Gottlieb Conrad Pfeffel
Prosaische Versuche / 9. Theil
Gottlieb Conrad Pfeffel

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Agathens Briefwechsel.

Erster Brief.

Hier sitze ich nun, meine Josephine, in unserer kleinen Laube, wo ich noch vorgestern Abends Hand in Hand an deiner Seite saß, und die ersten Thränen der Trennung auf deinen Busen weinte. O, sie waren bitter, diese Thränen! um so bitterer, weil sie die ersten waren. Schon als Kind warst du die einzige Gefährtin meines Lebens; täglich spielten wir zusammen unter der großen Linde des Pfarrhofes, unter dieser heiligen Linde, wo wir uns zehn Jahre später den Bund einer ewigen Freundschaft schwuren. Schon damals ahneten unsere Herzen diesen Bund, sie fühlten, was sie sich einst seyn würden.

Jeder Rükblik in jene heitern Gefilde der Vergangenheit schwellt nun meine Brust; jede Scene unsers Kinderlebens schwebt mir, wie ein schöner Morgentraum, vor der Seele. Alles hatten wir gemein, selbst unsere Puppen hatten nur Eine Wiege. Erinnerst du dich noch, wie wir sie einst im Garten deines Oheims mit einer Blumenflechte umwanden, 2 und er uns über dieser Arbeit beschlich? Schön! lieben Kinder, sagte er lächelnd; eure Puppen liegen da, wie ein Paar Zwillinge, aneinander gekettet. Wenn ihr größer seyd, will ich euch daran erinnern; auch ihr müßt Zwillings-Schwestern werden. O, wir sind es schon, sagtest du, und umschlangst mich mit deinen Armen.

Meine Josephine war immer so gut, ohngeachtet ich die Jüngste war, gab sie mir immer nach, selbst ihre Mutter und ihr Oheim trugen Geduld mit meinen kindischen Launen. Nie werde ich ihre Güte vergessen; ach! und nie sie vergelten können. Sie haben mehr für mich gethan, als meine Eltern, mehr als diese für mich thun konnten. Deine Mutter hat meinem Herzen Empfindungen geöfnet, die dem Stande meiner Eltern fremd sind, und dein ehrwürdiger Oheim hat mich dem Unterrichte beigesellt, den er dir gab; er hat meinen Geist gebildet, und mich die Tugend lieben gelehrt. Ach! ohne ihn würde ich das Vergnügen nicht kennen, das ein geistreiches Buch mir gewährt, und vielleicht gar nicht, oder doch nur unvollkommen, die Fertigkeit besitzen, meine Gedanken auf das Papier zu zeichnen. Denn ich erinnere mich noch wohl, daß mein Vater einst zu meiner Mutter sagte, als ich mir aus einem Buche einige Stellen abschrieb, die mich besonders freuten: das Mädchen verderbt mir gar zu viel Zeit mit Kritzeln, ich weiß nicht, was am Ende dabei herauskömmt. Laß es gut 3 seyn, antwortete die Mutter: wer weiß, was es ihr noch nützen kann? O, meine Josephine! ich weiß gar wohl, was es mir nützt: würde ich ohne die heilige Kunst, aus der Ferne mit dir zu reden, deine Abwesenheit ertragen können? würde ich . . . . Doch, ich höre ihn rufen; ich muß ihn nicht unwillig machen; ich werde heute wohl noch einige Augenblicke finden, um meinen Brief zu schließen – – –

Nur noch zwei Worte, meine Theure. Wir hatten den ganzen Tag Gäste, die den morgenden Jahrmarkt in D . . . . . n besuchen. Das Gewühl, anstatt mich zu zerstreuen, vermehrte meine Schwermuth. Ich trat oft in einen Winkel, um meine Thränen zu troknen. Unser Knecht fährt auch in die Stadt, ich will ihm diesen Brief mitgeben, daß er ihn auf die Post lege. Lebe wohl, meine Josephine, meine Schwester! Deiner edeln Mutter, deinem ehrwürdigen Oheim, meinen größten Wohlthätern auf Erden, küsse ich die Hände. Ewig deine

Agathe.

 
Zweiter Brief.

Du bist mir zuvorgekommen, meine Agathe, aber nur mit deiner Feder; mein Herz blieb bei dir zurük, oder vielmehr, es nahm dich mit auf die Reise. Wenn es nicht so wäre, wie würde dein 4 lieber Brief mich beschämt haben! Wir hatten so viel mit der Einrichtung unsers Hauses zu schaffen, daß vier lange Tage vergiengen, ohne daß ich mich anders, als in Gedanken mit dir unterhalten konnte; wo ist aber ein Geschäft der Welt, das dein Andenken in meiner Seele verdunkeln könnte?

Der hiesige Pfarrhof ist sehr wohl gelegen; er hat einen schönen großen Garten, in dessen schattigem Hintergrunde eine Hütte von Baumrinde, in Form einer Einsiedlerklause, steht. Sie erinnerte mich gleich an deine Gartenlaube, in der wir zwölf Jahre lang so manchen Sommerabend verplaudert haben. In dieser Klause wollen wir unsre Unterredungen fortsetzen, und wenn ich des Abends hier ausruhe, will ich denken, ich sitze neben dir, und halte dich mit meinem Arm umschlungen. Unter ihrem Dache schreibe ich diese Zeilen, mit ihnen, meine Agathe, und mit der Thräne, die auf deinen Namen herabfällt, weihe ich diese stille Hütte zum Heiligthum unserer Freundschaft.

Ein zweites Heiligthum soll uns das Stübchen seyn, das mein guter Oheim mir eingeräumt hat. Es hat die Aussicht auf den Garten, und aus meinem Fenster habe ich immer unsere Klause vor Augen. Ich hätte ein anderes wählen können, das auf die Landstraße stößt. Aber dort wären wir nicht so allein gewesen. Grüningen würde mir sehr wohl gefallen, wenn es nicht sechs Meilen von Sundheim 5 läge. Es ist ein großes, reiches Dorf, und die Einwohner haben uns mit einer Herzlichkeit empfangen, die meinen Oheim und uns sehr gerührt hat. Gestern hielt er seine Antrittsrede; die Kirche wimmelte von Menschen; alle zerflossen in Thränen: du kennst seine Gabe, die Herzen zu gewinnen, und die Wahrheit in Engelsgestalt in den Kreis seiner Zuhörer einzuführen.

Sonst war unsre Reise für mich blos eine Verlängerung des Augenbliks, der mich aus deinen Armen riß, und mein Oheim und meine Mutter waren selber zu tief gerührt, um meine Traurigkeit zu stören. Da ich rükwärts fuhr, so hatte ich noch über eine Stunde den Kirchthurm von Sundheim vor Augen. Mein Oheim bemerkte, daß ich meinen Blik stets darauf heftete, und daß meine Thränen von Neuem flossen, als wir in einen Wald kamen, der mir die liebe Aussicht raubte. Gieb dich zufrieden, mein Kind, sagte er dann zu mir, du sollst nicht auf immer, vielleicht nicht auf lange, von deiner Agathe getrennt seyn. Wenn ich noch etwas über ihren Vater vermag, so wird er ihr erlauben, uns künftigen Herbst zu besuchen, und du selbst mit deiner Mutter sollst sie abholen. Ich küßte die Hand, die nur segnen kann; meine Phantasie zerbrach den Maasstab der Zeit, und es war mir, als sässest du würklich neben mir im Wagen.

Wenn nur dein Vater sich diesem Plane nicht 6 widersezt; von deiner Mutter fürchte ich nichts. Ohngeachtet sie oft kränkelt, so wird sie dir dennoch eine kurze Abwesenheit nicht versagen, denn das begreife ich wohl, daß sie deiner nicht lange entbehren kann. Warum mußt du auch gerade einen Gastwirth zum Vater haben, und warum muß seine Herberge an einer so stark besuchten Straße liegen? Doch was will ich mich mit einer Furcht quälen, die vielleicht ungerecht ist. Lieber wollen wir uns an dem Gedanken weiden, daß wir uns in vier Monaten wiedersehen, und Herz an Herz den Bund unserer Seelen erneuern werden.

Josephine.

 
Dritter Brief.

O, warum kann ich meiner Josephine die Gefühle nicht ausdrücken, die ihr Brief, der erste, den ich aus der Ferne von ihr erhielt, in meinem Herzen erzeugt hat! Ein namenloses Gemisch von Traurigkeit und Freude, das mich beides, ihre Entfernung und ihre Liebe, in ihrer ganzen Stärke empfinden ließ. Bisher schrieben wir uns blos, um uns das zu wiederholen, was wir uns mündlich gesagt hatten, oder mündlich nicht sagen konnten, wenn unsere Geschäfte uns zu Hause hielten; aber auch dann waren wir nur durch einen kleinen Raum von einander getrennt. Ich konnte aus meinem 7 Eckfensterchen deine Wohnung, und du konntest die meinige sehen. Wir konnten einander Küsse zuwerfen, und durch unsere Winke unsere Zusammenkünfte verabreden. Aber nun, wie ist alles anders! Ich sehe zwar den Pfarrhof und unsere Linde noch; allein der Pfarrhof ist für mich ausgestorben, und unsere Linde scheint mir um meine Josephine zu trauern.

Wie danke ich dir für die Beschreibung deines neuen Aufenthalts! Nun kann ich mich neben dich an dein Fenster legen, kann dich in deiner Gartenklause überraschen, wenn du an deine Agathe schreibst. O, möge doch der liebevolle Plan deines Oheims in Erfüllung kommen! Ich habe den Muth nicht, mit meinem Auge auf dieser schönen Aussicht zu verweilen, und noch weniger habe ich den Muth, mit meinen Eltern davon zu sprechen. Du kennst die Hindernisse, die ich befürchte.

Der neue Pfarrer hat uns vorgestern besucht. Ich konnte mich der Thränen nicht erwehren, als er in die Stube trat. Er redete mich mehrmals an, und ich hatte kaum die Kraft, ihm einige leise Silben zu antworten. Ich heftete meine Augen auf mein Nähzeug, und meine Mutter enschuldigte meine Unhöflichkeit mit meiner natürlichen Schüchternheit. Als er aber weg war, machte mein Vater mir bittere Vorwürfe. Ich antwortete nichts; ich fühlte, daß er Recht hatte, und dennoch entschuldigte mich eine innere Stimme, die mir sagte: daß dieser so 8 ganz gemeine Priester mir den väterlichen Freund, dessen Nachfolger er ist, nie werde ersetzen können.

Heute ist er mit meinem Vater nach der Stadt gereist; sie werden erst morgen wieder kommen. Ich benutze diese Zeit, um dir zu schreiben. Ich habe meiner Mutter einige Stellen deines Briefes gelesen, und sie um die Erlaubniß gebeten, ihn zu beantworten. Meinetwegen, sagte sie, nur mache deine Antwort heute fertig. du weißt, dein Vater kann es nicht leiden, daß du deine Zeit mit Lesen und Schreiben verdirbst. O, Gott! . . . . doch es ist mein Vater, und ich will nicht vergessen, daß du mich immer zur Geduld ermahntest, wenn ich mich bei dir über seine Härte beklagte; allein wie schwer wird mich die Geduld ankommen, da der Engel, aus dessen Busen ich sie schöpfte, von meiner Seele gewichen ist! Ein Wagen mit Fremden, die bei uns übernachten wollen, läßt mir nur noch den Augenblick übrig, dich, meine Josephine, an mein liebendes Herz zu drücken. Meine ehrerbietigen Grüße an die Edlen, die das Schiksal mir mit dir entriß, verstehen sich immer von selbst. Lebe wohl, Freundin meiner Seele, ewig die deinige!

Agathe.

 
Vierter Brief.

Morgen, liebste Agathe, reise ich mit meinem Oheim in die Residenz, wohin unser Fürst ihn 9 berufen hat, um einer Berathschlagung über die Verbesserung des Schulwesens beizuwohnen. Da ich meinen zweiten Onkel, den Hofrath, noch nie, und meinen einzigen Bruder seit acht Jahren nicht gesehen habe, so soll ich unsern guten Pflegevater auf dieser Reise begleiten. Sie wird immer gegen vierzehn Tage dauern, und während dieser Zeit werde ich zwar oft an meine Agathe denken, aber schwerlich an sie schreiben können. Laß dich also mein Stillschweigen nicht beunruhigen, liebste Freundin! Nach meiner Rükkunft will ich es reichlich einbringen.

Ich bin sehr begierig, meinen Bruder wieder zu sehen, dessen du dich kaum mehr erinnern wirst. Der Onkel schreibt, er habe Hofnung, eine Amtmannsstelle für ihn zu erhalten. Seine Versorgung würde meiner guten Mutter eine unaussprechliche Freude machen. Ich hoffte immer, er würde noch vor unserer Verpflanzung nach Sundheim kommen, und ich baute schöne Plane auf diese Hoffnung; allein seine Geschäfte bei der Regierungskanzlei hielten ihn immer zurük. Nun ist er uns eine Tagreise näher, und vielleicht kann sein Besuch diesen Herbst Statt finden. Auf den deinigen, liebste Agathe, thue ich nicht Verzicht. Meine gute Mutter will sich mit meinem Oheim vereinigen, um dir bei deinen Eltern die Erlaubniß auszuwürken; sie können und werden sie uns nicht versagen. Fasse also Muth, liebes Mädchen, und bekämpfe deine Schwermuth. Du 10 weißt ohnehin, daß sie deinen Eltern, zumal deinem Vater, mißfällt. Der Vorwand, sie nicht zu nähren, könnte ihm einen Grund an die Hand geben, dir die Reise nach Grüningen zu versagen. Du siehst, meine Agathe, deine Ruhe und das Interesse unserer Freundschaft erfordern, daß du dir Gewalt anthust. In meinen Armen kannst du dein Herz dafür entschädigen.

Diesen Brief will ich eurem Nachbar Rothe mitgeben, der meinem Oheim den rükständigen Pacht des Sundheimer Zehnden überbracht hat. Du kannst ihm deine Antwort zustellen, er wird sie sicher besorgen. Es kommt nur auf dich an, ob du ihn für die Zukunft zur Mittelsperson unsers Briefwechsels machen willst. Vielleicht kannst du dadurch den Unannehmlichkeiten ausweichen, die der gewöhnliche Weg dir zuziehen könnte. Ich verlange keine weitläuftigen Briefe von dir, und wenn deine Mutter unsern schriftlichen Umgang nicht mißbilligt, so werden die öftern Abwesenheiten deines Vaters dir immer die Freiheit verschaffen, mir einige Zeilen zu schreiben. Von Zeit zu Zeit werde ich mich doch auch der Post bedienen, um allen Argwohn eines heimlichen Verkehrs zu entfernen. Ich habe meiner Mutter diesen Vorschlag mitgetheilt; sie billigt ihn. Dein Oheim, sagt sie, würde ihn wenigstens in seinem Herzen billigen; es ist aber besser, wir ersparen ihm die Verlegenheit, sich darüber zu erklären. Was haben 11 wir gethan, liebste Agathe, daß dein Vater nicht mit eben dem Wohlgefallen auf den Bund unserer Herzen herabsieht, wie der Edle, der mir die Stelle des Meinigen ersezt?

Lebe wohl, meine Schwester, und laß mich ja bei meiner Rükkunft nach Grüningen einige Zeilen von dir antreffen. Dagegen verspreche ich dir eine Beschreibung meiner Reise zu Wasser und zu Lande. Scherz bei Seite; ich werde die Donau beschiffen.

Josephine.

 
Fünfter Brief.

Noch um vier Meilen weiter hat sich meine Josephine von mir entfernt, ohne mir die Hofnung zu lassen, durch ihre Briefe für diese Entfernung entschädigt zu werden. Gleichwohl fühlte ich nie mehr, als jezt das Bedürfniß, dir nahe zu seyn. Seit acht Tagen gehen Dinge bei uns vor, die mir deinen schwesterlichen Rath unentbehrlich machen.

Ich schrieb dir neulich, daß mein Vater mit dem Pfarrer nach der Stadt gefahren sey. Sie kamen mit einem jungen Manne zurük, den der Pfarrer am folgenden Tage als seinen Bruder bei meiner Mutter einführte. Er ist ein Laubkrämer aus D . . . . . n, der, wie mein Vater sagte, seine Sachen sehr gut macht. Er hat hier einen beträchtlichen Vorrath Hanf aufgehäuft, allein mich dünkt, 12 daß er um dieser Ursache willen nicht nöthig hätte, hier so lange zu verweilen. Er kommt täglich in unser Haus, und mein Vater behandelt ihn wie einen alten Bekannten. Dennoch erinnere ich mich nicht, ihn jemals gesehen zu haben.

Gestern war er mit seinem Bruder bei uns zu Gast, er sah mich unaufhörlich an, und bisweilen warf er dem Pfarrer Blicke zu, die mich vermuthen liessen, daß ich der Gegenstand dieses stummen Gesprächs sey. Meine Verlegenheit war unaussprechlich. Mein Vater hatte auch noch die Grausamkeit, über mich zu spotten, und mich beim Nachtische sogar zum Singen aufzufordern. Dieses erbitterte mich, und gab mir den Muth, den Tisch zu verlassen. Bleib, dummes Ding! rief er, indem ich zur Stube hinausflog. Ich hörte, daß meine Mutter ihm Vorwürfe machte. Dieses bewog mich, vor der Thüre stehen zu bleiben, und zu horchen. Wenn ich Unrecht hatte, liebe Josephine, so muß ich dir gestehen, daß ich mein Unrecht nicht bereue. Es brachte mich auf eine Entdeckung, von deren Wichtigkeit du selbst urtheilen magst.

Das haben Sie nicht gut gemacht, Herr Leonhard, sagte der Pfarrer; der Baum fällt nicht auf einen Hieb. – Mein Bruder hat Recht, antwortete der Krämer, die arme Jungfer dauerte mich; sie saß auf Kohlen. Mein Vater, den der Wein erhizt hatte, rief mit einem Schwur: Possen! Possen! das 13 Mädchen muß mir herein. Vermuthlich wollte er aufstehen, um mich zu holen; denn ich hörte, daß meine Mutter sagte: bleib, ich will sie rufen. – Ich hatte kaum Zeit in die Küche zu eilen; sie kam mir auf dem Fuße nach. Ich weinte; sie suchte mich zu besänftigen, und ich folgte ihr in die Stube.

Mein Vater warf mir einen wilden Blik zu, allein er sagte nichts. Vermuthlich hatten die Gäste ihn zum Schweigen bewogen; noch stunden die Thränen mir in den Augen. Der Pfarrer gab sich alle Mühe, mich aufzumuntern; ich zwang mich, aber was dieser Zwang mir kostete, kann ich dir nicht ausdrücken. Endlich nahm er ein Glas, und hielt es mir entgegen: Auf gute Freundschaft, Jungfer Agathe! Sie werden mir doch Bescheid thun? . . . . . Mein Vater schenkte mir ein, und reichte mir das Glas mit einer Miene, die mir alle Weigerung verbot, wäre es auch mit Galle gefüllt gewesen. Das schonende Betragen das jungen Mannes machte mir meine Lage nach und nach weniger peinlich, dennoch ward mir jede Minute zur Stunde, bis man endlich vom Tische aufstand.

Mein Vater schlug dem Pfarrer eine Parthie Piket in der Gartenlaube vor, und sein Bruder blieb bei mir in der Stube zurük. Für einen Menschen ohne besondere Bildung machte er mir wegen des Vorgegangenen ein Paar ganz artige Entschuldigungen, und lenkte dann das Gespräch auf seine Geschäfte. Ich 14 stehe, sagte er, bereits seit zwei Jahren mit Ihrem Vater im Verkehr, und wollte ihn schon vorigen Sommer besuchen. Allein die Krankheit und der Tod meiner Frau, mit der ich nur sechs Monate verheirathet war, hielt mich ab. Da nun mein Bruder die hiesige Pfarre erhalten hat, hoffe ich öfters nach Grüningen zu kommen, und wenn Sie es erlauben . . . . So, so . . . . spreche ich zuweilen bei Ihnen ein. – Ich habe nichts zu erlauben, Herr Albrecht, antwortete ich, und fuhr fort, den Tisch abzuräumen. – Sie verbieten mirs doch nicht? – Ich habe auch nichts zu verbieten. – Nun das ist alles, was ich wünsche, sprach er, und fieng nun an, mir Vieles von seinem Gewerbe zu erzählen, das nicht unbeträchtlich zu seyn scheint. Beiläufig merkte er an, daß mein Vater ein Paar tausend Thaler darin stecken habe. Man muß gestehen, sezte er hinzu, daß Herr Leonhard für einen Mann, der, wie er mir selbst sagte, mit Wenigem anfieng, recht gute Geschäfte gemacht hat. Es muß aber auch eine Freude seyn, für eine solche Tochter zu arbeiten. – Dieses Kompliment, liebe Josephine, war doch wohl deutlich genug! Ich benahm mich, wie ich glaube, sehr ungeschikt dabei, und wäre gern zum zweitenmal davon gelaufen, allein die Ankunft meiner Mutter zog mich aus meiner Verlegenheit, und bald hernach kam auch der Pfarrer mit meinem Vater zurük. Beim Abschiede wurde mein Vater vom Pfarrer 15 auf heute zu Gaste gebeten. Dieser Umstand verschaft mir die Muße, dir zu schreiben.

So viel ich dir noch zu sagen hätte, so muß ich dennoch meinen Brief schliessen, um ihn noch vor der Rükkunft meines Vaters zum Nachbar Rothe tragen zu können. Mein Herz bricht mir, indem ich mich von dir losreisse; es ist so voll, so gepreßt; es liegt mir so zentnerschwer in der Brust, daß ich kaum zu athmen vermag. Gott! ich habe Vater und Mutter, und dennoch scheine ich mir eine Waise. O, meine Freundin, meine Schwester! Warum kann ich nicht an deinem Busen Trost und Rath suchen! Ich schmachte nach deiner Antwort; ach! und vielleicht bist du noch abwesend, wenn mein Brief in Grüningen ankommt.

Agathe.

 
Sechster Brief.

Meiner Rechnung nach, liebste Josephine, bist du nun von Grüningen zurük. Ich kann aber nicht warten, bis du mir deine Rükkunft meldest, um mein Herz vollends vor dir auszuschütten. Die Bangigkeit, womit ich meinen lezten Brief schloß, hat seitdem mit jedem Tage zugenommen, und Gott weiß, was am Ende aus mir werden wird!

Als mein Vater neulich von der Mahlzeit beim Pfarrer zurükkam, sah ich ihm gleich an, daß die Weinflasche nicht gespart worden war. Doch 16 diesesmal war er freundlicher, als des Tages zuvor; er faßte meine Hand und schüttelte sie so arg, daß blos die Furcht, ihn zu erzürnen, meinen Schrei erstikte. Der Pfarrer und sein Bruder lassen dich schön grüßen. – Ich danke. – Ich danke; wiederholte er, indem er meinen leisen schüchternen Ton nachahmte. Was heißt das, Mädchen, willst du dich immer so kindisch gegen die Herren betragen, wie gestern? Du bist nicht so albern, daß du nicht errathen solltest, was sie im Schilde führen. Albrecht ist ein hübscher, bemittelter Mann und mein Freund, der gern mein Schwiegersohn werden möchte, und der es, denk ich, auch werden wird. Nicht wahr?

Ich zitterte an allen Gliedern. Vater! stammelte ich, und wollte meine Hand zurükziehen; er hielt sie fest. – Nun, gefällt er dir nicht? – Ich kann weder ja noch nein sagen, erwiederte ich, denn ich kenne ihn ja kaum! – Ich aber kenne ihn, und weiß, daß er der Mann ist, der sich für dich schikt. – Ich habe noch keine Lust zu heirathen, Vater. – Noch keine Lust, das mag seyn; aber Albrecht soll dir Lust dazu machen. Es ist auch noch nicht von der Hochzeit die Rede; aber fortreisen wird und soll er nicht, ehe die Sache in Richtigkeit ist. Nun ließ er mich los, und warf sich in seinen Sessel.

Meine Mutter hatte zu der ganzen Scene geschwiegen; es ist ihr seit gestern nicht wohl. Sie hatte wieder einen Anfall von Blutspeien; als aber 17 der Vater in seinem Armstuhl eingeschlafen war, trat sie mit mir in die Nebenstube, und gab sich alle Mühe, mich zu dieser Heirath zu bereden. Ich bat sie mit Thränen, mir nur acht Tage Bedenkzeit auszuwürken. Die sollst du haben, antwortete sie; Herr Albrecht wird ohnedem erst zu Ende künftiger Woche verreisen.

Also zu Ende künftiger Woche, meine Josephine, soll . . . . . Die Feder entfällt mir, ich muß Kraft sammeln.

Ich stehe auf einer Felsenspitze, zwischen zwei gleich schauerlichen Abgründen. Hier winkt mir ein Mann, den ich nicht liebe, und vielleicht nie lieben würde, weil es ihm an jenem veredelten Gefühle mangelt, das ich noch mehr aus dem Umgange deines Oheims, als aus den Büchern kennen lernte, die er mir in die Hände gab. Dort sehe ich meine Eltern, die mir diese Heirath anrathen oder, besser zu sagen, gebieten. Ich sehe die zahllosen Drangsale, die meine Weigerung mir, zumal von Seiten meines Vaters, zuziehen würde. Ich mahle mir die martervolle Lage, die mir in dem väterlichen Hause drohet, wenn ich das Unglük haben sollte, meine Mutter zu verlieren, deren Kräfte täglich abnehmen. Aber auch bei ihr finde ich den Trost nicht, dessen mein Herz bedarf, und den ich blos an deinem Busen und im Schoose her Deinigen fand. O, ich vermisse ihn täglich mehr, diesen Trost, der 18 mich so oft aufrichtete, wenn die Uneinigkeiten meiner Eltern, oder wenn ihre üble Laune, die nicht selten Härte war, mich zu Boden schlug. Mein Leben ist mir eine Marter, und dennoch wirft mein Herz mir meine Kälte gegen meine Eltern vor, die oft, ach nur allzu oft, in eine bittere Abneigung ausartet, gegen welche ich vergebens kämpfe.

Ach, warum bieten uns die Klöster ihre Hülfe nur unter so furchtbaren Bedingungen an! Warum öfnen sie uns ihre Thore, blos um sie auf ewig hinter uns zu verschließen! Ihre Stifter wollten der Reue und der leidenden Unschuld eine sichere Zuflucht bereiten; ihre Nachfolger haben diese Denkmäler der edelsten Wohlthätigkeit verunstaltet, und die Zellen des Friedens in Todtengrüfte verwandelt. Wären sie noch, was sie waren, ich würde eilen, mich vor den Gefahren, die mir drohen, in ihren geweihten Schooß zu verbergen!

Lebe wohl! meine Josephine, und denke, daß ich deine Antwort mit der Ungeduld eines Schiffbrüchigen erwarte, der am fernen Strande einen Schuzengel erblikt, der zu seiner Rettung heran eilt.

Agathe.

 
Siebenter Brief.

Deine beiden Briefe vom 10ten und 15ten, liebste Freundin, kamen vor meiner Rükkunft hier an, die durch verschiedene Umstände um einige Tage 19 verzögert wurde. Ich habe zu wenig Einsicht und zu wenig Erfahrung, als daß ich es auf mich nehmen könnte, dich durch das Labyrinth zu leiten, darin du umher irrest, und wenn ich es auch könnte, so bin ich zu ängstlich um dich bekümmert, als daß ich dir mit kühler Ueberlegung rathen könnte. Aber ich habe deine Briefe meinem Oheim und meiner Mutter mitgetheilt, und was ich dir darauf antworte, sind ihre Gedanken, zu denen ich ihnen blos meine Feder leihe.

Wir sind nicht im Stande, deine Besorgnisse zu widerlegen, und glauben mit dir, daß ein Fall eintreten kann, der dich deiner lezten Stüze berauben, und deine peinliche Lage noch peinlicher machen würde. Aber eben deswegen, liebste Agathe, beschwören wir dich, daß du ja dein Herz mit der strengsten Sorgfalt prüfen mögest, ehe du ein Mittel verwirfst, das dir die Drangsale ersparen kann, die deine Widersezlichkeit dir zuziehen würde. Mein Oheim freut sich, daß du weise und aufrichtig genug bist, die Stimme der Verzweiflung für keinen Ruf des Himmels zu halten. Ein unüberlegtes Klostergelübde würde dir mehr Reue und Kummer zubereiten, als eine unüberlegte Heirath, und nur der Tod würde deine Bande lösen können. Wenn du aber keinen entschiedenen Abscheu gegen deinen Freier hast, wenn du keine Flecken in seinem moralischen Charakter wahrnimmst, wenn bloße Verschiedenheiten der Erziehung und Bildung dich von ihm entfernen; – 20 dann, meine Agathe, ist es nicht so ausgemacht, wie du es zu glauben scheinst, daß du an der Seite dieses Mannes nicht würdest glüklich seyn können.

Unserm Geschlechte hat die Natur einen Zauber verliehen, der größere Verwandlungen bewürken kann, als die sind, welche die Fabel uns von Circes Wundern erzählet. Seine Macht erstrekt sich über die innere Gestalt der Männer. Eine vernünftige und liebenswürdige Gattin kann durch ein sanftes und gefälliges Betragen die Launen und selbst die Leidenschaften eines gutartigen Mannes beherrschen, und dem ungebildeten ihren höheren Sinn, wo nicht einflößen, doch wenigstens zum Gegenstande seiner Achtung machen. Was für ein unseliges Geschenk würde das Gefühl des Schönen für ein Mädchen seyn, wenn es sein Herz dem Manne verschlösse, der blos das Gefühl des Guten hat! Mein Oheim würde es schmerzlich bereuen, jenes Gefühl bei dir erwekt zu haben, wenn es dir Ekel gegen eine Verbindung einflößte, die dir einen ehrbaren Stand, ein sorgenfreies Brod, und einen sichern Schuz gegen die Unannehmlichkeiten anbietet, denen deine Weigerung dich, wer weiß auf noch wie lange, aussetzen würde. Vielmehr glaubt er, daß ein geläutertes und veredeltes Gefühl ein Mittel mehr ist, einen Mann, selbst von gewöhnlicher Erziehung, an sich zu ketten, und ihm unbekannte Freuden, vielleicht auch unbekannte Tugenden, mitzutheilen.

21 Noch einmal, meine Agathe, prüfe dich und deinen Freier mit reinem unbefangenen Auge, und dann wähle in Gottes Namen. Wir können es nicht für dich thun, weil wir ihn nicht kennen. Indessen weide ich mich an dem Gedanken, daß die Vorsehung vielleicht diesen Boten an dich abgeschikt hat, um deiner still ausharrenden Tugend eine zwar prunklose, aber von ihrer Hand geweihte, Krone aufzusetzen. Wir sehen Alle mit klopfendem Herzen deinem Entschlusse entgegen. Mein Oheim drükt einen segnenden Kuß auf deine Stirne, und meine gute Mutter umarmt dich so innig, wie deine

Josephine.

 
Achter Brief.

Nach einer schwer durchkämpften, thränenreichen Nacht, in welcher dein Brief, liebste Freundin, nicht von meinen Lippen kam, glaube ich endlich über mein Herz Meister geworden zu seyn. Mein Entschluß ist gefaßt. Ich will gehorchen; werde ich durch diese Heirath nicht glüklich, so wird doch vielleicht der Gedanke mich stärken, daß ich meinen Eltern gehorsam war, anstatt daß ich alle Leiden, die meine Weigerung mir zuziehen würde, für mein eigenes Werk halten müßte.

Schon scheint der Himmel meine Ergebung in mein Schiksal zu belohnen. Ich fühle einen innern Frieden, der meinem Herzen seit vierzehn Tagen 22 fremd war, und Albrecht, der uns diesen Morgen besuchte, erschien mir in einem andern Lichte. Ich fand in seinem Gesichte einen Zug von Sanftmuth und Güte, den ich bisher übersehen hatte, und in seinem Tone suche ich jezt den reinen und edeln Accent nicht mehr, der mich so oft in der Sprache deines Oheims entzükte. Dagegen fange ich an, zu hoffen, daß ein junger Mann von gesundem Verstande auch eines gesunden Geschmaks fähig ist.

Ich habe an seinem Gespräche mit meinen Eltern Theil genommen. Anfangs kostete es mir einigen Zwang; nach und nach wurde mein Ton unbefangener; ich glaube sogar, daß er freundlich wurde. Ihm wenigstens muß er so vorgekommen seyn, denn er schien sehr vergnügt, als er mich verließ. Mein Vater, der ihn hinausbegleitete, sprach noch lange mit ihm unter der Hausthüre, und als er zurükkam, sagte er zu mir: heute, Mädchen, hast du deine Sache gut gemacht; ich bin mit dir zufrieden, und Herr Albrecht ist es auch. Er hat einen Brief erhalten, der ihn nach Hause ruft: morgen wird er dein Jawort abholen. Die Bedenkzeit, die ich dir bewilligte, läuft ohnehin zu Ende, und ich will nicht hoffen, daß du dich länger besinnen wirst, deinen Eltern zu gehorchen. Ein Freier, wie Albrecht, findet sich nicht alle Tage.

Noch vorgestern, liebste Josephine, würde diese Sprache mich empört haben; heute fand ich 23 die Kraft, mit gesezter Stimme darauf zu antworten: ich war meinen Eltern nie ungehorsam, und werde ihnen auch jezt gehorchen.

Morgen also, meine Josephine, werde ich das verhängnißvolle Wort aussprechen, das schon so viel Glükliche und so viel Unglükliche gemacht hat. Wohl mir, daß ein dichter Vorhang mein Schicksal mir verbirgt! Ich glaube, wenn ich es auch könnte, ich würde den Muth nicht haben, ihn aufzuheben. Ein Herz, das wenig zu hoffen hat, gefällt sich in der Dunkelheit, die ihm die Zukunft verbirgt; es hört sie kommen, ohne sie zu sehen; es ruft sie an, ohne zu wissen, ob sie Freund oder Feind antworten wird; ich will sie gefaßt erwarten. Dein Brief, oder vielmehr die zwei guten Engel, deren Worte du nachschriebst, haben meinen Glauben an die Vorsehung befestigt. Heil ihnen dafür und ewiger Dank! Man ruft mich, ich schliesse nicht eher, als bis ich sagen kann: es ist geschehen.

Fortsetzung.

Es ist geschehen, meine Josephine! meine Stimme zitterte, als ich das furchtbare Ja aussprach, wie meine Hand zittert, indem ich es hinschreibe. Es ist mir unmöglich, dir die Scene des gestrigen Abends zu erzählen; meine Seele lag in einer dumpfen Ohnmacht, indem mein Körper zwischen Albrechten und dem Pfarrer bei Tische saß. Eine 24 eiserne Hand preßte mein Herz zusammen. Der Athem wollte mir versagen, und oft sah ich die Gegenstände blos durch einen dunkelgrauen Flor. Ich nahm keinen Antheil an der Unterredung, oder besser zu sagen, ich hörte nicht, was gesprochen wurde. Mein Vater muß meine Betäubung bemerkt haben, gegen das Ende der Mahlzeit erhob er seine Stimme so laut, daß ich aus dem tiefsten Schlafe hätte erwachen müssen, und sagte, indem er mir von Zeit zu Zeit einen finstern Blick zuwarf: Nun, Ihr Herren, ist es Zeit, von unserm Geschäfte zu sprechen; meine Tochter weiß Ihren Antrag, und soll Ihnen nun selbst wiederholen, was sie mir darauf geantwortet hat.

Ich saß da, wie ein Lamm, dem man das Opfermesser an die Kehle sezt. Der Pfarrer ergriff meine Hand; nun, Jungfer Agathe, was haben Sie geantwortet? Darf ich Sie meine zukünftige Schwägerin nennen? – Und ich meine Braut? sagte nun Albrecht mit einer Bescheidenheit, die mir selbst in meiner unaussprechlichen Verwirrung nicht entgieng. – Braut! dieser Titel klingt freilich hübscher als Schwägerin, rief der Pfarrer mit einem lauten Gelächter; er hat auch weit mehr zu bedeuten, nicht wahr? – Der Mann empörte mich, aber auf der Stirne meines Vaters zog sich eine Gewitterwolke zusammen. Ich wandte mich gegen Albrechten: Ich habe meinem Vater bereits geantwortet, und 25 er wird Ihnen gesagt haben, daß ich ihm nie ungehorsam war.

Albrecht fühlte das Unbestimmte dieser Erklärung. Ich möchte nicht, liebe Mamsell, daß Sie aus bloßem Gehorsam . . . . . Ey was! unterbrach ihn sein Bruder, du forderst auch allzuviel; merkst du nicht, daß die bloße Schaamhaftigkeit sie abhält, mehr zu sagen. – Getroffen! rief mein Vater. Albrecht blieb ernsthaft, und gewann dadurch meine ganze Hochachtung. Als er mich in einem offenen, bescheidenen Tone fragte: Sie willigen also in mein Glück? antwortete ich mit einem leisen Ja. Er küßte meine Hand, und nahm einen Ring von seinem Finger, den er an den meinigen steckte. Dazu gehört ein Kuß, sagte der Pfarrer. Der Bruder gehorchte dem Rathe; meine Wange mußte ihn an die Lippen brennen.

Man sprach von der Hochzeit: ich weiß nicht, warum es mir so wohl ward, als Albrecht sagte, daß sie erst in drei Monaten Statt haben soll. Aus Achtung für das Andenken seiner verstorbenen Gattin und für ihre Eltern will er warten, bis das Trauerjahr zu Ende ist. Das ist mir eben recht, sagte meine Mutter, denn ich muß doch Zeit haben, des Mädchens Brautgeräthe machen zu lassen. – Morgen wird Albrecht verreisen, aber künftige Woche gedenkt er wieder zu kommen, um den Ehekontrakt zu schliessen.

26 Ich bereue den Schritt nicht, den ich gethan habe, und dennoch wünsche ich, daß ich ihn nicht hätte thun müssen. O, du, meine einzige Freundin, fahre fort, mich auf der dornigten Laufbahn zu unterstützen; und Sie, meine ehrwürdigen Pflege-Eltern, geben Sie Ihrer armen Agathe Ihren Segen. Er wird meinem Herzen willkommener und heiliger seyn, als der Segen des Mannes, der den guten Sundheimern den Verlust seines Vorgängers täglich fühlbarer macht. Um wie viel dringender fühle ich nun das Bedürfniß, Sie zu besuchen, und, ehe ich mich von hier entferne, mein Herz in ihren Schooß auszuschütten, und für die Zukunft Rath und Kraft daraus zu schöpfen. Meine Verlobung, dünkt mich, sollte die Zahl der Schwierigkeiten vermindern, die mein Vater dieser Reise in den Weg gelegt hätte. Vor dem künftigen Monat wäre freilich nicht daran zu denken, da um diese Jahrszeit die Zahl unserer Gäste immer am stärksten ist, hernach aber kann ich schon besser abkommen. O, ich bedarf dieser Hofnung, um in meinen einsamen Stunden den Muth nicht zu verlieren!

Agathe.

 
Neunter Brief.

Du hast dich wie eine Heldin betragen, meine Agathe, und dein Sieg ist um desto schöner, je schwerer der Kampf war. Nicht auf diesem Blatte, 27 sondern in unsern Armen sollst du unsern Glükwunsch und unsern Segen empfangen.

So bald du den Augenblick zu deiner Reise günstig glaubst, will mein Oheim deswegen an deinen Vater schreiben. Was du mir von Herrn Albrecht sagst, bestätigt uns in der Hofnung, daß du nie Ursache haben werdest, deine Wahl zu bereuen. Laß nur ein Jährchen vergehen, und der brave Mann wird auch ein feiner belebter Mann seyn, und wenn du die Ehre seiner Bildung dir nicht allein vorbehalten willst, so verspreche ich dir, in diesem schönen Werke dich schwesterlich zu unterstützen, nicht etwa durch Briefe, nein, meine Freundin, sondern in selbsteigener Person. Ich scherze nicht, und wenn ich dir nicht vor allen Dingen unsern Beifall hätte zurufen wollen, so würde ich meinen Brief mit den Worten angefangen haben: Freue dich, meine Agathe, der Himmel führt uns wieder zusammen! Mein Bruder hat die Amtmannsstelle in Schönfeld erhalten, und ich werde ihm seine Wirthschaft führen.

Erst in zwei Monaten wird er seinen Posten beziehen, und in diesem Zwischenraume mußt du zu uns kommen; er wird mich hier abholen; ich wollte, er könnte dich noch bei uns antreffen; ist dieses nicht möglich, so wird er dir mit mir am Tage deiner Ankunft nach D . . . . . n entgegen eilen. Es ist ein herrlicher Mensch aus ihm geworden, und es war mir ein unaussprechlich süßer Genuß, ihn von 28 den rechtschaffensten Männern geschäzt und geliebt zu sehen. Unser Onkel, der Hofrath, behandelt ihn als einen Freund, und auch mir hat dieser edle Mann rührende Beweise seines zärtlichen Wohlwollens gegeben. Er wollte mich bei sich behalten, allein ich konnte mich nicht dazu entschliessen. Eine Residenz, sie sey groß oder klein, ist für ein schlichtes Landmädchen, das im unverzäunten Garten der Natur aufwuchs, eben das, was für den Vogel ein eleganter Kefich: er sieht blos das Gegitter, das ihn gefangen hält, ohne darauf zu achten, daß es aus vergoldetem Draht geflochten ist.

Da lob ich mir unser Schönfeld, das weder Mauern noch Thore hat, und kaum eine halbe Meile von dem künftigen Wohnorte meiner Agathe entfernt liegt.

Nun erwarte ich deine Antwort mit eben so leichtem Herzen, als ich der vorigen mit Bangigkeit entgegensah. Freude wird mir daraus entgegenwehen, und die Hofnung wird sie besiegeln; die Hofnung! o, liebe Freundin, laß uns die nie verlieren; ihr Anker ist die Stütze der leidenden Unschuld, und der Freund des Tugendhaften sollte sie, statt der Bildsäule des Schmerzes, auf sein Grab setzen.

Nur noch eine Bitte. Schicke mir eine von deinen schönen blonden Locken. Eine Nachbarin meines Onkels hat mich die Kunst gelehrt, Ringe aus Haaren zu flechten, und Buchstaben darein zu würken. Ich bestimme dir einen, der in der Arbeit ist; 29 dagegen will ich von deinen Haaren einen ähnlichen für mich verfertigen. Unter Verlobten ist es ja Sitte, Ringe zu wechseln, und sind nicht unsere Herzen auf ewig mit einander verlobt?

Josephine.

 
Zehnter Brief.

Als ich deinen Brief mit gierigem Auge durchlesen hatte, fiel ich auf meine Knie, und erhob meine Hände gen Himmel. Ich betete, es waren aber keine Worte, ich kann es nicht einmal Gedanken nennen; es war ein unaussprechliches Gefühl, von einem heiligen Gesichte begleitet, das mir durch die Seele blizte, und mir die Bilder meiner Josephine, ihrer Mutter, ihres Oheims, und selbst das Bild des guten Fürsten darstellte, dessen Arm die Vorsehung entlehnte, um uns wieder zusammen zu führen. Ich sah diese freundlichen Gestalten mir, wie in einer lichten Wolke, vorschweben, und mein Herz zerschmolz in Wonne. Im Grunde sind die Verdienste deines edlen Bruders die Ursache unserer Wiedervereinigung; dafür segnet ihn mein Herz; allein so eigennützig ist es denn doch nicht, daß es sich der Beförderung deines Karls nicht auch um seinetwillen, und als ein angenommenes Glied seiner Familie freuen sollte. Sage dieses deinen Lieben, bis ichs ihnen selber sagen kann.

30 Dein Einfall mit den Ringen ist köstlich. Hier, meine Schwester, hast du mehr Haare, als du brauchst. Mit Ungeduld erwarte ich dein Geschenk. Es wird mir unendlich theurer seyn, als mir, wenigstens jezt noch, der Ring ist, den mir heute vor acht Tagen . . . . . Ich muß dir noch Wundershalben den Brief abschreiben, den ich gestern von ihm erhielt. Ein Stück des feinsten Augsburger Zitzes, von allen möglichen Farben, begleitete ihn. Ein Glück, daß ich den Brief nicht beantworten darf, da der Briefsteller selbst in wenig Tagen hieher kommen will.

Insonders hochgeehrte und vielgeliebte Mademoiselle.

Ich kann nicht unterlassen, Denenselben mit diesen wenigen Zeilen meine gehorsame Danksagung für Dero gütige Gesinnungen gegen meine Wenigkeit zu wiederholen. Ich betrachte es als mein höchstes Glück, daß Sie, vielgeliebte Agathe, darein gewilligt haben, die Meinige zu werden, und werde Ihnen täglich und stündlich meine Estim und Liebe zu erproben trachten. Aus dem kurzen Umgang mit Denselben habe ich schon zur Genüge ersehen, daß Sie, insonders hochgeehrte Mademoiselle, um tausend Procento reicher sind an Verdiensten, als ich. Allein ich werde mich aus allen Kräften befleißigen, Sie so glüklich zu machen, als Sie es zu seyn meritiren. Meine Geschäfte halten mich noch einige Tage in Costi auf, 31 alsdann aber werde ich die Ehre und Freude haben, hinüber zu kommen, um unsere Verlobung formaliter abzuschliessen. Indessen nehme mir die Freiheit, Denenselben hiebei ein kleines Zeichen meiner Affektion zu übermachen, von Herzen wünschend, Dero Gusto getroffen zu haben. Neues weiß ich nichts zu melden, ausser daß, laut sichern Avisen, die Franzosen abermals Miene machen, den Rhein zu passiren, welches ein sehr großes Malheur wäre. Unter meiner ergebensten Salutation an Dero hochwerthe Eltern habe ich die Ehre mit aller Consideration und Liebe bis in den Tod zu beharren

meiner insonders hochgeehrten
und vielgeliebten Mademoiselle

treuergebenster Diener und Bräutigam
Gregorius Albrecht.              

Du siehst, meine Josephine, daß wir ein feines Stück Arbeit bekommen würden, wenn wir den guten Gregorius Albrecht im deutschen Styl zu unterrichten hätten. Das Beste ist, daß auch durch seinen ungebildeten Ausdruk ein bescheidenes, redliches Gemüth durchschimmert, und damit soll und will ich mich vor der Hand . . . . . . . . . . . .

Sie ist todt! ach! die arme Mutter, ein Blutsturz . . . . . . Gott! Gott! in wenig Minuten war sie dahin. Mehr kann ich dir jezt nicht sagen, meine Schwester, es fehlt mir an Kraft und an Zeit.

Agathe. 32

 
Eilfter Brief.

Vor einer Stunde, meine Josephine, kamen wir von ihrem Grabe zurük. Friede sey mit ihrer Asche! Der Pfarrer ist unten bei meinem Vater; ich benutze den Augenblick, um es zu versuchen, dir die Schreckensscene zu beschreiben, von der ich dir in meinem lezten Briefe nur einige Worte sagen konnte. Du hast ihn doch erhalten? Eben als ich ihn schliessen wollte, hörte ich auf der Hausflur ein Getöse, und gleich darauf meinen Vater laut um Hülfe rufen. Ich flog hinunter, und fand die arme Mutter, mit Blut bedekt, in seinen Armen.

Ohngeachtet ich mich selbst kaum aufrecht halten konnte, half ich sie auf ihr Bette tragen. Sie heftete einen liebreichen, ich könnte sagen, einen flehenden Blick auf mich, und versuchte zu sprechen. Mein Vater, der vermuthlich Gefahr dabei ahnete, verbot es ihr, und befahl mir, nach dem Wundarzte zu laufen. Allein sie ergriff mich bei der Hand, und hielt mich zurük. Ich gab der Magd einen Wink; sie verstand mich und wollte, statt meiner, den Auftrag besorgen. Bleib, sagte mein Vater, Agathe soll gehen. – Ich suchte meine Hand los zu machen, die Mutter aber raffte alle ihre Kräfte zusammen, schwang sich auf, und umschlang mich mit ihren Armen. In diesem Augenblick überschüttete sie mich mit einem Blutstrom, und war todt.

Ich fiel, wie vom Blitze getroffen, in Ohnmacht. 33 Man trug mich auf meine Kammer; Mariane kleidete mich aus, und als ich wieder zur Besinnung kam, fand ich mich in meinem Bette. Ich bat das gute Mädchen, mich allein zu lassen, weil ich ihrer Dienste weniger bedürfe, als mein Vater, und nun verlor ich mich in einem Strudel quälender Gefühle und Betrachtungen, die mich so sehr erschöpften, daß es mir kaum möglich war, dich mit einer Zeile von meinem Unglücke zu benachrichtigen.

Donnerstag, den 9ten.

Als ich diesen Morgen meinem Vater sein Frühstück brachte, sagte er zu mir: der unvermuthete Trauerfall nöthigt mich, deine Verlobung um ein Paar Wochen zu verschieben. Ich habe es gestern dem Herrn Pfarrer gesagt; er findet meine Ursache ganz billig, und wird heute seinem Bruder deswegen schreiben.

Es würde mir schwer fallen, dem Gefühle, womit ich diese Nachricht anhörte, einen Namen zu geben; und noch jetzt verstehe ich nicht, was mein Herz dazu sagt. Gewiß ist, daß ich mein gegebenes Wort nicht bereue, und dennoch glaube ich leichter zu athmen, seitdem ich weiß, daß ich um einige Wochen später die furchtbare Urkunde unterschreiben werde. Die Hand zittert mir, so oft ich daran denke. Vielleicht ist es mein Glük, daß die Haushaltungsgeschäfte, die nun ganz allein auf mir liegen, mir wenig Zeit lassen, der Schwermuth nachzuhängen, die seit einigen Tagen mich wieder bis in die Arme des Schlafes 34 verfolgt. Bald sehe ich meine arme Mutter vor mir, wie ihr brechendes Auge mich anstarrt, und wie das lezte Wort, das sie mir sagen wollte, auf ihren geöfneten Lippen verweht. Bald sehe ich meine Josephine am jenseitigen Ufer eines breiten Stroms; sie winkt mir zu sich hinüber; ich strecke meine Arme nach ihr aus, allein vergebens. Kein Kahn, keine Brücke, die uns zusammen führte!

Ach, meine Schwester! ich fürchte, daß in diesem Traumbilde nur allzuviel Wahrheit liege. Nimmt mein Vater vor meiner Heirath keine Haushälterin an, so kann ich die Wirthschaft keinen Tag verlassen, und dann ist meine Hoffnung, dich in Grüningen zu umarmen, mit meiner Mutter ins Grab gesunken. Die liebe Mutter! sie würde gewiß die Bitte deines Oheims aus allen Kräften unterstüzt haben, denn wenn ihre Unpäßlichkeiten oder häuslicher Verdruß sie nicht verstimmten, so war sie, wie du weißt, recht sehr gut, und versagte mir keine Freude. Indessen erforderte selbst meine Gesundheit je eher, je besser eine wohlthätige Zerstreuung. Sie hat seit einigen Wochen durch die Kämpfe, die in mir vorgiengen, heftige Erschütterungen erlitten, und nun fühle ich die Nachwehen des lezten Sturmes noch in allen meinen Gebeinen. Will vielleicht die gute Mutter mich nachholen? ach, liebste Freundin! mich dünkt, es wäre das Glücklichste, was mir begegnen könnte.

Agathe. 35

 
Zwölfter Brief.

Arme Freundin! du hast viel gelitten. Ich setze mich an deine Seite, und leide mit dir; doch nicht ich allein, auch meine Pflege-Eltern, deren Liebe du kennst, theilen deinen Schmerz. Der Schlag, der dich so plözlich traf, mußte dich gewaltig erschüttern, aber niederwerfen soll er dich nicht. Die Kleinmüthigkeit, der du dich überlässest, hindert dich, meine Schwester, deine Lage in ihrem wahren Lichte zu betrachten. Deine gute Mutter verdient deine Thränen; auch ich segne ihre Asche; sie begünstigte, so viel sie konnte, unsern Umgang, und ersparte uns manche Unannehmlichkeit. Du sahest ihren Tod vor, und ahnetest, nicht ohne Grund, die traurigste Zukunft, wenn du, deiner einzigen Stütze beraubt, im väterlichen Hause fortleben müßtest.

Allein warum verschliessest du deine Augen vor der Freistätte, die sich dir öfnet? Albrecht soll das Werkzeug deiner Erlösung seyn, und doch sagst du, nur mit Zittern würdest du ihm deine Hand reichen. Hat er dir seitdem Ursache zum Mistrauen gegeben, so bist du entschuldigt, wo nicht, so frage dein Herz, ob es nicht ungerecht gegen ihn ist. Ich hoffe, daß blos deine geschrekte Phantasie deine Zweifel erzeugt hat. Könntest du sie aber nicht besiegen, meine Freundin, o, so müßtest du dich hüten, ein Band zu knüpfen, das dich noch unglüklicher machen würde, als du es im väterlichen Hause 36 werden kannst. Es ist nicht genug, daß du dein gegebenes Wort halten willst, Albrecht muß mehr als ein bloßes Opfer von dir erwarten können.

Der Zustand deiner Gesundheit macht uns bange, und du hast das wahre Heilmittel errathen; auch ist mein guter Oheim entschlossen, alles anzuwenden, um deine Hieherkunft zu beschleunigen. Nur glauben wir, daß dein Vater eine gegründete Ursache zur Weigerung haben würde, wenn unser Antrag vor deiner Verlobung Statt fände; du müßtest denn gewiß seyn, daß sie um mehr als ein Paar Wochen verschoben ist, oder verschoben werden kann. Hierüber, meine Freundin, kannst du allein uns Auskunft geben. Nur vermeide ja Alles, was bei deinem Vater den Argwohn erregen könnte, daß du einen längern Aufschub wünschest. Dieser Argwohn würde alle unsere Hoffnungen zernichten.

Indessen kann ich unsere Vereinigung nicht abwarten, um dir, meine Schwester, deinen Ring anzustecken. Der meinige ist nun in der Arbeit. Unsere Freundschaft bedarf dieser Pfänder freilich nicht, allein es können Stunden kommen, da ein Blick auf dieses Bundeszeichen unserem Herzen wohl thun, und es zu großen Entschliessungen anfeuern kann. Möchte doch deine Beruhigung und ein fester Glaube an meine Weissagung, daß ein besseres Loos dir aufbehalten ist, die erste Würkung dieses Amulets der Liebe seyn.

Josephine. 37

N. S.

Noch zu rechter Zeit überlege ich, daß es besser seyn wird, wenn ich dir den Ring geradezu in einem Briefe übersende, den du vorweisen kannst; sonst würden wir bei deinem Vater, wenn er ihn an deinem Finger erblickt, den Verdacht eines heimlichen Verkehrs erwecken, oder du würdest eine Unwahrheit sagen müssen, um diesen Verdacht abzulehnen. Um noch sicherer zu gehen, will ich den zweiten Brief erst mit nächster Post absenden, weil du ihn sonst früher als gegenwärtigen erhalten könntest, den ich, wie gewöhnlich, dem biedern Rothe empfehle.

 
Dreizehnter Brief.

Ich nehme, liebste Josephine, deine Weissagung mit frohem, gläubigem Herzen an. Schon beginnt sie in Erfüllung zu gehen. Dein Ring, ein wahrer Zauberring, hat ein mir unbegreifliches Wunder verrichtet. Ich empfieng den Brief, der dieses heilige Pfand der Freundschaft enthielt, in meines Vaters Gegenwart. Ich las ihn laut, und wies ihm den Ring, den ich küßte und an meinen Finger steckte.

Zuvor hätte ich dir sagen sollen, daß mein blasses Gesicht, der Mangel an Eßlust und meine anhaltende Ermattung ihn seit einigen Tagen zu beunruhigen schien. Ich bemerkte mehrmals, daß er mich sehr 38 aufmerksam betrachtete; wenn er mit mir sprach, war sein Ton milder, und bisweilen sogar freundlich. Als er mich nun dein Geschenk mit stillem Entzücken an den Finger stecken sah, schüttelte er den Kopf und sagte: dieser Ring, scheint es, ist dir mehr werth, als sein Nachbar, (er meinte den, welchen ich von Albrechten empfieng); wenigstens machst du ein heitereres Gesicht, als jenen Abend. Nun! Nun! trage ihn immerfort; ich wollte, er könnte dich gesund machen.

Kaum trauete ich meinen Ohren. Ich gab meinem Vater einen Blik, der ihm eben so fremd gewesen seyn muß, als mir seine Sprache war. Er war ein Ausdruk kindlicher Liebe, die in diesem Momente in meinem Herzen aufglimmte. Du hängst deinem Schmerz zu sehr nach, fuhr er fort; du mußt dich mehr zerstreuen. Soll ich dich auf ein Paar Tage in die Stadt führen? – Hier sah er mich forschend an. Ich fand aber nichts Abschreckendes, sondern eher Güte in seinem Blicke. Dies gab mir den Muth, ihm zu antworten: die Stadt hat keinen Reiz für mich; wenn ich wieder gesund werden kann, so wüßte ich wohl, was für ein Mittel mich heilen würde. – Darf ich es auch wissen? – Warum nicht, lieber Vater, sagte ich, und trat ihm um einen Schritt näher: ein Besuch von einigen Tagen bei meiner Freundin Josephine. – Ich schlug die Augen nieder, und erwartete mein Urtheil.

39 Er besann sich ein Weilchen: dacht' ichs doch! Nun wir wollen sehen; ich gehe morgen in die Stadt, um mich nach einer Haushälterin zu erkundigen, die der Pfarrer mir vorgeschlagen hat. Wird die Sache richtig, wie ich es hoffe, so sollst du auf acht Tage nach Grüningen reisen. – Ich kannte mich nicht vor Freude. Lieber Vater, rief ich, und warf mich ihm um den Hals; er schloß mich schweigend in seine Arme, und drükte mich fest, beinahe zu fest, an seine Brust.

Es war als ob in uns allen Beiden ein ganz neues Gefühl erwachte. Thränen, wie ich noch keine weinte, entstürzten meinen Augen. Uebermorgen, wenn ich zurükkomme, fuhr er fort, indem er mir lächelnd zusah, wie ich sie abtroknete, wollen wir weiter von der Sache sprechen.

O, warum geht die Post erst übermorgen ab! Warum kann ich meiner Josephine diese frohe, unerwartete Botschaft nicht auf den Flügeln des Windes mittheilen! Noch gibt es Augenblicke, da ich zweifle, ob mein Vater mich nicht durch ein angenehmes Mährchen aufmuntern wollte; allein er scheint mir würklich um meine Gesundheit bekümmert, und dann gehört ja weit weniger Vernunft dazu, als er besizt, um voraus zu sehen, daß ein solcher Betrug eine sehr schlechte Arznei für mich seyn würde. Diesen Morgen ist er würklich abgereist; möge er doch in seinem Geschäfte glüklich seyn, 40 denn ich begreife nur allzuwohl, daß die Möglichkeit meiner Reise vom Erfolge desselben abhängt.

Ein Besuch des Pfarrers hinderte mich gestern, meinen Brief zu schliessen. Die Freude, die mein Herz erfüllte, machte mich duldsam gegen das abgeschmakte Geschwäz dieses Mannes, aber eben diese Duldsamkeit verlängerte seinen Besuch, und gab seinem Tone eine Vertraulichkeit, die ich blos darum ertrug, um ihn zu hindern, mir bei meinem Vater zu schaden. Seiner Meinung nach soll die Verlobung spätestens in drei Wochen vor sich gehen. Ihre Mutter, sezte er hinzu, hätte wohl zu einer gelegenern Zeit sterben können, und wenn mein Bruder mir folgt, so wird er seine Hochzeit beschleunigen. Seine verstorbene Frau muß es ihm verzeigen, wenn er ihr, je eher je lieber, eine so schöne Nachfolgerin gibt.

So faselte er, bis es anfieng zu dämmern, und ein ansehnlicher Reisewagen vor unserm Hause still hielt. Es scheint ein vornehmer Offizier zu seyn, sagte er, indem ich dem Hausknecht befahl, den Fremden in den obern Saal zu führen. Der Pfarrer wollte immer noch nicht fort, als aber der Bediente des Gastes mich ersuchte, ihm eine Fleischbrühe für seinen Herrn zu geben, der sich nicht wohl befinde, so bat ich um die Erlaubniß, mich zu entfernen, und so ward ich endlich meiner zweistündigen Folter los. Alles ruht im Hause, und es ist Zeit, daß auch ich die Ruhe suche.

41 Lebe wohl, meine Freundin! ich kann meinen Brief nicht offen lassen, bis mein Vater zurükkömmt, ich möchte sonst die Zeit nicht mehr finden, ihn dem Nachbar Rothe zuzustellen. Nächstens ein mehreres. Möchte es die Bestätigung der seligsten meiner Hoffnungen seyn.

Agathe.

N. S.

Der Vater ist noch nicht zurük, und ich reisse meinen Brief wieder auf, um dir eine sonderbare Begebenheit mitzutheilen. Diesen Morgen um 9 Uhr ließ unser Gast anspannen. Sein Bedienter hatte ihm das Frühstük hinaufgebracht, und die Zeche berichtigt. Als er herunter kam, trat ich auf die Hausflur, um ihn zu grüssen. Ich sah einen langen, hagern und etwas blassen Mann, von mehr als mittlerem Alter, heranschleichen; als er mich erblickte, blieb er wie ein lebloses Bild vor mir stehen, und sah mich wohl ein Paar Minuten lang steif an; sein Gesicht wurde noch blässer, und ich bemerkte ganz deutlich, daß seine Augen sich mit Thränen füllten. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Verlegenheit. Endlich gieng er, ohne ein Wort zu sprechen, ohne meine Verneigung auch nur durch ein Kopfnicken zu erwiedern, nach der Thüre. Hier erst schien er sich zu besinnen. Er warf mir mit zitternder Hand einen Kuß zu, und wankte in seinen Wagen.

42 Wenn der arme Mann nicht blödsinnig ist, so weiß ich mir die seltsame Erscheinung nicht zu erklären. Hätte ich doch nur nach seinem Namen gefragt. Der Hausknecht, der ihn wußte, hat ihn vergessen. Der Kutscher sagte ihm, sein Herr sey ein kaiserlicher Obrister, der nach dem Carlsbade reist. Zum erstenmal bereue ich es, daß ich so wenig Vorwiz habe, mich nach unsern Gästen zu erkundigen.

 
Vierzehnter Brief.

Seit gestern Abend ist mein Vater zurük; er empfieng mich sehr freundlich, und sogar mit einem herzlichen Kusse. Von meiner Reise aber war keine Rede, und ich hatte den Muth nicht, ihn daran zu erinnern. Diesen Morgen gieng er aus; ich vermuthete, er sey blos zum Pfarrer. Allein, wie groß war mein Schrecken, als ich, am Fenster sizend, ihn aus Rothens Hause kommen sah! Ich glaubte nicht anders, als daß er diesen geheimen Kanal unsers Briefwechsels entdekt habe, und schauderte, als er die Stubenthüre öfnete. Er sagte nichts, aber betrachtete mich von Zeit zu Zeit mit forschenden Blicken. In die Länge konnte ichs nicht aushalten; ich machte mir etwas in der Küche zu schaffen.

Bei Tische sprach er manches von gleichgültigen Dingen, aber immer nichts von meiner Reise. Meine Traurigkeit mußte jede Minute sichtbarer werden; er 43 schien sie nicht zu bemerken. Ich wollte den Tisch verlassen. Bleib, sagte er, wir haben noch ein Wort mit einander zu sprechen. Mit der Haushälterin ists nichts, es ist die Wittwe eines Kanzelisten, eine Dame, die ich nicht brauchen kann, und die gleichwohl fünfzig Thaler Lohn fodert. Albrecht schmollte mit mir, daß ich sie ausschlug, allein ich kann ihm nicht helfen. – Jedes Wort war mir ein Dolchstich, und ich fühlte, daß es mir übel werden wollte. Nun, sprach er, du darfst deswegen nicht erschrecken; deine Reise soll dennoch vor sich gehen. Ich habe es dem Pfarrer bereits gesagt, und alles ist in Ordnung. Da Rothe schon mehrmals Geschäfte in Grüningen hatte, und ich das Haus nicht allein lassen kann, so schlug ich ihm vor, dich statt meiner zu begleiten. Es war ihm eben recht, allein vor dem künftigen Montage kann er nicht abkommen.

Hätte ich nicht zu träumen geglaubt, meine Josephine, gewiß hätte ich meinen Vater nicht so lange sprechen lassen; nun aber sprang ich vom Tisch auf, und bedekte seine Wangen mit Küssen und Freudenthränen. Dachte ichs doch, sagte er, indem er mir die Hand unter das Kinn hielt, und mir liebreich in die nassen Augen sah, dachte ichs doch, daß ich dieses bleiche Gesicht roth färben würde. (Würklich fühlte ich, daß ich vor Wonne glühte.) Du kannst bis auf den Sonnabend in Grüningen bleiben, dann aber muß der Herr Pfarrer dich bis 44 auf den halben Weg zurükliefern, damit ich dich dort abholen kann, ohne länger als einen Tag von Hause weg zu bleiben. O, rief ich, das wird er sehr gern! Ich darf doch meiner Josephine diese Nachricht melden? – Warum nicht? Du kannst mir den Abend deinen Brief zustellen; ich will ihn fortschaffen. Mache nur, daß du gesund bleibst.

Das Haus war mir für meine Freude zu eng geworden; ich taumelte in den Garten, um diesen Augenblik in der Einsamkeit zu feiern. O, meine Freundin! ich hätte ihn am Fuße eines Altars feiern mögen. Ich hob meine Augen gen Himmel; die Mittagssonne sah so hell, so liebreich auf mich herab; kein Wölkchen trübte das Gewölbe des großen Tempels. Es war mir unaussprechlich wohl; ein Wort meines Vaters hat mich gesund gemacht. Noch kann ich seine Gefälligkeit nicht begreifen; sein ganzes Benehmen gegen mich ist anders, und ich weiß mir diese schleunige Veränderung blos durch den Eindruk zu erklären, den der plözliche Tod meiner Mutter auf ihn gemacht haben muß. Indessen spricht er nur selten, und immer in einem ziemlich gleichgültigen Tone, von ihr: vermuthlich aus Schonung gegen mich. Kurz, es scheint, er wolle mich auf einmal für alle mir zugefügte Leiden entschädigen. Demohngeachtet wage ichs nicht, diesen Brief durch seine Hände gehen zu lassen. Du wirst mit derselben Post einen andern erhalten, darin ich dir mit wenig 45 Worten meine Freude und den Tag meiner Abreise ankündige.

Noch fünfmal wird die Sonne untergehen, ehe sie den schönsten Tag meines Lebens beleuchtet. Ich zittere bei dem bloßen Gedanken, daß ein unvermuthetes Hinderniß . . . . . . doch, warum will ich mich selbst quälen? Nein! Jeder Tag, der mich noch von dir scheidet, soll mir der Vorabend eines Festes seyn, und wenn mein Herz wieder ängstlich klopfen will, so werde ich deinen Ring, dieses Siegel der Hoffnung und der Freundschaft, darauf drücken.

Deine

Agathe.

 
Fünfzehnter Brief.

Uebermorgen meine Josephine, bin ich in deinen Armen. Dieses mußt du zwar jezt wissen; allein wie könnte ich mir die Freude versagen, es dir zu wiederholen? Alles scheint meine Reise zu begünstigen: das Wetter ist herrlich, der Gäste sind wenig, und jeden Morgen erwache ich heiterer und stärker, weil ich aus einem Traume von meiner Josephine erwache.

Der gute, ehrliche Rothe! als ich ihm vorgestern meinen Brief brachte, bezeugte ich ihm mein Vergnügen, daß gerade er, durch seine Geschäfte veranlaßt, mein Begleiter werden soll. Er lächelte, und ich errieth, was der arglose, gerade Mann mir 46 sehr ungeschikt zu verhehlen trachtete. Endlich gestand er mir, daß er jezt eigentlich keine Geschäfte in Grüningen habe. Ich ließ es Ihren Vater glauben, fuhr er fort, weil ich mir die Freude, ein Paar so liebe Kinder, wie Sie und Jungfer Josephine, zusammen zu bringen, um kein Geld würde abkaufen lassen. – Ich faßte seine braune Hand, und drükte sie an mein Herz. O, ich hätte sie küssen mögen!

Mein Vater ist noch immer gut. Er will es nicht leiden, daß ich des Morgens früh aufstehe, um die Gäste abzufertigen. Heute sagte er sogar: wenn du bei mir bliebest, ich glaube, ich würde um deiner Gesundheit willen, die verdammte Wirthschaft aufgeben. Er sah mich dabei so scharf an, als hätte er in dem hintersten Grunde meiner Seele lesen wollen. Ich schwieg, und schlug die Augen nieder, aus Furcht, sie möchten mein Mißtrauen verrathen. Offenbar wollte er mich auf die Probe stellen; es muß ihn aber gereuet haben, denn gleich darauf sprach er von meiner Reise, und zog einen Dukaten aus der Börse. Hier hast du Zehrgeld, denn ich will nicht haben, daß Rothe etwas für dich auslege. Doch alles dieses kann ich dir ja mündlich erzählen. Nur noch zwei Nächte . . . . . .

Agathe. 47

 
Sechszehnter Brief.

Anstatt es noch einmal umsonst zu versuchen, den Wohlthätern meiner Seele meinen Dank zu stammeln, will ich dir, meine Schwester, die Geschichte meiner Rükreise erzählen. Auch deiner Mutter und dir ist die Veränderung nicht entgangen, die ich seit einiger Zeit in dem Betragen meines Vaters wahrnahm. Dieses kann dir allein meine Erzählung glaublich machen.

Kaum hatte ich meine theuren Begleiter aus dem Gesichte verloren, als ich, mit noch nassen Augen, mich an meinen Vater wandte, und ihm meinen Dank für die Freude wiederholte, die er mir verschafft hatte. Es wird nur auf dich ankommen, mein Kind, diese Freude noch mehr als einmal zu geniessen. – »Mein Kind;« so hatte er mich noch nie genannt. Mit gerührtem Herzen ergriff ich seine Hand, die den Zügel des Pferdes hielt, und drükte sie an meine Brust. Sprechen konnte ich nicht. Ich bin mit dir zufrieden, sagte er nach einer Weile, und habe keinen andern Wunsch, als dich glüklich zu machen. Gestehe mir aufrichtig, liebst du den Albrecht? Denke dir meine Verwirrung! – Ich hoffe ihn lieben zu können, antwortete ich leise. – Du hoffst es? Wenn du es nicht gewiß weißt, so ist es ein gewagter Handel. – Ich schwieg. Er schwieg auch, und schien, in Gedanken versenkt, mit sich selbst uneins zu seyn. Endlich überwand er sich; ich muß es 48 bekennen, sagte er, ich gieng in der Sache ein wenig rasch zu Werke; der verwünschte Pfaffe hatte mich überrumpelt. Ich glaube bei Gott! du stichst ihm eben so sehr ins Auge, als seinem Bruder. – Nach einer abermaligen Pause fuhr er fort: ich muß dir doch sagen, was mir in deiner Abwesenheit mit den Leuten begegnet ist. Gleich am Dienstage besuchten mich die beiden Brüder. Der Krämer hatte den Aufsaz des Ehekontrakts bei sich, und gab mir ihn zu lesen. Ein sauberer Wisch; er verlangte darin, daß ich dir die dreitausend Gulden, die ich in seinem Gewerbe habe, als dein mütterliches Eigenthum, zur Mitgift verschreiben sollte. Das verdroß mich; es war nicht an ihm, sondern an mir, deine Mitgift zu bestimmen. Zudem wußte er ja, daß mein ganzes Vermögen ein erworbenes Gut ist. Allein der schlaue Fuchs fürchtet, ich möchte wieder heirathen. Wir geriethen in einen heftigen Wortwechsel. Der Pfaffe nahm die Partei seines Bruders, und . . . . . Hier sah mein Vater mich an. Mein Herz pochte; mein Athem blieb zurük; mir war, als stünde ich vor einem Glüksrade, aus dem das verschlossene Loos meines Schiksals herausfiel. Ich weis nicht, was er in meiner Miene las. Kurz, Agathe, sprach er, ich lasse dir deinen freien Willen, allein ich zweifle, ob du mit Albrechten glüklich seyn werdest. Der Mensch ist sehr interessirt, und wenn er mein Schwiegersohn wird, so sehe ich voraus, daß ich manchen 49 Spuk mit ihm haben werde. Das Beste wäre, wir schikten ihm seinen Ring und seinen Ziz zurük, und machten dem Spiel ein Ende. Du bist noch wohl einer bessern Partie werth; was meinst du, mein Kind? Ich war auf der Folter; nicht die Stimme der Liebe, aber die des Gewissens hielt meine Antwort zurük. Ich war unschuldig am Eheverspruch; auch an der Lossagung wollte ich unschuldig seyn. Meiner Bestürzung ohngeachtet sah ich dennoch ein, daß mein Vater mehr um seinetwillen, als meines Glückes wegen, brechen wollte. Dieses bestimmte meine Antwort: es ist meine Pflicht, alles zu vermeiden, was meinem Vater Verdruß machen kann. – So recht! erwiederte er, indem er mir mit einer beinahe fürchterlichen Freude einen Kuß auf den Mund drükte. Morgenden Tages will ich den jungen Herrn abfertigen.

Wirklich hat er mir heute Albrechts Geschenke abgefodert, und sie, von einem Briefe begleitet, zurükgeschikt. Er wollte mir ihn zu lesen geben. Ich lehnte es ab, und er schien mit meiner Weigerung sehr zufrieden. Vielleicht hätte ich dennoch die Wahrheit nicht erfahren, denn ich bemerkte, daß er zwei Papiere vor sich liegen hatte, und das eine zerriß, als ich keine Lust bezeugte, den Inhalt seines Briefes zu wissen.

So wäre denn deine Agathe wieder frei; ob zu ihrem Glük oder Unglük? das weiß der Himmel. 50 In der That begreife ich nicht, warum dieser Vorgang, der mir vor dem Tode meiner Mutter einen Stein vom Herzen gewälzt hätte, mir jezt so ganz gleichgültig ist. Blos der Umstand, daß ich mir dabei nichts vorzuwerfen habe, verbreitet eine stille Zufriedenheit in meiner Seele.

Agathe.

 
Siebzehnter Brief.

Bald sollte ich glauben, daß meine Agathe zur Heldin eines Romans bestimmt ist; so rasch, so seltsam wechseln seit einiger Zeit die Scenen in ihrem bisher so einförmigen Leben. Freilich ist man mit achtzehn Jahren erst recht reif zu diesem großen Berufe, und wenn der Knoten sich nur glüklich löset, so kommt es auf ein Paar Abentheuer mehr oder weniger nicht an. Nur bitte ich mir die Ehre aus, eine Rolle darin zu spielen.

Aergere dich nicht, meine Freundin, daß ich die wichtige Begebenheit, die dein vorgestriger Brief mir berichtet, mit so heitern Augen ansehe. Wenn der Geiz die guten Eigenschaften Albrechts verdunkelt, so halten wir es für dein größtes Glük, daß deine Heirath sich zerschlagen hat. Ein geiziger Ehemann, besäße er auch alle Annehmlichkeiten des Geistes, müßte am Ende ein Tirann für meine Agathe werden, deren Herz keine größere Wollust kennet, 51 als die Wohlthätigkeit, die alle ihre Ersparnisse zu Unterstützung der Leidenden anwendet, und deswegen oft von ihrem Vater hart angelassen wurde. Da auch er das Geld liebt, so wundern wir uns nicht, daß eine Geldsache ihn mit deinem Freier entzweiet hat. Du selbst hast ganz richtig bemerkt, daß er bei der Zurüknahme seines Wortes mehr auf sich, als auf dich sah, und aus eben dem Grunde glaube ich nicht zu irren, wenn ich vermuthe, daß er dabei noch eine andere Spekulation hatte. Behält er dich bei sich, so erspart er sich eine Haushälterin, oder, deutlicher zu reden, eine Summe von fünfzig Thalern, die nun, so wie deine Mitgift, in seinem Kasten bleibt.

Meine Agathe kniete, wie Isaac, auf dem Opferheerde; ihr Vater, freilich kein Abraham, hatte das Messer gezukt, und eine höhere Hand entriß es ihm, indeß er es von freien Stücken wegzuwerfen glaubte.

Ich schliesse, liebes Mädchen, mit der dringenden Ermahnung deiner Pflege-Eltern, daß du doch ja dein ängstliches Wesen und dein Mistrauen vor deinem Vater verbergen sollst, um ihm keinen Anlaß zu geben, sein Benehmen gegen dich zu ändern. Wende alles an, ihn bei guter Laune zu erhalten. Er müßte ein Unhold seyn, wenn er den Liebkosungen meiner Agathe widerstehen könnte. Gruß und Kuß von uns Allen.

Josephine. 52

 
Achtzehnter Brief.

Wir haben alle Beide meinem Vater Unrecht gethan, liebste Josephine, als wir glaubten, daß er aus Eigennuz die ihm angetragene Haushälterin ausgeschlagen habe, und ich halte es für Pflicht, dir deinen Irrthum zu benehmen. Gestern hatten wir den ganzen Tag eine Menge Gäste; mein Vater schien mit Vergnügen die Emsigkeit zu betrachten, womit ich alle zu befriedigen suchte. Als das Haus leer, und er eines Geschäftes halber ausgegangen war, warf ich mich, von der Tagarbeit ermüdet, in seinen Sessel, und schlummerte ein. Das Geräusch, das er bei seiner Rükkunft machte, wekte mich auf, und ich sprang erschrocken aus dem Stuhle.

Bleib, bleib, mein Kind, sagte er, indem er zu mir trat, und mir freundlich die Wangen streichelte. Du darfst nach einem solchen Tage wohl ausruhen. Es gieng heute ein Bischen zu arg her, und ich habe dich bedauert. Aber nur Geduld! du sollst nicht immer so geplagt seyn, ich will dir mit mir bessere Tage verschaffen. Es ist in der Nachbarschaft ein hübscher Hof feil, auf den ich ein Auge habe, und wenn ich das Wirthshaus nicht verkaufen kann, so will ichs verpachten. Dem Albrecht habe ich mein Kapital aufgekündigt, dieses muß mir den Hof bezahlen helfen. Dann, Agathe, wirst du deiner Ruhe pflegen können; du bist meine einzige Erbin, und es wird dir nicht darauf ankommen, einst 53 ein Paar hundert Gulden mehr oder weniger zu haben.

O, gewiß nicht, lieber Vater, sagte ich, und zum erstenmal in meinem Leben küßte ich seine Hand, die auf meiner Schulter ruhte. Einfältiges Mädel, so mußt du es machen, rief er, und gab mir einen Kuß auf die Wange, den ich, aber freilich nicht so derb erwiederte. Warum wird mir doch bange, wenn er mich küßt! Aus seiner Rede sollte ich schliessen, daß seine Absicht nicht ist, wieder zu heirathen. Der Himmel erhalte ihn bei diesen Gesinnungen! Der bloße Gedanke an eine Stiefmutter verursacht mir Herzklopfen.

Diesen Morgen nach dem Frühstük öfnete er seinen Schrank, und langte einen Sack heraus, der in Papier gewickelt war. Er übergab ihn mir mit den Worten: es ist billig, Agathe, daß ich dir das Geschenk ersetze, das du dem Albrecht zurükgegeben hast. – Ich war ganz betreten. Nun, so mach es denn auf, und sieh, ob es dir gefällt. – Es war ein sehr schöner Ziz; eben so fein, aber würklich weit geschmakvoller, als jener. Diese Galanterie ist das Unbegreiflichste unter dem Unbegreiflichen, das mir seit einigen Wochen widerfährt. Der Mann ist umgewandelt; kein böses Wort, keine saure Miene, und, was nicht weniger auffallend ist, seit meiner Rükkunft von Grüningen hat er sich kein einzigesmal im Wein übernommen.

54 Wie glüklich werde ich seyn, wenn es immer so fort geht! Ich thue, was ich kann, um dem Rathe meiner Pflege-Eltern zu folgen. Die Schüchternheit, die mein Herz von ihm zurükdrängt, ist freilich sein eigenes Werk; indessen suche ich ihm bei jeder Gelegenheit meine Dankbarkeit zu zeigen, bis es mir gelingt, die geheime Gewalt zu besiegen, die mich abhält, ihm mit Zärtlichkeit zu begegnen.

Ich muß abbrechen, meine Schwester. Er ist aufgestanden, und darf weniger als jemals unsern verborgenen Briefwechsel argwohnen. Mit künftiger Post werde ich dir, ohne die gewöhnliche Vorsicht, einige Zeilen schreiben, dich um ein Buch zu bitten.

Agathe.

 
Neunzehnter Brief.

Wenn du, liebste Freundin, zugleich mit diesem Briefe einen andern erhältst, darin ich dir, oder eigentlich deinem Vater, sage, daß ich dir das Buch bald selber zu überbringen hoffe, so glaube ja nicht, daß ich scherze oder fasle. Es ist mein baarer, lauterer Ernst. Künftigen Freitag wird deine Josephine, von ihrem Bruder begleitet, dich in ihre Arme schliessen.

Da eine Abtheilung der kaiserlichen Armee D . . . . . . n und die Gegend von Schönfeld besetzen wird, so hat unser Fürst ihm befohlen, sich 55 ohnverzüglich an seinen neuen Posten zu begeben. Würklich ist der gute Bruder bei uns, und freut sich beinahe so sehr, als ich auf den Tag unserer Zusammenkunft. Schade, daß wir in Sundheim blos übernachten können. Ich denke, auch wenn kein Schild über eurem Thore hienge, so würde dein Vater, der am Ende wohl gar liebenswürdig werden wird, uns nicht abweisen. Indessen hielt ich es nicht für überflüssig, ihn auf meine Erscheinung vorzubereiten, damit meine Agathe nicht nöthig habe, ihm ihre Freude zu verbergen. Meines Bruders erwähnte ich mit keinem Worte. Ich will das Vergnügen haben, die großen Augen zu sehen, womit dein Vater den stattlichen Herrn Amtmann, den er nur als Knabe kannte, anstaunen wird.

Alles, was ich dir auf dein Leztes zu antworten hätte, verspare ich auf unsere mündliche Unterredung. Mache dich nur auf eine schlaflose Nacht gefaßt. Es versteht sich, daß ich kein anderes Bett, als das deinige haben werde.

Josephine.

 
Zwanzigster Brief.

Unmöglich, meine Agathe, kann ich unsern Fuhrmann zurükreisen lassen, ohne ihm ein Paar flüchtige Zeilen an dich mitzugeben. Unsere Reise war sehr angenehm; wie konnte sie es nicht seyn, da wir uns am Nachgenusse des schönen Abends 56 labten, den wir an der Seite meiner Agathe zugebracht hatten? Ich sage: wir; denn mein guter Karl theilte alle meine Gefühle; er kennt den Werth meiner Freundin, und nicht aus meinen Erzählungen, sondern aus ihren eigenen Briefen lernte er ihn kennen,

Du wirst doch nicht zürnen, meine Agathe, daß ich ihm, dem besten Bruder, bei seinem Aufenthalt in Grüningen, deine Briefe zu lesen gab? Die Klugheit und die Sorge für seine Ruhe würden mir diese Mittheilung verboten haben, wenn die junge Heldin, deren Kämpfe und Siege sie schildern, deren reine, zarte Gefühle sie enthüllen, damals noch Braut gewesen wäre. Nun aber konnte mich nichts abhalten, dem Drange meines Herzens zu folgen, und ich bereue es nicht, ihm gefolgt zu haben.

Noch ist es nicht Zeit, dir meinen Lieblingsplan zu offenbaren, allein der Wunsch, von dir bevollmächtigt zu seyn, in der Stille an deinem Glücke zu arbeiten, diesen heißen, schwesterlichen Wunsch darf ich dir nicht verbergen. Seine Erfüllung soll dir keinen Kampf, und deinem Vater keine Mitgift kosten. Wenn wir erst hier einheimisch geworden sind, und auf etwas anders, als auf die Einrichtung unserer Wirthschaft, denken können, dann, meine Freundin! will ich den jezt abgebrochenen Faden wieder aufnehmen.

Das hiesige Amthaus ist vortreflich gelegen; es 57 steht auf einer Anhöhe, die, als wir uns ihr näherten, eben von den schrägen Strahlen der Abendsonne beleuchtet wurde. Die Thränen traten mir in die Augen, als ich das ehrwürdige, gothische Gebäude in seiner feierlichen Majestät zwischen den hohen Linden hervorragen sah, die es wie eine Leibwache umzingeln. Der Schulze und die ganze Gemeinde empfiengen uns am Eingange des schönen Dorfes, und ein Paar weißgekleidete, niedliche Bauermädchen überreichten dem Herrn Amtmann und seiner Schwester beim Aussteigen einen Blumenstraus. Noch sind wir frei von Einquartierungen, allein morgen oder übermorgen sollen die Vorposten eintreffen. Ich wollte dir nur ein Billet schreiben, meine Agathe, und siehe da! es ist eine Epistel daraus geworden. Ich will dem Fuhrmann einschärfen, daß er sie bei unserem braven Rothe abgeben soll. An deinen Vater trage ich ihm unsere Grüße auf. Ein Paar Runzeln ausgenommen, die bei Tische von Zeit zu Zeit seine Stirne umwölkten, war ich ganz wohl mit seinem Gesichte zufrieden.

Lebe wohl, meine Schwester! ich drücke dich an mein Herz, und mein Bruder küßt dir . . . . . die Hände, meint er, soll ich sagen, und ich sage: die Wange, diese lichte Atlaswange, die so schön erröthete, wenn ers wagte, dich anzublicken. Er wollte meinen Brief lesen, allein das darf nicht seyn.

Josephine. 58

 
Einundzwanzigster Brief.

Ich schreibe dir, liebe Josephine, mit blutendem Herzen. Euer Fuhrmann sollte mir einen Brief von dir zustellen, und den hat mein Vater aufgefangen. Er und ich waren in der Stube, als der Mensch ankam. Er richtete eure Grüße ans, und während ich ihn ausfragte, gab er mir einen Wink, den mein Vater bemerkt haben muß. Als er seine Pferde versorgt hatte, fragte er Marianen nach Rothens Wohnung. Das Mädchen zeigte sie ihm unter unserer Hausthür. Er gieng hin, kam aber nach einigen Minuten wieder. Es fieng schon an zu dämmern.

Kaum war er zurük, so verließ mein Vater die Stube; diesen Augenblik benuzte der Fuhrmann, um mir zu sagen, daß er Rothens kleiner Tochter einen Brief für mich zugestellt habe. Ihn selber traf er nicht an, Nach einer Weile kam auch mein Vater wieder in die Stube, und ließ dem Menschen etwas zu essen bringen. Indem er aß, erzählte er uns, mit der Theilnahme eines guten Herzens, wie freudig der Herr Amtmann von den Schönfeldern empfangen worden. Nach einem Stündchen gieng der Mann zu Bette, und verreiste diesen Morgen mit dem Tage. Mein Vater hatte mir verboten, aufzustehen, und Marianen befohlen, ihm sein Morgenbrod zu geben.

Da er den ganzen Vormittag zu Hause blieb, so 59 konnte ich nicht zu Rothe gehen; nach Tische aber, da mein Vater mit einem Fremden im Gespräche war, schlich ich mich davon. Der gute Rothe erblaßte, als er mich erblikte. – Ich kann wahrlich nichts dafür, sagte er. Kaum hatte das Mädchen den Brief empfangen, so kam Ihr Vater, und forderte ihn, in Ihrem Namen, ab. Das Unglük war, daß ich gerade nicht daheim seyn mußte.

Wie könnte ich dir beschreiben, was in mir vorgieng! Mir war, als ob eine unsichtbare Hand mir die Augen öfnete. Mein Vater erschien mir wieder in seiner vormaligen furchtbaren Gestalt; meine aufkeimende Liebe, mein erwachtes Vertrauen gegen ihn, waren verschwunden, und was meine Marter vollkommen macht, ist die Gewalt, die ich von nun an mir anthun muß, um ihm mein Inneres zu verbergen. Als ich wieder herunter kam, fand ich ihn finster und nachdenkend; bald aber zwang er sich eben so sehr, als ich mich zwingen mußte; und er that den ganzen Abend freundlich.

Ich habe das Herz nicht, meinen Brief selber zu bestellen. Mariane, der ich trauen darf, soll ihn morgen früh, ehe mein Vater aufsteht, zu Rothe hintragen. Gütiger Gott! wo wird es mit mir hinkommen, wenn mir mein einziger Trost, meine einzige Stütze, der Rath meiner Freundin, entrissen wird.

Agathe. 60

 
Zweiundzwanzigster Brief.

So eben, meine Josephine, kam Mariane vor mein Bett, um mir zu sagen, daß mein Brief besorgt sey. Sie hat mir die heiligste Treue geschworen, die ich nicht unbelohnt lassen werde, und da man aus unserm Hause alles sehen kann, was bei Rothe aus- und eingeht, so soll sie zu ihren Bestellungen immer die Zeit wählen, wo mein Vater nicht bei der Hand ist. So wäre ich nun, wegen unsers Briefwechsels, wieder ruhig, und, um es noch mehr zu seyn, will ich dir seltener, aber desto längere Briefe, in Form eines Tagebuchs, schreiben. Zu einigen Zeilen finde ich immer des Morgens früh ein Viertelstündchen, ohne daß ich fürchten darf, von meinem Vater belauscht zu werden.

So viel für heute.

Dienstag den 12ten.

Allmächtiger, gieb mir Kraft! Ach, meine Josephine! warum bist du nicht bei mir?

Deine Agathe ist nichts mehr; nichts! Das Kind, das an der Hand seiner Mutter vor deiner Thüre ein Allmosen bettelt, ist mehr, als sie; unglüklicher ist sie, als sie für möglich hielt, es werden zu können, und dennoch will man sie noch unglüklicher, noch weit unglüklicher machen. Aber dieses soll nicht, dieses wird nicht geschehen. Nicht wahr, Josephine, es wird nicht geschehen? Die Vorsehung kann nicht wollen, daß ich an ihr 61 verzweifle; wenn sie mir keinen Ausweg über der Erde bahnt, so wird sie mir einen unter der Erde bahnen.

Vergieb mir! du weißt ja noch nichts, und ich rede mit dir, als wüßtest du Alles. Ich muß mich wieder auf mein Bette werfen, nein, besser auf meine Knie . . . . .

Dieses Mittel hat mich gestärkt: ich kann die Feder halten. Ich kann dir schreiben, ohne zu fürchten, von ihm überrascht zu werden. Von ihm . . . . . Welchen Namen soll ich hinfort ihm geben?

Freundlicher als noch nie, war er diesen ganzen Morgen. Er leitete ein Gespräch ein, über die zerschlagene Verbindung mit Albrecht, über Aussichten, die ich dennoch hätte. Ich will Alles thun, sagte er, um dich glüklich zu machen, denn ich habe dich lieb, weit lieber, als du glaubst. – Er gab mir einen Kuß: allein wieder küssen konnte ich ihn nicht. Der geraubte Brief lag wie eine eherne Scheidewand zwischen ihm und mir.

Er schien über meine Kälte etwas betroffen, aber schnell nahm er sich zusammen, faßte mich bei der Hand, und führte mich in die Nebenkammer. Ich folgte ihm mechanisch. – Setze dich, Agathe, ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen. Er sezte sich neben mich, und faßte meine Hand von Neuem. Sie zitterte; ich glaubte, er wolle von unserm Briefwechsel mit mir sprechen. Du bist schon lange kein 62 Kind mehr, sagte er; allein eher als jezt fand ich es nicht nöthig, dir zu sagen, daß du meine Tochter nicht bist.

Ich starrte ihn an, wie ein Blindgeborner, der zum erstenmal Menschen sieht. Hätte ein Wort mir das Leben retten sollen, ich hätte es nicht über die Lippen bringen können. – Du zweifelst, fuhr er fort, ich will dir alle deine Zweifel benehmen. – Gott! war alles, was ich sagen konnte, aber ein Thränenstrom überschwemmte mein Gesicht. Wärest du meine Tochter, fuhr er fort, so könnte ich dich nicht heirathen, und das will ich. Zu einem reichen, glüklichen Weibe will ich dich machen. – Ich erstarrte; ich war nicht ohnmächtig, aber alle meine Pulse standen still. – Fasse dich, mein Kind, du siehst ja, daß ichs gut mit dir meyne. Vielleicht hätte ich dir dein Geheimniß auf immer verborgen, wenn der Tod meiner Frau mir nicht die Freiheit gegeben hätte, dir mehr als Vater zu werden.

Ich schwieg; er schwieg auch, und sah mir mit flammenden Blicken ins Gesicht. Ich suchte mich zitternd von ihm loszumachen. Was zitterst du? sagte er lachend. Es hat wohl eher ein achtzehnjähriges Mädchen einen Achtundvierziger geheirathet, und sich wohl dabei befunden.

Plözlich gieng mir ein Licht auf; ich glaubte mich schon halb gerettet. Wo sind meine Eltern? rief ich. Ich will zu meinen Eltern; ihnen allein gehöre ich 63 an; sie allein haben über mich zu gebieten. – Die mußt du in der andern Welt suchen, antwortete er höhnisch; deine Mutter starb in Italien im Hospital, und dein Vater . . . . . im Kriege. Doch, wenn er auch noch lebte, so wäre er dennoch todt für dich; er hat deine Mutter verführt und verlassen.

Hier verlor ich die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich mein Gesicht und meine Brust mit kaltem Wasser überschwemmt, er stand vor mir und schien äusserst unruhig. Komm, ich will dich auf dein Stübchen führen. Lege dich zu Bette, liebes Kind, und halte reinen Mund. Kein Mensch darf wissen, was unter uns vorgegangen ist. – Er faßte mich unter den Armen, und brachte mich halbschwebend die Treppe hinauf. Ich warf mich angekleidet auf mein Bett, und er verließ mich mit den Worten: schlafe ein Stündchen und überlege dann, was ich dir gesagt habe. Wenn du vernünftig bist, so wirst du keine lange Bedenkzeit brauchen.

Ich lag einige Stunden, in denen ich mein ganzes Elend empfand, aber ohne Gedanken finden zu können. Jezt öfnete man leise meine Thüre; er war es. Ich stellte mich schlafend; er blieb einige Augenblicke vor mir stehen, und schlich sich dann wieder davon. Dieser Besuch ließ mich die Gefahr einsehen, die ich laufen würde, wenn ich meine Stube nicht verschlösse. Indem ich sie verschloß, fiel mein Ring mir ins Auge. Er rief mir das Bild meiner 64 Josephine vor die Seele, und ich versuchte es, dir zu schreiben!

Mittwochs den 13ten.

Den ganzen übrigen Tag ließ man mich ruhig; einmal nur kam man an meine Thüre, und horchte. Als es anfieng zu dämmern, gieng ich hinunter, weil ich einen Wagen mit Fremden in den Hof fahren sah. Er begegnete mir ganz unbefangen, als ob gar nichts vorgegangen wäre. Ich machte meine Geschäfte, so gut ich konnte, allein aus meiner Leichenfarbe muß er geschlossen haben, daß ich mich nicht wohl befände. Er schikte mich zeitig zu Bette; ich brachte die halbe Nacht wachend zu. Alle Schrekbilder meiner Lage schwebten mir vor Augen. Beschliessen konnte ich nichts, als was ich in der ersten Sekunde beschlossen hatte: Lieber zu sterben, als . . . . . Ich konnte den schauderhaften Gedanken nicht ausdenken, aber beten konnte ich, beten, wie ich noch nie gebetet habe. Ich ward ruhiger, und sank in einen sanften Schlummer.

Da erschien mir eine weibliche Gestalt, in ein weisses Gewand, wie in eine lichte Schneewolke, gehüllt; sie trat zu mir; lächelte mit der Huld eines Engels mich an, und flüsterte mir ganz deutlich die Worte zu: sey standhaft! du bist keine Waise. – Mutter! rief ich, und stürzte ihr entgegen. Ich umfaßte einen Schatten, und erwachte.

65 Was war das, meine Josephine? Ich will mich nicht täuschen; gewiß ist, daß ich schlief. Aber können uns denn die Vollendeten nicht auch im Traume erscheinen? Ich nannte sie Mutter, und gleichwohl hatte sie nicht einen Zug von der Verstorbenen, die ich für meine Mutter hielt. O, wahrlich, Josephine! es war der Geist der Unglüklichen, die mir das Leben gab. Sie wurde herabgesandt, ihr trostloses Kind zu trösten, und sie hat es getröstet. »Du bist keine Waise!« Dieses Wort, im Namen des Allmächtigen gesprochen, bewaffnet mich mit unerschütterlichem Muth. Ich fürchte nichts mehr; nichts, gar nichts! du sollst es gleich hören.

Die Fremden verreisten ziemlich spät. Ich half sie abfertigen. Nun war ich mit ihm allein. Ich saß auf eben der Stelle, wo ich gestern Todesangst litt. – Nun, mein Kind, hast du über meine Eröfnung nachgedacht? ich habe dir einen ganzen Abend Zeit dazu gelassen.

Ich erwiederte gefaßt: vor allen Dingen muß ich wissen, wer ich bin. – Diese Antwort verstand er unrecht. Meine Absicht war, ihm einen nähern Aufschluß über meine Geburt abzulocken. Er meinte, daß ich seiner Aussage mistraute – Denkst du denn, rief er, ich hätte Lust, mir den Kopf abschlagen zu lassen? Und das würde mir geschehen, wenn ich nicht sonnenklar beweisen könnte, daß du meine Tochter nicht bist, dafür laß mich sorgen. Am Tage vor 66 unserm Aufgebot, aber eher nicht, sollst du Alles erfahren; das schwöre ich dir.

Und ich schwöre, daß der Mann, den ich bisher für meinen Vater hielt, stets die Gesinnungen eines dankbaren Kindes bei mir finden, aber nie, nie mein Gatte werden soll. Ich hatte mich aufgerichtet, indem ich diese Worte sprach, und ich sprach sie mit ernster, feierlicher Stimme, denn in diesem Augenblicke glaubte ich die weisse Traumgestalt wieder vor mir zu sehen.

Der Mann stuzte; diesen Muth hatte er nicht erwartet; er faßte sich aber bald. Aus was für einem Buche hast du den Spruch gelernt? Ich will dich nicht beim Wort nehmen. Ob es dir gleich nicht schwer fallen sollte, zu wählen, ob du mein Weib oder eine Bettlerin seyn willst, so will ich dir doch noch zwei Tage Bedenkzeit lassen; alsdann aber muß ich wissen, woran ich bin.

Ich wollte ihn, durch meine wiederholte Weigerung, jezt nicht erbittern, und verließ ihn, ohne zu antworten. In mein Stübchen verschlossen, versuchte ich meinen Brief fortzusetzen. Vieles wirst du nur errathen müssen, doch, du wirst alle Zeit dazu haben. Wer weiß, wann ich dir wieder schreiben werde!

Um Mitternacht.

Mein Entschluß ist gefaßt: ich werde mich den ganzen Tag krank stellen, und in der künftigen Nacht entfliehen. Wohin? – wohin anders, als nach 67 Grüningen, zu meinen Pflege-Eltern? Diese müssen mir rathen, und meine fernern Schritte leiten. Wenn mein Verfolger erwacht, bin ich schon weit von hier, und brauche keine zwei Tage, um meine Freistätte zu erreichen.

Donnerstags den 14ten Abends.

Meine List ist gelungen. Ich blieb diesen Morgen im Bette, und trug Marianen auf, ihm zu sagen, daß ich nicht hinunter kommen könne, weil mir nicht wohl sey, O, ich log nicht! Ich hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Nach einer Stunde kam er zu mir, und, es sey nun Mistrauen oder Sorgsamkeit, er brachte den Wundarzt mit. Die Angst über diese Erscheinung muß auf meinen Puls gewirkt haben, denn der Chirurgus fand ihn schwach und fieberhaft; er verordnete mir Limonade, und kündigte mir auf Morgen einen Mannatrank an. Ich hoffe, sagte ich, daß ich ihn nicht brauchen werde.

Mariane bekam Befehl, bei mir zu wachen. Ein neuer Schrecken. Ich behielt sie bis nach Mitternacht bei mir, dann schikte ich sie zu Bette. Es bleibt mir eben noch Zeit, mein Tagebuch zu schliessen, das ich auf die nächste Post legen werde.

Ich bin reisefertig. Meine Brieftasche und mein lieber, schöner Kempis ist alles, was ich mit mir forttrage. Der Wächter ruft zwei Uhr; dieses ist meine Stunde. Wo bist du, Engel meines Traumes? Gehe du mir voran in deiner Wolkensäule.

68 Lebe wohl, meine Schwester! Bete, o bete, für deine Agathe!

 
Dreiundzwanzigster Brief.

Sey mir gegrüßt, meine Agathe, im Asyl der Freundschaft! Vor einer Stunde erhielten wir dein Tagebuch, das uns eben so viele Schauer als Thränen auspreßte. Kein Wort weiter von seinem Inhalt! Ferne sey es von mir, durch einen Rükblik auf die schreklichen Bilder, den Frieden zu stören, den du in den Armen deiner Pflege-Eltern gefunden haben wirst. Meiner Rechnung nach mußt du gestern Abends bei ihnen angelangt seyn.

Heute bereuete ich es zum erstenmal, daß ich Grüningen verlassen habe; doch wir werden nicht immer getrennt seyn. Sind wir nur erst der lästigen Einquartierung los, so muß, so will mein guter Karl mich in deine Arme führen. O, wärest du doch zu uns geflohen! auch hier hättest du Schuz und Rath gefunden. Doch ich fühle, ich ehre die Gründe, die dich anders bestimmt haben. Du wolltest deinem Verfolger auch nicht den entferntesten Anlaß zur Verläumdung geben.

Ich vergaß dir zu sagen, daß auch dein vorlezter Brief mir richtig zugekommen ist. Vielleicht ist der meinige, den der Nichtswürdige auffieng, schuld, daß er die Maske um einige Tage früher abnahm. Einige Ausdrücke desselben mußten ihn einen Plan 69 argwöhnen lassen, der den seinigen durchkreuzte. Schon in der Todesstunde seiner Gattin mag er dich zu ihrer Nachfolgerin bestimmt haben. Darum hinderte er sie, ihr leztes Wort mit dir zu sprechen, das vielleicht eine Offenbarung gewesen wäre; darum wollte er dich so hartnäckig von ihrem Sterbebett entfernen; darum zerriß er die Heirath mit Albrechten; darum spielte er den Freundlichen, den Gefälligen, den Freigebigen.

Freue dich, meine Schwester, daß du den Elenden nicht mehr Vater nennen darfst. Denn wärest du auch seine Tochter geblieben, so würde Unglük dein Loos gewesen seyn; er würde dich dem Wenigst-Bietenden verkauft haben. So bist du zwar eine Waise, aber frei, und wer meine Agathe nicht ohne Mitgift heirathen will, der ist ihrer nicht werth.

Ich werde jede Minute zählen, bis ich das Blatt erhalte, das mir deine Ankunft in Grüningen ankündigt. Ganz und ewig deine

Josephine.

 
Vierundzwanzigster Brief.

Den 15ten.

»Du bist keine Waise!« sagte die Erscheinung, und sagte wahr. Kein Bild meiner Phantasie, auch kein Schatten aus dem Todtenreiche war es; nein, meine Josephine! es war meine Mutter, meine wahre Mutter. Sie lebt, ich habe sie gefunden, und 70 welche Mutter! meine Freundin, welche Mutter! und in welchem Augenblicke fand ich sie! O, ich bin seit gestern das Glüklichste unter den Geschöpfen des Allbeglückers! So bald ich meinen Gedanken und Gefühlen Worte geben kann, sollst du Alles erfahren. Jezt nur dieses Blättchen, um dich über mein Schiksal zu beruhigen. Lebe wohl, meine Schwester, und wie du deine Agathe geliebt hast, so liebe hinfort deine Leopoldine. Meine Adresse ist: bei Madam Lindner in Thalheim.

 
Fünfundzwanzigster Brief.

Unmöglich, meine Freundin, kann deine Ungeduld, die Wunder meiner Verwandlung zu erfahren, größer seyn, als die meinige, sie dir zu erzählen. Allein eher als heute konnte ichs nicht versuchen. Schon zweimal sezte ich die Feder an, und sprang wieder von meinem Stuhl auf in die Arme der Göttlichen! O, meine Freundin! welche Wollust ist es, am Herzen einer Mutter zu ruhen, und ihre Freudenthränen aufzuküssen! Ich muß mich oft in ihre Arme werfen, um mich zu überzeugen, daß ich wache.

Guter Gott! hätte ich mein Glük ahnen können, als ich mit klopfendem Herzen verwichenen Freitag mein Stübchen verließ, um meinem Verfolger zu entfliehen. Ich erbebte vor meinem eigenen Fußtritt. Als ich an der Küche vorbei schlich, hörte ich das 71 Girren eines Heimchens, und glaubte mich verrathen. Ich flog über den Hof. Sultan stürmte bellend auf mich zu. Ich nannte ihn leise bei seinem Namen, und er erkannte mich. Er machte mir seine gewöhnlichen Liebkosungen; ich reichte ihm das Brod hin, das ich zu mir gestekt hatte; er nahm es nicht an, und lekte mir die Hand. Ich weinte. Warum sollte ich mich schämen, es dir zu sagen? Ich küßte das gute Thier, das mich meiner Reisezehrung nicht berauben wollte. Er begleitete mich bis an die Hinterthüre des Gartens, und ich entschlüpfte glüklich auf den Fußpfad, der nach der Straße führt. Es war mondhell; ich eilte, was ich konnte, um vor dem Anbruche des Tages einen Vorsprung von einigen Stunden zu gewinnen. Jedes Lüftchen, das in den Bäumen rauschte, oder die vollen Aehren hin und her wiegte, beflügelte meine Schritte. Es fieng an zu tagen, als ich den Wald erreichte, der mir den Kirchthurm von Sundheim aus den Augen rükte.

Gleich, als ob ich nun selber unsichtbar geworden wäre, gieng ich unbesorgter und langsamer meine Straße, und ergözte mich am Morgengesange der Vögel, der mir von allen Bäumen entgegen schallte. Doch bald ward ich in meinem Vergnügen gestört; ich sah von weitem einen Karren mir entgegen kommen, auf dem eine Weibsperson saß. Ich drükte meinen Strohhut tief in die Augen, und sezte meinen Weg fort. Kaum war ich hundert Schritte 72 weiter, so rief das Weib von dem Karren mir zu: Ei, sieh da! Jungfer Agathe! wohin so früh? – Schaudernd erkannte ich die Stimme unserer Köhlerin. Ich war entdekt, und konnte ihr nicht mehr ausweichen. Ich stand einen Augenblik still, um Muth zu sammeln. Indessen kam sie näher. Ich gieng frisch auf sie zu, und bot ihr einen guten Morgen. Sie wiederholte ihre Frage. Ich habe, erwiederte ich, ein Geschäft im nächsten Dorfe. – O, da hat Sie noch eine gute Stunde zu gehen. Es ist doch nicht hübsch von Ihrem Vater, daß er Sie so allein und zu Fusse reisen laßt. Weiß Sie nicht, braucht er Kohlen? – Ich glaube es nicht, war meine Antwort. – Ich will im Vorbeigehen anfragen, sagte sie, und verfolgte ihre Straße.

Nun war ich verrathen. In drei bis vier Stunden konnte er mich einholen. Bisher hatte ich gehofft, daß er mich eher auf dem Wege nach Schönfeld aufsuchen würde. Ich lief, was ich konnte, um das Dorf zu erreichen, wo ich ein Fuhrwerk zu miethen gedachte. Ein kalter Angstschweiß rieselte mir von der Stirne. Nach einer halben Stunde war ich von Schrecken und Müdigkeit so erschöpft, daß ich mich am Ausgang des Waldes unter einen Baum niederwarf, und mein Brod hervor langte. Als ich es verzehrt hatte, versuchte ich mehrmals, mich aufzurichten. Es war mir unmöglich. Ich hob meine Hände gen Himmel, und zerfloß in Thränen. 73 Wie lange ich in diesem peinlichen Zustande hinbrütete, weiß ich nicht. Jede Minute schien mir eine Stunde. Endlich ward ich durch einen heranrollenden Wagen aus meiner Betäubung aufgeschrekt. So wenig es möglich war, so glaubte ich dennoch, es sey mein Verfolger. Ich kroch hinter einen Busch, und befahl mich dem Allmächtigen.

Jezt fuhr der Wagen vorüber. Es war eine leere Postkalesche. Halt! halt! rief ich dem Postillon zu, indem ich mich mit meiner lezten Kraft aufrecht hob. Der Mensch hielt still; ich taumelte zu ihm hin, und bot ihm einen Gulden an, wenn er mich aufnehmen wollte. Ich dachte nicht einmal daran, ihn zu fragen, wo sein Weg hingienge. Meinetwegen! sagte er, und half mir einsteigen. Er fuhr so wacker zu, als ob er gewußt hätte, daß eine Flüchtige ihm ihr Schiksal anvertraute. Ich hielt mich für gerettet. Mein Herz zerschmolz im süßesten Dankgefühl gegen die Vorsehung.

Wo wollen Sie denn hin? fragte endlich der Postillon, der sich bisher einigemal schweigend nach mir umgesehen hatte. – Nach Grüningen. – Nun so können Sie immer eine Meile, bis an die Wegscheide, mit mir fahren. – Gut! mein Freund! Ich bezahlte ihn voraus, und knüpfte von Zeit zu Zeit ein kleines Gespräch mit ihm an. So erfuhr ich, daß noch denselben Abend die Briefpost nach D . . . n bei seiner Station vorbei kommen würde. Ich empfahl 74 ihm mein Tagebuch, und begleitete es mit einem so guten Trinkgelde, daß ich an der richtigen Bestellung nicht zweifeln darf.

Ich hatte nun wieder Kräfte gesammelt, und setzte meine Wanderung leichten Fusses fort. Mein Vorsaz war, im Flecken Thalheim meinen aufgewachten Hunger zu stillen. Schon hatte ich den Ort im Gesichte, als ein entferntes Getöse mich bewog, zurük zu sehen. Ich erblikte ein Kariol, das mit der Schnelligkeit des Blitzes heran jagte. Eine fürchterliche Ahnung beschleunigte meine Schritte. Ich sah mich noch einmal um, und erkannte meinen Verfolger, der mit wüthender Gewalt auf seine Pferde lospeitschte. Ich war noch fünfzig Schritte von einem Hause, das in einer kleinen Entfernung von dem Flecken liegt. Ich flog voll Verzweiflung darauf zu, und klopfte mit lautem Geschrei mächtig an die Thüre. Das Karriol hatte das Haus erreicht, als die Thüre aufgieng, und eine Gestalt in weisser Kleidung vor mir stand. Kaum erblikte sie mein Verfolger, der eben aus dem Karriol springen wollte, so warf er sich auf seinen Siz zurük, lenkte um, und jagte spornstreichs davon.

Ich lag zu den Füssen meiner Retterin, und hielt ihre Knie umklammert. Stehen Sie auf, mein Kind, sagte sie mit sanfter, mitleidiger Stimme, indem sie mich aufrichtete. Ich sank in ihre Arme. Sie führte mich in ein nahgelegenes Zimmer, auf ein 75 Kanape. Ich sank in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam, sah ich sie vor mir stehen: ihr Gesicht war blendend weiß, ohne einige Farbe; unaussprechliche Güte strahlte aus ihrem Blicke. So erscheint der Engel des Friedens am Sterbebette des Gerechten. Eine Magd brachte eine Brühe, die sie ihr abnahm, und mir darreichte. Ich fühlte mich gestärkt, und der erste Gebrauch meiner Stärke war, daß ich mich ihr noch einmal zu Füssen warf: O, Sie! wie soll ich Sie nennen? Abgeordnete des Himmels! rief ich: Sie haben mir mehr als mein Leben gerettet. – Sie faßte mich in ihre Arme, und sezte sich neben mich. – Beruhigen Sie sich, liebes Kind, sagte sie; und erst, wenn Sie es ohne Gemüthserschütterung thun können, erzählen Sie mir von Ihrem Schiksal, was ich wissen darf. Ich lasse Sie nicht von mir, bis Sie sich gänzlich erholt haben. – Ich nahm, oder vielmehr ich stahl ihre Hände, und bedekte sie mit Küssen und Thränen. Ich konnte nicht sprechen, aber ich erhob meine Seele in der Stille zu dem, der mir seinen Engel gesandt hatte.

Sie überließ mich meinen Gefühlen. Aber von Zeit zu Zeit heftete sie einen seelenvollen Blik auf mich, der mein Innerstes durchdrang, und ich bemerkte, daß sie dann einen aufsteigenden Seufzer unterdrükte. Indessen ward es Mittag. Ich mußte mich mit ihr zu Tische setzen; ich fühlte mich so 76 gestärkt, daß ich glaubte, meine Wallfahrt fortsetzen zu können. Ich eröfnete ihr mein Vorhaben; sie bat mich, diesen Tag noch bei ihr zu bleiben; ich bedürfe, sagte sie, noch der Ruhe, und zudem hätte ich sie einigen Aufschluß über die Begebenheit, die uns wundervoll zusammenführte, hoffen lassen. – Den kann ich Ihnen mit wenigen Worten geben, erwiederte ich. Ich bin eine Waise; der Mann, der mich jezt verfolgte, hatte mich aufgenommen. Seit dem Tode seiner Gattin verlangte er mehr von mir, als kindliche Dankbarkeit; er verlangte meine Hand, die mein Herz ihm versagte. Meine Weigerung brachte ihn auf, und nichts als die Flucht konnte mich vor seinen Verfolgungen retten.

Du siehst, meine Josephine, daß ich zwar die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit, sagte. Nicht aus Mistrauen verschwieg ich sie, aber ich fürchtete, in den Augen meines Schutzengels als eine Abentheuerin zu erscheinen. Sie blikte mir liebreich ins Auge. – Ist etwa das Herz, das ihm die Hand verweigerte, nicht mehr frei? – So frei, versezte ich, daß, wenn ich keine Freunde hätte, mein einziges Verlangen ein Kloster seyn würde, so wenig ich in glüklichern Tagen Beruf dazu fühlte.

Wir standen vom Tisch auf. Nun erst sah ich mich in der heitern, reinlichen Stube um; sie war mit mehreren vortreflichen Miniaturgemählden 77 ausgeziert, die ich eines nach dem andern betrachtete. Sie sind eine Liebhaberin von Gemählden, sagte ich?

Eine leidenschaftliche Liebhaberin, antwortete sie, und oft gar eine Mahlerin.

Plözlich fiel mir mein Kempis ein. Du erinnerst dich, meine Freundin, des Bildes der knienden Andacht, das auf die eine Aussenseite der lackirten Decke gemahlt ist, und des Namenszuges A. L., der, mit einem Blumengewinde umschlungen, die andere ausfüllt. Dein Oheim nannte das Gemählde ein Meisterstük. Dieses Büchlein, dachte ich, kann ihr vielleicht Vergnügen machen. Ich zog es hastig aus der Tasche. O, so erlauben Sie mir, rief ich, Ihnen ein kleines Denkmal meiner Dankbarkeit zu hinterlassen.

Sie öfnete das Futteral. Plözlich überstrahlte ein glühendes Roth ihr blasses Gesicht.

Wo haben Sie das Buch her? rief sie hastig; es war mein! – Ich erschrak. Von meiner Mutter, sagte ich in der Verwirrung.

Wo ist sie? wie heißt sie? – Alle ihre Muskeln zukten.

Sie ist todt. Ihr Name steht auf der Decke: Agathe Leonhard.

Leonhard! Leonhard! Ha, der Barbar! wo finde ich ihn? . . . . . . Der heftigste Unwille mahlte sich in ihren Zügen.

Er wohnt in Sundheim. Wir haben ihn 78 gesehen. Es ist eben der Mann, aus dessen Händen Sie mich gerettet haben.

Plözlich fiel sie mir um den Hals und preßte mich mit krampfhafter Gewalt an ihren Busen: ach, mein Kind! mein wiedergefundenes Kind! Zahllose, feurige Küsse begleiteten ihre Worte.

Ich lag unbeweglich in ihren Armen. Ein Gefühl, das ich Schrecken nennen muß, hatte mich versteinert. Ich glaubte, sie rede irre, und duldete ihre Liebkosungen, ohne sie zu erwiedern. Nun bemerkte sie meine scheinbare Kälte. Ihre Arme erschlafften, ohne mich frei zu lassen.

O, so küsse doch deine Mutter! Soll sie auch am Busen ihres Kindes unglüklich seyn?

Ein Thränenstrom überschwemmte ihre Wangen, er schmolz mein erstarrtes Herz. Der Name Mutter ertönte wie die Stimme des Todtenweckers in meinem Busen. Ich umschlang sie mit meinen zitternden Armen. Ich sog ihre Thränen von ihren heissen Wangen; ich klebte meine Lippen auf ihren Mund. Lange dauerte diese stumme Entzückung, wofür die Erde keinen Namen hat. Die Schläge unsrer Herzen ersezten uns die Sprache.

Mutter! war das erste Wort, das meine Zunge wieder stammeln konnte. Sie fiel auf ihre Knie. Dank sey dir, rief sie, mit gen Himmel erhobenen Händen, daß du mich noch hienieden es hören ließest, dieses bittersüße, heilige Wort! Zum erstenmal 79 hör ich es aus dem Munde meines Kindes, Gott! meines Kindes! Sie sprang auf, und stürzte sich von Neuem in meine Arme. Ach! meine Tochter, meine Leopoldine!

Bei dem Namen Leopoldine bebte ich zurük. Der Himmel verschloß sich wieder vor meinen Augen; ich wurde neuerdings eine Waise. Leopoldine! sagte ich lautweinend: ach! ich heisse nicht Leopoldine. Ich heisse Agathe.

Sie erstarrte. Todesblässe überzog ihr Gesicht; doch schnell überströmte die Farbe der Freude ihre Wangen wieder: du bist meine Leopoldine, rief sie frohlockend. Der Betrüger hat dir den Namen seines Weibes gegeben, um sein Bubenstük desto besser zu verbergen. O, gewiß hat er mich erkannt, sonst hätte er seine Beute nicht in dem Augenblik fahren lassen, da er im Begriffe war, sich ihrer zu bemächtigen. Ja! ja! du bist meine Leopoldine. Keine Gewalt, weder der Erde noch der Hölle, soll dich mir streitig machen.

Als ob sie mich zum zweitenmal wieder gefunden hätte, umschlang sie mich nun von Neuem, und ich, mein Gesicht in ihren Busen verbergend, wiederholte den süßesten aller Namen mit neuem Entzücken. Du bist keine Waise, so ertönte die himmlische Stimme wieder in meiner Seele. Alles ward Licht um mich her, und ich glaubte das Unbegreifliche meiner 80 Verwandlung so fest, wie ich das Unbegreifliche der Religion glaube.

Von ungefähr erblikte ich das Werkzeug der Vorsehung, meinen Kempis, der meiner Mutter entfallen war. Ich hob ihn von der Erde auf, und drükte ihn an meinen Mund, an mein Herz. Das Gemählde ist von meiner Hand, sagte sie, und der Name ist mein Name: Auguste Lindner.

Nun fiel mir ein, daß meine vermeinte Mutter, als sie mir das Büchlein schenkte, mir ernstlich einschärfte, es ja vor dem Vater nicht sehen zu lassen. Auch dieser kleine Umstand befestigte meine Ueberzeugung.

Genug, meine Josephine! mehr als genug, um dein Schwesterherz mit neuer Wonne zu berauschen. Bedenke, wie viele Stunden ich der Hochgeliebten zu ersetzen habe!

Aber was Agathe dir war, das bleibt dir auf ewig

Leopoldine.

 
Sechsundzwanzigster Brief.

Mit Freudenthränen, meine Freundin! habe ich die Blätter gelesen, die mir dein wunderbares Schiksal erzählen. Wie könnte ich sie anders beantworten, als mit Freudenthränen? O warum können sie nicht, anstatt auf dieses Blatt zu fliessen, auf deinen Busen und auf die Hand des Schutzengels fallen, 81 dem meine Agathe so werth ist, durch das heiligste aller Bande anzugehören: meine Agathe . . zum leztenmale gebe ich dir diesen Namen, der mir so lieb war, um ihn künftig mit einem andern zu vertauschen, der mir bereits eben so lieb geworden ist.

Mein guter Oheim hatte wohl recht, als er einst sagte: das Leben eines jeden Menschen würde einer Epopöe gleichen, wenn ihm die unsichtbaren Kräfte sichtbar wären, die dem beweglichen Gemälde zur Maschinerie dienen. Jede Seite deiner Geschichte war mir eine himmlische Offenbarung. Noch hast du mir dir mystische Rolle nicht ganz entfaltet, und du kannst die Begierde errathen, womit ich die Fortsetzung erwarte. Das Fragment, das ich besitze, habe ich abgeschrieben, und gestern nach Grüningen gesandt. In diesen Tagen der Unruhe, da die Kriegsflamme uns immer näher kömmt, hätte ich es nicht gewagt, das Original der Post anzuvertrauen.

Auch ich, meine Freundin, beginne eine neue Periode meiner Lebensgeschichte; aber noch fürchte ich mich, dir zu entdecken, was ich mir selbst verbergen möchte. Die Ruhe meines Herzens ist in Gefahr; der Himmel verleihe mir deinen Heldenmuth, um sie zu vertheidigen. O warum bin ich nicht in Grüningen geblieben! Dort würde ich dir nun weit näher, als hier, und sicher seyn vor dem Sturme, der mich bedroht. Lebe wohl, meine Schwester, meine 82 Leopoldine! Nie, o das fühle ich, nie war ich so sehr wie jezt, deine Josephine.

 
Sieben und zwanzigster Brief.

Wohl habe ich dir noch viel zu erzählen, noch viel zu entfalten von der mystischen Rolle, und ich werde es ohne Zurükhaltung thun, wenn gleich meine Josephine, zum erstenmale in ihrem Leben, ein Geheimniß hat für die Schwester ihrer Seele. Um die Stunde, die ich dir weihe, meiner Mutter nicht zu entziehen, bin ich mit der Sonne aufgestanden. Sie kennt meine Josephine schon, sie liebt sie, und auch für meine Eltern in Grüningen theilt ihr dankbares Herz meine Gefühle. Ich höre sie die Thüre des Gärtchens öfnen, das unsre liebliche Wohnung zu einem kleinen Feenschlosse macht. Ich muß sie belauschen. – – –

Mit langsam feierlichen Schritten wandelte sie im Glanze der hervorgehenden Sonne, der ihr Antlitz verklärte; ihre Augen waren gen Himmel gerichtet, ihre Lippen bewegten sich nicht. Sie betete in der Sprache der Unsterblichen. O, gewiß betete sie für ihr Kind. Ich habe sie nun wieder mit forschendem Auge betrachtet. Lächle nicht, meine Josephine, wenn ich in ihrem Gesichte die Züge des Traumbildes wieder zu finden glaube, das mich zu dem großen Schritte stärkte, der mich in ihre Arme führte. 83 Magst du mich doch für eine Schwärmerin halten. Die Schwärmerin, die in der Entzückung ihrer Andacht den Himmel offen sieht, ist selig in ihrer Täuschung. Seliger als sie, finde ich auf der Erde, was sie nur jenseits der Sterne findet.

Meine geliebte Mutter hoft dem edlen Führer meiner Jugend mündlich zu danken, sobald ein Plan ausgeführt seyn wird, den sie mit ihrem Freunde entworfen hat, dem einzigen, den sie hier besitzt, der ihr aber jede andere Verbindung entbehrlich macht.

Heliodor, so heißt dieser Freund, ist ein ehrwürdiger Priester aus dem hiesigen Franziskanerkloster; er hat die Hälfte seines Lebens im Getümmel der Welt zugebracht, und sich in eine Zelle geflüchtet, um von seiner beschwerlichen Pilgrimschaft auszuruhen. Diesem Manne verdanke ich die Aussöhnung mit meinem Schicksale, sagte meine Mutter, indem sie mich dem staunenden Greise, als ihre wiedergefundene Tochter, entgegenführte. Er, der Vertraute meines Kummers, sah oft meine Thränen um dich fliessen; es gelang ihm, sie abzutroknen, aber nicht ihre Quelle zu verstopfen.

Der Patriarch küßte mich auf die Stirne; schweigend sah er meine Mutter und mich wechselsweise an. Als er die wundervolle Begebenheit vernommen hatte, blieb ihm nur der Umstand unerklärbar, daß Leonhard und seine Gattin mir das Geheimniß 84 meiner Geburt so lange verhehlt hatten. Wir müssen es auflösen, dieses Räthsel, sagte er endlich zu meiner Mutter. Da der Elende Ihrem Anblik entflohen ist, so muß er Sie erkannt haben; destoweniger wird er dem Geständnisse der Wahrheit ausweichen können. Ehe man ihn dazu zwingt, muß man den Weg der Güte versuchen, und ich erbiete mich, diesen Versuch anzustellen.

Als er uns verlassen hatte, faßte meine gute Mutter mich in die Arme; ihre Augen schwollen von Thränen, ihre Stimme zitterte. Es ist Zeit, mein Kind, daß ich dich mit meinen eigenen Begebenheiten bekannt mache. Du wurdest mit deiner Mutter das Opfer ihrer Verirrung. Möge der Schmerz, vor ihrem Kinde erröthen zu müssen, ihre letzte Strafe, und ihr Unglük dir eine warnende Lehre seyn.

Erlaß mir, Freundin, die Marter, dir ihre eigene Worte zu wiederholen, die oft durch ihre Thränen und durch meine Seufzer unterbrochen wurden. Auguste war die Tochter eines Kanzleibeamten zu Wien. Ihre Mutter, aus Bayern gebürtig, ward ihr in ihrem sechsten Jahre entrissen. Ihr Vater hatte wenig Vermögen; gleichwohl sparte er nichts an ihrer Erziehung. Man gab ihr Talente, aber keine Grundsätze; man lehrte sie glänzen, ohne ihren Charakter und ihr Herz zu bilden. Ihre natürlichen Annehmlichkeiten, durch die erworbenen erhöht, 85 sollten einst ihr Glük machen. Sie zeigte eine vorzügliche Anlage zum Zeichnen; ihr Vater hielt ihr den geschicktesten Meister, und sie machte seinem Unterricht Ehre. Von der Reißfeder grif sie zum Pinsel. Daß sie auch darin Meisterin wurde, beweisen die Gemählde, die jedes Zimmer ihres Häuschens zieren.

Sie hatte ihr sechzehntes Jahr zurückgelegt, als ihr Vater starb; er hinterließ mehrere Schulden, nach deren Abzahlung seiner Tochter nichts als einige Mobilien übrig blieben. Da sie in Wien keine Verwandten hatte, so ward ein Kollege ihres Vaters ihr Vormund. Dieser nahm sie unter der Bedingung zu sich, daß sie seine kleine Tochter im Zeichnen unterrichten sollte. Auguste that es, zugleich aber faßte sie den Entschluß, sich durch ihr Talent einen unabhängigen Unterhalt zu verschaffen. Sie versuchte, Portraite zu mahlen; in weniger als zwei Jahren bekam sie mehr Arbeit, als sie fördern konnte, und es gehörte mit zum guten Tone, sich von der jungen Künstlerin mahlen zu lassen.

Dieses Gewerb knüpfte ihre Bekanntschaft mit einem jungen kaiserlichen Offizier, Namens Bonaldi, aus dem Veronesischen an. Auguste bezauberte ihn, allein ihr Sieg kostete sie ihre eigene Freiheit; dennoch widerstand sie seinen Sophismen und dem Hange ihres unerfahrnen Herzens, bis er ihr aus Familien-Rüksichten, wie er sagte, eine Gewissensheirath vorschlug, die er im ersten günstigen 86 Augenblicke förmlich bestätigen wollte. Dieser Antrag machte sie wanken; sie eröfnete ihn ihrem Vormunde; dieser, leichtsinnig oder bestochen, billigte den Vorschlag, und ließ sich nebst einem Lohnlakai, (es war Leonhard, der im nemlichen Hause wohnte) sogar als Zeugen gebrauchen. Man gieng mit Tagesanbruch in eine abgelegene Kirche. Das Brautpaar kniete vor dem Altare nieder, und gelobte sich eine unverbrüchliche Treue.

Zwei Jahre lang genoß Auguste das volle Glük einer Liebe, die sie für rechtmäßig hielt. Ich wurde geboren, und nach dem Namen meines Vaters, Leopoldine, genannt. Im dritten Jahr empfieng Bonaldi einen Brief, der ihm den Tod seines Vaters und zugleich die Nothwendigkeit seiner Gegenwart in Verona ankündigte. Auguste widersetzte sich dieser Reise um so weniger, als Bonaldi sie ihr als das Mittel vorstellte, die öffentliche Anerkennung ihrer Ehe zu beschleunigen. Seine ersten Briefe athmeten lauter Zärtlichkeit. Nach und nach wurden sie sparsamer und kälter; der lezte lautete: wichtige Gründe hätten ihn vermocht, den kaiserlichen Dienst zu verlassen, und einen Antrag einzugehen, neben welchem seine bisherigen Verhältnisse mit meiner Mutter nicht bestehen könnten. Seinen Brief begleitete ein Wechsel von hundert Dukaten, und das Versprechen, ihr jährlich diese nemliche Summe für ihren und ihres Kindes Unterhalt zu übermachen.

87 Die Schreckenspost brachte meine Mutter an den Rand des Grabes; doch sie war zu größeren Leiden aufbehalten. Kaum hatte sie das Bett verlassen, so beschloß sie den Treulosen aufzusuchen, und ihn an seine Eidschwüre zu erinnern. Leonhard ward ihr Begleiter, und ich blieb, ein schwächliches Kind von fünfzehn Monaten, der Pflege seines Weibes überlassen. Die Unglüklichen erreichten Verona, wenige Wochen, nachdem Bonaldi sich mit einer reichen Erbin aus dieser Stadt verbunden hatte. Auguste schrieb ihm. Die Verzweiflung der Gattin und der Mutter leitete ihre Feder. Leonhard überbrachte den Brief, der unbeantwortet blieb. Meine arme Mutter versank in eine dumpfe Melancholie, die nach wenig Tagen bis zum Wahnsinn stieg. Wahrscheinlich wurde Bonaldi durch Leonhard von ihrem Zustande benachrichtigt. Der Treulose hatte doch noch die Menschlichkeit, sie in das Irrenhaus zu Verona bringen zu lassen, und ein anständiges Jahrgeld für ihre Verpflegung auszusetzen.

Mehr als drei Jahre blieb sie in dieser schauervollen Lage. Der Arzt des Hauses, ein edler, mitleidsvoller Mann, behandelte sie mit besonderer Sorgfalt. Allmählig kehrte ihre Vernunft zurük, und mit ihr das Andenken ihres Kindes. Der Arzt suchte es zu benutzen, um ihre gänzliche Herstellung zu bewirken. Bonaldi war für sie verloren, und sie erlangte die Kraft, ihn zu verachten.

88 Sie eilte nach Wien, um ihr Kind aufzusuchen. Ihr Vormund war todt, und von Leonhard konnte sie nur soviel erfahren, daß er kurz nach deiner Rükkunft aus Italien, mit seinem Weibe diese Stadt verlassen, und sich nach München gewandt hätte. Man braucht nicht Mutter zu seyn, um sich einen Begrif von Augustens neuen Martern zu machen. Von Furcht und Hoffnung getrieben, flog sie nach München. Auch hier waren ihre Nachforschungen vergebens. Ihre Reisen hatten alle ihre Hülfsquellen erschöpft; sie suchte ihr Talent hervor, und erwarb in Kurzem weit mehr, als ihr täglicher Unterhalt und ihre eingezogene Lebensart erforderten.

Wien hatte ein zu peinliches Andenken bei ihr hinterlassen, als daß sie hätte wünschen können, dahin zurük zu kehren. Doch unterhielt sie einen Briefwechsel mit ihrem ehemaligen Hauswirthe, der die Erkundigungen nach Leonhard von Zeit zu Zeit, aber immer fruchtlos, erneuerte. Länger als zwölf Jahre blieb sie in München unter ihrem Familiennamen Lindner, dem sie am Ende noch ein ganz unerwartetes Glück verdanken sollte. Er brachte sie zufälliger Weise mit der Wittwe eines baierischen Offiziers in Bekanntschaft, die in Thalheim wohnte, sich aber bei dem ersten Einfalle der Franzosen nach München geflüchtet hatte. In ihr entdeckte sie eine Tante, die einzige Schwester ihrer Mutter, deren Daseyn ihr kaum bekannt war, weil die Familie schon vor 89 vielen Jahren durch das Schicksal getrennt wurde. Diese Tante hatte keine Kinder; sie schenkte Augusten ihre ganze Liebe, und bewog sie, mit ihr nach Thalheim zurük zu kehren. Sie starb vorigen Sommer, und hinterließ ihrer Nichte das liebliche Häuschen, das wir bewohnen, mit einem Einkommen, das sie über alle Bedürfnisse hinaus setzt.

Nun hätte sie glüklich seyn können, wenn es ihr möglich gewesen wäre, zu vergessen, daß sie Mutter war; aber nur ihrem Freunde, jenem wahren Weisen, der vom gewöhnlichen Mönche nichts als das Kleid hat, gelang es endlich, an der Hand der Religion den Frieden in ihr Herz zurük zu führen. Er leuchtet aus jedem ihrer Züge hervor, dieser himmlische Friede, und jeder ihrer Blicke ist ein Segen.

Doch du wirst sie kennen lernen, meine Josephine, du wirst sie bewundern, sie, die ich eine Heilige nennen würde, wenn nicht selbst dieser Name so oft wäre entweihet worden; du wirst die sieggekrönte Dulderin an der Heiterkeit des blassen Antlitzes erkennen.

Leopoldine.

 
Achtundzwanzigster Brief.

Dein Vorwurf kränkt mich, meine Schwester, und würde mich noch mehr kränken, wenn ich ihn zu verdienen glaubte. Nie werde ich ein Geheimniß 90 für dich haben; allein vor dir zu erröthen, in eben dem Augenblicke zu erröthen, da du dich so hoch über mich erhobst, dazu, ich gestehe es, war ich zu stolz. Lebten wir noch beisammen, so würdest du bereits alles wissen. Das Auge der Freundschaft würde mir mein Geheimniß abgelauscht, und ich würde ihr für ihre Scharfsichtigkeit noch gedankt haben.

Ich liebe einen Mann, von unbestrittenen Verdiensten, einen edlen, tugendhaften Mann, und dennoch kann meine Liebe mich auf immer unglücklich machen. Nicht etwa, weil ich nicht wieder geliebt werde. Ich muß aber fürchten, durch meine Neigung den beiden Personen zu mißfallen, von denen ich abhänge, und ohne deren Beifall auch das höchste Glük keines für mich seyn würde. Kurz, mein Geliebter ist nicht von unserer Religion.

Es ist unser Nachbar, der Amtmann des ritterschaftlichen Dorfes Mayenthal, ein ehemaliger Universitätsfreund meines Bruders. Er besuchte uns gleich nach unserer Ankunft; Carl gab ihm seinen Besuch zurük, und so entspann sich nach und nach ein Verhältniß, das jede Woche inniger wurde. Mir schmeichelte es, die Achtung, die zarte Aufmerksamkeit eines Mannes erregt zu haben, den ich meinem Bruder so ähnlich fand, ihm, der mir so oft den leisen Wunsch entlokt hat: O, möchte der 91 Unbekannte, den der Himmel mir zum Lebensgefährten bestimmt hat, doch meinem Carl gleichen!

Täglich kam Kleberg mir näher, und ich . . . . entgegen trat ich ihm nicht, aber auch nicht zurük. Mein Bruder schien diese Annäherung nicht zu bemerken; vermuthlich wollte er die Absichten seines Freundes weder hindern noch befördern. Als mir Kleberg endlich sein Herz öfnete, behielt ich nur so viel Stärke, ihm zu sagen, daß ich aus wichtigen Gründen noch nicht auf einen Antrag antworten könnte, der mir, als ein Beweis seiner Hochachtung, in jedem Falle theuer seyn würde.

Ich glaube meine Schwester, er hat errathen, daß ich diesen Aufschub nicht um meinetwillen begehrte, und eben darum muß die zarte Zurükhaltung, womit er mir seit jenem Tage begegnet, ihn mir um desto schätzbarer machen. Du kannst leicht denken, daß ich mich nicht an meinen Bruder wandte, um mich bei ihm Raths zu erholen. Ich bemerkte schon einige Tage vor Klebergs Erklärung, daß er ihn zu seinem Vertrauten gemacht hatte, und mußte befürchten, daß die Liebe zu seiner Schwester und zu seinem Freunde, daß selbst seine tolerante Denkungsart, der mein Herz so willig beipflichtete, in seinen Augen die Schwierigkeiten vermindern möchte, die sich meinen Wünschen entgegen stellten, und die ich nun erst in ihrer ganzen Stärke erblikte.

Ich schrieb also an meine gute Mutter, und an 92 meinen zweiten Vater. Ich schüttete mein Herz vor ihnen aus, und legte mein Schiksal in ihre Hände. Schon sind acht Tage verflossen, und ich habe noch keine Antwort. Mein Bruder aber hat, wie ich glaube, einen Brief vom Oheim erhalten. Diesen habe ich beschworen, mich nach Grüningen zurück zu berufen, wenn er den Mann, der sich ihm zum Neffen anbietet, verwerfen möchte. Mit jedem Tage klopft mein Herz bänger, und so oft der Bote in unsere Stube tritt, überläuft mich ein Schauer –

Zu spät, meine Leopoldine, werde ich gewahr, daß ich nur immer von mir spreche, und dennoch ist es gewiß, daß ich gestern den ganzen Tag mich selbst, meine Gegenwart, meine Zukunft über den Schicksalen deiner . . . . . . . . Mutter vergaß. Wie fände ich für sie ein Beiwort, das mir genügte! Seitdem ich mein Herz fühle, war es noch nie so gepreßt, und noch nie habe ich so bittere Thränen vergossen – Sobald die Antwort von Grüningen einläuft, sollst du ihren Inhalt erfahren. Wenn nur der täglich wachsende Strom der Truppen unsern Briefwechsel nicht hemmt!

Josephine.

 
Neunundzwanzigster Brief.

Leonhard ist ein Bösewicht, meine Josephine! er will mich zur schändlichen Betrügerin machen. 93 Gestern Abends kam unser ehrwürdiger Freund Heliodor von Sundheim zurük. Der Nichtswürdige hatte seinen Antrag mit Hohnlächeln angehört. Ich sehe wohl, antwortete er, Sie haben sich von einer ungerathenen Tochter ein Märchen aufbinden lassen. Von einem Manne Ihres Alters und Standes muß mich eine solche Leichtgläubigkeit wundern. – Kurz, er läugnete alles. Ich wollte, sagte er, das Mädchen mit einem braven, jungen Manne verheurathen: er war der Puppe nicht galant genug, darum ist sie entlaufen. –

Aus den Einwurf, warum er denn im Augenblicke, da er sich meiner bemächtigen konnte, so plötzlich verschwunden sey, antwortete er, er habe im Gebiete einer fremden Herrschaft kein Aufsehen erregen, und lieber meine Reue abwarten, als meine Schande aufdecken wollen. Wir wissen es besser, unterbrach ihn Heliodor, Sie haben die Person erkannt, in deren Arme der Himmel sie führte, und wenn Sie's noch nicht wissen, so will ich Ihnen sagen, daß Leopoldine die Tochter ihrer Beschützerin ist. Er entfärbte sich, und schwieg einige Momente, dann erwiederte er: ich verstehe Sie nicht, und weiß nicht, was Sie berechtigt, ein Verhör mit mir anzustellen. – Es scheint, versetzte Heliodor unwillig, daß Sie ein gerichtliches Verhör vorziehen. Wohlan! es soll Ihnen willfahrt werden. Mit diesen Worten verließ er den 94 abscheulichen Menschen, weil er wohl einsah, daß er in der Güte nichts mit ihm ausrichten würde.

Da Sundheim unter der Gerichtsbarkeit deines Bruders liegt, so ist unser Recht in guten Händen. Aber mein Herz empört sich doch bei dem Gedanken, daß meine gute Mutter und ich gegen den schändlichen Betrüger einen Prozeß führen sollen. Auch bei uns ist jetzt alles in Unruhe; unser Flecken wimmelt von Soldaten, und unsre friedliche Wohnung ist die Herberge eines Uhlanen-Rittmeisters geworden. Durch seine Gegenwart wird unsre Reise nach Grüningen verschoben. Lebewohl, meine Schwester! Wann werde ich dich anders, als in Gedanken, umarmen können?

Leopoldine.

N. S.

Sie sind uns zuvorgekommen. Gott! welch eine süsse, wonnevolle Ueberraschung! Ich kam herunter, um meiner Mutter dieses Blatt vorzulesen: da hielt ein Wagen vor unsrer Thür. Meine Pflegeltern, rief ich, und flog ihnen mit einem lauten Freudengeschrei entgegen. Wie könnte ich dir diese Szene beschreiben! und wie wohl thut es mir für dich, daß du sie dir in ihrer ganzen herrlichen Wahrheit vergegenwärtigen kannst! Gleich in der ersten halben Stunde flüsterte, mit einem Blik auf meine Mutter, dein Oheim mir ins Ohr: du hast deiner Freundin nicht zuviel, nicht genug von ihr gesagt, und 95 deine Mutter . . . . . o, die konnte nicht satt werden, sie zu betrachten.

Nur drei Stunden dauerte ihr Besuch; aber es gibt Jahre, die weniger Stunden haben. Dein Oheim besah mir Kenneraugen die Gemählde unsers kleinen Speisesaals. Was er am meisten bewunderte, war ein Oval mit dem sprechend ähnlichen Bilde meiner Mutter. Sie sitzt mit entblößtem Haupt und fliegenden Haaren unter einer Trauerweide; ihre Blicke sind auf einen welken Blumenkranz geheftet, der auf ihrem Schoose liegt, und den sie mit dem Ausdruk einer herzdurchschneidenden Wehmuth loswindet. Mehrere Blumen liegen schon zerstreut auf der Erde. Der Himmel über ihr ist mit grauen Wolken bedekt, und im Hintergrunde erscheint in einem Cypressenbusch eine Turteltaube, die ihren Kopf unter dem Flügel verbirgt, um ihr leeres, zerstörtes Nest nicht zu sehen. Man glaubt, sie klagen zu hören.

Meine Mutter bemerkte die Rührung, womit dein Oheim an diesem Gemählde hieng; sie nahm es von der Wand, und, indem sie mirs in die Hand legte, sagte sie zu ihm: Was Sie mir vielleicht abschlagen würden, können Sie Ihrer Pflegetochter nicht versagen – Er empfieng das Bild lächelnd aus meinen Händen, und drückte es an sein Herz. 96

 
Dreissigster Brief.

Mein Schicksal ist entschieden, liebste Freundin! deine Josephine ist glüklich, so glüklich, daß sie fühlen muß, was sie fühlt, um einen solchen Grad menschlicher Glükseligkeit für möglich zu halten. Die Gesinnungen meines Bruders hast du aus meinem lezten Briefe schon errathen. Gestern kam er mit einem strahlenden Gesicht auf mein Zimmer: wenn du mich gleich nicht zu deinem Vertrauten gemacht hast, sagte er, so weiß ich dennoch alles, und noch mehr als du. Ich fiel ihm in die Arme; ich weinte; denn ich fühlte, daß etwas Wahres in seinem Vorwurfe war. Vergib mir, lieber Carl, sagte ich schluchzend; ehe ich dir mein Herz aufdekte, wollte ich wissen, ob es nicht Pflicht für mich werden würde, sein Geheimniß auf immer zu verbergen. Ich wollte, ich mußte vor allen Dingen den Rath unserer Eltern einholen. An deinem Beifalle, du Lieber, zweifelte ich nicht. – Auch an dem ihrigen darfst du nicht mehr zweifeln, erwiederte er, indem er mir die Urkunden meines Glückes zustellte.

Auch vor Freuden zittert man, meine Leopoldine! das hatte ich noch nicht gewußt. Ich mußte mich niedersetzen; umsonst versuchte ich es, das Siegel zu lösen. Mein Bruder that es. Ich entfaltete die Briefe: ich konnte nicht lesen. Die Buchstaben flimmerten, wie eine Flammenschrift, vor meinen Augen. Soll ich dir sie vorlesen? sagte der gute 97 Carl, und las . . . . . . . . . . . . O, meine Freundin, lauter Worte der Liebe und des Segens! Wie könnte ich dir folgende Stellen aus dem Briefe unsers Pflegevaters vorenthalten?

»Es gibt eine Religionsvereinigung, die in unserer Macht steht – die Vereinigung tugendhafter Herzen; sie ist dem wahren Geiste des Christenthums gemäß, dessen Odem Liebe ist.«

»Die Vorsehung beruft dich, meine Tochter, den Gliedern einer andern Kirche zu beweisen, daß dieser Geist in dir wohnt, und den Wahn zu widerlegen, daß Aberglauben und Intoleranz der unauslöschliche Charakter der unsrigen sind. Bleibe diesem schönen Berufe getreu; so wirst du mehr Gutes stiften, als ein Missionar. Euer Weihrauch, obgleich auf zwei verschiedenen Altären angezündet, wird im Aufsteigen sich vermengen, und eure Liebe wird, im heiligen Sinne der Schrift, ein Band der Vollkommenheit werden.«

An einem andern Orte schreibt er: »Mit blutendem Herzen sah ich oft Eltern, die sich für klug und rechtgläubig hielten, ihre Töchter Freiern überlassen, deren Religion blos aus dem Taufbuche bewiesen werden konnte, indeß sie den rechtschaffensten Mann aus einer andern Kirche mit Abscheu würden abgewiesen haben. Menschen, die so denken, werden mich vermuthlich tadeln. Mögen sie 98 doch! da die Bibel ihnen fremd ist, so werde ich ihnen aus einem Dichter antworten:

Den Glauben richte Gott;
Der Mensch die Tugend.Que Dieu juge le culte et l'homme les vertus. Dubelloi, im Trauerspiel Pierre le cruel.

Mein Bruder hatte seinen Freund von den eingelaufenen Antworten im Augenblicke ihres Empfangs benachrichtigt. In weniger als einer Stunde kam er (ich darf den Ausdruk gebrauchen) auf den Flügeln der Liebe heran geflogen, und . . . . . doch, was soll ich dir sagen, das du nicht errathen kannst? Kurz der Bund unserer Liebe wurde beschworen.

Noch kann ich mein Glük kaum tragen, und ich würde mich scheuen, es meiner Leopoldine so unverhüllt vor Augen zu stellen, wenn nicht auch sie glüklich wäre. Ein Bösewicht wie Leonhard darf deine heitere Ruhe keinen Augenblik stören. Er wird meinem Bruder nicht entschlüpfen können, wie er dem ehrwürdigen Heliodor entschlüpfte – – –

So eben läuft die Nachricht bei uns ein, daß die Feinde nur noch drei Meilen von uns entfernt sind. Täglich sieht man einem Treffen entgegen. Möge es doch unsere Besorgnisse endigen!

Dir allein.

Leopoldine ist mehr als jemals meine Schwester, und dennoch kömmt es nur auf sie an, es 99 noch mehr zu werden. Selbst das höchste Glük der Liebe hat noch einen Wunsch in meiner Seele zurük gelassen. Ich äusserte ihn gegen Agathen in dem Briefe, den Leonhard auffieng, und seitdem durfte ichs nicht wagen, ihn gegen Leopoldinen zu wiederholen. Ich mußte ihrem Herzen Zeit lassen, sich am Busen ihrer Mutter satt zu freuen, ehe ich hoffen konnte, ein anderes Gefühl darin aufzuwecken.

Ich weiß, du erräthst ihn, diesen Wunsch der Freundschaft, die auch dir das höchste Glük der Liebe versichern möchte. Mein Bruder bietet dir sein Herz und seine Hand an, und ich habe es auf mich genommen, dich zu fragen, ob du ihn bevollmächtigen willst, bei deiner Mutter um den schönen Namen ihres Sohnes anzuhalten. Du kennst ihn, und er kennt dich. Der Abend, den wir auf unserer Hieherreise in Sundheim zubrachten, hat bei ihm vollendet, was deine Briefe an mich begonnen hatten. Er hat ihm die Freundin gezeigt, mit der er sein Leben und jede Freude desselben zu theilen wünscht. Ich ward seine Vertraute, und du mußt mir mehr als einmal angemerkt haben, wie schwer es mir wurde, mein Geheimniß bei mir zu behalten.

Frage dein Herz, meine Leopoldine, ob es der Stimme des seinigen entspricht. Hoffentlich wird es meine Ahnungen, auf die ich mir immer 100 so viel zu gute thue, nicht zu Schanden machen. Ich bin es schon so lange gewohnt, euch in meinen Visionen mit einander zu vermählen, daß ich eure Bilder nicht mehr trennen kann. Auch ist es bloße Ungeduld und keine Unruhe, womit ich deine Antwort erwarte.

Josephine.

 
Einunddreissigster Brief.

Scheue dich nicht, meine Josephine, im vollen Schmucke deines Glückes vor deine Schwester zu treten. Dein Glük war ja immer ein Bedürfniß ihres Herzens, und du hast ihr nie ihren Antheil vorenthalten. Ja wohl bin auch ich glüklich, und ich kann dir zu deiner Verbindung keinen bessern Segen geben, als daß der Himmel dich als Gattin so glüklich machen wolle, wie ich es als Tochter bin. Diesen Schwestersegen hoffe ich dir bald in deinen Armen zu wiederholen, denn du weißt doch, daß der Weg nach Grüningen über Thalheim geht, und ich denke, dein Geliebter werde eben so begierig seyn, seinen neuen Eltern persönlich zu danken, als du es seyn wirst, ihnen ihren neuen Sohn zuzuführen; dann will ich meine gute Mutter um die Erlaubniß bitten, euch zu begleiten, um mit euch die Hand zu küssen, die den Freibrief eurer Glükseligkeit ausgestellt hat.

101 Die Aussprüche des apostolischen Mannes mußte ich auf ihr Geheiß dem Pater Heliodor vorlesen. Die Wahrheit zu gestehen, ich that es mit einiger Schüchternheit. Meine Mutter kannte ihn besser. Während ich las, nikte er beständig mit dem Kopfe. Den Mann muß ich kennen lernen, rief er zulezt: er hat den ächten Geist seines Meisters. Ich habe den Protestanten viel, unendlich viel, mehr als das Leben habe ich ihnen zu danken. Es gab eine Zeit, da ich ein Zweifler, und noch weniger als ein Zweifler war. Ein Freund, dessen Asche ich segne, gab mir einige ihrer Schuzschriften für die Religion in die Hände, und sie machten mich zum Christen.

Aber doch nicht zum Franziskaner? sagte meine Mutter lächelnd. – Das nicht. Zum Franziskaner machte mich die Widerwärtigkeit und ein gewisser Lebensekel, der, ohne meine Ueberzeugung, mich anstatt in ein Kloster, in einen Fluß geworfen hätte. Noch einmal: den Pfarrer zu Grüningen muß ich kennen.

Beilage.

Noch vor zwei Tagen, meine Schwester, hätte ichs für unmöglich gehalten, daß es in meinem ganzen Leben einen Augenblik geben könne, da Lepoldine es als ein Unglük ansehen würde, nicht mehr Agathe zu seyn. Ich will mich nicht stärker, nicht reiner machen, als ich bin. Ja, meine 102 Freundin, dieser entsezliche Gedanke blizte mir gestern durch die Seele. Der Name Auguste, den ich, auf meine Knie stürzend, aussprach, vertrieb das höllische Gespenst; auf immer, das hoffe ich, sonst würde ich mir selbst ein Scheusal seyn.

Ich betrachte es als eine himmlische Schickung, daß meine Mutter abwesend war, als ich deinen Brief erhielt. Sie war bei einer armen Kranken, der sie Trost und Hülfe brachte. Andere Besuche macht sie nie. Großer Gott! wie hätte ich in ihrer Gegenwart verbergen können, was in mir vorgieng! So aber hatte ich alles durchgelesen, und das Beiblatt, von meinen Thränen durchnezt, eben in den Busen verborgen, als sie nach Hause kam. Ihr Fußtritt erschütterte mich, wie ein Donnerschlag. Ich flehete den Beistand des Allmächtigen an, und er sandte mir seinen Engel, um mich zu stärken. Sie selbst war dieser Engel. Mit einem Antliz, das der Abglanz einer guten That erheiterte, trat sie herein, und ihr liebevoller Mutterblik durchströmte mich mit Kraft von oben.

Ich lief ihr entgegen. Meine Josephine ist Braut, rief ich, indem ich ihr deinen Brief darreichte. Sie mußte die Spuren meiner Thränen bemerken, allein sie sah es ihnen nicht an, daß es nicht lauter Freudenthränen waren. Bald darauf besuchte uns Heliodor; so willkommen war er mir noch nie. Wäre ich noch allein gewesen, 103 ich hätte ihn vielleicht zu meinem Vertrauten gemacht, nun aber würde ich es bereuen, wenn es geschehen wäre. Ausser unsern Pflegeltern darf Niemand erfahren, was ich dir und durch dich deinem Bruder zu sagen habe.

Das Glük, das der Edle mir anbietet, könnte den kühnsten Wunsch meines Herzens befriedigen. Allein nur, indem ich es ausschlage, kann ich dessen würdig bleiben. Ich heisse Leopoldine Lindner, und nicht Leopoldine Bonaldi. Meine Geburt ist ein Flecken, den die öffentliche Meinung nie übersieht, und den nur die Dunkelheit zudekt. Diese Dunkelheit, meine Schwester, ist das Loos, das der Himmel mir beschieden hat, und die Welt würde es mir nicht verzeihen, wenn ich es wagen wollte, an der Hand eines verdienstvollen Mannes auf ihren Schauplaz hervor zu treten.

Deine Familie würde mich schätzen und lieben, aber gegen die Kränkungen des Stolzes und des Neides würde sie mich nicht schützen können, und gesezt, ich wäre stark genug, diese Kränkungen zu verachten, darf ich meine Mutter der Gefahr aussetzen, sie zu bemerken? Wie viele bittere Erinnerungen könnten sie in ihr aufwecken, und sie wohl gar auf den unseligen Gedanken bringen, sich als die Störerin meines Glückes zu betrachten! Denn daß ich mich auf der Erde nie von meiner Mutter trennen werde, davon bist du, meine Freundin, 104 eben so sehr überzeugt, als ich es bin, daß dein Bruder mit ihrem Kinde auch sie glüklich machen wollte.

Groß ist das Opfer, das ich ihr bringe, eben darum ist es ihrer würdig. Könnte sie es ahnen, sie würde es nicht zugeben. Sie würde mich zwingen wollen, glüklich zu seyn; aber auch dann, meine Josephine, auch dann würde ich mein Glük ablehnen, aus Achtung, aus Dankbarkeit gegen den Mann, der mir es anbietet. Sein großmüthiger Schritt würde ihn der Welt noch mehr zur Schau stellen, als mich, und ihre Urtheile können ihm weit mehr schaden. Nein! Nein, meine Schwester! Carl wollte für mein Glük sorgen: dafür bin ich ihm schuldig, für seine Ruhe zu sorgen. Leopoldine wird ewig seine Freundin seyn, aber nie seine Gattin werden. Dieses sage ich mit der festen Ueberzeugung, daß er meine Erklärung nicht mißdeuten, noch mich jemals nöthigen werde, sie zu wiederholen. Eben so fest bin ich überzeugt, daß meine Pflegeltern mich nicht verkennen werden. Sie werden in meiner Seele lesen, und mir den süßen Namen ihrer Tochter nicht entziehen.

Laß dich, meine Josephine, diese zitternden Buchstaben nicht verleiten, meinen Entschluß erschüttern zu wollen. Erbarme dich, o erbarme dich deiner Freundin! die dich auf den Knien beschwört, diesen Punkt gegen sie, sey es mündlich oder 105 schriftlich, nie, nie wieder zu berühren. Zerstören mag ich das heilige Blatt nicht, das mir den Namen deiner Schwester im engsten Sinne anbot; allein ich werde es vor jedermann, und besonders vor meiner Mutter, so wohl verbergen, als ob es zerstört wäre. In meinem Herzen kann nur die Hand des Todes es auslöschen.

Leopoldine.

 
Zweiunddreissigster Brief.

Sobald du, liebste Freundin, dieses Blatt gelesen hast, so mache dich mit deiner Mutter auf den Weg, und eile in unsere Arme. Die Vorsehung will die lezte Thräne der Dulderin abtroknen, und die Tugend ihrer Tochter belohnen. Gern würde ich an sie selbst schreiben, allein Schrecken und Freude, Angst und Hofnung hindern mich, meine Gedanken zu sammeln.

Dem Ueberbringer, unserm Amtsaktuar, der zugleich Euer Begleiter seyn wird, überlasse ich es, euch die blutige Szene zu beschreiben, die verwichenen Dienstag bei uns vorgieng, und deren Folgen ihr bereits empfunden haben müßt. Die kaiserliche Armee mußte weichen, und unsere ganze Gegend wurde von Feinden überschwemmt.

Gestern Abend brachten sie uns einen östreichischen Staabsoffizier, der eine gefährliche Schußwunde hatte. Der Feldscherer, der ihn begleitete, nannte 106 ihn Obrist Lasano. Er war sehr schwach; mein Bruder und ich bemühten uns um die Wette, ihm alle Bequemlichkeiten zu verschaffen und alle Hülfe zu leisten, die in unsrer Macht stand. Unsre Bereitwilligkeit schien ihn zu rühren. Diesen Morgen war er etwas besser. Er ließ meinen Bruder zu sich bitten. Herr Amtmann, sagte er, Sie können mir eine wichtige Gefälligkeit leisten. Ich fühle meinen Zustand. Meine Wunde ist tödtlich, und ich danke der Vorsehung, daß sie mir mein Sterbebett bei edlen, theilnehmenden Menschen bereitet hat. Wollen Sie mir nicht meinen lezten Willen aufsetzen?

Du kannst denken, meine Freundin, daß Carl ihm diesen Dienst nicht versagte. Ich bin Wittwer, fuhr er fort; meine Herrschaft fällt an die Erben meiner Gemahlin zurük; allein ich habe in der Wiener Bank ein Kapital von zwölftausend Gulden angelegt, über welches ich disponiren möchte. Kinder habe ich nicht, ausser einer natürlichen Tochter, der ich dieses Vermächtniß schuldig bin. Mein Name ist Leopold Bonaldi, Herr zu Lasano.

Urtheile von meines Bruders Erstaunen. Er faßte sich so gut er konnte, und fragte hastig: und der Name der Tochter? – Leopoldine, war die Antwort. Ach! setzte er mit der tiefsten Rührung hinzu, wenn sie nur aufzufinden ist! Der Kronwirth Leonhard in Sundheim, der sie erzog, sagte mir, sie sey heimlich mit einem jungen Menschen entflohen. – 107 Leonhard ist ein Satan, mein Herr, und ihre Tochter ist ein Engel. Sie ist in die Arme der Tugend entflohen; ich weiß ihren Aufenthalt.

Der Kranke starrte meinen Bruder mit fragenden Blicken an. – Ihr Zweifel wundert mich nicht, allein es ist mir leicht, meine Aussage zu beweisen. Leopoldine ist entflohen, weil der Nichtswürdige, der sich immer für ihren Vater ausgegeben hatte, sie zwingen wollte, ihn zu heurathen.

Ein Strahl der Freude färbte des Kranken bleiches Gesicht. – Wo ist sie? wo ist sie? – Bei ihrer Mutter, antwortete Carl etwas zu voreilig; bei der edlen Auguste. – Auguste? Mit diesem Ausruf sank er in Ohnmacht.

Es dauerte über eine Viertelstunde, bis man ihn wieder zu sich brachte, dann aber schien seine noch übrige Lebenskraft sich zu verdoppeln. Auguste lebt? waren seine ersten Worte. Wo lebt sie? Kann ich sie und mein Kind nicht noch sehen, ehe ich sterbe? Ich bin an beiden zum Verbrecher geworden. Ich muß ihre Verzeihung mit ins Grab nehmen.

Mein Bruder unterrichtete ihn von allem. Die Idee mit dem Testamente ward aufgegeben. Er will seine erste Verbindung rechtskräftig bestätigen, Augusten ihren Gemahl und Leopoldinen ihren Vater wieder geben. Allein die Sache muß auf das möglichste beschleunigt werden; denn nach der 108 Aussage des Wundarztes wird der Patient schwerlich den siebenten Tag erleben.

Mein Bruder hat bereits eine Staffete an das Ordinariat abgeschickt, um die nöthigen Dispensationen zu erhalten. Wahrscheinlich werden sie vor Eurer Ankunft eintreffen. Er selbst ist mit dem Entwurfe der Akte beschäftigt, wodurch die Rechte der Gattin und der Tochter hergestellt und gesichert werden sollen. Uebermorgen gegen Abend könnt Ihr hier seyn; Ihr werdet alles eingeleitet, alles bereit finden.

Wenn die erhabene Auguste auch keinen andern Beruf hätte, als einem Sterbenden zu vergeben, wäre dieses genug für ihr Herz, um ihre Hieherkunft zu beschleunigen.

Der Obriste hat theils mir, theils meinem Bruder stükweis das wenige ergänzt, was wir von seiner Geschichte wußten. Bald nach seiner Heirath kaufte er sich aus dem Vermögen seiner Gemahlin die Herrschaft Lasano, und begab sich als Rittmeister in Toskanische Dienste. Vor drei Jahren ward er Wittwer, und bald hernach auf die Empfehlung des Großherzogs in der kaiserlichen Armee mit eben dem Range angestellt, zu welchem er sich in Toskana erhoben hatte.

Verwichenen Frühling ward er krank; die Aerzte verordneten ihm das Carlsbad, und damals ereignete sich in Sundheim jene sonderbare Szene, die 109 du dir nicht zu erklären wußtest. Die große Aehnlichkeit, die er zwischen dir und seiner Auguste wahrnahm, erschütterte ihn, aber ohne den Gedanken bei ihm zu erregen, daß du seine Tochter seyn könntest. Bei seiner Rükkehr aus dem Carlsbade kehrte er wieder in Sundheim ein. Jezt war Leonhard nicht abwesend; der Obriste erkannte ihn, und fragte nach seinem Kinde. Die Antwort des Bösewichts weißt du. Dieses geschah wenige Tage nach deiner Flucht. Bonaldi hatte ihm in Verona einen Wechsel von dreihundert Dukaten zugestellt, wofür er und sein Weib dich bis ins zehnte Jahr erziehen sollten, falls deine Mutter ihre Gesundheit nicht wieder erlangen würde. Er sollte ihm von Zeit zu Zeit Bericht von dir geben. Dieses geschah aber nur einmal, und der arme Kranke gestand mit der bittersten Reue, daß es ihm jedes Jahr weniger angelegen war, sich nach seiner Tochter und ihrer Mutter zu erkundigen.

Nun, meine Schwester, ist das Räthsel gelöst, warum Leonhard dich für sein Kind ausgab. Er wollte sich, ohne Rüksicht auf das Schiksal deiner Mutter, die empfangene Summe zueignen, die er auch würklich dazu anwandte, sich in seinem Geburtsorte Sundheim anzukaufen. Doch genug von diesem elenden Menschen. O wie vieles bliebe mir noch zu sagen übrig, allein ich muß dich verlassen; man 110 fordert meinen Brief, und ich eile wieder an das Bett unsers Kranken.

Josephine.

N. S.

Da ich unmöglich nach Grüningen schreiben kann, so bitte ich dich, diesen Brief durch einen Expressen hinüber zu schicken. So sehr du ihre Liebe zu dir kennest, so kannst du dennoch die Freude nicht ermessen, die meine Erzählung deinen Pflegeltern machen wird.

 
Dreiunddreissigster Brief.

Indeß mein Bruder mit unserem Patienten sein leztes irdisches Geschäft verabredet, will ich Ihnen, theuerste Eltern, die Erzählung der wunderbaren Begebenheit fortsetzen, die Ihnen Leopoldine vor ihrer Abreise mitgetheilt haben wird. Wir erwarten sie und ihre Mutter diesen Abend, und da ich Ihnen mit heutiger Post ihre Ankunft nicht mehr melden könnte, so wird Ihnen die nächstkünftige einen desto vollständigeren Bericht von den traurig feierlichen Auftritten mitbringen, die uns bevorstehen; denn es ist leider! nur allzu gewiß, daß der Obriste nur noch wenige Tage zu leben hat. Er selbst fühlt es, und wünscht nur noch so lange hier zu verweilen, bis seine Seele die Bürde abgewälzt hat, die auf ihr lastet.

Gestern Abends mußte ich ihm die 111 Jugendgeschichte seiner Tochter erzählen. Bei der Schilderung des Opfers, daß sie dem kindlichen Gehorsam zu bringen glaubte, als sie Albrechts Antrag annahm, war er sehr gerührt. Nach einigen Augenblicken sagte er: Und dieses engelreine Geschöpf durfte Leonhard sich erfrechen, bei mir zu verläumden? O wie glüklich bin ich, daß ich in meinen lezten Stunden zu Menschen gerieth, die den Bösewicht entlarven, und mir mein Kind in seiner wahren Gestalt zeigen konnten! Sie kennen ihre Leopoldine noch nicht ganz, erwiederte ich; ihrem Vater darf ich ein Geheimniß verrathen, das sie ihm in seiner gegenwärtigen Lage gewiß verhehlen würde. Leopoldine weiß nicht nur gegen das Unglük, sondern auch gegen das Glük zu kämpfen. Ich las ihm ihren letzten Brief, darin sie den Antrag meines Bruders beantwortet. Großer Gott! sagte er mit einem tiefen Seufzer, auch mein Kind hätte ich vielleicht auf immer elend gemacht, wenn deine Vorsehung nicht . . . . . . . . . . . . Die Ankunft des Pfarrers unterbrach ihn; dieser überbrachte ihm die bischöfliche Dispensation, die er so eben erhalten hatte.

Ich hoffe nicht, theuerste Eltern, daß Sie einen Schritt mißbilligen werden, den mein Herz mir eingab, und der entweder gar keine, oder nur gute Folgen haben wird. Was konnte mich abhalten, einige Balsamtropfen mehr in die Wunde des Kranken zu 112 giessen, und ihm die Freude zu verschaffen, die Heldentugend seines Kindes zu krönen? Ich habe ihn seitdem nicht gesprochen; denn kaum war der Pfarrer fort, so ließ der abscheuliche Leonhard sich bei ihm melden, und als er ihn nicht vor sich lassen wollte, stellte er meinem Bruder ein kleines Paket Schriften zu, und entfernte sich in größter Eile. Ich sah ihn durchs Fenster. Der Troz, der die Miene des sichern Bösewichts bezeichnet, hatte der Feigheit des entlarvten Plaz gemacht. Das Päkchen enthielt Leopoldinens Geburtsschein, und fünf Briefe, die Bonaldi von Verona aus an Augusten geschrieben hatte. Obgleich diese Papiere jezt keinen Werth mehr haben, so hat mein Bruder sie dennoch in Verwahrung genommen. Vermuthlich hat Leonhard erfahren, was vorgeht, und durch diesen Schritt die Gerechtigkeit entwaffnen wollen.

Fortsetzung.

Ich lasse meine Schwester bei Leopoldinen und ihrer Mutter, und übernehme die bittersüsse Arbeit, ihr Tagebuch zu ergänzen. Welch ein Abend war der gestrige! Unser Patient war seit einigen Stunden merklich besser. Er fragte mich unaufhörlich: sind sie denn noch nicht hier? – Ich las ihm das Instrument vor, das ich nach seinem Sinne ausgefertigt hatte. Er wollte die Ankunft seiner Gattin nicht erwarten, um es zu unterschreiben. 113 Endlich sah ich den Wagen heranrollen. Ich ließ den Pfarrer bei dem Patienten zurük, und eilte hinunter, die Reisenden zu empfangen. Kein Wort von diesem ersten Augenblicke!

Auguste wollte nicht ausruhen. Wo ist er? fragte sie mich in jenem sanften Tone, der die Melancholie zur Grazie macht. Ich bot ihr die Hand. Sie haben sie gesehen, theuerste Eltern, diese idealische Gestalt, die für sich eine eigene Klasse des Schönen ausmacht. Sie können sich die stille, sich selbst unbewußte, Majestät vorstellen, womit sie ins Krankenzimmer trat. Ihre Thränen flossen, und dennoch war der Ausdruk ihres Gesichts Standhaftigkeit; allein man sah es ihr an, daß es nicht die Natur war, die ihr diese Stärke gab.

Als Bonaldi sie erblikte, belebte sein mattes Auge sich wieder: er strekte die Hand nach ihr aus: Vergebung! Auguste! sprach er schluchzend; Vergebung einem Sterbenden! Sie preßte seine Hand an ihre Brust: sie ist mir voran geeilt, die Vergebung, und dieser Augenblik macht das Geschehene ungeschehen.

Leopoldine hatte sich am Arme meiner Schwester der andern Seite des Bettes genahet. Hier ist Ihre Tochter, Ihre Leopoldine, rief meine Schwester, indeß das himmlische Geschöpf sich neben ihm auf die Knie warf. Er sah sie wohl eine Minute schweigend an. Ja, sie ist es! sagte er dann; 114 sie ist es! So kniete Auguste neben mir am Altar, als ich ihr den Eid schwur, den ich so schändlich . . . . Auguste legte ihm die Hand auf den Mund. Leopoldine drükte einen Kuß auf seine Wange, und überschwemmte sie mit Thränen.

Ich unterbrach die herzzerreissende Scene. Ich fürchtete, sie möchte den lezten Lebensfunken des Kranken ersticken. Hier, sagte ich zu Augusten, ist die Urkunde Ihres erneuerten Bundes, den die Religion besiegeln wird. Sie haben Recht, mein Freund, sagte der Patient: ich muß eilen. Ich las das Instrument vor. Auguste unterschrieb es, und küßte die Unterschrift ihres Gatten, der kein Auge von ihr verwendete. Als auch die Zeugen unterschrieben hatten, wollten sie sich entfernen. Er bat sie, zu bleiben, und nun schritt der Pfarrer zur Trauungs-Ceremonie.

Leopoldine stand neben ihrer Mutter. O, hätten Sie, theuerste Eltern, die beiden himmlischen Gestalten sehen können! Ihre Thränen flossen nicht mehr; es war, als ob der Hauch der gegenwärtigen Gottheit sie ausgetroknet hätte. Die Andacht überstrahlte den Schmerz. Nur als der Priester die Hände des Paares in einander fügte, schien Auguste wahrzunehmen, daß der Traualtar ein Grab war. Nach geendigter Ceremonie wünschte der Kranke mit seiner Gattin allein gelassen zu werden. Wir entfernten uns alle. Nach einer Viertelstunde klingelte 115 er, und ich kehrte mit Leopoldinen und meiner Schwester in das Zimmer zurük. Auf Augustens Stirne schimmerte eine sanfte Heiterkeit, die auch aus der Miene des Kranken hervor leuchtete. Setze dich her zu mir, mein Kind, sagte er zu Leopoldinen. Sie that es; ihre Thränen flossen von neuem.

Fasse dich, fuhr er fort, indem er ihre Hand ergriff. Ich lasse deiner Mutter und dir einen Freund zurük, der eure Stütze seyn wird. Nicht wahr, mein Sohn, das geloben Sie mir? (Hier reichte er mir die andere Hand.) Heilig! antwortete ich, und wollte sie an mein schmelzendes Herz drücken. Er aber legte Leopoldinens Hand in die meinige. Ich weiß Alles: Gott segne euch, meine Kinder. Wir standen Beide, wie verzückt. – Auch ich weiß Alles, sagte Auguste, und bestätigte den väterlichen Segen.

Leopoldine sank an den Busen ihrer Mutter. Ich benezte die Wange des Vaters mit dankbaren Thränen. So umarmen Sie denn Ihre Braut, sagte er. Ich wollte gehorchen. Hier! hier! rief Leopoldine, indem sie mir die Hand ihrer Mutter darbot. Auguste zog sie zurük, und führte das göttliche Mädchen in meine Arme.

O, warum, theuerste Eltern, kann ich nicht hier den Vorhang fallen lassen! Doch schon dieses Wort verräth Ihnen, was mir noch zu sagen übrig bleibt. Der theure Kranke sah unserer stummen Entzückung 116 einige Minuten mit der Zufriedenheit einer Seele zu, die ein schönes Tagewerk vollendet hat. Dann sagte er: nun ihr Lieben! ist Alles vollbracht. Gottlob! daß ich diesen Augenblik erlebte! Laßt mich jezt ein wenig ruhen – Wir verliessen das Bett, er schloß die Augen, und schlummerte ein. Wir belauschten jeden seiner Athemzüge. Nach einer halben Stunde sagte er, mit kaum hörbarer Stimme: Auguste! Sie trat leise ans Bette. Sie glaubte, er rede im Schlafe. Sie ergriff seine Hand; sie war kalt. Barmherziger! rief sie, und fiel mit aufgehobenen Händen auf ihre Knie. Wir stürmten hinzu. Sein Geist war entflohen.

Wir küßten alle die Hand, die uns gesegnet hatte, und blieben bis nach Mitternacht beisammen. Wenn Engel weinen können, so weinen sie, wie Auguste; und diesen Engel darf ich Mutter nennen! Leopoldine saß auf dem Sopha und hielt den Arm meiner Schwester umschlungen. Wie hätte ichs wagen dürfen, ihr ein Wort von Liebe zu sagen? doch sah sie mein Herz in meinen Blicken, und die ihrigen schienen mir aus den Thränenwolken zuzuflüstern: du ehrest meinen Schmerz, dafür will ich dich belohnen.

Der gute Kleberg, der diesen Morgen zu uns kam, um den Sonntag bei uns zuzubringen, hilft mir die Traurenden zerstreuen, und die Bestattung des Abgeschiedenen veranstalten. Morgen wird die Leiche nach D . . . . n abgeführt, wo der französische 117 Kommandant sie mit allen Kriegs-Ehrenzeichen zu Grabe begleiten wird.

Sind erst die Tage des Traurens vorüber, und ich ersehe einen günstigen Augenblik, um mit Augusten von unserer Verbindung zu sprechen, dann, theuerster Oheim! kommen wir beide Paare nach Grüningen, um dort in heiliger Stille von der Hand der Tugend die Weihe der Liebe zu empfangen.

Carl. 118

 


 


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