gelebt und es dauert nicht wie lange, so ist sein Geld alle gewesen. Mit dem Zweiten hat es etwas länger gedauert, und der Jüngste hat in rechtem Wohlstand und guten Verhältnissen gelebt. Als nun die beiden Aeltesten ihr Geld durchgebracht haben, halten sie miteinander Rath und befinden für das Beste, wieder an die Stelle zu gehen, um sich noch mehr Geld zu holen. Der Jüngste wollte nichts davon wissen, doch zwangen ihn die beiden ältern Brüder wieder mitzugehen. So gingen denn alle Drei wieder dem verlassenen Orte zu, fanden ihn richtig auf, doch trafen sie das Zimmer nicht so wieder, als sie es verlassen hatten, denn es war Alles schwarz überzogen und auf dem Tische standen drei Trauerlampen. Sie dachten nun gleich wieder nach dem Gelde zu greifen, konnten es aber nicht finden, kehrten in das Zimmer zurück und setzten sich voller Verwunderung dort nieder. Als sie in dem Zimmer waren, kamen die drei Damen ganz kohlschwarz wieder. Sie sprachen nichts, bald aber kamen drei Männer, gekleidet wie Fleischer und mit weißen Schürzen vor. Sie sprachen, auf den Aeltesten blickend: »Ihr meineidigen Schurken!« Darauf ergriffen sie den Aeltesten, viertheilten ihn und packten ihn in ein Faß. Also erging es auch dem Zweiten, und so wurden Beide getödtet. Der Jüngste hatte Alles mit Zittern ansehen müssen, ihm aber riefen die Damen zu: »Du treuer Freund bist unschuldig! Dir soll dein Leben geschenkt sein! Nimm was du willst und geh vergnügt zu Haus! Wir müssen so lange in Trauer verharren, bis sich drei Retter finden.«

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20. Der Freischütz vom Zellerfeld.

Bei einem Förster war ein Jägerbursche in Dienst, der konnte jede beliebige Kugel als Freikugel schießen. Der Förster hatte einen dreizehnjährigen Knaben, der wollte auch die Kunst lernen. Er quälte deshalb den Jäger alle Tage, sie ihm beizubringen. Der Jäger sagte zu dem Knaben: wenn er confirmirt würde, sollte er den wahren Leib behalten und nach Hause bringen, das Weitere wollte er ihm dann noch sagen. Ein halbes Jahr nachher wurde der Knabe confirmirt und brachte den wahren Leib mit nach Hause. Der Jäger ging mit ihm ins Holz, spendelte das Brot an einen Baum, lud das Gewehr und gab's dem Knaben, der nun nach dem Brot schießen sollte. Der weigerte sich und sagte, nach der Oblate könnte er unmöglich schießen. Der Jäger aber sagte, jetzt müsse er nach der Oblate dreimal schießen oder er wäre verloren. Der Knabe nahm das Gewehr, schoß nach der Oblate dreimal, und traf jedesmal bei alledem daß er nicht danach gezielt hatte.

Seit dieser Zeit hat er freie Kugeln schießen können. Nachher ist er Förster geworden und hat manchmal seine Geschicklichkeit sehen lassen des Spaßes wegen. Wenn er zuweilen an langen Winterabenden Gesellschaft gehabt, so hat er gefragt was sie essen wollten, Hasenbraten, Rehbraten oder einen Auerhahn. Dann hat er seine Flinte genommen, blindlings zum Fenster hinausgeschossen und gesagt: geht in den Garten, oder: geht in den Hof, oder: auf die Gasse, da liegt's. Und wenn sie dahin gegangen sind, wo er gesagt hat, haben sie es gefunden. Zuweilen hat er auch gefragt, wo's liegen sollte, und jedesmal hat's da auch gelegen, wo es die Leute haben wollten. Bei seinem Tode hat ihm der Teufel den Hals umgedreht, und rings um den Hals hat er einen blauen Streifen gehabt wie ein blaues Halsband.

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21. Das kleine Klausthal.

 

I.

Bei dem jetzigen Klausthal hat früher ein Städtlein gestanden, das hat das kleine Klausthal geheißen und ist sehr wohlhabend gewesen. Aber je reicher die Einwohner geworden sind, desto schlechter und gottloser haben sie sich gezeigt. Darüber hat Gott die Stadt untergehen lassen und an der Stelle, wo die Kirche gestanden hat, ist ein Teich entstanden. Das Thal heißt jetzt noch das kleine Klausthal. In der Mitternacht vom Grünen Donnerstage auf den Charfreitag ist die Kirche an der Stelle regelmäßig zu sehen, zugleich zeigt sich ein Reh, das Niemand jagen darf. Einst verführte der Bergmönch einen Bergmann, die Zeit zu verschlafen, und da ging er dann einen Weg, der über den Teichdamm war. Da stand die Kirche da vom kleinen Klausthal, und weil er sich sehr darüber verwunderte, so ging er hinein, kannte aber Niemand von den Leuten, die darin waren, auch nicht den Prediger. Drauf wurde er vom Bergmönch, der ihm da wieder erschien, hinausgeführt, und als er weiter gegangen war, waren Kirche und Steg verschwunden.

 

II.

Am Harz war einst ein grausamer Wilddieb. Wenn der wußte, daß irgendwo ein Stück Wild stand, da war's auch nicht sicher. Da hatte er auch gehört, daß im kleinen Klausthal in der Mitternachtsstunde des Charfreitags ein Reh mit seinem Kalbe sich sehen ließ, das man nicht schießen darf. Aber er lachte nur darüber. Einmal kurz vor Ostern war er in einer lustigen Gesellschaft. Da erzählten sich auch die Leute vom kleinen Klausthal. Aber wie er denn an nichts geglaubt hat, so lachte er nur darüber und sagte: Was gilt's? Ich schieße euch das Reh mit sammt dem Kalbe, und wir wollend am ersten Osterfeiertage verzehren. Die Leute haben ihm wol davon abgerathen – aber er ließ sich nicht sagen. Am Charfreitag Abend machte er sich nach dem kleinen Klausthal. Wie er vor den Teich kam, sah er auf demselben einen hohen, dicken Nebel liegen, der ging bis an den Himmel und man hat den Teich nicht sehen können. Und in dem Nebel war ein Geflüster, wie wenn Viele miteinander reden, und es schimmerten bisweilen wunderliche Gestalten hervor. Auch über den Weg kamen viele Gestalten herübergehuscht, wie luftige Schatten, und alle verschwanden im Nebel über dem Teiche. Aber er hatte nichts Arges draus. Er ging vorüber und stellte sich am Ausgang des Thales, da wo jetzt das erste Innerste-Puchwerk ist, hinter einem Busch auf die Lauer. Richtig kam das Reh mit seinem Kalbe. Da schoß er das Kalb nieder. Wie er es fallen sah, sprang er drauf los und band ihm die Füße zusammen und hing's über die Schulter. Darauf ging er zurück. Wie er dahin kam, wo jetzt wieder der Teich ist, stand auf der nämlichen Stelle, wo eben noch der Teich war, eine Kirche, die war hell erleuchtet und der Gesang schallte und die Orgel dazwischen. Das ist doch seltsam, dachte er, du sollst doch einmal in die Kirche gehen. Er trat also hinein. Da sah er denn die ganze Kirche voll Menschen; aber die sahen Alle aus, als wenn sie schon Jahrhunderte lang im Grabe gelegen hätten. Die Kleider waren nach einer Mode, die er nicht kannte. Er grüßte, Keiner dankte ihm: aber Einige nickten, Andere schüttelten den Kopf und winkten einander zu und wiesen mit den Fingern auf ihn. Auf dem Altar die Lichter, und die Lichter auf dem Kronleuchter brannten mit blauer Flamme und aus dem Kelche auf dem Altar zuckte eine blaue Flamme hervor. Von den Leuten in der Kirche stand Einer auf und wies ihm die Thür. Der Wilddieb aber blieb stehen, guckte auch noch bei Einem ins Buch und wollte mitsingen. Da stand noch Einer auf, wies ihm die Thür, er ging aber noch nicht und wollte noch immer mitsingen. Er konnte aber die Schrift nicht lesen und mußte es also sein lassen. Nachher kam der Pastor vor den Altar, aber das ist gar keine menschliche Sprache gewesen; es war als wenn Wind und Donner die ganze Kirche erfüllte, und aus dem Munde ging dem Prediger eine blaue Flamme. Auf einmal krachte es durch die Kirche, als wenn die Erde zu Grunde gehen sollte. Da zeigte der Pastor auf ihn hin und schrie: Verfluchter Sabbathschänder! Und die Geister standen gegen ihn auf und heulten das Wort nach. Darüber stürzte er voll Angst und Schrecken zur Kirche hinaus. Die Thür schlug hinter ihm zu, daß ihm die Fersen abgeschlagen wurden. Da flog er bis an den Weg, und hier blieb er liegen bis an den nächsten Morgen. Wie er zu sich selbst kam, lag der Teich ruhig da, das Rehkalb war fort. Er aber war todtkrank und konnte sich kaum nach Hause schleppen. Wie er noch neun Tage gelebt hat, hat er die Geschichte erzählt und ist darauf gestorben.

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22. Das Nachtwächterhorn und der Dreißigjährige Krieg.

Als einst auf Klausthal der Nachtwächter Zwölf geblasen hatte, kam er über den Kirchhof. Da begegnete ihm ein kleines Männchen, das von ihm verlangte, daß er nochmal Zwölf tute; der Nachtwächter weigerte sich aber aufs äußerste, und sagte: »Ich habe bereits Zwölf durchgetutet und zweimal darf ich nicht tuten«; damit ging er seiner Wege.

Den andern Abend kam der Nachtwächter um Zwölf abermals auf den Kirchhof; das kleine Männchen kam abermals zu ihm und forderte abermals ungestüm, daß er nochmals Zwölf tuten sollte; der Nachtwächter that dies aber wieder nicht.

Den andern Abend, als der Nachtwächter über den Kirchhof kam, war das kleine Männchen wieder da und forderte von ihm abermals, daß er nochmals Zwölf tuten sollte; der Nachtwächter weigerte sich auch diesmal aufs äußerste, das Männchen ließ aber nicht nach, er mußte tuten. Wie er nun ausgeblasen hatte, mußte er sich umsehen, und er sah lauter Feuer und Soldaten am Himmel. Hierauf sagte das kleine Männchen zu dem Nachtwächter: Dies ist ein Zeichen, daß bald Krieg entsteht; und das kleine Männchen war verschwunden mit sammt den Soldaten und dem Feuer. Der Nachtwächter erzählte dies vielen Leuten, und diese schützten sich so viel als möglich vor dem Kriege. Kurz nachher entstand auch der Dreißigjährige Krieg. Dieses kleine Männchen soll der Sage nach der Berggeist gewesen sein.

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23. Die Springwurzel.

Vor vielen Jahren gab es eine wunderbare Blume, die Springwurzel oder auch Johanniswurzel genannt wurde. Sie war aber ebenso selten als wunderbar. Sie blühte nur in der Johannisnacht (Einige sagen: unter dem Farrenkraut) zwischen 11 und 12 Uhr; mit dem zwölften Glockenschlage war sie verschwunden. Nur in waldigen Gegenden, wo viele edle Metalle im Schose der Erde ruhten, wurde sie dann und wann in dieser Nacht auf einsamen Bergwiesen gesehen. Die Berggeister wollten durch sie den Menschen zeigen, wo ihre Schätze zu finden wären. Die Blume selbst war gelb und leuchtete in der Nacht wie ein Licht. Sie stand niemals still, sondern hüpfte beständig hin und her. Auch fürchtete sie die Menschen, denn sie floh vor ihnen und Keiner hat sie jemals gebrochen, es sei denn, daß er von der Vorsehung ausdrücklich dazu bestimmt gewesen wäre. Wer so glücklich war, sie zu pflücken, dem zeigte sie alle Schätze der Erde und machte ihn dadurch reich, sehr reich und glücklich.

Auf Klausthal ist ein Mann gewesen, der hat gehört, daß in der Johannisnacht um Zwölf die Springwurzel geholt werden könne, vor der alle Schlösser aufspringen müssen. So geht denn dieser Mann, der Stopp geheißen hat, dahin, wo jetzt vor Klausthal die Scheibenschanze steht und eine Wiese ist. Da standen damals Farren, und wie er dahin kam, sah er die Johanniswurzeln, die in der Johannisnacht blühten. Zur Vorsicht hatte er sich ein großes Schloß ans Bein gebunden, und so ging er vorsichtig zwischen den Johannisblumen herum mit dem Schloß am Bein. Da kam ein großer Kerl unter die Wurzeln, reden that er nichts, der schlug ihm sein Bein durch seine Beine und schlürte ihn so über den Farren mit dem Schlosse hin und her, bis es Zwölf schlug. Da warf er ihn eine Ecke Wegs hin auf den Erdboden, und er lag ohne Besinnung eine Stunde lang, und wie er da aufwachte, lief er nach Haus, und das Schloß mit dem langen Stricke hat er vergessen abzulösen. Und wie das Schloß nun beim Laufen klapperte, meinte er, der große Kerl sitze hinter ihm. Da lief er immer mehr und das Schloß zerschlug ihm die Beine, und so stürzte er damit in die Stube, und die Leute, die noch aufgewesen sind und auf ihn gewartet haben, wußten nicht, was sie dazu denken sollten und was ihm fehle. Sie fragten hin und her, er konnte aber nicht sprechen. Sie kleideten ihn aus, da war Alles an ihm allheil (ganz) schwarz, wo ihn der große Kerl, der der Teufel gewesen ist, hin und her geschleudert hatte. Am andern Morgen brachte er einige Worte hervor und erzahlte, was mit ihm geschehen war. Den Mittag aber war er schon todt.

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24. Die Hexenkatzen.

Es ist schon lange her, da hatte ein Bergmann die Nachtschicht auf der Juliane und mußte des Nachts um 11 Uhr jedesmal anfahren und seinen Kameraden ablösen. Er ging also um die bestimmte Zeit aus seinem Hause auf der Spitalstraße in Zellerfeld und kam oben aus der Stadt auf den Kreuzweg. Siehe! da saß eine kohlrabenschwarze Katze und klagte und schmeichelte ganz erbärmlich, und dabei doch auch freundlich, um ihn herum. Sie wollte nicht von ihm weg und wetzte sich immer an seinen Beinen, bald an dieser, bald an jener Seite, bald vorn, bald hinten. Da sie nicht weichen wollte, fragte er sie: »Du hast heut Abend wol noch nichts zu leben gehabt?« und dabei machte er seinen Brotbeutel auf und nahm daraus ein ziemlich großes Stück Brot und warf ihr das hin. Begierig faßte das die Katze und sprang damit fort, und er fuhr an, ohne daß er etwas Arges daraus gehabt hätte. Am zweiten Abend ging's ebenso, nur mit dem Unterschiede, daß ihm, wie er weiter hinauf auf die Höhe kam, noch eine Katze kam und an ihm so lange herumschmeichelte, bis er auch ihr ein Stück Brot hingeworfen. Das schien ihm doch aber zu unverschämt, und er nahm sich vor, am andern Tage ein Hausmittel dagegen anzuwenden. Wie er den folgenden Tag heimgekommen ist und ausgeschlafen hat, ist sein Erstes, nachdem er aufgestanden ist, einen tüchtigen Knüttel voll Nägel zu schlagen, um damit die Katzen, wenn sie ihm etwa wieder mit ihrer Bettelei lästig werden wollen, zu bewillkommnen. Wie er des Abends wieder anfuhr, kam die erste Katze wieder und machte es wie die vorigen Abende. Er wollte sich nicht lange damit herumärgern und schlug sie mit dem Stocke so derb über den Kopf, daß sie quäkend zu Boden stürzte. Durch diesen Schrei aber wurden so viel Katzen zusammengerufen, die alle über den Bergmann herfielen und anfingen zu kratzen und zu beißen, daß er am andern Morgen früh zerfleischt und zerrissen todt auf dem Kreuzwege gefunden ward. Nachdem fand sich's, daß das lauter Hexen gewesen, die es auf seinen Tod abgesehen und ihn auch todt gemacht haben. Eine derselben hat am andern Tage ein Tuch über dem Kopfe gehabt und sich vom Chirurgus verbinden lassen; denn sie hat so viele kleine Nagellöcher im Kopfe gehabt, wie in dem Stocke des zerfleischten Bergmanns Nägel gewesen sind.

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25. Die Hexen vom Klausthal.

Die Hexen ziehen am »Wolpersabend« (Walpurgisnacht) besonders als Katzen nach dem Brocken. Eine Frau und ein junges Mädchen aus Klausthal kamen einst am Walpurgisabend, Jede mit einem Korbe schwerbeladen, nach Klausthal heim und setzten sich an einen Kreuzweg, um zu ruhen. Da kamen unzählige Katzen, die nach dem Brocken zogen, sodaß das Mädchen sich vor Furcht hinter der Alten verkroch. Diese aber wurde von einer der Katzen bei Namen gerufen und erhielt den Auftrag, der Frau Steiger L. im Vorbeigehen zu sagen, »sie möchte den Tanz nicht versäumen«. Wirklich rief die Alte vor des Steigers Haus: »Frau Steiger L., sie möchte den Tanz nicht versäumen!« Da kam auch schon die Frau Steigerin als eine fette schwarze Katze aus dem Hause gesprungen und eilte dem Brocken zu.

Aus dem Klausthal war früher ein Fleischermeister Eschenbach, der war auf dem Schweinehandel gewesen und ist am Walpurgisabend zurückgekommen. Wenn es auf Klausthal heißt: Walpurgis, so wird geschossen – das haben die Klausthaler noch von ihren Alten. Da kamen viele Hexen an, und die vom Zellbach in Klausthal gewesen sind, die hat er gekannt, und die nahmen ihn am Kreuzwege in Haft, und er mußte sich verschwören, sie Niemand zu nennen. Wie er aber auf dem Sterbebette lag, da erzählte er's dem eisernen Ofen, und dadurch hat man's erfahren.

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26. Die Wunderkuh.

Auf Klausthal war ein Mann, der hatte eine Kuh, die war 200 Fuß lang und 50 Fuß hoch; 80 Fuß lang waren ihre Hörner, Alles nach der großen preußischen Maß. Dreißig Fuhrherren hatten jeder 10 Pferde, die mußten Tag für Tag in einer großen Wanne (sie war von 100 Meistern gemacht, von denen hatte jeder 10 Gesellen, und hatte 80,000 Reichsthaler gekostet) die Milch nach dem Butterfasse fahren. Das hatte 90,000 Reichsthaler gekostet. 50 Dienstmägde mußten täglich die Kuh milchen. 100 Maß Milch gab die Kuh bei jedem Milchen. Davon wurden 300 Pfund Butter gemacht, die mußten die Fuhrherren täglich nach Paris, Berlin, Wien. Bremen, Leipzig und allen sonstigen großen Städten fahren. Sie hatten Pferde, die fuhren in einem Tage vom Klausthal nach Paris und wieder zurück. Für jedes Pfund Butter haben sie 5 Louisdor bekommen, so echt war die Butter, und die Pferde waren auf dem Rückwege so schwer mit Geld beladen als auf dem Hinwege mit Butter. Die Butter war aber so gesucht, daß der Mann, dem die Kuh gehörte, allemal den vierten Tag eitel Brot essen mußte. Dafür kaufte er sich wöchentlich ein Schwein von 4000 Pfund. Davon hielt er sieben Frühstücke, und zuletzt starb er vor Hunger.

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27. Die Revisorklippe.

Es war einst ein Todtenschreiber oder Revisor auf Klausthal, der konnte nicht ruhen und ging täglich zur Mittagsstunde in seinem Hause walten (spuken). Ein älterer Pater sollte ihn verweisen, konnte es aber nicht, weil er etwas begangen hatte. Da holte ein alter Fuhrherr Namens Kaiser einen siebenzehnjährigen Pater, welcher den Mann verweisen sollte. Unterwegs, Morgens in der Frühe, sagte der Pater, ob er nichts fliegen sähe. – Ja, er sähe einen großen Vogel. – Ja, ein schöner Vogel, sagte der Pater lachend, es ist der Stepke (Teufel); er sei schwer beladen, ob er wolle, was er hätte? er müsse ihm etwas abnehmen, sonst sei seine Gerechtsame verfallen, und er könne nicht mehr verweisen. Der Teufel berichtete ihnen nun, er wolle zu einer Kindtaufe und habe bei sich Mehl, Rosinen, Zucker und Butter, das wolle er den Kindtaufsleuten bringen. Der Fuhrherr meinte zwar, er möge vom Teufel nichts, der Pater aber meinte! er solle wenigstens die Butter nehmen. So nahmen sie ihm die Butter ab, damit hat der Fuhrherr nachher seine Pferde geschmiert und besonders schöne Rosse dadurch erhalten. Der Pater hat den Revisor darauf nach der Klippe gebannt, die nun die Revisorklippe genannt wird. Dort sieht man deutlich ein Buch oder einen Berg Acten aus Stein und einen Sessel dabei. Kohlenbrennern ist der Revisor erschienen in der Sterbemütze und im großen langen Leichenkittel. Ein Schäfer erzählt von der Klippe Folgendes! Sein Vater habe einstens seine Heerde nahe an diese Klippe hin zu treiben versucht, und mit einem male sei ein Steinregen auf seine Hunde geworfen, daß diese heulend entflohen seien und er sich selbst mit der Heerde habe schnell entfernen müssen; hierauf nach längerer Zeit hätten ein paar göttinger Studenten auf einer Harzreise versucht sich dieser Klippe zu nahen, aber auch diese seien mit furchtbaren Steinen, die ihnen entgegengeworfen worden, zurückgetrieben und seitdem habe Niemand wieder gewagt sich ihr zu nahen.

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28. Die verwiesene Wirthin vom Klausthal.

Eine Wirthin auf Klausthal hatte mancherlei Schlechtigkeiten ausgeübt und besonders die Milch, welche sie den armen Leuten verkaufte, mit Buttermilch verdünnt. Darum konnte sie sich nach ihrem Tode nicht zur Ruhe geben und vollführte einen großen Lärm in ihrem Hause. Nun ist ein Soldat gewesen, der ist mit einem andern Soldaten auf Urlaub nach Klausthal gekommen. Hier hat seine Braut in jenem Wirthshause gedient, wo die Wirthin gestorben ist. In dies Wirthshaus ist der Soldat immer hingegangen und die Magd hat ihm allerlei Speisen in ein kleines Hinterstübchen gebracht. Eines Abends ist der Soldat durchs Fenster in diese Stube gestiegen, da kommt die Hausfrau im weißen Gewand herein und geht walten. Sie hält dabei den Kopf in der Hand, wie er auch gethan hat, und sieht ihn groß an. Er resolvirt sich kurz, zieht den Hirschfänger heraus und sticht zu, sodaß der Hirschfänger in der Wand steckt. Da bekommt er eine Ohrfeige an der rechten Backe und die Dienstmagd, die eben hereintritt, erhält eine an der linken. Damit ist das Gespenst verschwunden. – Dieser nämliche Soldat hat dann auch die Frauensperson verweisen sehen. Er sitzt mit dem andern Soldaten, den er von nun an aus Furcht immer mitnahm, in der kleinen Stube. Da geht die Thür auf, kommt der Gastwirth herein, hat einen kleinen Tisch, darauf deckt er eine weiße Serviètte. Auch legt er auf den Tisch ein großes Buch. Der Wirth sagt, sie möchten nur sitzen bleiben; so bleiben sie sitzen. Es dauert nicht lange, so kommt eine Kutsche gerattert, darin sitzt ein Pater, der hat sie sollen verweisen, und ist noch hinter Osnabrück hergekommen. Schon vorher waren zwei Pater nacheinander vergeblich herbeigeholt. Die Wirthin hatte nämlich dem einen vorgehalten, daß er Möhren gestohlen, dem andern, daß er ein Nähnadelbesteck entwendet habe. Dadurch verloren sie die Macht über sie, mußten das Klausthal unverrichteter Sache verlassen und sogar die Reisekosten selbst tragen. Wie nun dieser dritte Pater eintritt, so stehen die beiden Soldaten auf. Der Pater aber sagt: bitte, sie möchten nur sitzen bleiben, aber ja sich nicht regen, so könnten sie dies mit anschauen. Natürlicherweise hat der Wirth sogleich einen Stuhl parat gestellt, wo der Pater sich darauf setzt. Nun nimmt er das dicke Buch, das der Wirth auf den Tisch gelegt hat, liest rückwärts darin und citirt dadurch die Wirthin. So klopft etwas an und der Wirth ruft herein. Dies ist nun die Wirthin gewesen: doch hat sie vor diesem Pater sogleich Furcht gehabt und wollte anfangs nicht zu ihm aufs Stübchen. Nun hält aber der Pater sein weißes Taschentuch zur Thüre hinaus, daran faßt die Frau an und daran zieht er sie nun mit Gewalt herein. Dann stellt er sie in einen Kreis, den er neben seinem Tische gezogen hat. Nun erzählen Einige, sie habe auch diesem Pater Verschiedenes vorgehalten, zum Exempel: er habe da und da einen Pfennig weggenommen. Dafür habe er sich eine Schreibfeder gekauft, habe der Pater gesagt, und da habe sie ihn deshalb nicht verwerfen können. Andere wollen wissen, daß dieser Pater noch nie das Geringste entwendet gehabt hätte. Kurzum, die Wirthin kann dem Pater nichts anhaben. Weil sie nun sieht, daß der Pater Macht hat, sie zu verweisen, so bittet sie ihn, er möge sie doch unter die Dachspitze verweisen. Er spricht aber: kein Pardon; darauf bittet sie, er möge sie unter die Hausschwelle verweisen. Er bleibt aber dabei: kein Pardon, und verweist sie ins Rothe Meer. Da sie heulend sagte, daß sie den Weg nicht wisse, schrieb er ihr vor den Weg die goslarsche Straße herunter, über das Zellerfeld, den Auerhahn und dann zunächst nach Goslar. Auch sagte er ihr, daß er in seiner Kutsche, die er vor dem Hause stehen hätte, ihr nachfolgen und in Goslar noch einmal mit ihr zusammentreffen würde. Darauf aber commandirte er, wie die Soldaten nachher berichteten: Marsch fort ins Rothe Meer. Da machte er die Thür auf und sagte zu den Soldaten, sie möchten einmal hinter ihr her sehen. Da fährt sie die Straße herunter wie ein glühendes Feuerrad. Auch der alte Meister eines Schuhmachers, welcher seinem Lehrlinge von der Sache erzählte, hatte noch das Geschrei und Windbrausen vernommen, als die verwiesene Frau sich auf den Weg nach dem Rothen Meere machte. Auch hat er den Pater in die Kutsche einsteigen und ihr wirklich nachfahren sehen, nachdem er sich zuvor von dem Wirthe das Geld hatte auszahlen lassen. Ob der Pater sich nur in Goslar noch einmal mit der Verwiesenen besprochen hat, oder ob er mit ihr bis ms Rothe Meer gereist ist und sich selbst überzeugt hat, daß sie sein Gebot erfüllte, wußte der Meister nicht zu sagen.

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29. Die lange Schlericke.

Nicht weit vom Zellerfeld und vom Schulenberg liegt ein langes und breites Thal, das heißt die Schalk. Darin soll's sonst nicht recht sicher gewesen sein. Es haben aber gewöhnlich viele Heidelbeeren da gestanden, und die sind denn auch jedesmal von vielen Leuten geholt. Viele Burschen holen nun auch einmal Heidelbeeren, werden aber unten im Thale die lange Schlericke gewahr, das ist eine Jungfer mit Schlüsseln gewesen. Dem Einen winkt sie, ihr zu folgen. Er ist zwar erst ängstlich, geht aber doch hin. Sie führt ihn in einen aufgeschlossenen Berg, durch fünf große herrliche Zimmer, und endlich in einen schönen Saal, der roth ausgeschlagen ist. Hier spricht sie zu ihm: »Ist gut, daß du mitgekommen bist, sonst wär's euch übel ergangen.« Danach öffnet sie einen Kasten und gibt dem jungen Manne, der ganz verwundert gewesen ist, einen großen Beutel voll Gold. Darauf entläßt sie ihn aus dem Berg und der junge Mensch ist dadurch sehr reich geworden.

Man erzählt auch, die Schalk sei ein verwünschtes Schloß und um sie her liege das ganze Groß- und Kleinwild in kleinen Steinen abgebildet umher, Hirsche, Rehe, Hasen, Katzen und Hunde, sagt man, seien um das Schloß her verwünscht. Die Jungfrau von der Schalk sah nicht lieblich aus, wie wol andere Schlüsseljungfrauen, sondern sehr verwildert, und hatte eine schmuzige Nase. So hat sie unzählige Frauen aus den Erdbeeren fortgejagt. Einen noch lebenden Hirten vom Zellerfeld, der sie rief, verfolgte sie eine ansehnliche Strecke weit, sodaß er vor Schrecken erkrankte und seine Heerde im ganzen Walde sich zerstreute. Am meisten aber trieb sie mit den Fuhrleuten ihr Unwesen, wovon ich nur eine Geschichte statt vieler erzähle. Wie ein Fuhrknecht an den schalker Teich kommt, steht sie dort auch wieder an der Schalk. Der Knecht sieht sie nicht, die Pferde aber, wie sie denn nun gar fein sind, spitzen sogleich die Ohren und haften unbeweglich an der Stelle. Endlich kommt der Fuhrherr herbei, der erkennt sogleich die Ursache und beginnt zu donnerwettern, daß die Schlüsseljungfer schon wieder da sei, und diese verschwindet. – »Sie muß jetzt auch wol erlöst sein«, sagte eine Frau, die das erzählte – »denn sie läßt sich nicht mehr sehen.«

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30. Die Kohljungfrau.

Im Gemmikenthal unterm Schulenberg rechts hat sich vor 80 Jahren eine Frau am weißen Wasser in den Gärten hinter den Häusern etwas grünen Kohl gesucht und nicht genug erhalten. Der Mann aber weiß schöne große Plätze zwischen dem Holz, wo grüner Kohl wächst, und geht dorthin ihn zu suchen. Im Suchen richtet er sich einmal auf, da steht vor ihm eine Frau in grüner Kleidung und hat Klötzerschuhe an und weiße baumwollene Strümpfe. Aber gritzgrau hat sie aus dem Gesicht gesehen, sodaß er sich vor ihr gefürchtet hat. Sie aber sagt, er möge sich nicht fürchten und fragt: ob er mit ihr buhlen wolle. Wenn er das thäte, so möge er übers Jahr hier wieder erscheinen, dann solle er eine reichliche Vergeltung erhalten. Er weigert sich aber es zu thun. Da faßt sie ihn bei der Hand, aber ihre Hand ist eiskalt, da zieht er seine Hand zurück. Auf einmal ist sie verschwunden, er aber läßt sein Kohlsuchen und ist voller Schrecken. Dies ist aber eine Verwünschung gewesen und die Person hat von dem Manne dadurch erlöst sein wollen.

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31. Das Heringskämmerle bei der Wegsmühle.

Eine Frau geht nach Goslar auf dem alten Wege und kommt über der Wegsmühle an dem Orte vorbei, der das Heringskämmerle genannt wird. Als sie scheu zur Erde blickt, in der Meinung, daß es hier nicht geheuer sein soll, wird sie eine ganze Menge Heringsschuppen gewahr. »Halt!« denkt sie, »da könnte etwas dahinter stecken«, und rafft sie zusammen in ihr Tuch. Unterwegs wird das Tuch so schwer, und wie sie nach Goslar kommt, hat sie lauter blitzblanke Mathier statt der Heringsschuppen. Auf dem Rückwege geht sie über den Stadtteich und siehe! da steht ein ziemlich neuer Topf auf dem Teichdamme. Sie guckt hinein und sieht darin zwar etwas Schmuz und Schmier, denkt aber »den kannst du noch gebrauchen« und nimmt ihn mit nach Hause. Wie sie nach Hause kommt, ist der Topf inwendig, so weit der Schmuz und Schmier gewesen ist, mit klammem, klarem Golde gefüllt und sie hat für ihr Leben lang genug daran, sodaß sie nicht wieder nöthig hat, nach Goslar zu gehen.

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32. Das Mädchen auf der Wegsmühle.

Auf der Wegsmühle diente ein großes, starkes und schönes Mädchen. In diese Mühle kam eines Abends spät ein Mann mit einem hohen Hedesacke, wie ihrer Viele nach dem Oberharze hinauf steigen, nachdem sie in der Ebene bei den Bauern für Beeren sich den Sack voll Hede eingetauscht, oder ihn sich auch auf den Bauerhöfen zusammengebettelt haben. Ob er nicht in der Mühle im Stalle übernachten könne? fragte der Mann. Beinahe wäre es ihm verstattet, denn der Müller that manchem Armen Gutes, aber er wollte an diesem Abende mit seiner Frau auf ein Dorf gehen, wo er Freundschaft hatte, und wo er zu einer kleinen Lustbarkeit eingeladen war, denn es war gerade Fastnacht. Da machte es sich nicht gut, daß der Harzker in der Mühle bleiben konnte, weil das Mädchen ganz allein zu Hause war. Nun, sagt der Fremde, so wolle er ins nächste Dorf zurückgehen, seinen Hedesack auf der Mühle in den Kuhstall stellen, damit er ihn nicht wieder mit zurückschleppen müsse, und ihn am andern Morgen wieder abholen. Das sei ihm ganz recht, sagt der Müller.

Der Harzker stellt also seinen Hedesack in den Kuhstall, geht fort und eine Weile drauf geht auch der Müller und die Müllerin fort. Wie aber das Mädchen in den Kuhstall kommt, sieht es beim Milchen, daß der Hedesack, der da in der Ecke steht, bald groß und bald klein wird, und sich auf und nieder bewegt. Da läuft es geschwind ins Haus und holt eine geladene Flinte heraus, die in der Stube an der Wand hängt. Mit der Flinte tritt es vor den Sack hin und ruft: Wer da? Es erhält aber keine Antwort und schießt los. Da schallt ein Geschrei aus dem Hedesack, und wie das Mädchen ihn aufbindet, schwimmt da ein großer Mann in seinem Blute, der hat ein Messer und eine Pfeife neben sich liegen. Der Mann winselt sehr, daß er nun vor Gottes Gericht ziehen soll, und bekennt, daß ihrer zwölf Brüder seien, die wären Räuber; zehn davon wollten in der Nacht hier einbrechen, der elfte das wäre der jüngste, der säße in der Räuberhöhle bei der steinalten Mutter, die wollte ihn nicht von sich lassen. Er aber wäre der zwölfte, ihn hätten sie in einen Sack gebunden und das große Messer neben ihn gelegt, auf daß er ihn zur rechten Stunde durchschneiden und heraussteigen könne. Dann habe er hintreten sollen vor die Oeffnung in der Mühle, wo der Mühlbach durchs Haus ginge, und da habe er dann pfeifen sollen. Die elf Räuber lägen schon draußen vor der Mühle versteckt, und lauerten nur auf den Ton seiner Pfeife. Sie möge zusehen, daß sie im Dunkel entfliehen könne, und die Mühle ihrem Schicksal überlassen. Und damit starb er.

Entfliehen konnte aber das Mädchen nicht, denn der Müller hatte die Hofthür zugeschlossen und den Schlüssel eingesteckt, damit es nicht nach ihm und seiner Frau in der Nacht aufbleiben müsse, und damit sie selbst, wenn sie heimkehrten, ausschließen könnten. Es überlegte nun, was zu thun sei, nahm das große Räubermesser und die Pfeife und ging damit in die Mühle hinein.

Nun tritt sie vor die Oeffnung in der Mühle hin, hält das Messer in der rechten Hand und bläst auf der Pfeife.

»Plumps« geht es im Wasser, und halb schwimmt, halb watet der Kerl darin, der den Hedesack getragen hat. Der streckt seinen grimmigen Kopf bald unter der Mühlschwelle herein. Dies ist nun als der stärkste der Räuberhauptmann gewesen, den packt sie bei den Haaren, schneidet ihm mit dem Messer den Hals ab, sodaß er nicht einmal schreien kann, und zieht ihn vollends herein.

Da blies das Mädchen wieder aus seiner Pfeife. »Plumps« geht es im Wasser. Da kommt der zweite Räuber an. Es faßt ihn beim Schopf, schneidet ihm den Hals ab und zieht ihn wieder herein. Dann pfeift es wieder, und so lockt es nachgerade alle zehn Räuber unter die Schwelle der Mühle, schneidet ihnen die Hälse ab und zieht sie herein.

Als der Müller mit seiner Frau nach Hause kam, fand er das Mädchen, wie es ganz zerstört und mit Blut befleckt in der Stube saß. Nachdem es ihnen die vielen Leichen der Räuber gezeigt hatte, pries er es hoch als seine Retterin. Es lebte nun in der Mühle hinfort mehr als Freundin denn als Magd, und war hoch geehrt nicht allein im Hause, sondern auch weit und breit berühmt wegen seiner Heldenthat. Es fanden sich auch junge Bursche aus dem Dorfe ein, die sie gern gefreit hätten. Das Mädchen aber war so stolz und so finster und sagte, es wolle Niemand, als der verspreche, nach ihrer Pfeife zu tanzen, womit es die Räuber herbeigelockt. Aber weil es nun so schön war, so fand sich zuletzt in der Mühle ein Stadtherr ein, der ging auf Freiersfüßen, und war sehr reich, und hielt um das Mädchen an. Das Mädchen wollte auch von ihm nicht recht viel wissen, aber er schenkte ihm die kostbarsten Sachen und dadurch gewöhnte es sich an ihn, weil der Müller und die Müllerin sagten, der müsse einen großen Goldkasten zu Hause stehen haben, und wer da einmal hineingreifen dürfe, sei wol glücklich zu preisen sein Lebelang.

Nun aber sagte der fremde Bräutigam: er wolle das Mädchen einmal in der Kutsche abholen und ihm sein Haus zeigen, wie prächtig das sei. Der Müller gab die Erlaubniß, daß das Mädchen mit ihm fahren solle. Das Mädchen selbst hatte anfangs wieder keine Lust, mit dem fremden Bräutigam zu fahren; doch war es neugierig, einmal sein Hauswesen zu sehen, und darum setzte es sich ein in die Kutsche.

Der Fremde fuhr nun mit dem Mädchen in den Wald. Als sie mitten in dem Walde waren, ließ er den Kutscher, der ein Lohnfuhrmann war, halten, und hieß das Mädchen mit ihm aussteigen. Den Fuhrmann hatte er schon vorher gut bezahlt und hatte ihm gesagt, wie er's in dem Walde wollte gehalten wissen. Darum schlug der jetzt auf seine Pferde, jagte davon und ließ das Mädchen mit dem Fremden im Walde stehen.

Der Fremde griff jetzt das Mädchen hart an, und weil er stärker war als sie, so mußte sie ihm folgen, und er schleppte sie in eine Räuberhöhle. Da saß die steinalte Mutter der elf Räuber, die das Mädchen getödtet hatte. Der Fremde aber sagte, daß er der zwölfte Bruder sei, und seiner Mutter es zugeschworen habe, die andern elf Brüder an ihr zu rächen, darum habe er sich verkleidet und sie hierher gelockt. Hier müsse sie sterben.

Nun weinte und klagte das Mädchen, so muthig es war, aber doch, und bat bei dem jüngsten Bruder der Räuber um ihr Leben. Dieser hätte sie gern leben lassen, denn ihre Schönheit hatte ihn schon längst bestochen. Und weil die steinalte Mutter das merkte, und weil das Mädchen sich erbot, die Wirthschaft in der Höhle zu führen, was der Alten sehr schwer wurde, und auch das Weib des jungen Räubers zu werden, so beredeten sich Mutter und Sohn und ließen das Mädchen am Leben.

Nun war das Mädchen schon mehrere Tage in der Räuberhöhle gewesen, und weil sie gar so schön war, so konnte der junge Räuber es nicht lassen, daß er am vierten Tage, nachdem sie zu Mittag gegessen hatten, den Kopf in ihren Schooß legte. Sie liebkoste ihn nun und er schlief ein. Dann nahm sie ein großes Räubermesser, das auf dem Tische lag und schnitt ihm auch, wie seinen Brüdern, den Hals ab. Hierauf ging es wieder zu dem Müller, der rief die Obrigkeit herbei und so folgten sie dem Mädchen in die Räuberhöhle. Sie fanden die Alte dicht vor der Höhle, weil sie vor Altersschwäche nicht hatte entfliehen können, nahmen sie nur und ließen sie von vier Ochsen zerreißen. Das Mädchen aber erhielt alle Schätze, die sich in der Räuberhöhle vorfanden. So war sie nun steinreich geworden; von den ordentlichen Burschen aus dem Dorfe aber, welchen sie früher sehr schnöde begegnet war, fand sich Keiner wieder ein, weil sie die drei Tage bei dem jungen Räuber in seiner Höhle gewesen war. Und so lebte sie hoch berühmt und sehr reich, aber einsam bis an ihr Ende.

*

33. Die neue Mühle an der Innerste.

 

I.

In der neuen Mühle an der Innerste auf dem Oberharze soll es spuken, und das liegt daran, daß dort die alten Papstthümer zerstört sind, als die Mühle gebaut ist. Nämlich wo jetzt die Mühle steht, hat früher ein Kloster gestanden, und wie in protestantischen Zeiten da die Mühle gebaut ward, faßten die Geister der alten Mönche die Arbeitsleute bei den Füßen und foppten sie immerfort. Auch brannte an einer Stelle ein Flämmchen und ein dicker Mönch war den ganzen Tag sichtbar, ein Gespenst, das wies den ganzen Tag dahin, wo das Flämmchen brannte. Endlich ließen die Arbeitsleute, weil sie vor Geistern nicht mehr aus und ein wußten und auch vermutheten, daß hier Schätze vergraben seien, einen Pater kommen und fragten, was hier zu thun sei. Ja, sagte der Pater, als er das Treiben der Geister eine Weile mit angesehen hatte, hier stände sehr Vieles und davor könnten die Geister nicht ruhen. Er hieß nun die Arbeiter an der Stelle, wo das Flämmchen brannte, unter seiner Anleitung nachgraben, und da fanden sie einen dreimal verschlossenen Kasten, der war gewiß voll lauter Geld. Aber der Pater sagte, ehe das Geld herausgenommen werden könne, müsse er den Kasten erst mit nach Hause nehmen und viele Gebete darüber sprechen. Da haben sie ihm den Kasten mit vier Pferden dahin gefahren, wo er zu Hause war, und die vier Pferde konnten den Kasten kaum von der Stelle bewegen. Wie der Pater das Geld in dem Kasten zu der bestimmten Zeit nicht wieder nach der neuen Mühle brachte, machten sich die Arbeitsleute auf nach der Wohnung des Paters. Da war der Pater in die weite Welt gegangen, der Kasten aber stand noch da. Als sie ihn nun endlich öffneten, war nichts mehr darin als ein rother Pfennig, das Andere hatte der Pater in der Stille herausgenommen und vor sich her dahin geschickt, wohin er sich zunächst begeben wollte.

Als die neue Mühle schon im Gange und im vorigen Jahrhunderte an die Weibgensleute verpachtet war, schwärmten die Mönche und Schüler dort so viel auf den Gängen umher, daß die Knappen sich oft kaum getrauten Korn aufzuschütten, wenn die Mühle klingelte. Mitunter trugen die Geister auch Puffjackenkleidung und grüne Schachthüte und so sahen die Knappen sie das Korn aussacken. Einstmals war ein Mühlknappe dort, der las viel in der Bibel und verstand mit den Geistern umzugehen. Der war einmal an einem Sonntag Nachmittage allein in der Mühle und im ganzen Hause. Er hatte alle Thüren verriegelt und las wieder in der Bibel, da kam der Teufel zu ihm in die Stube. Der Mühlknappe merkte sogleich, daß es der Teufel war, und fuhr ihn hart an, wo er hereingekommen sei. Auch zeigte er ihm die Stelle in der Bibel, die er aufgeschlagen hatte, und da stand geschrieben: Hebe dich weg von mir, Satan. Da flog der Teufel mit großem Geräusch zum Dach hinaus und nahm noch drei Schindeln mit, die haben sie später niemals wieder einsetzen können.

In dem Wohnhause auf der neuen Mühle erschienen oft die Geister, lauter Mönche und Bergleute. Da traten denn herein auch oft die zwölf Schüler, von denen trug immer der erste ein Buch, darin blätterte er die ganze Stunde von Elf bis Zwölf, denn die Geister kamen immer mit dem Schlage elf Uhr herein und mit dem Schlag Zwölf gingen sie wieder fort. Der erste trat mit seinem Buche immer an den Tisch, der zweite war auch sehr wißbegierig und sah ihm über die Schulter ins Buch hinein. Der zwölfte aber stellte, wenn sie kamen, eine Glocke auf den Tisch, und die nahm er Punkt zwölf Uhr, wenn sie fortgingen, wieder hinweg, und das gab dann einen ordentlichen Klang, wenn er die Glocke vom Tisch aufhob.

Unter den übrigen Geistern, die sich sehen ließen, waren drei, die ihre bestimmten Namen hatten bei den Leuten in der Mühle. Der eine war das Dickauge, dem hing ein dickes Auge aus dem Kopfe heraus. Er trug ein weißes Laken, das hatte er vor der Stirne in einen Knoten zusammengebunden. Dieses Dickauge hat nur immer geklopft, um die Leute zu ärgern, und wenn ein Lärm in der Mühle entstand und die Leute wurden aufmerksam darauf, so war es immer dies boshafte Wesen. Und dann hieß es: ach, es ist das Dickauge! und sie kümmerten sich nicht weiter darum. Ein anderer Geist hieß der Fegelork, der hat immer mit einem neuen Besen in der Mühle umhergefegt.

Das beste Wesen von allen war das Freundliche. Das hatten Alle gar lieb, wenn sie ihm auch nicht seinen Willen thaten. Denn es hat immer einen Stuhl mit in die Stube gebracht, den hat es in die Mitte gestellt und daneben hat es gestanden, und dann hat es Jedem zugewinkt, daß er sich auf den Stuhl setzen sollte. Das that nun Keiner und wenn nach einer Stunde um Zwölf sich Niemand darauf gesetzt hatte, nahm es seinen Stuhl auf und ging mit ihm wieder zur Thür hinaus, dann sah es aber nicht mehr so freundlich aus, sondern war betrübt, daß Niemand sich auf seinen Stuhl setzen wollte. Das Freundliche erschien in der Regel alle sechs Wochen; ihm schien am wohlsten zu sein, wenn eine recht lustige Gesellschaft mit Tanz und Zitherspiel sich vergnügte, was mitunter geschah, wenn recht viel Leute aus den nahe liegenden Ortschaften in der Nacht mahlen ließen. Gar oft ist das Freundliche so mit seinem Stuhl in eine solche heitere Gesellschaft auf der neuen Mühle getreten.

 

II.

Die Familie Weibgen hatte beinahe hundert Jahre die neue Mühle in Pacht. Sie zahlte jeden Tag einen Thaler, kam aber endlich durch Viehsterben und anderes Unglück ganz herunter. Die Kühe wurden nach und nach behext, sahen munter aus den Augen, fraßen bis den letzten Augenblick, waren aber so dürre, daß nichts mehr an ihnen war als Haut und Knochen. Manche schwollen auch ganz auf und hatten faul Wasser. Einstmals blickte die Müllerin in der Nacht aus ihrem Kammerfenster, da sah sie eine Waschfrau vom Klausthal, die ging mit zwei Himten Mehl auf dem Rücken erst vor den Stall, ehe sie fortging, und machte mit dem Fuße lauter Kreuze vor den Süll (Schwelle). Die Müllerin schimpfte sie aus dem Fenster, da ging sie ganz still davon. Nun wurde freilich die Stelle abgewaschen mit vielem Wasser; aber die Frau muß es doch schon gewußt haben an die Kühe zu bringen, denn bald darauf wurde wieder eine krank.

Einstmals mußte der Abdecker auch wieder nach einer kranken Kuh kommen und sollte sie abziehen. Da sagte er, sie wollten nun die kranke Kuh einmal lebendig auf einen grünen Platz bringen und sie dort todtstechen. Dann müßte in der Herzkammer eine Blase sein wie eine Wallnuß groß, darin wären lauter kleine Eidechsen. Die Blase aber müßte uneröffnet verbrannt werden. Würde sie geöffnet, so hüpften die kleinen Eidechsen davon und gleich zu der Hexe hin, dann ginge es mit dem Verhexen wieder von vorn an. Die Blase fand sich, die Müllerin aber war neugierig, die kleinen Eidechsen zu sehen, und meinte, sie würden ja wol zu halten sein. Nun gut, die Blase wird aufgeschnitten, da ist ein dicker Klumpen voll Eidechsen darin, der wurde immer weniger und bald waren alle Eidechsen wieder bei der Hexe. Da ging das Behexen mit den Kühen erst recht los. Hätten sie die Eidechsen verbrannt, so wären damit auch der Frau, die das Vieh behext hatte, die Finger verbrannt und man hätte sehen können, wer es gewesen wäre.

Nun wurde wieder eine Kuh in der Mühle krank, da waren die Aeltern klüger, erzählt eine alte Weibgenstochter. Der Schinder sagte, sie wollten das Ding nun einmal anders anfangen. Er hieß den Aeltern, von der kranken Kuh die Milch zu nehmen, davon immer ein paar Tropfen in die Hespen der Stallthür zu schütten und die Thür immer auf- und zuzumachen, aber nicht ganz zu, sondern nur bis vor die Krampen. Nun war dazumal ein Vetter aus der neuen Mühle aus Ostindien, der hatte sich bei den Ostindiern den Magen verdorben, konnte nichts weiter vertragen als weichgeklopftes Fleisch, und Wein, aber kein Brot und keine Suppe, und sagte, er wollte nun auf der neuen Mühle sein letztes Stündlein abwarten. Der konnte nicht mehr ordentlich deutsch und sprach! »Ich will sich die Thür geknirken, ich haben da Zeit dazu.« Da nimmt der das Knirken über sich und wie er eine Zeitlang geknirkt hat, kommt eine Frau an die Thür des Wohnhauses und bettelt: sie wäre so kalt, sie wollte sich wärmen. Aber die Müllerin ließ sie nicht herein. Wäre sie drin gewesen, so hätte sie können wieder einen Schabernack thun, denn das ist dieselbe Frau gewesen, die die Kühe behext hatte. Mein Ostindier knirkt immer zu. Als die Milch all ist, gibt die Thür so einen Schrei von sich, da hat die Frau auch so übel gethan, als säße ihr das Messer an der Kehle. Darauf ist die Frau noch einmal so ums Haus herumgeschwärmt und dann verschwunden. Diese Frau hat sich nachher ausgelassen, sie wäre von der Treppe herunter in eine Säge gefallen und hätte sich die Hände zerrissen, das würde lange dauern, ehe die Hand wieder heile. Das ist aber blos von dem Knirken und der Milch gekommen.

Auch in den Pferdestall kam Krankheit, daran mag wol auch Hexerei mit Schuld gewesen sein. Nur kann man's bei den Pferden nicht so wahrnehmen, weil die Pferdekrankheiten einen viel raschern Verlauf haben als bei den Kühen.

Auch unter die Hühner kam die Sterbige. Die Müllerin sagte: »Was heißt doch dies wol mit unsern Hühnern? Heute Abend noch gesund und morgen todt; und ganz breitgedrückt liegen sie im Stalle.« Da kamen Leute, die meinten, sie sollte mit arabischem Weihrauch räuchern, das wäre gegen Schabernack und Spukerei. Das that die Müllerin und das half. Sie kaufte sich nun einen ganzen Vorrath von Weihrauch und räucherte von nun an alle vier Wochen im Hühnerstall. Wenn sie's aber nur einmal um einen Tag länger aufschob, kam gleich wieder die Sterbige unter die Hühner.

Auch die Sonne that dazumal viel Schaden, denn es war eine große Trockniß, daß die Fische halb aus der Innerste hervorguckten und die Sonne zündete an mehrern Orten Feuer an. Da sah es mit dem Mühlwasser schlimm aus, daß Gott erbarm! Durch solche Dinge sind die Weibgen's Erben heruntergekommen. Haben sich aber immer rechtschaffen gehalten und gehören mit zu den besten Zitherspielern auf dem ganzen Harze.


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