Gottlieb Conrad Pfeffel
Prosaische Versuche / 9. Theil
Gottlieb Conrad Pfeffel

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Die Höhle bei Kroton.

In tiefe Schwermuth versenkt, irrte Agenor zwischen den Rebhügeln umher, die den Meerbusen bekränzen, aus dessen Schoße die Stadt Kroton emporsteigt. Er war ein Schüler des göttlichen Pythagoras, den er das Jahr zuvor verlassen hatte, um in den Geschäften seines Vaters, eines reichen Kaufmanns von Tarent, nach Tyrus zu segeln. Als er nach tausend überstandenen Gefahren in seine Vaterstadt zurükkam, hörte er die schrekliche Kunde von der Mordscene, die sich wenig Tage zuvor in Kroton zugetragen hatte.

Auf das Ansehen des Pythagoras und seiner Anhänger eifersüchtig, hatte der mächtige Kylon und seine nichtswürdigen Bundsgenossen die Bürger gegen die Freunde der Weisheit aufgehezt, an der Spitze der verblendeten Rotte die edelsten der Menschen mit Feuer und Schwerdt verfolgt, und das heilige Band ihrer Gesellschaft zerrissen. Pythagoras und einige wenige seiner Vertrauten entrannen der allgemeinen Aechtung; allein Agenor hatte bisher sich umsonst bemüht, ihren verborgenen 172 Aufenthalt zu erfahren. Der Gastfreund, bei dem er herbergte, hatte insgeheim einen treuen Diener ausgesandt, der den edeln Flüchtlingen nachspüren sollte, und Agenor erwartete nur seine Rükkunft, um das treulose Kroton zu verlassen. Bald als Botsknecht, bald als Jäger verkleidet, gieng er immer mit dem Anbruche des Tages aus der Stadt, und kehrte erst am späten Abend in ihre verhaßten Thore zurük.

So hielt er auch jezt seine melancholische Wanderung, die ihn unvermerkt in das einsame Olivenwäldchen führte, wo er so oft von seinem Lehrer in die Geheimnisse der höhern Weisheit eingeleitet wurde. Diese Erinnerung zerriß ihm das Herz. Gleich einem Kinde, das sich von der Seite seines Vaters verloren hat, streifte er zweklos umher, ohne darauf zu achten, wohin, als er sich plözlich in ein wildes Gebüsch verwickelt sah, hinter dem eine Kette zackigter Felsen hervorragte. Vergebens suchte er einen Ausgang aus diesem Labyrinthe; der Rükweg hatte sich hinter ihm zugeschlossen. Endlich glaubte er einen frischgebahnten Pfad durch das Gesträuch zu entdecken; er folgte dieser Fährte, und nachdem er sie bald verloren, bald wieder gefunden hatte, gelangte er matt und lechzend an den Eingang einer Grotte, aus der sich eine heitere Quelle über bunte Kiesel hervorstürzte.

173 Es war hoher Mittag, und die senkrechten Strahlen der Sonne vergoldeten die Quelle. In der Grotte selbst, dachte er, muß das Wasser kühler seyn; ich will hineingehen, und bis die Sonne ihre Laufbahn vollendet hat, in dieser Felsenkammer ausruhen. Er gieng hinein, und trank mit gierigen Zügen aus dem Granitbecken, in welches der flüssige Crystall zwischen den Ritzen der Felsenwand hervorsprudelte. Nun sah er sich um, und bemerkte, daß ein schlangenartiger Gang, gleich dem Schachte des Bergmanns, in das Herz des Felsen führte. Ein jugendlicher Vorwiz bewog ihn, ihm zu folgen. Allmählich erweiterte sich die Höhle; aber dicke Finsterniß verbarg ihm selbst die Hand, womit er vor sich hintappte.

Plözlich erblickte er ein blendendes Licht, und in seiner Strahlenfluth schwebte eine Göttergestalt; schön, wie die Mutter der Grazien. Agenor stand still, und eh er noch den zweiten Blik auf das empyreische Wesen werfen konnte, hörte er einen dumpfen Knall, und die Göttergestalt war verschwunden. O gewiß, dacht er, ist es die Nymphe dieser Grotte, die Beschützerin der reizenden Quelle. Er warf sich auf seine Kniee; ein frommes Gebet, leise, wie die Unsterblichen es lieben, floß von seinen Lippen, und eine Thräne der Andacht, heiliger als alle Gebete, stieg in sein Auge. Noch lange weilte er an der wundervollen Stätte: er forschte, er lauschte, allein er konnte nichts mehr sehen, nichts mehr hören.

174 Jezt kehrte er an den Eingang der Grotte zurük, trug die schönsten und flachsten der umherliegenden Steine zusammen, bauete neben dem Brünnchen einen Altar, und gelobte, der wohlthätigen Göttin am folgenden Morgen ein Opfer darzubringen. Ihr Bild verließ ihn auch im Schlummer nicht, in den seine frommen Betrachtungen ihn einwiegten. Sie trat vor ihn hin; ihr freundlicher Blik schien ihm zu sagen, folge mir. Er fuhr auf, um ihre Knie zu umfassen, aber das flüchtige Traumbild zerrann in seinen Armen.

Seufzend verließ er nun sein Lager, um nach der Stadt zurükzukehren, von der er über vierzig StadienUngefähr eine Meile. entfernt war. Er bezeichnete seinen mühsamen Rükweg durch die verwachsenen Hecken, indem er hin und wieder die Blätter derselben abstreifte, und die Nacht war bereits eingebrochen, als er seine Wohnung erreichte. Er warf sich auf sein Bette, ohne ein Auge zu schliessen. Die himmlische Gestalt, die er immer vor sich sah, erhielt seine Seele in einer beständigen Entzückung, und zerstreute die Schwermuth, die an seinem Herzen nagte: So zerstreut Selene die Bangigkeit des verirrten Wanderers, wenn sie den schwarzen Vorhang der Nacht hinwegzieht, und ihm ihr glänzendes Antliz zuwendet.

175 Sobald der Tag grauete, stieg Agenor in den Garten seines Gastfreundes, füllte seine Jägertasche mit frischen Feigen und Granatäpfeln, und machte sich, mit einem Wurfspieße bewafnet, auf den Weg. Nun kostete es ihn wenig Mühe, die Grotte wieder zu finden. Knieend legte er sein Opfer auf den kleinen Altar, und gieng hierauf in das Innere der Höhle, mit der süßen Hoffnung erfüllt, daß die Nymphe ihm wieder erscheinen würde. Er weilte lange im dunklen Gewölbe, und sandte manchen stillen Seufzer zur Göttin ab; allein die Seufzer verhauchten, und die Göttin erschien nicht. Traurig, gleich dem armen Perlenfischer, wenn er nichts als leere Muscheln aus dem Abgrunde herauf brachte, kehrte er mit säumendem Schritt in die Stadt zurük. Seine Kräfte waren durch Wachen und Müdigkeit erschöpft. Ein wohlthätiger Schlaf sank auf seine Stirne herab; auch jezt sah er im Traume die Nymphe wieder, die ihm freundlich zulächelte, und die Arme nach ihm ausstrekte.

Seine Hoffnung erwachte mit ihm: ein allmächtiger Zug führte ihn wieder zur Grotte. Er fand den Altar leer; die Früchte, womit er ihn gestern bedekt hatte, waren verschwunden. Mit wonnevollem Staunen warf er sich auf die Kniee. Sie hat Wohlgefallen an deinem Opfer, rief sein Herz ihm zu, gewiß wird sie dir wieder erscheinen. Hastig 176 leerte er nun seine Jägertasche auf den Altar. Sie war mit einem Brode und mit frischen Mandeln angefüllt, die er zu seiner eigenen Nahrung bestimmt hatte. Eine Freudenthräne fiel in das heiterstrudelnde Brünnchen, aus dem er sich einen Labetrunk schöpfte. Die Ehrfurcht hielt ihn ab, in den Schoß der Höhle zu dringen: die wahre Andacht, wie die wahre Liebe, will nicht nehmen, sondern empfangen. Er verweilte bis gegen Abend in der Vorhalle des Heiligthums, und eilte dann mit frohem Herzen nach Hause.

Noch drei Morgen wiederholte er seine geheime Wallfahrt. Bald waren es purpurfarbne Pfersiche, oder getroknete Datteln, oder ein gewürzreicher Honigkuchen, mit Blumen geziert, die er der Göttin opferte. Jedesmal fand er den Altar leer; nur lagen am dritten Tage einige Blumen auf der Erde zerstreuet, die ihm den Weg in die innere Höle vorzuzeichnen schienen. Wonnetaumelnd stürzte er hinein; allein die Nymphe ließ sich nicht blicken. Genug, sie verschmähet meine Gabe nicht, sagte er, indem er nach langem vergeblichen Harren die finstere Kluft verließ. Ist sie doch meinem innern Auge sichtbar, und was heute nicht geschah, kann morgen geschehen. Der Arme! er wußte nicht, was ihm auf Morgen bevorstand.

177 Die freudigste Zuversicht hatte seine Schritte beflügelt; allein er blieb, wie vom Zauberblicke Medusens versteinert, am Eingang der Grotte stehen, als er sein Opfer unversehrt auf dem Altare fand. Er wollte seinen Augen nicht trauen; seine Hände berührten die Früchte, und bestätigten das Zeugniß seiner Augen. Namenlose Traurigkeit erfüllte seinen Busen; bittere Thränen rollten über seine Wangen. Ihm war als müßte er die Göttin im Herzen der Höhle aufsuchen, um ihr seinen Kummer zu klagen. Er sah nichts, als mitternächtliches Dunkel; allein ihm dünkte, als hörte er, bei seinem Eintritt, etwas Lebendiges davon schwirren. Ein Schauder ergriff ihn. Er lauschte, und hörte nichts mehr. Er drang vorwärts, so weit er konnte; alles war still, wie im Hause des Todes. Er glaubte sich betrogen zu haben. Lange tappte er in dem winkligen Gewölbe umher, bis er den Ausgang fand, der ihn zur Quelle zurükführte. Er legte sein frisches Opfer zum vorigen, und eilte, wie von einem feindseligen Dämon verfolgt, zur Grotte hinaus. Seine schlummernde Melancholie erwachte wieder in seinem Busen. Er war einem Armen gleich, der sich reich träumte, und durch die krächzende Stimme des Hungers aus seinem Schlafe erwekt wird.

In diesem schreklichen Zustande kam er in die Stadt zurük. Er verschloß sich in seine Kammer. 178 Bisher hatte er nicht Kraft zu denken; eine unsichtbare Hand hatte einen dichten Flor über seine Seele gegossen. Nach und nach fand er sich selbst wieder. Womit hast du sie beleidigt, rief er, daß sie nun dein Opfer verachtet? Vielleicht durch den unbescheidenen Vorwiz, womit du gestern in ihr Heiligthum drangest. Allein hat sie nicht selbst den Blumenpfad hingezeichnet, der dich zu ihr einlud? Wie, wenn sie dich blos prüfen wollte, um deine Geduld desto herrlicher zu krönen? Ja, ja das wird es seyn! das unauflösliche Räthsel ist gelöst. Ein glühender Stein wälzte sich von seinem Herzen, und, von neuen Hoffnungen belebt, beschloß er, am folgenden Tage wieder nach der Höhle zu wallen. Ich will erst gegen Abend hingehen, dachte er, und die Nacht dort zubringen; die Götter wählen gern die Nacht zu ihren Erscheinungen. Auch will ich eine Fackel mit mir nehmen, um eine bequeme Stelle aufzusuchen, wo ich übernachten kann. Seine Phantasie beschäftigte sich den ganzen folgenden Tag mit Ausmahlung dieses Plans. Sie zeigte ihm die Göttin im vollen Glanz ihrer Majestät, und erhob ihn bereits unter die Zahl jener seltenen Sterblichen der Vorzeit, die eines Umgangs mit überirdischen Wesen gewürdigt wurden.

Schon hatte das Meer des Phöbus goldenen Wagen in seinen Schoß aufgenommen, und der 179 Dämmerung braune Schatten dekten das Erdreich, als Agenor in der Grotte anlangte. Noch lagen seine beiden Opfer unberührt auf dem Altar; allein er hatte kaum Zeit, es zu bemerken. Gleich bei seinem Eintritt zog ein dumpfes Geräusch seinen Blik nach der finstern Kluft, welche die beiden Gewölbe vereinigte. Hier sah er einen dickköpfigen Zwerch, der ihn mit feurigen Augen anstierte. Eine neue Prüfung, dachte Agenor, und langte hastig nach seinem Feuerzeug, um seine Fackel anzustecken. Jezt brannte sie, und der Zwerch war verschwunden. Mit dem Windlicht in der linken, und dem Jagdspieß in der rechten Hand, trat er in den Schoß der Höhle. Plözlich erblikte er mit Entsetzen einen ungeheuern Wolf, der, vom Schein der Fackel geblendet, vor ihm zurükwich, und sich in einen Winkel schmiegte. Gewiß, dachte er, hat dieses Unthier meine vorigen Opfer aufgezehrt, und ist durch meine Ankunft gehindert worden, seinen Raub zu wiederholen. Schaam und Grimm erhizten seinen Muth; er gieng gefaßt auf die Bestie los, und bohrte ihr den Jagdspieß in's Herz. Unwillkührlich ließ er in gleichem Moment seine Fackel auf die Erde fallen, welche auslöschte. Er hatte sie eben aufgerafft, und dem in seinem Blute röchelnden Wolfe noch einen Stoß versezt, als er im hintersten Grunde der Höhle einen dünnen Lichtstreif wahrnahm, der aus einer Felsenritze hervorschimmerte.

180 Agenor glaubte zu träumen. Er trat dem Schein etwas näher. Anstatt zu schwinden, wie er es fürchtete, vermehrte sich die Helle. Plözlich, wie der zündende Bliz, erwachte in ihm der Gedanke, daß die Göttin seinen Irrthum in seinem Herzen gelesen habe, und ihm ihre Gegenwart offenbaren wollte. Mit feierlichem Schritte gieng er immer vorwärts, und nun befand er sich an einer schmalen Oefnung, aus welcher das Licht hervorquoll. Sein Herz klopfte; ein frohes Zittern zukte durch alle seine Muskeln: Eine innere Stimme gebot ihm, in dieses geheime Heiligthum einzudringen.

Mit gebüktem Nacken wand er sich durch die gekrümmte Schlucht, und . . . wer mahlt sein Erstaunen? jezt stand er in einer felsernen Zelle, in welcher ein junges Mädchen und eine ältliche Matrone auf einem Lager von Thierhäuten schliefen. Auf einer kleinen steinernen Tafel brannte eine Lampe, welche die Finsterniß mehr sichtbar machte, als erheiterte. Agenor war entgeistert: alle seine Sinne flossen in ein dunkles, namenloses Gefühl zusammen. Jezt regte sich das Mädchen, es schien mit einem schweren Traume zu kämpfen. Nein, mein Geliebter, sprach es, mit halbleiser, süßklagender Stimme, der Tod hat unsere Herzen nicht getrennt. Ewig, ewig . . . Barmherzige Götter! Sie ist es, rief Agenor. Zoe, meine Zoe! In gleichem Nu 181 fuhr die Matrone und das Mädchen auf. Meine Zoe, wiederholte Agenor. Ja, ja, du bist es! stammelte Zoe, sanft schauernd, sey mir gegrüßt, theurer, heiliger Schatten. Nicht sein Schatten, rief der Jüngling, indem er sich auf die Kniee warf, und des Mädchens ausgestrekte Hand an seine glühenden Lippen drükte, er selbst ist es, Agenor ist es, er lebt, und lebt allein für dich!

Freudenthränen auf den Busen des Geliebten geweint, waren Zoes Antwort, indeß ihre Gefährtin auf den Knieen lag, und ihre Hände zum Himmel erhob. Endlich rief das zärtliche Mädchen im Taumel seiner Entzückung: So ist es denn wahr, so habe ich dich wieder, du Lieber, den ich schon sechs Monate für todt beweine! Es gieng hier allgemein die Rede, dein Schiff sei untergegangen. Das Gerücht war nicht falsch, erwiederte Agenor: leck und entmastet ward es an eine kleine Felseninsel geschmettert, wo es scheiterte. Nur ich, und zween meiner Gefährten retteten uns durch Schwimmen. Wir wurden von den armen Fischern, die das Eiland bewohnten, gastfreundlich aufgenommen; weil aber keine Schiffe hier landen, als die durch Sturm auf diese nakte Küste verschlagen, oder genöthigt werden, frisches Wasser einzunehmen, so mußten wir über sechs Monden harren, bis wir den unwirthbaren Felsen verlassen konnten.

182 Ein Kauffahrer von Corinth brachte uns nach Tarent, wo tausend widersprechende Sagen mich vom Unglük unterrichteten, das den weisesten unter den Sterblichen und seine Freunde in Kroton betroffen hat. Ich riß mich aus den Armen meines Vaters los, und floh hieher, um dich und die Deinigen zu retten. Ich kam um drei Tage zu spät. Pythagoras und dein Vater waren zwar den Mordgesellen Kylons entgangen, aber niemand konnte mir sagen, wohin sie geflohen sind. Allein wie kam meine Zoe in diese grauenvolle Höhle?

Zoe. Sie war ehedem der geheime Aufenthalt des göttlichen Pythagoras. Hier machte er in einsamer Abgeschiedenheit seine großen Entwürfe, Tugend und Glükseligkeit unter den Menschen zu verbreiten, indeß der blöde Pöbel wähnte, daß er in das Schattenreich hinabgestiegen sey, um die Geister der Vorwelt um Rath zu fragen. Seine Flucht und die Flucht meines Vaters war so unvermuthet, und die Gefahr so dringend, daß sie mir nicht gestatten wollten, ihnen zu folgen. Gleichwohl konnten sie mich nicht ohne Schuz in der Stadt zurüklassen, zumal da der jezt allmächtige Kylon sich kurz zuvor vergebens um mein Herz beworben hatte.

Agenor. Der Bösewicht! Gesegnet sey die Hand, die dich seiner Wuth entriß. 183

Zoe. Es war die Hand des Pythagoras selbst. Der weise Mann führte mich und die redliche Thisbe, meine Amme, in diese verborgene Freistatt, wo wir den Begleiter erwarten sollen, den mein Vater uns senden wird; wenn er selbst einen sichern Zufluchtsort gefunden hat.

Agenor. Dank sei der wohlthätigen Göttin, deren unsichtbare Hand uns zusammenführte! Auf einem meiner melancholischen Spaziergänge gerieth ich in diese Grotte; da erschien mir . . .

Zoe. (lächelnd) Deine Zoe.

Agenor. Du meinst vielleicht gestern? Ich merkte wohl, daß etwas Lebendiges an mir vorbeischlüpfte; allein ich konnte niemanden sehen. Ich rede von einem Gesichte, das ich hatte, als ich zum ersten Male diese Höhle betrat. Es war eine hohe, weiße Gestalt in einem stralenden Gewande. O, gewiß war es die Nymphe dieser Grotte.

Zoe. (ihn umarmend) O, gewiß war es deine Zoe! Um unentdekt des Lichts zu geniessen, und den feuchten Dünsten einen Ausgang zu verschaffen, hatte Pythagoras an der Decke der innern Höhle eine Oefnung angebracht, die sich vermittelst einer Fallthüre auf- und zuschliessen läßt. Nur um den Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht, fallen ihre gedrängten Strahlen auf diese Oefnung. 184 Thisbe, die uns bisher mit Speise und Trank versorgte, war krank. Ich wollte Wasser in der Quelle holen, und hatte, um desto leichter den Weg aus der innern Höhle zu finden, die Fallthür aufgezogen, als ich auf einmal einen Fremden gewahr wurde, den ich in der dunkeln Entfernung nicht unterscheiden konnte. Plözlich ließ ich die Thüre fallen, um mich seinen Blicken zu entziehen. Des andern Tages fand ich bei der Quelle einen Vorrath auserlesener Früchte, wofür ich die Götter und den unbekannten Wohlthäter segnete, dessen frommem Irrthum ich diese Gabe zu danken hatte. Sie schüzte mich vor der Gefahr erkannt zu werden, wenn ich, statt meiner Thisbe, in einer der benachbarten Schäferhütten, unsre Lebensmittel hätte einkaufen müssen. Seit vorgestern ist sie wieder gesund, und, um zu verhüten, daß unser Wohlthäter uns nicht endlich entdecken möge, beschlossen wir, sein Opfer nicht mehr zu berühren. Gleichwohl konnte ich gestern einem ahnenden Vorwiz nicht widerstehen, der mich antrieb nachzuforschen, ob die scheinbare Verachtung seiner Gaben ihn nicht abgehalten habe, sie zu wiederholen. Einen Augenblik später, und ich wäre dir in die Hände gelaufen.

Einen Augenblik später, sagte Agenor, indem er sie an sein Herz drükte, und meine Zoe und ihre treue Pflegemutter wären diesen Abend das 185 Schlachtopfer eines grimmigen Raubthiers geworden. Nun erzählte er dem bebenden Mädchen seinen Kampf mit dem Wolfe, und beschwor sie, mit ihrer Gefährtin diesen gefährlichen Ort zu verlassen. Das können wir nicht, sagte die Amme; wir erwarten jede Stunde den Boten des Lysis. Wenn er uns nicht hier fände, so würde der gute Vater vor Gram vergehen. Davon wollen wir morgen sprechen, versezte der Jüngling; gib mir eine Lampe, gute Thisbe, indeß ihr der Ruhe genießt, will ich die Nacht über den Eingang euerer Klause bewachen.

Zoe schlief wenig; die Trunkenheit der Freude hielt ihre Sinne offen. Ihr Blik hieng beständig am Eingang der Zelle; ihr Ohr lauschte den Athemzügen des Geliebten entgegen, der kaum sechs Schritte von ihr entfernt war. Mit dem Aufgang der Sonne brachte sie ihm ihren Morgenkuß, und Agenor brauchte wenig Mühe, sie zu bereden, ihm nach Tarent zu folgen. Damit der Bote deines Vaters nicht glaube, daß ihr vom Wolfe zerrissen worden, will ich ihn im Schlupfwinkel, darein er sich verkroch, mit Moos und Steinen zudecken, und damit dein Vater deinen Aufenthalt erfahre, können wir ja auf deinem Tisch eine Scherbe zurüklassen, worauf ich die Worte eingraben will: »Die Nymphe, welche diese Grotte bewohnte, ist, vom Amor geleitet, an das unentweihte Ufer von Tarent entflohen.«

186 Gegen diesen Vorschlag hatte selbst die sorgsame Thisbe nichts einzuwenden. Agenor eilte in die Stadt zurük, und verabredete seine Reise mit dem Tarentiner Schiffer, der ihn nach Kroton gebracht hatte. Des Abends kam er mit einem treuen Diener in die Höhle. Zoe und ihre Amme wurden als Sclaven vermummt, und, um sich ganz unkenntlich zu machen, bräunte er ihr Gesicht mit der grünen Schelfe der Wallnuß. Unbemerkt erreichten sie das Schiff, und liefen schon am folgenden Tage glüklich in Tarent ein. Die erste Person, die sie bei Agenors Vater erblikten, war der ehrwürdige Lysis, der, im Schoße der Freundschaft, eine Freistatt gefunden hatte. Wonnezitternd stürzte Zoe ihrem Vater in die Arme, der sie nach wenig Wochen mit dem edeln Agenor vereinigte, welcher schon das Jahr zuvor das Gelübde ihres Herzens empfangen hatte. Pythagoras selbst kam von Metapont herüber, um dem Brautfeste seines Schülers mit der Tochter seines Freundes beizuwohnen, und der Segen der Götter ruhete auf dem tugendhaften Paare.

 


 


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